Kitabı oku: «Sie träumte von Liebe»
Christina Bartel
Sie träumte von Liebe
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Epilog
Impressum neobooks
Erstes Kapitel
Sie träumte von Liebe
Der leuchtend, weiße Mond stand hoch am Himmel über Los Angeles, Kaliforniern. Eine sternenklare Januarnacht neigte sich ihrem Ende zu. In wenigen Stunden würde die Sonne am Horizont aufgehen und den neuen Tag willkommen heißen.
In dieser wunderschönen Nacht folgten Steve und Joan in ihrem blauen Cabriolet dem Pacific Coast Highway, der kilometerlangen, kurvenreichen Küstenstrasse entlang des Pacific. Die meterhohen Felsen der Santa Monica Mountains auf der einen, der atemberaubende Blick auf den Ozean auf der anderen Seite.
Um drei Uhr in der Früh hatten sie die Party ihres gemeinsamen Freundes Tony verlassen und befanden sich inzwischen auf dem Rückweg von Ventura nach Los Angeles, wo sie ein neuer Studientag an der University of California at Los Angeles erwartete. Während Joan Ende des Monats das fünfte Semester ihres Marketingstudiums beendete, würde Steve im Sommer seinen Abschluss in Medizin machen.
Der kühle Januarwind wehte durch das heruntergekurbelte Fenster der Fahrerseite herein, wobei Joans lange, blonde Haare bei jedem Windzug flatterten. Sie hatte ihren Kopf gegen die Scheibe des Seitenfensters gelehnt, die Augen geschlossen und lauschte der Musik.
„Der Song ist Klasse“, sagte Steve und drehte das Radio lauter. Vergnügt stimmte er in das Lied ein. Lächelnd sah Joan ihren Freund an und obwohl sie den Text nicht einwandfrei konnte, begann sie ebenfalls zu singen.
„Your Beautiful! Your Beautiful!”, sangen sie albern zu der lauten Musik und zum ersten Mal seit langer Zeit war Joan einfach nur glücklich. Die Anspannung, das Einsiedlerleben der vergangenen Monate fiel erstmals von ihren Schultern. Seit zwei Jahren kannten Steve und sie sich und vor eineinhalb Jahren waren sie als Paar in eine der Studentenbuden auf dem Campus gezogen. Obwohl Joan immer häufiger die Decke auf den Kopf fiel, was daran lag, dass Steve sich im letzten Studienjahr fast ausschließlich für seine Bücher zu interessieren schien, liebte sie ihn nach wie vor. Erst in der Neujahrsnacht vor einer Woche hatten sie gemeinsame Pläne für das neue Jahr geschmiedet. Es gab keine Zweifel daran, dass Steve sein Medizinstudium im Sommer bestand und wer wusste schon, was diesem jungen Mann wirklich im Kopf herumging? Er hatte immer gesagt, eine Hochzeit käme für ihn erst nach dem Studium in Frage, erinnerte Joan sich in diesen Minuten lächelnd...
„Ist der irre?“, rief Steve plötzlich inmitten der lauten Musik und stieg augenblicklich auf die Bremsen, als die grellen Scheinwerfer des entgegenkommenden Autos ihnen direkt in die Augen strahlten. Mit hoher Geschwindigkeit hielt das Auto auf ihrer Spur auf sie zu. Reifen quietschten, hinterließen schwarze Bremsspuren auf dem Asphalt. Steve riss das Lenkrad herum, doch in dem Moment änderte das andere Auto ebenfalls die Richtung und sie stießen mit voller Wucht zusammen. Die Motorhaube verschob sich in den Innenraum, quetschte ihre Körper ein. Wie Stoffpuppen wurden sie vor- und zurückgeschleudert, als ihr Auto auf Steves Seite gegen die Felsen krachte. Binnen Sekunden verloren sie die Besinnung.
Wo eben noch laute Musik zu hören gewesen war, herrschte nun eisige Stille. Wie ein Schleier hing die Ruhe über den Fahrzeugen. Es verging eine Viertelstunde, ehe ein Auto die Strasse entlanggefahren kam. Den beiden männlichen Insassen bot sich ein schreckliches Bild. Die Unfallwagen waren übel ineinander verkeilt, überall lagen Glassplitter und Teile der Autos herum.
Ohne Zögern sprangen beide Männer aus ihrem Fahrzeug und rannten zu dem näher liegenden Unfallwagen, einem Jeep, in dem ein etwa vierzigjähriger Mann eingeklemmt hinter dem Steuer saß. Aus tiefen Platzwunden in seinem Gesicht rann Blut heraus, die Augen standen weit offen. Vermutlich war die merkwürdige Verrenkung des Kopfes Schuld an seinem Tod.
„Dem können wir nicht mehr helfen“, sagte der Eine, nachdem er zur Sicherheit nach dem Puls des Verletzten gefühlt hatte. Derweil hatte sein Freund den Rettungsdienst informiert.
Eilig liefen sie um den Jeep herum, um nach den Insassen des zweiten Wagens zu sehen, doch das Gewirr von Blech war so schwer ineinanderverkeilt, dass die Männer an keine der Autotüren gelangen konnten.
„Die hat es arg erwischt“, sagte der Mann, der bereits nach dem Puls des Toten getastet hatte, als er im Schein der Scheinwerfer ihres eigenen Autos aus einigen Metern ins Wageninnere blickte und Steve in einem fürchterlichen Zustand über dem Lenkrad gebeugt liegen sah. Aus dessen Gesicht klafften tiefe Wunden. Joan dagegen hing seitlich in ihrem Sitz. Sie war sowohl von der rechten Autoseite als auch von der Motorhaube eingequetscht, die sich durch den Aufprall auf die Felsen in den Innenraum verschoben hatte.
„Denkst du, sie leben noch?“ Beide Männer starrten auf die zwei jungen Menschen.
Sein Freund zuckte mit den Schultern. „Sieht nicht gut aus...“
In dem Moment hörten sie Sirenengeheul näherkommen und innerhalb weniger Minuten hielten Krankenwagen und Polizei. Augenblicke später traf auch die Feuerwehr ein. Während die Polizisten die Männer befragten, die den Unfall gemeldet hatten, rannten die Sanitäter und der Notarzt zu den Unfallautos, um sich ein Bild von den Verletzungen der Insassen zu machen und bestätigten den Tod des Jeepfahrers.
„Von hier aus kommen sie nicht heran. Wir müssen erst den Jeep wegschaffen“, sagte der Leiter der Feuerwehr zum Notarzt und gab seinen Leuten ein Handzeichen.
Der Notarzt nickte. „Denken Sie, die Motorhaube hält mir stand?“
„Was schlagen Sie vor?“
„Wenn es mir gelingt nach dem Puls der beiden zu fühlen, kann ich Ihnen sagen, wie schnell Sie arbeiten müssen“, erklärte der Notarzt nüchtern.
„In Ordnung, aber sobald sich das Auto nur ein Stück rührt, kommen Sie sofort zurück“, sagte der Leiter der Feuerwehr im bestimmenden Ton, da er aus Erfahrung wusste, dass die kleinste Erschütterung den Zustand der Verletzten verschlimmern konnte. Noch waren sie sich nicht darüber im Bilde, wie schwer die beiden eingequetscht waren. Sie konnten gravierende Beinquetschungen oder Arterienverletzungen davongetragen haben, sodass sie innerhalb von Minuten verbluten würden, wenn sich der Druck veränderte.
Während die Feuerwehrmänner mit schwerem Geschütz herankamen, um den Jeep zur Seite zu heben, kletterte der Notarzt vorsichtig auf die Motorhaube von Steves Wagen. Er bewegte sich langsam und gleichmäßig voran, bis er vor der gerissenen Windschutzscheibe hockte. Dort beugte er sich vorsichtig vor, quetschte den Arm dicht an den Felsen vorbei ins zersprungene Seitenfenster und legte die Finger an Steves blutenden Hals.
„Der Junge ist tot!“, rief er zu den wartenden Männern hinüber.
„Und das Mädchen?“, fragte der Sanitäter, worauf der Notarzt seinen Arm aus dem Fenster zog und sich abermals langsam über die Motorhaube bewegte. Als er an der linken Autoseite angelangt war, hielten die Feuerwehrmänner mit ihrer Arbeit inne, sodass er auch dort seinen Arm durch das Seitenfenster strecken konnte. Mit angespanntem Arm legte er die Finger an Joans Hals.
„Sie lebt!“, rief er. „Aber ihr Puls ist kaum noch zu spüren.“
Von da an arbeiteten die Feuerwehrmänner zügig, doch mit größter Vorsicht, um Joan nicht noch mehr zu verletzen. Nachdem man den toten Mann aus dem Jeep geborgen hatte, trennten die Männer der Feuerwehr das Gewirr der beiden Autos und hoben mit Hilfe der Greifarme des Rettungskrans den Jeep einige Meter zur Seite. Daraufhin legte einer der Feuerwehrmänner eine Decke über die Reste des zersplitterten Seitenfensters, sodass sich der Notarzt nicht selbst die Arme aufschnitt, während er sich durch das Fenster ins Innere des Wagens lehnte und seine Patientin mit einer Infusion versorgte. „Beeilt euch, sonst stirbt mir das Mädchen hier weg!“
Die Feuerwehrmänner taten was in ihrer Verfügung stand, dennoch vergingen weitere zwanzig Minuten, ehe sie das Dach vollständig abgetrennt und die Seitentür herausgeschnitten hatten. Danach kam der schlimmste Teil; die Befreiung von Joans eingeklemmten Beinen.
Mit Sirenengeheul wurde Joan schließlich in das nächstliegende Krankenhaus nach Malibu gebracht, wo ein Ärzteteam für sie bereitstand und man schnell entschied, sie sofort zu operieren. Sie durften keine Zeit verlieren, da ihre Patientin neben dem hohen Blutverlust auch schwere innere Verletzungen davongetragen hatte.
Mitten in der Nacht wurden Brian und Rachel durch das Läuten des Telefons geweckt. Müde blickten sie auf den Wecker: Es war kurz nach fünf Uhr.
„Entschuldigen Sie meinen frühen Anruf, aber spreche ich mit Mr. Brian Farley?“, fragte eine junge Frauenstimme in einer geräuschvollen Kulisse.
„Ja, der bin ich“, sagte Brian noch im Halbschlaf.
„Sir, es geht um Mrs. Joan Farley.“
Augenblicklich setzte Brian sich im Bett auf. Er war hellwach. „Wer sind Sie? Was ist mit meiner Schwester?“
„Was ist mit Joan?“, fragte Rachel leise, doch Brian hob die Hand und brachte seine Freundin zum Schweigen.
„Mrs. Farley hatte einen Autounfall. Ein Rettungsteam hat sie aus dem Autowrack geborgen und zu uns ins Krankenhaus gebracht. Derzeit wird sie operiert“, sagte die Krankenschwester voller Anteilnahme.
Oh mein Gott. „Wird sie durchkommen?“, würgte Brian hervor.
„Sie hat sehr viel Blut verloren und schwere innere Verletzungen erlitten“, erwiderte die Krankenschwester. „Ich versichere Ihnen, die Ärzte werden alles für Ihre Schwester tun, Sir.“
„Ich komme, so schnell ich kann.“
Sowie das Gespräch beendet war, sprang Brian aus dem Bett und erzählte Rachel vom Unfall seiner Schwester, während er sich eilig anzog. Er hatte sich von der Krankenschwester die Adresse in Malibu geben lassen und wollte sofort losfahren.
„Warte einen Augenblick... ich fahre mit dir“, sagte Rachel geschockt.
Eine halbe Stunde später trafen sie in der Notaufnahme des Krankenhauses ein und fragten sich bei den Krankenschwestern durch, bis sie endlich eine Schwester fanden, die von dem Unfall gehört hatte.
„Mrs. Farley wird noch operiert. Der behandelnde Arzt wird zu Ihnen kommen, sobald die Operation beendet ist“, sagte sie freundlich.
Voller Anspannung warteten Brian und Rachel eine Stunde lang auf dem Gang vor dem OP-Bereich. Alle fünf Minuten stand Brian auf und ging ungeduldig den Gang auf und ab, bis Rachel ihn abermals bat, sich zu setzen.
„Ich halte diese Warterei nicht aus!“, sagte er plötzlich und sprang erneut auf. Verzweifelt fuhr er sich mit der Hand über seine kurzen Haare, den Hinterkopf hinunter in den Nacken.
„Es wird sicher nicht mehr lange dauern, Liebling“, versuchte Rachel ihn zu beruhigen und legte die Arme um seine Hüfte. Brian schloss die Augen und küsste zärtlich ihre Stirn.
„Ich werde meine Eltern anrufen.“
Rachel nickte. „Ich warte hier.“
Matthew und Isabelle Farley wollten soeben von Zuhause aufbrechen, als ihr Sohn sie in New York anrief und ihnen von dem schrecklichen Unfall ihrer Tochter erzählte, doch es war nicht viel, was er ihnen mitteilen konnte, sodass er versprach, sie wieder anzurufen, wenn er selbst Näheres von dem behandelnden Arzt erfahren hatte.
„Dr. Cooper“, stellte sich der Arzt eine halbe Stunde später mit festen Händedruck vor. Dr. Cooper war ein mittelgroßer, rundlicher Mann Mitte Vierzig, aus dessen schmalem Gesicht die viel zu große, schwarze Brille hervorstach.
„Doktor, wie geht es meiner Schwester?“
„Es grenzt an ein Wunder, dass Miss Farley den Unfall überhaupt überlebt hat.“ Er seufzte und rückte seine verrutschte Brille auf der kleinen Nase zurecht. „Neben drei gebrochenen und einigen angeknacksten Rippen, mehreren schweren Prellungen, einer Platzwunde am Kopf und dem gebrochenen linken Handgelenk, wurden ihre Leber, Lunge und Milz arg in Mitleidenschaft gezogen. Die Milz mussten wir entfernen, Leber und Lunge konnten wir vorerst ausreichend versorgen.“ Rachel drückte Brians Hand noch fester. Es schien, als sei kein Körperteil von Joan verschont geblieben, doch wenigstens lebte sie noch. „Zudem kommt, dass Sie noch immer im Koma liegt.“
„Im Koma! Oh mein Gott!“ Rachel hielt sich die Hand vor den Mund und begann leise zu weinen. Brian, der neben ihr stand, legte seinen Arm um sie und zwang sich selbst zur Ruhe, was ihm erhebliche Mühe beriet.
Brian sah dem Arzt an, dass ihm solche Szenen zuwider waren. Er schien einer dieser Ärzte zu sein, die sich nur sehr wenig Zeit für die Angehörigen ihrer Patienten nahmen und ihnen kurz und bündig die Art der Verletzungen aufzählten.
„Wird... wird sie wieder aufwachen?“, fragte er mit glasigem Blick.
„Ihr Zustand ist nach wie vor kritisch. Wir müssen die nächsten Tage abwarten, dann kann ich Ihnen vermutlich genaueres sagen.“
„Dr. Cooper, Sie werden in Zimmer 32 benötigt“, sagte eine Schwester, worauf der Arzt nickte, ihr aber zu Brians Verwunderung nicht folgte.
„Mr. Farley“, fuhr Dr. Cooper an Brian gewandt fort. „...derzeit können wir nicht genau sagen, auf welche der Verletzungen das Koma zurückzuführen ist. Die Wahrscheinlichste ist die schwere Gehirnprellung, die ihre Schwester bei dem Unfall davongetragen hat. Der Neurochirurg hat das EEG geprüft und geht von keiner dauerhaften Schädigung des Gehirns aus, sodass Hoffnung besteht, wenn Mrs. Farley überlebt. Dennoch hat er eine zweite Operation erwogen, um den Gehirndruck zu lindern.“
„Warum haben Sie nicht gleich operiert?“, fragte Brian verständnislos.
„Wir befürchten, dass Ihre Schwester den Eingriff in Ihrem momentanen Zustand nicht überleben würde. Sobald die Werte stabil sind, werden wir uns nochmals über die Notwendigkeit einer Operation beraten.“
„Ich möchte, dass meine Schwester in ein Krankenhaus in L.A. verlegt wird, wo Ärzte sie behandeln, die derartige Operationen häufiger durchführen“, forderte Brian den Arzt auf.
„Mr. Farley, ich verstehe durchaus Ihre Bedenken, aber eine Verlegung wäre zum jetzigen Zeitpunkt unverantwortlich. Auf dem Weg hierher hatte Ihre Schwester einen Herzstillstand und während der Operation hätten wir sie ebenfalls beinahe verloren. Ich betone nochmals, wie kritisch Ihr Zustand ist. Einen Transport nach L.A. würde sie vermutlich nicht überleben.“
Als sie sich daraufhin von dem Arzt trennten und wenige Minuten später die Intensivstation betraten, wurden sie von einer Krankenschwester in einen separaten Raum geführt, wo sie in spezielle Kittel schlüpften. Brian versuchte sich vorzustellen, in welcher Verfassung sie Joan vorfinden würden, doch Joans Anblick stellte seine schlimmsten Vorstellungen weit in den Schatten. In einem Gewirr aus Verbänden, Schläuchen und Monitoren hätte er seine Schwester beinahe nicht wiedererkannt. Langsam, nicht ohne den Blick von Joan abzuwenden, ging Brian durch den Raum zu ihrem Bett und setzte sich auf den Hocker. Mit Tränen in den Augen betrachtete er seine jüngere Schwester, deren leichenblasses Gesicht aus dem dicken, weißen Verband heraussah. Eine lange Schürfwunde, die mittlerweile nicht mehr blutete, zierte die rechte Schläfe bis hinunter zur Wange, ihr gebrochenes Handgelenk war gestützt und in Verbände gehüllt worden. Die inneren Verletzungen waren von außen nicht ersichtlich, aber Brian wusste, dass sie einen erheblich Anteil an dem Zustand seiner Schwester beitrugen.
Brians Blick glitt zu dem Beatmungsgerät hinüber, das Joans Lungen mit dem lebenswichtigen Sauerstoff versorgten. Sein Herz verengte sich vor Schmerz... und Selbstvorwürfen. Er hatte die Verantwortung für seine Schwester gehabt. Er hatte seinen Eltern versprochen, auf sie Acht zu geben und nun lag sie mit schweren Verletzungen im Krankenhaus und kämpfte um ihr Leben. Brian schloss die tränenverschleierten Augen und ließ den Kopf auf das Laken neben Joans Hand sinken.
Rachel hatte sich bisher in den hinteren Teil des Zimmers zurückgezogen, doch als sie bemerkte, wie Brians Körper nach einem Moment kaum spürbar zuckte, trat sie zögernd hinter ihn und legte die Hand auf seine rechte Schulter.
„Warum? Warum ausgerechnet sie?“, fragte er mit brüchiger Stimme.
„Ich weiß es nicht“, sagte Rachel mit Tränen in den Augen leise. „Aber sie wird es schaffen. Sie ist sehr stark.“
Brian nickte und legte seine Hand auf die ihre. Die Sorgen, die er sich Joans wegen machte, standen ihm nur allzu deutlich im Gesicht geschrieben. Er hatte furchtbare Angst, seine geliebte Schwester zu verlieren. Sein Ein und Alles - seine Seelenverwandte. Sie war ein Teil von ihm; eine Tatsache, die Rachel am Anfang ihrer Beziehung zu Brian nicht hatte akzeptieren wollen. Doch schon nach kurzer Zeit war ihr klargewesen, warum die beiden Geschwister ein so inniges Verhältnis zueinander hatten. Bereits in ihrer frühesten Kindheit hatten Brian und Joan sich einzig aufeinander und nicht auf ihre selbsternannten Freunde verlassen können, die zumeist nur aus zweierlei Gründen die Nähe der Geschwister suchten: der Ruhm und das Geld, in beides waren die Farleygeschwister hineingeboren worden. Während unzählige New Yorker Jungendliche sie darum beneideten, die einzigen Kinder - und damit Erben - von Matthew Farley, dem angesehenen Geschäftsmann und Gründer der Modekette Farleys, zu sein, sahen Brian und Joan ihr so genanntes Glück eher als unabwendbares Schicksal, dass sie ihr Leben lang begleiten würde.
Matthew Farley hatte mit einer handvoll Menschen und einem bescheidenen Budget das Modehaus Farleys in New York eröffnet und war seitdem unzähligen Steinen ausgewichen, die ihm zwischen die Füße geworfen wurden. Nun, fast dreißig Jahre später, war Farleys eines der drei größten Modehäuser in Amerika. Mit Filialen in London, Paris, Rom und Madrid waren sie in Europa noch ein Name unter vielen; ein Zustand, den Matthew Farley beabsichtigte in den nächsten Jahren zu ändern.
Bereits vor Brians Geburt gehörten Matthew und Isabelle Farley zur obersten Gesellschaft New Yorks. Die Anfangsjahre waren schwierig gewesen, da sie beide aus normalen Arbeiterfamilien stammten und sich erst in der High Society zurecht finden mussten, aber im Laufe der Zeit hatten sie sondiert, wer ihre wahren Freunde waren und wer nur hinter ihrem Geld her war. Nicht nur einmal hatte man versucht, Matthew geschäftlich auszuboten, doch er war noch heute mit dabei. Erst kürzlich wurde er von einer Journalisten eines angesehenen Magazins nach dem Grund dafür gefragt und er hatte geantwortet: "Niemand sollte den Ergeiz und das Durchhaltevermögen eines einfachen Arbeiters unterschätzen. Nur wer ein Unternehmen aufgebaut hat, die Höhen und Tiefen kennt, der weiß um die Existenz seines Lebenswerkes wirklich zu kämpfen."
Isabelle Farley hielt sich bereits seit vielen Jahren offiziell aus den Geschäften ihres Mannes heraus, beriet ihn lediglich im Hintergrund. Sie war es, die für die Presse zuständig war und somit sorgte Isabelle dafür, dass sie sich von Zeit zu Zeit auf einer der allabendlichen Partys oder Komitees sehen ließen, obwohl sie sich zumeist zu Tode langweilten. Ihr Herz gehörte ausschließlich den Benefizveranstaltungen, die die Farleys sehr gern mit ihrem Namen und einer großzügigen Spende vertraten. Dies weckte allgemein den Anschein nach einem äußerst luxuriösen Leben, doch was die wenigsten Menschen wussten, war, dass die Familie selbst eher bescheiden wohnte. Zwar besaßen sie ein Penthause mit Dachterrasse in der Fifth Avenue, das über zwei Etagen bewohnbar war, und ein Wochenendhaus in Brooklyn Heights mit direktem Blick auf den East River, doch die Einrichtungen waren längst nicht so exquisit wie es sich die meisten Leute vorstellten. Seit Jahren versuchten die hartnäckigsten Fotografen beide Domizile von innen ablichten zu können, aber Isabelles lehnte jegliche Anfragen vehement ab. Die Familie führte zwei strikt getrennte Leben und ihr Privatleben ging niemanden etwas an.
An diesem zurückgezogenen Leben, wie die Zeitungen es nannten, wollte die New Yorker Presse seit jeher teilnehmen. Vor ihrem Penthouse lauerten auch noch nach Jahren täglich Fotografen, deren Blitzlichtgewitter losging, sobald sich jemand von der Familie sehen ließ. Eine zeitlang hatte Matthew darauf bestanden, dass seine Kinder keinen Schritt ohne einen Bodyguard vor die Tür setzten, aber auch darüber gab es bald die wildesten Gerüchte. In den Klatschzeitungen erschienen die langweiligsten Bilder, dennoch erfanden die Journalisten erstaunliche Storys dazu. Unbekannterweise arbeiteten für Isabelle zwei Personen, die sich tagtäglich mit sämtlichen Zeitungen und deren Inhalt bezüglich der Familie Farley beschäftigten und wenn nötig die entsprechenden Leute zur Rechenschaft zogen. Sie waren es auch gewesen, die Isabelle vor einigen Jahren über Brians Drogenskandal unterrichtet hatten, noch ehe die Story gedruckt wurde. Es war lediglich ein getürktes Foto aufgetaucht, das Brian in einer Gruppe Junkies zeigte, und die Journalisten schrieben ihre Storys dazu, doch diese Geschichte war eine zuviel gewesen. Brian entschied sich gegen sein bisheriges Leben und beschloss sein Wirtschaftsstudium in L. A. weiterzuführen. Obwohl er seinen Eltern mit seinem Entschluss das Herz brach, mussten sie zugeben, dass sie ihren Sohn verstanden. Mit seinen zwanzig Jahren galt er als die männliche Partie New Yorks, gutaussehend und hinter seinem Namen verbürgten sich Milliarden.
Erst in Los Angeles hatte Brian wirklich zu leben begonnen. Es schien, als wäre er aus einem Käfig entflohen. Auf der anderen Seite des Landes kannte ihn niemand, sodass er nicht länger befürchten musste, von Fotografen verfolgt zu werden. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er tun und lassen was er wollte und es gefiel ihm. Nachdem er mit Auszeichnung sein Wirtschaftsstudium beendet hatte, bekam er im Anschluss daran bei Farleys eine Stelle. Für Matthew war seit jeher klar, dass sein Sohn eines Tages sein Lebenswerk übernehmen würde und ob er dies von New York aus oder L. A. tat, war einerlei.
Ein Jahr nach Brians Umzug an die Westküste lernte er Rachel Maldione bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Los Angeles kennen. Vom ersten Moment an war er von der geborenen Italienerin fasziniert, die sich mit soviel Wärme für andere Menschen einsetzte. An jenem Abend unterhielten sie sich lange und angeregt. In den darauffolgenden Wochen sahen sie sich fast täglich, sie lernten einander kennen und lieben. Diese Liebe verband sie nun seit mehr als drei Jahren.
„Brian... Schatz?“, drang Rachels Stimme leise zu ihm durch, als er für einige Minuten seinen Erinnerungen nachgehangen hatte.
„Entschuldige“, sagte er und setzte sich in seinem Stuhl auf. „Ich dachte gerade daran, wie glücklich Joan und Steve gewesen sind... und nun so etwas.“
„In solchen Situationen wird uns wieder bewusst, wie schnell das Leben vorbei sein kann.“
Brian und Rachel blieben die ganze Nacht über im Krankenhaus. Während Rachel einige Stunden schlief, saß Brian unentwegt am Bett seiner Schwester, hielt ihre Hand und sprach leise zu ihr. Joans Zustand war nach wie vor bedenklich. In der Nacht hatte sie Fieber bekommen und man bezweifelte, dass sie überleben würde.
Nach einer zermürbenden Nacht auf der Intensivstation fand Brian am nächsten Tag endlich eine Krankenschwester, die in der Unfallnacht Dienst gehabt hatte. Er erhoffte sich, von ihr mehr Informationen zu erhalten, als das wenig Aufschlussreiche von Dr. Cooper.
„Wir haben nur sehr wenige Informationen erhalten, Sir“, sagte die junge Schwester mit Bedauern zu Brian und Rachel. „An dem Unfall waren zwei Autos beteiligt und anscheinend hat Miss Farley als einzige überlebt.“
„Wissen Sie, wer die anderen Personen waren?“, harkte Brian nach.
„Soweit ich hörte, zwei Männer. Ein etwa vierzigjähriger Mann und der junge Fahrer Ihrer Schwester, aber die Namen der Verstorbenen sind uns nicht bekannt.“
„Steve...“, sagte Brian leise.
„Er muss nicht mit ihr gefahren sein“, wandte Rachel ein und dankte der Schwester, die mitfühlend nickte und sich diskret zurückzog.
„Rachel, ich kann ihn nicht erreichen. Ich habe mit Freunden von Joan und Steve telefoniert, die alle bestätigten, dass sie in der Unfallnacht gemeinsam eine Party verlassen haben.“
„Vielleicht ist er in ein anderes Krankenhaus geliefert worden“, sagte Rachel, die sich weigerte, an den Tod des Freundes zu glauben. „Wir sollten uns an die Polizei wenden.“
Ehe sie das Krankenhaus verließen, gingen sie im Schwesternzimmer vorbei und informierten die Intensivschwester darüber, dass sie vermutlich erst in einigen Stunden wiederkommen würden. „Sollte sich ihr Zustand verändern, dann rufen Sie mich bitte unter dieser Nummer an“, bat Brian und reichte der Krankenschwester seine Visitenkarte.
„Selbstverständlich, Mr. Farley.“
„Entschuldigung“, sagte der Pfleger, der soeben ins Zimmer gekommen war. „Sind Sie die Angehörigen von Mrs. Joan Farley?“
„Ja“, antwortete Rachel.
„Ist etwas mit meiner Schwester?“, fragte Brian erschrocken.
Der Pfleger zuckte mit den Schultern. „Sie möchten bitte in Dr. Coopers Büro kommen.“
Keine zwei Minuten später klopfte Brian an die Bürotür von Dr. Cooper und trat von Rachel gefolgt ins Zimmer.
„Gibt es neue Erkenntnisse was den Zustand meiner Schwester betrifft?“, fragte Brian den Arzt, ehe er sich auf dem ihn angebotenen Stuhl setzte. Rachel nahm neben Brian Platz und musterte den Arzt aufmerksam, der ihnen gegenüber hinter seinem Schreibtisch saß.
„Leider befindet sich Mrs. Farley noch immer in einem kritischen Stadium. Das Fieber konnten wir senken, doch um ehrlich zu sein...“ Er räusperte sich. „Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht viel Hoffnung machen. Die inneren Verletzungen sind schwerwiegend und der hohe Blutverlust lag weit über dem, was ein menschlicher Körper verkraften kann. Es grenzt an ein Wunder, dass Sie noch immer lebt.“
„Was soll das heißen, Doktor?“, fragte Brian mit zittriger Stimme. „Lassen Sie meine Schwester einfach so sterben?“
Dr. Cooper beugte sich auf seinem Schreibtisch vor. Die Hände verschränkt, sah er Brian eindringlich an. „Wir tun hier alles, um Ihre Schwester zurück ins Leben zu holen, aber nun sind wir an unsere Grenzen gestoßen. Ich kann nichts mehr für Sie tun. Jetzt liegt es an ihr zu kämpfen.“
„Sie sprachen davon, dass sie noch Tage im Koma liegen könnte...“
„Wir müssen sogar von Monaten oder gar Jahren ausgehen.“
„Jahre...“, sagte Rachel leise.
„Angenommen sie wacht wieder auf. Wird sie dann wieder völlig gesund werden?“
„Das kann man im Einzelfall nicht genau sagen. Je länger ein Patient im Koma liegt, desto wahrscheinlicher sind Hirnschädigungen. Bei Ihrer Schwester kommt die schwere Gehirnprellung hinzu. Diese kann ohne schwerwiegende Folgen bleiben, oder aber häufige Kopfschmerzen, Gedächtnis- oder Verhaltensstörungen und schwere Lähmungen mit sich ziehen.“ Dr. Cooper sah Brian und Rachel mitfühlend an. „Sie müssen auf alles gefasst sein.“
Lähmungen, Gedächtnisausfall, Pflegefall.. Immer wieder hallten diese Worte in Brians Kopf umher, bis er aufspringen und laut schreien wollte.
„Mr. Farley...“, begann Dr. Cooper nach einem Moment des Schweigens. „Sie haben mich gestern nach Steve Baxter gefragt. Ich habe heute mit der Polizei gesprochen und erfahren, dass Mr. Baxter das Auto gefahren ist, in dem Ihre Schwester verunglückte.“
Entgeistert sah Brian den Arzt an. „Ist er schwer verletzt?“
„Diese Auskunft unterliegt meiner ärztlichen Schweigepflicht. Ich kann...“
„Er ist der Freund meiner Schwester“, fuhr Brian Dr. Cooper ins Wort. „Sie waren so gut wie verlobt.“
„Unter diesen Umständen sieht die Sache anders aus“, sagte Dr. Cooper im ruhigen Ton und rückte seine Brille auf der Nase zurecht. „Tatsächlich wurde Mr. Baxter in unser Krankenhaus gebracht, doch leider muss ich Ihnen mitteilen, dass er den Unfall nicht überlebt hat. Es tut mir sehr leid.“
„Oh Gott!“, sagte Rachel und schlug die Hand vor ihren Mund, als die Tränen ihr ins Gesicht schossen. Brian blickte geschockt und unfähig ein Wort zu sagen den Arzt an. Er konnte nicht glauben, was er soeben erfahren hatte. Er wollte nicht glauben, dass der junge Mann, mit dem er sich Morgen zum Joggen verabredet hatte, schon vor zwei Tagen gestorben war. Steve, fünfundzwanzig Jahre jung.
Wenige Minuten nach sechzehn Uhr rollte das Privatflugzeug von Matthew Farley über die Rollbahn. Die Limousine des Beverly Wilshire Hotels erwartete sie bereits. Es vergingen keine fünf Minuten, bis der Träger mit Hilfe des Chauffeurs die Koffer von Isabelle und Matthew im Kofferraum der Limousine verstaut hatten und sie sich zurzeit der Rushhour auf L.A.s volle Strassen begaben. Auf dem San Diego Freeway kamen sie nur stockend voran, sodass Isabelle ungeduldig auf ihre Armbanduhr blickte.
„Wie kannst du jetzt nur ans Geschäft denken?“, fragte Isabelle verständnislos ihren Mann, der in seinen Unterlagen las. Sie konnte nicht wissen, dass Matthew das Geschriebene drei- gar viermal lesen musste, da er sich nicht konzentrieren konnte.
„Die Arbeit lenkt mich von der Sorge um Joan ab.“ Liebevoll griff Matthew nach Isabelles unruhiger Hand, die soviel kleiner als die seine war, hob sie an seinen Mund heran und küsste ihre Fingerspitzen zärtlich. „Sie wird aus dem Koma erwachen“, sagte er davon fest überzeugt, als würde er ihre Gedanken kennen.
„Ich hoffe, du hast Recht...“
Matthew nickte und umschloss ihre Hand mit der seinen. Er wusste, wie sehr sie die Ankunft im Krankenhaus herbeisehnte. Seit Brians Anruf herrschte eine angespannte Stimmung zwischen ihnen, da Isabelle noch am selben Tag nach L. A. hatte fliegen wollen, Matthew jedoch aufgrund wichtiger Firmenverhandlungen verhindert gewesen war. So hatte Matthew ihren Flug um einen Tag verschoben. Obwohl er diesbezüglich keine andere Wahl gehabt hatte, waren seine Gedanken beinahe ununterbrochen bei Joan gewesen. Ebenso wie Isabelle sorgte Matthew sich um das Leben seiner einzigen Tochter. Gleich nach Brians Anruf hatte er im Schwesternzimmer des Krankenhauses angerufen und die Krankenschwestern angewiesen, ihn stündlich einmal telefonisch über Joans Zustand zu unterrichten.
Schwester Claire verließ mit dem neuen Verbandsmaterial gerade das Schwesternzimmer, als ihr zwei unbekannte Gesichter am Ende des Ganges entgegengelaufen kamen. Sie schätzte den hochgewachsenen, breitschultrigen Mann auf Ende Vierzig. Selbst in diesem Moment, in seiner wachsenden Sorge um einen nahen Angehörigen, sah er für sein Alter noch ungeheuer attraktiv aus; wobei sein volles, schwarzes Haar nur das I-Tüpfelchen war. Beim näher kommen sah sie, dass er einen perfekt geschnittenen schwarzen Anzug trug, der dazugehörige lange, schwarze Wintermantel hing über seinem linken Arm. An seinem anderen Arm hatte sich eine etwas kleinere Frau untergeharkt. Auch ihr sah man sofort an, dass sie nicht mit ihrem Geld sparen musste. Ihr weinrotes Kostüm war schlicht, doch allen Anschein nach nicht sehr preisgünstig gewesen. Es passte hervorragend zu ihren kurzen, braunen Haaren und rundete ihren sanftmütigen Körper ab, der über den Gang zu schweben schien. In ihrem ganzen Wesen strahlte die fremde Frau eine vertrauenswürdige, sehr warmherzige Aura aus. Sie gehörte eindeutig zu den wenigen Menschen auf dieser Welt, die man auf Anhieb sympathisch fand.
„Mr. und Mrs. Farley?“, fragte Schwester Claire, als sie einander gegenüberstanden und sah Matthew darauf kurz nicken.
„Wie geht es unserer Tochter?“, fragte er die Schwester. In seinem Blick lag etwas Seltsames, etwas, das ganz und gar nicht zu seinem Erscheinungsbild passte: Furcht. Es war der sorgenvolle Blick eines Vaters.
„Unverändert. Sie liegt auf der Intensivstation. Ich bringe Sie hin“
Schweigend folgten sie Schwester Claire den Gang hinunter zur Intensivstation. In einem Durchgangszimmer erhielten sie die grüne Schutzkleidung, dann wurden sie an geschlossenen Türen mit Glasfenstern vorbeigeführt, hinter denen die Patienten lagen. Schließlich blieb die Schwester vor einer der Türen stehen. Als Matthew und Isabelle durch die Glasscheibe ins Zimmer blickten und ihre Tochter auf dem Krankenbett inmitten der Geräte und Schläuche sahen, erschraken sie zutiefst. Die zitternde Hand vor dem Mund sah Isabelle zu ihrem Sohn auf, der am Bett saß und die Hand seiner Schwester hielt. Rachel stand etwas abseits mit dem Rücken zu ihnen am Fenster.
Schwester Claire spürte ihr zögern und ließ sie gewähren. Wenn sie sich an den Anblick gewöhnt hatten, würden sie von selbst ins Zimmer ihrer Tochter gehen. Leise öffnete Schwester Claire die Tür und trat ans Bett ihrer Patientin, um die Monitore zu überprüfen. Diesen Kontrollgang wiederholten die Schwestern alle fünf Minuten. Falls sich in der Zwischenzeit ihr Zustand veränderte, würden die Geräte sofort Alarm schlagen.
Als die Schwester das Thermometer in die Hand nahm, um Joans Temperatur abzulesen, hob Brian den Kopf und sah sie fragend an. „Es ist ein wenig gesunken“, sagte sie lächelnd und schrieb eine kurze Notiz in die Akte. Dann legte sie zwei der mitgebrachten, weißen Mullbinden auf den kleinen Tisch neben dem Bett und nahm die übrigen mit, ehe sie das Zimmer wieder verließ.
„Ich hole mir einen Kaffee. Soll ich dir eine Tasse mitbringen?“, fragte Brian seine Freundin und erhob sich von seinem Stuhl.
„Das kann ich doch machen“, erwiderte Rachel und drehte sich zu ihm um. „Bleib’ du bei...“ Sie verstummte, als sie Brians Eltern in der Tür stehen sah.
Augenblicklich wandte Brian sich um. „Mom!... Dad!“ Erleichterung stand in seinem Gesicht geschrieben. Er war froh, seine Eltern endlich in L. A. zu wissen. Hier bei ihrer Tochter, die noch immer nicht über den Berg war.
„Mom...“ Mit einer langen Umarmung begrüßte er seine Mutter, der Tränen in den Augen standen, und umarmte Matthew mit einem Schulterklopfen. „Schön, dass ihr da seid“, sagte Brian und trat näher ans Fenster, damit Rachel mit einer Umarmung und einem sachten Kuss auf die Wange seine Eltern ebenfalls begrüßen konnte.
Isabelle trat ans Bett und strich mit zittrigen Fingern über das leblose, vom Unfall gezeichnete Gesicht ihrer Tochter. Matthew stand neben seiner Frau und berührte Joans Hand.
„Die Schwester sagte, ihr Zustand sei unverändert“, kam es Matthew leise über die Lippen.
Brian nickte zustimmend. „Sie liegt noch immer im Koma.“
„Hast du mit dem Arzt sprechen können?“
„Dr. Cooper sagte, wir müssen abwarten, wie sie die nächsten Tage übersteht. Es ist ungewiss, wann sie aufwachen wird.“ Über Einzelheiten des Gesprächs mit Dr. Cooper hatte Brian seine Eltern am Telefon noch nicht aufgeklärt.
„Wird sie durchkommen?“, fragte Isabelle schluchzend.
Brian tat der kummervolle Blick seiner Mutter im Herzen weh. „Ihr Zustand ist kritisch. In der Nacht hatte sie hohes Fieber.“ Bemüht seine Fassung nicht zu verlieren, wandte Brian seinen Eltern den Rücken zu. „Ich weiß es nicht, Mom...“, sagte er mit feuchten Augen und blickte aus dem Fenster.
„Ich möchte mit dem Arzt sprechen. Ist er noch im Haus?“, wollte Matthew von seinem Sohn wissen.
Brian drehte sich zu seinem Vater um. „Soweit mir bekannt ist, ja.“ Doch er klärte ihn darüber auf, dass Dr. Coopers Zeit zumeist knapp bemessen war.
„Nun, er wird sich für mich Zeit nehmen müssen“, sagte Matthew mit bestimmter Stimme, da er nicht vorhatte, sich mit wenigen Worten abspeisen zu lassen.
„Wisst... wisst ihr schon, wie der Unfall geschehen ist“, fragte Isabelle, während sie sich die Augen mit einem Taschentuch trocken tupfte.
„Wir haben vorhin mit der Polizei gesprochen“, begann Brian. „Der Fahrer des anderen Wagens war betrunken und hat wohl immer wieder die Fahrspur gewechselt. Sie hatten keine Chance...“
„Sie?“, fragte Matthew verwundert.
„Joan und Steve.“
„Steve war bei ihr im Auto?“
Brian nickte. „Die Polizisten sagten, dass er nur Sekunden zum Reagieren gehabt hätte, ehe die beiden Autos frontal aufeinander fuhren.“
„Ist er schwer verletzt?“, fragte Isabelle und bemerkte den merkwürdigenden Blick ihres Sohnes, den er mit Rachel wechselte. „Brian, wie schlimm ist es?“
„Mom“, sagte Brian leise und sah den leblosen Körper seines Freundes wieder vor sich, als er sich im Krankenhaus von ihm verabschiedet hatte. „Steve hat den Unfall nicht überlebt.“
Isabelle schloss die tränenverschleierten Augen. Unbewusst verstärkte sie den Druck auf Joans Hand, so als wollte sie ihr Kraft geben. Da spürte sie Matthews Hand auf ihrer Schulter.
Steves Verlust traf sie völlig unvorbereitet. Erst Weihnachten hatte sich die Familie, einschließlich Rachel und Steve, in New York getroffen, um die Feiertage miteinander zu verbringen. Trotz anfänglicher Abneigungen gegen die Wahl ihrer Tochter hatten Isabelle und Matthew Steve im vergangenen Jahr besser kennen gelernt und nach kurzer Zeit verstanden, warum Joan diese Wahl getroffen hatte. Steve war so ganz anders als die Männer, die sie aus New York kannte. Er lebte ein freies Leben; ein Leben, das Joan sehr schnell zu lieben lernte. Wann immer es Steves Zeit erlaubte, traf er sich mit seinen vielen Freunden oder ging abends auf deren Partys, doch dabei hatte er niemals sein Ziel, sein Medizinstudium bestmöglichst zu beenden, aus den Augen verloren. Steve, dessen Eltern ihr Leben lang für wenig Geld schwer gearbeitet hatten, kannte viele harte Seiten des Lebens und hatte sich geschworen in allen Dingen sein Bestes zu geben. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren genoss er wie kein anderer Freund von Joan den Respekt, die Achtung und das Vertrauen von Matthew Farley. Matthew hatte Steve freundlich in die Familie aufgenommen und mit der Zeit war er zum Schwiegersohn in spe geworden.
Nachdem sie den ersten Schock über Steves Tod verkraftet hatten, ließen Matthew und Isabelle ihre Tochter ein letztes Mal in Brians Obhut, um mit dem behandelnden Arzt zu sprechen. Dr. Cooper war jedoch nicht gewillt seine Zeit mit den immergleichen Fragen einer Familie totzuschlagen. Gehetzt schüttelte er Matthew und Isabelle die Hand und informierte sie mit knappen Worten über Joans Zustand. Daraufhin wollte er sich von ihnen verabschieden, aber er hatte nicht mit einem Mann wie Matthew Farley gerechnet. Einem Mann, der es gewohnt war, dass man ihm zuhörte. Unter Geschäftsleuten galt Joans Vater als taktischer Mann, der seine Geschäfte mit viel Scharfsinn abschloss. In diesen Minuten war es jedoch die Angst in seiner Stimme, die Dr. Coopers eigentliches Vorhaben änderte.
Wie Brian einen Tag zuvor, klärte der Arzt Matthew und Isabelle ausführlich über die schweren inneren Verletzungen und den bedenklichen Zustand ihrer Tochter auf. Des Weiteren erläuterte Dr. Cooper die möglichen Folgen des Komas, hielt aber von Spekulationen abstand, die die Verfassung seiner Patientin betraf, wenn sie aufwachen sollte. Der Hoffnungsschimmer, das dies trotz Joans schlechter allgemeiner Verfassung eintrat, war schwindend gering, doch es war das Einzige, woran sie sich in diesen Stunden klammerten.
Tagelang sah Brian zu, wie Joan um ihr Leben kämpfte. Das Fieber stieg und fiel im Wechselschritt, sodass niemand mehr eine Prognose über ihre Chancen stellen wollte. „Es liegt in Gottes Hand“, hatte die afroamerikanische Krankenschwester zu Brian gesagt und zum ersten Mal in seinem Leben bereute er, dass es ihm an Gottesvertrauen fehlte.
„Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt einen Angehörigen gesehen habe, der Tag und Nacht am Bett einer Komapatientin gewacht hat“, sagte Schwester Claire betrübt zu ihrer Kollegin, als sie im Beobachtungsraum standen und durch die Glasfront Brian Farley am Bett seiner Schwester sitzen sahen. „Noch dazu mit solch einem Job. Ich hörte, er sei die rechte Hand des Filialleiters von Farleys in L.A. und anscheinend gefällt es einigen Leuten nicht, dass er hier ist.“
Schwester Betty zuckte mit den Schultern. „Der PR wegen wird er es nicht tun. Seit sie bei uns ist, hat sich kein Fotograf blicken lassen.“
„Ich glaube, dafür hat er gesorgt...“
Während die Krankenschwestern gegenüber Matthew und Isabelle zumeist reserviert auftraten, waren sie zu Brian und Rachel äußerst freundlich. Die beiden Schwestern, die sich um Joan kümmerten, hatten ihnen angeboten, sich jederzeit Kaffee oder Tee aus dem Schwesternzimmer zu nehmen.
Auch nach einer Woche hatte sich Joans Zustand nicht verändert. Ihre Werte hatten sich laut Dr. Cooper zwar stabilisiert, doch sie war noch immer nicht aus dem Koma erwacht. Wie der Arzt verlauten ließ, bestand weiterhin Grund zur Hoffnung, da Joan eine Woche nach dem Unfall noch immer lebte. Das Koma war eine Schutzmaßnahme des Körpers, um zu genesen. Je nach schwere der Verletzungen konnte ein Mensch über Wochen, Monate oder gar Jahre im Koma liegen. Niemand konnte voraussagen, wie lange dieser Zustand bei Joan andauern würde.
Brian, der sich in der Vergangenheit schwer in Geduld geübt hatte, saß stundenlang am Bett seiner Schwester und dachte über das Leben nach. Er hielt Joans Hand und redete mit ihr, ungeachtet dessen, ob sich eine der Schwestern im Raum befand oder sie allein waren.
„Manchmal würde ich gern die Zeit zurückdrehen. Wir hatten früher soviel Spaß miteinander.“ Brian seufzte leise und stützte die Ellenbogen auf dem Bett ab. Den Kopf lehnte er müde dagegen. Er schwieg einige Minuten und lauschte dem leisen Piepsen, das von einem der Geräte herführte. Ansonsten war es im Zimmer still. „Erinnerst du dich...“, begann er schließlich leise. „...wie wir Mom und Dad als Kinder zu Weihnachten erschreckt haben, als über Nacht plötzlich die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum verschwunden waren? Sie dachten, es wären Einbrecher gewesen, dabei hatten wir die Geschenke versteckt.“ In Erinnerung an jenes Weihnachtsfest aus seiner Kindheit musste Brian lächeln. „Sie haben nie wieder die Geschenke einen Tag vor Weihnachten unter den Baum gelegt.“ Er griff nach dem kleinen Behältnis mit Wasser auf dem Nachtschrank und tupfte Joan mit dem nassen Wattebausch die trockenen Lippen feucht.
„Mr. Farley, wollen Sie nicht nach Hause fahren? Es ist bereits nach Mitternacht“, sagte Schwester Claire bei ihrem nächsten Kontrollgang zu Brian.
„Nein... Ich möchte sie die Nächte über nicht alleine lassen“, antwortete Brian wie jeden Abend der vergangenen sieben Tage.
Voller Verständnis sah Claire ihn an. „Ich weiß, ich kann Sie nicht zum Gehen überreden. Aber dann lassen Sie mich wenigstens eines sagen“, bat sie ihn. „Ich finde es toll, dass Sie sich so um Ihre Schwester kümmern.“
„Wir sind Seelenverwandte. Sobald einer von uns leidet, leidet der andere mit ihm.“ Man sah ihm seinen Kummer in den traurigen Augen an. Die Sorge um seine Schwester beschäftigte ihn rund um die Uhr, sodass er nachts nur wenige Stunden Schlaf fand.
„Es gibt nicht viele Angehörige wie Sie...“
Vorsichtig hob er Joans Hand, in der eine Kanüle steckte, und führte sie dicht an seinen Mund hinauf. Liebevoll küsste er ihre Finger. „Das ist das Mindeste, was ich für sie tun kann. Bei ihr sitzen und mit ihr sprechen...“
„Es ist mehr, als die meisten Menschen in Ihrer Situation tun würden. Viele kehren in ihr eigenes Leben zurück und erinnern sich erst sehr viel später wieder an den Angehörigen“, sagte sie betrübt.
„Das ist nicht meine Art“, erwiderte Brian traurig. Niemals könnte er seine Schwester im Krankenhaus allein zurücklassen, um sein altes Leben fortzuführen. Es wäre, als würde er sie im Stich lassen, als würde er nicht mehr an ihre Genesung glauben. Er konnte sie nicht einfach so aus seinem Leben streichen, sie und ihren Zustand ignorieren und dann plötzlich wieder auftauchen, wenn sie zu sich gekommen war. Eines stand für ihn fest: Egal, wie lange Joan im Koma liegen mochte, niemand, absolut niemand würde ihn von seinen täglichen Besuchen bei ihr abhalten können.
Dennoch war ihm bewusst, dass es nicht so weiterging. Seit einer Woche saß er Tag und Nacht an Joans Bett und hatte das Krankenhaus nur verlassen, um heimzufahren, zu duschen und sich frische Kleidung anzuziehen. Außer Joan gab es für ihn nichts. Rachel beschwerte sich wegen seiner knapp bemessenen Zeit nie bei ihm, aber Brian spürte, dass sie seine nächtlichen Aufenthalte im Krankenhaus nicht mehr gern sah. Sie wollte ihn eine zeitlang für sich allein haben, selbst wenn es nur eine Stunde am Tag war.
Neben der Vernachlässigung seiner Freundin, musste Brian sich dazu zwingen an seine Verpflichtungen bei Farleys zu denken. Er konnte seinem Vorgesetzten nicht ewig mit seiner Rückkehr ins Geschäft hinhalten. Auch wenn ihm eines Tages zur Hälfte das Modehaus Farleys gehören würde, so war er wie jeder andere Mitarbeiter angestellt und konnte seinen Job verlieren.
Während Brian darüber nachdachte, wie er seine zeitaufreibende Arbeit, Rachel und die Besuche bei seiner Schwester unter einen Hut bekommen sollte, legte er den Kopf auf seinen verschränkten Armen auf die Bettdecke. In seiner Grübelei versunken, schloss er die Augen und schlief bald darauf ein.
Am Morgen darauf brach auf der Intensivstation das gewohnte Treiben aus. Inmitten des Trubels schlief Brian mit dem Oberkörper auf dem Bett. In der Nacht hatte Schwester Claire ihn schlafend vorgefunden und ihm eine Decke über den Körper gehangen.
Bei ihrem routinemäßigen Rundgang betrat Schwester Betty Joans Zimmer und wechselte leise die Infusion aus, als plötzlich lautes Piepsen den Raum erfüllte. Augenblicklich schrak Brian aus seinem Schlaf hoch und sah mit angstvoller Miene zu Joan hinüber.
„Es ist alles in Ordnung, Mr. Farley“, beruhigte die Schwester ihn sofort. „Ich habe nur die Infusion gewechselt. Tut mir leid, dass ich Sie dadurch geweckt habe.“
Müde fuhr Brian sich mit den Händen übers Gesicht. „Wie geht es ihr?“, fragte er, als die Schwester die Geräte überprüfte.
„Unverändert.“ Sie beobachtete, wie Brian sich über Joans Gesicht beugte und ihr zur morgendlichen Begrüßung einen sanften Kuss auf die Stirn gab. „Ihre Verletzungen brauchen Zeit, um zu heilen. Haben Sie Geduld mit Ihrer Schwester.“
„Geduld war bisher nicht seine Stärke“, sagte Rachel lächelnd, die soeben ins Zimmer getreten war. „Hallo Liebling“, begrüßte sie Brian mit einem zärtlichen Kuss auf den Mund, während Schwester Betty sich aus dem Zimmer zurückzog.
„Schatz, hallo. Was machst du denn so früh hier?“, fragte er verwundert.
„Mein Termin wurde abgesagt. Ich dachte, du freust dich vielleicht.“
„Das tue ich, entschuldige.“ Er lächelte und stand von dem Stuhl auf. „Setz dich und sag Joan hallo.“
„Brian... ich kann das nicht“, sagte sie zögernd.
„Was meinst du?“
„Ich bin nicht wie du. Ich kann mich nicht stundenlang an ihr Bett setzen und zu ihr sprechen. Trotz alledem was die Ärzte gesagt haben, ich glaube nicht, dass sie uns hören kann.“
„Du hältst meine Gespräche also für sinnlos?“, fragte er verletzt.
„Liebling, nein... So habe ich das nicht gemeint.“ Sie stockte, wählte ihre Worte mit Bedacht. „Wenn du davon überzeugt bist, dass deine Stimme sie zu uns zurück bringen kann, dann sprich mit ihr. Bereue es nicht später.“
„Hältst du mich für verrückt, weil ich ihr immerzu etwas erzähle?“, fragte Brian ernst.
„Im Gegenteil. Ich bewundere dich dafür.“ Zärtlichkeit lag in ihrer Stimme. „Ich bewundere deinen Optimismus, deine Hoffnung...“ Tränen stiegen in ihre Augen. „Ich würde alles dafür geben, wenn ich dasselbe empfinden könnte, aber schau sie dir an“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme und sah zu Joan hinunter, deren Körper nach wie vor durch Schläuche mit den Geräten verbunden war. „Ohne das alles wäre sie doch längst nicht mehr bei uns...“
„Sag so etwas nicht, Rachel“, bat er mit brüchiger Stimme, worauf sie zu ihm aufblickte und in seinem Gesicht ihre eigene Verzweiflung wiedererkannte. Er trat zu ihr und zog sie wortlos in seine Arme. Minutenlang hielten sie sich mit den Armen umschlossen.
„Jetzt heule ich schon am frühen Morgen“, sagte Rachel schließlich lächelnd und schniefte in ein Taschentuch.
Brian lächelte schwach und fuhr ihr sanft über den Arm. „Kann ich etwas für dich tun?“ Erst in Rachels Armen war ihm wieder bewusst geworden, dass er in den vergangenen sieben Tagen kaum an sie gedacht hatte, so sehr war er mit Joan beschäftigt gewesen.
„Vielleicht könntest du heute Nacht in unserem Bett schlafen.“ Sie spürte, wie Brian einen Moment lang zögerte.
„Okay.“ Zärtlich küsste er ihre Stirn.
„Danke“, hauchte sie an seiner Wange. „Ich gehe mich frisch machen. Kann ich dir etwas mitbringen? Einen Kaffee vielleicht?“
„Sehr gern.“
Eine Viertelstunde später kehrte Rachel an die Tür zu Joans Zimmer zurück und klopfte gegen die Glasscheibe, damit Brian hinauskam.
„Mhm, der tut gut“, sagte Brian nach dem ersten Schluck entspannter. „Wie geht es deinen Kindern?“, fragte er Rachel, die als Psychologin in einem Heim in Los Angeles arbeitete, das sich um misshandelte und missbrauchte Kinder und Frauen kümmerte. Vor eineinhalb Jahren war sie zur Leiterin des Heims ernannt worden und somit für die Organisation von Präsentationen und Ausstellungen sowie für die Suche nach neuen Spendern zuständig. Die Organisation „Hilfe für Kinder in Not“ hatte in allen größeren Städten von Amerika ihre Einrichtungen, in Los Angeles führten die einzelnen Fäden zusammen. Ein Team um Rachel herum verwaltete die Spendengelder und prüfte, wo diese am Dringendsten benötigt wurden.
„Ich glaube, besser als dir“, sagte Rachel ehrlich, da ihr die dunklen Ringe unter seinen Augen Sorgen machten. „Ich muss dich für einige Tage allein lassen. Wir haben eine Schenkung für San Fransisco erhalten. Der Spender ist Schauspieler und möchte die Übergabe mit Presse und Fernsehen abwickeln.“
„Eine nette Geste mit persönlichen Hintergedanken“, sagte Brian spitz.
„Brian, wir sind für jeden Dollar dankbar und nicht alle Spender wollen so geheimnisvoll wie Farleys behandelt werden.“
„Mein Vater rühmt sich eben nicht gern mit seinem Geld. Für ihn sind andere Qualitäten wichtiger.“
„Und deshalb mag ich ihn“, sagte Rachel lächelnd. „Um auf meine Reise zurückzukommen. Ich hatte vor im Anschluss an San Fransisco nach Washington zu fliegen, um mir den Umbau des Hauses anzuschauen und mit den Bauleuten zu sprechen. Meinst du, du kommst solange ohne mich zurecht?“ Sie hatte Verpflichtungen, aber in diesen Tagen ließ sie Brian nur ungern allein. Wenn sie nicht da war, würde er ununterbrochen an Joans Bett sitzen und kaum etwas zu sich nehmen.
„Ich komme klar. Wann fliegst du?“, fragte er, den Blick durch die Glasscheibe auf seine Schwester gerichtet.
„Dieses Wochenende.“ Das war in drei Tagen.
Brian trank den Rest seines Kaffees und warf den Becher in den Mülleimer neben ihm.
„Liebling, vielleicht solltest du dich nachher im Geschäft melden...“, begann Rachel vorsichtig, da sie wusste, was er davon hielt. „Brenda rief mich heute Morgen an und gesagt, dass einige wichtige Termine anstehen, die du unbedingt wahrnehmen müsstest.“
„Sie ist meine Sekretärin. Sie sollte sie umlegen können...“
„Brian, sie kann nicht alles...“
„Ich weiß, Schatz“, unterbrach er Rachel und wandte den Blick von Joan ab. Liebevoll legte er seine Hände an ihre Hüfte und sah sie sanft an. „Es tut mir Leid, Liebling. Ich weiß, ich war in den vergangenen Tagen schwer zu ertragen.“
„Du sorgst dich um Joan, das ist doch verständlich.“
„Aber beinahe hätte ich dich dabei vergessen.“ Seine Hände fuhren ihren Rücken hinauf, sein Gesicht kam dem ihren näher und dann küsste er sie zärtlich. „Ich liebe dich, Rachel.“
„Ich liebe dich auch“, flüsterte sie und genoss den Moment der Zweisamkeit. Dann löste sie sich ein wenig von ihm und sah mit betrübtem Blick zu Joan hinüber. „Mach’ dir nicht so viele Sorgen um sie. Die Ärzte tun ihr Möglichstes, damit sie wieder zu uns zurückkehrt.“
„Ich frage mich die ganze Zeit, was dann sein wird“, sagte Brian unsicher. Ebenso wie er sich darauf freute, dass seine Schwester aufwachte, so hatte er auch Angst davor. Bisher war es ihm relativ gut gelungen die Gedanken an mögliche Lähmungen, Gedächtnisbeeinträchtigungen oder Veränderungen ihres Gehirns nicht an sich heranzulassen, aber von Tag zu Tag wurden gerade diese Auswirkungen des Komas immer wahrscheinlicher. Wenn Joan aufwachte und feststellte, dass sie gelähmt war... Wenn sie ganz einfache Dinge, wie essen, schreiben oder den Gang zur Toilette neu erlernen musste. Wenn sie sich nicht mehr an ihre Familie und Freunde erinnerte. Vielleicht nie wieder mit ihm lachte. Er wollte nicht darüber nachdenken. Es schmerzte zu sehr.
Mitte Januar fand der Trauergottesdienst für Steve in einer kleinen, unscheinbaren Kirche in L. A. statt. Als Brian, in seinen schwarzen Mantel gehüllt, nach seinen Eltern und Rachel in die Kirche getreten war, sah er bekümmert den braunen Sarg auf dem kleinen Altar stehen. Sein Blick glitt zu dem großen Foto davor, auf dem Steve ihnen lächelnd entgegensah. Brians Kehle verengte sich. Unwillkürlich musste er an Joan denken. Falls sie je aus dem Koma erwachte, würde sie nie die Chance bekommen sich von Steve zu verabschieden. Bemüht nicht an den möglichen Tod seiner Schwester zu denken, folgte Brian seinen Eltern und setzte sich neben Rachel in die zweite Reihe.
Alle Freunde von Steve waren gekommen. Sie saßen schweigend und unter Tränen auf den Bänken hinter den Verwandten, hielten einander an den Händen und reichten sich gegenseitig Taschentücher. Ihren jungen Gesichtern war der Verlust des Freundes anzusehen.
Vom Schmerz gezeichnet kamen Steves Eltern den Gang entlang. Mr. Baxter stützte seine Frau, als sie langsam durch die Kirche gingen und ihre Plätze in der ersten Reihe einnahmen. Voller Trauer um ihren Sohn weinte Mrs. Baxter während des gesamten Gottesdienstes. Jeder der Anwesenden hörte ihr lautes Schluchzen. Tröstend hatte ihr Mann einen Arm um sie gelegt, doch an seiner Haltung sah man, wie schwer es auch ihm fiel, seinen Sohn in dem Sarg vor ihnen liegen zu sehen. Der Tod seines einzigen Kindes traf ihn völlig unerwartet. Niemals hatte er geglaubt, dass sein Sohn vor ihnen die Welt verlassen würde.
Nachdem die letzten Töne von „Amazing Grace“ verklungen waren, wurden alle zum Altar gebeten, um von Steve Abschied zu nehmen. Nacheinander traten Steves Freunde vor, viele von ihnen weinten. Während sie ihre Blumen auf seinen Sarg legten, hörte man einige leise sagen: „Ich werde dich vermissen.“ oder „Du warst ein guter Kumpel.“ Bedrückt und mit gesengten Köpfen verließen sie die Kirche.
Schließlich standen Matthew und Isabelle auf und legten einen großen Strauß weißer Rosen zu den übrigen Blumen. Unter Tränen berührte Isabelle den Sarg und ließ sich von Matthew aus der Kirche führen. Sie hatten den Freund ihrer Tochter sehr gemocht und litten unter seinem tragischen Tod. In naher Zukunft wäre Steve ihr Schwiegersohn geworden.
„Joan hat dich sehr geliebt“, sagte Brian leise und blickte auf den mit Blumen bedeckten Sarg, indem sein Freund lag. „Egal, wo du bist, Steve... versprich mir, dass du sie nicht zu dir holst.“ Brian schloss einen Augenblick lang die Augen. Einzelne Tränen rannten über seine Wange. Als er die Augen wieder öffnete, spürte er Rachel dicht neben sich stehen. Er umschloss ihre Hand mit der seinen und wandte sich vom Altar ab. Seinen Arm um Rachels Hüfte gelegt, liefen sie schweigend den Gang entlang und traten hinaus an die frische Januarluft. Ein leichter Wind wehte über sie hinweg.
Am Rande des Parkplatzes erkannte Brian eine Gruppe junger Leute, die zuvor beim Gottesdienst gewesen waren. Manche rauchten eine Zigarette, während sie sich angeregt unterhielten. Worüber sie sprachen konnte Brian nicht verstehen, aber er vermutete richtig, dass Steve im Mittelpunkt stand. Vermutlich erzählten sie einander von ihren Erlebnissen mit ihm. Da er allgemein beliebt und für jeden Spaß zu haben gewesen war, gab es wahrscheinlich jede Menge zu erzählen.
Brian hätte sich gern zu der kleinen Gruppe gesellt, um seine Geschichten über Steve auszuplaudern und ihn so in Erinnerung zu behalten, doch Mr. und Mrs. Baxters luden sie in ein ruhig gelegenes Restaurant ganz in der Nähe des Friedhofes ein. Bei Tisch wurde kaum ein Wort gewechselt. Es gab kein passendes Thema, dazu war die Stimmung zu gedrückt.
Vom Restaurant aus fuhren Isabelle, Matthew und Brian ins Krankenhaus, um nochmals nach Joan zu sehen. Bekümmert saß Isabelle am Bett ihrer Tochter und betrachtete sie mit Tränen in den Augen. Der Besuch im Krankenhaus fiel ihr an diesem traurigen Tag besonders schwer. Sie fühlte mit Mrs. Baxter und trauerte um Steve, den sie sehr lieb gewonnen hatte.
Matthew dagegen machte die lange Warterei wahnsinnig. Er konnte nicht länger zusehen, wie seine Tochter leblos im Bett lag und darauf warten, dass sich ihr Zustand veränderte. Er wollte etwas tun. Er wollte seiner Tochter helfen. Diese sinnlose Warterei brachte ihn zum Nachdenken und je mehr er grübelte, desto schmerzhafter wurden seine Gedanken. Immer wieder stürzten dieselben Fragen auf ihn ein: Wie lange würde sie wohl noch im Koma liegen? Würde er seine Tochter ebenfalls zu Grabe tragen müssen oder hatte sie Glück und überlebte ihren schweren Unfall? Doch wenn sie überlebte, in welchem Zustand befand sie sich dann? Wie sähe ihr Leben dann aus? Gedächtnisverlust? Lähmungen? Würde sie zum Pflegefall werden? Die Reihe der unbeantworteten Fragen war endlos und ließ Matthew kaum zur Ruhe kommen. Die Grübelei ließ ihn immer verzweifelter werden.
Sichtlich unwohl ging Matthew durch den Raum zu seinem Sohn, der am Fenster stand, und legte die Hand auf dessen Schulter. „Begleitest du mich in den Park?“, bat er seinen Sohn, der darauf nickte. „Wir bleiben nicht lange, Liebling“, sagte Matthew zu seiner Frau, berührte sachte ihre Hand und folgte dann Brian auf den Gang hinaus. Schweigsam verließen sie nebeneinander die Intensivstation und gingen die Gänge des Krankenhauses entlang. Am Hinterausgang traten sie durch die doppelseitige Glastür hinaus ins Freie und folgten langsam den Sandwegen des kleinen Parks.
Es war Brian, der nach einer Weile zu erzählen begann. „Gestern Abend habe ich Joan Geschichten aus unserer Kindheit erzählt. Wir hatten soviel Spaß miteinander. Ich erinnere mich an ihr frohes Lachen, an ihre leuchtend, blauen Augen.“
Matthew lächelte. Genau diese blauen Augen waren jedes New Yorker Weihnachtsfest riesengroß geworden. Neugierig hatte sein kleines Mädchen ihre Geschenke ausgepackt. Ihre Augen hatten zu leuchten begonnen, wenn sie eine Puppe in ihre Arme schloss oder ihr erstes Fahrrad aus der Packung hüllte. Stolz hatte Matthew sie dabei beobachtet.
„Es ist sehr schwer für mich, deine Schwester dort drinnen liegen zu sehen“, gestand Matthew seinem Sohn. „Zu wissen, dass ich nichts für sie tun kann... bricht mir das Herz.“
Brian verstand nur zu gut, was sein Vater meinte. „Manchmal bedrückt mich ihr Anblick so sehr, dass ich aus ihrem Zimmer fliehen muss. Dann gehe ich hier im Park spazieren und ordne meine Gedanken.“
„Ich will sie nicht verlieren...“
„Wir werden sie nicht verlieren, Dad. Sie wird wieder aufwachen.“ Davon war Brian vollkommen überzeugt. Er bemühte sich, jegliche Gedanken, die zwangsläufig mit dem Tod seiner Schwester zusammenhingen, zu verdrängen. Für ihn stand fest, dass sie aufwachte. Es war nebensächlich, wann sie ins Leben zurückkehrte und in welchem Zustand sie sich dann befinden würde. Seine Liebe zu ihr würde nie geringer werden.
Am nächsten Tag brachte Brian seine Eltern und Rachel zum Flughafen. Sie würden fast zur selben Zeit fliegen, nur ihr Ziel war ein anderes. Zuerst verabschiedete sich Brian von Rachel, die in einigen Tagen zu ihm zurückkehren würde, dann begleitete er seine Eltern zu ihrem Flugzeug.
„Du weißt, dass wir nur ungern zurück nach New York gehen... Dr. Cooper sagte, wir können nichts für sie tun“, erklärte Isabelle mit Tränen in den Augen zu ihrem Sohn.
Enttäuscht sah Brian seine Mutter an. Er wusste von Matthews dringender Abreise, da dessen Anwesenheit in New York benötigt wurde, doch hatte er gehofft, dass zumindest seine Mutter noch eine Weile in Los Angeles bleiben würde.
„Du könntest dich zu Joan setzen und ihr etwas erzählen...“
„Schatz, ich glaube nicht, dass sie mich hören kann.“ Liebevoll strich sie ihm mit der Hand über die Wange, beugte sich zu ihm und hauchte einen Kuss auf seine Wange. „Wir telefonieren jeden Tag miteinander. Ich werde bald wiederkommen“, versprach sie ihrem Sohn. „Pass gut auf sie auf.“
„Das werde ich, Mom“, sagte er leise und umarmte seine Mutter zum Abschied ein letztes Mal. Schließlich sah er zu, wie ihr Flugzeug langsam auf das Rollfeld fuhr und kurz darauf in Richtung New York startete. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Brian sich einsam und alleingelassen.
Die Tage vergingen, ehe sie richtig begonnen. Während Matthew und Isabelle mit der Sorge um ihre gemeinsame Tochter in New York bemüht waren, ihren Verpflichtungen weitgehend nachzukommen, hatte auch Brian wieder zu arbeiten begonnen. Abwechselnd verbrachte er die Nächte in ihrem Appartement in Santa Monica oder im Krankenhaus, von wo aus er zu Farleys fuhr und der Vormittag mit Besprechungen und etlichem Schriftverkehr in seinem Büro verging. Jegliche Arbeit, die er nicht zwangsweise im Büro erledigen musste, nahm Brian am Nachmittag mit ins Krankenhaus. Dort blieb er dann bis zum Abend, erzählte Joan von seinem langen Tag und arbeitete seine mitgebrachten Unterlagen durch. Unterdessen hörte Joan über den Walkman ihre Lieblingsmusik.
Nach drei Wochen schien Joans Zustand weiterhin unverändert. Ihre sichtbaren Wunden, die Abschürfungen an Armen und Beinen sowie die Platzwunde an der Stirn, verheilten sehr gut. Wie Dr. Cooper Brian mitteilte, würden noch einige Wochen verstreichen, ehe die gebrochenen Rippen und das gebrochene Handgelenk völlig geheilt waren. Er war jedoch sehr zuversichtlich, dass dies ohne Komplikationen geschehen würde. Joans Leber schien sich allmählich zu erholen, ihre Lunge aber würde wohl erst mit der Zeit ihre volle Funktionsfähigkeit zurückgewinnen. Die einzig gute Nachricht, die sie in diesen Tagen erhielten, betraf die geplante Operation des Neurochirurgen. Anscheinend war der Druck in Joans Gehirn gesunken, sodass man vorerst auf eine weitere Operation verzichten konnte.
Jeden Tag arbeitete die Physiotherapeutin eine Stunde lang mit Joan, damit deren Muskeln vom langen Liegen nicht erschlafften. Mit Fingerspitzengefühl versuchte sie die natürlichen Reize ihrer Patientin zu stimulieren, um sie somit ein Stück näher ins Leben zurückzubringen. Immer häufiger sah Brian der Physiotherapeutin zu, wie sie die Arme und Beine von Joan dehnte, bis sie ihm eines Tages auf seine Bitte hin die Übungen genau zeigte, damit auch er sie am Nachmittag bei seiner Schwester durchführen konnte.
„Sie haben eindeutig den falschen Beruf gewählt“, sagte eine bekannte Frauenstimme hinter Brians Rücken, als er am Abend die Übungen mit Joan machte, die die Therapeutin ihm gezeigt hatte.
„Lassen Sie das nicht meinen Vater hören, Schwester Claire“, sagte Brian lächelnd, bevor diese in sein Blickfeld trat und die Monitore kontrollierte. „Es gab keine Abweichung“, meinte er und deutete mit dem Kopf auf den Monitor.
Schwester Claire lächelte. „Sie machen das sehr gut, Doktor.“
„Alles, nur kein Arzt! Ich mag keine Krankenhäuser“, wehrte Brian ab. „Die netten Krankenschwestern selbstverständlich ausgenommen“, rettete er sich in letzter Sekunde.
Claire lachte. „Aber Sie hätten es auch schlechter treffen können. Ich kann nur davon träumen mir von meinem Lohn ein Kleid von Farleys zu leisten.“
„Wenn Sie das nächste Mal in der Nähe sind, Claire, schauen Sie bei mir vorbei. Ich bin sicher, wir finden etwas für Sie.“
Sie sah ihn verschreckt an. „Mr. Farley, ich wollte Sie nicht...“
Brian lächelte. „Ich weiß. Machen Sie mir trotzdem die Freude?“
„Wenn ich in der Nähe bin...“, versprach sie ihm, obwohl sie nicht daran glaubte, dass er sich dann an sie erinnern würde. „Bleiben Sie nicht zu lange. Gönnen Sie sich ein paar Stunden mehr Schlaf.“ Sie widmete ihren Blick abermals den Geräten zu und notierte etwas in der Krankenakte.
„Ich bin an wenig Schlaf gewöhnt. Ich...“ Mit einem Mal stockte Brian. Die Schwester blickte von ihren Unterlagen auf und sah, wie er auf seine Schwester hinunter starrte.
„Mr. Farley, stimmt etwas nicht?“
„Sie hat meine Hand gedrückt...“
Schwester Claire warf einen Blick auf ihre Patientin, die mit geschlossenen Augen in ihrem Bett lag. Sie sah auf die Monitore, die jedoch keine Veränderungen anzeigten. „Das war sicher nur ein Reflex“, erklärte sie.
„Sie hat meine Hand gedrückt“, beteuerte Brian diesmal mit Nachdruck. Er ließ sich nicht von Schwester Claires offensichtlichen Zweifeln beirren und wandte sich mit deutlicher Stimme an seine Schwester. „Joan, ich möchte, dass du noch einmal meine Hand drückst. Ich weiß, du schaffst es.“ Er wartete einen Moment, aber sie reagierte nicht. „Joan, du hast in den vergangenen Wochen so hart gekämpft, nun gib nicht auf! Drück’ noch einmal meine Hand. Streng dich ein klein wenig an“, ermutigte er sie und kaum hatte er seine Bitte ausgesprochen, spürte er einen leichten Druck in seiner Hand, der von ihren Fingern ausging. „Das war sehr gut!“, freute Brian sich über die Regung seiner Schwester. Tränen traten in seine Augen. Nun reagierten auch die Geräte. Gebannt beobachtete Schwester Claire Brian. „Ich weiß, Joan, ich verlange sehr viel von dir, aber jetzt möchte ich, dass du versuchst deine Augen zu öffnen.“ Gespannt blickte er in Joans Gesicht und hoffte darauf, dass sie die Augen aufschlug. „Joan, kannst du für mich ein Auge aufmachen? Oder für mich lächeln? Ich habe dein Lächeln so vermisst...“ In ihrem Gesicht zeigte sich jedoch keine Regung. Nachdem Joan minutenlang nicht auf seine unablässigen Bitten reagierte, glaubte er schon, er hätte sie wieder an den Ort verloren aus dem sie versuchte zu fliehen, doch da griff sie fester als zuvor mit ihrer Hand zu. „Das war sehr gut, Kleines. Und bestimmt sehr schwer für dich. Wir machen eine kleine Pause. Ruh dich ein wenig aus“, sagte er leise, ohne ihre Hand loszulassen. Mit feuchten Augen blickte er auf seine kleine Schwester hinunter. Diese Minuten waren so unglaublich. Plötzlich zuckten kaum merklich Joans Augenlider. „Oh mein Gott...” Brian glaubte seinen Augen nicht trauen zu können. Nach vier Wochen zwischen Leben und Tod kam Joan allmählich ins Leben zurück. Vor Freude wollte er seiner Schwester um den Hals fallen, hielt sich jedoch zurück. „Claire, haben Sie das gesehen?”
„Sprechen Sie weiter mit ihr. Ich hole einen Arzt.“ Schon eilte Schwester Claire hinaus.
„Joan, ich habe es gesehen“, sagte Brian dicht zu ihr hinunter gebeugt, damit sie ihn besser verstehen konnte. Er hielt ihre Hand, küsste überwältigt ihre Finger. „Du musst deine Augen aufmachen... bitte... versuche es, mir zuliebe...“
In dem Moment kamen Dr. Cooper und Schwester Claire ins Zimmer. Als hätte Joan auf weitere Zuschauer gewartet, öffnete sie ihre Augen einen Spalt.
„Das ist wunderbar, Jo!“, würdigte Brian ihre ungeheure Leistung. Arzt und Schwester sahen einander voller Freude an, griffen jedoch nicht ein, da beide fanden, dass Brian das hervorragend machte. „Kannst du deine Augen noch ein wenig weiter öffnen? Versuch’ mich anzuschauen“, drängte er Joan weiter, um zu verhindern, dass sie wieder einschlief. Prompt bekam er ein lautes Stöhnen als Antwort, so als wollte sie ihre Missstimmung über seine grenzenlosen Forderungen äußern. Dann schlug sie ganz plötzlich ihre Augen auf, nur um sie gleich darauf wieder zu schließen. Ihre Anstrengungen waren gewaltig. „Hallo, Kleines...“, sagte Brian durch einen Tränenschleier. „Ich bin bei dir. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bleibe hier...“
Da öffnete Joan erneut ihre Augen. Diesmal sah sie ihn einen Augenblick lang an und lächelte, ehe sie die Lider wieder schloss. Einen Moment darauf war sie eingeschlafen.
„Mr. Farley, Sie sollten heimfahren. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Ihre Schwester heute noch einmal aufwachen wird“, erklärte Dr. Cooper. „Gönnen Sie ihr etwas Ruhe.“
„Ruhe? Sie hat beinahe fünf Wochen geschlafen“, sagte Brian, der seine Schwester nun nicht mehr allein lassen wollte.
„Das kommt nur uns so vor. Ihre Schwester hat diese Wochen hart gekämpft, um zu überleben. Vergleichen Sie es mit einem sehr langen Marathonlauf. Sie hat soeben erst die Hälfte geschafft.“
Was genau Dr. Cooper damit meinte, erklärte er Brian anschließend in seinem Büro. Nun, da Joan aus dem Koma erwacht war, würde sich erst das ganze Ausmaß des Unfalls erkunden lassen. Er erklärte, dass einige Untersuchungen auf Joan zukamen, die ihnen Klarheit über die Auswirkungen der Gehirnprellung und des Komas verschafften. Sollten sich diese Schäden als gering darstellen, so musste sie noch mindestens vier Wochen, vermutlich jedoch länger, im Krankenhaus bleiben und mit Hilfe einer täglichen Physiotherapie wieder zu Kräften kommen. Seit ihrer Einlieferung hatte sie fast zehn Kilo verloren und mit den Übungen, die ihre Muskeln trainierten, hatte die Physiotherapeutin erst vor knapp zwei Wochen beginnen können, sodass Joan arge Probleme beim Laufen und beim Bewegen ihrer Arme haben würde.
„Sie ist aufgewacht!“, rief Brian freudestrahlend ins Telefon.
„Wer?“, fragte Rachel am anderen Ende verwirrt. Da erst begriff sie, von wem Brian sprach. „Oh mein Gott! Joan? Sie ist aufgewacht?”
„Sie hat meine Hand gedrückt, die Augen geöffnet und mich angelächelt“, sagte er noch immer von dem Ereignis aufgeregt.
„Das ist wundervoll, Schatz. Gott hat meine Gebete erhört...“
Er hörte ihr leises Schluchzen durchs Telefon und sehnte sich danach, sie in die Arme schließen zu können, doch Rachel war für zwei Tage in San Diego.
Brian ignorierte den Rat von Dr. Cooper und verbrachte die Nacht am Bett seiner Schwester. Von den Ereignissen zu aufgewühlt, fand er keinen festen Schlaf und so betrachtete er Joan bis spät in die Nacht hinein. Schließlich übermannte ihn die Müdigkeit und als die Nachtschwester um Fünf ins Zimmer trat, schlief er mit verschränkten Armen zurückgelehnt auf seinem Stuhl.
Am nächsten Morgen wurde Brian von den gedämpften Geräuschen geweckt, die das rege Treiben auf dem Gang vor Joans Zimmer vermuten ließ. Mit geschlossenen Augen bewegte er seine Arme und die Schulter, die durch das lange Sitzen verkrampft waren. Dann erst öffnete er seine Augen und wandte den Blick zu seiner Schwester hinüber. Überrascht sah er, dass Joan ihn anschaute.
„Hey... du bist ja wach“, sagte Brian sanft. Lächelnd stand er von seinem Stuhl auf, beugte sich zu ihr hinunter und küsste liebevoll ihre Stirn. „Ich habe dich vermisst.“ Joan lächelte und nickte als Antwort. „Wie fühlst du dich? Hast du Schmerzen?“, fragte Brian besorgt, worauf Joan kaum merklich den Kopf schüttelte und plötzlich das Gesicht verzog. „Dank mir, spätestens jetzt. Tut mir leid“, sagte er mit gequältem Blick. Da erinnerte er sich an Dr. Coopers Worte am Vorabend. „Dein Arzt sagt, du brauchst viel Ruhe, um wieder völlig gesund zu werden. Möchtest du, dass ich dich allein lasse?“ Er bemerkte die plötzliche Angst in ihrem Gesicht, als sie abermals den Kopf schüttelte. Diesmal schien es ihr weniger Schmerzen zu bereiten. „Rachel wird dich heute Abend besuchen kommen. Sie hat sich sehr gefreut, als ich ihr von deinem Erwachen erzählte und lässt sich entschuldigen. Sie ist in San Diego, irgendeine Konferenz“, erklärte Brian, während er seinen Stuhl näher an ihr Bett heranzog und sich setzte. Lächelnd nahm er ihre Hand in die seine. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin, dass du wieder bei uns bist. Du hast mich ganz schön erschreckt.“ Joan öffnete ihren Mund und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Warte, ich tupfe sie dir“, sagte Brian und griff nach dem Wattebausch, um ihr gleich darauf Wasser auf die trockenen Lippen zu tupfen. Indessen wandte Joan den Blick nicht von ihm ab.
„Ich glaube, dass genügt erst einmal. Sobald die Schwester kommt, frage ich, ob du etwas Wasser trinken darfst, einverstanden?“ Joan nickte und legte ihre rechte Hand auf die von Brian. Sie öffnete ihren Mund, als wollte sie etwas sagen, doch es war nur ein sehr leises Krächzen zu hören. „Was möchtest du mir sagen, Jo?“, fragte Brian und rückte näher an ihr Gesicht, um sie besser verstehen zu können. Joan versuchte es nochmals, aber es kam kein Laut heraus. Darüber verärgert schloss sie missmutig den Mund. „Schon gut, du brauchst nichts zu sagen. Das strengt dich noch zu sehr an“, sagte Brian lächelnd und küsste ihre Finger. „Wir alle haben dich schrecklich vermisst, Schwesterchen. Mom und Dad waren hier und haben dich jeden Tag besucht.“ Er bemerkte das Fragezeichen in ihrem Blick und beantwortete ihre unausgesprochene Frage. „Sie mussten dringend nach New York zurück, aber es ist kein Tag vergangen, an dem wir nicht miteinander telefoniert haben. Gestern Abend habe ich in New York angerufen und ihnen erzählt, dass du aus dem Koma erwacht bist. Sie werden morgen hier eintreffen.“
Sie zwinkerte und öffnete abermals ihren Mund. Doch als ihr trotz sichtlicher Bemühungen die Worte wieder im Hals stecken blieben, zog Joan die Stirn kraus und sah ihren Bruder verzweifelt an.
„Versuche es mit kurzen Wörtern“, sagte er ruhig, obwohl sein Herz wild schlug. In dieser Minute gingen ihm viele Dinge durch den Kopf. All die Wochen hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als das sie aufwachte. Dabei hatte es keine Rolle für ihn gespielt, wie der Zustand seiner Schwester danach sein würde. Erst jetzt machte er sich erstmals darüber Gedanken, dass durch die schwere Gehirnprellung oder das Koma geistige Schäden bei Joan entstanden sein könnten. „Lass dir etwas Zeit. Du bist gerade erst wieder aufgewacht und...“
„Br...ria...n...”, kam es mit einem Mal leise über ihre Lippen. Augenblick verstummte er und lächelte sie an. „Dan...ke...“
Brian standen Tränen in den Augen. „Wofür denn?“ Er hob ihre Hand an seinen Mund hinauf und küsste ihre Finger. „Du hast mir so unglaublich gefehlt...“
„Du... mir... au...ch...“, flüsterte sie.
Plötzlich durchbrachen seine angestauten Gefühle, seine nun ausgestandenen Ängste, das Schutzschild seines Körpers. Mit verschleiertem Blick sank sein Kopf auf die Bettdecke gegen Joans Bauch hinunter. Ihre rechte Hand fest umklammert, schloss Brian die Augen und ließ seinen Tränen freien Lauf. Da spürte er Joans verbundene Hand auf seinem Kopf, spürte, wie ihre Finger langsam über seine kurzen Haare fuhren. Es war, als wollte sie ihm zeigen, dass sie für ihn da war.
In den nächsten Tagen schlief Joan sehr viel. Zumeist war sie nicht länger als eine halbe Stunde am Stück wach, dann schlief sie erschöpft wieder ein. Doch in dieser kurzen Zeit sah sie Brian, Rachel oder ihre Eltern an, die abwechselnd an ihrem Bett saßen, und hörte ihnen zu, wenn sie über Dinge sprachen, die sie verschlafen hatte.
Vier Tage nachdem Joan aus dem Koma erwacht war, saß Brian am späten Nachmittag allein an ihrem Bett, las in seinen Unterlagen und wartete darauf, dass sie die Augen aufschlug. Seit einer Stunde war er bereits bei ihr, als sie plötzlich leise stöhnte.
Brian legte die dünne Mappe auf die Beine seiner Schwester und beugte sich zu ihr vor.
„Joan?“, fragte er leise, doch sie gab keinen Laut mehr von sich. „Hey, du hast lange genug geschlafen.“ Er beobachtete sie noch einen Moment, aber sie erwachte nicht. Schließlich widmete er sich seinen Unterlagen, doch während er dies tat, hörte er sie immer wieder leise stöhnen und sah, wie ihre Hände zuckten. „Joan, was ist denn los?“ Misstrauisch ließ er die Mappe auf seinen Schoß sinken und berührte ihre Hand. Er spürte, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Vermutlich träumte sie.
Mit einem Mal schlug Joan ihre Augen auf. Sie waren angsterfüllt, ließen Brian schaudern. Irritiert sah sie sich im Zimmer um. Sie fühlte sich nicht wohl, das sah Brian ihr an ihrer krausgezogenen Stirn an.
„Hey“, sagte er sanft. „Du hast nur schlecht geträumt. Es ist alles in Ordnung.“
„Wo... bin... ich?“, fragte sie leise.
„In einem Krankenhaus in Malibu“, erklärte Brian und nahm ihre Hand in die seine. Da hörte er, wie hinter ihm jemand die Tür öffnete und ins Zimmer trat. Er wandte den Rücken herum und sah Dr. Cooper.
„Was ist... mit mir... passiert?“, kam es mit sichtlicher Anstrengung aus Joans Mund, worauf Brian sich zu ihr drehte und sie mit besorgtem Blick ansah.
„Erinnerst du dich denn nicht?“ Joan schüttelte den Kopf und stöhnte unter den Schmerzen auf, die die plötzliche Bewegung auslösten. Ihr Kopf fühlte sich an, als hätte jemand mit einem Baseballschläger zugeschlagen.
Indessen wandte Brian den Blick zu Dr. Cooper, der am Ende des Krankenbettes stand. Seine Hände ruhten auf dem Gestänge.
„Das ist nach einem tiefen Koma nicht ungewöhnlich“, erklärte Dr. Cooper in ruhigem Ton. Ihm war Joans Problem bereits bekannt, doch die neuerlichen Untersuchungen hatten keinerlei Hinweise auf eine Beeinträchtigung des Erinnerungsvermögens gegeben. Zudem waren die ersten Tests positiv ausgefallen. Joan kannte sämtliche ihrer persönlichen Daten, konnte ihre Besucher richtig zuordnen und wusste über Ereignisse aus der ganzen Welt Bescheid. Sie konnte sich an alles erinnern, nur eben nicht an den Tag des Unfalls. „Ich bin sicher, dass die Erinnerungen in einigen Tagen zurückkehren werden“, fuhr Dr. Cooper zuversichtlich fort. „Mrs. Farley, Sie haben eine sehr lange und anstrengende Reise hinter sich. Davon hat sich ihr Gehirn noch nicht erholt. Gönnen Sie sich und Ihrem Körper etwas Ruhe.“
Für einen Moment schloss Joan ihre Augen und hörte nicht, wie der Arzt nach einem knappen Nicken zu Brian ihr Zimmer verließ. Als sie Brian wieder ansah, fiel ihm ein, dass er ihre Frage noch nicht beantwortet hatte.
„Du hattest einen schweren Unfall“, sagte Brian, während er ihre Hand fest umschlossen hielt. „Du bist ins Koma gefallen.“
„Wie... lange?“, presste sie leise hervor.
„Etwas mehr als vier Wochen.“
Joan nickte und verzog das Gesicht vor Schmerz. Sie schloss die Augen und er glaubte, sie sei wieder eingeschlafen, aber da öffnete sie die Lider und sah ihn mit sorgenvollem Blick an.
„Kleines, kann ich etwas für dich tun?“, fragte Brian leise. Er legte seine Hand an ihre Wange und streichelte sie liebevoll, als Joan den Mund öffnete. Unsicherheit stand in ihr Gesicht geschrieben. „Sag’ mir, was dir durch den Kopf geht.“
„Wo...“, kam es endlich über ihre Lippen. „...ist... Steeeve?“
Der Schreck über diese unerwartete Frage musste ihm allzu deutlich im Gesicht stehen, denn plötzlich lief ihr eine einzelne Träne aus dem rechten Auge. Brian hatte umsonst gehofft. Ihr war nicht entgangen, dass Steve kein einziges Mal an ihrem Bett gesessen hatte, wenn sie aufgewacht war.
Erwartungsvoll sah Joan ihren Bruder an, der sich überlegte, wie er die Nachricht von Steves Tod noch einige Tage hinauszögern konnte. Dr. Cooper hatte eindringlich gesagt, dass sie jegliche Aufregung von Joan fernhalten sollten. Sie brauchte absolute Ruhe. Doch der Arzt hatte vergessen ihm zu sagen, wie er Steves Tod vor ihr verbergen sollte.
„Joan, er kann nicht zu dir kommen.“
„Er... will... nicht“, sagte sie mit traurigem Blick. „Ich bin... nicht mehr... wie vorher.“
„Das hat damit absolut nichts zu tun. Wenn er könnte, würde Steve dich niemals in dieser Situation alleine lassen“, erklärte Brian von seinen Worten fest überzeugt.
Sie schöpfte neue Hoffnung. „Warum... ist er... dann... nicht... hier?“
„Jo...“, nannte er sie sanft beim Kosenamen. „...Steve saß mit dir im Auto. Ihr hattet beide den Unfall.“
„Wie...geht es... ihm?“, fragte sie mit sorgenvollem Blick. „Ist er... schwer... verletzt?“
Brian, der sich unweigerlich an Steves Beerdigung erinnerte, traten Tränen in die Augen. Er wusste nicht, wie er seiner Schwester die schreckliche Nachricht mitteilen sollte. Vielleicht wäre es das Sinnvollste, wenn er sie zu ihrem eigenen Schutz belog, ihr nichts von Steves Tod erzählte.
„Brian...“, drängte sie ihn.
„Jo...“, begann er leise. Erwartungsvoll sah sie ihn an. Als Brian zu ihr aufblickte und sie mit traurigen Augen ansah, wusste sie, was geschehen war.
Kaum merklich schüttelte sie den Kopf. „Ich habe ihn... in meinen Träumen... gesehen.“ Tränen liefen aus ihren Augen. „Wir sind den Weg... gemeinsam... gegangen. Hand... in Hand...bis zur... Gabelung. Er wollte... den dunklen Weg... gehen, aber ich hatte... Angst. Der andere Weg... war viel... heller und ich habe... dich gesehen.“ Sie schluchzte laut. „Plötzlich... war er... nicht mehr... bei mir. Warum... hat er mich... allein gelassen?“
Durch einen Tränenschleier sah Brian sie an. Er konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen, was Steves Tod für sie bedeuten musste. Sie hatte ihn unendlich geliebt. „Ich weiß es nicht, Kleines.“
„Lass... mich... allein...“, bat sie ihn unter Tränen.
Zweites Kapitel
Mit jedem Tag verbesserten sich Joans anfängliche Sprachprobleme zusehends. Die Worte kamen noch ein wenig holprig und verlangsamt über ihre Lippen, aber Dr. Cooper war angesichts der neuen Computertomographie sehr zuversichtlich, dass ihr Sprachvermögen vollständig zurückkehren würde. Einzig die starken Kopfschmerzen, unter denen Joan litt, schienen die Nachwirkung der Gehirnprellung zu sein.
Nach einer Woche war Joans Gesamtzustand so stabil, dass Dr. Cooper seine Patientin auf die normale Station verlegte. Noch am selben Tag begann die Physiotherapeutin mit einer für Joan abgestimmten muskelaufbauenden Therapie. Gut gelaunt plapperte sie auf ihre Patientin ein und es schien sie nicht zu stören, dass sie nie eine Antwort bekam.
Schlief Joan nicht, dann lag sie stumm in ihrem Bett, starrte an die Decke oder weinte leise in ihr Kissen. Niemand drang zu ihr durch, nicht einmal Brian, der sie täglich besuchte.
„Du hattest einen Schutzengel“, sagte Brian leise, da sie angesichts ihrer schweren Verletzungen sehr viel Glück gehabt hatte.
„Nein... ich hatte zwei. Steve hat mir seinen geliehen“, flüsterte Joan unter Tränen. Es war das erste Mal, dass sie mit jemanden sprach, seit sie von Steves Tod erfahren hatte. Langsam wandte sie den Kopf zu Brian herum und blickte ihn mit traurigen Augen an. „Es tut mir Leid. Ich wollte euch nicht verstoßen.“
„Ich weiß“, sagte er sanft und nahm ihre Hand zwischen die seinen. „Du brauchtest Zeit für dich und deine Trauer.“
„Ich vermisse ihn so...“
„Ich weiß, Kleines... ich weiß...“
Es war nicht nur Steves fröhliche Art, die sie vermisste, sondern auch seine wunderschönen, grünen Augen. Seinen liebevollen Blick, wenn er ihr sagte, dass er sie liebte. Es gab so viel, was sie ihm noch hätte sagen wollen, wofür sie ihm danken wollte, doch all ihre Gedanken endeten letztendlich in drei kleinen aber sehr bedeutungsvollen Worten. Ich liebe dich. Dafür war es nun zu spät. Steve würde ihr nie wieder zuhören und mit ihr lachen. Er hatte sie für immer verlassen.
Als Dr. Cooper am nächsten Morgen zu ihr ins Zimmer kam, fragte Joan ihn erstmals, wie ihre weitere Behandlung aussah. Vor zwei Wochen war sie aus dem Koma erwacht, doch sie hatte noch keinen Fuß aus ihrem Bett gesetzt.
„Da sowohl Ihr Handgelenk als auch Ihre gebrochenen Rippen sehr gut geheilt sind und Ihnen keine Probleme mehr bereiten, denke ich, dass die Physiotherapeutin nun mit der muskelaufbauenden Therapie beginnen kann. Sie haben sehr lange gelegen und an Gewicht verloren...“, erklärte er ihr, während er auf dem Stuhl neben ihrem Bett saß. „...deshalb werden Sie sich erst wieder Schritt für Schritt ans Laufen gewöhnen müssen.“
„Was genau bedeutet das, Doktor? Heißt das, ich kann meine Beine nicht mehr bewegen?“
„Mrs. Farley, Sie sind nicht querschnittsgelähmt“, klärte Dr. Cooper sie auf. „Denken Sie an eine Marionette, die sich nur dann bewegt, wenn ein Mensch an den Fäden zieht. Anstelle der Fäden haben wir Muskeln. Ihre Muskeln wurden jedoch in den vergangenen sechs Wochen kaum bewegt, sie sind erschlafft. Wenn Sie jetzt das Bett verließen, würden Ihre Beine unter der Last Ihres Körpers zusammenbrechen.“
„Aber durch die Physiotherapie werde ich doch wieder laufen können?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Anfangs werden Sie Probleme haben, aber ich versichere Ihnen, nach einigen harten Wochen Physiotherapie laufen Sie aus unserem Krankenhaus“, sagte Dr. Cooper lächelnd.
Der März verging und bei jedem seiner Besuche fiel Brian auf, wie Joan mehr und mehr zu Kräften kam. Nach kurzer Zeit waren ihre Arme so kräftig, dass sie sich mit ihrem Rollstuhl allein fortbewegen konnte – der erste Schritt in die Unabhängigkeit. Joan verschwendete keine Zeit, arbeitete hart an sich und ihrem Körper und bald stellten sich die ersten Erfolge bei der Therapie ihrer Beine ein. Mariella, Joans Physiotherapeutin, war sehr Stolz auf ihre Patientin. Nach wochenlangem Muskeltraining konnte Joan sich mit Hilfe von zwei Krücken auf ihren eigenen Füßen halten und einige Schritte gehen. Damit hatte Joan einen weiteren Pass des Berges erklommen, doch es würden noch Wochen vergehen, bis sie den Gipfel endlich erreicht hatte.
Neben der täglichen Therapie mit Mariella, traf Joan sich dreimal in der Woche mit einer Psychologin, der sie jedoch weitaus weniger Sympathien als Mariella entgegenbrachte. Anfangs hatte Joan sich ihr nur schwer öffnen können, was hauptsächlich daran lag, dass sie mit Fremden nicht gern über persönliche Dinge sprach. Dennoch überwand sie mit der Hilfe ihrer Psychologin ihre Angst vor dem Alleinsein. Ihr Lebenswille kehrte zurück, während der Hass, den sie zumeist auf sich selbst gerichtet hatte, allmählich verebbte. Nur noch selten, in besonders schweren Stunden, wünschte Joan sich, in jener Nacht mit Steve gestorben zu sein. Doch auch diese Gedanken wurden immer seltener.
Es wurde April. Der Frühling beglückte sie mit warmen Temperaturen um die fünfundzwanzig Grad Celsius, sodass Joan wann immer sich ihr die Gelegenheit bot einige Stunden im Park des Krankenhauses verbrachte. Während sie mit ihrem Rollstuhl die Sandwege entlang fuhr und dann und wann anhielt, lauschte sie dem Rauschen des Ozeans. In diesen Momenten wünschte sie sich, sie könnte einfach aufstehen, an den Strand rennen und ins Wasser springen.
Brian, der seine Schwester jeden zweiten Tag im Krankenhaus besuchte, brachte ihr jedes Mal frische Frühlingsblumen mit und stellte sie in die Vase auf ihrem Nachtschrank. Dann erzählte er Joan stundenlang alle Neuigkeiten, während sie im Park spazieren gingen oder, was nur selten vorkam, in ihrem Zimmer saßen. Beide fühlten sich an ihre gemeinsame Kindheit erinnert und genossen die Momente der Zweisamkeit.
„Haben Mum und Dad sich bei dir gemeldet?“, fragte Brian seine Schwester, als sie auf einer Bank Platz genommen hatten, damit Joan sich etwas erholen konnte. Ihre Krücken standen hinter der Bank.
„Ja, gestern“, antwortete sie und setzte sich ihre Sonnenbrille auf. „Dad erwähnte ein Angebot, das er dir unterbreitet hat. Worum geht es dabei?“, fragte sie interessiert.
„Er bietet mir an, nach Europa zu gehen - Mailand. Ich soll dort die Neueröffnung unserer Filiale überwachen und diese vorerst für ein Jahr leiten.“
„Wow! Was für ein Karrieresprung“, sagte Joan lächelnd. „Ich freue mich für dich.“ Sie wusste, dass er insgeheim immer darauf hin gearbeitet hatte, eines Tages eine der Filialen zu leiten. Einzig New York zog er dabei nicht in Betracht. Der ständige Rummel um seine Person würde ihn verrückt machen.
„Ich würde sein Angebot gern annehmen, aber...“
„Natürlich machst du das“, sagte Joan bestimmt. „Das ist gar keine Frage.“ Da traf sie den unsicheren Blick ihres Bruders und ahnte, warum er mit der Zusage zögerte. „Rachel? Sie weiß es noch nicht, oder?“, fragte sie sanft.
Brian wandte den Blick von ihr ab. „Wie kann ich darüber nachdenken?“ Er seufzte. „Wir haben in L.A. unser Leben. Rachel hat einen Job, der ihr viel bedeutet. In Mailand würde sie von vorn beginnen.“
„Vielleicht stört sie das nicht. Kam dir je in den Sinn, dass sie sich auf Italien freuen könnte? Schließlich leben ihre Eltern in Rom und sie hat sie sehr lange nicht mehr besucht.“
Joan bemerkte, wie er über ihre Worte nachdachte und überließ ihn einige Minuten seinen Gedanken. Sie sah zu einem Pärchen hinüber, das sich auf einer Decke in den Armen lag und versuchte die schmerzvollen Gedanken an Steve zu verdrängen. Die Psychologin hatte ihr gesagt, dass eine Zeit kommen würde, in der die Erinnerungen an Steve ihr nicht zwangsweise die Kehle zuschnürten. Sie würde seinen tragischen Tod überwinden und nur noch an die schönen Augenblicke mit ihm denken, doch dazu musste sie Steve erst einmal loslassen.
„Ungelegen käme es nicht“, sagte Brian plötzlich mehr zu sich selbst. Unbewusst hatte er die Worte laut ausgesprochen.
„Wie darf ich denn das verstehen?“, fragte Joan aus ihren eigenen Gedanken gerissen.
„Oh... ich habe nur laut gedacht“, versuchte Brian sie zu besänftigen, aber er hatte bereits ihre Neugier geweckt.
„Brian, was heckst du aus?“
„Nichts!“, log er und verkniff sich ein Lächeln. Er wusste, sie würde nicht Ruhe geben, ehe sie erfahren hatte, worum es ging.
Joan zwickte ihm in die Seite. „Los, erzähl’ es mir!“
„Okay, aber du hältst deinen Mund“, mahnte er seine kleine Schwester, die vor Ungeduld fast platzte.
„Mach’ es nicht so spannend!“
„Ich will Rachel bitten, meine Frau zu werden.“ Joans Mund blieb offen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Die Beiden lebten seit Jahren zusammen und noch nie war das Wort Hochzeit zwischen ihnen gefallen. „Ich denke schon seit längerem darüber nach. Dein Unfall hat mir den entscheidenden Anstoß gegeben“, erklärte er ruhig. „Mir ist bewusst geworden, dass plötzlich alles zu Ende sein kann. Ich liebe Rachel und ich will mit ihr alt werden.“
„Ich freue mich, dass ich dein Anstoß gewesen bin“, sagte Joan lächelnd. „Wann willst du sie fragen?“
„Wenn du Recht hast und wir tatsächlich nach Mailand gehen, dann werden wir ganz sicher einen Abstecher nach Rom machen und Rachels Eltern besuchen. Dort könnte ich Rachel im Beisein ihrer Eltern bitten, meine Frau zu werden.“
„Oh mein Gott! Du willst vor ihren Eltern um ihre Hand anhalten?“
„Rachel liebt diese alten Traditionen.“
„Wie romantisch...“
„Sie ist nun einmal der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich will, dass sie glücklich ist.“
„Mit dir kann man nur glücklich werden, Bruderherz.“
Es war, wie Joan es vorausgesagt hatte. Mit dem Tag von Rachels Zustimmung gab es unzählige Dinge bis zu ihrer Abreise Mitte Mai zu erledigen. Sie beschlossen, ihr Appartement nicht zu verkaufen, sondern einem Freund für die Zeit ihrer Abwesenheit zu vermieten, bis dieser seine eigene Wohnung beziehen konnte. Zudem kümmerte sich Rachel um eine geeignete Vertreterin ihres Postens, den sie erst nach ihrer Rückkehr wieder wahrnehmen würde, und hatte erste Kontakte zu einer Organisation in Mailand geknüpft, die sich ebenfalls um misshandelte Kinder kümmerte.
„Hast du dir schon überlegt, was du tust, wenn du hier entlassen wirst?“, fragte Brian seine Schwester eines Aprilabends, als sie gemeinsam auf ihrem Krankenbett saßen und fernsahen.
„Ich denke, ich werde unsere Studentenbude räumen und mir eine kleinere Wohnung suchen“, sagte sie wehmütig, da sie die Bude sehr gemocht hatte. Aber ohne Steve war es einfach nicht mehr dasselbe. Während ihres Krankenhausaufenthaltes bezahlten ihre Eltern die Miete, die Steve und Joan sich vor ihrem Unfall geteilt hatten. Eine Geste, die Joan zu schätzen wusste, aber sie hatte sie nur angenommen, weil man sonst Steves und ihre Sachen vor die Tür gestellt hätte.
„Und dein Studium?“, harkte er nach.
„Ich weiß nicht... Der Gedanke ohne Steve an die Uni zu gehen...“
Verständnisvoll legte Brian seinen Arm um ihre Schulter. „Was hältst du davon, mit uns nach Mailand zu kommen?“
Joan sah zu ihrem Bruder. „Ich soll mit euch kommen?“
„Ich habe mit Rachel gesprochen und auch sie hält es für eine gute Idee. Nach allem was geschehen ist, brauchst du Abstand von L.A. und du hast mir immer von Europa vorgeschwärmt.“
„Es ist dort auch sehr schön“, sagte sie lächelnd, da er wusste, wie sehr sie Europa liebte. Seit der Reise mit einer Freundin vor einigen Jahren war sie nicht mehr dort gewesen. Joan dachte einen Moment über sein verlockendes Angebot nach, ehe sie antwortete: „Ich würde euch sehr gern begleiten.“
„Herr, dir sei dank! Sie hat ja gesagt“, sagte Brian erfreut und umarmte sie. „Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich hatte bedenken, dich allein in L.A. zurückzulassen - du machst allein nur Unsinn“, neckte er sie lächelnd.
„Oh, du hast Recht. Ich bin ohne dich völlig unfähig.“
„Das nenn’ ich eine Erkenntnis!“
Während Joan in den folgenden Wochen viele Stunden mit Mariella im Trainingsraum verbrachte und immer sicherer an ihren Krücken lief, kümmerten Brian und Rachel sich um die Vorbereitungen ihrer langen Reise. Brian suchte in Mailand nach einem geeigneten Haus, das er vorerst für ein Jahr mieten wollte, kündigte die Studentenbude auf dem Campus und ließ Joans und Steves Sachen einlagern. Lediglich die Kleider seiner Schwester brachte er in sein Appartement.
„Jedes Mal, wenn ich dich besuche, sehe ich deutliche Fortschritte“, sagte Brian Ende April erfreut zu ihr. Nach einem anstrengenden Tag im Büro war er am späten Abend außer Plan noch zu ihr gefahren und hatte soeben von ihren langen Rundgängen durch das Krankenhaus erfahren.
„Ich möchte dir etwas zeigen.“ Ihre Augen strahlten, als sie in grauer Trainingshose und T-Shirt das Bett verließ und noch etwas unsicher langsam im Zimmer umherlief.
„Hey, das ist ja großartig! Du brauchst deine Krücken nicht mehr“, freute Brian sich. „Seit wann kannst du so gut laufen?“
Sie grinste. „Das sollte eine Überraschung werden.“
„Die ist dir gelungen. Komm’ her, Kleines“, sagte Brian lächelnd und zog Joan in seine Arme. „Ich bin sehr Stolz auf dich.“
Sie küsste seine Wange. „Es wird Zeit, dass ich hier endlich rauskomme.“
Brian nickte zustimmend. „Mailand ist der Anfang eines neuen Lebensabschnittes.“
Wie von Dr. Cooper angesetzt wurde Joan am ersten Maifreitag aus dem Krankenhaus entlassen. Ehe sie den Ort verließ, der für vier Monate ihr Zuhause gewesen war, dankte sie besonders Dr. Cooper und Mariella für deren Hilfe. Sie wusste, wie viel diese zwei Menschen für sie getan hatten. Dem Einen verdankte sie ihr Leben, der Anderen, dass sie an diesem Tag auf ihren eigenen Beinen das Krankenhaus verlassen konnte.
„Ich habe die Wohnung wie du wolltest ausgeräumt und deine Sachen in unserem Gästezimmer untergestellt“, sagte Brian, als sie in sein Mercedescabrio stiegen. „Ich dachte, wir fahren gleich zu uns, damit du genug Zeit zum Packen hast.“ Am Sonntag würden sie bereits im Flugzeug nach Mailand sitzen.
„Brian?“
„Mhm?“ Er sah zu ihr hinüber.
„Kannst du mich vorher... zu ihm bringen?“, bat Joan ihren Bruder leise. Nun wusste er, warum er ihr den schwarzen Rock und die schwarze Bluse mitbringen sollte, die sie angezogen hatte, ehe sie losgefahren waren.
Brian legte seine Hand auf die ihre und nickte. „Natürlich.“
Auf der Fahrt nach Santa Monica nahmen sie den Pacific Coast Highway. Währenddessen blickte Joan unentwegt aus dem Seitenfenster hinaus aufs offene Meer. Ihre Gedanken glitten zu jener Nacht, in der Steve und sie viel Spaß gehabt hatten. Auf der Heimfahrt hatten sie gesungen und gelacht. In Erinnerung daran rannten Tränen über ihre Wangen.
Brian sah von Zeit zu Zeit kurz zu seiner Schwester hinüber und konzentrierte sich dann wieder auf die Strasse. Nach einer halben Stunde erreichten sie den Santa Monica Freeway, den sie wenige Minuten darauf verließen und durch ruhigere Strassen fuhren. Schließlich hielt Brian auf einem Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Friedhofs.
„Das ist es“, sagte Brian leise, worauf Joan sich die Tränen aus den Augen fuhr, die Autotür öffnete und ausstieg.
Mit langsamen Schritten ging sie untergehakt bei ihrem Bruder über die Wiesen des Friedhofs, entlang an hunderten Gräbern. Noch nie zuvor war sie hier gewesen, sodass sie mit klopfendem Herzen die Namen auf den Grabsteinen las, die aus dem grünen Gras ragten. Auf einigen standen frische Blumen, andere waren kahl.
Plötzlich blieb Brian stehen. Joan sah erst ihn und dann den Grabstein zu ihren Füßen an. Ihre Augen waren auf den schlichten, weißen Stein gerichtet. Steve Baxter. Geliebter Sohn und Freund, las sie und ließ ihren Tränen freien Lauf. Unaufhaltsam liefen sie ihre Wangen hinunter.
Rücksichtsvoll zog Brian sich auf eine Bank in einigen Metern Entfernung zurück, damit Joan sich in aller Ruhe von Steve verabschieden konnte.
„Selbst wenn wir geahnt hätten, dass uns nur zwei Jahre miteinander bleiben, wir hätten die Zeit nicht anders verbracht...“, flüsterte Joan unter Tränen. „Es war die schönste Zeit in meinem Leben. Die wundervollsten Momente haben wir miteinander geteilt.“ Sie führte die rote Rose an ihren Mund, küsste die Blüten mit all ihrer Liebe und beugte sich hinunter. „Ich werde dich niemals vergessen, Steve. Ich liebe dich... ich werde dich immer lieben.“ Mit zittriger Hand legte sie die Rose vor Steves Grabstein auf den Rasen. Sie stand für den jungen Mann, der an einem gewöhnlichen Januarmorgen gestorben war...
Zwei Tage darauf landeten sie um achtzehn Uhr Ortszeit auf dem Flughafen Malpensa in Mailand. Der Chauffeur des Grand Hotel erwartete sie bereits und fuhr sie ohne lange Verzögerung ins Hotel, wo sie die nächsten Tage verbringen würden. Matthew Farley hatte zwei Suiten für seine Kinder reservieren lassen. Nachdem sie eingecheckt hatten, aßen sie im Restaurant des Hotels zu Abend. Die anschließenden Stunden bis zum Morgen verbrachte Joan allein in ihrer Suite, während Rachel und Brian ins Plastic tanzen gingen.
Ihr Umzug in das von Brian gemietete Haus verschob sich um einige Tage, doch eine Woche nach ihrer Ankunft in Mailand betraten sie zum ersten Mal das ruhiggelegene, im viktorianischen Stil erbaute Haus. Im Erdgeschoss befand sich das geräumige Wohnzimmer mit einer beigefarbenen Eckcouch und einem Kamin. Ein langer Esstisch für acht Personen verband das Wohnzimmer und die offene Küche. Aufgrund der hohen Fensterfront, durch die man in den großen Garten hinausblicken konnte, strömte in beide Räume sehr viel Licht.
Über eine Steintreppe am Eingang des Hauses gelangte man in den oberen Stock, der zwei Schlaf- und zwei separate Badezimmer bereithielt. Warme Braun- und Terrakottatöne verliehen dem Haus erst das richtige Flair. In dem wunderschön bepflanzten Garten gab es außerdem einen großen Pool mit Grillecke.
Die ersten Tage verließ Joan kein einziges Mal das Haus. Sie packte ihre zahlreichen Koffer aus und begnügte sich mit dem Einrichten ihres möblierten Zimmers, indem sie es mit Bildern, persönlichen Fotos und einigen Blumen verschönerte. Am Abend, wenn Brian und Rachel nach Hause kamen, wartete ein köstliches Abendessen auf sie, doch Joan aß nie mit ihnen. Brian wollte sie zu ihnen bitten, aber meistens war ihre Tür verschlossen und auf seine Bitten, sie zu öffnen, reagierte sie nicht.
Eine Woche nach ihrem Einzug klopfte Brian an die Tür zum Zimmer seiner Schwester und drückte die Klinke hinunter. Er hatte Glück, diesmal war sie nicht abgeschlossen. Sieben Tage waren vergangen und er hatte seine Schwester kaum zu Gesicht bekommen. Wenn er morgens das Haus verließ, schlief Joan noch und abends war ihre Tür schon geschlossen.
Joan saß in ihrem braunen Schaukelstuhl vor der geöffneten Balkontür und blickte in den Abendhimmel hinaus.
„Hey“, sagte Brian von der Tür aus leise. Erst da wandte Joan den Kopf zu ihm herum.
„Hallo.“
Brian schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf ihr Doppelbett, das mit der Kopfseite an der Wand stand und mittig ins Zimmer ragte. Nur Joan wusste, dass man in den Morgenstunden aus dem Bett heraus einen herrlichen Blick durch die Balkontür auf den Sonnenaufgang hatte.
Besorgt musterte Brian seine Schwester. Ihm war das Foto mit Steves Gesicht in ihren Händen nicht entgangen. „Wie geht es dir?“, fragte er sanft.
Joan zuckte kaum merklich mit der Schulter.
„Hast du dich etwas eingelebt?“
„Es ist ruhiger... das ist schön.“
Er nickte. „Und was machst du den ganzen Tag über?“
Joan zog die Mundwinkel zu einem schmalen Lächeln hoch. „Brian, ich bin alt genug. Du brauchst nicht auf mich aufzupassen.“
„Du wirst immer meine kleine Schwester bleiben und ich habe...“ Schon einmal versagt, dachte Brian im Stillen.
„Du hättest den Unfall nicht verhindern können“, sagte Joan, als hätte sie seine Gedanken gelesen, und streckte ihm ihre Hand entgegen.
Brian hob seine Hände und umschloss Joans Hand mit den seinen. „Ich weiß, Schwesterchen...“, sagte er in Erinnerung an Steve bedrückt. Aber dann schob er die Gedanken an seinen Freund in die hinterste Ecke seines Gehirns. „Hast du nicht Lust dir Morgen mit uns das Geschäft anzusehen und anschließend einen Einkaufsbummel zu machen?“, fragte Brian seine Schwester hoffnungsvoll. Seit ihrer Ankunft vor zwei Wochen hatte sie außer dem Flughafen und dem Hotel noch nichts von Mailand gesehen.
„Brian, es ist zu früh. Ich kann noch nicht unter so viele Menschen gehen. Bitte versteh’ das.“
Er nickte. „Okay, aber du versprichst mir, dass du nicht den ganzen Tag in deinem Bett bleibst. Setz’ dich an den Pool, ließ ein Buch oder lass dich meinetwegen auch nur bräunen. Bitte!“, flehte er seine kleine Schwester an.
Joan lächelte. „Ich verspreche es dir.“
In der darauffolgenden Woche sollte Brian keine Gelegenheit bekommen, um ihr Versprechen zu überprüfen. Joans blasses Aussehen sprach jedoch für sich. Allem Anschein nach verbrachte sie den ganzen Tag im Haus.
Die Tage an denen Joan allein zu Hause war, vergingen ereignislos. Ewigkeiten schienen zwischen Tag und Nacht zu liegen. Minuten verstrichen so langsam wie Stunden. In der Nacht sehnte Joan den Tag herbei, am Tag die Nächte, in denen sie manchmal von Steve träumte. Stundenlang saß sie in ihrem Schaukelstuhl am offenen Balkon, im gemütlichen Wohnzimmer oder, was in der letzten Zeit häufiger vorkam, im Garten und wartete darauf, dass es endlich dunkel wurde und die Nacht hereinbrach.
Im Gegensatz zu Joan, konnte der Tag für Brian nicht lang genug sein. Meist war er bereits um sieben Uhr auf der Baustelle von Farleys anzutreffen, um die Arbeiten im Geschäft zu beaufsichtigen, die dank der vielen Bauleute zügig vorangingen. Während er den Vormittag im Geschäft verbrachte, telefonierte er immer wieder mit seinem italienischen Ansprechpartner Mr. Bandero, der hauptsächlich für die Einstellung des Personals zuständig war, Brian jedoch auch andere kleine Dinge abnahm, die bis zur Eröffnung am ersten Juli erledigt sein mussten. Er traf sich mit den Innenarchitekten, mit Vertretern der Werbefirma, den Geschäftspartnern des neuen Stofflieferanten, bei dem die erste Produktion ihrer Modelle beinahe abgeschlossen war, und gab den zwei bedeutendsten Zeitungen Mailands ein Interview. Als das Ereignis des Jahres wurde die Eröffnung von Farleys in Mailand angekündigt. Alle erdenklichen Leute der Modebranche und der High Society waren eingeladen worden und Brian rechnete mit regem Zulauf.
Unterdessen suchte Rachel einige Einrichtungen in Mailand auf, die sich für missbrauchte und misshandelte Kinder und Frauen einsetzten. Es gab die unterschiedlichsten Organisationen, doch sie alle hatten dasselbe Ziel: die psychologische Betreuung der Geschädigten. Rachel sprach mit den leitenden Personen, machte zahlreiche Fotos und ließ sich ausführlich über die jeweilige Einrichtung in Kenntnis setzen. Zum Schluss versprach sie jedem Einzelnen, dass sie sie bei den nächsten Spenden in Los Angeles berücksichtigen würde.
Neben diesen zeitaufreibenden Tätigkeiten sahen sich Brian und Rachel nur am Abend und diese wenigen Stunden gehörten dann nur ihnen.
„Allmählich mache ich mir Sorgen um Joan“, sagte Brian eines Juniabends nachdenklich zu Rachel, als sie mit einem Glas Wein am Pool saßen. „Wir sind seit einem Monat in Mailand und sie hat kein einziges Mal das Haus verlassen.“
„Lass ihr etwas Zeit“, sagte Rachel und schmiegte sich gegen seine Brust.
„Steve ist erst seit fünf Monaten tot und während der Rehabilitation hatte sie kaum Zeit, um zu trauern.“
„Sie sollte sich eine Beschäftigung suchen, um nicht zu viel nachzudenken“, sagte er und fuhr ihr mit den Fingern zärtlich über den nackten Arm.
Rachel zog die Augenbraue hoch. „Nicht jeder Mensch überwindet seine Trauer, in dem er bis spät in die Nacht hinein arbeitet. Jeder trauert auf seine Weise.“
„Joan entfernt sich von uns“, stellte er bekümmert fest. „Von mir...“
„Das siehst du falsch. Sie hat sich in ihre Trauer um Steve zurückgezogen, nicht von dir.“
Brian seufzte. „Früher konnten wir über alles reden, es gab keine Geheimnisse zwischen uns. Aber nun...“
„Liebling, versetz’ dich doch in ihre Lage. Was würdest du tun, wenn ich plötzlich nicht mehr da wäre?“
Entsetzt sah Brian sie an. Allein der Gedanke zerriss ihm das Herz. „Daran möchte ich gar nicht denken...“
„Joan hat Steve ebenso sehr geliebt“, gab sie zu bedenken.
„Habe ich dir heute schon gesagt, wie sehr ich dich liebe?“, fragte Brian liebevoll.
Rachel lächelte. „Das hast du ganz vergessen.“
„Dann hole ich es jetzt nach“, flüsterte er und umhüllte ihre Wangen mit seinen großen Händen. „Ich liebe dich.“ Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie erst zärtlich, dann leidenschaftlicher.
Drei Tage vor der Eröffnungsfeier von Farleys überredete Brian seine Schwester, Rachel und ihn in die Stadt zu begleiten, um sich das Geschäft anzusehen. Der überwiegende Teil war fertig, nun mussten nur noch die Feinheiten erledigt werden.
Farleys befand sich inmitten des goldenen Dreiecks von Mailand, wo die exquisitesten Geschäfte der Mode- und Schmuckbranche vorzufinden waren. Neben Versace, Krizia, Armani und Valentino waren hier auch Faraone, Buccellati und Bulgari ansässig. In dem zweistöckigen Haus, das einzig die Kollektion von Farleys beherbergte, kam ihnen ein Italiener wie aus dem Buche entgegen. Der schwarzhaarige Mann im Alter ihres Vaters reichte Brian seine braungebrannte Hand. Er trug ein weißes Hemd, dessen obere Knöpfe geöffnet waren, sodass das ebenfalls schwarze Haar seiner Brust zu sehen war. Lächelnd begrüßte er Rachel und küsste ihre Hand.
„Mr. Bandero, ich darf Ihnen meine Schwester Joan vorstellen“, machte Brian sie miteinander bekannt.
„Es freut mich, Sie endlich kennen zu lernen, Mrs. Farley“, sagte Mr. Bandero lächelnd und küsste ihr ebenfalls die Hand.
Um ein Lächeln bemüht nickte Joan ihm zu und widmete sich dann der Einrichtung und den ausgestellten Modellen. Brian, der den prüfenden Blick seiner Schwester bemerkte, schwieg und folgte ihr langsam, während er ihre Meinung abwartete. Er schätzte ihr Gespür für das gewisse Etwas und hoffte, sie würde ihm einen Tipp für den letzten Schliff geben.
„Sag mir, was ich noch tun kann“, sagte Brian hoffnungsvoll, nachdem Joan ihren Rundgang durch das zweistöckige Geschäft beendet hatte. Und tatsächlich machte sie zwei Vorschläge, die sie sich am nächsten Tag in der Umsetzung ansahen.
„Wow! Jetzt ist es perfekt.“ Erfreut legte Brian den Arm um seine Schwester und küsste ihre Wange.
Die Eröffnung von Farleys wurde tatsächlich zum Ereignis des Jahres. Neben den geladenen Prominenten und den bedeutenden Personen aus der Politik- und Filmbranche bewunderten zahlreiche Presseleute die wunderschönen Abendkleider, die die Mannequins auf der breiten Treppe zwischen den beiden Etagen vorführten.
Matthew, der nur zu diesem Anlass aus New York angereist kam, war von der Eröffnung mehr als begeistert. Voller Stolz klopfte er seinem Sohn auf die Schulter und bestaunte dessen Werk. Damit hatte Brian bewiesen, dass er nun durchaus in der Lage war, seine erste Filiale zu übernehmen.
„Schatz, du siehst wunderschön aus“, sagte Matthew leise zu seiner Tochter, die ein langes, hellblaues Seidenkleid mit tief ausgeschnittenem Rücken von Farleys trug, und küsste ihre Wange. „Du wirst deiner Mom von Tag zu Tag ähnlicher.“
Lächelnd legte Joan ihre Hand an seine rechte Wange und küsste seine linke Wange, als Matthew einen alten Freund in der Menge bemerkte.
„Da hinten steht Richard Barckley. Erinnerst du dich an meinen Londoner Freund?“, fragte Matthew seine Tochter, die plötzlich seine Hand auf ihrem nackten Rücken spürte, während er sie sachte durch die Menge in Richtung Richard Barckley schob. Nach wenigen Schritten legte Joan die Hand an den Arm ihres Vaters und blieb inmitten der Menschenmenge stehen.
„Geh’ du nur zu ihm, Dad. Mir ist heute nicht nach alten Freunden.“
„Bist du sicher?“, fragte Matthew sanft.
Joan nickte. „Lass ihn nicht weglaufen, Dad. Ihr habt euch lange nicht gesehen.“
„Das haben wir zwei auch nicht, Kleines“, wandte Matthew väterlich ein. Er hatte ihre Trübseligkeit bemerkt und ließ sie nur ungern allein.
„Geh’ schon“, drängte sie ihren Vater lächelnd, doch ihre Augen strahlten nicht mit. „Wir haben die nächsten Tage für uns, Dad. Richard ist nur heute Abend hier.“
Er nickte zustimmend. „Gib’ mir Bescheid, wenn du heim möchtest. Ich begleite dich“, sagte Matthew
An diesem Abend wurde Joan einige Male von jungen Männern angesprochen, doch sie lehnte jede Bitte um einen Tanz ab. Nach einer Weile wurde ihr die große Menschenansammlung zu viel und sie zog sich in den hinteren, ruhigeren Teil des Geschäftes mit einem Glas Champagner zurück.
„Sind Sie auch diesem Trubel entflohen?“, fragte plötzlich jemand dicht hinter ihr und Joan seufzte innerlich. Wie hatte sie nur glauben können hier vor Männern sicher zu sein?
„Verzeihen Sie meine Direktheit...“, sagte Joan, ohne sich zu dem fremden Mann umzudrehen. „...aber ich habe kein Interesse an einem Tanz mit Ihnen.“
„Gut, dann sind wir schon zwei“, sagte er gelassen und trat neben sie.
Unwillkürlich musste Joan lächeln. „Sie wollen sich also nur mit mir unterhalten?“
„Dazu muss ich erst herausfinden, ob sich ein längeres Gespräch mit Ihnen lohnt“, sagte der Fremde, während seine Augen auf die Gäste des Abends gerichtet waren. Er spürte jedoch ihren fragenden Seitenblick an sich heften. „Diese Frauen dort drüben zum Beispiel sind auf Männerjagd.“ Er deutete zu zwei blonden Frauen in knappen Kleidern hinüber, die mit mehreren Männern gleichzeitig Blicke tauschten.
„Was ist daran so schlimm?“
„Dass sie nicht nach ihrem Herzen, sondern nach dem Geruch von Geld entscheiden.“
„Und das macht sie uninteressant?“
„Für mich ja.“ Zum ersten Mal traf sich ihr Blick und Joan sah in die braunen Augen eines jungen Italieners. Er musste etwa in ihrem Alter sein. „Ich möchte mehr von einer Frau, als das sie einem reichen Mann nachrennt und sein Geld ausgibt.“
„Dann gehören Sie zu der Kategorie Mann, die ihrer Frau eine Karriere nicht missgönnen, sondern sie dabei unterstützen?“
Er lächelte. „So etwas in der Art.“
Eine Zeitlang unterhielten sie sich über unverfängliche Themen und spotteten über die anderen Gäste. Schließlich erfuhr Joan von ihrem Gegenüber, dass er an der hiesigen Universität Modedesign studierte und so tauschten sie angeregt ihre Ansichten über die Modebranche aus.
„Nun, da wir uns besser kennen gelernt haben...“, sagte der junge Fremde nach beinahe einer Stunde. „Wie wäre es jetzt mit einem Tanz?“
„Ich dachte, Sie wollten nicht mit mir tanzen“, erinnerte Joan ihn.
„Ich fürchte, ich habe gelogen“, sagte er reumütig und hielt ihr seine Hand entgegen. „Darf ich bitten?“
Sie lächelte. „Gern, obwohl ich glaube, dass Sie das die ganze Zeit im Sinn hatten.“
„Vielleicht werden Sie die Wahrheit eines Tages erfahren.“
„Das glaube ich nicht“, sagte sie und ließ sich von ihm zu den anderen tanzenden Paaren führen. Einen Moment darauf spürte sie seine Hand auf ihrem nackten Rücken. Ein eigenartiges Kribbeln durchfuhr sie.
Nachdem Joan sich am späten Abend von dem Unbekannten verabschiedet hatte, stieg sie zu ihrem Vater auf die Rückbank der schwarzen Limousine. Während Matthews Aufenthalt in Mailand stand ihm der Chauffeur des Grand Hotels rund um die Uhr zur Verfügung, aber Matthew wollte die Vorzüge der Limousine nur bei wichtigen, öffentlichen Einladungen in Anspruch nehmen.
„Hast du dich gut mit Paolo Bandero unterhalten?“, fragte Matthew seine Tochter auf der Fahrt interessiert.
Verwundert wandte Joan den Kopf zu ihm herum. „Bandero? Ist er…“
„Der Sohn von Mr. Bandero“, führte Matthew ihren Gedanken zu Ende.
„Ich hatte keine Ahnung, wer er ist. Er hat sich mir nicht vorgestellt.“
Matthew zog die Brauen hoch. „Worüber habt ihr euch denn solange unterhalten?“
„Dad! Du sollst mich nicht immer beobachten!“, mahnte sie ihren Vater in gespielter Entrüstung.
„Du bist mein kleines Mädchen, ich werde immer ein Auge auf dich haben“, sagte er schmunzelnd, worauf sie stöhnte.
„Das sind ja schöne Aussichten.“
Matthew lächelte und nahm ihre Hand zwischen die seinen. „Wenn ich mich recht erinnere, sind es nur noch wenige Wochen, bis mein kleines Mädchen Geburtstag hat. Hast du etwas Besonderes geplant?“
Sie schüttelte den Kopf und richtete ihren Blick aus dem Seitenfenster hinaus. „Nicht dieses Jahr...“
Verständnisvoll nickte Matthew und sprach ihren Geburtstag in den nächsten drei Tagen nicht mehr an. Nach einem gemeinsamen Abendessen im La Scaletta verabschiedete Joan sich im Auto mit einer festen Umarmung von ihrem Vater, da dieser am darauffolgenden Morgen zurück nach New York fliegen würde.
Doch in den gemeinsamen drei Tagen mit ihrem Vater war sie häufiger vor der Tür gewesen, als in den Wochen seit ihrer Ankunft. Sie hatte Blut geleckt und wollte mehr von Mailand sehen. Sie wollte diese fremde Stadt kennen lernen. Brian war jedoch in seiner Arbeit so eingespannt, dass er nur wenig Zeit für seine Schwester und Rachel übrig hatte. So erkundeten Joan und Rachel die Stadt allein. Sie besichtigten den Mailänder Dom, sahen den älteren Italienern zu, wie sie auf den Bänken sitzend die Tauben auf dem Domplatz fütterten, und besuchten die Pinacoteca Ambrosiana, die eine beachtliche Gemäldesammlung bereithielt. Sie bummelten durch die Galleria Vittorio Emanuelle II, dem beliebtesten Treffpunkt der Mailänder, und aßen dort in einem der Restaurants zu Mittag. An den Abenden, an denen Brian geschäftliche Treffen wahrnehmen musste, zogen sie los, um im Navigli-Viertel das rege Nachtleben in den zahlreichen Musikkneipen kennen zu lernen. Das Viertel strahlte mit seinen engen Gassen einen Hauch Venedigs aus. Tagsüber schlenderten sie die engen Strassen entlang und überquerten die Brücken, die über die beiden Kanäle Naviglio Grande und Naviglio Pavese führten, um an weiteren kleinen Geschäften, Restaurants und Cafe’s vorbeizukommen. Immer wieder blieben sie stehen, betraten die Geschäfte und plauderten mit den Italienern.
Zu Joans Geburtstag führte Brian seine beiden Frauen ins Al Porto in der Piazza Generale Cantore aus. Anschließend gingen sie ins Plastic tanzen und ließen den Abend mit einem Glas Wein am Kamin ausklingen.
„Jetzt wo du Zweiundzwanzig bist, stelle ich dir eine sehr wichtige Frage“, sagte Brian mit ernstem Gesichtsausdruck. „Wie stellst du dir dein weiteres Leben vor?“
Joan lachte auf. „Das haben wir uns als Kinder jedes Jahr zum Geburtstag gefragt...“
„Du erinnerst dich?“, fragte er lächelnd.
„Wie könnte ich das vergessen? Dein größter Wunsch mit etwa zwölf war, ein wildechter Cowboy mit eigener Ranch zu sein.“
Sie hielt sich beschämt die Hand vor die Augen. „Erinnere mich nicht daran!“
Rachel lachte und lauschte den minutenlangen Erzählungen der beiden, als sie einander die Kindheitsträume des jeweils anderen in Erinnerung zurückriefen. Sie lachten und alberten herum, bis ihnen die Bäuche wehtaten.
„Du willst also von meinen Träumen erfahren?“, sagte Joan schließlich wieder ernster.
„Wir stehen mit beiden Beinen zu sehr in der Realität, um noch an die Verwirklichung unserer Träume zu glauben“, wandte Brian ein.
„Erst mit dem Tod eines Menschen, sterben auch dessen Träume.“
„Damit magst du Recht haben.“ Er lächelte. „Okay, dann erzähle mir von deinen Träumen, Schwesterchen. Sag mir, wie du dir das nächste Jahr vorstellst.“
„Ich wünschte, ich wäre glücklich“, sagte sie leise und sah ihn an. „Ich möchte mein Leben wieder genießen... lachen... und es nicht mit Problemen verkomplizieren. Und irgendwann lerne ich vielleicht auch einen netten Mann kennen, der Steves Stelle ersetzt.“ Tränen schimmerten in ihren Augen.
„Es wird niemals jemand kommen, der Steve ersetzt“, sagte Brian mitfühlend. „Aber du wirst mit Sicherheit wieder jemanden kennen lernen, der dich so liebt, wie Steve es getan hat.“
Unter Tränen nickte Joan ihm zu. Nur einmal in ihrem Leben wollte sie glücklich sein, mehr verlangte sie nicht. Sie hatte geglaubt mit Steve ihr Glück gefunden zu haben, aber es sollte nicht lange halten. Und wenn sie nun ehrlich zu sich war, dann musste sie sich eingestehen, dass Steve und sie in der kurzen Zeit ihrer Beziehung viele Schwierigkeiten hatten bewältigen müssen. Es war ein ständiges Auf und Ab gewesen, da sie sich selbst durch den Beschlag der Medien in ihrer Welt eingeengt gefühlt hatte. Steve, der nie viel von den Medien gehalten hatte, war nur einmal mit ihr nach New York gereist, um ihre Eltern zu besuchen. Vier Tage lang hatte er die ständige Beobachtung der Fotografen ertragen, ohne sich bei ihr zu beschweren, doch dann erschien ein Artikel über seine Vergangenheit, sein bisher langweiliges Leben, in der Zeitung und sie waren noch am selben Tag nach Los Angeles zurückgeflogen. Danach hatte er sie kein einziges Mal mehr nach New York begleitet.
Schaute Joan nun aber in die Zukunft, dann wollte sie mit einem Mann ihr Glück finden, ohne das sie stets um ihre Liebe kämpfen musste. Das war ihr größter Wunsch - ihr Traum.
Nach wochenlangen Versuchen gelang es Rachel im August endlich, Kontakt zu der Oberen eines Klosters aufzunehmen, das sich eine Autostunde außerhalb von Mailand befand. Seit Jahren war das Kloster, das sich um misshandelte Kinder kümmerte, in Los Angeles allen bekannt, doch niemand hatte es bisher besucht.
Mit ihrer Kamera ausgerüstet, begleitete Joan Rachel erstmals bei einer ihrer Touren und hielt sich während der Fahrt genau an den Zettel, auf dem der Weg zum Kloster von einer Nonne geschrieben worden war. Die Fahrt führte sie in eine einsame Gegend, in der marode Bauernhäuser und verlassene Höfe an die Anfänge von Mailand erinnerten. Inmitten dieser Ruhe fuhren sie die einzige Strasse entlang, die vermutlich einst die Verbindungsstrasse unter den einzelnen Gehöften gewesen war.
Als sie nach einer Fahrt ins scheinbar Endlose bereits dachten, sich völlig verfahren zu haben, erblickten sie zwischen dichtbewachsenen Bäumen ein großes, altertümliches Kloster, das von einem hohen Zaun umgeben war.
„Meinst du, wir sind hier richtig?“, fragte Joan ihre Freundin skeptisch und stieg aus dem Auto. Gefolgt von Rachel trat sie an das hohe Eisentor und spähte durch den rostigen Zaun hindurch.
„Es würde zu der Beschreibung der Nonnen passen“, erklärte Rachel selbst verwundert, da das Grundstück nicht wie ein Zufluchtsort für misshandelte Kinder und Frauen aussah. Das graue Gemäuer schien heruntergekommen und seit Jahren nicht mehr betreten worden zu sein. Überall wucherten große Sträucher und Bäume ineinander, sodass der Blick auf das Haus fast unmöglich war.
„Wir sollten umkehren und irgendjemanden nach dem richtigen Weg fragen“, sagte Joan und wandte sich zum Gehen um. Als sie nur noch wenige Schritte vom Auto entfernt war, rief Rachel sie leise beim Namen und Joan drehte sich zu ihrer Freundin um. Da sah auch Joan die Nonne hinter dem Zaun, die aus dem Nichts aufgetaucht war. In ihrer schwarzen Tracht kam sie langsam den schmalen Sandweg entlanggelaufen und blieb Rachel gegenüber auf der anderen Seite des Tores stehen.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie freundlich, doch das Tor blieb geschlossen.
„Ich bin Rachel Maldione...“, stellte Rachel sich auf Italienisch vor und deutete lächelnd auf Joan, die inzwischen neben sie getreten war. „... und das ist Joan Farley.“
„Ci. Bitte kommen Sie“, sagte die Nonne und öffnete mit einem alten Schlüsselbund das schwere Eisentor. Kaum das Joan und Rachel das Grundstück betreten hatten, fiel das Tor krachend ins Schloss zurück. Schweigend schlossen sie sich der Frau an, die Joan auf Ende sechzig schätzte. Ihr Gang war schleppend und an ihrer leicht gebeugten Körperhaltung war zu erkennen, dass sie ihr Leben mit schwerer körperlicher Arbeit verbracht hatte. Während sie dem schmalen Sandweg durch die herunterhängenden Äste der Bäume folgten, war Joans Blick auf das Kloster gerichtet, das nur von weitem heruntergekommen wirkte. Je näher sie dem alten Gemäuer kamen, desto schöner fand Joan es. Der erste Blick hatte sie getäuscht und in den folgenden Stunden sollten sie von der Oberen erfahren, dass genau dies beabsichtigt wurde. In Mailand selbst wusste kaum jemand von der Existenz des Klosters, was ein entscheidender Vorteil war, um die Kinder und Frauen vor denjenigen zu schützen, vor denen sie geflohen waren.
Die Rückseite des Klosters, die vom Tor nicht zu erkennen gewesen war, offenbarte ihnen den vollen Glanz des Hauses. Auf Anhieb gefiel ihnen, was sie sahen. Der Sandweg endete und ging zu einer riesigen Rasenfläche über, auf der unzählige Hühner laut gackerten und einige Jungen mit einem Ball spielten.
„Schwester Evelyn wird Sie gleich empfangen“, sagte die alte Nonne und lief die breiten Steinstufen der Treppe hinauf. Dann war sie im Haus verschwunden.
Lächelnd warf Rachel ihrer Freundin einen Blick zu. „Es ist schön hier.“
Neugierig sahen sie sich von ihrem Platz aus um. Neben dem Kloster grenzten die ebenso alten Ställe an, die noch immer fünf Pferde und zwölf Kühe beherbergten. Die Nonnen melkten die Kühe jeden Tag selbst, obwohl keine von ihnen je zuvor auf einem Bauernhof gelebt hatte. Diese und viele andere Aufgaben hatten sie sich mit der Zeit selbst angeeignet, um sich und ihren Gästen ein angemessenes Leben zu sichern. Hier draußen gab es keine Männer, die ihnen bei den schweren Arbeiten halfen.
„Guten Tag“, sagte plötzlich hinter ihnen eine Frauenstimme in perfektem Englisch. Joan und Rachel wandten sich erschrocken um und standen einer jungen Nonne in schwarzer Tracht gegenüber. In ihren Augen lag ein freundlicher Ausdruck, als sie ihre Gäste anlächelte und die Stufen hinunterstieg. „Willkommen im St. Christoph’s. Ich bin Schwester Evelyn.“ Sie streckte ihnen lächelnd die Hand entgegen, worauf sie sich ihr vorstellten.
Wie sie nach einigen Minuten von Schwester Evelyn erfuhren, war sie Amerikanerin und lebte seit ihrer Geburt im Kloster. Seit vier Jahren war sie in Mailand und verbrachte ihre Zeit im St. Christoph’s. Vor kurzem erst hatte sie ihren siebenundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.
„Mich haben die Erzählungen über das St. Christoph’s hergeführt. Ich wollte helfen“, erklärte sie ihnen.
„Was ist so besonderes an diesem Zufluchtsort?“, fragte Joan verwundert, während Rachel Schwester Evelyn verstand.
„Was die Nonnen hier erschaffen haben, wäre in Los Angeles niemals möglich. Schau’ dich um, dann verstehst du es“, sagte Rachel beeindruckt und Schwester Evelyn lächelte. Sie erinnerte sich an ihren ersten Tag, an den Anblick des Klosters, der sie sofort in seinen Bann gezogen hatte. Etwas Magisches, Geheimnisvolles ging von dem alten Gemäuer aus. Auch nach vier Jahren war sie gern hier, sie hatte ihre Entscheidung, Amerika zu verlassen, nie bereut. Hunderte von Kindern und Frauen waren seit ihrer Ankunft gekommen und wieder gegangen, aber der Schmerz in ihren Augen war immer derselbe. Die verlorenen Kinderaugen verbargen weder den körperlichen Schmerz, noch die Angst.
„Wir sind auf Hilfe von Außen angewiesen“, erklärte Schwester Evelyn ihnen, während sie hinüber zu den Ställen gingen. „Derzeit leben fast dreißig Mädchen und Jungen und fünfzehn Frauen bei uns“, fuhr sie fort.
„Wie viele Nonnen und Schwester kümmern sich um all das hier?“, fragte Rachel interessiert und ließ den Blick über die endlosen Felder hinter den Stallungen schweifen. Sie konnte sehen, dass darauf noch immer Obst und Gemüse angebaut wurde.
„Siebzehn“, antwortete Schwester Evelyn in belanglosem Ton.
Rachel blieb der Mund offen stehen. „Siebzehn Frauen bewirtschaften diese Felder, versorgen die Tiere und kümmern sich um fast fünfzig misshandelte Kinder und Frauen?“, fragte sie fassungslos. Ihre Bewunderung für die Nonnen stieg ins Unermessliche. „Das ist unglaublich.“
An diesem Abend verließen sie erst nach sieben Uhr das St. Christoph’s. Rachel hatte die Oberin persönlich kennen lernen dürfen und ein sehr langes und interessantes Gespräch mit ihr geführt. Sie war davon überzeugt, ebenfalls helfen zu können, indem sie speziell für das Kloster eine Wohltätigkeitsveranstaltung mit Fotos und Gesprächssaussagen in Los Angeles organisierte. Dabei bekämen dann mögliche Spender erstmals einen näheren Einblick in die Arbeit einer Hilfsorganisation außerhalb Amerikas. Dankbar für jede Unterstützung willigte die Oberin ein und freute sich über die beiden jungen Frauen, die sie von nun an jeden Tag besuchen kämen.
„Du begleitest Rachel?“, fragte Brian beim Abendessen seine Schwester überrascht, da sie nie zuvor sonderliches Interesse an Rachels Arbeit gezeigt hatte.
„Ich möchte helfen“, erklärte Joan.
Er lächelte. „Das finde ich gut.“
Der Sommer verging mit ihren täglichen Besuchen im Kloster viel zu schnell. Obwohl ein Tag dem anderen glich, langweilten sie sich niemals in der Gesellschaft der Kinder und Frauen des St. Christoph’s. Morgens brachen Rachel und Joan zu ihrer einstündigen Autofahrt auf, verbrachten den Tag mit Gesprächen und Spielen im Kloster und fuhren am späten Nachmittag wieder heim, wo sie mit Brian zu Abend aßen.
Im September brachte ein alter Mann zwei völlig verängstigte Mädchen ins Kloster. Er vermutete, dass sie sich tagelang auf seinem Hof versteckt hielten, ehe er die abgemagerten Mädchen entdeckt hatte. Ihre kleinen Körper waren mit Narben und frischen, noch blutenden Schrammen überseht, als der Mann sie zu ihnen brachte. Beim Anblick der ausdruckslosen Augen verkrampfte sich Joans Herz. Noch nie zuvor hatte sie etwas so grauenvolles gesehen.
In den nächsten Wochen versuchten die Nonnen und auch Rachel den Mädchen, die vermutlich Schwestern waren, in Gespräche zu verwickeln, doch keine der Frauen brachte sie zum Sprechen, was vermuten ließ, wie tief die Angst der Mädchen saß.
Als Joan eines Tages mit einer der Stuten über die Wiese gelaufen kam, sah sie, wie die Mädchen sie von der untersten Steinstufe des Klosters beobachteten. Langsam überquerte sie die Wiese weiter in Richtung der Stallungen und überlegte, ob sie zu den Schwestern hinüber gehen sollte. Irgendetwas schien die Mädchen an ihrem Anblick zu interessieren, denn noch nie zuvor hatten sie die Köpfe in der Gegenwart eines Erwachsenen erhoben. Selbst zu den anderen Kindern hatten sie keinen Kontakt aufgenommen, sie lebten für sich, zurückgezogen und immer auf der Hut.
„Möchtet ihr eine Runde auf ihr reiten?“, fragte Joan die Mädchen aus einigen Metern Entfernung, ehe sie sich bewusst wurde, was sie da tat, denn sie hatte keinerlei Erfahrung mit misshandelten Kindern. Rachel war die Expertin, sie dagegen war nur mitgekommen, um die Kinder zu beschäftigen. „Traut euch ruhig, sie beißt nicht“, sagte Joan unsicher. Die Mädchen tauschten einen Blick und sahen Joan scheu an, die nun lächelte. „Ich verspreche euch, ich beiße auch nicht.“ Da standen die Schwestern in ihren weißen Kleidern tatsächlich von der Stufe auf. Die Jüngere der Beiden hielt sich dicht an ihre Schwester, die wiederum ihre Hand hielt. Mit langsamen Schritten kamen sie über den Rasen zu Joan und dem Pferd gelaufen.
„Sie ist ganz zahm“, sagte Joan und streichelte der Stute über die lange Mähne. „Ihr könnt sie auch streicheln, wenn ihr wollt“, bot sie ihnen mit sanfter Stimme an und beobachtete, wie die Ältere der Schwestern die Hand ihrer Schwester losließ und näher an die Stute herantrat. Mit ausdruckslosem Gesicht berührte sie das Fell am Bauch der Stute und streichelte sie mit ihrer flachen Hand. „Das gefällt ihr“, sagte Joan lächelnd und das Mädchen schien sich in ihrer Gegenwart ein wenig zu entkrampfen. Sie schien zu spüren, dass von Joan keine Gefahr ausging. „Ich bin Joan“, stellte sie sich im beiläufigen Ton vor, während sie mit der Hand über die Nüstern der Stute fuhr. „Verrätst du mir eure Namen?“
Das Mädchen hielt inne und sah sie scheu an. In ihrem Blick lag tiefe Angst. Wovor sie Angst hatte, wusste Joan nicht, doch sie hatte sie bei beiden Mädchen bemerkt, sobald sich ihnen jemand näherte. „Laila“, sagte die Ältere plötzlich und sah ihre Schwester an. „Das ist Celia.“
„Ihr habt sehr hübsche Namen.“ Sie lächelte, als sie bemerkte, wie geschickt nun auch Celia mit der Stute umging. „Du machst das wunderbar, Celia. Woher könnt ihr das so gut? Lebt ihr auf einem Bauernhof?“
Laila zögerte, dann nickte sie und nahm die Hand ihrer Schwester.
„Ich muss die Stute zurück in den Stall bringen, aber wenn ihr möchtet, könnt ihr noch eine Weile bei ihr bleiben“, schlug Joan ihnen vor. Als sie keine Antwort bekam, setzte sie sich mit der Stute langsam in Bewegung. Nach wenigen Schritten bemerkte sie, dass die Schwestern ihr folgten.
Mit jedem weiteren Tag drang Joan auf ihre eigene Art zu den Mädchen durch und erfuhr aus den wenigen Worten, die die Schwestern sprachen, dass sie dreizehn und elf Jahre alt waren. Nach einigen Wochen erzählte Laila unter Tränen von ihrer geliebten Mutter, die vor vier Jahren gestorben war. Mit dem tragischen Tod der Mutter hatte sich das Leben der Mädchen von Grund auf verändert. Von einem zum anderen Tag war der streng erziehende Vater mit seinen beiden Töchtern allein. Er hatte schon immer die Hand gegen sie erhoben, wenn sie Unfug angestellt hatten, doch nun ließ er seine Wut über den Tod seiner Frau bei jeder Kleinigkeit, jedem Widerspruch an Laila und Celia aus. Laila erzählte Joan, wie sie ihre kleine Schwester wieder und wieder vor der strafenden Hand des Vaters geschützt und dafür doppelte Prügel von ihm bekommen hatte. Nicht nur einmal schlug er sie bis zur Bewusstlosigkeit und brach ihr etliche Male die Rippen. Dennoch musste Laila unter schlimmen Schmerzen auf dem Bauernhof weiterarbeiten. In diesen Wochen glaubte sie die schrecklichste Zeit ihres Lebens zu durchleben, doch als ihr Vater eines Tages in ihr Zimmer kam und sie bat, lieb zu ihm zu sein, wurde sie eines Bes-seren belehrt. Seither verging er sich regelmäßig an ihr. Monate darauf hatte sich auch Celias Blick verändert.
Im September und Oktober bekam das Kloster soviel Zulauf wie noch nie zuvor. Immer öfter kamen junge Frauen zu ihnen, die jahrelang misshandelt worden waren. Verzweifelte Mütter gaben ihre Kinder in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Obhut der Nonnen und kehrten zu ihren Männern zurück. Meistens hörten diese Kinder nie wieder etwas von ihren Eltern, doch Joan dachte, dass dies vielleicht so besser war. Sie waren der Hölle entkommen und hatten nun zum ersten Mal die Chance auf ein normales Leben. Ein Leben ohne Gewalt.
Neben dem großen Ansturm auf das Kloster, bemerkte Joan, dass die körperlichen Verletzungen ihrer Schützlinge zunehmend schlimmer wurden. Längst blieb es nicht mehr bei Schlägen und Vergewaltigungen. Zu ihnen kamen Frauen, deren Gesicht durch die harten Schläge kaum mehr erkenntlich war. Hinter tiefen Narben, Blutergüssen und geschwollenen Augen schien es niemanden mehr zu geben. Um ein Haar wären sie zu Tode geprügelt worden. Blickte man in die Augen der Frauen, dann sah man bei den meisten, dass es Momente gegeben hatte an denen sie sich nichts sehnlicher als ihren Tod gewünscht hatten. Unter den Mädchen und jüngeren Frauen gab es etliche, die zur Prostitution gezwungen worden waren. Bei einigen von ihnen stellte der Arzt so schwere Verletzungen im Intimbereich fest, die erkennen ließen, dass sie niemals eigene Kinder bekommen würden könnten. Viele von ihnen waren nicht älter als fünfzehn Jahre.
Eines Nachmittags, als Joan mit Laila und Celia bei den Pferdeställen stand und die Pferde mit Futter versorgten, hielt ein roter Kleinwagen vor dem großen Eisentor des Geländes und begann laut zu Hupen. Erschrocken zuckten alle drei zusammen.
„Ihr bleibt beide hier bei den Pferden“, sagte Joan zu den Mädchen und folgte der jungen Nonne, die über den Rasen gelaufen kam. Mit schnellem Schritt rannten sie den schmalen von Ästen verhangenen Weg entlang und nur das Eisentor trennte sie von dem aufgebrachten jungen Mann, dessen weißes Hemd mit Blut durchtränkt war.
„Helfen Sie mir!“, rief er ihnen aus der geöffneten Beifahrertür zu. Ein Blick ins Wageninnere zeigte ihnen eine dunkelhaarige, junge Frau.
Augenblicklich schloss die Nonne das Tor auf und rannte um den Wagen herum. Was sie darin erblickte, verschlug ihr die Sprache. Die junge Frau, kaum älter als sie selbst, saß bewusstlos auf dem Beifahrersitz. Der Oberkörper war voller Blut. Jemand hatte ihr mit einem Messer die Brust aufgeschlitzt.
„Sie muss ins Krankenhaus!“, sagte Joan, die gegen ihren Brechreiz ankämpfte.
„Dort kann sie nicht hin“, sagte der Junge, der das Mädchen offensichtlich hatte beschützen wollen, denn an seinem Arm rann ebenfalls Blut hinunter.
„Kommen Sie... helfen Sie uns!“, forderte die Schwester ihn auf und packte die Arme des Mädchens an.
Mit Hilfe des jungen Mannes trugen sie die Verletzte ins Kloster und brachten sie in das Behandlungszimmer, wo Schwester Ruth zu ihnen stieß, die früher als Krankenschwester gearbeitet hatte.
„Wir haben hier nicht die Möglichkeiten, sie zu behandeln. Sie wird verbluten“, entgegnete Joan aufgeregt, da sie die Blutung nicht stoppen konnten.
„Informieren sie den Doktor. Er muss sofort herkommen“, wies Schwester Ruth die andere Schwester an, die sogleich aus dem Zimmer eilte.
Keine zehn Minuten später kam der alternde Arzt mit seiner Arzttasche ins Zimmer gerannt, der für jegliche ärztliche Maßnahmen gerufen wurde, und beurteilte die Schwere der Verletzung.
„Es sieht schlimmer aus, als es ist“, sagte der Arzt und sah zu den beiden jungen Frauen auf. „Ich brauche Sie beide. Ich muss die Wunde nähen.“
„Ich habe so etwas noch nie gemacht“, platzte Joan hervor.
„Keine Angst, Sie werden Schwester Ruth und mir nur die Instrumente reichen. Schwester, gehen Sie sich die Hände waschen“, wandte er sich darauf an Schwester Ruth, die nickte und für einen Moment verschwand.
„Wird Sie durchkommen?“, fragte Joan den Arzt, als sie allein waren. „Sie hat sehr viel Blut verloren...“
„Wir werden unser Möglichstes tun“, antwortete der Arzt völlig ruhig, während er dem Mädchen ein Narkotikum spritzte. Er sah kurz zu Joan auf. „Ziehen Sie sich die Handschuhe über“, wies er sie an.
Nachdem Schwester Ruth zu ihnen zurückgekehrt war, verdrängte Joan jegliche Gedanken an den Umstand der Verletzung und konzentrierte sich einzig auf die Anweisungen des Arztes und der Schwester.
Auf ihrer einstündigen Heimfahrt schwiegen Joan und Rachel. Sie dachten beide an das junge Mädchen, das nach der Operation noch nicht aufgewacht war. Der Arzt hatte jedoch gemeint, dass sie es schaffen würde.
„Du solltest dich umziehen gehen“, sagte Rachel, als sie das Auto vor dem
Haus abstellte und einen Blick auf ihre Freundin warf. An Joans Kleidung klebte das Blut des Mädchens.
„Oh Gott! Was ist passiert?“, fragte Brian von ihrem Anblick schockiert. „Ist euch etwas zugestoßen?“
„Uns geht es gut, Liebling“, beruhigte Rachel ihn. „Es gab einen Zwischenfall im Kloster.“
„Von wem ist das Blut?“
„Es ist nicht meins, Brian“, sagte Joan und flüchtete die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Dort zog sie sich ihre Kleidung aus und stieg unter die Dusche.
„Rachel“, sagte er mit fester Stimme. „Was ist passiert?“
Da erzählte Rachel ihm von dem Ereignis im Kloster, Joans Einsatz bei der Operation und das das Mädchen noch nicht zu sich gekommen war.
„Ihr werdet nicht mehr ins Kloster fahren. Es ist zu gefährlich“, erklärte er in Sorge um sie entschieden, doch als sich ihre Blicke trafen, wusste er, dass Rachel seiner Aufforderung nicht folgen würde. Sie war sich der ständigen Gefahr bewusst, der sie sich als Helferin aussetzte, aber es war nicht nur ihr Job, sondern vielmehr der innere Drang diese Frauen und Kinder vor ihren Peinigern zu beschützen. „Sei wenigstens vorsichtig“, bat Brian seine Freundin besorgt.
„Das verspreche ich dir. Ich setze mich keiner unnötigen Gefahr aus.“
In dieser Nacht schlief Joan kaum. Sie wurde die Bilder nicht los, sah das blutüberströmte Mädchen wieder auf dem Beifahrersitz liegen. Immer wieder sah sie das viele Blut vor sich. Es klebte an ihrer Kleidung... ihren Händen... und ihrem Gesicht. Zum wiederholten Male wachte Joan schwitzend auf und schaltete das schwache Licht der Nachttischlampe an, um so zurück in die Wirklichkeit zu gelangen.
Der Morgen schien wie jeder andere zu sein. Nachdem Joan ihre Kleidung in den Müll geworfen hatte, wusch sie sich abermals die Hände und setzte sich zu Brian und Rachel an den Frühstückstisch.
„Begleitest du Rachel wieder ins Kloster?“, fragte Brian seine Schwester in der Hoffnung, sie würde seine Frage verneinen.
Joan aber nickte. „Ich möchte nach dem Mädchen sehen.“
Brian schüttelte den Kopf und sah zu Rachel. „Nach dem gestrigen Tag, kennst du meine Meinung. Fährst du dennoch?“
„Ich muss, Brian... Bitte versteh’ das.“
„Tut mir leid, aber das kann ich nicht“, sagte er verdrossen, schob mit einem lauten Knarren seinen Stuhl zurück und eilte aus der Küche.
„Briiaan!“, rief Rachel ihm nach. Da hörten sie, wie die Eingangstür ins Schloss fiel.
„Was hat er denn?“, fragte Joan und begann den Tisch abzuräumen.
„Er ist um uns besorgt.“
Joan lächelte. „Brian macht sich immer um uns Sorgen.“
Als sie eineinhalb Stunden darauf im Kloster eintrafen, wurden sie bereits von Schwester Evelyn erwartet. Lächelnd kam sie von den Pferdeställen zu ihnen herübergelaufen.
„Laila und Celia werden morgen von ihrer Großmutter abgeholt. Sie hat die Verantwortung für beide übertragen bekommen“, teilte sie ihnen erfreut mit.
Joan lächelte. „Endlich eine gute Nachricht“, sagte sie, obwohl sie die Mädchen vermissen würde. In den vergangenen Monaten waren sie Freundinnen geworden. „Und was ist mit ihrem Vater? Ist er im Gefängnis?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Er hatte einen Unfall“, sagte Schwester Evelyn leise. „Er war auf dem Weg zu uns, als er betrunken von der Strasse abkam und gegen einen Baum fuhr. Man konnte ihm nicht mehr helfen.“ Die Schwester senkte den Blick und gedachte dem Mann. Für Joan und Rachel war er ein Schwein, das nicht annähernd seine gerechte Strafe bekommen hatte.
Am nächsten Tag fuhren Joan und Rachel eher als üblich ins Kloster. Joan wollte die Stunden vor der Abreise der Mädchen mit ihnen verbringen. Laila und Celia waren aufgeregt, da sie ihre Großmutter vor Jahren zuletzt gesehen hatten und sie kaum kannten. Als schließlich das kleine, blaue Auto vorfuhr, fielen die Mädchen in Joans Arme. Tränen liefen über ihre Wangen, während sie einander ein letztes Mal fest drückten.
„Es wird euch an nichts fehlen“, flüsterte Joan.
„Du wirst uns fehlen“, sagte Laila mit Tränen in den Augen.
„Ihr werdet mir auch fehlen.“ Abermals zog Joan sie in ihre Arme und beobachtete Minuten darauf, wie die beiden in das Auto ihrer Großmutter stiegen. Vom Tor aus winkten die Nonnen sowie Rachel und Joan ihnen nach. „Sie werden bei ihr ein besseres Leben haben“, sagte Joan leise.
An den darauffolgenden sieben Tagen kümmerte Joan sich ausschließlich um das verwundete Mädchen, das die meiste Zeit über schlief. Täglich wechselte sie den Verband und als sich der Arzt die Wunde erneut ansah, schien er zufrieden zu sein. Er hatte einen Großteil des Gewebes entfernen müssen, sodass die Brust nun sehr viel kleiner als die andere war, doch ihm genügte, dass das Mädchen überhaupt noch lebte.
Einige Tage darauf hatte sie sich von dem Blutverlust weitgehend erholt und sah sich in Joans Beisein zum ersten Mal nackt im Spiegel an. Tränen rannten aus ihren Augen, als sie ihren Oberkörper schnell wieder bedeckte. In ihrer Verzweiflung zerschlug sie bei der nächsten Gelegenheit den Spiegel in ihrem Zimmer und schnitt sich die Pulsadern an den Handgelenken auf. Joan fand sie in ihrem Bett, die Arme voller Blut... Es war bereits zu spät. Der letzte Hauch Leben hatte diesen misshandelten Körper verlassen.
Der Schock über den Selbstmord saß bei allen tief. Die Kinder lachten noch weniger als sonst, sprachen nur wenig miteinander und unterließen das Spielen tagelang ganz. Alle dachten an das Mädchen, das als erste hinter den Stallungen beerdigt wurde.
Der unerwartete Tod des Mädchens traf Joan so schwer, dass sie Rachel zwei Tage darauf mitteilte, sie nun nicht mehr ins Kloster zu begleiten. Sie hatte sich überwiegend allein um das Mädchen gekümmert, lange Gespräche mit ihr geführt und von ihr erfahren, was an jenem Tag geschehen war. Zu niemandem verlor Joan darüber ein Wort. Allein dem Mädchen bei ihren Erzählungen zuzuhören, hatte sie viel Überwindung gekostet. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie derartige Qualen so lange überlebt hatte.
Die Misshandlungen wurden tagtäglich schlimmer und Joan konnte dies nicht länger ertragen. Das schreckliche Leid der Mädchen und Jungen erdrückte sie, schnürte ihr die Kehle zu... nahm ihr den Atem...
Der Dezember verging und während Joan die Weihnachtsfeiertage in Gesellschaft von Brian und Rachel auf einigen Partys verbrachte, vermisste sie Steves aufheiternde Art mehr denn je. Oftmals war es nur ihm gelungen, dass sie solch langweilige Veranstaltungen einigermaßen amüsant überstanden hatte.
„Darf ich Sie um den nächsten Tanz bitten?“, fragte nach einer Weile, in der sie allein an der Bar gestanden hatte, plötzlich eine ihr bekannte Männerstimme hinter ihr.
Mit einem Lächeln im Gesicht wandte Joan sich zu Paolo Bandero um. „Diesmal sind Sie also ehrlich und fragen mich gleich.“
„Nachdem ich beobachten konnte, wie Sie zahlreiche Männer abgewiesen haben, wollte ich eigentlich gehen.“
„Und was hat Sie veranlasst, dennoch zu mir herüber zu kommen?“
„Sie“, sagte er sanft. Ihre Blicke begegneten sich. „Sie sahen einsam aus.“
Das stimmte vermutlich sogar, dachte Joan, wandte den Blick von ihm ab und nippte an ihrem Champagnerglas. „Sie haben mich also beobachtet...“
„Vielmehr Ihr bezauberndes Kleid, Mrs. ... Oh, ich kenne Ihren Namen noch gar nicht.“ Sein Lächeln war umwerfend.
„Joan Farley“, stellte sie sich vor und reichte ihm die Hand.
Die Überraschung über ihren Namen stand Paolo ins Gesicht geschrieben, als er ihre Hand nahm und ihre Finger küsste. „Sie müssen verzeihen, dass ich Sie nicht sofort erkannt habe, Mrs. Farley.“
„Joan - wenn es Ihnen recht ist. Im Übrigen bin ich sehr froh, dass man mich nicht überall erkennt.“
Er nickte verständnisvoll, aber Joan glaubte nicht, dass er eine Ahnung davon hatte, was sie meinte. „Es freut mich, Sie wiederzusehen, Joan. Ich bin Paolo Bandero.“
„Ich weiß. Man hat es mir zugetragen“, sagte sie lächelnd. „Möchten Sie jetzt vielleicht tanzen?“
„Einer Aufforderung von Ihnen sollte man ohne zu zögern nachkommen, sonst bietet einem vielleicht nie wieder diese Gelegenheit.“
„So schrecklich bin ich gar nicht“, sagte Joan beiläufig, als sie zu den anderen tanzenden Paaren hinübergingen.
„Dann täuscht mich mein Eindruck von Ihnen nicht. Obwohl, ich bin der Ansicht, dass nur die besten Freunde einen Menschen wirklich beurteilen können“, sagte er und legte seine Hand knapp oberhalb ihres Po’s.
„Und dazu zählen Sie sich?“
„Das wäre eine Anmaßung!“ Er drehte sie herum. „Aber ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns besser kennen lernen würden, Joan.“
Im Laufe der nächsten Monate trafen Joan und Paolo sich mehrmals wöchentlich zum Lunch und verbrachten immer häufiger den Nachmittag miteinander. In kürzester Zeit wurden sie gute Freunde, die einander sehr ähnlich waren. Paolo zeigte Joan alle interessanten Sehenswürdigkeiten von Mailand, schleppte sie zum Schoppen ins goldene Dreieck zu Versace, Krizia oder Valentino und schenkte ihr eine wunderschöne Muschelkette aus einem Geschäft im Navigli-Viertel. Nachdem er seine Touristenführung beendet hatte, führte er sie schließlich in seine Welt ein. Er stellte sie seinen zahlreichen Freunden vor und ging mit Joan am Abend auf deren Partys.
Eines Abends im März folgte Paolo ihrer Einladung und kam zu ihnen nach Hause zum Essen, zu dem die drei ihn eingeladen hatten. Es wurde Zeit, dass sie sich besser kennen lernten, hatte Brian gesagt, und führte ein langes, aufschlussreiches Gespräch mit Paolo. Nachdem Mr. Bandero ihm einige Entwürfe seines Sohnes gezeigt hatte, erfuhr Brian nun von Paolos leibhaftiger Liebe zur Mode. Er musste zugeben, dass ihn nicht nur Paolos bisherige Zeichnungen beeindruckt hatten, sondern auch dessen frische Ideen, die ihm noch im Kopf herumschwirrten. Aus diesen Gründen sicherte er Paolo eine Stelle als Designer bei Farleys zu, sobald er sein Studium beendet hatte.
„Das müssen wir ausgiebig feiern!“, sagte Paolo enthusiastisch, als sie allein am Pool saßen. „Was hältst du von einem Wochenende in Rom?“
„Du willst mit mir nach Rom?“
„Du sagst das in einem Ton, als würde ich dich dort heiraten wollen“, meinte er lächelnd und legte seine Hand auf die ihre. „Keine Angst, das habe ich nicht vor.“
Joan hob die Augenbraue. „Mir graut es davor, was du alles anstellst, wenn wir zwei allein in einer fremden Stadt sind.“ Zum ersten Mal dachte sie daran, dass sie nicht nur sehr gute Freunde, sondern auch Mann und Frau waren. Sie hatte Paolo nie Hoffnungen gemacht, sich ihm nie auf leidenschaftliche Art genähert. Für Joan war es seit jeher eine rein freundschaftliche Beziehung zwischen ihnen, doch seit einiger Zeit hatte sie den Eindruck, dass Paolo durchaus an mehr als Freundschaft interessiert war. „Ich weiß nicht, Paolo...“
„Komm schon, Joan. Du schwärmst mir seit langem vor, wie sehr dir Rom damals auf deiner Europatour gefallen hat und nun bekommst du die Gelegenheit noch einmal dorthin zu fahren.“
Sie zögerte mit ihrer Entscheidung, während er ihr minutenlang alle erdenklichen Ausflüchte ausredete, die ihr durch den Kopf gingen.
„Okay, okay ich komme mit“, ließ sie sich schließlich von ihm überreden.
„Du wirst es nicht bereuen“, sagte er erfreut und umarmte sie.
Am Freitagabend, drei Tage darauf, trat Brian in die geöffnete Zimmertür von Joans Zimmer und sah ihr einen Moment schweigend zu, wie sie mit dem Rücken zu ihm ihren Koffer packte, der weitgeöffnet auf ihrem Bett lag.
„Was läuft da zwischen dir und Paolo?“, fragte Brian schließlich.
Joan wandte den Kopf zu ihm herum und sah ihn mit verschränkten Armen gegen den Rahmen ihrer Tür lehnen. „Wir haben viel Spaß miteinander. Er zeigt mir Mailand, wir gehen essen, unterhalten uns und gehen abends auf die Partys seiner Freunde“, erklärte sie ihrem Bruder nüchtern.
„Mehr nicht?“, harkte er nach.
„Nein, Brian... mehr ist da nicht.“ Ihr Blick begegnete dem ihres Bruders und da erkannte er, dass ihr Herz noch immer an Steve hing. Obwohl sie seinen Tod überwunden hatte, waren die Gefühle für ihn nicht mit ihm gestorben.
„Versprichst du mir etwas, Schwesterchen? Wenn der Richtige kommt, dann gib’ ihm eine Chance.“
„Okay.“
„Hey, ich meine es ernst.“
„Ich weiß, aber dafür ist es noch zu früh. Ich bin noch nicht soweit.“
Am späten Abend stiegen Joan und Paolo auf dem Flughafen Leonardo da Vinci aus ihrem Flugzeug und ließen sich von einem der Taxis zu ihrem Hotel fahren, das sich unmittelbar an der Spanischen Treppe befand. Von der Dachterrasse aus betrachtet, lag ihnen Rom zu Füßen.
Paolo hatte ihnen zwei getrennte Zimmer gebucht, die durch eine Tür miteinander verbunden waren.
„Bist du zu müde, um mit mir noch in eine Diskothek zu gehen?“, rief Paolo durch die geöffnete Zwischentür zu ihr hinüber.
„Ich gehe mich frisch machen und ziehe mir etwas Passendes an“, rief Joan zurück und verschwand in ihrem Badezimmer.
Eine Viertelstunde darauf stand sie in einem zartrosafarbenen Spaghettikleid und Pumps vor ihm. Die Haare trug sie offen über der Schulter.
„Wow!“, stieß Paolo bei ihrem Anblick aus. „Du kannst dich durchaus zeigen lassen“, sagte er lächelnd.
Bis in den frühen Morgenstunden tanzten sie ausgelassen im Loft. Erst um drei Uhr ließen sie sich von einem Taxi zurück ins Hotel fahren, wo sie außer dem Portier und der Empfangsdame niemanden begegneten. Auf eine Äußerung von Paolo betraten sie lachend den Fahrstuhl und stiegen zwei Stockwerke höher noch immer lachend aus.
„Ich bin zu aufgekratzt, um schlafen zu gehen“, sagte Paolo, als er sein Zimmertür aufschloss. „Kommt du noch auf ein Glas Champagner mit zu mir?“
„Aber nur eines, dann habe ich wirklich genug.“ Sie folgte ihm in sein Zimmer und setzte sich auf das Doppelbett. Ihre Handtasche legte sie neben sich ab und nahm das Glas Champagner, das Paolo ihr reichte.
„Auf deinen Bruder, der mich bei Farleys einstellt.“
„Auf dich und deine hervorragenden Entwürfe.“
„Mein Gott, Joan! Farleys!“, sagte er noch immer ungläubig. „Niemals hätte ich damit gerechnet, gleich nach meinem Studium unter so einem bedeutenden Namen arbeiten zu dürfen. Ist dir bewusst, wie bekannt ihr in Mailand innerhalb der letzten Monate geworden seid?“
„Leider“, flüsterte Joan.
Paolo, der vor ihr stand, blickte verwundert zu ihr hinunter. „Warum?“
„Weil ich nur wenige Jahre von meinem Leben ohne Bodyguards, Fotografen und Journalisten verbracht habe“, erklärte sie nüchtern. „Ich habe es gehasst überall fotografiert zu werden. In ganz New York gab es nur unser Appartement, mein Zimmer, in dem ich für mich sein konnte.“ Nachdenklich sah sie an ihm vorbei und blickte aus dem Fenster. „Ich hatte viele Freunde, aber keiner von ihnen kannte mich so, wie du mich kennst. Die Meisten wollten mit mir gesehen werden, es interessierte sie nicht, wer ich wirklich war.“
Paolo setzte sich neben sie aufs Bett und berührte ihre Hand, die auf ihrem Schenkel lag, mit der seinen. Langsam wandte sie den Kopf zu ihm herum.
„Würdest du so ein Leben führen wollen?“
„Die meisten Menschen würden jetzt wohl mit ja antworten, aber wenn ich es mir recht überlege, dann ist mir meine uneingeschränkte Freiheit lieber, als alles Geld der Welt.“
„Ich hatte nie die Wahl.“ Doch wenn sie an ihre Kindheit dachte, wurden ihr all die schönen Erinnerungen wieder bewusst. Ihre Eltern waren immer für sie da gewesen.
Paolo bemerkte den traurigen Ausdruck in ihren Augen, beugte sich zu ihr und küsste zärtlich ihre Wange. „Hey, ich ertrage es nicht, wenn die Frau, die ich liebe, traurig ist...“, flüsterte er in ihr Ohr. Joan wich zurück und sah ihn verwirrt an. „Schau’ nicht so überrascht. Du musst es gespürt haben“, sagte er sanft. Paolo verlor sich in ihren Augen, als seine Lippen die ihren zärtlich berührten. Anfang war sie wie erstarrt, doch dann erwiderte Joan seinen leidenschaftlichen Kuss. „Ich habe mich in dich verliebt, Joan“, sagte er leise und küsste sie abermals. Voller Leidenschaft drückte er sie in die Kissen hinunter und fuhr mit seiner Hand ihren Rücken entlang. Ein Kribbeln durchfuhr Joan.
„Wir sollten das nicht tun“, sagte sie unter seinen Küssen.
„Sag mir, dass ich aufhören soll“, raunte er an ihrem Hals. „Joan... oh Gott...“ Er begehrte sie wie keine andere Frau vor ihr, doch würde er nichts tun, was sie nicht auch wollte.
„Wir zerstören unsere Freundschaft... Paolo...“ Den Mund noch an dem seinen, schob sie seinen Körper sachte mit den Händen fort. „Ich kann nicht.“ Verwirrt stand sie von seinem Bett auf und strich sich ihr Kleid glatt.
„Es tut mir leid. Ich war zu schnell“, sagte er mit sanfter Stimme.
„Schon okay. Ich sollte jetzt gehen. Bis Morgen“, sagte sie ohne ihn anzusehen, lief in ihr Zimmer hinüber und schloss die Tür hinter sich.
Mit einem Kribbeln im Bauch sank sie auf ihr Bett und musste sich eingestehen, dass sie seine Zärtlichkeiten genossen hatte. Dennoch war es eine Dummheit gewesen. Sie hätte es niemals soweit kommen lassen dürfen. Paolo liebte sie, daran gab es nun keine Zweifel mehr, doch sie wurde durch ganz andere Gefühle geleitet. Sie wusste, dass es jeder Mann hätte sein können. Nach so langer Zeit hatte sie einem Mann nur wieder einmal nahe sein wollen.
Zurück in Mailand unternahm Paolo noch einige Annäherungsversuche, Joan aber ging nie wieder darauf ein. Der Mai kam und obwohl es Paolo schwer viel, konnten sie ihr ungezwungenes, freundschaftliches Verhältnis wieder aufbauen. Für Joan waren sie wie Bruder und Schwester, die sich in der Stadt zum Kaffee trinken trafen und sich über alles unterhielten. Sie gingen gemeinsam auf Partys, doch sobald Joan von Paolos Freunden zum Tanz aufgefordert wurde, war es Paolo selbst, der ihnen einen eindeutigen Korb gab. Bald darauf wurde gemunkelt, dass sie ein Paar wären und er sie für sich allein wollte. Hätten sie sich zu einer anderen Zeit gekannt, dann würde sie Paolo übel nehmen, dass er ihre Verehrer reihenweise abblockte. Doch noch war sie nicht an einer neuen Beziehung interessiert und weinte deshalb den Männern nicht nach. Zum ersten Mal seit Steves Tod war sie wieder glücklich. Ihr Leben war völlig ungezwungen, frei von Sorgen und Ängsten. Sie brauchte keinen Mann in ihrem Leben, ihr genügte Paolos nette Gesellschaft.
„Ich werde Anfang Juni zurück nach Los Angeles fliegen“, erklärte Joan beim Frühstück Rachel und Brian, nachdem sie einige Tage darüber nachgedacht hatte. „Sobald das Semester beginnt, möchte ich mein Studium fortsetzen. Mir fehlt noch ein Jahr.“
Überrascht wechselten Brian und Rachel einen Blick. „Bis dahin sind es noch einige Monate“, erklärte Brian enttäuscht. Er hatte geglaubt, sie würde noch zwei, vielleicht drei Monate in Mailand bleiben und erst dann zurückfliegen. „Was willst du in der Zwischenzeit tun?“
„Ich werde Theo fragen, ob er meine Hilfe im Cafe benötigt und wenn das nicht klappt, finde ich einen anderen Job.“ Steve und sie hatten neben ihrem Studium in dem Strandcafe des Vierzigjährigen als Kellner gearbeitet, um ihre Miete bezahlen zu können.
„Und wo willst du wohnen? Die Zimmer im Studentenwohnheim sind längst vermietet.“
„Ich suche mir ein kleines Appartement“, beruhigte sie ihren Bruder.
„Bis du etwas Geeignetes gefunden hast, kannst du in unserem Gästezimmer wohnen“, schlug Rachel vor und ignorierte den Blick, den Brian ihr zuwarf. Es war an der Zeit, dass er seinen Beschützerinstinkt zurückschraubte und seine Schwester losließ. Sie war alt genug, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Joan buchte ihren Flug für den zweiten Juni und verbrachte die verbleibende Zeit überwiegend mit Paolo, der über ihre Pläne, Mailand den Rücken zu kehren, tief betrübt war. Selbst wenn er ihr Herz niemals für sich gewinnen konnte, so wollte er Joan zumindest als Freundin nicht verlieren.
„Du musst mich unbedingt in L.A. besuchen kommen, Paolo. Dann zeige ich dir meine Stadt und du lernst meine Freunde kennen.“
Ihr Vorschlag erstaunte ihn. „Hast du keine Angst, dass ich eines Tages tatsächlich vor deiner Tür stehen könnte?“
„Warum sollte ich?“, fragte sie verwundert. „Du bist mein bester Freund und ich werde dich in L.A. schrecklich vermissen.“
„Was hältst du davon, wenn ich meine Stelle bei Farleys in L.A. antrete?“
„Du würdest irgendwann deine Heimat, deine Familie und deine Freunde vermissen. Mir geht es jetzt so“, sagte sie leise.
Während Joan ihre Abreise plante, stand Brian mit seinem Vater in ständigem Kontakt, was Rachels und seine Zukunft betraf. Da Brian den Anlauf der neuen Kollektion abwarten wollte, würden sie mindestens bis Anfang September in Mailand blieben. Wenn alles zu seiner Zufriedenheit verlief, würde er sein Baby, wie Rachel das Geschäft gern nannte, verlassen und Mr. Bandero die Geschäftsleitung anvertrauen. Im Anschluss daran versprach er Rachel mit ihr mindestens zwei Wochen bei ihren Eltern in Rom Urlaub zu verbringen, wo Brian ihren Vater um die Hand seiner Tochter bitten wollte.
Mitte Mai stiegen die Temperaturen bereits über dreißig Grad Celsius und nach einer langen Einkaufstour mit Paolo sehnte Joan sich nach einer Abkühlung im Pool.
„Wohin gehen wir heute Abend?“, fragte Joan ihn, als sie auf den Liegestühlen lagen und sich sonnten. Dann und wann blinzelte Paolo und betrachtete ihren wunderschönen Körper, der für ihn unerreichbar schien. Seine einzigste Beruhigung lag darin, dass Joan auch an keinem anderen Mann Interesse zeigte. Sie hatte das Thema immer gemieden, aber er vermutete, dass sie tief verletzt worden war und einige Zeit für sich allein brauchte.
„Raphael hat Morgen Geburtstag. Du erinnerst dich bestimmt an ihn, du hast ihn vor zwei Monaten auf Maxims Party kennen gelernt“, sagte er und sah zu ihr hinüber.
„Der gut gebaute Kerl mit dem verführerischen Lächeln?“, fragte sie mit geschlossenen Augen grinsend, als sie sich an die schmachtenden Blicke der anderen Frauen erinnerte.
Paolo stöhnte. „Die Party beginnt heute Nacht und wird vermutlich bis zum Mittag andauern.“
„Klingt gut. Ich bin dabei“, erklärte Joan.
Wenige Stunden später mischten sie sich bereits unter Raphaels Gäste, die in dem großen Haus seiner Eltern kaum Platz fanden. Paolos Erzählungen zufolge verbrachte sein Freund seine Zeit auf allen erdenklichen Partys in ganz Europa. Oftmals war er wochenlang weg, ohne das einer seiner vielen Freunde in Mailand wusste, wo er sich gerade aufhielt. Paolo hatte sich daran gewöhnt und wann immer Raphael in der Stadt war, machten die beiden einen Drauf.
„Raphaels Vater ist einer der bedeutendsten Geschäftsmänner“, sagte Paolo ihr, während sie an der Bar auf ihren Cocktail warteten. „Niemand kann genau sagen, für wie viele Generationen er in seiner Familie ausgesorgt hat, Raphael wird jedenfalls niemals arbeiten müssen. Ihm gefällt seine Art das Leben zu leben, er liebt es mit Champagner und wechselnden Frauen zu feiern.“
Gerade als Joan antworten wollte, erblickte sie Raphael inmitten seiner Gäste. Ihre Blicke begegneten sich einen Moment. Selbst aus dieser Entfernung konnte Joan bestätigen, was Frauen an seinen durchdringenden Augen so faszinierte. Er schien jede Einzelne im Raum zu verzaubern. Doch auch der Rest an ihm war nicht außer Acht zu lassen. Raphael hatte kurz geschnittene rabenschwarze Haare und seine stark gebräunte Haut stach deutlich unter allen Anwesenden hervor. Sobald er die Hand eines Freundes fester drückte, spannten sich unter seinem schwarzen Hemd die durchtrainierten Muskeln seiner Oberarme.
Raphael benötigte einige Minuten, bis er durch die Menge seiner zahlreichen Freunde gelangte und zu ihnen hinüber kam. Mit einem Schulterklopfen begrüßte er Paolo und sah dann zu Joan.
„Du erinnerst dich sicher an Joan“, sagte Paolo, die Hand an Joans Rücken.
„Wie könnte ich so eine schöne Signorina vergessen“, erwiderte Raphael lächelnd, hob ihre Hand und küsste zärtlich ihre Finger. „Darf ich um den nächsten Tanz bitten?“, fragte er mit einem umwerfenden Lächeln.
„Sehr gern“, sagte sie und ließ sich von Raphael durch die Gästemenge zur Tanzfläche leiten. In dem Moment begann ein Cha-Cha-Cha und Joan hielt inne. „Oh - den habe ich seit Jahren nicht mehr getanzt. Vielleicht sollten wir lieber aussetzen...“
„Einen Cha-Cha-Cha verlernt man nicht“, erwiderte Raphael, ihre Hand noch immer festhaltend, und begann mit den ersten Schritten. Joan war überrascht, wie gut er sie führte, sodass die erlernten Tanzschritte dank ihm bald zurückkehrten.
Diesem Tanz folgten zwei weitere mit schnellem Rhythmus, danach wurde ein langsameres Stück angespielt und Raphael zog Joan sachte an seinen Körper. Sie spürte seine Hand knapp oberhalb ihres Pos, wollte jedoch erst einlenken, wenn er mehr wagte.
„Läuft zwischen euch etwas?“, fragte Raphael später seinen Freund beiläufig, als Joan sich an der Bar einen Drink besorgte.
„Lass die Finger von ihr!“, warnte Paolo ihn.
Raphael grinste nur. „Glückwunsch, mein Freund. Scheint etwas Ernstes zu sein.“
„Zwischen uns läuft nichts“, klärte Paolo ihn innerlich zerknirscht auf. „Trotzdem ist Joan für dich absolut tabu. Sie ist eine sehr gute Freundin und ich werde nicht zulassen, dass du sie für eine Nacht benutzt.“
Raphael grinste. „Es könnten gern auch zwei werden.“
„Such’ dir eine andere“, sagte Paolo eindringlich und sein Blick verriet, wie ernst er seine Worte meinte.
Wenige Minuten nach halb Vier wurde das Licht im unteren Wohnbereich des Hauses gelöscht, es blieb jedoch genügend Licht, um die zwei Jungen zu erkennen, die etwas Großes, das unter einem Tuch verborgen war, ins Wohnzimmer schoben. Ein Mädchen folgte ihnen und stellte die Geburtstagstorte auf den Tisch.
„Raphael, wo steckst du?“, rief sie laut in den Raum. „Trau’ dich zu mir“, sagte sie, worauf Paolo seinen Freund grinsend anstieß.
„Hast du eine Ahnung, was sie mit mir vorhat?“, fragte Raphael leise.
„Nein - aber wenn du nicht freiwillig gehst, dann verrate ich dich“, antwortete Paolo.
„Und das nennt sich Freund.“
Joan, die das flüsternde Gespräch der Beiden mit angehört hatte, lächelte.
„Ich bin hier, Michaela“, sagte Raphael nun lauter als zuvor und ging in Richtung der vielen Kerzen. Lächelnd bedankte er sich bei seiner guten Freundin mit einem Wangenkuss und sagte nach genauerem zählen: „Du weißt aber schon, dass du zu viele Kerzen angezündet hast, oder?“
„Ehrlich? Das tut mir sehr leid, Raphael.“
„Warum nur glaube ich dir kein Wort?“
Als seine Freunde schließlich ihr Geschenk, eine blonde Gummipuppe, enthüllten, schwor Raphael, sich bei ihnen zu revanchieren.
„Wir denken an die Zeit, in der dir keine Frau mehr hinterherlaufen wird“, sagte einer der Jungen. „Und das, wenn du erlaubst zu sagen, ist nicht mehr allzu lang hin.“ Raphael, der selbst ähnliche Geschenke machte, nahm es wie erwartet mit Humor.
„Da hast du ja das Passende bekommen“, sagte Paolo grinsend. Joan, die neben ihm stand, nippte lächelnd an ihrem Cocktail.
„Noch habe ich so etwas nicht nötig“, entgegnete Raphael und warf Joan einen vielsagenden Blick zu. „Wollen wir tanzen?“
„Tut mir leid, Paolo hat sich gerade verpflichtet.“ Joan stellte ihr halbleeres Glas auf den Tisch und griff nach Paolos Hand.
„Wie war das? Noch habe ich so etwas nicht nötig? Das, mein Freund, war gerade dein erster Korb“, sagte Paolo lachend und lief mit Joan auf die Tanzfläche.
„Ich bekomme immer, was ich will“, sagte Raphael leise und beobachtete
die Beiden, wie sie engumschlungen tanzten. Plötzlich legte Joan ihre Hand an Paolos Wange und küsste ihn leidenschaftlich. Innerlich triumphierend wandte Raphael den Blick ab und trank aus seinem speziellen Cocktail.
„Ist alles okay mit dir?“, fragte Paolo sie verwundert. Seit Rom war sie auf Distanz gegangen und nun küsste sie ihn mit einem Verlangen, dass er Mühe hatte, sich zu beherrschen.
„Mir geht es wunderbar. Ich komme mir wie ein Vogel vor. Endlich bin ich frei.“ Kichernd ließ sie sich in seine Arme fallen. „Ich kann fliegen...“
Paolo lachte. „Du bist betrunken!“
„Stimmt nicht!“ Stürmisch küsste sie ihn wieder, doch diesmal hielt Paolo sie an den Armen fest und drückte sie zurück.
„Hey, das bist nicht du, Joan“, sagte er sanft und fragte sich, wann sie so viel getrunken hatte. „Wenn ich zulasse, was du vorhast, dann wirst du mich Morgen dafür hassen.“
„Ich treffe meine Entscheidungen selbst!“, maulte sie ihn an.
„Nicht in diesem Zustand. Ich bringe dich nach Hause.“
„Nein“, wiedersprach sie. „Es ist so schön hier... außerdem habe ich Hunger.“
Paolo seufzte. „Okay, ich hole dir etwas. Aber essen wirst du im Auto“, sagte er bestimmt und führte sie zu einem Stuhl. „Du bleibst hier sitzen, bis ich wiederkomme.“
„Ja, Dad“, sagte sie grinsend.
Paolo eilte durch die Menge hindurch, die sich trotz der Morgenstunden kaum verkleinert hatte, und verschwand aus ihrem Blickfeld.
„Hey, Joan“, sprach sie nur einen Moment darauf jemand an. Joan wandte den Kopf herum und erkannte Raphael. „Willst du einen Schluck?“, fragte er und hielt ihr eine geöffnete Champagnerflasche entgegen.
Sie nickte und trank einen kräftigen Schluck aus der Flasche. „Danke.“
„Paolo hat einen Freund von früher getroffen, den er lange nicht gesehen
hat. Er bat mich, dich heim zu fahren. Ich hoffe, dass ist dir recht?“ Er reichte ihr abermals die Flasche.
„Hm... ist gut“, antwortete sie und stand auf. Mit der Flasche in der rechten Hand folgte sie Raphael vor die Tür und stieg in dessen roten Ferrari. Während Raphael die Strasse entlang fuhr und dabei aus der Flasche trank, spürte Joan bereits die Wirkung des Champagners. Ihr wurde schwindlig und dann und wann schwanden ihr die Sinne. Schließlich schlief sie auf dem Beifahrersitz ein.
Benommen wandte Joan sich. Sie stöhnte leise, da ihr Kopf schmerzte. Als sie schließlich zu sich kam und die Augen öffnete, sah sie, dass sie im Bett eines ihr unbekannten Schlafzimmers lag. Sie fühlte sich elend und bei jeder Bewegung drehte sich das Zimmer. Trotz des Schmerzes in ihrem Kopf versuchte sie aufzustehen, aber irgendetwas schnürte ihren Arm ab. Verwirrt wandte sie den Blick zu ihrem Arm hinauf und stellte erschrocken fest, dass sie mit einer Fessel am Bettgestänge angebunden war. Da durchfuhr ein heftiger Schmerz ihren Kopf. Mit den zittrigen Fingern der freien Hand berührte sie unsicher die schmerzende Stelle an ihrem Hinterkopf. Ängstlich zog sie die Hand zurück und sah Blut daran kleben.
Verschwommen erinnerte Joan sich an die Party zu der sie mit Paolo gegangen war. Sie hatten getanzt und gelacht... und viel getrunken. Doch sie konnte sich nicht entsinnen, wann und vor allem mit wem sie die Party verlassen hatte. Dies war jedenfalls weder Paolos Wohnung, noch ihr eigenes Bett und ihr aufgeschlagener Hinterkopf und ihre Bewusstlosigkeit verhießen nichts Gutes. Schlagartig blickte sie an sich hinunter und sah bestürzt, dass sie nur mehr ihren Slip und ihre geöffnete Bluse trug. Der Panik nahe, riss sie wild mit der angebundenen Hand an der Fessel, doch sie löste sich nicht. Auch ihre Versuche, sie mit der freien Hand zu lockern, schlugen fehl. Schließlich gab sie nach einigen Minuten auf und schloss mit zittrigen Fingern die Knöpfe ihrer Bluse. Verzweifelt versuchte sie sich daran zu erinnern, wie sie in dieses Bett gekommen war, als sie im Nebenzimmer Schritte wahrnahm. Plötzlich stand Raphael nur in seiner Boxershorts lächelnd in der Tür.
Verächtlich sah Joan ihn an. „Was hast du mit mir gemacht?“, fragte sie mit zittriger Stimme.
„Baby, du warst großartig...“
„Du hast mich vergewaltigt!“, stieß sie erschüttert hervor. Ihr wurde übel.
„Davon kann keine Rede. Schließlich hast du dich nicht gewehrt“, sagte er grinsend und durchquerte den Raum.
„Ich war bewusstlos! Du hast mich vergewaltigt.“
Mit wenigen Schritten war Raphael bei ihr, griff grob in ihre Haare und zog sie zu sich hoch. „Wage es nicht, mich zu beschuldigen“, sagte er mit hasserfülltem Blick. „Ich habe dich nicht gegen deinen Willen angerührt.“ Doch Joan wusste es besser. Sie hätte niemals freiwillig mit ihm geschlafen.
„Du bist krank!“
„Nein, verrückt nach dir.“
Sie saß vor ihm, als er ihr Gesicht mit beiden Händen umfasste und sie verlangend küsste. Angeekelt riss Joan erneut an der Fessel, die sich keinen Millimeter löste. Mit dem linken Arm versuchte sie Raphael abzuwehren, aber er war stärker und drückte sie zurück auf die Matratze. Hilflos schlug sie um sich, bis er ihr wütend eine harte Ohrfeige verpasste. Ihre Schläfe platzte auf. Blut rann in ihr Auge und die Wange hinunter.
Hastig zog er ihren Slip hinunter, schob trotz ihrer Abwehr ihre Beine mit den Knien auseinander und leckte sie dazwischen. „Baby, du machst mich heiß!“, raunte er und schob mehrere Finger in sie. Schmerzlich zuckte Joan zusammen. Durch ihr blutunterlaufendes Auge sah sie, wie er ein kleines Röhrchen aus dem Nachttisch nahm und den weißen Inhalt auf ihrem Bauch verteilte. Während er seine Finger tiefer in sie schob, zog er das weiße Pulver durch die Nase ein. „Das turnt mich an!“ Abrupt zog er die Finger aus ihrer Vagina und versuchte ihren Mund zu öffnen, um ihr eine Pille hineinzudrücken. Joan aber wehrte sich vehement unter ihm. „Wie du willst. Wir können es auch auf die harte Tour machen.“
„Lass mich gehen... bitte...“, flehte sie halb benommen. Durch seine Schläge war ihr linkes Auge geschwollen, sodass sie ihn nur durch einen Schleier sah.
„Jetzt fängt der Spaß doch erst richtig an“, sagte er und entledigte sich seiner Hose. Im nächsten Moment biss er ihr in die Brustwarze und drang grob in sie ein. Joan schrie auf und wand sich unter ihm. Er stieß tiefer in sie, wollte ihr zeigen, dass sie ihm gehörte. Er stöhnte laut zwischen ihren Brüsten, als plötzlich im Nebenzimmer sein Handy zu klingeln begann.
„Verdammt“, keuchte er und entzog sich ihr. Noch immer erregt verließ er das Zimmer und schloss bis auf einen Spalt die Tür.
Ängstlich lauschte Joan seinen Worten. Es war vielleicht ihre einzige Chance, um Hilfe herbeizuholen. Sie musste es wagen. Unter Schmerzen rollte sie sich auf ihre linke Körperseite, berührte mit der freien Hand den Nachttisch neben dem Bett und tastete halb blind darüber. Schließlich fand sie, was sie suchte. Sie hatte das Telefon entdeckt, als Raphael vorhin nach dem Röhrchen gegriffen hatte. Vorsichtig hob sie den Hörer ab und gab eine Telefonnummer ein.
„Farley“, meldete sich Brian augenblicklich. In Sorge um seine Schwester hatte er das Telefon fortwährend bei sich getragen. Seit Stunden telefonierten sie herum. Wie Paolo ihnen erzählt hatte, war Joan bei seiner Rückkehr mit dem Essen nicht mehr an ihrem Platz gewesen. Vergeblich hatte er sie auf der Party gesucht, doch nicht gefunden.
„Brian, hilf mir...“, stammelte Joan leise.
„Oh Gott... Joan! Wo steckst du?“ Sofort kam Rachel zu ihm gelaufen.
„Ich bin bei Raphael...“ Es knackte in der Leitung und Brian dachte bereits, sie hätte aufgelegt, doch da hörte er seine Schwester leise weinen. „Brian... er tut mir weh...“ Da tutete es in der Leitung. Sie ist unterbrochen worden.
„Mit wem hast du gesprochen?“, schrie Raphael sie an. „Wütend griff er nach ihrer Hand und band auch diese mit einer Fessel am Bettgestänge fest.
„Sie werden mich finden“, brachte Joan schluchzend hervor. Ihre geschwollenen Augen schmerzten so sehr, dass Joan sie nicht öffnete.
Sein Schlag traf sie unerwartet, doch mit voller Wucht. „Freu’ dich nicht zu früh!“, sagte er boshaft. Er grinste und drückte abermals ihre Beine auseinander. Joan versuchte sich verzweifelt zu wehren, doch da spürte sie sein Glied an ihrem Bein. Er begehrte sie wieder und stieß in sie - schmerzhafter als zuvor. Er wollte sie immerfort. Sie erregte ihn...
Während Joan sich in Raphaels Gewalt befand, telefonierte Brian mit Paolo und erzählte ihm von Joans Anruf. Als er Raphaels Namen erwähnte, wandte Paolo ein. „Das glaube ich nicht. Ich kenne ihn.“
„Wo könnte er sie hingebracht haben?“, drängte Brian ihn, da sie keine Zeit verlieren durften. Er ahnte, dass dieser Kerl die Leitung unterbrochen hatte.
„Es kommt nur seine Wohnung in Frage“, sagte Paolo und teilte Brian die Adresse mit. Es war bereits nach elf Uhr morgens. Bei dem Verkehr auf den Strassen würden sie mindestens eine halbe Stunde benötigen. Brian mochte sich nicht vorstellen, was dieser Kerl bis dahin mit Joan angestellt hatte.
Seit sechs Stunden war Joan in Raphaels Gewalt und er schien nicht genug von ihrem Körper zu bekommen. Fortwährend stillte er seine sexuelle Lust an ihr und strafte ihre Abwehr mit Schlägen, die sie allmählich betäubten. Ihr ganzer Körper tat ihr weh, es gab keine Stelle, die Raphael verschonte. Bei jeder seiner Berührung zuckte sie schmerzlich zusammen und wünschte sich nichts sehnlicher, als ihren Tod.
Halb benommen spürte Joan, wie Raphael sie unsanft auf die Seite drehte, wobei sich die Fesseln tief in ihre Handgelenke schnürten. Mit wachsendem Verlangen lag er hinter ihr und berührte ihre Brustwarzen, die von seinen groben Händen und seinem Mund schmerzten. Kaum dass sie seine erneute Erregung wahrgenommen hatte, rollte Raphael sie hastig auf den Bauch herum, schob ihre Beine auseinander und stieß unerbittlich in sie hinein. Joan riss ihre schmerzverzehrten, vom Blut verschleierten Augen auf.
In diesem Moment kam Brian die Treppe hinaufgelaufen, die zu dem offenen Schlafzimmer führte, und schreckte vor dem Anblick der beiden Nackten zurück. Nur Sekunden verharrte er am Treppenansatz, dann stürmte er zum Bett und packte Raphael an den Schultern.
„Du mieses Schwein!“, schrie er wutentbrannt und zerrte Raphael von Joan hinunter und aus dem Bett. Unbarmherzig schlug Brian auf seinen nackten, vom Koks beeinträchtigten Gegner ein, ehe dieser munter wurde und sich ebenfalls zur Wehr setzte. Wild schlugen sie aufeinander ein, rangelten miteinander und rissen zahlreiche Gegenstände mit sich, ehe sie auf den kleinen Glastisch stürzten, der unter ihrem Gewicht zerbrach. Brian rappelte sich auf und ballte dicht vor dem Gesicht seines Gegners die Hand zur Faust um zuzuschlagen, doch Raphael, der blutverschmiert auf den Trümmern des Glastisches lag, regte sich nicht mehr.
Erst da ließ Brian von ihm und wandte den Blick zum Bett hinüber, auf dem Joan noch immer splitternackt lag. Mit zwei Schritten war er bei ihr und löste die festen Knoten ihrer Fesseln, die einen blutenden Abdruck in ihren Handgelenken hinterließen.
„Nein... lass mich...“, kam es flüsternd über ihre Lippen.
Zaghaft berührte Brian ihren Arm, doch Joan erkannte ihn durch ihre geschwollenen Augen nicht. „Jo... ich bin es... Brian“, sagte er mit Tränen in den Augen, da sein Kopf nicht begreifen wollte, was ihr dieser Kerl über Stunden angetan hatte. Fassungslos wagte Brian einen raschen Blick auf ihren mit Blut und blauen Flecken bedeckten Körper, zog eilig sein Hemd aus und legte es über ihren nackten Körper. „Joan, hörst du mich?“, fragte er sorgenvoll, da sie sich nicht mehr rührte, und sah in das geschundene Gesicht seiner Schwester.
Plötzlich öffnete sie einen Spalt weit ihre Augen. „Brian...“, entrang es ihr.
„Kleines, ich bin bei dir. Es ist vorüber“, flüsterte er und streichelte zärtlich ihre Stirn. „Ich bringe dich von hier fort, aber du musst mir helfen...“ Da sah er, wie ihre Augen zufielen und ihr Kopf zur Seite sackte. „Komm schon, Jo! Bleib’ bei mir!“, flehte Brian und schlug ihr mit der flachen Hand gegen die Wange, um sie wach zu halten, doch langsam glitt sie in ein schwarzes Nichts hinüber.
Drittes Kapitel
Raphael sah ihr mit einem breiten Grinsen in die Augen, dann beugte er sich zu ihr hinunter und versuchte sie zu küssen, aber Joan drehte ihren Kopf immer wieder von ihm weg. Da packte er ihren Kiefer fest mit der Hand und zwang sie zu einem Kuss... leise raunte er an ihrem Ohr, wie sehr er sie begehrte und zugleich spürte sie seine Lust.
Joans Schrei drang durch das ganze Haus und riss Brian und Rachel aus dem Schlaf. Sofort sprang Brian auf, rannte zum Zimmer seiner Schwester hinüber und eilte an ihr Bett, in dem Joan zusammengekrümmt lag. Sie weinte fürchterlich und stieß ihn immerzu von sich. Dabei entging ihm nicht, dass sie bei jeder seiner Berührungen zuckte.
Verzweifelt saß er neben ihrem Bett am Boden und während Tränen über seine Wangen liefen, hörte er seine Schwester leise weinen. Brian blieb bei ihr, selbst als er seine Fassung zurückgewonnen hatte. Irgendwann verstummte schließlich ihr Schluchzen. Müde wandte Brian sich zu ihr um und sah, dass sie eingeschlafen war. Mit zittriger Hand berührte er sachte Joans Wange.
Dieser kurzen Nacht folgten drei weitere, in denen Joan von Albträumen heimgesucht wurde, sodass sie kaum schlief. Tagsüber lag sie wie in Trance in ihrem Bett und konnte stundenlang auf ein und dieselbe Stelle starren, doch in den Nächten quälten die Erinnerungen sie wieder und wieder.
Vier Tage waren vergangen und Joan hatte kein einziges Wort mit ihnen gewechselt. Sie lag in ihrem Bett, weinte und schlief abwechselnd und ließ sich weder von Brian noch von Rachel anfassen, die sich um ihre geschwollenen Augen kümmern wollte.
„Was können wir tun?“, fragte Brian seine Freundin, nachdem Joan sie abermals abgewiesen hatte.
„Sie will unsere Hilfe, unsere Nähe nicht“, sagte Rachel traurig. „Wir können ihr nur zeigen, dass wir für sie da sind. Ich fürchte, wir müssen warten, bis sie auf uns zukommt.“
Brian nickte, obwohl Geduld nicht zu seinen Stärken zählte. „Wird sie es schaffen? Ich meine...“ Er suchte nach den richtigen Worten. „Kommt sie allein damit zurecht?“
„Ich weiß es nicht, Schatz. Sie ist unglaublich stark, aber...“ Schluchzend fiel sie in seine Arme. „Sie muss mit jemandem darüber sprechen.“
„Ich weiß, Liebling.“ Bekümmert fuhr er ihr durch die Haare. Nur mit Mühe konnte Brian seinen abgrundtiefen Hass verbergen. Seine unglaubliche Wut, die in ihm brodelte.
Am nächsten Morgen telefonierte Brian mit dem zuständigen Polizisten, der sich um den Fall kümmerte. Noch im Krankenhaus hatte er Brians Anzeige gegen Raphael aufgenommen. Die Fotos, die eine Krankenschwester von Joans unzähligen, blauen Flecken und ihrem Gesicht gemacht hatte, genügten, um ihn auch ohne Joans Aussage zur Fahndung auszuschreiben. Doch was Brian erfuhr, war alles andere als erfreulich. Die Polizei suchte Raphael in ganz Mailand, aber anscheinend war er untergetaucht. Der Polizist ließ vermuten, dass Raphael sich nicht mehr in Mailand aufhielt.
„Ich will, dass dieses Schwein für das, was er meiner Schwester angetan hat, büßt“, sagte Brian verärgert, da dieser Kerl nicht ungestraft davonkommen durfte.
„Das wollen wir auch, aber leider kann ich Ihnen derzeit nicht viel Hoffnung auf eine baldige Verhaftung machen. Es tut mir sehr leid, Signor.“
„Sagen Sie das der Frau, die sein nächstes Opfer wird“, antwortete Brian verärgert und beendete das Gespräch. „Verflucht noch mal!“, rief er wütend und warf das Telefon auf die Couch. „Dieser Mistkerl ist untergetaucht!“, klärte er Rachel auf, die soeben von Joan kam. „Er wird sich auf irgendeiner Insel sonnen, Champagner trinken und sich mit seinen Freunden amüsieren...“
Als Paolo später zu ihnen kam, konnte auch er von keinen Ergebnissen berichten. Seit Tagen fragte er bei all seinen Freunden nach Raphael, doch niemand hatte ihn seit seiner Geburtstagsparty mehr gesehen.
„Wie geht es ihr?“, fragte Paolo leise und sah zu Brian, der an der geschlossenen Terrassentür stand und hinaus in den Garten blickte.
„Ich weiß es nicht“, gestand Brian sich selbst ein und wandte sich zur Couch um, auf der Paolo Platz genommen hatte. „Sie spricht nicht mit uns.“
„Selbst mit Rachel nicht?“
Brian schüttelte den Kopf. „Und ich werde sie nicht dazu bewegen können, zu einem Psychologen zu gehen. Paolo, ich weiß nicht, was ich tun soll. Mit der Anzeige habe ich mich weiter gewagt, als gut für uns ist. Wenn die Presse davon erfährt...“
„Das wäre für Raphaels Familie ebenso unangenehm. Sein Vater wird alles dafür tun, dass die Vergewaltigung nicht öffentlich bekannt wird. Vermutlich hat er Raphael eine so schnelle Flucht ermöglicht.“
„Dann haben wir wenigstens vorerst von der Presse nichts zu befürchten“, sagte Brian erleichtert, da er sich vorstellen konnte, wie die Journalisten über Joan herfallen würden. Die Vergewaltigung würde der Skandal sein, nachdem die Klatschpresse seit Jahren vergeblich suchte.
„Hast du mit euren Eltern darüber gesprochen?“
„Wie soll ich ihnen erklären, was dieser Kerl mit Joan angestellt hat? Ich kann den Gedanken daran selbst kaum ertragen und unsere Eltern würden sich bis an ihr Lebensende schreckliche Vorwürfe machen, weil sie das Jahr in Mailand vorgeschlagen haben.“ Brian sah ihn direkt an. „Ich würde ihnen das Herz brechen...“
„Und das wirst du nicht tun“, sagte Joan plötzlich mit entschlossener Stimme.
Erschrocken wandten Brian und Paolo sich zur Treppe um, auf der Joan in ihrem Morgenmantel stand. Paolo, der sie seit jener Nacht zum ersten Mal wiedersah, verspürte beim Anblick ihrer geschwollenen, blauen Augen dieselbe Wut wie Brian. Zugleich standen sie von der Couch auf und waren sich unschlüssig, ob sie dort verharren oder zu Joan gehen sollten. Der Drang, sie in ihre Arme zu schließen, war bei beiden gewaltig.
„Ich kann nicht ändern, was geschehen ist, aber ich kann meine Zukunft wieder in meine Hände nehmen. Deshalb werde ich morgen zurück nach L.A. fliegen“, sagte Joan entschieden, als auch Rachel zu ihnen stieß. „Wenn Celia und die anderen es geschafft haben, dann werde auch ich damit leben können“, erklärte sie leise und wandte sich von ihnen ab. Langsam lief sie die Treppe hinauf und schloss ihre Tür hinter sich.
Am nächsten Tag fuhren Brian und Rachel sie nach dem Frühstück zum Flughafen und begleiteten sie zum Schalter, wo sie sich voneinander verabschiedeten. Während Rachel und Brian in ihr Auto stiegen, startete über ihnen die Maschine nach Los Angeles. Mit Tränen in den Augen sah Joan aus dem Fenster und dachte an das hinter ihr liegende Jahr in Mailand zurück. Ein Jahr, das nicht schöner und zugleich so schrecklich sein konnte. Es war das erste Jahr nach Steves Tod gewesen. Damals war sie nach Mailand geflüchtet, um den Verlust zu verwinden und nun floh sie nach Los Angeles zurück, um zu vergessen...
Nachdem der Arzt im Mailänder Krankenhaus Joan gründlich untersucht und ihr Blut abgenommen hatte, stellte sie heraus, wie Raphael sie gegen ihren Willen in seine Wohnung hatte bringen können. Bereits während der Party musste er Joan unbemerkt Drogen in ihren Cocktail gegeben haben, sodass sie sich an kaum etwas erinnern konnte, was vor ihrem Erwachen in seiner Wohnung geschehen war. Bevor Joan entlassen wurde, hatte der Arzt ihr nahegelegt, sich in den nächsten Wochen bei ihrer Ärztin in Los Angeles vorzustellen, damit diese die Heilung ihrer Wunde beobachtete. Durch den ständigen Kampf mit Raphael hatte Joan etliche Verletzungen in der Vagina davongetragen, die der Arzt hatte nähen müssen. Er versicherte Brian und Rachel jedoch, dass eine Schwangerschaft in einigen Jahren grundsätzlich nicht ausgeschlossen war, doch ob je eine normale Entbindung in Frage käme, wollte er zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Zuerst musste die Wunde ohne Probleme verheilen und dazu war die Überwachung ihrer Ärztin notwendig.
Die erste Woche verbrachte Joan weitgehend in Brian und Rachels Appartement in der Ocean Avenue. Mit der Ausrede, sie sei krank, bat sie Bob, dem Portier des Appartementhauses, ihr einige Lebensmittel zu besorgen und ins Appartement hinauf zu schicken. Erst nachdem die Prellungen an Armen und Beinen und die Schwellung ihrer Augen nicht mehr zu sehen waren, traute sie sich wieder hinaus. Ihre Ausflüge an die frische Luft blieben jedoch kurz. Zumeist eilte sie zum nächsten Supermarkt, kaufte das Notwendigste ein und kehrte wieder ins Appartement zurück, wo sie den restlichen Tag überwiegend im Bett des Gästezimmers verbrachte.
Das Telefon klingelte. Joan stöhnte laute. Es läutete erneut, doch erst beim vierten Klingeln öffnete sie verschlafen die Augen und tastete mit der Hand zum Telefon, das auf dem Nachttisch lag.
„Ja?“, fragte sie gähnend.
„Joan? Bist du das?“, erkannte sie die Stimme ihres Bruders.
„Brian, was willst du denn so früh von mir?“ Sie stöhnte und rollte sich auf den Rücken herum. „Wie spät ist es?“, fragte sie leise.
„Bei dir elf Uhr“, antwortete Brian von seinem Büro aus. Bei ihm war es bereits später Nachmittag. „Jo, was ist los? Fühlst du dich nicht gut?“
„Es ist alles okay, Brian.“
„Hey“, sagte er sanft. „Ich spüre doch, dass mit dir etwas nicht stimmt. Willst du mir nicht sagen, was los ist?“
„Ich bin nur müde. Die Nacht war sehr kurz.“
Während er mit der linken Hand den Hörer hielt, stützte er sich mit dem Ellenbogen des rechten Arms auf seinen Schreibtisch auf und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger das Nasenbein hinauf. „Hast du nach wie vor Albträume?“
Joan zögerte einen Moment und dachte an die Nächte seit jenem Tag, in denen sie immer wieder aus dem Schlaf hochgeschreckt war. „Kaum noch“, log sie, obwohl die Albträume sie noch immer jede Nacht begleiteten. Doch sie hatte zu lange gezögert; Brian kannte sie gut genug, um die Wahrheit aus ihren wenigen Worten herauszuhören.
„Ich habe mit Dad telefoniert“, wechselte er das Thema.
Schweigen am anderen Ende der Leitung. Joan schloss die Augen und zog die Bettdecke bis an die Brust hinauf. „Was... was hast du ihm erzählt?“, hörte er sie schließlich fragen.
„Nichts. Ich dachte...“ Er stockte, als seine Sekretärin in sein Büro trat. Schnell winkte er sie hinaus. „Ich dachte, du solltest es ihnen selbst sagen.“
Tränen brannten in ihren Augen. „Warum? Was nützt es ihnen, wenn sie davon wissen?“
„Sie sind unsere Eltern“, erklärte Brian ruhig.
„Warum sollten sie sich auch noch Vorwürfe machen? Brian, es war weder deine noch ihre Schuld. Wann begreifst du das endlich?“
Brian erstarrte hinter seinem Schreibtisch. Er hatte nicht gewusst, dass seine Gefühle so offensichtlich gewesen waren. Immerzu hatte er versucht, sie vor ihr zu verbergen.
„Es betrifft allein mich, also lass mich auch allein damit fertig werden“, sagte sie mit feuchten Augen und legte den Hörer auf. Obwohl er ihr gegenüber nie eine Anmerkung gemacht hatte, wusste sie von seinen Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen. Beides konnte sie nicht länger ertragen.
Als es gleich darauf erneut klingelte, hob Joan nicht ab. Stattdessen verließ sie das Bett und ging ins Badezimmer, wo sie sich unter die Dusche stellte und das Wasser andrehte.
In den nächsten Stunden läutete immer wieder ihr Telefon. Es war Brian, der sie über den Anrufbeantworter bat, ans Telefon zu gehen, aber während sie auf der Couch saß und seinen Worten lauschte, folgte sie seiner Bitte kein einziges Mal.
Am Abend dann ertönte der Summer ihrer Sprechanlage. Joan, die im Bademantel im Sessel saß, stellte die Musik leiser, stand auf und ging zur Eingangstür. „Bob, was gibt es?“, fragte sie den Portier freundlich durch die Sprechanlage.
„Verzeihen Sie die Störung, Mrs. Farley. Bei mir ist Mr. Nicholas Blake. Er lässt anfragen, ob er sie einige Minuten sprechen könnte?“
Joan seufzte. Ein Freund Brians, der sich sicher auf dessen Drängen hin nach ihrem Wohlbefinden erkundigen sollte. „Bob, sagen Sie ihm, dass es mir gut geht.“
„Das ist alles, Mrs. Farley?“
„Ja. Danke, Bob“, sagte sie und hängte den Hörer in die Anlage zurück.
Nach einer weiteren von Albträumen geplagten Nacht, in der sie mehrmals schweißgebadet aufgeschreckt war, sah Joan am Morgen in den Spiegel im Badezimmer und bedauerte die junge Frau, die sie darin erblickte. Wo war die Stärke geblieben, die sie all die Jahre so deutlich gezeigt hatte? Steves Tod, den schweren Unfall und die Rehabilitation hatte sie überwunden und überstanden, also würde sie diesen Abschnitt ihres Lebens auch bewältigen.
„Nimm’ dich endlich zusammen, Joan Farley“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Es ist an der Zeit, dass ich mein Leben wieder in die Hand nehme.“
Sie war fest entschlossen, sofort damit zu beginnen. Sobald sie geduscht und ausgiebig gefrühstückt hatte, zog Joan sich ihr zartrosafarbenes, geblümtes Trägerkleid an und verließ das Appartement. Ihr Weg führte sie geradewegs zu dem kleinen Friedhof. Als Joan nach so langer Zeit wieder vor Steves Grab trat, sich hinunterbeugte und die Rose vor den weißen Stein legte, verspürte sie zum ersten Mal in ihrem Leben Seelenfrieden. Die Sehnsucht nach Steve und das erdrückende, schmerzende Gefühl in ihrer Brust, wenn sie an die gemeinsame Vergangenheit dachte, waren endgültig verschwunden. Sie hatte sich von ihm gelöst und sie konnte nicht sagen, was ihr mehr Angst einjagte: der fremde, doch angenehme Seelenfrieden oder die Tatsache, dass sie keinen Schmerz mehr empfand, wenn sie an Steve dachte.
Nach ihrem Besuch auf dem Friedhof schrieb Joan sich für das kommende Semester an der University of California at Los Angeles ein. Ab September wollte sie ihr Marketingstudium wieder aufnehmen.
Mittlerweile war Joan seit vier Wochen in Los Angeles. Ende Juni stiegen die Temperaturen weit über die dreißig Grad Grenze. Nach wochenlanger Trockenheit gab es keine Stelle, an der die Erde nicht ausgedorrt war und förmlich nach Wasser schrie. Die Strände entlang des Pazifiks waren dicht belegt. Jeder der die Möglichkeit hatte, stürzte sich in die hohen Wellen.
Joan lief barfuss den Sandstrand hinunter und lächelte, als sie von weitem das Strandcafe sah, in dem sie bis zu ihrem Unfall mit Steve gearbeitet hatte. Das Theos war das einzige Cafe weit und breit, das einen direkten Zugang zum Strand von Santa Monica hatte. Die meisten Gäste kamen in Badehose und Bikini und wählten einen Platz an den Tischen mit den Korbstühlen, die auch draußen im Sand standen.
„Joan!“, rief ihr die Kellnerin lächelnd entgegen und wartete mit einem vollen Tablett in der Hand, bis Joan zu ihr herankam.
„Hey, Julie“, sagte Joan und umarmte sie kurz.
„Seit wann bist du wieder in L.A.?“
„Seit ein paar Wochen“, antwortete Joan und folgte ihr durch die besetzten Tische hindurch.
„Und da kommst du erst jetzt zu uns!“ Julie drehte den Kopf zu ihr herum. „Sag’ das bloß nicht Theo. Er wird ausflippen.“
„Ist er da?“
Julie nickte. „Klar. Der alte Bursche steht wie eh und je hinter der Theke.“
Joan lächelte. Das alles hatte sie in Mailand vermisst. Das Meer, den Strand, das Theos und ihre Freunde.
Von der Tür bis zur Theke wartete eine lange Schlange, doch ungeachtet dessen ging Joan an den Wartenden vorbei und erblickte Theo hinter der Theke. Er hatte sich kein bisschen verändert. Wie immer trug er Shorts und Badeschlappen, sein kräftiger Oberkörper war jedoch wie üblich unbekleidet. Obwohl er inzwischen die Vierzig überschritten hatte, sah man ihm sein Alter nicht an. Jeden Abend, nachdem er das Cafe geschlossen hatte, ging er ins Fitnessstudio, um sich fit zu halten und am Morgen verbrachte er mindestens eine Stunde auf seinem Surfbrett.
Gerade als Theo seinen Gästen den Rücken zugedreht hatte, trat Joan hinter die Theke, stellte ihre Tasche auf den Boden und wandte sich an ein junges Mädchen.
„Was darf es für dich sein?“ Sogleich hörte sie sich die Bestellung an.
„Jo!“ Überrascht sah Theo sie an. Er strahlte. „Ich dachte, du bist in Mailand!“
„Ich habe deine Hilfeschreie bis dorthin gehört.“ Lachend umarmte er sie, aber Joan löste sich schnell aus seinen Armen. „Unterhalten wir uns später. Sag’ mir einfach, wo ich dir am Besten helfen kann.“
Dankend nahm Theo ihre Hilfe an, da ihm seit einigen Tagen zwei Kellnerinnen fehlten. Julie und das andere Mädchen liefen sich die Hacken ab. Seit ihrer Öffnung am Mittag hatte es nicht fünf Minuten gegeben, in denen sie sich einen Moment hatten ausruhen können.
„Erst sind sie alle heiß auf den Job“, erklärte Theo ihr nach einigen Minuten. „... dann merken sie wie hart die Arbeit ist und sind nach zwei Tagen wieder weg. Jeden Morgen bete ich dafür, dass ich nicht eines Tages alleine hier stehe.“ Er reichte seinem Gast zwei Gläser und kassierte ab.
„Ich würde gern wieder bei dir arbeiten, Theo“, sagte Joan, während sie den Cocktail für ihren Kunden mixte.
„Wirklich?“
„Ich könnte schon morgen anfangen. Ich will mein Studium wieder aufnehmen. Alles wie beim Alten“, fügte sie leichthin hinzu. Da streifte ihr Blick eines der vielen Bilder an der Wand. Drei Menschen waren darauf zu erkennen. Theo, Steve und sie.
„Wir waren ein eingespieltes Team“, sagte Theo, der ihren verstohlenen Blick bemerkt hatte. „Auf euch war immer Verlass...“
Nach Feierabend fand Theo sie gedankenverloren an einem der Tische vor. Sie saß am Eingang in einem der Korbstühle, den Blick auf dem Foto von Theo, Steve und ihr gerichtet. Zum ersten Mal erlebte er sie nicht fröhlich, lachend oder lächelnd. Diese Seite, diese Trübseligkeit war ungewöhnlich für sie und doch hatte Theo sich längst gefragt, wie es in ihrem Herzen aussehen möge.
„Du vermisst ihn, hm?“ Erledigt setzte Theo sich in den Stuhl neben sie. Joan wandte den Kopf zu ihm und lächelte schwach.
„Es tut nicht mehr so weh, wenn ich an ihn denke“, sagte sie leise und verdrängte die aufsteigenden Tränen. „Aber ja... ich vermisse ihn.“
„Ich bin da, wenn du jemanden zum Reden brauchst. Obgleich ich nicht so aussehe, ich bin ein guter Zuhörer.“ Er lächelte.
„Ich weiß, Theo. Danke.“ Sie beugte sich hinüber und küsste seine Wange.
Im Laufe der darauffolgenden Woche besichtigte Joan vor ihrem Dienst im Theos drei Wohnungen, dessen Anzeige sie in der Zeitung gelesen hatte. Die ersten zwei waren in jeder Hinsicht ein Desaster. In beiden stank es, als hätte ein Toter über Monate darin gelegen. Joan wusste, dass sie aufgrund ihres kleinen Einkommens keine große Auswahl hatte, doch deshalb wollte sie nicht in solch einem Loch wohnen.
„Sag mir wie viel du für eine bessere Wohnung benötigst und ich gebe dir das Geld“, bot Brian ihr an, als sie ihm von der Enttäuschung erzählt hatte.
„Ich nehme dein Geld nicht an, Brian. Ich schaffe es allein.“
„Warum bist du nur so stur?“
Joan lächelte. Vielleicht hatte er Recht und sie war stur. Sie aber sah es aus einer anderen Sicht. Sie wollte ohne den Rückhalt ihrer Eltern oder Brian ihr eigenes Leben führen. Und dazu gehörte auch, dass sie für sich selbst sorgte.
Nach etwas Geduld fand Joan schließlich eine Wohnung in Venice, die ihr auf Anhieb gefiel. Sie besaß eine kleine, gemütliche Küche und ein ebenso kleines Badezimmer, das anstelle der Badewanne nur eine Dusche enthielt. Joan, die sehr gern badete, ging diesen Kompromiss ein. Das geräumige Schlaf- und Wohnzimmer dagegen besaß einen Balkon.
Nachdem Joan den Mietvertrag unterzeichnet hatte, strich sie neben ihrer Arbeit im Cafe das einzige Zimmer ihrer Wohnung und begann es einzurichten. Zwischendurch fuhr sie immer wieder ihre Sachen, die Brian in Kartons verstaut hatte, mit dem Auto ihres Bruders in ihre erste eigene Wohnung.
Im Juli verbrachte Joan ihren vierundzwanzigsten Geburtstag zurückgezogen in ihrer Wohnung. Im Nachthemd saß sie auf dem Bett und pustete die einzelne Kerze auf der kleinen Torte aus, die sie sich selbst am Vortag gekauft hatte. Es war das erste Mal seit Jahren, dass es keine große Feier für sie gab. Noch vor Tagen hatte sie sich vor ihrem Geburtstag gefürchtet, aber nun störte sie das Alleinsein nicht so sehr, wie sie angenommen hatte.
„Wie geht es dir, Schwesterchen?“, fragte Brian sie, nachdem er ihr zum Geburtstag gratuliert hatte.
„Ich fühle mich gut“, antwortete Joan lächelnd und zum ersten Mal glaubte Brian ihr. Bereits bei ihrem letzten Telefonat war ihm ihre bessere Stimmung aufgefallen. Ihre Stimme hatte glücklicher geklungen, sodass Rachel und er auf Joans Drängen hin beschlossen hatten, doch bis Anfang September in Mailand zu bleiben und anschließend nach Rom zu fliegen. Ab ersten Oktober würde Brian dann die Leitung der Filiale in Los Angeles übernehmen.
Der August verflog wie im Wind, die hohen Temperaturen blieben ihnen jedoch standhaft erhalten. Während des heftigsten Waldbrandes in der Umgebung von Los Angeles, den Tausende Feuerwehrmänner beinahe drei Wochen lang ununterbrochen bekämpften, verloren sieben Menschen in Leben. Darunter befanden sich auch zwei Kinder, die im Wald gespielt hatten und vom Feuer eingeschlossen worden waren. Bei dem Versuch, sie aus der Flammenhölle zu retten, starben zwei Feuerwehrmänner. Als Joan in den Sechs-Uhr-Nachrichten davon erfuhr und die schrecklichen Bilder der Zerstörung im Fernsehen sah, wurde ihr übel. Sie rannte ins Badezimmer und übergab sich.
„Obwohl es fürs Geschäft gut ist, habe ich diese Hitze allmählich satt“, stöhnte Theo, wischte sich die feuchte Stirn ab und griff nach seiner Wasserflasche.
Joan lächelte ihn an. „Ruh’ dich aus, alter Mann. Ich übernehme die Bestellung für dich.“ Sie befüllte drei Gläser mit Orangensaft, steckte jeweils einen Strohhalm hinein und ging mit dem Tablett nach draußen. Von dort kam sie einige Minuten später mit einem befüllten Tablett zurück und erreichte gerade noch rechtzeitig die Theke, ehe sie schwankte und Theo sie augenblicklich stützte.
„Komm’ setz dich“, sagte er im väterlichen Ton und führte sie zu einem Stuhl, auf den Joan sich wiederwillig setzte.
„Es geht schon wieder“, beruhigte sie ihn und nahm das Glas Wasser, das Theo ihr daraufhin reichte. „Das kommt von der Hitze...“
„Du bleibst hier sitzen, bist du wieder Farbe im Gesicht hast“, ordnete Theo an, obwohl es ihr anscheinend wirklich besser ging. „Wehe du stehst vorher auf“, sagte er und drohte ihr mit seinem Zeigefinger, worauf sie lächelte.
In der Woche nach dem Labor Day, den sie ausgiebig im Theos gefeiert hatten, begann Joan das erste Semester nach ihrer einjährigen Pause an der Universität in Los Angeles. Mit viel Freude stürzte sie sich in ihr Studium und ließ keine einzige Lesung ausfallen. Sobald ihr Tag als Studentin zu Ende war, fuhr sie mit dem Fahrrad zum Cafe, um dort zu arbeiten, bis Theo die Türen schloss. An den Wochenenden arbeitete sie sogar von früh bis abends im Cafe, da sie nur so am Monatsende genügend Geld für ihre Miete zusammen bekam.
„Wenn du so weiter machst, gehst du daran zu Grunde“, warnte Theo sie eines Abends, als er die Tür abschloss. Seit Tagen schon bemerkte er, wie angespannt und entkräftet sie war und nach dem heutigen Tag wollte er nicht länger zusehen. Am Morgen hatte er zufällig mit angehört, wie Joan sich in der kleinen Toilette übergeben hatte, nachdem sie einem Gast eine extra Portion Majonäse zu seinem Sandwich serviert hatte.
„Du hast ja Recht, Theo. Im Moment habe ich ziemlich viel Stress, aber das legt sich bestimmt wieder“, war Joan sich sicher.
Theo sah sie mit besorgtem Blick an und brummte zerknirscht, da er wusste, welch ein Sturkopf sie sein konnte. Wenn er zu diesem Zeitpunkt jedoch eine Ahnung davon gehabt hätte, dass sie sich seit zwei Wochen regelmäßig übergeben musste, dann hätte er Joan persönlich zu einem Arzt gebracht.
An besonders heißen Tagen sehnte Joan sich den Abend regelrecht herbei, da diese letzten Stunden des Tages ihr allein gehörten. Sobald das Theos schloss, rannte sie ins kalte Wasser des Pazifiks und schwamm eine Weile, um ihre Füße und Arme zu entspannen, die von der schweren Arbeit im Cafe schmerzten. Immer häufiger fühlte sie sich schlapp und ausgepowert und die tägliche Übelkeit ließ ebenfalls nicht von ihr. Beides schob sie auf den Virus, den sie sich anscheinend vor einigen Wochen eingefangen und noch nicht überstanden hatte. Doch trotz dieser spürbaren Veränderungen ihres Körpers verringerte sie weder ihr Lernpensum noch die Stunden im Cafe. Sie stürzte sich in beide Arbeiten, bis sie schließlich im Theos zusammenbrach.
„Du siehst nicht gut aus, Joan“, sagte Theo, nachdem sie wieder zu sich gekommen war und er sie zu einem Stuhl in der Küche geführt hatte, und betrachtete bekümmert das blasse Gesicht seiner jungen Freundin.
Sie lächelte schwach. „Ein nettes Kompliment.“
„Ich meine es ernst, Jo. Du solltest dich gründlich durchchecken lassen“, meinte er mit väterlich besorgter Stimme.
„Ich habe mir einen Virus eingefangen, der mich etwas schwächt“, tat sie ihren Zusammenbruch leichthin ab.
„Dein Virus ist sehr hartnäckig“, gab er jedoch zu bedenken, da die ersten Anzeichen beinahe vier Wochen zurücklagen. „Du solltest das von einem Arzt abklären lassen.“
„Okay, ich lasse mir einen Termin geben.“
„Und lässt damit Wochen verstreichen? Nein, du gehst sofort zum Arzt und wartest dort, bis man dich untersucht. Vorher will ich dich hier nicht sehen.“
„Aber...“
„Kein aber!“, sagte Theo entschieden und duldete keinen Widerspruch.
Noch am selben Nachmittag saß Joan im vollen Wartezimmer ihrer Gynäkologin und wartete darauf, dass sie endlich aufgerufen wurde. Als dann schließlich ihr Name durch die Sprechanlage drang, stand sie auf und betrat das Untersuchungszimmer, wo Dr. Smith sie lächelnd begrüßte.
„Hallo Joan. Du warst lange nicht mehr bei mir“, sagte die hochgewachsene, schwarzhaarige Frau, die die Vierzig erst knapp hinter sich hatte, und schloss hinter ihnen die Tür.
„Ich war in Europa“, erklärte Joan und nahm auf dem angebotenen Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches Platz. Seit ihrem Umzug nach L. A. war Dr. Smith nicht nur ihre Frauenärztin, sondern auch die erste Ansprechpartnerin bei allen anderen medizinischen Problemen.
„Ich war vor einigen Jahren in Europa, Paris. Es war wunderbar“, sagte die Ärztin in Erinnerung daran lächelnd und klappte die Akte ihrer Patientin auf. „Nun, was führt dich zu mir? Die üblichen Untersuchungen?“
„Ich fühle mich seit einigen Wochen zunehmend schwächer. Eine Zeitlang war mir regelmäßig übel und heute bin ich ohnmächtig geworden“, zählte Joan der Ärztin ihre Beschwerden auf. „Ich habe wahrscheinlich nur zu viel um die Ohren. Ich studiere wieder an der UCLA und arbeite nebenbei in dem kleinen Cafe am Strand.“
„Das Theos?“
„Ja, genau. Waren Sie schon einmal dort?“
„Ein einziges Mal.“ Dr. Smith lächelte. „Ich habe zu wenig Zeit.“
„Die sollten Sie sich aber nehmen.“
„Das versuche ich, aber es funktioniert nicht.“ Sie klappte die Patientenakte zu und bat Joan, sich auf die Liege zu setzen. Nachdem die Ärztin ihr Blut abgenommen hatte, führte sie die gynäkologische Untersuchung durch und wurde merkwürdig still.
Joans Lächeln verschwand und wurde durch ein ausdrucksloses Gesicht ersetzt. Sie nahm weder die tickende Uhr an der Wand, noch den Lärm auf der Strasse wahr. „Dr. Smith, ist es etwas Ernstes?“, fragte sie nach einem Moment argwöhnisch.
„Joan, wie soll ich sagen...“ Langsam rollte die Ärztin mit ihrem Hocker an ihre Seite. Bei der Untersuchung waren ihr sofort die zahlreichen Narben in der Vagina ihrer Patientin aufgefallen, die erst unlängst genäht worden waren. Da derartige Wunden bei einem normalen Geschlechtsverkehr niemals entstehen konnten, deutete alles auf eine brutale Vergewaltigung hin. „Dir hat jemand sehr weh getan, nicht wahr?“, fragte Dr. Smith behutsam.
Joan, die noch immer auf dem gynäkologischen Stuhl saß, wandte den Blick von ihrer Ärztin ab. Bisher war sie jedem Gespräch über diese Nacht erfolgreich ausgewichen. Sie hatte geglaubt, das Geschehene längst verarbeitet zu haben, doch erst jetzt bemerkte sie, dass dem nicht so war. Zurückblickend erkannte sie, dass sie in den vergangenen Wochen jegliche Gedanken an die Vergewaltigung mit aller Gewalt verdrängt hatte, ehe die Erinnerungen daran sie wieder zerfressen konnten.
„Joan, ich denke, du bist schwanger“, sagte Dr. Smith vorsichtig.
Augenblicklich riss Joan den Kopf herum. „Das ist unmöglich!“, sagte sie fassungslos und sah ihre Ärztin an, die ihr einen mitfühlenden Blick zuwarf.
„Deine Übelkeit, die Schwächeanfälle, das Schlappheitsgefühl. Wir sollten eine Ultraschalluntersuchung machen, damit wir Gewissheit haben“, erklärte Dr. Smith ruhig, da sie sich dem Schockzustand ihrer Patientin gewahr wurde.
Ungläubig schüttelte Joan den Kopf. „Das kann nicht sein...“
„Wir werden es gleich herausfinden, Joan“, sagte Dr. Smith und zog das Ultraschallgerät neben den Untersuchungsstuhl. „Jetzt wird es auf deinem Bauch etwas kalt werden“, bereitete sie Joan auf das Gel vor, das sie ihr sogleich auf den Bauch schmierte.
Während die Ärztin ihr mit der Sonde langsam über den Bauch fuhr, hatte Joan die Augen geschlossen. Tränen standen darin, die nur auf den Augenblick warteten, sich ihren Weg hinauszubahnen. Sie bekamen ihre Chance, als Dr. Smith Joan die Schwangerschaft bestätigte.
„Ich kann es nicht bekommen! Nicht von diesem Kerl...“, sagte Joan völlig aufgelöst, nachdem sie sich wieder angezogen hatte. Ihre Gedanken spielten Achterbahn. Ihre Gefühle überschlugen sich. Mit einem Mal kehrten die Erinnerungen an Raphael so deutlich in ihr Gedächtnis zurück, dass Joan glaubte, an dem Schmerz und die Scham zu ersticken. „Was ist mit einem Abbruch?“, fragte sie mit tränenverschleiertem Blick ihre Ärztin.
„Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen würde ich in deinem Fall einen Abbruch sogar befürworten, aber...“ Sie sah Joan mitfühlend an. „... da du bereits in der vierzehnten Woche bist, ist es dafür zu spät.“ Dr. Smith hielt es für überflüssig, ihre Patientin zu fragen, warum sie nicht schon eher zu ihr gekommen war. So wie sie die Situation auffasste, hatte Joan die Vergewaltigung aus ihrem Kopf verbannt, statt sie zu verarbeiten. „Joan?“, begann die Ärztin erneut. „Du warst doch sicher anschließend im Krankenhaus. Hat man denn dort keine Ausschabung vorgenommen?“
„Ich weiß nicht...“
„Hattest du nachher wieder sexuellen Kontakt?“ Sofort schüttelte Joan den Kopf. „Warum nimmst du denn die Pille nicht mehr?“, erkundigte Dr. Smith sich, als Joan ihre Tränen mit der Hand wegwischte.
„Ich habe sie nie gut vertragen und nach Steves Tod... Es gab keinen Grund mehr.“
Dr. Smith nickte verständnisvoll. „Wenn du jemandem zum Reden brauchst, ich bin jederzeit für dich da.“ Sie wusste, dass sie ihre Patientin in dieser Situation nicht allein lassen durfte.
„Was soll ich jetzt tun?“
„So grausam es für dich klingen mag - zuerst einmal dein Baby zur Welt bringen“, sagte die Ärztin mit weicher Stimme. „Es kommt Ende März. Bis dahin wirst du dir überlegen müssen, ob du dein Leben mit deinem Baby verbringen möchtest, oder ob du es zur Adoption freigibst.“ Sie hielt einen Moment inne und sprach dann weiter. „Joan, denke immer daran, dass das Baby auch ein Teil von dir ist. Dieser kleine Mensch wird immer zu dir gehören.“
Fünf Tage darauf lag Joan gedankenverloren in ihrem Bett und starrte an die Zimmerdecke. Seit sie von der Schwangerschaft erfahren hatte, war sie weder aus ihrer Wohnung gegangen noch hatte sie das Bett verlassen. Sie wusste nicht einmal mehr, wann sie zuletzt etwas gegessen hatte.
Mit einem Mal wurde Joan aus ihren Gedanken gerissen. Ihr Telefon klingelte. Joan, die nur Theo über ihr fortbleiben informiert hatte, stöhnte genervt auf. Es konnte nur Brian, Rachel oder ihre Eltern sein - in der Universität vermisste sie niemand - und keinen von ihnen wollte sie im Moment sprechen.
„Joan... bitte geh’ ans Telefon“, hörte sie die besorgte Stimme ihrer Ärztin schließlich auf dem Anrufbeantworter. „Joan, bitte... Wenn du nicht abnimmst, lässt du mir keine Wahl. Ich werde die Polizei alarmieren, die notfalls deine Tür aufbricht.“
Da griff Joan nach dem Telefon, das auf ihrem Nachttisch lag, und meldete sich.
„Hallo“, sagte Dr. Smith erleichtert. „Wie geht es dir?“
„Ich liege im Bett und heule.“
„Und das mit Sicherheit seit fünf Tagen“, stellte die Ärztin fest. „Hast du jemanden mit dem du sprechen kannst?“
„Ich muss mir selbst erst klar werden, wie ich darüber denke...“
„Versprichst du mir, dass du zwischendurch an die frische Luft gehst? Es würde euch gut tun.“
„Uns...“, ließ Joan sich langsam durch den Kopf gehen. Es hörte sich noch immer ungewohnt an und womöglich, so dachte sie, würde sie sich nie daran gewöhnen.
Nie zuvor hatte sie sich mehr nach einem Menschen gesehnt, der sie in seine Arme schloss. Sie vermisste die Behaglichkeit, die sie als kleines Mädchen stets von ihrer Familie geboten bekommen hatte. Ihren Eltern, die sie fortwährend behütet aber nie in Watte gepackt hatten, und Brian, der ihr stundenlang hatte zuhören können. Der ihr liebste Mensch befand sich jedoch nach wie vor am anderen Ende der Welt und hatte trotz ihrer häufigen Telefonate keine Ahnung, wie einsam sie sich fühlte. Sie wusste, dass ihn ihre gespielte Fröhlichkeit täuschte, doch konnte sie Gespräche derartiger Wichtigkeit nicht am Telefon führen. So ließ Joan eine weitere Woche verstreichen, in der sie ihre Arbeit im Cafe und ihr Studium wieder aufnahm, ohne mit ihrer Familie über die Schwangerschaft gesprochen zu haben.
Am Mittwoch darauf landete Rachels und Brians Maschine auf dem Los Angeles International Airport. Angesichts ihrer offiziellen Verlobung vor Rachels Eltern, stiegen sie freudestrahlend aus dem Flugzeug und fuhren auf direktem Weg in ihr Appartement, wo sie die nächsten Stunden im Bett verbrachten. Nachdem sie sogar noch zu drei Stunden Schlaf gekommen waren, klingelten sie am Abend bei Joan, die sie eingeladen hatte. Während Brian und Rachel sich die kleine Wohnung ansahen, bestellte Joan beim Chinesen.
„Habt ihr euch schon einen Termin für eure offizielle Verlobungsfeier ausgesucht?“, fragte Joan um ein Lächeln bemüht, als sie Brian und Rachel gegenüber in dem Sessel saß und ihre Nudeln mit Stäbchen aß.
„Darüber haben wir noch nicht gesprochen“, antwortete Rachel und lächelte ihren frisch Verlobten an. Da erzählte Brian seiner Schwester ausführlich von dem zweiwöchigen Urlaub in Rom und seinem Antrag vor Rachels Eltern. Glücklich beugte er sich zu Rachel und küsste sie zärtlich.
„Ich erwarte ein Baby“, platzte Joan plötzlich heraus.
Augenblicklich sahen Brian und Rachel zu ihr hinüber. Langsam verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht. „Seit wann gibt es wieder jemanden in deinem Leben?“, fragte er irritiert, denn ein ungutes Gefühl übermannte ihn.
Joan schüttelte den Kopf. „Es ist... von ihm.“
„Wie bitte!?“, sagte er entrüstet. „Das ist nicht dein ernst! Du kannst unmöglich das Kind von diesem Kerl bekommen. Du musst es abtreiben.“
„Ich darf mich dazu wohl gar nicht äußern“, erklärte sie nüchtern.
„Du kannst nicht das Kind von diesem Kerl bekommen“, wiederholte Brian eindringlich und setzte sich aufrecht hin.
„Ich habe keine Wahl.“
„Wie meinst du das?“, fragte er gereizt.
„Es ist zu spät für einen Abbruch. Ich bin im dritten Monat.“
„Wunderbar!“, sagte er sarkastisch und schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich kann das nicht glauben.“
„Brian, beruhige dich“, sagte Rachel bestimmt, obwohl die Nachricht sie ebenso schockierte, und Brian stand auf. Erschüttert lief er im Zimmer hin und her und zwang sich selbst zur Ruhe. „Ich habe mit diesen Dingen wenig Erfahrung, aber ich dachte, im Krankenhaus hätte man dich untersucht“, wandte Rachel sich mit sanfter Stimme an Joan.
„Warum haben die Ärzte das nicht verhindert?“, fragte Brian außer sich. Wie konnte sie nur das Baby ihres Vergewaltigers bekommen?
„Verdammt, Brian, ich weiß es nicht!“, sagte sie verärgert. „Ich weiß nur, dass ich schwanger bin und es für eine Abtreibung zu spät ist. Ja, ich hätte die Anzeichen eher bemerkten müssen“, gab sie zu. „...aber ich habe diese Nacht aus meinem Gedächtnis verdrängt. Sie existierte für mich nicht.“ Sie sah, wie Brian wortlos die Arme vor seiner Brust verschränkte und sich mit dem Rücken zu ihr zum Fenster umdrehte. Auch wenn er sich ihnen gegenüber zurückhielt, so merkte Joan, dass er über ihre Eröffnung über alle Maßen schockiert war. Er verspürte einen ungeheuren Hass auf Raphael, wünschte, er hätte ihn damals nicht nur zusammengeschlagen. Zugleich wollte er auf liebevolle Wiese für seine Schwester da sein. Joan konnte sich vorstellen, wie Brian sich in diesem Moment fühlte. Eine Woche lang hatten dieselben Gedanken sie beschäftigt.
„Willst du für das Baby nach der Geburt sorgen?“, fragte Rachel sie nach einem Augenblick des Schweigens.
„Ich weiß es noch nicht...“
Während Joan sich in den darauffolgenden Wochen häufiger mit Rachel im Cafe oder zum Bummeln verabredete, sahen sich die Geschwister in dieser Zeit kaum. Brian benötigte einige Wochen, um den Hass auf Raphael zu zähmen und dieses Gefühl gegen seine bedingungslose Liebe zu seiner Schwester einzutauschen.
Ende Oktober leitete Brian bereits seit vier Wochen Farleys in Los Angeles, als Joan ihn mittags im Büro überraschte. Seit Brian von der Schwangerschaft erfahren hatte, waren sie einander nur zufällig begegnet oder wenn Rachel sie zusammengeführt hatte. Joan, die ihrem Bruder Zeit gelassen hatte, machte nun den ersten Schritt. Im sechsten Monat konnte sie ihre Schwangerschaft nicht mehr verbergen, der gewölbte Bauch sprach für sich. In ihrem neuen hellblauen Umstandskleid betrat Joan das Vorzimmer zu Brians Büro und begrüßte Brenda, die langjährige Sekretärin ihres Bruders.
„Oh, es hat mich getreten“, sagte Brenda lächelnd, die ihre Hand auf Joans Bauch gelegt hatte.
Just in diesem Moment trat Brian aus seinem Büro und sah sie überrascht an. „Jo, was machst du denn hier?“
Sie lächelte. „Hast du Zeit für einen gemeinsamen Lunch mit mir?“
„Brenda...“, sagte er und blickte über ihre Schulter hinweg zu seiner Sekretärin. „Habe ich Zeit für meine Schwester?“
Sie nickte. „Ihr nächster Termin ist erst in drei Stunden“, erklärte Brenda.
„Okay, warte einen Augenblick.“ Brian eilte in sein Büro und kehrte gleich darauf mit seinem Jackett zu ihr zurück. „Wenn Mr. Kofell zurückruft, erreichen Sie mich auf dem Handy“, sagte er zu Brenda und hielt seiner Schwester die Tür auf.
„Dir macht dein Job hier wirklich Spaß, oder?“, fragte Joan ihn neugierig, während sie den durch Scheiben verglasten Gang hinuntergingen zum Fahrstuhl gingen.
Brian lächelte. „Ja, er macht mir Spaß. Er ist anstrengend und sehr zeitaufwendig, aber ich liebe meine Arbeit.“
„Das sieht man dir an.“ Joan freute sich für ihn. Er hatte lange und sehr hart dafür gekämpft, um eines Tages diesen Posten zu bekommen.
„Und du?“, fragte er sanft. „Wie fühlst du dich?“
„Dick!“, antwortete sie lachend. Auch Brian lachte.
Da hielt der leere Fahrstuhl auf ihrer Etage und sie stiegen hinein. Sobald sich die Türen geschlossen hatten, legte Brian seine flache Hand auf ihren gewölbten Bauch. Über seine unvorhergesehene Zuneigung überrascht, wandte Joan den Kopf zu ihm herum.
„Ich habe euch vermisst“, sagte Brian lächelnd, worauf Tränen der Rührung in ihre Augen stiegen. Als das Baby sich mit einem kräftigen Tritt gegen die Bauchdecke bemerkbar machte, lief auch Brian eine Träne über die Wange. „Ich freue mich auf dich, kleiner Mann.“
„Kleiner Mann?“
„Nur ein Mann kann so fest treten“, erklärte er, zog sie liebevoll in seine Arme und drückte ihren Kopf sachte gegen seine Brust. Mit der Zeit hatte sein Herz über seinen Verstand gesiegt. Zwar befürchtete Brian noch immer, dass sie angesichts des Babys die Vergewaltigung niemals würde vergessen können, doch mittlerweile freute er sich, Onkel zu werden.
Von diesem Tag an sahen sie sich wieder häufiger und wann immer es Brians Job zuließ, holte er seine Schwester vom Theos ab und begleitete sie barfuss im Anzug den Strand entlang nach Hause.
„Farleys sollte eine Kinderabteilung bekommen“, meinte Brian bei einem ihrer abendlichen Spaziergänge beiläufig.
„Vielleicht nimmst du Umstandsmode gleich mit ins Sortiment auf. Ich könnte Probelaufen“, zog sie ihren Bruder lächelnd auf.
„Hey, ich meine es ernst!“
„Ich weiß, tut mir leid. Du führst dich nur so auf, als würdest du Vater werden.“
„Er wird schließlich vorerst keinen haben.“ Brian suchte ihren Blick, aber sie wich ihm aus.
„Wir zwei brauchen niemanden.“ Sie fuhr sich über ihren Bauch. „Wir kommen sehr gut allein zurecht.“
Irrte er sich, oder lag Einsamkeit in ihrer Stimme? „Bist du dir sicher?“, fragte er vorsichtig und fing sich einen strengen Blick von ihr ein.
„Willst du mir wieder dein Geld anbieten?“
„Wenn du es nicht geschenkt möchtest, dann kannst du es mir gern irgendwann zurückzahlen.“
„Ich komme klar, Brian.“ Sie wusste nicht, wie oft sie sein Angebot bereits abgelehnt hatte, sie zählte längst nicht mehr mit. Tatsächlich kam Joan über die Runden. Sie war nicht reich, doch bemühte sie sich monatlich eine kleine Summe von ihrem Gehalt aus dem Theos für das Baby zurückzulegen.
Mit dem Dezember begannen schließlich die Weihnachtsvorbereitungen. Joan, die nur auf Rachels Drängen hin ihre Wohnung dürftig weihnachtlich dekoriert hatte, fand zum ersten Mal in ihrem Leben wenig Gefallen an den Feiertagen. Im siebenten Monat fiel ihr die Bewegung zusehends schwerer, sodass sie im Cafe die Arbeit hinter der Theke übernommen hatte. Zudem litt sie unter Stimmungsschwankungen, die mittlerweile nicht nur ihre Nerven, sondern auch die ihrer Mitmenschen strapazierten. Sie konnte sich über Kleinigkeiten schrecklich aufregen, sich weinend dafür entschuldigen und danach wieder lächeln.
„Begleitest du uns zur Weihnachtsparty von Farleys?“, fragte Rachel sie eines abends eine Woche vor Weihnachten in der Küche ihres Appartements, als sie Joan und sich einen alkoholfreien Cocktail aus Fruchtsäften mixte.
Joan runzelte die Stirn. „Ich will euch kein Anhängsel sein.“
„Dass bist du seit deiner Geburt“, neckte Brian sie, der soeben unbemerkt zur Tür hereingekommen war.
„Hey!“ Rachel warf ihm einen strengen Blick zu, aber Brian zuckte unschuldig mit der Schulter.
„Du hast Glück, dass ich gute Laune habe“, erwiderte Joan lächelnd, worauf Brian ihr einen Kuss auf die Wange drückte. Anschließend trat er zu Rachel und gab ihr einen zärtlichen Kuss.
„Darf ich fragen, wo du uns kein Anhängsel sein willst?“, fragte Brian interessiert und trank einen Schluck vom Cocktail seiner Verlobten.
„Bei der Weihnachtsparty von Farleys“, antwortete Rachel.
„Wo ist das Problem?“, wandte Brian sich mit fragendem Blick an seine Schwester. „Du bist eine Farley...“
„Vor allem bin ich dick“, schnitt Joan ihm ins Wort.
„Daher weht der Wind. Du findest dich unattraktiv. Du denkst, weil du schwanger bist, sieht dich kein Mann mehr an.“
Joan stöhnte. „Falsch, denn es interessiert mich nicht, wer mich wie ansieht. Im Übrigen mache ich mir über Männer im Moment keine Gedanken.“
Rachel, die die Vorboten bemerkte, warf Brian einen warnenden Blick zu, den er jedoch ignorierte. „Vielleicht änderst du ja deine Meinung, schließlich wirst du in drei Monaten Mutter und mein Neffe sollte nicht ohne Vater aufwachsen.“
„Meinst du nicht, dass geht nur mich etwas an?“, fragte Joan verärgert.
Brian ging über ihre Anmerkung hinweg. „Ein sehr guter Freund von mir ist wie du Single...“
„Liebling...“, sagte Rachel und berührte sachte seinen Arm.
„... und er liebt Kinder“, schloss er ab.
„Brian, ich bin erst vor wenigen Monaten vergewaltigt worden. Es kostet mich unendlich viel Überwindung deine Berührungen zu ertragen, aber die eines anderen Mannes...“ Allein der Gedanke daran jagte ihr nach wie vor schreckliche Angst ein. „Ich bin noch nicht so weit.“
Erst da wurde ihm seine Taktlosigkeit bewusst. Er konnte sich ohrfeigen. „Jo... es tut mir leid. Ich wollte nicht...“
Joan hob abwehrend die Hand und brachte ihn damit augenblicklich zum Schweigen. „Lass es gut sein“, sagte sie, stand von ihrem Stuhl auf und griff nach ihrer Handtasche. „Ich wünsche euch einen schönen Abend.“
„Joan, warte. Ich fahre dich heim“, beeilte Brian sich zu sagen, ehe sie zur Tür hinausgehen konnte.
„Ich nehme den Bus.“
Nachdem Joan das Appartementhaus verlassen hatte, lief sie zur nächsten Bushaltestelle und stieg in einen Bus ein, der in der Nähe ihrer Wohnung halten würde. Die ihr bekannte Strecke durch die vertraute Gegend dauerte nicht lange, doch von der Haltestelle aus hatte sie ein ganzes Stück zu Fuß zu gehen und bereits nach wenigen Gehminuten wurden ihr die Beine schwer. Zwanzig Minuten später erreichte sie schließlich erschöpft das Haus, in dem sie wohnte, und trat gerade zur Tür hinein, als ihr Nachbar den Fahrstuhl verließ.
„Joan, hallo“, rief er ihr freundlich zu, eilte zum Fahrstuhl zurück und stellte sich in die Lichtschranke, damit dieser nicht ohne seine schwangere Nachbarin nach oben fuhr.
„Danke, Andrew, aber das ist nicht nötig. Seitdem er ständig stecken bleibt, nehme ich lieber die Treppe.“
„Okay, wie Sie meinen.“ Er trat aus dem Fahrstuhl und kam ihr entgegengelaufen. Unter seinem Arm klemmte ein kleines Paket.
„Sie haben es aber eilig, Andrew.“
„Ich muss zur Post - das Weihnachtspaket für meine Mutter abgeben“, meinte er bereits an der Haustür.
„Da wird sie sich freuen.“
„Ich hoffe es!“, rief er und war verschwunden. Joan wunderte sich immer wieder über ihren gleichaltrigen Nachbarn, der seine Angelegenheiten stets in letzter Minute erledigte und somit im Dauerstress war.
Erledigt ging Joan langsam zur Treppe. Beim Gedanken an die dritte Etage überlegte sie, ob sie ausnahmsweise den Fahrstuhl nehmen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Soviel Glück wie sie hatte, blieb ausgerechnet dann der Fahrstuhl stecken, wenn sie damit fuhr. „Wir schaffen das auch so“, sagte sie leise zu ihrem Baby und fuhr sich mit der Hand über ihren gewölbten Bauch. Wie zur Bestätigung bewegte sich das Baby. Joan wartete einen Moment, dann lief sie schleppend die ersten Stufen der langen Treppe hoch. Sie nahm sich vor, nicht Halt zu machen, ehe sie den ersten Absatz geschafft hatte. Da trat das Baby sie plötzlich so arg in den Bauch, dass sie vor Schreck das Gleichgewicht verlor, taumelte und von der Stufe abrutschte, auf der sie stand. Noch bevor sie wusste, was mit ihr geschah, schlug sie mit dem Hinterkopf auf der Steintreppe auf und stürzte die Stufen bis zum Fahrstuhl hinab.
Erst einige Minuten darauf erlangte Joan das Bewusstsein zurück. Sie lag auf dem Bauch und stöhnte vor Schmerzen, die von ihrem Bauch herführten.
„Hilfe!“, rief sie so laut sie konnte, aber es war nicht laut genug. Niemand schien sie zu hören. „Es wird alles gut werden, Kleines“, versuchte sie sich und ihr Baby trotz der wiederkehrenden Schmerzen zu beruhigen. Mit größter Anstrengung stützte sie sich mit zittrigen Händen auf dem Boden ab und drehte sich langsam auf den Rücken um. „Nein! Bleib bei mir“, sagte sie mit angsterfüllten Augen, als sie das Blut zwischen ihren Beinen entdeckte. Da wurde ihr bewusst, dass die Schmerzen vorzeitige Wehen waren. „Oh mein Gott! Warum ist denn hier niemand! Hilfe!“, rief sie laut schluchzend und versuchte aufzustehen, aber vor Schmerzen konnte sie sich nicht rühren.
Eine halbe Stunde später fand Andrew sie in ihrem eigenen Blut liegend vor. Von Schmerzen gepeinigt sah Joan ihn mit angstvollem Gesicht an. Sie hatte starke Wehen.
„Halt! Da dürfen Sie nicht hinein, Sir!“, rief eine Krankenschwester und hielt Brian mit festem Griff davon ab, den Kreissaal zu betreten.
„Ich muss wissen, wie es meiner Schwester geht“, sagte er voller Sorge und ließ sich nur mühsam von der Krankenschwester und Rachel zu der Wartebank bringen, wo er sich setzte.
„Wir möchten zu Joan Farley“, sagte Rachel, die nach außen hin ruhig wirkte. „Man sagte uns, dass sie schwer gestürzt ist und in den Wehen liegt. Das Baby kommt vierzehn Wochen zu früh.“
Die Krankenschwester nickte. „Warten Sie hier. Ich werde mich erkundigen.“ Sogleich eilte sie den Gang hinunter und verschwand.
„Es ist meine Schuld“, murmelte Brian vor sich hin. „Wenn ich sie nicht unter Druck gesetzt hätte... Ich hätte darauf bestehen müssen, sie heimzufahren.“
Rachel setzte sich neben ihren Verlobten auf die Bank und ergriff seine Hand. „Liebling, suche bitte nicht die Schuld bei dir. Was auch immer geschehen ist, ich bin mir sicher, dass du es nicht hättest verhindern können.“
Als Rachel an Brian vorbeiblickte, sah sie die Krankenschwester auf sie zukommen. Diese hielt zwei Tassen Kaffee in den Händen und reichte sie ihnen.
„Der Arzt hat sich soeben zu einem Kaiserschnitt entschlossen“, erklärte die Krankenschwester ihnen mitfühlend. „Es wird eine Weile dauern, bis Sie ihn sprechen können.“
„Egal, wie lange es dauert, wir werden warten“, entschied Brian, worauf die Schwester nickte und sich abwandte.
In der darauffolgenden Stunde terrorisierte Brian die Krankenschwestern regelrecht mit seinen ständigen Fragen, wie es Joan und dem Baby erging, aber niemand gab ihm eine Auskunft. Die Warterei und die Ungewissheit machten ihn wahnsinnig. Selbst Rachel, die ebenfalls verzweifelt war, konnte ihn nicht beruhigen.
Als zum wiederholten Male die Türen zum Bereich des Kreissaals geöffnet wurden, wandten sie gespannt die Köpfe herum. Diesmal kam der Mann in grüner OP-Kleidung direkt auf sie zu und stellte sich als Joans behandelnder Arzt vor.
„Brian Farley, ich bin ihr Bruder.“ Er umklammerte Rachels Hand. „Wie geht es meiner Schwester und dem Baby, Doktor?“
„Der Kaiserschnitt ist den Umständen entsprechend gut verlaufen. Ihre Schwester hat sehr viel Blut verloren und bleibt bis auf weiteres auf der Intensivstation. Sobald sie aus der Narkose aufgewacht ist und sich ihre Werte normalisiert haben, kann sie auf Station verlegt werden“, erklärte er ihnen.
„Und das Baby?“, fragte Rachel.
Der Arzt sah sie zögernd an. „Wir konnten es leider nicht retten. Es tut mir sehr leid“, sagte er mit sichtlicher Bedauerung. Von den Worten des Arztes erschüttert, schloss Rachel die Augen. Schluchzend legte sie ihren Kopf gegen Brians Brust, der den Arzt geschockt ansah.
„Wäre Ihre Schwester eher im Krankenhaus gewesen, hätten wir das Baby per Kaiserschnitt geholt und es sofort im Brutkasten versorgt. Vielleicht hätte es überlebt, aber die Chancen waren gering“, fügte der Arzt hinzu.
Schluchzend zog Rachel ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich die Nase.
„Können wir zu ihr?“, fragte Brian den Arzt, der die Bitte schon ablehnen und sie auf den Nachmittag vertrösten wollte. Zögernd nickte er und führte sie in einen kleinen Raum, wo sie von der diensthabenden Intensivschwester einen grünen Kittel bekamen. Nachdem sie die Kittel angezogen hatten, folgten sie dem Arzt schweigend die Gänge entlang und betraten schließlich nach ihm den Beobachtungsraum, der durch eine Glasscheibe zu Joans Zimmer getrennt war. Eine ältere Krankenschwester sah auf, als sie eintraten, und wandte sich dann wieder ihrer Arbeit zu.
Langsam traten Rachel und Brian an die Glasscheibe und sahen Joan auf der anderen Seite im Intensivbett liegen. Ihr Gesicht war durch den Blutverlust blass, der Bauch unter der Decke flach...
„Durch die Schmerzmittel wird Ihre Wahrnehmung in den nächsten Stunden beeinträchtigt sein“, erklärte der Arzt. „Wir geben ihr die Nacht über ein leichtes Schlafmittel, sodass sie erst Morgen früh zu sich kommen wird. Es sollte jemand bei ihr sein, wenn sie es erfährt.“
Noch vor der Besuchszeit am nächsten Morgen gestattete der Arzt ihnen, zu Joan ins Zimmer zu gehen. Während Joan noch immer schlief, saßen sie an ihrem Bett und hielten ihre Hand.
Als Joan von ihrem behandelnden Arzt vom Tod ihres Babys erfuhr, schloss sie die Augen, ballte ihre zittrigen Hände, bis die Knochen weiß hervortraten, und riss an der Infusion, die in ihrem Arm steckte. Sofort griff der Arzt nach ihren Armen und wies die herbeieilende Krankenschwester an, eine Spritze aufzuziehen. Nur einen Augenblick darauf injizierte er das Beruhigungsmittel, das Joan bald darauf einschliefen ließ.
Viertes Kapitel
„Was war es?“, fragte Joan zwei Tage darauf den Arzt an ihrem Bett leise. Mittlerweile war sie auf Station verlegt worden.
„Ein Junge. Er war völlig gesund“, fügte der Arzt mitfühlend hinzu. Er hatte selbst zwei Kinder und wollte sich den unerträglichen Schmerz über ihren Verlust nicht vorstellen.
Mit erröteten Augen sah sie ihn irritiert an. „Aber warum hat er dann nicht überlebt?“
Nach seiner langjährigen Erfahrung stellte der größte Teil der Eltern in vergleichbaren Situationen diese Frage und er wusste, dass vielen von ihnen die ehrliche Antwort beim Verarbeiten der Trauer half.
„Beim Abgang des Fruchtwassers hat sich die Nabelschnur um den Hals des Fetus gelegt und abgedrückt“, erklärte er mit sanfter Stimme.
Joan schloss die tränenerfüllten Augen. Er ist erstickt, dachte sie erschüttert. Erst nach einem Moment schlug sie die Augen wieder auf. „Wo ist er?“
„Hier im Krankenhaus. Mrs. Farley, es sind noch einige Fragen offen“, begann ihr Arzt unsicher, da er nicht wusste, ob der Augenblick gut gewählt war. Andererseits musste dieser Punkt sehr bald geklärt werden. „Der Fetus war bereits überdurchschnittlich groß“, setzte er an, als er ihre Aufmerksamkeit hatte. „Nach dem Gesetz entscheiden die Eltern in solchen Fällen, ob der Leichnam beigesetzt oder mit anderen Extremitäten verbrannt werden soll...“
„Ich möchte ihn sehen.“
„Das würde ich Ihnen nicht empfehlen, Mrs. Farley. Sie sollten sich den Anblick ersparen“, sagte er vorsichtig.
„Bringen Sie mich zu meinem Sohn!“
Der Anblick ihres toten Babys zerbrach Joan das Herz. Es fühlte sich an, als würde ihr jemand wieder und wieder mit einem Messer ins Herz stechen. Es blutete und blutete und starb irgendwann.
Im Beisein von Joan, Rachel und Brian wurde Andrew Farley, der Tapfere, neben anderen Babys und Kindern auf demselben Friedhof beigesetzt, auf dem auch Steve beerdigt worden war. Für Joan war es wichtig, dass sie an einen Ort gehen konnte, an dem sie sich ihrem Sohn nahe fühlte - zudem war er dort nicht allein.
Nach der Beisetzung blieb Joan eine Weile allein vor dem Grab ihres kleines Babys stehen und erinnerte sich mit Tränen in den Augen an die Bewegungen ihres Sohnes, die sie noch vor einer Woche gespürt hatte. Als der Schmerz schier grenzenlos wurde, sank sie schluchzend auf den grasbedeckten Boden vor dem Grab ihres Sohnes.
Tagelang lag Joan in ihrer Wohnung im Bett und weinte in ihr Kopfkissen. Sie befand sich in einer Zeitschleife. Wieder und wieder durchlebte sie ihren Sturz im Treppenhaus, hörte nachts ihre eigenen Hilferufe und sah das viele Blut an ihren Beinen. Die Tage, die Stunden, selbst die Minuten vergingen so langsam wie nie zuvor. Nur der grausame Schmerz in ihrer Brust war immer da. Er ging, wohin Joan ging.
Brian und Rachel besuchten sie abwechselnd und brachten ihr Lebensmittel vom Supermarkt mit, Joan aß jedoch kaum etwas. Sie verbrachte die Tage und Nächte in ihrem Bett und stand nur auf, wenn sie zur Toilette musste. Weinend lag sie zwischen ihren Kissen und hielt das Ultraschallbild ihres ungeborenen Sohnes in den Händen. Sie sprach nicht, denn kein Wort konnte den Schmerz beschreiben, den sie durchlitt. Ihr war das Herz entrissen worden. Die zurückgebliebene Wunde war tief und blutete stark.
„Ich habe Joan gegenüber schreckliche Schuldgefühle, weil wir zwei so glücklich sind“, sagte Rachel wenige Tage nach der Frühgeburt, als sie in Brians Armen lag. Soeben hatten sie miteinander geschlafen. „Wir erleben eine so schöne, bedeutende Zeit miteinander. Unsere Hochzeit...“
„Ich weiß, Liebling“, sagte Brian mit ebenso gemischten Gefühlen, denn auch er hatte sich sehr auf das Baby seiner Schwester gefreut. „Joan hatte ihr Leben gerade erst in den Griff bekommen. Es ist unbegreiflich, warum sie so hart bestraft wird.“
„Ich verstehe nicht, warum Gott das tut“, erklärte Rachel mit Tränen in den Augen. Da spürte sie, wie Brian ihr liebevoll den Kopf küsste.
Schon nach Steves Tod hatte Brian bemerkt, wie Joan sich von Tag zu Tag ein Stück mehr aus dem Leben zurückzog. Erst Paolo war es gelungen, die Mauer, hinter der sie sich verbarg, zum Bröckeln zu bringen. Nun war diese erneut aufgebaut, wahrscheinlich höher denn je.
„Joan?“, fragte Brian sanft vom Ende ihres Bettes aus, seine Schwester reagierte jedoch nicht. Es war Morgen, sie hatte die Augen geschlossen, aber er wusste, dass sie nicht schlief. Die Tränen an ihrer Wange waren noch nicht getrocknet. „Kleines, ich kann mir vorstellen, wie sehr du unter der Frühgeburt leidest, aber du musst allmählich wieder unter Menschen gehen. Niemand verlangt von dir, dass du zur Universität oder ins Cafe gehst...“ Er beobachtete sie, vernahm aber keine Reaktion. Leise seufzte er. „Morgen ist Heiligabend“, begann er ohne große Feierstimmung. „Rachel und ich haben beschlossen, dieses Jahr auf keine Party unserer Freunde zu gehen. Stattdessen werden wir bei uns daheim feiern und möchten, dass du dabei bist.“ Er hielt es für angebrachter, ihr die Anwesenheit von ihren engsten Freunden Lynn und Georg zu verschweigen. Und auch, dass Nicholas kommen würde behielt er besser für sich. „Ich werde dich Morgen um sechs Uhr abholen“, sagte er entschlossen, wandte sich um und verließ ihre Wohnung. Allmählich war er es leid ständig gegen eine Wand zu reden. Das Baby war tot. Eine Tatsache, an der weder sie noch er etwas ändern konnte.
Es sollte das erste Weihnachtsfest werden, das Isabelle und Matthew nicht gemeinsam mit ihren Kindern feierten. Joan hatte seit ihrer Krankenhausentlassung nur einmal mit ihren Eltern telefoniert und ihnen erklärt, dass sie dieses Jahr mit Freunden feiern würde. In Wahrheit, so wusste nur sie selbst, würde sie die Feiertage jedoch im Bett verbringen.
Brian und Rachel sagten ihren Flug nach New York ab, da sie Joan nicht allein in Los Angeles zurücklassen wollten, und erzählten Isabelle und Matthew von einer sehr "wichtigen" Feier, die sie auf keinen Fall verpassen durften. Ihr Angebot, dieses Jahr nach Los Angeles zu kommen, lehnte Brian schnell ab, weil er wusste, wie wichtig ihnen Schnee zu Weihnachten war. Zudem behauptete er ihnen gegenüber, dass sein privater Terminkalender randvoll sei und sie somit wenig von ihm hätten.
Es war bereits Mittag des Heiligabends, als Joan die Augen öffnete und auf einen kleinen Stapel Post blickte, den jemand neben sie auf ihr Bett geworfen hatte. Joan, die auf dem Bauch lag, drehte sich schläfrig auf die Seite herum und nahm den obersten Brief in die rechte Hand. Eine Rechnung - was sollte es sonst sein? Sie schob die übrigen Briefe auseinander, sodass sie die Absender lesen konnte und hielt plötzlich inne. Die Post enthielt einen Brief aus Mailand. Erwartungsvoll setzte sie sich im Bett auf, öffnete das Kuvert und hielt ein Schreiben vom Polizeirevier in ihren Händen. Sie überflog die ersten Worte, bis sie den bedeutenderen Teil erreichte. Aufgrund unzureichender Beweismittel wird die Anklage auf Vergewaltigung gegen Herr Raphael Santo fallengelassen... Mit zittrigen Händen ließ Joan den Brief neben sich auf das Bett sinken. Langsam legte sie sich auf die Seite und zog ihre Beine an den Bauch hinauf. Raphael hatte gesiegt...
Am frühen Abend wartete Brian mit seinem Auto vor dem Santa Monica Hospital auf seinen Freund, der jeden Moment Feierabend hatte. Dr. Nicholas Blake war Krebsspezialist im Santa Monica Hospital, das die größte Anerkennung auf dem Gebiet der Onkologie an der gesamten Westküste genoss. Nachdem Nicholas in kürzester Zeit sein Medizinstudium in Boston mit Auszeichnung beendet hatte, war er nach Los Angeles gegangen, um dort am Santa Monica Hospital sein letztes Jahr als Arzt im Praktikum zu verbringen. Sein unerbittlicher Ehrgeiz und sein Engagement für seine Patienten führte letztendlich dazu, dass man ihm im Anschluss an sein Praktikum eine Stelle als Stationsarzt auf der Onkologie anbot. Seither waren fünf Jahre vergangen. Fünf Jahre, in denen er sich neben der Behandlung seiner Patienten mit der gleichen Begeisterung in die Forschung gestürzt hatte. Mittlerweile war er Oberarzt, führte neu erforschte Therapien an seinen Patienten durch und erzielte zudem als Chirurg im Operationssaal unglaubliche Erfolge, die ihm große Anerkennung über seinem Fachbereich hinaus verschaffte. Die Kombination aus Chirurg und Onkologe in einer Person war selten und umso mehr wurde er geschätzt.
„Hast du lange warten müssen?“, fragte eine ihm bekannte Stimme aus einiger Entfernung.
Brian, der mit dem Gesäß an der Motorhaube seines Autos lehnte, wandte sich um und sah Nicholas mit einem beigefarbenen Jackett in der rechten Hand geradewegs auf ihn zukommen. Die schwarzen, kurzen Haare waren das Einzigste, was an ihm dunkel war. In seiner lässigen, hellen Kleidung entsprach er eher dem typischen Kalifornier, als Brian es in Anzug und Krawatte tat. Privat mied Nicholas weitgehend elegante Anlässe. Anders sah es aus, wenn er seinen Verpflichtungen als Oberarzt nachging und sich nach seinen Vorträgen auf den anschließenden Partys zeigte, auf denen er zumeist interessante Gesprächspartner fand.
„Nicht der Rede wert“, antwortete Brian, als sein langjähriger Freund vor ihm stand und begrüßte ihn mit einem Schulterklopfen. „Komm, steig’ ein. Wir müssen Joan noch abholen“, meinte er und fuhr vom Parkplatz.
„Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Vier Jahre?“, schätzte Nicholas. Ohne den Blick von der Strasse abzuwenden, nickte Brian. „Wie kommt es, dass ich in all den Jahren deiner Schwester noch nie begegnet bin?“
„Vermutlich, weil du zuviel arbeitest“, erwiderte Brian grinsend. Obwohl er selbst ein Arbeitstier war, so nahm er sich im Gegensatz zu seinem Freund auch Zeit für seine Verlobte und seine Familie. Nicholas dagegen hatte niemanden.
„Ich lebe für meine Patienten und bin bereit für sie meine Freizeit zu opfern. Und es ist gewiss kein großes Opfer.“
„Jetzt wird mir klar, warum du Single bist. Du bist für fremde Menschen da, doch für dein eigenes Glück tust du nichts.“
„Ich hätte eine deiner Kandidatinnen heiraten sollen?“ Nicholas zog die Brauen hoch. „Ich konnte mit keiner ein vernünftiges Gespräch führen.“
„Wer hat gesagt, dass du mit ihnen reden sollst?“
Nicholas schüttelte lächelnd den Kopf. „So etwas brauche ich nicht, Brian. Wenn ich mit einer Frau zusammenlebe, dann sollte sie vor allem meine Arbeit verstehen und respektieren. Ich möchte meinen Patienten helfen, doch dieser Weg ist nicht immer einfach. Ich kämpfe mit ihnen gegen den Krebs und das braucht seine Zeit. Aber oftmals lohnt sich mein Einsatz und ich kann nicht in Worte fassen, welch ein unbeschreibliches Gefühl es ist, wenn wieder jemand überlebt.“
„Es ist kostbare Zeit, die du mit einer Frau verbringen solltest, mein Freund“, riet Brian ihm, obwohl er die Aufopferung seines Freundes aufgrund seiner Vergangenheit nachvollziehen konnte. „Wie war das mit Betty, Angela und Susanne? Alles tolle und intelligente Frauen, aber keine ist länger als drei Monate bei dir geblieben. Du bist siebenundzwanzig Jahre. Lass dir von einem Ehemann in spe einen Rat geben. Wenn du nicht ewig Single bleiben willst, dann ändere deine Taktik.“
„Mein Vorsatz für das neue Jahr?“, fragte Nicholas lächelnd.
„Zumindest ein Anfang“, erklärte Brian und bog in die Strasse ein, in der Joan wohnte. Einige Minuten darauf hielt er seinen Wagen vor ihrem Haus. Wie Brian erwartet hatte, stand Joan nicht am Eingang, sodass sie ausstiegen und ins Haus gingen.
Als Brian ihre Wohnungstür aufschloss und verärgert den kleinen Flur entlangging, deutete nichts darauf hin. Es gab keine Anzeichen für den Anblick, der sich ihm im Wohn- und Schlafzimmer bot. Joan lag mit aufgeschnittenen Pulsadern in ihrem Bett. Ihr rechter Arm lag in der Blutlache, die sich auf dem Bett ausgebreitet hatte. Die blutüberströmte, linke Hand hing aus dem Rand des Betts hinaus, der Teppich darunter war von Blut durchtränkt.
„Jo!” Brian stürmte zu ihrem Bett und ergriff ihre rechte Hand. „Was hast du getan!“, schrie er sie verzweifelt an.
Da sah Nicholas ins Zimmer und eilte sogleich ans Bett. Er beugte sich zu Joan hinunter und legte seine Finger an ihren Hals, um nach ihrem Puls zu fühlen. Ihr Puls war schwach. Sie mussten sich beeilen. „Sie lebt!“, rief er Brian zu. Schnell zog er sein weißes Hemd aus, zerriss es in zwei Hälften und band jeweils eine davon notdürftig um ihre blutenden Handgelenke. „Sie muss ins Krankenhaus.“ Sein Freund reagierte nicht. „Brian, komm schon!“, fuhr Nicholas ihn an und packte ihn unsanft an den Armen. „Wir dürfen keine Zeit verlieren, sonst wird sie es nicht schaffen!“
Da sah Brian zu ihm auf. „Was kann ich tun?“, fragte er hilflos.
„Öffne’ mir die Türen“, wies Nicholas ihn an, während er Joan auf seine Arme hob und Brian mit schnellen Schritten folgte.
Auf dem Weg zum Santa Monica Hospital hupte Nicholas immerzu und überfuhr etliche Warnschilder und rote Ampeln. Mit quietschenden Reifen hielt er schließlich vor der Notaufnahme und sprang mit nacktem Oberkörper aus dem Auto.
„Hey, ich habe hier eine Frau mit schweren Schnittverletzungen!“, rief Nicholas dem Pfleger am Eingang zu. „Suchen Sie einen freien Behandlungsraum!“ Er öffnete die Hintertür, hob Joan aus dem Wagen und lief von Brian gefolgt in die überfüllte Notaufnahme. „Ich bin Arzt! Geben Sie mir irgendeinen verdammten Raum“, sagte Nicholas gereizt, worauf der Pfleger sie mit schnellen Schritten durch die wartenden Menschen hindurch zu einer Tür führte und diese aufstieß.
„Dr. Shepard, eine Schnittverletzung“, sagte der Pfleger.
Nicholas drängte sich an ihm vorbei ins Behandlungszimmer und legte die Schwester seines Freundes auf die Liege. Sogleich kam Dr. Shepard zu ihm.
„Sie müssen hier warten, Sir“, sagte die Krankenschwester zu Brian und schloss vor seiner Nase die Tür.
Das Blut an Brians Hemd und seinen Händen war noch nicht getrocknet, als Rachel zwanzig Minuten darauf in die Notaufnahme gerannt kam. „Liebling, was ist passiert?“, fragte sie angesichts des vielen Blutes außer sich vor Sorge.
„Sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.“ Er kämpfte mit den Tränen.
„Nicholas ist bei ihr.“ Er zog Rachel in seine Arme. „Ich habe sie in den Tod getrieben...“, sagte er verzweifelt.
„Das ist Unsinn! Niemand konnte wissen, wie sie damit fertig wird. Nicht einmal du.“ Tränen rannten aus ihren Augen und die Wangen hinunter.
Eine weitere halbe Stunde verging, ehe Nicholas aus dem Behandlungszimmer trat und eine der Krankenschwestern ansprach. „Schwester, können Sie mir ein Hemd besorgen“, bat er sie und ging dann zu seinen Freunden.
„Nick, wie geht es ihr?“, fragte Brian, dem der Schock über den Anblick seiner Schwester noch immer anzusehen war.
„Sie hat sehr viel Blut verloren und bekommt eine Transfusion, aber sie wird durchkommen“, erklärte Nicholas.
„Können wir zu ihr?“, erkundigte sich Rachel erleichtert.
Nicholas nickte. „Ich bringe euch zu ihr.“ Er führte sie den Gang hinunter und um die Ecke herum, wo sie nach einigen Minuten die Intensivstation er-reichten, auf die man Joan Farley zur weiteren medizinischen Beobachtung gebracht hatte. Verwundert bemerkte Nicholas, wie Brian kurzerhand die Klingel zur Intensivstation drückte, der Krankenschwester erklärte zu wem sie wollten und sich ohne Schwierigkeiten die Bänder des grünen Kittels am Rücken zusammenband. Danach half er Rachel. Es war offensichtlich, dass er eine gewisse Routine darin besaß - eine Tatsache, die Nicholas erschreckte.
Aufgrund der Narkose- und Beruhigungsmittel würde Joan die Nacht durchschlafen und erst am Morgen zu sich kommen, erklärte Nicholas ihnen, als sie an ihrem Bett standen.
Zögernd legte Brian seine Hand auf die seiner Schwester. Er glaubte, ein Déjà-vu zu erleben, als er sie tief schlafend in dem Intensivbett liegen sah. Ihre Haut war blass, was von dem hohen Blutverlust herführte, und ihre Handgelenke waren mit weißen Verbänden verbunden. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er sie täglich auf einer Intensivstation besucht und nun lag sie wieder hier, nach einem Selbstmordversuch.
„Habt ihr eine Ahnung, warum sie das getan hat“, fragte Nicholas leise. Für ihn war es unverständlich, warum eine so junge Frau sich das Leben nehmen wollte. Er gab zu, er wusste nicht viel über die Schwester seines Freundes, doch eines konnte er sagen: beide hatten immer ein gutes Leben führen können. „Gab es in der Vergangenheit schon einmal Anzeichen... dafür?“ Bewusst wählte Nicholas nicht das Wort Suizidversuch.
„Das Leben hat es in letzter Zeit nicht gut mit ihr gemeint.“ Brian begegnete dem fragenden Blick seines Freundes. „Ich bin mir sicher, dass das eine Kurzschlusshandlung war.“
Nicholas nickte. „Ich hoffe, du hast Recht.“ Er spürte, dass Brian ihm nicht alles gesagt hatte und er den Grund für den Suizidversuch seiner Schwester kannte, dennoch wollte er ihn nicht heute Nacht zu einem Gespräch drängen. Morgen war auch noch ein Tag. „Ihr könnt mich jederzeit anrufen“, bot er seinen Freunden an.
„Danke für alles, Nicholas“, sagte Rachel und umarmte ihn kurz. „Tut mir sehr leid, wie dein Weihnachtsfest gelaufen ist.“
„Macht euch um mich keine Gedanken.“ Er küsste Rachels Wange und wandte sich um. Nachdenklich ging er den Gang hinunter.
„Warum hast du ihm nicht erzählt, was geschehen ist?“, fragte Rachel ihren Verlobten verständnislos. „Vielleicht könnte er ihr helfen.“
„Nicholas ist kein Psychologe, Schatz.“ Zärtlich küsste er ihre Stirn. „Sobald Joan aufgewacht ist, werde ich mit ihr sprechen und herausfinden, was wirklich in ihrem Kopf vorgeht. Und dann informiere ich unsere Eltern.“
„Sie war von Anfang an dagegen. Brian, sie wird sich von dir abwenden.“
„Das Risiko muss ich eingehen“, sagte er ruhig, aber Rachel sah ihm an, wie viel Überwindung ihn diese Worte kosteten. Es würde nicht leicht für ihn werden, sich über Joans Bitte hinwegzusetzen und dadurch vielleicht seine Seelenverwandte zu verlieren, doch wenn er ihr damit eine Chance auf ein neues Leben gab, dann würde er das Opfer ohne zögern bringen.
Nachdem Nicholas mit der diensthabenden Krankenschwester auf der Onkologie gesprochen und von ihr erfahren hatte, dass alles ruhig war, ging er in sein Büro. Eine zeitlang versuchte er sich vergeblich auf das Durchlesen einiger Unterlagen zu konzentrieren, doch immer wieder kehrten seine Gedanken zu Joan Farley zurück. Schließlich klappte er die ungelesene Akte zu und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Ein einziges Wort hallte wieder und wieder in seinem Kopf. Warum? Warum hatte Joan Farley das getan? Warum hatte sie nicht mehr leben wollen? Und warum verschwieg Brian ihm, seinem besten Freund, den Grund dafür?
Eine Weile saß er grübelnd in seinem Büro. Nicholas wusste nicht, wer oder was ihn antrieb, aber irgendetwas zog ihn zurück zur Intensivstation. Als er Minuten später an Joans Bettende stand und die Schwester seines Freundes musterte, fragte er sich, was sie erlebt hatte, dass sie so handelte. Wie verzweifelt musste sie gewesen sein, dass sie ihren Tod als einzigen Ausweg gesehen hatte? Während Nicholas die junge Frau mit den zarten Gesichtszügen betrachtete, nahm er sich vor, Joan Farley zurück ins Leben zu helfen.
Indessen saß Brian allein auf der Couch in seinem Wohnzimmer und ließ zum ersten Mal Gedanken an das Baby zu, Gedanken, denen er seit einer Woche vehement ausgewichen war. Er glitt an den Punkt zurück, an dem seiner Meinung nach alles begonnen hatte. Joans Unfall in einer gewöhnlichen Januarnacht vor nun beinahe zwei Jahren. Steves Tod hatte sie zutiefst erschüttert. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie jemanden verloren, den sie aus tiefsten Herzen geliebt hatte. Mit der Zeit war diese Wunde vernarbt, doch dann kam ihre Reise nach Mailand. Dieser Tag hatte alles ins Rollen gebracht. Hätte Brian damals geahnt, welch schreckliche Zeiten auf sie zukommen würden, er wäre niemals ins Flugzeug gestiegen.
Am Morgen stand Nicholas an Joans Bett, als sie allmählich erwachte. Leise zog er sich den Hocker an ihre Seite und beobachtete, wie ihre Augen flackerten und Joan sie schließlich aufschlug. Desorientiert sah sie sich im Zimmer um, wandte den Kopf zur Seite und entdeckte ihn. Erschrocken zuckte sie zusammen.
„Sie brauchen keine Angst zu haben, Joan“, sagte Nicholas sanft. Verwirrt sah sie den fremden Mann an, dessen ruhige Stimme eine unheimliche Vertrautheit in ihr weckte. „Sie sind im Santa Monica Hospital. Ich bin...“ Ohne auf seine Worte zu achten, ließ Joan ihren Blick auf ihre verbundenen Handgelenke sinken. „In einigen Tagen kommen die Verbände ab“, hörte sie den Mann sagen. „Außer zwei kleinen Narben wird nichts zurückbleiben.“
„Wen... wen interessieren denn meine Hände“, sagte Joan gleichgültig.
„Sie sollten sich dafür interessieren“, entgegnete er und versuchte ihren Blick einzufangen, aber Joan wandte den Kopf zur anderen Seite und schloss die Augen. „Joan, warum haben Sie das getan?“, fragte er einfühlsam. Sachte berührte er ihre Hand, die sie vor Schreck sofort wegzog und unter der Bettdecke versteckte.
Ängstlich sah sie ihn an. „Wer sind Sie?“
„Brian ist ein guter Freund von mir. Ich heiße Nicholas Blake.“ Joan missachtete seine ausgestreckte Hand, sodass er sie mit einem leisen Seufzer zurückzog. „Ich möchte Ihnen helfen.“
„Ich brauche keinen Seelsorger!“, fuhr sie ihn an und wandte sich um.
Nicholas sah enttäuscht ihren Rücken an und fragte sich, was er erwartet hatte. Sie hatte sich schließlich das Leben nehmen wollen. Wenn jemand diesen Schritt gewagt hatte, dann konnte man ihn nicht von einer Minute zur nächsten davon überzeugen, wie lebenswert das Leben trotz allen Übels war. „Ich werde wiederkommen und vielleicht sprechen Sie dann mit mir.“
Mit geschlossenen Augen hörte Joan, wie er seinen Stuhl an die Seite stellte und um ihr Bett herumging. Sie spürte seinen Blick an ihr heften, öffnete ihre Augen jedoch nicht. Dann ging die Tür auf und jemand betrat das Zimmer.
„Schwester“, hörte sie ihn sagen. „Miss Farley ist soeben aufgewacht. Bitte informieren Sie Ihre Angehörigen.“
„Natürlich“, antwortete die Krankenschwester und trat ans Bett heran, um bei der Patientin den Blutdruck zu messen. Als sie die Manschette anlegen wollte, riss Joan die Augen auf und zog hastig ihren Arm unter die Decke. Da begegnete sie Nicholas’ Blick, der in der Tür stand und sie lächelnd ansah. Er würde sie nicht so schnell aufgeben, wie sie vermutlich hoffte. Joan Farley war eine harte Nuss, aber jede Nuss konnte geknackt werden. Und er war geduldig.
Am sechsundzwanzigsten Dezember wurde Joan auf die Psychiatrie verlegt. Aus medizinischer Sicht war sie stabil, aber sie sollte zur genaueren Beobachtung noch einige Tage im Krankenhaus verbringen. Während sie in den Tagen nach der Frühgeburt ununterbrochen geweint hatte, lag sie nun mit starrem Blick in ihrem Bett. Sie isolierte sich völlig von ihrer Umgebung ab und zeigte keine Reaktion, wenn man sie ansprach. Lediglich wenn man sie anfasste, zuckte sie ängstlich zurück.
„Nicholas, warum wurde sie auf die Psychiatrie verlegt?“, fragte Brian seinen Freund aufgebracht vor dem Zimmer seiner Schwester.
„In ihrem Zustand kann sie nicht entlassen werden. Ihr Arzt befürchtet, dass sie es nochmals versuchen wird und ich bin seiner Meinung.“
Entgeistert sah Brian ihn an. „Ihr könnt sie doch nicht in die Klapse schicken! Sie ist nicht verrückt!“
„Brian, das hat niemand behauptet“, sagte Nicholas ruhig. „Aber du darfst die Augen nicht verschließen. Deine Schwester wollte sich das Leben nehmen. Ein Psychologe kann nach einigen Gesprächen mit ihr am Besten beurteilen, wie ihr psychischer Zustand ist und ob sie weitere Suizidversuche unternehmen wird.“
„Aber er kennt sie nicht!“ Unruhig lief Brian vor ihrer Tür auf und ab. Die Hilflosigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er sah seine Schwester bereits in einer Zwangsjacke in einem kleinen, abgeschlossenen Raum einer Irrenanstalt sitzen. „Wie soll ein Fremder wissen, was sie denkt?“
„Lass uns das Gespräch des Psychologen abwarten.“
Am Nachmittag betrat ein Mann Anfang Fünfzig mit einer Akte Joans Zimmer. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, passend zu seinem ergrauten, lichten Haar, das an manchen Stellen die Kopfhaut durchscheinen ließ. Seine kleine Brille saß am unteren Ende seiner spitzen Nase und schien jeden Moment hinunterzurutschen. Nicholas, der schon einige Male mit dem Psychologen zusammengearbeitet hatte, schätzte ihn für seine ausgezeichneten Einschätzungen, nicht jedoch als Menschen. Für ihn gab es nur Fälle. Die lebendigen Menschen, die sich hinter diesen Fällen verbargen, ignorierte er, obwohl diese mit seinem Urteil leben mussten.
Während des Gesprächs hinter verschlossener Tür, wartete Nicholas auf dem Gang davor und fragte sich, wie die Schwester seines Freundes auf den Psychologen reagieren mochte. Er hatte mehrere Anläufe gewagt, um mit ihr ein belangloses Gespräch zu führen, doch noch immer war sie die Kratzbürste, die ihn mehr amüsierte, als aufregte. Er wusste, dass dies nur eine Fassade war. Sie versteckte sich, wollte ihr wahres ICH niemanden zeigen.
Plötzlich ging die Tür auf und der Psychologe verließ das Zimmer. Verwundert, da keine zehn Minuten vergangen waren, sah Nicholas den kopfschüttelnden Mann an.
„Ein schwieriger Fall“, erklärte der Psychologe auf ihn zukommend knapp.
„Können Sie deutlicher werden?“
„Ich kann nicht hellsehen, Dr. Blake. Die junge Lady muss mehr sagen, als Verschwinden Sie. So zieht sich die Prozedur nur unnötig in die Länge.“ Er schüttelte abermals den Kopf, rückte seine Brille zurecht und ging mit durchgedrücktem Rücken den Gang hinunter.
Nicholas seufzte. So etwas hatte er erwartet. Doch sie schadete sich selbst damit am meisten, denn wenn der Psychologe auch nach weiteren Sitzungen keine Erkenntnisse über sie bekam, würde seine Beurteilung sehr einfach ausfallen. „Sie tun weder Brian noch dem Psychologen einen Gefallen, wenn Sie mit ihnen reden“, erklärte Nicholas, sobald er ihre Tür geöffnet hatte. Langsam durchquerte er das Zimmer und blieb am Ende ihres Bettes stehen. „Selbst wenn Sie sich Wochen und Monate gegen alle Menschen auflehnen, die ihnen helfen möchten, denken Sie ernsthaft, Brian würde Sie in der Psychiatrie zurücklassen?“
Mit verschränkten Armen saß Joan aufrecht im Bett und musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Sie haben einen schicken Kittel. Bekommt heutzutage jeder so einen am Eingang?“
Nicholas lächelte in sich hinein. „Ja und manche Leute haben das Glück, dass ihnen die Arme am Rücken zusammengebunden werden.“
„Und sie bekommen ein riesiges Pflaster über den Mund?“, fragte sie euphorisch.
„Nur bei guter Führung.“ Wir werden sehen, wer dieses Spiel länger von uns durchhält, dachte Nicholas.
„Welch ein Glück! Können Sie mir einen Gefallen tun und mich dorthin verlegen lassen?“ Ihr flehendes Lächeln war wunderschön. „Und dann entfernen Sie die Stimmen aus meinem Kopf“, sagte Joan und griff sich mit beiden Händen an ihren Kopf.
Nicholas setzte sich neben ihr Bett auf den Hocker. „Welche Stimmen?“ Sie reagierte nicht, schloss die Augen und presste die Hände gegen ihren Kopf. „Joan? Erzählen Sie mir von den Stimmen.“
„Sie quälen mich... Tag und Nacht... Die Dämonen in meinem Kopf.“
„Was sagen ihnen die Stimmen?“
Sie schüttelte langsam den Kopf. „Nein!“
„Kommen Sie, Joan“, bat er sie einfühlsam. „Was sagen ihnen die Stimmen?“
„Dass es meine Schuld ist.“
„Was ist ihre Schuld, Joan?“, fragte er behutsam.
„Nein...“, flüsterte sie, als sie Andrews Gesicht vor sich sah. Mit schmerzerfülltem Blick sah sie durch Nicholas hindurch.
„Joan?“, drang seine Stimme zu ihr durch.
„Nein... lassen Sie mich allein“, schluchzte sie und vergrub ihren Kopf zwischen den angewinkelten Beinen und ihrer Brust.
„Joan?“ Sanft berührte er ihren Arm. Erschrocken wich sie vor ihm zurück.
„Gehen Sie!“, fuhr sie ihn aufgebracht an.
Nicholas nickte und stand von dem Hocker auf. „In Ordnung, ich lasse Sie allein. Wir reden ein anderes Mal weiter.“
„Nein, Sie sollen nicht wiederkommen!“
„Aber genau das werde ich tun.“
„Warum lassen Sie mich nicht endlich in Ruhe?“, fragte sie mit tränenverschleiertem Blick. Sie wollte, dass er ging und nie wieder kam.
„Und Sie aufgeben?“ Er betrachtete sie eingehend und entschied, dass es sich lohnte, sie immer wieder zu besuchen. „Das ist nicht meine Art. Tut mir leid.“ Nicholas wandte ihr den Rücken zu und verließ geradewegs das Zimmer. Einen Moment blieb er vor der geschlossenen Tür stehen, dann ging er kopfschüttelnd den Gang hinunter zum Fahrstuhl.
Am selben Abend traf Nicholas sich in der Cafeteria des Krankenhauses mit Rachel und Brian. In seinem weißen Kittel kam er zu ihnen an den Tisch und begrüßte Rachel mit einem Kuss auf die Wange.
„Was sagt der Psychologe?“, kam Brian gleich zur Sache.
„Nicht viel. Joan hat ihn rausgeworfen“, antwortete Nicholas und trank einen Schluck seines Kaffees, den seine Freunde für ihn mitbestellt hatten.
„Was geschieht, wenn sie nicht mit dem Psychologen spricht?“
„Kooperiert sie nicht mit ihm, dann weist er sie zur Weiterbetreuung in eine psychiatrische Klinik ein.“ Er sah zwischen seinen Freunden hin und her, die einander an den Händen hielten. „Ich habe vorhin mit Joan gesprochen.“
„Was meinst du damit, du hast mit ihr gesprochen?“, fragte Brian irritiert, da seine Schwester bisher jeden von sich weggestoßen hatte.
„Sie erzählte mir von Stimmen in ihrem Kopf.“
„Stimmen?“ Brian schüttelte den Kopf. „Oh nein, sie hört keine Stimmen. Sie ist nicht wahnsinnig!“
„Ich glaube nicht, dass sie wahnsinnig ist“, sagte Nicholas.
Brian sah ihn überrascht an. „Nein?“
„Sie braucht fremde Hilfe und etwas Zeit. Deine Schwester leidet unter schweren Schuldgefühlen und soweit ich das nach unserem kurzen Gespräch beurteilen kann, hat sie das Vertrauen zu anderen Menschen verloren“, erklärte Nicholas und bemerkte, wie sich Brian und Rachel einen vielsagenden Blick zuwarfen. Er wünschte, wenigstens sie würden mit ihm über den Grund des Suizidversuches sprechen. Gerade als er das Thema erneut ansprechen wollte, ertönte sein Piepser. „Entschuldigt mich einen Moment.“ Er ging zum Tresen der Cafeteria, wo er sich von der Bedienung das Telefon reichen ließ und eilig die vierstellige Durchwahlnummer vom Schwesternzimmer der Onkologie eingab. Gleich darauf kehrte er an ihren Tisch zurück. „Ich werde auf Station benötigt. Wir reden morgen in Ruhe weiter, okay?“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.