Kitabı oku: «Supervision reflektieren»
Die Reihe »Beratung, Coaching, Supervision«
Die Bücher der petrolfarbenen Reihe Beratung, Coaching, Supervision haben etwas gemeinsam: Sie beschreiben das weite Feld des »Counselling«. Sie fokussieren zwar unterschiedliche Kontexte – lebensweltliche wie arbeitsweltliche –, deren Trennung uns aber z. B. bei dem Begriff »Work-Life-Balance« schon irritieren muss. Es gibt gemeinsame Haltungen, Prinzipien und Grundlagen, Theorien und Modelle, ähnliche Interventionen und Methoden – und eben unterschiedliche Kontexte, Aufträge und Ziele. Der Sinn dieser Reihe besteht darin, innovative bis irritierende Schriften zu veröffentlichen: neue oder vertiefende Modelle von – teils internationalen – erfahrenen Autoren, aber auch von Erstautoren.
In den Kontexten von Beratung, Coaching und auch Supervision hat sich der systemische Ansatz inzwischen durchgesetzt. Drei Viertel der Weiterbildungen haben eine systemische Orientierung. Zum Dogma darf der Ansatz nicht werden. Die Reihe verfolgt deshalb eine systemisch-integrative Profilierung von Beratung, Coaching und Supervision: Humanistische Grundhaltungen (z. B. eine klare Werte-, Gefühls- und Beziehungsorientierung), analytisch-tiefenpsychologisches Verstehen (das z. B. der Bedeutung unserer Kindheit sowie der Bewusstheit von Übertragungen und Gegenübertragungen im Hier und Jetzt Rechnung trägt) wie auch die »dritte Welle« des verhaltenstherapeutischen Konzeptes (mit Stichworten wie Achtsamkeit, Akzeptanz, Metakognition und Schemata) sollen in den systemischen Ansatz integriert werden.
Wenn Counselling in der Gesellschaft etabliert werden soll, bedarf es dreierlei: der Emanzipierung von Therapie(-Schulen), der Beschreibung von konkreten Kompetenzen der Profession und der Erarbeitung von Qualitätsstandards. Psychosoziale Beratung muss in das Gesundheits- und Bildungssystem integriert werden. Vom Arbeitgeber finanziertes Coaching muss ebenso wie Team- und Fallsupervisionen zum Arbeitnehmerrecht werden (wie Urlaub und Krankengeld). Das ist die Vision – und die politische Seite dieser Reihe.
Wie Counselling die Zufriedenheit vergrößern kann, das steht in diesen Büchern; das heißt, die Bücher werden praxistauglich und praxisrelevant sein. Im Sinne der systemischen Grundhaltung des Nicht-Wissens bzw. des Nicht-Besserwissens sind sie nur zum Teil »Beratungsratgeber«. Sie sind hilfreich für die Selbstreflexion, und sie helfen Beratern, Coachs und Supervisoren dabei, hilfreich zu sein. Und nicht zuletzt laden sie alle Counsellors zum Dialog und zum Experimentieren ein.
Dr. Dirk Rohr
Herausgeber der Reihe »Beratung, Coaching, Supervision«
In Erinnerung an Stephan Baerwolff und Hans Schindler
»Wie gerne würde ich mir als Fremder einmal zuhören, ohne mich zu erkennen, und später erst erfahren, dass ich es war.« Elias Canetti
Uwe Michalak
Christiane Lüschen-Heimer
Supervision reflektieren
2021

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Tom Levold (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
Jakob R. Schneider (München)
Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)
Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)
Dr. Therese Steiner (Embrach)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg)
Karsten Trebesch (Berlin)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Themenreihe »Beratung, Coaching, Supervision«
hrsg. von Dirk Rohr
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann
Umschlagfoto: © Richard Fischer, www.richardfischer.org
Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten
Illustrationen: Hannah Eller
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2021
ISBN 978-3-8497-0355-4 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8247-4 (ePUB)
© 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag
und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg
Alle Rechte vorbehalten
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Carl-Auer Verlag GmbH
Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg
Tel. +49 6221 6438-0 • Fax + 49 6221 6438-22
Inhalt
Vorwort
1Einleitung
1.1Vorüberlegungen zu Reflexivität und Reflexion
Reflexivität
Reflexion
Reflexionsebenen
1.2Weshalb sich Reflexion und Reflexivität lohnen
Reflexivität fördert die eigene Professionalisierung
Weitere nützliche Effekte von Reflexion und Reflexivität
21 plus 5 Aspekte für eine konstruktive (Selbst-)Reflexion
2.1Selbstreflexion
Realisierung des Fokus Selbstreflexion
Grundsätze der Reflexion im Hinblick auf Selbstreflexion
Durchführung einer Selbstreflexion
2.2Haltung und Rolle
Realisierung des Fokus Haltung
Realisierung des Fokus Rolle
Grundsätze der Reflexion im Hinblick auf Haltung
Grundsätze der Reflexion im Hinblick auf Rolle
Durchführung einer Reflexion zu Haltung und Rolle
2.3Supervisionskonzept
Realisierung des Fokus Supervisionskonzept
Grundsätze der Reflexion im Hinblick auf das Supervisionskonzept
Durchführung einer Reflexion zum Supervisionskonzept
2.4Arbeitsbeziehung
Realisierung des Fokus Arbeitsbeziehung
Grundsätze der Reflexion im Hinblick auf die Arbeitsbeziehung
Durchführung einer Reflexion zur Arbeitsbeziehung
2.5Supervisanden-System
Realisierung des Fokus Supervisandin
Grundsätze der Reflexion im Hinblick auf Supervisanden
Durchführung einer Reflexion zu Supervisanden
2.6Prozessführung
Realisierung des Fokus Prozessführung
Grundsätze der Reflexion im Hinblick auf Prozessführung
Durchführung einer Reflexion zur Prozessführung
3Methoden der Selbstreflexion
3.1Methoden zur Selbstreflexion des Aspekts Selbstreflexion
1) Echte Schatzkiste (verändert nach Friebe 2016, S. 101)
2) Inneres Team als Reflecting Team
3) Bilanzieren
3.2 Methoden zur Selbstreflexion des Aspekts Haltung und Rolle
1) Der Beobachterstuhl
2) Memory der Glaubenssätze
3.3Methoden zur Selbstreflexion des Aspekts Supervisionskonzept
1) Konzeptentwicklung mithilfe der Plausibilitätsbrücke
2) Stellenanzeige
3.4Methoden zur Selbstreflexion des Aspekts Arbeitsbeziehung
1) fünf Mündern sprechen – mit fünf Ohren hören (verändert nach J. Friebe 2016, S. 201)
2) Schicksalsnarration
3.5Methoden zur Selbstreflexion des Aspekts Supervisandin
1) Anliegenorientierung im Supervisionsdreieck
2) Kontextorientierung im Supervisionsdreieck (Teamsupervisionen)
3) Visualisierte Aufstellung
4) Selbst-Tetralemma
3.6Methoden zur Selbstreflexion des Aspekts Prozessführung
1) Dimensionen der Supervision
2) Prozesse malen
4Selbstreflexion in der Praxis
Literatur
Über die Autoren
Vorwort
Zu jeder Profession gehören Instrumente der Professionalisierung. Im Hinblick auf die Qualität der geleisteten Arbeit sind sie unverzichtbar. Nicht alle dieser Instrumente sind jedoch der Beobachtung direkt zugänglich, wie zum Beispiel die Selbstreflexion.
Die Kernkompetenz der Beratung liegt darin, das Medium der Kommunikation zu pflegen – in diesem Falle also das Selbst der Supervisoren.
Für beraterische Kontexte stellt die Supervision die organisierte Selbstreflexion der Beruflichkeit dar. Unter Beruflichkeit verstehen wir die Zusammenführung folgender Aspekte: berufliche Biografie, berufliche Themen, Kontexte und Emotionen sowie Strukturen und Strategien, die mit den Arbeitsbereichen des Menschen und seiner Beschäftigung zusammenhängen. Supervisoren durchlaufen selbst eine stetige professionelle Entwicklung. Sie fungieren als Dienstleister für ihre Klienten und sollten, vergleichbar mit einem Handwerksbetrieb, auf dem aktuellen Stand der Zunft sein. Was gilt in der Supervision als State of the Art der Profession? Methoden und Fragetechniken für das Beratungshandeln lassen sich in Weiterbildungen erlernen und durch Workshops ergänzen. Die Reflexion des Selbst wird allerdings immer eine intime Angelegenheit bleiben.
Im systemischen Verständnis steht die eigene professionelle Haltung im Zentrum. Sie schöpft aus der tiefen Überzeugung, die Autonomie der Supervisanden unbedingt zu respektieren. Die entscheidende Fähigkeit für die supervisorische Tätigkeit besteht darin, eine Metaposition einzunehmen. Sie ermöglicht einen respektvollen, allparteilichen Blick auf die Lebenswelt des Supervisanden und die Kontexte seiner professionellen Welt. Diese Haltung modelliert das Denken und jegliches Handeln. Sie obliegt einer stetigen Veränderung und sollte kontinuierlich überprüft werden. Hierzu dient die Reflexion des Selbst und der supervisorischen Professionalität.
Selbstreflexion als Kompetenz ist nur in der Praxis erfahrbar. Weder das Lernen am Modell noch kognitive Überzeugungen reichen aus, um ihr Potenzial entfalten zu können. Um sich der Anstrengung der Selbstreflexion auszusetzen, braucht es eine tiefe innere Überzeugung und einen sinngebenden Attraktor. Erst die nicht instruierbare Entscheidung, sich mit sich, seinen Bedürfnissen und seinen geliebten wie ungeliebten Anteilen auseinanderzusetzen, eröffnet die Möglichkeit zur Selbstreflexion. In Weiterbildungen und Workshops kann man lediglich die Rahmenbedingungen für eine solche Entscheidung zur Reflexion schaffen. Treffen muss sie jeder Mensch selbst und immer wieder neu, ohne dass es hierfür einer Rechtfertigung bedarf. Unser Buch will zu einer Gestaltung der Rahmenbedingungen einladen und überzeugende Motive für eine Selbstreflexion vorstellen.
Ein professionelles Selbstverständnis auszubilden verstehen wir als fortlaufenden Prozess. Es gehört zum Handwerk der systemischen Supervision, die Selbstreflexion des eigenen Wertesystems, der ethischen Begrenzungen und der praktischen Umsetzung stetig fortzuführen. Selbstreflexion gemahnt auch zur Selbstfürsorge, da der differente Blick Schuldzuschreibungen an sich selbst und andere prüft.
Selbstreflexion ist manchmal ein mühsamer Prozess, sicherlich! Aber welcher Beruf kann schon von sich behaupten, dass quasi als Nebenprodukt eine lebenslange Weiterentwicklung des eigenen Selbst gewonnen wird? Man kann es als impliziten Lohn der Arbeit betrachten, der Idee zu folgen: Erkenne dich selbst.
Reflexionen können auf verschiedenen Wegen stattfinden. Unser Vorgehen verstehen wir als einen möglichen und hilfreichen Weg, supervisorische Prozesse fruchtbar zu bedenken und zu gestalten.
Diese professionelle Reflexion kann beispielsweise im Austausch mit anderen Supervisoren stattfinden. Sie können aus verwandten oder anderen Denkrichtungen stammen. Diese erste Form der kollegialen Beratung wird als Intervision bezeichnet. Der Austausch findet auf einer gleichberechtigten Ebene statt. Die Teilnehmenden sind mit der Tätigkeit der Supervision vertraut und wissen, wovon und worüber sie sprechen.
Die Reflexion supervisorischer Prozesse kann zweitens aber auch als eigene Supervision durch die Begleitung eines Supervisors stattfinden. Der Supervisor ist dann Begleiter der zweiten Ordnung – seine Haltung des Nichtverstehens kann anregend und hilfreich sein.
Die dritte Möglichkeit der Reflexion ist die Selbst-Supervision. Selbstverständlich findet sie auch in den beiden oben genannten Settings ihren Platz. Denn das, was durch äußere Impulse angeregt wird, setzt sich in der eigenen Reflexivität fort und kann wiederum in den Austausch mit anderen einfließen. Selbstreflexion lässt sich auch als eine eigenständige Vorgehensweise verstehen. Wir möchten Sie als Leserin und Leser gerne dazu ermutigen, sie als solche aktiv zu nutzen – nicht zuletzt deshalb, weil sie permanent zur Verfügung steht. Eine Selbstreflexion des supervisorischen Arbeitens kann während, direkt nach oder mit Abstand zu den Beratungsprozessen stattfinden.
Sich selbst in einem eigenständigen Format in seinen eigenen Konstrukten kritisch zu hinterfragen kann vorteilhaft sein, weil man diese besonders gut kennt und sie sich leichter eingestehen kann, wenn sie nicht öffentlich gemacht werden müssen. Gleichzeitig braucht es Mut, genau diese Konfrontation zu leisten, die niemand kontrollieren kann. Wenn Menschen den Mut aufbringen, Konstrukte und Muster zu hinterfragen, um sie möglicherweise zu verändern, führt das zu einer neuen Stufe der Entwicklung, die großzügiger auf das Selbst und damit auch auf andere blicken lässt.
All solche Überlegungen haben uns motiviert, dieses Buch zu schreiben. Es ist aus der Mühe und der Freude geboren, uns der alltäglichen Konfrontation mit uns selbst durch den Blick in den Spiegel des eigenen professionellen Handelns zu stellen. Manchmal entsteht dabei die Frage, warum wir einen Beruf gewählt haben, in dem wir uns immer wieder mit uns selbst auseinandersetzen müssen. Eine Antwort ist die Freude an der Vielfältigkeit im Kontakt mit Menschen und Systemen.
So entstand der Wunsch, etwas zu entwerfen, das die Selbstreflexion etwas leichtgängiger macht. Dementsprechend haben wir Aspekte betrachtet, die für uns in supervisorischen Prozessen von zentraler Bedeutung sind. Auf der theoretischen Ebene setzen wir uns mit dem Inhalt von Reflexivität und Reflexion auseinander. Wir tun dies aus der Überzeugung heraus, dass es hilfreich ist, einen theoretischen Unterbau zu besitzen, bevor man sich in die Handlung begibt.
Die Reflexionsflächen, die wie die Geländer einer Handlung sind, bewegen sich im Metarahmen der Selbstreflexion. Dazu zählen wir die systemische Haltung und Rolle, das eigene Supervisionskonzept, die Arbeitsbeziehung, das Supervisanden-System und die Prozessführung in der Supervision. Wir orientieren uns an Zielen und Grundsätzen, in denen Leitgedanken der Reflexion entwickelt werden. Methodenvorschläge zur Selbstreflexion sollen eine Griffigkeit in der Anwendung erzeugen. Die Beschreibung einer durchgeführten Selbstreflexion rundet die Übertragung in die Praxis ab.
Wir hoffen, dass sich mit der Zeit eine Gender-Schreibweise finden wird, die die Lesbarkeit und den Lesefluss nicht beeinträchtigt. In diesem Buch haben wir uns dafür entschieden, die Kapitel von Uwe Michalak in der männlichen Form zu verfassen und die von Christiane Lüschen-Heimer in der weiblichen. Prinzipiell schließen wir uns dem bekannten Hinweis an, dass wir mit jeder Ausdrucksweise alle Geschlechter wertschätzend ansprechen.
Wir danken all den Menschen, die uns in unseren Selbstreflexionen unterstützen, anregen und stupsen: unseren Kolleginnen und Kollegen im Westfälischen Institut für Systemische Therapie und Beratung (WIST), unseren Familien und Freunden. Unser besonderer Dank gilt Hannah Eller, die dieses Buch mit ihren Zeichnungen bereichert, Margarita Engberding, Christoph Heidbreder, Almut Fuest-Bellendorf, Thomas Kamm und Mechthild Bischop für ihre vielfältige Unterstützung sowie dem Team des Carl-Auer Verlags für die konstruktive Zusammenarbeit. Manchmal braucht die Selbstreflexion die Kommunikation ins Außen …
Wir wünschen Ihnen Freude in Ihrer Arbeit und bei der Lektüre unseres Buches!
Uwe Michalak & Christiane Lüschen-Heimer

1Einleitung
1.1 Vorüberlegungen zu Reflexivität und Reflexion

Beim Beratungsformat Supervision handelt es sich um eine Reflexionskommunikation. Dieses Verständnis erfordert, dass wir uns zunächst mit den Begriffen Reflexivität und Reflexion sowie ihrer sprachlichen Herkunft beschäftigen. Das Wort »reflektieren« stammt vom lateinischen Verb »reflectere« für »hinwenden« ab und bedeutet »widerspiegeln«. Schaue ich in einen Spiegel, so erhalte ich einen Außenblick auf mich, der mir ohne die Zuhilfenahme der Reflexionsfläche nicht möglich wäre. Aus dieser Außenperspektive gewinne ich neue Erkenntnisse über mich. Der Blick in den Spiegel liefert gleichzeitig eine Idee darüber, wie Selbstreflexion funktioniert. Auch besteht eine thematische Verwandtschaft mit dem Wort »Reflex«. Das Einüben von Angriffs- und Abwehrtechniken im Karate wird gelegentlich als Konditionierung von Bewegungsabläufen konzipiert. Ein kontinuierliches Training erlaubt dann, Angriffe des Gegenübers reflexhaft zu parieren.
Im Allgemeinen kann man Reflexivität als Kompetenz auffassen, Prozesse in der Supervision bewusst zu steuern. Denn Reflexivität ermöglicht gleichsam ein flexibles Einnehmen von Selbst- und Fremdbeobachtungspositionen. Nach intensiver Übung kann der Supervisor während der Supervision quasi automatisiert auf diese Perspektiven zurückgreifen. Mit Reflexion ist der Vorgang gemeint, Anliegen konstruktiv sowie kritisch zu untersuchen.
Was bedeuten diese Begriffsbestimmungen für die Praxis? Versteht sich der Supervisor als Reflexionsfläche für den Supervisanden, dann wird er dem Supervisanden seine Beobachtungen widerspiegeln. Allerdings müsste man dann im Hinblick auf seine Spiegelbilder von Bildern mit Unschärfen sprechen – und zwar deshalb, weil wir den Supervisor als einen Beobachter betrachten, der das wahrnimmt, was er wahrnimmt. Ein anderer Supervisor hätte in derselben Situation andere Beobachtungen; seine Prozess-Steuerung würde anders verlaufen. In jedem Fall entsprechen diese »Bilder« des Supervisors einer Art »Feedback«, das beim Supervisanden Prozesse der Beschäftigung mit sich selbst anregt.
Der Begriff Reflexion schließt Selbstreflexion ein. Selbstreflexion bezieht sich auf ein Nachdenken über das eigene Selbst. Sie findet in der Regel sowohl beim Supervisor als auch bei seinem Supervisanden statt und ermöglicht beiden eine Professionalisierung. Der Fokus liegt jedoch auf der Selbstreflexion des Supervisanden. Der Supervisand profitiert bei der Bearbeitung seiner Anliegen von der Reflexivität des Supervisors. Denn die Interventionen des Supervisors laden den Supervisanden zur Selbstreflexion ein. Zudem dient der Supervisor dem Supervisanden als Modell dafür, wie sich Szenen analysieren lassen.
»Nachdenken ist die Freiheit, die man im Verhältnis zu dem, was man tut, besitzt; es ist die Bewegung, durch welche man Abstand von sich gewinnt, sich selbst als Objekt konstituiert und über das Ganze dieser Bewegung als Problem nachdenkt« (Foucault, zitiert nach Forster 2014, S. 596).
Das Ereignis, in dem Reflexivität vollzogen wird, ist das der Reflexion. Reflexion beginnt, wenn man den Raum der Innenschau betritt. Hierin kann sich der Supervisand intensiv mit eigenen Handlungsweisen aus seiner Vergangenheit, Gegenwart oder im Hinblick auf seine Zukunft auseinandersetzen. Supervision bedarf der Reflexion im gleichen Maße, wie wir Menschen der Luft zum Atmen bedürfen. Die Reflexion kann sich auf verschiedenen Ebenen abspielen, die oft parallel existieren oder bewusst wie unbewusst im Hintergrund arbeiten. Unter Ebenen verstehen wir beispielsweise die Psychodynamik des Supervisanden, sein Rollenverständnis sowie Strukturen und Prozesse in Organisationen, mit denen er konfrontiert ist. Die Frage, welche Ebene ein Supervisor für die Reflexion fokussiert, hängt u. a. von seinem Handlungskonzept, seiner Praxiserfahrung, seiner psychischen Ausstattung als Person und von der aktuellen Interaktion in der Supervision ab.
Reflexivität
Im Speziellen bezeichnet man als Reflexivität die Fähigkeit, das eigene Handeln als Supervisor multiperspektivisch in den Blick zu nehmen. Damit verbinden wir das Ziel, das eigene professionelle Vorgehen zu verbessern. Weiterhin fassen wir Reflexivität als Bewusstseinsprozess und als Aktivität auf (vgl. Forster 2014, S. 590). Moldaschl (o. J.) definiert Reflexivität als die
»Fähigkeit eines sozialen Systems oder einer Person, sich zu sich selbst zu verhalten, d. h., sich von eigenen Prämissen und Handlungsprogrammen zu dezentrieren, eine kritische Sicht auf sich selbst einzunehmen, den Standpunkt eines anderen einzunehmen, sich durch die Perspektive eines anderen zu betrachten«.
Mit unserem Buch möchten wir Sie als Leser zur Selbstreflexivität anregen. Diese betrachten wir im Folgenden aus einer systemtheoretischen Perspektive. Bei der Selbstreflexivität bezieht sich das psychische System auf sich selbst. Sie lässt sich deshalb als Selbstreferenz verstehen. Psychische Systeme zeichnen sich durch eine spezielle Arbeitsweise aus: In psychischen Systemen schließen Gedanken an Gedanken an. Alle reflexiven Prozesse vollziehen sich in derselben Weise. Wie geht das psychische System dabei vor? Es orientiert sich bei diesen Prozessen an der Differenz zwischen vorher und nachher. Aus diesem Unterschied lassen sich Erkenntnisse gewinnen. Desgleichen erlaubt Reflexivität eine Steuerung von Prozessen durch das psychische System selbst. Hierbei ist zu beachten, dass das psychische System in der Selbstreferenz operativ für sich selbst nicht erreichbar ist, es bleibt für sich unbestimmt (vgl. Luhmann 1987, S. 599 ff.). Diese Grenze in der Selbsterkenntnis stellt gleichzeitig eine Grenze selbstreflexiver Prozesse dar.
In unseren Supervisionsweiterbildungen im WIST Münster 1 zielen wir darauf, die Reflexivität stetig zu fördern und auszubauen. Wir halten es für lohnenswert, diese Kompetenz im Sinne eines lebenslangen Lernens stets weiterzuentwickeln. Wir beleuchten sie nun aus sieben Positionen:
Position 1: Reflexivität erfüllt keinen Selbstzweck nach dem Motto: Solange ich reflexiv bin oder Reflexivität anrege, handele ich supervisionsgemäß. Prinzipiell dient Reflexivität dazu, Klärungsprozesse in Gang zu bringen oder Abläufe zur Zielerreichung zu unterstützen. Eine Kombination beider Zwecke liegt daher nahe. Anders formuliert: Meine Reflexivität als Supervisor ermöglicht eine genaue Untersuchung von Vorgängen während der Supervision – beispielsweise, die Anliegenentwicklung zu untersuchen, Entscheidungen zu finden, das Zusammenspiel von willkürlichen und unwillkürlichen Vorgängen zu betrachten, Handlungen zu initiieren oder Abläufe zu beenden, die für ein Vorhaben nicht mehr zieldienlich sind.
Position 2: Im Verbund mit Ziel- und/oder Klärungsprozessen können wir Reflexivität als Metakompetenz einstufen. Unter Metakompetenz verstehen wir eine Kompetenz, die für diverse Kontexte Gültigkeit hat und zugleich als Bindeglied für Einzelanalysen fungieren kann.
Position 3: Reflexivität erlaubt Betrachtungen in den drei Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Vorstellbar ist, dass ich als Supervisor vergangene Ereignisse zum Gegenstand meiner Überlegungen mache. Ich rufe mir Szenen in Erinnerung, die ich gerne erneut in ihrer Entwicklung oder in ihren Auswirkungen nachzeichnen will. Welche Motive, Absichten oder Anliegen haben mich beispielsweise dazu bewegt, so zu handeln, wie ich in der Supervisions-episode gehandelt habe? Reflexivität lässt sich zusätzlich als Vorschau auf zukünftiges Handeln richten. Wie will ich reagieren, wenn im Team erneut anliegenferne Themen angesprochen werden? Welche Handlungsalternativen stehen mir für meine Reaktion zur Verfügung? Überlege ich während eines laufenden Supervisionsprozesses, wie ich auf die Äußerungen des Supervisanden eingehe, kommt Reflexivität einem Selfmonitoring in der Gegenwart gleich.
Position 4: Reflexivität vollzieht sich stets in Interaktionen. Das sind z. B. innere Dialoge oder Gespräche zwischen zwei und mehreren Personen. Sie ist somit Bedingung wie Treibstoff für rekursive Prozesse. Als Supervisor bin ich zugleich Beobachter wie auch mein eigener Beobachtungsgegenstand: Ich beobachte, wie die Interaktion verläuft und wie ich selbst mit mir und mit dem Supervisanden interagiere. Dass sich diese Sichtweisen vermengen und gegenseitig beeinflussen (siehe oben), ist im Sinne der Rekursivität erwartbar (vgl. Forster 2014, S. 592).
Position 5: Reflexivität stufen wir als notwendige Bedingung dafür ein, Prozesse steuern zu können – beispielsweise, wenn es darum geht, situativ einen konstruktiven Umgang mit Unerwartetem im Gespräch, mit Krisen oder mit Ambivalenzen zu entwickeln. Hierin zeigt sich Reflexivität in ihrer Facette als Bewusstseinsprozess.
Position 6: Reflexivität verstehen wir ebenso als sinnvolle und nützliche Arbeitsweise. Mit ihrer Hilfe kann man a) das eigene supervisorische Vorgehen und dessen Qualität prüfen und bewerten (Monitoring) sowie b) die Reflexivität der Supervisanden beim Erreichen ihrer Supervisionsziele fördern. Denn Reflexivität verstehen wir als bedingende Kompetenz für Lern- und Veränderungsprozesse, die es in einer Supervision zu gestalten gilt.
Position 7: Angesichts diverser Lebensstile und Werthaltungen vermag uns unsere eigene Reflexivität dabei zu unterstützen, uns (begründet) zu verorten. Im Neben- und Miteinander dieser Vielfalt begeben wir uns bewusst an unseren Standpunkt und beziehen Stellung. Reflexivität verhilft uns dazu, verantwortungsbewusst eine moralische Haltung einzunehmen.
In diesen sieben Positionen scheint auf, dass wir Reflexivität als Kompetenz, Arbeitsweise, Bewusstseinsprozess und Beobachtungsvorgang schätzen. Zugleich sind wir mit einer kritischen Perspektive auf die Reflexivität selbst beschäftigt. Denn Studien deuten darauf hin, dass wir uns unsere Erklärungen ad hoc zurechtlegen, wenn wir nach unseren Motiven gefragt werden. Einige Stunden später nennen wir auf dieselbe Frage andere Beweggründe (vgl. Chater 2019, S. 47). Diese Konstruktionsleistungen gehören zur Reflexivität.
Wenn wir reflexiv sind, sprechen wir auch nach innen; wir führen dann einen inneren Dialog. Aufgrund von drei Überlegungen verfolgen wir diesen Dialog mit Humor und Neugierde:
•Wir wissen, dass wir stets nach Erklärungen suchen, um zu verstehen, weshalb wir so handeln, wie wir handeln.
•Wir wissen, dass wir uns mithilfe von zurechtgelegten Gründen Prozesse erklären.
•Wir wissen, dass wir darüber hinaus Plausibilitäten und Sinnhaftigkeit erzeugen.
Die naheliegende Schlussfolgerung, dass wir unsere Welt konstruieren, befreit uns davon, (zeit)intensiv nach dem wahren Motiv zu suchen. Getrost können wir auf unseren Plausibilitäten weiterführende Überlegungen aufbauen, um andere Perspektiven einzunehmen – wohlwissend, dass sie wahrscheinlich nur für eine kurze Strecke Orientierung verleihen. Mit Achtsamkeit für liebgewonnene Deutungsmuster und mit einer Neugier für Quergedanken plädieren wir für eine Offenheit im Hinblick auf die Beweggründe, die wir formulieren. Diese Offenheit kann die Grundlage für eine verantwortungsbewusste und respektvolle Kreativität sein. Die Selbstreflexion kann hiervon profitieren.
Selbstreflexion lohnt sich außerdem, weil sie ein lebenslanges Lernen fördert. Optimalerweise wird sie davon begleitet, dass wir
•Kollegen bei selbstreflexiven Prozessen zuhören,
•Publikationen aus dem Arbeitsfeld Supervision lesen und überdenken,
•den kollegialen Austausch pflegen sowie
•die eigenen selbstreflexiven Themen aktiv in die Kommunikation mit Kollegen einbringen.
Dieses Wechselspiel zwischen Innen- und Außenkommunikation schult die (Selbst-)Reflexivität.
Reflexion
Für die weitere Erkundung des Begriffs Reflexion nehmen wir zunächst in gleicher Weise wie schon bei der Reflexivität eine systemtheoretische Perspektive ein. Reflexion basiert auf der Differenz zwischen System und Umwelt. Das Selbst ist dabei das System und abgegrenzt von seiner Umwelt.
Die Reflexion dient dabei auch der Selbsterkenntnis. Die Selbstbeobachtungen können allerdings nicht mit den Beobachtungen aus der Umwelt abgeglichen werden. Dennoch kann eine Selbststeuerung gelingen, weil sich a) die eigenen Handlungen des psychischen Systems und ihre Effekte auf die Umwelt sowie b) die Rückkoppelungsprozesse auf das System beobachten lassen. Auf diese Weise kann das System seine Selbststeuerung verbessern (vgl. Luhmann 1987, S. 601 ff.).
Praktisch ist an einer Reflexion mindestens eine Person beteiligt. Das Gelingen der Selbstreflexion hängt davon ab, dass diese Person ihre Motive, Bedürfnisse, Ziele oder z. B. auch Ressourcen aus einer zentralen Metaposition anschaut. Beobachtet sie dabei achtsam ihre Gedanken, Gefühle, Handlungsimpulse und unwillkürlichen Regungen, wächst die Chance, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Eigenreflexion vollzieht sich somit in achtsamer Selbstbeobachtung.
Reflexion als Vorgang mit mehreren Beteiligten kann als Zusammenspiel von Eigen- und Fremdbeobachtung angesehen werden. Konfrontiert mit den anderen Beobachtungen und Erfahrungen des Supervisors (als Fremdbeobachtender) kann ein Supervisand diese als Anregung dafür nutzen, eigene, liebgewonnene oder gewohnte Lesarten seiner selbst und der Kommunikationen in seinen sozialen Bezügen zu hinterfragen. Indem er diese Anfragen zulässt, öffnet sich der Raum für die Reflexion. Optimalerweise mündet sie in produktivere Selbstorganisationsprozesse.
Reflexion kann man weiterhin als Forum für eine Neuinterpretation von Interaktionen heranziehen (vgl. Forster 2014, S. 594 f.). Gegenstand von Selbstreflexionen sind (erinnerte) Ereignisse; Ereignisse können z. B. ein innerer Dialog oder eine Interaktionssequenz mit einem Supervisanden sein. Diese können sich beispielsweise auf Verhaltensweisen, Interaktionen, Entscheidungen, Konflikte, Wahrnehmungen, Bewertungsmuster, Erleben, Denkweisen oder Vorgehensweisen beziehen. Für den Gegenstand habe ich als Supervisor bereits eine Interpretation vorgenommen. Wenn ich mich retrospektiv reflektiere, setze ich mithilfe meiner Erinnerungen bei den Interpretationen an, die ich während des Ereignisses genutzt habe. In der Beobachtung zweiter Ordnung habe ich die Chance, Neuinterpretationen zu entwickeln. Diese Chance ist in der Selbstreflexion und im kollegialen Austausch gegeben.
Reflexionsebenen
Peter Homann hat mit Bezug auf den klientenzentrierten Ansatz nach Carl Rogers (1987) drei potenzielle Reflexionsebenen für Beratungsformate elaboriert (s. u.). Wir möchten Homanns Überlegungen um die Ebene der Anliegenentwicklung ergänzen und damit für das systemische Arbeiten nutzbar machen.
Als Supervisor kann ich mich auf die Weltsicht des Supervisanden beziehen und dessen psychische Ausstattung als Person, Bedürfnisse oder Motive in den Blick nehmen und reflektieren (1. Ebene). Zudem vermag ich, den Fokus auf mein Erleben als Supervisor zu richten (2. Ebene): Was erlebe ich, während der Supervisand sich so zeigt und verhält, wie er es aktuell macht? Weiterhin kann ich mir vorstellen, das Supervisionsgeschehen aus einer Vogelperspektive zu betrachten (3. Ebene). Welche Interaktionsmuster kann ich dabei beobachten? Wie sind die Redeanteile verteilt? Wie erkläre ich mir die jeweilige (Ungleich-)Verteilung? Als 4. Ebene schlagen wird die Anliegenentwicklung vor: Als Supervisor kann ich mich fragen, was ich verstanden habe, wie der Supervisand meine Unterstützung anfragt? Oder verfolge ich eigene Anliegen? Habe ich diese transparent kommuniziert? Spielen Anliegen Dritter für das Supervisionsgeschehen eine Rolle?
Reflexion kann sich auf jede dieser vier Ebenen beziehen. Diese zu kennen und zu nutzen erlaubt es uns, in der Supervision mit Multiperspektivität zu arbeiten.

Abb. 1: Reflexionsebenen
1.2 Weshalb sich Reflexion und Reflexivität lohnen
Die reflexive Auseinandersetzung mit dem eigenen professionellen Handeln erfordert die Bereitschaft, sich anzustrengen und Zeit für die Nachbetrachtungen aufzubringen. Im Wissen um diese Anstrengungen könnte die Frage aufkeimen, weshalb es sinnvoll ist, Prozesse zu reflektieren. Auf diese Frage liefern wir verschiedene Antworten:
•Reflexivität fördert die eigene Professionalisierung.
•Reflexion schult die Fähigkeit zur Reflexivität.
•Reflexion erzeugt und sichert die eigene Beratungsqualität.
•Reflexion erlaubt Perspektivwechsel.
•Reflexivität fördert Flexibilität.
•Reflexivität verbessert eine kommunikative Anschlussfähigkeit.
•Reflexivität provoziert Wachstum.
•Reflexivität verweist auf Lösungsansätze.
•Reflexivität ermöglicht eine demutsvolle Haltung.
•Reflexivität regt zum selbstständigen Denken an.
•Reflexivität unterstützt Demokratisierungsprozesse.
Reflexivität fördert die eigene Professionalisierung
Während einer Supervision nehme ich als Supervisor zahlreiche Handlungsimpulse wahr; zugleich treffe ich verschiedene Entscheidungen, um einen Supervisionsprozess zu steuern. Dabei sind stets Ambivalenzen, Unsicherheiten und Ungewissheiten mit im Spiel. Gerade Krisen oder konfliktäre Ereignisse bilden einen häufigen Anlass für Reflexionen. Indem ich die gewählten Interventionen reflektiere, kann ich ihren Nutzen, ihren Respekt und ihre Schönheit bilanzieren (vgl. Ludewig 2015). Das nachträgliche Vergegenwärtigen meiner Interventionen und ihrer Wirkungen für den Supervisionsprozess fördern schrittweise meine Kompetenz, während einer zukünftigen Supervision zwischen verschiedenen Handlungsimpulsen auszuwählen. Die Fähigkeit, sich auf eine reflektierte Erfahrung als implizites Wissen zu beziehen, was meine Interventionen bewirken können und über welches Potenzial für Veränderungsimpulse sie verfügen, werten wir als ein Merkmal der Professionalität.
Professionalisierung beschreibt den Werdegang vom Novizen zum Meister. Die Selbstreflexion kann unter diesen Vorzeichen als Instrument zum Einsatz kommen, die eigene Meisterschaft zu entwickeln und zu fundieren. Völter (2018) spricht von mehreren Etappen bei der Entwicklung auf diesem Weg. Wir schließen uns seiner Sichtweise an und ergänzen sie: Eine persönliche Professionalisierung konzipieren wir als Prozess, die eigene Meisterschaft zu erlangen und sie im Angesicht (berufs-)politischer und sozialer Veränderungen zu erhalten, anzupassen und zu erweitern.
Supervision ist ein etabliertes, anerkanntes und oft in Anspruch genommenes Beratungsformat. Dennoch gilt sie nicht als staatlich anerkannte Profession. Welche Kriterien begründen die Professionalität eines Supervisors? Es liegt nahe, in die Weiterbildungscurricula der Dachverbände zu schauen. Im Falle der systemischen Supervision fällt der Blick auf den entsprechenden Kriterienkatalog der Systemischen Gesellschaft (SG). Professionalität ist demnach stets dann gegeben, wenn ein Supervisor die aufgelisteten theoretischen Kenntnisse und praktischen Fertigkeiten in ausreichender Weise flexibel, kontextangemessen sowie anliegenorientiert anwendet. In meinen Selbstreflexionen kann ich entsprechend thematisieren, wie nützlich ich mit den Anliegen der jeweiligen Supervisanden umgegangen bin und in welcher Weise ich die relevanten sozialen wie beruflichen Kontexte berücksichtigt habe. Die Orientierung am Kriterienkatalog für Supervisionsweiterbildungen stellt einen plausiblen Weg dar, die Professionalität des Supervisors zu begründen. Dieses Vorgehen erscheint uns auf den ersten Blick plausibel.
Dennoch bleiben Fragen. Ein Curriculum verstehen wir als eine geschlossene Liste. Was geschieht, wenn ein Curriculum einmal festgelegt worden ist – wie offen ist es dann für neue Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen? Diese Fragen hängen mit unserem Verständnis zusammen, dass eine stabile Referenz auf geschlossene Listen in Konflikt mit konstruktivistischen Gedanken der systemischen Theorie steht. Aus einer systemischen Perspektive bleibt eine Schließung erfolglos (vgl. Rohr u. Baum 2019, S. 155). Wir plädieren daher für ein offenes Curriculum, das gekürzt, umstrukturiert und ergänzt werden kann. Offene Listen werden jedoch mit der Gefahr assoziiert, beliebig zu sein. Diese Gefahr stufen wir als gering ein, wenn eine systemische Supervisionsweiterbildung als zentralen Aspekt beachtet, a) dass der angehende Supervisor eine systemische Haltung entwickelt und b) dass er Verantwortung für seine Entscheidungen bzw. Interventionen übernimmt, die er gerade im Angesicht von Krisen, Ambivalenz oder Ungewissheit trifft.
Gegenstand einer Reflexion sind Erinnerungsspuren. Man ruft sich Beobachtungen in Erinnerung, die während einer Beratungskommunikation aufgetaucht sind. Manche der Beobachtungen sind eindrücklich und über längere Zeit abrufbar, andere verblassen relativ bald und sind nach einer Weile nicht mehr greifbar. Erinnerungen sind mit Verzerrungen verbunden. Denn unser Bewusstsein neigt dazu, lückenhafte Erinnerungsspuren unauffällig zu stimmigen Narrationen zu glätten. Der Blick zurück unterliegt somit einem Konstruktionsprozess und unterstreicht meine bevorzugten Beobachtungs- und Deutungsmuster. Diese Muster gehören zu meinem impliziten Wissen als Supervisor.
Hierin liegt ein Erkenntniszugang zu meinem Expertenwissen. Das Material der Selbstreflexion bildet so betrachtet vorrangig mein implizites Wissen ab. Es geht aber vielmehr darum, was für ein Bild ich mir vom Supervisanden mache, wenn ich über ihn nachdenke. Zweifel sind angebracht, wenn ich meine, den Supervisanden fassen zu können. In meinen Selbstreflexionen begegne ich mir selbst in meiner professionellen Formation. Komme ich in meinen Selbstreflexionen meinen typischen Beobachtungs- und Deutungsmustern auf die Spur, gewinne ich die Chance, alternative Perspektiven zu entdecken, die mit mehr Wahlmöglichkeiten für den Supervisanden verbunden sein können.
Diesen Aspekt kann ich auch aus einer anderen Warte bedenken: Jede Beobachtung geht mit einer Fokussierung meiner Aufmerksamkeit einher. Bei der Analyse meiner Beobachtungen ist dieses Wissen nützlich. Denn ich kann mir bewusst machen, dass auch andere Aufmerksamkeitslenkungen möglich wären. Im Verlauf eines Supervisionsprozesses kann ich dieses Wissen dazu nutzen, bewusst einen anderen Fokus zu wählen. Der Wechsel kann mich inspirieren, meinem Supervisanden andere Interventionen vorzuschlagen. Meine Selbstbeobachtung, welche Perspektiven ich für die Analyse einer Szene einnehme, vergrößert auf Dauer mein professionelles Handeln.
Zweifelnde Gedanken stammen noch aus einer anderen Ecke: Auch wenn ich auf der Grundlage einer systemischen Haltung mit flexiblen Listen im Sinne meiner Professionalität operiere, tauchen Fragezeichen auf, wenn es um mein Selbst bei der Selbstreflexion geht. Fuchs (2005, 2010b) hat für das Selbst ein eindrückliches Bild gefunden. Er spricht von einer kernlosen Zwiebel (s. Kap. 2.1, S. 29). Wer in mir reflektiert mit wem in mir über meine Professionalität? Wenn keine Letztinstanz angenommen wird: Was würde passieren, wenn sich zwei oder mehrere andere Seiten oder Stimmen in mir miteinander über einen supervisorischen Prozess unterhalten?
Diese Frage kann man als Fall ins Bodenlose verstehen, da je nachdem, welche inneren Seiten an den Binnenkommunikationen beteiligt sind, unterschiedliche Ergebnisse hervorgebracht werden. Nick Chater (2019) beschleunigt mit seinen Gedanken den Fall ins Bodenlose. In einem Interview äußert er, dass unser Geist ausschließlich durch unser unmittelbares bewusstes Erleben geformt wird.
»Wenn mich jemand fragt, warum ich heute Tee statt Kaffee trinke, dann spinnt mir mein Gehirn in diesem Moment eine Antwort zusammen. Meine Erklärung beginnt erst dann zu existieren, wenn ich gefragt werde« (Chater 2019, S. 47).
Und wer weiß dann, welche die richtige Entscheidung ist?
Wir bevorzugen, diese Offenheit als Quelle für neue Ideen, für Multiperspektivität oder für Dekonstruktionen zu nutzen. Denn es geht nicht darum, dass eine Zentralinstanz kontrolliert und entscheidet, um das Wahre oder Richtige zu finden. Ziel ist es vielmehr, Viabilität zu erzeugen, die mit mir zu tun hat. Nick Chater (2019) dazu:
»Unsere Persönlichkeit bekommt Kohärenz, weil jede Interpretation einer Wahrnehmung auf Erinnerungsspuren vergangener Interpretationen basiert. Und jede neue Erfahrung beeinflusst die Interpretation der nächsten. So erschaffen wir eine persönliche Tradition, auf deren Grundlage wir improvisieren.«
Die potenzielle Offenheit während einer Selbstreflexion kann einen Segen darstellen. Reflexivität ist mit der Chance verbunden, die Qualität des eigenen Handelns zu verbessern, da es mit Erkenntnisgewinn verbunden sein kann. Eine laut ausgesprochene Selbstreflexion während einer Supervision – im Sinne eines reflektierenden Teams mit mir selbst – kann für den Supervisanden inspirierend wirken. Als Supervisor kann ich mich beispielsweise auf diese Art und Weise fragen, welche Bedeutung die körperliche Bewegungslosigkeit des Supervisanden haben könnte, während er über seine Wut auf den Chef sprach.
In unserem Buch arbeiten wir bewusst mit einem Spannungsbogen. Wir bieten sechs Aspekte (s. Kap.2) als Reflexionshilfen an, die sich in unserem Arbeitsalltag bewährt haben und die die Professionalisierung fördern. Damit erzeugen wir in gewisser Weise eine geschlossene Liste, da wir explizit keine offene Rubrik in diese Liste eingefügt haben. Stattdessen betonen wir hier wie an anderen Stellen, dass auch andere Vorgehensweisen im Sinne einer Selbstreflexion möglich sind. Der Grund dafür liegt in der Individualität einer Selbstreflexion. Levold spricht im Zusammenhang mit einer professionellen Identität von »personalem Wissen« (vgl. Levold 2016, S. 156).
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