Kitabı oku: «Erste Hilfe für die Künstlerseele»
Barandun, Erste Hilfe für die Künstlerseele


Photo: © Bettina Fürst-Fastré
Christina Barandun, geb. 1974, ist Theaterwissenschaftlerin und Beraterin für Organisations- und Mitarbeiterentwicklung sowie betriebliches Gesundheitsmanagement in Theatern. Sie lebt in Bonn und arbeitet als Coach für Führungskräfte und Teams. In Verbindung mit Übungen aus der japanischen Kampfkunst Aikido gibt sie auch Seminare zu Stressbewältigung, Kommunikation und Konfliktlösung. (www.barandun.de)
Christina Barandun
ERSTE HILFE FÜR DIE KÜNSTLERSEELE
Stressbewältigung, Kommunikation und
Konfliktlösung im Kulturbetrieb
Ein Ratgeber

For Yoshi and Daniela – thank you for your ›yes‹.
C. B.
Originalausgabe
© by Alexander Verlag Berlin 2018
Postfach 19 18 24, D-14008 Berlin
www.alexander-verlag.com | info@alexander-verlag.com
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat/Redaktion: Christin Heinrichs-Lauer
Grafik/Layout/Umschlaggestaltung: Antje Wewerka
Illustrationen: Bettina von Keitz
ISBN 978-3-89581-558-4 (eBook)
Inhalt
Vorwort
Einleitung: Warum ertragen, wenn ich gestalten kann?
Erste kleine Schritte zu einem Theater der Zukunft
Um was es mir geht
Kapitel 1: Der Theaterbetrieb – viel Potenzial für Gesundheit
Das Dilemma des Künstlers
Die herausfordernde Arbeitsaufgabe des Künstlers
Mythos des leidenden Künstlers
Ist Kunstfreiheit wirklich grenzenlos?
Der tägliche Theaterwahnsinn
Arbeitsplatz und Arbeitsorganisation
Soziale Strukturen und Beziehungen
Gesundheitsschutz als Chance
Was ist Gesundheit?
Arbeitsschutz – dein Freund und Helfer
Wenn uns die Belastungen psychisch überfordern
Eine große Chance für Künstler
Mentaltraining für den Kunst-Leistungssport?
Geht nicht gibt’s nicht!
Kapitel 2: Kraft der Selbstwirksamkeit
Raus aus der Opferrolle!
Der Frust aus künstlerischer Ohnmacht
Zwischen Sicherheit und künstlerischer Wertschätzung
Haltung einnehmen: Was die Kampfkunstphilosophie uns lehren kann
Budo – die japanische Kampfkunstphilosophie
Ich habe es in der Hand, wie ich reagiere
Verantwortung für sich selbst übernehmen
Im Flow: Der optimale künstlerische Schaffenszustand
Aktiv gestalten
Die Kunst, das Richtige zu beeinflussen
Aus der Ohnmacht zur Selbstbestimmung mit sinnvollen Zielen
Was ist »gute« Kunst?
Vom lähmenden Konkurrenzdenken zum lernenden Weiterwachsen
Vertrauen schaffen
Intrinsische Motivation – das Pfund des Theaters
Motivation von innen: Ein unschätzbares Geschenk
Meine Quelle nähren
Unser eingebauter Veränderungsmotor
Kapitel 3: Unser Gehirn und sein kreatives Potenzial
Unser unbegrenztes Potenzial ausschöpfen
Nachhaltige Änderungen müssen ganzheitlich sein
Ein ewiger Austausch
Neuroplastizität: Wandelbarkeit ein Leben lang
Wenn Stress mein Potenzial verhindert
Das optimale Stressmaß für jede Aufgabe
Das eingebaute biologische Alarmprogramm
Auf die individuelle Bewertung kommt es an
Damit im Theater Neues entstehen kann
Kapitel 4: Methoden zur Stressbewältigung
Die Kunst der Achtsamkeit
Was ist Achtsamkeit?
Erholungsmethoden: Wie komme ich nach stressigen Situationen »runter«?
Wenn man unter Strom steht
Aktive Bewegung – Körperarbeit für die Kunst
Die Kunst der Pause
Passive Entspannungsmethoden
Aktive Entspannungsmethoden
Ruhe – der Anker im Alltag
Gesunde Ernährung
Mentaltraining: Wie bewerte ich die äußeren und inneren Reize?
Die Macht der Gedanken
Unseren inneren Kritiker kennenlernen – und umerziehen
Blick auf das Positive und gesunder Realismus
Das Gute im Theater sehen
Mut zum Scheitern, um zu wachsen – Zukunftsvisionen
Stärken sehen
Nachvollziehbare Ziele setzen
Akzeptanz und Mut
Nimm’s nicht persönlich!
Lästern vermeiden
Sich gegenseitig stützen – Wertschätzung zeigen
Zukunftsplanung
Persönlicher Aberglaube
Statt Perfektionismus das Eigene entwickeln
Grenzen wahren und setzen
Mal nicht leiden? Die Lust am Flow entdecken
Humor pflegen
Reiz-Management: Wie reduziere ich von vorneherein stressauslösende Reize?
Stressfaktor Zeit
Wo ist die Zeit geblieben?
Ausmisten
Prioritäten setzen
Zeitfenster einrichten
Nein sagen und Grenzen setzen
Das soziale Netzwerk pflegen
Kleine Schritte
Lebenssinn statt Liebessehnsucht
Kapitel 5: Wertschätzende Kommunikation
Was ist Kommunikation?
Was kommt an?
Meine ich das, was ich sage? – Die richtige Wortwahl
Die große Bedeutung der Gefühlsebene
Ein Bewusstsein für »kommunikative Fehlbarkeit« pflegen
Jede Sichtweise hat ihre Berechtigung
Das Selbstgespräch
Nonverbale Kommunikation
Bühnensprache ist Körpersprache
Kraft der Körpersprache
Grundtechniken verbaler Kommunikation
Die Kommunikationsbrücke: Die Sender-Seite
Das Was und das Wie · Nur Relevantes erzählen · Begründungen · Wichtige Informationen übermitteln und wiederholen · Den richtigen Zeitpunkt und einen günstigen Ort wählen · Feedback geben · Die innere Grundhaltung · Feedback-Regeln · Augenöffner auch in schwierigen Situationen
Die Kommunikationsbrücke: Die Empfänger-Seite
Die Kunst des Zuhörens · Aktives Zuhören oder andere verstehen · Den Wert der Nachricht vor Augen halten · Von einer positiven Absicht ausgehen · Einfach nur Danke!
Die wandelnde Kraft der Wertschätzung
Jedes Gefühl ist erst einmal richtig
Wer hat angefangen?
Toleranz wachsen lassen
Das Gute sehen oder Warum ist loben so schwer?
Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen
Kommunikation als tägliche Herausforderung
Kapitel 6: Konfliktfähigkeit
Konflikte als Chance
Konflikte sind im Theater strukturell vorprogrammiert
Konflikte sind gut
Drei Schritte zur Konfliktbewältigung – Strategien der Selbststeuerung
1. Schritt: Ruhe bewahren
Stabiler Stand · Körperausrichtung und -haltung · Tempo verlangsamen · Bewusst ausatmen
2. Schritt: Verständnis für die Situation entwickeln
Unsere Konstruktionen von Wirklichkeit · Wichtige Wegweiser: Unsere Emotionen · Emotionen akzeptieren · Empathie – die Kraft der Einfühlung · Kritik als konstruktives Feedback · Selbstbewusst den eigenen Standpunkt wahren · Humor · Vertrauen aufbauen
3. Schritt: Win-win-Lösungen finden
Das Wichtigste: Wertschätzung auf menschlicher Ebene · Geduld aufbringen für einen gemeinsamen Weg · Offen sein für Neues · Kreativität aktivieren · Wandel als Tagesgeschäft anerkennen
Eine Frage der inneren Haltung
Den eigenen Maßstab setzen
Positive, lösungsorientierte Grundeinstellung
Klugheit walten lassen
Ein ewiger Prozess – Geduld und Gelassenheit
Kapitel 7: Meisterschaft des Selbst
Das künstlerische Talent schmieden
Die japanische Tradition der Künste und des Kunsthandwerks
Jenseits des Sichtbaren und der Perfektion – yugen und wabisabi
Die Kunst-Wege
Kunst als Handwerk
Übung als Geisteshaltung
Rituale als Formen der Vertiefung
Der »gelöste« Künstler – ein Wegbereiter
Die Kunst des Loslassens
Danksagung
Literatur und Quellen
Vorwort

»Ich fühle mich nicht mehr so hilflos allen Widrigkeiten des Lebens ausgeliefert! Es ist ein gutes Gefühl, ›Werkzeuge‹ zu haben und damit die Chance, etwas zu verbessern, sich das Leben einfacher und freudiger zu machen!«, schrieb mir eine Chorsängerin nach einem Seminar, das ich in einem Theater zum Thema »Stressbewältigung« gegeben hatte.
Diese Rückmeldung machte mich sehr glücklich. In meinem Leben und in meiner Arbeit als Trainerin und Coach erlebe ich täglich im Umgang mit den verschiedensten Menschen, wie wir allein durch unser Denken, unsere inneren Sichtweisen und – in der Folge – durch unsere Ausstrahlung und unser Verhalten vieles bewirken können, auch wenn die Rahmenbedingungen noch so starr und widerborstig sein mögen. Dass Künstlerinnen und Künstler innerhalb der hierarchisch-starren Strukturen des Theaterbetriebs diese Wirkung erfahren konnten, bestätigte und beflügelte mich, mich noch intensiver auf die Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen zu konzentrieren.
Denn: Wenn wir unsere »deutsche Theater- und Orchesterlandschaft« erhalten wollen, müssen wir auch die künstlerischen Strukturen ins 21. Jahrhundert übertragen. Beneidet und bewundert von vielen, und von Deutschland für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes nominiert,1 ist unser deutsches Theatersystem – schaut man genauer hin – seit Längerem in der Krise: Unterfinanzierung, hohe Krankheitsquoten und das Gefühl knirschender Überlastung – als würde es von einem Moment zum nächsten zusammenbrechen.
So radikal und zum Teil beängstigend der gesellschaftliche Wandel sich derzeit vollzieht, so spannend sind die neuen Perspektiven, die sich für die Gestaltung von kreativen Arbeitsplätzen auftun, wie beispielsweise sich selbst organisierende Unternehmen. Das Theater könnte hier Vorreiter für den kulturellen Bereich sein.
In den großen theaternahen Verbänden wird derzeit über Wege der Veränderungen intensiv nachgedacht. Auch in einzelnen Häusern werden erste strukturelle Veränderungen vorgenommen. Doch bis sie tatsächlich spürbar werden, leiden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Künstlerinnen und Künstler in den Theatern weiter.
Mit diesem Buch möchte ich Kunstschaffenden praktische Hilfen bieten, um jetzt und heute in den aktuell schwierigen Strukturen zu einer größeren Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit zu finden. Gleichzeitig hoffe ich, dass diese wachsende Selbstwirksamkeit aller Teilnehmenden an den künstlerischen Prozessen im Theater den Wandel von innen heraus vorantreibt und als fruchtbarer Boden für die notwendigen Veränderungen dient.
1Im April 2018 wurde der Antrag zur Nominierung der »Deutschen Theater- und Orchesterlandschaft« als Immaterielles Kulturerbe bei der UNESCO eingereicht. Die Entscheidung fällt im Jahr 2020. Bisher hat Deutschlands Theater- und Musiklandschaft nur einen Eintrag auf der deutschen Liste des Immateriellen Kulturerbes. (Siehe https://www.unesco.de/)
Einleitung: Warum ertragen, wenn ich gestalten kann?

Talentierte junge Künstlerinnen und Künstler1, die frisch von den Hochschulen ihr erstes Engagement im Theater antreten, bekommen meist einen regelrechten Kulturschock. Im Tagesbetrieb eines Theaters angekommen, ist die heilige Aura und der hehre Anspruch gemeinschaftlicher künstlerischer Kreationen rasch dahin, spätestens wenn kurz vor der Premiere komplette Szenen umgestellt werden, wenn die Älteren im Ensemble die eigene Machtposition subtil oder auch weniger subtil ausspielen, wenn gute neue Ideen nicht gehört oder im Keim erstickt werden, sich die ersten Ermüdungserscheinungen nach monatelangen durchgetakteten Probe- und Aufführungsterminen ohne Pause einstellen, man sich nur noch von Fast Food ernährt, wenn erste Versagensängste aufkommen, die ersten Blackouts eintreten und man nicht mehr weiß, wann man das letzte Mal die beste Freundin kontaktiert hat.
Der Betrieb »saugt einen langsam auf«, wobei man nicht, wie gehofft, auf der Wolke der kreativen Glückseligkeit lebt, sondern in der permanenten Überforderung irgendwie »überlebt«.
Die aktuelle Situation für Künstler an Theaterbetrieben kann nicht dramatisch genug geschildert werden. Das Argument »Augen auf bei der Berufswahl« hat sicherlich seine Berechtigung, wenn es um die künstlerspezifischen Anforderungen geht wie der Umgang mit Lampenfieber oder die abendlichen Arbeitszeiten, die einem regulären Familienleben eher im Wege stehen. Dennoch darf dieses Argument nicht als Freibrief für alle Missstände herhalten, wie schlecht belüftete, enge Proberäume, ungünstiges Führungsverhalten oder unnötige Zusatzarbeiten, weil die interne Kommunikation nicht funktioniert und kurzfristige Änderungen nicht bei allen angekommen sind.
Eine Flucht in die Selbstständigkeit ist keine Lösung, denn zum einen ändert das nichts am Theatersystem, das sich vor allem von innen her wandeln muss, zum anderen kennt auch in der freien Szene die Selbstausbeutung kaum Grenzen.
Wir als Gesellschaft, die Kunst erleben wollen, sollten nicht zulassen, dass sich Kunstschaffende für uns und um der Kunst willen ausbeuten und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Der volkswirtschaftliche Schaden wäre enorm. Sowohl die Theaterbetriebe als Arbeitgeber als auch die Künstlerinnen und Künstler selbst sollten deshalb zu einem gesunden Selbstverständnis gelangen, dass auch sie Arbeitsbedingungen und -strukturen benötigen, in denen sie ihre ganze künstlerische Kraft entfalten und nachhaltig entwickeln können.
Glücklicherweise nehmen sich in den Theaterbetrieben die Verantwortlichen nach und nach dieser Zustände an. Wir stehen am Anfang eines vorsichtigen Umdenkens und Handelns, insbesondere weil mittlerweile auch die gesetzlichen Bestimmungen z. B. im Arbeitsschutzgesetz zur Gesunderhaltung der Arbeitnehmer verstärkt wurden; eine große Herausforderung für Theaterbetriebe, denn letztlich ist alles im Theater diametral entgegengesetzt zu einer im Gesundheitsschutz gewünschten »Work-Life-Balance«. Diese Tatsache war bislang auch der gerne angebrachte Grund, dass nichts geändert werden könne: »Im Theater geht das nicht. Da ist alles anders.« – Nun. Sicherlich. Es ist anders, was allerdings guten Entwicklungen und neuen Veränderungen nicht im Wege stehen muss. Wo, wenn nicht an dem Ort, an dem in jeder Spielzeit unzählige Neuproduktionen erschaffen werden, sollten konstruktive Veränderungen möglich sein? In der Oper arbeiten bis zu zweihundert Menschen auf und hinter der Bühne zusammen, um in nur acht Wochen eine koordinative, kreative Höchstleistung zu vollbringen. Gerade in einem Umfeld, das komplexe Arbeitsstrukturen gewohnt ist, sollte es doch machbar sein, die Gesamtstruktur des Betriebes kreativ zu optimieren.
Betrachtet man die aktuelle Arbeits- und Organisationsentwicklung in der Wirtschaft, die sich seit einigen Jahren intensiv mit gesunden, motivierenden Arbeitsformen befasst, ließen sich sicherlich einige Ansätze auf das Theater übertragen. Nichtsdestotrotz müssen für den Kulturbetrieb mit der hohen Fluktuation künstlerischer Mitarbeiter spezifische Lösungen entwickelt werden.
Erste kleine Schritte zu einem Theater der Zukunft
Wenn das Theater die zunehmende Entmenschlichung der Gesellschaft kritisiert und auch eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllen will, dann sollte es ein lebendiges Beispiel für diese Vision sein.
Die derzeitigen Strukturen im Theater lassen nicht zu, dass diese Vision umgesetzt wird. Es ist ein Prozess, der von allen Seiten und von oben und unten Offenheit und Kreativität voraussetzt, Qualitäten, die das Theater im Kern auszeichnen (sollte). Mit neuen Organisationsstrukturen wird bereits weltweit experimentiert, Stichworte dazu sind selbstorganisierende Unternehmen und Agilität.2 Unsere gemeinsamen langfristigen Ziele im Theater sollten sein: die Rahmenbedingungen zu verbessern, die Selbstkompetenz der Einzelnen zu erhöhen sowie die Kommunikations- und Konfliktfähigkeiten zu erweitern, um nach und nach einen Rahmen zu schaffen, in dem Kreativität ihre volle Kraft entfalten kann und eine Arbeitsstruktur für das Theater entwickelt wird, die der Kunst dient – das Theater als Kunstschmiede, in dem sich das Was auch im Wie spiegelt:
Theater als künstlerisch-betriebliches Gesamtkunstwerk.
Um was es mir geht
Dieses Buch soll Impulse bieten, was wir als Einzelne im Theaterbetrieb dazu beitragen können, um verkrustete Strukturen aufzubrechen und in kreativitätsfördernde Arbeitsbedingungen zu verwandeln. Sicherlich lässt sich ein so komplexes System wie das Theater nur durch kleine aktive Schritte ändern. Umso wertvoller, wenn wir diese Herausforderung annehmen. Denn je mehr von uns diesen Weg gehen, desto größer wird die Wirkkraft. Und jeder Weg beginnt – wie wahr – mit dem ersten Schritt.
In diesem Buch gebe ich Ihnen Hintergrundwissen, Anregungen und praktische Tipps, wie Sie in Ihrem künstlerischen Alltag für sich sorgen und in Ihrem Rahmen Ihren Arbeitsplatz optimieren und möglicherweise eine neue Haltung zu Ihrer Arbeit finden können. Es geht darum, der künstlerischen Gestaltungskraft in uns einen geschützten Raum zu geben; einen Raum, in dem wir von unseren Ängsten, Eitelkeiten, Unsicherheiten, unserer Konfliktscheu oder Streitlust und sonstigen Schwierigkeiten im Umgang mit anderen lassen können und unserem inneren kreativen Potenzial wieder freie Bahn schenken können.
Im ersten Kapitel gehe ich auf den »Arbeitsplatz Theater« ein und beschreibe, wo wertvolle Potenziale liegen, um ihn für den Künstler kreativ und gesund zu gestalten. Um diese Potenziale zu entfalten, bedarf es der Selbstwirksamkeit, die im zweiten Kapitel beschrieben wird; dem Wissen darum, dass wir selbst viel mehr in der Hand haben, als wir oft meinen. Und um diese Selbstwirksamkeit zu unterstützen, folgen in den nächsten vier Kapiteln neben Hintergrundinformationen praktische Hinweise, Anregungen und Übungen, wie sich der anspruchsvolle, kommunikationsreiche Alltag entspannter, gesünder und letztlich effektiver gestalten lässt. Ich zeige, welches kreative (Gehirn-) Potenzial wir noch ausschöpfen können, um gekonnt mit Stress umzugehen, beschreibe Techniken zur Stressbewältigung und erläutere, wie Kommunikation gelingen kann und wie Sie Konflikten und Auseinandersetzungen begegnen sollten.
Im abschließenden Kapitel möchte ich nochmals die Idee des Genies hinterfragen und zu der Haltung eines ganzheitlichen Kunsthandwerks motivieren. Eine Haltung, die ebenso kreativ, umfassend, bewegend, berührend, spirituell und politisch sein kann, allerdings kein sich schnell verbrennendes Künstlerfeuer verlangt, sondern durch kontinuierliche, gesunde Arbeit an sich selbst geprägt ist und die das Geschenk der eigenen künstlerischen Kreativität wertschätzt.
Neben konkreten praktischen Übungen in den Kapiteln 4, 5 und 6 sind am Ende jedes Kapitels Anregungen und Hinweise aufgelistet, die sich auf die Themen und Inhalte des vorangegangen Textabschnitts beziehen. Bereits an dieser Stelle bitte ich Sie, bloß nicht alle Übungen und Anregungen auf einmal umsetzen zu wollen. Das geht nicht und demotiviert nur!
Daher ist mein erster Tipp: Lassen Sie sich von Ihren Interessen leiten. Suchen Sie sich zunächst nur eine Übung aus dem Buch heraus und schauen Sie, was sich verändert. Erfahrungsgemäß ergibt sich aus dem ersten Schritt ein logischer zweiter. Da alles miteinander zusammenhängt, wird eine positive Veränderung an einer Stelle sich automatisch auch auf alles andere auswirken.

Wege zur Zufriedenheit
Eine abschließende Anmerkung: Vordergründig beziehe ich mich auf die »ausführenden Künstler« und deren »Kunst«, auch in den Beispielen, da einige inhaltliche Themen etwas anders gelagert sind als in den ebenso wichtigen technischen und Verwaltungsbereichen. Doch für mich steht fest: Alle Mitarbeiter eines Kulturbetriebes sind Kunstschaffende. Alle gehören einer großen besonderen Gemeinschaft an, die Kunst kreiert und ermöglicht, und alle verdienen gleichermaßen Wertschätzung und Anerkennung. Ich bin mir sicher, dass auch die nicht explizit angesprochenen Bereiche die Tipps in diesem Buch aufgreifen und umsetzen können.
Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Freude bei Ihrer persönlichen Entdeckungsreise!
1Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Folgenden meist die männliche Form verwendet, es ist jedoch immer die weibliche Form mitgemeint. (Anm. d. Red.)
2»Agilität ist die Fähigkeit von Teams und Organisationen, in einem unsicheren, sich verändernden und dynamischen Umfeld flexibel, anpassungsfähig und schnell zu agieren. Dazu greift Agilität auf verschiedene Methoden zurück, die es Menschen einfacher machen, sich so zu verhalten.« Aus: Svenja Hofert: Agiler führen: Einfache Maßnahmen für bessere Teamarbeit, mehr Leistung und höhere Kreativität, Wiesbaden: Springer Gabler, 2016; Kindle-Version, Kindle-Positionen 687–689. Des Weiteren sei auf das spannende Buch von Frederic Laloux: Reinventing organizations (München: Verlag Franz Vahlen, 2015) hingewiesen, das sich mit neuen Organisationsformen befasst.
Kapitel 1:
Der Theaterbetrieb – viel Potenzial für Gesundheit

Werfen wir zunächst einen Blick auf das ganze Ausmaß des künstlerischen Treibens hinter den Theaterkulissen und deren Herausforderungen, die uns jeden Tag jenseits der Pforte begegnen. Mit dem Blick auf den Theaterbetrieb als Arbeitsumfeld können wir in einem nächsten Schritt genauer feststellen, wo Potenziale zur Veränderung und zur Gestaltung eines gesünderen kreativen Arbeitsplatzes vorhanden sind.
Das Dilemma des Künstlers
In Theaterbetrieben befinden sich Künstler in einem Dilemma. Sie sind eingezwängt zwischen einer kreativen, feinfühligen Arbeitsaufgabe und den oft zermürbenden Rahmenbedingungen. Wie die Abbildung zeigt, müsste der feinfühlige Künstler gleichzeitig ein »dickes Fell« haben; im Grunde also künstlerisch sensibel und gleichzeitig menschlich stark sein. Dass das funktioniert, ist unbestritten. Nur wird ein »dickes Fell«, worunter ich in seiner positiven Ausprägung ein geerdetes Selbstbewusstsein, gelassene Souveränität, hohes empathisches Vermögen, einen wertschätzenden höflichen Umgang miteinander und eine gute Konfliktfähigkeit verstehe, weniger intensiv entwickelt als eine oft überbordende Sensibilität. Wie der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun in seinem Werte-Quadrat1 beschreibt, wandelt sich jede einseitig geförderte Tugend oder Qualität in eine entwertete Übertreibung, wenn nicht die entsprechend ausgleichende Schwesterntugend gefördert wird.
Übertragen auf den Künstler heißt das: Wird ausschließlich die Sensibilität und das auf sich selbst gerichtete Empfindsame gefördert, entwickelt sich ein egozentrischer Gefühlskloß, der nur mit Samthandschuhen berührt werden darf. Umgekehrt wird ein mit allzu dickem Fell versehener Künstler starr, unflexibel, gleichförmig und farblos wirken und das Publikum wenig emotional berühren – wie eine zwar verlässliche, aber künstlerische Dampfwalze.
Diese beiden Schwesterntugenden des Künstlers, das »Feinfühlige« und das »menschlich Starke«, gilt es ergänzend auszubilden. Da das Erstere im jeweiligen künstlerischen Ausbildungsweg intensiv entwickelt wird, geht es in diesem Buch um die andere Seite: um das »menschlich Starke«.

Das Dilemma des Künstlers
Die herausfordernde Arbeitsaufgabe des Künstlers
Worin besteht die Arbeitsaufgabe des Künstlers und welche Herausforderungen bringt sie mit sich? Die größte Herausforderung, der beispielsweise ein Schauspieler ausgesetzt ist, liegt darin, dass er sich selbst als Arbeitsinstrument nutzt. Auf der Bühne steht nicht ein Kunstwerk aus Stein, Stahl oder Holz, sondern ein Mensch mit Ausstrahlung, Persönlichkeit, einem Körper und einer Psyche. Die Rolle wird durch die eigene Person dargestellt. Es geht gar nicht anders, als dass das Persönliche mit einfließt. Erfahrungen aus dem privaten Leben werden damit automatisch auf der Bühne als Arbeitsstoff verwendet. Zudem, aus neurobiologischer Sicht betrachtet, ist eine Emotion eine Emotion, auch wenn sie gespielt ist. Wie die Embodiment-Forschung, die Forschung der Wechselwirkung von Körper und Psyche, zeigt, kann auch eine gespielte gute Stimmung, selbst ein künstliches Verziehen des Gesichts zu einem Lächeln, ein entsprechend positives Gefühl auslösen, bzw. die körperliche Darstellung negativer Gedanken kann negative Gefühle erzeugen.
Gefühle auf der Bühne und reale Emotionen lassen sich nicht trennen – außer man nimmt lediglich entsprechende Körperhaltungen als Projektionsfläche für das Publikum ein, wie es beispielsweise in asiatischen Schauspieltraditionen der Fall ist, in denen der Körper im Fokus steht.2 Doch selbst hier werden Emotionen ausgelöst.
Diese Arbeit wird als belastend empfunden, wenn der Darsteller in einer Inszenierung entgegen seiner eigentlichen Emotion fühlen muss, zum Beispiel wenn er nicht hinter der Interpretation steht. Ebenso ist es auf Dauer eine Belastung, unter hohem Druck punktgenau wiederholt negative Gefühle darstellen zu müssen.
Dieser hochemotionale Einsatz der Psyche ist das Grundarbeitsmittel von Künstlern, jedoch wird ein gesunder, selbstschützender Umgang damit selten in den Ausbildungsstätten oder an den Theaterbetrieben thematisiert und noch seltener aktiv trainiert. Ganz im Gegenteil: Der Fokus liegt oft auf der »Entblößung« der eigenen Psyche, der gerne mit dem Argument der notwendigen künstlerischen Grenzüberschreitung gekoppelt wird.
Ich möchte an dieser Stelle einen Vergleich mit der japanischen Kampfkunst Aikido anbringen, deren Körperübungen vielen Schauspielern bekannt sein werden und die ich selbst seit vielen Jahren praktiziere und unterrichte: In den Kampfkünsten, in denen es ebenso zentral um den Umgang mit Emotionen geht – allerdings ausschließlich den negativen wie Ängsten, Unsicherheiten und Aggressionen –, wird im Training dieser Umgang mit der Psyche immer wieder thematisiert. Auch in meinem Unterricht lege ich großen Wert auf eine klare Selbsteinschätzung und Wahrnehmung der eigenen psychischen Verfassung und dem Umgang mit ihr. Denn es kann hochgefährlich werden, die eigene Psyche nicht im Griff zu haben. Wie schnell ist eine Schulter gebrochen, ein Arm ausgerenkt, der Hals verdreht. Das Training des Aikido hat mir in seiner Extremsituation vor Augen geführt, wie sehr wir uns selbst und andere durch einen unbewussten Umgang mit unseren Emotionen schädigen können, gleichzeitig hat es mir aber auch gezeigt, welch enormes Energiepotenzial sich eröffnet, wenn wir unsere Emotionen im Griff haben, oder zumindest gut mit ihnen umgehen können.
Während es in den Kampfkünsten um das Trainieren der eigenen Psyche geht, ist die Herausforderung eines Schauspielers noch größer: Er muss seine Psyche und die von ihm gekoppelte Rollenpsyche trennen und sie dennoch als gegenseitige Befruchtung durchlässig halten. Ist diese enorme geistige Leistung nicht trainiert oder über die Jahre mit den sich wandelnden Herausforderungen und den Erfahrungen nicht weiter ausgebildet worden, ist es nicht verwunderlich, wenn sich ein schwankendes Selbstwertgefühl einstellt. Mache ich mir die Rolle zu eigen und zieht sie mich runter, nehme ich diese negative Stimmung mit in meinen Alltag. Ist die Rolle an einem Abend erfolgreich, bin ich in Höchststimmung. Floppt sie, deprimiert mich dies ebenso, auch wenn es möglicherweise nicht an der Rolle, sondern an einer subjektiven Haltung des Publikums lag. Wenn ich mich mit meiner Rolle komplett identifiziere, fühle ich mich auch als Privatperson in meinem Selbstwert getroffen.
Das Arbeitsinstrument von der Person zu trennen, ist im künstlerischen Bereich schwer, da das Arbeitsinstrument die Person selbst ist. Umso mehr – gerade unter den derzeit wenig förderlichen Rahmenbedingungen eines Theateralltags – müssen die Künstlerinnen und Künstler täglich auf den gekonnten Umgang mit ihrer Psyche achten.
Mythos des leidenden Künstlers
Gerne möchte ich noch mit einem anderen Mythos aufräumen, der in der Kunstwelt herumgeistert und oft genug als schlagendes Argument angeführt wird, warum ein gewisser grenzüberschreitender Druck herrschen müsse: Um erfolgreich zu sein, müsse der Künstler leiden.
Jeder, der in irgendeiner Weise kreativ arbeitet, weiß genau, wie wenig kreativitätsfördernd beispielsweise Existenzangst ist oder die Sorge, die Miete nicht zahlen zu können. Wenn ein Künstler das verdrängen kann und dennoch kreativ ist, dann geht es um seine geistige Leistung, trotz widriger Lebensumstände erfolgreich zu sein. Es gibt allerdings unzählige andere, die an diesem Leiden zugrunde gegangen sind, die derart blockiert waren, dass sie keine Chance hatten und ihre innere Kreativität nie entfalten konnten. Allerdings finden jene nur wenig Beachtung in unserer Gesellschaft.3
Natürlich darf und soll ein Künstler gefordert werden, und solange es eine belebende Art der Herausforderung in einem geschützten Rahmen ist, werden sich gerade kreative Menschen mit großer Lust öffnen. Doch die Vorstellung, das Talent und die Begabung, die wir als Künstler geschenkt bekommen, könne sich nur entfalten, wenn wir uns in Melancholie, Verzweiflung und Düsternis wälzen und leiden, ist schlichtweg falsch und zerstört den Künstler als Kreativquelle eher, als dass es ihn gezielt zur Reife bringt. An diesen Erlebnissen reift er nur, wenn er viel psychische Widerstandskraft aufbringt.
Wenn sich ein Dirigent oder eine Regisseurin über eine Sängerin oder einen Schauspieler aufregt, die/der sich vermeintlich zu wenig einbringt, und über Beleidigungen auf verachtende Weise Druck aufbaut, dann zeugt das nicht von Können, sondern schlicht von schlechtem Führungsstil und mangelnder Menschenkenntnis. Die neuere Motivations- und Kreativitätsforschung belegt, wie wenig Ängste und Depressionen förderlich sind. Für kreatives Arbeiten braucht es bei aller Nähe zum grenzüberschreitenden, flexiblen Denken keinen Geist, der von Ängsten oder Anspannung so gelähmt ist, dass er nichts mehr ordnend und strukturierend zustande bringt. Ebenso wenig benötigt es einen Geist, der träge und müde ist.
Zweifellos gibt es den einen oder anderen Chorsänger oder auch Orchestermusiker, der nicht zum Gelingen des Werkes beiträgt. Doch hier liegt eher ein strukturelles Problem zugrunde. Oftmals fühlen sich Chorsänger und auch Orchestermusiker, die als Solisten ausgebildet wurden, unterfordert und wenig wertgeschätzt. Wenn die Leistung abnimmt, nützen Druck und Beleidigungen auf künstlerischer Ebene wenig. Mit dem Mangel an Motivation umzugehen, ist eine klassische Führungsaufgabe, die zwischenmenschliche Fähigkeiten und grundlegendes Wissen in Organisationspsychologie voraussetzt – Fähigkeiten, die bislang in Theaterbetrieben im künstlerischen Bereich noch zu wenig ausgebildet werden.
Und ja: Augen auf bei der Berufswahl! Ein Künstlerleben ist ein Leben zwischen den Extremen. Umso mehr erfordert es Techniken der Absicherung; wie ein Bergkletterer, der Seile und Haken mitnimmt, um sein Leben und seine Gesundheit zu schützen. Genau hier sollten wir genauer hinschauen und neue Wege suchen, wenn wir die künstlerische Schaffenskraft in der Gesellschaft erhalten, ja uns Kunst überhaupt leisten wollen. Warum soll es nicht möglich sein, die künstlerischen Rahmenbedingungen derart auszubalancieren, dass die psychische Stabilität unserer Künstlerinnen und Künstler erhalten bleibt und dabei ihre flexible Brillanz nicht verloren geht?
Leiden ist kein Garant für Erfolg, und wenn der erhoffte Erfolg ausbleibt, bleibt dem Künstler wenigstens die Gesundheit.
Ist Kunstfreiheit wirklich grenzenlos?
Ein weiterer gerne verwendeter Machthebel kreativer Führungskräfte ist die vielbeschworene Kunstfreiheit, nach dem Motto: Ein Dirigent oder eine Regisseurin darf sich im Namen der Kunstfreiheit alles erlauben: Pulte werfen, verbal angreifen, den meist negativen Emotionen freien Lauf lassen. Diese zentralen Figuren einer Produktion können ein ganzes Haus von mehreren Hundert Mitarbeitern in Atem, manchmal gar in Schrecken halten. Ob »Stars« oder nicht, den künstlerischen Führungspersonen wird viel Macht gegeben unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit. Und selbst wenn partnerschaftliches Kunstwollen als Ideal behauptet wird, gibt es im Zweifelsfall immer den einen Kunstwillen, dem letztendlich alle zu folgen haben. Denn wie sollte man die Arbeitsweise eines vermeintlichen Genies eingrenzen können?
Hier werden zwei Aspekte vermischt – das Bühnenwerk und der Proben- bzw. Schaffensprozess. Was auf der Bühne sichtbar wird, ist eine Sache. Das Werk selbst soll künstlerisch frei sein, auch wenn die Kunstfreiheit natürlich durch die anderen Grundrechte wie Unversehrtheit der Person eingeschränkt ist.
Ganz anders steht es um den Schaffens- und Probenprozess. Diese künstlerische Zusammenarbeit unterliegt eindeutig dem Arbeitsschutz und seinen Bestimmungen. Und an dieser Stelle sticht die Maßgabe, dass keine psychische Gefährdung der Mitarbeiter erfolgen soll. Denn der Arbeitsprozess und der Schutz der körperlichen und vor allem psychischen Gesundheit der Arbeitnehmer darf auch nicht in den Kunstbetrieben ausgehebelt werden.
Natürlich darf und soll niemand den künstlerischen Prozess einschränken. Betrachtet man den betrieblichen Alltag, dann wird mit diesem Vorwurf einiges romantisiert. Am Ende des Tages ist Theater oder Oper ein Handwerk, nicht nur hinsichtlich Bühnenbild und Technik, sondern auch hinsichtlich der Erarbeitung von Texten oder Partituren. Dieses Handwerk erfordert klar geregelte Abläufe, zeitliche Fristen und nüchterne Anweisungen. Wenn diese nicht eingehalten oder die entsprechenden Informationen zu spät geliefert werden, wenn im letzten Moment alles verändert wird und ideenreiche Neugestaltungen in der letzten Probenwoche verlangt werden, die einen logistischen Mammutaufwand und personelle Überforderung auf der Bühne und hinter den Kulissen erfordern würden, dann wird die künstlerische Führungskraft, wie beispielweise die Regisseurin, dem Arbeitsbetrieb des Theaters, für den sie etwas kreiert, nicht gerecht. Sie setzt mit diesem Verhalten eine gesamte Organisation unter unnötigen Druck.
Daher soll hier nochmals ein Bewusstsein geschaffen werden sowohl für die Verantwortung der künstlerischen Führungskräfte als auch für die Rechte und Abgrenzungsmöglichkeiten der Mitarbeiter, die in das feste zeitliche und organisatorische Korsett eines Theaters eingebunden sind.
Der tägliche Theaterwahnsinn
Nicht nur die Arbeitsaufgabe des Künstlers an sich, auch die Rahmenbedingungen im Theater haben es in sich. Manchmal staune ich, dass Premieren tatsächlich stattfinden. Wie eine Sisyphusarbeit wird eine Produktion mit viel Anstrengung, unter Druck, Stress, Schweiß und Tränen auf die Bühne gebracht. Solange Außenstehende – und dies ist die Projektionsfläche Theater – nur die in der Vorstellung dargebotene kreative Leichtigkeit sehen, mag noch alles gut sein. Doch leider zeigt sich die Anstrengung oft auch auf der Bühne. Spätestens dann, wenn eine Hauptdarstellerin mitten im Monolog ohnmächtig wird.
Arbeitsplatz und Arbeitsorganisation
Betrachten wir einmal die äußeren Umstände, unter denen Künstler arbeiten müssen.
Das tägliche Berufsleben im Orchester ist ein Albtraum für die Ohren: Bereits 30 Prozent der unter 35-jährigen Musikerinnnen und Musiker sind hörgeschädigt.4 Auch im Chor ist der Probenalltag eine Herausforderung. Täglich sitzen vierzig bis sechzig Personen Stuhl an Stuhl nebeneinander und arbeiten über mehrere Stunden kollektiv zusammen. Die engen Gemeinschaftsgarderoben bieten kaum Rückzugsmöglichkeiten während der Pausen.
Der Zeitdruck, unter dem gearbeitet wird, ist ungewöhnlich hoch: In jeder Spielzeit entstehen in großen Häusern nicht nur viele Neuinszenierungen, sondern viele Produktionen werden auch wieder aufgenommen. Die Städtischen Bühnen Frankfurt am Main beispielsweise produzierten in der Spielzeit 2013/14 34 Neuinszenierungen im Schauspiel und 13 im Musiktheater bei 96 Inszenierungen insgesamt.5
Jede Produktion hat oft nur sechs bis acht Wochen Probezeit. Eine vielfältige Verzahnung von höchst unterschiedlichen Gewerken wie Beleuchtung, Bühne, Ton, Maske und Kostüm gilt es mit den verschiedenen künstlerischen Anforderungen und Gruppierungen in Einklang zu bringen. Es bleibt wenig Zeit, um zu testen, zu optimieren, auszubauen. Kontinuierlich wird mit der heißen Nadel gestrickt. Improvisationskünste sind gefragt, die sicherlich in gesundem Maße gerade Künstler als inspirierend und denkerweiternd empfinden. Ist Improvisation jedoch ein Dauerzustand, um nicht besetzte Stellen, ungünstige Organisationstrukturen und interne Kommunikationsschwächen ausgleichen zu müssen, dann wirkt diese Haltung erschöpfend und ausbrennend. Ständig Terminen hinterherzurennen und nie das Gefühl zu haben, eine Arbeit dem eigenen Qualitätsstandard entsprechend und vor allem bis zum Ende ausgeführt zu haben, unterbindet die Kreativität, wie das Kapitel über Stress zeigen wird. Vor allem verringert sich das tiefe Gefühl der Zufriedenheit, aus dem Kunstschaffende viel Motivation schöpfen, eine Quelle, die besonders wichtig wird, wenn andere Motivationsfaktoren wie Aufstiegschancen oder berufliche Weiterentwicklung fehlen.
Belastend sind ebenso die wenig sichere, oft nur befristete Vertragssituation und die schlechte Bezahlung bei hohen Überstunden. Ebenso die unsozialen Arbeitszeiten mit den Proben am Vormittag und den Aufführungen am Abend bzw. den Schichtdiensten, vor allem an den Wochenenden. Familie und Freunde werden oft vernachlässigt, Hobbys können nur bedingt gepflegt werden. Es kommt zu einer theaterinternen Kultur, die wiederum die belebenden Impulse von außen damit ausschließt.
In einigen Häusern kommt der Tourneebetrieb hinzu, mit den ihn begleitenden schlechten Aufführungs- oder Probebedingungen. Doch auch die Bedingungen im eigenen Haus, wie fehlende Rückzugsmöglichkeiten, können Stress auslösen. Oft fehlt eine gute Kantine. Dabei wäre ein gemeinsamer Treffpunkt, der zu den theatertypischen Zeiten gutes und gesundes Essen anbietet, besonders wichtig.
Soziale Strukturen und Beziehungen
Das Theater wird gerne – intern als auch extern – als letzte Hochburg der Diktatur in Deutschland beschrieben.6 Starre, historisch gewachsene hierarchische Strukturen definieren das Theatersystem. Auch das Intendantenkarussell trägt zu der Erstarrung bei. Während ein Intendantenwechsel sicherlich seine Berechtigung hat und der jeweiligen Stadt und dem Haus guttun kann, findet er oft zu schnell und zu radikal statt (die gesamte künstlerische Leitung und ein Großteil der Ensembles werden ausgetauscht).
Der rasche Wandel verbunden mit wenig Sinn und Verständnis für die Wirkung eines so radikalen Wandels auf die Struktur des gesamten Betriebs und eines gezielt gelenkten Organisationsentwicklungs- oder Change-Prozesses mit den entsprechenden Instrumenten7 führt zu einem mehr oder weniger großen Widerstand der langjährigen Beschäftigten.
Denn bis man Strukturen in ihren Wurzeln lösen kann, braucht es oft Jahrzehnte und ein hohes Bewusstsein für gesunde organisatorische Wandlungsformen bei der Theaterleitung, die auf Vertrauen beruhen. Und Vertrauen benötigt Zeit. So bleibt am Ende oft nur ein diktatorisches, machtvolles Auftreten, um die eigenen Ideen durchzusetzen. In diesem Sinne tragen häufige Intendantenwechsel zur Beruhigung und nachhaltigen Ausrichtung eines bereits an sich aufgeheizten Betriebs nur wenig bei.
Auch die Beziehungen untereinander sind selten von Teamgeist geprägt. Aufgrund des schwierigen Arbeitsmarkts herrscht innerhalb der Ensembles enormer Konkurrenzdruck. Während Solisten sich als Einzelkämpfer erleben, sehen sich beispielsweise die Chormitglieder nur als Einheitsmasse. Sie fühlen sich als einzelne Künstler wenig wertgeschätzt und unterfordert, andererseits werden sie von anderen wegen des sicheren Arbeitsplatzes beneidet. In diesen Ensembles entstehen klassische Gruppendynamiken mit schwelenden Konflikten, die nicht aufgelöst und oft über Jahrzehnte gepflegt und weitervererbt werden, sodass neue Mitglieder in den Sog des Alten gezogen werden. Auch Senioritätskonflikte oder die Angst der Älteren vor den Jungen und ihren noch in voller Gänze vorhandenen Fähigkeiten beeinflussen das Klima.
Ein anderes großes Feld, über das sich jedes Haus beklagt, ist die Kommunikation – sowohl intern in der Gruppe als auch mit anderen Bereichen des Theaterbetriebes. So werden zum Beispiel Vertretungen nicht auf dem Laufenden gehalten, oder Anweisungen müssen immer wieder neu gegeben werden. Auch sind vielen Künstlern die technischen Abläufe im Hintergrund und der enorme Zeitdruck, den eine gewünschte Änderung auslöst, nicht bewusst.
Wenn dann in diesem vielschichtigen Produktionswahnsinn der Verwaltungsbereich, der sich um Arbeitsverträge und viele lebensnotwendige Belange der Künstler kümmert, aus dem städtischen Umfeld kommt und lediglich in »normalen« Kategorien und Arbeitszeiten denkt, die sich nicht mit den Präsenz- und Pausenzeiten der Künstler am Haus deckt, verschärfen sich die empfundenen Belastungen.
Was muss sich also ändern und vor allem: Wie können wir es ändern?
Gesundheitsschutz als Chance
Dem Theaterbetrieb mit diesen komplexen Herausforderungen kommt nun die intensive Entwicklung der letzten Jahrzehnte in den Bereichen der Personal- und Organisationsentwicklung zugute, die der Gesundheit am Arbeitsplatz zunehmend Bedeutung beimisst. Denn auch in Wirtschafts- und sozialen Betrieben haben Arbeitsverdichtungen und steigende Anforderungen zu erhöhten Krankheitsausfällen und nachlassender Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter geführt. Forschungsfelder wie Gesundheitsförderung und das Gesundheitsmanagement entstanden, brachten neue Erkenntnisse hervor (z. B. eine verschärfte Gesetzgebung des Arbeitsschutzes) und entwickelten praktische Methoden, auch für Theaterbetriebe.
Was ist Gesundheit?
Ist von Gesundheitsschutz oder -management die Rede, stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage: Was ist Gesundheit überhaupt?
Gesundheit wird von den meisten von uns als das Fehlen von Krankheit wahrgenommen. Die Weltgesundheitsorganisation hat in ihrer Verfassung von 1948 den Gesundheitsbegriff eindeutig weitergefasst: »Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.«8
Der bisherige Fokus auf das rein körperliche wird um das geistige und soziale Wohlbefinden erweitert. Diese Erweiterung wurde zum Abschluss der Ersten Internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung von der WHO 1986 mit inhaltlichem Leben gefüllt, in der sogenannten Ottawa-Charta. Es wurden sieben Grundbedingungen für Gesundheit definiert: ein stabiles Selbstwertgefühl, ein positives Verhältnis zum eigenen Körper, Freundschaften und soziale Beziehungen, eine intakte Umwelt, sinnvolle Arbeit und gesunde Arbeitsbedingungen, Gesundheitswissen und Zugang zur Gesundheitsversorgung, eine lebenswerte Gegenwart und die begründete Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft. Alles Aspekte, die weit über ein physisches Wohlbefinden hinausgehen und dem psychosozialen Bereich mehr Gewicht für Gesundheit einräumen.
Die entscheidende Veränderung, die nicht genug betont werden kann, ist der Haltungswandel: Das Augenmerk liegt nicht mehr auf der Abwehr von Krankheit, sondern auf dem Erhalt des Wohlergehens.9
Arbeitsschutz – dein Freund und Helfer
Damit ist auch ein gesellschaftlicher Auftrag für die einzelnen Betriebe entstanden.
Auftritt: der betriebliche Arbeitsschutz.
Wer im Theater gerade vor Künstlern den Arbeitsschutz mit seinen Bestimmungen erwähnt, erntet schnell ein genervtes Stöhnen oder Augenrollen. Mit diesem Thema verschärft sich gerne der (leider noch) natürliche Graben zwischen Kunst und Technik. Die Fachkräfte für Arbeitssicherheit kommen meist traditionell aus dem technischen Bereich, in dem der klassische Arbeitsschutz naturgemäß angesiedelt ist, denn er kümmerte sich bisher primär um die physische Unfallverhinderung wie herunterfallende Bauten. So werden die Fachkräfte für Arbeitssicherheit von den Kunstschaffenden oft als verständnislose Kunstbanausen wahrgenommen, die die Umsetzung von grandiosen Ideen mit ihren Einschränkungen und Verboten verhindern wollen.
Auf allen Fachtagungen für Arbeitssicherheit, die ich besucht habe, bin ich immer wieder berührt davon, mit welcher Akribie und Leidenschaft die technischen Mitarbeiterinnen und Fachkräfte für Arbeitsschutz sich der Sicherheit auf und hinter der Bühne widmen. Ich erlebe viele engagierte Menschen, die sich Gedanken machen, wie sie technisch Unmögliches umsetzen und dabei noch die Gesundheit und Sicherheit garantieren können. Es sind in ihrer Art beeindruckende Künstler, die höchste Wertschätzung für ihre Arbeit verdienen und die ebenso wie die künstlerischen Mitarbeiter unter mangelnder Anerkennung für diese Arbeit leiden.
In einer noch intensiveren Zusammenarbeit mit diesen Arbeitsschützern, denen es vor allem um das Wohlergehen der Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne geht, liegt eine große Chance, die wir alle ergreifen können, um neue und »gesunde« Lösungen zu finden für das Wohl aller Beteiligten und für beeindruckende künstlerische Leistungen – gerade dank Sicherheit. (Ein Beispiel aus der Theaterpraxis: Das fachmännische Training eines Stuntmans in einer Produktion konnte waghalsige schauspielerische Aktionen in einem gefährlichen Bühnenbild erst ermöglichen und den Schauspielern, ohne sie zu gefährden, zu besseren Leistungen verhelfen.)
Wenn uns die Belastungen psychisch überfordern
2013 ist eine neue Dimension im Arbeitsschutz hinzugekommen. Seit 2013 steht im Arbeitsschutzgesetz: »Die Arbeit ist so zu gestalten, dass eine Gefährdung für das Leben sowie die physische und psychische Gesundheit möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung möglichst gering gehalten wird.« (§ 4 Nr. 1 ASG)
Ursache für die Erweiterung um die »psychische Gesundheit« liegt in den dramatisch gestiegenen Zahlen der psychischen Erkrankungen in den letzten zwanzig Jahren aufgrund von Fehlbelastungen durch Arbeitsverdichtung und Stress.
Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass psychische Belastungen – alles, was auf Gedanken, Gefühle und Verhalten einwirkt – an sich nichts Negatives sind. Ganz im Gegenteil. Das Leben wäre langweilig ohne ein wenig Nervenkitzel, beispielsweise vor einer Aufführung. Nimmt allerdings der Zustand des Nervenkitzels derartige Ausmaße an, dass wir kontinuierlich unter Strom stehen, wird die oft belebende psychische Herausforderung zu einer Fehlbelastung.
Dabei ist zu beachten, dass der persönlich empfundene Stresslevel bei jeder Person unterschiedlich ist. Ich reagiere auf gewisse Dinge mit großer Aufregung, auf die andere gelassen reagieren, und umgekehrt. Zudem ist meist ein Belastungsfaktor alleine unerheblich. Wenn also im Orchester die Stühle unbequem sind, kann man damit meistens noch gut umgehen. Steigt zusätzlich der Lärmpegel und kommen Konflikte mit Kollegen hinzu, kann die Kombination schnell (fehl)belastend werden.
Die Folgen sind gravierend und die Zahlen beängstigend. Laut Fehlzeiten-Report der AOK 2016 nimmt seit 2004 die Anzahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen um 72 Prozent zu. Auffällig seien besonders deren Ausfallzeiten, die 2015 mit im Schnitt 25,6 Tagen je Fall mehr als doppelt so lange dauerten wie der Durchschnitt mit 11,6 Tagen. Und laut Angaben des BKK-Gesundheitsreports 2016 sind psychische Erkrankungen die dritthäufigste Ursache bei Krankschreibungen.
Eine große Chance für Künstler
Angesichts dieser dramatischen Entwicklungen ist es nur folgerichtig, dass die Betriebe zur gesellschaftlichen Verantwortung gezogen werden. Denn es kann nicht sein, dass sie von ihren Mitarbeitern profitieren, sie betrieblich krankmachen und sie danach wieder der Gesellschaft und dem Steuerzahler überantworten. Mittlerweile gilt die gesetzliche Bestimmung, dass die psychischen Belastungen mit in die sogenannte Gefährdungsbeurteilung, die für jeden Arbeitsplatz seit vielen Jahren erstellt werden muss, aufzunehmen sind. Alle Belastungen, die dem gesundheitlichen Wohlergehen zuwiderlaufen, müssen erfasst und gegebenenfalls durch Gegenmaßnahmen behoben werden.
Besonders mit der Verschärfung des Arbeitsschutzes hinsichtlich der psychischen Belastungen öffnet sich für die Künstlerinnen und Künstler in den Theaterbetrieben eine neue Chance – jetzt schenkt ihnen auch das Gesetz Gehör. Denn ihre Belastungen sind naturgemäß zu einem großen Teil psychischer Natur (Beispiel Lampenfieber), und solange diese Dimension keine Rolle in der Gefährdungsbeurteilung gespielt hat, fehlte ein wirksamer Hebel, um Maßnahmen zu entwickeln oder diesem unfassbaren Bereich des Psychosozialen Rechnung zu tragen.
Dank der ausgiebigen Forschung im Bereich der Arbeitsorganisation und des Gesundheitsmanagements am Arbeitsplatz stehen uns mittlerweile viele Ansätze zur Verfügung, um mit diesen Belastungen umzugehen. Wir müssen sie nur noch ergreifen, implementieren, für die Kunst anpassen oder vielleicht neue entwickeln.

Gesunde Leidenschaft
Mentaltraining für den Kunst-Leistungssport?
Künstler befinden sich in ähnlichen Leistungssituationen wie Hochleistungssportler, das heißt, sie müssen zu einem spezifischen Zeitpunkt körperliche und mentale Höchstleistungen vollbringen. Die Kunstbegeisterten unter uns würden wahrscheinlich sogar argumentieren, dass sie einem noch höheren Anspruch ausgesetzt sind, da sie sich nicht nur körperlich auf höchstem Niveau messen müssen, sondern auch noch einem (wenn auch undefinierbaren) künstlerischen Anspruch genügen sollen.
Trotz dieses geistigen Anspruchs ist das Thema Mentalcoaching in der Kunst noch nicht weit gediehen. Längst setzen hoch gehandelte Sportmannschaften Psychologen, Mentalcoaches und Entspannungstrainer ein, damit Scheiben, Tore und Körbe besser und häufiger getroffen und Spitzenleistungen unter hohem Druck und schwierigen Bedingungen erreicht werden können. Dagegen sitzen Künstler, die sich selbst neben einem unterhaltenden meist auch einem gesellschaftswandelnden, bildenden und hehren Kulturauftrag verschrieben haben, auf dem psychisch Trockenen. Auch Künstler müssen zu einem festgesetzten Zeitpunkt ihre Höchstleistung bieten, mit Lampenfieber umgehen, ihren Körper gezielt und leistungsstark einsetzen, ihre Sinne geschärft nutzen und höchste Konzentration halten. Ein Bewusstsein für den Wert und die Freude des Mentalcoachings für Künstler zu etablieren, kann, wie im Sport, die Leistung potenzieren und helfen, mit Gelassenheit und Leichtigkeit aufzuspielen.
Geht nicht gibt’s nicht!
»Geht nicht gibt’s nicht« ist eines der Mantras im Theater, wenn es darum geht, die verrücktesten Regieeinfälle umzusetzen. Warum nicht auch in Bezug auf gesündere Rahmenbedingungen? Schließlich ist im Theaterbetrieb Kreativität und Um-die-Ecke-Denken Tagesgeschäft, auch wenn der Kunstbetrieb insgesamt, was Mitarbeiter-Weiterbildungen angeht, der Wirtschaft mindestens zwanzig Jahre hinterherhinkt. Hier könnte er zu einem neuen Vorreiter werden, indem er nicht nur die entwickelten Methoden aus der Wirtschaft kritisch ausprobiert, sondern mit neuen ungewöhnlichen Ideen aufwartet, wie Schichtbetrieb familienfreundlich und Kunst gesund gelebt werden kann.
Wie soll sonst ein (über die Arbeitsbedingungen im Theater) aufgeklärtes Publikum ein wirtschafts- und gesellschaftskritisches Stück ernst nehmen, in dem die Selbst- und Fremdausbeutung thematisiert wird und jeder weiß, dass es hinter dem Vorhang nicht wesentlich besser zugeht?
Um Vorbild zu sein und Kritik glaubwürdig anbringen zu können, ist es hilfreich, selbst den Anforderungen zu genügen. Und was könnte es Spannenderes geben, als für den einstigen Traumjob wieder Rahmenbedingungen zu schaffen, die ihn zu dem machen, was er einst war?
So sind nicht nur der Arbeitsschutz, auch die zunehmende Einflussnahme aus dem betrieblichen Gesundheitsmanagement, das nach und nach die Theaterbetriebe erreicht, gute äußere, gesetzliche Vorbedingungen, dass Sie sich als Sängerin oder Tänzer, als Schauspielerin oder Regisseur im Theaterbetrieb neue Rahmenbedingungen schaffen können. Wenn man so will: Das Gesetz ist auf Ihrer Seite, auch wenn dies nicht unbedingt die günstigste PR-Argumentation bei Vorgesetzten sein wird.
Doch das Gesetz allein reicht nicht: Auch jeder einzelne künstlerische Mitarbeiter ist gefordert, umzudenken und zu handeln, damit Gesundheit wirklich eine Kraftquelle und die Grundlage der eigenen künstlerischen Zukunft wird.
Anregungen, wie Sie die Inhalte dieses Kapitels für sich nutzen können:
•Erkundigen Sie sich in Ihrem Betrieb nach den Strukturen für Gesundheit, am besten bei Ihrer Fachkraft für Arbeitssicherheit, bei der Personalleitung, dem Personalrat oder dem Betriebsarzt.
•Gibt es in Ihrem Betrieb Gesundheitsförderungsmaßnahmen oder gar ein Gesundheitsmanagement?
•Wie sieht es mit der Kantine aus? Wen könnten Sie ansprechen, wenn es an der Qualität mangelt?
•Wissen die Fachkräfte für Arbeitssicherheit von Ihren Bedürfnissen als Künstler?
•Weiß die Personalleitung von Ihren Bedürfnissen und haben Sie konkrete Vorschläge? Vielleicht kennen Sie von befreundeten Künstlern aus anderen Häusern Maßnahmen, die Sie spannend finden? Haben Sie diese kommuniziert?
•Wie sieht es mit künstlerischen Weiterbildungen zu Stimme, Körperarbeit oder Präsenztraining aus? Könnte man darüber hinaus Weiterbildungen zu bspw. Stressbewältigung, Kommunikation bzw. Konfliktmanagement anbieten?
•Wenn Sie einen guten Draht zu Ihrer künstlerischen Leitung oder den kaufmännischen bzw. Verwaltungsdirektoren haben, fragen Sie dort nach. (Ein Verwaltungsdirektor berichtete mir, dass er bisher jede Weiterbildungsanfrage genehmigt habe.) Oft weiß die Leitungsebene nicht von Ihren Bedürfnissen. Kommunizieren Sie Ihr Anliegen!
Ein Zusatztipp:
•Loben Sie die technischen Mitarbeiter oder Ihre Fachkraft für Arbeitssicherheit, wenn ihnen etwas Besonderes gelungen ist oder Sie sich besonders gut betreut fühlen. Auch sie freuen sich – wie wir alle – über ein konkretes, ernst gemeintes Lob.
1Siehe Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden, Band 2: Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung, Hamburg: Rowohlt, 2008, S. 40–43.
2Yoshi Oida: »Indem der Spieler die Bewegung bewußt einfach gestaltete und sich geistig intensiv auf diese physische Aufgabe konzentrierte, gab er den Zuschauern genügend Raum für eigene Vorstellungen. Durch die von ihm geschaffene ›Leere‹ konnten sie an seinen Bewegungen ablesen, was immer sie wollten.« (In: Yoshi Oida, Zwischen den Welten, Berlin: Alexander Verlag, 1993, S. 28.)
3Vgl. sogenannte »FuckUp Nights«, an denen gescheiterte Existenzgründer über ihr Scheitern sprechen. Das Ziel ist es, aus den Fehlern gegenseitig zu lernen und gleichzeitig ein realistisches Bewusstsein für das Risiko zu entwickeln. Da im Allgemeinen mehr und ausgiebiger von den Erfolgsgeschichten berichtet wird, entsteht eine falsche Wahrnehmung.
4Siehe Studie »Älter werden im Orchester. Eine empirische Studie zu Erfahrungen, Einstellungen, Performanz und Lebensperspektiven von professionellen Orchestermusikern« von Heiner Gembris und Andreas Heye, Universität Paderborn 2012.
5Siehe Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins 2013/2014 (Köln), S. 46.
6Siehe dazu u. a. den Artikel unter www.sueddeutsche.de/kultur/bayerische-staatsoper-der-intendant-ich-bin-das-theater-1.971517.
7Siehe Simon Werther/Christian Jacobs: Organisationsentwicklung – Freude am Change, Kapitel 8: »Erfolgsfaktoren der Organisationsentwicklung«, Berlin/Heidelberg: Springer, 2014, S. 139.
8Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, Stand 8. Mai 2014, 2. Abschnitt.
9Siehe auch Pathogenese (Pathos = Leiden[schaft], Sucht; Genesis = Entstehung) versus Salutogenese (Salus = Gesundheit).
Kapitel 2:
Kraft der Selbstwirksamkeit

»Ich merke, wie viele Dinge und Verhaltensweisen ich selbst gestalten kann«, äußerte ein Teilnehmer in einem Seminar. »Es gilt nicht, sich auf die Position ›Opfer der Umstände‹ zurückzuziehen.«
In diesem Kapitel geht es um die persönliche Haltung und Sichtweise auf das eigene Leben und das Maß des Einflusses, das wir haben. Denn es ist erstaunlich, wie sehr wir uns selbst durch eine oft selbst auferlegte Resignationshaltung nicht nur Lebensenergie rauben, sondern uns auch daran hindern, Gegebenheiten zu erhalten bzw. zu schaffen, die uns unterstützen. Wir können viel bewegen, wenn wir konsequent auch über unsere Gedanken und unsere innere Haltung die Verantwortung übernehmen und uns gezielt unseren Umständen annehmen!
Dieser Idee der Eigen- oder Selbstverantwortung liegt die Erwartung zugrunde, nicht den Umständen ausgeliefert zu sein, sondern die Herausforderungen des Lebens überwinden und bewältigen, ja, das Leben selbst gestalten und beeinflussen zu können. Dieser Glaube an die eigene Wirkkraft ist oft der ausschlaggebende Punkt, dass wir uns im Leben Aufgaben stellen. Wenn wir nicht an unseren möglichen Erfolg als Schauspielerin geglaubt hätten, hätten wir nicht die Aufnahmeprüfung versucht, die Ausbildung durchgestanden, Misserfolge weggesteckt etc. Denn nur, wer es überhaupt versucht, kann es auch schaffen.
Das Bewusstsein für diese Fähigkeit zur Selbstwirksamkeit 1 im Theater auszubauen, ist meiner Meinung nach der Kerngedanke, der erst Veränderungen hervorrufen und einen Kulturbetrieb der Zukunft gestalten kann.
Raus aus der Opferrolle!
Schauen wir uns einige der typischen Fallstricke bezüglich der inneren Haltungen im Theateralltag an. Ganz oben: die Haltung des Jammerns. Genauer betrachtet, ist Jammern ein wunderbar bequemer Zustand. Gute Gründe gibt es täglich, sich aufzuregen, sich zu ärgern, zu leiden, beleidigt zu sein oder sich angegriffen zu fühlen. Mal gibt es zu viel Regen, dann wieder zu viel Sonnenschein; mal ist es die schlechte Laune oder Unhöflichkeit der Kollegen, die einem aufs Gemüt schlägt, dann wieder die schlechte Bezahlung oder die lausigen Arbeitsbedingungen, über die wir uns aufregen. Beliebte Kommentare aus dem Theateralltag sind: »Das könnte schwierig werden«; »Also, bei uns wird das nicht gehen«; »Im Theater ist alles anders«; »Da kann man nichts machen«.
Das »Jammern« ist ein bequemer Sessel, in dem es sich gemütlich einrichten lässt, während man dem Leben oder den Eltern, den Umständen oder dem Schicksal und allem, was uns eben sonst noch so im Alltag begegnet, die Verantwortung oder gar die »Schuld« gibt. Genauer gesagt, die »Bring-Schuld«, die in solchen »Wenn«-Sätzen ausgedrückt wird: »Wenn die Leitung endlich auf uns hören würde …«; »Wenn wir mehr Geld bekommen würden …«; »Wenn die Pausen eingehalten würden …«.
Solange wir uns in dieser Jammerfalle befinden, wird nichts geschehen. »Nie haben wir genügend Pause zwischen den Proben, weil immer etwas dazwischenkommt.« So formuliert, beschreiben wir einfach einen negativ empfundenen Status quo. Meinem Gehirn signalisiere ich damit: »Ich kann nichts tun. Das ist die Realität.« Und mein Gehirn glaubt mir: Es nimmt diese Aussage für bare Münze. Und warum auch nicht? Warum sollte es eine Lösung finden, wenn es die Aussage als Tatsache akzeptiert?
Wenn ich aber von einer vermeintlich festgefahrenen Tatsachenbeschreibung zu einer lösungsorientierten Frage gelange, wie z. B. »Was kann ich tun, damit sich etwas verändert?«, gebe ich meinem Gehirn den Auftrag, sein Rechenzentrum zu aktivieren und neue Ideen zu generieren. Wenn wir das Pausenbeispiel aufgreifen, könnten die Fragen lauten: »Was können wir tun, damit wir genügend Pausen zwischen den Proben bekommen? Wie können wir das garantieren? Was könnten wir in den Abläufen ändern?«
Der Frust aus künstlerischer Ohnmacht
Natürlich gibt es auch berechtigte Gründe für das Leiden eines Künstlers. Ein wesentlicher ist der Mangel an künstlerischer Gestaltungsfreiheit, den viele junge Menschen im Theateralltag als schmerzlich empfinden. Es lebt der Nimbus glücklich fort – und wird zum Teil bereits in den Ausbildungsstätten gepflegt –, sich im Theater künstlerisch ausleben zu können, eigene Ideen zu verwirklichen und kreativ zu sein. In der Praxis angekommen, gelangt der junge Künstler plötzlich zu der Erkenntnis, dass die eigentliche künstlerische Freiheit meist nur wenigen Personen – mit dann wiederum fast uneingeschränkter Entscheidungsmacht – vorbehalten ist. Aus dieser überraschenden Enttäuschung entsteht ein Gefühl der Ohnmacht, das sich auf alle Bereiche ausdehnt und wiederum im Jammern endet. Im betrieblichen Fachjargon spricht man von einer »inneren Kündigung«: »Ich mache nur noch Dienst nach Vorschrift. Ändern und gestalten kann ich eh nichts. Dann bekommen sie auch nur das Minimum von mir.«
Dass sich dieses strukturelle Ungleichgewicht nicht nur auf das künstlerische Schaffen, sondern auch auf betriebliche Abläufe überträgt, liegt auch an einem Kommunikationsteufelskreis. Meist gibt es zwei Szenarios bei künstlerischen Führungskräften: Entweder geben sie eine Richtung klar vor, wären aber durchaus offen für Ideen, was allerdings den Mitarbeitern nicht bewusst ist. Bei ihnen kommt an, dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt werden und nichts zu melden haben.
Oder umgekehrt, künstlerische Führungskräfte sind so offen für Ideen und Vorschläge im Sinne eines Work-in-progress, dass dies bei den Mitarbeitern als mangelnde Vorbereitung und Inkompetenz empfunden wird.
In meinen Coachings höre ich häufig auf der einen Seite Klagen über das Desinteresse und die Motivationslosigkeit der Mitarbeiter, auf der anderen Seite Klagen über die hierarchische Keule oder Konzeptionslosigkeit bei den Leitenden.
Wenn ich Gespräche oder Verhaltensweisen direkt mitbekomme, fällt mir auf, wie schwierig sich beide Seiten tun, in einen wertschätzenden, empathischen, lösungsorientierten Austausch zu treten, wodurch die im Grunde nicht vorhandenen Gräben erst aufgerissen und dann immer weiter vergrößert werden.
Beide Seiten sind fast immer an einem guten Miteinander interessiert. Doch da die Brücke nicht geschlagen wird (oder werden kann), aus welchen Gründen auch immer, wächst der Frust. Wo diese missliche Lage ihren Ursprung hat, ist unwichtig. Im Sinne einer konstruktiven Lösung ist es wichtig, dass beide Seiten ihre Potenziale erkennen und gemeinsam zu einem guten Miteinander finden.

X, I und A im konstruktiven Dialog
Zwischen Sicherheit und künstlerischer Wertschätzung
Als Chormitglied oder Orchestermusiker steht man vor einer besonderen Herausforderung. Diese Künstler haben alle eine solistische Ausbildung absolviert und sich dann dazu entschlossen, im Kollektiv zu singen bzw. zu musizieren. Viele sehen darin einen großen Vorteil, wird ihnen doch dadurch die Sicherheit eines unkündbaren Vertrags geboten. Dem gegenüber steht das Gefühl, nicht mehr als einzelner Solist oder Musiker gesehen und geschätzt zu werden, sondern sich in einer undefinierbaren Masse aufzulösen. Man geht buchstäblich in der Masse unter. Gerade im künstlerischen Bereich, der im Wesentlichen auf Präsentation und öffentlicher Anerkennung beruht, kann dieser Aspekt sehr demotivierend sein.
Diese Gratwanderung zwischen Sicherheit und künstlerischer Wertschätzung ist enorm schwierig. Sicherlich können Dirigenten und Chorleiter viel dazu beitragen, dieses Los durch aktive Wertschätzung zu erleichtern. Doch auch der taktvollste Dirigent oder die einfühlsamste Chorleiterin kann die Tatsache nicht verändern, dass ein Chor oder ein Orchester nur als Kollektiv funktioniert und der Sinn der Arbeitsaufgabe auch in der Kollektivarbeit liegt und damit auch in der Motivation als Gruppe.2
Allein aus Respekt vor den vorangegangenen Generationen, die mithilfe der Gewerkschaften diesen sicheren Arbeitsplatz des Chores oder Orchesters geschaffen haben, sollten wir jeden Tag unser Bestes geben, auch wenn wir nicht als Solokünstler im Rampenlicht stehen.
Fazit: Das System funktioniert nur mit allen Teilnehmenden. Jeder einzelne Orchestermusiker, Chorsänger und Schauspieler ist gefordert, den eigenen Anteil an aktiver Kreativität zu leisten. Doch wie kann das in der Gemeinschaft und im Kulturbetrieb gelingen?
Haltung einnehmen: Was die Kampfkunstphilosophie uns lehren kann
Soll sich etwas ändern, braucht es den guten Willen aller. Oder präziser, wie wir oben gesehen haben: die eigene Willenskraft, denn über den Willen eines anderen Menschen kann ich nicht bestimmen. Oder wie die Kampfkunst mich gelehrt hat: Ich muss mich entscheiden, wofür ich stehe und wie ich handle. Die Kampfkunst und ihre Philosophie kann uns gerade im Umgang mit alltäglichen Widrigkeiten, Konflikten und Herausforderungen viel lehren.
In der Kampfkunst geht es genau um die Fähigkeit, aus der Opferrolle herauszukommen und sich zu wehren, allerdings auf besondere Art. Die Kampfkünste gehen zunächst davon aus, dass wir immer wieder »Angriffen« ausgesetzt sind – ob verbalen Attacken, Zeitdruck, hohen Anforderungen, Perfektionismus oder schwierigen menschlichen Situationen. Was die Kampfkunst zu einer »Kunst« macht, ist, wie sie mit diesen Herausforderungen umgeht.
Budo – die japanische Kampfkunstphilosophie
Die Philosophie hinter dieser Kunst zeigt sich in einem Schriftbild. Das unten abgebildete Zeichen bu ist das japanische Zeichen für Militär, Waffen, Krieger.

Verbunden mit dem Zeichen dō,
, dem Begriff für »Weg«, der auch im Aikido wie auch im Judo und Kendo vorkommt (siehe Kapitel 7), wird budō (Budo) zu einem Sammelbegriff der japanischen Kampfkünste. In dem Zeichen bu steckt allerdings eine Philosophie, die jenseits des Kämpfens liegt. Bu besteht aus den beiden Teilzeichen für die Worte »anhalten« und »Lanze« bzw. »Waffe«. Das Zeichen steht also für »die Waffen anhalten«. Wenn man sich bewusst macht, dass in einem Konflikt beide Seiten Waffen einsetzen, kann die Lesart noch präziser gefasst werden als nur die Aufgabe, die Waffen anzuhalten. Die Philosophie der japanischen Kampfkünste fordert hier, das eigene Wohl und das Wohl des anderen zu schützen und zu achten. Es ist die jederzeit im Alltag anwendbare Anleitung zu einer Win-win-Situation oder anders ausgedrückt: Widrige Situationen kann man harmonisch klären.
Ich habe es in der Hand, wie ich reagiere
Dieses Prinzip, die Lebensenergie zu harmonisieren, steckt im Namen Aikido. Am Beispiel dieser friedfertigen japanischen Kampfkunst lässt sich dieses Prinzip nochmals genauer erläutern. Die Techniken des Aikido können durchaus verletzen und sogar töten, gleichzeitig weisen sie eine Besonderheit auf. Während bei anderen Kampfkünsten Schläge und Tritte zum Einsatz kommen, sind die Aikido-Techniken derart klug zusammengestellt, dass sie ohne Schläge und Tritte auskommen. Sie tragen damit das Potenzial in sich, gewaltfrei eingesetzt werden zu können.
Potenzial bedeutet aber auch, dass es an uns selbst liegt, ob wir es nutzen. Damit motiviert Aikido, auch unter stressigen Bedingungen nicht den Kopf zu verlieren und vor allem immer einen Weg zu suchen, der harmonisch ist – auch wenn dies mehr Aufwand, Fantasie, Selbstdisziplin, Willensstärke und Einfühlungsvermögen erfordert.
Meine Erkenntnis aus der langjährigen Beschäftigung mit den Kampfkünsten ist, dass ich selbst entscheide, wie ich auf Angriffe reagiere. Ich setze mir meinen Handlungsmaßstab, egal, wie andere handeln. Es hat keinen Einfluss auf meinen Anspruch an mich selbst, respektvoll zu bleiben. Was sich je nach Konfrontationssituation ändert, ist lediglich das Wie. In dem einen Fall trete ich stärker auf, um mich zu schützen, in dem anderen Fall nehme ich mich mehr zurück, um meinem Gegenüber Raum zu lassen.
Ich schütze mich vor den »Waffen« der anderen und achte gleichzeitig darauf, nicht selbst »Waffen« gegen andere einzusetzen. Dieses Verständnis der Kampfkunstphilosophie zielt also darauf, sich selbst und das eigene Verhalten zu sehen. Wir wirken aktiv auf unsere Umwelt ein, wir haben unmittelbaren Einfluss in jeder Geste, jedem Blick, jeder Handlung und selbst in jedem Gedanken, der sich wiederum im Tun zeigt. Wir haben es in der Hand, uns und unsere Umwelt zu gestalten – diese Selbstwirksamkeit, am Beispiel der Kampfkunst verdeutlicht, ist die Grundlage, um einen gesünderen, entspannteren Umgang mit den inneren und äußeren Einflüssen zu entwickeln.
Verantwortung für sich selbst übernehmen
Im Kern geht es darum, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Ganz im Sinne der Kampfkunstphilosophie setze ich mich aktiv für mich ein, für meine Gesundheit, mein Handeln, meine Wünsche, meine Gedanken, meine körperliche Fitness, meine Zufriedenheit und meinen künstlerischen Ausdruck – ich schütze und sorge für mich in allen Bereichen.
Um bei allem Selbstschutz und bei aller Durchsetzungskraft das Wohl der anderen ebenso zu achten und schützen, übernehme ich gleichzeitig Verantwortung dafür, dass mein Handeln das Wohl anderer nicht beeinträchtigt, auch wenn ich angegriffen werde. Ich vergelte nicht Gleiches mit Gleichem, sondern behalte meinen ethischen Maßstab bei und zeige möglicherweise neue Wege auf.
Interessanterweise führt die Haltung, konsequent Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen, zu größerer Entspannung und mehr Energie.
Im Flow: Der optimale künstlerische Schaffenszustand
Einer der beglückendsten Momente im Kunstschaffen liegt in der Flow-Erfahrung: wenn Zeit und Umgebung sich auflösen und wir im Tun versinken, wenn die gesamte Konzentration im Lösen einer Aufgabe verschmilzt, die uns fordert, ohne zu überfordern und bei der wir uns selbst (unser Selbst) vergessen. Das Lösen der Aufgabe muss nicht leicht sein, sondern kann ganz im Gegenteil große Anstrengung und auch frustrierende Phasen mit sich bringen, und dennoch ist die Erfahrung getragen von einem tiefen, befriedigenden Glücksgefühl, weil das eigene Tun zu neuen Erfahrungen und dem Entwickeln neuer Fähigkeiten geführt hat. Wir entsteigen diesem Erlebnis mit Bereicherung.3
Die Flow-Erfahrung könnte als ideale Definition für einen optimalen künstlerischen Schaffenszustand verstanden werden: kreativ, aus sich selbst heraus schöpfend und die eigenen Grenzen überschreitend. Gleichzeitig liegt in dieser Erfahrung die tiefe Anlage des Menschen, sich zu entfalten, weiterzuentwickeln und zu lernen – eine Grundhaltung, die sicherlich allen Künstlerinnen und Künstlern ureigen ist. Wie wichtig die Befriedigung des »lebenslangen Lernens« ist, zeigt sich in der wachsenden Bedeutung dieses (wenn auch schwer zu definierenden) Konzepts, das sich seit den 1970er-Jahren in vielen Gesetzgebungen wie dem Anspruch auf Bildungsurlaub und in der zunehmenden Personalentwicklung und -weiterbildung in vielen Unternehmen zeigt.4
Aktiv gestalten
Das Entscheidende an der Flow-Erfahrung liegt darin, dass sie nicht von selbst entsteht, sondern wir sie aktiv herbeiführen müssen (und auch können). Während beispielsweise der passive Konsum von Filmen erfreulich sein kann und durchaus seine Berechtigung hat, ist die Erlebnisqualität eine andere. Wir lenken uns möglicherweise von negativen Gedanken ab und beenden unsere Langweile, doch das beglückende Gefühl, auf sinnvolle Art und Weise im Fluss zu sein und der eigenen inneren Entwicklungskraft zu folgen, bleibt aus.
In die befriedigende Wachstums-Erfahrung einzusteigen, kann nur jede und jeder für sich. Konsequenterweise sind wir auch im Arbeitsalltag im Theater selbst dafür verantwortlich, uns einen produktiven, stimmigen, sinnvollen Arbeitsfluss zu gestalten. Denn auch die besten Rahmenbedingungen (die es sicherlich im Theaterbetrieb bisher nur sehr selten gibt), versetzen uns nicht zwangsläufig in einen guten Arbeitszustand. Auch unter perfekten Rahmenbedingungen langweilen sich Menschen, wenn sie sich selbst nicht innerlich einbringen. Ebenso kann man sich in den unwirtlichsten Umständen in beglückende Flow-Zustände versetzen, um beispielsweise extreme Strapazen auszublenden.5
Im Wesentlichen erfordert es von uns selbst den Einsatz psychischer Energie, also aktiver Willenskraft, um diesen Zustand für uns zu gestalten. Zunehmend entsteht eine Freiheit, die unabhängig von den eigenen Unzulänglichkeiten, den gegebenen Umständen und den vermeintlichen Erwartungen der Welt sich ganz der reinen künstlerischen Schaffenskraft hingibt und gleichzeitig andere in ihrer Freiheit unterstützt. Der Weg der Kunst kann damit auch zu einer Meisterschaft der eigenen Psyche und des eigenen Seins werden.
Die Kunst, das Richtige zu beeinflussen
Wie kann ich im Theateralltag selbstwirksam handeln und mich idealerweise in einen Flow-Zustand versetzen? Ein bedeutender Faktor dabei ist das Gefühl der Kontrolle über unsere Handlungen, und das hat viel damit zu tun, welche Ziele wir uns setzen und ob wir sie selbst erreichen können oder ob sie außerhalb unseres Einflussbereichs liegen und völlig unrealistisch sind.6
Der amerikanische Autor Stephen Covey hat in seinem Buch The 7 habits of highly effective people (dt. Die 7 Wege zur Effektivität) ein Modell beschrieben, das zwei Bereiche, den Interessenbereich und den Einflussbereich, unterscheidet.7
Viele Dinge liegen in unserem Einflussbereich: Was wir essen, was wir anziehen, welchen Film wir schauen, welchen Beruf wir wählen etc. Nun gibt es aber auch genügend Aspekte in unserem Leben, die uns zwar interessieren, auf die wir jedoch keinen Einfluss haben: die Auswahl der Nationalmannschaft, das Wetter, den Zugfahrplan, die Wahl des Intendanten, das Menü in der Kantine, Kommentare von Politikern, Rezensionen oder Zuschauermeinungen.
Häufig ertappt man sich dabei, sich doch über die Bereiche aufzuregen, auf die man keinen Einfluss hat. Warum ist das Stück nicht angekommen? Warum wurde das Projekt nicht angenommen? Wie können die nur so lange für Entscheidungen benötigen? Warum ist die Bahn unpünktlich?
So verbringt man viel Zeit und wiederum Lebenskraft und Aufmerksamkeit damit, sich über Dinge aufzuregen, die man nicht ändern kann, anstatt den Fokus auf den Bereich zu richten, in dem ich, als Einzelner, Einfluss nehmen kann.

Was kann ich tatsächlich beeinflussen? (Darstellung nach Covey)
Aus der Ohnmacht zur Selbstbestimmung mit sinnvollen Zielen
Eine interessante Veränderung folgt, wenn ich mehr Zeit mit Dingen verbringe, die ich beeinflussen kann. In meiner Wahrnehmung und in der realen Außenwirkung werde ich einflussreicher. Weil ich Dinge in Gang setze, verändere ich meine Umwelt. Und nicht zuletzt nehmen mich auch die anderen als aktiv Handelnde wahr. Ich weite den Einflussbereich aus, weil ich auch beispielsweise Themen aus dem Interessensbereich in meinen Einflussbereich bringe. Wo ich vorher nur über die Auswahl des Kantinenessens gejammert habe, setze ich mich in Kontakt mit den Zuständigen oder gründe einen Kantinenausschuss.
Und bei den Dingen, die ich erst einmal nicht beeinflussen kann, wie z. B. das Führungsverhalten des Intendanten, versuche ich mich auf das zu konzentrieren, was ich gestalten kann, anstatt mich darüber aufzuregen.
Dazu ein Beispiel aus meinem Leben: Nach der Zusage des Regisseurs und Schauspielers Yoshi Oida für ein gemeinsames Theaterprojekt saß ich überglücklich in Paris in einem Restaurant und dachte, dies sei die größte Hürde gewesen. Nachdem ich zwei Jahre lang kein Theater für das Projekt gefunden hatte, suhlte ich mich in meiner Jammerstimmung. Ein guter Freund gab mir den Rat, mich weiterhin meinen Kursangeboten zu widmen. Ich machte einige Weiterbildungen, begann zu unterrichten, und heute arbeite ich tatsächlich mit Künstlerinnen und Künstlern. Auf anderem Wege. Ich habe mich also auf das konzentriert, was in meinem Einflussbereich lag – nicht auf die von mir unbeeinflussbaren Entscheidungen der künstlerischen Leitung, also auf Ziele, die nicht in meiner Hand liegen, sondern auf Ziele, die ich durch aktives Zutun erreichen kann, wie meine Weiterbildungen und Seminarangebote.
Dabei ist es entscheidend, die Ziele unabhängig von dem Verhalten anderer Personen zu wählen. Ich kann das Verhalten der anderen nicht wirklich beeinflussen. Ich weiß nicht, was die Theaterleitung tun wird, ich weiß nicht, ob ich meine Wunschstelle bekomme. Wenn wir die Ziele, die wir erreichen wollen, von anderen Menschen oder den Umständen abhängig machen, fördern wir tatsächlich eine Haltung der Ohnmacht: Wir liefern uns den Umständen aus. Erst wenn ich mir Ziele wähle, die ich erreichen kann, weil sie in meiner Hand liegen – auch wenn sie Schweiß, Arbeit, Anstrengung oder auch einen harten Kampf erfordern –, kann ich verlässlich etwas ändern.
Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl, das eigene Arbeiten selbst zu gestalten, und zwar, weil ich mich dazu entscheide, und nicht weil die Umstände zufällig passen.
Mein Gefühl ist es nicht mehr, den Zuständen oder Umständen ausgeliefert zu sein. Sobald ich etwas tue oder gestalte und in Aktion trete, entsteht ein Erfolgsgefühl. Und ein schöner Nebeneffekt, oder vielleicht ist es der Haupteffekt: Ich lerne dazu.
Was ist »gute« Kunst?
Doch wie sieht es in der Kunst mit Zielen aus? Sie lassen sich schwer definieren. Was ist eigentlich »gute« Kunst? Wann ist eine Aufführung gelungen? An welchen objektiven Maßstäben sollen wir Kunst festmachen?
Für den einen ist die Inszenierung zu modern, für den andern zu altbacken, der eine findet den Schauspieler x zu expressiv, die andere zu zurückhaltend, der eine mag die Stimme der Sopranistin nicht, die andere findet die Gestik des Basses gekünstelt.
In der Musik hat man zumindest einen musikalischen Richtwert, beispielsweise ob die Note getroffen wurde, doch bereits bei der Interpretation und Stimmqualität driften die Meinungen wieder auseinander.
Ziele können in diesem Sinne in der Kunst nicht erreicht werden, weil sie gar nicht richtig gesetzt werden können. Zumindest nicht objektiv. Möchte man sich über Ziele motivieren, sollte man sich persönliche und realistische Ziele setzen und dann – abseits der öffentlichen Meinung – an ihnen festzuhalten.
Vom lähmenden Konkurrenzdenken zum lernenden Weiterwachsen
Der Weg zur Selbstwirksamkeit bedeutet damit konsequenterweise auch, sich aus der ewigen Vergleichsspirale herauszuziehen. Solange ich mit dem Vergleich beschäftigt bin – dass ein anderer vorgezogen wurde, dass ich besser oder schlechter bin, dass ich ungerecht behandelt, jemand anderem dieses oder jenes gewährt wurde –, fokussiere ich mich zu sehr auf den »anderen«. Meist sind es Dinge, die ich nicht beeinflussen kann. Ein Gefühl von »Ich komme zu kurz« durchzieht alle Handlungen, und fortwährend beäuge ich meine Umwelt kritisch.
Sicherlich ist das Konkurrenzdenken gerade in dem engen künstlerischen Arbeitsmarkt hoch. Doch dieses aus Angst gespeiste Gefühl lähmt auf Dauer, und der fortwährende Blick auf eine bedrohliche Umwelt raubt Energie und den Blick auf die vielen kreativen Möglichkeiten und hält uns von unserer eigenen Entwicklung ab.
Zudem belebt Konkurrenz zwar das Geschäft, doch es fördert eher Spezialisten. Es schafft, wie der Neurobiologe Gerald Hüther schreibt, »stromlinienförmige Angepasstheit, nicht aber Komplexität und Beziehungsfähigkeit«8. Die Frage, die sich hier stellt, ist: Geht es in der Kunst tatsächlich um das Züchten von Spezialisten? Oder würden wir uns künstlerisch nicht wesentlich weiterentwickeln, wenn wir durch Kooperation ein Klima des Vertrauens schaffen, in dem wir uns gegenseitig stützen?
Derzeit sind die Themen »Kooperation« und »Teilen« im digitalen Zeitalter mit dem großen kostenlosen Wissensaustausch im Netz in aller Munde. Unter dem Gesichtspunkt der Geschwindigkeit macht dies auch Sinn. Die Schwarmintelligenz führt gemeinsam zu einem besseren und schnelleren Ergebnis. Eine wesentlich organischere Vernetzung birgt auch für einen Theaterbetrieb der Zukunft großes Potenzial.
Wesentlich inspirierender als den Vergleich mit anderen zu suchen ist, von ihnen und mit ihnen gemeinsam zu lernen, indem wir sie wertfrei und unverfälscht wahrnehmen. Wir lernen besonders viel im Austausch und in der Reibung mit anderen, solange wir sie als unsere Sparringspartner in der eigenen Entwicklung sehen, die wie gute Lehrer zeigen, wo wir unsere Fähigkeiten noch verbessern können und wo wir als Gruppe zu ganz anderen Möglichkeiten gelangen.
Daher ist es viel entspannender und letztlich erfolgversprechender, auch wenn andere in einem Bereich besser sind, Eitelkeiten hinter sich zu lassen und die Kollegen als lehrreiche Austauschpartner wahrzunehmen.
Vertrauen schaffen
Eng mit einer konkurrenzfreien Zone verbunden ist ein Klima des Vertrauens. In einer Organisation wie dem Theater ist dies natürlich primär ein vorgelebter Wert, der von der Führungsspitze kommen muss. Gleichzeitig ist es eine Aufgabe, die sich jeder Mitarbeiter stellen kann. Wie kann ich eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen oder dazu beitragen? Denn es sind die Emotionen, die unser soziales Miteinander ausmachen. Sie beeinflussen die Art, wie wir auf andere Menschen zugehen, uns an sie binden oder sie ablehnen, ob wir hilfsbereit sind oder andere ignorieren. Emotionen liegen wie ein Gefühlsteppich unter allem. Gerade wenn Angst regiert, werden viele Potenziale im Haus blockiert. Gerald Hüther schreibt: »Die entscheidende Voraussetzung für die Entfaltung unseres kreativen Potenzials ist die Überwindung der individuellen Angst durch die Stärkung von wechselseitigem Vertrauen.«9
Egal welches Klima im Haus vorherrscht, im eigenen Bereich kann jeder aktiv für ein Klima des Vertrauens sorgen, durch die Art, wie wir tagtäglich handeln und unseren Kollegen begegnen.
Ein abschließender Gedanke hierzu: Vertrauen beginnt mit einem Vertrauens-Vorschuss (siehe »Vertrauen Aufbauen«, Kapitel 6).
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