Kitabı oku: «Magdalene und die Saaleweiber»

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

Sieben Sagen von Saaleweibern

Auswahl historisch belegter Personen in diesem Buch

Zur Autorin

Leseprobe aus »Das Saturei-Medaillon«

Ebenfalls im Mitteldeutschen Verlag erschienen

Abbildungsnachweis

Impressum


1. KAPITEL


Eine Stimme zerschnitt die warme Küchenluft. »Else!« Niemand antwortete. Im Haus »Zu den Drei Rössern« blieb es still.

»Else, komm endlich in die Küche!«

Die Altmagd Else bewegte sich nicht. Sie stand sechs Ellen von ihrer Hausherrin entfernt reglos im Korridor zwischen Küche und Laden. Ihren Rücken hielt sie gerade wie eine junge Pappel, obwohl sie an die fünfzig war und viele Frauen in ihrem Alter längst einen Buckel besaßen. Else würde nie einen Buckel bekommen. Die weiße Haut ihres Gesichts war zart wie die einer Dreißigjährigen. Sie liebte es, ihren Leib mit einem engen Mieder zu betonen, und an diesem Tag trug sie unter ihrem grauen Arbeitskleid eine Bluse mit bauschigen Ärmeln aus hellem Leinen. Das war eine Aufmachung, als hätte sie etwas Besonderes vor und nicht bloß gewöhnliche Küchenarbeit. Eine Fliege summte an ihrem Kopf vorbei, Else hob lässig die Hand. Die Brauen über ihren blauen Augen zogen sich in einem spitzen Winkel zusammen, der Schönheitsfleck auf ihrem Jochbein zitterte. Die Fliege verschwand.

Magdalene Rehnikel, die Hausherrin, ließ die Hände von der eigenen Arbeit sinken und drehte sich zu ihrer Altmagd um. Sie folgte Elses Blick in den Laden, wo der Geselle Lichtenberg und ihr Mann, der Meister Rehnikel, standen und sich über eine Spezerei beugten. Die Türen zwischen der Küche, dem Treppenhaus und dem Laden standen weit offen. Das Geschäft war ein Spezereienhandel, der einzige in Halle. Else war versunken in die Betrachtung der beiden Männer, ihr Gesicht bewegte sich so wenig wie das einer Puppe. Der Geselle schüttete vorsichtig Körner aus einem Säckchen auf eine Schale der Waage, der Meister hielt seine Nase darüber und murmelte. Seine Worte waren kaum zu verstehen, etwas von »in trockenem Zustand annehmen, da die Beeren sonst schimmeln …«, und Lichtenberg nickte.

»Else!«, rief Magdalene ein drittes Mal.

Else drehte sich nicht um. Stattdessen faltete sie die Hände, wie um mitten im Korridor zu beten, und hob sie theatralisch vor die Brust. Solche Posen liebte Else. Sie tat, als würde sie in einer Andacht versinken, damit ihre Herrin auf eine Zurechtweisung verzichtete. Sie wusste, dass die beiden jungen Mägde im gleichen Moment Mangold wuschen und zupften, eine mühselige Arbeit, bei der ihre Hilfe gebraucht wurde.

Else seufzte.

Georg Rehnikel richtete sich auf. Er zog sein Wams über dem runden Bauch gerade und steckte die Börse fester in den Gürtel. Dann legte er dem Gesellen die Hand auf die Schulter und verließ den Laden mit großen Schritten. Er ging an Else vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen, und blieb vor Magdalene stehen.

»Ich gehe die Apotheken ab, Lenchen«, sagte er. »Zum Abendessen bin ich wieder da.« Er lächelte, strich ihr über die Wange und beugte sich für einen trockenen Kuss hinüber. Im Gehen hob er grüßend die Hand.

Die Apotheken abgehen, das hieß die fälligen Rechnungen zu kassieren. Georg Rehnikel tat das jede Woche. Er lieferte viele Spezereien an Herrn Becker und Herrn Rudolph, die beiden Apotheker der Stadt. Das war ein zuverlässiges Geschäft. Kranke gibt es immer, in schlechten Zeiten sowieso, erst recht in guten Zeiten, da sich die Leute mehr um sich selbst kümmern können. Die guten Zeiten hatten noch nicht angefangen, obwohl man hier die größten Hoffnungen hegte, seit Halle 1680 zum Kurfürstentum Brandenburg gekommen war. Man schrieb mittlerweile den 15. September 1693. Obwohl der ersehnte Reichtum der Stadt auf sich warten ließ, hatte sich in den letzten Jahren manches getan. Seit einigen Tagen gab es eine dritte Apotheke in der Stadt, und Herr Hoffstadt, der pfälzische Apotheker, hatte schon ein paar Mineralien und Öle im Spezereienhandel bestellt. Vielleicht war das ein Beweis, dass es aufwärtsging.

Die Tür klappte hinter Georg Rehnikel, Else löste sich aus ihrer Erstarrung.

»Komm endlich in die Küche«, rief Magdalene. »Deine Arbeit wartet.«

Else antwortete nicht. Für den Bruchteil eines Augenblicks flatterten ihre Lider. Magdalene, im Vertrauen darauf, dass die Magd ihre Arbeit aufnehmen würde, streifte die klobigen Holzschuhe über und verließ das Haus durch die Hoftür. Sie holte den Rest des Mangolds aus dem Garten, der hinter dem Haus im tieferen Teil des Grundstückes lag. Er stand dort noch in seinem Beet, gut gewachsen, mit dicken Blättern. Dieses Jahr war weniger verregnet als die vergangenen und verwöhnte die Menschen mit Sonnenstrahlen. Das hatte Früchte und Gemüse im Garten gut wachsen lassen.

Magdalene legte gerade den dritten Arm Mangold in den Erntekorb, da kam die Magd Rosina atemlos aus dem Haus gelaufen. Rosina war auf einer Seite lahm, sie hinkte sonst; jetzt war sie so schnell, dass ihr verkrüppelter Fuß kaum den Boden berührte. Zehn Schritte von ihrer Herrin entfernt hob sie den Arm und winkte. In ihrem puterroten Gesicht standen die Augen groß.

»Frau Meisterin, kommt schnell«, rief sie, »mit Else stimmt etwas nicht!«

Magdalene stellte den Korb auf dem Gartenweg ab, schlüpfte aus den Holzpantinen und eilte hinter Rosina ins Haus.

Else saß in der Küche am Tisch. Im ersten Moment konnte Magdalene nichts Ungewöhnliches entdecken. Der Spülstein war blank geputzt, der Suppentopf stand auf dem Herd, das Feuer im Ofenloch knisterte. Else trug noch dasselbe Arbeitskleid mit der Schürze darüber, die hellen Ärmel aufgekrempelt. Die Kleinmagd Gertrud, die atemlose Rosina und Lichtenberg, der Geselle, umringten sie. Ihnen standen die Mäuler offen. Else hatte, wie Magdalene im Näherkommen sah, weit aufgerissene Augen und einen starren Blick zum Fenster hinaus. Die Hände hielt sie erhoben wie ein Priester bei der Segnung. Sie gab merkwürdige Töne von sich, die dem Knurren eines Hundes glichen. Rosina fröstelte. Magdalene sah den Schauder, der über die nackten Unterarme ging und die Härchen auf ihrer Haut steil aufrichtete.

»Else, was treibst du für einen Unsinn«, fuhr Magdalene sie an. Else zuckte nicht, sie stieß weiterhin seltsame Töne aus. Ihre Herrin stemmte die Hände in die Seiten und versuchte es erneut. »Du hast uns lange genug von der Arbeit abgehalten. Steh auf und kümmere dich um die Suppe!«

Nichts geschah. Else brummte höher im Ton. Rosina und Gertrud zitterten. »Ich glaube, sie ist krank«, flüsterte Gertrud furchtsam.

»Ach was!«, winkte Magdalene ab. »Nicht so krank, dass es nicht mit einem Eimer kalten Wassers behoben werden könnte! Rosina, hol Wasser!« Rosina nickte und wollte den ersten Schritt tun, da fing Else an zu schreien.

Die Schreie klangen wie die eines verletzten Tieres. Sie dauerten einen Moment an und brachen unvermittelt ab.

Dann redete Else. Sie benutzte klare Worte, aber ihre Stimme klang wie die einer anderen Person, fremd und unheimlich. Ihr Blick ging über Magdalenes Kopf hinweg in unbestimmte Ferne. Sie zwinkerte nicht. Rosina war stehen geblieben und hörte mit offenem Mund zu, wie Else mit tiefer Stimme redete. »Siehe, der Herr wird kommen! Aus dem Mund seiner unschuldigen Dienerin wird er zu Euch sprechen, damit Ihr gewarnt werdet – vor Sodom und Gomorrha, vor Sünde und Bosheit.«

Else hob ihre Hände höher, reckte sich und fuhr in erhöhter Tonlage fort: »Der Herr wird mit allen sein, die sich ihm ergeben! Er spricht: Wehe denen, die nicht an mich glauben, die heucheln und Götzen dienen! Elisabeth Bauer, gehe hin und verkünde allen, die fest auf Gott vertrauen, dass der Herr nah ist! Und denen, die in Aberglauben leben, verkünde die Vergebung des Herrn, wenn sie umkehren und den rechten Weg beschreiten! Sonst wird es ein schlimmes Ende nehmen mit allen Gottlosen und denen, die ihnen Glauben schenken!«

Magdalene wurde es zu bunt. Ihr Gesinde stand verwirrt um die Altmagd herum und tat nichts. Sie musste selbst tun, was nötig war. Sie lief, so schnell der Zorn sie trieb, nach draußen und griff den vollen Wassereimer, der an der Zisterne stand. Else redete noch immer, als sie zurückkam, und Magdalene hörte wieder etwas von Aberglauben. Das eiskalte Wasser aus dem Eimer ging zusammen mit ihrer restlichen Wut über Elses Schädel nieder.

Else fuhr mit einem Schrei von ihrem Platz auf. Jetzt sah sie wieder aus wie die Altmagd Else, verkniffen und mit zorniger Stimme kreischend, nur, dass sie pudelnass in einer Pfütze stand. Die Haube lag platt auf ihrem Kopf, und die vormals geplusterten Ärmel hingen mit dem Kleid wie ein Sack an ihr herunter. Sie zwinkerte mit den nassen Wimpern und schüttelte sich wie die Hunde nach dem Bad. Magdalene war die Erste im Raum, die ihre Fassung wiederfand. Sie begann zu lachen, laut und herzhaft.

Die jungen Mägde und Lichtenberg stimmten ein. Ohne das Vorbild ihrer Herrin hätten sie das nicht gewagt, aber Magdalene konnte nicht an sich halten. Elses Anblick war zu komisch, um nicht lauthals zu lachen.

Else hörte zu kreischen auf und ließ die Hände sinken. Sie richtete ihren Blick auf Magdalene und sagte mit süßlichem Schmalz in der Stimme: »Frau Meisterin, etwas Wunderbares ist geschehen! Gott, der Herr, hat zu mir gesprochen! Ich habe sein Licht gesehen!« Sie lächelte verzückt.

Gertrud in ihrer sechzehnjährigen Schlichtheit fragte: »Was hast du mit dem Aberglauben gemeint?«

»Welcher Aberglauben?«, fragte Else und sah so verwundert aus, dass Magdalene beinahe selbst darauf hereingefallen wäre.

»Das, wovon du geredet hast«, forderte Gertrud.

Rosina fügte hinzu: »Dass der Herr durch deinen Mund spricht. Außerdem hast du gesagt, er habe Elisabeth Bauer seine Stimme gegeben. Das bist du selbst, Else, nicht wahr?«

»Ja, das bin ich«, erwiderte Else mit großer Freundlichkeit. Ein dicker Wassertropfen hing an ihrer Nasenspitze. Magdalene sprang die Heuchelei aus ihrem Lächeln entgegen, alle anderen schienen es nicht zu bemerken. »Was habe ich noch gesagt?«, fragte sie mit honigsüßer Stimme.

»Dass der Herr allen zur Umkehr rät, die in Aberglauben leben, dass er vor Gottlosen warnt und denen, die ihnen glauben, und dann hast du noch von Sünde und Nachlässigkeit gesprochen!« Gertrud schnaufte atemlos von dieser langen Rede, länger als alle Sätze, die sie bisher von sich gegeben hatte.

Else ergänzte: »Von Sodom und Gomorrha.«

Sanft entgegnete Magdalene: »Sieh an, du warst gar nicht entrückt. Du weißt genau, was du gesagt hast.«

Elses glückselige Grübchen in den Mundwinkeln verschwanden. Sie gab keine Antwort.

Magdalene zuckte die Schultern. »Genug der Schwatzerei. Else, zieh dir trockene Sachen an und gehe an deine Arbeit. Du bist spät dran.«

Die Morgensuppe wurde am Abend vorher zubereitet. Es war Elses Aufgabe, sie zu kochen, damit sie am Morgen bloß noch aufgewärmt werden musste. Draußen sank die Dämmerung, Kerzen und Öllichter waren teuer und sollten nur benutzt werden, wenn es dringend nötig war.

Die Mädchen protestierten. »Aber Frau Meisterin«, fing Gertrud an zu lamentieren, und Rosina fragte: »Was war das eben? Hatte Else eine Offenbarung? Offenbarungen sind dasselbe, als wenn Gott aus einem spricht. Gott, der Herr! Hier, in unserem Haus, vor unseren Ohren!«

Der Else legten sich zwei vergnügte Grübchen in die Mundwinkel.

»Der Herr war diesem dummen Gerede so fern wie ein Kalb dem Mond«, fuhr Magdalene die jungen Mägde an. Sie sah den Protest in ihren Augen flackern, aber die beiden Mädchen sagten keinen Ton mehr und gingen an ihre Arbeit. Berge von Mangold türmten sich auf dem Tisch. Gertrud und Rosina begannen wieder mit dem Grünzeug zu arbeiten.

Else tat gar nichts. Sie blieb stehen und lächelte Magdalene lammfromm an. »Ihr werdet entschuldigen, Frau Meisterin, ich empfinde in diesem Augenblick große Sehnsucht nach Gott. Ich muss in die Marktkirche gehen und ein Gebet verrichten, um dem Herrn für seine Wohltat zu danken.«

Die Altmagd setzte sich in Bewegung und verließ das Haus, ehe irgendjemand ein Wort zur Erwiderung gefunden hatte. Magdalene war so verblüfft, dass sie die Magd nicht, wie sie um ihrer Autorität willen verpflichtet gewesen wäre, zurückholte und zurechtwies. Stattdessen sank sie auf die Küchenbank und verstummte.

Lange passierte nichts. Rosina brachte den Eimer nach draußen, Gertrud wischte schweigend die Wasserlache vom Boden auf, dann arbeiteten die jungen Mägde weiter am Mangold. In der Küche lag das Schweigen wie Blei, nur vom Ratschen der Mangoldblätter unterbrochen. Magdalene sah aus dem Fenster zum Hof. Sie starrte auf die Wand des Stallgebäudes, die Hände lagen im Schoß, sie hielt die Finger ineinander geklammert.

Nach einer Weile schwenkte sie den Blick zum Herd. Sie wies Rosina an, sich um die Suppe zu kümmern, und sah zu, wie die Magd das Hafermehl anrührte. Gertrud stand auf, räumte die Reste des Gemüses zusammen und verschwand mit dem Abfall zum Hühnerfüttern nach draußen.

Magdalene blieb reglos auf der Bank am Küchentisch sitzen. Sie fragte sich, was Else im Schilde führte, denn es gab keinen Zweifel, dass irgendetwas hinter ihrem Auftritt steckte. Es war nichts Gutes, das wusste Magdalene. Ihr Blick war wieder auf den kümmerlichen Ausblick gerichtet, als könnte sie dort ein Mittel finden, um Else in eine freundliche, gutmütige Frau zu verwandeln.


2. KAPITEL


Rosina sah Gertrud nach, die draußen das Hühnergatter öffnete. Sie rührte im Suppentopf, fuhr mit dem hölzernen Löffel einmal ringsum, zog ihn heraus und musterte ihn. Magdalene konnte erkennen, wie die Magd mit sich rang, ob sie den Löffel ablecken durfte. Deshalb warf sie ihr einen Blick zu, dass sie es lassen sollte, und Rosina verstand. Sie legte den Löffel beiseite und den Deckel auf den Topf.

Meister Georg Rehnikel trat in die Küche, verschwitzt von seinem Gang zum Markt und dort von einer zur anderen Apotheke. Bewegungen bereiteten ihm Mühe; er liebte es viel mehr, in seinem Lager zu sitzen und mit dem Vergrößerungsglas Pflanzen anzuschauen. Der Gang zu den Apotheken musste sein, denn der brachte das Geld, von dem sie lebten. Georg Rehnikel knöpfte sein schwarzes Wams auf, zog es aus und legte es über die Stuhllehne. Dann streckte er die Arme lang und gähnte.

»Ist etwas passiert, Lenchen?«, fragte er. »Gertrud hat sich quer über den Hof davongemacht, als ich reinkam. Das hat ausgesehen, als ob sie nicht mit mir reden wollte. Rosina sagt auch kein Wort.«

Rosina stand unübersehbar am Herd, und er redete über sie. Magdalene wusste, dass er das nicht aus Bosheit tat. Nein, er nahm die Magd nicht wahr. Er sah nur Magdalene an, die am Tisch saß. Seit sie verheiratet waren, seit drei Jahren, konnte sie sicher sein, dass sie im Mittelpunkt all seiner Gedanken stand. Trotzdem musste er sich anständig benehmen; sie wollte nicht, dass das Gesinde ihren Mann wegen seiner Zuneigung für einen Trottel hielt. Unter normalen Umständen hätte sie ihm ein paar Takte gesagt, aber das Erlebnis mit Else lenkte sie von allem anderen ab. Sie antwortete missmutig: »Nichts, worüber sich zu reden lohnt. Else hat uns eine Posse vorgeführt und die Mädchen glauben gleich an ein Wunder.«

»Eine Posse? Was für eine Posse? Erzähl mir davon!«

Rosina verließ die Küche, und Magdalene atmete auf. Sie konnte freier reden, wenn niemand vom Gesinde in der Nähe war. Außerdem musste sie ihren Groll gegen Else sorgfältig verbergen, und das war schwer, wenn jemand wie Rosina dabei war, die genau zuhörte.

Dass Else ihre junge Herrin nicht leiden konnte, wusste Magdalene seit dem Tag nach ihrer Hochzeit. Im gleichen Augenblick, als Else an jenem Tag ins Erkerzimmer getreten war, das Schlüsselbund in der Hand, mit dem sie die Herrschaft über den Haushalt abgab, war ihr der Hass zum ersten Mal so deutlich aus dem Blick gestiegen, dass Magdalene ihn wie einen Feuerblitz spürte. Jeder im Haus hatte die Anspannung mitbekommen, die zwischen den beiden Frauen herrschte, nur Georg Rehnikel hatte sie nicht bemerkt.

Magdalene gab wieder, was sie von Elses Posse gesehen hatte. Am Ende ihrer Erzählung hielt sie einen Moment inne und sah ihrem Mann in die Augen. »Ich weiß, was Else bezweckt. Sie will vor den Mädchen schlau dastehen und ihnen Angst einjagen.«

Georg schlug den Blick nieder und sagte nichts.

Magdalene stellte das Brett mit dem Brotlaib und dem Schinken auf den Tisch, schnitt ihrem Mann eine dicke Scheibe von beidem ab und setzte sich neben ihn. Sie sah zu, wie er abbiss und kaute.

Erst dann raffte er sich zu einer Erwiderung auf. »Diese Sache darfst du nicht ohne Weiteres abtun, Lenchen«, antwortete er mit vollem Mund. »Wer weiß, vielleicht war es wirklich eine Offenbarung. So etwas soll es geben.«

»Du meinst die extraordinären Weiber.«

Eifrig nickte er, kaute, schluckte, redete wieder deutlich. »Manche Menschen besitzen eine Gabe, sie können beim Gebet in Verzückung geraten, meistens Weiber. Sie haben vielleicht das zartere Gemüt? Wir haben in unserem Zirkel darüber geredet, was die Ursache der Verzückung sein kann. Wir halten es für möglich, dass tatsächlich die Stimme Gottes aus ihnen spricht.«

»Das ist Unsinn. Wieso sollte Gott seine Stimme ausgerechnet Mägden leihen?«

»Warum nicht? Schließlich ist Gott auch in Jesu Gestalt unter die Armen gegangen und hat sich erniedrigt.«

Magdalene seufzte. Georgs nächste pathetische Rede war nicht mehr aufzuhalten. Erst am Abend zuvor hatte ihr Mann beim Essen aus seinem Pietistenzirkel berichtet, langatmig und mit jeder denkbaren Ausschmückung. Seine Stimme hatte vor Begeisterung vibriert. Es war um Adelheid Schwartz gegangen, eines der extraordinären Weiber. Er hatte geredet, als ob er die Frau selbst erlebt hätte, und hörte gar nicht wieder damit auf.

»Georg, das hier ist etwas anderes«, beschwor sie ihn. »Else war nicht bei sich. Du hättest sie sehen sollen.«

»Gerade das ist ein guter Beweis! Außerdem ist es nicht unsere Aufgabe, die Erleuchtung zu begutachten. Das können gelehrte Männer übernehmen.«

»Glaube mir, Weiber wissen, was anderen Weibern im Kopf herumgeht.«

»Weiber sind ihresgleichen gegenüber härter im Urteil als Männer.«

Sein Tonfall war schärfer geworden. Das hieß, er wollte sich von seiner Frau nicht dreinreden lassen. Selten redete er in diesem Befehlston mit ihr.

Magdalene wusste, dass ihr Mann freundlich war, freundlicher als die meisten anderen, aber sie durfte es nicht übertreiben. Anderswo gab es Schläge und unfreundliche Worte für Ehefrau, Gesinde und Kinder. Hier nicht, hier war der Ton des Hausherrn liebevoll, außer wenn jemand versuchte, ihm bei seinen Glaubenssachen ins Handwerk zu pfuschen. Darin fühlte er sich im Haus als Einziger zum Lehrer berufen.

Magdalene lenkte ein. »Ich glaube, die Extraordinären lügen nicht absichtlich. Sie glauben, was sie sagen.«

»Natürlich tun sie das. Sogar Pfarrer Francke glaubt ihnen.«

»Der Pfarrer aus Glaucha?«

»Du weißt doch, der Neue. Er ist kaum ein paar Monate im Amt, da hat er sich schon Feinde gemacht. Man nimmt ihm den Kontakt zu Adelheid Schwartz übel, weil die sich nicht an die Regeln des Kirchenlebens hält. Es ist wirklich schwer zu unterscheiden, ob die Weiber tiefgläubig oder Scharlatane sind. Stell dir vor, im Harz gibt es welche, die raten davon ab, den Gottesdienst zu besuchen und am Abendmahl teilzunehmen.«

»Warum? Geben sie einen Grund an?«

»Sie sagen, es würde davon ablenken, ein echtes Glaubensbekenntnis abzugeben.«

»Da siehst du, mit welchen Vorstellungen diese Weiber daherkommen. Vielleicht wollen sie damit etwas bezwecken? Wenn man Else für ihresgleichen hält, kann sie dir eine Menge Ärger einbrocken.«

Das hätte Magdalene nicht sagen dürfen. Georg runzelte die Stirn und wandte seinen Blick in die andere Ecke der Küche. »Ich sehe, du sprichst in Vorurteilen.«

Er sagte kein Wort mehr. In der Küche war es still, man hörte nur die leisen Geräusche des Essens, sein Kauen und das Scharren seines Messers auf dem Brett. Als er mit dem Abendbrot fertig war, erhob er sich von seinem Platz am Tisch, durchquerte den Korridor und stiefelte die Treppe hinauf. Er ging jeden Abend einmal durch alle Zimmer bis zu ihrem Sohn Hans, der schon im Bett lag. Magdalene, das Licht in der Hand, folgte ihrem Mann hinauf und ging ins Schlafzimmer vor, zog ihre Kleider aus und machte sich zum Schlafen bereit. Sie rollte sich unter dem dicken Deckbett ein und wartete auf ihren Mann.

Georg kam nicht.

Sie hörte ihn in seinem Kontor rumoren. Das war der Raum neben dem Schlafzimmer. Er hatte seine Öllampe auf dem Pult stehen, ihr warmer Schein leuchtete, da die Tür einen Spalt offenstand, bis an den Rand des Bettes. Die Türen des Bücherschranks klappten, die Schublade unterm Pult wurde herausgezogen und hineingeschoben, die Feder kratzte.

Magdalene schlief ein.

Sie hörte nicht, wie ihr Mann zurückging und die Treppe hinabstieg. Er schlurfte durch den Laden ins Lager, wo er sich am liebsten aufhielt, wenn er mit niemandem reden wollte. Er kramte herum, putzte den Destillierapparat und murmelte vor sich hin. Sie hörte auch nicht, dass Else die Treppe aus dem obersten Stock herunterkam, leise, so leise, wie man mit Holzschuhen gehen konnte.

Magdalene träumte in dieser Nacht von Else. Es war ein merkwürdiger Traum, einer, in dem Else eine junge Frau war, was man sich nicht vorstellen kann, wenn man selbst jung ist und die anderen alt. In diesem Traum lachte Else, sie sah so fröhlich und gelöst aus, wie es ihre Herrin in Wirklichkeit noch nie gesehen hatte.

Als Magdalene Rehnikel am Morgen aufstand, war ihr unwohl. Es fühlte sich an, als hätte sie sich den Magen verdorben oder als wäre mit der Luft in der Stube etwas nicht in Ordnung. Sie sah sich um, als sie das Schlafzimmer verließ. Alles sah aus wie immer, die dicken Federbetten lagen aufgeschüttelt an ihrem Platz, die Truhe, der Schrank, die leere Wiege standen an derselben Stelle wie jeden Morgen, seit sie hier wohnte. Georg war schon vor ihr aufgestanden. Er hielt sich an seinem Pult im Kontor fest, die Nase über dem Buch mit den Eintragungen und die Feder in der Hand.

Magdalene ging nach unten und fand auch in der Küche alles wie gewohnt. Else stand am Herd und wärmte die Suppe auf, die jungen Mägde hielten den Mund und senkten die Köpfe, solange die Meisterin im Zimmer war. Magdalene trug Rosina auf, sich um den kleinen Hans zu kümmern, verzichtete auf die Morgensuppe und ging hinaus.

Sie brauchte frische Luft, um das Unwohlsein zu vertreiben. Auf dem Markt sollte eine Komödie gegeben werden, die Ankündigung hing seit Tagen aus. Eine Abwechslung war jetzt genau das Richtige, Magdalene würde die erste Vorstellung des Tages besuchen. Sie zog ihr leichtes Mantelet über, das Mäntelchen, das nur bis über die Schultern reichte, hängte den Korb an den Arm und verließ das Haus.

Es war Septembermarkt.

Jedes Jahr im September fand in Halle der größte Markt des Jahres statt. Alle Bewohner der Stadt kamen dorthin, die Bauern aus den Dörfern ringsum, die Leute von den Gütern und Domänen der Umgebung. Es war der Markt, der den Bauern ihr wichtigstes Einkommen verschaffte, der Markt, auf dem jeder die Vorräte für den langen Winter kaufte. Es war der Beweis von Gottes Gnade, das große Aufatmen, die Freude über Ernte und Gewinn nach der langen Mühsal des Frühjahrs und Sommers. Was bis jetzt nicht für die dürren Zeiten vorbereitet war, schuf man in diesem Jahr nicht mehr.

Ein Markttag liebt die Sonne. Die Früchte strahlen bunter, die Stoffe leuchten heller, die Käufer sind besserer Laune, wenn die Sonne scheint. An diesem Tag tauchte sie den Platz in ein goldgelbes Licht. Der Markplatz, zwischen dem Rathaus, dem roten Turm und der viertürmigen Marktkirche gelegen, war voller Männer, Frauen und Kinder, voller Körbe, Kiepen, Wagen, Buden und Stände. Zum Septembermarkt zogen die Verkäufer nicht nur in die hölzernen Buden rings um den Roten Turm und unter den Arkaden der Marktkirche, sondern sie standen über den ganzen Platz verteilt hinter Bündeln und Kisten.

Magdalene liebte den Septembermarkt, wo alles auf einem Fleck zusammenkam, was die Ackerkrume den Menschen nach diesem warmen Sommer schenkte. Den Korb am Arm, schlenderte sie über den Platz, auf dem sich die Ernten der umliegenden Gärten und Felder versammelt hatten. Da gab es Rettiche und Bohnen in großen Körben und feinen Mangold, solchen wie den, vor dem daheim Gertrud ein weiteres Mal saß. Auf dem Boden standen Säcke mit frischem Getreide, Weizen und Hafer, Gerste und Roggen, fertig gemahlenes weißes und braunes Mehl. Für das Kleinvieh der Stadt verkauften die Bauern Klee und Luzerne. Frisch gefangene Fische zappelten in den Auslagen, Karpfen und Zander, Hechte und Aale. Es gab Geflügel, das in Käfigen gackerte. Kohl war aufgetürmt, rote und weiße Bälle auf Haufen wie Kanonenkugeln. Proben von Linsen und Erbsen lagen in flachen Schalen, Rapünzchen und Pilze wurden feilgeboten. Es gab Honig und Milch, Käse und Butter, Rüben und Zwiebeln. Bäcker verkauften Brote und Weckmänner, süße Kringel und Salzgebäck. An der Nordostecke standen die Töpfer und Krämer, Scherenschleifer und Schuhmacher, und an der Westseite des Marktes gab es viele Sorten Obst.

Die ersten blauen Pflaumen waren im Angebot. Das Wasser lief Magdalene bei der Vorstellung von frischem Pflaumenmus im Mund zusammen. Sie ließ sich von einer drallen Bäuerin eine saftige Pflaume geben und kostete. Einen Augenblick lang überlegte sie, einen Korb voll mitzunehmen, aber das würde mindestens sechs Pfennige kosten. Das war zu teuer. Magdalene war in der Lage, mit ihrem Geld hauszuhalten. Noch während die Bäuerin einen neuen Preis nannte, wandte sich Magdalene ab. Ihre Aufmerksamkeit wurde von einer anderen Person angezogen.

Vor einem Korb mit Äpfeln stand eine zierliche Frau in einem abgetragenen blauseidenen Kleid, das an mehreren Stellen sorgsam geflickt war. Es war Isabeau Baret, ihre Freundin aus der französischen Kolonie. Die junge Frau hob den Kopf und erkannte Magdalene. Ihre dunklen Locken quollen unter der Haube hervor, die rabenschwarzen Augen lachten.

»Madeleine, comment ça va?« Sie winkte und zog Magdalene für einen Wangenkuss an sich.

»Was macht das Kleine?«, fragte Magdalene der Höflichkeit halber, obwohl sie sich diese Frage lieber verkniffen hätte. Es war Neid, gestand sie sich ein. Purer Neid beherrschte ihr klopfendes Herz. Isabeau konnte nichts dafür. Sie war gutherzig und leichtgläubig, und das war nichts, was Magdalene ihr vorwerfen durfte, ihre Schwangerschaft erst recht nicht.

In das Gesicht der Freundin zauberte diese Frage ein entzücktes Lächeln. Sie legte die Hand auf ihren vorgewölbten Bauch. »Es bewegt sich munter wie ein Fisch im Wasser, am meisten, wenn ich schlafen will.« Sie sah sich um und rief mahnend: »Marthe!« Die pausbäckige Marthe auf ihren kurzen Beinen sah zu ihrer Mutter auf.

»Und bei dir?«, fragte Isabeau. »Immer noch kein Geschwisterchen für Hans unterwegs?«

Das war die Frage, die Magdalene erwartet und befürchtet hatte. Obwohl Isabeau diese Frage jedes Mal stellte, wenn sie sich trafen, tat Magdalenes Herz einen schmerzenden Schlag. Isabeau meinte es nicht böse. Sie sprach aus, was alle Leute dachten. Georg Rehnikel hatte Magdalene Bertram vor drei Jahren geheiratet, und langsam wurde es Zeit für Nachwuchs. Die Leute in der Stadt glaubten, der kleine Hans wäre Georg Rehnikels Sohn, der erste der Geschwisterreihe, die folgen würde. Die einzigen Menschen, die wussten, dass nicht Georg ihn gezeugt hatte, waren Magdalene, ihr Onkel Conrad und Georg Rehnikel selbst. Ein weiteres Kind wäre der Beweis ihrer guten Ehe, nicht nur den anderen Leuten gegenüber. Sie war zwar zweimal schwanger gewesen, aber sie hatte beide Kinder verloren, einmal nach vier Monaten, das andere Mal kaum, dass sie die Schwangerschaft bemerkt hatte. Ihrer Freundin davon zu erzählen, schämte sie sich.

Magdalene schüttelte den Kopf.

»Nein, noch kein Geschwisterchen für Hans. Und dein Mann«, wechselte sie eilig das Thema, und es war gemein, dass sie jetzt den Kummer ihrer Freundin anschnitt, aber es war nur der gerechte Ausgleich, »hat Frédéric inzwischen Arbeit?«

Isabeau seufzte. »Die Walkmühle an der Saale wird einfach nicht fertig. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass die Manufaktur auf die Beine kommt. Keiner will Tuch von uns Franzosen kaufen.«

Magdalene legte ihr die Hand auf den Arm. »Ihr werdet euch eines Tages hier wohlfühlen, das weiß ich.«

Isabeau senkte den Blick. »Es ist eine Stadt voller Lutheraner.« Sie verfiel in die französische Sprache, wenn ihr etwas naheging.

Wenn sie so traurig redete, antwortete Magdalene auf Französisch, um sie zu trösten. Magdalene sprach flüssig Französisch, und sie tat es gern. Die Dinge wurden dann klarer, vielleicht, weil sie, wenn sie nach dem richtigen Wort suchte, auf eine gründlichere Weise nachdenken musste. »Ich bin auch lutherisch. Es sind nicht alle feindlich gegen euch. Sieh mich an. Ich zähle mich zu den Pietisten, und die sind von allen Lutheranern die mit dem tiefsten Glauben.«

Isabeau zuckte die Schultern. »Wodurch sollten sie auserwählt sein, eure Pietisten?«

»Sie haben herausgefunden, dass man die Liebe Gottes weitertragen muss«, erklärte Magdalene nachsichtig. »Barmherzigkeit ist eine der Aufgaben, die mir mein Glauben stellt. Ich bringe denjenigen von euch Brot, die sich keins leisten können.«

Isabeau seufzte und die kleine Marthe an ihrem Rockzipfel fuchtelte unruhig mit der freien Hand. »Frédéric sagt, dass die Pietisterei schädlich ist. Sie legen die Bibel allein aus, ohne einen Priester.« Sie gab Marthe, die nach den Äpfeln in den Verkaufskörben grapschte, einen Klaps und hielt die Kleine an der Hand fest. Als sie wieder in Magdalenes Gesicht sah, war ihr Blick verdunkelt, hellte sich aber beim Anblick der Freundin auf. »Schlechte Menschen könnt ihr Pietisten aber nicht sein, wenn ihr uns Brot bringt.«

Die beiden Frauen wandten ihre Aufmerksamkeit Marthe zu, die am Kleid ihrer Mutter zerrte. Isabeau gab ihrer Tochter einen erneuten Klaps und hob ihren Blick zu Magdalene. »Du musst die Liebe Gottes auch in deiner eigenen Familie weitertragen. Es wird Zeit, dass du ein zweites Kind bekommst. Wieso dauert das bei dir so lange?«

Isabeau meinte es gut. Magdalene wusste das, sie kannte ihre Freundin. Es quälte sie, dass Isabeau nichts über die Sache mit Hans wissen durfte. Vielleicht konnte Magdalene ein Geheimnis mit einem anderen gutmachen, wenn sie über das Amulett unter ihrem Hemd redete. Sie trug es auf der bloßen Haut, seit sie ein kleines Mädchen war. Ihre Amme Anna hatte es ihr vor vielen Jahren geschenkt; Magdalene hielt es sonst sorgfältig verborgen.

»Dies hier«, sie zog an der Lederschnur und nestelte das Schmuckstück heraus, »wird mir helfen. Es hilft mir immer, wenn ich mir etwas dringend wünsche.« Das Amulett war ein Oval aus Silber und Elfenbein, ein wertvolles Stück, das Wertvollste, was Anna je besessen hatte. »Das ist das Schutzzeichen der Guten Lubbe.« Sie öffnete den winzigen Verschluss und klappte das Deckelchen auf. Kleine weiße Knochenstücke lagen darin.

Isabeau ließ den Mund offenstehen und berührte mit der Fingerspitze einen der Splitter. »Was ist das?«

Magdalene klappte das Amulett zu und steckte es zurück an seinen Platz unter ihrem Hemd. »Es sind Knochen. Als ich klein war, hat meine Amme der Guten Lubbe ein Huhn geopfert. An den Knochen hat sie das Zeichen der Lubbe erkannt, dass ich mein Leben lang geschützt sein werde und dass die Lubbe mir in jeder Not beistehen wird.«

»Das ist Aberglauben«, flüsterte Isabeau.

»Das ist kein Aberglauben. Man kann nicht gleichzeitig an Gott glauben und abergläubisch sein. Das mit meinem Amulett ist etwas anderes als Aberglauben. Die Gute Lubbe gibt es wirklich. Sie hat mir immer geholfen und wird es auch dieses Mal tun. Sie wird dafür sorgen, dass ich noch mehr Kinder bekomme.«

Isabeau schüttelte zweifelnd den Kopf. »Gebete werden dir helfen. Gott wird dir ein Mittel schicken, das gegen Kinderlosigkeit hilft. Wer weiß, warum die erste Frau Rehnikel unfruchtbar war. Vielleicht ist sie auch so abergläubisch gewesen und das war ihre Strafe.«

Nicht immer war Magdalene klug genug, um vor dem Reden zu denken. »Wer sagt denn, dass es an der Unfruchtbarkeit der verstorbenen Frau Rehnikel gelegen hat? Die Ursache kann genauso mein Mann sein.« Sie bemerkte ihren Fehler, hob die Hand und fügte eilig hinzu: »Ich meine, bevor Hans da war, könnte man das vermutet haben, nicht wahr?«

Was für eine Dummheit war ihr entschlüpft! Mit einem Lächeln wollte Magdalene von ihrem unbedachten Geplapper ablenken.

Isabeau winkte ab und lächelte verschwörerisch zurück. »An deinem Mann liegt es nicht, der kann zeugen. Das weiß spätestens seit der Sache mit der Magd jeder. Das hat sich sogar bis zu uns herumgesprochen!«

Magdalenes Lächeln verschwand aus ihren Mundwinkeln. »Welche Sache mit welcher Magd?« Innerhalb eines einzigen Augenblicks war die Luft auf dem Markt stickig geworden. Ihr brannte die Kehle, als würde Galle hinablaufen.

Isabeau sah das erstarrte Gesicht der Freundin und zögerte. Ihre dunklen Augen blinzelten. »Du weißt nichts davon?« Sie zupfte befangen an Marthes Kleid und fuhr fort: »Die Leute sagen, dein Mann hätte einer Magd ein Kind gemacht. Es soll lange her sein, lange vor eurer Hochzeit. Man sagt auch, er hätte das Kind nach der Geburt beseitigt, aber das glaube ich nicht. Das haben die Leute hinzugefügt, damit sie wieder eine Schauergeschichte haben. Sonst wäre dein Mann doch vors Gericht gekommen.«

Magdalene brannten die Wangen rot. »Wann soll das gewesen sein?«

»Keine Ahnung.« Isabeau zwinkerte verlegen und ergänzte: »Auf jeden Fall ist es lange her. Es war schon längst passiert, als wir vor sechs Jahren in die Stadt gekommen sind.« Sie streichelte Magdalenes Arm und beschäftigte sich mit Marthe. Ihr war anzusehen, dass sie sich für ihr Geplauder am liebsten selbst geohrfeigt hätte. Isabeau zwinkerte nervös und verabschiedete sich Augenblicke später.

Ein Wind fuhr über den Platz. In einer Vorahnung von Herbst zog er an den Röcken und wirbelte Schmutz auf, der kurz in die Höhe flog und sich wieder auf das Pflaster senkte. Magdalene sah Isabeau nach, die mit Marthe auf dem Arm zwischen den Verkaufsständen verschwand. Sie atmete tief ein.

Als wäre Elses Aufsässigkeit nicht genug, worüber sie sich ärgern musste, setzte sich dieses dumme Gerücht wie Fliegen im Sommer auf ihren Gedanken nieder. Georg und ein Kind umbringen! Unfassbar, was für blödsinniges Geschwätz mancher breittratschte!

Von der anderen Seite des Platzes waren lautes Pfeifen und Beifall zu hören. Der erinnerte sie an die Komödie, wegen der sie auf den Markt gegangen war. Die Aufheiterung hatte sie dringend nötig. Magdalene wischte sich den Staub aus den Augen und schlenderte zu den Komödianten. Rings um eine Stelle seitlich des Corps du Garde, des Wachhauses der Soldaten neben dem Roten Turm, drängte die dichte Menge der Zuschauer. Seit Tagen erzählten die Leute über den Aushang der Schauspieler, ein auf grobes Papier gedrucktes Pamphlet, in dem sie die »Moritat von der Schwartzin und was ihr gar furchtbar widerfahren« ankündigten. In einer Stadt am Rand des großen Kurfürstentums Brandenburg gab es wenig Abwechslung. Aus diesem Grund war die Neuigkeit schnell durch die Gassen gelaufen und hatte viele Leute angezogen. Das Spiel wurde direkt vor dem Wagen der Schauspieler, einem hölzernen Fuhrwerk mit einer geflickten Plane, aufgeführt. Der Wagen musste für alles herhalten, als Bühne, Garderobe und Schlafplatz. Der magere Gaul stand in seinem Geschirr, weil die Komödianten nach der Aufführung den Platz bis zur nächsten Vorstellung räumen würden. Eine Menge Gaffer aus allen Teilen der Stadt und den Vorstädten hatte sich eingefunden, Kinder saßen auf dem staubigen Boden. Das Pfeifen zeigte, dass die Komödie schon im Gang war.

Magdalene näherte sich und ein paar Leute von niederem Rang machten ihr Platz. Sie gelangte nach vorn in die Nähe des Wagens, zwischen eine Fleischersfrau aus der Kuhgasse und einen fremden Burschen mit fransigem Haar. Vor ihren Füßen saßen ein paar vor Schmutz starrende Kinder. Die Komödianten waren zu dritt, einer von ihnen hatte sich als Frau verkleidet. Sein Gesicht war mit roten Apfelbäckchen und einem riesigen Mund bemalt. »Ja«, schrie er gerade mit einer verstellten hohen Stimme, »habt Ihr es denn nicht vernommen, den Lichtstrahl hab’ ich abbekommen!«

Ein zweiter Schauspieler, ein grellbuntes Wams am Leib und eine zerzauste Perücke auf dem Kopf, verbeugte sich. »Gute Frau, wer seid denn Ihr?«

»Die allererleuchtetste Frau bin ich hier! Adelheid Schwartz, das ist mein Name. Ich selbst bin eine große Dame.«

Hinter ihr tauchte ein Lichtkranz auf, ein an einer Stange befestigtes bemaltes Holz, das der dritte Schauspieler trug. Die Leute johlten, Gelächter wogte durch die wachsende Menschenmenge.

»Ich sprech’ selbst mit dem Höchsten Herrn. Er salbt und segnet mich sehr gern.«

Der bunte Mann hockte sich vor die Frau und gaffte sie mit aufgerissenen Augen an. »Und wie, sagt an, kommt er Euch nah?«

Sie hob ihre Hände hoch und sah gegen den Himmel. »’s ist nicht lang her, dass ich ihn sah!« Danach murmelte sie ein Kauderwelsch, das an Latein erinnerte. Sie wurde schriller und schrie alle Augenblicke »Puh!«, worauf der hockende Mann Schreckensrufe von sich gab und umfiel.

Schon johlten und lachten die Leute wieder. Die Frau säuselte: »Er sagt, ein Apfel täte mir sehr gut!«

Der Buntgekleidete stand auf und zog einen grünen Apfel aus seiner Rocktasche. Er ließ die Frau einige Male danach schnappen, bis sie ihn griff, so tat, als ob sie hineinbiss und das Gesicht zu einer Grimasse verzog.

Die Leute lachten.

»Den Herrn verspotten ist Übermut«, kreischte die bemalte Person.

»Nein, nein, ich dachte an das Paradies.« Der Mann wandte sich an das Publikum. »Nicht dass sie mich jetzt Schlange hieß!«

Die Leute klatschten vor Begeisterung.

»Die Schlange will ich anders reichen!«, kreischte die Frau und versohlte ihm mit einem Strick aus ihrer Tasche den Hintern. Das Johlen der Leute hörte gar nicht auf, sie bogen sich vor Lachen. »Wenn ich das will, gibt Gott ein Zeichen!« Sie hob die Hände hoch und zeigte ihre Handflächen, von denen auf einmal rote Farbe lief.

Abrupt brach das Lärmen ab, das Lachen erstarb. Noch ein paar Pfiffe tauchten aus dem Raunen, dann war es still. In den Gesichtern rings um Magdalene stand erschrockenes Blinzeln.

Die beiden Männer auf dem freien Platz hielten inne und tauschten einen verunsicherten Blick. Magdalene begriff, dass sie keine Ahnung von Anna Maria Schuchardt hatten und nicht wussten, was mit ihr in Halle passiert war.

Der Bursche neben Magdalene, ein Nichtsnutz von Mitte zwanzig, schaute genauso verständnislos wie die Schauspieler. Sein zotteliges, schief und schräg geschnittenes rotbraunes Haar fiel in den Blick. Das geflickte Wams musste früher in reicheren Händen gewesen sein; man konnte noch die Stellen an Ärmeln und Kragen sehen, an denen der Spitzenbesatz abgeschnitten worden war. Die blaue Farbe seiner Kleider war verblichen, am stärksten auf den Schultern. Risse ließen das grobe Hemd darunter hervorlugen.

Dieser Nichtsnutz war ein Bettler, und solchen war alles zuzutrauen. Magdalene legte die Hand auf ihren Gürtel, unter dem der Geldbeutel steckte, und trat nach hinten, bis er zu der Fleischersfrau rückte. Sie sah ihn die großen grauen Augen aufschlagen. »Was meinen die?«, fragte er die Fleischerin. Er kam nicht von hier, sonst hätte er über solche Frauen wie die Schuchardt Bescheid gewusst. Jeder hier wusste von der Angelegenheit.

»Habt Ihr noch nie von den hysterischen Weibern gehört?«

Der Nichtsnutz schüttelte den Kopf.

»Hier in Halle hatten wir eins, die Schuchardt. Manche sagen hysterische Weiber zu ihnen, andere, die es gut meinen, nennen sie extraordinäre Weiber.« Der junge Mann sah sie fragend an, und sie fügte bissig hinzu: »Die Schuchardt haben sie letzten Winter aus Halle verjagt, aber die Leute waren uneins wegen ihr. Wenn Ihr mich fragt, ich halte sie für eine gewöhnliche Magd. Die ist nichts Besonderes, die spielt sich bloß auf. Die ist schon aus Erfurt ausgewiesen worden und hat gedacht, in Halle würde es ihr besser gehen. Raffiniert ist sie aber schon. Zuerst versenkt sie sich ins Gebet, als Nächstes wird sie starr, als ob sie entrückt wäre, und danach soll sie singen. Die Leute reden von Visionen, richtigen Prophezeiungen, aber das ist Blödsinn. Die Wahrsagungen treten nämlich nie ein oder sind allgemeiner Kram. Aber eine Sache gibt es, wegen der wissen wir alle nicht so recht, ob es mit der Schuchardt nicht doch stimmt. Im Haus des Sekretärs Ringhammer hat eine Andacht stattgefunden, da ist der Frau, ohne dass sie verletzt war, blutiger Schweiß von ihren Händen gelaufen. Es sieht aus, als wollten sich die Schauspieler da vorn über die Schuchardt lustig machen.«

Ehe der Mann etwas erwidern konnte, hatten sich die Komödianten gefasst und versuchten das Theaterstück wieder aufzunehmen. Der mit der roten Farbe an den Händen schrie: »Na, willst du endlich für mich springen und mir schöne Speisen bringen!« Und den Leuten zugewandt: »Ich würde einen Besen fressen, brächt er mir jetzt nicht feines Essen.« Der Buntgekleidete kniete sich auf den Boden und tat, als würde er beten.

Nur noch wenige Leute lachten. Einige hatten die Brauen verärgert zusammengezogen, andere die Arme in die Hüften gestemmt. Ein dunkel gekleideter, flaumbärtiger Student drängte sich nach vorn. »Was ist das für eine Schmierenkomödie?«, rief er mit dünner Stimme den Schauspielern entgegen.

»Jawohl, jawohl«, hörte Magdalene rings um sich, wo die Leute eben noch gejohlt hatten.

»Ihr seid in Halle. Das ist keine gewöhnliche Stadt, wenn es um die Stimme unseres Herrn geht. Hier hat Gott aus dem Mund von Menschen gesprochen. Die extraordinären Weiber mögen über Euren Horizont steigen, über sie spotten dürft Ihr deshalb noch lange nicht.«

Die Schauspieler unterbrachen ihr Spiel zum zweiten Mal. Die lachend nach oben geschminkten Lippen des als Weib Angezogenen standen in einem grotesken Gegensatz zu seinen fragend erhobenen Augenbrauen.

»Ach was«, tönte es vor Magdalene, »lasst sie weiterspielen und stört den Spaß nicht.« Die Fleischerin schob sich nach vorn zu dem Studenten. »Es war richtig, dass man die Schuchardt aus der Stadt geworfen hat. Die konnte genauso gut schauspielern wie die Komödianten hier. Ich würde gern wissen, wie sie das mit den blutigen Malen auf den Händen angestellt hat. Ihr glaubt wohl an diesen Spuk?«

Der Student reckte sich zu seiner ganzen Größe auf. »Ich verkehre im Haus des königlich-schwedischen Legations-Sekretärs Ringhammer.« Zwischen den Leuten setzte vorsichtiges Gemurmel ein. »Während ihrer Ekstase hat die Schuchardt Hochdeutsch geredet, wo sie sonst Thüringisch spricht. Das war keine Komödie, die Frau war verwandelt. Ich habe es selbst gesehen.«

Die Fleischerin stemmte die Hände in die Seiten und maß den Studenten mit Blicken. »Wenn es um die Qualitäten der Schuchardt geht, da weiß ich mehr. Ich habe sie auch selbst erlebt. Sie hat sich jeden Tag im Leben so angenehm wie möglich zu machen versucht. Mit Arbeit hatte die nicht viel am Hut. Eine Menge Leute findet es richtig vom Salzgrafen, sie aus der Stadt zu weisen.«

Der Student trotzte. »Das ist doch der Beweis für den göttlichen Ursprung der Geschehnisse. Der Allmächtige hat den Charakter dieses Weibs verwandelt. Wisst Ihr überhaupt, was seitdem passiert ist? Noch mehr Frauen haben Visionen, die Tochter des Sekretärs Ringhammer und zwei Töchter des Herrn von Wolff, Christiane und Sophie. Sie sind bei Herrn Francke im katechetischen Unterricht. Der glaubt ihren Entzückungen.«

Die Fleischerin winkte ab. »Mir ist der Spaß sowieso verdorben. Die reichen Weiber können mir gestohlen bleiben.«

Der Student nickte zufrieden. Er drehte sich zum Publikum und hob die Hände. »Geht nach Hause, liebe Leute! Die Komödie ist zu Ende. Wir kommen wieder, wenn es etwas Gescheiteres zu sehen gibt als Spott über Gottes Gnade.«

Das Raunen wurde stärker. Unentschlossen standen die Komödianten auf dem freien Platz, flüsterten miteinander und verschwanden einer nach dem anderen in ihrem Wagen. Der Nichtsnutz vor Magdalene nickte. »Die haben Erfahrung, die wissen Bescheid, wann sie besser unsichtbar werden.« Er drehte sich um und drängte durch die Leute nach hinten. Die Menschentraube, die sich um den Wagen gebildet hatte, löste sich auf, einer nach dem anderen ging fort.

Magdalene blieb stehen. Um sie herum strebten alle vom Platz weg, bald rollte auch der Wagen der Komödianten in Richtung Rannisches Tor. Sie stand einsam an der eben noch bevölkerten Stelle beim Corps du Garde. Spätestens morgen würde die ganze Stadt wissen, dass die Komödianten in diesem Jahr mit ihrem schlechten Schauspiel am tiefen Glauben der Hiesigen gescheitert waren. Das war für die Truppe Grund genug, die Vorstellungen abzubrechen und an einen anderen Ort zu ziehen. In solchen Dingen waren sich die Leute schneller einig, als Fremden lieb sein konnte.

Neue Nachrichten durchliefen die Stadt nach der Art eines Feuers im frischen Herbstwind. Kaum etwas konnte man vor anderen geheim halten. Ein Wunder, dass man den Rehnikels die Geschichte von Georgs Vaterschaft am kleinen Hans abgenommen hatte! Vielleicht hatten die Leute sie nur ernst genommen, weil sie einen wunderbaren Tratsch abgab. Ohne sich zu bewegen, stand Magdalene auf dem leeren Platz. Der Wind blähte ihre Röcke, bis die Vorbeigehenden sie aus den Augenwinkeln musterten.

»Ist Euch nicht gut?«, eine alte Frau blieb stehen und wollte ihr die Hand auf den Arm legen. Mit einem Kopfschütteln wehrte Magdalene sie ab.

Es gab noch eine andere Schicht von Gerede. Es war eine, die wie klebriger Honig unter dem Geplätscher aus den Mäulern der Bürgerinnen lag. Es war das Gespräch zwischen den Mägden, die abergläubischer redeten und weniger belehrbar waren, wenn es um die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Geschehnissen ging. Die Gerüchte unter Bürgerinnen und Mägden vermischten sich nicht immer; derjenige, der ein Wunder bezeugen kann, lässt sich das ungern von einem Neunmalklugen ausreden. Dieser Abstand war es, der Gerüchte unter den Mägden bewahrte, wenn sie unter den Bürgerinnen längst zu Staub zerfallen waren. Aberglauben und Dummheit waren der Grund. Georg war Opfer eines dummen Geredes geworden. Magdalene ärgerte sich, dass Isabeau einem Gerücht auf den Leim gegangen war. Gleich darauf ärgerte sie sich darüber, dass sie sich überhaupt ärgerte. Ihre Schritte klopften wütend auf das Pflaster, als sie heimging.


3. KAPITEL


Magdalene war zur Mittagszeit zu Hause. Das Haus der Rehnikels stand dreihundert Schritte vom Markt entfernt am Saaleufer, dicht bei der Halle, wo die Salzkoten rauchten. Im Haus hatte alles seine beruhigende Ordnung. Die beiden jungen Mägde schenkten ihr einen Knicks und ein angemessenes Lächeln. Vor dem Verkaufstisch des Gesellen Lichtenberg stand ein schwergewichtiger Bürger im gefütterten Mantel, ein Innungsmeister der Wollkrämer. Der Geselle erklärte etwas zu dem roten und braunen Pulver, das vor ihm in zwei tönernen Schalen glitzerte, gemahlene Metalle, als gute Farbe für Wolle zu verwenden. Lichtenberg verbeugte sich, als er Magdalene im Hausflur erkannte.

Georg Rehnikel bezog seine Handelswaren von weither. Es gab niemanden sonst im Umkreis von vielen Meilen, der arabischen Gummi, Teer oder Indigo anbieten konnte. Die französischen Moden brachten dem Geschäft einen sanften Aufwind, und Gottes Gnade hatte den modernen Luxus und die Spezereien miteinander verknüpft. Der protestantische Glaube ließ wenig Luxus zu, aber das Wenige konnte einen deutlichen Unterschied ausmachen: Locken in Weiberhaaren, neue Farben für die Wolle, ein besonderes Siegelwachs, ein Tässchen Kakao am Sonntagnachmittag. Je verrückter es war, umso mehr Gewinn warf es ab. Rehnikels verkauften wunderliche, exotische Sachen. Wenn die Leute mit ihrem Wohlstand protzen oder die Handwerker etwas Besonderes machen wollten, brauchten sie Zutaten aus dem Spezereienhandel.

Das Geschäft bestand aus drei Teilen. Erstens gab es den kleinen Handel im Laden, zweitens den Großhandel mit bedeutenden Mengen an Hölzern, Fasern und speziellen Waren im Austausch mit Händlern und Handwerkern und drittens die Herstellung von einfachen Waren, Ölen zum Beispiel, die aus exotischen Früchten gepresst wurden. Rehnikels mussten sich mit den Apotheken gut stellen, damit man sie dort nicht als Konkurrenz ansah. Die Apotheker waren ihre wichtigsten Kunden, ihnen lieferte Georg Rehnikel viele Waren, vor allem solche, die auf langen und verschlungenen Wegen nach Halle kamen. Magdalene nickte dem Wollkrämer und dem Gesellen Lichtenberg höflich zu, als sie an der offenen Ladentür vorbeiging, und betrat die Küche.

Die Familie aß zu Mittag ein paar kalte Häppchen in der Küche. Gekocht wurde nur für den Morgen und die Festtage, weil es teures Holz verbrauchte. Manchmal gab es abends zusätzlich einen Eintopf, ein Luxus, den sich arme Leute nicht leisten konnten. Magdalene hatte Mühe, ihre alberne Einbildung von der stickigen Luft zu verdrängen. Sie stellte den Schmalztopf und das Brotbrett auf den Tisch und bereitete ein paar Scheiben Brot für alle vor. Die Mägde, der kleine Hans und Lichtenberg griffen zu, auch Georg kam vorbei und nahm sich ein Stück. Else ließ ihrer Herrin durch die jungen Mägde ausrichten, sie käme später.

Das wäre Magdalene gleich gewesen, solange Else ihre Arbeit tat. Aber so war es nicht. Magdalene vermisste sie eine Stunde nach dem Mittag immer noch. Sie sagte sich, dass Abwesenheit allein keinen Tadel wert war, weil es genügend harmlose Gründe gab, sich zu entfernen. Aber Elses Hände fehlten, Magdalene musste sich selbst sich an den Tisch stellen und das Fleisch für das Pökeln vorbereiten. Gertrud scheuerte emsig die Schüsseln, die sie dafür brauchte. Magdalene schickte sie ins Lager, um die Säckchen mit dem Salz zu holen und gleichzeitig Ausschau nach Else zu halten.

Gertrud, ein dünnes Geschöpf mit Haaren von der Farbe nassen Strohs, ließ ihren Mund zwischen den blassen Lippen offenstehen. »Suchen soll ich die Else?«, fragte sie. Flüsternd setzte sie fort: »Man hat letztens Wassergeister gesehen. Sie holen Menschen, bei helllichtem Tage! Vielleicht hat ein Wassergeist die Else …«

Magdalene brauchte nur die Miene zu verziehen, dann wusste Gertrud Bescheid. Sie duckte sich, nickte und sagte: »Ich geh schon, Frau Rehnikel.«

Wäre Else halb so folgsam, hätte Magdalene zufrieden sein wollen. Gertrud lief im Haus herum, Magdalene hörte ihre Holzpantinen über den oberen Gang klappern. Nach einiger Zeit tauchte sie auf, murmelte kläglich: »Ich habe sie nicht gefunden« und schlug sich erschrocken mit der Hand auf den Mund. »Das Salz! Das habe ich vergessen!«

In der Zwischenzeit wendete Magdalene das Obst, das zum Dörren über dem Herd auf einer Platte lag, und fing an, Kraut zu schneiden. Gertrud kam mit den leinenen Säckchen zurück. Magdalene schüttete eine dicke Schicht Salz in die Schüsseln, bis das Fleisch darunter verschwunden war.

Als Else nach einer weiteren Stunde noch nicht aufgetaucht war, wurde es Magdalene zu bunt. Sie stieg selbst nach oben und sah sich um. Am Ende der schmalen und steilen Treppe stand die Tür zum Erkerzimmer offen.

Else hatte dicht am Fenster in Magdalenes schönem Armlehnstuhl gesessen. Sie war beim Klang der Schritte auf den Treppenstufen aufgesprungen und strich sich die Röcke glatt, aber man sah im ledernen Polster noch die Delle von ihrem Hintern. Sie trug ihr wollenes Mägdekleid mit grauer Schürze, darüber in eigenwilliger Zusammenstellung eine Haube aus zartem Leinen mit einer Spitzenkante, wie die Kleiderordnung sie vielleicht für eine Bürgerin, aber bestimmt nicht für eine Magd zuließ.

Elses Blick heftete sich feindlich und unerschrocken auf ihre junge Herrin. Sie kniff die Lippen zusammen und sagte keinen Ton.

»Seit wann wirst du fürs Faulenzen bezahlt?«, warf Magdalene ihr entgegen. Else zog die Mundwinkel nach unten und wollte sich wortlos an ihr vorbeidrücken, da packte Magdalene die Magd am Ärmel. »Scher dich in die Küche und kümmere dich um die Suppe. Wenn ich dich noch mal beim Faulenzen erwische, sorge ich dafür, dass mein Mann dich hinauswirft!«

Elses Mundwinkel schoben sich nach oben. Es entstand ein unverschämtes Grinsen. »Versucht’s ruhig!«, antwortete sie und polterte in ihren Holzschuhen die Treppe hinunter.

Magdalene ballte ihre Hände zu Fäusten und blieb tief atmend stehen. Ihr Gesicht war dunkelrot geworden, sie musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. Langsam ging sie zum Tisch, legte ihre Schürze ab und faltete sie drei Mal so sorgfältig wie sonst. Von nebenan hörte sie ihren kleinen Sohn rufen, der in seinem Zimmer spielte, von Rosina behütet.

Hänschen war eine Insel des Glücks, ein kleiner Engel. Er war drei Jahre und vier Monate alt und brauchte eine ständige Begleiterin, weil er unentwegt kletterte, hinauslief und alles probierte, was ihm vor die Nase kam. Vor etwas über einem Jahr hatte Georg Rehnikel auf Magdalenes Wunsch Rosina ins Haus geholt, um auf ihn aufzupassen. Rosina hatte sich bei ihrem früheren Dienstherrn in der Kinderbetreuung bewährt, ein gescheites, etwas vorlautes Ding, das fleißig seine Arbeit tat. Sie war gerade zwanzig, nur wenig jünger als Magdalene selbst, und in den sechs Jahren, bevor sie zu Rehnikels kam, bei verschiedenen Handwerkern und Stadtbürgern im Dienst gewesen. Magdalene öffnete die Tür von Hänschens Zimmer und trat ein. Rosina saß auf einem Stuhl am Fenster, über eine Flickarbeit gebeugt, und hob beim Geräusch der Tür den Blick ihrer braunen Augen. Eine Locke ihres Haars war ihr in die Stirn gerutscht. Hans lief auf seine Mutter zu, einen Knopf in der Hand, den er ihr stolz entgegenstreckte.

Magdalene konnte sich nicht mehr vorstellen, wie sie früher ohne ihr Hänschen gelebt hatte. Ihr Tag war erfüllt von den Gedanken an ihn, wie er wuchs, wie schön er war und wie klug. Hans war ein prächtiges Kind mit geraden Gliedern, gesunden Zähnen und dunklen Locken. Er konnte so schnell laufen, dass ihr beim Hinterherrennen manchmal die Luft ausging, besonders auf dem Hof, wo er die Hühner jagte oder ähnlichen Unfug anstellte. Er liebte Pferde und zog seine Mutter oft an der Hand hinüber in den Stall. Sie war sehr jung gewesen, als sie ihn bekommen hatte, aber in den vergangenen drei Jahren war ihr das Kind jeden Tag mehr ins Herz hineingewachsen. Eine Mutter konnte nicht anders als ihr Kind lieben, das war sicher.

Seine braunen Augen blitzten, als er vor ihr stand. Er redete zwar nicht viel, aber wenn, dann besaßen seine Worte Gewicht.

»Ein blauer Knopf«, erklärte er, streckte das Ärmchen mit seinem Fundstück aus und sah sie erwartungsvoll an. Magdalene strich ihrem Sohn über den Kopf und erklärte, dass Knöpfe rund sind, damit sie besser durch die Knopflöcher passen.

Der Junge lief zu Rosina zurück, zog sie am Ärmel, bis die Kindermagd aufstand und ihm zu seiner Mutter folgte. Er zeigte, was ihn bewegte: Rosinas Kleid besaß Knebel als Verschlüsse. »Gar nicht alle rund!«, erklärte er.

Was kann eine Mutter anderes als stolz auf ihr kluges Kind sein? Magdalene öffnete die Tür und wollte gerade das Zimmer verlassen, da erkannte sie draußen eine Bewegung.

Else schritt vorbei. Die Tür stand offen, und sogar Rosina hinter ihrer Herrin konnte sehen, wie die Altmagd über den Gang stolzierte, der außen an den Kammern vorbeiführte. Else trug einen Stapel Wäsche im Arm, feines weißes Leinen mit gerafften Spitzen, teures Zeug. Magdalene stand verblüfft in der Tür, einen Moment zu lange, denn es wäre an Else gewesen, ihrer Herrin Platz zu machen. Else tat es nicht. Sie ging ungerührt an Magdalene vorbei zur Treppe, die nach oben führte, zu den Mägdekammern.

»Else!«, rief Magdalene. »Komm auf der Stelle her!«

Else stockte, drehte sich gemächlich um und kam zurück. Gute drei Schritte von ihrer Herrin entfernt blieb sie stehen.

Magdalene presste mit unterdrückter Wut hervor: »Warum bist du nicht in der Küche?«

»Die Suppe ist fertig«, erwiderte Else spitz.

»Wo willst du hin?«

»In meine Kammer.«

»Was hast du da?«

»Leinen, das seht Ihr. Ihr seid doch nicht blind.«

»Was willst du damit in deiner Kammer?«

Else holte tief Luft, lächelte breit und, wie es schien, gehässig. »Es ist mein Leinen.« Sie betonte das Wort ›mein‹, obwohl es nicht falsch zu verstehen gewesen war. Die beiden Frauen standen einander gegenüber und sahen sich gerade in die Augen, nur, dass Else ein Stück größer war als ihre Herrin. Else fuhr fort: »Ist es recht, dass ich mein Leinen in meine Kammer bringe?«

»Wo hast du das her?«

»Ich spare meine Pfennige«, erwiderte Else mit gerecktem Kinn. Als Magdalene einen Moment lang nichts erwiderte – was hätte sie auch erwidern sollen außer einer Ohrfeige – fügte Else hinzu: »Gute Arbeit gibt herrlichen Lohn, sagt König Salomo«, und schritt ohne Erlaubnis davon, die Treppe ins Dachgeschoss hinauf, wie es ihre Absicht gewesen war.

Magdalene presste die Hand auf die Türklinke, dass ihre Knöchel weiß leuchteten. Der Bibelspruch war reiner Hohn gewesen. Sie musste mit Georg reden. Wer sich so aufsässig benahm, gehörte hinausgeworfen.

Im Kontor war niemand. Georgs Platz an seinem Schreibpult war leer, das Tintenfass verschlossen, die Feder weggeräumt.

Aus dem Innenhof drang das Rumpeln von Wagenrädern. Magdalene lief in den Korridor und öffnete die Tür zum Außengang, von wo man über das Geländer auf den Hof sehen konnte. Ein Wagen war gekommen, und wie in solchen Fällen üblich stand ihr Mann bei der Fuhre und entlud gemeinsam mit dem Fuhrmann Kisten und Fässchen. Bis das Geschäft abgeschlossen war, würde es noch einige Zeit dauern. Else bekam einen Aufschub, aber das würde am Ergebnis nichts ändern.

Magdalene ging zurück zu Rosina, um Hänschen zu holen. Sie nahm ihn in die Arme, das war der beste Trost, den man haben konnte. Mit dem Kind stieg sie nach unten und betrat den Hof, und dort war alles wie gewohnt, Georg Rehnikel lächelte seiner Frau quer über das Pflaster arglos zu. Er ahnte noch nicht, welche unangenehme Aufgabe sie ihm zugedacht hatte.

Magdalene stellte sich mit dem Jungen neben die Pferde, die noch angeschirrt waren. Hans streichelte das raue Fell, Magdalene warf immer wieder Blicke zu den Männern am Fuhrwerk. Die Begutachtung der Kisten würde noch eine Weile dauern. Als der Kleine die Geduld verlor, spazierten sie zum Federvieh. Zur Hauswirtschaft gehörten fünfzehn Hühner in einem Verschlag neben dem Stall, wo sie in einem Fleckchen Erde scharren konnten. Die Vögel plusterten ihre Federn und hockten sich in die von der Nachmittagssonne warmen Erdkuhlen, wo sie mit ruckenden Köpfen ins Leere starrten.

Dem Kind machte es Spaß, die Hühner zu rufen. Magdalene ließ den Jungen vom Arm gleiten, er war zu schwer, um ihn länger zu tragen. »Put! Put! Put!«, rief er, und ein paar Getreidekörner rieselten aus seiner Faust. Die Tiere erhoben sich und kamen gackernd angerannt, pickten und pickten, selbst als alle Körner fort waren. Mit roten Bäckchen stand Hans bei seiner Mutter und streifte sich die Kleie von den Händen. Magdalene nahm ihren Jungen an die Hand und ging ins Haus. Die Therapie war erfolgreich gewesen, sie hatte sich beruhigt. Sie nahm den Kleinen mit in die Küche, wo er bei den Mägden spielen konnte.

Else kam von oben herunter. Sie betrat die Küche, als hätte sie alle Zeit der Welt und nicht den Vormittag wer weiß wo verbracht, statt zu arbeiten. Auf dem Küchentisch stand die Schüssel, in der Magdalene das Pökelfleisch eingelegt hatte. Else schlenderte in die Stube, gefolgt von Rosina, die sich zu dem Kleinen hockte. Die Altmagd hob den Deckel von der Fleischschüssel und fuhr mit dem Finger durch die Salzschicht, bis sie das Fleisch herausgehoben hatte. Sie sah mit heruntergezogenen Mundwinkeln auf das weiß geäderte Stück. »Das ist ein zerriges Ding«, nörgelte sie. »Dafür hätte ich keinen halben Groschen gegeben.«

Magdalene blieb ruhig. »Es ist zartes Fleisch von einem Kalb.«

»Es ist nicht viel wert. Was an Haushaltsgeld für solches Zeug draufgeht, möchte ich nicht wissen.«

»Das musst du auch nicht wissen. Es geht dich nämlich nichts an.«

Elses Blick bohrte sich wie ein Messer ins Fleisch. Sie zog ein Gesicht, als wäre sie die Herrin und hätte das Recht, ein Urteil zu fällen.

»Das Zeug, das du früher gekauft hast, war auch nicht besser«, platzte Magdalene heraus. »Und Geld hast du dafür genug ausgegeben.«

Die Altmagd sah sie mit einem kalten Blick an, drehte sich um und schleuderte dabei ihre Röcke heftig über den Tisch. Die Schüssel mit dem Fleisch kam ins Trudeln und rutschte über die Kante. Magdalene war vor Schreck wie gelähmt. Rosina hockte bei Hans und konnte nicht schnell genug zugreifen, Gertrud stand zu weit entfernt am Herd, und so passierte es: Das irdene Behältnis zerbarst mit lautem Krachen auf dem Boden. Das Fleisch lag zwischen Salz und Scherben, Magdalene kniete daneben nieder.

»Verzeihung«, reckte Else den Kopf und verließ die Küche, ohne sich um das Unheil zu kümmern, das sie angerichtet hatte.

Magdalene war nicht in der Lage, ihr hinterherzulaufen. Am liebsten hätte sie die Altmagd geohrfeigt, aber Else war an die fünfzig und sie selbst nicht einmal einundzwanzig. Sie mochte sich nicht vorstellen, Else zu berühren, Elses Haut unter ihren Fingern zu spüren und erst recht nicht, sie zu schlagen. Einen Grund für diese Distanz fand sie nicht; Elses Unnahbarkeit vielleicht? Ihre alternde Haut, in die sich wie in Leder Falten zu graben begannen?

Ein schlechtes Gewissen wegen des Preises für das Fleisch oder andere Sachen musste Magdalene nicht haben. In ihrem Haushalt ging es ordentlich zu. Jeder Pfennig war in ihrer Ausgabenliste belegt, die Küche sparsam bewirtschaftet, wie es sich gehörte. Georg Rehnikel schob seiner Frau samstags an seinem Pult ein Häufchen Münzen zu, das er sorgfältig gezählt und in sein Buch eingetragen hatte. Magdalene nahm es an sich und trug es ins Schlafzimmer, wo sie ihr eigenes Geldkästchen verstaut hatte. In ihrem Buch notierte sie, was sie ausgab, rechnete, summierte und überprüfte. Jede Woche behielt sie ein paar kleine Münzen übrig. Die Ersparnis würde ihr eines Tages erlauben, sich einen Wunsch zu erfüllen, einen Gürtel vielleicht oder ein seidenes Tuch. Magdalene führte ihren Haushalt selbstständig und genau. Wenn es eine wichtige Sache gab, die Georg für sie regeln musste, war es Elses Rauswurf.

Draußen verließ das Fuhrwerk den Hof. Es schien, als wäre die Gelegenheit gekommen, ihr Anliegen auf den Weg zu bringen.

Magdalene fand ihren Mann im Kontor, den Ellenbogen auf sein Schreibpult gestützt. Das Kontor war die kleine Stube hinter dem Erkerzimmer, der Durchgang zu ihrem gemeinsamen Schlafzimmer. Alles, was das Geschäft anging, bereitete Georg dort vor, er schrieb Bestellungen, führte Bücher und Korrespondenz. Das Stübchen beherbergte nicht viel mehr als das Schreibpult, seine Truhe und die große Bibliothek – so hieß der verschlossene Schrank mit allen Büchern und Papieren. An der Wand über der Truhe hing ein gerahmtes Bildnis von Augusta, Georgs erster Frau, die dreieinhalb Jahre zuvor gestorben war. Augusta war dürr wie eine Spitzmaus gewesen, wenn das Bild nicht log. Es musste zu einer Zeit gemalt worden sein, als sie schon krank war; ihre Haut schien, wenn der Maler es richtig wiedergegeben hatte, stumpf und bleich, das Lächeln mühsam, und die rote Schleife in ihrem Haar wirkte, als hätte sie die seit ihren Kindertagen vergessen abzunehmen. Das Schreibpult stand gegenüber der Wand mit der Truhe. Georg musste, wenn er von der Arbeit aufblickte, dieses Bildnis sehen. Er sah Augusta in die Augen, und sie schien zu fragen: Was tust du, Georg?

An diesem Platz stand er, ein dickes Buch vor sich auf dem Pult, und tauchte die Feder in regelmäßigen Abständen in das Tintenfässchen. Sorgfältig schrieb er Zahlen in eine Liste. Verblichene und frische Tintenflecke färbten seine Fingerkuppen. Als Magdalene neben ihn trat, sah er kurz auf. »Ach, du bist es«, murmelte er, »achtunddreißig und drei Quent und Muskatenöl sieben … Gibt es etwas?«

»Ich habe da ein Anliegen«, Magdalene zögerte.

Seine kurzen Finger fassten die Feder weit vorn. Er stieß immer wieder an den Rand des Fässchens und beschmierte sich mit der schwarzen Tinte. Georg Rehnikel war klein und dick, mit einer wachsenden Glatze, die oben auf dem Kopf spiegelte und von einem Kranz dunkler Haare umgeben war. Als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, kam er ihr mit seinem dicken Bauch und den weichen Bewegungen wie eine große Kugel vor. Seine Augen konnten vollständig rund werden, wenn er staunte. Wenn er ernst war, glänzten sie dunkel wie Flusskiesel, und die dichten schwarzen Wimpern ließen ihn sanft erscheinen. Georg Rehnikel war kein Kämpfer, sondern friedfertig und von ausgleichendem Charakter. Mit ihm konnte sie stundenlang ein Problem von allen Seiten beleuchten; wo sie sich in Zorn redete, blieb er voller Zurückhaltung und Sachlichkeit. Georg besaß einen glänzenden Humor, der in unerwarteten Momenten aufleuchtete, wie bei vielen Menschen, die gute Zuhörer sind. Er war kurzatmig, errötete schnell und schwitzte an warmen Tagen wie ein Käse in der Sonne.

Georg war schon achtundvierzig, also siebenundzwanzig Jahre älter als sie. Sein Alter brachte Lebenserfahrung mit sich, die ihm durch Menschenkenntnis und Gelassenheit erfolgreiche Geschäfte eintrug. Die nutzten allen.

Er legte die Feder zur Seite. »Was drückt dich, Lenchen?«

Verlegen knüpfte sie die Bänder ihrer Schürze. Sie musste es vorsichtig anfangen und durfte nicht mit der Tür ins Haus fallen.

»Die Else«, sie trat einen Schritt näher, bis sie dicht vor ihm stand. »Wie lange willst du sie in unserem Haushalt behalten? Ich meine, wenn man älter wird, verliert man Kräfte und Fähigkeiten. Man merkt es Else schon an.«

Ein friedliches Lächeln ergriff sein rundes Gesicht. Die Knopfaugen glitzerten. »Du bist ein guter Mensch, Lenchen, sorgst dich um alle, nicht wahr?«

Sie schluckte. Georg glaubte an das Gute in allen Menschen. Seine Freundlichkeit nahm ihr den Wind aus ihren Segeln.

»Die Barmherzigkeit ist eine unserer wichtigsten Aufgaben im Leben«, erklärte er. »Ich freue mich an deiner Demut. Du tust, was unser Herr in der Heiligen Schrift sagt: ›Wer gütigen Auges ist, der wird gesegnet werden, denn er gibt von seinem Brot den Geringen.‹ Viel zu wenige Menschen sind von tätiger Liebe beseelt! Stell dir vor, wir würden die, die nicht mehr für andere arbeiten können, ihrem Schicksal überlassen. Wir hatten viele Jahre lang unseren Nutzen von ihrem Fleiß, deshalb sind wir ihnen schuldig, sie im Alter zu stützen. Genauso wollen wir es mit Else halten. Sie ist bald fünfzig, das heißt, sie kann noch gut und gern zwanzig Jahre bei uns arbeiten. Wenn sie eines Tages zu alt für die Arbeit ist, soll sie weiter bei uns bleiben. Sie kann in der warmen Stube sitzen und den Kindern Märchen erzählen.«

Magdalene schluckte. »Was wäre, wenn sie ausreichend Eigentum hätte, um sich selbst zu versorgen? Leinen, Geschirr, Bettzeug?«

Georg zuckte die Schultern. Seine Antwort klang unbesorgt. »Woher sollte sie das haben? Ihr Mägdelohn ist nicht hoch genug, dass sie sich Hausrat kaufen kann.«

Magdalene antwortete vorsichtig: »Sie könnte Geld gestohlen haben.«

Georgs friedliche Miene verschwand wie der Sonnenschein hinter einer fliehenden Wolke. Sein Finger ragte steil und tintenbefleckt in die Luft. »Else stiehlt nicht. Das sind böswillige Vermutungen. Schlechte Reden des einen über den anderen dulde ich in meinem Haus nicht.«

»Das ist nicht bloß Gerede, ich habe Fakten. Weißt du, was sie heute getan hat? Sie hat die Schüssel zerbrochen, in der ich das Fleisch pökele, und zwar mit Absicht …«

Noch während sie redete, merkte sie, dass das vor Georg wie Kleinkrämerei klingen musste. Eine zerbrochene Schüssel war in seinen Augen unwichtiger als ein heruntergefallenes Pfefferkorn. Was zeigte schon die Sache mit der Schüssel? Nichts. Schüsseln können nun mal herunterfallen. Das war kein Beweis für Elses Aufsässigkeit.

Sie setzte noch einmal zu reden an, wollte ein neues Beispiel nennen, aber Georg wiegte den Finger. »Sei endlich still! Ich dulde keine bösen Reden!« Er ließ den Finger sinken. »Es ist Sünde, seine Zeit mit Bosheit gegeneinander zu vergeuden.« Er tauchte seine Feder in das Tintenfass, bekleckerte sich erneut mit einem Tintenspritzer und schrieb weiter in sein Buch.


4. KAPITEL


In den Stunden nach dem Gespräch mit Georg brannte der Zorn gegen ihre Altmagd so heftig wie noch nie in Magdalenes Brust, aber je mehr Zeit verging, umso mehr beruhigte sie sich. Bisher hatten Elses Vorzüge die Nachteile überwogen, weil sie sich fleißig und geschickt anstellte und alle Arbeiten beim Kochen, Putzen und in der Vorratshaltung so perfekt beherrschte, dass man viel von ihr lernen konnte. Magdalenes zornige Gedanken bekamen im Lauf der folgenden Stunden helle Wölkchen. Nach drei Tagen konnte sie sich wieder vorstellen, mit Else friedlich zusammenzuleben.

Else musste früher eine schöne Frau gewesen sein. Das Besondere waren ihr Lächeln und das Strahlen ihrer blauen Augen, das sie manchmal zeigte, wenn sie sich unerwartet über etwas freute. In solchen Fällen schien es, als würde sie sich nach kurzer Zeit selbst zur Ordnung rufen, um zu ihrem gewohnten missgelaunten Gesicht zurückzukehren.

Das Beste waren Elses gutmütige Momente. Die tauchten hin und wieder zu Beginn der Dämmerung auf, wenn die Frauen die Arbeit in der Küche fast geschafft hatten und langsamer wurden, wenn ihnen die Arme vom Häckseln, Raspeln oder Kneten schwer waren, wenn das Licht sank und die Sehnsüchte sich auf das Abendessen richteten. In dieser Zeit konnte Else ins Reden kommen. Manchmal redete sie von früher. Alle alten Leute waren so, das wusste Magdalene. Die Jungen taten die schwere Arbeit und die Alten genossen das Privileg, manchmal die Arme sinken zu lassen und zu reden.

Wenn Else von früher redete, dann meinte sie ihre Zeit in Weißenfels. Nach dem zu urteilen, was sie am Rand erwähnte, war sie ein bettelarmes Mädchen gewesen, selbst Tochter einer einfachen Hausmagd, und von einem Vater redete sie nie. Es musste eine schöne Zeit gewesen sein, trotz des Hungers, von dem Else sprach, als wäre sie stolz darauf, trotz der Flöhe, die sie zur Genüge gespürt und der Lumpen, die sie getragen haben musste.

Else kam nur ins Erzählen, wenn sie die Anwesenheit ihrer Herrin vergaß. Magdalene versuchte sich in solchen Momenten nicht zu rühren, sie fragte nicht nach, sagte keinen Ton. Vielleicht würde, hoffte sie, damit etwas aus Else aufbrechen, ein freundlicher, liebenswerter Kern, der alles gut machte. Sie stellte sich vor, wie Else als junges Mädchen am Saaleufer zusammen mit anderen Kindern gelacht und gekichert hatte, die blonden Haare aufgeflochten, ein schönes Mädchen.

Else kannte eine Menge Geschichten. Ihre Geschichten von früher gingen unmerklich in Sagen über, in Märchen. Sie glitten aus Elses eigenen Erlebnissen in die Welt von Feen und Hexen, woben sich aus dem Stoff der Jugend am Saaleufer in die Welt der Erzählungen anderer. Manchmal, wenn es Rosina oder Gertrud zu viel wurde, fragten sie nach und sagten, dass sie ihr nicht glaubten. Else behauptete jedes Mal, nichts als die blanke Wahrheit zu sagen, und dann stritten die Mägde. Magdalene musste still im Hintergrund bleiben und zuhören, wie sie für eine Weile zankten, aber jedes Mal kam der Streit zu einem schnellen Ende, denn die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Geschichten ließ die jungen Mägde klein beigeben.

So war es auch an einem dämmrigen Abend eine Woche nach dem Tag, an dem Else begonnen hatte, sich besonders schlecht zu benehmen. Magdalene war draußen gewesen und hörte, dass Else in der Küche zu reden angefangen hatte. Sie trat in den Korridor und erhaschte die ersten Worte. Wenn sie in die Küche ginge, würde Else sofort aufhören, deshalb blieb sie vor der halb offenen Küchentür stehen und lauschte. Einen freundlichen Abend mit einer schönen Geschichte konnten alle gut gebrauchen, damit wieder Frieden ins Haus einkehrte.

»Seid still, sonst rede ich nicht weiter«, schimpfte Else. Sie hatten also gestritten.

»Schon gut«, hauchte Gertrud. Rosina runzelte die Stirn, das sah Magdalene vom Korridor aus, weil die Kindermagd am nächsten zur Tür stand. Es konnte sein, dass Else gleich eine besonders gute Sage erzählte, es konnte aber auch sein, dass sie beleidigt war und schwieg. Dieses Mal redete sie weiter.

»Hört zu«, fuhr Else fort, »die Saaleweiber sind gewissermaßen das Gegenteil der extraordinären Weiber. Die sind Gott nahe und vom Glauben durchdrungen. Die Saaleweiber dagegen sind teuflisch und tragen Aberglauben unter die Menschen. Es gibt sie, seit es den Teufel gibt. Am Anfang hat unser Christentum sie niederringen können, aber jetzt treiben sie wieder unbehelligt ihr Werk, die Saaleweiber. Und warum? Weil keiner mehr glaubt, dass es sie gibt.«

»Saaleweiber«, wiederholte Gertrud ängstlich.

»Saaleweiber sind gewöhnliche Hexen. Es ist diese Art Hexen, die es hier in der Gegend gibt.«

»Versündige dich nicht, Else«, murmelte Rosina.

»Wenn es doch wahr ist?«, seufzte Gertrud.

Elses Stimme grub sich in die Küchenluft. »Die Saaleweiber haben magische Kräfte.«

»Zauberkraft! Gibt’s die neuerdings auf dem Markt zu kaufen? Woher sollen sie die haben?«, spottete Rosina.

Else wurde lauter, als sie antwortete. »Aus einem magischen Ritual. Sie übertragen einander ihren Zauber durch ein Tieropfer.«

»Was für ein Tieropfer?«, fragte Gertrud mit zitternder Stimme.

»Sie schlachten ein Huhn oder einen Hasen und lassen den Kadaver an einem geheimen Ort liegen. Wenn die Knochen weiß geworden sind, nehmen sie sie an sich. Dort drin steckt die magische Kraft.«

»Und was machen sie damit?«

»Sie behalten sie oder geben sie an eine andere weiter. Die kleinen Knochenstücke sind es, die machen aus den gewöhnlichen Frauen Hexen.«

»Hexen?« Gertrud war kaum noch zu verstehen.

»Saaleweiber sind Hexen. Sie können schwimmen und tauchen, sie können sich sommers wie winters unterm Wasserspiegel der Saale verstecken, vor allem, wenn sie in Gefahr geraten. An Land sehen sie aus wie Menschen, aber wenn sie ins Wasser gehen, verwandeln sie sich in Fische. Sie treffen sich unten am Ufer, abends um die Stunde, bevor die Tore schließen. Das fällt nicht weiter auf. Sie sehen aus wie gewöhnliche Hausfrauen, die können nicht nachts verschwinden, sondern nur abends, wenn alle glauben, sie wären in alltäglicher Sache unterwegs.«

»Wann, um welche Zeit? Wenn ich das Abendessen vorbereite?«, fragte Gertrud.

»Um die Stunde, wenn Rosina den Hans hütet und Herr Rehnikel im Kontor arbeitet. Ich habe um diese Zeit mit meinem Gebet zu tun, ihr seht doch, dass ich mich jeden Abend auf den Boden knie und bete.«

Für einen Moment herrschte Grabesstille, bevor Gertrud hinzufügte: »Das ist genau die Stunde, in der Frau Rehnikel den französischen Armen Brot bringt. Sie sagt, das wäre Barmherzigkeit.«

Die Stille begann zu knistern und breitete sich in der Küche aus.

Magdalene vor der Tür schnappte nach Luft. Warum hatte Else die kleine Gertrud dazu gebracht, solch eine Ungeheuerlichkeit auszusprechen? Damit sie hinterher sagen konnte, sie hätte nicht selbst gegen die Herrin gehetzt?

»Ach was, sie bringt wirklich Brot zu den Armen«, fuhr Rosina heftig in das Schweigen hinein. »Was sollen die Andeutungen, Else! Wir treffen oft welche von den Franzosen, wenn wir zum Markt gehen. Sie sind freundlich und bedanken sich bei unserer Meisterin.«

»Franzosen, dieses Ketzerpack!« Elses Stimme vibrierte dunkel vor Verachtung. »Wer weiß, wofür die sich bedanken.«

Magdalenes Herz klopfte heftig. Das leise Wohlwollen, das sie noch wenige Augenblicke zuvor für Else empfunden hatte, war wie fortgeblasen. In Else steckte kein Staubkorn von Liebenswürdigkeit, diese Frau war nur böse. In ihren Augen standen nichts als Gift und Galle. Else glaubte, schlauer als alle anderen zu sein und dachte, Rosina und Gertrud auf ihre Seite ziehen zu können. Sie meinte, sich selbst als besonders gläubig und Magdalene als Hexe hinstellen zu können. Magdalene legte eine Hand an den Türrahmen und sah, dass ihre Finger zitterten.

Elses Stimme hüpfte höher. »Es betrifft nicht alle, sondern nur die Frauen, die das Amulett besitzen.«

»Was für ein Amulett?«, fragte bebend Gertrud.

»Ein Amulett, das sie an einem Lederband um den Hals tragen«, antwortete Else. »Das ist das Schmuckstück, in dem die zauberkräftigen Knochen stecken. An dem erkennen sich die Saaleweiber untereinander. Ansonsten geben sie sich wie gewöhnliche Frauen. Man sieht es ihnen nicht an.«

Ärgerlich antwortete Rosina: »So etwas soll unsere Meisterin haben? Das wolltest du doch sagen, Else. Das glaube ich nicht.«

Es war genug. Magdalene musste dem ein Ende setzen, sonst gelang es Else noch, die jungen Mägde gegen ihre Herrin aufzubringen. Sie klapperte mit den Holzpantinen durch den Korridor, schob die Küchentür weit auf und stellte sich mitten hinein. Magdalene sagte keinen Ton, die drei in der Küche auch nicht. Else rührte mit dem Rücken zu ihrer Herrin am Herd im Suppentopf, Rosina schnitzelte mit abgewandtem Kopf die Rüben. Nur Gertrud sah, während sie die eiserne Platte am Herd abrieb, ihre Herrin unter den gesenkten Wimpern hervor misstrauisch an.

Den Abend und die Nacht über ärgerte sich Magdalene so sehr über Elses Hetzerei, dass sie in ihrem Bauch einen heißen Stein zu fühlen meinte. Selbst am folgenden Morgen steckte der Ärger noch in ihrer Kehle. Sie musste dringend frische Luft atmen, draußen, wo ein kühler Wind ging. Der Himmel lag in einer milchigen Glocke über der Stadt, zartes Rot hinter dem Schleier kündigte Sonnenschein an. Der beginnende Herbst ließ den Frühnebel lange in der Saaleaue liegen, erst am frühen Vormittag stieg er als feuchter Dunst in die Luft. Magdalene holte sich eines der beiden Pferde aus dem Stall und legte selbst den Sattel auf. Das Tier, ein brauner Hengst mit einer weißen Blesse, war ein Ziehpferd für den Lastkarren und kam selten aus dem Stall heraus. Es wieherte und schnaubte, als Magdalene die Sattelgurte festzog.

Else stand, die Arme verschränkt, in der Toreinfahrt. Sie hatte eine frische Haube auf dem Kopf, als wollte sie sich für einen Feiertag aufputzen. Ihr Gesicht glühte, sie zog eine Miene wie ein Wolf, Magdalene meinte sogar ein Knurren zu hören. Sie sprach die Magd erst an, als sie auf dem Pferd saß, eine rein taktische Maßnahme, weil Else ihre Herrin sonst um ein paar Fingerbreit überragte.

»Denk daran, die Pflaumen auf der Dörre zu wenden, und sag meinem Mann, ich wäre zwei, drei Stunden unterwegs.«

»In welcher Art Geschäft?«

Das war keine Frage, die einer Magd zustand. Magdalene ließ Else ohne Antwort stehen. Ihre beste Freundin zu besuchen, lockte sie als Licht am dunklen Himmel ihrer Sorgen.

Sie störte Isabeau bei einer Flickarbeit. Das Flicken war ein mühseliges Geschäft, und Isabeaus morsche Seidenkleider rissen sowieso wieder ein. Magdalene nahm Marthe auf den Arm und zog Isabeau hinter sich her, die tat, als ob sie protestierte, aber sie lächelte dabei.

Magdalene genoss das Reiten. Isabeau setzte sich vor sie, die Beine schicklich zu einer Seite gelegt, und hielt sich an der Mähne des Pferdes fest. Marthe hockte sicher zwischen den beiden, juchzte und lachte. Der gute Braune trottete mühelos mit seiner Last durch das Tor, vor die Stadt, in die schmeichelnde Herbstluft hinein.

Sie folgten dem Flussufer nach Norden und bewegten sich gemächlich über die Wiesen, die im Sonnenlicht ausgebreitet lagen. Die Hufe des Braunen klapperten über das Pflaster an der Dorfkirche von Trotha, eine milde Sonne beschien die Frauen auf dem Weg in die Franzigmark. Isabeau sah die roten Felsen, die das Ufer nördlich der Dörfer am Stadtrand säumen, zum ersten Mal. Die Erhebungen waren mit Strandhafer und wilden Nelken bewachsen, Grillen zirpten aus dem Gras. Über das Blau schossen in schnellem Flug ein paar Schwalben. »Es ist schön hier«, flüsterte sie auf Deutsch, »beinahe so schön wie zu Hause.«

Marthe quengelte. Die Frauen stiegen ab und gingen ein Stück neben dem Pferd her. Auf einem flachen Platz oberhalb des Pfades machten sie es sich im Gras bequem. Isabeau summte. Die Freundinnen schauten über den träge dahinziehenden Fluss und rafften die Röcke bis zu den Knien. Am anderen Ufer standen Kühe in den sattfeuchten Wiesen und betrachteten die Menschen mit mahlendem Kiefer. Marthe legte sich ins Gras neben ihre Mutter und schlief ein.

»Vielleicht«, meinte Isabeau, »gewöhne ich mich daran, in der Fremde zu leben. Ich muss oft an zu Hause denken, an meine Heimatstadt.«

Magdalene legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter. »Es muss schön dort sein, wenn deine Stadt so einen großartigen Namen hat: La Roque-d’Anthéron. Es ist eine wunderschöne Stadt, nicht wahr?«

Isabeau winkte ab. »Eine Stadt voller Katholiken.« Sie fuhr mit der Hand über ihre Augen.

Magdalene nickte und streifte mit den Fingern durch den krümeligen Boden. »Ich muss dir etwas erzählen, Isabeau.« Sie sah starr aufs Wasser. »Ich glaube, es könnte stimmen. Das mit dem Kind, das Georg einer Magd gemacht hat.«

»Wieso? Ich hätte nie gedacht, dass du etwas Schlechtes von deinem Mann sagst. Bis jetzt hast du immer zu ihm gehalten.«

»Er glaubt mir nicht mehr. Er hält mich für böse und die alte Else für gut, obwohl sie es ist, die giftige Worte sagt.«

»Du meinst, er ist selbst böse?«

Magdalene zuckte die Schultern. »Ich weiß es nicht. Es ist nur so, dass ich es früher ausgeschlossen hätte. Jetzt nicht mehr.«

Isabeau überlegte einige Augenblicke und fragte: »Du meinst, er ist vielleicht kein so guter Mensch, wie du dachtest? Hat einer Magd ein Kind gemacht, der alte Bock. Glaubst du auch, dass er das Kind umgebracht hat?«

»Das nicht. So ein Mensch ist er nicht.« Magdalene schüttelte den Kopf. »Komisch ist es trotzdem. Er hat nie etwas von einem Kind gesagt. Es kann daran liegen, dass er nicht gern über sich selbst redet. Wer redet schon ohne Grund über dunkle Stunden in seiner Vergangenheit? Ich habe lange darüber nachgedacht, warum er mich geheiratet hat. Erst dachte ich, es wäre Zuneigung. Aber dann habe ich gesehen, dass er mir nicht glaubt. Es geht ihm nicht um mich. Jetzt denke ich, es war bloß, damit er einen Sohn hat.« Sie sah die Freundin prüfend an. »Hans ist nicht von ihm. Unsere Heirat war ein Geschäft. Ich war das Geschwätz los, und er hatte einen Erben.«

Isabeau schlug die Hand vor den Mund. »So war das? Hans ist nicht sein Sohn? Dann hat er dich aus dem Grund geheiratet, dass er den Leuten den gesunden und lebendigen Hans vorweisen kann.«

»Weil er das Gerücht zum Verstummen bringen wollte, meinst du? Das mit dem toten Kind?«

Isabeau zuckte die Schultern. »Kann sein. Wenn ich diesen Handel neben die Sache mit dem Kind lege, kommt es mir komisch vor.«

»Und ich war so glücklich über den guten Mann, den ich bekommen habe!« Magdalene schlug mit der Faust auf den warmen Grasboden.

Isabeau kniete nieder. Sie faltete die Hände und nickte Magdalene zu, bis ihre Freundin die Aufforderung verstand und sich neben sie kniete. Isabeau schloss die Augen und begann halblaut zu beten. »Gütiger Vater, gib deinen Dienerinnen Kraft, ihre Aufgaben zu erfüllen. Bestrafe die Sünder und belohne die Gerechten, dass sie dich mit ihrer Zunge preisen. Halte deine schützende Hand über Magdalene, dann wird sie dem Aberglauben entsagen und ihr Heil im Gebet suchen. Amen.«

Isabeau kniete mit geschlossenen Augen im Gras. Ihre Lippen bewegten sich tonlos weiter, sie reckte das Gesicht Gott und der Sonne entgegen. Sie öffnete die Augen, drehte sich zu Magdalene und streckte die Hand aus. »Gib es mir.«

»Was?«

»Das Amulett.«

»Warum?«

»Ich werde es in die Saale werfen. Du musst ein großes Opfer bringen, sonst kann Gott dir keine Gerechtigkeit geben.«

»Nein!« Magdalene presste die Hand auf die Brust, wo das Amulett unter dem Stoff lag. »Das verstehst du falsch. Gott ist kein Krämer. Mag sein, dass er etwas von mir will, aber bestimmt nicht mein Amulett.«

Isabeau ließ die Hand sinken. »Wie du meinst.«

Sie schwiegen, jede sah in eine andere Richtung. Die Sonne stieg, die Wärme fing an, auf die Schultern zu drücken. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, standen sie auf und klopften sich das Gras aus den Kleidern. Sie ritten zurück, Marthe döste im Halbschlaf zwischen ihnen. Fliegen summten über Magdalenes Handrücken hinweg. Der Himmel bewölkte sich allmählich, Wind frischte auf.

Auf dem Hof des Spezereienhandels blieben sie einen Moment stehen, da erst nahm Isabeau den Faden des Gespräches wieder auf. Sie konnte keine Verstimmung ertragen. »Du wirst es allein wegwerfen, nicht wahr? Du weißt, dass das Amulett Unglück bringt. An ihm ist nichts Christliches. Es ist Aberglauben.«

Sie sagte das mit einem solch bittenden Augenaufschlag, dass Magdalene nicht wagte zu widersprechen und damit einen Kratzer auf ihrer Freundschaft zuzulassen. Isabeau fügte hinzu: »Vielleicht kann ich dir helfen. Ich habe ein paar alte Rezepte aus meiner Heimat mitgebracht. Der Herr im Himmel hilft dir, wenn du dir im rechten Augenblick selbst zu helfen weißt. Willst du sie haben?«

»Natürlich.« Magdalene fasste versöhnlich ihre Hände.

»Eins ist für dich, es wird dich stärken und fruchtbar machen. Es ist ein Rezept für das Melotenpflaster, was man auf die Brust legen und dort über Nacht liegen lassen soll. Das andere Rezept offenbart dir alles über deinen Mann. Es ist eine Wahrheitsmilch. Sie macht, dass jede Verstellungskunst von einem abfällt und das wahre Gesicht nicht mehr zu verbergen ist. Von der sollst du täglich ein Löffelchen unter sein Essen mischen. Auf diese Weise wirst du erfahren, ob er ein böser oder ein guter Mensch ist.« Sie drückte Magdalenes Hände. »Ich habe die Rezepte extra für dich mitgebracht.«

»Ist die Wahrheitsmilch schwer zu machen?«

»Du musst warmen Wein mit Zimt, Safran und Borax anrichten. Wenn die Milch fertig ist, füllst du sie in eine Flasche und verwahrst sie im Dunklen. Die Milch wirkt stärker, je öfter du sie anwendest.« Sie griff in ihre Schürzentasche, streckte Magdalene die Zettel entgegen und verabschiedete sich mit einem Kuss auf Magdalenes Wange.

Der Waschtag begann, die jungen Mägde schufteten von Sonnenaufgang an, und Else war wieder einmal nicht aufzufinden. Der kleine Hans hing Magdalene am Rockzipfel, Rosina hatte genug zu tun und konnte sich nicht um ihn kümmern.

Am Waschtag wurde aus der Lauge gewaschen, das bedeutete eine Menge kraftraubendes Schleppen und Walken. Zwei Mal im Jahr wuschen sie auf diese Weise, im Frühjahr und im Spätsommer, Hemden, Schürzen und Bettzeug. Die Sonne strahlte hell, das Gras auf der Wiese zeigte seine von einem kräftigen Wind gebeugte silbrige Rückenseite. Das war ideales Wetter für die große Wäsche. Auf den warmen Steinen im Hof roch es nach nassem Staub.

Rosina und Gertrud hatten am Vorabend das Regenwasser aus der Zisterne in den Zuber geschöpft, den sie auf den Hof gestellt hatten. Es war weicher als Brunnenwasser, deswegen brauchte man weniger Lauge. Darin hatten sie über Nacht die Wäsche eingeweicht, das grobe Leinenzeug zuunterst, die feinen Stücke obenauf. Am Morgen legten sie ein dick mit Holzasche bestrichenes Tuch darauf und waren dabei, heißes Wasser aus der Küche nach draußen zu schleppen. Mit dem siedenden Wasser bildete die Holzasche eine Lauge, die wurde durch das Tuch gefiltert und durchdrang die Wäsche. Es roch unangenehm, aber dafür wirkte es umso besser. Wenn das heiße Wasser im Zuber war, mussten alle zupacken und jedes Teil scheuern, und das grobe Schrubben war harte Arbeit. Viele Hände mussten helfen, auch Elses Hände.

Den Kleinen auf dem Arm, ging Magdalene durchs Haus. »Else«, rief sie laut.

»Wir können Else nicht finden«, plapperte Hans mit heller Stimme.

»Ja«, antwortete sie. »Weg ist sie.« Ein glücklicher Gedanke spiegelte Magdalene einen Moment lang vor, die Altmagd hätte sich in Luft aufgelöst.

»Hat Else sich versteckt?«, fragte er. Mit großen Augen sah er zu, wie seine Mutter nickte. Magdalene öffnete nacheinander die Türen im Obergeschoss. »Else hat keine Lust zum Arbeiten«, sagte sie.

»Ist faul«, rief Hans und stieß die kleinen Fäuste in die Luft.

»Else«, rief Magdalene.

Keine Antwort.

Im Erkerzimmer blieb sie am Fenster stehen. Es war weit geöffnet, Septemberwind strich herein. Sie sah hinaus, Hans auf dem Arm.

»Da ist Else!«, rief der Kleine und zeigte mit seinem Ärmchen in das Gewimmel vorm Haus. Else kam die Straße herab, besser gesagt, sie schritt. Sie bewegte sich gemessen, mit gereckter Brust und gehobenem Kinn. Die Leute drehten sich nach ihr um, weil sie von einem jungen Mann begleitet wurde, der sich einen halben Schritt hinter ihr hielt, mehrmals nickte, neben die Altmagd trat und ihr eine grazile Verbeugung samt Handkuss verehrte. Magdalene konnte ihren Mund vor Überraschung nicht schließen.

Der Mann war gut zu sehen, er stand mitten im Sonnenlicht. Er war mager wie ein alter Hund und überragte Else um eine Kopflänge. Sein Gesicht war glatt, mit großen, vorstehenden grauen Augen und vollen Lippen. Er lächelte warm und sah Else ins Gesicht. Gekleidet war er in modisches Wollzeug von dunkelgrüner Farbe, und das waren nicht die Kleider eines Mannes, der selbst arbeiten musste. Das Einzige, was ihn wie einen Simpel wirken ließ, war sein Haarschnitt, ein einziges Gewirr aus schiefen und krummen Fransen. Die Haarfarbe kam nahe an ihre eigene, ein kräftiges Kastanienbraun. Magdalene konnte sich nicht helfen, der Mann kam ihr auf eine gewisse Weise bekannt vor. Im Moment fiel ihr nicht ein, wo sie ihn schon einmal gesehen haben konnte. Es war, als ob die Erkenntnis in einem Winkel hinter ihrer Stirn hockte und jeden Moment daraus hervorspringen wollte, aber sie sprang nicht. Der Mann drehte sich um, als Else ins Haus ging, und stiefelte mit langen Schritten davon.

Das Geschehen war Magdalene unbegreiflich. Sie beschloss abzuwarten. Else kam ungestört herein, wandte sich zur Treppe und ging mit stolzem Blick an ihrer Herrin vorbei, als ob sie sie nicht gesehen hätte. Sie tappte die nächste Treppe hinauf, die Tür ihrer Kammer krachte. Stille kehrte ein. Magdalene wartete, dass Else zur Arbeit zurückkehrte, aber die Altmagd blieb verschwunden. Deshalb rückte Magdalene das Kind auf ihrem Arm zurecht und ging Else nach. Sie drückte die Klinke der Mägdekammertür ohne zu klopfen herunter.

Else stand reglos mitten in ihrer Kammer, die Küchenschürze hatte sie schon umgebunden. Sie ließ die Aufträge wie Hagelkörner über sich niedergehen, den Blick an ihrer Herrin vorbei in den Treppenaufgang gerichtet, und sagte keinen Ton. Statt ihrer krähte fröhlich Hänschen von seinem bequemen Sitz in Magdalenes Arm herab: »Else kann nicht faul sein, muss arbeiten!« Prompt färbte sich Elses Gesicht rot wie eine Kirsche.

Am Abend war Magdalene müde vom Heben und Tragen, Klopfen und Walken. Sie streckte ihren Rücken und ließ sich zum Essen auf die Küchenbank fallen. Die Sonne versank hinter den Dächern und schenkte der Stadt ein leuchtend orangerotes Dämmerlicht.

Georg Rehnikel kam an den Tisch und setzte sich, ohne seine Frau eines Blickes zu würdigen. Am Nachmittag hatte Magdalene Isabeaus Wahrheitsmilch gemischt, ein Löffel davon schwamm in Georgs Bier. Er schnitt sich ein Brot, nahm ein Stück vom Käse und biss ab. Endlich griff er nach dem Bierkrug. »Habt ihr heute gewaschen?«

»Ja«, antwortete Magdalene. »Es war viel zu tun.« Er zog den Krug näher an seine Brust und hob ihn an. Noch ehe er trank, setzte sie nach. »Else hat sich nicht beteiligt, sie hatte etwas Besseres vor.«

Er ließ den Krug sinken. »Willst du schon wieder gegen sie hetzen?«

Magdalenes Blick lag auf dem Krug. Er hatte noch keinen Schluck getrunken. Sie schwieg und wartete geduldig. Sie redete erst, nachdem er ihn anhob und einen langen Zug trank.

»Statt zu arbeiten, hat sie sich von einem jungen Mann hofieren lassen.«

Georg schob die Kinnlade vor. »Warum versuchst du, Else zu verleumden?«

»Das tue ich nicht. Ich habe es vom Fenster aus gesehen. Er hat ihr auf der Straße vorm Haus die Hand geküsst. Frag die Nachbarn, alle haben es gesehen, sogar Hänschen. Den hatte ich auf dem Arm.«

»Ach was«, murmelte Georg. »Wer weiß, was du gesehen hast. Die jungen Leute machen so was heutzutage überall. Der Mann war bloß höflich.«

Er runzelte die Stirn. Sein Blick lag im Krug, und für einen Moment durchfuhr Magdalene die Angst, er könnte die Wahrheitsmilch darin erkennen. Nichts passierte. Georg trank den Rest mit einem Zug aus, schob den leeren Krug quer über den Tisch, stand auf und ging im Raum hin und her. Er sagte kein Wort mehr.

Angesichts der Tatsache, dass er das Getränk vollständig seine Kehle hinabgestürzt hatte und ihr von nun an sein wahres Gesicht zeigen würde, war Magdalene unterm Strich zufrieden. Nur die Übelkeit, die ihr all die Zeit im Magen lag, wollte nicht vergehen. Im Einschlafen fiel ihr auf, wie wach Georg auf seiner Seite des Bettes lag. Er drehte sich unter seinem dicken Federbett hin und her, zerrte die Kissen nach links und rechts, schnaufte und seufzte. Vielleicht war es die Wahrheit, die durch das Getränk zutage trat und ihn am Schlafen hinderte.


5. KAPITEL


Magdalenes Unwohlsein wollte auch in den nächsten Tagen nicht vergehen. Es fühlte sich wie ein Unwetter an, dem man nicht ausweichen kann. Ihre mühsamen Anstrengungen wogen wie Federn gegen die dickbäuchigen dunklen Wolken am Horizont. Der Sommer war vorbei. Der Oktober würde in drei Tagen anbrechen, die Tage wurden kürzer. Noch lag die freundliche Wärme des Spätsommers in den Straßen, und zwischen den dicken Mauern des Spezereienlagers hielt sich der Rest jener satten Trockenheit bis in den Winter hinein. Das änderte nichts an den aufkommenden Stürmen. Bald würde es draußen unweigerlich kalt werden, bitterkalt.

Seit Georg die Wahrheitsmilch zu sich genommen hatte, wollte Magdalene jede Gelegenheit zu Gesprächen mit ihm nutzen. Es gab keinen Ort, der dazu besser geeignet war als das Lager. Dort geriet er in beste Stimmung und vergaß das Geldverdienen. Er beschäftigte sich mit Dingen, die ihm Spaß machten, und war darin nicht zu halten. Voller Hingabe kramte er in seinen Schachteln, betrachtete Pflanzenteile, murmelte bei ihrem Anblick vor sich hin, katalogisierte sie und notierte alles, was er entdeckte. Hier würde er seiner Frau nicht ausweichen, hier konnte sie jede Regung in seinem Gesicht beobachten.

Im Lager waren entlang der Wände alle Materialien für Laden und Handel gestapelt. In der Mitte der Stube stand ein langer Tisch für Hantierungen, darauf eine mächtige Schalenwaage und Gewichte, Löffelchen und anderes Gerät zum Messen und Abteilen der Spezereien, dazu der Destillierapparat. Es roch nach Staub und allen Kontinenten der Welt gleichzeitig, würzig, scharf, blumig und fremd. Schlichte hölzerne Gestelle nahmen einen Teil der Gefäße auf, die großen und schweren unten, die kleinen leichten oben. Da standen Kisten aus ungehobelten Brettern und aus geschliffenem Holz, Körbe und Körbchen aus grober Weide oder feinstem Hanfgarn, als Behältnis und als Hülle für Flaschen und Krüge.

Die meisten Spezereien lagerten in kleinen, dicht geflochtenen Körben, diejenigen, die trocken waren und nicht in Gefahr, die Feuchtigkeit der Luft an sich zu ziehen. Es gab eine Reihe von Tontöpfen und Krügen, deren Korkverschlüsse den Duft ihres Inhalts verbargen. Die wertvollen Waren steckten in Holzkisten jeder Größe und Form, einige wenige, weil es ihre Beschaffenheit erforderte, in dünnwandigen Metallkästen. In den Regalen weiter oben standen braune Tonflaschen, kleine und solche, die lang waren wie ein Ellenbogen, mit dicken Stöpseln aus Korkeichenrinde. Es gab verschnürte Pakete, in getrocknete Blätter eingewickelt. Auf einem hölzernen Tablett lagen Spezereien ohne Hülle, seltsam geformte Wurzeln, Knollen und Holzstücke.

Wegen der Düsternis war ständig Licht nötig. Sie nutzten billige Unschlittlichte, kleine Tonnäpfchen mit schlechtem Fett. Die beleuchteten das Lager schwach und flackernd, erweckten Körbe und Kisten zu vorübergehendem Leben, das sie verloren, wenn das Licht hinauswanderte.

»Kannst du mir dieses Rezept machen, das Melotenpflaster?«, fragte Magdalene. Sie streckte ihrem Mann Isabeaus Zettel entgegen.

Er brummte unwillig. »Wozu soll das gut sein?«

»Es ist zur Stärkung. Soll der Fruchtbarkeit dienen.«

»Ich habe keine Zeit«, antwortete er, und sein Blick hing verträumt an seinen Kisten und Kästen.

»Georg«, fasste sie bittend seinen Ärmel. »Wenn du keine Zeit hast, dann könnte ich es auch selber machen, was meinst du?«

»Ich will nicht, dass du meine Spezereien berührst. Sie sind zu wertvoll für Stümperei.« Er warf einen Blick auf das Rezept und fuhr milder fort: »Du könntest die Ordnung durcheinanderbringen. Fass nichts an, hörst du? Die Zutaten für das Pflaster habe ich hier, ich mache es dir später. Meloten sind gepulverte Stängel und Blätter von Steinklee, in Ziegenfett und Terpentin gemischt. Das Pflaster ist nichts Besonderes, es besteht bloß aus gelbem Wachs.«

Magdalene bekam einen von Georgs langen Vorträgen über Pflanzen zu hören. In diesem Fall kam er vom Steinklee auf das Siebengezeit und das Barbarakraut, und so redete er endlos weiter, sah ab und zu auf und sah sich nach seiner Frau um. Seine Leidenschaft riss ihn mit, er merkte nicht, wie er ins Dozieren kam. Wie ein Lehrer stolzierte er in seinem Lager hin und her und stellte Fragen, die er selbst beantwortete. Am Ende hielt er inne und fragte: »Nicht wahr?« Georg hatte einen zufriedenen Ausdruck im Gesicht, als hätte Magdalene ihm Beifall geklatscht. Er drehte sich weg und begann, wieder in seinen Körben zu kramen.

»Was suchst du?«, fragte sie, um mit ihm im Gespräch zu bleiben.

»Sadebaum«, antwortete er. »Das sind blauschwarze Beeren, eine Wacholderart. Letzte Woche ist ein Korb davon mit der neuen Lieferung gekommen.« Georg schob die Dosen und Schachteln hin und her und murmelte etwas von einem falschen Regal. Magdalene gab sich große Mühe, jedes Schächtelchen, das ihr Georg bezeichnet hatte, im Geist aufzubewahren. Beschriftungen gab es nicht. Sie hatte noch keine Ordnung entdeckt, die ihr sagte, nach welchen Zeichen Georg suchte. Von Sadebaum hatte sie noch nie gehört.

Sie folgte ihm und sah so lange zu, bis er fragte: »Warum wartest du? Fehlt noch etwas?«

»Ich versuche das Prinzip zu verstehen«, antwortete sie ihm.

»Mein Prinzip, wie ich hier lagere?«, er lachte mit einem Zischen zwischen den Vorderzähnen. »Es gibt keins. Ich habe alles im Kopf. Ich weiß, wie die Körbe aussehen, das genügt.«

Magdalene musterte die Behältnisse, von denen viele gleich aussahen. Es waren weit über hundert, schätzte sie. Georgs Blick lag weich auf seinen Schätzen.

»Wozu brauchen die Leute Sadebaum?«, fragte sie, um ihn aus der träumerischen Versenkung zu holen.

»Das ist hilfreich zur Beförderung der Nachgeburt, wenn es mit Zimt in Poleiwasser gemischt wird.«

Georg sah Magdalenes Lippen zu einer dünnen Linie werden und griff nach ihrer Hand. Er zog sie an sich und legte einen Arm um ihre Schulter, nahm ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger seiner Rechten und sagte leise: »Du denkst an deinen Kummer, nicht wahr? Du brauchst nicht traurig sein, niemand kann uns Kinderlosigkeit vorwerfen. Wir haben immerhin Hans.«

»Ich hätte so gern noch mehr Kinder.«

»Ich würde es dir nicht vorwerfen, wenn du keine mehr bekommen würdest.«

»Immer ich! Warum fragst du dich nicht, ob du selbst gesunde Kinder zeugen kannst?«

»Warum sollte ich das bezweifeln?«, fragte er drohend mit gerunzelter Stirn.

»Eben! Du zweifelst nicht, weil du weißt, dass du es kannst.«

Auf seiner Stirn stand eine senkrechte Falte, seine Finger gruben sich schmerzhaft in ihr Kinn. »Wieso? Wie kommst du darauf?«

Mutlos geworden, schüttelte sie den Kopf. Ihr war, als stünde sie vor einem Berg und könne den steilen Weg hinauf nicht erklettern.

»Das ist das letzte Mal«, sagte Georg laut und schneidend, »dass ich mir solche Unterstellungen von dir anhöre.« Er ließ sie los, und seine Finger hinterließen einen schmerzenden Abdruck an ihrem Kinn. Er schüttelte sich wie ein Pudel, der aus dem Wasser kommt, griff nach einem Korb, öffnete den Deckel und sagte: »Wusste ich’s doch, da ist der Sadebaum.«

Magdalene drehte sich um, verließ das Lager und ging durch den Laden zur Treppe. Das Misstrauen zwischen ihnen wuchs wie eine Pflanze. Eine Pflanze verkümmert in dürrem Boden. Bekommt sie Nahrung, gedeiht sie und wird größer, bis alles andere nicht mehr genug Licht hat und verdorrt. Die Pflanze Misstrauen wuchs und raubte dem Vertrauen den Platz. Magdalene kam es vor, als hätten die Ranken sie schon vollständig umschlungen.

Ein willkommener Handel, das war sie für Georg mit ihrem kleinen Hans gewesen, weil er selbst etwas auf dem Kerbholz hatte, für das er eine Sünderin wie Magdalene als Frau gebrauchen konnte, die sich nicht über ihn stellte. Aber da befand er sich im Irrtum. Sie war keine Sünderin. Sie nicht.


6. KAPITEL


Else wartete, bis die Meisterin hinaufgegangen war, dann flüsterte sie, über den Suppentopf gebeugt:

»Habt ihr das gesehen?«

»Was?«, fragte Gertrud arglos.

»Das, was sie gemischt hat«, antwortete Else. »Sie hat etwas zusammengebraut, das tut sie dem Meister ins Bier.«

Rosina zuckte die Schultern. Sie palte einen Berg Erbsenschoten, in der Schüssel vor ihr klang nach jeder Schote, die sie öffnete, das Pling, Pling der Erbsen. »Na und? Was ist schlimm daran?«

»Das ist irgendeine Zauberei. Das Weib ist eine Zaubersche!«

Rosina lachte. »Das glaubst du nicht ernsthaft, Else.«

Gertrud an ihrer Seite stieß sie an. »Es könnte doch sein. Wenn sie ein Saaleweib ist, kann sie auch zaubern.«

Rosina verdrehte die Augen und sagte nichts mehr.

Else wandte sich vom Suppentopf weg und schob auf dem Tellerbord einen Krug zur Seite. Dahinter stand eine braune Flasche. »Das ist es«, flüsterte sie. »Da drin bewahrt sie ihre Mixtur auf. Wenn sie nun dem Meister etwas antun will?«

»Warum sollte sie das tun?«, fragte Rosina. »Sie hat ihn gern.«

»Pah! Sie kann ihn gar nicht gernhaben, so, wie sie mit ihm umgeht.« Else stemmte die Hände in die Seiten. Vom Rührlöffel, den sie in der Hand behielt, tropfte ein Klecks Suppe auf den Boden. »Sie kommt und geht, wie es ihr passt. Habt ihr nicht gesehen, dass sie letztens einfach fortgeritten ist? Sie hat ihren Mann nicht einmal um Erlaubnis gefragt. Wo gibt’s denn so was? Stundenlang weggehen, wer weiß, wohin, und dir hat sie ihr Kind dagelassen, als wenn’s ihr egal wäre.«

»Ich bin Kindermagd«, antwortete Rosina, »es ist meine Aufgabe, mich um Hans zu kümmern, wenn sie keine Zeit dafür hat.« Sie sah in die Schüssel mit den Erbsen und hob den Kopf nicht mehr.

Else wollte ihre Hetzreden fortsetzten, aber sie verstummte. Die Meisterin kam die Treppe hinab. Sie legte im Korridor, keine drei Schritte von den Mägden in der Küche entfernt, das Mantelet um die Schultern und nahm den Korb in den Arm. Die Tür klappte hinter ihr.

Else beugte sich in das Küchenfenster, das auf die Straße ging.

»Da spaziert die feine Dame fort«, sagte sie lauter, denn sie musste jetzt nicht mehr flüstern. »Als ob sie auf den Markt ginge. Glaubt sie, dass sie uns für dumm verkaufen kann? Heute ist überhaupt kein Markt. Weh dir, Georg Rehnikel, du wirst Hörner tragen, ehe du dich versiehst!«


7. KAPITEL


Das dumme Gerücht ließ Magdalene keine Ruhe. Es war Mägdeklatsch, sie musste also Mägde fragen. Eigentlich hielten die Mägde ihr Geschwätz vor den Bürgerinnen verborgen, aber Magdalene fand immer einen Weg. Sie wusste, wo sie welche treffen konnte, die Ohr und Mundwerk vor ihr nicht verschlossen. Mit hastigen Schritten verließ sie das Haus in Richtung Süden.

Am Alten Markt trafen sich die Mägde aus dem Ulrichsviertel und dem Trödel, weil sie zum Schwatzen unauffällig bei der Wasserkunst stehen und tun konnten, als würden sie warten, bis sie mit ihren Krügen an die Reihe kamen. Der erste trübe Herbsttag umarmte die Stadt. Die Luft war schwer und feucht, wie eine Last lag der Dunst in der Schlucht zwischen den Häuserfronten. Maria und Sybille, zwei Mägde in Magdalenes Alter, standen zusammen. Sie gingen ohne Mantel, eine Koketterie, für die es um diese Jahreszeit zu kühl wurde. Sybille war Magdalenes Duzfreundin, sie hatten jahrelang nahe beieinander die gleiche Arbeit tun müssen, sie in der Ritterakademie, Magdalene bei ihrem Onkel Conrad.

Die Vertraulichkeit mit einer Magd störte Magdalene nicht, obwohl der Standesunterschied zwischen ihnen groß war. Ihr Onkel hatte sie oft genug ermahnt, sich nicht mit der Dienerschaft gemeinzumachen, aber gerade das hatte ihren Widerstand erregt. Warum sollte sie nicht mit Sybille Spaß haben? Mit ihr war es tausendmal lustiger gewesen als im strengen Haushalt ihres Onkels, auch lustiger als mit der alten Anna, ihrer Amme, lustiger als mit ihren plärrenden kleinen Nichten. Sybille war ein fröhliches Geschöpf. Sie lachte und kicherte bei jeder Gelegenheit, nahm kein Blatt vor den Mund und redete am liebsten über alles, was in der Stadt passierte oder jemals passiert war.

Diese Offenheit konnte Magdalene nützlich sein. Sie stellte sich neben die beiden an den Brunnen und setzte ein freundliches Gesicht auf. Sybille begrüßte sie, als würde sie jeden Tag mit einer Bürgerlichen plaudern, schüttelte ihre Lockenmähne und band sich die Haube neu. Sie besaß dunkelblonde Haare mit einem Hauch ins Rote und die dichtesten und krausesten Locken der Stadt. Darauf war sie stolz und knotete die Haube oft auf, damit sie ihre Haare schütteln konnte, als ob sie auf diese Weise alle Blicke auf sich ziehen könnte. Magdalene nickte freundlich und erkundigte sich nach der Familie, der Gesundheit und dem Liebsten, und alle Antworten hörten sich gewöhnlich an. Nach einer Weile geriet das Gespräch unverfänglich auf eine Bahn, die sie nutzen konnte.

»Jonas, mein Schatz«, gestand Sybille, »ist jetzt schon den dritten Monat fort.« Sie seufzte. »Es wird Zeit, dass er wiederkommt, er wollte im August zurück sein. Wir werden heiraten, weißt du?«

Magdalene riss die Augen auf. »Eilt es? Du bist doch nicht schwanger?«

Sybille blies die Backen auf. »Ach wo. Jonas ist ein braver Kerl, der bedrängt mich nicht. Und selbst wenn, ich wüsste mir zu helfen.«

»Wie denn?«, fragte Magdalene.

Maria prustete spöttisch, und Sybille fragte: »Das weißt du nicht?«

Magdalene musste den Kopf schütteln. Die beiden anderen sahen sich an. Jetzt, wo Magdalene von dem Gerücht wusste, fiel ihr das Zögern auf.

»Du willst uns weismachen, du hättest keine Ahnung von solchen Dingen? Ausgerechnet du?« Sybille sah Magdalene mit ärgerlich zusammengekniffenen Augen an. »Wo du seit drei Jahren kein Kind mehr bekommst – warum wohl?«

Beruhigend legte Magdalene ihr eine Hand auf die Schulter. »Meinst du, ich wollte keins und mein Mann hätte ein Mittel gegen Schwangerschaft unter seinen Spezereien?«

Sybille stemmte die Hände in die Seiten. »Das nicht! Sonst hätte er es dir gegeben, als er dir aus Versehen den Hans gemacht hat, dir und auch dem Mädchen damals.«

Magdalene beugte sich ein Stück näher und sah ihr in die Augen. Sybille offenbarte einen schuldbewusst flackernden Blick. Sie fing sich schnell, hob trotzig das Kinn und fuhr fort. »Du hast Glück, dass er dich geheiratet hat. Als es das erste Mal passiert ist, hat seine Frau noch gelebt. Da musste sich dein Mann etwas einfallen lassen.«

Die Mägde schienen nicht in Zweifel zu ziehen, dass Georg einer anderen Frau als seiner eigenen ein Kind gemacht hatte. »Was«, fragte Magdalene, »hat er sich einfallen lassen?«

»Du weißt es nicht?« Erstaunt zog Sybille ihre Stirn kraus. Leiser antwortete sie: »Er hat das Neugeborene gleich, nachdem es zur Welt gekommen ist, in der Küche erstochen und das Blut in einer Schale aufgefangen. Man sagt, er hätte es für eine Rezeptur gebraucht. Das tote Kind hätte er draußen vergraben. Das war vor zehn Jahren, ich vergesse das nie, weil mir meine Mutter die Geschichte kurz vor ihrem Tod erzählt hat.«

»War deine Mutter dabei?« Magdalene war wütend, dass nicht einmal ihre Freundin auf den Gedanken kam, solchen Blödsinn für sich zu behalten.

Sybille merkte Magdalene die Wut an. Sie sprach leiser und gab ein erstes Eingeständnis ab. »Mag sein, dass es sich nicht exakt so zugetragen hat, aber irgendwas haben sie mit dem Kind angestellt und es verschwinden lassen. Mutter hat sich furchtbar aufgeregt, weil niemand der Sache nachgegangen ist. Es war kurz nach der Pest, die Leute hatten andere Sorgen.« Sie blies sich eine lockige Strähne aus dem Gesicht.

»Wer weiß, woran das arme Kind gestorben ist«, erwiderte Magdalene. »Wer soll überhaupt die Mutter dieses Kleinen gewesen sein?«

Maria, die andere Magd, antwortete mit leiser Stimme. »Was wissen wir, welches unglückliche Weib es getroffen hat? Wir waren zu der Zeit selbst noch Kinder. Lasst es in seinem kalten Grab ruhen, das Balg. Das Reden erweckt niemanden zum Leben. Wenn Euer Mann das Kind totgemacht hat, muss er sich eines Tages vor dem Allmächtigen im Himmel dafür verantworten.«

»Warum hat mir niemand davon erzählt? Warum habe ich nicht früher davon erfahren, als ich mit ihm verlobt war?«

Die Mädchen kicherten. Maria antwortete: »Das ist immer so, Rehnikelin. Der, über den geredet wird, erfährt es zuletzt.«

»In Wirklichkeit hatten wir es vergessen«, gestand Sybille, »ich habe auch nicht mehr daran gedacht, sonst hätte ich es dir doch erzählt. Irgendjemand hat sich daran erinnert, als wir gehört haben, dass du einen Bankert hast. Es hat erst einen Sinn ergeben, nachdem der Rehnikel zugegeben hat, dass es sein Kind ist. Du warst gezwungen, das Kind woanders zu kriegen, sonst hätte er es mit deinem Kind genauso gemacht. Das ist klug von dir gewesen. Jetzt muss er für ein Kind, das er macht, auch geradestehen.«

Ein Blick in ihre stolz glänzenden Gesichter sagte Magdalene, dass sie keinerlei Scheu hatten, schlecht von einem angesehenen Händler zu reden. Selbst wenn sie einen gewissen Respekt empfanden, hinderte der sie nicht an dummem Geschwätz.

»Schäm dich, Sybille, über meinen Mann herzuziehen. Er sorgt für mich und den Hans und ist ein guter Christ.

Die beiden Mägde sahen Magdalene mit geschlossenen Mündern an. Als sie ihrem Blick standhielt, senkte Sybille den Kopf und nahm den Krug von einer Hand in die andere, Maria malte mit ihrem Holzschuh im Sand.

»Ein schlechtes Gewissen ist der Grund für manche gute Tat«, sagte Sybille, und Maria ergänzte: »Gerade, weil er sich gut um Euch kümmert, würdet Ihr es niemandem sagen, wenn Ihr von seinen Untaten wüsstet. Wenn Ihr ihn verratet, kommt er ins Gefängnis, und Euch wird keiner mehr versorgen. Ihr müsstet zu Eurem Onkel zurück.«

Der Schreck ließ Magdalene verstummen. In ihrer Kehle stieg das Brennen auf, heftiger als in den Tagen zuvor. Maria flüsterte weiter: »Und überhaupt! Jemand, der einen Stoff in einen anderen verwandeln kann, wenn er das Richtige in den Topf tut, der kann auch Kinderblut gebrauchen.«

»So ein Unsinn«, stemmte Magdalene die Hände in die Seiten, »was sollte man mit so einer Zutat anfangen?«

Die Mägde sahen sie kopfschüttelnd an und sagten nichts. In ihren Augen standen hundert Antworten. Es war nicht notwendig, dass sie eine davon aussprachen.

Am Nachmittag besuchte Georg Rehnikel wie jeden Dienstag seine Erbauungsstunde. Auf solchen Versammlungen trafen sich Männer und lasen gemeinsam aus der Bibel. Studenten, die mit Magister Thomasius aus Leipzig gekommen waren, hatten mit dieser Sitte begonnen. Inzwischen waren die Zirkel nicht mehr geheim wie früher und die Leute sprachen offen darüber. Das bedeutete nicht gleich, dass man mit der Einstellung Beifall erntete. Viele redeten wie Magdalenes Onkel: »Wie kann es richtig sein, dass jeder Dummkopf meint, die Heilige Schrift persönlich auslegen zu müssen!«

Unstimmigkeiten dieser Art zwischen Magdalenes Mann und ihrem Onkel waren in den vergangenen zwei Jahren deutlicher geworden, bis der Onkel keine Einladungen mehr aussprach. Das tat ihr leid, weil Onkel Conrad, Tante Dorothea und ihre Familie Magdalenes einzige Verwandte waren. Aber eine Frau muss ihrem Mann folgen. Seitdem hatte Magdalene die Pflichtbesuche bei der Tante eingestellt, die ihr erlaubten, ihre alte Amme in der Küche aufzusuchen und ein Stündchen zu plaudern.

Was die Lehren des Pietismus anging, stimmten Magdalenes eigene Ansicht und Georgs begeisterte Überzeugung überein. Sie mochte es, wenn er abends die lederbezogene Bibel aufschlug und ihr erklärte, welche Erkenntnisse er in seinem Zirkel gewonnen hatte. Sie sah seinen Finger über die gedruckten Buchstaben gleiten und hörte, wie seine Stimme vor Eifer vibrierte. Er ermunterte seine Frau, gute Werke zu tun, denn das sei, sagte er, der tätige Beweis für Gottes Liebe.

In Georgs ausgleichendem Wesen gab es, von den Spezereien abgesehen, nur die eine Leidenschaft, der pietistischen Lehre zu folgen. Frieden und Einigkeit waren seine Maximen. Sein Charakter, soweit sie ihn kannte, und die Wahrheitsmilch würden Magdalene helfen, dass sie von Georg etwas über das Kind erfuhr. Sie schüttete an diesem Abend wieder einen Löffel der Wahrheitsmilch in sein Bier. Mit aller Macht zwang sie sich zur Freundlichkeit, obwohl schwarzes Misstrauen in ihr loderte.

Sie würden im Erkerzimmer essen, und das traf sich für Magdalenes Zwecke gut. Dann lauschte keine der Mägde, sie würde ruhig mit ihrem Mann zusammensitzen und ihm zuhören. Gertrud trug das Brot und den Käse nach oben. Magdalene brachte die Kanne mit dem Bier und setzte sich zu Georg, der auf sie wartete.

Seine Stimme klang freundlich. Er wollte wissen, wem von den Armen sie an diesem Nachmittag Brot gebracht hatte, und erzählte von der gerade hereingekommenen Lieferung, einem kleinen Paket Quecksilber, aus dem er am folgenden Tag Calomel herstellen wollte, ein Präparat, nach dem die Apotheken verlangten. Er schnitt eine dritte Scheibe vom Brot und zog den Käse zu sich herüber. »Die Erbauungsstunde war heute gut besucht. Wir haben aus dem Matthäusevangelium gelesen«, fuhr er fort zu erzählen. »Lasset die Kinder, und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solchen gehört das Reich der Himmel.«

»Über Kinder habt ihr gesprochen?«, fragte sie erstaunt.

»Ja, über Kinder«, nickte er, biss in sein Brot und kaute gierig.

»Du …«, begann Magdalene zögernd und sah ihn an. Seufzend legte er das Messer aus der Hand. »Was ist«, fragte er mit der Ergebenheit eines Mannes, der weiß, dass er seinem Schicksal nicht entkommen kann.

»Es ist ein Zeichen, dass ihr über Kinder gesprochen habt. Ich muss mit dir reden, über ein Kind. Ein Gerücht«, begann sie vorsichtig.

»Mein Gott«, er verdrehte die Augen, die Adern an seinen Schläfen begannen zu schwellen, »fang nicht schon wieder mit so etwas an.« Er griff nach seinem Messer.

Sie legte ihre Hand auf seine. »Wenn ein Gerücht über die Gassen läuft, das dich betrifft, müssen wir das nicht ernst nehmen?«

»Das wäre etwas anderes«, er kaute missmutig, »es darf dem Geschäft nicht schaden.«

Sie zögerte, der Mut drohte sie zu verlassen. Die Spannung siegte. »Die Leute sagen, hier im Haus wäre ein Kind getötet worden.«

»Was?« Er sah sie mit großen Augen an. Sein Blick versprach völlige Unschuld. »Getötet?«

»Mit einem Messer erstochen«, sagte sie, »umgebracht.«

Sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Das Grinsen wuchs bis an die Ohren, sein Mund öffnete sich, bis er »Haha!« sagte. Für ein Lachen klang es nicht echt genug. Es kam ihr vor, als ob er Zeit für eine unverfängliche Antwort schinden wollte. Er zog seine Hand aus ihrer und legte sie auf ihre Schulter. »Du glaubst den Unsinn doch nicht etwa? Du lebst drei Jahre mit mir zusammen und gehst solch einem dummen Gerücht auf den Leim? Lenchen, du solltest mich besser kennen. Hol den Hans, damit er uns Gute Nacht sagt.«

Er wandte sich dem Käse zu. Die Sache schien so lächerlich zu sein, dass er noch grinste, als er mit seinem Messer ein weiteres dickes Stück Brot abschnitt.

Immerhin hatte er gelacht.

Magdalene war nicht danach zumute, mit ihm zu lachen. Sein Bierkrug stand unberührt auf dem Tisch. Er hatte während des Abendessens nicht einen einzigen Schluck davon getrunken.

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Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
344 s. 7 illüstrasyon
ISBN:
9783963110320
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