Kitabı oku: «Im Kreuzfeuer»
Für Immi, Michi und Sissy
sowie für meinen väterlichen Freund Kurt
Christian Wehrschütz
Im Kreuzfeuer
Am Balkan zwischen
Brüssel und Belgrad
Molden
ISBN 978-3-99040-154-5
© 2009 by Molden Verlag
in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG
Wien · Graz · Klagenfurt
www.molden.at
Buchgestaltung: Bruno Wegscheider
Umschlagfoto: ORF
Lektorat und Herstellung: Marion Mauthe
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
Alle Rechte vorbehalten

Inhalt
Cover
Zitat
Titel
Impressum
Anstatt eines Vorworts: Balkan-Experten, Journalisten und andere Scharlatane
1. Der Balkan: Zwischen Gebirgszug, Pulverfass und Klischee
2. Der Balkan und seine Bedeutung für Österreich
3. Der Weg nach Lipovac – Kroatiens serbische Hauptstadt
4. Josip Broz Tito: Der „gute“ Diktator und seine Nachwirkungen
5. „Točno – Tačno“
6. Im Kreuzfeuer Mazedonien
7. Der 5. Oktober 2000 –Serbiens große Stunde
8. Zoran Đinđić – Gefallen auf unmöglicher Mission?
9. Bosnien und Herzegowina – der Staat, den keiner wollte
10. Der Kosovo – Problemzone des Balkans
11. Der 17. März und die Unruhen im Kosovo
12. Slowenien und die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs
13. Der Leidensweg der „Ausgelöschten“in Slowenien
14. Das Haager Tribunal – ein notwendiges Übel mit vielen Schönheitsfehlern
15. Mazedonien: Zwischen Alexander, Athen und Brüssel
16. Der Grenzstreit um die Bucht von Piran
17. Montenegro: Das „bessere“ Serbien auf dem Weg zur Nation
18. Albanien: „Shqipëria po ndryshon“ – Albanien wandelt sich
19. Ex-Jugoslawien auf dem Weg Richtung EU
20. Die Kroaten von Janjevo
21. Nikola Tesla – ein österreichisches Schicksal?
22. Joca Amsterdam – eine kriminelle Karriere
23. Die Haggadah aus Sarajevo – ein faszinierendes Buch
24. „Die letzte Brücke“ als erste Brücke
Nachwort von Immanuela Wehrschütz „Ein Journalist ist nur so gut wie sein privates Telefonbuch“
Personenregister
Weitere Bücher
Anstatt eines Vorworts: Balkan-Experten, Journalisten und andere Scharlatane
Ich weiß, dass ich nichts weiß.
Platon, Apologie des Sokrates1)
„Schreib’ ein Buch! – Schreib’ Dein Buch!“ Diese Aufforderung habe ich umso öfter vernommen, je länger ich am Balkan tätig war. Dass ich diesen Band erst jetzt vorlege, hat mit meiner Berufsauffassung zu tun. Es ist besser einen guten Artikel als einen schlechten Aufsatz zu schreiben, und natürlich halte ich es für besser einen guten Aufsatz als ein schlechtes Buch zu verfassen. Gute Kenner des Balkans2) haben ihre Bücher daher erst nach langjähriger Tätigkeit geschrieben. Sie alle zählten nicht zu den Journalisten und selbsternannten Experten, die Länder oder Regionen besuchen und dann nach kurzem Aufenthalt ein Buch darüber schreiben, obwohl sie nicht einmal der Landessprache mächtig sind. Wer würde einen Ingenieur eine Brücke bauen lassen, der kaum die vier Grundrechnungsarten beherrscht? Zu den Grundrechnungsarten eines im Ausland tätigen Journalisten zählt die Sprachkenntnis. Wie seriös kann die Beurteilung eines Landes ausfallen, wenn der betreffende Journalist nicht in der Lage ist, sich selbst ein Taxi zu bestellen? Am Balkan habe ich nicht nur einmal erlebt, dass Übersetzer schlecht oder sogar sinnentstellt übersetzt haben. Hinzu kommt, dass die Landessprache die Voraussetzung für das Eindringen in Kultur und Mentalität fremder Völker ist. Die Achtung gebietet es, zuerst die Sprache zu erlernen, wenn man länger im Ausland lebt, und diese Anstrengung wird wahrlich honoriert. Außerdem sind Taxifahrer und Durchschnittsbürger oft weit bessere Quellen als Politiker, die Journalisten natürlich auch manipulieren wollen. Die Grundvoraussetzung der Sprachkenntnis haben selbst Vertreter renommierter angelsächsischer Medien oft nach Jahren am Balkan noch nicht erfüllt, wie ich aus eigenem Erleben weiß. Die Hochachtung, ja Ehrerbietung, die diesen Medien teilweise entgegengebracht wird, habe ich weder teilen noch verstehen können. Darüber hinaus habe ich bei Pressereisen am Balkan immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich Journalisten schlecht oder gar nicht vorbereiten; das gilt auch für grundlegende Kenntnisse der Politik der EU gegenüber dem Westbalkan. Dieses Verständnis fehlte etwa westlichen Kollegen bei einer Pressereise nach Montenegro im Juni 2009, obwohl dies nicht an die Kenntnis einer Balkan-Sprache gebunden ist. Sich mit westlichen Diplomaten und Botschaftern zu treffen oder mit diesen – vielleicht noch von daheim aus – zu telefonieren, ist jedenfalls zu wenig, zumal auch am Balkan Vertreter der internationalen Gemeinschaft dieselben Schwächen aufweisen, die ich bei Journalisten erlebt habe. Die Basis seriöser Berichterstattung besteht in Sprach- und Landeskenntnis, im Leben im Zielland und in der Einhaltung journalistischer Grundprinzipen, die sehr klar und einfach sind, offensichtlich aber nichtsdestotrotz zu oft missachtet werden.
Doch selbst wenn die Sprachkenntnis und der Wille, hart zu arbeiten, gegeben sind, bestehen bei der Beurteilung der Zielländer eines Korrespondenten zwei große Herausforderungen: die eine ist das Informationsproblem, die andere der Zugang zu Entscheidungsträgern. Das Informationsproblem besteht zum einen in der enormen Menge zugänglicher Quellen. Jeden Tag erscheinen in Serbien zehn Tageszeitungen, die mir der Austräger um sechs Uhr in der Früh bringt. Mit dem Lesen dieser Blätter beginnt mein Arbeitstag; doch auch in allen anderen Balkanländern,3) die in meinen Zuständigkeitsbereich fallen, erscheinen Tageszeitungen. Hinzu kommen zahlreiche Wochenmagazine, Agenturen, elektronische Medien und die regelmäßigen Berichte meiner Produzenten in all diesen Ländern. Am Laufenden zu bleiben ist somit harte Arbeit, denn die Aufgabe eines Journalisten ist sehr oft die Beschreibung komplexer Sachverhalte unter enormem Zeitdruck und bei stets zu geringer Sendezeit.
Doch noch wichtiger als die Informationsverarbeitung ist die richtige Bewertung der Informationen. So wäre vielleicht der Anschlag in New York am 11. September 2001 zu verhindern gewesen, hätte jemand die Information richtig bewertet, die darin bestand, dass jedenfalls einer Attentäter bei seiner Pilotenausbildung offensichtlich keinen Wert darauf legte, sein Flugzeug auch landen zu können. Die richtige Beurteilung der Lage erfordert auch einen entsprechenden Zugang zu Entscheidungsträgern und ihrer Umgebung, die allerdings ebenfalls Fehleinschätzungen unterliegen können. So soll der serbische Ministerpräsident Vojislav Koštunica bis zum Vorliegen des Ergebnisses des Unabhängigkeitsreferendums nicht geglaubt haben, dass sich Montenegro tatsächlich von Serbien lösen wird. Ein Fehlschluss, dem ich nicht unterlegen bin. Trotzdem ist es wichtig, im entscheidenden Augenblick, die richtige Telefonnummer wählen zu können. Doch Kontaktpflege zu Entscheidungsträgern ist im Ausland noch viel schwieriger, weil Korrespondenten für Politiker und führende Unternehmer natürlich weniger relevant sind als die Medien des eigenen Landes.
Trotzdem sind Journalisten in der Regel selten zugegen, wenn hinter verschlossenen Türen wichtige Entscheidungen fallen. Ein Paradebeispiel dafür war und ist die Suche nach Radovan Karadžić und Ratko Mladić, den wichtigsten mutmaßlichen Kriegsverbrechern im ehemaligen Jugoslawien. Von Radovan Karadžić behauptete nicht einmal mehr das Haager Tribunal, dass er in Serbien sei; zum Glück bin ich Karadžić, der als Wunderheiler Dr. Dabić in Serbien öffentlich auftrat, nie begegnet, erkannt hätte ich ihn sicher nicht. Von seiner Verhaftung wurden alle überrascht, denn derartige Aktionen müssen geheim bleiben, damit sie erfolgreich sein können. In diesem Sinn werden wir alle auch von einer Verhaftung von Ratko Mladić überrascht sein, sollte sie gelingen. Doch relevante Informationen über seinen Verbleib haben wir Journalisten nicht, oder diese Informationen sind bereits einige Jahre alt. Nicht einmal seinen möglichen Gesundheitszustand kennen wir, denn seine militärische Krankenakte hat das Tribunal zwar erhalten, aber nie veröffentlicht. Mladićs Gesundheitszustand ist jedoch wichtig für die Frage, in welchem Ausmaß der Gesuchte (ärztliche) Leistungen in Anspruch nehmen muss, die zu seiner Verhaftung führen können. Alle Beiträge über Mladić aller Journalisten beruhten somit bisher entweder auf einem Faktenwissen, das schon einige Jahre alt ist, oder auf Spekulationen, die aber durchaus eine reale Grundlage haben können.
Unser Wissen ist begrenzt, und das Wissen darum ist ganz im Sinn von Sokrates der beste Selbstschutz vor Überheblichkeit und Irrtümern. Daher habe ich mich stets gegen die Bezeichnung „Balkan-Experte“ gewehrt, weil ich dem Experten-Unwesen sehr kritisch gegenüberstehe. In unserer säkularisierten Welt hat der Experte den Kirchenmann als „unfehlbare Instanz“ abgelöst. Daher gibt es Experten für alle Lebenslagen oder Personen, die sich von den Medien zu diesen gern stempeln lassen, weil Eitelkeit eine zutiefst menschliche Untugend ist. Diese Feststellungen sollen den Leser nicht dazu verleiten, das Buch beiseite zu legen oder sich darüber zu ärgern, das Buch gekauft zu haben. Vielmehr soll der Leser wissen, dass es mit journalistischer Demut, nach bestem Wissen und Gewissen und nach zehnjährigem Aufenthalt am Balkan geschrieben wurde, über den ich bisher mehr als 3.200 Radio- und TV-Beiträge sowie Artikel für Tageszeitungen verfasst habe. Darüber hinaus war ich bestrebt, den Leser hinter die Kulissen blicken zu lassen und ihm einen Eindruck über die Tätigkeit eines Korrespondenten zu vermitteln.
Ein Bonmot besagt, dass Autoren so vielen Personen wie möglich danken sollen, damit die Bedankten eine moralische Verpflichtung fühlen, das Buch zu kaufen, und so den Absatz steigern. An diesen „Grundsatz“ habe ich mich nicht gehalten. Mein Dank gilt jedoch dem Molden-Verlag und seiner Lektorin Marion Mauthe für die Betreuung und die stete Aufmunterung, die Arbeit zu einem guten Ende zu führen. Von Herzen danke ich auch meiner jüngeren Tochter Immanuela, die ebenfalls alle Kapitel gegengelesen hat. Zu Dank verpflichtet bin ich natürlich meinem Arbeitgeber ORF, der nicht zuletzt durch sein Korrespondentennetz zeigt, dass er den Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Mediums ernst nimmt. Mein herzlicher Dank gilt auch allen meinen Mitarbeitern im Büro Belgrad sowie in meinen Zielländern. Gemeinsam haben wir Herausforderungen bestanden und Gefahren gemeistert, von denen auch dieses Buch berichtet, die jedoch nur jener wirklich ermessen kann, der selbst „In den Schluchten des Balkan“ unterwegs war oder in anderen Krisenregionen als Korrespondent tätig gewesen ist.
Belgrad, im Herbst 2009Christian Wehrschütz
Anmerkungen
1) Die geläufige Übersetzung von „oîda ouk eidōs“ trifft nicht den Sinn der Aussage. Wörtlich übersetzt heißt der Spruch „Ich weiß als Nicht-Wissender“ bzw. „Ich weiß, dass ich nicht weiß“. Das ergänzende „-s“ an „nicht“ ist ein Übersetzungsfehler, da die Phrase „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ auf Altgriechisch dann „οἶδα οὐδὲν εἰδώς (oída oudén eidós)“ heißen würde. Das geflügelte Wort ist als Verkürzung der Verteidigungsrede des Sokrates entlehnt, die Platon in seinem Werk „Apologie“ überliefert hat. Wörtlich heißt es dort:
„Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen, allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht, ich scheine also um dieses Wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.“
Die Apologie und andere Werke Platons habe ich selbst gelesen. Den Hinweis auf die fehlerhafte Übersetzung verdanke ich folgender Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ich_weiß, _dass_ich_nichts_weiß!
2) Zu diesen Kennern zähle ich Andreas Graf Razumovsky und Viktor Meier. Die Werke beider Journalisten, „Ein Kampf um Belgrad“ und „Wie Jugoslawien verspielt wurde“, kann ich dem interessierten Leser nur empfehlen.
3) Zuständig bin ich für Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien, Mazedonien, den Kosovo und Albanien.
1.
Der Balkan: Zwischen Gebirgszug, Pulverfass und Klischee

Wie sicher ist die Lage im ehemaligen Jugoslawien?:
Bei einer Reportage über die Entminung nach den Balkankriegen
Der Begriff „Balkan“ hat nicht nur geografische, sondern auch zivilisatorische Bedeutung und war – auch politisch – großen Wandlungen unterworfen. Sie sind ein Produkt der politischen Umwälzungen im Europa des 20. Jahrhunderts; dagegen blieb die zivilisatorische (Ab-)Wertung, die mit dem Balkan-Begriff verbunden ist, weitgehend konstant. Zu den Konstanten zählt auch die Tatsache, dass der Balkan seit dem Zerfall seiner kurzlebigen mittelalterlichen Reiche nie Subjekt, sondern nur stets Objekt und auch Opfer der Politik europäischer und anderer Großmächte war und ist. Charakteristisch für diese Region ist die Vielzahl seiner Völker auf kleinem Raum, ohne dass sich jemals eine wirklich dominante Nation herausgebildet hätte. Hinzu kommt noch die Koexistenz von Islam und Christentum; die seit der Spätantike bestehende Teilung in West- und Ostrom (Byzanz) führte in weiterer Folge zur Teilung in katholische und orthodoxe Christen. Damit verbunden waren und sind beträchtliche Unterschiede in Kultur und Mentalität; sie hat die jahrhundertelange Zugehörigkeit zu den zwei führenden Mächten am Balkan, zum Habsburger-Reich und zum Osmanischen Imperium noch zusätzlich verstärkt. Diese beiden Imperien führten auch dazu, dass die Bildung von Nationalstaaten am Balkan erst sehr spät erfolgte und im ehemaligen Jugoslawien erst mit der Unabhängigkeitserklärung des Kosovos im Februar 2008 als vielleicht abgeschlossen betrachtet werden kann.
Die territoriale Definition des Balkans ist zunächst das Ergebnis einer Fehleinschätzung des Berliner Geografen Johann August Zeune aus dem Jahr 1808. Zeune übernahm die Vorstellungen antiker Geografen, die geglaubt hatten, der Balkan (türkisch: Gebirge) erstrecke sich vom Schwarzen Meer bis zu den slowenischen Alpen. Doch eine derart vorherrschende Stellung wie der Apennin für die italienische Halbinsel, hatte das Balkangebirge für die Balkanhalbinsel nie.1) Als andere Geografen diesen Fehler erkannten, war es im Grund zu spät, der Begriff hatte sich bereits eingebürgert. An seiner Stelle wird nun öfter Südosteuropa verwendet, ein Begriff, der zivilisatorisch neutral ist, sich aber noch nicht wirklich durchgesetzt hat.2)
Die beträchtliche Nordverschiebung, die der Balkan begrifflich und zivilisatorisch binnen einhundert Jahren erlebte, zeigt auch ein Blick auf Karl Mays Romane. Bezeichnend ist schon der Sammelbegriff „Orienterzählungen“, unter dem jene sechs Bücher3) zusammengefasst sind, zu denen die Werke „Durch das Land der Skipetaren“ und „In den Schluchten des Balkan“ zählen. Geografisch spielen die Abenteuer im heutigen albanisch-montenegrinischen Grenzgebiet, im Kosovo, in Mazedonien, Bulgarien und in der Türkei. Die Karten in den Umschlaginnenseiten enthalten vorwiegend (türkische) Ortsbezeichnungen („Kalkandelen“ für Tetovo), erschienen diese Bücher doch zwischen 1881 und 1888. Viele dieser Namen sind vor allem im heutigen ehemaligen Jugoslawien praktisch verschwunden, und nicht nur die Reisekostenstelle des ORF hätte wohl erheblich Verständigungsprobleme, sollte ich ihr mitteilen, dass ich nach meinem Urlaub nun wieder in den Orient zurückgekehrt sei. Karl Mays Karten spiegeln eben die politischen Grenzen seiner Zeit wider, und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Belgrad auch Grenzstadt. Daher gehörten natürlich weder die Vojvodina zu Serbien noch Kroatien zum Balkan.
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war am Balkan durch den schrittweisen Zusammenbruch der Osmanischen Herrschaft geprägt.4) Einen weiteren Rückzug brachten die Balkankriege 1912/13.5) Das Ende des Ersten Weltkriegs und der Zusammenbruch des Osmanischen Reichs sowie der Habsburger-Monarchie führten zur Gründung des SHS-Staates, des späteren Königreichs Jugoslawien6). Diesem Staat gehörten nunmehr auch Slowenien und Kroatien an. Von Randprovinzen der Donaumonarchie wurden Slowenien und vor allem Kroatien zu wesentlichen Faktoren im neu geschaffenen Staat. Gleichzeitig wurde damit aber auch das politische Zentrum von Wien nach Belgrad und damit in den Südosten verschoben. Das erste Jugoslawien bestand knapp mehr als 20 Jahre; doch dieser Zeitraum reichte offensichtlich aus, um die Frage nach der kulturellen und geografischen Zugehörigkeit Kroatiens entstehen zu lassen. Einen eindeutigen Beleg dafür bilden die 1956 erschienenen Erinnerungen von Hermann Neubacher.7) Seine Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Balkans leitet Neubacher mit einer Anekdote ein:
„Adolf Hitler fragte mich einmal, ob ich Kroatien zum Balkan rechne, und ich war erstaunt über seinen Verlust an k.u.k österr.-ungarischem Raumgefühl. Im allgemeinen nimmt die Neigung, den Donauraum hinter Wien zum Balkan zu rechnen, nach dem europäischen Westen hin zu, und die Meinung, daß Ungarn ein Balkanstaat sei, hat schon viele Magyaren erbittert. … Für den Kroaten österreichisch-ungarischer Prägung beginnt der Balkan hinter der ehemaligen österreichisch-ungarischen Militärgrenze ….“
Für Neubacher ist unbestritten, dass Kroatien nicht zum Balkan gehört. Dieser Meinung ist auch heute noch die überwiegende Mehrheit der Kroaten, doch 45 Jahre Tito-Jugoslawien lassen sich nicht ungeschehen machen. Legt man als Maßstab die balkanischen Stereotype an (Bürokratie, Korruption), so ist auch Kroatien ein Teil des Balkans,8) wobei festzustellen bleibt, dass auch im ehemaligen Jugoslawien auf den jeweils südöstlich liegenden Nachbarn gern heruntergeschaut wird. „Sto juznije to tuznije“ – „Je südlicher desto trauriger“ lautet denn eine weitverbreitete Redensart. Politisch ist Kroatien auf jeden Fall seit dem Zerfall des Tito-Staats am Balkan angekommen.9) Dazu beigetragen haben vier Jahre Krieg gegen den serbischen Aggressor, der das Land ebenso schädigte wie die nationalistische Politik des Staatsgründers Franjo Tuđman. Sie führte das Land in die außenpolitische Isolation, die etwa fünf Jahre dauerte. Nach der Abkehr von dieser Politik kosteten Probleme bei der Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal Kroatien weitere sieben Monate,10) und die Beitrittsgespräche mit der EU begannen erst im Oktober 2005. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät, noch zu Rumänien und Bulgarien aufschließen zu können, die am 1. Jänner 2007 der EU beigetreten sind. Diese Aufnahme erbitterte viele Kroaten, die der EU unterschiedliche Standards vorwarfen, was die Bewertung der Beitrittsreife betrifft.
Kroatien blieb somit in der Gruppe der Westbalkanstaaten, die alle auf dem Weg nach Brüssel weit hinter Agram liegen. Doch auch wegen der Krise in der EU und wegen des Grenzstreits mit Slowenien könnte sich die Schlagzeile einer kroatischen Tageszeitung als verfrüht erwiesen haben. Sie begrüßte den Beginn der Beitrittsverhandlungen mit den Worten: „Bye Bye Balkan.“ Dahinter steht nicht nur die Angst vor einer Neuauflage einer Art Jugoslawien, sondern auch der Wunsch, statt mit einer Staatengruppe aufgenommen zu werden, aus dieser einen Gruppe endlich herauszutreten, die Kroaten und Europäische Union eigentlich als rückständig betrachten. Während Jugoslawien unter Tito international ein anerkannter Staat und im Kalten Krieg ein wichtiger politischer Faktor war, haben die Zerfallskriege und ihre Gräueltaten alle jene Vorurteile wieder zum Leben erweckt, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Bild des Balkan prägten. So hatte man während der Kriege der 1990er Jahre bis hin zum Massaker an etwa 8.000 Bosniaken in Srebrenica durchaus den Eindruck, dass das „Pulverfass Balkan“ nicht den „Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert“ sei, wie das Bismarck aus seiner Zeit und seiner Sicht einst durchaus richtig formuliert hatte.
Doch die negativen Klischees über den Balkan reichen weit über das rein Kriegerische hinaus. Korruption, fehlender Rechtsstaat und Kriminalität zählen ebenso zu den Stereotypen, die auch der Erfolgsautor Karl May nicht unwesentlich mitgeprägt haben dürfte.11) So schreibt May über den „Kampf gegen die Organisierte Kriminalität“ am Balkan:12)
„Auf der Balkanhalbinsel hat das Räuberunwesen niemals gesteuert werden können: ja gerade in den gegenwärtigen Tagen berichten die Zeitungen fast ununterbrochen von Aufständen, Überfällen, Mordbrennereien und anderen Ereignissen, die auf die Haltlosigkeit der dortigen Zustände zurückzuführen sind.“
Die Schattenseiten der türkischen Rechtspflege in entlegenen Gegenden des Reiches charakterisiert May so:13)
„Unter den dortigen Verhältnissen ist es nicht zu verwundern, dass da, wo die verschiedenen, zuchtlosen, sich ewig befehdenden Stämme der Skipetaren ihre Wohnsitze haben, von einem wirklichen ,Recht‘ fast gar nicht gesprochen werden kann. Bei Ostromdscha beginnt das Gebiet dieser Skipetaren, die nur das eine Gesetz kennen, dass der Schwächere dem Stärkeren zu weichen hat. Wollten wir nicht den Kürzeren ziehen, so mussten wir dieses Gesetz auch für uns in Anspruch nehmen.“
Mehr als 100 Jahre und einige Kriege später werde ich heute immer noch gefragt, wie sicher die Lage im ehemaligen Jugoslawien nun eigentlich ist, ob es gefährlich oder ohne Probleme möglich ist, in die Region zu reisen. Meine Antwort lautet stets, es ist gefährlich, allerdings wegen der Fahrweise der Bewohner, die im Westbalkan wirklich zu wünschen übrig lässt. Natürlich haben sich vor allem die Völker des ehemaligen Jugoslawien und Albaniens ihr schlechtes Image weitgehend selbst zuzuschreiben. Trotzdem ist westliche Überheblichkeit keinesfalls angebracht, weil die EU und ihre Mitglieder oft selbst jene Standards nicht erfüllen, die sie am Balkan einführen wollen. Wo sind Medienfreiheit und unabhängige Berichterstattung besser entwickelt: am Westbalkan mit seinen vielen ausländischen Medienkonzernen oder im Italien Silvio Berlusconis? Als in Slowenien die konservative Regierung mit der Brechstange versuchte, Medien unter ihre Kontrolle zu bringen, gingen viele Journalisten mit einer Petition auf die Barrikaden, die europaweit Beachtung fand. Die Regierung verlor wenige Monate später auch deshalb die Wahl, wobei für mich Slowenien überhaupt ein positives Beispiel für eine lebendige Demokratie ist, die viel mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten bietet als in vielen anderen EU-Staaten.
Nach mehr als 40 Wahlen, die ich im ehemaligen Jugoslawien begleitet habe, muss ich mich doch fragen, wo demokratische Standards mehr zu wünschen übrigen lassen: in Albanien, Serbien oder in den USA – wenn man sich etwa an all die Probleme erinnert, die bei der ersten Wahl von George W. Bush offenbar geworden sind. Wer kontrolliert eigentlich in den USA, ob die Standards besser geworden sind, und vor allem welche Wirkung entfaltet dort ein kritischer Bericht internationaler Wahlbeobachter, der in Albanien wenigstens nicht sofort schubladisiert werden kann, weil dieses Land der EU beitreten will? Im Wahlkampf in Albanien erklärte mir die kleine, von Studenten getragene Oppositionspartei G 99, die konservative Regierung sei allein wegen Schmiergeldzahlungen beim Bau der Autobahn an die Grenze zu Kosovo untragbar. Außerdem sei der Bau viel teurer gewesen als geplant. Ich dachte an den Wiener Flughafen und musste wieder einmal zum Schluss kommen, dass die kritische Berichterstattung über Mängel und Missstände am Balkan einem nicht gerade leicht gemacht wird. Trotzdem ist eine derartige kritische Berichterstattung freilich unerlässlich; denn natürlich kann es nicht das Ziel der EU sein, die in diversen EU-Staaten herrschenden niedrigsten Standards als Maßstab für die Aufnahme neuer Mitglieder zu verwenden, wie das vielleicht bei der Aufnahme von Rumänien und Bulgarien teilweise der Fall war.
Trotzdem will ich mich nicht mit der Erkenntnis abfinden, dass der Balkan in Wien am Rennweg14) beginnt und sich immer stärker Richtung Norden und Westen ausbreitet. Diese Entwicklung beklagte Alexander Vodopivec in seinem Buch „Die Balkanisierung Österreichs“15) bereits vor mehr als 40 Jahren auf eindrucksvolle Weise:
„Balkan – das war einmal gleichbedeutend mit Unverläßlichkeit, Lethargie, Korruption, Verantwortungsscheu, Mißwirtschaft, Verwischung der Kompetenzen und Grenzen in der Rechtsordnung und noch einiges mehr. Der Begriff beschränkte sich ursprünglich auf die Südoststaaten Europas. Eine nicht eben erfreuliche Entwicklung hat ihn jedoch aus seinen geographischen Grenzen herausgelöst. Vieles von dem, was seinen Inhalt ausmacht, ist in einer Art Westwanderung Bestandteil der österreichischen Politik geworden. Für diesen Prozeß wurde hier das Wort Balkanisierung gewählt; ihn zu schildern, setzt sich dieses Buch zum Ziel.“
Was würde Vodopivec heute schreiben (müssen)? Mich erfüllt jedenfalls nach zehnjähriger Tätigkeit als Korrespondent der Eindruck mit Sorge, dass wir anstelle einer dynamischen Europäisierung des Balkans eine weit raschere Balkanisierung Europas erleben, die der realen Ausbreitung der Balkan-Stereotypen immer weniger Grenzen setzt. Gerade deswegen ist der Titel meines Buches „Im Kreuzfeuer – Am Balkan zwischen Brüssel und Belgrad“ durchaus hintergründig und zweideutig gemeint.
Anmerkungen
1) Die Balkanhalbinsel hat eine Fläche von 505.000 Quadratkilometern und ca. 50 Millionen Einwohner. Begrenzt wird die Halbinsel an drei Seiten durch Meere (Schwarzes Meer, Marmarameer, Ägäisches Meer, Ionisches Meer und Adriatisches Meer). Die geografische Abgrenzung ist ebenso umstritten wie die Frage, welche Staaten dem Balkan zugehören. Unzweifelhaft sind das Bulgarien, Griechenland, Albanien, der Kosovo, Mazedonien, Serbien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina. Das romanische Rumänien und vor allem das katholische Kroatien haben bereits massive Vorbehalte, zum Balkan gerechnet zu werden. Den zivilisatorischen Aspekt dieser Zuordnung habe ich weiter unten ausführlich erläutert.
2) Westbalkan ist ein ausschließlich politischer Begriff, eine künstliche Schöpfung für eine Ländergruppe auf dem Weg Richtung EU. Der Westbalkan umfasst das ehemalige Jugoslawien minus Slowenien plus Albanien. Somit zählen sieben Staaten zum Westbalkan: Albanien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien, Mazedonien und der Kosovo. Allein die wirtschaftlichen Entwicklungsunterschiede zwischen Kroatien und dem Kosovo zeigen, wie heterogen diese Gruppe ist; gleiches gilt für das Niveau der EU-Annäherung.
3) Die sechs Orienterzählungen sind: „Durch die Wüste“, „Durchs wilde Kurdistan“, „Von Bagdad nach Stambul“, „In den Schluchten des Balkan“, „Durch das Land der Skipetaren“ und „Der Schut.“
4) Die entscheidenden territorialen Veränderungen brachte nach dem türkisch-russischen Krieg der Berliner Kongress. Ergebnis der Verhandlungen war der am 13. Juli 1878 unterzeichnete Berliner Vertrag, der den Frieden von San Stefano zuungunsten Russlands revidierte. „Groß-Bulgarien“ wurde aufgeteilt in das zwar autonome, formal aber unter osmanischer Herrschaft stehende Fürstentum Bulgarien, in die Provinz Rumelien und in das osmanische Mazedonien. Die Unabhängigkeit von Rumänien, Serbien und Montenegro wurde anerkannt. Österreich-Ungarn erhielt gegen den Protest der Türkei das Recht, Bosnien und die Herzegowina zu besetzen, um den russischen Machtzuwachs auf dem Balkan auszugleichen. 1908 erfolgte dann die Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn.
5) An den beiden Balkankriegen nahmen in wechselnden Bündnissen folgende Staaten Teil: das Osmanische Reich, Bulgarien, Montenegro, Serbien, Griechenland und Rumänien. Zu den Ergebnissen der Balkankriege zählte die Aufteilung der historischen Region Mazedonien und die Unabhängigkeit Albaniens. Serbien und Griechenland hatten sich schon auf die Aufteilung der albanischen Gebiete geeinigt, aber mit italienischer und deutscher Unterstützung konnte Österreich-Ungarn das verhindern. Durch die Schaffung des neuen Staates Albanien erreichte die Wiener Diplomatie ihr Ziel, Serbien von der Adria fernzuhalten. Die Balkankriege waren Wegbereiter für den Eintritt der südosteuropäischen Staaten in den Ersten Weltkrieg. Das Osmanische Reich trat ebenso wie das auf dem Balkan isolierte Bulgarien an der Seite der Mittelmächte in den Krieg ein. Beide Mächte strebten eine Revision der neu gezogenen Grenzen an.
6) Jugoslawien war ein unter der Schirmherrschaft der Westmächte geschaffenes künstliches Gebilde. Zusammengesetzt wurde es aus den Randzonen jener beiden Vielvölkerstaaten, die auf dem Balkan am längsten Bestand hatten und sein Bild am dauerhaftesten geprägt haben: das Osmanische Reich und die österreichisch-ungarische Monarchie, der Erbe des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
7) NEUBACHER, Hermann. „Sonderauftrag Südost. 1940–45, Bericht eines fliegenden Diplomaten 1956“. Musterschmid Verlag, Göttingen. S. 17 f. Neubacher war während des Zweiten Weltkriegs Sondergesandter des deutschen Reichsaußenministeriums für den Balkan.
8) In Kroatien dauert die jährlich fällige Verlängerung der Akkreditierung als Auslandskorrespondent mindestens eine Woche, in Bosnien und Herzegowina 30 Minuten. Wenn ich meine kroatischen Freunde aufziehen will, frage ich immer: „Wisst Ihr, was Euch Serben, Bosniaken, Albaner und Montenegriner voraus haben?“. Auf die erstaunte bis entrüstete Gegenfrage: „Was?!“ lautet die Antwort: „Sie wissen, dass sie am Balkan sind!“
9) Slowenien blieb diese Zuordnung vor allem erspart, weil der „Krieg“ nur zehn Tage dauerte. Slowenien konnte sich somit am unbeschadetsten aus der Konkursmasse des alten Jugoslawien verabschieden. Daher hat Slowenien auch keine Probleme mit dem Haager Tribunal. Außerdem war das Land die am weitesten entwickelte Teilrepublik und verfügte in den 1990er Jahren über eine sehr fähige politische Elite, die nach einigen Anlaufschwierigkeiten Slowenien konsequent Richtung EU steuerte.
10) Dabei ging es um die Fahndung nach General Ante Gotovina. Vom Haager Tribunal wegen Kriegsverbrechen im Zuge der Befreiung Kroatiens angeklagt, war Gotovina seit Sommer 2001 auf der Flucht. Verhaftet wurde er im Oktober 2005 in Spanien.
11) Karl May zählt seit mehr als einhundert Jahren zu den meistgelesenen Schriftstellern weltweit. Sein Werk wurde in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. Die Weltauflage liegt bei mehr als 200 Millionen Bänden (davon ca. 100 Millionen in Deutschland). Ganze Generationen bezogen ihr Bild von den Indianern oder dem Orient aus seinen Werken.
12) MAY, Karl: „In den Schluchten des Balkan“. Karl May Verlag, Bamberg Radebeul. S. 20
13) MAY, Karl: „Durch das Land der Skipetaren“. Karl May Verlag, Bamberg Radebeul. S. 5
14) Dieser Ausspruch wird Fürst Metternich zugeschrieben, dessen Villa im dritten Bezirk stand. Die Stoßrichtung seiner Aussage, konnte ich nicht klären. Eine Interpretation lautet, dass sich am Rennweg die erste Karawanserei befand, und Metternich dadurch zu dieser Aussage veranlasst wurde, die heute somit vielleicht eine ganz andere Bedeutung hätte.
15) VODOPIVEC, Alexander. „Die Balkanisierung Österreichs – Folgen einer großen Koalition“. Fritz Molden Verlag, Wien – München, 1966
2.
Der Balkan und seine Bedeutung für Österreich

Mit Bundespräsident Fischer in Kroatien: Krawatten-Richten vor dem Interview
Die Putzfrau aus Požarevac war für mich – als ich 1987 nach Wien kam – einer meiner ersten direkten Kontakte mit dem Balkan. Damals sagte mir die Stadt nicht viel, und außer dass sie in Serbien lag, wusste ich eigentlich nichts über sie. Vor allem den historischen Zusammenhang mit Österreich konnte ich nicht herstellen. Das änderte sich bereits im Jahr 2000, als ich in die Stadt zu einer Reportage über Slobodan Milošević fuhr, der dort geboren und nach seinem Tod in einer Zelle des Haager Tribunals auch begraben wurde.1) Ehrfürchtiger betrachtete ich die Stadt nach dem Besuch des damals noch recht verfallen wirkenden kleinen Museums. Požarevac ist das historische Passarowitz aus meiner Schulzeit. Der Friede von Passarowitz, geschlossen am 21. Juli 1718 zwischen Karl VI. und Venedig einerseits sowie Sultan Ahmed III. andererseits, führte zur größten Ausdehnung der Herrschaft der Habsburger am Balkan.2) Letztlich war Passarowitz für 20 Jahre Grenzstadt des Reiches.
Wie prägend diese 20 Jahre für die Stadt waren, weiß ich nicht. Die zwischenmenschlichen Kontakte zu Österreich sind jedenfalls eng; sie dokumentiert allein schon die Autobusstation, denn jeden Tag fährt ein Autobus von Požarevac nach Wien. Eine Fahrkarte tour-retour kostet 70 Euro, wobei die Fahrt 12 Stunden dauert. Ein Viertel der Stadtbevölkerung arbeitet als Gastarbeiter im Ausland, und so kam auch jene Putzfrau aus Požarevac nach Wien, in ihre ehemalige Reichs- und Residenzstadt. Doch das Imperium schlägt bekanntlich zurück, und die stetig wachsenden wirtschaftlichen Kontakte haben dazu geführt, dass Firmen aus Österreich am Balkan auch im Putz- und Reinigungsgeschäft tätig sind. Dazu zählt die Firma Securicom aus Niederösterreich,3) die in Mazedonien 1.400 Mitarbeiter beschäftigt, davon mehr als 500 im Reinigungssektor. Angeboten werden simple Stiegenhausreinigungen über spezielle Putztrupps für Krankenhäuser bis hin zu solchen für Industrieanlagen. Der Vorteil dieser und ähnlicher Anbieter sind moderne Technologie und ein Grad an Hygiene, auf die nicht nur internationale Firmen und Organisationen nicht verzichten wollen.
Als Investor liegt Österreich mit 340 Millionen Euro in Mazedonien an vierter Stelle,4) 50 Firmen sind mit Niederlassungen oder Produktionsstättenvertreten oder wie Knauf oder Tondach. Der Dachziegelhersteller aus Kleinstätten in der Steiermark war für mich immer ein Beispiel, wie die Ostöffnung die österreichische Wirtschaft verändert hat. Aus einem kleinen Ziegelwerk mit 250 Mitarbeitern wurde eine Aktiengesellschaft, die in Ost- und Südosteuropa mit 34 Werken vertreten ist und 3.100 Mitarbeiter beschäftigt, davon 300 in Österreich.5) Eine umfassende Geschichte dieser Transformation der österreichischen Wirtschaft ist bisher nicht geschrieben worden, und im Bewusstsein der Bevölkerung ist dieser enorme Wandel der vergangenen 20 Jahre noch viel zu wenig präsent. Trotzdem war und ist die Expansion natürlich mit Risiken und Problemen verbunden, die in besonders gravierenden Fällen auch eine klare politische Rückendeckung durch die österreichische Regierung erforderlich machen. Beispiele dafür finden sich in Mazedonien, Kroatien und anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawien, über die ich immer wieder berichtet habe. Dazu zählen Rechtsunsicherheit, weil beispielsweise das Grundbuch noch immer nicht zuverlässig ist, Korruption, Behördenwillkür und Bürokratie. All diese Erscheinungsformen zeigen, wie wichtig einerseits die rasche EU-Annäherung des Westbalkans, aber auch das Beharren auf der konsequenten Erfüllung von Kriterien ist. Denn ist ein Staat erst einmal Mitglied der EU, sind die Möglichkeiten weit geringer, ihn zu schwierigen Reformen zu veranlassen.
Ein Beispiel für jene Reformen, auf deren Umsetzung vor dem EU-Beitritt hätte beharrt werden müssen, bietet das Justizwesen in Slowenien. 2008 waren 500.000 Gerichtsverfahren anhängig, wobei die lange Verfahrensdauer durch extensive Einspruchsmöglichkeiten und die Belastung der Richter auch mit einfachen Verwaltungsaufgaben den Rückstau kontinuierlich erhöht. All das beeinträchtigt die Durchsetzbarkeit der Einhebung von Außenständen, ein Problem das angesichts der Wirtschaftskrise zunehmend an Bedeutung gewinnt. Trotzdem ist gerade Slowenien das Paradebeispiel für die außergewöhnliche Erfolgsgeschichte der österreichischen Wirtschaft. Die Gesamtsumme der Auslandsinvestitionen beläuft sich auf ca. 9,5 Milliarden Euro; davon stammen aus Österreich 4,3 Milliarden. Damit ist Österreich bei weitem der größte Investor. 700 heimische Firmen sind mit Niederlassungen in Slowenien tätig. Österreich ist der drittwichtigste Warenlieferant und der viertwichtigste Abnehmer slowenischer Waren. 2008 exportierte Österreich Waren im Wert von 2,55 Milliarden Euro, die Importe lagen bei 1,2 Milliarden. Unter den wichtigsten Exportmärkten liegt Slowenien an dreizehnter Stelle. Somit beziehen die zwei Millionen Slowenen etwa gleich viel Waren aus Österreich, wie die 2,4 Milliarden Chinesen und Inder zusammen. Beim Pro-Kopf-Import ist Slowenien mit etwa 1.275 Euro weiter an den Spitze.
Hervorragend ist die österreichische Position auch in Kroatien. Nach Angaben der Nationalbank in Agram betragen die ausländischen Direktinvestitionen seit 1993 mehr als 21 Milliarden Euro, davon entfallen mehr als sechs Milliarden auf Österreich, das auch in Kroatien größter Investor ist. Mehr als 800 Firmen sind vertreten, und die Außenhandelsstelle der Wirtschaftskammer in Agram hatte in den vergangenen zwei Jahren (Stand Juli 2009) mit mehr als 5.600 Firmen aus Österreich Kontakt. Die Zahl der in Kroatien tätigen Firmen aus Österreich schätzt die Außenhandelsstelle auf mehr als 7.000.6) Obwohl in Serbien die Reformen erst mit dem Sturz von Slobodan Milošević im Jahr 2000 einsetzten, haben Firmen aus Österreich in diesem mit etwa acht Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Land des ehemaligen Jugoslawien bis Sommer 2009 knapp zwei Milliarden Euro investiert. 270 Firmen sind bei der Außenhandelsstelle in Belgrad registriert, in den 1990er Jahren waren es 40. Bedeutsam ist Österreich auch als Arbeitgeber mit jeweils mehr als 20.000 Beschäftigten in Serbien und Kroatien.
Das Rennen um Mobi 63
Serbien war für mich persönlich auch der Ort, an dem ich bisher meinen spannendsten Wirtschaftsbericht verfasst habe. Es war dies das Rennen um Mobi 63, den zweitgrößten Mobilfunkanbieter Serbiens, zwischen der Mobilkom Austria und der norwegischen Telenor.
Der Mindestpreis bei der Auktion Ende Juli 2006 für die Mobi 63 lag bei 800 Millionen Euro. Diesen Preis waren drei Bieter bereit zu zahlen: die Mobilkom Austria, die norwegische Telenor und die ägyptische Gesellschaft Orascom. Alle drei hatten versiegelte Angebote abgegeben, wobei das höchste dieser drei Angebote als Ausrufungspreis galt. Als dieser mit einer Milliarde 373 Millionen Euro bekannt gegeben wurde, ging ein Raunen durch den Auktionssaal in einem Belgrader Hotel. Die Ägypter stiegen sofort aus, während Telenor und Mobilkom Austria mitgingen. Gesteigert wurde in Schritten von je 20 Millionen Euro. Schließlich wurde ein Wert von einer Milliarde 513 Millionen Euro erreicht und keine der beiden Interessenten ging noch einen Schritt weiter. Durch diesen Gleichstand entschied das höhere Erstgebot, das die Norweger mit einer Milliarde 373 Millionen Euro gelegt hatten. Das Erstgebot der Mobilkom Austria lag dagegen bei 805 Millionen Euro.
Beim monatelangen Ringen um die Mobi 63 spielte auch der österreichische Unternehmer Martin Schlaff eine entscheidende Rolle. Je höher der Kaufpreis ausfallen würde, desto größer wurde auch sein Verdienst. Schlaff saß während der Auktion im Saal des Belgrader Hotels, in dem die Entscheidung zwischen Norwegen und Österreich fiel. Jedes Mal wenn einer der beiden Firmenvertreter sein Taferl hob und damit den Kaufpreis um 20 Millionen Euro erhöhte, stieg auch Schlaffs Anteil, um einen Betrag, der klar über der Summe lag, die ich bei meinem Arbeitgeber ORF bis zu meiner Pension noch an Gehalt beziehen werden. Das erfüllte mich keineswegs mit Neid, ich war einfach vom gesamten Ablauf fasziniert. Schließlich konnte Martin Schlaff jedenfalls zufrieden sein. Von den 1,5 Milliarden Euro gingen etwa 300 Millionen direkt an den serbischen Staat. Von den restlichen 1,2 Milliarden erhielten Schlaff & Co 30 Prozent, das sind 360 Millionen. Abzüglich der Aufwendungen von etwa 150 Millionen verdienten Schlaff und die anderen österreichischen Investoren somit etwa 200 Millionen Euro – kein schlechtes Geschäft, auch wenn ihr langjähriger Partner, die Mobilkom Austria an diesem Tag in Serbien leer ausging. Im November kaufte die Mobilkom für 320 Millionen und einen Euro die dritte Mobilfunklizenz und stieg auf diese Weise in den serbischen Markt ein.
Die Präsenz österreichischer Firmen im ehemaligen Jugoslawien ist jedoch nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern hat auch eine geistige und politische Dimension. So exportieren heimische Unternehmen natürlich auch ihre Form der Unternehmenskultur, und sind – gemeinsam mit anderen hochentwickelten Firmen – der entscheidende Faktor in der Modernisierung dieser Länder. Was das konkret heißt, erlebte ich vor allem beim Einstieg österreichischer Banken, die die ersten in Serbien und Albanien waren. Allein die Schulung hunderter lokaler Mitarbeiter kann in seiner Bedeutung als Wissenstransfer nicht hoch genug eingeschätzt werden, eine Leistung, die natürlich auch alle anderen Investoren erbringen.
Ausbau der österreichischen Wirtschaftspräsenz
Die Modernisierung und die Schaffung von Arbeitsplätzen sind ein ganz entscheidender Beitrag zur politischen Stabilisierung einer Region, die durch die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise nun ebenso massiv getroffen ist. 2009 werden möglicherweise mit Ausnahme von Albanien alle anderen Staaten einen klaren Rückgang ihrer Wirtschaftsleistung aufweisen. Ausländische Direktinvestitionen sind stark gesunken, noch nicht abschätzen lassen sich die Folgen für die Fremdenverkehrsstatistik und der Umstand, dass wohl auch die Gastarbeiter weit weniger Geld werden überweisen können. Die soziale Lage ist in der gesamten Region sehr schwierig, trotzdem liegt das langfristige Engagement weiter auch im Interesse der österreichischen Wirtschaft selbst. Ein gutes Beispiel dafür bieten die Präsenz von Verbund und EVN in Albanien, wo beide Unternehmen gemeinsamen ein Laufkraftwerk errichten werden und die EVN binnen zehn Jahren eine Kette aus drei Speicherkraftwerken bauen wird. Derartige Großprojekte sind heute in Europa eher rar, und ihre Umsetzung bedeutet auch für die Unternehmen, abgesehen vom finanziellen Aspekt, einen wichtigen Zuwachs an Wissen und Erfahrung.
Die massive Präsenz der „Balkan-Völker“ in Österreich bedeutet jedenfalls Chance und Herausforderung zugleich. Die Chance liegt in der „Nutzung“ der Gastarbeiterkinder der zweiten und dritten Generation zur Stärkung der Marktposition am Balkan. Wie nahe Österreich dieser Region ist, zeigt der Umstand, dass Belgrad von Wien nur etwa 600 Kilometer entfernt ist, das entspricht in Distanz und Reisedauer auch dem Weg von Wien nach Bregenz. Umgekehrt wird man von Klagenfurt nach Agram nach Fertigstellung der Autobahn durch Slowenien nicht länger mit dem Auto brauchen als nach Wien. Ebenso wenig darf aber die Herausforderung dieser massiven Präsenz übersehen werden. Sie liegt in einer erfolgreichen Integration, damit diese Gruppen entsprechende Bildungschancen auch nutzen können. Hinzu kommt natürlich die Herausforderung durch die organisierte Kriminalität in all ihren Formen (Balkan-Route). Ihre Bekämpfung setzt eine umfassende Polizeikooperation voraus, die durch bilaterale und EU-Programme von österreichischer Seite genauso intensiv gefördert wird wie durch die Präsenz von Verbindungsbeamten des Innenministeriums an den Botschaften in dieser Region.
Entscheidend für den Erfolg all dieser Maßnahmen und auch für einen weiteren Ausbau der österreichischen Wirtschaftspräsenz ist und bleibt die dauerhafte politische Stabilisierung des Westbalkans.7) Angesichts der engen persönlichen und kulturellen Beziehungen, der geografischen Nähe und der Tatsache, dass heimische Firmen – angefangen mit dem Erzeuger von Kräutertees bis zum Produzenten von Schiliften und Sesselbahnen – in dieser Region vertreten sind, muss die Heranführung des Balkans an die EU wohl die Priorität der österreichischen Außenpolitik sein. Dem entspricht der Umstand, dass es keine Region auf der Welt gibt, in der Österreich auch personell eine derartige Rolle gespielt hat und spielt wie am Balkan. Ein Blick auf die Funktionen, die Österreicher inne hatten und haben, zeigt, wie weit diese Rolle über Bevölkerungszahl und politisches Gewicht der Republik hinausreicht. Zu diesen Funktionsträgern zählten und zählen:
Der Diplomat Stefan Lehne, der als rechte Hand von Javier Solana eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen über die Umwandlung Jugoslawiens in den Staatenbund Serbien und Montenegro spielte.
Der ehemalige Generalsekretär des Außenministeriums, Albert Rohan. Während der Verhandlungen über den endgültigen Status des Kosovos war er Stellvertreter des ehemaligen finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari, der diese UNO-Mission leitete.
Die Diplomaten Wolfgang Petritsch und Valentin Inzko. Petritsch wurde während seiner Zeit als österreichischer Botschafter in Belgrad (1997 bis 1999) zum EU-Sonderbeauftragten für den Kosovo ernannt. Als solcher war er 1999 EU-Chefverhandler bei den gescheiterten Friedensverhandlungen von Rambouillet. Zwischen 1999 und 2002 war Petritsch Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina und für die zivile Umsetzung des Friedensvertrages von Dayton verantwortlich. Diese Funktion übt seit 2009 Valentin Inzko aus. Wie wichtig diese Aufgaben auch für Österreich sind, zeigt sich daran, dass heimische Firmen mehr als 1,4 Milliarden Euro investiert haben und damit größter Investor in Bosnien sind.
Der Diplomat Werner Almhofer leitet seit 2008 die OSZE-Mission im Kosovo. Als Geschäftsträger war er lange in Belgrad und darüber hinaus auch als Botschafter in Sarajevo tätig.
Der ehemalige Vizekanzler Erhard Busek; von 2002 bis 2008 leitete er den EU-Stabilitätspakt für Südosteuropa.
Hannes Swoboda, Abgeordneter zum Europäischen Parlament, war für das Jahr 2008 Berichterstatter des Parlaments für den Fortschrittsbericht über die EU-Annäherung Kroatiens.
Altkanzler Franz Vranitzky; er war von März bis Oktober 1997 OSZE-Sonderbeauftragter für Albanien. Bei der Parlamentswahl in Albanien Ende Juni 2009 stellte Österreich mit dem Nationalratsabgeordneten Wolfgang Großruck zum ersten Mal den Leiter einer Mission von internationalen Wahlbeobachtern.
Zu nennen sind im Zusammenhang mit dem Balkan noch zwei Personen, die Kraft ihrer Funktion aber auch durch ihren persönlichen Einsatz in Albanien einen Ruf genießen, der in Österreich weitgehend unbekannt ist. Dies sind die frühere Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer und die Steirerin Marianne Graf, die mit ihrer Partnerschaft Albania – Austria auf der Grundlage von privaten Spenden vielen Menschen vor allem in Nordalbanien seit zehn Jahren hilft. Dabei geht es immer um Hilfe zur Selbsthilfe, und die Gemeinde Rubik ehrte Graf im Juni 2009, indem sie eine Straße nach der Steirerin benannte. Rubik ist eine ehemalige Industriestadt; die Industrie ist zusammengebrochen, die Hälfte der 8.000 Bewohner ist arbeitslos, jeder Vierte arbeitet als Gastarbeiter im Ausland, um die Familien daheim zu ernähren. Die internationale Krise hat auch diese Gastarbeiter getroffen, die nun weniger Geld schicken. 500 Familien erhalten pro Monate eine Sozialhilfe von 20 Euro, während ein Kilogramm Reis etwa 70 Eurocent kostet. In dieser Stadt hat Graf Schulen, Wohnungen für Arme, ein Bildungszentrum für Frauen und Jugendliche gebaut. Ein Hang wurde bepflanzt, um die Stadt vor Muren zu schützen. Das sind nur einige Projekte, die Graf in dieser Stadt, aber auch in anderen Teilen Albaniens auf die Beine gestellt hat.
Was Elisabeth Gehrer betrifft, stellt sich die Frage, wie das Schulwesen in Albanien ohne ihre Hilfe wohl aussehen müsste. 16.000 Schultische, 27.000 Stühle, 500 Tafeln und 125.000 Hefte haben Schulen in Österreich auf ihre Initiative hin gesammelt und nach Albanien gebracht. Ihr verdankt das Land auch einen Bildungsbeauftragten, der nun die Schule in der Stadt Shkodra im Norden leitet, die Österreich gebaut hat. Diese Höhere Technische Schule für Informationstechnologie umfasst neun Schulstufen, wobei der Unterricht in einigen Fächern auch in deutscher Sprache stattfindet. Nordalbanien ist ein österreichischer Schwerpunkt der Entwicklungszusammenarbeit, die von der Verbesserung der Wasserversorgung über die Steigerung des Wirkungsgrades von Kraftwerken bis hin zur Unterstützung von landwirtschaftlichen Fachschulen reicht.8) Derartige Projekte verwirklicht Österreich auch in allen anderen Staaten des Westbalkans, wobei auf die Zusammenarbeit im universitären Bereich ebenso großer Wert gelegt wird. Dazu zählt ein Projekt im Kosovo, wo Österreich in wesentlichem Ausmaß an der Akkreditierung von privaten Universitäten beteiligt ist. Diese Zusammenarbeit mit dem Westbalkan ist durchaus keine Einbahnstraße, weil Studenten aus diesen Ländern nach ihrer Rückkehr in die Heimat durchaus auch politisch Karriere gemacht haben, und etwa als Unterrichtsminister den Regierungen in Albanien und im Kosovo angehört haben, bzw. angehören. Hinzu kommt, dass in den österreichischen Museen noch umfangreiche Sammlungen aus den ehemaligen Kronländern der Monarchie lagern, die im Zuge einer geplanten Digitalisierung in Zusammenarbeit mit Museen von Agram über Belgrad bis Skopje erfasst werden könnten.
Generell ist festzustellen, dass Österreich bei der geistigen und kulturellen Entwicklung am Balkan eine Rolle gespielt hat, die weit über das hinausgeht, was noch im Bewusstsein Österreichs selbst verankert ist. Das betrifft etwa die Entwicklung des Bildungswesens in Bosnien, gilt aber auch für die Aufenthalte von führenden geistigen Vertretern aus diesen Ländern in Österreich. Ein Paradebeispiel ist Vuk Stefanović Karadžić (1787–1864). Den entscheidenden Abschnitt seines schöpferischen Lebens verbrachte der Vater der modernen serbischen Schriftsprache in Wien, wo er mit der Österreicherin Ana Maria Kraus verheiratet war. Karadžić reinigte die serbische Sprache von vor allem kirchenslawischen Einflüssen, schuf ein neues Alphabet und verfasste eine Grammatik und ein Wörterbuch. Viele seiner Werke publizierte er zuerst in Wien. Seine Zusammenarbeit mit dem Zensor Jernej Kopitar9) war besonders fruchtbringend. Vuk Karadžić starb in Wien, seine Sprache wurde in Serbien erst vier Jahre später zur offiziellen Schriftsprache Serbiens. 1897 wurden seine sterblichen Überreste nach Belgrad überführt. Seine letzte Ruhestätte fand er schließlich beim Eingang einer Kirche, gegenüber dem serbischen Patriarchat. Von der österreichischen Botschaft liegt diese Kirche nur hundert Meter entfernt, sodass die historische Nähe gewahrt blieb.
Nach dem Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo war oft vom Balkan als dem österreichischen Schicksalsraum die Rede. Ich bin kein Anhänger des philosophischen Determinismus, obwohl sich für mich persönlich der Balkan durchaus als schicksalhaft erwiesen hat. Faktum ist, dass wir mit diesen Völkern jahrhundertelang zum Teil sogar in einem gemeinsamen Staat gelebt haben. Daraus resultieren kulturelle Nähe, große wirtschaftliche Chancen aber auch politische und soziale Herausforderungen. Gegen die Geografie lässt sich nicht Politik machen, daher bleibt Ost- und Südosteuropa für Österreich der Schlüsselraum. Mit diesem Raum und seinen Völkern verbindet uns eine gemeinsame Geschichte, die auch viele Wunden geschlagen hat – auf beiden Seiten. Wir dürfen uns nicht zu Geiseln dieser Geschichte machen, eine Lehre, die gerade diese Völker vielfach erst noch ziehen müssen. Doch wir müssen die Geschichte, die Kultur und die Mentalität der Völker verstehen, nicht zuletzt um unsere Chancen zu nutzen und um gemeinsam die Zukunft in einem friedlichen Europa zu meistern. Nach zehn Jahren am Balkan kann ich daher nur sagen, dass uns noch eine große intellektuelle Aufgabe bevorsteht.
Anmerkungen
1) Unter einer angeblich hundertjährigen Linde wurde Slobodan Milošević im Garten seiner Villa am 18. März 2006 beigesetzt. Erzählungen zufolge soll Milošević unter diesem Baum seine spätere Ehefrau Mira Marković zum ersten Mal geküsst haben. Auch Mira stammt aus der ostserbischen Stadt.
2) Mit dem Frieden von Passarowitz trat das Osmanische Reich das Temesvarer Banat und die Kleine Walachei (im heutigen Rumänien) sowie Nordserbien mit Belgrad und einen Grenzstreifen in Nordbosnien an Österreich ab. 1739 gingen die Gebiete mit Ausnahme des Banats mit dem Frieden von Belgrad wieder verloren.
3) Wenn Firmen in diesem Buch oder in diesem Kapitel genannt werden, so erfolgt dies einfach deshalb, weil auch beim Schreiben konkrete Angaben besser sind als anonyme, und weil mir diese Firmen als besonders schlagendes Beispiel im Gedächtnis geblieben sind. Die Fehler und Versäumnisse in der Medienarbeit vieler österreichischer Firmen nicht nur am Balkan, könnten ein eigenes Lehrbuch füllen. Derartige Fehler können durchaus Geschäftsabschlüsse gefährden oder andere finanzielle Auswirkungen haben, weil gerade Boulevardblätter sehr rasch alles mögliche schreiben und kaum wirksam zur Verantwortung gezogen werden können, wenn man neu auf dem Markt ist.
4) Daten über ausländische Direktinvestitionen sowie Außenhandelsstatistiken weisen oft beachtliche Abweichungen auf. Gleiches gilt für die Zahl von Firmen, die im Ausland präsent sind, weil sich Unternehmen oft erst dann an die Außenhandelsstellen der Wirtschaftskammer oder an die Botschaften wenden, wenn es „brennt“.
5) Dasselbe gilt trotz ihrer wechselvollen Geschichte für die Hypo-Alpe-Adria-Bank und natürlich auch die oberösterreichische Asamer-Gruppe mit ihren Kies-, Zement- und Betonwerken.
6) Gerade diese führende Stellung in Slowenien und Kroatien zeigt, wie groß das Interesse Österreichs an einem raschen EU-Beitritt Kroatiens und damit an einer raschen Lösung des Grenzstreits mit Slowenien sein muss.
7) Der Westbalkan umfasst das ehemalige Jugoslawien minus Slowenien plus Albanien.
8) Zu erwähnen ist auch die enge Zusammenarbeit zwischen der Universität von Shkodra und der Universität Graz.
9) Jernej Kopitar (1780–1844) ist selbst ein gutes Beispiel für die enge Beziehung zum ehemaligen Jugoslawien. Nach dem Abschluss des Gymnasiums in Laibach und Hauslehrertätigkeiten ging der gebürtige Slowene nach Wien. Dort studierte er Rechtswissenschaften und befasste sich mit slawischen Sprachen. Seit 1810 war er an der Wiener Hofbibliothek beschäftigt, unter anderem als Zensor slawischer Bücher. Kopitar gilt als einer der Mitbegründer der wissenschaftlichen Slawistik und stand am Beginn der Bildung einer wissenschaftlichen slowenischen Grammatik. So veröffentlichte er 1808 eine „Grammatik der slavischen Sprache in Krain, Kärnten und Steyermark“, ein Jahr später eine „Grammatik des Slovenischen“.
3.
Der Weg nach Lipovac – Kroatiens serbische Hauptstadt

Nur Bares bringt Wahres:
Mein „Lieblingsdorf“ an der kroatisch-serbischen Grenze
Der 14. Februar 2000 war ein schöner Tag und für mich gleichzeitig der Beginn einer Reise nach Belgrad und durch die „Schluchten des Balkan“, die bis heute andauert. Meinen vorläufigen Entsendevertrag als interimistischer Büroleiter in Belgrad hatte ich bereits im Herbst 1999 unterschrieben, und dann bei der jugoslawischen Botschaft in Wien um das Visum angesucht. Das bange Warten auf das grüne Licht aus Belgrad endete ausgerechnet am 23. Dezember. Die Botschaft rief an und teilte mit, dass mir das Visum erteilt werde. Für mich war diese Nachricht ein wirklich schönes Weihnachtsgeschenk. Auslandskorrespondent zu werden war stets mein Ziel gewesen, und nun stand diesem meinem journalistischen Traumberuf nichts mehr entgegen. Einziger wirklicher Wermutstropfen war, dass ich allein fahren musste. Die politische Lage in Serbien unter Slobodan Milošević war einfach zu unsicher, um die Familie mitnehmen zu können. Außerdem dachte niemand von uns im Traum daran, dass der Balkan zu meiner beruflichen Schicksalsregion werden und der Aufenthalt so lang dauern würde.
Auf die Herausforderungen für die Familie war ich weniger vorbereitet als auf die beruflichen Herausforderungen. Daher verliefen die privaten und beruflichen Vorbereitungen ohne große Aufregung. Als der Tag der Abreise da war, frühstückten meine Töchter Michaela, Immanuela, meine Frau Elisabeth und ich noch gemeinsam und feierten Michaelas 18. Geburtstag. Dann fuhr ich ins ORF-Zentrum am Küniglberg, holte 40.000 DM und den Transporter mit zwei Extrakanistern und fuhr gegen 11 Uhr los – Belgrad entgegen.
Das Geld brauchte ich aus demselben Grund wie die Kanister. Serbien war wegen der Politik seines Autokraten Slobodan Milošević nach langen Jahren des Zauderns und Zögerns von der UNO mit spürbaren Sanktionen belegt worden. Sie ließen sich zwar umgehen, wurden auch umgangen – das machte viele Zwischenhändler und Schmuggler enorm reich –, ruinierten aber langsam das Land und erschwerten das Alltagsleben massiv. Wegen der Sanktionen gab es in Serbien nur eine einzige westliche Bank, aber trotzdem keinen direkten, regulären internationalen Zahlungsverkehr mit dem Westen. Also brauchte ich Geld, denn in Serbien galt die Devise: „Nur Bares ist Wahres“ – und das war nicht der Dinar, sondern die Deutsche Mark, mit der ich zu rechnen lernte wie mit dem Schilling. Hätte ich all das Geld, das ich in den ersten zwei Jahren meines Mandats in meinen Hosentaschen nach Belgrad schmuggelte, vom ORF auf einmal bekommen, wer weiß, ob ich nicht schwach geworden wäre und mich abgesetzt hätte, scherzte ich oft mit meinem Drehteam.
Die Kanister brauchte ich, weil auch ein Öl-Embargo galt, und weil ich nicht sofort auf geschmuggelten und gepanschten Treibstoff angewiesen sein wollte. Wie ich sofort nach meiner Ankunft feststellen sollte, boten Händler diesen minderwertigen Treibstoff auf den Straßen in allen möglichen Ein- und Zwei-Liter-Flaschen an. Diese Tatsache verleitete meine ältere Tochter Michaela bei ihrem ersten Besuch zur verblüfften Frage: „Warum verkauft man in Serbien am Straßenrand Coca Cola in Zwei-Liter-Flaschen?“
Der erste Besuch meiner drei Damen fand erst im Mai statt, nachdem die internationale Gemeinschaft das Flugverbot nach Serbien aufgehoben hatte. Am Flughafen in Belgrad holte ich meine sichtlich nervöse Familie ab. Nach einem kurzen Aufenthalt in meiner Wohnung fuhren wir sofort auf den Kalemegdan – eine Parkanlage auf dem ehemaligen Glacis der Festung von Belgrad – und tafelten in einem Restaurant mit einem wunderbaren Ausblick über die Mündung von Donau und Save. Dabei schwand die Nervosität, die nicht zuletzt Freunde der Familie geweckt hatten. Belgrad und Serbien hatten das Image eines Kriegsgebiets, in dem überall Gefahren lauerten. An seinem schlechten Image ist Serbien leider weitgehend selbst schuld, doch die Realität entsprach auch damals nur teilweise dem Bild, das viele internationale Journalisten gezeichnet hatten. Am folgenden Tag besuchte ich dann noch mit meinen Töchtern den größten McDonald’s im Stadtzentrum. Damit konnte ich meinen Töchtern ein wenig „westliche Normalität“ vermitteln, trotz aller großen Mangel- und Verfallserscheinungen, die Belgrad und Serbien damals von der Müllabfuhr bis zur Stromversorgung gekennzeichnet haben.
Das Auto brauchte ich, weil es wegen der Sanktionen keinen Flugverkehr zwischen Wien und Belgrad gab; wie hätte ich sonst Kanister und Gepäck transportieren und das Geld nach Serbien schmuggeln sollen? Das Fahrzeug bereitete mir ein beträchtliches Unbehagen. Entgegen meiner Bitten und Ratschläge hatte mir mein fürsorgliches Unternehmen einen fast nagelneuen Mercedes-Transporter gegeben, der nur 2.000 Kilometer auf dem Tacho hatte. Für alle Autodiebe, die es damals in Serbien in noch weit größerer Zahl gab als heute, war dieses Fahrzeug ein Objekt der ständigen Begierde erster Ordnung. Was ich mit diesem Auto, das ich in Serbien praktisch nie fahren würde, in den kommenden Monaten noch erleben sollte, wusste ich bei der Anreise allerdings noch nicht.
Als Reiseroute nach Belgrad wählte ich den Weg über Graz, und zwar aus zwei Gründen: Erstens wollte ich noch kurz meine Eltern besuchen, die in Graz wohnen. Zweitens waren die Straßen in Slowenien und Kroatien besser als in Ungarn, obwohl auch der Ausbau der Autobahnen in den beiden ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken noch sehr zu wünschen übrig ließ. Trotzdem gab es ausgebaute Autobahnteilstücke, vor allem von Agram Richtung serbische Grenze und dann durchgehend auf serbischer Seite bis nach Belgrad. Diese Autobahn war noch unter Tito gebaut worden und trug ursprünglich den Namen „Brüderlichkeit und Einigkeit“ (Bratstvo i Jedinstvo), von der im ehemaligen Jugoslawien nichts mehr übrig geblieben war. Andererseits gab es von der ungarischen Grenze bis Belgrad nur eine Bundesstraße und eine Halbautobahn. Diese Straßen galten als sehr unfallreich, und daher wollte ich die für mich völlig unbekannte Strecke in der Dämmerung oder gar am Abend vermeiden. Erwartet wurde ich zwischen 18 und 20 Uhr in einem Hotel in Belgrad und zwar von unserem damaligen Produzenten; seine Mobilnummer hatte ich dabei, und er war zu diesem Zeitpunkt mein einziger Ansprechpartner in Serbien.
Die Fahrt bis Agram verlief problemlos. Doch je weiter ich auf der Autobahn gegen Serbien fuhr, desto unsicherer wurde ich; auf der gesamten Strecke gab es kein einziges Hinweisschild nach Belgrad. Dafür wiederholten sich Straßenschilder mit der Aufschrift „Lipovac“. Diesen Ort konnte ich auf der Straßenkarte nicht finden. Schließlich endete die Autobahn bei Slavonski Brod und mündete in eine Art Bundesstraße, die rechts und links immer dichter von Wäldern gesäumt wurde. Hin und wieder gab es Warnschilder vor Minen entlang der Straße, auf der ich völlig allein unterwegs war. Langsam begann es auch zu dämmern, und mir wurde etwas mulmig zumute. Ich drehte um, fuhr einige Kilometer wieder Richtung Agram, doch nirgends fand ich eine Menschenseele, die ich nach dem Weg hätte fragen können. Schließlich drehte ich wiederum um und beschloss, so lang zu fahren, bis ich auf einen Hinweis stoßen würde, der über Lipovac hinausreichte. Schließlich kam ich zum Grenzübergang Bajakovo/Batrovci zwischen Kroatien und Serbien, vom Reiseziel Belgrad war ich also nur etwas mehr als einhundert Kilometer entfernt. Der Übergang war – von Zöllnern und Polizisten abgesehen – ebenfalls völlig leer. Die Beamten auf serbischer Seite waren von meinem Erscheinen deutlich überrascht. Die Überprüfung meines Visums auf serbischer Seite dauerte fast eine Dreiviertelstunde. Dann durfte ich passieren; 90 Minuten später war ich in Belgrad, und meine Arbeit als Korrespondent in einem Land ohne moderne technische Infrastruktur konnte beginnen.
Büro und Wohnung befanden sich in einer Villa im Nobelbezirk Senjak. Die Telefonzentrale des Bezirks soll zu diesem Zeitpunkt noch aus den 1930ern gestammt haben. Der Zugang zum Internet war ein Glückspiel und für jeden komplexeren Radio-Beitrag musste einen Tag im Voraus ein Studio bei Radio Belgrad angemietet werden. Außerdem lag die Villa viel zu weit weg vom Zentrum, um als Journalist wirklich rasch reagieren zu können. Ich musste daher ein neues Büro mit einer ISDN-Leitung und eine andere Wohnung suchen, mit einem Wort: Den ORF in Belgrad musste ich gänzlich restrukturieren. Ich begann mit dem Aufräumen, weil das Büro seit dem NATO-Krieg im März 1999 praktisch verwaist war. Alle Mietverträge auf Deutsch und Serbisch zu verhandeln war auch eine sprachliche Herausforderung. Doch dank meiner fließenden Russisch- und Ukrainisch-Kenntnisse machte ich auch beim Lernen der serbischen Sprache rasch Fortschritte und mein Jus-Studium half mir bei den Verhandlungen obendrein. In Serbien habe ich mit einem Serben nie ein Interview in englischer oder deutscher Sprache geführt; obwohl ich zu Beginn meine Gesprächspartner sprachlich an ihre serbischen Gastarbeiter in Österreich erinnert haben muss, freuten sie sich sehr über mein Bemühen. Fremdsprachen lernt man nur durch ständiges Üben, Scheu vor Fehlern erschwert die Fortschritte, und scheu bin ich in meinem Leben wirklich nie gewesen.
Bis zum Frühsommer waren Wohnung und Büro bezogen. Wir kamen bei der privaten Nachrichtenagentur BETA als Untermieter im Stadtzentrum unter, die eine der wenigen ISDN-Leitungen in Belgrad ihr Eigen nennen konnte. So waren wir endlich für eine westlichen Standards entsprechende Berichterstattung gerüstet. Als in Belgrad und Serbien die Revolution ausbrach, hätte ich wohl kaum die Aufständischen bitten können, mit dem Umsturz einen Tag zu warten, bis wir entsprechende Leitungen für eine Berichterstattung bestellt hätten. Letzten Endes berichteten wir für Radio und Fernsehen eine Woche lang praktisch rund um die Uhr; mehr als drei Stunden Schlaf pro Tag gab es nicht.
Mein Lieblingsdorf
Wegen meiner Erlebnisse bei der Einreise wurde Lipovac zu meinem „Lieblingsdorf“ am Balkan. Denn auch in späteren Jahren stellten sich meine Erlebnisse keinesfalls als Einzelfall oder als Dummheit eines Greenhorns heraus. Probleme mit der kroatischen Art der Beschilderung hatten auch andere Reisende. Mehrmals wurden wir auf kroatischen Raststationen wegen unseres Belgrader Autokennzeichens gefragt, ob dies auch der richtige Weg in die serbische Hauptstadt sei. An den Verkehrsschildern auf kroatischer Seite hat sich in den vergangenen neun Jahren nur wenig geändert. Zwar sind die megalomanischen Aufschriften „Lipovac“ verschwunden, doch jahrelang gab es im Raum Agram nur Richtungstafeln mit der Aufschrift:
„Budapest, Ljubljana, Maribor, Lipovac“. Statt Lipovac steht nun „Slavonski Brod“, doch das erste Verkehrsschild mit der Aufschrift Belgrad findet man erst etwa sechzig Kilometer vor der Staatsgrenze. Fairerweise muss ich hinzufügen, dass die Orientierung nun weit leichter ist, weil Kroatien die Autobahn bis zur Grenze ausgebaut hat.
Lipovac ist aber nicht nur ein Symbol für die Beharrlichkeit der kroatischen Bürokratie und Straßenverwaltung. Es steht auch für das „herzliche“ Verhältnis zwischen Kroatien und Serbien. Außerdem ist der Ort ein hervorragendes Beispiel für die wechselvolle Geschichte der gesamten Region. Lipovac hat 1.200 Einwohner und gehört mit einigen weiteren Dörfern zur Gemeinde Nijemci, die insgesamt 6.000 Einwohner zählt. Nijemci wiederum liegt in der Gespannschaft Vukovar-Syrmien (Vukovarsko-srijemska županija), denn die 20 politischen Bezirke Kroatiens tragen den Namen Gespannschaft.
Grenzort ist Lipovac erst seit 1945, wobei es nach dem Zweiten Weltkrieg „nur“ an der neu gezogenen administrativen Grenze zwischen Serbien und Kroatien lag. Im völkerrechtlichen Sinn besteht diese Grenze erst seit 1991, seit dem Zerfall Jugoslawiens. Seit damals ist auch die historische Region Srem (kroatisch Srijem) völlig geteilt, und zwar in einen westlichen (kroatischen) und einen östlichen (serbischen) Teil. Während der österreichisch-ungarischen Monarchie lag Lipovac jedoch im Herzen der Region Srem/ Srijem, die bis vor die Tore Belgrads reichte.1) Lipovac trug damals auch den Namen Lipowatz, waren doch etwa ein Drittel der Bewohner Deutsche („Donauschwaben“). Hinzu kamen noch Tschechen, Slowaken und Ruthenen. Nach 1945 wurde die deutsche Volksgruppe vertrieben. Ihre Spuren finden sich nur noch in den Namen der heutigen Bewohner. So heißt der amtierende Langzeitbürgermeister Ivica Klein.2) Er war maßgeblich am Wiederaufbau der Gemeinde nach dem Abzug der serbischen Truppen beteiligt. In die Hand der Serben fiel Lipovac am 17. November 1991 und wurde Teil der sogenannten serbischen Krajina, einem staatsähnlichen Gebilde auf kroatischem Boden, das bis zur Rückeroberung durch kroatische Truppen im Jahr 1995 bestand. Klein erzählt, dass damals den gut gerüsteten serbischen Verbänden nur 300 leichtbewaffnete Kroaten gegenüber gestanden seien. Praktisch alle kroatischen Einwohner flohen.
Interessant war die Region wegen der in der Nähe liegenden Ölvorkommen. Sie soll der serbische Milizen-Führer und mutmaßliche Kriegsverbrecher Željko Ražnatović, genannt Arkan, ausgebeutet und damit gutes Geld gemacht haben. Arkan und seine Tiger-Milizen erledigten die „Drecksarbeit“, also Mord, Vertreibung, Plünderung, für die reguläre Truppen nicht herangezogen werden sollten. Denn der Krieg im ehemaligen Jugoslawien war auch ein Raubkrieg. Gestohlen wurde alles was nicht niet- und nagelfest war, und Häuser wurden bis auf die Grundmauern demontiert und demoliert, ein Umstand, vom dem ich mich noch Jahre später immer wieder selbst überzeugen konnte. So wurden aus den Häusern in der Gemeinde Nijemci auch die Kupferdrähte herausgerissen, erzählt Klein. Bekanntestes Beispiel dieses Plünderungsfeldzuges unter dem Banner nationalistischen Heldenmutes ist Arkan selbst. 1952 in Slowenien geboren, soll Ražnatović in den 1970er Jahren Morde und Raubüberfälle in mehreren Staaten Europas begangen haben. Außerdem soll Arkan in Schutzgelderpressungen und illegales Glücksspiel verwickelt gewesen sein. 1995 heiratete Arkan Svetlana Veličković, genannt „Ceca“, die serbische Ikone des Turbo-Folks. Dabei handelt es sich um eine Musikrichtung, die Elemente der Volksmusik, des Schlagers, des Rocks, Pops und Technos miteinander verbindet und vor allem in Serbien sehr beliebt ist. Die Trauung bezeichneten serbische Medien als die Hochzeit des Jahres, und auch Arkan war als Person durchaus populär, auch ein Zeichen für das Maß des Zusammenbruchs des moralischen Wertesystems im damaligen Serbien. Arkan wurde am 15. Jänner 2000 in der Halle eines Belgrader Hotels erschossen. Die Hintergründe und Auftraggeber der Tat sind bis heute ungeklärt, obwohl die mutmaßlichen Attentäter in Belgrad mehrmals vor Gericht gestanden sind.
Klar ist jedenfalls, dass Arkan auch im kroatischen Vukovar im Einsatz war. Vukovar fiel Ende November 1991 in die Hände der damals nominell noch bestehenden Jugoslawischen Volksarmee. Die Stadt wurde weitgehend zerstört, massive Kriegsverbrechen folgten. Lipovac liegt nicht weit von Vukovar entfernt und soll noch schlimmer ausgesehen haben, erzählt Bürgermeister Ivica Klein. Entdeckt wurde auch ein Grab mit mehr als 20 Leichen, zehn Bewohner aus der Gemeinde werden noch immer vermisst. Klein kehrte das erste Mal am 15. Mai 1996 in seine Heimatgemeinde zurück; damals habe es nicht einmal genügend Raum zur Unterbringung der Entminungsteams gegeben. Doch bereits im November setze die erste Rückkehrer-Welle ein. Anfang Dezember besuchte Staatspräsident Franjo Tuđman die Gemeinde. Doch natürlich kamen nicht alle Vertriebenen oder Flüchtlinge zurück. So verlor die Gespannschaft Vukovar-Syrmien zwischen 1991 und 2001 mehr als zehn Prozent ihrer Einwohner. Trotzdem wurde beim Wiederaufbau viel geleistet. 13 Jahre nach dem Krieg sind keine direkten Schäden mehr zu bemerken; waren bei Kriegsende mehr als 50 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche minenverseucht, sind es nun weniger als fünf Prozent. Für Lipovac ist das sehr wichtig, weil dort Getreide und Viehzucht zur Haupteinnahmequelle zählen, und der Ort vor allem den ländlichen Tourismus entwickeln will. Denn in der Umgebung von Lipovac lässt es sich gut Wandern und Jagen, etwa im Wald von Spaeva, der einer der größten erhaltenen Steineichenwälder Europas sein soll. Fischen kann man an den nahegelegenen Flüssen Spaeva und am Bosut.
Im Gegensatz zur Donau ist die kroatisch-serbische Grenze bei Lipovac bereits demarkiert, und auch ein kleiner Grenzverkehr wurde eingerichtet. In der Gemeinde leben 12 Prozent Serben. Trotzdem zeigen Lipovac und die historische Region Srem/Srijem, in welch großem Ausmaß die blutige Geschichte des 20. Jahrhunderts aus multiethnischen Gebieten ethnisch weitgehend homogene Territorien gemacht hat. Dabei geht es nicht nur um den Zweiten Weltkrieg oder den blutigen Zerfall Jugoslawiens, sondern natürlich auch um andere Faktoren wie etwa die zwischen 1945 und 1948 staatlich betriebene Zuwanderung aus anderen Teilrepubliken. In nicht wenigen Fällen erhielten dabei sogenannte „Kolonisten“ Land und Häuser, die vertriebenen Deutschen gehört hatten. Wie sehr sich die nationale Zusammensetzung der historischen Region geändert hat, zeigen Volkszählungen. So lebten 1910 in Srem/Sriejm 414.234 Einwohner; Knapp 46 Prozent waren Serben, 24 Prozent Kroaten und 30 Prozent andere Volksgruppen (Deutsche, Ungarn usw.). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden allein im östlichen, serbischen Teil knapp 29.000 neue Bewohner angesiedelt. Obwohl die Region bis 1991 nur administrativ geteilt war, erfolgte im kroatischen Teil eine „Kroatisierung“ und im serbischen Teil eine „Serbisierung“ der Region. Diese ethnische Homogenisierung wurde durch den Krieg im ehemaligen Jugoslawien noch drastisch verstärkt. So lebten 1948 im westlichen Teil 70 Prozent Kroaten und 20 Prozent Serben; 2001 waren es 78 Prozent Kroaten und 15 Prozent Serben. Praktisch am Verschwinden waren die Minderheiten; so sank der Anteil der Ungarn von 4,4 auf 1,0 Prozent. Noch drastischer ist das Bild im östlichen, also serbischen Teil: Von 1948 bis zur Volkszählung 2002 stieg der Anteil der Serben von 72 auf 85 Prozent, währen der Anteil der Kroaten von 13,0 auf 2,6 Prozent sank. Was die übrigen Minderheiten betrifft, so sind sie auch im serbischen Teil der Provinz am Verschwinden.3)
All das wusste ich natürlich nicht, als ich im Februar 2000 froh war, mit dem Mercedes-Transporter endlich die kroatisch-serbische Grenze bei Lipovac erreicht zu haben. Heute sehe ich die Chance, dass unter dem Dach der EU diese Grenze dereinst verschwinden und Srem/Srijem wieder zu einer Europa-Region zusammenwachsen könnte. Doch dazu muss Serbien erst EU-reif werden, und dieser Prozess wird noch einige Jahre dauern, obwohl bei gutem Willen auf beiden Seiten, eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit natürlich bereits heute beginnen könnte. Diese Perspektive sieht auch Bürgermeister Ivica Klein in Lipovac; seine Gemeinde hat auf den Straßenschildern an der Autobahn bereits weitgehend der Bezeichnung Slavonski Brod Platz machen müssen. Vielleicht wird die kroatische Straßenverwaltung dereinst auch bereit sein, im Großraum Agram ein Schild mit der Aufschrift „Belgrad“ zu montieren, wenn sich die bilateralen Beziehungen mit Serbien noch weiter normalisiert haben werden.
Darüber und über meine Anreise denke ich oft nach, wenn ich mit unserem langjährigen Fahrer Vlada die Grenze passiere. Das ORF-Büro in Belgrad hat übrigens kein eigenes Auto, weil alle Drehteams ohnedies ihre eigenen Fahrzeuge haben. Taxis und Fahrer sind noch immer weit billiger und sicherer als Kauf und Instandhaltung eines eigenen Autos. Dieses Fahrzeug müsste zudem auf bewachten Parkplätzen stehen, und obendrein gibt es weder vor der Wohnung noch vor dem Büro einen solchen. Außerdem hatten Ausländer zunächst eine weit höhere Maut als Inländer zu bezahlen. Den Mercedes-Transporter haben wir bereits 2000, wenige Monate nach dem Ende des Flugembargos, nach Wien zurückgebracht. In Belgrad nutzte ich ihn aus der begründeten Angst vor Diebstählen nur einmal, und das hätte für mich leicht fatale Folgen haben können. Ich war zur Villa gefahren, in der auch das alte Büro untergebracht war, um die Übersiedlung vorzubereiten. An der abschüssigen Straße, die im Winter ein Alptraum für jeden Fahrer ist, gab es keine Parkplätze. Daher stand der Transporter direkt neben der Hausmauer, und man konnte nur über den Beifahrersitz einsteigen. Als ich an diesem Tag meine Arbeit beendet hatte, ins Auto einstieg und starten wollte, merkte ich, dass jemand versucht hatte das Startschloss zu manipulieren. Die Diebe hatten zwar professionell die Tür geöffnet, waren aber an der Sicherung des Fahrzeuges gescheitert; dabei hatten sie Schloss und Zündung beschädigt. Mir wurde heiß und kalt bei dem Gedanken, was hätte geschehen können, hätte ich die Gauner überrascht, als einer von ihnen noch im Auto saß. Ohne entsprechenden Fluchtweg hätte der versuchte Diebstahl für mich letale Folgen haben können. Sofort verständigte ich mein Drehteam und die Polizei. Nach der Aufnahme aller Daten brachten wir das Auto mit Mühe in Gang, fuhren zum Hotel auf den bewachten Parkplatz und dann zur Mercedes-Niederlassung in Belgrad, einer Firma, die auch in der Zeit der Krise gute Geschäfte in Serbien machte. Der Ersatzteil war nicht auf Lager und es dauerte Wochen, bis er in Belgrad eintraf. Nach der Reparatur und meiner Übersiedlung in die neue Wohnung stand das Auto wochenlang auf dem Parkplatz der österreichischen Botschaft in Belgrad, die uns damals diese Amtshilfe gewährte. Im Sommer brachte ich dann das Auto nach Wien zurück, allerdings über Ungarn und nicht über Lipovac. Dass die Diebe nie gefunden wurden, versteht sich von selbst.
Anmerkungen
1) Grenzstadt zwischen der Monarchie und dem Königreich Serbien war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Zemun, das nun ein Vorort von Belgrad ist. Zemun ist das historische Semlin, das im „Prinz-Eugen-Lied“ als jener Platz besungen wird, von dem aus Prinz Eugen 1717 Belgrad angriff „alle Türken zu verjagen ihn’n zum Spott und zum Verdruß“.
2) Die Daten über die Kriegszeit und über die aktuelle Lage in Lipovac und der Gemeinde Nijemci stammen aus einem Gespräch des Autors mit Bürgermeister Ivica Klein. Die Angaben zur Bevölkerungsentwicklung in Srem/Srijem entstammen der Aufsatzsammlung „Identitet Srijema u prošlosti i sadašnjosti“, herausgegeben in Nijemci im Dezember 2008.
3) Das Paradoxe dieses Prozesses liegt darin, dass die sogenannte internationale Staatengemeinschaft in allen ihren Einsätzen im ehemaligen Jugoslawien stets das moralische Banner der Multiethnizität vor sich hertrug und in abgeschwächter Form im Kosovo und in Bosnien und Herzegowina noch immer vor sich herträgt. Übrig blieben im ehemaligen Jugoslawien jedoch national weitgehend homogene Staaten mit teilweise fragwürdigen Minderheiten-Gesetzgebungen. Die einzigen Ausnahmen bilden in gewisser Weise ausgerechnet Serbien und Montenegro mit einem noch relevanten Anteil an Ungarn und Albanern sowie an Bosniaken und Albanern. Bosnien und Herzegowina hat drei konstitutive Völker (Bosniaken, Serben und Kroaten), Mazedonien mit einem Albaner-Anteil von 25 Prozent hat eigentlich ebenfalls zwei Staatsvölker. Die tatsächlichen Rechte der übrigen nationalen Minderheiten sind vor allem in Bosnien praktisch nicht vorhanden, weil alle relevanten Ämter nur den drei Völkern offenstehen.
4.
Josip Broz Tito: Der „gute“ Diktator und seine Nachwirkungen

Tito lebt in der Erinnerung der älteren Generation fort: Im Tito-Mausoleum
Das Haus der Blumen (Kuća cveća) liegt neben einer stark befahrenen Straße auf einer Anhöhe im Belgrader Nobelbezirk Dedinje. An der Straße bin ich oft vorbeigefahren, ohne Titos letzte Ruhestätte zu beachten, denn im Alltagsleben der Serben und in der Tagespolitik spielt der Schöpfer des zweiten Jugoslawien keine Rolle mehr. Doch 2005, zu Titos 25. Todestag, drehten wir einen Beitrag über sein verblichenes Erbe, und so stiegen mein Drehteam und ich die Stufen hinauf, die zum Mausoleum führen. Zunächst galt es, sich bei den beiden Männern auszuweisen, die in einem Wächterhäuschen auf halber Höhe zum Mausoleum unsere Personalien kontrollierten. Der Marschall und jugoslawische Diktator Josip Broz Tito (1892–1980) liebte Blumen, und zu seinen Lebzeiten habe es in dem Anwesen noch viel mehr davon gegeben, versichern die Wachebeamten im „Museum für Jugoslawische Geschichte“, wie das Haus nun heißt. Die Formalitäten sind rasch erledigt, und wir steigen die restlichen Stufen zu Titos letztem Wohnsitz hinauf; vor uns steht im Gras eine große, eherne Figur, die den Marschall in Schrittbewegung und grübelnder Pose zeigt, rechts führt der Weg hinein zum Mausoleum. Vor allem am 4. Mai, an Titos Todestag, ist es der Wallfahrtsort für alle „Jugo-Nostalgiker“, denn im Wintergarten des Hauses der Blumen hat Tito in einem massiven Sarg aus weißem Marmor mit Blick über Belgrad seine letzte Ruhestätte gefunden. Die Besucher kommen aus allen Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawien; vereinzelt haben sie nicht nur ihre Kinder, sondern sogar ihre Enkel mitgebracht, tragen alte Uniformen und Orden. Gemeinsam ist ihnen nicht nur die Trauer um Tito und seinen zerfallenen Staat, sondern auch die Liebe zur Verschwörungstheorie, die den Westen für das blutige Ende des Tito-Staates verantwortlich macht.
Titos Staatsbegräbnis am 8. Mai markierte wohl das bedeutendste Stelldichein der Weltspitze des Jahres 1980 und vielleicht auch eines der höchstrangig besetzten Staatsbegräbnisse des 20. Jahrhunderts. Der sowjetische Diktator Leonid Breschnew war ebenso anwesend, wie der Vizepräsident der USA, Walter Mondale, denn das blockfreie Jugoslawien genoss in der Zeit des Kalten Krieges Bedeutung und Ansehen wie niemals zuvor und auch niemals wieder danach. Wie sehr das Bewusstsein für diese Bedeutung gerade in Serbien verloren gegangen ist, symbolisiert vielleicht recht eindrucksvoll das Schicksal seiner Witwe Jovanka Broz. Jahrelang lebte sie in einer Wohnung in Belgrad ohne nennenswerte staatliche Zuwendung, völlig zurückgezogen und fast wie eine Gefangene. Erst im Sommer 2009 erhielt sie Pass und Personalausweis vom serbischen Innenminister Ivica Dačić. Verschwunden sind in Belgrad und in Serbien praktisch auch alle Straßenbezeichnungen, die an Tito erinnern. Zu finden sind sie bezeichnenderweise noch im albanisch dominierten Preševo-Tal in Südserbien, wo in der gleichnamigen Stadt die Hauptstraße noch immer Titos Namen trägt. Das Straßenschild ist zweisprachig auf Serbisch und Albanisch: Ulica Maršala Tita/Rruga Mareshali Tito.
Ausgestellt sind im Haus der Blumen der Schreibtisch des Diktators, einige seiner Uniformen und die Stafetten, die Pioniere durch das ehemalige Jugoslawien trugen und schließlich Tito übergaben. Dieser Stafettenlauf der Jugend durch das ehemalige Jugoslawien sollte die Einheit des Landes symbolisieren, war aber auch Teil des Personenkults, der um Tito betrieben wurde. Der Stafettenlauf fand von 1945 bis 1987 statt, überdauerte also Titos Tod um sieben Jahre und wurde erst drei Jahre vor Beginn des blutigen Zerfalls des Vielvölkerstaates abgeschafft. Er bestand aus den Teilrepubliken Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro, Mazedonien und den zwei autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina. Zu den interessantesten Exponaten zählt das „Gästebuch“, in das sich die Besucher von Titos letzter Ruhestätte noch immer eintragen können. Etwa 150.000 Personen kommen jährlich an Titos Grab, sagen mir die Wachebeamten. Viele tragen sich auch in das dicke Buch ein, das praktisch nur Lobeshymnen auf Tito enthält. Lesen kann man da etwa folgende Texte: „Sei gegrüßt, Genosse Tito“; „Du bleibst für immer in meinem Herzen, denn ich habe Dir 15 Monate (in den Streitkräften) gedient“; „vielen Dank für meine schönste Kindheit und Jugend“ oder „teurer Tito, so lange Du gelebt hast, war alles schön. Nach Dir war nichts mehr von Wert“.
All diese Einträge können jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass fast 30 Jahre nach Titos Tod vom Schöpfer der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien in der Tagespolitik der Nachfolgestaaten kaum mehr etwas übrig geblieben ist. Denn die Losung „Brüderlichkeit und Einigkeit“ ging in den Zerfallskriegen am Balkan unter, und Umfragen belegen die großen Vorbehalte, die die Völker gegeneinander hegen – die organisierte Kriminalität ausgenommen. Um diese Vorbehalte zu erkennen, bedarf es nur eines offenen Auges, etwa bei sportlichen Wettkämpfen wie dem Spiel zwischen der kroatischen und der türkischen Fußballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Wien. In der Stadt Mostar in Bosnien-Herzegowina, hielten die Kroaten für das kroatische Team, die muslimischen Bosniaken jedoch für die Türkei. Um Ausschreitungen zu verhindern, war ein Großaufgebot der Polizei im Einsatz, trotzdem kam es zu Zusammenstößen. Vor dem Krieg soll Mostar die Stadt mit der größten Zahl gemischter Ehen zwischen Kroaten, Bosniaken und Serben gewesen sein. Während der kroatische und der bosniakische Stadtteil nur mühsam zusammenwachsen, sind die Serben seit dem Krieg aus Mostar praktisch verschwunden. Die Lage in Mostar und der Zerfall Jugoslawiens sind das Ergebnis des Scheiterns von Titos Nachfolger an der wirtschaftlichen und politischen Transformation eines kommunistischen Einparteienstaates, der durch die Person Titos, durch den Partisanenmythos, durch die Armee und von außen durch die Blockkonfrontation zusammengehalten wurde. Der Fall der Berliner Mauer und die Implosion der Sowjetunion ließen somit die Bedeutung Jugoslawiens schwinden; die Welt stand zunächst im Bann ganz anderer Ereignisse, denn auch der erste US-Krieg gegen den Irak fiel in die Zeit des jugoslawischen Dramas, das Europa offensichtlich völlig unvorbereitet traf, obwohl Streitkräfte und Geheimdienste immer wieder Szenarien durchgespielt hatten, wie es nach Titos Tod weitergehen könnte. Trotzdem dürfte die blutige Form des Zerfalls keineswegs zwangsläufig gewesen sein, doch sein Ereignis war so gravierend, dass es Titos Erbe im Bewusstsein der Masse der Bevölkerung unter sich begrub. Nicht zu unterschätzen ist natürlich auch der Zahn der Zeit, denn fast 30 ereignisreiche Jahre haben neue Generationen heranwachsen lassen, die mit ganz anderen Problemen des täglichen Lebens konfrontiert sind als mit Tito und seinem Wirken.
Trotzdem lebt in der älteren Generation noch die Erinnerung an den Roten Pass fort, der den Jugoslawen ein visafreies Reisen in praktisch alle Staaten der Welt ermöglichte. Diese Tatsache spielt vor allem in den Nachfolgestaaten eine Rolle, die wie Serbien noch bis Ende 2009 von der „Papierologie“ der Visaerteilung betroffen sind. Diese Prozedur wird von den Betroffenen als persönliche Erniedrigung empfunden. Viele erinnern sich auch noch an die recht guten Gehälter, die mit relativ wenig Arbeit verdient wurden. Die Nostalgie steigt natürlich mit dem Grad der wirtschaftlichen und sozialen Probleme in den Nachfolgestaaten und dürfte damit in Slowenien und Kroatien am geringsten sein, obwohl keine Umfragedaten zu diesem Thema bekannt sind. Viele Einzelgespräche, die ich etwa in Serbien führen konnte, vermitteln den Eindruck, dass die Erfolge und Misserfolge der aktuellen Regierungen weniger an der Ära des serbischen Autokraten Slobodan Milošević, sondern viel mehr am Lebensstandard im Tito-Jugoslawien gemessen werden. Dieser Blickwinkel macht es freilich jeder Regierung schwer, erfolgreich zu sein, zumal der Kommunismus in Jugoslawien von der breiten Bevölkerung – anders als in vielen Staaten Osteuropas – nicht als gescheitertes Experiment empfunden wird.
Je stärker der Tito-Kult verblasste, je mehr der Partisanen-Mythos aus Geschichts- und Schulbüchern verschwand, desto stärker traten die dunklen Seiten Titos und seines Regimes zum Vorschein, die in der Zeit des Kommunismus unterdrückt, verschwiegen und natürlich auch weder gelehrt noch unterrichtet wurden. In diesem Zusammenhang geht es nicht so sehr um die Vertreibungsverbrechen an den etwa 500.000 Deutschen, die nach dem Ersten Weltkrieg die größte Minderheit im Königreich Jugoslawien bildeten. Vielmehr geht es um die Verbrechen, die kommunistische Partisanen während des Zweiten Weltkriegs und als neue Machthaber in der Zeit danach verübten.
Das Symbol für diese Verbrechen ist die Gemeinde Bleiburg in Kärnten; dort erinnert ein Denkmal an jene Kroaten, die von den Briten nach Kriegsende an die Partisanen ausgeliefert wurden. Die meisten von ihnen wurden in Slowenien ermordet, doch zu den Opfern zählten natürlich nicht nur Kroaten, sondern auch Montenegriner, Serben, slowenische Domobranzen, Angehörige der deutschen Minderheit, Soldaten der Deutschen Wehrmacht, Kärntner, die aus Südkärnten verschleppt wurden, sowie einfache slowenische Bürger, die Gegner der Kommunisten waren. Welches „Schlachthaus“ das kleine Slowenien damals war, zeigt der Umstand, dass slowenische Historiker bisher etwa 570 Massengräber entdeckt haben; die meisten stammen aus der Zeit unmittelbar nach Kriegsende. Wie viele Opfer in diesen Massengräbern verscharrt wurden, steht noch nicht fest, doch schätzt die Wissenschaft, dass es etwa 100.000 sein könnten; einigermaßen gesicherte Angaben liegen nur zu den slowenischen Opfern vor. Nach Angaben von Historikern in Laibach,1) hatte Slowenien während des Zweiten Weltkriegs (1941–1945) 80.000 Opfer zu verzeichnen; 14.500 Slowenen wurden nach Kriegsende ermordet; davon waren 13.000 Soldaten (Domobranzen), der Rest waren Zivilisten. Die Zahl der während des Kriegs in Slowenien ermordeten Personen war somit niedriger als in den ersten Monaten danach.
Zu den Staatsfeinden, die Tito und seine siegreichen Kommunisten während des Kriegs und nach ihrem Sieg ermordeten und bekämpften, zählten auch die Kirchen; sie waren die einzigen Kräfte, die außerhalb der Kommunistischen Partei noch über eine Organisation und über ein geistiges Gegenkonzept verfügten. In Slowenien dokumentierte diesen Kampf im Herbst 2007 eine Ausstellung im Museum für Zeitgeschichte in Laibach unter dem Titel „Der Kampf gegen Glaube und Kirche 1945 bis 1961“. Gestaltet hat die Ausstellung die Historikerin Tamara Griesser Pečar. Nach ihrer Darstellung kamen während des Kriegs 47 Geistliche auf slowenischem Boden um, 46 wurden von den Kommunisten/Partisanen ermordet. Bei Kriegsende gab es etwa eintausend Geistliche in Slowenien; mehr als 400 Prozesse fanden gegen sie statt, mehr als 300 Geistliche wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Nach dem Verbot des Religionsunterrichts an den Schulen im Jahr 1952 griff die Staatsmacht auch zu anderen Mitteln, um die Kirche zu schwächen. So wurden 1.411 Bestrafungen gegen Geistliche ausgesprochen, darunter sehr oft hohe Geldstrafen. Doch auch Kirchen, Friedhöfe und andere kirchliche Objekte wurden zerstört. 2005 schrieb Tamara Griesser Pečar auch ein Buch mit dem Titel „Die Kirche auf der Anklagebank“,2) das bisher jedoch nur in slowenischer Sprache vorliegt.
Doch der Kampf der kommunistischen Partisanen richtete sich natürlich nicht nur gegen die katholische, sondern auch gegen die serbisch-orthodoxe Kirche. Zwischen April 1941 und Mai 1945 wurden nach einem Bericht der Heiligen Erzsynode3) 481 orthodoxe Geistliche ermordet; davon 84 von den deutschen Besatzungsmächten, 171 von den kroatischen Ustaša und 150 von den Partisanen. Nach dem offiziellen Kriegsende verloren weitere 63 Priester ihr Leben, 62 davon durch Partisanen. Von den insgesamt 544 Opfern gehen somit 213 auf das Konto der Partisanen.
Diese Darstellung hat nicht den Zweck, die Geschichte Jugoslawiens während des Zweiten Weltkriegs in Kurzform zu skizzieren. Daher habe ich an dieser Stelle nur zwei Beispiele aus Slowenien und Serbien gewählt, um zu zeigen, in welchem Ausmaß das Tito-Regime auf dem Weg zur Macht und in den ersten Jahren danach blutbefleckte Hände hatte – ein Umstand, der auch in der westlichen Geschichtsschreibung bis heute viel zu kurz kommt; der Kampf der Partisanen war eben nicht nur ein Kampf gegen die Besatzer, sondern hatte auch den Charakter eines Bürgerkriegs. Für die weitere Geschichte des Balkans und den Zerfall Jugoslawiens sollte dieser Umstand eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen, auf die ich in einem anderen Kapitel noch eingehen werde. Ich möchte hier jedoch aufzeigen, dass das kommunistische Jugoslawien sehr wohl von Beginn an und auch im Lauf seines mehr als 40-jährigen Bestehens seine Opfer und Gegner hatte, für die die Lebensgeschichte vieler Dissidenten ein Beispiel bildet.
Diese Gegner ändern nichts daran, dass sich zweifellos die Mehrheit der Bevölkerung mit Tito und seinem eigenständigen Weg identifizieren konnte, zumal nach der Absetzung von Aleksandar Ranković als jugoslawischer Innenminister und Chef des Sicherheitsapparats im Jahr 1966 auch eine deutliche Mäßigung des Regimes einsetzte. Außerdem erreichte die Bevölkerung einen Lebensstandard, der weit über jenem lag, der in den entwickeltsten Ländern des Ostblocks herrschte. Erreicht wurde dieser Standard nicht zuletzt durch den Tourismus, durch den ständigen Geldstrom der Gastarbeiter sowie durch die außenpolitische Schaukelpolitik zwischen Ost und West, die Tito nach dem Bruch mit Stalin 1948 auch westliche Hilfe bescherte.
Hinzu kommt das große internationale Ansehen, das Jugoslawien unter Tito genoss, dessen Dissidenten – mit Ausnahme vielleicht von Milovan Đilas – in der westlichen Presse nie jene „Popularität“ erreichten oder gar gegen das Tito-Regime in Stellung gebracht wurden, wie das bei der Sowjetunion der Fall war. Hinzu kommt, dass in seiner reiferen Phase natürlich auch der Kommunismus jugoslawischer Prägung nicht mit dem sowjetischen Totalitarismus gleichgesetzt werden darf.
Diese Differenzierung ist jedoch für die Opfer der Verfolgungen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und für deren Hinterbliebene ebenso wenig ein Trost wie für jene Personen, die später als politische Gegner verfolgt oder schikaniert wurden. Denn eine juristische Aufarbeitung dieser Taten oder gar eine Entschädigung der Opfer ist bisher praktisch nicht erfolgt, obwohl es etwa in Slowenien oder Serbien zu Rehabilitierungen von Personen kam, die nach 1945 von der kommunistischen Justiz und vom Staatssicherheitsdienst verfolgt wurden. Diese Verfolgung erstreckte sich auch auf die Diaspora, ein Kapitel, mit dem sich westliche Historiker bisher in viel zu geringem Ausmaß befasst haben.
Stützen konnten sich Tito und sein Regime zweifellos auch auf das Image des (Mit-)Siegers im Zweiten Weltkrieg, das den Teilrepubliken Slowenien und Kroatien nicht unerhebliche Gebietsgewinne einbrachte. Hinzu kam der Rückhalt in den neu gebildeten, beziehungsweise wieder erstandenen Teilrepubliken Mazedonien und Montenegro. In der Zeit des Königreichs Jugoslawien wurde Mazedonien als Südserbien bezeichnet, während Montenegro nach dem Anschluss an Serbien nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als Staat von der Landkarte überhaupt verschwunden war. Unter Tito kehrte Montenegro als Teilrepublik des kommunistischen Jugoslawien wieder auf die Landkarte zurück und erhielt seine Institutionen, nicht aber seine autokephale Kirche zurück. Diese Autokephalie wurde mit Hilfe der Kommunisten in Mazedonien in den 1960er Jahren aus der Taufe gehoben, doch die mazedonische Orthodoxie ist auch mehr als 40 Jahre später von der serbischen Orthodoxie nicht anerkannt worden; daher ist der Kirchenstreit noch immer ungelöst.
Die Nachfolgestaaten
Ihre heutigen Grenzen – und in gewisser Weise ihre Existenz – verdanken die meisten Nachfolgestaaten, also Slowenien, Kroatien, Mazedonien, Montenegro und der Kosovo dem kommunistischen Jugoslawien. Das sind historische Faktoren, die natürlich die Bewertung Titos beeinflussen und einer Enttitoisierung Grenzen setzen. Das zeigt das Beispiel Slowenien sehr deutlich. Dort setzte mit dem Sieg der konservativen Koalition unter Ministerpräsident Janes Janša im Herbst 2004, in zeitgeschichtlicher, innenpolitischer und gesellschaftlicher Hinsicht die Enttitoisierung ein, wie viele zeitgeschichtliche Ausstellungen4) in Slowenien belegen. Unter „Enttitoisierung“ werden dabei nicht nur die Demokratisierung, sondern auch die umfassende Transformation des Gesellschafts- und Parteiensystems sowie der vom Kommunismus geprägten Mentalität der Bevölkerung verstanden. So wird etwa privates Unternehmertum und Wohlstand oft mit Bereicherung und Korruption assoziiert, also negativ gesehen, und auch das Arbeitsrecht in so manchen Nachfolgestaaten Jugoslawiens weist durchaus noch kommunistische Züge auf.
Entscheidend für die Frage von Kontinuität und Diskontinuität ist nicht zuletzt das Schicksal der Nachfolgeparteien des Bundes der Kommunisten in den ehemaligen Teilrepubliken. Die Transformation zu Sozialistischen und Sozialdemokratischen Parteien weist hier große regionale Unterschiede auf; der Erfolg der Transformation sowie die politischen Fähigkeiten der handelnden Personen entschieden dabei auch über Verlust oder Erhaltung der Macht. Am erfolgreichsten war dabei Montenegro. Symbol dafür ist der 1962 in Nikšić geborene Milo Đukanović. 1979 wurde er Mitglied des Zentralkomitees des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, und mit 29 Jahren – mit Unterstützung des serbischen Autokraten Slobodan Milošević – jüngster Ministerpräsident in Europa. Dieses Amt übte er bis 1998 aus; anschließend war er bis 2002 Präsident Montenegros und von 2003 bis 2006 wiederum Ministerpräsident, ein Amt, das Đukanović kurzfristig abgab, um in diese Funktion im Februar 2008 zurückzukehren.
Ebenso eindrucksvolle Beispiele für große persönliche Kontinuität gepaart mit politischer Diskontinuität sowie für den Wandel vom kommunistischen Saulus zum nationalistischen Paulus finden sich auch in Slowenien und Kroatien in Milan Kučan und Franjo Tuđman. Der 1941 geborene Milan Kučan wurde 1986 Vorsitzender des Bundes der Kommunisten Sloweniens, und von 1991 bis 2002 war er Präsident des unabhängigen slowenischen Staates. Zwar konnten sich in Slowenien die Post-Kommunisten (ZLSD) nach der Unabhängigkeit nicht als führende Kraft behaupten; doch abgesehen von einem kurzen politischen konservativ-katholischen Zwischenspiel in den Jahren 1990 bis 1992 und von Juni bis November 2000, kamen zwar die Post-Kommunisten nicht wieder an die Macht; trotzdem gelang keine konservative Wende, denn die Linke konnte sich in Form der 1994 gegründeten Liberaldemokratischen Partei bis zu den Wahlen im Herbst 2004 an der Macht halten, und in deren Koalitionsregierungen waren bis auf ein Kabinett die Post-Kommunisten ständig vertreten. Der Machtwechsel erfolgte erst, nachdem Slowenien mit dem Beitritt zu EU und NATO endgültig in den euroatlantischen Gemeinschaften angekommen war.
Noch tiefer als in Slowenien reicht in Kroatien die persönliche Biografie des Symbols der Unabhängigkeitsbewegung in die kommunistische Ära zurück. Der 1922 geborene Franjo Tuđman war aktiver Teilnehmer an der „antifaschistischen Partisanenbewegung“ und General der Jugoslawischen Volksarmee, ehe er sich in den 1970er Jahren zum Regimegegner und kroatischen Nationalisten wandelte. Nach 1987 warb er massiv bei der Diaspora um Unterstützung für die Unabhängigkeit und gründete 1989 in Kroatien die HDZ, die „Kroatische Demokratische Gemeinschaft“. Diese Partei stellte eine völlig neue politische Kraft dar; ihr Aufstieg dürfte vor allem dem Umstand zu verdanken sein, dass es die kroatischen Kommunisten nicht verstanden, sich an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung zu stellen. Die HDZ siegte bei den ersten Wahlen in Kroatien, bei denen Parteienpluralismus herrschte. In weiterer Folge führte Tuđman Kroatien durch Krise wie Krieg und verhalf seinem Land zum Sieg über die serbische Okkupation der von Serben bewohnten Teile Kroatiens. Durch seine nationalistische Politik brachte er Kroatien aber auch in die außenpolitische Isolation. Zum Machtwechsel kam es erst unmittelbar nach Tuđmans Tod, und eine Mitte-Links-Koalition unter Führung der Sozialdemokraten begann erste Reformen. Sie erreichte auch eine Verbesserung der Beziehungen zum Westen, nicht zuletzt durch eine Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal. Doch diese Koalition verlor die Parlamentswahl im Herbst 2003 und unter Ivo Sanader kehrte eine erneuerte national-konservative HDZ als stärkste Partei in einer Mitte-Rechts-Regierung an die Macht zurück. Sanaders größte politische Leistung ist es, die HDZ transformiert und auf einen klaren euroatlantischen Kurs gebracht zu haben. Größter Erfolg in dieser Hinsicht war 2009 die Aufnahme Kroatiens in die NATO, während der Beitritt zur EU vor allem wegen des Grenzstreits mit Slowenien noch einige Jahre auf sich warten lassen könnte.
Wie die Beispiele Slowenien und Kroatien zeigen, lässt sich eine dauerhafte Stabilisierung im ehemaligen Jugoslawien unter anderem nur erreichen, wenn zwei Grundvoraussetzungen gegeben sind: Die eine ist ein politischer Konsens über die zentralen außenpolitischen Ziele als Grundlage für eine konsistente Reformpolitik; die zweite Grundvoraussetzung ist die erfolgreiche Transformation des Parteiensystems. Das gilt sowohl für nationalistische Parteien, die im Zuge des Zerfalls des alten Jugoslawien entstanden sind, aber natürlich auch für die kommunistischen Parteien in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien. Während Slowenien und Kroatien Beispiele für eine erfolgreiche Transformation dieser beiden Parteientypen sind, bildet Serbien das Gegenbeispiel, weil in diesem Land bisher weder die Transformation der Sozialistischen Partei (SPS) noch der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei (SRS) als abgeschlossen bezeichnet werden kann. Der Einfluss der SRS geht seit 2008 durch die Abspaltung des gemäßigten Flügels allerdings zurück. Trotzdem hat in Serbien auf vielen Gebieten vielleicht die umfassendste Abkehr von Tito stattgefunden.
Serbien war neben Montenegro der älteste Staat im ehemaligen Jugoslawien. Doch – wie bereits erwähnt – verlor Montenegro seine staatliche Existenz nach dem Ersten Weltkrieg durch den Anschluss an Serbien und sogar der Name verschwand; dagegen waren Serbien und seine Dynastie der Karađorđević die führende Macht im Königreich Jugoslawien. Die Monarchie war in der serbischen Bevölkerung tief verankert, die Kommunisten waren schwach, und nach der Niederlage gegen das Deutsche Reich im April 1941 waren die königstreuen Četniks als Widerstandsbewegung gegen die Besatzungsmächte in Serbien wohl zunächst weit stärker als die Tito-Partisanen. Auf diesen Umstand verweist auch Hermann Neubacher5), der als Sonderbeauftragter des Reichsaußenministeriums ab 1943 auch für Serbien zuständig war:
„Serbien war, als ich meine Mission antrat, eine der schwächsten Positionen des Balkan-Kommunismus. Der überwiegend agrarische Charakter des Landes (über 80 Prozent bäuerliche Bevölkerung) verwies den Kommunismus auf die wenigen Industriegebiete und auf die Hauptstadt Belgrad, wo die Universität ein Hauptstützpunkt der KP geworden war. Das Bauerntum dieses Landes war patriarchalisch, gegen Neuerungen zutiefst mißtrauisch, durch Jahrhunderte türkischer Hörigkeit zum verschlagenen, hartnäckigen Widerstand bis zur Meisterschaft erzogen. Ich sah in diesem serbischen Bauerntum eine der stärksten Positionen gegen die Bolschewisierung des Balkans und stellte daher die Beendigung der bisherigen Sündenbock-Politik Serbien gegenüber in den Mittelpunkt meiner politischen Planung. Das bedeutet aber – und daraus möge man die Schlüsselstellung der Serben auf dem Balkan ermessen – nicht weniger als eine weitgehende Revision der deutschen Politik im Südostraume.“
Unabhängig davon, ob diese Einschätzung in der zweiten Hälfte des Kriegs noch zutreffend war oder nicht, konnte der Oberösterreicher Neubacher beim Oberösterreicher Hitler in Berlin diese Neuorientierung der Serben-Politik nicht durchsetzen; trotzdem wurde Neubachers Ansatz von den kommunistischen Partisanen offensichtlich als Bedrohung empfunden. So heißt es in der Anklageschrift des Militärprokurators beim Belgrader Kreisgericht von 1951 gegen Neubacher:6)
„Die Grundlinie Neubachers bestand darin, zwecks Schwächung der Partisanenbewegung die Politik eines Groß-Serbien mit Hilfe Nedićs wieder aufleben zu lassen, die Verräter Draža Mihailović und Ljotić zur Mitarbeit zu gewinnen und gegenüber Serbien eine Politik der Durchführung der Sühnemaßnahmen auf eine neue Art zur Anwendung zu bringen … Bei dieser Gelegenheit änderte er die alten Bestimmungen über die Durchführung der Sühnemaßnahmen, die politisch fehlerhaft und schädlich für die Interessen des faschistischen Deutschland waren.“
35 Jahre später sollte dieses Thema noch eine Rolle spielen, und zwar im berühmten „Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste“ aus dem Jahr 1985. Über die Vertretung von Serben in der kommunistischen Führung während des Zweiten Weltkriegs heißt es in dem Memorandum7):
„Während des Krieges war Serbien bei der Verabschiedung von Beschlüssen, welche die zukünftigen zwischennationalen Beziehungen und die jugoslawische Gesellschaftsordnung bestimmen sollten, nicht vollkommen gleichberechtigt beteiligt. Der Antifaschistische Rat Serbiens wurde in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 gegründet, also später als in den anderen Teilrepubliken, die Kommunistische Partei Serbiens sogar erst nach Kriegsende.“
Das Gefühl, wirtschaftliches und politisches Opfer im kommunistischen Jugoslawien gewesen zu sein, zieht sich durch das gesamte Memorandum und die gesamte Schrift. Schwaches Serbien und starkes Jugoslawien – dieses (vermeintliche) Credo Titos spiegelt auch die kommunistische Verfassung aus dem Jahr 1974 wieder. Sie sah sechs Teilrepubliken (Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Mazedonien und Serbien) und zwei autonome Provinzen (Kosovo und Vojvodina) vor. Diese Gliederung empfanden Teile der intellektuellen Elite Serbiens offensichtlich als Ungerechtigkeit, wie die Publikation8) der Serbischen Akademie der Wissenschaften zeigt:
„Obwohl Serbien nach Größe und Einwohnerzahl die größte der Teilrepubliken ist, verlor es mit der Verfassung aus dem Jahre 1974 wichtige Attribute der Staatlichkeit. Die Gefahr der Desintegration bedrohte nicht nur Jugoslawien, sondern auch Serbien. Die beiden autonomen Provinzen Serbiens, ausgestattet mit den realen Rechten der Teilrepubliken, schränkten Serbien bei der Verabschiedung von selbständigen und für das Funktionieren der Republik wirksamen Beschlüssen ein. Die Provinzen bildeten sogar Koalitionen mit den restlichen Teilrepubliken, weshalb Serbien regelmäßig auf Bundesebene in der Minderheit war. Dieses eigenartige Phänomen lässt sich leicht deuten, wenn man den ausschlaggebenden Einfluss von Tito, dem Kroaten, und Kardelj, dem Slowenen, auf die Zusammensetzung des Führungskaders in den Provinzen bedenkt.“
Als diese Bewertung 1996 in deutscher Sprache gedruckt wurde, war es bereits fast zehn Jahre her, dass Slobodan Milošević bei der berühmten „Achten Sitzung“ des Zentralkomitees der serbischen Kommunisten im September 1987 seinen Mentor Ivan Stambolić entmachtet hatte. Als Aufstiegshilfe diente Milošević die Kosovo-Frage, dessen Autonomie er ebenso beseitigte wie die der Vojvodina. Unter Milošević wurde das Mehrparteiensystem in Serbien eingeführt, und aus den Kommunisten wurde im Juli 1990 die Sozialistische Partei Serbiens. Doch der einsetzende Parteienpluralismus führte nicht zu umfassender Demokratisierung, sondern zu einer Welle des serbischen Nationalismus und zum blutigen Zerfall des Tito-Staates, eine Entwicklung für die Milošević und sein System zweifellos die Hauptverantwortung, aber keineswegs die Alleinverantwortung tragen.
„Rest-Jugoslawien“
Zehn Jahre später, am 5. Oktober 2000 stürzte Milošević; er wurde am 28. Juni 2001 an das Haager Tribunal ausgeliefert – dem Veitstag, also dem Tag der Schlacht am Amselfeld (1389), dem Tag der Ermordung von Franz Ferdinand in Sarajevo (1914), dem Tag des Ausschlusses der Kommunistischen Partei Jugoslawiens aus der Komintern (1948) und nicht zuletzt am selben Tag, an dem 1989 Milošević am Amselfeld zum 600. Jahrestag der Schlacht eigentlich eine recht banale Rede gehalten hatte. Doch von dem versprochenen „himmlischen Serbien“ blieb nach Kriegen, zehntausenden Toten, hunderttausenden Flüchtlingen und Vertriebenen sowie Krisen nur ein weitgehend ruiniertes Land übrig. Die endgültige Auflösung des Tito-Staates war damit aber noch nicht erreicht, denn noch bestand die Bundesrepublik Jugoslawien, gebildet von den ungleichen „Brüdern“ Serbien und Montenegro; ungeklärt war auch der Status des Kosovos, der nach dem NATO-Krieg des Jahres 1999 unter UNO-Verwaltung stand.
Doch die Beseitigung „Rest-Jugoslawiens“ erwies sie als zähe Angelegenheit, obwohl an den Tito-Staat in Belgrad nur mehr Straßennamen erinnerten und erinnern (Sarajevo Straße, Zagreber Straße). Die EU war mehrheitlich gegen die Auflösung des „Rests“, Serbien leistete hinhaltenden Widerstand, und Montenegro war in der Frage der Unabhängigkeit tief gespalten. Zunächst verschwand daher der Staatsname und zwar im Februar 2003 mit der Bildung des Staatenbundes Serbien und Montenegro. Dieser „Untote“ vegetierte drei Jahre dahin, ehe er mit dem Unabhängigkeitsreferendum in Montenegro im Mai 2006 zur Fußnote der Geschichte wurde. Doch weder die Loslösung Montenegros noch die Unabhängigkeitserklärung des Kosovos im Februar 2008 musste Milošević erleben, denn er starb im März 2006 in seiner Zelle in Den Haag.
Der Tod ihres Vorsitzenden bedeutete vor allem für die SPS eine wichtige Zäsur. Denn nach Miloševićs Sturz stürzten auch seine Sozialisten in eine tiefe Krise, und bei den folgenden Parlamentswahlen in Serbien konnte die Fünf-Prozent-Hürde immer nur knapp gemeistert werden. Milošević hatte den Begriff „sozialistisch“ zutiefst diskreditiert, und seine Frau Mira Marković hatte mit ihrer Phantompartei der „Jugoslawischen Linken“ (JUL) ebenfalls ihr Scherflein dazu beigetragen. Die JUL gebärdete sich als kommunistische Bewegung, doch vor der Parteizentrale parkten die deutschen Luxusautos ihrer Spitzenfunktionäre, weil die Partei vorwiegend aus Personen bestand, die im Milošević-System zu Macht und Reichtum gekommen waren, während die Serben zunehmend verarmten. Serbien fehlte in den Jahren der beginnenden Transition eine starke sozialdemokratische/ sozialistische Partei, die für die Armen, Arbeitslosen und für die Opfer der Reformen eintrat. Dieses Vakuum füllte in immer stärkerem Ausmaß die ultranationalistische Radikale Partei (SRS) aus, die Miloševićs Koalitionspartner gewesen war.
Miloševićs eigene Partei wurde dagegen zunächst immer mehr zu einer Randerscheinung. Ihre Wählerschaft ist ziemlich alt und lebt in der Provinz und zwar in kleinen Städten. Diese Wähler sind keine Nationalisten, sondern „Milošević-Nostalgiker“, wobei Milošević zu Beginn seines Aufstiegs von nicht wenigen für einen neuen Tito gehalten wurde. Zu den Wählern der SPS zählen daher viele alte Kommunisten und pensionierte Offiziere niedriger Dienstgrade. Die Existenz der Sozialisten war damit eindeutig bedroht, daher gab es bereits zu Lebzeiten von Milošević zaghafte Ansätze für einen Transformationsversuch; als solcher ist die Unterstützung der Minderheitsregierung des nationalkonservativen Ministerpräsidenten Vojislav Koštunica zu werten (Kabinett Koštunica I, Februar 2004 bis Mai 2007). Letzterer kann wohl als politischer Träger der Enttitoisierung in Serbien bezeichnet werden, die mit nationalistischen, großserbischen Vorzeichen unter Slobodan Milošević begann. Diese Neuinterpretation der Geschichte, die Serbien praktisch nur als Opfer Titos sah, führte auch zu einer völligen Abkehr von der antifaschistischen Traditionslinie, die das alte Jugoslawien in die Reihe der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs gestellt hatte. Diese geistige Abkehr zeigte sich auch in der Tagespolitik; daher fehlten unter Koštunica mehrmals Vertreter Serbiens bei Feiern anlässlich des Sieges über Deutschland oder aus Anlass der Befreiung eines Konzentrationslagers. Folgerichtig fällt in die Zeit des Kabinetts Koštunica I auch ein weiterer Schritt der Enttitoisierung Serbiens. So wurden per Gesetz die ehemaligen Četniks den Partisanen in sozialrechtlicher Hinsicht gleichgestellt.
Doch richtig beginnen konnte die Transformation der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS) erst nach Miloševićs Tod. Die Anrede „Genosse“ tauchte in den Wahlkämpfen wieder auf, und Arme, Pensionisten sowie „soziale Gerechtigkeit“ wurden als Zielgruppen und Themen entdeckt. Die SPS will nun eine moderne Linkspartei sein und in die Sozialistische Internationale aufgenommen werden. Wie groß die Chancen für eine rasche Aufnahme sind, ist offen, denn vor allem in den sozialdemokratischen Parteien des ehemaligen Jugoslawien regt sich massiver Widerstand. Mittelfristig ist die Aufnahme wohl wahrscheinlich, weil die Sozialisten gemeinsam mit den pro-europäischen Kräften in Serbien nun eine Regierung gebildet haben. Dieses Kabinett hat zum ersten Mal die berechtigte Chance, volle vier Jahre zu halten, und Serbien nahe an die EU heranzuführen.
Die europäische Perspektive und die Chance der SPS nun international „salonfähig“ zu werden dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Sozialisten bisher jede Bereitschaft vermissen ließen, mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit zu beginnen. Im Gegenteil: Im Wahlkampf für die Parlamentswahl im Frühsommer 2008, wurde Milošević weiter als Werbeträger jedenfalls für die eigenen Funktionäre eingesetzt. Nicht zu erwarten ist eine Vergangenheitsbewältigung – sollte sie nicht von außen eingefordert werden – auch wegen der personellen Kontinuität der Führung. So war der SPS-Vorsitzende, der 1966 geborene Ivica Dačić, von 1992 bis 2000 Pressesprecher der Milošević-Sozialisten, und die sozialistische Parlamentspräsidentin war unter Milošević in führenden Parteifunktionen tätig. Prüfstein für den Grad der sozialistischen Transformationsbereitschaft in der Tagespolitik wird nicht die weitere Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal sein, die Serbien auf dem Weg Richtung EU zum Abschluss bringen muss, weil nur mehr zwei mutmaßliche Kriegsverbrecher zu verhaften sind. Vielmehr geht es um die Frage, wie die SPS die Milošević-Erblast aufarbeitet; ein umfassender Bruch mit der Ära Milošević wird jedoch sehr schwierig sein und viel Zeit brauchen.
Doch für seine dauerhafte Stabilisierung bedarf Serbien entweder der Transformation oder der Marginalisierung der Serbischen Radikalen Partei (SRS), deren Vorsitzender Vojislav Šešelj sich seit Februar 2003 wegen des Vorwurfs der Kriegsverbrechen vor dem Haager Tribunal verantworten muss. Im Herbst 2008 kam es zum Bruch zwischen Šešelj und seinem langjährigen Weggefährten und Stellvertreter Tomislav Nikolić. Auslöser war die gegensätzliche Haltung zur EU-Integration Serbiens. Nikolić folgte ein beträchtlicher Teil des Parlamentsklubs der SRS, wobei nun diese „Dissidenten“ die SNS, die Serbische Fortschrittspartei, gründeten; sie will eine nationalkonservative Kraft sein. Hat die SNS Erfolg – und darauf deuten Lokalwahlen in einigen serbischen Gemeinden hin – könnte das die Transformation des serbischen Parteiensystems beschleunigen und damit dem Land größere Stabilität verleihen. Erst wenn die SRS zu einer Randerscheinung und aus der SNS eine serbische HDZ geworden sein wird, kann dieser Prozess als abgeschlossen betrachtet werden. Doch sowohl im Fall der kroatischen HDZ als auch im Fall der serbischen Sozialisten konnte die Reform dieser Parteien erst nach dem Tod ihrer „Überväter“ Franjo Tuđman und Slobodan Milošević durchgeführt werden. Erleichtert wurde die Transformation der HDZ noch durch den Umstand, dass Franjo Tuđman „rechtzeitig“ starb und so einer möglichen Anklage durch das Haager Tribunal entging.
Verzögert und belastet wurden und werden die (partei-)politischen Transformationen durch die ungeklärte nationale Frage. Zwar kann die Dissolution des Tito-Staats seit der Unabhängigkeitserklärung des Kosovos im Februar 2008 als formal beendet betrachtet werden, doch hat sich Serbien mit dem Verlust des Kosovos bisher nicht abgefunden. Zwar ist es durchaus wahrscheinlich, dass dieser Prozess in praktischer Hinsicht mit einer pro-europäischen Regierung einhergehen wird, gesichert ist dieser Trend jedoch nicht. Bis zur Erkenntnis, dass das serbische Volk nach dem Scheitern der Politik von Slobodan Milošević nur unter dem Dach der EU wieder ohne Grenzen wird leben können, ist der Weg noch weit. Obwohl Serbien neben Montenegro der einzige Staat im ehemaligen Jugoslawien ist, der auf eine lange Staatlichkeit zurückblicken kann, muss Serbien in gewisser Hinsicht als Staat wider Willen bezeichnet werden, während in Montenegro die Nationsbildung erst im Gang ist. Denn so sehr Serbien die Hauptverantwortung für den Zerfall des ehemaligen Jugoslawien trägt, so sehr fühlten sich viele Serben von den anderen Teilrepubliken verraten, weil sie den gemeinsamen Staat verließen. Belgrad benahm sich in dieser Hinsicht ähnlich einem Ehepartner, der den anderen schlecht behandelt und dann enttäuscht ist, weil sich der scheiden lässt. So war der erste Akt, mit dem Serbien die eigene Staatlichkeit aus eigenen Stücken beschritt die Verabschiedung seiner eigenen Verfassung; doch dieses Referendum fand erst Ende Oktober 2006 und damit sechs Jahre nach dem Sturz von Slobodan Milošević statt. Während Serbien mit dem Bau eines viel kleineren „Hauses“ beschäftigt ist, geht es bei Montenegro, Bosnien, dem Kosovo und Mazedonien noch immer um die Nationsbildung. All diese Republiken erhielten ebenso wie Slowenien und Kroatien unter Tito ihre heutigen Grenzen, doch nur in den national weitgehend homogenen Staaten Slowenien und Kroatien steht die Nation außer Streit.9) In Montenegro existiert eine beträchtliche Volksgruppe, die sich als serbisch betrachtet, und der Kosovo ist als Ergebnis des Kriegs nun national weitgehend homogen, doch lehnen die Serben im von ihnen kompakt besiedelten Norden die Unabhängigkeit strikt ab. In Bosnien leben Kroaten, Bosniaken und Serben seit dem Krieg nebeneinander, und noch kann nicht einmal von Verfassungspatriotismus gesprochen werden. Mazedonien wiederum stand durch den Aufstand der Albaner 2001 am Rande des Zerfalls, ein Prozess, der neuerlich einsetzen könnte, wenn die euroatlantische Integration durch den Namensstreit mit Griechenland noch viele Jahre auf sich warten lässt.
Sowohl das Königreich Jugoslawien als auch das kommunistische, von Tito geschaffene Jugoslawien sind in letzter Konsequenz an der ungelösten Nationalitätenfrage gescheitert, obwohl natürlich auch die Auseinandersetzung der Großmächte eine Rolle spielte, die ebenfalls auf dem Balkan ausgetragen wurde. Doch die Hauptkräfte des Zerfalls sind in den beiden Jugoslawien selbst zu suchen und zwar nicht zuletzt in den großen wirtschaftlichen, kulturellen und historischen (Entwicklungs-)Unterschieden. Sie beschreibt der serbische Dichter und Schriftsteller Jovan Dučić10) so:
„Für die Kroaten war der Jugoslawismus eine großserbische Falle, eine politische Perversität, eine balkanische Verschwörung gegen die katholische Kirche, das kroatische Staatsrecht, die westliche Kultur und gegen das Verständnis über Ordnung und Gesetzlichkeit. Die Gesetzlichkeit, wie sie das kroatische Volk, obwohl oft gedemütigt, in der Habsburger Monarchie kannte, stellte dennoch eine der mustergültigsten Verwaltungen und eine beispielhafte Justiz in Europa dar. Um einen jugoslawischen Staat zu bilden, musste man auch ein jugoslawisches Volk schaffen, und eine jugoslawische Sprache haben … Doch die Sprache nannten die einen Serbisch, die anderen Kroatisch. Wenn man noch die wechselseitige, jahrhundertelange Unduldsamkeit, den religiösen Unterschied, die kulturelle Mentalität berücksichtigt, dann konnte eine derartige Nivellierung und Vermischung nicht für durchführbar erachtet werden in einer derart unerwarteten staatlichen Verbindung, die niemals und durch nichts vorbereitet oder gar vorhergesehen war.“
Diese Darstellung trifft für die Schaffung des „Staates der Südslawen“ nach dem Ersten Weltkrieg mit großer Sicherheit zu. Trotzdem, und aller wechselseitigen Gräueltaten während und nach dem Zweiten Weltkrieg zum Trotz, sind die staatsbildenden Völker des ehemaligen Jugoslawien Nachbarn, lebten mehr als 70 Jahre in einem Staat und weisen zum Teil eine große sprachliche Nähe auf. Diese Vorteile haben slowenische und in weiterer Folge auch kroatische Firmen erkannt, die in immer stärkerem Ausmaß im ehemaligen Jugoslawien investieren. Diese Investitionen werden wohl keine Einbahnstraße bleiben, wenn auch die anderen Staaten größere Reformerfolge vorweisen können. Daraus wird kein neues Jugoslawien entstehen, denn diese Idee ist ebenso tot wie Tito. Seine abschließende historische Bewertung durch „seine“ ehemaligen Völker steht zwangsweise noch; zu groß sind die Probleme des Alltags, zu gering ist der historische Abstand, und Tito und sein Staat sind derzeit offensichtlich kaum Gegenstand seriöser historischer Forschung. Offen bleibt daher, wie die massenhaften Verbrechen dereinst bewertet werden, die Titos Kommunisten während des Zweiten Weltkriegs und danach begangen haben. Dabei geht es nicht um die Frage der Verbrechen an sich, sondern darum in welchem Ausmaß sie das Bild des erfolgreichen Staatsmanns prägen werden, der den „Jugoslawen“ in den 1970er Jahren ein hohes Maß an Wohlstand aber auch an relativer Freiheit beschert hat. Sicher ist, dass Tito und seine Nachfolger mit ihrem Konzept gescheitert sind, und damit einen weiteren Beweis dafür geliefert haben, dass sich mit Zwang auf Dauer kein Staat zusammenhalten lässt. Historisch betrachtet erwies sich auch Jugoslawien als eine der vielen Fehlkonstruktionen, die die Westmächte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu verantworten haben. Möglich sind jedoch Zusammenwachsen und Aussöhnung unter dem Dach von EU und NATO; auf diese Weise könnte auch die Nationalitätenfrage endgültig gelöst oder weitgehend bedeutungslos werden, die dem Balkan am Ende des 20. Jahrhunderts zum zweiten Mal binnen 50 Jahren einen Bürgerkrieg und einen Sezessionskrieg bescherte und das ehemalige Jugoslawien hoffentlich zum letzen Mal zum Kriegsschauplatz werden ließ.
Anmerkungen
1) Interview des Autors mit dem slowenischen Historiker Mitja Ferenc in Laibach am 13. November 2007. Nachzulesen sind die Berichte über die Massengräber in Slowenien auch unter „www.wehrschuetz.at (Mittagsjournal „Slowenien und die Massengräber nach dem Zweiten Weltkrieg; siehe dazu auch auf der Webseite: „Wissen Aktuell“ vom März 2005, Bericht über die Ausstellung: „Slowenien zwischen Hakenkreuz und Tito-Stern“ in Laibach)
2) GRIESSER PEČAR, Tamara: „Cerkev na zatožni klopi“, Družina 2005, Laibach
3) Bericht an die „Heilige Erzversammlung“ (Sveti Arhijerejski Sabor), 27/14. März 1947. Der Bericht liegt beim Patriarchat der Orthodoxen Kirche in Belgrad auf.
4) Dazu zählt die Ausstellung in Laibach im Mai 2005 mit dem Titel „Med kljukastim križem in rdečo zvezdo“. Ihr deutscher Titel lautete in einer etwas freieren Übersetzung „Unter Hakenkreuz und Titostern“
5) NEUBACHER, Hermann: „Sonderauftrag Südost 1940–45“, S. 148; Musterschmid Verlag, Göttingen, 1956. Das Buch liegt seit einigen Jahren auch in serbischer Übersetzung vor.
6) Ebenda S. 143
7) MIHAILOVIĆ, Kosta / KRESTIĆ, Vasilije: „Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste, Stellungnahmen zu Kritiken“, S. 151; Belgrad, 1996
8) Ebenda, Seite 10
9) Slowenien hat eine zahlenmäßig unbedeutende italienische und ungarische Minderheit, die umfassende Rechte genießt. Die etwa 150.000 Serben, Kroaten und Bosniaken haben derartige Rechte nicht, doch politisch spielen sie keine separatistische Rolle, obwohl sie ihre Rechte zunehmend einmahnen. In Kroatien wiederum ist die nationale Homogenisierung ein Ergebnis des Krieges, wobei die Minderheiten breitgefächerte Rechte genießen. Zwar sind die Serben nach wie vor unzufrieden, doch einer ihrer Vertreter ist stellvertretender Ministerpräsident im Kabinett Sanader II.
10) DUČIĆ, Jovan: „Die Jugoslawische Ideologie“, Der Aufsatz ist veröffentlicht in dem Sammelband „Verujem u Boga i u srpstvo“ (Ich glaube an Gott und an das Serbentum), Belgrad 1999, S. 74; der Aufsatz ist in dem Sammelband nicht datiert, doch aus dem Inhalt geht hervor, dass der Aufsatz zwischen Sommer 1941 und Dučićs Tod in den USA im April 1943 verfasst worden sein muss.
5.
„Točno – Tačno“
„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“
Ludwig Wittgenstein „Tractatus logico-philosophicus“

Sitzung der bosnischen Wahlkommission vor einem „dreisprachigen“ Plakat
Mitte Juni 2008 fand in Brdo bei Krainburg/Kranj in Slowenien das Gipfeltreffen zwischen der EU und den USA statt. Eine bunte Schar von Journalisten bevölkerte das Pressezentrum, und die EBU, die European Broadcasting Union, war gemeinsam mit dem slowenischen Staatsfernsehen für die technische Abwicklung zuständig. Das betraf den Schnitt der Beiträge aber auch die Liveeinstiege, bei denen der Journalist als Analytiker oder Kommentator selbst zu sehen ist. Für diese Direktübertragung waren zwei nebeneinanderliegende Kamerapositionen aufgebaut. Das EBU-Team und daher auch der Kameramann kamen aus Serbien, aus Kostengründen und natürlich auch wegen der geografischen Nähe zu Slowenien. Meinen Liveeinstieg wickelte ich zeitgleich mit einem deutschen Kollegen ab. Bis zum Beginn der Sendung unterhielt ich mich mit dem Kameramann; das hörte auch mein Nachbar, der seine Sendeleitung darüber folgendermaßen aufklärte: „Ich bin nicht allein hier; neben mir steht der Kollege des ORF, der sich gerade auf Slowenisch mit dem Kameramann unterhält.“ Doch es war nicht Slowenisch, sondern Serbisch, denn der serbische Kameramann war des Slowenischen gar nicht mächtig.
Das Unvermögen, Serbisch von Slowenisch zu unterscheiden, sei dem Kollegen nachgesehen, kam er doch aus Brüssel und nur zur Berichterstattung nach Brdo. Doch diese Unkenntnis ist kein Einzelfall, sondern eines von vielen Beispielen, wie gering das Wissen von vielen Journalisten, aber auch von Politikern und erst recht aller „Nicht-Balkanesen“ war und ist, die über das Schicksal des ehemaligen Jugoslawien zu berichten oder zu bestimmen hatten und haben. Unkenntnis (und Desinteresse) der Entscheidungsträger ist für mich daher auch einer der Gründe, warum es zum blutigen Zerfall des Tito-Staates kam. So erzählte mir vor vielen Jahren ein ehemaliger österreichischer Spitzenpolitiker über ein Gespräch, das er Anfang der 1990er Jahre mit einem belgischen Kollegen in Brüssel führte. Etwa eine Stunde lang bemühte sich der Österreicher, dem Belgier die verworrene Lage zu erklären, um schließlich mit dem Satz konfrontiert zu werden: „Ich verstehe den Konflikt immer noch nicht, denn die sprechen doch eh alle Jugoslawisch!“ „So wie Sie hier Belgisch“, lautete die ironische Antwort des Österreichers.
„Jugoslawisch“ hat es im Vielvölkerstaat Jugoslawien nie gegeben, wohl aber eine Sprachenpolitik, die versuchte, der nationalen Vielfalt Rechnung zu tragen und gleichzeitig die Einheit des Landes zu stärken. So lernten die Slowenen Slowenisch, die Mazedonier Mazedonisch, beides Sprachen, die sich doch recht deutlich voneinander und vom „Serbokroatischen“ oder „Kroatoserbischen“ unterscheiden, das in Serbien, Kroatien, Bosnien und Montenegro gesprochen wird. Serbokroatisch, das zur Gruppe der sogenannten südslawischen Sprachen gehört, war denn auch die Verkehrssprache im alten Jugoslawien. Diese „Lingua franca“ wirkt heute noch nach; beobachten lässt sich das bei Treffen zwischen Slowenen und Mazedoniern der älteren Generation, die sich dann des Serbokroatischen und nicht des Englischen bedienen. Doch auch diese Verkehrssprache hatte ihre Besonderheiten. Zunächst wurde sie mit zwei Alphabeten geschrieben. Die Kroaten bedienten und bedienen sich des lateinischen Alphabets, die Serben lernten und lernen in den Grundschulen aber auch das kyrillische Alphabet, und offizielle staatliche Publikationen wie zum Beispiel Gesetze werden in Serbien in kyrillischer Schrift gedruckt.
Serbokroatisch – Kroatoserbisch?
Dieses kyrillische Alphabet ist übrigens in seiner Entstehungsgeschichte zutiefst mit Österreich verbunden, denn der Vater der serbischen Schriftsprache, Vuk Karadžić (1787–1864), war mit einer Österreicherin verheiratet und verbrachte den Großteil seines Lebens in Wien, wo er auch starb. Erst 1897 wurden seine sterblichen Überreste nach Belgrad überführt und dort beigesetzt. Auch die erste serbische Grammatik wurde in Wien gedruckt.
Der zweite große Unterschied liegt in der Schreibweise, die sich auch auf die Aussprache auswirkt. So sprechen die Kroaten die ijekavische und die Serben die ekavische Variante; die Kroaten sagen daher rijeka (Fluss) oder svijet (Welt), die Serben jedoch reka und svet. Der dritte Unterschied besteht in historisch gewachsenen Ausdrucksweisen und beim Serbischen im großen Einfluss türkischer Wörter, die in die Sprache eingegangen sind. So sagen die Kroaten točno (genau), kruh (Brot), sretno (froh), die Serben sagen tačno, hleb und srečno. Doch die Serben sagen auch komšija (das türkische Wort für Nachbar), die Kroaten sagen susjed, ein Wort, das auch in anderen slawischen Sprachen vorkommt. In einem Lehrbuch der serbokroatischen Sprache1) ist der jeweils andere Ausdruck in Klammern angeführt. Über die serbokroatische Sprache heißt es in der Einleitung:
„Im Lauf der Geschichte haben sich Zagreb und Belgrad zu politischen, Kultur- und Literaturzentren entwickelt, denen zwei Varianten der Schriftsprache entsprechen. Der Hauptunterschied ist lautlicher Art und besteht in der Verwendung der ije- bzw. e-Mundart; daneben gibt es gewisse Unterschiede im Wortschatz, an die man sich an Ort und Stelle leicht gewöhnt.“
Das ist völlig richtig, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Doch es muss auch die Bereitschaft dazu vorhanden sein; denn einem Kroaten fällt es eben (unangenehm) auf, wenn man statt „dobar tek“ (Mahlzeit) „prijatno“ sagt. Für den Ausländer sind diese Unterschiede meistens nicht fassbar, und auch der Anfänger hat noch im wahrsten Sinn des Wortes kein Ohr dafür. Als ich in der Oberstufe meiner Gymnasialzeit in Graz einige Zeit das Freifach „Serbokroatisch“ besuchte, erzählte ich freudig einem Kroaten, dass ich nun Serbokroatisch lerne. Die Antwort fiel für mich verblüffend aus: „Diese Sprache gibt es nicht. Es gibt nur Serbisch oder Kroatisch.“ Das Gleiche hätte ich wohl auch von einem Serben hören können. Trotzdem kann ich Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch im Grunde nur als eine Sprache begreifen – alle Linguisten mögen mir verzeihen – denn ich habe nur „Serbisch“ gelernt, kann mich aber überall verständigen und die Zeitungen all dieser Länder lesen. Unbestritten ist jedoch, dass jeder Staat und jedes Volk seine Sprache so nennen kann, wie das von der Mehrheit der Bevölkerung gewollt wird. Doch ich bin Journalist, nicht Linguist, und in dieser Darstellung geht es nicht um Linguistik, sondern um die praktischen und politischen Aspekte der Sprachenfrage.
Zur Illustration soll hier ein Witz, der unter Belgrader Taxifahrern kursiert, herhalten: Ein Kroate fährt in Belgrad mit dem Taxi, will schließlich zahlen und fragt nach dem Preis: „Tri hiljade Dinara (Dreitausend Dinar) antwortet der Taxifahrer. „Koliko je to u tjsucima“ (Wie viele Tausend sind das?), fragt der Fahrgast, das kroatische Wort für Tausend verwendend. „Šest tjsuca“ (Sechstausend), antwortet der Fahrer.
Dabei muss bereits jetzt betont werden, dass die Sprachenfrage weit mehr ist als eine Marotte, die in den betroffenen Staaten auch für tagespolitisches Kleingeld verwendet wird. (So wurde etwa der kroatische Staatsgründer Franjo Tuđman in Kroatien dafür kritisiert, dass er bei einem offiziellen Anlass statt sretno (froh, glücklich) srečno gesagt hatte.) Vielmehr sind damit auch Kosten verbunden, die der europäische Steuerzahler bereits jetzt mitzutragen hat und die noch größer werden dürften, sollten Kroatien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina und Serbien dereinst alle EU-Mitglieder sein. Doch zunächst zur historischen Entwicklung. War die politische Führung mit ihrer Sprachenpolitik im ehemaligen Jugoslawien bestrebt, die vorhandenen Unterschiede einzuebnen, so setzte mit und nach dem Zerfall des gemeinsamen Staates der gegenläufige Trend ein. Trennung war angesagt, und Kroatien soll seine Linguisten sogar zu den burgenländischen Kroaten entsandt haben, um zu den Wurzeln der kroatischen Sprache zurückkehren zu können. Völlig beseitigt wurde natürlich der Unterricht der kyrillischen Schrift, mit Ausnahme in jenen Schulen, die die serbische Minderheit in Kroatien besucht. Je weiter die Kriegszeit zurückliegt, je mehr sich die kroatische Nation festigt und je mehr die „Angst“ vor einem neuen Jugoslawien schwindet, desto ungezwungener wird auch der Sprachgebrauch werden, jedenfalls im täglichen Leben. Trotzdem lässt sich in der Bürokratie und beim Protokoll noch immer für Verwirrung sorgen, wenn man als Ausländer mit „Serbisch“ auftritt. So war vor einigen Jahren Bundeskanzler Wolfgang Schüssel auf Besuch in Agram/Zagreb. Am Abend gab es einen Empfang, zu dem Journalisten jedoch nicht zugelassen waren, doch der Bundeskanzler wollte mich sprechen. Beim Eingang teilte ich den Sicherheitsbeamten mit, ich sei der Korrespondent des ORF, und der Bundeskanzler wollte mich sprechen. Nach einigem Hin und Her gelang es einem Vertreter der österreichischen Botschaft, mich ins Gebäude zu bringen. Auf dem Weg zum Kanzler erzählt mir der Diplomat, ein kroatischer Protokollbeamter sei ganz ungläubig gekommen und habe gesagt: „Draußen steht ein Journalist, der behauptet, der Bundeskanzler wolle in sprechen; er behauptet Österreicher zu sein, doch er spricht Serbisch.“
Solche Anekdoten bereichern das journalistische Leben; doch wie katastrophal die Folgen einer verfehlten Sprachenpolitik für ein Land sein können, zeigt das Beispiel von Bosnien und Herzegowina. Dort gibt es drei offizielle Sprachen: Bosnisch, Kroatisch und Serbisch. Bereits die Bezeichnung „Bosnisch“ wird in Bosnien von Kroaten und Serben als eine Art der sprachlichen Hegemonie abgelehnt. Für diese beiden Volksgruppen ist aber „Bosniakisch“ annehmbar als Bezeichnung der Sprache, die die Bosniaken, die Muslime in Bosnien, sprechen. Doch abgesehen von der Bezeichnung hat auch die Existenz der drei sogenannten Sprachen der drei konstitutiven Völker dieses Staates mit etwa vier Millionen Einwohnern praktische Folgen. Offizielle Texte werden in drei Sprachen und zwei Alphabete (Latein und Kyrillisch) übersetzt, obwohl man Unterschiede oft mit der Lupe suchen muss. Dessen sind sich natürlich auch Politiker, Bürokraten und Juristen aller drei Volksgruppen bewusst; sie haben daher ihr Möglichstes getan, um künstlich Unterschiede zu schaffen. Ein Beispiel dafür ist das eingangs abgedruckte Plakat, auf dem Bosnisch, Serbisch und Kroatisch „Wahlkommission“ zu lesen steht; das Bosnische unterscheidet sich vom Serbischen nur durch die Schrift, vom Kroatischen aber dadurch, dass für das Wort Kommission ein eigenes kroatisches Wort verwendet wird. Das wirkt sich natürlich bei der Rechtsterminologie besonders negativ aus, weil es die Bildung eines einheitlichen Rechtsraumes zusätzlich erschwert. Zum Tragen kommt diese Sprachenpolitik auch bei internationalen Verträgen, wie das Beispiel des Doppelbesteuerungsabkommens zeigt, das Bosnien und Herzegowina mit Österreich 2008 unterzeichnet hat. Das Papier wurde in fünf Sprachen unterfertigt: Deutsch, Englisch, Bosnisch, Kroatisch und Serbisch. Die Fama berichtet, dass eine Sachbearbeiterin in Österreich in Sarajevo nachgefragt haben soll, ob nicht irrtümlich zweimal dieselbe Fassung (Bosnisch/Kroatisch) nach Wien übermittelt wurde. Eine Überprüfung ergab nur minimale sprachliche Unterschiede zwischen beiden Texten. Vereinbart wird in derartigen Fällen, dass zur Vertragsauslegung das Dokument in englischer Sprache herangezogen wird. Das Beispiel des Doppelbesteuerungsabkommens lässt erahnen, in welchem Ausmaß sinnlos Papier produziert wird, denn was für Österreich gilt, wird wohl auch für die Rechtstexte der EU gelten. Deren gemeinsamer Rechtsbestand umfasst etwa hunderttausend Seiten. Dabei zeigt gerade die EU-Annäherung, dass Serbien, Bosnien und Herzegowina sowie Montenegro von der gemeinsamen Sprache profitieren können. Der Rechtsbestand wurde bereits ins Kroatische übersetzt, und Serbien und Montenegro möchten davon auch Gebrauch machen; doch bisher soll es nicht zur Weitergabe der Übersetzungen gekommen sein, denn dann könnte in der EU wohl jemand auf die Idee kommen, die Sprachen der vier Beitrittswerber als eine Sprache zu begreifen. Im Sand verlaufen sind bisher auch alle zaghaften Initiativen in Brüssel, diese vier Staaten auf dem Weg Richtung EU zu einer gemeinsamen Sprache zu bewegen. Doch was im Fall Österreichs und Deutschlands möglich ist, sollte erst recht für das ehemalige Jugoslawien durchsetzbar sein, um Kosten zu sparen und die Effizienz in Brüssel und auf dem Balkan ein wenig zu steigern.
Die Sprachentrennung macht jedenfalls das ohnehin komplizierte und kaum regierbare bosnische Staatswesen nicht nur noch teurer. Sie erschwert auch das Zusammenwachsen der drei Volksgruppen, die im Grund genommen nur miteinander leben, weil es die USA und die europäischen Mittelmächte am Ende des Bosnien-Krieges 1995 so wollten. Wie mühsam dieses Zusammenwachsen auch noch mehr als zehn Jahre nach Kriegsende ist, zeigt der Schulunterricht. Zwar gehen Bosniaken, Kroaten und Serben in gemischten Gebieten nun wieder in dieselbe Schule, doch das Gemeinsame beschränkt sich oft auf das Gebäude und die Pausen. Denn gelehrt werden natürlich die drei Sprachen, und auch die Lehrpläne sind in politisch besonders sensiblen Fächern ebenso getrennt wie die Schulbücher. Was die Sprachen betrifft, wäre das etwa so, als würde für deutsche Schüler, die in Österreich in die Schule gehen, und für Österreicher, die Schulen in Deutschland besuchen, ein eigener Sprachunterricht bestehen. In Bosnien trägt somit das Bildungswesen zur fortgesetzten Trennung der Volksgruppen bei, anstelle verbindend und integrierend zu wirken. Viele „Internationale“ in Bosnien sind sich dieses äußerst fragwürdigen Zustands natürlich bewusst; daher kursierte unter ihnen auch folgender Witz: „Was ist eine Sprache? Ein Dialekt, der eine Armee hinter sich hat.“
Wie zutreffend dieser Witz ist, zeigt das Beispiel Montenegro, obwohl dort die Streitkräfte erst aufgebaut werden. Neben Serbien war Montenegro der einzige Staat, der vor dem Zerfall des alten Jugoslawien bereits auf dessen Territorium bestanden hatte. Sein bedeutendster Politiker und geistlicher Führer war Petar II., Petrović Njegoš, der von 1830 bis 1851 Montenegro als „Fürstbischof“ regierte. Sein Werk Der Bergkranz, dessen Erstausgabe 1847 in Wien gedruckt wurde, zählt zu den bedeutendsten Werken der serbischen Literatur.
Obwohl im Ersten Weltkrieg auf der Seite der Westmächte, wurde Montenegro nach 1918 an Serbien angeschlossen und verschwand von der Landkarte. Nach 1945 wurde Montenegro eine Teilrepublik des kommunistischen Jugoslawien. Die Bindungen zwischen Montenegro und Serbien waren so stark, dass Montenegro als einzige Teilrepublik auch nach dem blutigen Zerfall des alten Jugoslawien bei Serbien verblieb. Je mehr der Stern von Slobodan Milošević verblasste, desto stärker wurde auch der Widerstand in Montenegro, und 1998 kam es zum Bruch. Milo Đukanović, seit 1991 Ministerpräsident, setzte sich im innerparteilichen Machtkampf gegen die Milošević-Anhänger durch und siegte auch mit hauchdünner Mehrheit bei der Präsidentenwahl 1998. Damit begann die schrittweise politische Abspaltung, von der Einführung der Deutschen Mark als eigener Währung, die später durch den Euro ersetzt wurde, bis zur Übernahme der Kontrolle an den Grenzen; auch die staatlich betriebene Rückbesinnung auf die eigene Geschichte setzte ein. Dazu zählte die Herausgabe eigener Schulbücher, die bis dahin aus Serbien gekommen waren. An den Grenzen kam es zur Aufstellung von Schildern mit der Aufschrift Republik Montenegro, obwohl die Republik als Staat international noch gar nicht anerkannt war.
Trotz all dieser Maßnahmen zur Nationsbildung war Montenegro in der Frage der Loslösung von Serbien tief gespalten, weil sich etwa 30 Prozent der Bevölkerung als Teil der serbischen Nation begreifen. Daher kam es nach dem Ende der Ära Milošević in Serbien zunächst zur Bildung des Staatenbundes Serbien und Montenegro, einer Fehlgeburt, die drei Jahre dahinvegetierte und 2006 aufgelöst wurde. Denn acht Jahre nach dem Bruch zwischen Milošević und Đukanović Ende Mai 2006 stimmten schließlich beim Unabhängigkeitsreferendum 55,5 Prozent der Bevölkerung für die Selbständigkeit. Die 55-Prozent-Hürde, die die Europäische Union für die Anerkennung der Unabhängigkeit vorgegebenen hatte, wurde damit knapp übersprungen. 88 Jahre nach dem Anschluss erstand Montenegro wieder als selbständiger Staat. Dieser brauchte auch eine neue Verfassung, die schließlich im Oktober 2007 vom Parlament in Podgorica verabschiedet wurde. Zu den umstrittensten Artikeln zählt die Festlegung der Staatssprache, die bis zu diesem Zeitpunkt die serbische Sprache war. Schließlich fanden die Unabhängigkeitsbefürworter mit Vertretern der gemäßigten proserbischen Opposition einen Kompromiss, und Artikel 13 (Sprache und Schrift) der Verfassung lautet nun wie folgt:
„Die Amtssprache in Montenegro ist die montenegrinische Sprache. Das kyrillische und lateinische Alphabet sind gleichberechtigt. In amtlichem Gebrauch sind auch die serbische, bosnische, die albanische und die kroatische Sprache.“
Montenegro setzte damit einen weiteren Schritt zur Nationsbildung; je erfolgreicher dieser Staat auf dem Weg Richtung EU und NATO vor allem im Verhältnis zu Serbien sein wird, desto rascher wird das Bekenntnis zur montenegrinischen Nation wachsen. Dabei definiert sich Montenegro nicht als ethnisches Gemeinwesen, sondern als „Staat seiner Bürger“ (Artikel 1 der Verfassung), nicht zuletzt auch deshalb, um das ethnische Gleichgewicht zwischen den Volksgruppen nicht zu gefährden. Denn etwa fünf Prozent der Bevölkerung sind Albaner und sieben Prozent sind Bosniaken.
Die Einführung der montenegrinischen Staatssprache, die sich im täglichen Gebrauch de facto vom Serbischen noch weniger unterscheidet als das Kroatische, mag auf den ersten Blick skurril anmuten; doch gerade aus österreichischer Sicht ist Hochmut fehl am Platz. Denn nur wenige Monate, nachdem das Tausendjährige Reich des Oberösterreichers Adolf Hitler untergegangen war, ersetzte das österreichische Staatsamt für Unterricht im September 1945 das Lehrfach Deutsch durch den Begriff „Unterrichtssprache“. Diese Sprache wurde im Volksmund später „Hurdestanisch“ genannt, und zwar nach Unterrichtsminister Felix Hurdes, (1901–1974). Erst im Jahr 1955 kehrte das österreichische Unterrichtswesen dann endgültig zum Lehrfach Deutsch zurück. Über diese Sprachenpolitik hat Johann Georg Reißmüller in der FAZ vor einigen Jahren einen ausgezeichneten Artikel verfasst.2) Auch dieser Beitrag zeigt, dass Nationsbildungsprozesse durchaus ähnliche Muster aufweisen; das gilt auch für Montenegro und Österreich, die sich beide aus der „Konkursmasse“ eines größeren Staates verabschiedet haben. Im Fall Österreichs begünstigten die Großmächte jedoch diese Nationsbildung, während sie in Montenegro von ihnen erschwert wurde, war doch die EU kein Freund der Loslösung von Serbien, die schließlich nolens volens akzeptiert wurde.
Doch es geht in diesem Kapitel nicht um eine vergleichende Studie der Nationsbildung zwischen Österreich und Montenegro. Vielmehr soll der Blick dafür geschärft werden, dass Sprachenfragen und Sprachenpolitik zutiefst mit den Fragen der nationalen Identität (točno – tačno) verbunden sind. Der Kampf um die nationale Identität manifestiert sich daher insbesondere an den Schulen, weil Nationalitätenkonflikte eben auch Sprachenkonflikte sind. Je näher die Sprachen beieinander liegen, und je ungefestigter diese Nationen sind, desto erbitterter werden die Konflikte offenbar ausgetragen. Das gilt natürlich auch für das ehemalige Jugoslawien, dessen meiste Nachfolgestaaten – allen politischen Mythenbildungen zum Trotz – eben sehr junge eigenständige Nationen sind. Im Fall Bosnien und Herzegowina kann noch nicht einmal von einem gemeinsamen Staatsbewusstsein gesprochen werden, weil Serben, Kroaten und Bosniaken im Grund genommen auch mehr als zehn Jahre nach dem Krieg nicht freiwillig in einem Staat zusammenleben. Daher wird es noch einige Zeit brauchen, bis jener Witz umfassende Realität wird, der im Hotel Holiday Inn in Sarajevo spielt:
Unmittelbar nach dem Krieg kommt ein Gast in das Restaurant des Hotels und will beim Kellner eine Tasse Kaffee bestellen: „Hoću Kafu“ (Ich will Kaffee), sagt der Gast zunächst auf Serbisch. Der Kellner antwortet: „Ne može“ (Geht nicht). Denkt sich der Gast, der Kellner ist vielleicht gegen die Serben, daher wiederholt er die Frage auf Kroatisch: „Hoću Kavu“. Wiederum verneint der Kellner. Schließlich versucht es der Gast noch auf Bosnisch: „Hoću Kahvu“. Darauf reißt dem Kellner die Geduld, und er sagt: „Mein Herr! Mir ist es gleichgültig, ob sie Kafa, Kava, oder Kahva sagen. Wir haben kein Wasser!“
Anmerkungen
1) SCHMAUS, Alois: „Lehrbuch der serbokroatischen Sprache“. Max Huber Verlag, München, 1983.
2) REISSMÜLLER, Johann Georg, Frankfurter Allgemeine, 11. Februar 2004: „Was für eine Sprache haben die Österreicher in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gesprochen? Am 3. September 1945 gab das österreichische Staatsamt für Unterricht einen Erlaß heraus, der für die meisten Schularten an die Stelle der Lehrpläne aus der Zeit der Hitler-Herrschaft neue setzte. Darin hieß das Lehrfach Deutsch ,Unterrichtssprache‘. An der Spitze des Staatsamtes stand der Kommunist Ernst Fischer. Ging der Wechsel auf ihn zurück? Fischer betrieb damals eine radikale Entdeutschung Österreichs. Freilich mußte ihm der neue Sprachname auch etwas fragwürdig vorkommen. Er war ein talentierter Publizist und Schriftsteller; in den zwanziger Jahren führte das Wiener Burgtheater ein Stück von ihm auf. Sollte er jetzt sagen, er schreibe in ,Unterrichtssprache‘? Mancher Österreicher vermutete damals, Fischer habe eine Anordnung der Besatzungsmächte ausgeführt. Der sowjetischen folgte er gern; erst viele Jahre später überwarf er sich mit Moskau. Doch es ist ungewiß, ob sich die Siegermächte, die gewiß Österreich so weit wie möglich von Deutschland entfernen wollten, auf ein solches Umbenennen der Sprache einließen. Im Dezember 1945, nach der ersten Parlamentswahl, aus der die Kommunisten etwas armselig hervorgegangen waren, trat an die Stelle des Unterrichts-Staatssekretärs Fischer der Unterrichtsminister Felix Hurdes von der bürgerlichen Volkspartei. Anfang 1949 bekam das Fach Deutsch auch an den technischen und gewerblichen Lehranstalten den neuen Namen. Der Katholik Hurdes also in den Fußstapfen des Bolschewiken Fischer – oder auch er am Leitseil der Besatzungsmächte? Hurdes, der Konzentrationslagerhaft hinter sich hatte, war ein eifriger, sogar eifernder Gegner alles Deutschen in seinem Land. Die Mehrheit der Österreicher schrieb nun die unpopuläre ,Unterrichtssprache‘ allein ihm zu. Bald ging beißender Spott um: Hurdestanisch lernten die Kinder in der Schule, aus Österreich solle offenbar Hurdestan werden. Mit einem Erlaß vom 12. August 1952 wurde aus der ,Unterrichtssprache‘ die ,deutsche Unterrichtssprache‘. Da in Österreich Schulen mit deutscher, kroatischer, slowenischer und ungarischer Unterrichtssprache geführt würden, ergäben sich häufig Anfragen über die eindeutige Bezeichnung des Gegenstandes ,Unterrichtssprache‘. (…) Das war die amtliche Darstellung. Was die Regierung wirklich bewog, ,die Angelegenheit zu ordnen‘, scheint ihre Einsicht gewesen zu sein, daß die Bevölkerung über die Parteigrenzen hinweg die namenlose ,Unterrichtssprache‘ leid war. Hurdes war damals schon mehr als ein halbes Jahr nicht mehr im Ministeramt. Mit seinen christlich-sozialen solidaristischen Ideen war er, der gleich nach dem Krieg als Generalsekretär zur Führung der Volkspartei gehört hatte, an deren Rand geraten. Es war sein Nachfolger Ernst Kolb, der im August 1952 halb auf den alten Sprachnamen eingeschwenkt war. Im August 1955 schaffte der Nach-Nachfolger Drimmel die ,Unterrichtssprache‘ ganz ab. Auf dem Jahreszeugnis eines Wiener Realschülers vom Sommer 1956 sind von der Fachbezeichnung ,Deutsche Unterrichtssprache‘ das zweite Wort und der letzte Buchstabe des ersten mit schwarzer Tinte gestrichen, säuberlich mit dem Lineal. Erst ein Jahr darauf gab es überall neue, bereinigte Zeugnisformulare. Dabei ist es geblieben. Dieser Verlauf verfestigte in Österreich die Ansicht, Hurdes sei der Betreiber der ,Unterrichtssprache‘ gewesen. An Fischers Erlaß wollte sich niemand mehr erinnern. Und wenig Beachtung fand, daß Drimmel seinen Schlußstrich durch die ,Unterrichtssprache‘ zog, als Österreich mit dem Staatsvertrag von 1955 Souveränität, also Freiheit von der Einmischung der Siegermächte erlangt hatte. In der Verfassung hatte allerdings die ganze Zeit gestanden, daß, die deutsche Sprache die Staatssprache der Republik Österreich‘ ist. Wer auch immer Österreich die ,Unterrichtssprache‘ verordnet hat – wie mag er sich das Weitere vorgestellt haben? Sollten bald die Erwachsenen sagen, ihre Muttersprache heiße ,Unterrichtssprache‘? Sollte der monoglotte österreichische Außenminister Figl dem sowjetischen Außenminister launig gestehen, er verstehe nur ,Unterrichtssprache‘? Sollte er ausländische Botschafter dafür loben, daß sie sich schon so gut in ,Unterrichtssprache‘ zurechtfänden? Vielleicht war die Idee, wenn man den Schülern eintrichtere, sie lernten ,Unterrichtssprache‘, würden sie später vor ,Deutsch‘ als Namen ihrer Sprache zurückscheuen. Das wäre ein grotesker Irrtum gewesen.“
6.
Im Kreuzfeuer Mazedonien

Bei Kerzenschein zeigten sie mir ihre Bewaffnung: UÇK-Kämpfer in Mazedonien
Friede ist im Fernsehen nicht darstellbar“ – lautet eine zynische aber leider durchaus richtige Regel des Fernsehjournalismus. Daher erlebte ich nur wenige Monate nach dem Sturz von Slobodan Milošević am 5. Oktober 2000 in Serbien meine zweite journalistische Feuertaufe und zwar in Mazedonien. Dass es eine Feuertaufe im wahrsten Sinn Wortes werden sollte, ahnte ich nicht, als ich Mitte März zum ersten Mal nach Tetovo kam. Die Stadt ist albanisch geprägt1) und liegt im Nordwesten Mazedoniens. Vom Kosovo trennt sie der Gebirgszug Šar Planina, der militärisch kaum zu überwachen ist. Daher fiel es albanischen Freischärlern der UÇK nicht besonders schwer, sich über Gebirgspfade mit Waffen und Ausrüstung zu versorgen. Anders als im Kosovo-Krieg in der ersten Hälfte des Jahres 1999 war „UÇK“ nun aber nicht die Abkürzung für Ushtria Çlirimtare e Kosovës (Befreiungsarmee des Kosovos), sondern stand für Ushtria Çlirimtare Kombetare (Nationale Befreiungsarmee).
Dieser Unterschied im Namen bei gleicher Bezeichnung war mehr als nur semantischer Natur; trotzdem stammten viele Freischärler aus dem Kosovo oder hatten bereits dort oder in Südserbien gekämpft, wo ich mit ihnen in den Jahren 2000 und 2001 zum ersten Mal zusammengetroffen war.2) Denn das Verhältnis zwischen Serben und Albanern war und ist viel stärker belastet als jenes zwischen Mazedoniern und Albanern, die in Mazedonien vor, während und nach der blutigen Auseinandersetzung in der Regierung saßen. Vielfach dienten die Albaner als (korruptes) politisches Feigenblatt, während die Schaltstellen der Macht in den Händen der Mazedonier lagen (Polizei, Streitkräfte); trotzdem bleibt der Umstand der Regierungsbeteiligung bestehen. Daher richtete sich der Albaner-Aufstand nicht nur gegen die Mazedonier, sondern auch gegen die eigene politische Elite, die vielfach zu Recht als unfähig und korrupt empfunden wurde. Ebenso wichtig ist der zweite Faktor, durch den sich die Lage in Mazedonien gravierend von der im Kosovo unterschied. Im Kosovo kämpften die Albaner gegen eine tatsächlich bestehende serbische Unterdrückung, die ihr eigentliches Ziel, die Unabhängigkeit, legitimieren sollte. In Mazedonien waren die Albaner nicht unterdrückt aber vielfach diskriminiert, etwa im höheren Bildungswesen, das nur in mazedonischer Sprache absolvierbar war, oder im Zugang zur Verwaltung, zur Polizei und zu den Streitkräften. Die staatliche Einheit Mazedoniens wurde jedenfalls offiziell nicht in Frage gestellt, und die UÇK begründete ihren Kampf auch stets mit diesen Missständen und Diskriminierungen.
Begonnen hatte der Aufstand im Jänner 2001 mit einem Feuerüberfall auf eine Polizeistation im Norden des Landes. Als ich Mitte März nach Tetovo kam, hatten sich alle diplomatischen Beschwichtigungsversuche der Regierung in Skopje, die Lage sei unter Kontrolle und die Überfälle seien nur das Werk krimineller albanischer Banden, als unhaltbar erwiesen. Für mich war die Fahrt von Belgrad in das etwa 450 Kilometer entfernte Skopje und dann weiter nach Tetovo eine Fahrt ins Ungewisse. Erfahrungen mit Tränengas hatte ich schon beim Sturz von Slobodan Milošević gesammelt und mit albanischen Rebellen war ich bereits in Südserbien zusammengetroffen, wo die Gefechte weit weniger heftig gewesen waren als im Raum Tetovo. Doch diese Reise war meine erste Fahrt in ein richtiges Kampfgebiet.
Zum ersten Mal war ich Ende Mai 2000 in Skopje. Damals machte ich beim Champions-League-Finale im Handball zwischen Hypo Niederösterreich und Skopje Interviews mit österreichischen Spielerinnen. Wegen des Gesamtsiegs der Österreicher kam es zu beträchtlichen Ausschreitungen mazedonischer Anhänger: Trainer Gunnar Prokop wurde sogar niedergeschlagen. Wir konnten nach dem Spiel erst mit beträchtlicher Verspätung und unter Polizeischutz wieder in die Halle. Dort wartete ein Team des staatlichen mazedonischen Fernsehens, damit ich die Spielerinnen noch live befragen konnte. Im Übrigen war Reisen für mich damals mit großen bürokratischen Hindernissen verbunden. Ich hatte nur ein Ausreisevisum für Serbien und musste – von Fahrten nach Montenegro abgesehen – nach jeder Ausreise nach Wien zurück und bei der jugoslawischen Botschaft in Wien ein neues Einreisevisum beantragen, das aber unbürokratisch schnell erteilt wurde. Trotzdem blieb ein Unsicherheitsfaktor.
Journalistisch vorbereitet war ich auf den „Kampfeinsatz“ ein Jahr später überhaupt nicht; wertvolle Dienste bei Organisation und Lagebeurteilung leistete mir jedoch meine umfassende militärische Ausbildung als Milizoffizier des Bundesheeres. Doch mir fehlten Kontakte und Ansprechpartner in Mazedonien und so fuhr ich einfach Mitte März mit meinem serbischen Drehteam nach Tetovo. Auch alle meine Teams habe ich in gewisser Hinsicht militärisch und damit vorne angeführt; denn man kann keine spektakulären Bilder erwarten, wenn der Journalist im Hotel sitzt und das Kamerateam allein in die Gefahrenzone schickt. Ich ging stets voran, erkundete das Gelände und verhandelte mit Polizei, Militär und Aufständischen, sofern das Team nicht bessere Kontakte hatte. Aus diesem Grund verwende ich stets nur lokale Drehteams. Sie haben den nötigen Bezug zum Umfeld und die unerlässliche Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten. Nach erstem Lehrgeld drehe ich auch nur mit Teams, die der jeweiligen Bevölkerung entstammen, um eventuelle Konflikte, Reibereien und Spannungen zu vermeiden.
Während wir in Skopje übernachteten, schliefen viele Journalisten direkt im Zentrum von Tetovo in einem „Hotel“, das in dieser Zeit das Geschäft seines Lebens machte. Gut verdient haben in dieser Zeit aber auch alle anderen Hotels in Skopje – und nicht nur sie. So fand sinnigerweise Anfang Mai – während EU, NATO und USA immer eindringlicher vor den Folgen der Kämpfe warnten – in Skopje eine Verteidigungsmesse statt. Alle wichtigen Waffenhersteller der Region waren vertreten. Angeboten wurde von der Tränengasgranate über das Schnellfeuergewehr bis hin zu gepanzerten Fahrzeugen alles, was man eben für ein Gefecht so braucht. Dazu zählten auch Fernrohre und Aufsätze für Scharfschützengewehre der Marke Swarowski. Zur Eröffnung hatten sich die Veranstalter etwas Besonderes einfallen lassen: Zur Musik der James-Bond-Filme traten vier Tänzerinnen in Kampfanzügen auf, um potenzielle Käufer so richtig in Stimmung zu bringen.
Topgrafisch gesehen wird Tetovo von einer Art „Schlossberg“ von den Überresten einer Festung aus osmanischer Zeit überragt. Am Berghang stehen viele kleine Häuser, zu denen verwinkelte Gassen führen. Einige dieser Häuser wurden immer wieder von mazedonischen Einheiten mit Artillerie beschossen, und viele Journalisten beobachteten das „Schauspiel“ bei Kaffee und Mineralwasser im kleinen Schanigarten des Hotels.
Relativ rasch kam ich über Interviews mit Albanern an einen jungen Verbindungsmann der UÇK. Verständigungsschwierigkeiten gab es praktisch nicht. Zwar beherrschte ich damals noch keine Grundbegriffe der albanischen Sprache, doch mit meinen Serbischkenntnissen ausgestattet hatte ich mich rasch ins Mazedonische eingehört, das fast alle Albaner sprechen. Außerdem war stets irgendein Albaner zur Hand, der in Deutschland, in der Schweiz oder in Österreich als Gastarbeiter sein Brot verdient hatte und jedenfalls radebrechend Deutsch konnte. Das galt auch für die UÇK selbst, dessen zweite – inoffizielle – „Kommandosprache“ aus den zuvor erwähnten Gründen Deutsch war. Dieses albanische Netzwerk ermöglichte es der UÇK, regelmäßig über die Art meiner Berichte in Österreich informiert zu werden. Ganz generell war und ist das Verständnis der Albaner für Kriegspropaganda weit besser entwickelt als das der Mazedonier und der Serben, die auch den Medienkrieg um den Kosovo klar verloren haben.
Wanderbares Mazedonien – Aufstieg zur UÇK
„Das halbe Leben des Soldaten heißt warten.“ Dieser Satz gilt auch für Journalisten, und so fuhren wir jeden Tag nach Tetovo und Umgebung auf der Jagd nach Bildern, neuen Geschichten und Kontakten. „Belohnt“ wurde ich schließlich durch unseren jungen Verbindungsmann, der mich mit anderen ausgewählten Drehteams zum Besuch eines lokalen Stabes der UÇK einlud. Allerdings durfte ich nur den Kameramann mitnehmen, während Tonmeister und Fahrer in Tetovo zu bleiben hatten. So wanderten wir denn über die Almen einem unbekannten Ziel entgegen. Das Wetter war ebenso schön wie die Landschaft, und ich hätte an einen Ausflug à la „Wanderbares Österreich“ denken mögen, hätten wir aus Tetovo nicht hin und wieder Artilleriefeuer gehört. Ich trug das Stativ, Kassetten und das Mikrofon, während mein serbischer Begleiter die etwa zehn Kilogramm schwere Kamera schleppte und außerdem mit schlechtem Schuhwerk und mangelnder Kondition zu kämpfen hatte. Unsere Mobiltelefone mussten wir deaktivieren, um die Funkpeilung zu erschweren. Dennoch gelang es mir, unsere Führer zu einer kurzen Ausnahme zu überreden. So verzog ich mich abseits in den Wald und setzte telefonisch einen kurzen Radiobericht für die Mittagssendungen ab. Leider hatte der Techniker im Funkhaus kein Verständnis für meine Lage, und so musste ich wegen mangelnder technischer Qualität den Beitrag dreimal wiederholen, was mich einige Nerven kostete.
Nach etwa zwei Stunden gelangten wir zu einem Dorf, in dem wir zum ersten Mal einige Kämpfer der UÇK zu Gesicht und auch vor die Kamera bekamen. Am frühen Nachmittag wurden die Journalisten allerdings von ihren Kameraleuten getrennt. Die Zeit wurde langsam knapp, denn für 19.30 Uhr hatte ich einen Beitrag für die Hauptabendnachrichten im Fernsehen zu produzieren und außerdem war ein Liveeinstieg geplant. Doch ich konnte den Kameramann weder finden noch telefonisch erreichen – sein Telefon verfügte nicht über Roaming und funktionierte daher nur in Serbien. Ich vereinbarte also mit den albanischen Aufständischen folgenden Handel: Der Kameramann sei nicht als Serbe, sondern als Kameramann des österreichischen Staatsfernsehens zu betrachten und entsprechend zu behandeln. Er würde gemeinsam mit anderen Teams nach Tetovo zurückkehren und dort – geschützt und bewacht von der UÇK – übernachten. In der Nacht herrschte Ausgangssperre, daher konnten wir ihn nach der Sendung in Tetovo nicht abholen.
Ich selbst bekam einen eigenen Führer, mit dem ich den Weg vom Dorf über die Almen im Laufschritt zurücklegte, um wenigstens den Liveeinstieg nicht zu verlieren. (Von meiner Kondition beeindruckt bot mir der Führer an, doch in die UÇK als Kämpfer einzutreten. Hätte ich zusagen sollen? Doch natürlich lehnte ich ab, hatte ich doch eine Familie zu versorgen, und fremde Kriege führe ich nicht.) Trotzdem war ich erst nach 18 Uhr wieder in Tetovo, und wir schafften es gerade noch rechtzeitig zum Liveeinstieg nach Skopje, während der Beitrag an diesem Tag mit Agenturbildern von Wien aus produziert wurde.
Den Kameramann holten wir am nächsten Morgen in Tetovo ab. Er hatte – geschützt von der UÇK – in einem kleinen Motel nur unter Albanern übernachtet. Er dürfte einer der wenigen Serben gewesen sein, der je unter dem Schutz albanischer Freischärler gestanden ist. Wäre ich mit ihm allein in dem Albaner-Dorf gewesen, so hätte ich ihn niemals zurück gelassen; doch gemeinsam mit anderen westlichen Journalisten und Teams war diese Entscheidung durchaus vertretbar, zumal auch Kameraleute wissen sollten, wie sie sich auf den Einsatz in Krisengebieten vorzubereiten haben.
Im Kreuzfeuer
Drei Dinge sind in Kampfgebieten besonders gefährlich: Minen, Scharfschützen und unvorhersehbare Zwischenfälle. Vermintes Gelände lässt sich weitgehend vermeiden, wenn man den Anweisungen von Polizei und Militär folgt und sich an die Informationen der ortsansässigen Bevölkerung hält. Scharfschützen hingegen sind Schicksal; so verfügten die Albaner in Mazedonien auch über großkalibrige Scharfschützengewehre mit einer Einsatzschussweite von mehr als einem Kilometer. Scharfschützen waren einer der Gründe, warum ich auch in Kampfzonen stets Krawatte und Sakko, aber niemals Splitterschutzweste und Helm getragen habe. Dadurch wollte ich vermeiden, mit einem Kombattanten verwechselt zu werden; außerdem behindern Weste und Helm die Arbeit und schränken die Beweglichkeit drastisch ein. Gegen gute Scharfschützen sind sie wertlos, weil diese auf den Kopf zielen. Es ist eben wie bei der Formel I: Wer ins Rennauto steigt, muss als Fahrer damit rechnen, dass er sterben kann. Es ist die freie Entscheidung des Journalisten, ins Kampfgebiet zu gehen, daher verdient er ebenso wenig Bewunderung wie ein Rennfahrer, der allerdings für sein Rennen weit besser ausgestattet und (leider) noch um vieles besser bezahlt wird als der Journalist im Krisengebiet.
Am gefährlichsten sind jedoch unvorhersehbare Ereignisse wie sie mir am 22. März 2001 in Tetovo widerfuhren. An einer kleineren Stadteinfahrt hatte die Sonderpolizei Wache bezogen. Die Kreuzung war gut gewählt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite dienten Häuser als natürliche Deckung; auf der anderen Seite stand ein Kiosk; er bildete die Rückwand für einen halbkreisförmigen Kontrollposten, den die Sonderpolizei aus Sandsäcken errichtet hatte. Rechts davon stand eine Art Panzerspähwagen. Mehrere Polizisten waren in diesem Provisorium in Bereitschaft, einer davon auf der Lauer mit dem Gewehr im Anschlag. Von dieser Position aus konnte nicht nur die Einfahrtsstraße, sondern auch der „Schlossberg“ überwacht und beschossen werden.
Umlagert war dieser Kontrollposten natürlich auch von Kamerateams, die auf verwertbare Bilder hofften. Ich selbst versuchte, mich bei den Sonderpolizisten bekannt zu machen. Wenn schon keine verwertbaren Informationen herausspringen, kann ich vielleicht das Klima entspannen, was das Drehen erleichtern würde, dachte ich mir. Daher kaufte ich eine Flasche Weinbrand und schenkte sie den Polizisten, die mich auf einen Schluck in ihren Posten einluden. Zwei Polizisten und ich saßen auf dem Boden auf Sandsäcken und plauderten. Plötzlich eröffnete der wachhabende Polizist das Feuer; ich warf mich zu Boden, die Polizisten griffen über mich hinweg zu ihren Kalaschnikows und feuerten ebenfalls. Als es nach wenigen Augenblicken wieder still war, schlich ich mich seitwärts aus dem Kontrollposten und schaute auf die Straße. Ich sah einen alten Kleinwagen mit geöffnetem Kofferraum und geöffneten Vordertüren: Zwei Männer lagen neben dem Fahrzeug, ein alter Mann und sein Sohn in mittleren Jahren. Was geschehen war, erfuhr ich unmittelbar danach und habe es vielfach auf dem gedrehten Material gesehen.
Alles begann ganz normal mit einer Verkehrskontrolle durch die Sonderpolizisten. Der alte Mann auf dem Beifahrersitz und sein Sohn mussten aussteigen; es kam wohl zu einem Wortwechsel und statt seiner Papiere zückte der Fahrer eine Handgranate, um sie in den Kontrollposten zu werfen, in dem ich gerade saß. Die Polizisten reagierten schneller, erschossen beide Männer und ersparten es so dem ORF, den Job eines Balkan-Korrespondenten neu auszuschreiben, denn die Splitterwirkung der Handgranate wäre in diesem engen Raum wohl tödlich gewesen. Ich verständigte kurz und knapp Familie und ORF – und die Arbeit ging weiter, hatten wir doch nun spektakuläre Bilder für die Zeit im Bild. Albanische Medien schrieben tags darauf, der Fahrer habe nur ein Mobiltelefon in den Kontrollposten werfen wollen, doch das war natürlich haarsträubender Unsinn. Die letzten Schüsse waren gerade verhallt, und schon nutzte ein griechischer Journalist den grausigen Hintergrund als Kulisse für einen „Aufsager“, das ist eine Art Kommentar, bei dem der Journalist mit seinem Mikrophon im Bild zu sehen ist. Die meisten meiner Kollegen und ich selbst haben uns stets bemüht mehr Pietät zu zeigen, vor allem wenn es sich eindeutig um menschliches Leid handelte. Hinzu kommt, dass die Regeln des ORF recht streng sind, und die „besten“ Bilder ohnehin nicht gezeigt werden dürfen. Generell bin ich für eine realistische Darstellung, denn Kriege, Konflikte und Kämpfe sind zwangsläufig mit dem Tod verbunden. Und das sollte auch gezeigt werden, wenn auch das Wie immer diskussionswürdig bleibt. Leichenbeschau und Begräbnis der beiden Männer fanden am nächsten Tag statt. Über meinen UÇK-Gewährsmann erhielten wir das Angebot, beide Ereignisse aus besonders guter Position zu filmen, wenn ich bereit wäre, die Aufnahmen den Hinterbliebenen in Kopie zu überlassen. Diese entpuppten sich als langjährige Gastarbeiter in Niederösterreich, und die Übergabe der Videokassette fand schließlich in einem Wiener Kaffeehaus statt. Bei dieser Gelegenheit fragte mich der Albaner, ob sein Verwandter nicht doch ein Mobiltelefon habe in den Stützpunkt werfen wollen. Ich sagte, es sei leider wirklich eine Handgranate gewesen; und bei allem Verständnis für den schmerzlichen Verlust sei ich den Polizisten eigentlich dankbar, denn sonst könnte ich in Wien wohl kaum gemütlich meine Melange trinken. Diese offenen Worte taten der Freundschaft keinen Abbruch. Jedes Mal, wenn der Gastarbeiter während des Konflikts zu seiner Familie nach Tetovo fahren wollte, rief er mich an, ob die Lage auch sicher genug für diese Reise sei. Als die Kämpfe schließlich unter Vermittlung von EU und NATO Mitte August 2001 mit dem Friedensabkommen von Ohrid endeten, schenkte mir der Mann meine erste Grammatik der albanischen Sprache, die ich nach wie vor benutze, um meine Kenntnisse zu verbessern.
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