Kitabı oku: «Er war mein Urgroßvater»

Yazı tipi:


Christiane Scholler

Er war mein

Urgroßvater

Anita Hohenberg über

Thronfolger Erzherzog

Franz Ferdinand


Impressum

ISBN 9783990402245


Lizenzausgabe 2013 by Styria premium in der Verlagsgruppe Styria

GmbH & Co KG, Wien · Graz · Klagenfurt

© 2011 Schloß Artstetten BetriebsGmbH und Anita Hohenberg

Alle Rechte vorbehalten

Bücher aus der Verlagsgruppe Styria

gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop

Herausgeberin: Anita Hohenberg, Schloss Artstetten

Text: Christiane Scholler

Redaktion: Brigitte E. Leidwein

Covergestaltung: Maria Schuster

Coverfotos: Porträt des Thronfolgers Franz Ferdinand, Erzherzog von Österreich- Este

(ÖNB-Bildarchiv/​picturedesk.com) und Christine de Grancy

Buchgestaltung: Büro Hamtil, Wien

Abbildungen und Fotos im Buch: Archiv von Schloss Artstetten

(mit Ausnahme der Seiten 151, 152 und 153: Christiane Scholler)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Ein Vorwort

Willkommen im Schloss

Lieber Urgroßvater Franz Ferdinand …

Das Attentat

Ein Raum zwischen Damals und Heute

Die Frage nach dem Anfang – die Suche nach den Wurzeln

Der Weg nach oben

Im Fegefeuer

Glück in der Warteschleife

Im Vorhof der Macht

Schlossherr, Visionär und Sammler

Das letzte Kapitel

Anhang: Der Schlosspark – grüne Oase mit Aussicht

Zum Nachlesen

Zitate im Einzelnen

Anita Hohenberg

Dr. Christane Scholler

Weitere Bücher

Ein Vorwort …

… ist nur interessant, wenn es die Leserschaft kurz und prägnant zum Kern der Sache – hier also zum Zweck des Buches – führt.

Im vorliegenden Fall ist das ganz einfach: Anita Hohenberg will ihrem Urgroßvater, Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este, ein lebendiges Andenken bewahren.

Es war und ist mir eine Freude und besondere Ehre, im Sinne der Familie Hohenberg eine zeitgerechte Interpretation der zum Teil überraschenden Informationen zu liefern.

In langen und interessanten Kamin-Gesprächen hat die Urenkelin des Thronfolgers ein sehr persönliches und komplexes Bild des Erzherzogs wiedergegeben, das so in keinem Geschichtsbuch vorkommt.

Auch deshalb wird es Ihnen sicherlich Freude bereiten, anhand der folgenden Seiten eine bekannte Persönlichkeit plötzlich mit anderen Augen betrachten zu können.

Mein Dank gilt deshalb in erster Linie der Schlossherrin Anita Hohenberg, die ich im Rahmen dieser Zusammenarbeit kennen- und schätzen lernen durfte: eine Frau mit unverkennbarer Herkunft, gleichzeitig aber mit beiden Beinen im Leben stehend. Als Mutter von vier Kindern nicht nur von spürbarer Begeisterung für die Familie geprägt, sondern auch zukunftsorientiert und kostenbewusst die Geschicke von Artstetten lenkend. Kein Wunder, ist man versucht zu denken. In dieser Familie haben die Frauen schon immer gewusst, worauf es ankommt …

Bei den vielen mühsamen Schritten, die dieses Buch zur Vollendung führen konnten – Recherche, Nachprüfung der Fakten, Archivarbeit, Bildauswahl, Begehungen und Nachforschungen vor Ort, Ergänzungen um wichtige Details –, war die Ausstellungskuratorin vor Ort und wohl auch „rechte Hand von Anita Hohenberg“, Frau Brigitte E. Leidwein, die unermüdliche, unersetzbare und stets gut gelaunte Unterstützung. Ohne sie und ihr detailgetreues Wissen um das Schicksal der Familie Hohenberg hätte dieses Buch so nicht entstehen können. An dieser Stelle daher an sie ein von Herzen kommendes Danke!

Wie heißt es so schön? Im Wissen um die Vergangenheit können wir uns getrost der Zukunft stellen. Allen Leserinnen und Lesern darf ich daher nun viel Freude bei der Lektüre und bei der Entdeckung des „anderen“ Thronfolgers wünschen.


Willkommen im Schloss!

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie sind im Begriff, mit mir eine Zeitreise zu beginnen. Nicht im herkömmlichen Sinne, wie wir dies aus den Geschichtsbüchern unserer Schulzeit gewohnt sind. Und mit Sicherheit auch in etwas anderer Form, als Sie nun vielleicht erwarten würden, wenn es darum geht, Ihr Wissen um Erzherzog Franz Ferdinands Leben ein wenig zu erweitern.

Im Zeitalter von Internet, Wikipedia, Smartphones und Tablet-PCs haben Sie heute jede gewünschte Information in Sekundenschnelle per Mausklick zur Verfügung. Genau das ist aber der Haken dabei: Alleine beim Suchbegriff „Thronfolger Franz Ferdinand“ stoßen Sie bei der Suchmaschine Google auf über 50.000 Eintragungen. Das „Attentat von Sarajevo“ ergibt rund 250.000 Treffer, die Suche nach dem Schloss Artstetten bringt an die 125.000 Ergebnisse. Was also tun mit einer Fülle von Informationen, wenn Sie ein Thema zwar interessiert, Sie aber in möglichst kurzer Zeit über das Wichtigste ganz gezielt informiert werden wollen?

Je persönlicher, desto besser, lautet mein Motto. Deshalb bekommen Sie mit diesem Buch eine Geschichtslektüre der anderen Art in die Hand. Einen Reiseführer in die glanzvolle Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende, aber mit den Augen eines Familienmitgliedes betrachtet. Eine Anleitung zum Miterleben und Mitfühlen, denn die folgeschweren Ereignisse nach der Ermordung des Thronfolgers, meines Urgroßvaters, im Juni 1914 haben nicht nur im Großen die Neuordnung Europas heraufbeschworen, sondern auch im Kleinen das Schicksal der zurückgelassenen Kinder und deren Nachfolger nachhaltig beeinflusst.

Als Urenkelin Franz Ferdinands fühle ich mich dazu berufen, das Andenken an diesen ungewöhnlichen Mann und seine Familie nicht nur zu bewahren, sondern lebendig vor Augen zu führen. Vielleicht kommen Sie auch einmal ins Schloss Artstetten: Dann wird der Besuch des Hauses für Sie bestimmt mehr als ein bloßer Rundgang durch schöne Räume mit alten Bildern und liebevoll zusammengestellten Exponaten. Schon der erste Blick auf das markante Gebäude in herrlicher Lage nahe der Donau, mit seinen charakteristischen Zwiebeltürmen und dem historischen Schlosspark, lässt uns gedanklich noch einmal die längst vergangene Geschichte Revue passieren.

Beginnend mit einem fiktiven Brief an meinen Urgroßvater, Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este, möchte ich mich nun gemeinsam mit Ihnen auf die Spurensuche in die Vergangenheit begeben – um Familienhistorie, Schlossgeschichte und kleine Geheimnisse mit Ihnen persönlich zu teilen. Darauf freut sich



Erzherzog Franz Ferdinand, 30-jährig und bereits General der Kavallerie

Lieber Urgroßvater Franz Ferdinand,

ich durfte Dich niemals kennenlernen, und dennoch bist Du mir im Laufe der Jahre so vertraut geworden, als hätten wir bereits viel Zeit miteinander verbracht. Was ich über Dich weiß, ergibt ein Bild von einem Mann, der sehr gut auch in der heutigen Zeit gelebt haben könnte.

Vorausplaner und Querdenker, konsequenter Stratege und unbeugsamer Charakter: Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort. Nicht nur betreffend Sarajevo, sondern auch in Bezug auf das Jahrhundert, in dem Du gelebt hast.

Dein tragisches Schicksal bedeutete zugleich das Ende einer glanzvollen Ära, den Anfang einer neuen Zeit, in der Du Dich aber bestimmt ohne Probleme zurechtgefunden hättest.

Mit jedem Bild von Dir und Deiner Familie, das ich in unserem Schloss betrachte, fallen mir unendlich viele wahre Geschichten ein, die ein beredtes Zeugnis geben …

… zum Beispiel vom „verhinderten Herrscher“, der mit Offenheit gegenüber modernen Errungenschaften, gleichzeitig aber auch mit dem der damaligen Zeit entsprechenden monarchischen Sendungsbewusstsein zu verstehen war. Deine menschlich herausragendste Eigenschaft war die Liebe zur Familie, zu Deiner Sophie und zu den Kindern. Zu Hause warst Du ungezwungen und fröhlich, in klarem Gegensatz zu Deinem bekannten Auftreten als zeitweise schroffer, direkter und eher herrisch wirkender Mann.

Wie war es denn nun wirklich, Dein Leben? Auf den ersten Blick ein paar spontane Gedanken.

Die unbeschwerte Kindheit ist zum Glück unbestritten. Die vom Einfluss des Kaiserhauses geprägte Jugend, die schwere Erkrankung und fast einjährige Weltreise, Deine geheimnisvolle Verbindung zu Sophie und der Kampf um Eure Liebe, die Hochzeit und das glückliche Familienleben sind legendär. Trotz zahlreicher offizieller Verpflichtungen konntest Du mit Deiner großen Sammelfreude zahllose Kulturgüter retten und durch Deine Jagdleidenschaft sogar den besten Schützen Indiens im Wettschießen besiegen. Ein gutes Gefühl für Raumplanung und ein modernes Gespür für Technik, aber auch die bewusste Förderung und Modernisierung der Marine oder Deine der damaligen Zeit weit vorausgehenden politischen Ideen ergeben das Bild eines außergewöhnlichen Menschen.

Immer in Bewegung sein, niemals die Hände in den Schoß legen – das war ein selbstverständliches Lebensmotto. Offen sein für Neues, aber Bewährtes erhalten. Konservativ bleiben, wo es Erziehung, Religion und Anstand erfordern – aber gleichzeitig Unbekanntes erforschen, Unbequemes wagen, Unpopuläres durchsetzen. Das könnte auch das Bild eines modernen Managers sein! Und genau das ist es auch, was Deine Faszination noch heute ausmacht. Du wirst nie vergessen sein, aber nicht nur wegen der Schüsse in Sarajevo. Du hast vorgelebt, dass man zu seinen Ideen und Vorstellungen stehen muss. Dass es sich auszahlt, für das zu kämpfen, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Und dass der bequemste Weg nicht immer jener ist, der uns zum Ziel führt.

In diesem Sinne lasse ich Dich jetzt sozusagen zu Wort kommen und vor unserem geistigen Auge nochmals Gestalt annehmen. Die zahlreichen Briefe, Aufzeichnungen, Urkunden und authentischen Berichte aus Deiner Zeit – und auch von Dir selbst – erlauben mir, als Deine Urenkelin, eine sehr genaue Vorstellung davon, was Dir wohl durch den Kopf gegangen sein mag. Zum Beispiel an jenem verhängnisvollen Sommertag im Juni 1914 …

Das Attentat

»Wir haben bereits 14 Minuten Verspätung, und ich beginne langsam, ungeduldig zu werden … Wozu haben wir einen Hof-Sonderzug, wenn wir den Zeitplan ohnedies nicht einhalten können? Wir hätten Bad Ilidza ohne Weiteres pünktlich verlassen können. Dort vorne ist endlich unser Ziel. 10.07 Uhr, wir sind vor der Kaserne. Ich sehe, unsere Wagen warten bereits. Das Umsteigen wird also hoffentlich rasch vonstatten gehen.«

So oder so ähnlich könnten die Gedanken meines Urgroßvaters, des Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich-Este, gewesen sein. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt am 28. Juni 1914 nicht, dass die letzten Minuten seines Lebens bevorstehen. Er beginnt sie, indem er jenes Fahrzeug im Wagenkonvoi besteigt, das ihn in den Tod führen wird.


Juni 1914: Der sichtlich mit dem Manöververlauf zufriedene Erzherzog Franz Ferdinand zeigt sich leutselig.

Sehen Sie sich den berühmten Oldtimer genau an. Im überdachten Innenhof unseres Schlosses Artstetten steht eine maßstabgetreue Nachbildung des Todesfahrzeuges. Für damalige Verhältnisse ein tolles Gefährt: elegant, schwarz gepolsterte Ledersitze, Cabriolet, 3,5 Liter Hubraum und 32 Leistungs-PS; zwei Sitzreihen (die zweite allerdings besteht nur aus Klappsitzen) hinter dem Fahrer, Reservereifen seitlich an der Fahrertüre – ein Gräf & Stift mit dem Kennzeichen A III 118, der sich damals im Privatbesitz von Graf Franz Harrach befand. Das Originalfahrzeug steht im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien.

Und nun gehen Sie von rechts seitlich auf den Wagen zu. So, als wollten Sie die Türe öffnen und einsteigen. Etwa eineinhalb Meter davor bleiben Sie stehen. Blicken Sie auf die gepolsterte Rückbank und stellen Sie sich vor: Dort sitzt Franz Ferdinand, der Thronfolger, und rechts neben ihm seine über alles geliebte Sophie. Und nun versuchen Sie sich vorzustellen, dass draußen, direkt neben Ihnen, der Attentäter seine Hand mit der Pistole hebt …


Franz Ferdinand im Gespräch mit einem Offizier

Die knappe Stunde davor muss für Franz Ferdinand eine Mischung aus Routine und Aufregung gewesen sein. Sehr wahrscheinlich hat er zunächst ein erleichtertes Resümee gezogen, dass die absolvierten Manöver-Besuche in den Tagen zuvor trotz einiger heftiger Wetter-Kapriolen gut abgelaufen waren und nun das Ende der Bosnien-Reise nahte. Zufrieden mit der seit 26. Juni laufenden Heerschau, an der 22.000 Soldaten verschiedenster Nationalitäten teilgenommen hatten, sollte auch Kaiser Franz Joseph sein, in dessen Auftrag mein Urgroßvater die Truppen inspizierte. Franz Ferdinands Telegramm vom 27. Juni 1914 an seine Majestät in Bad Ischl war entsprechend positiv:

»Der Zustand der Truppen, ihre Ausbildung sowie ihre Leistungen waren ganz vorzüglich und über alles Lob erhaben […] beinahe keine Maroden, alles frisch und munter. Morgen besuche ich Sarajevo und reise abends ab. In tiefster Ergebenheit mich zu Füßen legend Euer Majestät untertänigster Franz.«

Das klingt zufrieden und mit sich und der Welt im Reinen. Die Manöver sind wie erhofft zu einer Art großer Heerschau des Habsburgerreiches geworden. Der Zweck der Bosnien-Reise ist also erfüllt. Da würde an sich nichts gegen eine sofortige Abreise Richtung Heimat sprechen. Doch das offizielle Programm sieht noch eine Stadtrundfahrt und ein Abschiedsessen vor. Gut gelaunt schickt der Thronfolger also am Morgen jenes verhängnisvollen 28. Juni an das älteste seiner drei Kinder, Tochter Sophie, ein kurzes Telegramm: »Befinden von mir und Mami sehr gut. Wetter warm und schön. Wir hatten gestern großes Diner und heute Vormittag den großen Empfang in Sarajevo. Nachmittags wieder großes Diner und dann Abreise auf der Viribus Unitis. Umarme Euch innigst. Dienstag. Papi.« (Viribus unitis, lateinisch für »Mit vereinten Kräften«, ist der Name eines Schiffes.)


Der Thronfolger beobachtet mit Generalmajor Dr. Carl Bardolff (Chef der Militärkanzlei) den Verlauf des Manövers.

Nicht ganz so entspannt waren jene Berater meines Urgroßvaters, die noch kurz vor dem Sarajevo-Besuch ausdrücklich davor warnten. Conrad von Hötzendorf zum Beispiel, der österreichische Generalstabchef, verabschiedete sich mit den Herren in seiner Begleitung gleich nach dem Nachmittags-Diner im Hotel Bosna am 27. Juni. Er wurde zur Garnison-Inspektion in Karlovac erwartet. Das war ein guter Anlass für den Vorschlag einiger Begleiter Franz Ferdinands, sich Hötzendorf anzuschließen und ebenfalls sofort abzureisen. Was sprach schon dagegen?

Leider vor allem Feldzeugmeister Oskar Potiorek, Landeschef von Bosnien und der Herzegowina. Er hatte die gesamte Visite organisiert, und ihn wollte der Erzherzog nicht vor den Kopf stoßen. Oberstleutnant von Merizzi, der Adjutant Potioreks, sprach es offen aus: Eine Absage würde seinen Chef bestimmt kränken. Und sogar Sophie meinte, an den Präsidenten des bosnischen Landtages, Josip Sunaric, gewandt: »Lieber Sunaric […] wir sind überall im Lande, auch ausnahmslos von der serbischen Bevölkerung, so freundlich begrüßt worden und mit einer Herzlichkeit und ungeheuchelten Wärme, dass wir ganz glücklich darüber sind.« Bedeutungsschwer daraufhin Sunarics Antwort: »Hoheit, ich bitte Gott, dass, wenn ich morgen Abend die Ehre habe, Sie zu sehen, Sie mir dieselben Worte wiederholen können. Mir wird dann ein Stein vom Herzen gefallen sein, ein großer Stein!«


Der Erzherzog und Dr. Carl Bardolff

Vieles sprach dafür, vorzeitig die Heimreise anzutreten und froh zu sein, dass die Bosnien-Visite bis dato ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen war. Zum Beispiel die Tatsache, dass Attentate auf dem Balkan zur damaligen Zeit keine Seltenheit waren. Bereits in den Jahren zuvor waren österreichische Würdenträger des Öfteren mit Bomben attackiert worden. Stets stammten die Attentäter aus Bosnien. Sie waren dort zur Schule gegangen, emigrierten in das Königreich Serbien und traten in Belgrad der »Schwarzen Hand« bei, einer radikalen Geheimgesellschaft, die systematisch Hass auf alles Österreichisch-Ungarische schürte. Geleitet wurde sie von einem fanatischen Oberst namens Dragutin Dimitrijevic, bei seinen Anhängern unter dem Codenamen »Apis« bekannt (in Anspielung auf den ägyptischen Apis-Stierkult). Er machte aus jungen Männern nationalistisch verhetzte Spione und fanatische Attentats-Süchtige. Ihre Tätigkeit hatte nur ein Ziel: die Vereinigung aller Südslawen zu einem großserbischen Reich. Der künftige Herrscher Franz Ferdinand jedoch wäre solchen Plänen mit Sicherheit im Wege gestanden. Im Thronfolger sah der nationale Fanatiker »Apis« deshalb einen deklarierten Feind des Serbentums. So wie er dachten viele Serben.

Dazu kam die unglückselige Auswahl des Datums: Der 28. Juni war der Vidovdan, der Nationalgedenktag aller Serben. Am 28. Juni 1389 hatten die Serben durch die Niederlage gegen die Türken in der Schlacht auf dem Amselfeld ihre Freiheit für Jahrhunderte verloren. Ausgerechnet diesen Tag für den Sarajevo-Besuch auszuwählen, zeugt von der geringen Menschenkenntnis und wohl auch diplomatischen Unfähigkeit des Organisators Potiorek. Dies im Zusammenhang mit der Tatsache, dass sich zum Schutz des hohen Besuches kein Militär in Sarajevo befinden konnte, da die Soldaten ja samt und sonders für die Truppenübungen außerhalb der Stadt zusammengezogen waren. Zu guter Letzt war mein Urgroßvater auch noch bekannt für die Abneigung gegen Sicherheitsvorkehrungen, die seine Person betrafen. Legendär ein Ausspruch, den er an den Leiter seiner Militärkanzlei, Oberst Bardolff, gerichtet hatte: »Ihre Warnung ist gewiss berechtigt, aber unter einen Glassturz lasse ich mich nicht stellen. In Lebensgefahr sind wir immer. Man muss nur auf Gott vertrauen.«

Meine Urgroßeltern machen sich also auf den Weg. Auf dem Plan stehen Stadtrundfahrt, kurze Behörden-Besuche, Abschieds-Diner am frühen Nachmittag, und dann ist auch schon das Ende des Sarajevo-Besuches in Sicht. Sophie freut sich auf die Heimreise, vor allem auf die drei Kinder. Noch wenige Augenblicke vor dem Attentat sitzen Sophie und Franz Ferdinand relativ entspannt – er links in Generalsuniform, sie rechts im weißen Seidenkleid, lächelnd, mit Sonnenschirm – hinter dem Organisator des Besuchs, jenem Feldzeugmeister Potiorek, sowie dem stolzen Autobesitzer Graf Harrach. Vor ihnen Harrachs Chauffeur Leopold Loyka, neben diesem der Leibbüchsenspanner des Erzherzogs. Alle Insassen sind erstaunlich gefasst – obwohl bereits kurz vor dieser Aufnahme eine adaptierte Handgranate gegen den Fahrzeugkonvoi geschleudert worden war. Ein misslungener erster Attentatsversuch!


Ankunft in Sarajevo

Wenn heutzutage eine Granate oder gar Bombe in zivilem Umfeld explodiert, ist Feuer am Dach. Alarmstufe Rot, Zivilbevölkerung von den Straßen, Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz, Entschärfungsdienst: Wer und was auch immer im Katastrophenfall organisiert werden kann, wird mobilisiert. Das Szenario von Sarajevo ist bei einem heutigen Staatsbesuch schwer vorstellbar. Moderne Sicherheitsvorkehrungen machen derlei Vorkommnisse fast unmöglich. Aber nur fast, man denke zum Beispiel an die niederländische Königin Beatrix und ihre Familie, die am 30. April 2009 bei der Parade zum Königinnentag in Apeldoorn knapp einem Mordanschlag entgingen. Ein Amokfahrer raste durch die jubelnde Menschenmenge auf den Bus der Monarchin zu und tötete dabei fünf Menschen. Er hat später angegeben, dass sein Ziel die königliche Familie gewesen sei.


Herzogin Sophie von Hohenberg wartet auf die Weiterfahrt mit dem Auto

Spätestens jetzt also, nach dem Detonieren der Handgranate unter einem der Fahrzeuge des Ehrenkonvois in Sarajevo, hätte jedermann klar sein müssen, dass »etwas im Busch« ist. Wenn es so weit kommen kann, dass bereits bei der Cumurija-Brücke, kurz nach 10.00 Uhr, ungehindert eine Art Bombe gegen den Konvoi geschleudert werden kann – wie steht es dann um die Sicherheit des Thronfolgers und seiner Frau?

Für diesen ersten Täter, den Schriftsetzer Nedeljko Čabrinović, war es ein Leichtes gewesen, aus dem Spalier der Menge zu treten, den Zünder auszulösen und den büchsenförmigen Gegenstand gegen den Wagen des Thronfolgers zu werfen. Die Zuschauer sahen nur einen kleinen, dunklen Gegenstand durch die Luft sausen, aber offenbar dachte niemand in diesem Augenblick an ernsthafte Gefahr. Dann gab es ein paar dramatische Momente: Die Bombe rollt vom zurückgeschlagenen Verdeck des Thronfolger-Fahrzeuges rückwärts auf die Straße und explodiert unter dem dritten Wagen. Die Kolonne stoppt. Große Aufregung, Geschrei, Gestank und Pulverdampf.


Auf der Fahrt zum Rathaus – kurz vor dem ersten Attentat

Ein Splitter der Sprengkapsel hinterlässt am Hals der Herzogin einen Kratzer, Oberstleutnant Merizzi wird am Kopf schwer verletzt und blutet stark. Er wird im nahe gelegenen Ambulatorium Dr. Löffler erstversorgt und dann sofort ins Garnisonspital gebracht. Die Menschenmenge ist geschockt, es ist ein Wunder, dass es nur wenige Verletzte gibt. Das mag auch daran liegen, dass es um diese Tageszeit bereits heiß ist und viele Zuschauer sich in Gruppen in den Schatten der Bäume am Straßenrand begeben haben.

Der junge Attentäter hat seinen Plan ausgeführt und will nun offenbar Plan B verwirklichen, seinen Selbstmord. Dazu springt er nach vollbrachter Tat über die Ufermauer in die Miljacka. Das weiße Pulver, mit dem er sich, im Fluss stehend und Flusswasser trinkend, vergiften wollte, hatte er in der Aufregung allerdings zuvor verstreut. Der Selbstmordversuch misslingt daher. Er wird festgenommen und den Behörden übergeben.

Für heutige Verhältnisse unvorstellbar: Der Konvoi setzt seinen Weg fort. Keine Rede von sofortiger Evakuierung der Insassen der Fahrzeuge. Kein ernsthafter Versuch, den offiziellen Teil des Besuches zu beenden und den Thronfolger mit seiner Frau in Sicherheit zu bringen. Nein, »business as usual« ist angesagt. Es geht weiter zum Rathaus. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf.


Die letzten Schritte

Im Rathaus angekommen, unterbricht Franz Ferdinand, begreiflicherweise angesichts der Vorfälle nicht mehr ganz so entspannt wie vor Antritt der Stadtrundfahrt, die Rede des Bürgermeisters, der von Liebe und Ergebenheit der Bevölkerung zum allerhöchsten Herrscherhaus schwadroniert. Und der offenbar – wieder ein offensichtliches Versagen der Kommunikation an höchster Stelle – vom Attentatsversuch gar nichts mitbekommen hat: »Was hab ich von Ihren Reden – da kommt man zu Besuch in diese Stadt und wird mit Bomben empfangen. So, jetzt fahren Sie fort.«

Der Bürgermeister versteht noch immer nicht und bringt seine Rede irgendwie zu Ende. Unter den Honoratioren der Stadt herrscht Ratlosigkeit, wie es nun weitergehen soll. Seine Sophie würde der Erzherzog gerne in Sicherheit wissen, sie soll zurück nach Ilidza oder zumindest in den Konak, den Wohnsitz des Landeschefs, wo das Mittagessen stattfinden soll. Freundlich, aber dezidiert weist sie diesen Vorschlag zurück: »Solange der Erzherzog sich heute in der Öffentlichkeit zeigt, verlasse ich ihn nicht.«


Graf Franz Harrach als »Schutzschild« für den Thronfolger

Franz Ferdinand will den verletzten Oberstleutnant Merizzi im Spital besuchen, bevor man dem offiziellen Programm weiter folgt, das Landesmuseum besucht und dann als Abschluss ein spätes Mittagessen einnimmt. Die Wagen starten also. Oberst Bardolff gibt dem Chauffeur des ersten Wagens den Befehl, mit möglichst hoher Geschwindigkeit den Appelkai entlangzufahren, zum Garnisonspital. Nicht, wie ursprünglich geplant, durch die Franz-Joseph-Straße und durch den Stadtkern zum Konak. Und nun passiert’s, das Unglück nimmt seinen Lauf. Die beiden ersten Wagen biegen bei der Lateinerbrücke zur Franz-Joseph-Straße ab – falsch! Das wäre die ursprüngliche Route gewesen! Der Erzherzog will jedoch zum Garnisonspital. Der Wagen mit meinem Urgroßvater bleibt weisungsgemäß hinter den beiden ersten Fahrzeugen.

Als Feldzeugmeister Potiorek im Wagen des Thronfolgers den Irrtum bemerkt, gibt er dem Chauffeur sofort Befehl, zu wenden, über den Appelkai weiterzufahren und erst beim Garnisonspital zu halten. Der Fahrer bremst ab und beginnt zu reversieren. Es folgen die dramatischen Sekunden jenes Augenblickes, der nicht nur ein glückliches Ehepaar plötzlich aus dem Leben reißt und drei Kinder zu Vollwaisen macht. Er löst eine Völkerschlacht aus, die 15 Millionen Menschen das Leben kostet und Österreich fast vollständig von der Landkarte verschwinden lässt.

An diesem warmen, schönen Sonntagvormittag steht der Attentäter Gavrilo Princip, mit einer Pistole bewaffnet, mitten unter den zahlreich die Straße säumenden Zuschauern. Hochrufe sind zu hören, winkende Menschen stehen in Gruppen, die meisten entlang der Häuserfront, wo die Bäume Schatten spenden. Weit weniger Zuseher sind auf der anderen Straßenseite zu sehen, entlang des Flusses. Dort brennt die Junisonne kräftig vom Himmel. Dem Attentäter scheint das nichts auszumachen. Hier kann er sich besser vorbereiten, ungehindert in Position stellen. Er wartet – und hat leichtes Spiel. Denn es gibt nach wie vor so gut wie keine Sicherheitsvorkehrungen. Die wenigen anwesenden serbischen Polizisten, für die gesamte Stadt gerade einmal 120 an der Zahl, machen keinen sehr wachsamen Eindruck. Auch haben der Erzherzog und seine Frau noch immer keine Leibwächter dabei. Heutzutage unvorstellbar!


Die letzte Fahrt beginnt.

Das Fahrzeug mit dem Thronfolger und der Herzogin von Hohenberg muss also kurz halten. Diese Sekunden genügen. Schüsse peitschen durch die Luft. Aus nicht einmal zwei Meter Entfernung schießt der junge Bosnier zweimal und trifft fatal genau. Erst die Bauchschlagader der Fürstin, dann mit dem nächsten Schuss den Erzherzog in die Halsschlagader. Sekundenlang sitzt das Thronfolgerpaar noch aufrecht im Wagen. »Um Gottes Willen, was ist Dir geschehen?«, soll Sophie ihren Mann, aus dessen Hals bereits Blut quillt, noch gefragt haben. Dann sinkt sie nach vorne, ihr Körper rutscht vom Sitz, und es sieht aus, als sei sie ohnmächtig geworden. Sophie, meine Urgroßmutter, stirbt.


Das Attentat (zeitgenössische Illustration)

»Sopherl, Sopherl, stirb mir nicht, bleib für unsere Kinder«, soll mein Urgroßvater geflüstert haben. Wenn man aber die schwere Verletzung (rechte große Halsschlagader zerrissen, Schilddrüse zerfetzt, Ringknorpel der Luftröhre zertrümmert) bedenkt, war dies schwer möglich. Verzweifelt gedacht haben mag er es indessen schon …

Der Erzherzog spürt, dass das Ende gekommen ist. Graf Harrach versucht, das Vorsinken des Kopfes des Thronfolgers, aus dessen Mund ein dünner Blutstrahl spritzt, zu verhindern, er stützt ihn durch Festhalten am Rockkragen und fragt: »Leiden Eure kaiserliche Hoheit sehr?« Franz Ferdinand soll einige Male, immer leiser werdend, das Bewusstsein verlierend, geflüstert haben: »Es ist nichts.« Auch diese Worte mögen vielleicht durch Lippenbewegungen angedeutet worden sein, ein hörbares Sprechen war mit der tödlichen Verletzung kaum noch möglich.

Meine Urgroßeltern verbluten innerhalb kürzester Zeit. Obwohl der Fahrer sofort reagiert und innerhalb von zwei Minuten beim Sitz des Landeschefs eintrifft, um dort die Erstversorgung in die Wege zu leiten, kommt jede ärztliche Hilfe zu spät. Die beiden leblosen Körper werden über die Treppe in den Konak hineingetragen, wo die Ärzte um 11.00 Uhr nur noch den Tod feststellen können. Die im Protokoll nüchtern festgehaltenen Todesursachen lauten: inneres Verbluten durch Eindringen eines 9-mm-Projektils in den Unterleib – in die Bauchaorta – der Herzogin von Hohenberg; Durchschlagen der Halsschlagader und der Luftröhre des Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich-Este. Wenig später wird die Aufbahrung der Verstorbenen veranlasst, kurz nach 11.00 Uhr sind bereits die ersten Totenglocken aus der katholischen Kathedrale zu hören.


Kurz nach dem Attentat spielten sich tumultartige Szenen ab.

Eine Verkettung unglückseliger und zum Teil auch mysteriöser Umstände führte zum alles entscheidenden, tödlichen Zwischenfall. Es gab und gibt bis heute eine Unzahl an Mutmaßungen, warum an jenem Schicksalstag das Fahrzeug des Thronfolgers genau vor die Mündung des Attentäters geriet. Oder geraten musste?

Fast unheimlich mutet es an, wenn man Vernehmungsprotokolle der Augenzeugen liest und sich des Eindruckes nicht erwehren kann, dass der Doppelmord leicht hätte verhindert werden können. Und dass ein Attentäter am Werk war, der weder als Soldat noch als Waffennarr bezeichnet werden kann. Der jedoch eine so tödliche Präzision an den Tag legte, wie sie selbst ein geübter Scharfschütze kaum zuwege gebracht hätte.


Der Bombenwerfer Nedeljko Čabrinović (+) wird von der Polizei abgeführt.


Die Mordwaffe: eine FN Browning 9 mm, Modell 1910

Es gibt zahlreiche, sehr genaue Augenzeugenberichte, die sich in vielen wichtigen Details decken. Zum Beispiel bezüglich der Tatsache, dass Gavrilo Princip nicht gezielt geschossen hat. Im ersten Moment wollte er eigentlich eine Bombe werfen, die er am Gürtel befestigt hatte. Weil es aber galt, rasch zu handeln, zog der Bursche statt- dessen seinen Revolver, wendete (nach eigener Aussage) dabei sogar den Kopf vom Fahrzeug ab und schoss in einem Winkel von 45 Grad blindlings zweimal drauflos.

Wenn man das Originalfahrzeug im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien genau betrachtet, bestätigt sich diese Angabe. Die Einschussöffnung ist rechts hinten, ungefähr dort, wo das Scharnier für das Verdeck verankert ist. Die Austrittsöffnung im Fahrzeug innen, in der Lederpolsterung, ist 10 cm weiter links. Die Richtung dieses Lochs bildet zum Einschuss einen Winkel von 45 Grad. Das Eisenblech der Verkleidung wurde vom Projektil in einem Ausmaß von 15 mm eingedrückt, der Schusskanal misst 10 mm im Durchmesser. Ein Loch von dieser Ausdehnung ist auch auf der Innenseite des Leders zu erkennen, an jener Stelle, an der Herzogin Sophie tödlich getroffen wurde.


Gavrilo Princip, Mörder des Thronfolgers und von Herzogin Sophie – ein 18-jähriger Maturant

Und dann? Bekannterweise gibt es einen Rückstoß, wenn ein Revolver beim Schuss mit nur einer Hand gehalten wird. Dieser Rückstoß reißt den Lauf der Waffe nach oben. Wenn in diesem Augenblick also noch einmal geschossen wird, muss das zweite Projektil zwangsläufig um einiges höher treffen als das erste. Genau so muss es gewesen sein. Der klein gewachsene Princip schießt nun also »hinauf« und trifft durch diesen weiteren tödlichen Zufall genau die Halsschlagader des Thronfolgers. Selbst mit modernen Waffen und Scharfschützen-Ausbildung wäre es heute fast unmöglich, in drei Sekunden eine solche Tat mit derart tödlicher Präzision auszuführen.

Wenn ich nun also versuche, die letzten Stunden im Leben meiner Vorfahren nachzuvollziehen, so komme ich nicht umhin, festzustellen: Urgroßvater, Du hättest abreisen, auf Deine Berater hören und Dein Pflichtbewusstsein einmal vergessen sollen. Aber Deine Haltung ist wohl dem damaligen Sendungsbewusstsein entsprungen. So etwas wie einen Rückzieher machen, das hat nie Deiner Art entsprochen. Todesbereitschaft, Wagemut und Opferbereitschaft waren für einen Mann wie Dich, mit Deiner militärischen Erziehung und im Zusammenhang mit dem damaligen Zeitgeist, wohl selbstverständlich. Du hättest noch ein langes und erfülltes Leben vor Dir gehabt. Und der Lauf der Weltgeschichte hätte sich entscheidend anders entwickelt.


Die aufgebahrten Särge in der Gruft von Artstetten (dazwischen der Sarg des 1908 tot geborenen Sohnes)


Titelblatt der »Illustrierte Kronen Zeitung« vom 30. Juni 1914

Ein Raum zwischen Damals und Heute

Wer Schloss Artstetten zum ersten Mal besucht, kann sich dem Zauber der harmonisch angeordneten Räume und der Romantik des Landschaftsparks kaum entziehen. Spätestens aber nach dem Verweilen im Innenhof und dem bewussten Nachempfinden der dramatischen Ereignisse jenes 28. Juni 1914 drängt sich die Frage auf: Wo ist der Anfang jener Spirale, die sich im Leben meiner Urgroßeltern plötzlich immer schneller drehte, ohne dass es diejenigen, die davon betroffen waren, bemerken konnten? Wo und wie hat das Leben jenes Mannes begonnen, dessen Name so untrennbar mit dem Attentat von Sarajevo und in letzter Konsequenz mit der Neuordnung Europas verbunden ist?

Der gedankliche Übergang vom gemeinsamen Sterben des Thronfolgers und der Herzogin von Hohenberg – zurück zur glücklichen Kindheit, hinein in die große Familie und Verwandtschaft – gelingt am besten mit einem kurzen Innehalten. Aus diesem Grund haben wir im Schloss den »schwarzen Raum« geschaffen. Bevor man einer Fülle von Exponaten, Bildern, Fotos und Einrichtungsgegenständen aus der damaligen Zeit gegenübersteht, erblickt man in dieser »Zeitschleuse« nur das weiße Gipsrelief des Paares. Hier wird noch einmal deutlich, dass zwei einander von Herzen zugetane Menschen plötzlich sterben mussten. Ohne die Gnade eines gemeinsamen, besinnlichen Alterns; ohne die Freude, die drei geliebten Kinder heranwachsen sehen zu dürfen; ohne das Vergnügen, Enkelkinder haben zu können.

Das Tröstliche ist, dass wenigstens der gemeinsame Todeszeitpunkt, wenn auch viel zu früh, den jeweils anderen nicht hat leiden lassen. Der Erzherzog, mein Urgroßvater, wusste, dass eine der Folgen seiner Hochzeit mit einer nicht ganz »Ebenbürtigen« auch sein würde, dass sie nicht gemeinsam an der für Mitglieder des Erzhauses vorgesehenen Stelle bestattet werden könnten: in der Kapuzinergruft. Da waren die Hausgesetze der Habsburger kompromisslos.

Also sorgte Franz Ferdinand bereits zu Lebzeiten rechtzeitig vor und ließ für sich und seine Familie eine eigene Gruft in Schloss Artstetten errichten. Den Schlüssel zu ihr kann man an der Kasse unseres Museums-Shops ausleihen. Ein paar Schritte um das Haus, und man kann in ruhiger Betrachtung die beiden schlichten hellen Sarkophage auf sich wirken lassen. Die Zeichen für Alpha und Omega, Anfang und Ende, sind jeweils am Fußende der Marmorsärge eingraviert. Mit wenigen Worten wird auf dem gemeinsamen Sockel das Wichtigste gesagt: IVNCTI CONIVGIO FATIS IVNGVNTUR EISDEM –»Verbunden durch das Band der Ehe, vereint durch das gleiche Schicksal«.

So wie ich meinen Urgroßvater einschätze, war es für ihn unerheblich, ob er in Wien oder Artstetten zur letzten Ruhe gebettet würde. Er war überzeugter Katholik. Wichtig war ihm vor allem, dass er jederzeit auf seinen Tod vorbereitet war. Interessant dazu ein Brief seines Beichtvaters, Pater Edmund Fischer. In diesem Schreiben vom 16. Jänner 1909 bezieht sich der Geistliche auf ein zuvor in Konopischt geführtes Gespräch:

»Gewöhnen Euer Kaiserliche Hoheit sich an, vor jeder Reise, an jedem Abend recht innig Reue über alle Armseligkeiten des Tages und des ganzen Lebens zu erwecken, damit einen jeden Augenblick wir vor Gott hintreten können, auch wenn der Priester nicht an unserer Seite wäre. Das ist ein großer Trost und gibt uns Muth.«

Ein guter Rat, der auch heute noch seine Gültigkeit hat, nicht nur für den strenggläubigen Katholiken.

Die Frage nach dem Anfang – die Suche nach den Wurzeln

Die Frage nach dem Jetzt und nach der Entwicklung dorthin beginnt immer bei der Frage nach der Vergangenheit. Wir können uns ihr nicht entziehen: Wohin wir gehen, zeigt, woher wir kommen. Wenn Sie Ihren Blick in den Räumlichkeiten der Eingangsebene von Schloss Artstetten schweifen lassen, dann sehen Sie auf den zahlreichen Bildern einen guten Teil der Familie versammelt.

Einige kennen Sie sicher. Die »Klassiker« sind Kaiser Franz Joseph I. und seine Frau, Kaiserin Elisabeth. Rasch finden Sie bestimmt auch den unglücklichen Kaiser von Mexiko, Maximilian, den jüngeren Bruder Kaiser Franz Josephs, der von Napoleon III. gewissermaßen »hineintheatert« und 1867 in Mexiko standrechtlich erschossen wurde. Seine Frau Charlotte hatte übrigens bis zum tragischen Ende vergeblich versucht, in Europas Fürstenhäusern diplomatische Hilfe für ihren Mann zu bekommen. Auch Kronprinz Rudolf, Sohn Kaiser Franz Josephs, dessen tragischer Selbstmord bis heute rätselhaft bleibt, ist hier vertreten.


Der Onkel: Kaiser Maximilian von Mexiko

Kaiser Franz Joseph war als Onkel Franz Ferdinands nicht immer der gütige ältere Herr, als der er so gerne dargestellt wird. In Wahrheit führte »der gute Kaiser Franz Joseph« ein strenges Regiment, nicht nur in der Innen- und Außenpolitik. Das hat auch die Familie oft genug gespürt, mein Urgroßvater Erzherzog Franz Ferdinand aber in ganz besonderem Maße. Sehen Sie sich seine verschiedenen Bilder und Gemälde etwas genauer an – ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Was an den Bildnissen Erzherzog Franz Ferdinands auffällt, ist der durchwegs ernste und entschlossene Blick. Fast gewinnt man den Eindruck, Lachen oder wenigstens Lächeln kam für diesen Mann nicht infrage. Diese Haltung kommt nicht von ungefähr. Um den Menschen hinter der nachdenklichen und ernsten Fassade zu ergründen und anderen zugänglich zu machen, habe ich mich entschlossen, in diesem Buch meinen Urgroßvater ins Zentrum der Betrachtungen zu stellen. Wenn Sie nun also mehr über den Thronfolger erfahren und dabei die vielen anderen Familienmitglieder, deren Gesichter Sie in den Schlossräumlichkeiten betrachten können, zum Teil nur erwähnt werden, so wissen Sie jetzt, warum. Ich will das Andenken an diesen großen Mann und Vordenker so bewahren, wie es ihm gebührt. Es geht mir dabei nicht darum, die Geschichtsschreibung zu beeinflussen; aber es gibt mir das gute Gefühl, meinem Urgroßvater ein sehr persönliches Denkmal der etwas anderen Art zu setzen.

Herausforderung durch die Familie

Wenn Sie sich nun selbst die Frage stellen: Was hat mich in meinem Leben wirklich nachhaltig beeinflusst?, dann kommt fast sicher die Antwort: Kindheit, Zuhause, Familie, Eltern, Geschwister, Großeltern, selbstverständlich auch Lehrer und Mitschüler, Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel. Geschwister können Freunde sein, die das Leben schenkt, sie können aber auch der berühmte Haken sein im Lebenslauf, der vieles entscheidet.

Niemand kann sich aussuchen, in welche Familie er oder sie hineingeboren wird. Der alles entscheidende Zufall, das Entstehen des Menschen, seine genetisch bedingten Anlagen, seine Geburt, Kindheit und Jugend – all das kann großes Glück oder tiefstes Unglück bedeuten.

Ab dem Zeitpunkt des Erwachsenwerdens können wir zumindest bedingt Einfluss nehmen auf unser Leben. Entscheidungen treffen, andere mit einbeziehen, manches tun, anderes lassen. Was auch immer wir beginnen: Nie wird der Einfluss von Geburt und Familie aus unserem Leben völlig wegzudenken sein. Ein Faktum, das auch bei sehr einfacher Familienstruktur mit wenigen Geschwistern oder Einzelkindern kaum zu leugnen ist.

Umso größer ist die Herausforderung, wenn man in eine Familie hineingeboren wird, die nicht nur eine der größten Dynastien Europas darstellt, sondern auch noch als »kaiserliche Familie« bezeichnet wird. Da die Lebensgeschichten der Mitglieder des Hauses Habsburg mit seinen vielen Seitenlinien zahllose dicke Bücher füllen, soll hier – aus dem oben genannten Grund – nur auf den engsten Kreis um den Thronfolger Franz Ferdinand eingegangen werden. Wo ist er geboren worden, wie ist er aufgewachsen, was hat ihn geprägt? Wieso wurde er überhaupt zum Thronfolger? Und woher kommt die Bezeichnung seines Namens »Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este«?

Hohe Geburt in Graz


Der Vater: Erzherzog Carl Ludwig, der um drei Jahre jüngere Bruder von Kaiser Franz Joseph; die Mutter: dessen zweite Frau, Prinzessin Maria Annunziata, Tochter von König Ferdinand II. beider Sizilien (um 1863)

Geboren wurde mein Urgroßvater am Morgen des 18. Dezember 1863 um 7.15 Uhr in Graz, an der Adresse »Sackgasse 18«. Sein Vater war Erzherzog Carl Ludwig, der um drei Jahre jüngere Bruder Kaiser Franz Josephs, geboren am 30. Juli 1833 in Schönbrunn. Franz Ferdinands Mutter war Carl Ludwigs zweite Frau, Prinzessin Maria Annunziata, die Tochter von König Ferdinand II. beider Sizilien.


Der fünfjährige Erzherzog Franz Ferdinand bei einer von seinem Vater so geschätzten Theateraufführung, 1868

Bereits jetzt wird die Geschichte etwas kompliziert, denn Franz Ferdinands Vater Carl Ludwig war insgesamt nicht ohne Grund dreimal verheiratet. Die erste Ehefrau, Margaretha (Tochter des Königs Johann von Sachsen), verstarb bereits nach knapp zwei Jahren kinderloser Ehe blutjung, mit nur 18 Jahren, an Typhus. Drei Jahre später heiratete der inzwischen 29-jährige Erzherzog Carl Ludwig die damals 19-jährige Maria Annunziata. Mit ihr führte er eine einigermaßen glückliche, wenn auch nicht allzu lange Ehe, denn auch sie verstarb nach relativ kurzer Zeit. Sie erlag der Lungentuberkulose. Ein Schicksal also, das sich in tragischer Weise wiederholte und damals keine Seltenheit war. Krankheiten, deren Diagnose und Therapie (beziehungsweise deren Vorbeugung) heute selbstverständlich erscheinen, kosteten vor rund 150 Jahren vielen, leider auch sehr jungen, Menschen das Leben.

Maria Annunziata wusste um ihre Erkrankung und spürte, dass sie nicht alt werden würde. Auch deshalb versuchte sie, in ihr kurzes Leben hineinzupressen, was nur irgendwie möglich war. Dazu gehörte auch die Hoffnung, aus der »Provinz«, als die sie die Stadt Graz empfand, wegzukommen und in die Großstadt Wien zu ziehen. Ihr gutmütiger und ihren Wünschen stets gern nachkommender Ehemann erfüllte diesen Wunsch. Die Familie zog daher 1868 in ein Palais in der Wiener Favoritenstraße. Dort kam auch, nach dem 1865 geborenen Otto, der zweite Bruder Franz Ferdinands zur Welt, der Ferdinand Karl Ludwig genannt wurde.

Hier, im Schloss Artstetten, das der Familie Erzherzog Carl Ludwigs auch als Sommersitz diente, erblickte dann noch ein viertes Kind die Welt. Das kleine Mädchen wurde auf den Namen Margaretha Sophia getauft. Die damals schon sehr schwache und schwer kranke Mutter war damit am Ende ihrer Kräfte. Sie kämpfte noch ein Jahr lang gegen den Tod, der schließlich am 4. Mai 1871 eintrat.


Der siebenjährige Franz Ferdinand mit seinen Brüdern Ferdinand (zweijährig) sowie Otto (fünfjährig), Schwester Margaretha Sophie war gerade geboren (1870)

Die junge Frau hinterließ dem nun zum zweiten Mal Witwer gewordenen Carl Ludwig also vier Kinder: Franz Ferdinand (* 1863) sowie dessen Brüder Otto (* 1865) und Ferdinand (* 1868) und Margaretha Sophia (* 1870). Das wäre auch in heutigen Tagen keine einfache Situation. Neben der Trauer um die geliebte Ehefrau plötzlich mit vier kleinen Kindern dazustehen und, als guter Familienvater, den innigen Wunsch zu haben, den Kleinen ein halbwegs geordnetes Familienleben bieten zu können.

Die Bedeutung der Stiefmutter

Was also tun? Es galt, eine Frau zu finden, die nicht nur als liebende Ehefrau, sondern auch als treu sorgende Mutter infrage kam. Für vier ihr fremde Kinder, die noch einen weiten Weg vor sich hatten. Es spricht sehr für die Person und Persönlichkeit Erzherzog Carl Ludwigs, dass sich tatsächlich die ideale Partnerin für ihn fand: in der Person der 18-jährigen Prinzessin Maria Theresia von Braganza, Infantin von Portugal, die nach der Hochzeit mit Carl Ludwig 1873 Erzherzogin Marie Therese genannt wurde. Zur Wahl dieser Ehefrau hatte die Mutter Carl Ludwigs, Erzherzogin Sophie, wie immer ihren nicht unbeträchtlichen Beitrag geleistet.

Das fast Unglaubliche geschah: Die Kinder bekamen eine junge, liebevolle und fürsorgliche Stiefmutter, und endlich kehrte wieder Familienglück im Hause des Erzherzogs ein. Dieses wurde schließlich perfekt durch die Geburt der kleinen Maria Annunziata 1876 sowie einer weiteren Schwester, Elisabeth, die 1878 zur Welt kam. So könnte man meinen, Carl Ludwig konnte zum Glück seiner Kinder den Satz »Was lange währt, wird endlich gut« in jeder Hinsicht bestätigen.

Geht man zurück in die prägenden Jugendjahre Erzherzog Franz Ferdinands, so konnte er trotz des Schicksalsschlages, die leibliche Mutter früh verloren zu haben, eine glückliche und schöne Kindheit erleben. Das harmonische Familienleben inmitten vieler Geschwister muss in ihm schon früh den Wunsch geweckt haben, es später einmal auch so gut zu treffen: mit einer Frau, die man aus Liebe heiratet und mit der man eine glückliche Kinderschar heranwachsen sehen kann.


Die Stiefmutter: Maria Theresia von Braganza, Infantin von Portugal, nach der Hochzeit mit Carl Ludwig 1873 Erzherzogin Marie Therese genannt

Die Leistung Erzherzogin Marie Thereses ist bewundernswert. Sie gab der Bezeichnung »Stiefmutter« eine völlig neue Bedeutung, zum Glück für die Kinder und die gesamte Familie. Die liebevolle Stiefmutter stand in ziemlichem Gegensatz zum Wesen Maria Annunziatas, der leiblichen Mutter Franz Ferdinands. Maria Annunziata litt bereits vor ihrer Hochzeit mit Erzherzog Carl Ludwig an Lungentuberkulose. Eine Tatsche, die dem Bräutigam zum Zeitpunkt der Eheschließung wohl nicht bekannt war, die sich aber fatal auf das Leben der Kinder auswirken sollte, die dieser Ehe entstammten. Maria Annunziata, die sich des Problems sehr wohl bewusst war, hielt, wohl vor allem aus mütterlicher Vorsicht, Abstand zu ihren Kindern. Da gab es nicht einmal ein flüchtiges Umarmen, weil die Ansteckungsgefahr einfach zu groß war. Eine Vorsichtsmaßnahme, die nichts brachte, denn die Lungenkrankheit hatten alle ihre Kinder, möglicherweise bereits durch Ansteckung bei der Geburt, bereits in sich.

Der Abstand, der wegen der Erkrankung zwischen Mutter und Kindern herrschen musste, war mit Sicherheit ein großes Problem. Die emotionale Bindung, die auf natürliche Weise zwischen Kindern und Eltern entsteht, kann sich unter solchen Umständen nicht entwickeln. Was muss der kleine Franz Ferdinand gelitten haben, als er und seine Geschwister von der Mutter nicht liebevoll in den Arm genommen werden konnten!

So tragisch das Ableben der 28-jährigen Maria Annunziata aufgrund der fortgeschrittenen Lungentuberkulose war: Die mittelbare Folge war der Eintritt einer liebevollen Ersatzmutter in diese Familie, die es mit psychologischem Gespür und großer emotionaler Intelligenz trotz ihrer jugendlichen 18 Jahre bei der Hochzeit schaffte, die Herzen der Kinder und das des Vaters im Sturm zu erobern. Diese Frau war es auch, die – zum Glück! – die weitere Entwicklung Franz Ferdinands nachhaltig prägen konnte und ihm bis an das Ende seines Lebens eine liebevolle, weise und gütige Ratgeberin war. Was kann man Schöneres über eine Mutter sagen?

Der »Ausstellungs-Erzherzog«

Die landläufige Meinung über Kindererziehung und Alltag in einem adeligen Haushalt geht nicht selten in die Richtung: verwöhnte Fratzen, denen jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird, süßes Nichtstun und keine Sorgen um Essen, Trinken, Kleidung und Geld, weil ja ohnedies alles im Überfluss vorhanden ist.

Weit gefehlt! Franz Ferdinand und seine Geschwister mussten sehr wohl, und zwar sehr viel, lernen, um sich auf einen späteren Beruf vorzubereiten. Das konnte die Gutsverwaltung mit allen damit verbundenen Pflichten und großer Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern sein. Oder die Vorbereitung auf ein hohes Amt, wie auch der Vater, Erzherzog Carl Ludwig, seiner Familie und seinen Zeitgenossen in vieler Hinsicht beeindruckend demonstrierte.

Denn Carl Ludwig bekleidete eine unglaubliche Anzahl von Ämtern. Begonnen hatte er im Alter von 20 Jahren als Staatsdiener, mit 22 war er bereits Statthalter von Tirol, später auch in Lemberg in Galizien. Ab dem sogenannten Februarpatent vom 26. Februar 1861 konnte man jedoch nicht gleichzeitig Mitglied des Erzhauses und »Diener« eines Ministers sein. Das Februarpatent war eine von Kaiser Franz Joseph erlassene Verfassung für den gesamten österreichischen Kaiserstaat, durch die die Grundlage für eine konstitutionelle Regierungsform gelegt wurde. Es teilte die Legislative zwischen der Krone und zwei Kammern des Reichsrats.

Also suchte Carl Ludwig andere Möglichkeiten, seine Fähigkeiten einzusetzen. Zwar konnte er hin und wieder seinen Bruder, Kaiser Franz Joseph I., vertreten. Doch am liebsten war ihm die Förderung von Gewerbe, Künsten und Wissenschaften. So übernahm er eine Vielzahl von sogenannten Protektoraten. Damit in Zusammenhang standen viele öffentliche Auftritte und Verpflichtungen sowie diverse Ausstellungseröffnungen. Die damit verbundenen Reden waren sein tägliches Brot. Aus gutem Grund und mit einem Augenzwinkern bezeichnete er sich daher selbst einmal scherzhaft als »Ausstellungs-Erzherzog«. Er war unter anderem Protektor des Grazer Kunstvereines, des Wiener Künstlerhauses, der Gartenbaugesellschaft, aber auch diverser Weltausstellungen zwischen Paris und Sydney. Er stiftete 1874 eine nach ihm benannte Goldmedaille und 1890 die höchste Auszeichnung für Bildende Künstler, die es damals gab, den Kaiserpreis.


»Der Ausstellungs-Erzherzog« Carl Ludwig

Obwohl viel unterwegs, sorgte Erzherzog Carl Ludwig für eine ausgewogene »work-life-balance«: Immer wieder nahm er sich bewusst Zeit, um die Erziehung und den Unterricht seiner Kinder und deren Fortschritte genau mitzuverfolgen. Ein Mustervater also, möchte man meinen, und sicher ein echtes Vorbild für seinen Nachwuchs.

Nicht für die Schule, sondern für das Leben

Carl Ludwigs lebhaftes Interesse für fremde Länder und Sitten, aber auch für Kunst und Gewerbe muss den kleinen Franz Ferdinand bald »angesteckt« haben. Der Bub war schon früh fasziniert von den Erzählungen seines Vaters über die große, weite Welt und von dem damals gar nicht so üblichen Blick weit über den eigenen Tellerrand hinaus. Kein Zufall also, dass Franz Ferdinand – vielleicht auch unbewusst – seinem Vater nacheiferte. Später, als Erwachsener, unternahm er weite Reisen, auf denen er das Erlebte genau dokumentierte. Er wurde ein begeisterter Sammler von Gewerbe- und Kunstgegenständen, um Kultur zu erhalten und auch für nachfolgende Generationen erlebbar zu machen.

Die Grundlagen für diese späteren Neigungen sind jedoch nicht nur in den vielseitigen Tätigkeiten des Vaters zu suchen, sondern auch in einem beeindruckenden umfassenden Lehrplan mit genau geregeltem Unterricht. Ganztagsschule war für Franz Ferdinand und seine Geschwister praktisch selbstverständlich. Der Lehrplan dieses Privatunterrichts war in vielem genauso wie für Gleichaltrige in den öffentlichen Schulen, aber um wichtige Zusatzfächer erweitert. Die Kinder lernten nicht nur »das Übliche«, wie Deutsch, Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion, Zeichnen, Musik und Turnen; es kamen, vor allem nach den Kinderjahren, neben Staatswissenschaften und Kirchenrecht auch Sprachen wie Englisch, Latein und Französisch sowie Tschechisch und Ungarisch dazu. Sogar das Fach »Terrain-Aufnahme«, was wohl der Arbeit eines Geometers gleichkommt, war dabei.


Das letzte Familienfoto von Februar 1896; v.l.n.r. Erzherzogin Maria Annunziata, Erzherzogin Marie Therese, Erzherzogin Elisabeth, Erzherzog Franz Ferdinand, Erzherzog Carl Ludwig, Erzherzog Ferdinand

Dass auch alles genau nach Plan ablief, dafür sorgte ein bewährter und erstklassiger Stab an Lehrern und Ausbildnern, unter denen sich viele klingende Namen wie die Grafen Bohuslaw Aichelburg, Karl Coreth, Johann Nostitz-Rieneck und Georg Wallis fanden. Sie alle unterrichteten unter der umsichtigen und klugen Leitung des Grafen Ferdinand Degenfeld. Was aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig hochgestochen klingt (lauter Grafen!), war im Sinne einer Erziehung für spätere hohe Ämter unverzichtbar. Nur erstklassige Lehrer konnten erstklassigen Unterricht bieten, und darauf kam es in der kaiserlichen Familie an.


1896 senden »Otto, Franzi und Ferdinand« (v.l.n.r.) ihrer geliebten Stiefmutter »viele Handküsse aus Monte Carlo«.

Wer nun glaubt, ein wenig Zuhören und ein wenig Üben und das war’s dann auch schon, der Rest des Tages dient dem Vergnügen, der irrt gewaltig. Franz Ferdinand und sein Bruder Otto hatten einen straffen Zeitplan, der nur sehr wenige Möglichkeiten für Spaß und Spiel bot. Unterricht war von Montag bis Samstag ab 7.30 Uhr früh, manchmal auch schon ab 7.00 Uhr. Dreimal pro Woche war der Kirchenbesuch Pflicht. Abgesehen von kurzen Unterbrechungen für Frühstück, Mittag- und Abendessen wurde den ganzen Tag über, zumindest bis 20.00 Uhr, gebüffelt.

Dass bei so einem Tagesablauf die Disziplin nicht immer 100-prozentig da ist, liegt auf der Hand. Und Franz Ferdinand war, das muss man ehrlich sagen, kein begeisterter, ehrgeiziger Lerner. Heute würde man vielleicht sagen: Hauptsache, die Kinder kommen durch! Damals jedoch, bei einem jungen Erzherzog in Erwartung späterer höherer Aufgaben, war die Situation auch für die Lehrer nicht so leicht. Das zeigt zum Beispiel ein Schreiben des vorhin erwähnten Grafen Degenfeld vom 14. August 1871 an den damals erst achtjährigen Franz Ferdinand: »Graf Koreth schreibt mir auch, dass Sie meistens brav sind. Nun, ich bin hierüber recht froh, und ich bin überzeugt, in seinem nächsten Brief wird es heißen, Sie seien immer brav. Es ist für ihn eine große Mühe, immer mit Ihnen beiden zu sein und auch noch Otto Stunden zu geben.«

Später einmal sollte Franz Ferdinand in Hinblick auf diese Zeit der Lernjahre ziemlich klar sagen, was ihm damals so gegen den Strich ging: »Von der Früh bis in die Nacht, eine Stunde nach der anderen, alles durcheinander, kaum dass wir einmal zwischen zwei Stunden brav an der Hand des Hofmeisters ein bisschen spazieren gehen durften. So kommt es, dass wir alles gelernt haben und gar nichts Ordentliches wissen.« Das könnte eigentlich auch ein Gymnasiast der heutigen Zeit geschrieben haben!

Noch viel weniger für den Ernst des Lebens geeignet schien der jüngere Bruder Otto. Er war immer zu Streichen aufgelegt, stets lustig, nur selten brav und eifrig. Unterschiedlicher könnten zwei Brüder kaum sein: Franz Ferdinand als eher ernster Charakter, Otto als ausgelassener, heiterer Knabe. Ich bin selbst Mutter von vier Kindern und weiß daher sehr gut, was es heißt, möglichst gerecht sein zu wollen und niemanden zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Vor diesem Problem standen auch damals Eltern und Pädagogen.

Psychologisch vielleicht verständlich, erzieherisch aber ein Jammer: Sowohl die Lehrer als auch der Vater »bevorzugten« immer wieder den fröhlichen Otto. Nie bewusst, oft kaum merklich, aber für den älteren der beiden Brüder, Franz Ferdinand, ein echter Frust. Kein Wunder, dass diese Kinder- und Jugendjahre nicht spurlos an ihm vorübergehen konnten. Und durchaus nachvollziehbar, dass die von ihm latent empfundene »Zurücksetzung« aus ihm einen eher zurückgezogenen, manchmal auch verdrossenen und sehr ernsten jungen Menschen machte. An dieser Stelle nochmals Hochachtung für die junge Stiefmutter, die alle Geschwister gleich behandelte und liebte, und auch keine Unterschiede machte, als sie ihrem um so viele Jahre älteren Mann noch zwei Töchter schenkte.

Vom Glück auf dem Land

Franz Ferdinand (»Franzi«, wie er damals gerufen wurde) und seine Geschwister liebten die Sommermonate auf dem Land. Zum Glück hatte der Vater Freude an der Natur, der Ruhe und auch der Jagd. Erzherzog Carl Ludwig verbrachte ab dem Jahr 1863, dem Geburtsjahr Franz Ferdinands, Spätfrühling und Sommer mit der Familie gerne in Artstetten, wo er auch Bürgermeister war. Ihm ist der Einbau eines Badezimmers sowie von kaltem und warmem Fließwasser im Schloss zu verdanken. Heute ist das eine Selbstverständlichkeit, damals war es eine kleine Sensation.

Auch der wunderschöne Schlosspark wurde unter Erzherzog Carl Ludwig zwischen 1861 und 1866 landschaftlich umgestaltet und ist im damaligen Stil in vielen Bereichen bis heute erhalten. Die großräumige und abwechslungsreiche Gliederung, die den Parkgarten größer erscheinen lässt, als er tatsächlich ist, und die Errichtung der Wege gehen auf ihn zurück. Als begeisterter Schwimmer ließ er auf einer kleinen Anhöhe des Parks ein Schwimmbecken errichten, das damals auch als Löschteich diente, sowie den sogenannten Badepavillon im Stil eines Sommer-Lusthäuschens.

Ein weiteres beliebtes Sommer-Reiseziel der Familie war die Villa Wartholz, die Erzherzog Carl Ludwig bei Reichenau an der Rax hatte bauen lassen. Der Auftrag an den Architekten war eindeutig. Kein Prunkbau sollte entstehen, sondern ein geräumiges, gemütliches Haus mit viel Platz für eine große Familie, wo alle das Landleben genießen konnten. Mit ihren Türmen und dem großzügig angelegten, vorgelagerten Balkon war sie ein Musterbau ihrer Zeit, vom damals sehr populären Architekten Heinrich von Ferstel perfekt geplant als hoch gelegenes Haus mit freiem Blick über das Tal, wie es sich durch die Lage förmlich angeboten hatte. In der Sprache der heutigen Immobilienmakler wäre wohl von einem »Traumhaus in einzigartiger, unverbaubarer Grünruhelage« die Rede. Carl Ludwig aber war der großartige Ausblick nicht so wichtig. Er wollte vor allem seine Ruhe haben. Also ließ er rund um die 1872 fertiggestellte Villa einen parkartigen Wald anlegen, der jeden Einblick verhindern sollte. Dort war das Paradies, wo es für alle so etwas wie ein »freies Leben« ohne strengen Tagesablauf und minutiös eingeteilten Zeitplan gab. Welches Kind wäre nicht darüber glücklich, so richtig schön Ferien machen zu können?

Ferien in der freien Natur genießen – dazu gehört auch ein wenig Abenteuer. Genau das Richtige für den Ältesten in der Familie! Nicht von ungefähr war bereits in frühen Jahren das Interesse für die Jagd bei Franz Ferdinand geweckt. War doch der Vater nicht nur ein besonders geduldiger Angler, sondern auch ein deklarierter Freund des Waidwerks. Es liegt auf der Hand, dass der Junge hier eine Schiene in Richtung des Herzens seines Vaters legen konnte. Und er tat dies mit echter Begeisterung. Er war noch nicht einmal neun Jahre alt, als er seinen ersten Jagderfolg verbuchen konnte. Dazu gratulierte ihm sein fünf Jahre älterer Cousin, Kronprinz Rudolf, in einem sehr netten und persönlichen Brief aus Bad Ischl (der »Papa«, von dem die Rede ist, ist natürlich der Kaiser selbst): »Dein lieber Brief freute mich sehr, und Papa hat mich beauftragt, Dir vielmals für Deine guten Wünsche zum Namenstage zu danken. Ich gratuliere Dir vielmals zu Deinem ersten Wild, ich kann mir denken, wie es Dich gefreut hat […] Ich bleibe Dein Dich liebender Rudolf.«

Schon aus diesen wenigen Zeilen geht hervor, dass es einen guten Draht zwischen Franz Ferdinand und Kronprinz Rudolf gegeben haben muss. Die beiden verstanden sich großartig. Das Lob des älteren Cousins hat den Jüngeren sicher sehr stolz gemacht – ein weiterer Grund, die Jagd im Auge zu behalten und bereits als Bub richtige Jagdtagebücher zu führen. Es ist für mich auch aus heutiger Sicht fast rührend, zu sehen und nachzuempfinden, welch großes Interesse mein Urgroßvater an der Natur und allem, was damit zusammenhängt, hatte. Über eine erlegte Schnepfe konnte er zum Beispiel mehrere Seiten schreiben, ohne dass ihm langweilig wurde. So wie es für junge Menschen typisch ist, hatte auch er etwas gefunden, das ihn weit mehr faszinierte als Geschichtsbücher, Staatstheorie oder Ungarisch als Amtssprache.

Es mag sein, dass sein Bruder, der »fesche« und charmante Otto, der bessere Reiter und Fechter war. Umso größer aber muss der Ansporn für Franz Ferdinand gewesen sein, etwas zu lernen, das ihm wirklich Freude machte und das er bis zur Perfektion beherrschen konnte. Damit war das Feuer entfacht: Die Jagd und die damit verbundene Herausforderung, ein erstklassiger Schütze zu sein, wurden seine große Leidenschaft.

Warum ich es so wichtig finde, die Kindheits- und Jugendjahre Franz Ferdinands im Kontext der Umgebung und seiner Familie zu sehen? Weil man die Beweggründe für viele Entscheidungen, etliche Grundlagen für Vorlieben und Schwächen, soziales Verhalten und einiges mehr, das im Erwachsenenleben wichtig ist, in der Kindheit und der nächsten Verwandtschaft finden kann. Wer sich für den Menschen Franz Ferdinand interessiert, kann ihn nur dann plastisch begreifen, wenn er die Gesamtheit der lebensentscheidenden Umstände kennt.


Erzherzog Carl Ludwig und Erzherzog Franz Ferdinand als Leutnant des Infanterie-Regiments Nr. 32 mit dem Orden vom Goldenen Vlies (1878)

Der Weg nach oben

Wenn ich Sie nun sozusagen an der Hand nehme und Sie bitte, mich »nach oben« zu begleiten, dann ist das im doppelten Sinn gemeint. Einerseits steigen wir ein paar Stufen hinauf, um in der nächsten Etage des Schlosses in das Leben meines Urgroßvaters einzutauchen. Andererseits gelangen wir damit in jene Phasen seines Lebens, in denen er im wahrsten Sinne des Wortes ganz oben stand, dort angekommen war, wohin er im Prinzip auch wollte. Leicht hat er es sich nicht gemacht und nur selten hat er sich für den einfachsten Weg entschieden. In vielen Bereichen jedoch gelang es ihm, an das Ziel seiner Wünsche, seiner Vorstellungen zu kommen. Um es mit einem klassischen Spruch von Seneca zu sagen, den ich für meinen Urgroßvater sehr passend finde: Per aspera ad astra! (»Über Widrigkeiten hin zu den Sternen!«).

Orden und Namen

An den Wänden des Treppenhauses finden sich einige sehr typische Aufnahmen aus jener Zeit, die Franz Ferdinand unter anderem als Jungen an der Schwelle zum Erwachsensein abbilden. Ein bekanntes Motiv zeigt ihn mit ernstem Blick und tadelloser Haltung neben dem bequem sitzenden, rauchenden, stolzen Vater stehend. Dieses Foto stellt eine Besonderheit im Leben des jungen Erzherzogs dar. War ihm doch kurz zuvor mit nur 15 Jahren der Orden vom Goldenen Vlies durch den Kaiser verliehen worden. Dieser Orden gilt auch heute noch, neben dem englischen Hosenbandorden und dem dänischen Elefantenorden, als einer der nobelsten christlichen Ritterorden. Wenn man sich vorstellt, was so eine Ordensverleihung durch den Kaiser selbst für einen Erwachsenen bedeutete, so ist klar, dass der Junge sehr stolz darauf sein konnte. Der Orden wurde nur für besondere Verdienste vergeben, es war ein vom Kaiser verliehenes Privileg, diesem Orden anzugehören und »dabeisein zu dürfen«.

Dabei hatte es im Leben des erst zwölfjährigen Erzherzogs bereits eine aufregende Neuerung gegeben. Ab diesem Alter lautete sein vollständiger Name nämlich »Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este«. Denn 1875 starb der letzte Herzog von Modena, Franz V. d’ Este, und da er keine männlichen Nachkommen hatte, vererbte er sein Vermögen an Franz Ferdinand. Es gab nur eine Auflage für ihn: ab dem Zeitpunkt des Erbantrittes den Namen »Österreich-Este« zu tragen. Ein verständlicher Wunsch des alten Herzogs, denn so konnte er seinen Namen vor dem Aussterben bewahren.

Was in unseren Ohren fast wie ein Lotteriegewinn klingt, nämlich eine größere Erbschaft zu machen, war damals freilich eine Anzahl eher ertragloser Immobilien in Italien. Gleichzeitig jedoch, und das war die eigentliche Sensation, gehörte die berühmte estensische Kunstsammlung dazu. Wer den Lebenslauf Franz Ferdinands kennt, ahnt, auf welch fruchtbaren Boden dieser Teil des Vermächtnisses gefallen ist. Die Sammlung wurde später in Konopischt aufgestellt, wobei sich der Erzherzog für die Präsentation einen besonders fähigen und damals sehr gefragten Künstler ins Haus holte, den Bildhauer Carl Costenoble, der Mitglied des Wiener Künstlerhauses war.


1883 besichtigte Erzherzog Franz Ferdinand seine estensischen Liegenschaften, zu denen u. a. Schloss Catajo bei Modena zählte.

Der Ernst des Lebens

Dem zwölfjährigen Buben war das alles allerdings noch eher gleichgültig. Erst viele Jahre später wurde ihm klar, welche Bedeutung vor allem die Kunstschätze hatten. Zurück also zum jungen Franz Ferdinand. Ab April 1878 trat er in den Militärdienst ein, und zwar als Leutnant, wie durch Siegel und Brief seines Cousins, Kronprinz Rudolf, mit wenigen Worten festgelegt worden war. »Lieber Herr Vetter Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este. Ich habe Eure Liebden zum Lieutenant im vacanten Infanterie-Regiment No 32 ernannt.« Diese einfachen Sätze waren ein Meilenstein im Leben meines Urgroßvaters. Die Basis für eine militärische Laufbahn war gelegt, ein ganz bestimmter Weg vorgegeben. Und genau das war schon immer ein Problem für diesen Querdenker und unsteten Geist. Sich in eine Schablone pressen zu lassen, das war absolut nicht Seines. Zwänge, Vorschriften, Hofzeremoniell und dazu seitens des Erzhauses eine nicht unbeträchtliche Erwartungshaltung – alles wie gemacht für die innere Rebellion in der Seele des jungen Erzherzogs.

Die Leutnantsernennung selbst nahm Franz Ferdinand relativ gelassen. Dass er mit seinen damals nicht einmal 15 Jahren noch nicht ganz so erwachsen reagierte, wie es seine neue Aufgabe vielleicht verlangte, zeigt der fast rührende Brief an seine Stiefmutter zur aktuellen Neuigkeit. (Ich versuche mir parallel dazu vorzustellen, welche E-Mail heutzutage wohl ein 14-Jähriger an seine Eltern schickt, wenn er seinen ersten Job bekommen hat.)

»Liebe Mama! Ich bitte um Entschuldigung, dass ich jetzt drei Tage nicht geschrieben habe. Am Ostersonntag habe ich glaub ich Aufgaben gemacht, Ostermontag waren wir in Reichenau und gestern hatte ich Kopfweh und musste an den Kaiser schreiben, da ich wie du es schon wissen wirst Lieutenant geworden bin. Gestern habe ich die Nachricht erhalten. Ich hätte sollen Oberst im Regimente IR No 32 werden, aber Papa war dagegen und so bin ich Lieutenant geworden in dem Regimente. Das Regiment, ein ungarisches, hat das Nro 32, himmelblaue Aufschläge und gelbe Knöpfe. Es rekrutiert sich aus Buda-Pest und der Stab liegt in Zara. Es ist schon alles bestellt Uniform, Mantel, Csako, Handschuh, Cravatten, Kuppel und Säbel, etc. Jetzt wo ich Dir den Brief schreibe, habe ich lange Hosen an.«

Der Ernst des Lebens hat also begonnen, und es ist kein Wunder, dass fast alle Fotos, die ab diesem Zeitpunkt gemacht wurden, den jungen Erzherzog in Uniform zeigen. Beim Betrachten der vielen Bilder, die meinen Urgroßvater in militärischer Funktion zeigen, komme ich nicht umhin, festzustellen: Fesch waren sie schon, diese Uniformen. Kein Wunder, dass heutige Modeschöpfer dieses Thema immer wieder gerne aufgreifen.

Man kann über den Militärdienst denken, wie man will. Dem modernen Zeitgeist entspricht mittlerweile die Tatsache, dass die Wehrpflicht im Europa des 21. Jahrhunderts bereits eher die Ausnahme als die Regel bedeutet. Im Jahr 2011 standen 21 Staaten mit Berufsarmee nur sieben mit Wehrpflicht gegenüber. Damals, Ende des 19. Jahrhunderts, wäre ein solcher Gedanke völlig absurd gewesen. Die gut organisierte Landesverteidigung auf Basis der Allgemeinen Wehrpflicht, die in Österreich 1868 eingeführt worden war, wurde rasch selbstverständlicher Bestandteil des politischen Gefüges und gehörte im Leben eines jeden jungen Mannes zu den wichtigsten Erfahrungen.

Teamwork, Disziplin und Reinlichkeit waren für viele junge Männer damals eher Fremdworte, bis sie einrücken mussten. Dann hieß es plötzlich lernen, sich regelmäßig zu waschen und zu rasieren, sich einen ordentlichen Haarschnitt verpassen zu lassen, die Schuhe regelmäßig zu putzen und die Uniform in Ordnung zu halten. So lernten die jungen Burschen, eine gewisse Haltung anzunehmen, und bekamen vieles beigebracht, was zu einer moralischen, ethisch einwandfreien Einstellung beiträgt und helfen kann, sich im Leben auch in schwierigen Situationen zu bewähren.

Erste Manöver

Natürlich wurde der pubertierende Franz Ferdinand mit seinen 14 Jahren nicht gleich in bedeutsame Manöver verstrickt. Das wurde auch gar nicht von ihm erwartet. Der wahre Ernst des Lebens begann 1880, als er zum ersten Mal zu »echten« Manövern einberufen wurde. Zu seinem Glück geschah dies unter der Leitung seines Lieblings-Cousins, Kronprinz Rudolf, der ihm unter anderem schrieb:

»Ich bin so froh, dass ich bei diesem Schritt, den Du heuer in der Armee machst, bei dieser ersten Berührung mit jenem Stande, in dem Du einmal leben und arbeiten wirst, zugegen sein kann; und dass das Offiziercorps jenes Regimentes, das zu commandieren ich die Ehre habe, das Erste ist, welches Du näher kennen lernen wirst.«

Damit war die neue Welt des jungen Franz Ferdinand durchaus positiv besetzt. Bald schon, am 24. April 1882, wurde er zum Oberleutnant befördert. Als solcher rückte er zum ersten Truppendienst beim Kaiserjäger-Bataillon im Brucker Lager bei Bruck an der Leitha ein. Was der Kaiser über seinen jungen Neffen zu hören bekam, muss ihn gefreut haben. Mit viel Geschick soll Franz Ferdinand dort eine Kompanie kommandiert haben.

Noch etwas Wichtiges fiel in die Brucker Zeit: Franz Ferdinand lernte im Herbst 1882 den Juristen Dr. Max Wladimir von Beck kennen. Nicht ganz zufällig, natürlich. Denn dieser sollte, im Auftrag des Vaters Carl Ludwig, dem hoffnungsvollen jungen Oberleutnant einiges zum Thema »Staatsrecht« beibringen. Da ich die Begeisterung meines Urgroßvaters für trockene Lernfächer kenne, kann ich mir lebhaft vorstellen, wie groß die Freude war, als Franz Ferdinand erfuhr, wen ihm da sein Vater für welchen Zweck geschickt hatte – noch dazu für elf Vorlesungs-Stunden pro Woche! Doch das fast Unwahrscheinliche geschah: Zwischen Lehrer und Schüler entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung, die durch den geringen Altersunterschied von nur zehn Jahren sicher begünstigt wurde. Die Vorträge und das Thema machten beiden Spaß, und nach einem Jahr legte der junge Erzherzog eine Prüfung über das Gelernte ab, die, übrigens in Anwesenheit seines Vaters, ausgesprochen gut ausfiel. Auch dieses Detail aus dem Leben des jungen Erzherzogs finde ich wichtig, denn das theoretische Wissen, das er sich in dieser Zeit aneignen durfte, hat ihm später, bei seiner politischen Arbeit, sehr genützt.


Kronprinz Rudolf in der Uniform eines k. u. k. Linienschiffkapitäns (1878)


In Enns verbrachte Franz Ferdinand fünf Jahre als Oberstleutnant bzw. Rittmeister.

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23 aralık 2023
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9783990402245
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