Kitabı oku: «Marie des Brebis»
Christian Signol
Marie
des Brebis
Der reiche Klang
des einfachen Lebens
Aus dem Französischen
von Corinna Tramm


Das Gebiet der Causses du Quercy – heute ein Nationalpark
All denjenigen gewidmet, die wie Marie die Zeit der Waschplätze und der Johannifeuer noch erlebt haben.
Inhalt
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
1. Kapitel
Man hat mich inmitten einer Schafherde gefunden, schlafend, dort oben, an einem Sonntag, am Fuße eines Wacholderstrauches. Es war im Herbst des Jahres 1901. Oft habe ich mich gefragt, wer mich da wohl hingelegt hatte, auf ein Bett aus weißem Moos, umgeben von wilden Beeren, und nie habe ich den genauen Tag meiner Geburt erfahren. Ein Blatt Papier war zwischen die Wolldecke und meine Haut geschoben, auf welches jemand geschrieben hatte: »Sie heißt Marie.« Deshalb wurde ich lange Zeit auch »die Schafmarie« genannt: »Marie des Brebis«.
Derjenige, der mich entdeckte, hieß Johannes. Er war der Hirte von Maslafon, einem kleinen Weiler, verloren im Eichenwald, dort hinten auf den Hügeln, drei Meilen entfernt von Rocamadour. Die Weide – la grèze, ein Landstück mit Büschen und Stoppelgras – lag mindestens eine Meile vom Weiler entfernt, dort ließ er seine Herde weiden. Auch kam er nur alle zwei bis drei Tage in den Ort zurück, um sich Proviant zu besorgen. Er behielt mich bei sich und ernährte mich mit Schafmilch. Ich habe nie erfahren, warum er das tat.
Es stimmt, er war ein wenig sonderlich, der Johannes: Er sprach zum Mond, in der Nacht. Vielleicht brauchte er auch Gesellschaft und die seines Hundes genügte ihm nicht. Auf jeden Fall hat er mich zum Schafstall gebracht, mitten zwischen die Schafe. Bei uns auf der wasserarmen Hochebene, den Causses de Quercy, sagt man zu den Schafen »brebis«, und nicht »moutons«. Ich finde, es klingt viel schöner, auch heute noch, nach achtzig Jahren, während mein Leben sich dem Ende nähert und ich ein wenig Sonne in mich aufnehme, hier auf meiner Bank, und den ewigen Schlaf erwarte, aus dem man nur in den Armen Gottes erwacht. Was den Schlaf angeht: Nie habe ich so gut geschlafen wie auf dem Stroh im Schafstall, umgeben vom warmen Geruch der Tiere. Zweifellos deswegen, weil ich genau dort meine ersten Nächte verbrachte, bewacht von Johannes und seinem schwarzen Hund mit den weißen Pfoten.
Es war ein wenig so, als wäre ich noch im Bauch derjenigen, die mich ausgesetzt hatte. Nie habe ich es ihr nachgetragen, der guten Frau; nie habe ich in meinem ganzen Leben jemandem Schlechtes gewünscht. So bin ich eben. Von mir sagte man: »Marie ist eine gute Seele.« Und es ist wohl wahr. Vielleicht, weil ich trotz allem glücklich gewesen bin in jenen ersten Tagen meines Lebens, in denen Johannes mich immerzu auf dem Rücken trug, in einem um seine Schultern gebundenen Sack, so wie ich es heute oft sehe, bei Frauen wie bei Männern ... Als er dann zum Bauernhof zurückkam, sagte ihm der Bauer: »Die Kleine gehört ins Waisenhaus. Man darf sie nicht einfach so behalten.«
»Ich behalte sie.«
»Wenn du sie bei dir behältst, bist du entlassen.«
»Gut, dann gehe ich«, sagte Johannes.
Am nächsten Tag zogen wir los, er, ich und sein Hund. Aber nicht weit weg.
Er war ein Mensch, zu dem man Vertrauen hatte, von allen geschätzt, ein guter Hirte, der die Causses in- und auswendig kannte: die Stellen, wo der Blitz einschlug, die seltenen Wasserquellen, die Pflanzen, mit denen die Tiere behandelt werden konnten. Er war groß und stark, bärtig und hatte schwarze Augen, so schwarz wie Brunnenwasser, aber seine Stimme war ruhig und sanft. Er war schon alt, vielleicht in den Siebzigern, dennoch rüstig und selbstsicher. Er sprach wenig. Er liebte unser Hochland, so wie ich es mein Leben lang geliebt habe: die Schluchten, die Hochebenen, die typischen Weiden, die Wiesen mit den wilden Kaninchen und die Hügelketten, die den blauen Himmel zu berühren schienen. Er stellte in den Schluchten Fallen für die Rebhühner und die Hasen auf, die er dann über dem Feuer eines Steinofens röstete, um ab und zu auch etwas anderes als Käse und Brot zu essen. Nachts redete er oft mit dem Mond, kniend, mit ausgebreiteten Armen, wie ein Gekreuzigter: »Mond, Mond, Väterchen Mond, gib mir Mondwasser und segne mich!« Oh Gott, was für eine Angst hat er mir damit eingeflößt. Es war mir, als wenn uns von dort oben große Augen betrachteten und jemand käme, um uns zu holen. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, und als ich älter wurde, habe ich begriffen, dass es seine eigenen, von ihm erfundenen Gebete waren.
Eines Abends trafen wir bei Einbruch der Dunkelheit auf dem Hof »Mas del Pech« ein, er liegt auf dem Gipfel eines Hügels, ungefähr einen Kilometer von Fontanes-du-Causse entfernt. Johannes kannte den Besitzer, einen gewissen Monsieur Bonneval, bei dem er einst als Knecht gearbeitet hatte.
»Was hast du da bei dir?«, fragte ihn der Mann.
»Meine Tochter.«
»Du hast eine Tochter?«
»Sie heißt Marie«, sagte Johannes, »niemand kann sie mir wegnehmen.«
Die Frau von Monsieur Bonneval kam dazu und drückte und herzte mich. Sie hieß Augustine und liebte Kinder über alles, konnte aber selbst keine bekommen. Da der Winter Einzug hielt, gab es nicht viel Arbeit, vor allem nicht für einen Hirten.
»Schlaft heute Nacht hier, morgen sehen wir weiter«, sagte ihr Mann, er hieß Alexis.
Am nächsten Tag haben sie lange und viel mit Johannes geredet, um von ihm zu erfahren, wer meine Mutter sei. Ihm genügte es, dass er mein Vater war, und wenn man ihn als Hirten wollte, musste man mich ebenso nehmen. Augustine konnte ihren Mann schließlich überzeugen – für sie war ich ein Geschenk des Himmels. Also blieben wir bei ihnen, und sie waren meine erste richtige Familie. Heute bedaure ich es, dass ich sie so früh verloren habe. Mein Gott, wie lange ist das alles her!
Von Mas del Pech aus, das auf einem steinigen und von Wacholdersträuchern bedeckten Hügel lag, erblickte man Fontanes, einen hübschen Ort, dessen Häuser sich eng um eine kleine Kirche drängten, an der Straße von Figeac nach Montfaucon. In der Umgebung gab es Zwergeichenwälder, einige Buchweizenfelder, steinige Böden, soweit das Auge reichte, und Südhänge mit runden Steinhütten, Gariottes genannt. Man brachte die Schafe auf die unbewaldeten Flächen, auf die Weiden mit ihrem von der Sonne verbrannten Gras. Auf der Hochebene liefen die Rebhühner auf die Weinberge zu, die einen Wein gaben, der nach Steinen schmeckte, rau auf der Zunge war und der im Munde den Geschmack von Veilchen hinterließ.
Zu dieser Zeit brauchte man wenig zum Leben, hauptsächlich Brotsuppe und Crêpes aus Buchweizenschrot oder – seltener – aus Weizenmehl. Man sparte an allem, außer an Arbeit und Mühe. Für den Fleischbedarf hatte man ein Schwein, das im Januar geschlachtet wurde, ein Lamm aus der Herde und Wild. Alle Häuser waren gedrungen und etwas plump, mit einem Taubenschlag, rotbraunen Dachziegeln und nur wenigen Fenstern. Die Winter waren sehr kalt, im Sommer herrschte große Hitze. Das Wasser holte man aus dem Brunnen, manchmal auch aus einer Zisterne. Mithilfe eines Schöpfgefäßes beförderte man es vom Eimer in ein Waschbecken aus Stein. Im Kamin verbrannte man Eichenholz, das wunderbar nach Moos und Herbstblättern duftete. An Schlechtwettertagen saßen wir entspannt vor dem Kamin, vorn durchglüht, hinten halb erfroren, aber mit dem Kopf voller Träume und verklärten Augen.
Noch vor Weihnachten desselben Jahres wollte mich Augustine in der Gemeinde anmelden und taufen lassen. Johannes weigerte sich zunächst, aus Angst, man könnte mich ihm wegnehmen. Und außerdem war er nicht gläubig; wenn überhaupt, glaubte er an seine Schafe, an das Gras und an den Mond.
Augustine wurde so ärgerlich, dass er schließlich doch einwilligte. Sie hat dann dem Pfarrer von Fontanes meine Geschichte erzählt, und da er ein gutes Herz hatte, nahm er mich in seine Gemeinde auf und ich erhielt das Sakrament der Taufe. Johannes hat sich stets geweigert, mit mir zum Gemeindeamt zu gehen und mir so seinen Namen zu geben. Er hätte mich lieber bis ans Ende der Welt mitgenommen, als zu riskieren, dass er mich verlor. Also wurde ich weiter »Marie des Brebis« genannt. Mir war das ganz gleich, und ich war noch viel zu klein, um zu begreifen, dass man nicht einfach ohne Namen leben konnte. Ich hatte es gut und warm, und ich bekam zu essen, wenn ich hungrig war – ich fühlte mich rundherum wohl.
Als ich meine ersten Zähne bekam, rieb Augustine mein Zahnfleisch mit Hasenhirn ein – sie hat es mir später einmal erzählt –, damit es weich wurde und ich keine Schmerzen hatte. Das war damals so Brauch. Sie hat es auch möglichst vermieden, meine Windeln im Freien zu waschen, sodass kein Vogel über sie hinwegfliegen konnte. Nur so konnte man nämlich verhindern, dass die Kinder eine gefährliche Krankheit mit hohem Fieber und Pusteln bekamen, l’ ouselado genannt, die man nur schwer wieder loswurde. Augustine beachtete alle Sitten und Gebräuche der Zeit mit der ihr eigenen Gewissenhaftigkeit. Sie war an einem Karfreitag geboren und war bekannt dafür, dass sie Unterleibsleiden zu heilen vermochte. Ich glaube schon, dass es so war. Die Leute kamen von weither auf ihren Karren: aus Séniergues, Caniac-du-Causse, Lauzès oder Livernon. Sie hatte diese Gabe, und dennoch konnte sie selber keine Kinder bekommen.
So gibt Gott uns Gutes und weniger Gutes, und es liegt an einem selbst, es anzunehmen, wenn man glücklich sein möchte.
Ich konnte kaum laufen, da habe ich schon gelernt, mich unter den Bauch der Mutterschafe gleiten zu lassen und direkt aus den Eutern zu trinken. Sie wiesen mich nicht zurück und nie habe ich auch nur den kleinsten Stoß erhalten. Sie haben mir diejenige ersetzt, die mir so sehr gefehlt hat, ein wenig später, als ich erfuhr, dass ich ein Findelkind war. Lange Zeit hatte ich weder Appetit noch Durst, doch dann hat das Leben mich wieder mit sich fortgetragen. Immer wusste ich, was Glück bedeutet: Dass man zufrieden ist mit dem, was man hat, und sich selbst so akzeptiert, wie man ist. Und was Johannes betrifft, er ist und bleibt mein wahrer Vater, denn ohne ihn wäre ich nicht am Leben.
Ich blieb immer in seiner Nähe und folgte ihm überall hin. Er zog mich an der Hand hinter sich her, gab mir Milch zu trinken, später Brot und Käse zu essen. Er zeigte mir die Sterne: den Großen Bären, Orion, Beteigeuze, Atair und den Stern, der allen Hirten bekannt war, da er zeigte, wo Norden war, den Polarstern.* Er kannte die Namen der Gräser, der Pflanzen, der Insekten, der Vögel. Da es ihm schwerfiel, mich in der Obhut von Augustine zu lassen, kam es oft zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden. Doch im Winter war ich hauptsächlich drinnen im Haus, und sie nutzte diese Zeit. Sie sang und begleitete die Verse der Lieder mit Fingerspielen:
Ainsi font, font, font, les petites marionettes,
Ainsi font, font, font trois petits tours
Et puis s’en vont.
So machen die kleinen Marionetten,
so machen sie drei kleine Runden,
und dann sind sie weg.
Oder, um mir die Namen der einzelnen Teile des Gesichts beizubringen, sprach sie mir vor und berührte gleichzeitig mit den Fingern die Augen oder das Kinn:
Menton fourchu – bouche d’argent – nez de clinquant – petite joue – petit œillet – grand œillet – croque croque millet.
Kinngrübchen – Silbermäulchen – Goldnäschen – kleine Wange – kleines Äuglein – großes Äuglein – Kernbeißerchen.
Oh, wie waren sie schön, die Stunden am Feuer, die langsam dahinzogen, wenn der Schnee die Welt mit seinem weißen Mantel umhüllt hatte! Wenn ich die Augen schließe, erinnere ich mich gerade an die Weihnachtsabende am allerbesten.
Ein Sprichwort sagt bei uns: »Wenn Weihnachten der Mond nicht scheint, wird von hundert Schafen nicht eines gerettet.« Das war die große Sorge von Alexis und Augustine, der Mond am Weihnachtsabend. Und wir hatten Zeit genug, den Himmel zu betrachten, auf dem vereisten Weg, wenn wir zur Mitternachtsmesse gingen. Johannes trug mich auf dem Arm. Auf allen Wegen des Hochlands brannten Lichter. Es war kalt, aber ich spürte nur den Duft der Wolle und die Wärme von Johannes. Alexis und Augustine liefen vor uns her mit heißen Steinen in den Manteltaschen. Die Kälte ließ den Boden unter unseren Stiefeln knirschen, und über uns wachten immer neue Sterne über dem Planeten Erde. Rot glühende Wolken schoben sich vor den Mond, der uns folgte und sich dabei hin und wieder versteckte. Im Dorf angekommen, nahmen wir ganz hinten in der kleinen Kirche Platz, die von Lichtern erhellt war, und alle begannen zu singen. Das war ein Gesang, diese Messen! Sie atmeten Glück, reine Freude und Liebe. Der Herr hatte uns Seinen Sohn gesandt, und alle, die unter dem gelbblauen Gewölbe Seines Hauses versammelt waren, dankten Ihm aufrichtig von ganzem Herzen. Aus den Augen dieser Männer und Frauen strahlte ein Vertrauen, das sie von innen her verwandelte und schön erscheinen ließ.
Am Ende der Messe nahmen mich Alexis, Johannes und Augustine mit, um mir die kleine Krippe mit dem Jesuskind zu zeigen. Wie war sie doch hübsch, mit dem Esel, den Schafen, die fast so groß waren wie die echten, mit Josef und der Jungfrau Maria, die sich über den Kleinen beugte. Wir sprachen das Hirtengebet. Alexis und Johannes begannen wie folgt:
Herr, ich gebe Dir meinen Mantel,
auch wenn er nicht so schön ist!
Mein Mantel ist nicht aus Tuch,
nur aus einfachem Stoff.
Er wird Dich aber wärmen
und gegen Kälte schützen.
Natürlich sprachen wir Dialekt, die Alltagssprache, denn Französisch war kaum gebräuchlich.
Augustine antwortete mit mir zusammen:
Ich danke dir, Hirte,
behalte deinen Mantel.
Der Sohn Gottes
wird sich an dein
Opfer erinnern.
In der Stunde der Ewigkeit
wirst du dafür belohnt werden.
Anschließend küssten und umarmten mich alle drei. Ich wäre gern noch länger geblieben, doch die Kirche leerte sich und die Lichter erloschen. Wir mussten zurück nach Hause, durch die Kälte, die Nasen und Ohren schmerzen ließ. Nun war Augustine an der Reihe, mich zu tragen. Ich suchte die Heiligen Drei Könige am Himmel. Ich glaubte, sie führen mit dem Großen Wagen. Die Sterne erschienen mir so nah, dass ich dachte, ich könnte sie mit meinen Händen berühren.
Augustine sang mir ins Ohr:
Les anges, dans nos campagnes,
Ont entonné l’hymne des cieux,
Et l’écho de nos montagnes
Redit ce chant mélodieux.
Engel haben Himmelslieder
Auf den Feldern angestimmt
Echo hallt vom Berge wider,
dass es jedes Ohr vernimmt.
Die Lampen am Wegrand erloschen. Es war, als gäbe es nur uns vier auf der Welt. Manchmal knirschte der Schnee unter unseren Schuhen, und es war mir, als schnitt mir die kalte Luft in die Haut wie Glas.
Wieder auf dem Hof angekommen, erwarteten wir unsere nächsten Nachbarn, die Augustine eingeladen hatte. Sie wohnten auf der anderen Seite der Schlucht, gegen Montfaucon in der kleinen Ortschaft, die »La Pierre-Levade« genannt wurde, denn es gab dort einen Menhir in der Nähe ihres Hofes. Sie hießen Ravel, wie der Komponist, den ich später so oft hörte, bis in meine letzte Zeit. Sie hatten zwei Töchter: Elodie und Marguerite, die nur ein wenig älter waren als ich. Alexis schürte das Feuer und Augustine wärmte die Zwiebelsuppe auf. Wie herrlich schmeckten doch dieses Roggenbrot und diese gerösteten Zwiebeln!
Es ist nun über achtzig Jahre her, doch wenn ich daran denke, habe ich sofort wieder den Geschmack auf der Zunge, als säße ich zwischen Johannes und Augustine am Tisch.
Nach der Suppe folgte eine Viertel-Ente mit in der Asche gebratenen Äpfeln, manchmal – nur für die Kinder – auch eine in Seidenpapier eingewickelte Orange. Oh, diese Weihnachtsfeste meiner Kindheit, wie könnte ich sie je vergessen? Johannes trug mich später in mein Bett, und ich suchte Schutz unter meiner Daunendecke, wie in einem Königreich.
Nach den Feiertagen wurde es normalerweise noch einmal sehr kalt bis zur Karnevalszeit. Wir verließen selten das Haus, nur um abends die Tiere zu versorgen. Danach aßen wir und saßen beieinander. Johannes erzählte dann Geschichten und Märchen von früher, von Feen und Werwölfen, die im Mondenschein tanzten, und auch von Irrlichtern. Er kannte einen Wald, bei den Mohrenschluchten, in denen die Feen am Sabbat zusammenkamen; bei einer Wegkreuzung warteten sie auf Reisende, um sich von ihnen auf dem Rücken tragen zu lassen, wobei sie sich an ihren Schultern festhielten.
Johannes behauptete, Werwölfen begegnet zu sein, mit Fellen bekleideten Männern, die mit dem Teufel im Bunde waren und die kein Gewehr zu töten vermochte.
Aber wovor ich am meisten Angst hatte, waren die Irrlichter, die urplötzlich anfingen, auf den Wegen herumzutanzen. Johannes versicherte mir, das seien die Seelen der Menschen, die im Fegefeuer schmorten und einen hochheben und wegtragen könnten wie Getreidegarben. Wie oft bin ich geflohen, wenn ich allein unterwegs war, auf einsamen Wegen oder in einer verlassenen Schlucht, nur weil ich glaubte, Irrlichter zu erblicken. Ich war damals wohl wirklich noch nicht sehr groß, und zart bin ich bis heute geblieben, leicht wie eine Feder im Wind.
Alexis konnte Rätsel erzählen:
»Welches Taschentuch kann man nicht falten?«, fragte er mit seinem typischen Lächeln und seinen schelmischen Augen. Wenn wir die Lösung nicht herausbekamen, antwortete er triumphierend: »Den Himmel!«
So war einmal die Sonne der Apfel, den man nicht sehen konnte, und ein anderes Mal waren die Sterne die Taler, die man nicht zählen konnte. Guter Alexis! Wie waren seine Rätsel doch kindlich und liebevoll. Er erfand sie, um mich abzulenken, wenn er mich auf seinem Schoß hüpfen ließ.
Wie habe ich das Strahlen seiner blauen Augen vermisst, als er mich verließ, gefolgt von Augustine, schon zwei Monate später. Mit Johannes und den Schafen stellten sie für mich meine ganze Welt dar, dort oben auf dem Hof, so nah am Himmel und den Sternen, und nicht einen Moment lang bin ich bei ihnen unglücklich gewesen. So verlief mein Leben, bis ich sechs Jahre alt war, und in all dieser Zeit kannte ich kein Unglück.
Ich habe es vom einen auf den anderen Moment kennengelernt, an dem Juniabend, als Johannes starb. Ich erinnere mich, als wäre es gestern. Es war sehr heiß, und der Himmel färbte sich grünlich über den Hügeln. Wir brachten die Herde zurück zum Stall. Ich lief voraus, um etwas zu trinken. Ich hörte, wie er vor der Tür des Schafstalls hinfiel. Im ersten Moment hatte ich keine Angst: Ich wusste nicht, dass man so plötzlich einfach sterben konnte. Ich ging zu ihm hin und trieb die Schafe auseinander, die ihn umringten. Sein Blick war zum Himmel gerichtet, er sah mich an und schien mich doch nicht wahrzunehmen. Alexis und Augustine kamen herbei. Augustine nahm mich mit ins Haus und sagte zu mir, während sie meine Wange streichelte:
»Er ist tot, Kleine.«
Danach sah und hörte ich nichts mehr, es war, als wäre ich selber gestorben, da ich diesen Mann so liebte; vielleicht noch mehr, als wenn er mein richtiger Vater gewesen wäre. Ich bin erst in meinem Zimmer wieder zu mir gekommen, wo ich die ganze Nacht weinte, bewacht von Augustine und Alexis. Da sie nicht wussten, wie sie mich trösten sollten, und im Glauben, meinen Kummer ein wenig zu stillen, erzählten sie mir am nächsten Morgen ganz vorsichtig, dass Johannes nicht mein Vater sei und ich ein Findelkind. Die Guten, sie haben meinen Kummer nur noch vergrößert, aber vielleicht haben sie bei allem doch gut daran getan, mir genau in diesem Augenblick die Wahrheit zu sagen; besser so, als wenn ich es aus dem Munde eines Kindes oder einer anderen Person erfahren hätte, die es nicht gut mit mir meinte. Die Tatsache, dass ich Fragen nach meiner Herkunft stellte und mich Gedanken um meine Zukunft beschäftigten, hat mich sicherlich davor bewahrt, in den Abgrund zu versinken, der sich in diesem besonderen Abschnitt meines Lebens vor mir auftat.
Ich erinnere mich an den Leichenwagen, der über die Steine auf dem Weg dahinholperte, die Pferdehufe, die ich darunter erblickte, die Männer und Frauen in ihrer schwarzen Trauerkleidung auf dem Platz in Fontanes, an den kleinen Friedhof, umgeben von vier Mauern aus Schieferplatten, an das schlichte Grab von Johannes, auch an die Erde und die warme Hand von Augustine, die meine fest in der ihren hielt, auf dem Rückweg.
Es ist nun über zwanzig Jahre her, dass ich in Fontanes-du-Causse war, aber das ändert nichts: Mit Johannes spreche ich, wie ich heute mit all denen spreche, die ich geliebt habe und die nicht mehr da sind, aber doch irgendwo noch existieren und über mich wachen.
* Auf Französisch wird er »l‘étoile du berger«, Hirtenstern, genannt.
2. Kapitel
Alexis und Augustine haben mich bei sich behalten. Um nichts auf der Welt hätten sie sich von mir getrennt, die Guten. Sie haben sich mit dem Bürgermeister und dem Pfarrer von Fontanes ›arrangiert‹: Damals war so etwas noch viel leichter als heute. Man brauchte nicht so viele Papiere zu unterzeichnen. Sie sagten mir, sie seien nun meine Pflegeeltern, aber für sie wäre ich wie ihre eigene Tochter. Das war mir sehr recht so. Nach einigen Monaten bekam ich wieder Freude am Leben und ich lernte, ohne Johannes auszukommen. Oh, gewiss, jedes Mal, wenn ich nach Fontanes kam, habe ich ihm auf dem Friedhof einen kleinen Besuch abgestattet. Aber ich litt nicht mehr physisch unter seinem Tod, wie Kinder leiden, die man ihren Müttern oder Vätern wegnimmt. Und ich war oft in Fontanes, da 1906 die Schule eröffnet wurde, und Alexis und Augustine hatten mich dort angemeldet, trotz der Probleme, die dies für ihre Herde bedeutete. Was hatte ich für ein Glück! So jung wie ich war, in dieser ländlichen Welt, wo es selten war, dass die Leute lesen und schreiben lernten. Alexis und Augustine liebten mich wie ihr eigenes Kind. Sie wollten, dass ich eine Schulbildung erhielt, damit sie stolz auf mich sein konnten.
Unsere Lehrerin hieß Madame Vieillevigne. Es war eine Frau mit weißem, gut frisiertem Haar, die stets ausgeglichen war. Sie lehrte uns lesen und schreiben, aber auch Körperhygiene; Letzteres war in dieser Gegend des Hochlandes, wo Wasser etwas Besonderes war, nicht unwichtig. Anders als es in anderen Dörfern aufgrund der Kircheninventur der Fall war, hatte sie ein eher gutes Verhältnis zu dem Pfarrer, da beide sehr weise waren. Sie stammte aus dem benachbarten L’Aveyron und hatte ihren Mann ein Jahr vor der Trennung von Kirche und Staat verloren.* Sie nahm es uns nicht übel, dass wir in die Kirche gingen, und ebenso war der Pfarrer einer von der Sorte, wie es sie heute schon lange nicht mehr gibt. Heute sind die Schulen wie auch die Kirchen in unseren Dörfern geschlossen worden, und die Kinder werden mit Schulbussen in die Nachbarorte zur Grundschule gefahren, auch läuten die Glocken kaum noch zur Stunde, nur in den Städten. So ist es eben. Es hätte keinen Sinn, sich gegen diese Veränderungen aufzulehnen. Es bleiben uns die Erinnerungen, und das ist wirklich schon eine ganze Menge. Ich entsinne mich nicht mehr des Namens unseres Pfarrers. Er war klein, hatte keine Haare auf dem Kopf und lächelte stets. Wir liebten ihn sehr, und meinen festen Glauben, der mich erfüllt, verdanke ich nur ihm, da er mit Güte und Demut zu lehren verstand. Es ist wahr: Er war die Demut selbst, behielt für sich nur das Notwendigste und gab alles, was er übrig hatte, denen, die es dringender brauchten. Er lehrte uns kindliche Gebete, die uns Vertrauen einflößten. Ich sprach sie mit Inbrunst, und noch heute habe ich sie auf der Zunge, so tiefe Spuren haben sie in meiner Seele hinterlassen. Abends kniete ich neben meinem Bett nieder, um sie mit gefalteten Händen zu sprechen:
Je me recommande bien à Dieu,
A Notre-Dame mère de Dieu,
A saint Jean, à saint Matthieu,
A saint Marc, à saint Luc,
Les quatre apôtres du bon Dieu
Qu’ils me prennent et me gardent
De tout malheur
Il pourrait bien m’arriver dans ma vie
Que je puisse L’offenser.
Ich befehle mich ganz und gar Gott an,
der heiligen Mutter Gottes,
Sankt Johannes, Sankt Matthäus,
Sankt Markus, Sankt Lukas,
den vier Aposteln des lieben Gottes,
die sich meiner annehmen und beschützen mögen
vor allem Unheil,
denn es könnte mir im Leben widerfahren,
dass ich mich gegen Ihn versündige.
Das Morgengebet lautete wie folgt:
Mon Dieu qui cette nuit
M’avez gardée au lit
De tout mal et de larmes
Faute d’autres trésors
Je Vous offre mon cœur
Tous mes biens et mon âme ...
Gott, der du diese Nacht
über meinen Schlaf gewacht und
mich vor allem Übel und vor Tränen bewahrt hast,
ich schenke Dir, mangels anderer Schätze,
mein Herz, alles was ich habe, und meine Seele ...
Die Gebete meiner Kinderzeit waren kindlich, aber schön! Wenn ich zu Ende gebetet hatte, erfüllte mich ein großer Friede, und es war, als würden sie mich gegen alle Gefahren schützen. Sie milderten meine Sorgen und Ängste und gaben mir die verloren gegangene Lebensfreude zurück. Es war selten, aber es kam doch vor, dass ich zu weinen anfing, wenn die Leute im Dorf mich »Marie des Brebis« riefen. Es nützte nichts, dass ich ihnen sagte, mein Name sei Marie Bonneval, es war, als hörten sie es nicht. Ich glaube nicht, dass dies in der Absicht geschah, mich zu verletzen, sie waren es einfach so gewohnt und es geschah ohne bösen Willen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich schließlich damit abzufinden, aber es fiel mir nicht leicht.
Sobald ich vom Dorf heraufkam, lief ich zu Augustine auf die Hochebene, um die Herde zu hüten. Sie gab mir zu essen und kehrte auf den Hof zurück. Ich blieb aber nicht lange allein. Elodie und Marguerite, die ebenfalls Schafe hüteten, leisteten mir Gesellschaft. Mit der Zeit waren sie echte Freundinnen geworden, vor allem Marguerite, die nur ein Jahr älter war als ich, mit ihren roten Haaren und sehr hellen, fast farblosen Augen. Ich hatte bislang immer nur mit älteren Menschen gelebt und genoss es nun, mit Mädchen meines Alters zusammen zu sein. Und wie gern hatte ich sie, meine neuen Freundinnen! Kaum konnte ich es erwarten, sie jeden Abend zu sehen, und donnerstags und sonntags, wenn schulfrei war, auch tagsüber. Sie brachten mir Lieder bei, die wie folgt begannen:
La tourterelle
Qui est si grande
Ne fait qu’un ou deux petits
Et moi pauvre mésangette
Si petite, si petite,
Je fais quinze ou seize petits.
Die Turteltaube,
die so groß ist,
bekommt nur ein oder zwei Junge.
Und ich armes, kleines, kleines Meislein
ich bekomme fünfzehn oder sechzehn Junge.
Ich lernte von ihnen auch jede Menge Spiele, die uns oft die Schafe vergessen ließen: Alle Vögel fliegen hoch, den Abzählvers Lasst uns im Wald spazieren gehen, Ringlein, Ringlein, du musst wandern, bei dem ein Kind herausfinden muss, wer von den anderen einen Ring in der Hand versteckt hält, Seilspringen, La main chaude, eine Art Blindekuh, und Schweinchen in der Mitte. Den Ball für dieses Spiel fertigten wir aus einer alten Socke an, und ich verstand ihn sehr viel geschickter zu werfen, als ich es heute könnte. Die guten Mädchen, sie waren mir so lieb! Elodie starb 1918 an der Spanischen Grippe und Marguerite drei Jahre darauf; ich weiß nicht mehr, an welcher Krankheit sie starb, da ich zu jener Zeit den Hof verließ. Wie fröhlich und lebenslustig sie waren. Und wie oft ließen wir uns wie Fässer die Hänge hinunterrollen, unter großem Gelächter. Häufig haben wir uns gegenseitig Disteln in die Haare geworfen oder Hagebutten in den Nacken gesteckt. Einmal wurden wir sogar von einem aufgebrachten Wildschwein überrascht, und nur unseren kleinen schnellen Beinen verdanken wir unser Leben. Aber wie sorglos waren wir und wie herrlich war diese Zeit der Freiheit auf den Weiden und in den Wäldern!
In dieser Zeit gab es im Winter viele abendliche Zusammenkünfte, und jedes religiöse Fest gab Anlass zu Fröhlichkeit. Es fing mit dem ersten Tag im neuen Jahr an: Es war Sitte, dass die Kinder von Haus zu Haus gingen, um Neujahrsgeschenke zu erbitten. Gewiss, es war nicht viel, denn nicht alles, was glänzte, war Gold in Fontanes: ein Geldstück, ein Apfel, eine Crêpe, eine Waffel; aber es kam von Herzen! Wir bedankten uns und wünschten den Leuten ein gutes neues Jahr.
Zu Maria Lichtmess backte Augustine Crêpes aus Roggenmehl, und es war Sitte, dass immer eine davon auf einem Teller auf dem Ofen gestellt wurde, damit das Geld in der Familie nicht ausging. In der Kirche kauften wir eine gesegnete Kerze. Diese nahmen wir dann mit auf den Hof, und sie sollte das Anwesen davor beschützen, dass der Blitz einschlug. Alexis war davon überzeugt, dass es an Lichtmess gefährlich sei, die Schafe auf die Weiden zu treiben. Er sagte, indem er den Zeigefinger belehrend erhob:
Per Nostro-Damo dé la condillero,
tiro loï fedos del prat, bergero!
Für unsere Liebe Frau an Lichtmess,
hole die Schafe von der Weide, Hirte.
Es war ohnehin unerheblich, da das Wetter zu dieser Jahreszeit nur selten schön war, aber nicht ein Jahr verging, ohne dass er sein Lieblingssprüchlein anbrachte.
Am 5. Februar, dem Namenstag der heiligen Agathe, läuteten die Glocken den ganzen Morgen lang, um zur Elfuhrmesse zu rufen, die zur Feier der Aussaat und der kommenden Ernte gehalten wurde. Unter keinen Umständen durfte man diese Messe verpassen, zu der die Leute hinströmten wie an Ostern. Und dann kam die Karnevalszeit, die ich mit Ungeduld erwartete. Am frühen Nachmittag verkleidete ich mich mit meinen beiden Freundinnen mit alten Lumpen und einer schon vor längerer Zeit gebastelten Maske aus Karton, mit zwei Löchern für die Augen. Die Haare mit einem Tuch verhüllt, zogen wir los ins Dorf, wo die jungen Leute eine Strohpuppe angefertigt hatten, »le pauvre Carnaval«, mit der sie singend durch die Straßen zogen:
Adiou, paouré; adiou paouré
Adiou paouré Carnobal …
Dann gab es Reigen und Kreistänze ohne Ende, zu denen sich von Zeit zu Zeit Männer oder Frauen gesellten, die sehnsüchtig an ihre eigene Jugendzeit zurückdachten. Gegen 16 Uhr, nachdem viel getrunken, gesungen, gelacht worden war, wurde der arme Karneval auf dem Dorfplatz verbrannt, und man ging von Haus zu Haus, um Crêpes zu essen. Mein Gott, wie schmeckten diese Crêpes gut, man verzehrte sie am Kamin, nachdem einem Nase und Ohren bei der Kälte draußen fast abgefroren waren! Und der Glühwein erst, der die Wangen erröten und in den Augen der Jungen und Mädchen Sterne aufleuchten ließ. Was gäbe ich darum, diese Momente nur eine Stunde lang wieder zu erleben, als alte Frau, die ich mittlerweile geworden bin und die sich nicht einmal mehr ohne freundliche fremde Hilfe fortbewegen kann.
In der Fastenzeit nahmen wir auch nicht das kleinste Stück Fleisch zu uns, und Augustine achtete streng darauf. Oft kam es zu Auseinandersetzungen mit Alexis, der wie alle Männer nicht dieselben religiösen Vorstellungen hatte wie sie. Am Palmsonntag nahmen wir Buchsbaum oder Lorbeer mit zur Kirche, um sie dort segnen zu lassen. Wir hängten die Zweige über die Zimmertüren, neben das Kreuz, und beim Abendgebet wandten sich ihnen unsere Blicke zu. Ich erinnere mich, dass wir am Gründonnerstag und Karfreitag zur Kirche gingen, am Samstag vor Ostern jedoch suchten wir in Gruppen Eier auf den Bauernhöfen und den einsamen Gehöften, um beim Heimkommen Omelette zu essen. Auf dem Hin- und Rückweg sangen und schrien wir:
Lus coucous per la pescado! Lus coucous per la pescado!
Die Eier für das Omelette, die Eier für das Omelette …
Wir aßen Omelette in der Herberge bei Mutter Albertine, die ein Herz hatte, so groß wie die ganze Welt, und die nicht einmal richtig zählen konnte. Lange war sie für mich der Inbegriff der Großzügigkeit, und häufig habe ich im Verlauf meines Lebens an sie denken müssen.
Und dann kam Ostern mit dem Festmahl, bei dem man das gesegnete Brot morgens anschnitt mit den Worten:
»Gesegnetes Brot, ich nehme dich; wenn der Tod mich ereilt, sei mir Sakrament.«
Ich sehe noch Alexis, wie er mit dem Messer das Kreuz auf der Pastete zieht, während Augustine beim Beten die Lippen lautlos bewegt, und beim Zurückdenken wird mir bewusst, wie sehr doch die Religion damals das Leben der Menschen bestimmte. Heutzutage ist das alles verloren gegangen. Die Kirchen sind leer und die Leute haben den Kopf voll anderer Dinge. Vielleicht kommt es einfach nur daher, dass man heute viel mehr Angebote zur Zerstreuung hat als früher. Vielleicht aber auch, weil Geld und materieller Besitz den geistigen Reichtum verdrängt haben. Ich weiß keine Lösung dafür, aber es scheint mir, als wären die Seelen schwerfälliger geworden, und ich habe wirklich Sorge, dass sie eines Tages nicht mehr in der Lage sein werden, ihre Schwingen zu erheben. Jedenfalls hatten wir damals keine Wahl, und wenn die Feste auch hauptsächlich religiöser Art waren, hätten wir nie daran gedacht, uns zu beklagen.
Im Sommer, vor Mariä Himmelfahrt, fanden jedes Jahr die Bittprozessionen statt. Wie oft bin ich da mitgelaufen, hinter dem Kinderchor und dem Pfarrer, der das Weihrauchfass trug. Es war ja nicht so, dass es viele Felder gegeben hätte, und überhaupt waren es mehr Buchweizen- als Weizenfelder, aber unser Pfarrer sah es als seine Pflicht, sie alle zu besuchen. Am Tag nach dem 15. August, an Sankt Rochus, segnete er alle Schafherden, indem er jedes Haus und jeden Bauernhof der Gemeinde aufsuchte. Bei uns auf dem Mas del Pech verzehrte er bei seinem Besuch immer ein Stück Brot mit Speck. Und er sagte zu Augustine:
»Kümmere dich gut um Marie, Augustine, Gott selbst hat sie dir geschenkt.«
Ich selber war noch zu jung und zu schüchtern, um mitzureden, aber ich war glücklich zu wissen, dass ich nicht zufällig auf dem Mas del Pech gelandet war, und ich dankte Gott, dass er eine so gute Wahl für mich getroffen hatte.
An Allerheiligen gingen wir nach der Vesper auf den Friedhof, um an den Gräbern der Verstorbenen zu beten, die vom Pfarrer vorher gesegnet worden waren. Das ergab wieder eine Gelegenheit, mit Johannes zu reden, der an einem Juniabend von mir gegangen war. Danach war ich einige Tage lang traurig, doch das Leben trug mich aufs Neue wieder mit sich fort bis zu den Adventssonntagen. In dieser Zeit wurde das Wetter schlechter, und Augustine empfahl mir, mich warm anzuziehen, mit den Worten:
A Notre-Dame des avents, pluies et vents! An Mariä Empfängnis: Regen und Wind …*
Das war mir gleich. Ich wusste, dass Weihnachten immer näher rückte, und ich freute mich schon jeden Tag auf die Mitternachtsmesse und die Feiertage danach … Aber davon habe ich schon ausführlich erzählt.
So bin ich aufgewachsen, zwischen Festen und Vespern, immer zufrieden, umgeben von meinen beiden Alten, mit unbedecktem Kopf im Wind, mit von Disteln und Brombeersträuchern zerkratzten Waden, wild wie eine Ziege und so dünn, dass man Angst bekommen konnte. Augustine verzweifelte schier, wenn sie mich so schwächlich sah, und wurde nicht müde, mir bei jeder Mittags- und Abendmahlzeit zu wiederholen:
»Iss, iss, meine Tochter, das alles kommt vom Herzen!«
Wenn mir auch aus heutiger Sicht unsere Mahlzeiten zu Anfang des Jahrhunderts sehr bescheiden vorkommen, muss ich doch sagen, dass es uns an nichts fehlte. Wir ernährten uns hauptsächlich von Suppe: eine dickflüssige Buchweizensuppe, die vorhielt und den Körper erwärmte, meist gefolgt von Speck, Käse, manchmal auch von Kartoffeln oder Ragout, sehr selten jedoch von Schweine- oder Lammfleisch. Hin und wieder gab es auch rohe Zwiebeln, zerriebenen Knoblauch, Crêpes, Maiskuchen, »cayasses« genannt, die sehr dick sein konnten. Dazu tranken wir Wein vom eigenen Weinberg, den Alexis mit viel Liebe bearbeitete und der an einem windgeschützten Hang lag. Augustine und ich verdünnten ihn mit Wasser, er nicht. Aber er trank nur wenig, und damals war dieser Wein übrigens ein reines Naturprodukt, nicht so ein Getränk, wie man es heute auf den Tischen stehen hat und das einem auf den Magen schlägt.
Oh! Der Alkohol und die Lehrer der III. Republik! Das war ihr Kreuzzug, und sie führten ihn ohne Unterlass, mit einer außergewöhnlichen Hartnäckigkeit. Auf einer großen Karte an der Wand des Klassenzimmers war eine fürchterlich rote Leber abgebildet, die alle diejenigen im Voraus abschreckte, die dem Wein sonst vielleicht zugetan gewesen wären. Madame Vieillevigne beschrieb uns die Leberschrumpfung auf so entsetzlich eindrückliche Art, dass ich eine Woche lang keinen einzigen Tropfen Wein trank. Aber sie hatte auch noch andere Verdienste, unsere wunderbare Lehrerin, insbesondere jenes, dass sie jedes Jahr zum Volksschulabschluss einige Jungen und Mädchen mitnahm, die eigentlich nur darauf aus waren, draußen im Freien zu sein und sich zu amüsieren. Sie war es also, die mich, als ich zwölf Jahre alt war, mit zwei anderen Kindern, deren Namen ich nicht mehr weiß, nach Figeac zu diesem Ereignis begleitete. Augustine hatte mir eigens für diese Gelegenheit eine neue Schürze gekauft, ebenso einen hölzernen Federhalter, auf dem der Mont Saint Michel eingraviert war. Es war zu Beginn des Sommers, als wir bei schönstem Wetter auf der Straße durch das Hochland, das von Heuschrecken übersät war, dahinfuhren. Madame Vieillevigne lenkte den Pferdekarren und gab uns ihre letzten Anweisungen:
»Überlegt gut, bevor ihr antwortet, und gebt euch Mühe beim Schreiben. Denkt an alles, was wir gelernt haben, und habt vor allem keine Angst – alle Lehrer lieben Kinder.«
Wie lang erschien mir doch der Weg! Es war mir, als würden wir Figeac nie erreichen, für mich damals eine große unbekannte Stadt. Als wir endlich auf dem Schulhof eintrafen, hatte ich solche Angst, dass ich am liebsten sofort wieder heimgefahren wäre. Madame Vieillevigne musste ihre ganze Freundlichkeit aufbieten, damit ich in das Klassenzimmer ging, in dem die einzelnen Prüfungen stattfanden. Dort waren viele Jungen und Mädchen, die ich nie gesehen hatte, was mich noch mehr einschüchterte. Und dann trat ein Mann mit einer Brille ein, der an uns alle Blätter verteilte und uns aufforderte, uns für das Diktat bereit zu machen. Ich holte meinen schönen neuen Federhalter heraus und vergaß mit der Zeit, wo ich mich befand.
Der Vormittag verging wie im Traum. Mittags, als ich fertig war, erinnerte ich mich weder an die Worte, bei denen ich gezögert hatte, noch an die Lösungen, die ich bei den Textaufgaben gefunden hatte. Unsere Lehrerin war nicht besorgt, im Gegenteil: Sie sagte mir, ich könne mich deswegen an nichts erinnern, weil ich keinerlei Schwierigkeiten begegnet sei. Wir gingen in einen kleinen Park, wo wir den Inhalt unserer Picknickkörbe miteinander teilten. Es war etwas seltsam, einfach so mit Madame Vieillevigne zu essen, da ich sie sehr bewunderte, und es kam mir vor, als wäre ich innerhalb eines Vormittags um einige Jahre älter geworden.
Während dieser kurzen Mahlzeit bemühte sie sich, uns Mut zuzusprechen und uns auf die Prüfungen am Nachmittag vorzubereiten. Als wir aufbrachen, überkam mich dieselbe Angst wie am Morgen. Bei der mündlichen Prüfung befragten mich zwei Männer mit Kinnbärten und schwarzen Anzügen. Da ich mich weigerte, ihnen zu antworten, versuchten sie, mich zu ermutigen, indem sie mir sagten, dass ich meine Rechenaufgaben richtig gelöst und nicht einen einzigen Fehler im Diktat gemacht hätte. Mein Gott! Hatte ich eine Angst! Madame Vieillevigne musste sich zu ihnen setzen, damit ich mich traute, auf ihre Fragen zu antworten. Das Schlimmste war, vor diesen Herren die Marseillaise singen zu müssen. Ich sehe ihre ernsten und autoritären Gesichter noch heute vor mir.
Endlich durfte ich auf den Schulhof gehen und konnte mich mit meinen zwei Kameraden in eine Ecke zurückziehen. Eine Stunde später kam Madame Vieillevigne mit einem Lächeln auf den Lippen dazu: Wir hatten alle drei bestanden. Was für eine Freude und Erleichterung! Auf dem Rückweg waren wir so froh, dass wir bis Fontanes ununterbrochen ein Lied nach dem anderen sangen, und unsere wunderbare Lehrerin stimmte mit ein.
So habe ich das einzige Diplom erhalten, das ich besitze und das Alexis und Augustine mit großer Freude erfüllte. Madame Vieillevigne hat mich selbst auf den Hof zurück begleitet, und sie blieb zum Abendessen bei uns. Ich erinnere mich noch an die vor Stolz leuchtenden Augen von Alexis und Augustine, die mir noch am selben Abend vor dem Zubettgehen einen Louis d’or schenkten, den ich bis heute aufbewahrt habe. Er ist übrigens alles, was mir von den beiden Alten geblieben ist, die mich so sehr liebten, dass sie mir die Schulbildung ermöglichten, obwohl sie meine Arbeitskraft so sehr gebraucht hätten. Sie haben mich gelehrt, Glück zu empfinden, indem man anderen gibt, ohne zu erwarten, dass man im Gegenzug etwas erhält.
Dieser unvergessliche Sommer ging vorbei, wie auch die folgenden Tage und Monate. Je größer ich wurde, umso älter wurden Augustine und Alexis. Ihnen fehlte mehr und mehr die Kraft für die schwersten Tätigkeiten wie die Weinernte, die Schafschur oder die Buchweizenernte. Sie entschlossen sich also, einen jungen Knecht als Hilfe einzustellen. Das muss 1912 oder 1913 gewesen sein, ich erinnere mich nicht mehr genau, aber was ich noch weiß, ist die Tatsache, dass er im Frühling zu uns kam, an einem Abend, von seinem Vater begleitet, der in Couzou lebte, einem Dorf zwischen Calès und Rocamadour. Als er vom Karren stieg, fielen mir sofort seine dichten Haare auf, seine großen schwarzen Augen und seine scheue und furchtsame Art, mit der er die Menschen anschaute. Es war Sitte, dass die armen Familien ihre Kinder auf den Gehöften und in den Bauernhäusern unterbrachten, wo sie auf jeden Fall genug zu essen bekamen. Als ich ihn kennenlernte, hatte ich keine Ahnung, dass er von seinem Vater geschlagen wurde. Er hat es mir erst sehr viel später anvertraut, als er schon mein Mann war und der Vater meiner drei Kinder. Er hieß Florentin. Ich war erst zwölf oder dreizehn Jahre alt, aber ich kann doch sagen, dass ich ihn, ohne es selbst zu wissen, schon damals liebte, in dem Moment, als ich ihn zum ersten Mal sah. Obwohl er mich an diesem ersten Tag kaum anschaute, nicht einmal beim Abendessen, bei dem Alexis und Augustine ihm freundlich erklärten, was er zu tun habe, wo er schlafen solle und wer ich sei, die Kleine, die froh war, ein wenig Jugend um sich zu haben.
Am nächsten Morgen erzählte ich Elodie und Marguerite voller Stolz, was sich am Vorabend bei uns auf dem Mas del Pech ereignet hatte. Ich merkte sehr wohl, dass sie ein wenig neidisch waren, denn es geschah nicht besonders viel bei uns auf dem Hochland. Ich denke auch, dass ich ein bisschen übertrieb, als ich Florentin als einen sehr guten Freund bezeichnete. In Wahrheit war unser Kontakt am Anfang eher etwas schwierig. Man hatte den Eindruck, dass er gegenüber jedem misstrauisch war, selbst mir gegenüber, die ich ihm nun wirklich gar nichts Übles wollte.
Es waren die Schafe, die uns näher zusammenbrachten: Da er mit ihnen zusammen im Schafstall schlief, erfuhr ich von ihm am nächsten Morgen immer das Neueste über sie. Wenn ein Schaf zum Beispiel hinkte oder im Verlauf des Tages niederkommen würde. Er erzählte es mir in einem so gewichtigen Ton, dass mir bewusst wurde, wie sehr er die Tiere liebte. Ich hatte schon gelernt, dass die Menschen, die wirklich einen Bezug zu Tieren hatten und sie verstanden, im Allgemeinen vertrauenswürdige Leute waren. Auch ich habe mich Florentin auf natürliche Art und Weise zugewandt, ohne Misstrauen. Er zeigte mir, wie man Wunden behandelt, z. B. einen Spinnenbiss, den man mit Hilfe eines Messers ein wenig ausbluten ließ und dann durch ein Pflaster aus Knoblauch oder Schafgarbe schützte. Er erklärte mir, dass man den Schafen im Juli und August genügend Salz geben müsse. Im Falle eines Gewitters war es wichtig, Schutz in einer Schlucht zu suchen und einen Platz zu finden, den der Hirtenhund akzeptierte und wo er in meiner Nähe blieb, da Tiere viel besser als Menschen instinktiv spüren, wo der Blitz einschlagen wird. Er zeigte mir die kranken Tiere oder die trächtigen, bei denen die Wolle herunterhing oder das Rückgrat zu flach war – daran konnte man erkennen, dass die Frucht nicht in Ordnung war – sowie die, denen Zähne fehlten und deshalb auf dem nächsten Markt verkauft werden müssten. Er berichtete mir aus seinem Leben in Couzou als kleiner Hirte, aber er trauerte dem in keiner Weise nach. Nachdem die Lämmer geboren worden waren, stand er nachts auf, um nach ihnen zu schauen; am nächsten Morgen zeigte er mir die schwächlichen Tiere und versicherte mir, dass der nächste Winter hart sein würde, wenn viele männliche Tiere zur Welt kämen, da die Vorsehung der Natur bei anhaltendem Schnee immer die robusten Tiere durchkommen ließ. Ob es wahr ist? Ich habe es im weiteren Verlauf nicht überprüft, ich glaube einfach, dass die Natur ihre Kinder beschützt, auf sehr viel weisere Art, als wir es zu erklären vermögen.
Alexis und Augustine hatten die besondere Beziehung, die uns miteinander verband, bemerkt. Wie hätte es auch anders sein können? Sie waren aber deswegen nicht beunruhigt, da sie Florentin schätzten und ihm vertrauten. Was sie viel mehr beschäftigte, war die Tatsache, dass ich seit meinem Schulabschluss und meiner Firmung nie wieder im Dorf gewesen war, nicht einmal am Sonntag. Der Pfarrer wunderte sich, mich weder zur Messe noch bei den Vespern zu sehen, und machte ihnen Vorwürfe.
»Sag mal, Kleine«, sagte Augustine zu mir, »wie wäre es, wenn du den Pfarrer mal besuchen würdest?«
Ich ging hin und versprach, alles zu tun, was sie von mir erwartete, aber auf dem Heimweg rannte ich so schnell ich konnte. Zusammen mit Florentin half ich Alexis, der zu der Zeit sehr schnell müde wurde. Er hatte es mit dem Herzen, sprach aber nicht darüber. Man glaubt oft, dass die Menschen damals nicht so alt wurden wie heute, aber das stimmte nicht immer, vor allem galt es nicht für diejenigen, die gesund lebten, viel an der frischen Luft waren und weniger aßen, als man es heute tut.
Augustine war wachsamer und ging mehrere Male in der Woche ins Dorf. Ich denke, dass sie mit dem Pfarrer über meine Beziehung zu Florentin gesprochen hat, da er mir eines Nachmittags nach der Beichte einige Fragen stellte. Wenn ich mich auch nicht mehr an den Namen des guten Pfarrers erinnere, so doch umso besser an sein rundliches Gesicht und die kleine Brille, hinter der Augen voller Güte leuchteten. Bei uns auf dem Land wachten die Pfarrer sehr gewissenhaft über die Einhaltung der Moral. So auch unser Pfarrer, doch war er in erster Linie ein guter und großzügiger Mensch. Noch heute bin ich ihm dankbar dafür, dass er nichts Schlechtes sah, wo nichts war, und dass er mein Vertrauen und meine kindliche Unbefangenheit nicht verletzt hat. Auf diese Weise konnte ich sie mir, wenigstens teilweise, bewahren, mein ganzes Leben lang. Was ist unser Leben ohne Vertrauen und Liebe? Nichts, oder nicht viel; heute kann ich es viel besser ermessen als damals, zu der Zeit, als ich voller Glück die Liebe entdeckte und niemand aus meiner Umgebung sie in irgendeiner Weise zu trüben versuchte.
So vergingen diese Jahre, an die ich die schönsten, mit großer Sehnsucht verbundenen Erinnerungen habe. Oh, ich weiß wohl, dass ich großes Glück hatte und dass das Leben der Kinder, die in Höfen oder Bauernhäusern untergebracht wurden, meinem kaum glich, aber so bin ich eben: Ich blicke nur auf das Gute in meinem Leben zurück, den anderen Teil habe ich vergessen. Oder ich habe es zumindest versucht. Und Sie werden noch sehen, dass mich Sorgen und Leid keineswegs verschont haben. Ich hatte nie eine Tendenz zum Unglück, und als es an meine Tür klopfte, tat ich alles, um es zu verscheuchen. Deshalb war mein Leben schön. Auch im Alter habe ich das Lächeln nicht verloren, trotz der körperlichen Schwächen, damit meine Enkel mich nicht vergessen, wenn ich diese Erde verlassen habe, die ich heute noch auf dieselbe Art und mit derselben Kraft liebe wie damals, als ich jung war.
* Das Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat in Frankreich wurde von dem kirchenfeindlichen Parlament der III. Republik am 3. Juli 1904 gegen den Widerstand von Papst Pius X. verabschiedet. In etwa zwanzig Departements kam es bei der Einführung zu Ausschreitungen.
* Mariä Empfängnis wird am 8. Dezember gefeiert.
3. Kapitel
Wie könnte ich jemals diesen Sommertag des Jahres 1914 vergessen, als die Sturmglocken von allen Kirchtürmen der Umgebung läuteten? Ich war mit Marguerite in der Buchsbaumschlucht und wir saßen am Fuße eines Wacholderbuschs. Wir versuchten gerade, aus dem Fell ihres Hundes Kletten zu entfernen. Sehen Sie, wie genau ich mich erinnere! Zuerst läuteten die Glocken von Fontanes, dann die von Caniac-du-Causse, von Labastide-Murat, von Montfaucon, von überallher. Welche Angst überfiel uns! Anfangs dachten wir an ein Feuer und wir rannten auf den Bergrücken, um nach dem Rauch zu suchen, aber der Himmel war nur blau, blau so weit das Auge reichte, es war ein friedliches und lichtvolles Blau, wie es nur der Himmel über den Kalkbergen haben kann. Von dort oben erschien uns das Läuten noch schrecklicher als in der Schlucht. Da wir näher am Dorf als am Gehöft waren, ließ ich die Herde in Marguerites Obhut und rannte nach Fontanes, mit rasendem Herzen und dem furchterregenden Läuten in den Ohren. Bevor ich dort ankam, begegnete ich einem alten Mann, der auf einer Mauer aus Schieferplatten saß. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt, so wie Augustine und Alexis es immer taten, abends, wenn sie sehr müde waren. Ich fragte ihn:
»Sagen Sie mir, Monsieur, wo ist das Feuer?«
Er hob langsam den Kopf und ich sah, dass er weinte. Es war mir sehr eigenartig dabei zumute, einen Mann weinen zu sehen; ich dachte, dass nur Kinder das täten. Ich glaube, es war der Tischler von Fontanes, ein Alter, der in einem Häuschen auf dem Dorfplatz wohnte. Nie habe ich seine hellen Augen vergessen, die einem überströmenden Fluss glichen.
»Es brennt nicht, Kleine«, sagte er mir, »es ist Krieg.«
Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete, verstand aber wohl, dass es etwas Furchtbares war. Einen Augenblick hielt ich inne, ohne zu wissen, was ich tun sollte, doch dann rannte ich los zum Dorfplatz, auf dem ich schon von Weitem eine Menschenmenge erblickte. Dort standen Frauen, die jammerten und sich mit den Schürzen die Augen trockneten, Alte, die leise miteinander diskutierten, und Kinder, die wie ich von einem Grüppchen zum anderen liefen, ohne etwas zu begreifen. Die Männer, die auf den Feldern arbeiteten, kamen nach und nach außer Atem herbei gerannt und blieben wie erschlagen von der Neuigkeit mit schlenkernden Armen stehen. Es gab natürlich einige, die gestikulierten und sich aufspielten, aber es waren eher wenige und man bemerkte gleich, dass sie sich ein wenig dazu zwangen.
Der Preis, den ich und die Meinen später durch den Krieg von 1940 zahlten, berechtigt mich zu sagen, dass es nichts Absurderes auf der Welt gibt als Männer, die sich entschließen, gegen andere zu kämpfen, aus Gründen, die sie selbst nicht einmal kennen. Und wenn ich es auch damals nicht beurteilen konnte, erinnere ich mich doch daran, dass ich den Pfarrer, der herankam, fragte:
»Warum?«
Er war nicht in der Lage, mir zu antworten, ebenso wie Alexis und Augustine abends, und sagte nur:
»Es ist ein großes Unglück, Marie, wir werden sehr viel beten müssen.«
Dann lief ich zurück in die Schlucht, wo Marguerite schon voller Sorge auf mich wartete. Als ich ihr sagte, dass Krieg sei, fragte sie, gegen wen, und mir wurde klar, dass ich nicht einmal das wusste. Ich hatte nicht daran gedacht, im Dorf danach zu fragen. Wir sprachen ein wenig miteinander, doch dann kehrten wir früher heim als sonst, weil wir unbedingt erfahren wollten, wie unsere Familien auf dieses Ereignis reagierten. Während des gesamten Rückwegs in der friedlichen und warmen Sommerluft fragte ich mich, was sich wohl in unserem Leben verändern würde, aber nicht einen Moment lang dachte ich an eine mögliche Einberufung Florentins. Für mich war er noch ein Kind, oder jedenfalls fast, obwohl er bald ein Mann sein würde. Abends am Tisch war ich überhaupt nicht beunruhigt, vor allem da Alexis uns versicherte, dass der Krieg keine drei Monate dauern werde. Wir Armen! Niemals hätte ich vermutet, dass die kommenden vier Jahre sich so tief in meine Erinnerung eingraben würden.
Es war noch nicht einmal ein Monat vorbei, da fing der Bürgermeister schon an, mit der Trikolore über der Brust seine unheilvollen Besuche im Dorf zu machen. Im Dezember befand ich mich gerade auf dem Dorfplatz, als er zu Jeanne H. ging, einer armen Frau, die schon ihren Mann zwei Jahre zuvor verloren hatte. Ihr Sohn Marcel war im September eingezogen worden. Nie habe ich ihren Schrei vergessen, den verzweifelten Schrei einer Frau, der es die Seele zerreißt, wie ihn nur Frauen ausstoßen, die ihre Kinder verlieren. Und genau dieser Schrei hat mich jede Nacht geweckt, in der Woche, die diesem traurigen Tag folgte. Auf den Straßen und auf dem Dorfplatz waren nur noch Frauen, Kinder und alte Menschen. Man hörte weder das Klingen des Ambosses beim Schmied noch die Rufe des Hufschmieds. Armes Dorf! Man hatte den Eindruck, dass es seine Seele verloren hätte und wie auf Zehenspitzen dahinlebte, geräuschlos, in der Furcht, seine Toten zu wecken. Ich ging nicht mehr hin, nur wenn Augustine es von mir verlangte, aber dann hatte ich solche Angst, dass ich so schnell wie möglich machte, dass ich wieder wegkam.
Die seltenen Neuigkeiten, die wir von den zwei Alten zu hören bekamen, die die Zeitung abonniert hatten, waren nicht gut. Der Krieg dauerte an, blieb in den Gräben stecken, aus denen die Männer zurückkamen, nicht wiederzuerkennen, verstörte Überlebende, die wegen der seltenen Heimaturlaube fast verrückt wurden. Alexis wusste nichts mehr zu sagen. Er verstand nichts mehr von dem, was dort oben im Norden vor sich ging, so weit weg von unserem Quercy. Ich arme Kleine fragte jeden Abend vor dem Schlafengehen:
»Er geht nicht fort, unser Florentin?«
»Aber nein«, antwortete Augustine, »das alles wird längst vorbei sein, bis er alt genug ist.«
1915, 1916 … Zwei Jahre vergeblicher Hoffnung, aber mit katastrophalen Neuigkeiten. Die Monate vergingen, und gleichzeitig kroch in mir die Angst hoch, und ich schlief nachts nicht mehr. Das Leben hatte all seinen Reiz verloren, und der Himmel, der doch jeden Sommer blau war, schien mir mit Gewittern geladen. Es gab keine Feste mehr, keine fröhlichen Zusammenkünfte und Abende, die Leute schienen auf den Tod zu warten. 1917, ein schreckliches Jahr, das Jahr der Schlacht am »Chemin des Dames«* und des Aufruhrs. Kaum war es vorbei, erhielt Florentin seinen Einberufungsbescheid. Am Abend vor seinem Weggang bin ich lange mit ihm im Schafstall zusammen gewesen. Wir saßen nebeneinander auf dem Stroh, und wir trauten uns nicht, uns bei den Händen zu fassen. Ich war 16 Jahre alt und hatte das Gefühl, als risse man mir einen Teil meines Herzens heraus. Ob er es in diesem Moment begriff? Zweifellos, denn er sagte mir in der für ihn so charakteristischen schlichten Art:
»Wenn ich zurückkomme, Marie, und wenn du es willst, nehme ich dich zur Frau.«
Es war nicht Sitte, dass ein Mädchen in meinem jugendlichen Alter darauf antwortete. Ich hätte die Augen niederschlagen müssen und ihm sagen, dass eine solche Entscheidung bei Alexis und Augustine läge, doch ich konnte es nicht. Ich habe ihm einfach geantwortet:
»Florentin, ich werde jeden Tag auf dich warten.«
Diese Zusicherung genügte uns. Alles andere, Schönere, Bedeutendere lag in seinen und meinen Augen. Am nächsten Morgen standen wir beide sehr früh auf. Ich wollte ihn ein Stück auf seinem Weg begleiten. Als wir losgingen, brach der Tag an. Es war ein schöner Herbstmorgen und die Eichenblätter fingen gerade an, sich kupferrot zu färben. Über den Hügelketten schimmerte der Himmel rosa wie ein großer See, auf den Tau gefallen war.
»Geh nicht zu weit mit, Kleine«, hatte Augustine mir gesagt.
Gern wäre ich nicht so weit mitgegangen, aber ich konnte nicht anders. Alle zehn Meter sagte ich mir: »Dahinten bei dem Wacholderbusch … vor dieser Schieferplatte … bei dieser Weide werde ich umkehren.« Und ich kehrte doch nicht um, im Gegenteil, je weiter ich lief, desto mehr liefen mir die Tränen über die Wangen. Florentin weinte nicht, aber er wagte nicht, mich anzuschauen.
»Sei tapfer, Marie«, sagte er mit ruhiger, Mut einflößender Stimme. Gern wäre ich tapfer gewesen, aber das überstieg meine Kräfte. In meiner Unschuld wusste ich, dass er für mich so unentbehrlich geworden war wie die frische Luft der Hügel, und dass ich ohne ihn verloren wäre. Schließlich sagte er:
»Wenn du mir ein wenig helfen willst, Marie, kehre um. Es kostet mich zu viel Kraft, dich weinen zu sehen.«
Ich hätte es gern gehabt, dass er mich auf die Stirn oder auf die Wange geküsst hätte, doch er wollte nicht. Oder er konnte es einfach nicht. Damals respektierten die Jungen die Mädchen sehr viel mehr als heute, und bevor man zum Standesamt ging, hatte man Zeit, sich darüber klar zu werden, ob man wirklich füreinander geschaffen war.
An diesem Morgen, als wir uns so Aug’ in Auge gegenüberstanden, spürten wir dies schon, und wir brachten es nicht übers Herz, uns zu trennen. Er wischte mir die Tränen aus den Augen und sagte:
»Verzehre dich nicht zu sehr, Marie, ich werde wiederkommen.«
Dann drehte er sich um und ging langsam auf dem Pfad dahin, der zu einer Gariotte mit einem Schieferdach hinaufführte. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn heute auf diesem sonnenüberfluteten Weg, und mein Herz zieht sich wie damals zusammen. Mehrere Male während seiner Abwesenheit bin ich dorthin zurückgekehrt, und der Ort hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben, wie es alle Orte tun, an denen sich die großen Ereignisse unseres Lebens zutragen.
An jenem Morgen kehrte ich langsamen Schrittes heim, unglücklich wie ein verlassenes Kind, und ich hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Zum Glück kamen Augustine und Alexis mir entgegen, und ich weiß nicht, ob ich sonst die Kraft gehabt hätte, allein zu unserem Hof hinauf zu gelangen. Sie haben in einer Weise mit mir geredet, wie man mit kranken Lämmern spricht, und mir durch ihre Liebe geholfen, diese schwere Situation durchzustehen. Von diesem Moment an habe ich mich in mich selbst zurückgezogen, wie eine Pflanze, die ohne Wasser auskommen muss. Nur Gottes Schöpfung hat mich gerettet; damit meine ich die Welt, mit der er uns beschenkt hat: die Blumen, die Bäume, die Tiere und die Erde. Zu dieser Zeit hatten die Menschen ihr noch nicht so zugesetzt wie heute. Vor allem dort oben auf den Hügeln, von wo aus man bei gutem Wetter die Berge der Auvergne erblicken konnte, in einem Umkreis von hundert Kilometern. Es geschah mir also, dass ich stundenlang in der Sonne lag, die Wange an einen warmen Stein gelehnt, wie eine Eidechse. Die Wärme, die der Kalkstein verströmt, ist sanft und lebendig und gleicht der Hand Gottes. Und diese Wärme, die mir der Stein gab, spürte ich wie einen Lebensquell in mir fließen, die mich stärkte. Stunde um Stunde betrachtete ich das Schöllkraut, die gesegneten Disteln, die Butterblumen, so lange, bis ich erfasste, was in ihnen vorging und sie so liebte wie die Menschen. Einfach weil ich Leben um mich herum brauchte, um selbst am Leben zu bleiben. Ich legte mich mitten in die Schafherde, beobachtete die in meinen Armen gefangenen Lämmer, ich atmete den Duft der Wolle ein, ich trank Milch direkt am Euter, ich ließ mich von ihrem Geruch so ganz berauschen … Oh! Wenn ich das so erzähle, mag es ein wenig verrückt klingen, aber haben Sie keine Angst, ich bin noch ganz bei Sinnen! Ich habe immer gewusst, dass die Pflanzen, die Tiere und selbst die Steine denselben Ursprung haben wie wir. Wir ähneln uns alle und wir sind alle Teil derselben Schöpfung. Auch glaube ich, dass der gute Gott ihnen sehr viel näher ist als uns, weil er das Zerbrechliche, Schutzlose begünstigt, das mehr der Liebe bedarf. Darum konnte ich nur inmitten von Gottes Schöpfung, da, wo sie am wärmsten ist, die Kraft finden, zu warten und zu hoffen.
Auch die Briefe haben mir geholfen, aber sie waren nicht sehr zahlreich – drei oder vier im Ganzen, bis zum 11. November 1918, drei Briefe waren von einem Soldaten geschrieben, dem das Schreiben leichter fiel als Florentin, aber ich nahm ihre Zeilen in mich auf wie Geschenke des Himmels. Später, sehr viel später, eines Morgens, läuteten die Glocken vom Kirchturm in Fontanes, und die anderen stimmten ein. Oh! Wie bin ich aus der Schlucht heraufgerannt, wo ich die Hoffnung doch schon fast aufgegeben hatte. Auf dem Dorfplatz lachten alle. Gewiss war es kein Fest, aber die Leute waren zutiefst erleichtert: Endlich Frieden! Endlich zitterte man nicht mehr, wenn man den Bürgermeister über den Dorfplatz gehen sah, endlich würden die Soldaten zurückkehren! Ich vergaß meine Schafherde in der Schlucht völlig und rannte hinauf zum Hof, um Augustine und Alexis die Neuigkeit zu verkünden. Auf dem Weg traf ich auf Augustine, die Alexis entgegenging, der im Dorf Einkäufe erledigte.
»Es ist vorbei! Es ist vorbei!«, sagte ich und umarmte sie.
Wie haben wir beide geweint an diesem kalten Novembertag, auf dem Weg zum Hof. Aber es war nicht nur aus Freude und Glück. Während wir auf Alexis warteten, bereiteten wir ein echtes Festmahl vor, indem wir das Pökelfleisch aus dem Vorratsfass holten. Ich werde nie seinen wunderbaren Geschmack an jenem Tag vergessen, nie den des Kaffees, den Alexis mitbrachte. Der Krieg war zu Ende; Florentin würde heimkommen; unser Leben würde wieder hell werden. Ich war so glücklich, dass ich die Schafe darüber vergessen hatte. Ich lief in die Schlucht, wo ich hoffte, sie in der Nähe der Weide von La Pierre-Levade zu finden, da ich sie in diese Richtung getrieben hatte. Sie waren dort, aber nicht alle. Glücklicherweise kannte ich meine Tiere so gut, dass ich innerhalb einer Stunde meine Herde wieder beisammen hatte. Es war übrigens eines der letzten Male, dass sie draußen weideten. Sie würden danach bis zum Frühling im Schafstall bleiben, es sei denn, die Sonne würde nach Sankt Martin noch am frühen Nachmittag scheinen.
Da ich keine Briefe von Florentin erhielt, hatte ich Angst, dass er noch in den letzten Tagen des Krieges verletzt worden sei. Ich musste noch fast einen Monat warten, bevor ich ihn wiedersah. Er kam am 9. Dezember bei Einbruch der Dunkelheit in Eiseskälte zurück. Der Hund hatte nicht gebellt. Sobald es an der Tür klopfte, wusste ich, dass er es war. Er hat uns alle umarmt, und für mich war es das erste Mal, dass er das tat. Dann setzte er sich an den Tisch und verschlang alles, was wir ihm vorsetzten. Es bereitete uns einerseits Freude, ihn so essen zu sehen, andererseits machte es uns aber auch Angst. Als er den Kopf hob, wurde mir bewusst, wie sehr er sich verändert hatte. Das Licht in seinen Augen war erloschen, und es war fast, als nähme er uns gar nicht wahr. Auf unsere Fragen antwortete er nur:
»Ché chauvio, paouré moundo!« – »Wenn ihr nur wüsstet, arme Welt!«
Und so blieb es lange Zeit, wie an diesem Abend, so auch an den folgenden. Er konnte nichts als diese Worte sagen und schien seinen schrecklichen Gedanken weiter nachzuhängen. Wir haben verstanden, dass man ihm Zeit lassen musste, sich wieder einzugewöhnen, und wenn wir auch unglücklich waren, haben wir uns doch dazu gezwungen, es ihm nicht zu zeigen.
Im darauf folgenden Frühling kam er eines Morgens bei der ersten Aprilsonne zu mir auf die Hochebene. Es war an einem solchen Tag, als das Leben wieder seine Rechte geltend machte und die Natur aus einem langen Schlaf erwachte, dass er die Worte finden konnte, mir von seinen Erlebnissen zu erzählen und so Heilung erfuhr. Er erzählte mir von den Schützengräben, in denen die Männer dahinvegetierten, während sie darauf warteten zu kämpfen, die Stimmen Einzelner, die sich alle fünfzig Meter erhoben und nach Frieden riefen. Er berichtete vom Hunger und dem Durst der Soldaten, die wieder wie Kinder wurden, von den Kämpfen im Wald von Villers-Cotterêts unter dem Geschützfeuer der deutschen Offensive. Er gestand mir, wie er während eines Angriffs im Nahkampf auf dem »Chemin des Dames« mit leeren Händen floh und sich nach dem Durchbruch seines Bataillons mitten in den deutschen Linien befand, ohne Waffen, aber am Leben. Als Gefangener wurde er von der feindlichen Armee beim Rückzug zurückgelassen. An jenem Morgen hatte er geweint und wollte sterben, obwohl er wusste, dass ich auf ihn wartete, auf dem Hof, der uns so lieb und teuer war, unter der Sonne der Causse. Ich erklärte ihm, dass er ganz sicher der Mann sei, auf den ich gewartet hatte: ein Mann, unfähig zu töten, der an das Heilige im Leben glaubte und deshalb am Leben geblieben war, Tag für Tag beschützt vom lieben Gott.
Seit diesem Frühling 1919 fand er nach und nach das Lächeln wieder und ich das Glück. Im Mai sagte er mir, dass es Zeit wäre, ans Heiraten zu denken, wenn ich immer noch wollte. Ich wollte es nicht nur, ich konnte an nichts anderes mehr denken! Alexis und Augustine setzten das Datum auf einen Septembertag fest, das heißt, zu meinem 18. Geburtstag. Ich musste mich also noch den ganzen Sommer lang gedulden, aber ich hatte schon so lange gewartet, dass ich nicht allzu sehr enttäuscht war. Im Juli sind Augustine und Alexis zum Notar nach Figeac gegangen, um eine Urkunde zu unterzeichnen, durch die sie Florentin und mich als Erben einsetzten. Das hatten wir nicht erwartet und wollten es nicht annehmen, doch sie bestanden darauf, da wir die einzigen Menschen seien, die ihnen nahestanden und sie mittlerweile zu alt, um sich ausreichend um den Hof zu kümmern. Wir wussten nicht, wie wir ihnen danken sollten, und so gaben wir uns große Mühe, ihnen durch unsere Arbeit einen glücklichen Lebensabend zu ermöglichen, denn die Guten waren wirklich schon sehr alt und brauchten unsere Hilfe.
Ich erinnere mich an diesen Sommer als eine der glücklichsten Zeiten in meinem Leben. Der Himmel war unendlich blau, das Leben lächelte mir zu und Florentin war in meiner Nähe und lernte wieder, Glück und Freude zu empfinden. Wie schön war das! Jeder sagte, dass es nie wieder Krieg geben würde, dass es zu viele Tote in den vergangenen vier Kriegsjahren gegeben hätte, dass sich die Länder nie wieder zu solchen Verrücktheiten hinreißen lassen würden. Natürlich glaubte ich es, weil ich immer an das Wunderbare geglaubt hatte, auch wenn es nicht sicher war, dass es eintreffen würde. Es liegt in meiner Natur, und es ist zweifellos genau das, was mich so alt werden und mich mein Lächeln nie verlieren ließ.
Unsere Hochzeit fand an einem Samstag statt. Mein Gott! Wenn ich daran zurückdenke. Ich hatte ein hübsches kurzes blaues Kleid aus Merinostoff an, Schleifen in den Haaren und Lackschuhe, Florentin trug einen schönen schwarzen Samtanzug mit einem Band unter seinem Hemdkragen, das wie eine Krawatte gebunden war. Am Arm von Alexis schritt ich hinter dem Dorfpfeifer, dem pifraïre, her, am Anfang des Zuges, der sich auf den Weg ins Dorf machte. Wir hatten ungefähr zwanzig geladene Gäste. Florentins Vater war 1917 gestorben, aber wir hatten seine Mutter eingeladen, die nun in Calès lebte, und seine Schwester Leonie, die noch immer lebt, ich glaube, in Paris. Mein zukünftiger Mann ging also am Arm seiner Mutter am Ende des Zuges, wie es die Tradition wollte, und hin und wieder drehte ich mich um, um ihn anzuschauen! Wie schön er war! Dunkel, groß und aufrecht, er war wie die typischen Männer des Hochlandes, die eine stolze Eleganz ausstrahlen wie die Spanier. Und oft, wenn ich ihn betrachtete, ohne dass er sich dessen bewusst war, habe ich seither gedacht, wie sehr der Menschenschlag des Quercy doch durch die sarazenische Besatzung im Mittelalter geprägt worden ist. Aber zu jener Zeit wusste ich das alles nicht, und es genügte mir, mich auf dem steinigen Weg umzuschauen, um zu spüren, dass ich großes Glück mit ihm hatte.
Der Hochzeitszug setzte sich kaum aus Familienmitgliedern zusammen, vor allem waren es Freunde von Alexis und Augustine, die sich freuten, an einer der ersten Hochzeiten nach dem Krieg teilzunehmen. Wir brauchten gut eine halbe Stunde, um Fontanes zu erreichen, aber das kam nur, weil die jungen Leute immer wieder anhielten, um zu tanzen. Ich war ganz schön stolz, bei goldenem Sonnenschein in Fontanes anzukommen. Das ganze Dorf war erschienen, um die Braut zu bewundern und sich mitzufreuen, jeder auf seine Weise. Der alte Pfarrer, der so gut zu mir gewesen war, erwartete uns am Eingangstor. Nach einigen Begrüßungsworten traten wir in die kleine Kirche ein, in der ich so oft als Kind gekniet hatte, um meine Gebete zu lernen. Es war mir, als würde ich wieder ganz klein, auch ganz eingeschüchtert in Gegenwart so vieler Menschen – ich, die es so gewohnt war, allein zu leben, indem ich meine Schafe hütete. Und während der Pfarrer die Messe zu lesen begann, dachte ich, dass ich Glück hatte, diese Momente erleben zu dürfen, denn wie viele junge Frauen trauerten ihren Verlobten oder Ehemännern nach. Florentin sah mich nicht an. Er hielt sich gerade, wie es seine Gewohnheit war, und ich spürte, dass er stolz war, mich an seiner Seite zu haben. Es schien mir, als würde die Messe nie enden, umso mehr, als der Pfarrer in seiner Predigt mit großer Freundlichkeit von uns sprach; er erinnerte sich, wie er mich auf Augustines Bitte hin getauft hatte und dass ich ein mutiges und selbstloses Mädchen gewesen sei. Bei so vielen Komplimenten wäre ich ohne die Gegenwart von Florentin sicherlich geflüchtet. Glücklicherweise kam dann bald der Moment, den ich so sehr herbeigesehnt hatte. Als Florentin mir den Ring auf meinen Finger schob, erklang das Glockenspiel für besondere Gelegenheiten in der kleinen erleuchteten Kirche. Augustine hatte mich in dem Brauch unterwiesen, nach welchem die junge Braut verhindern soll, dass der Ring über das zweite Fingerglied rutschte, wenn sie wünschte, dass der Mann sie mit respektvoller Autorität führte. Ich habe also selber den Ring weitergeschoben, was zur Folge hatte, dass Florentin, der diese Sitte kannte, lachen musste. So waren wir endlich Mann und Frau!
Ich erinnere mich an die Sonne, ihre Wärme und das Blau des Sommers, als wir auf den Platz heraustraten. Ich war noch nie so glücklich gewesen, während wir von allen Dorfleuten nach alter Sitte beglückwünscht wurden. Man umarmte mich, drückte mir die Hände, und ich hatte das Gefühl, die ganze Erde nähme an meinem Glück teil.
Alexis und Augustine hatten die Dorfleute auf dem Platz vor der Kirche zum Aperitif eingeladen. Wir tranken warmen Wein und Nussschnaps; alle lachten, riefen laut, sangen und amüsierten sich mit dem Gefühl, etwas aufs Neue zu entdecken. Bei uns in der Nähe begann ein kleiner Alter mit einem Schnauzbart, der nur noch Haut und Knochen war, vor sich hinzureden:
»Boldrio mai gardat cent moutous près d’un blat, qu’une flhio quan soun cur a parlat«.
Das lässt sich wie folgt übersetzen:
»Es ist besser, hundert Schafe in der Nähe eines Buchweizenfeldes zu hüten, als ein Mädchen, dessen Herz gesprochen hat.«
Und das war wahr, denn für Florentin wäre ich bis ans Ende der Welt gegangen. Deshalb also erinnere ich mich an diese Worte und an diesen kleinen alten Mann, der schließlich, mit den Stiefeln in der Hand, auf den Tischen tanzte.
Nach dem Aperitif zogen wir zurück zum Hof, wieder im Hochzeitszug, aber dieses Mal ging ich am Arm meines Ehemannes. Und es war schön, im Glanz dieses Septembertages, umgeben von Freunden, auf den Hof zurückzukehren, auf dem wir leben würden. Augustine hatte für diesen Tag eine Köchin engagiert, die ein richtiges Festmahl vorbereitet hatte. Ich erinnere mich nicht mehr an das Menü, doch woran ich mich genauestens entsinne, sind die Freude aller und die Lieder, die unsere Gäste sangen. Und ganz besonders an das Lied von Alexis, der im Stehen mit leiser Stimme sang, während er mich anschaute:
Ma fille, ma fille chérie,
Pour me quitter tu t’es mise à genoux,
Tu vas quitter ta chaumière et ta famille attendrie
Pour celle d’un époux.
Va, pourtant, sois heureuse,
Avec qui je t’unis,
Suis l’époux, sois l’épouse,
Enfant je te bénis.
Mein Mädchen, meine liebste Tochter,
um mich zu verlassen, bist du niedergekniet,
du wirst dein Heim und deine mitfühlende Familie verlassen
zugunsten derer deines Gemahls.
Geh dennoch, sei glücklich,
mit dem, mit dem ich dich vereine,
folge deinem Mann, sei ihm Gattin,
mein Kind, ich segne dich.
Ich zitiere es aus dem Gedächtnis, und es ist möglicherweise nicht der genaue Wortlaut, aber Alexis´ Gefühlsausdruck bei diesem Lied habe ich mir in meinem Herzen bewahrt, da es stimmte, dass ich für ihn und Augustine wie die eigene Tochter war. An diesem Tag habe ich begriffen, wie sehr sie mich liebten und was ich ihnen bedeutete. Was für ein Fest! Als alle gesungen hatten, die Flaschen und Platten geleert waren, tanzten wir nach der Musik des Dorfpfeifers die ganze Nacht lang »Brados«, »Redoundos«, »Bourrées« und am Ende einen provenzalischen Kreistanz, eine »Farandole«, mit der wir unter den Sternen dahinzogen, sodass ich das Gefühl hatte, ich könnte sie mit den Händen herunterholen. Wir sind sogar ins Dorf hinuntergegangen, singend und tanzend, um Freunde und Familien zu wecken. Einige haben uns mit der traditionellen Zwiebelsuppe bewirtet und danach sangen und tanzten wir weiter.
Beim Morgengrauen, oder jedenfalls kurz davor, waren wir endlich allein, Florentin und ich, erfüllt von unserer Liebe und mit nichts weiter als zwei Paar Laken aus Hanf, einem Geschenk von Augustine. Wir bedurften weder einer Verlobung noch eines Ehevertrages. Wir waren einfach glücklich, zusammen zu sein, glücklich, wie man es damals noch war, wenn man es nur warm hatte im Winter, genügend zu essen, eine Schleife für die Haare oder sich ab und zu ein neues Hemd kaufen konnte.
Unser Zimmer war durch die große Küche, die als Aufenthaltsraum für alle diente, von dem Zimmer von Alexis und Augustine getrennt. Wir hatten es im Juli mit Kalk geweißelt und einen Tisch und einen niedrigen Schrank hineingestellt, die unsere beiden Alten nicht mehr benutzten. Es war seit langem zum ersten Mal, dass Florentin nicht auf Stroh schlief, und wir mussten sehr darüber lachen, dass er es nicht mehr gewohnt war, in einem Bett zu schlafen. Des Weiteren können Sie sicher sein, dass ich nicht mehr erzählen werde, als dass die schönste Liebe die ist, die wortlos geschieht, im Geheimen, wie alles, was an das Heilige im Leben rührt.
Heute sind solche Gedanken vielen fremd, falls ich das glauben soll, was ich manchmal im Fernsehen sehe. Das ist mir ziemlich gleich. Ich habe es gelebt, und zwar mit der ganzen Begeisterung meiner Jugend, ohne dass ich es mitzuteilen brauche. Umso schlimmer für diejenigen, die den Wert der Zärtlichkeit vergessen haben und die Wärme der Haut nicht zu schätzen wissen. Es ist das einzige Mittel, das alle Leiden heilt, selbst die schmerzlichsten.
Am nächsten Tag, einem Sonntag, haben wir unsere Hochzeitsreise auf den Wegen des Hochlandes gemacht. Zu Fuß zogen wir in der Früh los, mit unserem Proviant in einem Korb, in Richtung Espédaillac und Livernon. Beim Wandern haben wir Zukunftspläne geschmiedet, indem wir über die Kinder sprachen, die wir zusammen haben würden, wie es seit jeher die Frischverheirateten tun. Es war schön, durch die Eichenwälder zu wandern, deren Blätter sich rostrot färbten. Von Zeit zu Zeit nahm mich Florentin in die Arme und küsste mich. Mehr kann man sich nicht wünschen. Ich hatte schon alles, was ich wollte. Glöckchengeläut begleitete uns, die Sonne beschien die wilden Weiden, die von Heuschrecken und Grillen übersät waren, Mauersegler verfolgten sich im Flug am blauen Himmel, der mir, wenn ich zu ihm aufblickte, die Ewigkeit zu versprechen schien.
* Ein ca. 30 km langer, hart umkämpfter Höhenzug zwischen Laon und Reims.
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