Kitabı oku: «Jesus findet Muslime»
CHRISTIANE RATZ
J E S U S
F I N D E T
MUSLIME
21 schicksalhafte
L e b e n s w e n d e n

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-96140-010-2
© 2017 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia t0 m15
Satz: Brendow Web & Print, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
www.brendow-verlag.de
Für Amos und Priscilla
„Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens.“
Paulus
Der Traum des agè Tuareg
Ich lag und schlief,
dort unter meinem weißen Zelt.
Ich lag auf der rechten Seite,
wo mein Herz schlägt.
Ich sah,
aus dem Süden kam ein Mann zu mir.
Ich wusste es sofort:
Es ist ER,
ganz sicher.
Er trägt ein Schwert,
lang und scharf.
Ich bin des Todes,
ganz sicher.
Ich habe Angst
und springe auf.
Werfe das Leintuch weg,
mein Herz schlägt bis zum Hals.
Hab’ keine Angst!
Ich werde dich nicht töten.
Fürchte dich nicht!
Seine Augen versprechen mir das, ganz sicher.
Ruhig schlägt mein Herz,
er ist mir gut.
So viel ist sicher.
Jesus – ER war hier, bei mir.
Komm wieder!
Du Guter,
Freundlicher!
Besuche mich und sag’ es meinem Herzen:
Fürchte dich nicht,
ganz sicher.
Nach dem Bericht der Jesus-Vision eines alten Tuareg
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Der Traum des agè Tuareg
Einleitung
1 Unerwartet
2 Im falschen Film
3 Auf dem Wasser gehen
4 Pink
5 Wilde Rose – Nesrine
6 Der Ruf
7 Schwarzwaldluft
8 Glücksspiel
9 Schmetterlinge
10 Die bunte Herde
11 Brüllender Löwe
12 Die Begegnung am Schwarzen Fluss
13 The Power of Love
14 Malika – eine Frau in der Wüste
15 Lutte traditionelle – Der Kampf
16 Atem holen
17 Die Perle
18 Der Pilot
19 Überrascht von Freude
20 Tageisha und der Bibelübersetzer
21 Willkommen im Club
Fragen, die bleiben
Danksagungen
Verwendete Bibelübersetzungen
Einleitung
Es ist einige Jahre her, dass ich davon hörte, Jesus erscheine Menschen in der muslimischen Welt in Träumen oder Visionen. Es rührte etwas an in mir, dass sich Jesus offenbar selbst aufmacht, es war eine Mischung aus Staunen, Neugierde und Ungläubigkeit. Sicher, Jesus konnte so etwas tun, aber in meiner Welt kam so etwas nicht vor, warum sollte er es dann in einer anderen tun? Biblische Geschichten gehörten schon immer zu meinem Leben, und ich zweifelte im Grunde nie an der Wahrheit der Bibel, aber vieles von dem passiert heute so auf jeden Fall nicht mehr – dachte ich. Wem in meiner Kirche war schon ein Engel erschienen und hatte laut hörbar mit ihm gesprochen? Welcher Blinde war schon sehend geworden oder welcher Querschnittsgelähmte schon vor meinen Augen aus seinem Rollstuhl aufgestanden? In aufregenden Geschichten oder Berichten hörte ich zwar davon, aber ich war nie hautnah dabei gewesen.
Vor über zwölf Jahren hat Gott begonnen, in meinem Leben eine Geschichte zu schreiben, die mich dazu gebracht hat, den Geschichten anderer Menschen genauer zuzuhören. Ich durfte viele Menschen besuchen und sprechen und sie für Film und Fernsehen begleiten und interviewen.
Heute sehe ich: Jesus geht Tag für Tag über diese Erde, der Heilige Geist ruft Menschen, und Gott schreibt ganz genau dieselben Geschichten, wie sie vor 2000 Jahren für uns in den Schriften der Bibel erhalten wurden.
Muslime galten, soweit es mir bekannt war, als schwer vom Evangelium erreichbar. Ich dachte außerdem, dass Menschen in erster Linie durch Boten von der Guten Nachricht hören. Die Geschichten in diesem Buch zeigen tatsächlich, wie wichtig Botschafter der Guten Nachricht sind. Aber sie zeigen auch, dass Gott sich nicht zu schade ist, direkt Kontakt mit uns aufzunehmen. Gleich welcher Religion jemand bisher angehörte, egal wovon er bislang dachte, dass es „der Weg“ sei.
Beim Bearbeiten der vielen Gespräche sind mir Spuren seines Charakters und seines Handelns aufgefallen. Es stellte sich natürlich immer wieder die Frage: Ist es wirklich Jesus, den die Menschen gesehen haben? Ich habe meinen Interviewpartnern geglaubt, wenn die folgenden vier Punkte in ihren Berichten gegeben waren, so verschieden die Erlebnisse ansonsten auch gewesen sein mögen:
1 Jesus sagte ihnen Worte (oder die Menschen sahen ein Bild), die sich genauso auch in der Bibel finden und die die Menschen zum Zeitpunkt der Traumvision unmöglich kennen konnten. Um dies herauszustellen, habe ich einige Bibeltexte in die Erzählungen eingefügt, auf die ich während meiner Arbeit an diesem Buch stieß. Von manchen Bibelworten sprachen auch meine Interviewpartner, als sie mir von ihrem Erleben berichteten.
2 In Jesu Nähe fühlen sich die Menschen lebendig, gesund, geliebt und in Frieden eingehüllt. Das machte schon beim Zuhören Sehnsucht nach „mehr“.
3 Obwohl der Traum bei manchen Personen schon lange her war, konnten sie sich an jedes Detail darin erinnern. Einige träumen auch sonst oft, gaben aber freimütig zu, die Details normalerweise schnell wieder zu vergessen.
4 Nach dem Traumerlebnis waren diese Personen nicht mehr dieselben wie zuvor. Sie hatten einen Ruf gehört, dem sie folgen mussten, und sie waren bereit, jeden Preis zu zahlen, den ihre Entscheidung für Jesus sie kosten würde. Denn jedem hat der Entschluss, Jesus nachzufolgen, vordergründig nur Schwierigkeiten eingebracht. Aber, sie waren der Liebe begegnet, und wenn sie sich entschieden hatten, sie anzunehmen, spürte ich ihnen eine tiefe Zuneigung zu Jesus ab. Ich sah sie in ihren Augen und in ihrem Handeln.
Die in diesem Buch vorliegenden Geschichten haben mir die betreffenden Personen selbst erzählt. Einige habe ich in ihrer Heimat besucht, andere sind nach Europa geflohen, weil sie verfolgt werden. Ich habe keine genauen Ortsangaben verwendet und den Menschen Decknamen gegeben, um sie nicht unnötig einer Gefahr auszusetzen. Manche von ihnen sind gebildet, haben studiert, aber nicht wenige sind Analphabeten. Ihr Zeugnis habe ich in eine Kulisse gesetzt, die ihrem Lebensumfeld, in dem ich sie besucht und erlebt habe, entspricht. Sie soll die Wahrheit zum Leuchten bringen, das ist mein Bestreben und meine Verantwortung als Erzählerin gegenüber meinen Interviewpartnern, die mir ein unwahrscheinlich großes Vertrauen entgegengebracht haben. Ich danke ihnen, denn nur so ist es uns möglich zu erfahren, was Jesus Christus in dieser Welt tut.
Alle diese Personen stammen nicht aus dem europäischen Kulturkreis. Ich empfinde, dass ihre Kultur, ihre Art zu denken und mit Gott zu leben, der biblischen Zeit und Kultur sehr nahesteht.
Wie ich anfangs gesagt habe, dachte ich bis vor Kurzem: Was ich nicht kenne und erlebe, das gibt es nicht. Ha, das war einer der größten Irrtümer überhaupt.
Jedes Land (genau wie jede Person) neigt dazu, ihre Kultur als die absolute anzusehen. Ich denke, wir sollten grundsätzlich demütig und lernbereit anderen Menschen, ihrer Geschichte und ihrer Kultur gegenübertreten. Es gibt darin so vieles zu entdecken, für uns selbst und für unseren Weg durch das Leben.
„Viele Menschen suchen ein Ohr, das ihnen zuhört, und sie finden es unter den Christen nicht, weil diese auch dort reden, wo sie hören sollten. Wer aber seinem Bruder nicht mehr zuhören kann, der wird bald Gott nicht mehr zuhören, sondern er wird auch vor Gott immer reden … Wer nicht lange und geduldig zuhören kann, der wird am anderen immer vorbeireden und es selbst schließlich gar nicht mehr merken. Wer meint, seine Zeit sei zu kostbar, als dass er sie mit zuhören verbringen dürfte, der wird nie wirklich Zeit haben für Gott und den Bruder, sondern immer nur für sich selbst, für seine eigenen Worte und Pläne.“
Dietrich Bonhoeffer
Ich lade Sie ein, zuzuhören.
1 Unerwartet
Im Zwielicht beugt sich Rücken an Rücken auf staubigen Teppichen. Jeden Morgen, solange er zurückdenken kann, weckt ihn der Ruf vom Minarett an der Ecke. Hundertfach ertönen die Gebetsrufe der Muezzine von allen Himmelsrichtungen über der Stadt und mischen sich mit den Geräuschen des neu erwachenden Tages, Hähne, bellende Hunde, ein vorbeiknatterndes Motorrad.
Enat verbeugt sich, im Rhythmus mit seinen Söhnen und den Nachbarn. Er nimmt die Hände an die Ohren und verneigt sich gen Osten. Anschließend knien sie vornübergebeugt, drücken die Stirn auf den Boden und setzen sich wieder auf. Unablässig murmeln alle die vorgeschriebenen Gebete. Eine Wolke der Klage ist es: Allmächtiger! Wo bist du? Hörst du?
Den Allmächtigen in der Gemeinschaft der Gläubigen anzubeten ist ihm zur zweiten Natur geworden. Er ist überzeugt: So gefällt es Gott.
Für Enat ist Gott ein Mysterium, allgegenwärtig und doch weit weg. Äußerlich pflegt er pflichtschuldig die vorgeschriebenen Rituale, während seine Gedanken um das Frühstück kreisen.
Eine halbe Stunde dauert das Zeremoniell, dann klopft er sich den Staub von seinem Boubou und begrüßt Raoul, seinen Freund, während sie unter dem einfachen Grasüberdach hervortreten. Die beiden Tuareg drängen sich durch zwei Dutzend Männer hindurch der Stadt zu. Der Morgen dämmert bereits. Sie sind zufrieden, das Gebet war gut besucht. Immer mehr Männer nehmen diese Pflicht heutzutage wieder ernst.
Die Sonne schiebt sich milchig über die noch schwarze Silhouette der Stadt. Enat und Raoul treiben ihre Esel zum Markt. Raoul hat viel zu erzählen. Von Überfällen Radikaler an der Grenze, dem Dahinschlachten ganzer Dörfer, den Flüchtlingen, die sich in kleinen Booten übers Mittelmeer wagen und dass manche dabei ertrinken. Sein Freund kann etwas lesen und ergattert ab und zu eine Zeitung. Er versorgt Enat jeden Morgen mit Neuigkeiten aus aller Welt. Gestern war er allerdings beim Air Tel Shop, der Besitzer dort hat neuerdings ein Fernsehgerät vor seinem Laden aufgebaut. Schreckliche Bilder hätten sie gezeigt. Enat glaubt das nicht. Gläubige bringen doch keine Gläubigen um!?
Freunde seiner Söhne sind auf dem Weg nach Norden. Tagelang saßen sie beieinander, redeten von nichts anderem als von Europa. Dort soll es Arbeit und eine Zukunft geben. Hier gibt es für die meisten nichts davon. Seine Söhne wären auch gerne dabei. Doch Träume sind teuer. Irgendwie ist Enat auch ein bisschen froh, dass sie ihr Fernweh mit dem Verkaufen von Wasserkanistern an Reisende stillen müssen. Oben in Agadez, am „Tor zur Welt“, wie sie oft mit einem Unterton von Sehnsucht berichten. Sie haben ihr Business und verdienen ihr eigenes Geld, gerade so viel, dass sie ihm nicht auf der Tasche liegen.
Als Enat seinen Esel hoch mit Wüstengras beladen nach Hause führt, sieht er schon von Weitem seine Frau. Ihre gemeinsame Hütte steht in einem schattigen Hof hinter einer hohen Ziegelmauer. Davor arbeitet Aima, von Kunden umringt. Sie hat eine kleine Frühstücksbäckerei: Zwischen drei Steinen rauchen krumme Holzstangen, über dem Feuer brodelt ein Topf mit heißem Fett. Breitbeinig sitzt Aima auf einer umgedrehten Kallebasse und schöpft eben fertig gewordene Hirsebällchen ab. Seine Frau ist fleißig, doch das hätte er nie zugegeben. Das Bargeld verdient sie, aber er ist der Herr im Haus. Stets treibt er sie an, lässt ihr keine Ruhe und passt auf, dass er alles fest im Griff behält. Sie könnte sonst überheblich werden.
Er sieht die Angst in ihren Augenwinkeln, als er mit dem Esel auf sie zukommt. Schnell reicht sie ihm sein Frühstück: ein Baguette, gefüllt mit fetttriefenden Bällchen. Ihm läuft das Wasser im Mund zusammen. Als er danach greift, fallen einige davon in den roten Sand. Aima lacht hart auf und zieht ihr Kopftuch zurecht. „Kannst du nicht besser aufpassen, alter Trottel?“ Er verpasst ihr eine schallende Ohrfeige und wendet sich mürrisch ab. So ist das eben zwischen ihnen.
Enat leckt sich die Finger ab und lässt sich mit überkreuzten Beinen auf einer Matte im Schatten nieder. Daneben stellt er den kleinen Feuerkorb auf und legt ein paar glühende Kohlestückchen hinein. Er fischt nach dem abgestoßenen Teekännchen, das halb vergraben im Sand liegt, und schüttet die alten Teeblätter aus, reibt es ein wenig ab und füllt ein frisches Päckchen Tee in die Kanne. Das Cellophan und die kleine Teeschachtel lässt er einfach fallen, während er das emaillierte Kännchen auf den Kohlen zurechtrückt und ein wenig Wasser zu den Blättern gibt. Während Enat wartet, dass das Wasser zum Sieden kommt, döst er auf seiner Matte. Es ist vergleichsweise still im Hof. Zwei Ziegen rascheln im Müll, sein Esel wiehert und stupst ihn an, er will, dass Enat ihm das Futter ablädt. Doch das hat Zeit. Die Beine langmachen, einen Tee trinken und mit Raoul plaudern, wenn er später vorbeikommt, das geht vor.
Unerwartet schreckt Enat auf, er muss tatsächlich eingenickt sein. Er fühlt ganz deutlich: Er ist nicht allein. Die Hoftür geht auf – ist es Raoul? Nein, es sind viele Männer. Er kann sie zuerst nicht richtig erkennen. Helles, gleißendes Licht bringen sie mit herein, bis in die letzten Winkel seines Hofes und seiner Seele. Der Targi rappelt sich auf. Reibt sich die Augen. Dicht gedrängt stehen groß gewachsene, weiß gekleidete Männer in seinem Hof. Mindestens dreißig oder vierzig an der Zahl, um die Hüfte breite, golden glänzende Gürtel geschlungen. Sie sehen ihn an, als würden sie ihn schon lange kennen, freundlich, und doch setzt Enats Herz einen Augenblick aus. Was wollen diese Krieger von ihm? Er ist nur ein einfacher Mann, vom Krieg und vom Kämpfen weiß er nichts. Außer dass er ständig Händel mit Aima hat. Wo steckt sie bloß, sie müsste die Männer doch auch gesehen haben, als sie an ihr vorbei den Hof betreten haben?! Er muss den Männern Tee anbieten, doch wo ist bloß der Zucker? Als Enat den Mund öffnen will, entsteht zwischen den beeindruckenden Männern eine Gasse.
Und dort steht er. Nie wieder wird er diesen Anblick vergessen. Sein Strahlen übertrifft das seiner Begleiter bei Weitem. Hell, überirdisch weiß, wunderschön. Er strahlt Frieden und Liebe aus – so was … Enat schlägt die Augen nieder. Er schämt sich plötzlich, dass er Aima geärgert hat. Andere hässliche Szenen wollen sich vordrängen.
„Enat, hier iss und trink!“ Er streckt ihm ein Stück Brot hin und einen Becher kühles Wasser.
„Woher kennst du meinen Namen?“ Enat weiß später nicht mehr, ob er es laut gefragt hat. Aber die Antwort hallt noch heute in seinem Herzen: „Ich kenne dich. Du bist mein.“
Er nimmt den Becher und trinkt, als wäre er am Verdursten.
So erklärt er es Raoul, der kurz darauf in den Hof kommt und ihn mit Fragen löchert: „Wer waren all die vielen Männer in deinem Hof? Ich habe sie schon von Weitem gesehen, ihre Köpfe haben ein ganzes Stück über deine Hofmauer geragt.“
Er schildert Raoul jedes Detail. Den Ärger, den er schon wieder mit seiner Frau hatte. Wie ausgelaugt er sich auf einmal fühlte und dass er dachte, der Hass würde ihn noch auffressen. „Raoul, zum ersten Mal fühle ich Frieden in mir. Ich glaube, ich muss Aima sagen, dass ich sie liebe.“ Enat schüttelt den Kopf und kann einfach nicht mehr aufhören zu lächeln.
Raoul reist die Augen auf und zieht den Turban vor sein Gesicht. Er erzählt ihm von einem christlichen Pastor, der jeden Sonntag laute Musik in seinem Hof macht und von Gott spricht. „Besuch ihn, vielleicht kann er dir weiterhelfen.“
So schnell Enat kann, lädt er seinen Esel ab und reitet in die Stadt. Der Esel weiß anscheinend genau, wo der Pastor wohnt. Als er ihn gefunden hat, erklärt Enat ihm aufgeregt, was an diesem Morgen passiert ist: „Jesus hat mich besucht.“
Der Pastor nickt: „Ich war wie du, Enat. Jeden Tag habe ich meine Gebete verrichtet. Ich habe hart gearbeitet und viel Geld verdient, als er mich besucht hat.“ Der Pastor setzt sich mit ihm hin und holt eine Bibel. Und einen Koran. Er bestätigt ihm: Der heilige Mann, der ihn besucht hat, ist Jesus. Und dass Jesus der Immanuel ist. „Gott ist mit uns. Wir sind nicht alleine.“
Sie sprechen über die Suren, die von Jesus reden, und die Bibelstellen, die das bestätigen und Enat noch mehr die Augen öffnen. Er saugt regelrecht in sich auf, was er da hört. Hat er sich jemals schon so lebendig gefühlt, je solch einen Frieden erlebt?
Am Sonntag treibt es ihn in den Gottesdienst. Dort tanzt und singt er mit den Christen. Allen erzählt er von dem außergewöhnlichen Besuch.
Zu Hause kann er nicht mehr aufhören, davon zu sprechen. „Der Allmächtige hat mich besucht! Jesus ist kein toter Prophet, wie sie immer sagen. Er lebt!“ Aima kreischt, als wäre sie verrückt geworden. Zerrt ihn vor den Imam. Sie berufen das Gericht ein. Ihre Fragen prasseln auf ihn nieder. Was faselst du von Jesus? Niemand kann ihn sehen!
„Ich weiß nichts über Jesus, außer, dass ich blind war und nun sehen kann. Mehr weiß ich nicht. Ich war ein Sünder, und er hat mich von meiner Sünde errettet und mich frei gemacht. Er hat mich angesehen und meiner Seele Frieden gegeben.“
Voller Wut gehen sie auf ihn los. Raoul spuckt ihm ins Gesicht: „Du hältst dich wohl für etwas Besseres?“ Aima ruft: „Entweder dieser Jesus oder ich.“
Enat strahlt und grüßt winkend. Unverwandt muss ich ihn ansehen. Ein bisschen, weil er Schuhe trägt, die nicht zueinanderpassen, einen wunderschönen kobaltblauen Turban um den Kopf gewickelt hat und eine Pseudo-Gucci-Sonnenbrille zu einem staubigen Boubou trägt, während er sich mit den anderen Christen im Kreis zur Musik bewegt. Aber es ist sein strahlendes, freundliches Lächeln, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Obwohl ihn seine Frau und seine Freunde verlassen haben und er bitterarm ist.
Aber: Jesus hat ihn besucht – es scheint, er hat ihn seither nicht mehr verlassen.
So sagt es Enat wenigstens, wenn er sonntags im Gottesdienst ist und die restliche Woche vor dem Haus des Pastors aufpasst, dass keine Diebe einsteigen: Jesus ist der Immanuel.
* nach einer wahren Begebenheit – die Namen wurden zu Enats Sicherheit geändert. Die Himmelskrieger wurden von mehreren Nachbarn gesehen.
2 Im falschen Film
Maraya und ihr Mann Naid haben an renommierten Hochschulen im Nahen Osten studiert und sind Künstler und Filmemacher wie ich. Vielleicht fühle ich mich deshalb besonders mit ihnen verbunden. Aber ganz bestimmt verbindet uns die Liebe zu Jesus. Ich danke ihnen, dass sie mich und meine Familien besucht haben und uns aus ihrem Leben erzählten.
Kurz bevor sie bei uns eintrafen, sah ich mein Haus mit ganz anderen Augen. Das Paar hatte alles verloren, und ich hoffte, dass Hab und Gut, Status und Kultur an diesem Abend keine Mauern bauen würden. Ich wünschte mir mehr als alles, dass unser gemeinsamer Glaube uns allen Heimat genug bieten würde, um Liebe und Verstehen Raum in und zwischen uns zu geben.
Wie jedes Mal, wenn mir jemand sein Herz öffnet, um mir seine Geschichte anzuvertrauen, hoffte ich, dass verletzte und empfindlich gewordene Herzen heil würden.
Und noch mehr wünschte ich mir, dass ich beim Zuhören – und das erhoffe ich mir auch für Sie beim Lesen – Jesus sehen würde, wie er lebt, liebt und um uns leidet.
Wir baten Maraya und Naid uns mitzunehmen in ihr altes Leben, das sie zurücklassen mussten, weil sie sich entschieden hatten, Jesus zu folgen.
Als Kinder wurde ihnen gesagt, Allah sei der einzige Gott und Mohammed sein letzter und damit maßgeblicher Prophet.
Maraya hielt von Kind an alle Regeln, die sie gelernt hatte, fest überzeugt, dass sie Gott so finden könnte. Doch je mehr sie suchte, desto mehr zweifelte sie. Und das am meisten an Gott, weil er nicht so antwortete, dass sie seine Antworten hörte und verstand. Sie warf innerlich alles über Bord, was mit Gott zu tun hatte. Naid tat das ebenso, doch viel leichter und rigoroser. Bitter enttäuscht von Religion und von dem, was passiert, wenn sie als Knute angewendet wird, um ein Land zu regieren, erklärten sie Gott für nicht existent. Bis zu dem Tag, als er ihnen persönlich begegnete.
Wie es dazu kam, davon berichteten sie uns an einem warmen Sommerabend auf unserer Terrasse.
Und Jesus sprach:
Was willst du, dass ich dir tun soll?
Der Blinde aber sprach zu ihm:
Rabbuni, dass ich sehend werde.
Und Jesus sprach zu ihm:
Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.
Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.
Markus 10,51-52
Im Vorbeigehen hörte Naid, wie Reza sich mit einem Kunden in seinem Büro über Gott unterhielt. Sie redeten genauso wie seine Mutter und seine Schwester. Naid spürte Wut in sich aufsteigen, nur mit Mühe konnte er an sich halten. Forsch betrat er den Raum und blickte seinen Cousin durchdringend an.
„Seid ihr etwa Christen?“
Reza versuchte erst gar nicht, seinen neuen Glauben zu verbergen: „Durch deine Mutter habe ich Jesus gefunden. Er ist der Sohn Gottes, und durch ihn können wir direkt zu Gott kommen. Er spricht zu mir …“
„Gott spricht zu dir? Soll das ein Witz sein?“
Naids Augen waren schmal geworden. Er ließ Reza gar nicht erst ausreden, sondern bugsierte die Männer aus dem Büro. Er hasste die Christen. Gott …! So ein Quatsch! Es gab ihn nicht, und folglich sprach er auch nicht.
Naid setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, sein Blick fiel auf den Kalender. Es war Dienstag – nie würde er diesen Tag vergessen. Auch wenn er das damals natürlich noch nicht wusste.
Es klopfte, und wieder wurde er bei seiner Arbeit unterbrochen. Der Kunde von eben steckte den Kopf zur Tür herein. Naid mochte es gar nicht, gestört zu werden. Er sprang auf und schob den Mann zurück zum Ausgang. War er nicht Pastor? Er glaubte, sich vage an so etwas erinnern zu können.
„Ihr Besuch ist hier nicht erwünscht.“
Musste er noch unhöflicher werden, um diesem Kerl klar zu machen, was er von ihm hielt?
„Ich habe eine Botschaft von Gott für dich.“
Eine Botschaft von Gott? Das konnte unmöglich sein! Naid packte den Mann an den Schultern und drückte ihn mit Gewalt auf den Flur zurück. „Willst du mich für dumm verkaufen? Gott spricht nicht mit den Menschen! Erzähl’ deine Märchen einem anderen!“
Er sah nur noch rot, doch der Mann ließ sich nicht beirren. Mit einem Fuß im Büro und dem anderen im Flur, richtete er Naid die angeblich göttliche Botschaft aus: „Gott lässt dir sagen: ‚Ich möchte, dass du dich entscheidest. Deinen gesamten Besitz, deinen Erfolg, dein Büro – all das habe ich dir gegeben. Bis heute habe ich meine Hand über dich gehalten und dich beschützt. Du hast drei Tage Zeit, um dich zu entscheiden. Möchtest du meine Hilfe oder nicht?‘“
„Raus! Raus! Sofort!“
Naids Schreie hallten durch das Treppenhaus und wurden unterstrichen vom lauten Knall seiner Bürotür, die er dem Mann buchstäblich ins Gesicht warf. Warum konnten ihn diese Christen nicht in Ruhe lassen? Zuerst hatte seine Schwester begonnen, ihn mit diesem Jesus zu nerven. Dann hatte auch noch seine Mutter angefangen, in dasselbe Horn zu blasen. Er solle Jesus für seinen Erfolg danken. Immer wieder fingen sie damit an. Und nun auch noch Reza und der Pastor mit seiner angeblich göttlichen Nachricht! Diese Christen waren allesamt verrückt.
Naid schloss die Tür hinter sich, es hatte etwas Endgültiges. Der 19-Jährige stürmte die Treppe hinunter und sprang in seinen Mercedes. Doch die Worte seiner Schwester verfolgten ihn. „Hast du dich eigentlich schon einmal bei Gott dafür bedankt, dass dein Geschäft so gut läuft?“
Er war aufgebracht. Gott gedankt? Wieso sollte er? Pausenlos hatte er für die Schule gebüffelt und in einem Jahr den Stoff von Zweien gemeistert. Anschließend hatte er seine ganze Zeit und Energie in sein Studium investiert und nebenher sogar noch Webseiten für Firmen entworfen. Er hatte einfach ein Händchen für Computer, und dadurch waren jede Menge lukrativer Kontakte zustande gekommen. Den Erfolg verdankte er seinem eigenen Fleiß und Grips – und ganz bestimmt nicht Gott! Davon war Naid ganz fest überzeugt.
Es gab Leute, die brauchten Gott für alles. Und die Allerschlimmsten waren diejenigen, die mit der Religion anderen auf die Nerven gingen oder sie unter Druck setzten. Er hatte genug von dieser Sorte kennengelernt.
Seiner Familie hatte Religion bislang eigentlich nie sonderlich viel bedeutet. Klar, sie hatten die üblichen Traditionen praktiziert. Das tat doch schließlich jeder. Aber darüber hinaus machte Religion alles nur kompliziert und verursachte Ärger.
Er beschleunigte seinen Wagen und setzte zum Überholen an.
Seit einigen Monaten war der Streit um den rechten Glauben bei ihnen zu Hause zum Dauerthema geworden. Ständig redeten die anderen von Jesus. Seine Schwester bekam gar nicht genug davon. Sie und Mutter behaupteten, Jesus würde leben und hätte ihnen ihre Schuld vergeben. Und jetzt wollten sie auch Naid davon überzeugen.
Das war doch alles Irrsinn. Er wollte nichts mehr davon hören.
„Es tut uns leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber wir können nur diese vier Gemälde von Ihnen ausstellen.“ Maraya verstand die Welt nicht mehr. Wie bitte, ihre Bilder würden die Menschen auf unsittliche Gedanken bringen?! Dabei war ihr Lehrer so begeistert von ihren Arbeiten gewesen! Ja, Maraya malte auch Frauen, die nicht vollständig verschleiert waren. Aber das offene Haar war doch nur Zeichen ihrer Schönheit und Würde. Neuerdings waren die religiösen Gesetze wirklich schlimm geworden. Maraya fand das inakzeptabel.
Die junge Frau war traurig und verletzt. Dass das ausgerechnet ihr passierte … Ihr Glaube war ihr lange Zeit wichtig gewesen. Während ihre Mitstudentinnen regelmäßig feiern gegangen waren und das Leben genossen hatten, war sie brav in die Moschee gelaufen. Seit sie Kind war, hatte sie sich bemüht, Gott gefällig zu leben. Hatte regelmäßig gebetet, viele Texte des Korans auswendig gelernt. Auch wenn sie die Sprache gar nicht verstanden hatte, in der er geschrieben war.
Doch inzwischen hielt auch sie nicht mehr viel von der Sache. Vor Kurzem hatte sie den Koran in ihrer Muttersprache gelesen. Was sie dabei entdeckt hatte, hatte sie zutiefst schockiert. Sie empfand ihn an vielen Stellen als unglaublich frauenfeindlich. Er sprach über Frauen, als wären sie reine Objekte zur Lustbefriedigung. Und müssten als solche kontrolliert werden. Der Himmel schien einem Bordell nicht unähnlich. Für sie hatte nach dieser Lektüre festgestanden: „Dieser Gott ist krank, und damit möchte ich auf keinen Fall mehr etwas zu tun haben.“
Maraya versuchte sich mühsam loszureißen von ihren trüben Gedanken. Sie war auf dem Weg zur Musikschule. Seit vier Jahren schon wollte sie hier Unterricht nehmen, doch nie hatte sie die ausgemachten Termine wahrgenommen. Heute, nach diesem Desaster an der Kunsthochschule, war es endlich an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.
Schon immer hatte sie Sängerin werden wollen, und der armenische Musiklehrer war ihr wärmstens empfohlen worden. Dass er sich bereit erklärt hatte, sie zu unterrichten, obwohl sie ihn vier Jahre lang ständig versetzt hatte, wunderte sie insgeheim. Endlich würde sie den ersten Schritt in ein neues emanzipiertes Leben gehen. Ohne Gott.
Naid war in Feierlaune. Für ihn stimmte an diesem Abend einfach alles: die Frau in seinem Arm, die Aussicht über das Lichtermeer der Stadt, seine Freunde und die Drinks. Er ließ eine vergoldete Kirsche in den perlenden Champagner fallen und warf grinsend in die Runde: „Wer hätte gedacht, dass 5000 Euro so lecker schmecken?“
Alle lachten und schlugen Naid auf die Schulter! Während die Kirsche in seinem Glas kreiste, sah er zu, wie goldene Flocken sich um sie drehten. Er prostete seinen Freunden zu, keiner hatte sich diese Party entgehen lassen wollen: Sie rauchten und tranken – von allem nur das Feinste –, und Naid unterhielt sie mit seinen Geschichten. Jeder hing an seinen Lippen.
Erst vor wenigen Wochen hatte er sein Studium abgeschlossen, und schon war er so erfolgreich. Er entwickelte Webseiten für Kunden mit hohen Ansprüchen und einem dicken Geldbeutel. Er war quasi über Nacht reich geworden. Das Geld floss durch Naids Hände, genauso wie der Champagner an diesem Abend, mit dem sie seinen Erfolg begossen. Seiner jungen Frau Niki imponierte das. Sie liebte das Leben an Naids Seite.
Am Horizont dämmerte es bereits, während sie von der Lounge hinabfuhren und in das funkelnde Häusermeer eintauchten. Sie genossen den Blick auf einen der höchsten Fernsehtürme der Erde, von ihrem gläsernen Fahrstuhl aus bot sich ihnen ein fantastischer Blick über die 18-Millionen-Stadt. Ihr Taxi wartete bereits; kurz darauf tauchten sie in den nie zur Ruhe kommenden Verkehr ein und fuhren nach Hause.
Trotz der durchfeierten Nacht stand Naid früh auf und fuhr ins Büro. Während der Fahrt dachte er über ein Projekt nach, an dem er gerade arbeitete. Internet und Computer boomten, und jeder wollte eine Homepage oder einen Imagefilm, um sich im Netz zu präsentieren. Seine Dienste waren gefragt. Inzwischen hatte er sogar fast dreißig Angestellte. Manchmal konnte er es selbst kaum glauben, wie schnell es ihm gelungen war, in der Branche zu landen und so viel Geld zu verdienen. Er musste lächeln, als er an den Drink gestern Abend dachte. Wer Geld hatte, machte sich eben keine Gedanken mehr darüber, ob ein Champagner 50 oder 5000 Euro kostete.
Am späten Vormittag klingelte das Telefon, und seine Bank bat um einen Termin. Naid sagte ohne zu zögern zu. Sicherlich wollten sie ihm Vorschläge zur Vermögensverwaltung machen.
Die beiden nadelgestreiften Herren lächelten nicht. Vielleicht steckte ihm doch noch ein wenig der Kater vom gestrigen Abend in den Knochen? Oder war es dieser unerfreuliche Besuch des Pastors, der ihm mit seiner angeblichen Botschaft von Gott die Laune verdorben hatte? Er versuchte sein Bestes, um sein Unbehagen abzuschütteln. Die Berater saßen ihm steif gegenüber. Auch durch Naids lockere Sprüche ließen sie sich nicht aus der Reserve locken. Kühl und distanziert legten sie ihm seine finanzielle Situation dar, sprachen von Schulden und überzogenen Konten, von ungeduldigen Gläubigern und seinem Bankrott.
Was redeten sie da? Er hatte Geld, viel Geld. Und nun sollten seine geschäftlichen Transaktionen seine Konten überstrapaziert haben? Seine Welt waren Computer; von Finanzen, und wie man sie zusammenhielt, hatte er wenig Ahnung. Offensichtlich zahlten einige seiner Kunden nicht wie vereinbart, und die Gläubiger wollten ihr Geld sehen.
Naid gab es zwar nicht zu, aber er hatte wohl finanziell über die Stränge geschlagen.
Die nächsten drei Tage tat er alles, um die Misere aufzuhalten. Er versuchte, ausstehendes Geld einzutreiben, das er schon längst ausgegeben hatte. Bequasselte Gläubiger und Freunde, doch sie wandten sich alle von ihm ab.
Am Freitag war er gezwungen, seine Angestellten zu entlassen. Seine Wohnung, sein Büro und seine Autos musste er an die Bank verpfänden. Es war das Aus.
„Maraya, überlass der Musik in dir die Führung. Warum kannst du nicht improvisieren? Was hemmt dich?“
Zum wiederholten Male forderte sie ihr Lehrer auf, sich der Musik hinzugeben, loszulassen, ihrer inneren Stimme den Weg zu öffnen. Es ging nicht. Starr sah sie auf den Boden.
„Maraya?“
Es war, als hätte er eine innere Schleuse bei ihr geöffnet. „Meine Gedanken sind nicht hier. Ständig muss ich an so vieles denken. Dieses Land zwingt mich dazu, alles und jeden und vor allem mich selbst zu kontrollieren. Könnte ich nur weggehen. Ich weiß, so mit dir zu sprechen ist gefährlich, aber was hier passiert, kann doch nicht sein!“
Ein Wort gab das andere. Irgendwann landeten sie bei Gott. War er mit seinen Vorschriften nicht an allem schuld? Ihr Lehrer riet Maraya, einmal in eine Kirche zu gehen. „Sieh dir einmal etwas anderes an als das, was du schon immer kennst. Ich habe davon gehört, dass Menschen dort Gott getroffen hätten. Im Übrigen ist die Musik dort ein echter Genuss.“
Maraya überlegte hin und her. Sollte sie wirklich einen christlichen Gottesdienst besuchen?! Ihre Freundinnen würden ihr unbedingt davon abraten. Und das sagte sie ihrem Lehrer ein paar Tage später dann auch knallhart: „Was hast du dir eigentlich gedacht, mich in eine Kirche zu locken? Das ist unverschämt und gefährlich. Sprich nie wieder davon!“
Maraya machte sich nun auf ebenso barsche Worte gefasst, doch die blieben aus. Stattdessen gab ihr der Lehrer die Noten für ein neues Lied.
Im Rückspiegel verschwand das elegante Bürogebäude, in dem Naid seine einzigartige Erfolgsgeschichte erlebt hatte. „Drei Tage hast du Zeit, um dich für oder gegen mich zu entscheiden.“
Diese Worte des Pastors hörte er wieder und wieder in sich. Hätte er sie abschalten können, indem er sich die Ohren zuhielt, er hätte das sofort getan. Doch so gibt er Gas und fährt los, hinein in den Großstadtverkehr, der Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommt.
Wie in einem Film laufen die letzten Tage und Stunden noch einmal vor ihm ab.
Die nadelgestreiften Herren waren wiedergekommen. Sie hatten den Gerichtsvollzieher mitgebracht und ihm alles genommen, was er hatte. Selbst die exklusiven Abendkleider und Schuhe seiner Frau. Als er den Wohnungsschlüssel abgab, verabschiedete sich auch Niki von ihm. Sie ging zu ihren Eltern zurück, er hatte ihr nichts mehr zu bieten.
Eigentlich gehörte auch sein alter Wagen der Bank, aber einem verzweifelten Impuls folgend hatte er seine letzten Habseligkeiten auf den Rücksitz geworfen und war einfach losgefahren.
Es war schon weit nach Mitternacht, als er auf dem Parkplatz eines Kebab-Ladens anhielt. Der Besitzer putzte gerade den Grill. Naid bat ihn um Essen und einen Schlafplatz. Etwas widerwillig half ihm der Mann. Am nächsten Morgen sammelte Naid im Gegenzug dazu den Müll auf dem Parkplatz auf und brachte ihn weg. Das Ganze war ihm so peinlich, dass er sich schwor, es nie wieder so weit kommen zu lassen.
In den folgenden Monaten bot der einst gefeierte Computercrack wildfremden Menschen seine Dienste als Taxifahrer an.
Damit verdiente er genug Geld, um nicht hungern zu müssen. Außerdem war er auf der Flucht vor der Polizei, denn sein Wagen gehörte ja nicht mehr ihm, sondern der Bank. Das ständige Unterwegssein war sein bestes Versteck.
Es war Nacht. Triste Fassaden, hohe Mauern und endlose Zäune zogen an Naid vorbei, ab und zu unterbrochen von zerkratzten Metalltoren. Suchend tasteten seine Augen die Gegend ab. Er brauchte dringend ein paar Stunden ungestörten Schlaf, seine Uhr zeigte mittlerweile zwei.
Täuschte er sich oder machte sich da tatsächlich jemand an einem Stahlgittertor zu schaffen? Er hatte seinen Wagen gerade abgestellt, als er den gut angezogenen Herrn bei seinem seltsamen Tun beobachtete. Jetzt ging der zu dem Auto, das direkt vor Naid parkte. Was machte der hier, mitten in der Nacht, und noch dazu so elegant angezogen? Jetzt stieg er wieder aus dem Wagen aus, öffnete die Motorhaube und starrte ratlos hinein.
Naid hatte nicht vor, ihn zu erschrecken, deshalb kletterte er mit möglichst viel Getöse aus seinem Auto und sprach den Mann an. Er zuckte trotzdem zusammen.
„Ich bin von einer Sicherheitsfirma und hatte einen Alarm auf meinem Handy, es ist an das Überwachungssystem des Hauses hier gekoppelt. Und nun springt mein Wagen nicht mehr an. Wie soll ich bloß zurückkommen?“
Suchend sah er sich um, es war nutzlos. Um diese Uhrzeit gab es hier weder Busse noch Taxis.
Naid bot ihm seine Fahrdienste an. Während sie zurück in die Stadt fuhren, sprachen sie über Politik. Kann sein, dass Naid inzwischen besonders sensibel dafür war. Aber wenn er sich nicht täuschte, war dieser Mann Christ. Sein „Slang“ verriet ihn. Das ließ Naid keine Ruhe, er musste es wissen. Lachend wehrte der Mann ab: „Nein, Christ bin ich nicht, aber ich habe eine gute Freundin, die Christin ist, sie heißt Nachme.“
„Nachme?“ entfährt es Naid erstaunt. So hieß seine Schwester! „Weißt du, wer ich bin?“
Der Mann blickte ihn forschend an. Sie waren inzwischen im Stadtzentrum, und hier war alles hell erleuchtet. „Bist du Naid? Ich habe gehört, deine Familie sucht dich und will dir helfen. Geh nach Hause.“
„Vergiss es. Richte ihnen aus, ich schaffe das alleine!“
Bis sie das Haus des Mannes erreichten, versuchte dieser ihn mit allen Mitteln zu überreden, zu seiner Familie zurückzukehren.
Naid war fassungslos. Was für ein Zufall!“ Ausgerechnet in einem menschenleeren Industriegebiet hatte er einen Typen aufgegabelt, der ein Freund von Nachme war … Das hier war eine Millionenstadt, und er bewegte sich in einem völlig anderen Stadtteil als seine Familie.
Solche und ähnliche „Zufallsbegegnungen“ ergaben sich in der Folgezeit immer wieder. An den kuriosesten Orten traf er Menschen, die in irgendeiner Weise mit seiner Familie, der Kirche oder mit Christen in Kontakt standen. Das häufte sich so sehr, dass selbst Naid das nicht mehr als Zufall abtun konnte.
Wann immer ihm zu Ohren kam, sein Vater würde ihm gerne helfen, verschloss er sich dem rigoros. Er würde das alleine schaffen. Seinen Vater brauchte er dazu auf keinen Fall. Doch Woche um Woche verging, ohne dass er einen gangbaren Weg für sein Leben vor sich sah.
Wenn er sich einsam fühlte, ging er manchmal in einen Park. Dort gab es mosaiküberdachte Grotten und mit Blumenbeeten eingesäumte Teichanlagen. Dort legte er sich auch heute wieder ins Gras und schloss die Augen.
Täuschte er sich oder kannte er die Stimme?
Zwei junge Frauen saßen ganz in der Nähe auf einer Bank, lachend und plaudernd. Als sich die eine Frau erhob und von ihrer Freundin verabschiedete, sprach Naid sie an. Wie sich herausstellte, war sie die Adoptivtochter seiner Mutter. Seit Monaten lebte sie bei seinen Eltern. Damals, als seine Mutter davon gesprochen hatte, Cassy zu adoptieren, war er völlig ausgeflippt. Es war eine von Mutters unmöglichen Ideen gewesen, die zu einem heftigen Streit geführt hatten.
Jetzt fand er Cassandra ganz sympathisch und lud sie kurzerhand in ein Straßencafé ein. Wenn man ihn gefragt hätte, hätte er etwas widerwillig zugegeben, dass er geschockt war, in dieser Millionenstadt schon wieder jemanden zu treffen, der in Beziehung mit seiner Familie stand.
Bei einer Tasse Cappuccino versuchte seine Stiefschwester ihr Bestes, ihn zu überreden, nach Hause zurückzukommen. „Mutter wird dir alles vergeben. So wie Jesus ihr vergeben hat.“
„Jesus, Jesus! Ihr könnt von nichts anderem reden! Lass mich in Ruhe mit ihm!“
„Aber Jesus liebt dich! Du musst ihn unbedingt kennenlernen!“
„Wenn dieser Jesus lebendig ist, so wie ihr das alle behauptet, dann möchte ich ihn mit meinen eigenen Augen sehen.“
Statt weiter zu diskutieren, stand Cassandra auf und verabschiedete sich von ihm. „Ist in Ordnung, Naid. Ich werde es ihm sagen.“
Sprach’s und verschwand. Sie wollte es ihm sagen? Naid sah ihr kopfschüttelnd nach und ging zu seinem Auto zurück.
Maraya muss sich fest gegen die schwere Tür der Kirche lehnen, um sie aufzudrücken. Hoffentlich werde ich es nicht bereuen. Aber ich muss mir unbedingt mein eigenes Bild machen. Mal sehen, wer recht hat und ob die Christen tatsächlich so verrückt sind, wie alle behaupten. Sie sollen ja sagen, dass Gott unser Vater ist.
Maraya schiebt sich in den voll besetzten Raum und findet in der vorletzten Reihe einen Platz. Sie nimmt mit dem Betreten des Gotteshauses sofort eine intensive Gegenwart wahr. Die Menschen stehen auf und beginnen, Gott zu loben und anzubeten.
Ist es die Musik? Maraya beginnt zu zittern. Sie ist ergriffen und begreift nicht warum. Beruhigend legen die Frauen neben ihr Maraya die Hände auf den Rücken, aber das Zittern hört einfach nicht auf. Einerseits wünscht sie sich, nie wieder hier weggehen zu müssen, und gleichzeitig möchte sie so schnell wie möglich verschwinden. Ich gehöre nicht hierher, alle um mich herum sind so heilig.
Kaum hat sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, hörte sie den Pastor von der Kanzel sagen: „Niemand hier ist besser als die anderen, niemand ist von sich aus heilig. Heilig und rein sind wir nur durch Jesus Christus.“
„Halleluja!“
Halleluja? Was für ein seltsames Wort! Was bedeutet es?
Als hätte der Prediger ihre stille Frage gehört, beantwortet er sie: „Halleluja bedeutet: Lobet den Herrn! Mit diesen Worten ehren wir unseren Gott!“
Woher weiß er, was sie denkt? Nur Gott kennt die Gedanken der Menschen. Er muss hier sein! Nie zuvor hat sie solch einen Gott gesehen!
Als der Gottesdienst zu Ende ist, wird Maraya beinahe panisch. Ich darf ihn nicht verpassen! Ohne ihn will ich nicht mehr sein, ich brauche ihn!
Sie folgt der von vorne ausgesprochenen Einladung. Ja, sie will Jesus unbedingt besser kennenlernen! Eine Frau nimmt sie verstehend in ihre Arme.
„Ich will Christus haben, was muss ich tun?“
Wie eine funkelnde Perlenkette lagen die Lichter der Landebahn vor ihm. Ein Jumbojet schwebte dröhnend über Naids Kopf. Er hoffte, ganz in der Nähe des Flughafens ungestört parken und schlafen zu können. Käme die Polizei, würde sie glauben, er sei ein Reisender, der sich noch ein paar Stunden Schlaf vor dem Abflug am Morgen gönnte. Sechs Monate schlafen, essen und leben in einem Auto, hatten ihn zu einem Profi in solchen Dingen werden lassen. Während er nach einer unauffälligen Parklücke Ausschau hielt, hing er seinen Gedanken nach. Wie können die Christen an einen Gott glauben, den sie noch nie gesehen haben? Die sind doch bescheuert!
„Aber wenn es dich gibt, Gott, dann will ich dich sehen. Und wenn es dich nicht gibt, dann lass mich endlich in Ruhe.“
Er sprach es laut in die Einsamkeit hinein. Es hörte ja doch keiner zu.
Naid liegt zusammengekrümmt auf dem Rücksitz, er schläft tief. Es ist ungefähr zwei oder drei Uhr nachts. Urplötzlich beginnt sein Wagen heftig zu schaukeln. Verwirrt fährt sich Naid durch sein Haar und rappelt sich auf. Warum wackelt das so? Er hat doch nicht an einer Schnellstraße geparkt, an der manche in halsbrecherischem Tempo vorbeirasen und damit eine Druckwelle auslösen, die die Autos erschüttert!
Die Scheinwerfer eines Flugzeuges leuchten über ihm auf, es ist dabei zu landen. Naid späht suchend aus dem Fenster. Das Schaukeln hört einfach nicht auf. Da entdeckt er ihn. Er sitzt auf der Motorhaube.
Fest sehen sie sich in die Augen, es sind nur wenige Sekunden und doch eine Ewigkeit. Naid reißt seine Hände hoch. Heftig stößt er sie an das Innendach. „Autsch.“
Wo ist das Handy hingekommen? Er muss Cassy anrufen, sonst wird er später glauben, er sei verrückt geworden. Hellwach wühlt er in den Decken, hoffentlich hat er noch Guthaben!
„Cassy! Er hat mich aufgeweckt!“
„Bist du das, Naid? Was ist los? Bist du betrunken?“
„Ich bin vollkommen nüchtern, ich habe nichts getrunken. ER, Jesus Christus, hat mich besucht! Ich weiß es ganz, ganz sicher! Er war es. Mein Schöpfer saß auf der Motorhaube meines Autos und hat so lange daran gerüttelt, bis ich aufgewacht bin!“
„Hat er etwas zu dir gesagt? Woher weißt du, dass er es war?“
Cassandra ist nun ebenfalls hellwach.
„Du kannst es mir glauben! Meine Seele hat ihren Schöpfer getroffen, ich weiß es einfach! Er war es. Er hat mich gefragt: ‚Junge, ist das hier dein Platz?‘ Cassandra, ich komme nach Hause.“
Seine Schwester lacht. Sie glaubt ihm jedes Wort. Was er ihr erzählte, schien sie nicht einmal sonderlich zu wundern.
Drei Tage später hatte Naid alles wieder zurück, was er verloren hatte. Sein Vater beglich seine Schulden und verpflichtete ihn, einen finanziellen Berater einzustellen. Er zog wieder zurück in seine Wohnung und überdachte sein Leben neu.
Er las die Bibel und fing an, Gottesdienste zu besuchen. Niki gefiel das alles gar nicht. Sie war tief verletzt, er hatte sich all die Monate nicht bei ihr gemeldet. Naid hatte sich geschämt und sich von ihr ferngehalten, solange er ihr kein angemessenes Leben bieten konnte. Ihre Familie hatte es nicht akzeptieren wollen, dass aus ihm plötzlich ein armer Schlucker geworden war.
Niki gegenüber machte er dann auch keinen Hehl daraus, dass er Christ geworden war. Sie ließ sich von ihm scheiden.
Naid besuchte heimlich Bibelkurse und studierte Theologie an der Hochschule, bis diese geschlossen wurde. Dann ging er für ein halbes Jahr auf eine Jüngerschaftsschule ins Ausland.
Auch Maraya wollte mehr über Jesus wissen. Auch sie absolvierte eine Bibelschule in einem anderen Land.
Dort trafen sie sich. Beide ließen sich taufen und wurden als geistliche Leiter für die Untergrundkirche in ihrer Heimat ausgebildet und als solche zurückgesandt.
Ihre Freundschaft wuchs, und sie gründeten gemeinsam eine Fernsehproduktionsfirma. Sie arbeiteten offiziell für das staatliche Fernsehen. Irgendwann verliebten sie sich und heirateten.
Undercover produzierten sie Filme, DVDs und Musik-CDs für Christen, die auf legalem Wege in ihrem Land keine Informationen über Jesus erhalten konnten. Nach der Produktion eines regimekritischen Dokumentarfilms fand ihre Arbeit ein jähes Ende. Der staatliche Geheimdienst verhaftete ihre Freunde und brachte sie ins Gefängnis. Naid und Maraya fanden Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Immer fürchteten sie, die Nächsten zu sein, die vom Geheimdienst verhaftet werden. Deshalb verließen sie auf unterschiedlichen Wegen ihre Heimat.
Auf der Flucht müssen sie sich trennen und verlieren zweimal all ihren Besitz. In zwei verschiedenen Ländern müssen sie ganz von vorne anfangen, neue Sprachen lernen und sich auf neue Kulturen einlassen.
Viele ihrer Freunde leben in ähnlichen Ausnahmesituationen, inmitten von Menschen, die sich nicht im Entferntesten vorstellen können, was sie durchgemacht haben. Sie fühlen sich sehr oft einsam und unverstanden. In dem allem erleben sie aber auch Gottes Nähe und Fürsorge.
3 Auf dem Wasser gehen
Der Platz, an den Gott dich ruft,
ist dort, wo deine tiefste Beglückung
und der ungestillte Hunger der Welt
aufeinandertreffen.
Frederick Buechner
Ich lachte. Es hat ganz tief in mir begonnen und perlte nun geradezu von meinen Lippen. Jedes Mal, wenn ich nach oben flog, brach neue Freude sich überschwänglich Bahn. Ich flog durch die Luft, mein langes Haar tanzte gemeinsam mit den flatternden Rockschößen meines weißen Kleides. Höher und höher schaukelte ich unter dem grünen Blätterdom, durch den flirrend die Sonne schien. Es war einfach herrlich.
„Shaya!“
Abrupt wurde mein Schaukeln unterbrochen. „Kleine Shaya, wach auf!“ Unbarmherzig landete ich auf dem Boden.
Mühsam versuchte ich, meine Augen aufzumachen. Vom Flur drang ein schmaler Lichtstreifen ins Zimmer, meine Mutter stand groß und dunkel in der Tür. „Shaya, beeile dich, steh rasch auf und wasche dich. In fünf Minuten gehen wir.“
Sobald meine Mutter wieder verschwunden war, fielen mir die Augen erneut zu. Wieder befand ich mich unter dem zartgrünen Blätterdach. Doch eine Wolke hatte sich halb vor die Sonne geschoben. Die Schaukel, auf der ich eben noch gesessen hatte, schwang einsam aus.
„Shaya, wenn du nicht gewaschen bist, kannst du nicht zu Gott kommen. So schmutzig, wie du bist, darf man das Haus Gottes nicht betreten.“
Suchend drehte ich meine Hände hin und her. Jetzt war ich hellwach. Schmutz konnte ich keinen entdecken. Rasch schlüpfte ich in meine Pantoffeln und ging in den Flur. „Der Allmächtige sieht alles, geh und wasch dich!“
Meine Mutter schob mich ins Badezimmer und wusch meine Fingerchen. Es war vier Uhr in der Frühe, und ich war eben fünf Jahre alt geworden.
Ich hörte die Stimme meines Vaters von seinem Bett her: „Frau, lass doch die Kinder schlafen. Was soll das, in ihrem Alter schon Fasten und Beten?! Das ist doch ungesund. Sie brauchen ihren Schlaf!“
Meine Mutter hörte nicht auf ihn. Sie sorgte dafür, dass meine vier Geschwister und ich pünktlich beim Beten waren. Sie schien einen Schwur geleistet zu haben, mit allen Mitteln eine gute und Gott wohlgefällige Mutter zu sein. Das sah sie als ihre heilige Pflicht.
An Mutter sah ich schon als Kleinkind, was eine Frau zu tun und zu lassen hatte. Viel zu schnell verlangte sie dieses Betragen auch von mir, und ich konnte kein unbeschwerter Wildfang mehr sein, wie mich mein Vater manchmal zärtlich nannte. An meinem neunten Geburtstag legte meine Mutter mir einen nachtblauen Schal um die Schultern und zog ihn über mein Haar. „Wie gefällt dir diese Farbe, Shaya?“
Zaghaft nickte ich und starrte mein Spiegelbild an. Das sollte ich sein? Nun durften mich, außer meinem Vater und meinen Brüdern, keine Männer mehr ohne den Hijab sehen. Doch manchmal passierte es einfach trotzdem. Oft, wenn ich mit meinen großen Brüdern übermütig durchs Haus tollte, tauchte etwa unerwartet mein Onkel bei uns auf und brachte meine Cousins zum Spielen vorbei. Dann musste ich ab jetzt mein Haar bedecken und das sittsame Mädchen sein, was so gar nicht zu mir passen wollte.
„La ilaha illa Allah – Es gibt keinen Gott außer Allah!“ Wir beugten uns im Rhythmus der Verse, gemeinsam intonierten wir die „shahada“. Ich lag auf den Knien, gleich neben mir meine Schwester. Fünfmal am Tag sprachen wir mit den anderen Frauen im Gebetshaus das Glaubensbekenntnis. Wir beteten nicht nur pflichtgetreu, sondern fasteten auch und spendeten Geld für die Armen. Erfuhr ich von einem religiösen Programm, war ich garantiert dabei. Ich wünschte mir von Herzen, Gott zu gefallen und rechtschaffen zu sein. Außerdem sollte jeder, der mich kannte, gut von mir denken. Ich war eine gerechte junge Frau, an der selbst Gott nichts auszusetzen haben konnte.
Gott verlangte wirklich viel von mir, und meine Mutter hatte sich zu seinem Sprachrohr gemacht. Weinend lag ich auf meinem Bett, meine Schwester massierte mir den Rücken. „Schh, schh, Shaya, ist ja gut, ist ja gut.“
„Fatima, was ist mit meinen Träumen? Jahrelang habe ich mir ausgemalt, Stewardess zu werden. Ich wollte Sprachen lernen, um die ganze Welt reisen! Und nun will Mutter, dass ich heirate!“
„Wende dich an Vater, er wird ein gutes Wort für dich einlegen!“
„In diesen Dingen hat Mutter das letzte Wort, das weißt du. Sie sagt, es gehöre sich nicht, ein Mädchen in meinem Alter allein auf der Straße …“ Ich schniefte. „Mutter sagt, es sei höchste Zeit, dass ein Mann auf mich aufpasst.“
In mir wirbelte alles durcheinander. Ich war 17 Jahre alt, und der Mann, den Mutter ausgesucht hatte, war furchtbar alt, 31! Das hieß, ich musste vor dem Schulabschluss die Schule abbrechen und zu seiner Familie ziehen. Ich kannte diese Menschen nicht, ich hatte sie höchstens einmal von Weitem in der Moschee gesehen. Das durfte einfach nicht wahr sein! Innerlich sträubte sich alles gegen diesen Gedanken.
Es schrie unaufhörlich. Unbeholfen trug ich mein Baby auf und ab. Sang ein wenig, gab ihm die Brust, zeigte ihm Bilder und sprach auf es ein. Ich spielte damit, wie mit einer Puppe. Es beruhigte sich einfach nicht.
Mein Leben als Frau und neuerdings als Mutter war ein Albtraum, dem ich einfach nicht entrinnen konnte.
Ich starrte das Baby an, dies war mein Sohn! Ich musste ihn versorgen, stillen, Windeln wechseln, in den Schlaf wiegen – wie sollte das bloß gehen? Vom Sofa aus beobachtete mich meine Schwiegermutter. Sicher hatte sie gleich wieder etwas an mir auszusetzen. Seit ich in dieses Haus gekommen war, bestimmte sie oder ihre Töchter, was ich zu tun und zu lassen hatte. Nicht einmal zum Beten in die Moschee konnte ich mehr gehen. Darauf legte hier keiner wert, mein Mann schon gar nicht.
Es war einfach alles anders, als ich es von zu Hause gewohnt war.
Wie ich vermutet hatte, war mein Vater zwar gegen diese frühe Heirat gewesen, aber hatte sich nicht gegen meine Mutter durchsetzen können. Sie war der Auffassung, eine fromme Frau habe früh zu heiraten, Kinder zu bekommen und ihren Mann zu ehren und zu versorgen. Da ich ein Gott wohlgefälliges Leben führen wollte, willigte ich ein, wenn auch sehr widerstrebend. Als ich mich Mutter gegenüber beklagte, machte sie mir sehr deutlich klar, dass ich an Scheidung und Rückkehr nach Hause nicht zu denken brauchte.
Daher klammerte ich mich an meinen Glauben, las fromme Bücher und betete nun zu Hause alleine fünfmal am Tag. Es war der einzige Halt, den ich hatte. Meinem Mann, ich nannte ihn heimlich „den Alten“, lag wenig an Religion. Ich sehnte mich danach, meine Gedanken und mein Leben mit ihm zu teilen. Doch wir hatten nichts gemeinsam. Ich wünschte, wir könnten unsere Sorgen miteinander teilen. Doch er interessierte sich nicht für mich. Was er tat und wohin er ging, davon erfuhr ich nur selten etwas.
Dann glaubte ich, es würde alles anders. „Shaya, ich muss mit dir reden!“
Ich war aufgeregt. Endlich besprach der Alte einmal etwas nur mit mir alleine und nicht im Beisein seiner Mutter und Brüder. Wie oft hatte ich ihn darum gebeten.
„Shaya, ich habe alles verkauft. Dieses Land nimmt mir die Luft zum Atmen. All unser Geld habe ich einem Mann gegeben, der uns in die Türkei bringen wird.“ Er sah mich durchdringend an. „Dort werden wir uns ein völlig neues Leben aufbauen. Unsere Kinder werden eine Zukunft haben. Pack das Nötige ein, morgen früh um fünf Uhr geht es los.“
Ein flüchtiger Kuss, schon fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Hektisch fing ich an zu packen, innerlich wie versteinert. Alles in mir schrie: Bin ich denn kein Mensch? Warum befiehlt er mir einfach nur, was ich zu tun habe? Nie werde ich nach meinen Wünschen gefragt, nie habe ich auch nur irgendetwas zu sagen. Bin ich denn eine Marionette, die einfach perfekt zu funktionieren hat?
Etwas in mir war zerbrochen.
Mir war speiübel. In jeder anderen Situation hätte ich diesen Tag genossen. Blauer Himmel, weißer Sandstrand, lustige Schaumkronen auf den heranrollenden Wellen. Meer bis zum Horizont. Aber nicht heute.
Fest hielt ich meine beiden Kinder umklammert. Wir waren nicht im Urlaub. Wir waren auf der Flucht, illegal.
Der schmale Kutter war überfüllt mit Menschen. Dicht an dicht saßen wir auf schmalen Holzbänken, manche neben Beuteln, Säcken und Koffern auf dem Boden. Für die Wenigsten hatte der Kapitän eine Rettungsweste gehabt. Ich war wütend und hatte Angst. Aufgebracht starrte ich den Rücken meines Mannes an. Was würde mir die Ehe mit diesem Mann noch alles aufzwingen?
Jäh schreckte ich aus meinen heillosen Gedanken auf. „Mama, was ist das für ein Schiff?“ Wo? Suchend sah ich mich um. Vergaß für einen Augenblick meinen Frust. In rasender Geschwindigkeit näherte sich ein Boot. Schon schallte durchdringend eine Sirene über die dunklen Wellen. Die Männer sprangen auf, wild gestikulierend riefen sie unserem Kapitän zu, er solle Gas geben, irgendetwas tun. Doch es war natürlich aussichtslos. Die türkische Küstenwache hatte uns entdeckt und zwang uns, umzudrehen. Der unergründliche Blick meines Mannes traf mich. Seine Pläne waren buchstäblich ins Wasser gefallen.
War das die Strafe Gottes? Er sah alles, ganz sicher auch mein von Hass erfülltes, wütendes Herz.
Noch immer war ich jeden Morgen aufgeregt wie ein kleines Kind. Ich ging arbeiten! Und ich genoss es. Jede Minute. Wenn ich meinen Kundinnen die Haare wusch, diese sorgfältig schnitt und anschließend föhnte. Oder wenn ich Strähnchen färbte und die Damen beriet, die Farbe zu wählen, die ihren Teint vorteilhaft zur Geltung brachte. Ich brachte geschickt ihre Brauen in Form und bot ihnen Schönheitstattoos an. Wer hätte das gedacht? Ich fühlte mich wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser.
Durch unsere unüberlegte Flucht waren wir in eine finanzielle Zwangslage gekommen. Mein Mann hatte seinen gesamten Besitz veräußert, um die Schleuser zu bezahlen, doch unsere Flucht war gründlich schiefgegangen. Wir hatten alles verloren und mussten zu Hause wieder ganz von vorne beginnen. Obwohl es sich in den Augen unserer Eltern nicht gehörte, dass eine Frau arbeiten ging, war es nun einfach nicht anders möglich. Wir waren darauf angewiesen, dass ich mitverdiente.
Wenn ich nach der Arbeit im Salon meine Kinder abholte, ging ich mit ihnen auf den Spielplatz. Manchmal kaufte ich ihnen ein Eis oder etwas anderes zum Naschen und spielte mit ihnen. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchfloss mich. Zum ersten Mal hatte ich selbst verdientes Geld in den Händen, mit dem ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Egal, ob meine Mutter oder Gott das für schicklich hielten.
Hatte ich jemals Schmetterlinge im Bauch gespürt? Vermutlich war auch das alles andere als sittsam. Schritt für Schritt war es dem „Alten“ und mir gelungen, uns aus der Misere herauszuarbeiten, und wir waren dabei völlig auf uns allein gestellt gewesen. Anfangs hatte mein Mann mit mir geredet, mich einbezogen in seine Entscheidungen. Doch schon war er immer länger weggeblieben und wieder in sein gewohntes Verhalten zurückgefallen. Ich verdiente inzwischen so gut, dass meine Kinder und ich auch ohne ihn über die Runden kamen. Er behauptete zwar, mich zu lieben, doch ich fühlte nichts als eine graue, kalte Wand, wenn ich an ihn dachte. Vor zwei Jahren hatte ich mich scheiden lassen, es war eine Trennung in gegenseitigem Einvernehmen gewesen.
Mein neuer Kollege war ein ernster, höflicher Mann. Doch wenn sich unsere Blicke trafen, schenkte er mir jedes Mal ein Lächeln, das meine Tage heller machte. In seiner Gegenwart fühlte ich mich wie eine Frau. Begehrenswert, schön und wert, geliebt zu werden. Nie zuvor hatte ich so etwas erlebt. Warum sollte ich die Liebe nicht einfangen, wenn sie sich auf meiner Schwelle niederlassen wollte? Ich sagte Ja, als er mich fragte. Wollte es wagen, meine Geschicke den Händen eines Mannes anzuvertrauen, den ich liebte. Was konnte schon schiefgehen? Schließlich liebte er mich doch.
Shaya, dreh’ den Gashahn auf, dann ist das ganze Elend endlich vorbei. Ich hatte dieses Leben so satt. Nacht für Nacht wälzte ich mich stundenlang in meinem Bett, bevor ich in einen unruhigen Schlaf fiel. Ich verstand mich selbst nicht. Ich hatte den Mann meiner Träume geheiratet. Frey trug mich auf Händen, las mir beinahe jeden Wunsch von den Lippen ab und kümmerte sich rührend um mich. Und trotzdem war ich nicht glücklich. Am Morgen wachte ich übernächtigt auf und schleppte mich kraftlos zur Arbeit. Was war bloß los mit mir? „Gott, ich verstehe das nicht. Ich war unglücklich, weil ich den Alten nicht mochte. Frey liebe ich, und trotzdem habe ich kein Glück. Mein Leben ist ein einziges Chaos. Warum bloß?“
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber keine Rettung ist in Sicht,
ich rufe, aber jede Hilfe ist weit entfernt!
Mein Gott! Ich rufe am Tag, doch du antwortest nicht,
ich rufe in der Nacht und komme nicht zur Ruhe.
Psalm 22,2-3 (NGÜ)
Ich begann, geistliche Schriften zu lesen und versuchte, Verse aus dem Koran zu beten, auch wenn ich sie kaum verstand. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Mein Leben ist dunkel. Gleich einem Abgrund, der mich zu verschlingen droht. Hör mein Schreien und hilf mir …“
Es war zwei Uhr in der Frühe, und ich konnte wieder einmal nicht schlafen. Ich holte mir ein Heft hervor und schrieb die Worte aus dem neu entdeckten Buch ab, um sie auswendig zu lernen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Hilf mir.“
Die Worte sprachen mir direkt aus der Seele. Kannte der Schreiber mich? Ich war verzweifelt. Genau wie die Perlen der Tasbih unaufhörlich durch meine Finger flossen, drehten sich meine Gedanken und fanden keine Ruhe. Ohne meine Gebetskette war ich nirgends mehr anzutreffen.
„Warum hast du mich in diese Lage gebracht, Gott? Warum macht mir mein Stiefsohn Ärger und plagt mich in seiner Eifersucht, bis ich nicht mehr kann? Warum sagt meine Mutter, ich sei selbst schuld? War es nicht sie, die mich damals gegen meinen Willen mit dem Alten verheiratet hat? Warum reicht uns das Geld nicht? Was hat das alles für einen Sinn? Was soll ich bloß tun? Gott! Bitte.“
Der Ärger lauerte mittlerweile in mir wie ein wütender Köter an seiner Kette, der beim geringsten Anlass hervorspringt und sich die Kehle heiser kläffte. Ich war des Lebens so müde.
Trotzdem zwang ich mich, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen. Bevor ich zum Gebet in die Moschee ging, badete ich, legte Make-up auf und frisierte mich. Dann hüllte ich meine Schönheit sorgfältig in den Hijab.
Selbst Gott will mich nicht so sehen, wie ich bin. Diese Erkenntnis traf mich eines Morgens wie ein Fausthieb direkt ins Gesicht. Ich brach weinend zusammen. Jeden, der mir in die Quere kam, schrie ich wütend an. Mechanisch zwang ich mich weiterzumachen, doch der Hund an der Kette war ein wildes Ungeheuer. Eisern versuchte ich, mich zusammenzureißen, ihn zu bezähmen. Trotzdem gingen mir meine Kinder scheu aus dem Weg.
„Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Mein Leben ist dunkel. Gleich einem Abgrund, der mich zu verschlingen droht. Hör mein Schreien und hilf mir …“
Wieder und wieder las ich diese Worte. Sie verschafften mir seltsamen Trost.
Ich bezahlte meine Fahrkarte und ging hoch aufgerichtet durch den Mittelgang. Ich ließ mich auf einem freien Sitzplatz nieder. Bleich und abgemagert starrte mich in den Scheiben des Busses mein Spiegelbild an, während draußen die Landschaft vorbeizog. Wie viele Jahre war es her, dass ich alleine mit dem Bus nach S. gefahren war? Immer noch wunderte ich mich, dass mein Mann mir erlaubt hatte, alleine zu fahren.
Tags zuvor hatte ich meinen Bruder angerufen und ihn gebeten, mir zu helfen. Er holte mich am Bus ab, und zusammen fuhren wir zu seiner Wohnung. Während er seinen Wagen durch den dichten Nachmittagsverkehr lenkte, musterte ich ihn von der Seite. Mein großer Bruder hatte sich verändert. Sein Gesicht war weicher geworden. Er war ein starker Raucher gewesen, hatte ständig zu viel getrunken und eine Menge Probleme gehabt. Doch das war nicht der Grund dafür, dass meine Familie den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte. Eines Tages hatte meine Mutter mich angerufen und mir verboten, weiter mit meinem Bruder zu sprechen oder ihn zu besuchen. Er hätte sich von Gott abgewandt und sei Christ geworden, lautete ihre knappe Begründung. Da ich meine eigenen Sorgen hatte, machte ich mir keine weiteren Gedanken darüber. Ich gehorchte Mutter, ohne ihre Argumente infrage zu stellen. Wer sich mit Christen abgab, machte sich unrein. Und zudem könnte ich mich und meine Kinder mit einem christlichen Onkel in Lebensgefahr bringen. Doch nun brauchte ich ihn dringend, es war mir egal, was die Leute dazu sagen würden.
„Lieber Bruder, du bist der Einzige, der den ‚Alten‘ dazu bringen kann, mir Geld zu bezahlen.“
Ich versuchte meinem Bruder zu schmeicheln und lehnte meinen Kopf an seine Schulter. „Es ist ja nicht für mich, sondern für meine Kinder. Mehr will ich gar nicht. Er hat sich seit Jahren nicht um uns gekümmert. Es ist nicht mehr als recht und billig, dass er Unterhalt für sie bezahlt.“
„Lass das Gott in Ordnung bringen.“
Gott? Was für eine seltsame Antwort aus dem Mund meines großen Bruders, dem es doch sonst nie an prahlerischen Worten gemangelt hatte. Schon wieder fühlte ich Ärger in mir aufsteigen.
„Das kann auch Gott nicht in Ordnung bringen.“
Unablässig betete und schrie ich doch schon zu Gott, auch jetzt hatte ich meine Tasbih, die Gebetskette, bei mir und ließ sie pausenlos durch meine Finger gleiten. Ich versuchte dem Allmächtigen zu gefallen, doch das gelang mir ganz offensichtlich nicht. Es schien, als wären Gottes Ohren taub.
Dass er längst unterwegs zu mir war, ahnte ich nicht.
„Es tut mir leid, dass du so traurig bist, Shayah.“ Leila, die Frau meines Bruders, nahm mich bei meiner Ankunft herzlich in ihre Arme und küsste mich. Dann führte sie mich in ihr Wohnzimmer, in dem es nach meinem Lieblingsgericht duftete. Tatsächlich gab es Fisch mit Safranreis! Während wir aßen, berichtete ich den beiden von meinem Leben in I.
Einmal fragte mein Bruder: „Möchtest du mit mir einen Hauskreis besuchen?“ Da ich immer aufgeschlossen für Neues bin und neugierig war, ging ich zusammen mit Leila und meinem Bruder dorthin.
Lieder und Gebete empfangen uns.
„Shaya, heute wirst du an Jesus glauben.“
Lachend wehre ich die Worte des Pastors ab, fühle mich etwas überrumpelt. „Ich bin doch Muslima.“
Obwohl ich noch nie unter Christen gewesen bin, beginne ich mich zu entspannen. Ich bin einfach da und sehe ihnen zu. Die Musik im Fernsehen gefällt mir. Alle singen mit und preisen Gott. Danach beten sie füreinander, so etwas kenne ich überhaupt nicht. Ich überlege: Zu ihnen zu gehören würde bedeuten, von der eigenen Familie verstoßen zu werden, so wie mein Bruder. Hinter vorgehaltener Hand würden die Leute tuscheln: „Shaya ist schmutzig, haltet euch fern von ihr.“
Inzwischen verteilen sich alle im ganzen Raum, stehen oder sitzen in kleinen Gruppen beieinander und unterhalten sich ungezwungen. Wir trinken Tee, und es gibt Obst dazu.
„Heute wirst du deine Knie vor Jesus beugen.“
Warum kann mich dieser Pastor nicht in Ruhe lassen?
„Hey, du kannst mich nicht zwingen.“
„Shaya, probiere es doch mal eine Woche aus, mit Jesus zu leben. Und lade ihn ein, dein Gast zu sein. Wenn du dich gut fühlst, dann gib Jesus dein Leben. Einen Versuch könnte es wert sein, oder?“
Das ist eigentlich keine schlechte Idee. Was habe ich schon zu verlieren? Schließlich wird es niemand merken, ob ich es eine Woche mit Jesus versuche.
„Gerne würden wir für dich beten, Shaya. Möchtest du das?“
Etwas zögerlich nicke ich und knie mich auf dem Fußboden nieder. Neben mir steht Leila, fest hält sie meine Hand. Der Pastor legt mit seiner Hand auch seine Bibel auf meine Schulter. Langsam spreche ich ihm das Gebet nach, das er mir vorbetet. Auf meiner Schulter wird es beinahe unerträglich heiß. Legt Jesus selbst mir gerade die Hand auf? Als der Pastor seine Hand wegnimmt, ist mir alle Last, die ich seit Wochen oder gar Jahren mit mir herumtrage, abgenommen. So gut, so leicht, habe ich mich schon ewig nicht mehr gefühlt.
Die Leichtigkeit fiel auch dann nicht ab, als wir nach Hause fuhren. Beim Abendessen berichteten mir Leila und mein Bruder abwechselnd, was sie mit Jesus erlebt hatten. Wie er ihr Leben lebenswert gemacht hatte.
Ich nahm das Neue Testament, das mir Leila schenkte, mit in mein Zimmer. Es sollte sich dabei um den Teil der Bibel handeln, in dem am meisten über Jesus steht. Und ich begann darin zu lesen. Zufällig stieß ich auf eine Geschichte, in der Jesus über das Wasser geht. Es ist bereits Nacht, und Freunde von Jesus, in diesem Buch werden sie als seine Jünger bezeichnet, haben fürchterliche Angst. Sie dachten, Jesus wäre ein Gespenst.
Irgendwann schlief ich wohl über dem Lesen ein. Zum ersten Mal seit meiner Scheidung, ohne zuvor ein Schlafmittel eingenommen zu haben.
„Shaya, komm.“
Ich stehe am Ufer, Wasser umspült angenehm meine nackten Füße. Aus der Dunkelheit kommt mir ein großer, weiß gekleideter Mann entgegen. Über das Wasser geht er auf mich zu, seine Hand ist freundlich nach mir ausgestreckt. „Komm Shaya, komm. Hab keine Angst.“
Noch zögere ich, doch dann kann ich einfach nicht anders, als ihm entgegenzugehen. Ich gehe auf dem Wasser.
„Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was für ein Wasser das ist, in das man nicht einsinkt. Ich fühlte mich so wunderbar gut und leicht!“
Aufgeregt erzählte ich Leila am Morgen von meinem Traum.
„In der Bibel hat Jesus seinen Freund Petrus gebeten, über das Wasser zu ihm zu kommen. Sieh her, hier lese ich dir diese Stelle vor:
Das Boot mit den Jüngern war inzwischen weit draußen auf dem See.
Der Wind trieb ihnen die Wellen entgegen und machte ihnen schwer zu schaffen.
Im letzten Viertel der Nacht kam Jesus auf dem Wasser zu ihnen.
Als die Jünger ihn auf dem Wasser gehen sahen, erschraken sie und sagten:
„Ein Gespenst!“, und schrien vor Angst.
Sofort sprach Jesus sie an: „Fasst Mut! Ich bin‘s, fürchtet euch nicht!“
Da sagte Petrus:
„Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!“
„Komm!“, sagte Jesus.
Petrus stieg aus dem Boot, ging über das Wasser und kam zu Jesus.
Als er dann aber die hohen Wellen sah, bekam er Angst. Er begann zu sinken und schrie: „Hilf mir, Herr!“
Sofort streckte Jesus seine Hand aus, fasste Petrus und sagte:
„Du hast zu wenig Vertrauen! Warum hast du gezweifelt?“
Dann stiegen beide ins Boot, und der Wind legte sich.
Matthäus 14,24-32 (Gute Nachricht Bibel)
„Dann war es Jesus, der mich gerufen hat! Ich habe Jesus gesehen!“
Begeistert klatschte ich in die Hände! Jesus sprach zu mir!
Langsam begriff ich, er kümmerte sich tatsächlich um mich. Ich musste meine Sorgen nicht länger alleine tragen! Ausführlich besprach ich in den nächsten vier Tagen alles mit meinem Bruder und meiner Schwägerin. Sie lasen in der Bibel und beteten mit mir. Ich wurde immer ruhiger. Schließlich sah ich mich in der Lage, meinen Ex-Mann anzurufen. Ohne ihm Vorwürfe zu machen, bat ich ihn, Unterhalt für die Kinder zu zahlen. Dann fuhr ich wieder zurück nach Hause.
Und das Unfassbare geschah! Schon wenige Tage später rief mich der „Alte“ an, um mir mitzuteilen, er habe Geld für die Kinder überwiesen.
Ich spürte, wie meine Kinder mich heimlich beobachteten. Frey legte eines Abends seine Arme um mich: „Shaya, was ist mit dir passiert? Du bist so anders! So ruhig und liebevoll zu uns allen. Selbst wenn die Jungen frech sind, reagierst du nicht mehr wütend. Wir kennen dich gar nicht mehr!“ Lachend wirbelte er mich herum: „Die neue Shaya gefällt mir!“
Abends kuschelten meine Kinder plötzlich mit mir. War Frey nicht da, las ich ihnen die Geschichte vor, wie Jesus über das Wasser ging. Ich schloss immer mit den Worten: „Jesus können wir vertrauen, er liebt uns!“
Innerhalb weniger Tage hatte sich mein Leben zum Guten verändert. Ich entschloss mich, den Koran und die anderen religiösen Schriften wegzuwerfen. Stattdessen las ich viele Stunden lang in der Bibel. Ich war unersättlich. Matthäus 6, die Verse 25 und 26 wurden meine Lieblingsstelle:
Deshalb sage ich euch:
Macht euch keine Sorgen um das,
was ihr an Essen und Trinken zum Leben und an Kleidung für euren Körper braucht.
Ist das Leben nicht wichtiger als die Nahrung, und ist der Körper nicht wichtiger als die Kleidung?
Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte,
und euer Vater im Himmel ernährt sie doch.
Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?
Matthäus 6,25-26 (NGÜ)
Dann kam der Tag der Wahrheit. „Shaya, sag mir die Wahrheit, bist du Christ geworden?“ Ich trug eine Wasserschüssel ins Zimmer und bat Frey, Platz zu nehmen. „Ich habe Jesus erlebt, als ich bei meinem Bruder war. Wir haben gebetet, und Jesus hat mir ein neues, ruhiges Herz gegeben. Das hat mir geholfen, dass ich beim, Alten‘ anrufen konnte und er uns nun unterstützt. Ich muss Jesus einfach folgen. Mein ganzes Leben lang habe ich mich abgemüht, rechtschaffen und rein zu sein. Zu Jesus darf ich aber genau so kommen, wie ich bin, er ist es, der mich rein macht. Er hat mir alles vergeben. Deshalb möchte ich dich auch um Vergebung bitten. Als Zeichen dafür möchte ich dir deine Füße waschen, darf ich?“
Ich sah ihn erwartungsvoll an, mein Herz war mit einer ganz neuen Liebe zu ihm erfüllt.
„Gott sei Dank, dass du nicht mehr im Koran liest und endlich die Gebetskette weggelegt hast. Wie gesagt, du gefällst mir so viel besser.“
Shayas Beziehungen zu ihrem Mann und ihrem Stiefsohn besserten sich nun täglich. Sie gründeten in ihrem Haus einen Hauskreis, zu dem sie Freunde einlud. Bei ihren Treffen mussten sie sehr vorsichtig sein.
Dies ging einige Jahre gut, und auch ihre Tochter fand zum Glauben an Jesus Christus. Darüber war der „Alte“ so erzürnt, dass er die Hausgemeinde ihres Bruders anzeigte.
Frey war außer sich vor Sorge und machte ihr zusätzlich Druck.
Die Adressen aller christlichen Freunde fielen bei einer Razzia in die Hände der Geheimpolizei. Innerhalb weniger Tage musste Shaya mit ihrer Tochter das Land verlassen.
Ich sah gelassen auf das Meer hinaus. Blauer Himmel, weißer Sandstrand, winzige Schaumkronen auf den heranrollenden Wellen, Meer bis zum Horizont. Dieses Bild erinnerte mich an einen Tag vor vielen Jahren, als die Kinder noch klein gewesen waren und der Alte uns gegen unseren Willen hierhergebracht hatte.
Auch dieses Mal waren wir nicht im Urlaub. Erneut waren wir auf der Flucht, illegal. Um mich herum drängten sich Menschen. Ihre Gesichter waren vor Sorge und Angst bleich und verzerrt. Ich kümmerte mich um eine Frau, die alleine mit ihren Kindern die Fahrt über das Mittelmeer unternehmen musste.
„Warum bist du so ruhig?“ Fragend sah mich die Frau an, als wir endlich einen Platz auf dem Boot gefunden hatten. Unablässig murmelte sie: „Allah, hilf uns! Du musst zu Hossein beten, Shaya! Warum hast du keine Angst?“
„Unser Leben und die Überfahrt liegen in Gottes Hand, darum ich habe keine Angst. Ich weiß, Gott ist immer bei uns. Ich habe ihm alle meine Sorgen anvertraut, und nun ist es gut.“
Wir nahmen Kurs auf das offene Meer hinaus. Ich sah zum Himmel und zu den kleinen weißen Wolken hinauf. In meinem Herzen sprach ich mit Jesus. Ich brauchte keine Rituale, keinen Hijab und keine Waschungen mehr, bevor ich zu Gott kommen konnte. Ich durfte in meiner Sprache mit ihm reden und musste keine Worte benutzen, die ich nicht verstand. Direkt und unmittelbar unterhielt ich mich mit ihm, und er hörte mich und sprach auch zu mir. Früher hatten, wie bei der Frau neben mir, immer andere Menschen zwischen mir und Gott gestanden.
Wie oft hatte ich mich bemüht, Gott zu gefallen? Und trotzdem hatte ich mich immer sündig und schmutzig gefühlt und gedacht, er sei sauer auf mich. Also strengte ich mich noch mehr an, ein guter Mensch zu sein. Aber weil ich das nicht geschafft habe, war ich ständig unzufrieden. Jetzt weiß ich, dass Gott mich liebt, wie ich bin, und nicht mehr sauer auf mich ist.
Shaya und ihre Tochter haben die Überfahrt wohlbehütet überstanden. In verschiedenen Flüchtlingslagern und Übergangswohnungen lebt sie bis heute Tür an Tür mit Menschen, die ihren Glauben verachten. Teilt mit ihnen Küche und Badezimmer, und an manchen Tagen überfällt sie die nackte Panik.
„Komm, vertrau mir! Sorge dich nicht!“
Diese Worte Jesu sind es, die sie tagtäglich durchtragen.
Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer, die nicht wussten, wer er war, herantrat. Er sagt dasselbe Wort: Du aber folge mir nach!
Albert Schweizer, Theologe und Arzt
Es kommt die Zeit, da schicke ich euch eine Hungersnot.
Aber nicht nach Brot werdet ihr hungern und nicht nach Wasser verlangen.
Nein, nach einem Wort von mir werdet ihr euch sehnen!
Dann irren die Menschen ruhelos durchs Land, vom Toten Meer bis zum Mittelmeer, vom Norden bis zum Osten.
Doch ihre Suche wird vergeblich sein:
Ich, der HERR, antworte ihnen nicht.
Auch die schönen Mädchen und die jungen Männer werden an jenem Tag vor Durst zusammenbrechen.
Amos 8,11-13 (HfA)
4 Pink
Doch dann werde ich versuchen, sie wiederzugewinnen:
Ich will sie in die Wüste bringen und in aller Liebe mit ihr reden.
Hosea 2,16 (HfA)
Sue legte Lidschatten, verschiedene Lippenstifte und Cremes bereit, zusammen mit dem weißen Kajal für die Wasserlinie und dem Augenbrauenpuder. Die dunkelhaarige Dame mittleren Alters eilte in ihrem Atelier hin und her. Sue war nicht wie all die anderen Schönheitsberaterinnen, da war sie sich sicher. Sie war eine ganz besondere. In Gedanken bei den Kundinnen, die in einer knappen halben Stunde eintreffen würden, verglich sie sorgfältig ihre Farbpaletten. Alles musste perfekt stimmen. Musste hundertprozentig abgestimmt sein auf den Teint der Haut und die Farben des Kleides, die Haare und die Blumen. Sue war auf Hochzeits-Make-ups spezialisiert und gab sich nicht mit weniger zufrieden, als dass Braut und Brautmutter sich am Hochzeitstag als die schönsten Frauen der Welt fühlten. Von Schönheit konnte Sue einfach nicht genug kriegen. Sie war regelrecht süchtig danach. Doch das gestand sie sich kaum selbst ein.
Nun musste noch das Wachsbad für die Hände eingesteckt werden, damit es genau die richtige Temperatur bekam, und eine neue Packung Einwegwaschlappen bereitgelegt werden.
Zufrieden blickte sich Sue in ihrem apricotfarbenen Zimmer um, dem „Himmelreich für Bräute“, wie sie es beinahe zärtlich nannte. Sie würde den Damen einen Kaffee servieren, dann würde alles perfekt sein.
Jetzt ließ Sue sich erst mal auf dem Friseurstuhl nieder. Ihre Augen blieben an ihrem Lieblingsbild hängen, das sie gut sichtbar aufgehängt hatte: Marijam mit dem Jesus-Baby auf dem Arm.
Immer, wenn sie es ansah, regte sich eine Sehnsucht in ihr, genauso schön und rein zu sein wie Marijam. Kritisch betrachtete sie jetzt ihr Spiegelbild und schob eine Locke hinter ihr Ohr.
Ihre Gedanken gingen zurück zu ihrer eigenen Hochzeit.
Sie war zu jung gewesen. Hatte nichts über sich selbst, die Liebe oder gar Männer gewusst. Kein Wunder, dass es nicht funktioniert hatte. Trotzdem war es traurig. Ob es anders gekommen wäre, wenn sie noch zwei, drei Jahre gewartet hätte? Sicher! Jetzt hörte sie, wie ihre Kundinnen das Vorzimmer betraten. Noch schnell romantische Musik einschalten, und dann konnte es losgehen.
Das Braut-Mädchen erinnerte sie stark an sich selbst. Vor einigen Tagen, beim Beratungsgespräch, hatte sie ihr die Augenbrauen tätowiert, bevor sie gemeinsam die Frisur ausprobiert und die passenden Farben für das Make-up zusammengestellt hatten. Dabei hatte sie viel über das Mädchen erfahren, das, wie so viele, ihren Mann kaum kannte. Sue wünschte der knapp 16-jährigen Braut, dass sie bei ihrer Hochzeit noch einmal ihre Schönheit feiern könnte, denn in Zukunft würde sie diese meist verstecken müssen.
Die nächsten vier Stunden arbeitete Sue konzentriert. Sie wollte ihrerseits alles tun, dass das Mädchen einen wunderbaren Tag hatte.
Nachdem Brautmutter und Tochter gegen Mittag von einer Luxuslimousine abgeholt worden waren, schminkte Sue sich selbst sorgfältig. Dann hüllte sie sich in ihren Hijab und eilte zum Gebet in die Moschee. Das war ihr wichtig. Anschließend würde sie ihr „Himmelreich“ wieder salonfähig machen, und dann könnte sie endlich nach Hause gehen.
Diesen Monat arbeitete sie nur halbtags, denn sie fastete. Gott zu suchen war ihr wichtig, und dies war der einzige Weg, den Sue kannte.
Sue hat entsetzlichen Durst. Doch weit und breit gibt es hier kein Wasser. Trocken klebt ihr die Zunge am Gaumen. Unaufhörlich rinnt ihr der Schweiß die Stirn und den Rücken hinab. Ihre Füße finden im Sand keinen Halt, mühsam kämpft sie sich vorwärts durch die Einöde. Die Sonne steht senkrecht, nirgends ist eine Wolke zu sehen, und weit und breit gibt es keinen Schattenplatz. Die hoch aufragenden Felswände, an denen ihr Weg nun vorbeiführt, strahlen zusätzlich Hitze ab. Wenn sie nicht bald Wasser findet, wird sie hier draußen elend sterben.
Ihr Blick tastet verzweifelt suchend die zerklüftete Wand ab und bleibt an einem Vorsprung hängen. Vielleicht kann sie sich dort etwas ausruhen? Sie muss es versuchen. Als sie näherkommt, entdeckt sie tatsächlich eine unterirdische Höhle. Die Hände ausgestreckt tastet sie sich hinein. Ob es hier Wasser gibt? Langsam gelingt es ihr, im Dunkeln etwas zu erkennen. Befindet sie sich etwa im Grab von Marijam? Ihr Bild hängt groß gegenüber des Höhleneingangs. Marijam ist darauf von überwältigender Schönheit.
Sue geht näher, solch ein Bild hat sie noch nie von ihr gesehen. Plötzlich beginnt ein Licht zu strahlen und den Höhlenraum zu erhellen. Die Gestalt eines Mannes löst sich aus dem Bild. Er ist nicht wie ein Araber, sondern wie ein Römer gekleidet. Er kommt auf Sue zu und bietet ihr ein halb volles Glas Wasser an. Ohne lange zu überlegen, streckt sie durstig die Hände danach aus. Endlich!
Plötzlich weiß sie, es ist Jesus, der ihr das Wasser reicht.
Sie fragt ihn: „Warum ist das Glas halb leer?“
„Wenn du es austrinkst, wirst du nie mehr Durst haben.“
Nie wieder Durst haben …?
Ihr Blick wandert von Jesus zu dem Bild seiner Mutter hin. Warum hält sie denn kein Kind auf ihren Armen? Als hätte sie laut gefragt, antwortet Jesus ihr: „Marijam ist tot. Aber ich bin lebendig.“
Die Sonnenstrahlen fielen schon weit in ihr Zimmer und tauchten es in ein lichtes Gelb, als Sue aufwachte. Verwirrt schaute sie sich um. Sie war zu Hause und nicht mehr in der Wüste. Nie wieder Durst haben!? Das nächtliche Erlebnis hielt sie noch umfangen.
Unbewusst fuhr sie sich mit der Zunge über ihre Lippen. Jetzt eine Tasse Kaffee. Sorgfältig kleidete sie sich an und schminkte sich. Dabei dachte sie über den eigenartigen Traum nach. Sie war in der Wüste Sahara gewesen, und Jesus, nicht ihre geliebte Marijam, hatte zu ihr gesprochen. „Wie komme ich denn auf solche Ideen, ich war doch noch nie in der Sahara. Und Jesus … warum hat er gesagt, er lebe?“
Wochenlang ging ihr dieses nächtliche Erlebnis nicht mehr aus dem Sinn. Sicher hatte es nichts zu bedeuten, oder doch?
Wenn ich eine Bibel hätte, könnte ich vielleicht herausfinden, was der Traum meinte.
Wochen später hielt Sue endlich das verbotene Buch in ihren Händen. Ihre Tochter hatte es ihr während eines USA-Aufenthalts besorgt. Stundenlang blätterte sie darin, las mal hier, mal dort. Es verwirrte sie, und irgendwann legte sie es enttäuscht zur Seite. Die Sprache war recht altertümlich, die Geschichten aus einer ihr fremden Kultur. Sie konnte nichts damit anfangen. Außerdem war es viel zu dick. Resigniert legte sie das Buch in das unterste Fach ihrer Kommode und verschloss es fest. Ihre Fragen über Jesus ließen sich jedoch nicht einfach so wegsperren.
Immer wieder passierte es, wenn sie abends auf ihrer Couch saß, müde von der Arbeit im Beauty-Salon, dass sie beim Zappen auf christliche Fernsehsender stieß. Hier erfuhr sie mehr über Jesus. Dass er kranke Menschen geheilt hatte. Und mit ein paar wenigen Broten hatte er Tausende satt gemacht. Er war sogar mit Frauen befreundet gewesen und hatte mit Außenseitern gesprochen. Jesus hatte sich anscheinend um Leute gekümmert, mit denen sich sonst niemand abgab. Er musste schon ein verrückter Typ gewesen sein.
Heute war sie selbst die Braut, die sich vor dem Spiegel drehte. Sue hatte ihre Lieblingsmusik aufgelegt, aufgeregt tanzte sie durch ihr apricotfarbenes Reich. Im Schein der Kerzen frisierte sie ihr Haar und zog einen exakten Lidstrich. Für ihre vollen Lippen wählte sie ein dunkles Orange-Pink.
In ihrem Alter hatte sie nicht mehr damit gerechnet. Sie hatte sich in Mohammed verliebt. Er war unmerklich ihr Freund geworden, obwohl sie das nicht gesucht hatte und er mehr als zehn Jahre jünger war als sie. Ihre Liebe zueinander war langsam und stetig gewachsen. Wie die Blumen im Frühling hatte sie sich unaufhaltsam ihren Weg an die Oberfläche gebahnt. Zuerst hatte es keiner von ihnen bemerkt, und dann war sie plötzlich da gewesen, leuchtend, stark und schön. Tiefes Vertrauen prägte ihre Freundschaft. Sie konnten über alles miteinander reden und auch gemeinsam schweigen. Mohammed versuchte nicht, sie zu bevormunden, sondern besprach alles mit Sue. Das mochte sie. Sie erzählte ihm auch von ihrem Traum, und sie redeten stundenlang über Jesus. Er tat es nicht als Hirngespinst ab.
Auch nach der Hochzeit beschäftigte sie sich weiter mit dem Koran und anderen Schriften, in denen Jesus erwähnt wurde. Sie las alles, was sie über Jesus fand. Er übte eine nahezu magische Anziehungskraft auf sie aus.
„Mohammed, heute Nacht hat Jesus wieder zu mir gesprochen!“
Sue saß aufrecht in ihrem Bett und hatte ihren Mann aufgeweckt. „Sue, hat er etwas gesagt?“
Er versuchte seine Frau zu beruhigen.
„Er hat ganz klar und deutlich zu mir gesprochen: Suche mich im Licht und nicht in der Dunkelheit. Mohammed, ich möchte mit Jesus leben. Hast du ein Problem damit?“
Ihr Mann sah sie nachdenklich an. Er war kein Mann der schnellen Worte. „Sue, bis ich dich kennengelernt habe, war mein Leben sehr schwierig. Mit dir ist mir etwas Gutes passiert. Vielleicht bist du sogar das einzig Gute, das mir je geschehen ist. Ich denke, wenn Jesus zu dir gehört, ist Jesus etwas Gutes. Und wenn er gut für dich ist, dann ist er auch für mich gut, und dann werde ich mein Leben auch Jesus anvertrauen.“
„Mohammed, wir wissen nicht, wie man mit Jesus spricht. Lass uns meine Tochter in Amerika anrufen und sie fragen, ob sie einen Pastor kennt, der uns helfen kann.“
Wenige Tage später, es ist fünf Uhr in der Früh, sitzen Sue und Mohammed Hand in Hand in ihrem Wohnzimmer auf der Couch. Aufgeregt lauschen sie der Stimme von Sues Tochter: „Mama, ich habe Pastor Aslekian für euch gefunden. Außerdem ist hier noch George, er kann übersetzen. Ich habe ihnen alles erklärt, und ihr könnt nun selbst für euch sprechen.“
Sue und Mohammed erzählen Pastor Aslekian im weit entfernten Amerika von ihrem Wunsch, Jesus kennenzulernen. Es ist ein langes Gespräch. Sue und Mohammed kann nichts mehr von ihrem Entschluss abbringen. Sie wollen Jesus, koste es, was es wolle. Die fünf Menschen an den Telefonapparaten schließen ihre Augen, es ist ein heiliger Moment. Sues und Mohammeds Herzen werden von der Liebe und Nähe Gottes überwältigt.
„Sue“, sagt Mohammed anschließend, „während wir gebetet haben, fühlte ich Gott wie noch nie zuvor. Von Kopf bis zu den Zehen hinab durchlief mich eine Energie. Ich wusste plötzlich, Jesus ist da und weiß, dass wir es ernst meinen.“
„Mir ging es genauso. Ich wünsche mir so sehr, Jesus noch viel besser kennenzulernen.“
Beide denken nur noch an Jesus, als sie ihm an jenem Morgen ihr Leben anvertrauen. Von den Sorgen und Gefahren, die das mit sich bringen wird, ahnen sie noch nichts.
Von diesem Tag an erfüllte Sue und Mohammed eine nie gekannte Sehnsucht. Sue, die jahrelang von schweren Migräneanfällen geplagt war, wurde durch das Gebet, in dem sie Jesus ihr Leben anvertraut hatte, frei davon. Wie oft hatte sie als Muslima dafür gebetet und nichts hatte sich verändert?! Diese Heilung war ein unvergessliches Zeichen für sie. Jesus Christus hatte sie rein gemacht, er hatte sie in der Wüste ihres Lebens gerufen und ihr das Wasser des Lebens gegeben. Er hatte ihren Durst und ihre Sehnsucht in einer Weise gestillt, wie es nur ihm möglich war.
Mohammed vertraute Jesus, einfach, weil Sue es tat, und auch sein Glaube wurde jeden Tag tiefer und ernster. Nach seiner Entscheidung für Jesus legte er seinen alten Namen ab und entschied sich für einen neuen: Matt, nach dem biblischen Matthäus.
„Matt, du errätst nicht, was ich gefunden habe!“ Sue zeigte aufgeregt auf einen Abschnitt, den sie eben erst entdeckt hatte. Sie und Matt lasen jeden Tag zusammen in der Bibel. „Hier redet Jesus mit einer Frau, ganz ähnlich, wie er mit mir in meinem Traum gesprochen hat.“
Jesus gab ihr zur Antwort:
„Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen.
Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr durstig sein.
Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle werden, die unaufhörlich fließt, bis ins ewige Leben.“
„Herr, bitte gib mir von diesem Wasser!“, sagte die Frau.
„Dann werde ich nie mehr Durst haben.“
Johannes 4,13-15 (NGÜ)
Sue und Matt waren begeistert von Jesus. In ihren Herzen hatte etwas zu brennen begonnen. Alles, was sie über Christus erfuhren, trieb sie an, noch mehr in Erfahrung zu bringen.
Längst konnten sie ihren neuen Glauben nicht mehr für sich behalten. Sie begannen, mit Verwandten, Freunden und Bekannten über Jesus zu sprechen. Matts Familie war entsetzt. Jesus? An ihn zu glauben war gefährlich. Für sie war Jesus vielleicht einmal ein guter Prophet gewesen, doch das hatte heute nichts mehr zu bedeuten. Mohammed war für sie der Wegweiser zu Gott.
Doch Sue und Matt ließen sich nicht beirren. Sie beteten und baten Gott ihnen zu sagen, mit wem sie über ihre Erfahrungen sprechen sollten.
Sue wurde den Eindruck nicht los, sie solle ihrem Bruder alles erzählen. Und tatsächlich: Statt ihre Geschichte abzutun, nahm auch er Jesus an.
Seine Frau war alles andere als begeistert davon. Sues Schwägerin war eine streng gläubige Muslima, die den Koran und andere religiöse Schriften stets bei sich trug. Sie war wütend auf Sue und Matt, drohte ihnen und verbat sich, sie nochmal mit Jesus zu behelligen.
„Was macht ihr denn schon wieder hier? Habe ich euch nicht gesagt, dass ihr euch hier nie wieder blicken lassen sollt?“ Sues Schwägerin war mitten hinein in ihre Gebetszeit geplatzt. Sie war außer sich.
Sue und Matt hatten mit Sues Bruder in der Bibel gelesen, gebetet und über Jesus gesprochen. Erst sechs Wochen war es her, dass sie und Matt von Sues Schwägerin aus ihrer Wohnung geworfen worden waren. Und nun hatten sie den Eindruck gehabt, dass Gott sie erneut dorthin schickte. Sue und Matt hatten das irrsinnig gefunden, doch wenn Jesus das so wollte – nun, dann würden sie es eben tun.
Jetzt war ihre Schwägerin nach Hause gekommen und hatte sie entdeckt. Ohne Luft zu holen, schrie und tobte sie, bis ihr ihr die Schimpfworte ausgingen und sie schwieg.
Ruhig sah Sue die Frau ihres Bruders an. Sie konnte sie so gut verstehen.
„Sieh, liebe Schwester, ich war einmal genauso überzeugt vom Koran und seiner Lehre wie du. Nie hätte ich mir etwas anderes vorstellen können, als Allah, den Allmächtigen, anzubeten. Ich habe mich treu an die fünf Säulen unseres Glaubens gehalten, das weißt du. Mein größtes Vorbild war Marijam. Doch all das hat mir nicht geholfen. Meine Ehe ist zerbrochen, meine Kinder sind weit weggegangen. Mein Mann demütigte mich so oft im Namen Gottes. Ich kam mir so wertlos vor.
Vielleicht hast du das damals nicht so gesehen, denn nach außen achtete ich stets darauf, perfekt zu wirken. Aber innerlich war ich so müde, so leer. Seit wir beide Jesus in unser Leben aufgenommen haben“, sie sah Matt an und fasste nach seiner Hand, „erleben wir, wie Jesus uns geheilt und rein gemacht hat. Sogar meine Migräne hat er völlig weggenommen.“
Immer aufmerksamer hörte Sues Schwägerin ihr zu, kein einziges Mal unterbrach sie Sues Bericht. Nun war es endlich möglich, dass sie ihr das Evangelium erklären konnten. Lange sprachen sie miteinander. Sie bedrängten sie nicht, sondern erzählten ganz einfach, was ihnen mit Jesus passiert war. Bevor sie sich verabschiedeten, bat ihre Schwägerin sie: „Könnt ihr mit mir beten? Ich möchte Jesus auch annehmen.“
„Matt, sieh her, was ich gefunden habe! Ich habe eine großartige Idee!“
„Pinkfarbene Luftballons? Was willst du denn damit?“
Matt war zuerst skeptisch, als er die vielen knallbunten Ballons auf dem Küchentisch sah. Doch nachdem sie ihm ihr Vorhaben erklärt hatte, war er dabei und unterstütze seine Frau tatkräftig.
Sue und Matt schrieben ihre Lieblingsbibelverse auf einen kleinen Zettel. Es waren Verse wie Johannes 3,16:
„Denn Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.“ (HfA)
Sie falteten die kleinen Papierstreifen mit der guten Nachricht zusammen und schoben sie in die Luftballons. In großen Buchstaben schrieben sie außen auf die Ballons „Gute Nachricht“. Als sie fertig waren, brachten sie alles ins Auto und fuhren kreuz und quer durch ihre Nachbarschaft. Dann ließen sie die pinkfarbenen Kugeln fliegen. Bestimmt würden Kinder sie einsammeln und zu ihren Eltern bringen.
Sue und Matt wurden nicht müde, die gute Nachricht zu verbreiten. Immer wieder hatten sie neue kreative Ideen. Stets hatten sie CDs oder selbst geschriebene Briefe dabei mit Hinweisen auf die christlichen Fernsehsendungen, die sie selbst sehr gerne ansahen. Sie warfen die Briefe in der Nachbarschaft ein oder ließen sie „aus Versehen“ beim Arzt oder auf dem Amt liegen.
Über Facebook und andere Internetplattformen versuchten sie, in Kontakt mit anderen Christen zu treten. Auf diese Weise lernten sie viel über den christlichen Glauben. Im Laufe der Zeit halfen sie auf diesem Wege, andere Interessierte zu Jesus zu bringen und dabei selbst im Glauben zu wachsen. Wann immer es ihnen möglich war, sprachen sie Menschen auch persönlich an. Sie gründeten im Geheimen eine Hauskirche. Mit über 150 Personen durften sie ein Übergabegebet sprechen.
Eines Tages machten sie eine Entdeckung, die ihr Leben und ihren inzwischen stark gewachsenen seelsorgerlichen Dienst und ihre Hauskirche stark gefährdete. Ein angeblicher Pastor, dem sie vertraut hatten, entpuppte sich als Spion der Geheimpolizei. Er hatte bei einer heimlichen Taufe ein Video gedreht und an seine Vorgesetzten weitergegeben. Sue und Matt wurden vor die Wahl gestellt, entweder Jesus abzusagen und ihre missionarischen Tätigkeiten einzustellen oder vor Gericht zu landen.
Nach viel Gebet entschloss sich das Paar, seine Heimat zu verlassen. Heute versuchen sie, aus dem Land, in dem sie jetzt leben, die zurückgebliebenen Christen in ihrer Heimat zu unterstützen, für sie zu beten und sie zu begleiten.
Gleichzeitig arbeiten sie unter Geflüchteten, von denen so viele suchend und hungernd nach Jesus sind. Sie durften auch eine neue Gemeinde gründen und junge Christen in einem See taufen – gemeinsam mit anderen, die schon lange mit Jesus unterwegs sind und die sich bis dahin nie hätten träumen lassen, einmal Menschen in einem See zu taufen.
5 Wilde Rose – Nesrine
Ich will meinen Geist ausgießen über alles Fleisch,
und eure Söhne und Töchter sollen weissagen,
eure Alten sollen Träume haben,
und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen.
Joel 3,1 (EÜS)
„Wir bekommen Besuch. Nesrine, leg ein Kopftuch an!“
Der säuerliche Blick ihrer Schwiegermutter ließ Nesrine sofort kehrtmachen. Heftig schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich von innen dagegen. Ihr wollten die Tränen kommen, doch das durfte sie nicht zulassen, sonst würde jeder sehen, dass sie geheult hatte. Schon wieder eine strenge Ermahnung der Schwiegermutter. Es war entsetzlich. In diesem Haus gab es für alles Vorschriften. Die Familie ihres Mannes verlangte sogar von ihr, beten zu gehen und sich an zahlreiche religiöse Vorschriften zu halten.
Seit sie Pertev geheiratet hatte, war nichts mehr wie zuvor. Doch sie liebte ihn! Hätte sie sich bei ihren Eltern beklagt und ihnen erzählt, wie streng Pertevs Familie lebte, hätten sie ihr geraten, sich zu trennen. Aber sie wollte sich nicht scheiden lassen.
„Pertev, habt ihr den Koran in unserer Sprache im Haus? Ich verstehe so vieles, was deine Mutter von mir will, nicht. Sie will, dass ich beten gehe, doch ich mache mir nichts daraus. Wenn ich besser verstehen würde, woran wir eigentlich glauben, fiele es mir vielleicht leichter, die religiösen Regeln zu befolgen. Glaube mir, ich möchte Gott wirklich gefallen und auch mit deiner Mutter zurechtkommen.“
Zärtlich strich Pertev Nesrine über das Haar. „Du bist eine gute Frau. Ich liebe dich. Ich werde dir in Vaters Bibliothek einen Koran heraussuchen.“
„Pertev, es eilt, denn schon bald müssen wir auch unsere eigenen Kinder erziehen. Und der Glaube gehört doch dazu, nicht wahr?“
„Nesrine, soll das etwa heißen, wir werden Eltern?“
Nesrine lächelte und nickte.
Nesrine ging langsam an den üppig bepflanzten Rosenbeeten entlang. Hohe Zypressen warfen ihren Schatten auf den Weg. Dann überquerte sie einen schmalen Wasserkanal, das Licht tanzte darauf. Ein warmer Duft nach Orangenblüten, Mandarinen und süßen Zitronen wehte zu ihr herüber. Nesrine schloss die Augen und sog den schweren Geruch ein. Als sie gleich darauf aufsah, rieselten weiße Blütenblätter im Sonnenschein zur Erde.
Wie schön hatte Gott das alles gemacht! Dass er es gewesen war, stand für Nesrine außer Zweifel. Bagh-e Eram war für sie einer der schönsten Plätze, die sie kannte. So stellte sie sich das Paradies vor!
Sie beobachtete lachende Kinder am Wasser und setzte sich auf eine Bank. Ach, könnte sie noch einmal Kind sein! Ihre Hand lag auf ihrem Bauch, und sie spürte, wie sich ihr Kind bewegte. „Ich werde Antworten finden, für dich, mein Schatz.“
Sie wandte sich dem Koran zu, den sie seit einigen Tagen zu lesen versuchte. Er war schwierig zu verstehen, doch so schnell wollte die 17-Jährige nicht aufgeben.
„Wie geht es dir, Nesrine? Wann kommt dein Kind zur Welt?“
Sooft es ging, telefonierte Nesrine mit ihrem Bruder in Kanada. Petrevs Eltern waren nicht besonders begeistert davon. Deshalb tat sie es heimlich, wenn sonst niemand zu Hause war.
„Ich versuche den Koran zu lesen. Meine Schwiegereltern richten sich peinlich genau nach der Scharia. Sie sind nett zu mir, aber das Gesetz und die Regeln haben immer oberste Priorität. Nicht die Güte, so wie bei uns zu Hause.“
„Das ist bestimmt nicht einfach für dich, Schwester.“
„Aber ich liebe Petrev, er ist anders. Ich habe ihm versprochen, zu versuchen seine Eltern zu verstehen. Deshalb habe ich angefangen, den Koran zu lesen.“
„Das ist eine gute Idee.“
„Ich bin mir nicht so sicher. Gestern war ich im Park, dort blühen gerade wunderbar die Orangen und Mandarinen. Ich habe Gott darin gespürt. Aber als ich dann auf einer Bank den Koran las, merkte ich: Hier spricht nicht der Gott, den ich in diesem Garten spüre.“
„Ich kenne ein anderes Buch, das du lesen solltest. Versuche mal, eine Bibel zu bekommen. Vielleicht wird dir das den Weg zu Gott zeigen.“
Durch die schweren Vorhänge ihres Hauses beobachtete Nesrine einen Händler, der langsam seinen Karren die Straße hinabschob. „Mutter, ich gehe rüber und kaufe Salat zum Mittagessen.“
Sprachs und verschwand zur Tür hinaus, bevor ihre Schwiegermutter Einwände vorbringen konnte. Nesrine durfte nirgends alleine hingehen, das gehörte sich nicht. Der Gemüsehändler gegenüber war eine Ausnahme.
Der alte Mann mit dem Karren war eben dabei, in eine Seitenstraße einzubiegen. Schnell lief Nesrine ihm nach. „Haben Sie Bücher?“
„Madame, was für ein Buch suchen Sie denn?“
„Nun, ein heiliges Buch, das mir die Wahrheit über Gott erzählt.“
„Normalerweise habe ich den Koran immer dabei, doch heute …“
Nesrine wusste genau, das war nur eine Ausrede. Sie sah dem Mann ruhig in die Augen und nahm allen Mut zusammen. „Ich spreche nicht vom Koran. Haben Sie vielleicht eine Bibel?“
„Madame, das ist gefährlich. Aber …“ Er machte eine Pause und schaute prüfend die Straße hinab. „Wenn ich wiederkomme, werde ich Ihnen das Gewünschte mitbringen.“
„Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Matthäus 28,8 (NGÜ)
Nesrine schreckte hoch, Petrev stand in der Tür. „Was liest du da?“ Kurz stockte ihr der Atem, doch dann nahm sie allen Mut zusammen. Petrev musste es selbst lesen. Sie konnte einfach nicht genug davon bekommen. Zugegeben, manches verstand sie nicht, doch sie glaubte beim Lesen einen Geist der Wahrheit und des Friedens zu spüren. Dieselbe Gegenwart, die sie auch draußen im Bagh-e Eram wahrnahm. Gleich zu Anfang, als sie die Bibel gerade gekauft hatte, entdeckte sie darin, dass Gott mit dem Menschen im Gartenparadies spazieren gegangen war. War es ein Ort wie Bagh-e Eram gewesen?
Petrev und Nesrine begannen zusammen in dem Buch zu lesen. Anfangs wusste er nicht, dass es eine Bibel war. Doch je länger sie darin lasen, je mehr wurden sie davon angezogen. Konnte es sein, dass Gott mit den Menschen sprach? Dass er eine Beziehung zu ihnen wollte und nicht fern und unerreichbar war?
Oft telefonierten sie mit Nesrines Bruder in Kanada. Er gab ihnen Bibelverse, die ihre Fragen beantworteten. Bibelverse wie:
Jesus Christus,
der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus.
Im Gegenteil: Er verzichtete auf alle seine Vorrechte
und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener.
Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen.
Aber er erniedrigte sich „noch mehr“:
Im Gehorsam gegenüber Gott nahm er sogar den Tod auf sich;
er starb am Kreuz „wie ein Verbrecher“.
Deshalb hat Gott ihn auch so unvergleichlich hoch erhöht
und hat ihm „als Ehrentitel“ den Namen gegeben,
der bedeutender ist als jeder andere Name.
Und weil Jesus diesen Namen trägt,
werden sich einmal alle vor ihm auf die Knie werfen,
alle, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind.
Alle werden anerkennen, dass Jesus Christus der Herr ist,
und werden damit Gott, dem Vater, die Ehre geben.
Philipper 2,6-11 (NGÜ)
Nach zwei Jahren waren sich Petrev und Nesrine sicher: Jesus Christus war mehr als ein Prophet gewesen, Gott hatte ihn geschickt, um den Menschen den Weg zu Gott zu zeigen. Man brauchte keine Vermittler, keine Heiligen, zu denen besonders Nesrines Schwiegermutter oft betete.
Das Gespräch mit Jesus half Nesrine, wenn sie sich über die Mutter ärgern wollte. Er machte sie ruhiger, und Jesus zeigte ihr, wie sie die Mutter lieben konnte, statt sie zu verachten. Das Leben unter einem Dach mit ihren Schwiegereltern war zwar immer noch nicht leicht, doch sie hatten jetzt weniger Streit.
Das Ampelmännchen war rot. Gedankenversunken sah Nesrine zum Himmel auf und wartete. Sie hatte ihnen verziehen, doch es schmerzte immer noch. Eines Tages hatte Petrevs Bruder mit seiner Frau sie unverhofft besucht. Sie hatten nicht damit gerechnet, und so hatte die Bibel noch offen auf ihrem Tisch gelegen.
Sie waren fest überzeugt, Nesrine, deren Glaubensleben ihnen schon immer ein Dorn im Auge gewesen war, hätte Petrev vom wahren Glauben weggeführt. Sie waren wütend gegangen und hatten ihr ein Ultimatum gestellt: „Wenn du dich nicht von meinem Bruder trennst und ihn und die Jungen frei gibst, wird das Konsequenzen für dich haben.“
Doch Nesrine und Petrev folgten inzwischen gemeinsam Jesus nach und glaubten an ihn, von ganzem Herzen. Es kam für sie nicht infrage, sich voneinander zu trennen. Petrevs Familie terrorisierte Nesrine tagaus, tagein, und ihnen wurde klar, wenn sie nicht gingen, würde man sie gewaltsam trennen. Dafür sorgen, dass Nesrine ins Gefängnis kam. Petrevs Bruder stand in engem Kontakt mit der Geheimpolizei.
Und nun waren sie hier in Deutschland.
Nesrine fühlte sich einsam und fremd, das Lernen der Sprache heute Morgen in der Sprachschule war wieder frustrierend gewesen. Aber mit Gottes Hilfe würde sie nicht aufgeben. Vor lauter Beten und Denken hatte sie die Grünphase der Ampel verpasst. „Danke, Jesus, dass ich hier bin. Dass ich dich in Freiheit anbeten darf, dass ich ungestört mit dir reden kann. Dass ich hier so viel über dich dazugelernt habe, was wir alleine nicht herausgefunden hätten. Danke für die Zeichen, die du mir jeden Tag gibst, sodass ich weiß, du bist bei mir.“ Nesrine konnte gar nicht mehr aufhören, Jesus laut für all das Gute zu danken, das er an ihr getan hatte. Dass man in Deutschland laut aussprechen konnte, was man dachte, genoss Nesrine auf ihren Gebetsspaziergängen.
„Gott, könntest du mir nicht auch heute ein Zeichen geben, dass ich weiß, du bist da? Danke dafür.“
So sprach Nesrine mit Gott an der Ampel, als das Ampelmännchen rot war.
Nesrine sieht hoch, zum Himmel. Und dort ist er, Jesus. In einem weißen Gewand, er hält einen Stab in seinen Händen. Und er lächelt auf Nesrine herab. Wunderschön. Tröstlich. Als wolle er sagen: „Ich freue mich an dir, Nesrine.“
Dann nimmt das Ampelmännchen seine Arme hoch, und es wird grün. Automatisch setzt Nesrine ihre Beine in Gang.
„Warum bin ich rübergegangen? Warum bin ich nicht stehen geblieben und habe mich hingekniet vor ihm, meinem Herrn? Ich weiß es nicht. Doch ich werde nie wieder vergessen, wie wunderschön er war!“
Die Worte sprudeln ungebremst aus Nesrine hervor, als sie zu Hause Petrev von ihrem Erlebnis berichtet. „Ich war so überrascht und perplex, ich habe ja nicht damit gerechnet, Jesus dort zu sehen!“ Nesrine schüttelte immer wieder den Kopf, könnte sie den Moment doch noch einmal zurückholen! „Weißt du Petrev, ich habe einem Gott mein Herz geschenkt, den ich nie gesehen hatte, aber nun durfte ich ihn sehen! Ich bin so dankbar dafür!“
Dann wandte sich Jesus wieder zu den Jüngern,
sie beiseite und sagte:
„Glücklich zu preisen sind die, die das sehen, was ihr seht!
Denn ich sage euch:
Viele Propheten und Könige hätten gern gesehen,
was ihr seht, und haben es nicht gesehen;
sie hätten gern gehört, was ihr hört,
und haben es nicht gehört.
Lukas 10,23-24 (NGÜ)
6 Der Ruf
Die ein reines Herz haben
werden Gott sehen.
Matthäus 5,8 (HfA)
Der bärtige Geistliche riss Shahram auf seine Füße und schleifte ihn hinter sich her. „Zieh deine Schuhe aus, und knie dich auf diese Bank!“
Verwirrt gehorchte der Junge, er reichte dem Mann kaum an den Gürtel. Kalte Angst griff nach ihm. Was hatte er getan, warum war dieser Mann so wütend? „Gott, bitte hilf mir.“ Irgendjemand musste doch kommen und hier einschreiten, musste doch Stopp sagen, musste doch sagen, dass er unschuldig war!
Shahram kniete auf der Bank und wartete. Sein Herz pochte überlaut, sonst war alles still. Dann näherte sich ein Paar Kastanienaugen seinem Blick, umrahmt von einem struppigen schwarzen Bart. „Nie wieder fasst du mit deinen schmutzigen Fingern das heilige Wort Gottes an!“
Dann begann er, Shahrams Schuld zu sühnen – oder ließ er einfach nur seine Wut an ihm aus? Schlag um Schlag gingen die Hiebe auf seine Fußsohlen nieder. „Ich werde dich lehren …“, vierzig Mal holte er aus und züchtigte ihn, „… den Allmächtigen zu respektieren.“
Er keuchte beängstigend, und trotzdem machte er weiter. Unbarmherzig. Shahrams Kinderfüße platzten auf, bluteten. Er konnte seine Tränen nicht zurückhalten, doch einen Laut sollte der Mann nicht von ihm hören.
„Ich werde dich lehren, der Allmächtige ist groß und erhaben.“
Seine Worte hingen noch im Raum, als er längst aus der Tür verschwunden war.
„So fängt es an. Warte es ab. Jetzt hast du ihr wahres Gesicht gesehen.“ Sein Papa lachte hart, als Shahram spät am Nachmittag endlich zu Hause aufkreuzte, humpelnd, viel später als sonst. Sanft schloss seine Mama ihn in ihre Arme.
Erst zwei Wochen später ging er wieder zur Schule, erst dann konnte er wieder laufen. Von da an gab er peinlich Acht, ja jede Regel und jedes Gesetz einzuhalten, das der Bärtige ihm einbläute.
Manchmal versuchte ich mit Gott zu reden. Besonders, wenn es Schläge setzte, bat ich ihn, mir doch zu helfen. Doch er reagierte nicht. Einmal sagte ich zu meinem Freund, als wir von der Schule zusammen nach Hause liefen: „Wenn ich mit dir rede, antwortest du mir. Sag mir, warum antwortet Gott mir nicht, wenn ich mit ihm zu sprechen versuche? Was ist das für ein Gott? Selbst an den Tagen, an denen wir dem Bärtigen gehorcht und getan haben, was der Allmächtige will, spüre ich nicht, dass da ein Gott ist.“
Wenn ich einsam war, redete ich trotzdem oft mit ihm, suchte ihn. Aber es war ein Flüstern in den Wind. Davon geweht, weg.
Suchend drehte Shahram den schwarzen Knopf am Radio, es quietschte, piepte und rauschte penetrant. Manchmal gelang es ihnen ganz unvermutet, eine Sprecherstimme einzufangen, dann hörten sie sie so klar, als käme sie von nebenan. Gebannt lauschten Shahram und sein Vater den Nachrichtensprechern bis tief in die Nacht. Der Alte und der Junge hatten eine gemeinsame Leidenschaft entdeckt: Beide waren sie wissensdurstig, saugten alles in sich auf und diskutierten stundenlang darüber. Oft versuchten sie, ausländische Sender hereinzubekommen, sie wollten mehr wissen, als die Medien ihnen hierzulande verrieten.
Shahram war 14 Jahre jung, als in der Schule, auf der Straße und Zuhause von nichts anderem gesprochen wurde. Überall brodelte es, Arbeiter streikten, sie erhielten zu wenig Lohn. Während viele hungerten, hatten wenige alles, besonders der König und seine Sippe. Misstrauen war gewachsen. Ein Vielerlei an Völkern und Kulturen wollte gerecht regiert werden, er vermochte es nicht. „Ungerecht!“, schrie es von allen Seiten. In seinem Heimatland drohte die bisherige Ordnung der Gesellschaft auseinanderzubrechen. Hatte sie ausgedient?
Shahram und sein Vater fingen an, sich für die Kommunisten zu begeistern. Ihre Lösungen schienen einleuchtend: Die reichen Herrschaften sollten abtreten, und das Volk sollte regieren, dann würde jeder gerecht und gleich behandelt werden. Damals verstand Shahram nicht, dass Gleichheit das Gegenteil von Gerechtigkeit war.
Andere hofften, wenn die Menschen den Gesetzen Gottes gehorchen würden, müsste doch alles in Ordnung kommen. Shahram schauderte, wenn er an diese Gesetze dachte. Er sehnte sich nach Barmherzigkeit und Güte – in den Gesetzen hatte er sie nicht sehen können.
„Genau deshalb habe ich dich in ihre Schule geschickt, ich wollte, dass du es erkennst. Jetzt bist du alt genug, um selbst deinen Gott zu wählen. Folge deinem Herzen.“ So sprach sein Vater zu seinem Jungen.
Damals stießen wir eines Tages auf Radio Monte Carlo. Dort hörte ich Worte, die mich nicht mehr losließen:
„Selig, die arm sind vor Gott;
denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden;
denn sie werden getröstet werden.
Selig, die keine Gewalt anwenden;
denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit;
denn sie werden satt werden.
Selig die Barmherzigen;
denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben;
denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften;
denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“
Matthäus 8,3-9 (EÜS)
Ich hungerte und dürstete nach Gerechtigkeit, diese Worte sprachen so klar, was die Menschen um mich herum ersehnten. Mehr als alles wünschte ich mir, Gott zu schauen. Doch ich sah ihn nirgends. Statt Frieden kam Krieg. Und meine Freunde kamen in Uniformen, einer nach dem anderen, um sich von mir zu verabschieden. Oft blickte ich ihnen lange nach, wenn sie die Straße hinabgingen. Würden wir uns je wiedersehen? Ich wusste, Vater hatte recht. Ich musste ebenfalls gehen. Er sagte: „Du musst fliehen, das Leben suchen, nicht den Tod.“
Seit Stunden waren Shahram und sein Führer unterwegs, Shahrams Zunge klebte trocken am Gaumen. Kahle Berge, soweit das Auge reichte. Irgendwo dort vorne musste sein Weg sein, noch war er unsichtbar, verborgen. Weit lag das letzte Dorf hinter ihnen, die letzte Pause, Schlaf, Essen und Wasser. Er bat den Mann, der ihn durch diese Einöde führte, um Wasser, doch der reagierte nicht auf seinen Wunsch.
Vor Shahram tauchten die Augen des Bärtigen auf. Vom langen Marsch taten die Füße weh, er fühlte Schmerzen, taumelte und fing sich wieder. Weiter, immer weitergehen! Wieder spürte er die Schläge von einst. Vergangenes und Gegenwärtiges vermischten sich, es war surreal. Wurde er jetzt verrückt? „Du wirst den Allmächtigen fürchten!“ Dann hörte er das raue Lachen seines Vaters. Es war eine seltsame Art von Liebe gewesen. Um ihn zu beschützen, hatte er seinen fünfjährigen Sohn in die Höhle des Löwen geschickt!
Nun hatte er ihn erneut auf den Weg gezwungen, ihn gedrängt zu fliehen.
Sein Einberufungsbefehl war die Marschansage für diesen Weg zur Flucht nach Europa gewesen. „Du kannst nicht hierbleiben, hier wird es weder Glück noch Zukunft für dich geben. Studiere im Westen, sonst bist du tot.“
Auf dem tagelangen Marsch über die Berge in die Türkei bezweifelte er, je lebendig sein Ziel zu erreichen. Von der Türkei aus ging es weiter, von einem Land in das nächste. Vater hatte alles gut organisiert. Doch wie das Leben weit von der Heimat entfernt sein würde, darauf war Shahram in keiner Weise vorbereitet. Deutschland! Er hatte keine Arbeit, kein Geld und verstand nicht ein Wort von der Sprache. Das Erlernen der Sprache war Kampf, der Alltag, ohne seine Familie, ein Leben im Vakuum.
Manchmal las er in der Bibel, die Landsleute ihm in Deutschland geschenkt hatten. Ein sehr gutes Buch, wie er fand. Er entdeckte die geheimnisvollen Worte wieder:
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit;
denn sie werden satt werden.
Selig, die ein reines Herz haben;
denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften;
denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Ein Sohn Gottes genannt werden. Der Bärtige hatte sich auch Sohn Gottes genannt. Aber er hatte Gewalt angewendet. Hier las er: Gewalt und Gott, das passte nicht.
Er war ihnen entkommen, und ihrem Krieg ebenso. Doch hier im kalten fremden Deutschland erkannte er: Er brauchte Frieden für seine Seele. Er hungerte danach. In Deutschland durfte man das Wort Gottes berühren. Er spürte, wie es langsam hell wurde in seiner Seele. Zum ersten Mal begegnete er der Liebe. Leise keimte Vertrauen zu diesem Gott auf. Nur logisch, dass er sich da taufen ließ.
Was für ein Abend. Sie schrien, jubelten und weinten. Shahram und seine Freunde hatten kein Spiel dieser Europameisterschaft im Juni 1988 verpasst. Sie platzten beinahe, als es im Endspiel eins zu eins zwischen Deutschland und den Niederlanden stand. Natürlich drückten sie den Deutschen die Daumen, doch dann gewann Holland mit 2 : 1 – es war ein beispielloser Taumel der Emotionen. Und sie waren mittendrin, Shahram und seine Freunde.
Bis spät hatten wir gefeiert. Es machte uns nichts, dass Deutschland nur Vize-Europameister geworden war, es war ein unglaubliches Spiel gewesen, und nun war ich hundemüde. Ich ließ mich auf mein Bett fallen, nur langsam kam ich zur Ruhe. Eben glitt ich hinüber in den Schlaf. Da, ist das eine Rauchwolke? Darin Jesus. Er sieht mich an, mit einem wunderbaren Lächeln. Tief und gut. Jesus – er sieht mir bis auf den Grund meiner Seele.
„Die ein reines Herz haben, werden Gott schauen.“
„Geh weg. Geh. Bitte.“
Abwehrend strecke ich meine Hände aus. Jesus – er, der Heilige. Warum lädt er mich ein? Ich vermag ihm nicht zu folgen. Es würde mich etwas kosten, und dafür bin ich nicht bereit.
„Geh.“
Der Rauch, das Bild, Jesus, seine tiefe Liebe, sie entgleitet mir. Die Leere, die darauf folgt, schmeckt schal.
Warum nur habe ich ihn weggeschickt?
Unbewusst wusste er, er hat eine Tür zugestoßen, die er sich jahrelang verzweifelt offen gewünscht hatte. Und doch konnte und wollte er in dieser Nacht nicht zurück.
Verachtest du etwa den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut?
Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr leitet?
Römer 2,4 (EÜS)
Was ist Gottes Güte?
Jedenfalls alles,
was wir nicht sehen, nicht greifen, nicht begreifen,
ja fast nicht glauben können;
etwas, was wir jedenfalls nicht besitzen.
Güte
ist etwas ganz Unwahrscheinliches,
Jenseitiges,
über und hinter allem Geschehen Stehendes
und doch so nah und ernst uns Anregendes.
Dietrich Bonhoeffer
Kanada. Zehn Jahre später.
Die heftigen Böen veranlassten ihn, Zuflucht in einem Coffeeshop zu suchen. Shahram atmete auf, die Tür fiel hinter ihm zu und schloss den Wind aus. Doch der Sturm, der in seinem Inneren tobte, den konnte er nicht so einfach aussperren. Er wünschte sich, ihn einfach nur ein paar Minuten zu vergessen, einfach nur auszuruhen und einen Café Latte mit Sirup zu genießen. Vergeblich kramte er in seinem Portemonnaie, er hatte nicht einen Dollar mehr. Er war vollkommen pleite. All sein Geld, seine Wertpapiere, sein Haus und seine Familie, alles war verloren. Wo sollte er jetzt hin? Resigniert steckte er seine Hände in die Hosentaschen. Er hatte alles verpfuscht. Bootsbauer, Fußballtrainer, Fahrlehrer, Vater und Hausbesitzer – er hatte so vieles erreicht und alles wieder zerstört. Sein amerikanischer Traum war geplatzt. Nun hatte sich auch noch Nico, seine Frau, von ihm abgewandt und war mit ihren Töchtern gegangen. Sie war seine große Liebe, doch sein Egoismus hatte alles zerstört.
Was war das? Seine Hand zog einen Fünfdollarschein aus der Tasche seiner alten Hose. Er hatte sie vor zehn Jahren zum letzten Mal getragen, damals, als er von Deutschland nach Kanada gekommen war.
Mit diesem Geld besorgte er sich nun doch noch seinen Café Latte und setzte sich ans Fenster. Während er trank, sah er dem windgepeitschten Meer zu, das sich bis zum Horizont ausbreitete. Schiffe, große und kleine, schaukelten an ihren Leinen die Wellen auf und nieder. So oft war er dort unten an der Mole gewesen, bei den Segelbooten, die jetzt von der aufschäumenden Gischt überspült wurde.
Es war an der Zeit, sich um sein Lebensboot zu kümmern. Schon seit geraumer Zeit war es auf Talfahrt, wurde unbarmherzig hin und her gerissen. Das Steuer schien ihm schon lange abhandengekommen zu sein.
Dreizehn Jahre war es her, als er Jesus sein Leben gegeben hatte. Doch das Ruder hatte er behalten wollen. Seit damals, als er ihn weggeschickt hatte. Er ertappte sich in letzter Zeit, wie er sich wünschte, Jesus würde noch einmal zu ihm zurückkehren, ihm noch einmal sein Lächeln schenken. Er würde nicht mehr sagen: „Geh weg!“
Er würde sich vor ihm niederwerfen und ihn bitten, ihm zu vergeben.
Dass er in dieser alten Hose aus Deutschland Geld vom Tag seiner Einreise gefunden hatte, wertete er als Reden Gottes. Entschlossen erhob er sich. Er würde zurück nach Europa gehen. Seine Zeit hier war vorbei.
Angespannt starrte Shahram auf die Automatiktür. Jedes Mal, wenn sie sich teilte, ging sein Puls schneller. Nervös drehte er den Strauß roter Rosen hin und her. Wenn sie nicht bald kam, würden die Blüten zerfleddert sein, und er könnte sie wegwerfen. Es war mehr als ein halbes Jahr her, dass er sie zuletzt gesehen hatte, doch sie war schon Monate vorher aus seinem Leben gegangen. Nun wollte sie wiederkommen, zu ihm, nach Europa.
Nico.
Manchmal war es ihm vorgekommen, als stünden sie beide am Ufer eines großen Meeres, die nackten Zehen in den Sand gekrallt, die Hände ausgestreckt, dem anderen entgegen. Sie waren kurz davor gewesen, umgerissen und davongespült zu werden.
Es war seine Schuld gewesen, denn er hatte die letzten zehn Jahre in Kanada nichts als Sand aufgetürmt. Es hatte ein beeindruckendes Schloss ergeben, mit vielen Zimmern, Türmchen, Alkoven. Die Fähnlein hatten lustig von den Zinnen geweht. Doch als Sturm und Regen kamen, war nichts mehr davon übrig geblieben. Einige Zeit war es ihm gelungen, sich selbst zu täuschen, Drogen, Alkohol und Zigaretten hatten ihm ein wenig dabei geholfen. Doch als der letzte Penny ausgegeben war, war er gezwungen gewesen, sich dem Nichts zu stellen, das nun noch übrig geblieben war.
Damals im Coffeeshop, als er die fünf Dollar gefunden hatte, hatte er gewusst, Gott redete zu ihm. Er rief ihn, sprach zu ihm von einer neuen Chance. Eigentlich verrückt, schließlich hatte er ihm allerhöchstens einen Platz auf der Reservebank seines Lebens eingeräumt. Dass Nico sich nun entschieden hatte, auch nach Deutschland zu kommen, wollte er ebenfalls als Teil dieser Chance werten. „Bitte Gott, lass es gut werden.“
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