Kitabı oku: «Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung im Spiegel der historischen Forschung»
Christiane Kliemannel
Mädchen und Frauen in der
deutschen Jugendbewegung
im Spiegel der
historischen Forschung
Edition Roter Drache
Impressum
Über die Autorin
Christiane Kliemannel, M.A. (Pädagogik), Jahrgang 1981, studierte an der Universität Erfurt Erziehungs- und Religionswissenschaft. Zur Zeit promoviert sie an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt zum Thema Religiöse Sinnstiftung für Mädchen und Frauen in der völkischen Jugendbewegung.
Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf südlich von Weimar.
2. Auflage 2010
Copyright © 2010 by Edition Roter Drache.
Edition Roter Drache, Postfach 100147, D-07391 Rudolstadt.
email: edition@roterdrache.org, Internet: www.roterdrache.org.
Buch & Umschlaggestaltung: Edition Roter Drache
Lektorat der Magisterarbeit: Frances Hoffmann
Gesamtherstellung: Books on Demand GmbH, Norderstedt.
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten. Die Rechte erstrecken sich nicht auf die zugrunde liegenden Texte und Schriften in ihrer Originalform.
ISBN 9783944180427
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Einleitung
I Rezeptionsgegenstand
1. Entstehung und Entwicklung der deutschen Jugendbewegung
1.1 Hintergründe zur Entstehung der Jugendbewegung in Deutschland
1.1.1 Gesellschaftlicher Wandel und Generationenkonflikt
1.1.2 Jugend als soziale Konstruktion und jugendliche Lebensperspektiven im Kaiserreich
1.2 Entwicklung der deutschen Jugendbewegung
1.2.1 Begründung des Wandervogels
1.2.2 Entwicklung bis zum Eintritt der Mädchen
2. Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung
2.1 Geschlecht als soziale Konstruktion und weibliche Lebensperspektiven im Kaiserreich
2.2 Weibliche Jugendbewegung
II. Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung im Spiegel der historischen Forschung
3. Untersuchungen zur weiblichen Jugendbewegung zur Zeit der deutschen Jugendbewegung
3.1 Männerbündischer Antifeminismus und die darauf folgenden Reaktionen
3.2 Untersuchungen zu den Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung bündischer Prägung
4. Nationalsozialistische Deutungsversuche
4.1 Mädchen als Problem für die (männliche) Jugendbewegung
4.2 Mädchen und Frauen als Teil der (männlichen) Jugendbewegung – Die deutschen jugendbewegten Mädchen und Frauen in der Volksgemeinschaft des nationalsozialistischen Deutschlands
5. Historische Betrachtung der Mädchen und Frauen der deutschen Jugendbewegung nach 1945
5.1 Im Zeichen der „Vergangenheitsbewältigung“
5.2 Offizielle Standardwerke der deutschen Jugendbewegung
5.3 (Jugend-)soziologische und theoretische Untersuchungen
5.4 Erste Untersuchungen zur weiblichen Jugendbewegung nach 1945
6. Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung als Objekt der Geschlechterforschung
6.1 Weibliche Jugendbewegung und Emanzipation
6.2 Selbstkonstruktionen der weiblichen Jugendbewegten – Die Heilige Insel
6.3 Weiblichkeitskonstruktionen im Zusammenhang der Geschlechterbeziehungen/-verhältnisse
6.4 Soziale Konstruktion von weiblicher Jugend in der Jugendbewegung – Eine thematische Einordnung in die moderne Geschlechterforschung
Zusammenfassung
Ausblick
Quellen- und Literaturverzeichnis
Anhänge
Vorwort
Die hier vorliegende Untersuchung wurde am 31. 05. 2005 als Magisterarbeit an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt eingereicht und von Prof. Jürgen Reyer und Prof. Theresa Wobbe geprüft, anerkannt und mit der Note 1,0 bewertet.
Inhaltlich befasst sie sich mit der Rezeptionsgeschichte der Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung (weiblichen Jugendbewegung) in der historischen Forschung (1912 - 2003). Sie versteht sich, zum einen als Aufarbeitung der diversen Publikationen zum Thema, zum anderen soll sie den Interessenten an der weiblichen Jugendbewegung als Einführung und Nachschlagewerk dienen. Denn die Auswahl und Unterschiedlichkeit der Publikationen auf dem Forschungsgebiet der deutschen Jugendbewegung und ihrer weiblichen Mitglieder mag zwar überschaubar sein, im Vergleich zur wissenschaftlichen Beachtung der männlichen Jugendbewegten, jedoch bürgen diese für Experten und noch mehr für Einsteiger durchaus Überraschungen, Enttäuschungen u. a. Hier versucht die Arbeit Aufklärung zu betreiben. Darüber hinaus bietet die Untersuchung eine Darlegung der Wissensbestände bzw. Entstehungshintergründe, in denen die jeweiligen Publikationen entstanden sind, und arbeitet unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der Geschlechterforschung den Wandel der Geschlechtersemantik in jenen Studien heraus, spezifiziert an den Semantiken bzw. den bereits in der Jugendbewegung etablierten Weiblichkeitsvorstellungen der Kameradin, der bürgerlichen Frau und Mutter.
Entstanden ist die Idee für diese Untersuchung durch persönliche Kontakte zu Nachfahren der Jugendbewegung und der Wandervögel, denen ich für ihre Inspirationsgabe danke. Die Fertigstellung und letztendliche Veröffentlichung der Arbeit in dieser Form wäre ohne die Hilfe und Unterstützung der folgenden Personen nicht möglich gewesen, denen ich an dieser Stelle meinen Dank ausdrücken möchte: meinen/meiner BetreuerIn und PrüferIn der Universität Erfurt, dem Archiv der deutschen Jugendbewegung, Daniel Junker; meiner Familie, meinen Freunden und D.R.. Im Besonderen möchte ich mich aber bei meinem Mann Holger Kliemannel für seine diversen Unterstützungen, seine Ratschläge, seinen Ansporn und seine Aufmunterungen bedanken.
Christiane Kliemannel, Remda-Teichel im Oktober 2006
Einleitung
Die deutsche Jugendbewegung bzw. klassische oder historische Jugendbewegung, die um die Jahrhundertwende begann und bis in das „Dritte Reich“ hineinreichte, gilt als eine soziale Bewegung, die auf die Gesellschaftsgeschichte Deutschlands bemerkenswerten Einfluß genommen hat. Angesichts dessen ist es zunächst überraschend, daß unter der Fülle an Literatur und historischen Untersuchungen1 zur deutschen Jugendbewegung kaum Studien zu deren weiblichen Mitgliedern zu finden sind und vergleichsweise wenig über die Rolle der Mädchen und Frauen2 innerhalb der deutschen Jugendbewegung gesagt wurde bzw. wird (vgl. Schade, 1996, S. 14).
Forschungsliteratur
Bei einer ersten Betrachtung der Literatur, die zu diesem Thema existiert, stößt man heute auf eine Reihe an Studien zu den weiblichen Jugendbewegten von Forscherinnen, die sich seit den achtziger Jahren des 20. Jh. im Rahmen der Geschlechterforschung mit dem Thema auseinandersetzen. Aus diesem heutigen Blickwinkel ist auch meine Arbeit geschrieben worden. Neben Bestandsaufnahmen der Organisationen und ihrer historischen und ideologischen Entwicklung entstanden in diesem Forschungsbereich Darstellungen einzelner Mädchenbünde sowie Aussagen bzw. intensive Untersuchungen über die spezifischen Weiblichkeitskonstruktionen der weiblichen Jugendbewegung.3 In jenen Schriften findet sich zumeist ein Verweis auf die Studie „Die Frau und die Jugendbewegung“ (1920) von Elisabeth Busse-Wilson, die sich als erste Forscherin ausführlich mit den Mädchen bzw. Frauen in der deutschen Jugendbewegung beschäftigt hat.4 Dies ist ein Hinweis darauf, daß man sich schon vor den achtziger Jahren des 20. Jh. mit den Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung in der historischen Forschung befaßt hat. Das Besondere an dieser Studie ist, daß sie bis in die achtziger Jahre hinein eine der wenigen zusammenhängenden Arbeiten zur Situation der Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung darstellte, denn über die Jahrzehnte hinweg lassen sich nur vereinzelte veröffentlichte und unveröffentlichte Untersuchungen und Erwähnungen (Artikel, usw.) zu diesem Thema finden.5 Doch auch diese haben für die heutige Forschung auf diesem Gebiet nicht an Bedeutung verloren, da sie zum Teil noch sehr intensiv darin rezipiert werden (vgl. Andresen, 2003, Klönne,6 2000/1990; Schade, 1996). In der aktuelleren Forschung wird auch der Versuch gemacht, die bisher verfaßten Studien in Epochen bzw. thematisch einzuordnen (vgl. Klönne, 1990, S. 8 ff, Schade, 1996, S. 15 ff).7 Jedoch habe ich keine einzige Arbeit finden können, die sich explizit mit der Rezeptionsgeschichte der weiblichen Jugendbewegung befaßt. Es existiert keine umfassende Analyse der Rezeption der Mädchen und Frauen der deutschen Jugendbewegung in der historischen Forschung.
Fragestellung
Aus diesem Grund möchte ich mich in dieser Ausarbeitung damit beschäftigen, wie sich die historische Forschung mit dem Thema Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung auseinandergesetzt hat. Dabei werde ich in meiner Untersuchung die Jugendbewegung in dem Zeitraum von 1901 (Begründung des Wandervogels) bis 1933 (Beginn des „Dritten Reiches“) beleuchten. Im Zentrum dieser Arbeit steht folglich die Frage, ob und inwiefern die Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung in den wissenschaftlichen Forschungen behandelt wurden. Ich werde in dieser Arbeit nicht nur implizit, sondern auch explizit mehrere Rezeptionsphasen unterscheiden. Zum einen unterscheide ich historisch die zeitgenössischen (1901 - 1933) und nationalsozialistischen Rezeptionen sowie diejenigen nach 1945 und die gegenwärtigen Rezeptionen (bis 2003). Zum anderen wähle ich eine wissenssoziologische Perspektive: Welches Wissen stand ForscherInnen zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt zur Verfügung, und in welchen Wissensfeldern haben sie das Problem behandelt, welche politischen, kulturellen und sozialen Resonanzen sind darauf zu identifizieren?
Aufgrund der Fülle an Literatur, die es zum Thema deutsche Jugendbewegung gibt, werden in dieser Arbeit vorwiegend jene Werke bzw. Untersuchungen berücksichtigt, die in den aktuelleren Studien der ForscherInnen ab den achtziger Jahren des 20. Jh. erwähnt werden. Im wesentlichen werde ich mich jedoch aufgrund der mir vorliegenden Quellen auf die bürgerliche Jugendbewegung beziehen müssen, da andere Strömungen, wie konfessionelle, proletarische und Pfadfinder-Jugendbewegung, in der Literatur weniger Beachtung gefunden haben.8
Daneben liegt ein weiterer Schwerpunkt dieser Ausarbeitung auf der Frage, wie die weibliche Jugend bislang in den wissenschaftlichen Untersuchungen betrachtet wurde. Anhand welcher Leitbegriffe, Vorstellungen von Geschlechterbeziehungen und -verhältnissen9 und Weiblichkeitsbildern/-konstruktionen10 (Kameradin, Frau und Mutter) ist die weibliche Jugendbewegung rezipiert worden? Hat sich die Sichtweise auf die Mädchen und Frauen im allgemeinen und hinsichtlich der eben genannten Punkte im Laufe der Zeit in jenen Studien möglicherweise verändert? Lassen sich über die verschiedenen Jahrzehnte wissenschaftlicher Forschung hinweg eventuelle Ähnlichkeiten und Differenzen erkennen? Wenn ja, welche Schwerpunkte wurden gesetzt, und sind vielleicht neue Gesichtspunkte in den Studien hinzugekommen?
Zur Beantwortung dieser Fragen sind die Untersuchungen der beiden Forscherinnen Leupold und Reese11 zum kulturellen Wandel in dem Verständnis der Geschlechterbeziehungen in dieser Arbeit grundlegend: Danach wurde seit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft, aus der auch die Jugendbewegten entstammten, der Verhaltenskodex in den Geschlechterbeziehungen immer weniger von Liebe und Sexualität bestimmt, wie sie für Intimbeziehungen bzw. die Ehe bestimmend sein sollte. Dafür gewann das Konzept der Kameradschaft unter Ausschluß von Liebe und Sexualität (Reese, 1993, S. 59), wie sie für gesellschaftliche Beziehungen bzw. Außenbeziehungen bestimmend sein sollte, immer mehr an Bedeutung (vgl. Leupold, 1983, S. 298). Diese Vorstellungen von Geschlechterbeziehungen glaubt Reese auch in der deutschen Jugendbewegung wiederzufinden, und zwar in Form des Konzepts der Kameradschaft bzw. des Weiblichkeitsbildes der Kameradin. Dieses beschränkte sich im Kontext der Jugendbewegung auf die jugendspezifische Altersgruppe, während es zuvor, im 19 Jh., auch in der bürgerlichen Gesellschaft erfolglos erprobt wurde (vgl. 1991, S. 9). Weiterhin wird in dieser Arbeit deutlich werden, daß die Kameradschaft in der Rezeptionsforschung zur weiblichen Jugendbewegung eine zentrale Bedeutung eingenommen hat. Überdies spielt auch das klassische Weiblichkeitsbild der bürgerlichen Frau und Mutter in der Analyse der Rezeptionsforschung eine entscheidende Rolle, also die Beschränkung der Frau bzw. des Mädchens auf ihre reproduktiven Fähigkeiten und ihre Funktion als Gegenpol zum bürgerlichen Mann (vgl. ebd., S. 10). Hier kommt auch der Gedanke der Geschlechterpolarität mit ins Spiel.
Zum Aufbau der Arbeit
Einleitend beschäftige ich mich mit dem Rezeptionsgegenstand. In diesem Kontext werde ich zunächst den Begriff der Jugendbewegung erläutern. Im Anschluß daran werde ich einen Einblick in den historischen Rahmen geben, welcher zur Begründung jener Bewegung führte. Zudem soll auch das frühere Gesellschaftsbild von Jugend erörtert werden, da Jugend als eigenständige Lebensphase mit Rechten und Verpflichtungen als eine Erscheinung des neunzehnten Jahrhunderts betrachtet wurde. Demnach geht es um die Besonderheiten, die dieser gesellschaftlichen bzw. sozialen Konstruktion von Jugend zugrunde liegen, sowie um ihr Selbstverständnis und die Anforderungen, die Ende des neunzehnten Jahrhunderts an sie gestellt wurden. Daneben befaßt sich das erste Kapitel auch mit der Entwicklung der deutschen Jugendbewegung bis zum Eintritt der Mädchen. Ziel ist es, eine kurze Einführung in das Phänomen der Jugendbewegung in Deutschland zu geben, die zunächst von der männlichen Jugend dominiert worden ist. Das zweite Kapitel beschäftigt sich konkret mit den Mädchen und jungen Frauen in der deutschen Jugendbewegung und soll unter Berücksichtigung der folgenden Fragen auf den Schwerpunkt der Arbeit hinführen: „Wie sahen die weiblichen Lebensperspektiven aus? Seit wann und warum wurden Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung aktiv? Wie wurde innerhalb der Jugendbewegung auf die Mädchen reagiert?“ Um die Mädchen in ihrem Dasein in der Jugendbewegung analysieren zu können, wird unter anderem in dieser Einführung die Struktur und das Erscheinungsbild sowie die besondere Anziehungskraft der Jugendbewegung aufzuzeigen sein. Des weiteren geht es mir vor allem darum, Unterschiede in den damaligen Gesellschaftsbildern bzw. sozialen Konstruktionen von Mädchen und jungen Frauen im Vergleich mit den Jungen, d. h. der Geschlechter, hervorzuheben. Denn die Geschichte der Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung ist immer auch Geschlechtergeschichte gewesen, wie in dieser Arbeit noch deutlich werden wird. Diese einführenden Kapitel dienen dazu, die möglicherweise divergierenden Perspektiven diverser ForscherInnen auf die weiblich „Jugendbewegten“ über die Jahrzehnte der historischen Forschung hinweg besser zu verstehen.
Im Anschluß daran werde ich mich der Betrachtung der Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung in der historischen Forschung zuwenden. Dabei werden chronologische und systematische Aspekte miteinander verbunden, da einige der Schriften, die ich untersucht habe, auf die wissenschaftliche Betrachtungsweise der weiblichen Jugendbewegung und zur Zeit der historischen Jugendbewegung auf die weiblich Jugendbewegten selbst Einfluß hatten (vgl. Klönne, 1996, S. 248). Zum besseren Verständnis werde ich in die Rezeptionsphasen einführen und die Auswahl der von mir untersuchten Studien begründen. Beginnen werde ich im dritten Kapitel mit jenen Untersuchungen zur deutschen Jugendbewegung, deren Fokus auf den weiblichen Anhängerinnen liegt und die direkt aus der „jugendbewegten“ Zeit (1912 - 1933) stammen. Diese Studien werden auch in den nachfolgenden Betrachtungen häufig diskutiert werden. Bedeutsam sind die zu beleuchtenden Studien insofern, da sie in der Erlebniszeit der Jugendbewegung entstanden sind und damit eine unmittelbare Nähe zur Bewegung aufweisen. Dadurch können bestimmte Denkmuster der Zeit rekonstruiert werden, und mögliche Ähnlichkeiten bzw. Differenzen in den zeitlich darauf folgenden Untersuchungen werden besser ersichtlich. Hieran folgt eine Diskussion der nationalsozialistischen Deutungsversuche der deutschen Jugendbewegung. In diesen hat man versucht, die Ideen der Jugendbewegung, vor allem die der Bündischen Phase, für die nationalsozialistischen Ideologien zu vereinnahmen, auch in Bezug auf das Geschlechterverhältnis. An dieser Stelle lassen sich auch gedankliche Verbindungen zu den Schriften aus der jugendbewegten Zeit aufweisen.
In den nachfolgenden Studien zur Jugendbewegung ist versucht worden, einen Umgang mit dieser möglichen Verbindung zwischen Jugendbewegung und Nationalsozialismus zu finden. Vielfach wurde diese auch intensiv in Form einer Art „Vergangenheitsbewältigung“ diskutiert. Ob sich das auch auf die Betrachtung der jugendbewegten Mädchen und Frauen ausgewirkt hat, soll u. a. im ersten Abschnitt des fünften Kapitels untersucht werden. Weitere Analysepunkte des fünften Kapitels sind dann vorrangig die historischen Betrachtungen der deutschen Jugendbewegung nach 1945, d. h. die Chroniken bzw. offizielle Standardwerke, historische Bestandsaufnahmen der deutschen Jugendbewegung, aber auch, wie in einem weiteren Abschnitt deutlich wird, wichtige (jugend-)soziologische und -theoretische Studien. Auch die ersten Untersuchungen der weiblichen Jugendbewegung nach 1945 dürfen in dieser historischen Analyse nicht unbeachtet bleiben. Dabei geht es sowohl um eine soziologische Betrachtung (Mancke/Wolf, 1961) als auch um ihre historische Bestandsaufnahme (Mancke, 1961), die im letzten Abschnitt des fünften Kapitels vorgestellt werden. Diese Studien sollen den Übergang zu den differenzierteren wissenschaftlichen Auseinandersetzungen bilden, die ab den achtziger Jahren des 20. Jh. einsetzten.
Die Studien vor allem junger ForscherInnen, die dieses Thema scheinbar zum ersten Mal ausführlich ins Zentrum der historischen Forschung zur deutschen Jugendbewegung gerückt haben, möchte ich im sechsten und letzten Kapitel dieser Arbeit vorstellen. Kennzeichnend für diese Untersuchungen ist, daß ihr Arbeitsschwerpunkt auf die Geschlechterforschung gelegt wurde, die sich in diesem Zeitraum besonders etabliert hatte. Hierdurch wurden die Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung in einem vermutlich vollkommen anderen bzw. neuen Licht betrachtet. Dies läßt vermuten, daß wir hier im Vergleich mit bisherigen Studien gänzlich neue Perspektiven auf die weiblichen Jugendbewegten zu erwarten haben, vor allem für den Bereich der Geschlechterverhältnisse, Geschlechter- bzw. Weiblichkeitskonstruktionen, mit dem sich die Geschlechterforschung schwerpunktmäßig befaßt.
I Rezeptionsgegenstand
1. Entstehung und Entwicklung der deutschen Jugendbewegung
Um das Phänomen Jugendbewegung angemessen verstehen zu können, gilt es zunächst, einige allgemeine Hinweise zum Begriff zu liefern. Vermutet wird, daß die Bezeichnung Jugendbewegung durch Hans Blühers Werk „Der Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung“ populär gemacht wurde (vgl. Schröder, 1996, S. 39). Im Prinzip ging diese Bezeichnung aus dem „Wandervogel – Ausschuß für Schülerfahrten“12 (AfS) (vgl. 1.2.1) hervor und umfaßte im wesentlichen den Wandervogel (Kaiserzeit), die Freideutsche Jugend und Bündische Jugend (Weimarer Republik) (vgl. Schneider, 1990, S. 6). Ein Deutungsversuch von Viktor Engelhardt lautet: „Jugendbewegung im allgemeinsten Sinne des Wortes bezeichnet eine geistige Bewegung, in der junge Menschen Träger neuer, meist gegen die bestehende Ordnung gerichteter Gedanken sind“ (1927, S. 1).
Im groben stimmt diese Begriffsbestimmung überein mit dem gängigen Verständnis von sozialen Bewegungen, definiert als „Prozeß des Protests gegen bestehende (soziale) Verhältnisse“ (Rammstedt, 1978 in Thiel, 1999, S. 868) sowie mit der Intention gesellschaftlicher Veränderung (Jugend als Träger neuer Gedanken, C.K.).13 Sozial deshalb, weil sie – im wesentlich getragen von Gymnasiasten – sich gegen die soziale Ordnung wandte, „gegen einengende, konventionelle Autoritäten (Eltern und Schule, C.K.) und eine mechanische Großstadtkultur“. Stattdessen sah sie „im Jugendlichensein selbst den Ausdruck positiv besetzter Werte wie Gemeinschaft, Einfachheit, Emotionalität und Vitalität (…) und (brachte, C.K.) diese im gemeinsamen Wandern (…) mit Lagerleben, Spielen und Musik zum Ausdruck“ (Raschke, 1988, S. 47). Die Jugendlichen fanden sich in den entsprechenden Wandergruppen – den außerschulischen Organisationen – zusammen, die von einem kaum älteren Führer geleitet wurden, um nach „einer Verwirklichung jugendlicher Verkehrsformen neben und in Abschließung von industriellen und politischen Entwicklungen“ (ebd.) zu suchen. Das hatte den Erfolg, daß Jugend als Lebensphase weitere Anerkennung fand und die jugendbewegten Ideale in gewandelter Form in die verschiedensten Berufs- und Lebensbereiche eingebracht wurden (vgl. ebd., S. 49 f). Damit beinhaltet die Jugendbewegung fast alle wesentlichen Merkmale sozialer Bewegungen: Kollektive Aktionen (Wandern) von individuellen, aber auch korporativen Akteuren (Führer), die der Durchsetzung gemeinsam gesetzter Ziele (Gemeinschaft, Einfachheit, Emotionalität) dienen. Die Akteure sind untereinander vernetzt und haben eine Gruppe (Wandergruppe) oder eine kollektive Identität (gemeinsames Wandern mit dem dazugehörigen Lagerleben, Spielen und Musik). Die kollektiven Aktionen sind auf Dauer gestellt (weitere Anerkennung von Jugend als Lebensphase). Ihre Gründung findet außerhalb des Bereiches etablierter Institutionen statt (es sind außerschulische Organisationen). Ihre wichtigste Aktionsform ist der Protest (Protesthaltung gegenüber den einengenden, konventionellen Autoritäten und der mechanischen Großstadtkultur) (vgl. Schnabel, 2003, S. 37).
Abzugrenzen ist der Begriff der sozialen Bewegung, und damit auch die Jugendbewegung, von Organisationen, wie beispielsweise einzelnen Vereinen (AfS), da jene Bewegung mehrere solcher Vereinigungen beinhaltete (Jungwandervogel, Akademische Freischar usw.) und dennoch geschlossen auf dem Meißnerfest zusammen auftrat (vgl. 2.2), als auch vom kollektiven Verhalten, welches ausschließlich auf die Verfolgung individueller, nicht aber gemeinsamer Ziele ausgerichtet ist (vgl. Schnabel, 2003, S. 35 f). Auch wenn sich in der späteren Bündischen Jugend eindeutige politische Tendenzen in der Jugendbewegung breit machten (vgl. 2.2), kann nicht von einer politischen Mobilisierung, wie z. B. Parteien, gesprochen werden. Felix Raabe zeigte für die Bündische Jugend eine mehr oder weniger eindeutige Ablehnung von Parteien, wie der NSDAP, in verschiedenen Gruppen auf (vgl. 1961, S. 108). Außerdem ist die Bündische Jugend trotz des nicht unerheblichen Umfangs an „Schnittstellen“ mit dem Gedankengut des Nationalsozialismus (vgl. Klönne, A., 1987, S. 210) dennoch in ihrem politischen Denken sehr mannigfaltig gewesen ist. Sie besaß keine einheitliche politische Idee oder gar politisches Programm (vgl. Raabe, 1961, S. 198), die Offe als wesentliches Merkmal von Parteien nennt (vgl. 2003, S. 430).
Die Entstehung sozialer „Bewegungen“, wie der Jugendbewegung, sind nach Raschke zumeist Reaktionen auf Situationen, die als Krise/-n erlebt wurden (vgl. u. a. 1988, S. 11 ff). Was also war für wen kritisch geworden?
1.1 Hintergründe zur Entstehung der Jugendbewegung in Deutschland
“Als die Geschichte der Jugendbewegung ihren Anfang nahm, ging das vergangene Jahrhundert gerade seinem Ende entgegen“ (Malzacher/Daenschel, 1993, S. 10). In dieser Zeit (Ende bzw. zweite Hälfte des 19. Jh.) vollzog sich im wilhelminischen Deutschland ein enormer sozioökonomischer Wandel, der seine Auswirkungen in der Gesellschaft und damit auch im Generationenverhältnis hinterlassen sollte. Diese Entwicklung gilt es im folgenden näher zu betrachten, da jene als wesentlicher Faktor zur Entstehung der deutschen Jugendbewegung angesehen werden kann.
1.1.1 Gesellschaftlicher Wandel und Generationenkonflikt
Ende bzw. in der zweiten Hälfte des 19. Jh. entwickelte sich Deutschland von einem Agrarstaat zu einem Industriestaat, in dem Fortschritt und Technik die Zauberworte (nicht nur) des Bürgertums waren (vgl. Engelhardt, 1927, S. 10) – ein System der „Erwerbsgier“ und des „Mammonismus“ (Lütkens, 1925, S. 34 f) entstand. Die Menschen, vor allem aus den ländlichen Gegenden und dem proletarischen Milieu, zog es auf der Suche nach neuer Arbeit massenhaft in die Städte, was heute allgemein unter dem Begriff „Landflucht“ (Musall, 1987, S. 29) bekannt ist. Dadurch zerfiel die traditionelle Gemeinschaft, in der die Menschen dieser Zeit zusammengelebt hatten. Gleichzeitig wuchsen die Städte rapide an; Lütkens spricht von „Verstädterung“ (1925, S. 20) und zeigte deren Auswirkung in der Gesellschaftsstruktur, besonders auf das städtische Bürgertum, das seine „tragende Rolle“ (Status), welche es bisher in den Städten inne hatte, unfreiwillig einbüßen mußte.
Trotz dieser Veränderungen hingen die bürgerlichen Schichten noch immer an den Wertvorstellungen einer Gesellschaft mit einem „überschaubaren und stabilen sozialen Zusammenhang“, natürlich zu ihren Gunsten in hierarchischer oder „ständischer Tradition“. Auf der Suche nach Erklärungen für die Modernisierungstendenzen entwickelten sie einen „Kulturpessimismus und Zivilisationshass“. Rettung vor dieser gefährlichen „Moderne“ sahen jene in den „alten Werten“ (Klönne, 1990, S. 82 f) – klassisch-humanistische Bildung (Latein, Philosophie, usw.), hierarchisierte Gesellschaftsstruktur, etc. –, die ihnen bis dahin ihre Existenz gesichert hatten. Diese kritische Einstellung hätten jene Älteren aufgrund ihrer Verhaftung in einem bestimmten gesellschaftlichen Status nicht lebenspraktisch angewandt, sondern stattdessen die gesellschaftlichen Entwicklungen hingenommen (vgl. Klönne, 2000, S. 47). Diese Haltung bzw. diese „nüchterne Welt der Väter“ hätten die „jungen Menschen“ nicht mehr verstehen können. Diese mußten sie sogar zum Haß bringen, der letztendlich zu einem Generationenkonflikt führte, oder wie Engelhardt es formuliert: „Das Problem Vater und Sohn schlug seine Wellen“ (1927, S. 11).
1.1.2 Jugend als soziale Konstruktion und jugendliche Lebensperspektiven im Kaiserreich
Zugleich begann sich „Jugend“ in jenem Zeitraum als eigenständige Altersgruppe und Entwicklungs- bzw. Lebensphase zwischen Kindheit (Kriterium Schulentlassung) und Erwachsenenstatus (Kriterium Wehrdienst oder Eheschließung) herauszubilden (vgl. u. a. Reulecke, 1986, S. 21). Hier wird schon die eher männlich geprägte Definition von Jugend dieser Zeit deutlich, obwohl Reese darauf verweist, daß das Konstrukt Jugend um 1900 auf der Vorstellung eines Lebens gründete, das für alle Menschen (Geschlechter) formal gleich war (vgl. 1991, S. 8). Die männliche Betonung des Begriffs Jugend mag damit verbunden gewesen sein, daß dieser Terminus auf den Ausdruck Jüngling zurückging – ein in der Schule auf das Leben vorzubereitender Mann (vgl. Andresen, 2003, S. 71).14 In diesem Zusammenhang ist davon auszugehen, daß bei meiner Analyse der Frage, wie sich die historische Forschung während der jugendbewegten Zeit mit dem Thema Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung auseinandergesetzt hat, der Schwerpunkt deutlich auf den männlichen Jugendlichen liegen wird. Bei den Studien nach 1945 und bei den ab den achtziger Jahren entstandenen Untersuchungen sollte dieser jedoch deutlich abnehmen.
Jene Herausbildung von Jugend als eigene Entwicklungsphase mag auch in der damaligen umfangreichen publizistischen und auch wissenschaftlichen Diskussion15 über Jugendliche und ihre Probleme begründet liegen, „mit der Tendenz, Jugend nun endlich nicht mehr als Noch-nicht-Erwachsene zu behandeln, sondern als Potential eigentümlicher, noch unverbrauchter und unverfälschter Chancen“ (Giesecke, 1981, S. 14). Verbunden mit dem eben Gesagten richtete sich die Hoffnung vor allem des Bildungsbürgertums – die Beamtenschaft und die akademischen freien Berufe, wie Professoren und Gymnasiallehrer – auf die Jugend, von der es sich eine „Erneuerung“ ihrer „alten Werte“ (Klönne, 1990, S. 83 f) ersehnte. Es entstand eine Art „Mythos Jugend“ (vgl. Andresen, 2003, S. 73).
Ausgehend von der Vermutung Andresens, daß nach Annahmen der neueren sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung die Jugendlichen auch selbst an der Konstruktion von Jugend und ihrem Leben beteiligt sind, wobei das, was sie als eigenes Leben definieren, im weitesten Sinne den Diskurs der Eltern widerspiegelt (vgl. ebd., S. 64), hätten sich die Jugendlichen und später die Jugendbewegten selbst als „Träger eines „anderen“ Lebens und einer „neuen“ Gesellschaft“ (Klönne, 2000, S. 47) unter Rückgriff auf die alten Werte verstanden und Jugend damit selbst konstruiert (vgl. Andresen, 2003, S. 70). Es ist zu erwarten, daß in den Untersuchungen aus dem Bereich der Geschlechterforschung, die sich mit Geschlechterkonstruktionen beschäftigt, vor allem die hier erwähnten Gedanken bzw. Selbst- und Fremdthematisierungen – die Jugend als Träger eines anderen Lebens und Bewahrer der alten Werte – genauer erörtert und eher kritisch in die Analyse zur Konstruktion weiblicher Jugend in der deutschen Jugendbewegung einbezogen werden.
Dessen ungeachtet wurde insbesondere in den damaligen Schulen, geprägt von der wilhelminischen Ära16, die Eigenart der Jugend und deren Potential der Lebensform bzw. den Vorstellungen der Eltern untergeordnet (vgl. Frobenius, 1927, S. 31). Dazu gehörte auch die strenge Sexualmoral mit der Forderung nach weitestgehender sexueller Abstinenz bis zur Ehe (vgl. u. a. Linse, 1987, S. 248 ff) – Keuschheitsgebot –, wobei darin, wie im folgenden Kapitel deutlich wird, enorme Geschlechterdifferenz17 bestand. Daneben standen die Jugendlichen unter der „Fuchtel“ ihrer Eltern und der Schule und hatten diesen Gehorsam, Unterordnung und Leistung entgegenzubringen und zu zeigen (vgl. Malzacher/Daenschel, 1993, S. 11). Jugend war damit nicht mehr, als ein verlängerter Status der Abhängigkeit (vgl. Andresen, 2003, S. 71), vor allem von der „autoritär-patriarchalischen Vaterfigur“ (Klönne, 2000, S. 48).
1.2 Entwicklung der deutschen Jugendbewegung
Vor diesem Hintergrund entstand die deutsche Jugendbewegung. Besonders im ersten Grundlagenwerk zur Geschichte der deutschen Jugendbewegung von Hans Blüher18 wird sie vorrangig als ein „Kampf der Jugend gegen die Alten“ (1922a, S. 65) betrachtet. „Die Väter wollen die Söhne zu dem machen, was sie sich in den Kopf gesetzt haben, oder wie sie selber sind, aber die Jugend will nur allzu deutlich werden, was sie will“ (ebd.).
Diese These der jugendlichen Rebellion gegen die Eltern (Väter) sei nach Meinung von Andresen und Klönne stark zu relativieren bzw. modifiziert und widerlegt (vgl. Klönne, 2000, S. 47, vgl. Andresen, 2003, S. 118). Denn, wie oben schon ausgeführt wurde, die Jugendlichen bzw. jungen Männer übernahmen die elterlichen Wertehaltungen und deren Kritik an der Zivilisation (Industrialisierung und Verstädterung), was sich praktisch in ihrem zeitweiligen Auszug aus den Zentren des gesellschaftlichen Lebens (Städten) äußerte – dem gemeinsamen Wandern der zunächst männlichen Jugendlichen ohne Aufsicht von Schule bzw. Eltern (vgl. Klönne, 2000, S. 47). Durch die Identifizierung mit den dabei erfahrenen Werten eines einfachen und natürlichen Lebens in der „freien Natur“, so Klönne, glaubten die Wandervögel und nach ihnen alle anderen Gruppen der Jugendbewegung, einen alternativen Entwurf oder ein Gegengewicht zur bestehenden (sozialen) Ordnung entdeckt zu haben (vgl. 1996, S. 249 f). Dies spiegelt sich auch in den folgenden Worten Frobenius’ zum Phänomen „Wandervogel“ wider:
Der Wandervogel ist ein Zeitphänomen. Denn er entsteht in der Zeit einer überreifen Kultur aus der Auflehnung gegen die Mechanisierungen des Lebens. Er ist der Vorbote großer Umwälzungen. (…) Der Wandervogel ist gleichzeitig ein Menschheitsphänomen. Denn er bringt das uralte Recht der Jugend auf Gemeinschaftsbildung, auf ein Eigenleben wieder zur Geltung (…) (und bildet ein, C.K.) Gegengewicht gegen die allgemeine Mechanei. (…) (Der Wandervogel ist) ein urdeutsches Phänomen. (…) (Denn er, C.K.) beruht auf dem urdeutschen Wandertriebe, der seit Jahrhunderten im Volke lebendig ist. (1927, S. 45)
Stattdessen wird die Jugendbewegung in der modernen Forschungsliteratur u. a. von Klönne nicht nur als soziale, sondern auch als eine Fluchtbewegung gedeutet, nämlich vor der angstverursachenden Moderne in die Arme einer „pädagogischen Provinz“ (vgl. 2000, S. 48) bzw. pädagogischen Schonraum für die Jugend (vgl. Dudek, 1991, S. 64).
1.2.1 Begründung des Wandervogels19
Als erster offizieller Ansatz für den Auszug aus den Zentren des gesellschaftlichen Lebens und damit als Geburtsstunde der Jugendbewegung gilt der „Wandervogel – Ausschuß für Schülerfahrten“ (AfS), begründet am 4. November 1901 von jüngeren und älteren Mitbewohnern, u. a. von dem Studenten Karl Fischer in Steglitz bei Berlin (vgl. Giesecke, 1981, S. 18). Das Ziel dieser außerschulischen Organisation für Schüler beschreibt ein Lehrer am Steglitzer Gymnasium und späterer Wandervogel Prof. Dr. Ludwig Gurlitt20 wie folgt:
In der Jugend die Wanderlust zu pflegen, die Mußestunden durch gemeinsame Ausflüge nutzbringend und erfreulich auszufüllen, den Sinn für die Natur zu wecken, zur Kenntnis unserer deutschen Heimat anzuleiten, den Willen und die Selbständigkeit der Wanderer zu stählen, kameradschaftlichen Geist zu pflegen, allen den Schädigungen des Leibes und der Seele entgegenzuwirken, die zumal in und um unseren Großstädten die Jugend bedrohen, als da sind: Stubenhockerei und Müßiggang, die Gefahren des Alkohols und des Nikotins – um von Schlimmerem ganz zu schweigen. (ebd., S. 18)
Die ersten Wandergruppen des AfS, die in abenteuerlicher Aufmachung mit „Schlapphut, Rucksack und Gitarre“ (Frobenius, 1927, S. 20) im Morgengrauen oder am frühen Abend aus den Städten hinauswanderten, waren reine Jungengruppen, bestehend aus Gymnasiasten, die der Bürgerschicht entstammten (vgl. Aufmuth, 1979, S. 236, 242 ff), woraus sich auch der Name der bürgerlichen Jugendbewegung ableiten läßt. Jene Gruppen wurden von nur unwesentlich älteren Schülern, Studenten oder Lehrern geführt. Man bezeichnete diese als Führer, (Bacchant), da sie in jenen Gruppen immer eine zentrale Rolle spielten und es von ihren Fähigkeiten abhing, was in den Gruppen lief. Damit war ihre Funktion nicht ausschließlich auf organisatorische Aufgaben beschränkt (vgl. Andresen, 2003, S. 81). In Anlehnung an das Konzept der mittelalterlichen Scholaren (fahrenden Schüler) erschloß sich den Jugendlichen auf ihren Fahrten in Wäldern und Wiesen nahe der großen Städte ein Leben voller Abenteuer. Hier entwickelte sich jener Lebensstil, der für den Wandervogel und ebenso für die Gruppen der Bündischen Jugend in der Weimarer Republik eigentümlich bleiben sollte: Gemeinsames Wandern und Singen, Übernachten unter freiem Himmel, Kochen am offenem Feuer. Eingebunden in neue Naturerlebnisse, war das bestimmende Moment des hier gefundenen Lebensgefühls das Erlebnis der Gemeinschaft, der „Verschworenheit“ der Gruppe oder des Bundes21 (vgl. Klönne, 1996, S. 250 f). Damit wurde ein Leitmotiv jugendbewegter Kultur vorgegeben. Die Gestimmtheit des Gefühls oder, wie es Frobenius nennt, „Gemütstiefe“ (1927, S. 23), reichte über unterschiedliche Anschauungen hinweg und vermittelte den Zusammenhalt von Bund und Gruppe, das „Gemeinschaftserlebnis“ (vgl. Schröder, 1996, S. 8, 59 ff).
1.2.2 Entwicklung bis zum Eintritt der Mädchen
Bevor jedoch die ersten Mädchen aktiv an den Fahrten (1905) des sich weiter ausbreitenden Wandervogels der Jungen und Männer beteiligen konnten, genossen diese ein paar Jahre ihres wildromantischen „Scholarenleben“ unter sich. Schon kurze Zeit nach der Begründung des AfS begann dessen verhältnismäßig schnelle Ausbreitung. Im Zeitraum von 1901 - 1905 bildeten sich im AfS sechs weitere Ortsgruppen (vgl. Köhler, 1987c, S. 134). Waren an den ersten Wanderungen 1901 ca. 30 Teilnehmer unter Führung Fischers unterwegs, wurden 1903 bereits Fahrten mit 250 Teilnehmern unternommen (vgl. Köhler, 1987a, S. 73).
Über den Stil des Wanderns kam es in diesem Zeitraum zu ersten Spannungen zwischen diversen Führern der Scholaren im ersten Wandervogel. Weitere Auseinandersetzungen folgten, woraufhin am 29. 06. 1904 der AfS aufgelöst und der „Altwandervogel“ (AWV) von Karl Fischer begründet wurde (vgl. Malzacher/Daenschel, 1993, S. 19). Im gleichen Atemzug entstand der Steglitzer Wandervogel e. V. (1904), in dem die Kontrahenten Fischers den AfS nach ihren Vorstellungen in Steglitz fortführten. Trotz dieser Spannungen gewann der Wandervogel, sprich die deutsche Jugendbewegung, immer mehr Fürsprecher und Anhänger22, auch in einem Teil der Gymnasiallehrerschaft (vgl. Frobenius, 1927, S. 60).
2. Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung
Im Gegensatz zur männlichen Jugendbewegung, die im Laufe ihrer Entwicklung immer mehr Fürsprecher und auch Mitstreiter gefunden hatte, konnte nach Klönne die entstehende Wander- und Jugendbewegung der Mädchen nur in Ausnahmefällen mit derartiger Unterstützung rechnen (vgl. 1996, S. 251). Hindernisse für ihre Beteiligung an der Jugendbewegung waren zum einen, daß das jugendbewegte Milieu männlich besetzt gehalten war, wie es oben schon angeführt wurde, und zum anderen die damaligen Moralvorstellungen und Weiblichkeitskonstruktionen. Darauf möchte ich im folgenden Abschnitt zu den weiblichen Lebensperspektiven eingehen. Es ist davon auszugehen, daß das hier zu erörternde Geschlechterverhältnis bzw. die hier zu erörternden Weiblichkeitsbilder besonders für die Studien zur Zeit der deutschen Jugendbewegung und im Nationalsozialismus in überspitzter Form prägend sein sollten, bedingt durch die zeitliche Nähe jener Untersuchungen als auch den damaligen Wissens- und Forschungsstand. Dagegen wurden in der weiteren Forschungsgeschichte nach 1945 das Geschlechterverhältnis und die Weiblichkeitsvorstellungen eher skeptisch betrachtet und sollten vor allem in den Untersuchungen im Bereich der Geschlechterforschung ab den achtziger Jahren durchaus kritisch analysiert werden.
2.1 Geschlecht als soziale Konstruktion und weibliche Lebensperspektiven im Kaiserreich
Hatten vor der Industrialisierung Frauen und Mädchen durch ihre in der Familie geleistete Arbeit in der Gesellschaft „etwas zu sagen“ – obwohl sie nicht wirklich rechtliche und politische Entscheidungsfreiheiten besaßen und unter der „Gewalt des Hausvaters“ standen –, so ging ihnen durch die mit den Umwälzungsprozessen verbundene Auflösung der Familienökonomie und durch die zunehmende Bedeutung des wirtschaftlichen Marktes ihre gesellschaftliche Anerkennung verloren. Ihre Arbeit wurde nun nicht mehr als „wahre“ Arbeit anerkannt, und aufgrund der Kritik des Bürgertums an der Moderne wurde die Familie zu dem Bereich des persönlichen Glücks stilisiert. In diesem Zusammenhang wurde der Handlungsraum, „Verhaltenskanon“ (Klönne, 1990, S. 59 f), der Mädchen und Frauen intensiver auf diesen Bereich eingeschränkt: „einst begehrlich und lebendig, (wurden sie, C.K.) nun zur ‚guten Mutter‘ verformt“ (Honegger/Heintz, 1981, S. 31). Trotz der wirtschaftlichen Lage in der industriellen Gesellschaft, die die Schul- bzw. Ausbildung und Erwerbsarbeit der Mädchen und Frauen notwendig machte, waren die Möglichkeiten, vor allem für die Mädchen aus dem Bürgertum, beschränkt: Im schulischen Bereich aufgrund der Begrenzung der Mädchenbildung, beruflich aufgrund der Einengung auf Tätigkeiten wie Lehrerin oder Erzieherin, die weitestgehend an die Forderung der Ehelosigkeit gebunden waren (vgl. Klönne, 1998, S. 16 f). Verbunden mit dieser Vorstellung ist der Begriff der geistigen Mütterlichkeit, der auf Henriette Schrader-Breymann zurückgeht und mit dem die bürgerliche Frauenbewegung ein Konzept herausarbeitete, das Frauen in den „mütterlichen“ bereichen wie Erziehung oder Sozialarbeit die Möglichkeit auf Erwerbstätigkeit ohne Verlust des sozialen Standes bot (vgl. u. a. Schade, 1996, S. 14). Demnach bildet den Rahmen für die Beziehung der Geschlechter und das Geschlechterverhältnis jener Zeit, somit auch für die Jugendbewegung, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung (vgl. Klönne, 2000, S. 16). Zwar versuchte die seit 1848 tätige Frauenbewegung in Deutschland, hier Veränderungen zu bewirken (vgl. Raschke, 1988, S. 40), dennoch blieb für die Mehrheit der weiblichen Jugend aus den bürgerlichen Schichten ihr Lebensentwurf bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hinein einseitig auf den der Ehefrau und Mutter hin orientiert (vgl. Klönne, 1996, S. 251). Selbst diejenigen Mädchen und jungen Frauen, die die Möglichkeit hatten, sich zu bilden, gaben nach Busse-Wilson ohne weiteres Ausbildung und Berufsarbeit auf, sobald sich die Gelegenheit einer Eheschließung bot (vgl. 1920, S. 41). Gegenüber dem Leben als „alte Jungfer“, die im Haushalt der Eltern oder unverheirateter Geschwister ein nur geduldetes, freudloses und unnützes Dasein fristete, ohne eine große Auswahl an persönlicher Erwerbstätigkeit, schienen Ehe und Familie ein akzeptableres Leben zu sein (vgl. Frevert, 1986, S. 44). Außerdem gab es den Frauen eine persönliche und gesellschaftliche Bedeutung (vgl. Klönne, 2000, S. 32). Diese Orientierung der Mädchen und Frauen auf zwei Praxisfelder, Beruf und Familie, bezeichnet Klönne als „doppelten Vergesellschaftungsprozeß“ (vgl. 1998, S. 94).
Demzufolge vollzog sich ein Wandel im Geschlechterverhältnis. War jenes vor der Industrialisierung, geprägt durch die Standeszugehörigkeit, „recht“ ähnlich gewesen, differenzierte es sich im Laufe der Zeit immer mehr in spezifische Geschlechtscharaktere (vgl. Frevert, 1986, S. 21 f). Dieser Wandel muß auch vor dem Hintergrund der im 19. Jh. einsetzenden Diskurse zum Thema Frau und Geschlecht (vgl. Andresen, 2003, S. 103) gesehen werden, die diese Geschlechtsspezifika herausarbeiteten. Zu ihnen gesellte sich auch gegen Ende des 19. Jh. der Diskurs um die weibliche Jugend. Diese Diskurse wurden von einer männlich dominierten Denk- und Sichtweise aus geführt, weshalb im Frauenbild dieser Zeit (19 Jh.) immer das „Andere“ im Vergleich zum Mann gesehen wurde: Mann = Arbeit, Verstand (Logos); Frau = Familie, Liebe (Eros), (vgl. Reese, 1991, S. 10). Diese geschlechtsspezifischen Eigenschaften schienen sich aber nicht nur ideal zu ergänzen (vgl. Frevert, 1986, S. 22), sondern standen sich auch polar gegenüber, weshalb in der Literatur von Geschlechterpolarität23 gesprochen wird. Auch hatten sie kritische Auseinandersetzung über das weibliche Geschlecht bis hin zum Antifeminismus24 zur Folge (vgl. 3.1). Daneben bedeutete die Polarität für die Frau eine Fixierung auf „ihre“ Rolle – im Sinne von Geschlechterrolle25 – in Ehe und Familie, wodurch sich das Selbstwertgefühl der Frau, ihre Identität und ihr gesellschaftliches Ansehen nur über den beruflichen Status des männlichen Familienoberhauptes gewinnen ließen (vgl. Klönne, 2000, S. 32). Für die jungen Mädchen bedeutete das, daß ihre Jugendphase ausschließlich als Vorbereitung auf ihr zukünftiges Mutter- bzw. Familiendasein verstanden wurde (vgl. Andresen, 2003, 137), unabhängig davon, daß sich in dieser Lebensphase vor allem der Gleichwertigkeitsgedanke aller Menschenleben ausdrückte (vgl. Reese, 1991, S. 8).
Busse-Wilson kritisierte diese Form der umfassenden Einengung des Handlungsraums des weiblichen Geschlechts und damit auch der weiblichen Jugend sowie die sich mehr als deutlich darin ausdrückende Hierarchie der Geschlechter26, gekennzeichnet durch eine männliche Dominanz. Im Zentrum ihrer Kritik stand das den Mädchen und jungen Frauen auferlegte Keuschheitsgebot: Das Gebot, als „tadellos intakte Bräute“ (Busse-Wilson, 1920, S. 43) in die Ehe zu gehen, während den Jünglingen auch zugestanden wurde, sich vor der Ehe bei Prostituierten oder in unverbindlichen Liebschaften mit Mädchen unterer Sozialschichten die „Hörner abzustoßen“ (vgl. Frevert, 1986, S. 130). Busse-Wilson machte das Keuschheitsgebot nicht nur als Ursache für die psychosozialen Einschränkungen weiblicher Sozialisation verantwortlich: Geringfügige Bildung, weitestgehende Nichtduldung weiblicher Erwerbstätigkeit und damit letztendlicher Ausschluß von der Teilhabe am öffentlichen Leben. Darüber hinaus analysierte sie es tiefergreifend in seiner Funktion als „Grundpfeiler“ (1920, S. 56) eines „vom Manne ausgegebenen geschlechtlichen Sittengesetzes, das von den Müttern ihm zu Gefallen verwaltet und gewahrt wird“ (ebd., S. 42):
Kaum der Kindheit entwachsen, trennt sich ja das Mädchen von den Gleichaltrigen, insonderheit auch vom Jüngling und hält innerlich wie äußerlich zur Matrone, mit ihr zusammen die bürgerliche Sitte verkörpernd. Das ganze Schwergewicht der bürgerlichen Moral hängt also, wie paradox dies auch klingen mag, an den sechzehn– bis achtzehnjährigen, die in demselben Augenblick, wo sich ihnen die Jugend auftuen will, Träger der Konvention werden. (ebd., S. 56)
Gerade für die unverheirateten Mädchen aus dem Bürgertum, war diese von Busse-Wilson beschriebene Moralität unbefriedigend (vgl. Klönne, 1990, S. 66). Gegenüber diesen, bis weit in das 20. Jahrhundert hineinreichenden, bedrückenden Lebensumständen bot die sich entwickelnde Jugendbewegung und ihre Kultur in Deutschland den Mädchen und jungen Frauen ungeahnte Handlungsfelder und Erfahrungsmöglichkeiten. Ein Lebensraum, in dem sie ein Bewußtsein von Jugend als Chance persönlicher Handlungsfreiheit entwickeln konnten (vgl. Klönne, 2000, S. 35). Es ist davon auszugehen, daß besonders in den Untersuchungen aus der jugendbewegten Zeit der Möglichkeit des Umgangs der Geschlechter in der Jugendbewegung eine besonders „revolutionäre“ Bedeutung zukommt, gerade bei den weiblichen Forscherinnen. Die Forscherinnen aus der heutigen Zeit hingegen sollten, ausgehend von den modernen Vorstellungen einer befreiten Sexualität und eines emanzipierten Geschlechterverhältnis (vgl. Andresen, 2003, S. 13), den Umgang der Geschlechter eher kritisch bewerten.
Wie die Mädchen Zugang in diese Bewegung fanden, wie sich die Mädchen innerhalb der Bewegung etablierten, welche Probleme es gab u. a. möchte ich im folgenden schildern.
2.2 Weibliche Jugendbewegung
Erste Aufsätze und Aufrufe zum Mädchenwandern ließen sich nach Ausführungen der jugendbewegten Chronistin Else Frobenius schon im Urwandervogel, d. h. AfS finden (vgl. 1927, S. 66 f). Mehrheitlich wird jedoch auch in den aktuelleren Studien (vgl. u. a. Andresen, 2003, S. 119, Schade, 1996, S. 36) bestätigt, daß das Mädchenwandern bzw. die weibliche Jugendbewegung mit der Begründung des „Bund der Wanderschwestern“27 1905 durch Marie Luise Becker begann – der Frau von Wolfgang Kirchbach, einem Gründungsmitglied der Wandervogelbewegung. Becker äußerte sich zu diesem Ereignis in einer Wandervogelzeitschrift wie folgt (Becker in Köhler, 1987d, S. 268):
Er (Bund der Wanderschwestern, C.K.) hat sich also (…) nun am 14. Juni d. J. gegründet und hofft, daß viele der Schwestern unserer Wandervögel daran teilnehmen und ebenso wie die Gymnasiasten auf frohen Wanderfahrten ihr Heimatland kennenlernen.
Deutlich wird an dieser Ausführung, daß es zunächst in erster Linie die Schwestern der Jungen im Wandervogel waren, die sich jener Bewegung anschlossen und im Laufe der Zeit damit begannen, eigene Wandergruppen zu begründen (vgl. Musial, 1985, S. 16). Ähnlich wie die Jungen stammten die Mädchen mehrheitlich aus dem Bildungsbürgertum, dem oberen Mittelstand (vgl. Andresen, 2003, S. 118), und wurden von ihren Eltern dabei unterstützt, am Wandervogelleben teilzuhaben. Allerdings war der Hintergrund hier der „deutschtümelnde Gesundheitsdiskurs“: „Der Wandervogel will dazu helfen, ein an Körper, Geist und Wille starkes und gesundes deutsches Geschlecht heranzubilden“ (Verband Deutscher Wandervögel, 1914 in Klönne, 2000, S. 150). In diesem Kontext entwickelte sich in der Jugendbewegung dann auch eine Körperkultur (ähnlich wie im Ausland), die sich neben den üblichen Wanderungen in Betätigungen wie Gymnastik, Tanz mit entsprechender Kleidung ausdrückte.28 Weitere Versuche für das Mädchenwandern wurden später in der Ortsgruppe Jena angestrengt. Auf der Bundeshauptversammlung des AWVs stellte sie einen Antrag, mit dem sie für die Ausdehnung des Begriffs „der Jugend auch auf das weibliche Geschlecht“ eintrat sowie für das Volksschulwandern und das Verbot von Alkohol (auf Fahrten) (vgl. Ahrens/Copalle, 1954, S. 33). Dieser wurde von allen Ortsgruppen des AWVs abgelehnt, weil sie:
(…) nicht überzeugt (waren, C.K.) von dem gleichen Wert und der gleichen Art der Geschlechter innerhalb des Wandervogels (und um, C.K.) eine ungesunde Entstellung des Wandervogelstils (fürchteten, C.K.), der in erster Linie Selbsthilfe der Jungen (gewesen sei, C.K.). (Frobenius, 1927, S. 67 f)
Ebendies führte im selben Jahr zur Neugründung des Wandervogel Deutscher Bund (kurz DB) durch Hans Breuer 1907, der auch weibliche Mitglieder aufnahm (vgl. Schade, 1996, S. 38). Mit Hans Breuer begann ein weiterer wichtiger Abschnitt in der Geschichte der weiblichen Jugendbewegung, welcher Meinung auch andere Forscher und Forscherinnen sind (vgl. u. a. Andresen, 2003, S. 121, Frobenius, 1927, S. 66 ff). In seinem richtungsweisenden Artikel von 1911, dem „Teegespräch“, umriß jener, in welcher Weise mit der Frage des Mädchenwanderns umzugehen sei. Die Grundaussagen in seinen dortigen Ausführungen sind, daß auch für die Mädchen das Wandern „nach jeder Richtung hin allgemein förderlich“ ist, nicht aber mit den Jungen gemischt, denn die Gefahren des Zusammenwanderns sind für ihn offensichtlich: Die Mädchen würden dadurch „verbengeln und verwildern“, die „Buben verweichlichen“. Damit stellte sich die Frage des Mädchenwanderns zu dieser Zeit eher als eine Frage des Gemischtwanderns bzw. der Geschlechter. Breuer war es auch, der weitere Ansätze für das Mädchenwandern, d. h. „die rechte Praxis und das rechte Maß für dessen Wert und Art“ (1911 in Ziemer/Wolf, 1961, S. 232) gab. Eine zentrale Rolle spielte dabei die „Führerfrage“: Mädchengruppen sollten unter männlicher Führung wandern. Von jungen Lehrerinnen, so fürchtete er, würde „ein klösterlich-tantenhafter Beigeschmack in das Wanderleben“ kommen. Die Forderungen Breuers wurden bestimmt von den gängigen Vorstellungen von Weiblichkeit in der damaligen bürgerlichen Gesellschaft – zum einen „Verzicht auf Distanzmärsche“, zum anderen Aufenthalte im „Landheim“ (ebd.)29:
Da lernen sie (die Mädchen, C.K.) ein Haus, ein Heim gemütlich zu machen, seine Mauern mit schöner Harmonie und Lebensfreude zu füllen, sie lernen Häuslichkeit, Verträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und haben auch auf täglichen Streifzügen (…) die Vorteile des Wanderns nach ihrer Art. (ebd., S. 233)
Um überhaupt in jener Bewegung weiter bestehen zu können, benötigten die Mädchengruppen die Anerkennung der Jungengruppen, was zu Beginn Anpassungen an deren Vorgaben forderte und auch zu Nachahmung des männlichen Verhaltens führte (vgl. Klönne, 2000, S. 248).
Im Laufe der Zeit bildeten sich immer mehr weibliche Wandergruppen. Die an vielen Orten entstandenen Mädchengruppen waren verschiedenen Wandervogelbünden (Wandervogel Deutscher Bund, 1907, Steglitzer Wandervogel e. V., 1910, AWV 1910) angeschlossen. Von 1911 an suchten die Mädchen Anschluß an den Jung-Wandervogel (eine Abspaltung des AWVs, der keine Erwachsenen bzw. Lehrer als Führer duldete). Bis 1912 bildeten sich in jener Vereinigung allein 12 Mädchengruppen und ein eigener Mädchenbund (vgl. u. a. Klönne, 1996, S. 255).30 Auch im 1912/13 entstandenen Einigungsbund, dem Wandervogel, Bund für deutsches Jugendwandern e. V., wurden, wie überall, zumeist in den Ortsgruppen eigene Mädchen- und Jungengruppen begründet, was aber nicht die Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit, sprich Gemischtwandern, beinhaltete (vgl. Musial, 1985, S. 19). In jenen Gruppen entwickelten sie einen eigenen Stil (vgl. ebd.), der sich schon etwas von den Jungengruppen unterschied. So zum Beispiel in ihrer äußerlichen Erscheinung bzw. Bekleidung – dazu gehörten u. a. Faltenröcke und Kittelblusen, bis hin zum Inselkleid (vgl. 6.2). Zum einen hob sich diese Kleidung von den konventionellen Kleidervorschriften ab (Verzicht auf Korsettkleid), zum anderen war sie zum Wandern geeignet und hübsch anzusehen (vgl. Behm, 1989, S. 84). Im wesentlichen gestaltete sich die Art des Wanderns ganz anders als die der Jungen, wie der Wandervogel Fritz Klusmann beschreibt:
Auf Mädchenfahrten geht es anders her. Das weibliche Gemüt ist empfänglicher für ein beschauliches Wandern. Man läuft nicht so weit, aber man wandert mit mehr Tiefe (…). Landschaftliche Stimmungen, Sonnenuntergänge und vieles andere wofür die Buben nicht die Auffassung haben, gestalten das Mädchenwandern so unendlich reich und schön. Dann das Tanzen, die Freude am Vorlesen (…). Stets wird man bemerken, wie die Mädchen, (…), anders wandern und singen. (in Behm, 1989, S. 81)
Mit dieser persönlichen „Note“ lieferten die Mädchen und Frauen nach Frobenius auch einen „Beitrag“ zum Phänomen der deutschen Jugendbewegung:
Die Mädels haben wesentlich zur Entwicklung des neuen Lebensstils, von Gesang und Tanz, Wandervogeltracht, Landheim und Stadtnest beigetragen. Durch ihren Eintritt in die Bewegung konnte die Wandervogelkultur sich über das Vagantentum der ersten Jahre zu einer deutschen Kulturerscheinung ausbauen. (1927, S. 74)
Mit der Zunahme der weiblichen Mitglieder in der deutschen Jugendbewegung – von 500 Wanderschwestern im Jahre 1910 auf 2300 Mitglieder weiblichen Geschlechts Ende 1911 (vgl. Müller, J., 1971, S. 312) – wurde es notwendig, den Umgang der Geschlechter miteinander zu regeln. Dabei griff man auf das bereits in der Einleitung angesprochene Ideal der Kameradschaft zurück, das man aus dem 19. Jh. übernahm und speziell für die Jugendphase zuschnitt: „Kameradschaft als zeitlich begrenztes, auf Jugend bezogenes Konstrukt bei gleichzeitiger Ausklammerung von Sexualität“ (Reese, 1991, S. 9).31 Die besondere Bedeutung jener Kameradschaft, mit dem das Weiblichkeitsbild der Kameradin einherging, war jedoch nicht deren inhaltliche Gestaltung. Diese erfuhr, wie gleich noch deutlich wird, angesichts des Wandels in den Bünden unterschiedliche Interpretationen (vgl. Klönne, 2000, S. 225 ff): Es war „die grundsätzliche Zurechnung der Mädchen zur Jugend“ (Reese, 1991, S. 7), die nach Aussagen von Busse-Wilson für die Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung zum ersten Male die Möglichkeit einer wahren „Gleichberechtigung“ (1919, S. 328) bot und für Reese erstmals die Möglichkeit der Individualität für die Mädchen darstellte (vgl. 1991, S. 8). Denn in der Konstruktion von Jugend ging man von einer formalen Gleichheit aller Menschenleben (inkl. der Geschlechter) aus (vgl. ebd.), und die junge Frau oder das Mädchen wurde entgegen der „bürgerlichen Sexualmoral“ nicht mehr als „Gattungswesen“ (Busse-Wilson, 1919, S. 328) betrachtet. Eine genauere Schilderung dieser gemischtgeschlechtlichen Unternehmungen liefert Luise Becker in einem leider undatierten Schreiben, veröffentlicht in Köhler (1987d, S. 269):
Einige gemeinsame Touren mit dem brüderlichen Alt-Wandervogel haben ein heiteres, frohes Zusammensein ohne Flirt und Koketterie, einen echten freundschaftlichen Verkehr der Knaben und Mädchen (…) ergeben (…).
Ab 1913 ging der Wandervogel in eine neue Phase der Jugendbewegung über, die vornehmlich durch die Freideutsche Jugend32 geprägt war. Sie umfaßte 13 jugendbewegte Vereinigungen, die sich im Rahmen des berühmten Treffens auf dem Hohen Meißner 1913 zusammengeschlossen hatten. Die hier vorliegende „Meißner-Formel“, auf die sich die verschiedenen bis zu dieser Zeit gegründeten Jugendgruppen einigten (Wandervögel, Akademische Freischar, etc.), brachte aber kein Programm, sondern eher ein Lebensgefühl zum Ausdruck:
Die freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. (Zit. nach Flitner/Kudritzki, 1961, S. 277 f)
Die Freideutsche Jugend zeichnete sich durch ein liberales und offenes Gedankengut aus. Sie übte praktische Kritik an den bürgerlichen Verhältnissen und Konventionen, u. a. auch an den Beziehungen der Geschlechter (vgl. Klönne, 2000, S. 93). Das führte dazu, daß, trotz der Tatsache, daß ein Teil der nun älter gewordenen Wandervögel eindeutig erotische Beziehungen zueinander pflegte, die asexuelle Kameradschaft in dieser Phase weiterhin als Konzept bzw. Ideal für den Umgang der Geschlechter erhalten blieb (vgl. Musial, 1982, S. 156).
Wie Bias-Engels meint, hätten die folgenden Worte aus der Meißnerformel: „aus eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung mit innerer Wahrhaftigkeit“ ihr Leben zu gestalten, die Mädchen im Wandervogel zur Zeit der Freideutschen Jugend angesprochen und 1914 zur Begründung des ersten selbständigen Mädchenbundes, Deutscher Mädchen Wanderbund, in Hattingen geführt (vgl. 1985, S. 111 f). Dort entstanden innerhalb von fünf Jahren 53 Ortsgruppen (vgl. Musial, 1985, S. 28). Inhaltlich ging es den Begründerinnen darum „(…) etwas Neues, Eigenes zu schaffen, einen Bund, in dem die weibliche Eigenart zum Wachsen und Ausreifen kommen kann“ (Bias-Engels, 1985, S. 110). Dabei wollte man durch das Wandern und Leben im Bund eher auf die zukünftige Mutterrolle vorbereiten, als eine Unterstützung und Verbesserung für die Stellung der häufig berufstätigen Mitgliederinnen zu liefern (vgl. ebd.). Daneben entwickelten sich zu jener Zeit auch die ersten Siedlungen der Jugendbewegung, von denen zwei auch von und für Frauen begründet wurden: 1919 Loheland, Schule für Gymnastik, Landbau und Handwerk und später (1923/24) die Frauen- (Berufs-) und Bildungsstätte Schwarzerden (vgl. ebd., S. 118 f). Mit diesen Siedlungsbegründungen gingen auch die Anfänge der ersten Gymnastikschulen einher, und damit der Ausbau der Gymnastikbewegung innerhalb der Jugendbewegung (vgl. Korn, 1963; S. 102). In dieser Zeit erreichte auch die Nacktkultur eine große Popularität in der Jugendbewegung.33
Veränderungen im Allgemeinen und in Bezug auf die Frauen ergaben sich zunächst durch das Zuströmen von Jugendlichen aus breiteren Bevölkerungsschichten in die bürgerliche Jugendbewegung – u. a. die vor dem ersten Weltkrieg entstandenen Pfadfinder- (1909) und Arbeiterjugendgruppen (1903/4)34 (vgl. Giesecke, 1981, S. 38) – und den damit verbundenen Neugründungen von Bünden (vgl. Klönne, 1996, S. 261). Nur kurze Zeit später war es der Erste Weltkrieg (1914 - 1918), der wesentliche Veränderungen bewirkte. Die Begeisterungsfähigkeit der Wandervögel und Freideutschen wurde mit Kriegsausbruch 1914 in patriotische Bahnen gelenkt, was zur Folge hatte, daß sich Tausende der jungen Männer freiwillig an die Front meldeten (vgl. Klönne, 1990, S. 109). Bedingt durch die Verluste der Wandergruppenführer im Kriege „fiel den Mädchen eine große Aufgabe zu: Die Gruppen weiterzuführen“ (Mann in: „Frauengeschichten in der Jugendbewegung“, 1985, S. 166), wodurch sie auch führende Rollen in den Bünden übernahmen. Gestärkt durch allgemeine gesetzliche Veränderungen, wie zum Beispiel das Wahlrecht für Frauen, setzte auch eine Veränderung im Gesicht der Jugendbewegung ein. So wurde die soziale Arbeit zum neuen Schwerpunkt, und infolge der Kriegserfahrungen entstand eine Art Kriegsfürsorge (vgl. Musial, 1985, S. 20).
Geprägt von den Kriegserfahrungen und den sozialen und politischen Krisen in den zwanziger Jahren35, wandten sich die Jungen und jungen Männer in den verschiedenen Bünden von der „individualisierenden und romantischen Vielfalt des Vorkriegswandervogels ab, hin zum soldatisch-heroischen Männlichkeitsbild“ (Klönne, 1996, S. 262). Damit ging die Zeit des Wandervogels und der Freideutschen Jugend (1920/23)36 in die Phase der Bündischen Jugend über – die Zeit der Bünde bzw. „Orden“ begann. Diese waren straffer organisiert als die früheren Wandervogelgruppen und versuchten, bestimmte Werte bzw. Aufgaben für sich verbindlich zu machen. Disziplin statt Freiheit, Bindung statt Autonomie, Dienst an Volk und Staat (vgl. ebd., S. 266) und „Erneuerung des Volkes“ (Fischer, 1933, S. 238) hieß die neue Tendenz. In den Leitvorstellungen der Bünde, geprägt von der Rückbesinnung der Jugend auf die vorbürgerliche Gesellschaftsutopie der „Volksgemeinschaft“ (Frobenius, 1927, S. 280) bzw. Gemeinschaft der edlen Ritter37, die sich unbeirrbar und treu einer Aufgabe (Dienst am Orden, Volk oder Staat) verschrieben hatten, und von einer Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen (vgl. ebd., S. 279), bestand kaum noch Platz für die Mädchen (vgl. Giesecke, 1981, S. 104). Es dominierten nun die mädchenfreien Jungenbünde.
Hinzu kam die enorme Rezeption der Schriften Blühers (vgl. 3.1) in der Jugendbewegung, die den Männerheld und die Männerbünde sowie die Geschlechterpolarität stark betonten. In Blühers Schriften werden die weiblich Jugendbewegten als unzählige Gefahren für die männlich Jugendbewegten gedeutet. Von nun an sollten sich die Jugendlichen in geschlechtsspezifischen Gruppen nach ihren natürlichen „Eigenarten“ entfalten, wobei die Jungen und Männer in den Bünden sich zum Kämpfer und Helden, die Frau bzw. Mädchen indes zur Mutter und Dienerin entwickeln sollten (vgl. Andresen, 2003, S. 128,132) – zu „ihrer weiblichen Art und Berufung“ (Lütkens, 1925, S. 175). Die Richtung für die weibliche Jugendbewegung war nun deutlich vorgegeben: In den meisten Bünden der Jugendbewegung war nun die Trennung von den Mädchengruppen angesagt, sprich Geschlechtertrennung. Und das obwohl der Anteil der Mädchen und Frauen in der bürgerlichen Jugendbewegung inzwischen auf ca. ein reichliches Drittel der Gesamtzahl (ca. 9000 - 10 000)38 gestiegen war (vgl. Klönne, 1996, S. 262). Den Anfang machte der AWV im Jahre 1920, der die Mädchen in Abwesenheit ihrer Führerinnen auf ihrem Bundestag in Bad Sachsa, der deshalb auch als „Sachsa“ Vorfall bekannt wurde (vgl. Mancke/Wolf, 1961), ausschloß. Andere folgten.39 Im Zuge dieser ideologischen Veränderungen der Bünde nahm auch der Begriffsinhalt der Kameradschaft eine Wandlung vor. In der Bündischen Zeit bezeichnete er das sachlich orientierte Miteinander in gleichgeschlechtlichen Gruppen sowie der getrennten Gruppen untereinander (vgl. Musial, 1982, S. 156, vgl. 3.2), was bis zum Ende der historischen Jugendbewegung (1933) Bestand hatte.
Danach versuchten jene Mädchengruppen weiter zu existieren. So gab es von 1920 an z. B. den Altwandervogel-Mädchenbund, daneben den Jungwandervogel-Mädchenbund, den Wandervogel-Mädchenbund, um nur einige zu nennen (vgl. Musial, 1985, S. 23 ff). Diese Situation änderte sich mit der eher liberalen Deutschen Freischar, einem Zusammenschluß der Mehrheit der Wandervogel-Jungenbünde und Pfadfinderbünde 1926/1927, in dem Mädchengruppen offiziell wieder aufgenommen wurden bzw. dort eintraten (vgl. ebd., S. 134). Dort erfolgte jedoch bald ein Führungswechsel: Der deutschnationale Vizeadmiral a. D. von Trotha herrschte patriarchalisch über die Freischar und ihre Mädchen. Dabei bestand sein politisches Interesse, wie auch das anderer, darin, Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung mit ihrer Mutterrolle in den Dienst des Volkes zu stellen (vgl. Andresen, 2003, S. 134 f). Ähnlich verstanden es auch die nationalen und politischen Frauengruppen – der Hagalbund e. V., Bund deutscher Mädchen und Frauen (1923), der Jungnationale Bund (vgl. 3.2), die Jungdeutsche Schwesternschaft innerhalb des Jungdeutschen Ordens und Neuland40 – als ihre Aufgabe, sich zum Dienst am Volk, der Familie, dem Beruf usw. zu verpflichten (vgl. Musial, 1985, S. 32 f).
Das Ende der Jugendbewegung sieht man im allgemeinen in der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. Diese lösten die Bündische Jugend auf, verhängten ein Verbot über sie und ersetzten sie durch die „Hitlerjugend“ (kurz: HJ) für die Mädchen des „Bund Deutscher Mädchen“ (kurz: BDM), (Klönne, A., 1987, S. 209). Bis zu jenen Zeitpunkt (1933) umfaßte die Bündische Jugend einschließlich der Pfadfinderorganisationen rund 60 000 Jungen und 17 000 Mädchen (vgl. Fischer, 1933, S. 234).41
II. Mädchen und Frauen in der deutschen Jugendbewegung im Spiegel der historischen Forschung
3. Untersuchungen zur weiblichen Jugendbewegung zur Zeit der deutschen Jugendbewegung
Nachdem ich mich in den ersten beiden Kapiteln zunächst einführend mit der Entstehung des Phänomens der Jugendbewegung in Deutschland und der Teilhabe der Mädchen und Frauen an diesem befaßt habe, möchte ich mich nun dem eigentlichen Schwerpunkt der Arbeit widmen, nämlich der Analyse der Darstellung der Mädchen und Frauen innerhalb der deutschen Jugendbewegung in der historischen Forschung.
Schon zur Zeit der historischen Jugendbewegung (1900 - 1933) befaßten sich zumeist selbst jugendbewegte Autoren und Forscher mit der deutschen Jugendbewegung und ihren weiblichen Mitgliedern aus einer historischen Perspektive. Für jene Untersuchungen bedarf es vom Leser zumeist der Kenntnis um die konkreten Entstehungsbedingungen jener Bewegung sowie grundlegender Ereignisse jener Zeit, da sie auf den subjektiven Erfahrungen jener Forscher und Autoren beruhen und häufig nur bestimmte Komplexe (Phasen, Gruppierungen, Menschenbild) und Typisches untersuchen. Logischerweise konnten sie aber noch nicht die unarchivierten Primärquellen (Zeitschriften, usw.) auswerten, weshalb nur ein „fragmentarisches Bild der Bewegung“ (Müller, J., 1971, S. 8) entstand. Die erste Studie, die es an dieser Stelle zu nennen gilt, ist auch das erste Buch zur Geschichte des Wandervogels und der Jugendbewegung: „Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung“, erschienen 1912. Der Forscher Hans Blüher gehörte zu den ersten Wandervögeln, und seine Studie mag diejenige gewesen sein, die aus heutiger Sicht, wie z. B. bei Klönne, in der Jugendbewegung am weitesten verbreitet war (vgl. 2000, S. 19). Deshalb wird es in diesem Kapitel einen besonderen Stellenwert einnehmen. Daneben erschienen auch einige Untersuchungen, die sich direkt bzw. indirekt mit der weiblichen Jugendbewegung befaßt haben. Direkt beschäftigen sich Elisabeth Busse-Wilson (1919) „Liebe und Kameradschaft“ und (1920) „Die Frau und die Jugendbewegung“, Josepha Fischer (1933) „Die Mädchen in den deutschen Jugendverbänden“ sowie Lisbeth Franzen-Hellersberger (1927) „Die Frau und die Jugendbewegung“ mit der weiblichen Jugendbewegung, die von Benninghaus in den Forschungsbereich der Frauengeschichte42 eingeordnet werden (vgl. 1999, S. 12 f). Indirekt befassen sich einige Historiographien mit der Jugendbewegung: Else Frobenius „Mit uns zieht die neue Zeit. Eine Geschichte der deutschen Jugendbewegung“ (1927), Viktor Engelhardt „Die deutsche Jugendbewegung als kulturhistorisches Phänomen“ (1923), Curt Bondy „Die proletarische Jugendbewegung“ (1922), die soziologische Betrachtung von Charlotte Lütkens „Die deutsche Jugendbewegung. Ein soziologischer Versuch“ (1925), aber auch Untersuchungen zur Geschlechterfrage, wie von Max Hodann „Bub und Mädel“ (1929), und Diskussionsbeiträge aus der Frauenbewegung, wie u. a. von Stefanie Behm-Cierpka „Frauenbewegung und Jugendbewegung“ (1926),43 die in diesem Kapitel beleuchtet werden sollen.44
Wie erwartet befassen sich die zur jugendbewegten Zeit entstandenen Studien, zumeist von selbst noch jugendbewegten Wissenschaftlern und Historiographen (Blüher, Fischer oder Frobenius) verfaßt, recht kurz mit der jugendbewegten Frauengeschichte45 und äußern sich wenig zu ihren Aktivitäten. Stattdessen beschränken sich diese Untersuchungen vorwiegend auf eine männerbündische, d. h. männlich dominierte Sichtweise, nachdem die sogenannte „Mädelfrage“ (Fischer, 1933, S. 239) den „Gegenstand streitbarer Erörterungen bildete“ (Frobenius, 1927, S. 66). Dies wird sich vor allem in der Analyse der Studien zu den Mädchen und Frauen in der Jugendbewegung während der Bündischen Jugend zeigen, was sich beim Durchleuchten der Forschungsliteratur als ein Schwerpunkt jener Rezeptionsphase herauskristallisierte. Zeitlich gesehen davor dominierten in der historischen Forschung zur weiblichen Jugendbewegung die männerbündischen und antifeministischen Theorien und Schriften Hans Blühers, sowie die unterschiedlichen Reaktionen dazu, zum einen zustimmend (u. a. Engelhardt, Bondy), zum anderen kritisierend (u. a. Busse-Wilson). Es gilt zunächst, hierauf einzugehen, da die Blüher’schen Theorien und Diskussionen großen Einfluß auf die wissenschaftliche Betrachtungsweise der Weiblichkeitsbilder, des Geschlechterverhältnisses und auch auf die weiblichen Jugendbewegten selbst hatten (vgl. 2.2). In diesem Abschnitt findet sich auch eine der wenigen Ausnahmen in der „jugendbewegten“ Rezeptionsphase: Die Wissenschaftlerin Busse-Wilson, die die Teilhabe der Mädchen und Frauen an der deutschen Jugendbewegung und das damit verbundene Ausbrechen von Mädchen und jungen Frauen aus den Konventionen bürgerlichen Familienbindungen nicht aus einer männerbündischen Sicht als Streitfrage, sondern als den „stärksten Bruch mit der bürgerlichen Auffassung“ (1919, S. 327) versteht.
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