Kitabı oku: «Vom Himmel in die Hölle»

Der Ablauf des militärischen Geschehens entspricht der geschichtlichen Wahrheit. Die Namen der handelnden Personen sind größtenteils authentisch. Irrtümer bleiben vorbehalten.
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2014
© 2014 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Lektorat und Satz: Dr. Helmut Neuberger, Ostermünchen
Titelfoto: © Bayerische Staatsbibliothek München/
Fotoarchiv Hoffmann
eISBN 978-3-475-54366-1 (epub)
Worum geht es im Buch?
Christian Huber
Vom Himmel in die Hölle
Zeitzeugenbericht eines Nachtfernaufklärers
Gerhard Ehlert gehört zu den wenigen Überlebenden der Elite-Flugeinheit der Nachtfernaufklärer für den Bereich Russland im Zweiten Weltkrieg. Obwohl er aus einem Elternhaus kommt, das sich gegen das Nazi-Regime ausspricht, meldet er sich freiwillig. 22 Feindflüge besteht er, landet sein Flugzeug oft blind mitten im Nebel. Im Juni 1944 wird er abgeschossen und gerät in russische Kriegsgefangenschaft. Die Zeit in dem Lager wird sein Leben für immer verändern. Dieser Zeitzeugenroman beruht auf den Erinnerungen eines überlebenden deutschen Fliegerleutnants.
Inhalt
Ein staunender Blick in meine Vergangenheit
Gerhard Ehlert
I. Flug ohne Wiederkehr
Ruhig zieht der junge Pilot den Steuerknüppel zu sich heran. Die schwere Maschine bewegt ihre Nase leicht nach oben, und die beiden Daimler-Benz-Motoren zeigen, was in ihnen steckt. Die warme Sommerluft fährt unter die Flügel der zweimotorigen Maschine und hebt sie sachte an. Die Schwerkraft drückt die Männer in ihre Sitze, und sie fühlen sich ganz sicher, als sie das Einrasten des Fahrwerks hören. Sie spüren jetzt den Lärm, den die Propeller verursachen, an ihrer Fliegerkombi, einem leichten Anzug aus hellem Sommerstoff, den sie in diesen heißen Tagen in den Pripjetsümpfen lieben lernen, weil sie darin viel weniger schwitzen als ihre Kameraden in den dicken grauen Uniformen. Das Brummen der Motoren dringt bis auf ihre Haut, sie spüren es am ganzen Leib. Und so geht es laut dröhnend hinein in die Dämmerung. Die letzten Strahlen der russischen Sonne fliegen ihnen nach und verglühen, ehe sie und ihr Flugsaurier ganz von Nacht umhüllt werden. Für sechs Stunden reicht der Treibstoff ihres schwarzen Vogels, den man nachts vom Boden aus so gut wie nicht erkennen kann. Drei Stunden hin, drei Stunden wieder zurück.
»Rechtskurve. Gerade. Da vorne leichte Linkskurve. Gerade!«, raunt der Beobachter im Sekundentakt in sein Kehlkopfmikrofon. Er kauert in der riesigen Glaskanzel unter dem Piloten und hat die beste Sicht nach unten. »Das is’ wie mit ’nem Mercedes-Silberpfeil mit 300 Sachen auf der Autobahn. Hurra! Bloß mit ’ner schwarzen Binde vor den Augen«, feixt der Bordschütze, der ganz hinten in der engen Maschine sitzt und wie immer nichts zu tun hat. Nachts heben die russischen Jäger nicht von ihren Flugplätzen ab, sie haben, anders als die Tommies, auch jetzt noch, im Sommer 1944, kein Radar.
»Ist direkt ein bisschen einsam hier oben. Musik wär’ jetzt nicht schlecht«, kracht es kehlig in den Kopfhörern der vier Männer in ihrem dröhnenden Fernaufklärer. Dann schaut der Schütze auf seine Armbanduhr. »Mann, Professor, was ist denn mit dem Funkspruch? Verdammt. Die daheim müssen doch wissen, dass wir noch am Leben sind.«
Der Professor heißt eigentlich Karl-Heinz Williges, Unteroffizier Williges. Er ist das Küken der Besatzung und absolviert gerade seinen ersten echten Feindflug. Die Männer nennen ihn Professor, weil er eine Nickelbrille trägt und damit ungemein intelligent wirkt. Er kämpft schwer mit seiner Müdigkeit und mit seinen Gedanken an Zuhause, an seine Mutter. Er hat den ganzen Tag wieder schlecht geschlafen, weil ihm die Angst vom letzten Übungsflug nahe der Front noch im Nacken sitzt.
»Mensch, nicht pennen hier. Wer’s nicht verträgt, soll’s eben lassen«, schimpft der Flugzeugführer, und Williges weiß, dass er nicht viele Fehler machen darf, sonst ist er wieder raus. Raus, das heißt raus aus der Flugzeugkanzel und ab zu den Grabenkriegern. Grabenkrieger, so nennen die »Herren von der Luftwaffe« die Soldaten der Infanterie, denen in diesen Tagen der Untergang droht – zumindest hier, am Pripjet, südöstlich von Minsk – dort, wo drei Jahre zuvor Hitler und seine hörigen Generäle einen Sieg nach dem andern errungen hatten. Die großen Kesselschlachten bei Kiew, bei denen die Rote Armee Hunderttausende von Soldaten durch Tod oder Gefangenschaft verloren hatte, die Eroberung der Rollbahn Minsk-Smolensk-Moskau, der rasche Vormarsch im Süden auf die Krim dicht vor die kaukasischen Erdölfelder, das alles hatte auf deutscher Seite zur Hybris geführt; einer Hybris, die ein Jahr und zwei Winter später an der eiskalten Wolga in die Katastrophe von Stalingrad mündete, wo die deutsche 6. Armee von der Roten Armee vernichtend geschlagen wurde. Es war der Wendepunkt des Krieges im Osten, nein, des gesamten Vernichtungskrieges, in den Hitlerdeutschland Europa und die halbe Erdkugel gezogen hatte.
An der Ostfront stehen die Zeichen in diesen Sommertagen des Jahres 1944 auf Sturm. Eine zusammenhängende Front der Deutschen Wehrmacht existiert nur mehr auf dem Papier. Die einst so siegreiche Heeresgruppe Mitte ist zwischen Moskau und Minsk verblutet. Die Rote Armee sammelt sich gerade zur alles entscheidenden Offensive und das mit einem ganz neuen, bedrohlichen Unterton. Zum ersten Mal seit dem Überfall der Wehrmacht auf Sowjetrussland kommt zur zermürbenden Artillerievorbereitung der Russen auch noch ein nervenzerreißendes Brummen aus der Luft: 1000 sowjetische Bomber nehmen tagelang die Reste der deutschen Front ins Visier. 40 einsatzfähige Jäger kann die Luftflotte 6 zu diesem Zeitpunkt der Heeresgruppe Mitte noch zur Verfügung stellen. 40 Maschinen gegen 1000. Mitten hinein in die Bereitstellung der Roten Armee fliegt am 13. Juni, abends gegen 21.30 Uhr, ein einzelnes deutsches Flugzeug, einer der letzten Nachtfernaufklärer der Luftwaffe. Der Auftrag lautet: Eisenbahn- und Straßenaufklärung im Bereich der 2. Armee.
Was die Männer in dieser Nacht auf ihrem Flug sehen, überrascht sie längst nicht mehr und lässt ihnen dennoch das Blut in den Adern gefrieren. Es sind die Vorzeichen des Untergangs. Zug um Zug rollt gegen Westen, von schweren, dampfenden Lokomotiven gezogen, bepackt mit Panzern und Geschützen. In den Bereitstellungsräumen der Russen stehen so viele der gefürchteten T34-Panzer, Sturmgeschütze und Katjuschas, dass es aussieht, als würden die Felder aus purem Stahl bestehen. Äcker aus Eisen, Wiesen aus Blei. Auf den Straßen sehen sie nachts Lkw-Kolonne um Lkw-Kolonne. Sie fahren mit voller Beleuchtung, so sicher fühlen sie sich. Die Männer im Aufklärer wissen, dass die Transporter an der Front Rotarmisten ausspucken werden, Tausende, eine Million und mehr. Und sie wissen, dass ihre Kameraden auf dem Boden dieser Flut nicht werden standhalten können. Keinen einzigen Tag. Bis Ostpreußen sind es für die Russen nur mehr dreihundert Kilometer.
Leutnant Gerhard Ehlert, der Pilot der Maschine auf Feindflug »K7 + FK« Richtung Osten, fühlt sich schlecht. Auch wenn er konzentriert den Anweisungen seines Beobachters folgt, hat er doch immer wieder Zeit, nachzudenken. Und nachdenken ist das, was er am allerwenigsten braucht. Es macht ihn fahrig. Er sorgt sich um Riele, sein Mädchen zu Hause, ruft sich ihre Gesichtszüge in Erinnerung, wieder und immer wieder. Dabei lächelt er vor sich hin. Er denkt an ihr braunes, langes Haar, riecht daran in Gedanken und kann sich nicht erklären, warum er zwei Wochen nichts von ihr gehört hat. Es liegt bestimmt an der gottverdammten Feldpost, beruhigt er sich und schreckt auf.
»Steile Linkskurve, Herr Leutnant, steiler. Gerade. Da vorne Rechtskurve. Achtung. Jetzt. Gerade!«, brüllt der Beobachter wieder und wieder. Sie fliegen nach Karte. Das heißt, der Beobachter gleicht das, was er am Boden mit bloßem Auge erkennt, mit seiner Karte, die vor ihm liegt, ab. Sekunde für Sekunde. Und das mitten in der Nacht. Er hat keine Zeit, sich während des Fluges Gedanken zu machen. sonst verfliegen sie sich gnadenlos und geraten womöglich in ein Gebiet mit starker Luftabwehr. Das können sie gar nicht gebrauchen. Und genau, während er diese zwei Sekunden abschweift, dringt Oberfeldwebel Hanns Schlotter, so heißt der drahtige, langgewachsene Bordbeobachter aus Frankfurt am Main, die Stimme seines Piloten kalt und vibrierend ins Ohr: »Schlotter. Alles klar? Ich hör zu wenig. Mensch, Augen auf, sonst verfranzen wir uns noch«, schreit Ehlert hart.
Schlotter ist sofort wieder hellwach. »Jawoll, Herr Leutnant. Flusslauf, gerade, Rechtskurve. Gerade. Da vorne noch mal enge Rechtskurve. Achtung: jetzt! Gerade!« Schlotter funktioniert sofort wieder wie eine Maschine, wie ihre zweimotorige Dornier Do 217.
Der junge Leutnant am Steuerknüppel aber spürt, dass die ganze Besatzung heute eine besondere Spannung befallen hat. Vielleicht ist es da ganz gut, ein bisschen Ruhe reinzubringen, denkt er sich. »Williges! Wissen Sie eigentlich, woher das Wort ›verfranzen‹ kommt? Fliegersprache aus dem Weltkrieg.« Er sagt keine Nummer zum Weltkrieg, denn Ehlert weiß nicht, dass der, in dem sie gerade kämpfen, die Nummer zwei bekommen wird. »Bei den Fliegern im Weltkrieg saß einer vorne und einer hinten. Die Bezeichnung für die beiden Flieger war Emil und Franz. Emil flog, Franz navigierte, wie Schlotter eben, nur ein bisschen langsamer. Wenn man sich verflog, hatte Franz einen Fehler gemacht. Man hatte sich verfranzt. Kann uns nicht passieren, was Schlotter?«
»Jawoll, Herr Leutnant. Rechtskurve. Gerade. Da vorne leichte Linkskurve. Gerade!«, gibt Schlotter zurück.
Ganz schöner Klugscheißer heute, unser Kutscher, denkt sich Willi Burr, der gelangweilte Bordschütze am Heck der Maschine. Die zieht Ehlert jetzt gerade ein bisschen nach oben, weil ihn Schlotter vor einer Hügelkette gewarnt hat. »Waren ganz schöne Luftschaukeln, damals. Tauchten reihenweise in den Bach. Uns kann der Himmel nicht verlieren, was, Burr? Keine Maschine ist so lufttauglich wie die unsere, wenn man sie richtig fliegt.«
»Jawoll, Herr Leutnant, keine!«, gibt der Bordschütze versöhnt zurück.
Flughöhe 200 Meter. Schatten ziehen in irrem Tempo unter den vier Männern in der Do 217 hindurch, malen bizarre Gebilde auf Straßen, Wiesen und Felder. Manchmal wirft der Mond das Flugzeug der Nachtfernaufklärer von Gerhard Ehlert an einen Waldrand, und sie überfliegen sich selbst. Immer wieder sehen sie die Lichter von Lastwagen. Ein Lichtermeer, das zu einem einzigen hellen Glimmen verschmilzt. Längst haben die Russen die absolute Luftherrschaft und müssen sich über deutsche Kampfflieger den Kopf nicht mehr zerbrechen. Zumindest kaum noch. Deshalb gibt es auch keine Verdunkelung. »Ist wie an Weihnachten«, brüllt Burr, und Williges setzt gleichzeitig seinen halbstündigen Funkspruch an den Flugplatz ab.
Die deutsche Heeresleitung weiß in diesen Tagen längst, was die Stunde geschlagen hat, was die Rote Armee plant: einen Großangriff in Richtung Ostpreußen, der am 22. Juni 1944 starten soll. Um die Vorbereitungen zu stören, greifen die letzten Maschinen der Luftwaffe seit Wochen in kleinen Gruppen oder in verzweifelten Einzelaktionen hauptsächlich Bahnhöfe an. Einer davon ist der Bahnhof Sarny, der am 13. Juni von den wenigen verbliebenen Maschinen der Luftflotte 6 bombardiert wird. Sarny liegt auf der Bahnstrecke Kiew-Warschau, rund 300 Kilometer westlich von Kiew und genauso weit entfernt von Minsk.
Bei der Einsatzbesprechung gegen 17 Uhr werden Ehlert und seine Besatzung eingeteilt, die Gleisanlagen in der Nacht nach der Bombardierung zu fotografieren. Der Staffelkapitän zeigt mit einem langen, dürren Holzstab auf eine riesige Karte vor ihnen an der Wand. Er zeichnet die Flugroute entlang von Flussläufen, Bahnlinien und Straßen nach. Wie leicht das ist, auf der Karte und mit dem Holzstab, denkt Ehlert und schaut auf den Schatten, den der Stab wirft. Er zielt über Warschau nach Deutschland hinein. Kein gutes Zeichen! Flieger sind abergläubisch. Niemand setzt sich gern in eine Maschine mit der Kennung dreizehn. Manche Geschwader spritzen sie vor dem ersten Einsatz zur Zwölfeinhalb um.
Für ihren Einsatz heute Nacht bekommen Ehlerts Männer das Flugzeug des Staffelkapitäns zugeteilt, das mit einer speziellen ISCO-Kamera ausgestattet ist. Mit ihr können sie aus großer Höhe weite Gebiete fotografieren.
Zwei Stunden später sitzt der junge Leutnant zusammen mit seinem Offizierskollegen Kurt Schuffert vor einem Zelt auf dem Feldflugplatz Baranowitschi beim Abendessen. Beiläufig sprechen die beiden darüber, dass schon längere Zeit keine Maschine mehr verlorengegangen ist. Ehlert ahnt da noch nicht, dass es seine Besatzung sein wird, die in dieser Nacht nicht zurückkehrt. Wir sind noch nicht lange genug dabei, uns kann es noch nicht erwischen, glaubt Ehlert an das Gesetz der Serie. Und er weiß, dass seine Mannschaft bis auf Küken Williges trotzdem schon jede Menge Erfahrung hat, besonders Schlotter, der alte Haudegen. Der ist ja schon über 30. Ehlert wundert sich nicht, dass im Krieg eigentlich noch junge Männer als alt gelten. Schlotter, Burr und ich, das sind beste Voraussetzungen für ein langes Leben, grinst er zuversichtlich in sich hinein. Das ist für ihn wie ein Gesetz. Doch der Krieg hält sich nicht an Gesetze – außer an die des Todes.
Um 21 Uhr wird ihr Vogel, eine zweimotorige, dreitausend PS starke Do 217-M betankt. Dann geht es los in Richtung Sarny. Der Anflug verläuft zunächst reibungslos. Tief gleiten sie über das Schlachtfeld, das heute besonders ruhig scheint. Nur ab und an sehen sie das Aufblitzen von Mündungsfeuer. Dann wird es ruhig, und der Funk wird leiser. Sie sind über Feindesland, dringen in jeder Sekunde fast 100 Meter tiefer hinein. Wenn es so weitergeht, werden sie Sarny in einer halben Stunde erreicht haben. Doch vorher erlauben sie sich – wie in den letzten Tagen immer – noch einen kleinen Spaß. An einer auffälligen Waldlichtung an der Bahnlinie Kowel-Sarny stehen vier russische Flakgeschütze, fein säuberlich aufgebaut im Karree. Das Besondere daran: Die Geschütze werden von Frauen bedient. Dreimal haben Ehlert und seine Männer schon das Weiße in den Augen der weiblichen Besatzung gesehen, weil sie jedes Mal kurz vor der Stellung ganz nach unten gehen. Je tiefer sie fliegen, desto kürzer ist die Vorwarnzeit, desto weniger lange sind sie direkt über der Stellung.
Der dichte Überflug der deutschen Fernaufklärer führt dazu, dass bei der russischen Frauen-Flak jedes Mal helle Aufregung ausbricht. Die Soldatinnen laufen wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen durcheinander und schaffen es kein einzige Mal, rechtzeitig einen Schuss in den Himmel zu schicken. Und Ehlerts Männer johlen, weil es ihnen einen Heidenspaß macht, die Frauen unten in ihren erdbraunen Uniformen hin und her flitzen zu sehen. Sogar der sonst so kühle Flugzeugführer lässt sich dazu hinreißen, beim Abflug von der Flak-Stellung kurz mit den Tragflächen zu wackeln. Er winkt mit den Flügeln seiner Maschine – unblutige Höchststrafe für die weiblichen Grabenkrieger unten an der Waldlichtung. Denn das Flügelwackeln heißt nichts anderes als: Ihr könnt uns mal. Die Frauen werden sich etwas einfallen lassen. Noch in dieser Nacht.
Schnell kühlt sich die Stimmung in Ehlerts Maschine wieder ab. Denn sie können ihren ersten Auftrag nicht erfüllen. Kurz vor dem Bahnhof Sarny steigen sie auf 1500 Meter hoch, um Bilder mit Blitzlicht zu schießen. Doch die Bombenklappe, aus der die Blitzlichtbomben abgeworfen werden sollen, lässt sich nicht öffnen. Burr verlässt seine Kanone am Heck des Fliegers und klettert hinunter.
»Ich schau mal, was da los ist, Herr Leutnant«, krächzt der Feldwebel in sein Mikrofon.
Doch alles Zerren, Treten und Schieben hilft nichts. Der verdammte Schacht will einfach nicht aufgehen. Kopfüber fällt dem Bordschützen ein Bleistift aus seiner Brusttasche. Der Aufschlag des kleinen Stiftes auf den unteren Teil der Glaskanzel des Fliegers ist nicht zu hören. Er tanzt auf dem Glas und wird noch eine halbe Stunde dort tanzen.
»Bombenklappe lässt sich auch von Hand nicht öffnen. Ist mit Bordmitteln nicht klar zu kriegen, Herr Leutnant«, setzt Burr an seinen Piloten ab. Also keine Fotos aus großer Höhe. Es wird nicht die letzte Panne des Fluges »K7 + FK« bleiben.
In einer weiten Schleife bringt Ehlert den Vogel langsam in den Sinkflug. Sie gehen auf 200 Meter herunter, ihre typische Aufklärungshöhe. Ab sofort gilt: Autos zählen, Züge zählen, Panzer zählen. Oberfeldwebel Schlotter sagt die Richtung an und zählt, Unteroffizier Williges funkt alle halbe Stunde Richtung Feldflugplatz und zählt mit, Feldwebel Burr hält ihnen wie immer mit seinem MG 131 den Rücken frei, Leutnant Ehlert, der Kutscher, wie sie ihn nennen, fliegt den Vogel stur und ganz nach Vorschrift. Jetzt sind sie alle vier eine Maschine in der Maschine, ein Räderwerk, in dem sich ein Zahn auf den anderen verlassen kann und muss. Eine Kampfgemeinschaft. Und obwohl der zappelige Professor, der lange Oberfeldwebel mit den scharfen Augen und seiner krummen Nase, der lässige Feldwebel mit seinem MG und der kühle, fast immer ein bisschen zu vornehm wirkende Flugzeugführer als Menschen unterschiedlicher nicht sein könnten, verbindet sie ein Gedanke – der an Zuhause. Da sitzt in Frankfurt am Main Hanni Schlotter mit ihren beiden Söhnen. Fritz ist drei, Max erst ein knappes Jahr alt. Der Vater der beiden Buben ist an der Front. Nein, noch schlimmer, hinter den feindlichen Linien. In einem fliegenden Sarg.
Da sitzt in Mergelstetten bei Heidenheim die blonde Linda am Ufer des kleinen, romantischen Flüsschens Brenz. Sie hat ein weißes ärmelloses Sommerkleid an, ist braungebrannt. Sie ist zwanzig und hat ihr ganzes Leben noch vor sich. Ihre langen blonden Haare hat sie sich hinter die Ohren gestreift, nur eine Tolle fällt ihr ins Gesicht. Mit ihrem strahlenden Lächeln, das eine weiße Zahnreihe freigibt, zieht sie die anderen um sie herum in ihren Bann. Mit ihren hohen Wangenknochen, dem kantigen und dennoch schön geschnittenen Gesicht und ihrer schlanken, aber weiblichen Taille könnte sie jeden hier in Mergelstetten haben. Aber sie will nur diesen einen, diesen verrückten Feldwebel der Luftwaffe, der nachts durch die Gegend fliegt und der seinen Kameraden in der Do 217 mit seiner Kanone, wie er sein MG nennt, den Rücken freihält. Und dann ist da noch Riele, das ganze Glück von Gerhard Ehlert, dem strengen Flugzeugführer mit seiner fein herausgeputzten Uniform.
Riele hält genau in dieser Minute, in der die Männer im Fernaufklärer über Sarny abdrehen, sein Bild in Händen. Die Schirmmütze macht ihn größer, als er ist, denkt sie. Er ist schlank und rank, und seine Uniform hat keine Schnörkel. Für besonders lässige Accessoires wie Tücher oder Spangen, wie sie Piloten gerne tragen, hat ihr Gerhard keinen Sinn. Das passt nicht zur Dienstvorschrift, also lässt er es weg.
Und dann ist da noch die Mutter. Williges Mutter. Sie hat ihren Mann schon im Frankreichfeldzug verloren. Er war einer der ersten Gefallenen, hat »für Führer, Volk und Vaterland« sein Leben gelassen. Diese Worte aus der Todesnachricht gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn, brennen sich ein wie die klar gespielten, einzelnen Töne einer Fuge. Todesfuge! Gerade dann, wenn sie an ihren jüngsten Sohn denkt, den Karl-Heinz, der bei der Luftwaffe nachts über Russland fliegt, hört sie die Fuge klar. Gut, dass sie nicht weiß, wie ihr Mann wirklich gestorben ist, dort an der Marne. Es war ein Granatsplitter. Als ihn der Sanitäter fand, dachte er erst, die Franzosen würden mit Tomaten schießen. Überall war Rot mit vielen kleinen gelben Punkten. Der Splitter hatte den Schädel zerfetzt. Williges Mutter würde nach diesem Verlust den Tod eines ihrer drei Söhne nicht ertragen, schon gar nicht den ihres Jüngsten, der vom ersten Tag an der Mutter so sehr zugeneigt war – mehr als je dem Vater.
Höhe 200 Meter. Alle Instrumente funktionieren. Der Bleistift tanzt in der Kuppel. Die Motoren brummen gleichmäßig und ruhig. »Gerade, Rechtskurve. Gerade. Da vorne noch mal Rechtskurve. Achtung. Gerade!« Schlotter liest die Karte, gibt die Richtung vor, Ehlert fliegt und denkt an Riele.
»Machen wir uns noch mal den Spaß, Herr Leutnant?«, fragt Burr durch den Bordfunk. »Die Russenweiber flitzen so schön.«
Doch Ehlert hat jetzt keinen Sinn mehr für Späße. Er will nach Hause. Gut fünf Stunden in der Luft zu kutschieren, zehrt an den Kräften. Als Pilot hat er die anstrengendste Aufgabe von allen Vieren. Auf den Navigator hören, konzentrieren, Instrumente im Blick behalten, den Vogel fliegen, die Mannschaft befehligen. Und er hat die Verantwortung, die ihm verbietet, irgendetwas in diesem verdammten Krieg nur so aus Spaß zu unternehmen. Über diese Regel setzt er sich so gut wie nie hinweg. Heute hat er sich schon einmal hinreißen lassen und sich sofort über sich selbst geärgert. Ein zweites Mal wird ihm das auf diesem Flug nicht passieren, hat er sich gleich nach seinem Flügelwackler über der Frauen-Flak geschworen. Ehlert will heim, nur noch heim. Heim auf den staubigen Feldflugplatz bei Baranowitschi, den Film zur Auswertestelle bringen, sich aufs Ohr hauen und bis morgen, bis übermorgen, bis in tausend Tage schlafen, einfach nur schlafen.
»Wir fliegen kürzeste Strecke. Zweimal grün, wenn wir über der Hauptkampflinie sind, verstanden, Burr?«
»Jawoll, Herr Leutnant, zweimal grün«, gibt der Bordschütze zurück. Er bedient die fest eingebaute Signalpistole unten am Rumpf der Maschine. Zwei grüne Leuchtkugeln soll er über der Front beim Eintritt in den eigenen Luftraum abfeuern. Das ist die Kennung, damit die Infanterie unten weiß, dass es ein eigenes Flugzeug ist, das über sie hinwegschwebt.
Noch zehn Minuten, denkt Burr, dann haben wir den Mist hier wieder hinter uns. Gleich geschafft. Und alles ruhig. Zu ruhig. Burr hört die Stimme von Schlotter, der nach wie vor eine Richtungsangabe nach der anderen ausspuckt. Irgendetwas scheint Schlotter zu beunruhigen. Er zögert manchmal eine Zehntelsekunde, räuspert sich. Verstummt für ein paar Sekunden. Das ist man von ihm gar nicht gewohnt.
»Schlotter«, schreit Ehlert, »ich brauch die Richtung, verdammt! Zusammenreißen, Mensch!«
Alle drei merken jetzt, dass mit dem Oberfeld etwas nicht stimmt. Williges, dem Professor, tanzen kleine Schweißperlen der Angst auf der Stirne, im gleichen Takt, wie unten der Bleistift auf der Glaskanzel.
»360 Grad, Herr Leutnant«, stößt Schlotter hervor. »Verdammter Mist! Hab die Orientierung verloren, Herr Leutnant.«
360 Grad, das heißt: Der Pilot soll kreisen, so lange, bis der Beobachter den Kurs wieder hat. Kreisen, das bedeutet nichts Gutes. Ein Flugzeug ist dann am wenigsten in Gefahr, erkannt und heruntergeholt zu werden, wenn es rasch Kilometer zurücklegt und in Bewegung ist. Kreisen ist Stillstand. Unten sausen die Lichterketten der Lkw-Kolonnen vorbei. Es wird nicht lange dauern, dann wird man auf das Brummen des deutschen Fliegers in der Luft aufmerksam werden. Und höher ziehen nützt auch nichts, dann verliert Schlotter ganz die Orientierung.
Es dauert eine, zwei Minuten, eine ganze Ewigkeit, in der Schlotter verzweifelt und immer hektischer zwischen seiner Karte und dem Erdboden hin- und herblickt. Verdammt, denkt er sich. Seine Augen schmerzen. Das ständige Hin und Her zwischen Licht unten und Dunkelheit oben strengt die Pupillen zu sehr an. Verdammt, hier muss doch der See kommen. Nichts, wieder nichts. Wald, kein See.
»Ich schlag noch mal einen Haken. Oder sagen wir besser, ein Häkchen«, sagt Ehlert mit ruhiger Stimme. Es nützt nichts, wenn er jetzt auch noch nervös wird. »Vielleicht treffen wir auf etwas Bekanntes.«
Und tatsächlich, da! Da vorne ist die Bahnlinie, die zurück nach Baranowitschi führt. Ist sie es wirklich? Ja, sie erahnen die Waldlichtung und die leichte Hügelkette. Dort muss auch ganz in der Nähe die Frauen-Flak sein. Deren Geschütze wollte Ehlert eigentlich umfliegen. Na gut, denkt er sich, bevor Schlotter nochmals die Orientierung verliert, bleiben wir lieber drauf. Die da unten werden ohnehin gerade wieder pennen.
Doch damit liegt der Flugzeugführer diesmal schief. Längst hat die russische Batteriechefin von ihrer Infanterie gemeldet bekommen, dass ein großer schwarzer Vogel in der Nähe ihrer Stellung herumkurvt. Es muss der Deutsche sein, der sich ein paar Stunden zuvor über sie lustig gemacht hatte. Jetzt werden sie sich mal ein bisschen über ihn amüsieren, denken die Rotarmistinnen unten, die feuerbereit an ihren Geschützen hängen und auf einen Befehl warten. Und Ehlert weiß noch etwas Wichtiges, etwas Tödliches nicht. In wenigen Sekunden wird es ihm wie Schuppen von den Augen fallen. Zu spät registriert er, dass sie diesmal nicht im direkten Überflug die Flakstellung in Ost-West-Richtung passieren, sondern quer zur Stellung über den ganzen Flak-Gürtel der Russen fliegen. Als sie die ersten weißen Explosionswölkchen am Nachthimmel um sich herum erkennen und die Maschine das erste Mal von einer heftigen Druckwelle erfasst wird, sind sie noch kilometerweit vor der Frauen-Flak. Ehlert ahnt, dass hier gleich die Hölle losbrechen wird. Er denkt an Riele und an Zuhause. Der Bleistift in der Glaskuppel macht wilde Sprünge.
II. Asche
Ehlerts Flugzeug wird gleich in Flammen aufgehen und zu Asche verbrennen. Seltsamerweise denkt er gerade an Asche – an die Asche, auf der sein Heimatdorf Meiersberg gegründet ist, nachdem jahrhundertelang in Glashütten Holz verfeuert worden war. Dort würde er jetzt gern sein. Vier Jahre – so lange liegt sein letzter Besuch schon zurück. Er denkt an den Bruder, seinen Spielkameraden der jüngsten Jahre, an den strengen, aber liebenswerten Vater, der Militärmusiker war, und an die Mutter, die ihn und alle, die es hören wollten, immer vor den Nazis gewarnt hatte und der man dafür in ihrem Heimatort aus dem Wege ging. Ehlert denkt daran, wie es war, in jenem letzten Sommerurlaub in Meiersberg vor seinem Eintritt in die Wehrmacht.
Damals fuhr er nach Ferdinandshof, den nächsten größeren Ort bei Meiersberg, um Ahnenforschung zu betreiben. Den eigenen Vorfahren nachzustöbern, war im dunklen Reich eines Heinrich Himmler arg in Mode. Der Reichsführer-SS hatte sogar ein eigenes Amt aus der Taufe heben lassen, in dem sich hohe SS-Führer mit ihren Gehilfen die Zeit aus weltanschaulichen Gründen mit Rassenkunde und Ahnenforschung vertrieben. So war es nicht verwunderlich, dass im ganzen Nazi-Reich die Menschen begannen, sich für ihre Familiengeschichte zu interessieren. Deshalb stöberte auch der junge Gerhard in den Kirchenbüchern in Ferdinandshof herum, wozu man ihm zuvor von Amts wegen und aus der Pfarrei die Erlaubnis erteilt hatte. Da einige seiner Vorfahren zu den Meiersberger Gründerfamilien von 1749 gehörten, väterlicherseits bei den Bauern, mütterlicherseits bei den Glasmachern, fand Gerhard seitenweise Material über seine Vorfahren in den Kirchenbüchern von Ferdinandshof. Tagelang durchforstete er die Bücher und wurde trotz des wunderbaren Spätherbstes in der Uckermark blass vom vielen Stubenhocken. Hinterher aber wusste er, woher er stammte, und das gab ihm ein beruhigendes Gefühl.
Meiersberg. Breite Straßen führen durch das kleine Dorf, viel zu breite Straßen, die Fahrtrichtungen getrennt durch einen noch breiteren Streifen aus Grün, der von großen Bäumen unterbrochen wird – eine Art Mittelallee, wie man sie sonst nur in Prachtstraßen großer Städte findet. Wegen der breiten, leeren Straßen stehen die gegenüberliegenden Häuser weit auseinander. Denn Grund gibt es hier genug. Daran muss nicht gespart werden. Meiersberg liegt in Vorpommern am südlichen Rand des Waldgebiets der Ueckermünder Heide. Nachdem sich die Gletscher der Eiszeit vor 10 000 Jahren zurückgezogen hatten, hinterließen sie eine Landschaft, wie sie freizügiger kaum sein könnte: Seen, Findlinge, und vor allem große Sandflächen, zwar nicht überall, aber vorwiegend. Bevor sich dort Menschen niederließen, bestand die Gegend nur aus Urwald, durchsetzt mit Mooren, Sümpfen und vielen kleinen Wasserläufen.
Das Dorf selbst wurde erst im Jahr 1749 gegründet. Ursprünglich waren es zwei getrennte Siedlungen. Im Frühjahr 1749 nahm eine Glashütte ihren Betrieb auf, im Sommer darauf kamen Bauern, die gleich im Anschluss an der westlichen Grenze der Glasmachersiedlung ihre Gehöfte errichteten. Bereits vor der Gründung von Meiersberg gab es 1730 in der Nähe eine Kuhmelkerei mit dem merkwürdigen Namen Besserdran. Die zwei Häuser des Milchwirtschaftsbetriebes standen dort, wo der Flossgraben in die Zarow mündet. Die Einheimischen sagen dazu: »Wo de Flettgrobn int Beek schütt’t«. Bei der Einrichtung der Glashütten Ferdinandshof und Meiersberg waren Angehörige einer Familie namens Gundelach maßgeblich beteiligt, die Vorfahren von Albert Ehlert und seinen Söhnen Konrad und Gerhard.
Eines Abends machte der Krieg, der ein Jahr zuvor mit dem Überfall auf Polen begonnen hatte, mehr aus Zufall denn aus bösem Willen Halt in Meiersberg. Gerhard hatte sich ein paar Bücher zum Forschen ausleihen können, denn der Küster der Ferdinandshofer Pfarrei vertraute ihm mittlerweile, nachdem sich Gerhard und er bereits zu dem einen oder anderen Plausch verabredet hatten. Er hörte den Krieg als Erster und blickte mürrisch von seinem Kirchenbuch auf. Ein leises Brummen näherte sich vom Osten her und wurde immer lauter.
Zu dieser Zeit stand lange fest, dass er in die Luftwaffe eintreten würde, ein Entschluss, zu dem er von niemandem getrieben wurde und der sich hauptsächlich aus der Literatur speiste, die der junge Ehlert damals seitenweise verschlang. Er las Bücher wie »Ein Kampf um Rom«, nicht wie seine Freunde Abenteuerschmöker von Karl May. Dann waren es Bücher über den Ersten Weltkrieg, auch Fliegerbücher, die ihn am meisten beeindruckten. Doch das war zu dieser Zeit noch nichts weiter als jugendlicher Überschwang. Die echte Leidenschaft fürs Fliegen und Soldatsein wurde erst durch die euphorischen Wehrmachtsberichte in den ersten Kriegsmonaten in ihm geweckt. Die polnische Armee war durch die deutschen Stuka-Verbände »zermalmt« worden, die »Luftschlacht über England« war im vollen Gange und »praktisch nicht mehr zu verlieren«. Deutschland würde die englischen Städte eine nach der anderen »coventrieren«, versprach Propagandaminister Josef Goebbels, nachdem die deutsche Luftwaffe ein englisches Städtchen namens Coventry mit einem Bombenteppich eingedeckt und praktisch »ausradiert« hatte. Sieg über Sieg, errungen von den Fliegern!
Gerhard wollte Pilot werden. Kampfpilot. Niemals zuvor war er in einem Segelflugzeug geflogen wie viele seiner späteren Kameraden. Nur dann hätte man annehmen müssen, dass die Begeisterung fürs Fliegen ein folgerichtiger Schritt gewesen wäre. Bei Gerhard Ehlert war es die Sprache, die Wörter in den Büchern, die ihn zum Fliegen brachte. Er teilte seine Absicht, zur Luftwaffe zu gehen, seinen Eltern an einem Sonntagmorgen im Frühjahr 1940 beim Frühstück mit. Vater und Mutter hatten keinen Einwand. Das Thema war nach nur einer Minute durch, der Entschluss gefasst und bestätigt.
Da sich Gerhard also in den Folgemonaten viel mit der Fliegerei beschäftigt und sich dabei auch in der Nähe des einen oder anderen Fliegerhorstes herumgetrieben hatte, kannte er den Klang der deutschen Flugzeuge genau. Beim Brummen der Motoren über Meiersberg war er sich sofort sicher, dass es eine englische Maschine sein musste, wohl ein Bomber auf dem Heimflug. Ein Feindflugzeug war 1940 noch eine Rarität über Deutschland. Gerhard stürzte vor allen anderen Meiersbergern ins Freie. Und da rauschte schon entlang der breiten Dorfstraße ein riesiger Schatten über die Häuser hinweg. Ganz tief hing der Dinosaurier über dem Dorf. Er hatte offenbar Mühe, die Höhe zu halten. Obwohl die Meiersberger wussten, dass ihr Ort den Engländern keine einzige Bombe wert war und dass von diesem Ungeheuer, das sich da heimwärts schleppte, ohnehin keine Gefahr ausgehen konnte, bekamen sie alle ein komisches Gefühl in der Magengegend. Sie starrten in den abendblauen Himmel, der noch nicht so schwarz war, als dass sich die Konturen des englischen Bombers nicht abgezeichnet hätten, und sahen, wie er am Ende des Dorfes eine leichte Rechtskurve Richtung Ostsee zog. Als das Brummen beinahe ganz verstummt war, gab es am Horizont einen Blitz in weiter Ferne, so weit weg von Meiersberg, dass sich an diesem Abend niemand mehr aufmachte, der Ursache nachzuforschen. Man sprach ein paar Worte leise auf der Straße und wünschte sich eine gute Nacht. Erst am anderen Morgen beschlich alle ein erstes Gefühl der Hilflosigkeit, als der Postbote die Kunde ins Dorf trug, dass der englische Flieger auf einen Bauernhof nahe Gambin an der Osteeküste gestürzt sei und die Unglücksbesatzung, die offenbar ihre beschädigte Maschine nicht mehr beherrschen konnte, eine vierköpfige Bauernfamilie in den Tod mitgenommen hatte. Der Krieg war nun endgültig in Vorpommern angekommen.
Gerhard gönnte sich nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Er forschte und ließ sich auch durch einen »Unfall«, wie die Meiersberger den Absturz des Bombers nannten, nicht in seinem Vorhaben abbringen, alles über seine Vorfahren zu erkunden. Und so stieß er schnell wieder auf den Namen Gundelach. Die bemerkenswerte Familie Gundelach, dachte er bei sich und machte sich ans Lesen, ganz von Anfang an.
Das erste Kirchenbuch begann mit einer langatmigen Schilderung des Kirchenbaus und der Einweihung. Geschrieben hatte sie mit eigener Hand Johann Jürgen Gundelach, der den Bau dieser Kirche aus privaten Mitteln bezahlt hatte. Gerhard konnte sich später nicht mehr daran erinnern, wie er darauf gekommen war, dass es einen Familienverband der Gundlach, Gundelach und von Gundlach gab, dem seine Familie, die Ehlerts, irgendwann beigetreten waren. Die Gundelachs jedenfalls hatten ihren Sitz in Großalmerode, Nordhessen, genau 33 Kilometer südlich von Göttingen. Es wurden Familienblätter herausgegeben, die sich wohl noch heute im Besitz der Ehlerts befinden. Hierin wurden allerlei Beiträge gesammelt, mitunter unwichtige, aber auch die ganze Ferdinandshofer Chronik. Ein Artikel war hochinteressant, weil er detailliert vom Werdegang der Familie Gundelach berichtete.
Es begann in Bamberg. Die Familie nannte sich damals Gundloch. Die Gundlochs waren eine angesehene Patrizierfamlilie, die 1122 erstmalig urkundlich erwähnt wurde. 300 Jahre lang waren sie Domverweser und Ratsherren. In dem Dorf Oberhaid, acht Kilometer nordwestlich von Bamberg, besaßen sie mehrere Güter. Die dortige Kirche hatte kein Predigerrecht, sodass der Pfarrer Schack vom Nachbardorf Trunstatt in Oberhaid Gottesdienst hielt. Als Oberhaid das Predigerrecht erhielt, wollte Schack weiterhin seine Einkünfte beziehen, obwohl er nicht mehr predigte. Man verweigerte die Zahlung, es kam zu einem Rechtsstreit, in dem der Bamberger Bischof dem Pfarrer Schack Recht gab. Das erzürnte die Oberhaider. Besonders betroffen war Heinrich Gundloch, der größte Steuerzahler. Als sich Gundloch und Schack zufällig am 22. September 1409 auf dem Truhendinger Domherrenhof zu Bamberg trafen, kam es zu einer hitzigen Auseinandersetzung, bei der Gundloch so in Rage geriet, dass er Schack mit seinem Dolch erstach.
Der Täter stellte sich sogleich und zeigte Reue. Ein Gericht unter dem Vorsitz des Bamberger Bischofs tagte, und am 30. Mai 1410 wurde der Urteilsspruch gefällt. Dem Heinrich Gundloch wurde »der Frevel gnädiglich vergeben«. Die Familie Gundloch sollte aber zur Buße ewiglich jährlich 50 Pfund Wachs spenden und, sehr peinlich, Heinrich sollte jedes Jahr vor der Prozession barfüßig und barhäuptig mit einer Zweipfundkerze in der Hand um den Hof der Burg zu Bamberg gehen.
1413 wurden noch mehr Auflagen verlangt. Nachdem die Familie Gundloch auch noch eine Kapelle, die Katharinenkapelle in Bamberg, gebaut hatte, war das Maß voll. Die Gundlochs verließen Bamberg. Doch bis zu Albert Ehlert und seinen Söhnen war es noch ein weiter Weg.
Ab 1460 gab es in Bamberg keinen Gundloch mehr. Man wandte sich nach Hessen, nach Großalmerode. Dort erschienen Heinrich und Kurt Gundlach 1461 erstmals in den Quellen – dieselben, die das letzte Mal 1453 in Bamberg genannt worden waren. Es gab eine Änderung der Schreibweise des Namens: aus Gundloch wurde Gundlach, was aber keine Absicht gewesen sein muss, sondern auch auf die Nachlässigkeit eines Schreibers zurückzuführen sein könnte.
Großalmerode war das Zentrum der Glasmacher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, wie das in zahlreiche Einzelherrschaften gegliederte Deutschland damals genannt wurde. Die Gundlachs mussten sich umstellen und erlernten das Glasmacherhandwerk. Aufgrund ihrer Führungsqualitäten stellten sie ab 1537 ununterbrochen für die nächsten 150 Jahre die Vorstandsmitglieder der Glasmacherzunft. Jeden Pfingstmontag mussten alle Zunftmeister des Reiches nach Großalmerode kommen. Am Vormittag wurde getagt und neue Zunftregeln wurden beschlossen. Schirmherr war der Landgraf von Hessen. Nachmittags briet man einen Ochsen, und es gab ein Volksfest.
Gerhard las tagelang in den Büchern und konnte sich nicht losreißen. Immer weiter vertiefte er sich in die Familiengeschichte und malte sich aus, wie seine Vorfahren ausgesehen hatten, wie sie gesprochen, wie sie sich vermehrt und über halb Deutschland ausgebreitet haben mochten.
Im achten Kirchenbuch stieß er auf das 16. Jahrhundert. An dessen Ende wurde eine neue Wirtschaftsform entwickelt, der Merkantilismus. Um die Wirtschaft zu stärken, sollten möglichst alle benötigten Waren im eigenen Land hergestellt werden. Die absolutistischen Herrscher sorgten mit dirigistischen Eingriffen in die Wirtschaft dafür, dass möglichst viel exportiert und möglichst wenig importiert wurde. Glas gehörte zu den kostspieligen Produkten, sodass sich jeder Herrscher Glashütten in seinem Herrschaftsgebiet wünschte. Die Glasmacher waren gefragte Leute, und viele Fürsten baten die Spezialisten aus Großalmerode, bei ihnen eine Glashütte zu errichten.
So folgten auch die Gundelachs dem Angebot eines Fürsten und zogen 1655 nach Preetz in Holstein. 1705 erhielten sie von der schwedischen Verwaltung in Stettin eine Einladung, im Bereich der Ueckermünder Heide eine Glashütte zu bauen. Dort wuchs auf dem sandigen Boden bestes Brennmaterial: Buchenwald, soweit das Auge reichte. Johann Jürgen Gundelach folgte dem Ruf. Er besaß in Mecklenburg mehrere Glashütten, war Glasmeister, ein Unternehmer großen Stils. Als Standort für sein Heim und seine Manufaktur wählte er den Scharmützel, eine kleine Erhebung, auf der heute die Ferndinandshofer Kirche steht. Zur Herstellung von Glas benötigte man Pottasche, und im Dorf befand sich bereits eine Pottaschebrennerei. Außerdem war Ueckermünde mit seinem Hafen nicht weit, um Glaswaren zu verschiffen.
Am 21. Dezember 1705 wurde in Stettin ein entsprechender Vertrag geschlossen, und 1707 konnte der Betrieb aufgenommen werden. Gundelach kam mit mehreren Verwandten, die ihn auch während seiner Abwesenheit vertraten, und Glashüttenarbeitern. In einer Glashütte wurden verschiedene Handwerker gebraucht: Aufbläser, Strecker, Hohlbläser, Schürer, Werker, Scheiterhauer, Aschefahrer, so hießen die Tätigkeiten. Gebraucht wurden zudem Fuhrleute und Kistenmacher.
Das Unternehmen wurde jedoch schon bald vom Unglück verfolgt: 1708 griff die in Polen wütende Pest auf Ostpreußen über und tötete ein Drittel der Bevölkerung. 1712 drangen russische Soldaten bei der Verfolgung schwedischer Truppen in Vorpommern ein und plünderten die Glashütte vollständig aus. Man flüchtete ins Ausland – drei Kilometer weit, ins benachbarte Mecklenburg. Drei Jahre lag der Betrieb still, bis das Land im Juni 1714 an Preußen fiel. Die Hütte wurde instand gesetzt und die Arbeit wieder aufgenommen. Sie blieb in Betrieb, bis sie 1743 geschlossen wurde.
Gundelach baute auf dem Scharmützel sein Haus, das erste in Ferdinandshof, und die Kirche. Von einer Reise nach Lübeck brachte er einen Taufengel mit. Gundelach starb 1737 in Ueckermünde und wurde in seiner Kirche beigesetzt. Neben ihm wurde Christoph Ludwig Henrici aus Ueckermünde begraben, Königlicher Amtsnotar, Wirklicher Kriegs- und Domänenrat, Amtmann von Königsholland, ein Verwaltungsbezirk, etwas kleiner als der spätere Kreis Ueckermünde.
Preußen beteiligte sich unter Führung König Friedrich Wilhelm I., des Soldatenkönigs, an der Seite Russlands, Dänemarks und Sachsens am Großen Nordischen Krieg gegen Karl XII. von Schweden und bekam 1715 als Kriegsbeute einen Teil Vorpommerns, von der Oder bis zur Peene. Der westliche Teil, »Schwedisch-Pommern«, blieb schwedisch und wurde erst 1815 preußisch. Preußen ging es vor allem um den Hafen Stettin. Gerhard Ehlerts Heimat wurde also preußisch – und bis Meiersberg war es nicht mehr lange hin.
Im Dezember 1747 tobte ein Orkan über Vorpommern, der in der Ueckermünder Heide großen Schaden anrichtete. Prinz Moritz von Dessau, höchster Beamter Pommerns, jüngster Sohn des »Alten Dessauers«, kam in Begleitung des Oberforstmeisters Meier, des höchsten Forstbeamten Vorpommerns mit Sitz in Torgelow. Nach der Besichtigung wurde beschlossen, am Waldrand mehrere Glashütten zu errichten, um die riesige Menge toten Holzes sinnvoll zu verarbeiten.
Ehlerts Heimatdorf verdankt seine Entstehung also einem Naturereignis. Als Gründungsjahr wird 1749 angegeben, weil es am 1. Februar 1749 zum ersten Mal mit dem Namen Meiersberg – zu Ehren des besagten Oberforstmeisters Meier – schriftlich erwähnt wurde. Sicher ist, dass bereits 1748 mit dem Bau der Glashütte begonnen wurde. Auf deren Grundstück eröffnete Gerhards Großtante Anna Koppermann, Ehefrau von Otto Koppermann, dem jüngsten Bruder seines Großvaters Albert Koppermann, um 1900 einen Gemischtwarenladen, damals auch Kolonialwarengeschäft genannt. Um die Waren für ihr Geschäft einzukaufen, fuhr sie regelmäßig nach Stettin.
Eine bemerkenswerte, tatkräftige Frau, dachte sich Gerhard beim Lesen der schwergewichtigen Lektüre. Denn Gerhards Großtante bewerkstelligte alles allein. Ihr Mann arbeitete mit vier anderen Koppermanns, darunter Gerhards Großvater, seit 1885 in Berlin als Maurer am Bau des Reichstagsgebäudes. Es war nicht das letzte Mal, dass die Familie Ehlert und ihre Vorläufer an epochalen deutschen Monumenten arbeiteten oder an epochalen Ereignissen teilhatten.
Ihren vier Kindern schärfte Großtante Anna ein, auf dem Hof nicht zu buddeln, weil sich dort noch Relikte der aufgelassenen Glashütte in Form scharfkantigen Glasflusses befinden könnten. Das erzählte später ihre jüngste Tochter Wally dem kleinen Gerhard während eines Besuchs in Göttingen.
Annas Geschäft ging irgendwann in andere Hände über, doch als Junge war Gerhard des Öfteren bei seiner Großtante zu Besuch. Und beim Lesen der Kirchenbücher erinnerte er sich wieder an all die verlockenden Gerüche, die ihm im Geschäft der Tante Anna in die Nase gestiegen waren. Er spürte den unverwechselbaren Geruch von Holzpantoffeln, Stoffen, Sauerkraut, Heringen, Peitschen für kleine Jungs und Kautabak, Priem genannt. Und eine Melancholie ergriff ihn, sodass er minutenlang innehielt.
Irgendwann schlug er die nächsten Seiten auf. Da las er von Glasarbeitern seiner Familie, die sich in dem Dorf ihre reetgedeckten Holzfachwerkhäuser errichteten. Das Reetdach war damals das Dach armer Leute, heute ist es die wohl teuerste Art der Eindeckung. Die Glasarbeiter hatten eine kleine Landwirtschaft von fünf Hektar Grund, auf dem sie Roggen und Kartoffeln anbauen konnten, eine Wiese, die das Heu für die Kühe lieferte, drei Schweine, zwei Kühe und Hühner. Die landwirtschafliche Arbeit besorgten die Frauen, die außerdem noch ihre vielen Kinder aufzogen. Manchmal half noch ein Großelternteil im Haus mit. Der arbeitsfreie Sonntag war für die Männer in der kleinen Landwirtschaft fast das ganze Jahr über ein voller Arbeitstag.
Das Holz des großen Orkans von 1747 war knapp zehn Jahre später bis auf wenige Reste verarbeitet, und die Glashütte wurde geschlossen. Die meisten Arbeiter blieben, denn sie lebten längst nicht mehr ausschließlich von ihrer Arbeit, sondern hatten eine kleine Landwirtschaft aufgebaut und waren Selbstversorger. Bei den meisten reichten deren Erträge freilich nicht zum Lebensunterhalt, und so mussten sie andere Berufe erlernen. Damit entwickelte sich aus dem Dorfteil Meiersberg eine Handwerkersiedlung. Die Herkunft der Glasarbeiter ist nicht genau bekannt, doch es ist anzunehmen, dass viele aus dem Südwesten Deutschlands kamen.
Der andere Teil des Ortes, ein Bauerndorf gleich im Anschluss am westlichen Rand des bereits bestehenden Glashüttendorfs, entstand im Sommer 1749. Die Ansiedlung ging auf eine Initiative des preußischen Königs Friedrich II. zurück, der bestrebt war, Siedler in sein menschenarmes Land zu locken, um die durch seine zahlreichen Kriege verursachten Menschenverluste auszugleichen. Die Bauern dieses Dorfteils kamen aus Mecklenburg und Schwedisch-Pommern. Deren Vorfahren waren zum größten Teil im Zuge der Ostkolonisation durch den Deutschen Orden um 1100 aus Schleswig-Holstein zugezogen. Daher erklärt sich das hiesige Plattdeutsch, das dem Holsteinischen ähnelt. Außerdem gibt es hier Familiennamen, die auch in Schleswig-Holstein gebräuchlich sind. Der Name der Familie Ehlert kommt dort häufig vor, mehr noch die Pluralform Ehlers.
In anderen Dörfern kamen viele Siedler aus Südwestdeutschland. Die Bauern bekamen Hofstellen mit einer Größe von 20 Hektar zugewiesen. Damit waren sie Vollerwerbslandwirte. Dieser Dorfteil wurde Schlabrendorff genannt. Denn es war üblich, neu entstandene Dörfer nach hohen preußischen Beamten der Kriegs- und Domänenkammern Stettin und Berlin zu benennen, obwohl sie schon Namen hatten. So nannte sich Aschersleben, das frühere Hühnersdorf, nach dem Kammerpräsident Georg Wilhelm von Aschersleben. Blumenthal, früher Schale Heide, wurde benannt nach dem Wirklichen Geheimen Etats-, Kriegs-, dirigierenden Minister, Exzellenz Adam Ludwig von Blumenthal zu Berlin, und das frühere Brandhorst erhielt den Namen des Geheimen Rats und Kammerdirektors Ernst Wilhelm von Schlabrendorff. Diese Praxis hatte sich schon unter König Friedrich Wilhelm I. eingebürgert, der anlässlich einer Inspektionsreise vier Dörfer nach seinen Söhnen umbenannt hatte: Ferdinandshof, Friedrichshagen, Wilhelmsburg und Heinrichswalde, früher Mückenhorst.
Da den plattdeutsch sprechenden Dorfbewohnern Schlabrendorff zu holperig klang, machten sie daraus Schlabberndorf. Das klang etwas abwertend, und so hat man sich wohl auch vom Klang her für Meiersberg entschieden. In kirchlichen Urkunden wurde aber noch in den 1930er-Jahren der traditionelle Name Schlabrendorff verwendet.
Die Handwerker aus der ursprünglichen Glasmachersiedlung arbeiteten später als Maurer, Zimmerleute und in Ziegeleien. Viele waren in einer Eisengießerei, in der »Guss«, tätig. Denn im Ueckermünder Kreis fand sich in geringer Tiefe Raseneisenstein in einer mitunter nur zwanzig Zentimeter dicken Schicht, die das Pumpenwasser bräunlich färbte. Plattdeutsch wurde dieser wertvolle Rohstoff als »De root Voss«, der rote Fuchs, bezeichnet. Der Abbau dieser stark eisenhaltigen Schicht führte zur Gründung mehrerer Eisengießereien. Alles, wirklich alles, was in und um Meiersberg in Vorpommern steht, das wusste Gerhard Ehlert nach dem zwölften und letzten Kirchenbuch, das er jetzt wehmütig aus der Hand legte, gründete also auf Asche – der Asche, für die der Orkan 1747 Futter geliefert hatte.
Ehlert will noch schnell das Bild von Riele in sich wachrütteln, doch es bleibt ihm keine Sekunde mehr, er muss sich ganz aufs Fliegen konzentrieren, kurvt mit der Maschine von links nach rechts und umgekehrt, um der Flak unten keine gerade Flugbahn zum Vorhalten zu bieten. Der Bleistift in der Glaskuppel springt wie wild von einer Seite auf die andere.
»Verdammt, wir müssen hier raus, Herr Leutnant«, krächzt Schlotter in sein Kehlkopfmikrofon. »Hart nach rechts, Herr Leutnant.«
An allen Ecken und Enden kracht es jetzt. Die weißen Wölkchen, die die Granaten der Flugabwehrgeschütze bei ihrer Explosion hinterlassen, kommen immer näher an die Maschine heran. Der Professor setzt noch einmal mit zitternder Stimme einen Funkspruch an ihr Flugfeld ab, gibt die letzte Position durch, obwohl er nicht genau weiß, wo sie wirklich sind. Als er den Beschuss meldet, bekommt er vom Boden »VG.VG.VG« zurück. Viel Glück, viel Glück, viel Glück! Dann bekommt das Seitenleitwerk den ersten Splitter ab, was Ehlert sofort in massive Schwierigkeiten bringt. Die Do 217 lässt sich kaum noch steuern. Der Flugzeugführer setzt seine ganze Kraft ein. Schweiß rinnt ihm von der Stirn in seine Fliegermaske. Und dann schaltet er instinktiv die automatische Steuerung ein. Die Maschine nimmt einen pfeilgeraden Kurs ein, was der Flak das Zielen erleichtert.
Die Nacht ist ausgesprochen hell, Vollmond, klarer Himmel. Es ist 1.15 Uhr, die Zeit, die später im Kriegstagebuch der 2. Luftflotte eingetragen wird. Daneben der Satz: Funkverkehr mit »K7 + FK« reißt ab. Die Flughöhe beträgt zu diesem Zeitpunkt nur mehr 80 Meter. Das ist gut, denkt sich Ehlert, je tiefer wir sind, desto schneller sind wir über die Flakstellungen weg. Doch da hat er die Rechnung ohne die Russen gemacht. Plötzlich bekommt die Do 217 Geschützfeuer von hinten. Da die russischen Soldaten zu viel Zeit brauchen, um die tieffliegende deutsche Maschine direkt ins Visier zu bekommen, schießen sie einfach hinter Ehlert und seinen Kameraden her – und treffen. Zuerst bekommt der rechte Motor einen Volltreffer ab und beginnt sofort zu brennen. Dann ist es, als werde das ganze Flugzeug von einer gewaltigen Schrotflinte durchsiebt. Überall splittert Glas, und scharfe Metallteile segeln durch die Luft. Überall, wo Benzin ist, in den Tragflächen, in Schläuchen und Leitungen, brennt es jetzt lichterloh. Die Do 217 von Leutnant Gerhard Ehlert sieht aus wie ein Komet mit Feuerschweif.
Die Männer sitzen im Flugzeug wie Münchhausen auf seiner Kanonenkugel, die irgendwann den Zenit ihrer Flugbahn überschritten haben muss und danach unbarmherzig auf der Erde einschlagen wird. Für die russischen Kanoniere am Boden ist das ein schöner Anblick, für die deutsche Besatzung ein verzweifelter Überlebenskampf. Und als ob der ganze Feuerzauber nicht schon genug wäre, fährt den Männern in ihrem brennenden Sarg jetzt ein Schrei in die Ohren, der ihnen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der Professor ist getroffen. Ein Granatsplitter hat ihm das Gesicht aufgerissen, die Nickelbrille aus dem Gesicht geschlagen. Blutüberströmt ringt er nach Luft. Burr lässt sein Maschinengewehr sofort sinken und klettert zum Professor nach vorne. Der schreit immer noch um sein Leben. Mehr und mehr geht das Schreien in ein Röcheln über. Als Burr endlich bei Unteroffizier Williges eintrifft, sieht er sofort, dass dem Jungen nicht mehr zu helfen ist. Das scharfe Eisenteil der Granate hat die Halsschlagader verletzt. Der Professor blutet aus einer großen Wunde, kann nicht mehr sprechen, wimmert und röchelt und starrt seinen Kameraden, den Bordschützen Willi Burr, mit dem einen Auge, das unverletzt blieb, flehend an. Hilf mir, will es sagen, das heile Auge. Und dann sieht der Professor hinter einem Schleier aus Blut und Tränen das Gesicht von Burr, der sich über ihn beugt und ihm verzweifelt ein lächerlich kleines Verbandspäckchen auf die Schlagader presst. Im Gesicht seines Kameraden erkennt der Professor, dass er verloren ist, dass er sterben wird, hier und jetzt, über dieser gottverdammten Frontlinie in diesem gottverdammten Flieger, den es bald nicht mehr geben wird.
Burr kann sich nicht verstellen, kann dem tödlich getroffenen Kameraden keinen Mut zureden, ihm keinen Blick der Hoffnung schenken, selbst das kleinste Lächeln schmerzt ihn. Er will kein Lügner sein in Williges letzten Minuten. »Vater unser, der Du bist im Himmel.«
Burr betet ins Kehlkopfmikrofon hinein, und der Professor, dem die Granate die Kopfhörer und das Mikro abgerissen hat, muss es nicht hören, er kann es von Burrs Lippen ablesen. Dann hat der Sterbende so viel Blut verloren, dass er ohnmächtig wird. Er wird den Absturz nicht mehr miterleben. Und Williges Mutter wird sie wieder hören, die klare Fuge, wie beim Tod ihres Mannes. Jetzt hat sie auch noch ihren jüngsten Sohn verloren.
Burr weint verzweifelt, und die anderen beiden in der Maschine wissen, was passiert ist, ohne dass ihnen der Bordschütze Meldung machen muss. Der Bleistift in der Glaskuppel unter dem Sitz von Beobachter Hanns Schlotter hält eine Sekunde lang inne, als wolle er salutieren.
Wären ihm der gellende Todesschrei von Bordfunker Karl-Heinz Williges aus Gifhorn, genannt Professor, und das Weinen von Feldwebel Willi Burr nicht derartig in die Knochen gefahren, Ehlert hätte in aller Ruhe versucht, den Vogel aus der Schusslinie zu bringen. Aus der Sitzposition des Piloten, ganz vorne in der Do 217, sieht er nur den rechten Motor brennen. Nicht so schlimm, denkt er. Minutenlang weiß er nicht, in welch bedrohlicher Lage sich das ganze Flugzeug und seine Besatzung befinden. Solange wir fliegen, brauchen wir uns keine Sorgen machen, redet er sich ein. Doch dann huscht sein Blick über Höhen- und Geschwindigkeitsmesser. Schlagartig wird ihm klar, dass die Maschine kurz davor ist, auf dem Boden aufzuschlagen. Bestenfalls würde es eine unkontrollierte Bauchlandung geben. Die Überlebenschancen, das weiß der junge Pilot nur zu genau, wäre für alle in der Maschine bei Null. Für eine zweimotorige Maschine wie die ihre gibt es bei Nacht und an Land keine günstige Stelle für eine Bauchlandung. Kommt ein Acker, überschlägt sich das Flugzeug mit 300 Stundenkilometern. Da bleibt kein Teil am anderen heften, denkt sich Ehlert, der sich das noch schlimmere Szenario ausmalt, dann nämlich, wenn das Flugzeug mit 300 Sachen in einen Wald oder gegen ein Gebäude kracht. Beide Absturzvarianten wird keiner überleben, ahnt der Pilot, und Panik steigt in ihm auf. Wie lange wird es noch dauern? Zehn, dreißig oder gar noch hundert Sekunden? Jedenfalls nur Sekunden.
Gerhard beginnt, sein kurzes Leben zeitrafferartig an sich vorbeiziehen zu lassen, denkt an den Vater. Immer wieder der Vater. Ihm hat er es zu verdanken, dass er Soldat wurde. Ihm hat er es zu verdanken, dass er jetzt in dieser Todesmaschine sitzt. Der Vater, Albert Ehlert, geboren im August 1894, dessen Vorfahren ihr Leben lang einen Bauernhof bewirtschaftet hatten, war schlank und groß, hatte dunkle Haare und erlernte früh in Ueckermünde bei einem »Stadtpfeifer«, bei dem er auch wohnte, die Instrumente Geige und Tenorhorn. In dieser Zeit bereitete sich das alte Europa auf seinen ersten großen Krieg vor.
Wie Millionen andere wurde Albert Ehlert nach seiner Ausbildung 1913 in Stettin Soldat. Als Kriegsfreiwilliger nahm er am Weltkrieg gleich bei Kriegsbeginn teil. Kurzzeitig war er in Russland, sonst nur in Frankreich eingesetzt. Dort erlebte er das Grauen der Schlachten an der Somme, bei Verdun, am Winterberg und bei Reims. Seine Haare wurden grau. Das sahen Frau und Söhne bei seinem kurzen Fronturlaub 1916. Doch stellten sie keine Fragen. Albert gab sich verschlossen und schwieg. Außer über eine dramatische Begebenheit, einen Melderitt, bei dem sein Pferd durch neun Schüsse tödlich getroffen wurde, er aber unverletzt blieb, hatte er seinen Söhnen aus dem Krieg nichts zu erzählen. Auch blieb seine Anteilnahme am täglichen Geschehen auf ein Mindestmaß beschränkt. Es war, als habe er das zivile Leben verlernt. Trotzdem war der Urlaub schneller vorbei, als es den Söhnen lieb gewesen wäre.
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