Kitabı oku: «Mal ehrlich»

Yazı tipi:

Christina Hecke

Mal ehrlich

Mein Blick hinter unser Leben

Patmos Verlag

Inhalt

Vorwort

Aller Anfang …

Kindertage: Mädchen – joah. Bübchen – boah!

Familienporträt

Primaballerina in XL

Ja und Amen

Auf die 12!

Death metal tattoo inc. … eine hochsensible Angelegenheit …

Heimat. Hafen. Liebe.

Habe nun … Ach!

»… und: Bitte!«

Stille

Wiederaufbau

Highway to Heaven …

Altersweisheit

Last but not least: JA UND?

Über die Autorin

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Vorwort

Mal ehrlich … Das Leben ist wie ein Warenhaus. Es gibt unendlich viele Angebote, und Sie haben die Entscheidungskraft, in ihr Körbchen zu packen, was immer Ihnen beliebt. Niemand zwingt Sie. Sie entscheiden, ob Nudeln, Gurken, Schokolade oder Fisch – denn auch, ob und was »gut« für Sie ist: Sie entscheiden. Auch wenn wir gelegentlich das Gefühl haben, in unserer Wahl nicht frei zu sein, weil Schlagworte wie »gesund«, »Diät« oder »Sucht« eine Rolle bei der Wahl der »Artikel« in unseren Warenkörben spielen, so ermutige ich Sie dennoch, zu Ihrer Autorität und Entscheidungskraft zu stehen und sage: Sie haben die Wahl.

Aus meiner Sicht haben wir alles, was sich in unseren Leben abspielt – ob bewusst oder unbewusst – selbst gewählt oder wenigstens mitgestaltet. Und sei es nur passiv durch ein Verhindern oder Wegschauen. Diese Verantwortung ist den meisten unangenehm oder unbequem. Bequemer ist es durchaus, wenn man im Hintergrund einen anderen, einen Schuldigen, hat, den man beim Fehlgang mancher Entscheidung entsprechend belasten kann.

Bevor Sie dieses Buch lesen, möchte ich Sie warnen. Nicht mit einer Drohung, nein. Es ist vielmehr eine liebevolle Aufmerksamkeit. Denn was Sie zu lesen bekommen, hat das Potenzial, ihre Sicht auf das Leben auf eine Art zu verändern, die Sie vermutlich nicht mehr zu dem Punkt zurückgehen lässt, an dem Sie sich zuvor glaubten. An manchem mögen Sie sogar Anstoß nehmen. Denn das, was bereits in Ihren »Warenkörben« liegt, korrespondiert womöglich nicht mit dem, was Sie jetzt lesen werden.

Vorausgesetzt ist nur eines: Ihre Bereitschaft – Ihre Offenheit – sich der Möglichkeit zuzuwenden, dass es neben dem physischen Körper auch eine Seele gibt – oder allgemeiner formuliert: neben der Form auch etwas Formloses. Nur mal theoretisch: Wenn es eine solche Dualität gibt – Körper, also Materie, und Geist, also etwas Nichtmaterielles – und der Mensch sich von Geburt zu Tod durchgeschlagen hat, was geschieht dann mit dem Anteil, der nicht im Boden verbuddelt oder verbrannt wird? Was passiert mit dem Geist, dem Bewusstsein? Sie mögen jetzt sagen: Reinkarnation & Co haben schon andere vor mir thematisiert. Was soll daran neu sein? Stimmt. Neu daran ist gar nichts. Es ist nur meine Erfahrung damit. Unzählige grenzgängerische wie universelle, menschliche wie skurrile Momente und Erlebnisse in meinem bisherigen Leben haben in mir ein Weltbild reifen lassen, das eben keine Handlungen oder Gedanken ohne Verantwortung mehr zulässt. Sei es nur die Eigenverantwortung oder auch die damit verwobene Verantwortung des Einzelnen im Verhältnis zu und mit anderen. Denn der Einzelne ist nie getrennt vom Ganzen. Im Kern sind wir alle Eins. Nichts bleibt ohne Folgen.

Warum ich das so sage? Weil es Teil meiner Erkenntnis ist. Weil es wahr ist. Für mich. Weil wir alle auf Augenhöhe sind. Ob wir das zu unserer Lebensrealität machen oder nicht.

Da wir im Hinblick auf Erkenntnisse gerne den Abgleich mit bisherigen Erfahrungen suchen – die Orientierung an einer Lösung – möchte ich gerne noch eines vorausschicken: im Zusammenhang mit dem Aspekt einer Lösung haben wir die Tendenz, uns am Perfekten zu orientieren. Der Einstufung in richtig oder falsch. Aber perfekt gibt es nicht! Vielleicht ergeben sich Antworten. Aber Lösungen bietet es nicht. Schon alleine die eben erwähnte Dualität von Form und Formlosigkeit macht es unmöglich, dass je irgendetwas oder irgendwer ­perfekt, richtig oder falsch sein könnte. Es ist ein ständiger Vertiefungsprozess, ein Aufruf in der Verantwortung zu leben, dass alles, was wir tun, einen Fingerabdruck hinterlässt. Es ist ein ständiger Prozess der Bewusstwerdung darüber, dass ­alles zusammenhängt.

Es gibt nicht Nichts. Alles ist also: alles. Und darin gibt es nur die perfekte Imperfektion.

Dabei stellt sich nur die Frage, was wir mit dieser Verantwortung anstellen …

Mich mit dieser beständig wachsenden Erkenntnis, dem zurückgewonnenen Gefühl von diesem Eins-Sein, der Allverbundenheit, auseinanderzusetzen, mich von der Sicherheit des Intellekts – einer antrainierten Intelligenz – zu lösen und auf meine innere Weisheit als Kompass N°1 wieder vertrauen zu lernen – das war eine Entscheidung. Eine wagemutige. Ein Wagnis, in das vermeintlich Unbekannte zu treten, und mutig genug, mich damit in den Wind zu stellen. Das war, und ist, ein Bewusstwerdungsprozess – ohne Drogen oder tagelanges Schweigen. Eine Entscheidung mitten im praktischen Leben neue Wege zu gehen. Es ist die Bereitschaft, die Augen dafür zu öffnen, was meine Seele mich sehen lassen kann. Nicht, was der Verstand mir zu erklären vermag. Es ist ein Loslassen. Ein Zulassen. Urvertrauen: das Einatmen der universellen Wahrheit. Dabei sind die Füße fest am Boden und gehen meine Schritte.

Ein vierjähriges Jurastudium hat mich spätestens gelehrt, was es heißt zu repetieren – wiederzugeben, was andere vor mir schon gesagt haben. Diese Form der Intelligenz – von vielen mit Intellekt gleichgesetzt – hat allerdings aus meiner heutigen Erfahrung deutliche Grenzen. Diese Laufrichtung der Denkfähigkeit: vom Denken hin zum Leben – ist reaktiv. Analytisch. An Lösungen orientiert. Und damit begrenzt. Außerdem eröffnet sie die Idee davon, Wissen besitzen zu können. Umgekehrt sehe ich eine Wahrheit: vom Leben hin zum Denken. Dem Leben als Impulsgeber für den Verstand. Der Verstand als Diener, nicht Diktator. Diese Form der Intelligenz ist unerschöpflich. Es zählt das Erleben. Das Entdecken und Vertiefen. Von Moment zu Moment. Ein Leben in Präsenz.

Auf dieser Qualität basiert dieses Buch. Sie werden lesen, dass ich diesem Buch mein Leben als roten Faden zugrunde gelegt habe. Das soll aber weniger dem Zweck dienen, Ihnen mein Leben zu erzählen, um mich darzustellen, sondern vielmehr dazu, Phänomene unseres Zusammenlebens exemplarisch zu betrachten. Verstehen Sie dieses Buch gerne als ein Angebot. Es ist kein wissenschaftlicher Abriss. Kein angelesenes Wissen. Wenngleich das Leben mir als Ort des Studiums gedient hat. Es ist zum Anfassen. Es ist mein Angebot an Sie.

Ein ehrliches.

Sie mögen es in Ihren Warenkorb legen, vielleicht nur einzelne Kapitel oder nur eine Zeile lesen. Oder Sie entscheiden sich, es gänzlich zu verachten oder zu ignorieren. Es ist Ihre Wahl. Richtig oder falsch erlaube ich mir in diesem Zusammenhang auszuklammern, da diese Bewertung weder für Sie noch für mich irgendeinen Sinn hätte. Es wäre nichts weiter als eine Erhöhung oder Erniedrigung, je nach Perspektive auf Sie oder mich.

Ich hätte Sie, mich, all diese Erkenntnisse und meine Liebe zum Leben und allem, was uns eint, verraten, hätte ich mich nicht eines Tages hingesetzt und angefangen zu schreiben. Es wäre mir als Zurückhaltung – wenn nicht gar Verantwortungslosigkeit – erschienen, es nicht zu tun. Eine Missachtung dessen, was wir sind: Liebe. Nicht romantisch, nicht verklärt, nicht Hollywood. Sie ist purer Respekt, Harmonie, Stille – und damit eine wahre Freude. Eine lebendige Leichtigkeit und keine Behauptung. Diese Liebe ist aus meiner Sicht die Basis, das Fundament für Ehrlichkeit und bietet damit das ­Potenzial zu einer gemeinsamen Wahrheit zu finden. Sie ist warm und haltend. Und vor allem: absolut! Sie existiert. In Ihnen. In mir. In jeder und jedem. Auch wenn wir das manchmal bezweifeln.

Ich danke Claudia Lueg vom Patmos Verlag, dass sie mich dazu angestoßen hat zu schreiben und unterwegs eine stete Begleitung in diesem Prozess gewesen ist. Serge für seine bedingungslose Reflexion. Und vor allem meiner Frau Stefanie.

Aller Anfang …

… beginnt mit dem ersten Schritt. Wir könnten sagen, dass hier auf dem Planeten doch eigentlich alles ganz gut läuft. Wir sind organisiert, strukturiert und funktionieren ganz gut. Und das, was nicht so gut funktioniert, sind wir stets bemüht zu thematisieren und zu verbessern. Eigentlich … Da schwingt schon mit, was den Kern der Sache unmittelbar trifft. Es ist nämlich doch alles irgendwie dissonant. Ein Verbessern, das haben wir tausendfach aus unserer Geschichte gelernt, ist noch keine Richtungsänderung. Das ist, wie ein altes Haus wieder und wieder zu renovieren, aber die morschen Balken werden doch irgendwann brechen. Da hilft auch die schönste Farbe nichts. Dabei sind wir zwar bereit, den ein oder anderen Grundpfeiler auf seine Stabilität zu überprüfen, aber das Wagnis diesen Balken auch austauschen, gehen wir nicht ein. Manchmal muss man die Balken aber austauschen, um das Haus in eine neue Stabilität zu bringen. Das ist als wären wir zwar alle bereit loszulaufen – aber als hätten wir Angst oder kein Vertrauen, den ersten Schritt oder neue Wege zu gehen. In welche Richtung sollen wir laufen? Da sind wir orientierungslos. Gemeinsam?

Hier geht es schon los, denn das Gemeinsame ist nicht mehr spürbar. Das Individuelle, das ausschließlich mit dem unmittelbaren Umfeld zusammenhängt, das ist uns vertraut. Aber das große Bild – das Wir im Zusammenhang – ist verschüttgegangen hinter einer Perspektive, die das eine Leben auf den Abschnitt zwischen Geburt und Tod reduziert. Auf eine endliche Existenz, in der jeder versucht, nur sein eigenes Ding best- oder schlechtmöglichst abzureiten. Das obliegt jedem selbst. Aus der Perspektive dieser Endlichkeit und damit einer linearen Existenz herauszutreten und zu fragen, »ob das wirklich alles ist?«, würde gleichermaßen die Frage aufwerfen: »Ist das bisherige Normale wirklich die einzige Wahrheit?« Wieso sollten wir uns dieser Frage überhaupt stellen? Läuft doch, irgendwie! Hm: ehrlich? Wir hatten noch nie so viel hochentwickelte Technologie wie zurzeit. Alle paar Monate gibt es neue Smartphones … Aber: Haben wir unser Zusammenleben mit dem gleichen Engagement weiterentwickelt und tatsächlich verbessert? Wir fliegen zum Mond und produzieren künstliche Intelligenz – aber haben wir psychische Erkrankungen, Krebs- und Suizidraten, Gewalt untereinander im Griff? Früher gab es den Marktplatz, auf dem Menschen öffentlich angeklagt und auf dem Schafott verbrannt wurden – heute gibt es Twitter und »Shitstorms« im Internet, und das mit dem Schafott erledigen manche dann selbst. Die Methoden im zwischenmenschlichen Umgang sind moderner geworden – aber das Prinzip ist dasselbe geblieben. In diesem Punkt sind wir maximal damit beschäftigt, diesen Grundpfeiler unseres Miteinanders beständig neu mit Farbe zu bepinseln, aber keinesfalls damit, diesen auszutauschen. Wir übermalen, was wir unbedingt erhalten wollen. Vielleicht ist er noch nicht morsch genug?

Würden wir es wagen zu erkennen, dass es einer Restauration statt einer bloßen Renovierung bedarf, müssten wir grundsätzlich neue Wege gehen. Und dazu müssten wir einen ersten Schritt machen. Da dieser Schritt aber ins Ungewisse oder Unbekannte gewagt werden müsste, heißt es schnell: »Aller Anfang ist schwer!« Was genau ist eigentlich so schwer am ersten Schritt? Es liegt ein Wagnis darin. Mit einem Schritt in ein Gebiet vorzudringen, das eben keine Routine oder Erfahrungswerte vorweist. Augenscheinlich jedenfalls … Denn möglicherweise ist es auch so, dass wir eben doch schon eine Menge Erfahrungen gemacht haben und die »Angst« daher kommt, dass wir dem Braten nicht mehr so recht trauen. Wir projizieren schon unsere Bilder und Vorahnungen auf das vor uns Liegende oder haben auf die Verantwortung, die mit dem Betreten des neuen Terrains verbunden ist, von vornherein einfach keine Lust. Und: Zack – wird es uns leicht gemacht zu sagen: »Es ist schwer!« Und so wagen wir nichts. Klagen lieber an, statt einen Richtungswechsel zuzulassen. Gehen den Schritt nicht – raus aus der Routine, da sie doch bis hierher »ganz gut funktioniert«. Und mit dem, was nicht funktioniert, gehen wir dann eben um. Wir um – gehen es. Wir haben eine große Palette an Gründen und Entschuldigungen zur Hand, warum wir es nicht einfach wagen. Das Unbekannte nicht einfach nur auf uns zukommen lassen und dem Leben neu begegnen. Und sei es nur das Argument der »Angst vor der Unberechenbarkeit« … Das ist ein bisschen so wie mit Kolumbus und der Kugelgestalt der Erde. Wenn man nicht mal losläuft, wird man nie erfahren, was es sonst noch zu entdecken gibt. Was also von dem bisher Geglaubten Nonsens und was an Unerwartetem möglicherweise bereichernd ist …

Mein erster Schritt in meine gegenwärtige Existenz, also eine weitere Runde auf dieser Welt zu wagen, beginnt auf eine Weise, die erstmal all diese negativen Befürchtungen bestätigt hätte. »Besser nicht loslaufen!« hätte die Warnung heißen können. Denn als ich auf die Welt komme, wird es für uns beide, meine Mutter und mich, erstmal »schwer« – so könnte man werten. Denn meine Mutter hätte bei meiner Geburt fast ihr Leben gelassen, da sich die Plazenta nicht gelöst und sie sehr viel Blut verloren hat. Meine Vorratskammer sozusagen oder die Küche (ein Ort an dem ich mich übrigens zeitlebens mehr als wohl fühlen werde), der uns beide verbindende Sack, den meine Mutter in diesem Fall wohl nicht so recht loslassen wollte. Genauer betrachtet: mich oder unsere Verbindung wohl nicht recht gehenlassen konnte. Ich komme also hier an und habe schon die Aufgabe, mich einer Situation stellen zu müssen »Mein Leben zum Preis eines anderen …?« Das ist doch mal eine großartige, erste Lernaufgabe! Selbst wenn mein kleiner, erster Schritt mit Mut und Freude gesetzt ist, so werde ich doch gleich mit der Erkenntnis konfrontiert: Andere hängen (im wahrsten Sinne des Wortes) auch damit zusammen. Und schon ist in diesem Bruchteil von Sekunden, in einem meiner ersten Atemzüge, das ganze Ausmaß des weltlichen Daseins offenbart: Es sind die Verletzungen, die Ängste und die möglichen Folgen, die wir zu meiden versuchen. Der stete Schrecken der drohenden Endlichkeit. Es ist ein bangendes, klammerndes Festhalten an einer einzigen Existenz. Ein weiterführendes oder übergreifendes Verantwortungsprinzip: unbekannt. Lieber halten wir uns an Begriffen wie »Schicksal« »Fügung« oder »Zufall« fest.

Was aber, wenn alles zusammenhängt? Was, wenn meine Mutter durch meine Geburt lernen durfte, ihr Leben anzunehmen? Sich »unabhängig« zu machen? Was, wenn ich lernen durfte zu erkennen: »Ich bin nicht schuld«? Lernaufgaben, vor denen wir stehen. Folgen unserer Entscheidungen zu sagen: »Was gibt es diesmal zu lernen?« Nicht mehr und nicht weniger. Faire Verantwortungsverteilung, wie ich finde!

Sie mögen sagen: »… da warst du doch noch so klein und kannst das alles gar nicht gewusst haben.« Ja, stimmt. Mit Wissen hatte das auch nicht viel zu tun. Aber mit Gewissheit. Meinem Gespür. Ich bin zwar noch winzig und habe gerade erst meinen ersten Atemzug getan, aber doch sind schon all meine Sinne voll ausgebildet. Ich nehme die Dinge wahr. Schmerz zum Beispiel. Oder Kälte. Ich habe doch zuvor auch schon eine Weile im Bauch meiner Mutter verbracht und wahrgenommen. Da habe ich mit an ihren Entscheidungen gehangen – ob sie mir gefallen haben oder nicht. Ihre Wahl der Nahrung kam ungefragt bei mir an. Vibrationen und Töne, Stimmungen und Gemütszustände. Fremde Hände, die den Bauch meiner Mutter berührt haben – also auch mich. Ich stecke zwar gerade in einem winzigen Körper, aber meine Wahrnehmung ist voll ausgereift. Und mein Hausaufgabenheft prall gefüllt.

Sie können jetzt selbstverständlich wissenschaftliche Theorien und Statistiken über meine Aussage ergießen – das obliegt Ihnen. Ich wäre an dieser Stelle nur in der misslichen Lage, dass ich, so ist das in einer Beweislast-Position, Ihnen etwas beweisen müsste, das ich nicht beweisen kann. Da mir die Dinge einfach nur gewiss sind. Derzeit ist mein einziger »Beweis« dafür, dass es so war: mein Bewusstsein – oder nennen Sie es ein tieferes Wissen, eine Angebundenheit. Das ist schier unmöglich zu beweisen. Es wäre natürlich einfacher für Sie und mich, hätte ich im Bauch meiner Mutter ein Handy dabeigehabt. Irgendetwas, um zu dokumentieren, was ich hier behaupte. Wir wissen gerade beide, dass das ein großer Blödsinn ist. Ich hätte damit ja auch nur einen Beweis über das Außen dokumentieren und nicht das Fühlen beweisen können. Also bleibe ich lieber bei dem, was mir bewusst ist, und unterziehe es keinem statistischen Analyseversuch. Es wäre ein Urteil über Richtig und Falsch. Und wie eingangs erwähnt, möchte ich uns beide da gerne raushalten. Denn das scheint mir ein weiterer, eiternder Stachel im Fleisch unserer Wahrnehmung zu sein: dass wir immer nach diesen Lösungen suchen. Uns gerne im Kampf um »Richtig & Falsch« verlieren, statt uns gegenseitig einfach mal zuzuhören. Und Aussagen erstmal nachklingen zu lassen, statt direkt mit möglichen Antworten zurückzuschießen, weil wir glauben, wir wissen es besser. Die vielen Perspektiven zu genießen – die so reich sind, so vielzählig, wie es Menschen gibt.

Außer meinem Gefühl von tiefer Verbundenheit, einer Art Urvertrauen, habe ich am Abend des 22. 02. 1979 nichts vorzuweisen. Der Beweis liegt also darin, dass ich bin. Nicht was ich kann. Nicht mehr – und nicht weniger. Wie ich da im Kreissaal in Stuttgart mein Leben beginne, liegt Schrecken in der Luft. Eine ganze Reihe an Informationen, vor allem aber: Lebensgefahr. Das drohende Ableben meiner Mutter. Mein Vater sitzt in einem Zug irgendwo zwischen Mannheim und Ludwigsburg mit Stromausfall fest. Mein erster Schritt ist zwar getan: Ich bin da. Aber schon hat die ganze Sache ein enormes Ausmaß. Nicht das romantische Papi-Mami-Kind-Bild. Versuchen Sie bitte erst gar nicht, hier ein Kindheitstrauma reinzuprojizieren. Ich bin damit vollkommen im Frieden. Ich trage nämlich noch keinen Vergleich in mir. Der wird mir erst später angeboten, durch ein Idealbild, wie es hätte gewesen sein können. Durch einen Abgleich mit dem, wie es mal war oder wie wir es uns wünschen, prägen wir unser Hier und Jetzt ständig! Wäre ich jetzt ein Erwachsener, würde ich nämlich vielleicht schon in Panik um das Leben meiner Mutter bangen, ich würde telefonieren, schreien, flehen, hilflos im Netz recherchieren: was weiß ich. Aber das Schöne am Neubeginn ist, dass bei all dem Wahrnehmen, der Unmittelbarkeit, noch eine Art »Stille-Bonus« im Gepäck liegt. Den habe ich mir ausgesucht mitzubringen. Der liegt in meinem Warenkorb. Ich weiß insgeheim: Egal, was passieren wird, es hat einen Sinn. Ob für meine Mutter oder mich oder für sonst wen. Ich weiß: alles seinen Rhythmus.

Auch wenn meine Mutter jetzt sterben sollte, auch wenn mir etwas passieren sollte – es ist alles gut. So, wie es ist. Wir kommen und gehen sowieso in denselben Zustand zurück. Den Zustand der Formlosigkeit. Alle. Eines Tages. Da bleibt keiner zurück. Das ist mir gewiss. Diese Liebe, das Gefühl von haltender, bedingungsloser und allumfassender Liebe ist das Nest, aus dem ich gefallen bin. Und da bin ich kein Sonderling der Ausgabe »besonders liebender Mensch«, sondern ein Mensch wie jeder andere auch. Das ist ein tief verankertes Gefühl, ein Wissen, zu dem jede und jeder Zugang hat. Da bin ich mir sicher. Das spüre ich, wenn ich Menschen in die Augen schaue. Ob der Einzelne das wählt oder nicht. Da bin ich, wie gesagt, nichts Besonderes. Diesen Zugang habe ich mir bewahrt. Das ist alles. Der Beweis liegt damals schon darin, dass ich unter all dem Stress um mich herum diese Qualität in mir wiederfinden kann. Daran andocken kann. Ich trage sie in mir. Ich kann sie atmen. Ich bin ruhig. Ich bin leicht. Umgeben von einem sehr praktischen Handeln der zuständigen Schwestern und Ärzte, die sich bemühen auszustrahlen: »Wir haben das im Griff.« Aber fühlen tun wir alle: Das hier ist eine schwierige Situation. Schwierig, weil wir glauben, sie steuern zu müssen oder zu können. Wir wollen nicht, dass jemand stirbt, und das zu verhindern, ist die Aufgabe. Dazu gibt es ja die Medizin. Aber die Bedrohung für uns liegt gar nicht im Tod an sich, sie liegt vielmehr in dem Zusammenhang ­begründet, dass wir im Hinblick auf das Leben uns auf eine einzige Existenz begrenzt haben. Die Möglichkeit der Wiedergeburt ausgeschlossen haben. Schwierig ist in Wahrheit also zu akzeptieren, dass es eine Ordnung gibt, die wir nicht durchschauen können. Dass unser Geist reist, von Leben zu Leben. Dass alles nur ein Lernschritt ist. Ein Netz, in dem wir zusammenhängen, in dem alles seinen Rhythmus hat – in dem wir lernen dürfen. Alle. Für meine Mutter gilt es zu lernen: in das Vertrauen zurückzufinden und – loszulassen. Für mich gilt es, die Qualität des Seins nicht zu verlieren. Mein Urvertrauen. Und für die beteiligten Ärzte und Schwestern gilt es ebenfalls, ein Vertrauen in ihre Fähigkeiten, ihre Erfahrungen und Impulse einzunehmen und danach zu handeln. Denn ob ein Körper dann den medizinischen Angeboten folgt – meine Mutter also überlebt – oder ob er es nicht tut – meine Mutter also nicht überlebt –, entscheidet sich ganz woanders. Nämlich auf der Ebene des Nichtmateriellen. Der Seelenebene. Nennen Sie es Seele, nennen Sie es Liebe, Gott. Die Frage nach der Begrifflichkeit ist die bekannte Gretchen-Frage. Denn Begriffe können so verwirrend sein, da sie durch so unterschiedliche Erfahrungen geprägt sind. Das Wort Gott alleine hat schon Nationen, Familien, ganze Kulturen gespalten. Weil man die Definitionsfindung darüber auf dem »Richtig & Falsch-Schachbrett« ausgetragen hat, sich womöglich hinter einer selbsternannten Religion versteckt und damit verteidigt hat – um sich schließlich folgenreich in deren Namen gegenseitig die Köpfe einzuhauen. Religionen wurden von Menschen geschaffen. Es sind Interpretationen dieses Nichtmateriellen, des Göttlichen. Es bleibt an uns zu vertrauen. Uns von den Vorgaben dieser Interpretationen freizumachen. An das Vertrauen zu unser aller Ursprung wieder anzuknüpfen, dem, »was die Welt im Innersten« – was uns alle – zusammenhält. Dieses Netz ist nicht erst seit ­Goethes »Faust« bewusst, der hier durchklingt. Das ist ein uraltes Wissen. Ein Vertrauen in unsere Impulse. In unser Sein. Das Wir, nicht das Ich in unser Handeln zu bringen. »Vom Ich zum Wir durch das Ich als Teil des Wir.« So würde ich resümieren.

Es ist das Gefühl von Urvertrauen, das mich trägt. Es ist wohl auch nur damit zu erklären, dass ich weder schreie noch weine. Ob meine Mutter geht oder nicht: Es ist gut so, wie es ist. Und auch sie spürt das. Das kommunizieren wir ohne Worte. Und es gelingt ihr loszulassen, und sie schafft es nach einer langen OP, gestärkt am Leben zu bleiben und ihre Entscheidung, erneut Mutter zu werden, anzunehmen. Ja, da gibt es schon jemanden, der ebenfalls Teil meiner Reise ist: meine ältere Schwester Martina. Und auch, wenn meine Mutter und ich an verschieden Orten in dieser Frauenklinik sind, man mich wäscht und versorgt und einpackt, während sie operiert wird, sind wir verbunden. Auch mein verzweifelt ankommen wollender Vater ist in diesem Netz verwoben. Wir alle hängen zusammen. Wir können uns natürlich auch auf die »menschliche Tragik« von Situationen reduzieren und versuchen zu steuern, was wir vielleicht gar nicht steuern können. Aber damit wären wir wieder auf diese eine Existenz reduziert, die sich linear am Horizont entlang zieht. Ohne eine tiefere Bedeutung, ohne Zusammenhang. Ein auf Endlichkeit ausgerichtetes, einmaliges Event. Ein Leben mit dem großen schwarzen Nichts am Ende.

Es gibt nicht Nichts …

Schon allein die Tatsache, dass ich das erinnern kann, dass ich heute wieder so fühlen kann, dass ich diese Zusammenhänge sehen und wahrnehmen kann – beweist mir, dass es eine Ebene gibt, die mit materieller Fassbarkeit nichts zu tun hat. All das Praktische, Erfahrbare, Wunderbare auf dieser Welt dient schließlich dem Verständnis unseres Wachstums – der eigenen und damit auch der kollektiven Evolution auf der nichtmateriellen Ebene, nicht auf der materiellen. Auf die haben wir uns nur reduziert. Die Idee davon, dass es nur diese greifbare Welt gibt, in der wir ein buntes Durcheinander aus Tätern und Opfern, Freiwilligen und Unfreiwilligen, Herrschern und Beherrschten erleben, die haben wir geschaffen. Wir haben uns getrennt – und uns hinter dieser Reduktion verschanzt. Und damit haben wir eine Tür geschlossen, die wieder zu öffnen eine Offenbarung wäre. Denn nicht unser Wille ist Dreh- und Angelpunkt unseres Zusammenlebens, sondern es ist die Quelle, die wir mittels unseres freien Willens anzapfen. Wir entscheiden lediglich, was wir gerne hätten – der Rest wird uns gegeben. Zusammenhänge sehen zu wollen: das ist lediglich eine Bereitschaft. Die Zusammenhänge sehen zu können, ist dann ein tieferer Einblick, der mir gewährt, der mir gegeben wird. Die Zusammenhänge nicht sehen zu wollen: das kann ich ebenfalls mittels meines freien Willens entscheiden. Und alles, was dieser Entscheidung folgt, wird mir ebenfalls gegeben – und sei es nur die Identifikation mit dem Gedanken, selbst die Quelle allen Denkens zu sein. Wir sind Instrumente. Empfangsstationen. Das Programm machen andere. Wir wählen nur den Sender. Solange wir diese Verantwortung ablehnen, werden wir blind gehalten für die Wahrheit eines größeren Zusammenhangs. Und sei es aus der Bequemlichkeit der Verantwortungslosigkeit, des Nicht sehen-Wollens. Damit haben wir aber auch keine Möglichkeit, die Freude und Größe unserer Verantwortung zu erleben.

Wie ich wohl auf die Idee komme, dass das alles so ist, wie ich es beschreibe? Ich habe es erfahren. Ich weiß es. Heute wieder. Damals auch. Unterwegs habe ich das mal für eine Weile abgelegt. Mich dankend in die Veranwortungslosigkeit eingereiht. Die meisten Jahre meines Lebens, muss ich gestehen. Dieses Allverbundenheits- Urvertrauens-Dings war mir zu unbequem. Lästig gar. Es hat mir den Weg versperrt, »mitgehen« zu können. Auf der Radiowelle funken zu können, auf der die absolute Mehrheit dieser Bevölkerung funkt. Dem Normal. Der Begrenzung des Nicht-sehen-Wollens. Ich habe es sogar regelrecht bekämpft. Das zu erkennen, zu dem wieder zurückzukehren, was ich mal als wahr empfunden habe, als Kind, ist unglaublich kraftvoll. Der Tatsache, dass es noch eine alternative Funkfrequenz gibt. Ich wähle. Je nachdem, was ich will, muss ich nur den Sender wechseln. Es ist ein ewiger Kreislauf, in dem wir stecken. So wie das Leben ein Kommen und Gehen ist. Ein Trainingscamp für den Willen. Ein Hin und Her bei der Senderwahl. Welche Frequenz wählen Sie – Reduktion auf das enge Anfang&Ende-Prinzip oder Ausdehnung hin zur universellen Allverbundenheit? Es gibt immer eine Sendung.

Sollte Ihnen dieser Ansatz gänzlich zuwider sein, möchte ich gerne folgende Geschichte mit Ihnen teilen:

Eine Freundin von mir hat eine ganz bezaubernde Tochter. Als diese fünf Jahre alt war, kam sie eines nachmittags zu ihrer Mama gelaufen und sagte: »Ich hab dich soooo lieb!«. Worauf meine Freundin entgegnete: »Ich dich auch, mein Schatz!« Die Kleine wiederum: »Ich bin so froh, dass wir uns haben!!« – Schon mit leichtem Erstaunen, die Mutter zurück: »Ich auch, mein Engel!« – Und dann kommt durch das kleine Mädchen folgender Satz ans Tageslicht: »Weißt du – ich wollte ja schon mal zu dir. Da wolltest du mich nicht. Aber jetzt haben wir uns ja!« – Worauf meine Freundin erst erstarrte und dann in Tränen ausbrach. Denn sie hatte einige Jahre zuvor einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, von dem außer ihrem behandelnden Arzt und ihrer engsten Freundin ­niemand wusste. Bis zu diesem Tag. Und mit niemand meint: niemand.

Das Leben schenkt uns so wunderbare Momente. Wahre Momente. Für mich ist dieser Moment des Lebens – neben vielen anderen ähnlicher Natur, die ich Ihnen jetzt dazu erzählen könnte, – der Beweis dafür, dass wir zusammenhängen. Das das Leben einen Kreislauf ist. Das folglich auch der Tod kein singuläres, getrenntes Ereignis ist. Bei der Zeugung eines Kindes geschieht weit mehr, als dass nur ein Ei und ein Spermium aufeinandertreffen. Es braucht einen reinkarnationswilligen Geist. Den Anteil, den wir später nicht begraben oder verbrennen können, wenn das Herz aufhört zu schlagen. Das ist nochmal was anderes als die Seele. Die können wir nicht vergraben. Die Seele ist dem Geist eine ewige Lehrerin, bis die beiden wieder vereint sind. Dazu nochmal Goethe: »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!« Die Seele ist immer bereit, sich dem großen Gemeinsamen wieder zuzuwenden. Vielmehr sich immer weiter hinein zu vertiefen in das große Ganze, denn sie bildet ein Teil davon. Der Geist hingegen (im englischen Spirit, das ist mir geläufiger) ist der Anteil, der sich abgewendet hat. Der sein eigenes Ding machen will. Der die Radiofrequenz »Reduktion« gut findet und durch die Programmwahl ständig unterstützt. Und genau diese Zerrissenheit, einerseits »Mein-eigenes-Ding-machen« zu wollen, andererseits aber zu spüren: »Da gibt es noch was anderes«, das ist die tiefe Trennung, unter der wir leiden.

Deshalb die Reinkarnation: damit die Seele dem Spirit (oder Geist) Lehrerin sein kann, sich wieder zu vereinen, sich zurückzuverbinden. Diese Differenzierung zwischen Seele und Geist ist wichtig. Denn sie erklärt diese innere Zerrissenheit, die im Goethe-Zitat mit den zwei Seelen benannt wird. Es ist der Geist, der durch die Seele wachsen kann, es aber meist einfach nicht will. Keinen Bock! Zu stolz … Entscheidend ist also die Bereitschaft, die Erkenntnis darüber zu gewinnen und zu vertiefen, dass es noch eine andere Frequenz gibt, auf der wir »gemeinsam« funken. Dass es neben dem Menschlichen, der Materie, also auch die Seele, das Nichtmaterielle, gibt. Um diesen Unterschied lesen zu lernen und zu verstehen, haben wir unsere Körper. Damit wir bewusst die Sender zu unterscheiden lernen und bewusster werden in unserer Wahl. Das sind die Instrumente, die sensibilisiert sind für die verschiedenen Sendungen, die uns angeboten werden. Sensibel genug um uns zu lehren, von welchem Ort aus wir entscheiden: vom Geist oder von der Seele. Wozu sagen wir Ja?

Wir sind ein Haufen von Teilchen. Diese Teilchen reagieren auf Energie. Das ist wie in der Quantenphysik: Teilchen reagieren auf Energie. So also auch unsere Körper. Auf denen lernen wir – vielmehr: durch sie lernen wir. Nur weil uns diese Wahrheit abhandengekommen ist, vielmehr: weil wir sie eingetauscht haben gegen die Arroganz unseres Denkens, wir seien die »Hersteller« und nicht die »Konsumenten«, funken wir fröhlich auf der Radiofrequenz Reduktion. Die ist bequemer als Ausdehnung und Vertiefung. Aus dieser Motivation der Bequemlichkeit leben wir.

Und so behandeln wir auch unsere Körper, unsere hochsensiblen Instrumente. Wie auf abgehalfterten Klampfen von Straßenmusikern schmettern wir drauf rum, hauen sie in die Ecke und verfluchen sie, wenn sie nicht so klingen, wie wir das wollen. Statt sie wie Stradivaris wertzuschätzen, zu pflegen und mit derselben Liebe und Achtsamkeit zu behandeln, wie wir ein Baby auf dem Arm halten. Wir gehen willkürlich und wahllos mit diesem Geschenk um. Dabei sind wir ständig von der Magie des großen Ganzen umgeben und bereichert. Unsere Körper sind die Resonanzböden dafür. Nur, ob wir diese Göttlichkeit, deren Schönheit und den Zusammenhang des gemeinsamen Ursprungs sehen oder hören wollen – oder mit welchem der fünf Sinne auch immer wir das erfahrbar machen wollen –, ist eben wieder so eine Entscheidung … Der sechste Sinn ist ja auch noch zur Verfügung. Es ist der Sinn der Erfahrbarkeit von Klar- und Hellfühligkeit, also der Zugang zur Welt der Energie. Dem uralten Wissen. Er lässt Sie ganz praktisch wahrnehmen. Wenn Ihnen beispielsweise jemand gegenübersteht, der Sie zwar freundlich anspricht, aber unter der Haut eine andere Motivation hegt, werden Sie das deutlich spüren können. Sei es eine unterdrückte Wut oder dass derjenige Sie eigentlich nicht mag oder manipulativ etwas von Ihnen will. Diese Hellfühligkeit, die Erfahrbarkeit von Energie ist kein Hokus-Pokus. Wir tragen sie in uns. Diesen Sinn wieder mehr anzukurbeln, wäre vielleicht Motivation genug, häufiger mal den Sender zu wechseln!

Was uns den Senderwechsel schwer macht, ist die Tatsache, dass wir tief in Zeit und Leistung verstrickt sind. Angebote des Senders N°2 mit dem Namen Reduktion. Weitere Resultate dieser Senderwahl sind, dass wir unsere Ursprünge verneinen; unsere Empfangsbereitschaft für Sender N°1 mit Namen Ausdehnung abgelegt haben. Dass wir unsere Denkfähigkeit – genauer gesagt: unseren Intellekt – als einzige wahre Instanz anerkennen; dass wir das Denken über unsere Körper­intelligenz, unser von Innen geleitetes Wissen – letztlich die Fähigkeit zu fühlen gestellt haben.

Wenn ich von Fühlen spreche, meine ich nicht reaktionsgeladene Emotionen. Da möchte ich gerne einen feinen Unterschied zu den Gefühlen machen, die vom Körper kommen. Die aus der Stille, dem Empfangen geboren sind. Die eine Beobachtung sind – Impulse aus dem Zusammenhang des großen Ganzen. Aus der einen Wahrheit, die das vereinte Wissen unserer Seelen repräsentiert. Das ist für mich wahre Intelligenz. Oder welche Worte würden Sie wählen für Dinge, die Sie »erahnt« haben? Was ist eine Ahnung, die sich nicht auf anerzogenes Wissen berufen kann, anderes, als ein Wissen ohne vorherige Bildung durch das Außen? Im Gegensatz zu Emotionen, die sich als Reaktionen auf Verletzungen, Erregungen oder Überschätzung durch Dritte aus dem Individuum ergießen, und sich nicht frei vom Außen entwickeln.

Kennen Sie das: Da rasten Sie in einem Moment vollkommen aus, und im nächsten fragen Sie sich: »Was war das denn«? Woher, glauben Sie, kommt das? Einfach aus dem Nichts? Oder wäre es möglich, dass Ihnen dieser Ausraster gegeben werden konnte, weil Sie an einer ungeheilten Verletzung oder ungestillten Erwartung festgehalten haben und damit Tür und Tor aufgerissen, Sie zu einem Berserker werden zu lassen? Das Abgeben Ihrer Verantwortung in allen Situationen ist eine Einladung an das Chaos und die Bequemlichkeit. Alles Angebote des Senders N°2. Warum ich die Sender mit N°1 und N°2 bezeichne? Simpel: zuerst waren wir eins. Das ist Programm auf dem Sender N°1. Dann kam die Trennung und damit die Sendung auf Kanal N°2.

Nur weil wir Erwachsenen schon »groß« sind, maßen wir uns an zu glauben, dass wir alles wissen, das Leben im Griff haben. Und dass die Kleinen nichts mitbekommen. Ein Glaubenssatz. Das Gegenteil ist der Fall. Das macht vielleicht die Angst aus, die uns immer wieder an der gemeinsamen Wahrheit zweifeln lässt. Die Kleinen sind die Kolumbusse und wir die Zweifler. Wir wollen alles erklärbar haben. Damit wir das Gefühl von Kontrolle und »Steuerbarkeit« oder wenigstens Kalkulierbarkeit aufrecht erhalten können. Die Angst davor, in unserer Reduktion auf das Erklärbare, Beweisbare, Nachvollziehbare entlarvt zu werden, ist zu groß. Wir wollen nicht dastehen und sagen müssen »Ich weiß es nicht. Da müsste ich mich mal zurücklehnen und zuhören, welche Antwort kommt.« Diese Blöße würden wir nicht verkraften. Die Blöße: das nackte Ehrlichsein, ist uns unangenehm, weil wir mit allem identifiziert sind. Mit unserem Wissen, unseren Emotionen, dem Ich. Dem identifizierten Geist, der seine Verantwortung innerhalb des großen Zusammenhangs ablehnt. Der manchmal eben schlicht keinen Bock hat. Der würde das nicht verkraften: das Zugeständnis, dass es da vielleicht mehr gibt, als der Verstand berechnen und erfassen kann. Nein! Wir haben doch schon so viel in diese Fähigkeit des Denkens investiert! Das würde sich nicht rechnen. Dann müssten wir ja mal anhalten und uns öffnen. Uns auf Empfangsbereitschaft für die Frequenz N° 1 bringen, statt immer nur selbst zu senden oder sich berieseln lassen zu wollen. Das ist nämlich das Versprechen, mit dem die meist gehörte Radiostation N°2 lockt: der Ruhm und die Identifikation. Auf dieser Frequenz bekommen wir das Gefühl vermittelt, dass wir selbst die Sender sind. Und das liebt der Geist. Die Seele hingegen ist losgelöst von alldem. Die braucht das nicht. Die weiß: Es gibt nur uns alle als großes Ganzes. Und bietet also ihren Beitrag dazu an.

»Kindermund tut Weisheit kund.« Das ist ein Spruch, den wir nicht ernst nehmen. Nicht, weil wir nicht können, sondern weil wir nicht wollen. Denn diese Sensibilität, die Welt auf einer anderen als der rationalisierten Ebene zu sehen zu wollen, haben wir kollektiv als wenigstens »zweitrangig«, wenn nicht gar als »nicht wert« abgeschüttelt. Wir setzen stattdessen lieber auf studiertes Wissen und verdrängen, was uns einst gewahr war. Was hier sichtbar wird ist, dass das Leistungsprinzip als oberstes Gebot akzeptiert wurde. Genau da liegt der Finger auf einer der Wunden unseres Miteinanders: Wir identifizieren uns über das Tun, nicht das Sein. Denn: etwas wissen, ohne zuvor etwas dafür getan zu haben?! Eine Unmöglichkeit in unserer durch schulische und hierarchische Strukturen geprägten Pyramide an Wichtigkeit. Kein Zeugnis = kein Können. Eine Mühle, die wir alle durchlaufen mussten. »Beweis erstmal, dass du was gelernt hast!«

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe das Leben. Und ich scheue keine Taten. Mein Tagesablauf ist prall gefüllt. Und es liegt mir fern, hier irgendwas oder irgendwen zu verurteilen oder das Leben schlecht zu reden. Im Gegenteil. Ich frage nur nach den Motivationen. Ich spreche aus der Perspektive der Wertschätzung und vor allem einem tiefen Verständnis für all das im Leben, was auch ich erfahrbar machen konnte. Ja, auch für die scheinbar unschönen Dinge. Es ist der Respekt vor dem freien Willen eines jeden Menschen. Die Perspektive der Akzeptanz einer Ordnung, die mir zu durchdringen mit dem Verstand definitiv nicht möglich ist. Aber spürbar ist sie. Es gibt tausend Ereignisse, die ich nicht gut finde, die wehtun, die erschrecken und verletzen. Sollen sie ja auch. Damit wir ihn ja nicht machen: den ersten Schritt …

Und auch das ist Teil von allem. Meine Aufgabe – oder unsere, wenn Sie sich schon jetzt anschließen möchten –, ist es, in dieser Ordnung unseren Platz zu finden. Immer wieder aufs Neue. Und dabei für die Werte einzustehen, die uns gewahr sind. So geht es mir eben auch schon in meinem winzig kleinen Leichtbau am 22. 02. 1979, als ich gegen 19 Uhr meinen ersten Schritt in dieses Leben gewagt habe. Mit all dem Wissen. Mit all der Verbundenheit. Und mit meiner Wahl der beiden Menschen, die ich mir für dieses Leben als Eltern ausgesucht habe. Ohne vorher jemanden dazu befragt zu haben, ohne Schulbildung, ohne Beweise, ohne Wissenschaft. Also ich jetzt. Zu diesem Zeitpunkt meiner Inkarnation. Meines Lebensbeginns als Christina Hecke. Einfach nur, weil ich bin. Und das für den Moment auch erstmal total erschöpft. Weil mir das alles um mich herum eben nicht entgangen ist. In diesem Gefühl bade ich, während ich mit meinen paartausend Gramm eingewickelt drauf warte, was meine nächsten Schritte – damals vielmehr noch Atemzüge – wohl bringen würden …

Kindertage:
Mädchen – joah.
Bübchen – boah!

Den ersten Schritt habe ich – so befinde ich – also zunächst ganz gut gemeistert. Aber einmal begonnen zu gehen, hört es ja nicht auf. Jedem Schritt folgt ein nächster. Einmal einge­atmet, geht das beständig weiter. Einatmen, Ausatmen, Ein­atmen, Ausatmen. Und mit jedem Atemzug werden wir aufgefordert zu entscheiden, welche Frequenz uns leiten soll. Dur oder Moll. Coole Hits oder konsequente Wahrheit. Und darunter schlägt unser Herz. Beständig und im Takt der ­Qualität unseres Lebens. Unserer Entscheidungen. Des Einatmens, also dem Tanken von Qualität, und dem Ausatmen, also dementsprechenden Handeln. Damit gehen wir unsere Schritte. Das ist das beständige Workout unseres freien Willens. Grundsätzlich verwenden wir den Begriff Workout für eine auf ein Ziel ausgerichtete Maßnahme. Also: was ist das Ziel dieses Trainings? Vielmehr die Frage: Wohin gehen wir denn? Das ist eine ziemlich gute Frage …

»Wenn zwei Menschen an einem Punkt – nehmen wir den Alexanderplatz in Berlin – loslaufen. Und einer bis nach Potsdam und der andere bis nach Paris läuft. Wer ist weiter gekommen?« Wir würden sagen: »Naja, derjenige, der bis nach Paris gelaufen ist.« Korrekt. Das ist, in Kilometern ausgedrückt, richtig. Also in der Quantität. Aber selbst, wenn beide Personen einmal um den Globus rumlaufen – wo kommen sie denn an? …«Na, am Alex.« Dort, wo sie losgelaufen sind. Wenn sie glauben, dabei geradeaus gelaufen zu sein, ist das schon eine Illusion. Die Erde ist rund und dreht sich im Kreis. Wir bewegen uns im Kreis. Um den Globus herum, wenn Sie so wollen. Das Leben verläuft nicht linear. Es ist so simpel, und wir wollen es einfach nicht begreifen, weil das Wettbewerbsprinzip uns so fest am Wickel hat. Fakt ist: Wir gehen nirgends hin. Es ist so absurd, wie wir denken, dass es immer irgendwo hingeht. NO WAY. Wo wollen Sie denn auch hin? Wir kommen aus dem Diskurs Leben nicht raus. Weil wir aber in ein Flugzeug steigen können und dann an einen anderen Ort gelangen, glauben wir, wir wären raus aus dem Zusammenhang unseres Lebens. Befreit von den Problemen, die zu Hause stattfinden. Mit denen hängen wir aber zusammen, egal, wo wir uns aufhalten. Es ist eine Illusion, dass wir irgendwo hingehen, uns auf einer Geraden bewegen. Diese ­Illusion kennen wir nur, weil wir Geburt und Tod als Lebenslinie mit Anfangs- und Endpunkt denken statt als Kreislauf. Höher, schneller, besser – also Wettbewerb und Konkurrenz – alles, was sich darauf aufbaut, stößt irgendwann an ein Limit. Wie schnell soll ein Mensch noch laufen können? Wie hoch sollen Häuser, wie schnell sollen Autos noch werden? Es wird ein Limit geben. Aber solange das nicht erreicht ist, versuchen wir die Körper zu dominieren, alles aus ihnen rauszuquetschen, unsere Denkfähigkeit zu disziplinieren, um noch mehr erwirtschaften, noch mehr erfinden, noch mehr wissen zu können. Wir lieben Komplexität. Wir tun letztlich alles, um nicht akzeptieren zu müssen, dass wir uns im Kreis drehen. Dass es nur die Qualität zu vertiefen gilt, in der wir leben. Simplizität. Wir müssen nicht beständig Lösungen hinterherhecheln, die wir als Fixpunkte auf einer Geraden angenommen haben. Tiefer, weiser und gegen die Zentrifugalkraft dieses Leistungsprinzips, dass uns von unserem Bewusstsein im inneren Kern immer weiter hinaus in das Außen katapultiert, mit seiner Ausrichtung auf einen nimmer endenden Horizont des Höher & Schneller & Besser. Die Karotte Endlichkeit, die bedrohlich vor unserer Nase baumelt, wäre für immer passé. Aber das ist schon Schritt 48 vor Schritt 1. Denn die Dualität unseres Bewusstseins überhaupt erstmal anzunehmen, ist eine Hürde, vor der viele stehenbleiben. Ich höre in dem Zusammenhang oft den Satz: »Ja, schön, dass du das so sehen kannst. Ich kann das nicht.« Ich habe dann immer das Gefühl, es wäre ehrlicher von ihnen zu sagen »Ich will das nicht.« Denn an der herkömmlichen Sichtweise festzuhalten, schafft eine kurzfristige Befriedigung, weil es dem Spirit (oder Geist oder Ego) nützt. Weiterhin wirtschaftlich: weiterhin wettbewerbstauglich. Doch während alle die Ellenbogen ausfahren und auf Überholung im Außen drängen, atmet das Universum, dehnt sich ständig aus. Und offeriert uns damit ebenfalls beständig, in die Ausdehnung zu gehen. Nach innen. Vertiefend. Während wir versuchen festzuhalten, was geht! Mit dem kleinen Funken Hoffnung auf ein wenig Sicherheit … Weil wir unsere eigene Größe, und damit unsere Verantwortung, scheuen.

Und was wir eigentlich damit anstellen ist fatal: Wir geraten immer mehr in die Umlaufbahn unseres Selbst und damit auch immer tiefer rein in die Form, die Materie, und in die Reduktion auf das ausschließlich Menschliche. Geprägt von der Idee von Zeit. Von Anfangs- und Endpunkt. Ein philosophischer Weiser hat mal gesagt: Es ist ja die Erde, die sich dreht, und wir sind es, die wir uns an einem Punkt aufhalten. Und während sie sich dreht, sehen wir eben manchmal die Sonne und manchmal den Mond. Das nennen wir dann Tag und Nacht und glauben deshalb, dass es Zeit gibt. Aber genauer betrachtet ist das eine Illusion. Es ist eine Richtmöglichkeit, um im menschlichen Dasein Orientierung zu finden. Aber universell betrachtet gibt es keine Zeit. Es gibt nur Ausdehnung. Kreisläufe und Himmelsrichtungen. Und die Sterne. Und wir mittendrin.

Ich weiß – das mag jetzt für den einen oder die andere nach der ultimativen Spaßbremse klingen. Denn es nimmt dem Wettbewerb, der Identifikation mit dem Materiellen, dem Menschlichen -letztlich jeder Energie von Konkurrenz und Vergleich den Atem. Aber verstehen Sie die Leichtigkeit dahinter? Es lädt etwas ganz Neues oder besser Altes ein: Vertrauen. Wertschätzung für jeden Einzelnen fern von seiner Leistungsfähigkeit, dem ständigen Getrieben-Sein im Besser & Schneller des Leistungsprinzips. Sehen Sie das Ausmaß?! Den Sinn der wissenschaftlichen Forschung beispielsweise könnten wir auf diesem Fundament neu definieren! Es ginge nicht mehr darum, ob wir Preise für unsere Entdeckungen erhalten, berühmt werden oder viel Geld verdienen, sondern schlicht nur darum, ob und wie uns die entsprechende Errungenschaft als Gesamtem dient: ob sie uns gemeinsam voranbringt.

Schon während meiner ersten Lebenstage wird das Ausmaß der Reduktion auf das Menschliche zum Thema Forschung und wissenschaftlicher Erkenntnis für mich zu einer lustigen Erfahrung. Meine Eltern haben zunächst keinen Namen für mich! Nicht, weil sie einfallslos waren – sie hatten nur etwas anderes erwartet. Ein Stefan war geplant. Die moderne Medizin hatte nämlich ein Jungen prophezeit – und dann kam ein Mädchen. Baby Hecke steht also erstmal auf meinem Armbändchen. Alleine mein Geschlecht löst schon die erste Irritation aus. Nun: Ich bin eben ein Mädchen! Ich freue mich übrigens, dass ich später mit Christina neu betitelt werde. Mag ich, den Namen. Meinen Eltern wurde halt was anderes in Aussicht gestellt. Die Diagnostik hat sicher schon so manches Familienglück an dieser Stelle irritiert. Zu meiner Freude freuen sich die beiden über mich. Aber ist das nicht lustig? Da öffnet sich schon die nächste Kiste des menschlichen Beisammseins. Mädchen – joah. Bübchen – boah! Nur ein Klischee? Ich erlaube mir hier leise die Frage: Wie ist das denn im menschlichen Sinne mit der Wertegleichheit von Lebewesen? Energetisch sind wir eins. Fein. Aber wie sieht das Zusammenleben in der Praxis aus? Fakt ist: Wäre ich in einem anderen Kulturkreis geboren, hätte man mich vielleicht nur aus diesem einen Grund schon entsorgt, weil ich ein Mädchen bin. Diese Lernaufgabe habe ich mir offensichtlich für dieses Leben nicht ausgesucht. Aber ist es nicht spannend: Schon mit dem ersten Atemzug sind wir nicht mehr frei! Familie, Geschlecht, Herkunft, Bildungsgrad, Stand und politische Ausrichtung, kurz: wir werden beklebt mit hausgemachten Etiketten, die uns mit Rechten und Pflichten konfrontieren. Ob wir die schlussendlich annehmen, liegt bei uns, aber entziehen können wir uns ihnen zunächst nicht. Alleine die Tatsache, dass sich das Wort Geschlechterkampf in unserem Sprachrepertoire wiederfindet, ist doch traurig. Wie wäre es mit »Geschlechterinspiration«? Ich kann nur sagen, dass mir diese Zuschreibungen als kleines Mädchen völlig schleierhaft sind. Im Laufe meines jungen Lebens muss ich lernen, dass man mich kategorisiert mit Attributen, was typisch für ein Mädchen ist und was nicht. Mir werden tausend Schablonen vorgelegt, wie sich ein Mädchen oder eine Frau zu verhalten haben oder nicht. Dieses Repertoire gibt es auch für die Jungs. Logo. Da sind wir schon sehr einfallsreich. Erfahrungswerte der Großen werden zu Richtlinien für die Kleinen. Es ist die ständige Wiederholung von Glaubenssätzen, die wir nicht hinterfragen. Entschuldigen Sie, dass es mich hier gerade würgt. Aber die Regeln der Reduktion sind schon verdammt eng.

Beispielsweise gab es für mich früher nichts Spannenderes, als bei unserem Nachbarn, einem sehr lustigen, älteren Herrn, im Keller zu basteln. Oder Kaulquappen mit ihm zu züchten oder angeln zu gehen – eben die Welt zu entdecken. Alles Handwerkliche, Dinge zu reparieren oder zu bauen, hat mir große Freude gemacht. Mein größtes Erlebnis war, als ich als Sieben- oder Achtjährige an einem Weihnachtsabend alleine mit dem Werkzeug meines Vaters ein Radio gänzlich zerlegt und es anschließend wieder zusammengebaut habe. Und: es hat noch funktioniert! Obwohl ein paar Kleinteile übriggeblieben sind. Als ich das präsentiere, wird meine Freude schon mit: »An dir ist ein Junge verlorengegangen« kommentiert. Etikettiert. Sowas machen sonst nur Jungs. Was soll das? Ich werde an einer Norm gemessen. Ich bin aber keine Norm. Ich bin. Ich. Und so wie ich bin, bin ich wundervoll. Ein einzigartiger Winkel des Universums. Davon bin ich als Kind überzeugt. Damals kann ich das noch spüren und trabe auf den lieblosen Kommentar hin nur motzig davon. Mir schmeckt diese Bewertung nicht. Das kann für mich nur spürbar sein, weil ich in mir ein Wissen über die Wahrheit unseres Zusammenlebens trage, das mir sagt: »Ich bin nicht diese Etikette. So wie ich bin, bin ich prima.« Ich höre auf die Frequenz, die mir zufunkt: »Glaub nicht denen, vertraue dir selbst!«. Wie sonst hätte ich einen Referenzpunkt dafür, dass diese Beurteilung nichts Wahres ist? Die Andockstelle für die gemeinsame, universelle Wahrheit haben wir alle. Jeder, jede andere kann das genauso fühlen wie ich damals als Kind. Nur leben wir nicht danach. So hinterlässt jeder kleine Angriff auf diese Unbeschwertheit in mir eine kleine Wunde. Einen kleinen Knacks. Noch ist mir nicht klar, was das langfristig bedeuten wird …

Ich kann nur sagen: Ich liebe es, ein Mädchen zu sein. Ein Mädchen, das eben Radios auseinanderbaut, Puppen nicht mag und lieber auf Bäumen rumklettert. Und? Wieso ist diese Entdeckerfreude nicht der einzig relevante Parameter, unter dem ich mich bewegen darf? Erziehung orientiert sich oft gar nicht an den Qualitäten der Heranwachsenden selbst. Stattdessen stellen wir Regeln und Maßstäbe auf, um Messbarkeit zu ermöglichen. Wir geben oder fordern für alles ein Zeugnis oder einen Führerschein. Nur für die Erziehung eines Kindes nicht. Ob als Eltern oder Lehrer – welche Grundlage schaffen wir für unser Zusammensein, wenn wir einander immer nur an vorgegebenen Maßstäben abgleichen und vergleichen, statt das eigene Wesen und Potenzial wahrzunehmen? Auch das ist Teil des Spiels »Leistungsprinzip«. Da stecken wir drin bis zum Hals. Ab wann wird abgestillt, ab wann muss das Kind sprechen können, ab wann muss es laufen, rechnen, Flöte spielen können? Wir etablieren Richtwerte. Welche Titel die auch immer tragen. Für wen machen wir das, außer für unsere eigene Einordbarkeit, unsere Schablonenregale? Es dient letztlich nur unserer eigenen Sicherheit und damit dem Systemerhalt des Sicherheitsdenkens. Wir Erwachsenen meinen, wir müssten führen, einstufen können, urteilsfähig sein. Unseren Umgang mit den Dingen und den Menschen erklären können. Aber ich, gerade aus der Perspektive eines Kindes, kann ich sagen: »Verantwortung: super! Aber ich mag nicht bewertet werden! Ich will in keine Box gequetscht werden. Ich will mich ausdehnen! Ich fange doch gerade erst an zu blühen!« Vielleicht haben Sie das ja auch in irgendeiner Form erlebt. Bewertung. Ob gut oder schlecht. Sie prägt. Wir sind alle durch eine Erziehung gegangen und haben alle mehr oder minder unter den vorgelebten Schablonen und schulischen Strukturen gelitten oder sie fröhlich bedient. Beides mögliche Wahlen für oder gegen Eigenverantwortung. Aber statt diese Schablonen zu entlarven, geben wir sie fröhlich weiter an die nachfolgenden Generationen.

Wieso hinterfragen wir das nicht? Mochten Sie das als Kind all diesem »Richtig & Falsch« ausgesetzt zu sein? »Später werden wir uns gegen die Bewertungen von außen auf heroische Art und Weise zur Wehr setzen«, so denken wir als Kinder noch! So denke ich damals auch, als ich mit meiner Bastelfreude auf Jungenhaftigkeit reduziert werde. Aber schon die Reaktionen auf diese ersten Prägungen verstricken mich so tief, dass ich ab da glaube, mich »freischwimmen« ­zu müssen. Diese späteren, pubertären oder lebenslangen Rebellionen sind ein sich im Kreis drehendes Model. Es ist die Reaktion auf die Reaktion auf die Reaktion. Letztlich »verbessern« wir vielleicht unser Dasein aus unserer Sicht, aber das Fundament ist dann schon lange nicht mehr unsere wahre Kraft. Es wird die eines Kriegers oder einer Kriegerin sein. Es sind nämlich die kleinen Dinge, die stetig auf uns einwirken, deren Prägung wir annehmen. Mit jeder Entscheidung. Freier Wille. Für oder gegen die innere Wahrheit …

Als junges Mädchen mache ich noch andere Dinge, die nicht in die mir vorgelegte Schablone passen. Ich möchte beispielsweise die Haare kurz tragen. Bei meiner Einschulung später brüllt dann ein Mitschüler, als ich mich vorstelle: »Wie, das ist’n Mädchen?«. Auch dieser Junge: ein geprägtes Wesen. Nicht nur ein Mitschüler. Da zieht die gedankenverlorene Weitergabe von Wertungen und Schablonen seine Kreise. Ein wahrscheinlich ganz sensibler, feiner Junge ist schon so von Bildern geprägt, dass er mir volle Breitseite diesen Spruch verpasst. Und das scheppert ordentlich in mir. Wahrscheinlich nochmal mehr, weil ich mich mit dieser blöden Wie-sind-Jungs-und-wie-sind-Mädchen?-Etikettiererei eh schon rumschlagen muss. Mir wird das Gefühl vermittelt, mit mir sei was nicht in Ordnung. Ich sei in irgendeinem Punkt falsch. Kennen Sie das? Da hat jemand etwas Hässliches oder Wertendes über Sie gesagt, als Sie noch Kind waren – vielleicht sogar jemand, den Sie mochten. Womöglich nur in einem Nebensatz. Vielleicht einen Satz wie: »Lass das mal, du hast eh keine Ahnung. Ich mach das« oder: »Das kannst du nicht. Du bist ein Mädchen.« Und schon ist sie da, die Offerte der Entscheidung: Nehmen Sie das Paket »Wertlosigkeit« an, sinken ins Drama des Daseins und verhärten sich in Reaktionen – also übernehmen diesen Glaubenssatz und verbuddeln ihr Selbstvertrauen? Halten Sie also für den Rest des Lebens an einer Aussage fest, die eine Person Ihnen gegenüber getroffen hat, die alles, nur nicht wirklich Sie, also ihr wahres Wesen kennt und Sie mit einem nicht-wertschätzenden Blick angesprochen hat? Oder durchdringen Sie das Spiel, bleiben bei sich und in dem tiefen Vertrauen darauf, dass Sie spüren, dass das nicht stimmt – dass dieser dumme Spruch nicht zu Ihnen gehört. Dass er zu dem Ich-bezogenen Sender N°2 gehört, der Sie bewusst verletzen will, um Sie klein zu halten, damit Sie nicht ihre eigenen Schritte gehen. Damit Sender N°1 keine Option wird.

Apropos eigene Schritte. Dazu fällt mir ein von meinem Vater immer wieder gerne zitierter Moment unsere Familiengeschichte ein: Wir waren mal irgendwo auf einer Bergwanderung. In dem Wort liegt schon das Potenzial von Höhe verborgen. Familie Hecke läuft auf einen Gipfel zu, ich kleiner Knirps löse mich von der Truppe, renne zur äußersten Kante. »Deine Fußspitzen ragten über dem Abgrund«, sagt mein Vater. Und fährt fort: » … mir ist das Herz stehengeblieben. Es ging tausend Meter in die Tiefe. Du aber hast die Arme ausgestreckt und gerufen Schau mal, Papi, ich bin ein Vögelchen!« – Angstbefreit? Möglich. Grenzgängerisch? Definitv! Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf mein ganz eigenes Wettbewerbsprinzip, auf das ich mich später eingelassen habe. Vielleicht eine Rebellion gegen das Mädchen joah-Klischee. Es wird ein Wettbewerb mit mir selbst. Schaffe ich es allein? Wie weit kann ich gehen? Aber auch das, so werde ich später erkennen, ist nur das Ausmaß einer Kette von Reaktionen auf das, was mir bis dahin schon alles begegnet ist. Was ich wohl noch alles würde ausloten wollen auf dieser Reise …?

Als Kinder sind wir noch klein, was unmittelbar Versorgungsgefühle bei den Großen auslöst. Das ist auch gut so, denn wir können uns ja noch nicht alleine versorgen. So ist das Phänomen Beschützerinstinkt ein wunderbares Element der Grundausstattung unserer Spezies. Das haben wir einfach. Woher?, finde ich interessant zu fragen. Aus der Schule sicherlich nicht. Ich erinnere jedenfalls keine Unterrichtsstunde, in der »Babys versorgen und gernhaben« an der Tafel stand. Sie? Wir haben das einfach. Eine Selbstverständlichkeit. Beruhend auf dem eigentlich tiefen Gefühl der Verbundenheit. Woher sonst? Es ist uns gegeben. Und wie wir leider aus dem Beispiel der Kindstötung bei »falschem« Geschlecht in anderen Kulturen wissen, kann dieser Beschützerinstinkt auch ignoriert werden. In dem Fall, würde ich meinen, wurde er einfach nur überlagert von all dem Wissen, dem Angelernten, dem »Richtig & Falsch« der nicht hinterfragten Traditionen und Rituale. Ich bin sicher: Ablegen kann man das nicht. Aber ignorieren.

In diesem Zusammenhang klingt für mich eine vertiefende Frage an: Was machen wir mit dieser Fähigkeit, wenn wir sie annehmen? Wie verantwortungsbewusst üben wir sie aus? Wie gehen wir mit den Kindern um? Schauen wir uns zum Beispiel an, hören wir zu, was das Kind wirklich braucht, oder ist es mehr die eigene Freude am »Geliebtwerden« oder was immer die Motivation ist, wenn wir von Kinderaugen angestrahlt werden, denen wir gerade ein Geschenk gemacht haben?

Dazu die Praxis. Wir siedeln jäh in den Garten meiner Großeltern über. Ostern 1981. Vor einiger Zeit habe ich ein altes High8-Video zugespielt bekommen. Aufnahmen, die mein Großvater gemacht hat. Tonlos und in Sepia-gelb. Und verwackelt. Also kaum Netflix-tauglich. Aber das aufschlussreichste Geschenk, das mir je in die Hände gefallen ist. Es zeigt meine Familie und mich. Ich sitze da vor einer winzig kleinen Tanne, kaum 30 cm hoch – ich selbst habe übrigens auch ein kaum höheres Stockmaß – und erfreue mich sichtlich an diesem Gewächs. Sprechen und Laufen sind noch nicht meine Stärken. Ich genieße einfach. Nur ich und dieses junge, grüne Leben. In diese Idylle hinein greifen zwei lange Arme eines deutlich größeren Menschenwesens, werfen mich jubelnd in die Luft – mehrfach – bis ich mich schier überschlage. Durchlässigkeit ist offenbar ein Teil meiner Grundausstattung, die ich für dieses Leben gewählt habe, denn es wird sofort deutlich: Meinem Vergnügen dient das hier gerade nicht! Mit Sicherheit würde der »Werfer« aus dieser Geschichte Stein und Bein schwören, dass er aus Liebe gehandelt und mir weiß Gott nichts Böses wollte. Im Gegenteil. Er wollte mich erheitern. Aber ich frage jetzt mal: warum? Warum ist die Stille und die Seligkeit des Kindes, vertraut im Eins-Sein mit Natur und sich selbst, »erheiternsbedürftig« – oder möglicherweise schier nicht auszuhalten? Ja, wir sind in dieser Phase des Lebens kleine Menschen, die Schutz brauchen. Wir können noch nicht selbst einkaufen, kochen oder sonst was. Aber wir großen Menschen erlauben uns einfach, mit Macht, Entscheidungsgewalt und Respektlosigkeit über diese kleinen Menschen zu entscheiden und zu machen, was wir gerne hätten.

Es bleibt interessant. Denn was in dem Video weiter unter den Höhenflügen vier und fünf geschieht, ist für mich im Erwachsenenalter zu betrachten mehr als aufschlussreich. Offenbar lasse ich mich nämlich von der Freude des Werfenden so sehr ergreifen, dass ich anfange mitzumachen. Mitzulachen. Also mein ursprüngliches Gefühl zu überschreiben. Ich hätte ja auch losheulen können. Nein – ich lache mit. Ich lache übrigens heute noch, wenn richtig schlimme Dinge geschehen. Unfälle oder andere schockierende Ereignisse. Und dieses Video zeigt mir, dass viele Situationen ähnlicher Couleur dazu geführt haben, mich mehr und mehr hinten anzustellen, und das, was ich für richtig halte oder gerne gemacht hätte, zugunsten der Erheiterung meines Gegenübers einzutauschen. Zu kompensieren aus Sympathie für die anderen. Der Todesstoß für jeden klaren Blick. All diese kleinen Momente, diese Zwischentöne und bewussten oder unbewussten Entscheidungen waren Schritte weg von dem, was ich mit einem Gefühl von Allverbundenheit meine. Dem Gefühl der Existenz in einem Bewusstsein, dass ich für niemanden etwas tun oder sein muss. Auch für mich nicht. Dass mein Leben, also mein Handeln, keine Bürde oder Pflicht ist. Aber sowohl dem Erwachsenen, der sich offenbar nicht zu meiner Freude, sondern zu dessen eigenen Vergnügen erlaubt hat, mich durch die Luft zu schleudern, als auch mir, die es nach einiger Zeit mit dem ersehnten Widerhall des kindlichen Kieksens zurückgegeben hat, obliegt es, eine Entscheidung zu treffen: mit-zu-­machen oder mit-sich-eins-zu-bleiben. Also mache ich etwas oder bin ich. Aus einem rein menschlichen Blickwinkel macht das Sinn: das Mitmachen. Das Adere-nicht-enttäuschen-Wollen. Dazugehören. Denn: Wer will nicht geliebt werden! Wer wird gerne zurückgewiesen?

Meine Kindergartenerfahrung schlägt eine weitere Kerbe ins Holz. Ein weiterer Warnschuss: »Reih dich ein!« Damals reihe ich mich aber noch nicht ein. Ich mache nicht mit, ich will ums Überleben nicht in den Kindergarten. Ich schreie, bis ich die Luft anhalte und umfalle. Man nennt das fachgerecht »frühkindliche Hysterie«. Zack: Label drauf. Denn warum ich nicht dahin will, ist kein Thema. Ich funktioniere nicht. Das reicht, um einen Gang zum Arzt und eine Diagnose zu rechtfertigen. Der Hinweis meiner Kinderärztin, dass ich, wenn das nicht aufhört, zu einem Kinderpsychologen muss, trifft meine Mutter hart. Das spüre ich. Sie will ja auch nicht unangenehm auffallen mit so einem Brüllkäfer. Und auch, wenn das eben mein Ausdruck ist, zu sagen: »Hört mich doch bitte!« (zugegeben laut – ich hoffte, auch wirksam … naja.), spüre ich und muss erkennen: Das ist nicht das geeignete Mittel. Denn Mamas Liebe will ich nicht verlieren. Ich gebe also auf und stelle das Gebrülle ein. Ich reihe mich ein. Ich muss erkennen, dass Mitlaufen ein Teil dessen ist, was das Menschsein auszumachen scheint. Dass mir die Nonnen im katholischen Kindergarten mit ihren dunklen Kutten Angst machen, dass die anderen Kinder mir Angst machen, dass dieses Lernen mit anderen außerhalb der Familie, mit denen ich nun umgehen muss, eine Aufgabe für mich ist – darüber reden wir nicht. Das da Energien spürbar werden, die mich einschüchtern sollen, auch nicht. Da mussten alle durch. Es wird nicht gesehen. Nicht, weil das keiner will. Diese Liebe würde ich meinen Eltern schon zuschreiben. Aber weil man das nicht hinterfragt, weil es Teil der Wiederholbarkeit ist, durch die wir uns eben gegenseitig durchschleusen. Man macht das eben so. Kindergarten, Schule, Uni, Ehe, Reihenhaus, Altersvorsorge, Sarg­deckel. Auf dieses lineare System haben wir uns geeinigt. Das ist das Grundgefühl von Zugehörigkeit. Ein Leben, das mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Und dazwischen suchen wir uns ein kleines bisschen Glück, Liebe, Erfolg … Ist das nicht trostlos? Was geben wir da weiter an die kleinen Großen? Vielmehr …: Was nehmen wir ihnen weg? Weg mit dem Urvertrauen – her mit dem Sicherheitsdenken.

In diesem Netz des Dazugehörens und Mitmachens werde ich allerdings zunehmend unglücklich. Ich spüre einfach nach wie vor, dass daran irgendwas nicht stimmt. Das Foto meiner Einschulung spricht Bände. Es wird sichtbar: Ab jetzt möchte ich irgendwie gefallen. Ich sehe bezaubernd aus. Lächle brav. Aber der Ausdruck in meinen Augen spricht Bände. Er ist tief traurig. Was ich spätestens jetzt verstanden habe, ist: Es gibt eine äußere Fassade und einen inneren Kern. Das ist langsam, aber sicher nicht mehr Dasselbe. Das geht verloren mit jeder Wiederholung. Die Währung, mit der wir handeln, ist Zugehörigkeit. Zu was oder zu wem? Es ist eine Frage der Frequenz, auf die wir uns einschwingen. Gemeinsame Wahrheit oder Individualisten-Kabarett? Radiostation N°1 oder N°2? Die absolute Mehrheit tanzt Solo. Also auf zum Staatsballett der Solisten! Der vom großen Ganzen Getrennten. Gemeinsam einsam. Wie gut, dass Ballett nie meine Stärke sein wird …

Familienporträt

Stark und haltend. So hat sich der Nachmittagsschlaf auf der Brust meines Vaters angefühlt. Daran kann ich mich noch gut erinnern, wenngleich ich da noch sehr klein war. Das waren – Schnarchen hin oder her –tief entspannte und wohlige Momente für mich. Offenbar für uns beide. Ein Moment der Ausdehnung. Verbunden. Warm und vertraut. Es ist die erste Zugehörigkeit, zu der wir uns einreihen – zu der ich mich einreihe. Meine erste Clubmitgliedschaft sozusagen: meine Familie. Frei Haus. Inklusive iher sämtlichen Pflichten und Annehmlichkeiten. Und auch die all derjenigen, die auch noch dazu gehören: Onkel, Tanten, Omas und Opas, Cousinen und Cousins. Für meine Welt sind die Vorstandsvorsitzenden Mama und Papa. Insgeheim sind das vielleicht auch andere …

»Ich hatte Angst, dich zu zerbrechen«, sind die liebevollen Worte meiner Mutter, die mich im Erwachsenenalter erreichen. Sie waren die Antwort auf meine Frage, warum mein Vater mich als Kind gebadet hat, und nicht sie. Meine leichte und feine Statur hatte meine Mutter dazu bewogen, das ­Baden an ihn abzugeben. Das ist eine mögliche, menschliche Erklärung. Definitiv hat meine Mutter meine Sensitivität gespürt. Mich als pure Reflexion wahrgenommen. Das war ja schon bei der Geburt klar. Vielleicht wäre das Baden und Halten fortführend eine zu große Konfrontation mit ihrer eigenen Sensitivität gewesen …

Grundsätzlich wird ja dem Verhältnis von Kindern und ihren Eltern nachgesagt, dass Mütter & Söhne sowie Väter & Töchter eine besondere Bindung haben. Dass dem Vater im Leben einer Frau eine ganz spezielle Rolle zuteilwird, so wie der Mutter im Leben eines Mannes. Das wird auch in meinem Leben schon ganz zu Beginn deutlich. Mal ehrlich. Hier sind sie wieder: Diese Momente. Es sind Entscheidungen. Beispielsweise die Frage nach den Clubvorsitzenden: Mama und Papa. Kann ich meinen Vater als den Menschen sehen, den ich mir mit all seinen Bedürfnissen, Prägungen und Eigenschaften ausgesucht habe, mich großzuziehen – oder: mache ich ihn zu meinem ganz eigenen Papa. Ist meine Mutter für mich die Frau, die ich mir ausgesucht habe, mich zu unterstützen, groß zu werden, mit meinem tiefen Respekt für ihre Eigenschaften, Werte und Schwachstellen – oder: ist das einfach nur Meine-ich-will-mich-bei-dir-wohlfühlen-sorg-für-mich-Mama.

Mein. Ganz. Eigener. Papa. Meine. Ganz. Eigene. Mama.

Das machen die mit mir ja auch. Unsere Tochter. Was da wohl auch schon für Vorstellungen dran hängen …? Unsere. Tochter. Rums. Das sind Worte, die schon für sich genommen eine große Bürde sind. Für beide Parteien. Ein Brauchen und ein Gebrauchtwerden. Ein Besitz. Ein Feuerwerk an Ansprüchen und Erwartungen. Beladen mit Bildern und Vorstellungen, die uns dann definieren: Rollenbildern. Später wird sich in unserem Zusammenleben zeigen, dass diese vorgefertigten Schablonen die Grundbausteine für gegenseitige Forderungshaltungen sind – und damit auch die Basis dafür, dass ich und/oder meine Eltern potenziell enttäuscht oder begeistert werden könnten. Jedenfalls begründet es eine Art ständige Erwartungshaltung, eine emotionale Bindung. Die hat ja auch wahnsinnig schöne Seiten. Die Verantwortung füreinander zum Beispiel. Bei den Eltern im Bett schlafen, sonntags spazieren gehen, im Garten grillen. Und das genau lieben wir! Naja: Lieben insofern, als es das nächst Beste ist, das uns zur Verfügung steht. Wir greifen nach allem, was uns verbunden fühlen lässt.

Wir brauchen uns gegenseitig, um uns verbunden zu fühlen, weil wir das Zusammengehörigkeitsgefühl auf globalem Grund abgestreift haben. Dieser Ersatz schafft Abhängigkeiten. Menschliche Verbindungen. Die wiederum das gewünschte Zugehörigkeitsgefühl hervorbringen. Es ist aber eine reduzierte Version. Lieben tun wir das im Inneren also nicht wirklich, würde ich meinen. Denn Liebe braucht nichts. Liebe ist. Nur: das Sein ist irgendwann nicht mehr genug. Und dann braucht es diesen Ersatz, die emotionale Bindung an konkrete Menschen, um den Verlust des Gefühls umfassender, universeller Zugehörigkeit und Allverbundenheit kompensieren zu können. Das Ersatzgefühl dafür, dass wir energetisch alle verbunden sind, ewig und unbedingt geliebt, daraus aber eine totgeglaubte Sache gemacht haben. Das klingt in manchen Ohren vielleicht überzogen. Aber seien wir doch mal ehrlich: Genau das ist es, was wir da machen! Oder würden Sie sagen, dass Sie frei von jeder Erwartung innerhalb der Familie, ihrer Beziehung oder ihren Freundschaften wären? Wir knüpfen emotionale Bande. Wir personifizieren, belegen uns mit Erwartungen und Bildern auf Basis dieser emotionalen Struktur, weil wir nur diese Realität sehen: Mensch zu Mensch. Materie zu Materie. Nichts weiter. Nicht: Seele zu Seele. Nicht: Lernschritte im großen Zusammenhang.

Ganz praktisch gesprochen: Selbstverständlich sind das Mama und Papa. Aber: Sie sind vor allem Menschen – inkarnierte Spirits – mit Hausaufgaben! Und sie haben ihre Geschichte. Sie haben ihre Verletzungen, Ängste, etwas falsch zu machen, Vorsätze, etwas besonders richtig machen zu wollen – eben ihr Netz aus ihren Entscheidungen und Prägungen, in das sie sich eingewoben haben. Und alleine die Tatsache, dass ich geboren bin – so sehr beide ihre Liebe für mich haben – so sehr sind sie auch schon mit Wünschen und Erwartungen an mich unterwegs. Wir sind schon beschwert mit Bildern davon, wie wir zu sein haben. Und sei es nur der Fakt, dass ich ein Mädchen bin. Es sind unsere Ansprüche aneinander, die unausgesprochen zwischen uns liegen. Mit welcher Wucht das volle Menschenleben da auf einen einbricht, wenn man auf die Welt kommt!

Ich weiß, dass meine Eltern nicht frei sind, mich einfach nur unterstützen zu wollen und mich frei von ihren Erwartungen in die Welt hinein zu begleiten. Ich hab die beiden ja beobachtet und ausgesucht. Diese Gewissheit schrumpft allerdings mit jedem Tag. Mit jedem Mama- und Papa-Ausruf. Denn ich bediene damit immer das mein. Also den Besitz. Das ist wenig universell. Ich weiß, dass schon bei meiner Geburt auch bei ihnen eine ganz lange Liste von Do’s and Don’ts im Hintergrund stand. Ob die zu mir passen oder nicht, wird von ihnen nur nicht hinterfragt. Ob die zu ihnen selbst passen, haben sie vielleicht ebenso wenig hinterfragt. Weil man das nicht tut. Man ist nur mit Weitermachen beschäftigt. Nie aber mit Anhalten und Nachspüren oder gar Hinterfragen. Denn ob wir einfach weitergeben, was uns beigebracht wurde, oder ob wir es überprüfen und womöglich neue Wege gehen, das wäre eben wieder eine Entscheidung. Die treffen die wenigsten. Da soll noch einer sagen: junges Familienglück!

Während sich meine Intelligenz darauf beruft zu wissen, wann ich Hunger habe oder schlafen möchte – übrigens auch keine durch ein Studium erlangten Fähigkeiten, sondern das Wissen einer tiefen Körperintelligenz. Die Basis dieser Intelligenz hält mich auch noch sensibilisiert für diese Deals, die um mich herum ablaufen, und denen ich möglicherweise schon mit meiner Reinkarnation bereitwillig zugestimmt, oder sie wenigstens billigend in Kauf genommen habe.

In diesem Gefüge Familie haben alle ihre Kämpfe auszutragen. Wir sind alle mit Schablonen und Ansprüchen konfrontiert, die wir als Menschheit selbst kreiert haben. Was es beispielsweise bedeutet, eine gute Mutter zu sein? Alleine an dieser Frage arbeiten sich Generationen für Generationen ab. Vor allem hält sich die Frage hartnäckig. Weil man es »richtig« machen will, statt einfach nur zu »vertrauen«. Sehen Sie, wie sich dieses verteufelte Richtig & Falsch-Prinzip überall seine Plattform sucht? Als ob es eine Blaupause für’s Menschsein gäbe! So viele Menschen, wie es gibt, so viele Wege muss es geben, Mutter zu sein für das Wesen, das da gerade die Welt neu bzw. er-neu-t betreten hat. Dasselbe gilt für die Väter! Die Frage nach dem guten Vater ist ebenso Thema. Welche Aufgabe hat man als Mann überhaupt? Was ist Mann-Sein? Was bedeutet Intimität im väterlichen Dasein? Als Vorbild? Hat man da seine Finger in der Gestaltung der Erziehung oder nicht …? Alleine die Frage finde ich schon absurd. Wieso nicht? Natürlich sind zur Erziehung beide gefragt! Eigentlich sind alle gefragt, die unmittelbar mit dem Neuling zu tun haben. Erziehung ist eine gemeinschaftliche Angelegenheit, verantwortungsbewusst für das Ausdehnen der Persönlichkeit, dem Lernen und Abbarbeiten der Hausaufgaben dieses Spirits zu Seite zu stehen. Aber das Wörtchen »mein« im Zusammenhang mit »Kind« lässt uns eng werden und reduziert die Erziehung als Aufgabe für Mama und Papa. Damit geht es nicht mehr darum, was gebraucht ist, sondern wer es zu liefern hat. Welch eine Last für Eltern in diesem Modell der Trennung! Deswegen sind ja Eltern immer so stolz, weil sie da was geschafft – vielmehr geschaffen – haben. In dieser Welt der Einzelkämpfer. Sie haben diese Aufgabe gemeistert! Sie haben ein Kind zustande gebracht. Andere leiden ewig darunter, diesem Idealbild nie entsprochen zu haben. Egal, ob die Frage nach der perfekten Mutter oder dem perfekten Vater gestellt wird – diese Idealbilder machen es den werdenden oder seienden Eltern schwer genug. Wir machen es uns schon schwer genug. Verantwortung: Ja! Aber Überfrachtung?! ­Sobald die Autorität über die Antwort auf diese Fragen an das Außen abgegeben wird, an das Richtlinienprinzip derer, die das »Eltern-Sein« vorher schon absolviert haben, ist es verlockend und leicht für Folgeeltern, sich in diese Bilder hineinsinken zu lassen, der Bequemlichkeit nachzugeben, ihre Verantwortung abzugeben und einem bestehenden Rollenbild zu folgen, dem sie von nun an aber auch verhaftet sind. Im Hinblick darauf, dass wir alle zusammenhängen, sind wir damit hoffnungslos verloren. Wir drehen uns im Kreis …

Ich selbst habe keine Kinder. Aber Familien habe ich um mich herum. Und selbst die, die keine Kinder haben, sind ja selbst Töchter und Söhne. Auch denen ist dieses FamilienDings nicht fremd. Wir sind nicht ahnungslos, nur weil wir nicht selbst Kinder gezeugt, geboren und aufgezogen haben. Ich habe tiefen Respekt vor allen, die sich der Aufgabe des Eltern-Daseins stellen! Jede Mutter, die ich kenne, und das gilt auch für die Väter, sagt: »Ich fühle, was mein Kind braucht. Auch im Verhältnis zu anderen Menschen.« Unbedingt! Vertrauen Sie darauf! Tauschen Sie Ihre Autorität nicht gegen eine Unsicherheit ein, weil man Ihnen vielleicht gesagt hat, dass andere es besser wissen, Ärzte oder Lehrer oder andere berufene Autoritäten. Sie wissen es. Vielmehr: fühlen es. Halten Sie an. Spüren Sie nach. Nicht denken. Spüren. Sie kennen die Antwort.

Es ist nur die Ausrichtung auf ein Perfekt, eine Ich-habe-es-gemacht-Identifikation, die uns beständig antreibt und uns damit voll in die Bredouille bringt. Auch die perfekte Familie ist so eine an Emotionen, Bildern und Erwartungen überfrachtete Vorstellung! Es ist die Definition von Erzeuger, Nachkommen und Vorfahren. Blutslinien. Mögen oder Nichtmögen spielt hier oft keine Rolle. Respekt und Wertschätzung: soweit wage ich mich gar nicht vor. Wenn mein Vater gestresst aus dem Büro kam und wir Kinder rumgealbert haben, dann landete schon mal seine Faust donnernd auf dem Tisch, gefolgt von einem energischen »Silencio!« Kann man ja verstehen. Er war angespannt, und wir waren laut. Ich bin trotzdem jedes Mal zusammengefahren und hatte Angst. Angst vor dieser Gewalt. So hat es sich damals angefühlt. Meine Mutter nahm das, wenig begeistert, hin.

Unter dem Dach der heiligen Familie geschehen die un­glaublichsten Dinge. Dafür, dass wir sie so hochhalten, geschehen – statistisch gesehen – interessanterweise die meisten Verbrechen im Familienverbund: häusliche Gewalt, seelischer und körperlicher Missbrauch. Bluttaten. Rachetaten. Kämpfe ums Erbe. In manchen Kulturen wird die Familie sogar zum Ort für Fehden, Mord und Verstümmelung, wenn etwas dem traditionellen Familienbild nicht entspricht. Da darf man das. Die Familie ist von außen unangreifbar, und wir – also die Familienmitglieder selbst – schützen sie entsprechend im Innenverhältnis. »Blut ist dicker als Wasser«, solche Sprüche zementieren das Bild Familie. Das ist eine ganz eigene Clubmitgliedschaft. Da wollen wir am wenigsten wahrhaben, wenn etwas schiefläuft. Es ist vertraut, familiär also. Und deshalb schauen wir gerne weg oder lassen uns ­täuschen. Da verzeihen wir weit mehr, als wir es je in Freundschaften täten. Die vermeintliche Sicherheit im Familienverbund, des Wir gegen die anderen oder die Gesellschaft, ist ein trügerisches Netz aus selbstgeschaffenen Idealen. Einmal verhaftet in diesem Bund, den wir auf die entsprechenden Beteiligten reduziert haben, sind wir ihm nahezu ausgeliefert. Zumindest als Kinder. Das Idealbild der perfekten Familie hat uns fest im Griff. Der Anspruch auf Perfektion kann allerdings nur scheitern. Wie eingangs erwähnt: Perfekt gibt es nicht! Denn die Welt dreht sich. Entscheiden Sie etwas, sind im nächsten Moment schon die nächsten Schritte angefragt. Es gibt keine Pausen. Von Moment zu Moment, Atemzug zu Atemzug vertieft sich alles. Nicht Perfektion, vielmehr Expansion. Das erfordert Präsenz und Wachsamkeit. Und vor allem Offenheit. Das Gegenteil zur Enge von manchem Familienporträt.

Im wahrsten Sinne und mal mit Liebe betrachtet, ist Familie nämlich vor allem eins: Teamwork. Es ist eine ständige Gruppenarbeit. Ein möglicher Platz, um an unseren Hausaufgaben zu arbeiten. Von und mit allen Beteiligten – das sind definitiv nicht zwangsläufig alle mit derselben DNA – und ständig. Und das ist großartig! Weil ein jeder in seiner Essenz großartig ist! Es fordert von uns allen nämlich vorrangig eins: Die Erlaubnis an uns selbst, Fehler zu machen. Mir ist lieber, alles als Potenzial zu sehen. Mit Entscheidungen Erfahrungen machen zu können. An Lernaufgaben zu wachsen. Statt diese als Fehler zu betiteln. Seine eigenen »Verträge« aufzulösen, sich von Bildern zu lösen und die Größe einzunehmen, zu der oder dem zu stehen, die oder der man ist. Egal, was die Gesellschaft oder die Verwandten dazu sagen. Denn die Frage nach dem, was in jedem Moment die Wahrheit ist, kann uns eh niemand abnehmen. Da wir aber gerne bequem sind und es leichter ist, sich etwas abnehmen zu lassen bzw. abzugeben, suchen wir nach Orientierung im Außen. Dem »Normal«. Dem Hinterhertrotten. Der entscheidende Punkt aber ist, dass alles eine Sache des Vertrauens und der Bereitschaft ist, Verantwortung zu übernehmen – sich also von dem freizumachen, was oder wie andere über unser Handeln »urteilen« würden. Das Vertrauen in die innere Stimme aufgegeben zu haben, hat uns unfrei gemacht. Es ist folglich die Verantwortungslosigkeit, in der wir leben, in der wir Zuflucht suchen. Das klingt sarkastisch? Aber ist es nicht so, dass wir bei positivem wie negativem Ausgang einer Situation die Option schätzen, sagen zu können: »Das hab ich von soundso« (Buch, Lehrer, Freunde etc.). Vor allem bei negativem Ausgang finden wir gerne einen Schuldigen oder wenigstens einen Mitverantwortlichen. Weil uns oft nicht so gut schmeckt, selbst die Verantwortlichen zu sein! Das bevorzugen wir nach meiner Wahrnehmung nur aus einem einzigen Grund: Bei positivem Ausgang einer Situation warten der Ruhm und der Erfolg auf uns. Dann sind wir die Helden, werden ausgezeichnet, kurz: Wir werden gesehen. Das ist es, was wir so vermissen. Denn Wertschätzung scheint sich auf Bezahlung, Auszeichnungen und Erfolg zu reduzieren.

Ein kleiner Ausflug in die Praxis: Es gibt Menschen, die mit »Anomalien« zur Welt kommen. Ob physisch oder psychisch. Also: nicht normal: passt zu keiner Schablone. Das kann schon eine Fehlstellung in der Wirbelsäule sein oder ein nicht ausgebildetes Körperteil. Schon geht die Panik los: »Was haben wir (fragen sich die Eltern) falsch gemacht?« Was, wenn Sie, liebe Eltern, gar nichts falsch gemacht haben? Was, wenn einfach nur jedes Wesen genau die Form einnimmt, die es zur Weiterentwicklung braucht? Das meine ich mit der für den Verstand undurchdringlichen Ordnung, die zu akzeptieren uns so wahnsinnig schwerfällt. Ich komme beispielsweise mit einem »zu engen Hüftbild« auf die Welt, und man verpasst mir relativ bald eine Spreizhose, und meine winzig kleinen Füße werden eingegipst. Offenbar mochte ich das nicht besonders, denn diese kleinen Gipsstiefel habe ich konsequent am Fuß­ende meines Bettchens kleingetreten. Die Entscheidung meiner Mutter, dem Rat der Ärzte in diesem Fall nachzugehen, sollte sich in dem Fall als eine gute erweisen, denn ich kann heute aufrecht und gerade laufen – ohne Hüftprobleme. Gut, ich habe keine Ahnung, ob ich mich auch ohne Spreizhöschen aufrecht entwickelt hätte, aber diese Entscheidung ist damals eben gefallen. In manchen Fällen wäre es vielleicht nicht die richtige Wahl gewesen. Was entscheiden wir beispielsweise, wenn ein Zwitterwesen geboren wird – Penis ab oder Uterus raus? Wonach wird diese Entscheidung gefällt? Womöglich nach dem, was uns nachträglich mit dem Gütesiegel »richtige Entscheidung« ausstatten wird? Wer immer über Richtig & Falsch dann urteilt …

Die Ausgangslage ist aus meiner Sicht: Unsicherheit, die wir mit dem Bedürfnis nach Sicherheit kompensieren. Es ist das Klammern an der Möglichkeit des Richtig. Angesichts des Wunsches nach Sicherheit ist es ja auch ein dickes Ding, die Herausforderung zwischen »Sich-Einlassen« und »Es-vermeintlich-im-Griff-Haben«, dem Richtig & Falsch, auszutarieren, letztlich das Bedürfnis nach Kontrolle immer mehr loslassen zu können. Denn die große Illusion – das ist das Gefühl von Sicherheit – hat uns alle irgendwann eingewickelt. Es beginnt mit dem ersten Erleben von Verletzung und damit dem Bedürfnis nach Schutz. Da nehmen wir die ersten Schritte in die Abhängigkeit. Jedenfalls ins Gefühl von Abhängigkeit. Beispielsweise zurück zu dem Moment auf der Brust meines Vaters beim Mittagsschlaf: Da bin ich – auf ganz menschliche Bedürfnisse reduziert – abhängig. Fakt. Ich »brauche« nun mal jemanden, der mich windelt, füttert, warmhält und mir hilft, mich zu entwickeln. Ich weiß, dass ich ohne die »Großen« aufgeschmissen bin.

Alleine der Gedanke macht mich allerdings nachhaltig traurig. Heute. Denn was ich verstehen kann – und es ging mir ja lange nicht anders –, ist, dass die Reduktion auf die vermeintliche Endlichkeit unserer Existenz und die damit verbundene Emotionalität in Beziehungen einem schier keine andere Wahl lassen, als sich diese als Fixpunkte zu suchen. Alles immer richtig machen wollen oder glauben, beeinflussen zu können: wissen zu können. Aus Angst um das Ende einer Beziehung, Panik, keinen Einfluss auf die Zuwendung oder Abneigung eines anderen zu haben.

Ich weiß. Das klingt unromantisch. Aber ich sage Ihnen: Genau das Gegenteil ist der Fall! Denn heute kann ich sagen, dass ich diese beiden Menschen mit Namen Martin und Inge, meine Eltern, wirklich liebe. Für das, was sie sind – wer sie in ihrem Wesen sind. Ihre Qualitäten. Nicht die Rollen, die sie versucht haben auszufüllen, also was sie je getan haben oder was sie mir gegeben oder nicht gegeben haben. Ich habe den Abstand gewählt und von da aus die emotionalen Verträge gelöst, die Abhängigkeit verlassen: das Mein–Dein–Band durchtrennt. Nur dadurch habe ich die wahre Liebe für sie wiedergefunden. Ich habe mich entschieden, sie wieder zu sehen. Das ist für mich schön. Und wahr. Romantik ist nur der menschliche Ersatz für die energetische Wahrheit von ehrlicher Liebe. Und die musste ich für mich zurückerobern, indem ich sicherheitsgetriebene Emotionen Stück für Stück erspürt, aufgedeckt und geheilt habe. Das war ein langer Prozess. Je mehr ich mich da herausgeschält habe, umso mehr konnten und können auch meine Eltern nachziehen. Das war deren freier Wille. Hätten sie ja auch bleibenlassen können. Denn zuvor hatten wir ja zu jedem bisschen Ja gesagt, das diese Abhängigkeit je begründet hat. Jede Verletzung, jeder Vorwurf wurde und wird auf seine darunter liegende Anspruchshaltung meinerseits überprüft. Heißt eigentlich nichts weiter, als dass ich meine Verantwortung wieder übernommen habe. Heilen sagt hier also nichts anderes als: loslassen. Damit konnte ich mich aus dem emotionalen Netz lösen, das all meine Beziehungen nachhaltig beeinflusst hat.

Alle …!

Das befreit ungemein. Ob Sie das als Tochter/Vater/Mutter/Sohn etc. wählen oder nicht. Fest steht aber, dass wir einander in voller Größe brauchen! Um an- und miteinander wachsen zu können. Und manchmal muss man dabei eben auch unbequem sein. Das heißt: die Bequemlichkeit des Bekannten, Gewohnten, Erwarteten überwinden. Liebe heißt vor allem: Grenzen zu setzen! Oder genauer gesagt: für mich und meine Grenzen einzustehen. Und das erfordert Mut. Mut, Nein zu den emotionalen Verstrickungen zu sagen und stattdessen die innere Anbindung an das Bewusstsein aus dem Körper heraus als solides Fundament zu etablieren. Kurz: mir also treu zu sein. Und damit »gefühlt« gegen den Strom zu schwimmen. Und das ist innerhalb der Familie oft sehr herausfordernd, weil man schon lange und tief drinsteckt. Auch außerhalb von Familien.

Apropos schwimmen. Zum Thema Papa & Tochter möchte ich ein Erlebnis mit Ihnen teilen. In den vergangenen Tagen war ich schwimmen. Und wie ich da so zum Abschluss noch am Rand des Beckens meine Wassergymnastik (sehr zu em­pfehlen übrigens) mache, betritt ein Mann mit seiner Tochter die Schwimmhalle. Die Kleine reicht ihm kaum bis zum Knie und ist mit ihrer Aufmerksamkeit voll bei ihrem Papa. Die beiden kommen also in das 25-Meter-Becken. Der Vater hangelt sich am Beckenrand entlang, während das kleine Mädchen brustschwimmenderweise darum kämpft, das andere Ende des Beckens zu erreichen. Eine kleine weiße Badekappe ragt da aus dem Wasser. Kaum ist das Kind am Ende angekommen, fallen vom Vater, der einen sanften und liebevollen Eindruck macht, folgende Worte: »Fein, mein Schatz! Dafür bekommst du nochmal zwei Herzen und Pferdeaufkleber für dein Album. Ganz toll!« Das Kind freut sich sichtlich – zittert dabei allerdings wie eine Pappel im Wind. Die Lippen schon blau. Der Vater: »Schaffst du noch eine Bahn?« Das Mädchen mit klapperndem Kiefer: »Ja, Papa!« Die beiden zogen also von dannen. Ich spüre noch einen Moment lang nach, was ich da gerade erlebt habe. Und mir kommen die Tränen. Definitiv hat der Vater nichts falsch gemacht. Es gibt ihm nichts vorzuwerfen. Er bringt seiner Tochter das Schwimmen bei. Aber was ich tatsächlich wahrnehmen konnte, war, wie ein Vater seiner Tochter beigebracht hat zu überleben. Auch wenn der Körper bibbert und bebt, die Erschöpfung schon spürbar ist, gilt: weitermachen. An die Grenzen und über sie hinaus. Es gibt auch für alles eine Belohnung. Und ob es für das Mädchen gestimmt hat oder nicht, haben beide überhaupt nicht hinterfragt oder überprüft. Der Mann hat nicht mal gesehen, dass seine Tochter nur im Erfüllungsmodus für Papa ihre Bahn abgestrampelt hat. Atemnot, Panik und Kälte wurden vollkommen ignoriert. Und nicht, weil es aus Böswilligkeit geschah, sondern einfach nur, weil man es so macht, weil ein tradiertes Muster nicht überprüft wurde. Die Qualität dieser Lehrstunde des Lebens war deutlich. Dem Mann hat man das Schwimmen vermutlich genauso beigebracht, und so hat er es wiederum seiner Tochter weitergegeben. Der Vater selbst war gefangen in dem, was er einst gelernt hat. Das war für mich so offensichtlich. Und das Mädchen wollte dem Papa gefallen und gesehen werden. Hauptsache überleben – das war die Einigung der beiden. Wenn auch für die beiden alles andere als offensichtlich. Das ist ja das Gemeine an unbewussten Strukturen – dass sie uns eben nicht bewusst sind. Nicht sichtbar sind. Denn mein Auge hätte keinen Fehler finden können. Aber ich konnte fühlen, das Unbewusste spüren. Und so wurde für mich an diesem Beispiel sichtbar, wie wir ständig ungefiltert Traditionen oder Lehren weitergeben, ohne sie je überprüft zu haben. Wir ergeben uns dem Funktionieren, dem So-macht-man-es-halt.

Das meine ich mit der »Arbeit«, die es für uns zu leisten gilt: den Blick weit zu halten und die ständige Bereitschaft zu kultivieren, auch zu hinterfragen. Nicht nur mein Papa, meine Mama, meine Familie zu sehen. Stattdessen: uns immer wieder zu öffnen, neu hinzuschauen, offen für uns selbst und unser Gegenüber zu bleiben. Sich von Urteilen und Schablonen freizumachen und also auch sich selbst nicht ständig zu ver­urteilen, wenn mal was nicht so läuft. Oder sich nicht zu überschätzen, weil mal was richtig gut läuft. Das ist wahre Stärke aus meiner Sicht. Nicht dieses protektive »Ich-kann-alles«– Gehabe.

Ich sage nicht, dass wir alles über Bord werfen und nur noch im Schäfchenwölkchenland rumtanzen sollen. Im Gegenteil. Füße auf den Boden und Augen auf. Vielmehr: Herz auf. Was nehmen wir wirklich wahr?!? Und: stehen wir auch dazu? Erfahrungen und Prägungen zu hinterfragen und dann auch noch zu überwinden, ist eine Aufgabe! Allein, was Verletzungen in Kindheit oder Partnerschaft schon alles angerichtet haben! Aber eines sage ich Ihnen: Einmal der Wahrheit wieder zugewandt, dass alles zusammenhängt, haben Sie gar keine andere Chance, als Eigenverantwortung zu übernehmen. Und auch andere um Unterstützung zu bitten, wenn Sie mal nicht weiterkommen. Andere haben Ihnen wehgetan? Ja! Definitiv. Mir auch. Aber haben Sie entschieden, die Lernaufgabe darin für sich zu verstehen, oder haben Sie entschieden, an dieser Verletzung festzuhalten? Es zu Ihrer Verletzung zu machen? Die jetzt Ihnen gehört. Zu Ihnen gehört. Möglicherweise ewig die Entschuldigung dafür sein wird, dass Sie sich nicht wieder einlassen, nicht wieder vertrauen können …? Verstehen Sie, was ich sagen will: Wir Entscheiden! Wir sind weder Opfer noch Täter. Es gibt Situationen, da möchte man nicht mehr an Gerechtigkeit oder Zusammenhänge glauben. Aber eines ist sicher: Alles kommt zu einem zurück. Niemand ist dafür da, den Dreck von anderen aufzuräumen. Das muss schon jeder selbst machen. Das ist, als würden Sie selbst mit einer Handlung einen Dominostein anstoßen, und durch die Kettenreaktion fällt Ihnen irgendwann wieder einen Klotz auf den Kopf. Das mag sogar manchmal erst in einem anderen Leben sein. Oder statt im Beruf dann in der Gesundheit oder der Beziehung – an einer Stelle, die Ihnen zunächst zusammenhanglos erscheinen mag. Aber die Quittung kommt. In beide Richtungen. Das gilt auch für die Liebe und die Wahrheit, die Sie bereit sind zu leben. Das Universum vergisst oder verliert nichts. Das Schöne an diesem weiten Bogen rund um das Zentrum der Eigenverantwortung ist, dass es tausend kleine Momente gibt, die uns immer wieder zum selben Rückschluss kommen lassen: Es liegt bei Ihnen. Das ist, wie durch Frankreich zu fahren und alle Wege beschildern die Richtung: Paris. Egal, von wo Sie auf die Dinge schauen: Es kommt immer wieder zu Ihnen zurück …

Mit unserem Hirn können wir so unendlich viel entschuldigen, begründen, verteidigen oder erklären – um eben nicht fühlen zu müssen. Diese sich ständig wiederholende Art des Denkens, des Entschuldigens und Sich-wieder-Verstrickens ist die ultimative Medizin, um die Trennung vom großen Ganzen nicht fühlen zu müssen. Die schnelle Lösung. Aber langfristig nicht die ultimative Antwort. Diese Trennung erfahre ich damals als Kind im Nachmittagsschlaf auf der Brust meines Vaters nicht. Da schlafen wir eben beide satt und wohlig. Mein Pa und ich. Aber auch ohne, dass wir das damals vielleicht wollten, wussten wir schon: Da gibt es viel zu tun …

Primaballerina in XL

… viel zu tun! Das ist ein Ausspruch, der das Leben prägt. Ständig. Egal, ob wir dem nachgehen oder nur im Stress sind, weil es so viel zu tun gibt und wir eigentlich gar nichts wirklich dabei tun, außer gestresst zu sein. Dieser Stress des Tuns beginnt ja schon, sobald wir plappern oder laufen können. Da sind sie wieder: die lustigen Bilder oder Ideen der anderen, was wir alles werden sollen. Die Ideen von unseren Mamas und Papas. »Arzt soll er werden oder Künstler.« In meinem Erleben beginnt die Bildung irgendwann mit Blockflöte und Klavierunterricht. Um die Blockflöte komme ich drumrum. Gott sei Dank! Zumindest muss ich nicht selbst drauf rumkauen. Meine Schwester aber. Also bleiben wir vom Klang dieser Tröte doch nicht verschont. Wenn jemand die wirklich spielen kann, ist das ja schön. Aber das Üben …? Unser Hund Anke hat immer schauerlich gejault, wenn »Üben« dran war. Naja. Das Klavier war mir vertrauter. Denn mein Held, mein Papa, spielt auch auf dem Ding. Also lerne ich das auch. In einer Musikschule. So richtig mit Fünf-Mark-Stücken auf den Handrücken und Gerade-Sitzen usw. Bis zu dem Tag, an dem ich die Gershwin-Noten meines Vaters in den Unterricht mitbringe. Das möchte ich spielen lernen! »So etwas unterrichte ich nicht!«, sind die erschütternden Worte meiner Musikschullehrerin. Ein Todesstoß für meine Karriere als Jazzerin. Und auch für die Freude an dem, was mir gefällt – oder womit ich gefallen wollte. Das kann ich schon langsam nicht mehr auseinanderhalten. So oder so: Es trifft mich hart. Ich spiele zwar weiter, aber das hat irgendwie mehr mit »eine gute Tochter sein« zu tun. Und dem berühmten »Spiel mal was vor« (kam nicht oft, aber dennoch). Kennen Sie das? Das ist ähnlich wie: »Sag mal dem Onkel Hallo!« Was aber, wenn ich den Onkel nicht mag, dem also nicht »Hallo« sagen will? Oder gerade nicht den Entertainer am Klavier geben möchte, um der Tanzbär für die Anwesenden zu sein? Damit die humanistische Erziehung meiner Eltern Anklang bei den Zuschauern findet? Mal ehrlich: Welchen anderen Zweck sollte so eine Forderung der Eltern an ihre Kinder sonst haben? Sie ist die Folge eines Familienideals, dem man entsprechen möchte. Wie man gesehen werden möchte. Mehr nicht. Genauso wie die Nummer mit »dem Onkel Hallo sagen«. Mag ich nicht, weil ich fühle, dass mit dem was nicht stimmt. Kann auch meine Tante oder ein Nachbar sein. Nicht, dass jetzt gleich die Schublade »böser, perverser Onkel-Fantasie« aufgeht. Da ist einfach jemand, dem möchte ich nicht »Hallo« sagen. Ich möchte nicht auf Kommando lachen oder Klavier spielen. Darf das einfach so stehenbleiben? Nein. Also meinem eigenen Gefühl zu folgen, ist nicht so up to date. Und weil die Enttäuschung der Großen im Falle der Verweigerung nach einer solchen Aufforderung so niederschmetternd ist, als hätte ich sonst was falsch gemacht, zwinge ich mich – überschreibe mein wahres Gefühl – und gebe brav die Hand. Esse, was man mir gibt. Sage »Danke« und »Bitte« und »Hallo« und »Auf Wiedersehen«, wie es sich eben gehört. Innerlich weine ich gerade, denn das sind all die kleinen Momente, in denen ich einen kleinen Schritt weiter von mir weggegangen bin. Einen Schritt hin zu der vermeintlichen Wahrheit, den Regeln anderer. Ob die für mich stimmen oder nicht. Hauptsache, ich bin noch Teil dieses sozialen Gefüges, in dem ich versorgt und »geliebt« werde. Ich werde mittels meiner eigenen Entscheidungen mehr und mehr zum Tanzbär … Autsch.

Ich erlebe um mich herum, wie alle das machen. Meine Freunde, meine Schwester, meine Eltern, jeder. Jeder vielleicht auf eine andere Art. Die einen ziehen sich zurück. Die anderen werden laut. Die nächsten werden ganz besonders fleißig, und wieder andere stellen so viel Zerstörerisches an wie nur möglich. Auch eine Art zu brüllen, wie ich im Kindergarten damals.

Naja.

Es gibt ja noch andere, schöne Dinge, die man machen kann. Sport zum Beispiel. Meine ältere Schwester Martina geht ins Ballett. Super! Das versuche ich auch. Nur ist sie eine schlanke Gazelle, und ich habe mich noch nicht »gestreckt«, wie es heißt. Kurz: Ich bin pummelig. Und so erfahre ich auch hier eine jähe Zurückweisung: Ich hopse im Ballett fröhlich mit, turne und liebe mein rosa Outfit. Andere sagen, ich sehe etwas gepresst aus in meinem Tutu. Wieder kommen diese Urteile, bereit, meine Freude an den Dingen zu zerschmettern. Aber ich tanze mit, voller Freude – bis zu jenem Tag einer Aufführung unserer Ballettgruppe … Meine zarte Schwester darf in der ersten Reihe tanzen, »das Pummelchen muss in die letzte Reihe«. Damit bin ich gemeint. Da schneidet das tragische Ausmaß des menschlichen Zusammenlebens und Urteilens tief in mein Fleisch. Ein ganzes Kapitel unserer Menschheitsgeschichte offenbart sich mir in diesem einen Moment. Zwei ach so bezaubernde kleine Wesen – zwei Schwestern – werden: verglichen. Und ob wir das wollen oder nicht: Meine Schwester und ich werden auf das Kampfgebiet der Konkurrenz geschleudert. Die Gazelle und die Primaballerina in XL. Das trifft. Wieder so eine Bewertung, die die anderen vollzogen haben. Und die glauben auch noch, dass sie das »Recht« dazu haben! Wer fragt uns denn, ob wir das wollen? Ich finde das grauenvoll. Ich weine. Ich fühle, dass hier was absolut ungerecht ist. Meine Schwester fühlt sich ebenfalls mies, weiß aber gar nicht so recht, wieso. Denn sie mochte die erste Reihe. Kann sie ja nix dafür, dass ich moppelig bin. Aber dass ich weine, mag sie nicht …

Dieses Schwestern-Ding ist für uns beide eh schon so eine Aufgabe. Seit meinem »Ankommen« ist sie ja nicht mehr die Einzige, die im Fokus steht. Da kam ich eben dazu. Mein Erscheinen hat auch sie vor eine Neuerung gestellt. Nicht, dass meine Schwester ein egozentrisches Biest mit narzisstischen Einschlägen wäre. Definitiv nicht! Aber versetzen Sie sich mal in ihren Wahrnehmungshorizont: Da ist man in dieser Blase des alleinigen Fokus. Das erste Enkelkind im Familienclan überhaupt. Und auf einmal kommt noch wer. Ganz simpel: Ab jetzt wird geteilt. Ob man das mag oder nicht. Vom Eis bis zur Aufmerksamkeit der Eltern. Die einen können das gut wegstecken – die anderen eher nicht so. Da wir heute ein außerordentlich liebendes Verhältnis haben, wird sie es mir nicht übelnehmen, wenn ich die eine oder andere Episode erwähne, die sich auf unserem Weg zugetragen hat. Also Lernmomente, die wir als Team in unserem Familienverband durchgemacht haben. So prägt beispielsweise bis zum heutigen Tag die Saga unserer Familienanekdoten die Beobachtung meiner Eltern, dass meine Schwester gerne mal in einem unbeobachteten Moment ihren kleinen Kinderdaumen in meine Fontanelle gedrückt hat (das ist die weiche Spalte oben am Schädel). Worauf ich natürlich geplärrt habe, was wiederum die Aufmerksamkeit der Erwachsenen auf uns gezogen hat – und meine Schwester unter Streicheln meiner Wangen tiefe schwesterliche Liebe hat bekunden können. Gemein, finden Sie nicht? Wir müssen aus heutiger Sicht tatsächlich darüber lachen, denn die Situation ist doch total klar. Die bisher ungeteilte Aufmerksamkeit von gleich zwei Menschen muss wiederhergestellt werden, oder zumindest muss erstmal ausgelotet werden, wer wo seinen Platz hat. Und da ist eine gewisse Form des – ich nenne es mal – Konkurrenzprinzips verständlich. Nicht, dass ich das Verhalten entschuldigen möchte! Hat ja wehgetan! Aber ich kann sehen, was dieser drohende Aufmerksamkeitsverlust ausgelöst hat. Da war erst ein Gefühl von Sicherheit: »Mama und Papa sind nur für mich da.« Und auf einmal ist da noch wer. Das beweist ja konsequenterweise nur, dass auch meine Schwester ein Wesen ist, das irgendwo Verträge eingegangen ist. Besitzansprüche entwickelt hat. Meine Eltern, nicht Unsere. Es ist eben nicht nur meine Schwester, sondern wieder ein Mensch – mit Entscheidungen. Sie ist ebenfalls bewegt und belegt von Erwartungen, Bildern und Identifikationen. Und ob sie es wollte oder nicht – vielleicht hat sich da eine Eifersucht eingenistet. Jedenfalls in den Kindertagen. Je nach Gemütszustand, also Wahl der entsprechenden Frequenz, traf mich entweder ihre Liebe oder eben irgendwas anderes. Vice versa, wie sich von selbst versteht. Ich beispielsweise habe entschieden, sie als die Große anzunehmen. Auch alles andere als auf Augenhöhe … Ihr bin ich gefolgt. Ich bin vor ihrer gelegentlichen Dominanz eingeknickt und habe sie idealisiert. Höher gehalten. Weg von der Augenhöhe zwischen uns. Sie ist die Ältere. Beispielsweise gab es in unserem Familienverbund auch einen Hund: Anke. Und wer den Kopf und wer das Hinterteil streicheln durfte, das hat sie entschieden. Wenn sie mir das gesagt hat, war ich eben für den Po und nicht die weichen Ohren zuständig. Eine willensstarke Persönlichkeit! Da es mir aber an Willen ebenfalls nicht gemangelt hat – oder vielleicht waren wir beide einfach nur stur …? – haben wir uns später auch ganz schön gekloppt! Eines muss ich dazu sagen: Wir lieben uns. Und es gilt hier, nicht sie zum Übeltäter zu machen. Im Gegenteil. Wir haben uns eben manchmal auf dem Spielfeld der Individualität gemessen. In anderen Momenten der Verbundenheit haben wir liebend Händchen gehalten und gemeinsam das Dschungelbuch gehört. Oder mit Papa »Auf der schwäb’schen Eisenbahn« geträllert. Es ist hilfreich, das alles so aufzudröseln, denn es macht so viel sichtbar. Gäbe es nämlich nicht die Aufmerksamkeit der Eltern, dieses ganze emotionale Paket rund um den Begriff Familie, gäbe es auch nicht das Bedürfnis nach Individualität, Aufmerksamkeit und Belohnung. Wir würden vielleicht nur Händchen haltend nebeneinander hertraben und unbeschwert durch den Tag trotten. Stattdessen gibt es für uns die Ballettschule. Ab dem Tag nicht mehr. ­Jedenfalls nicht für mich. Ich weigere mich. Das Tutu landet in der Ecke. Macht nichts! Gibt ja noch Tennis.

Aber auch da hat naturgemäß Martina schon zuerst die Füße auf den Platz gebracht. Sie ist ja die Ältere. Und siehe da: Sie ist großartig darin! Ein Ansporn und Vorbild für mich, das auch zu können. Diese Aussage ist natürlich schon tief verblendet durch die Kraft der Konkurrenz. Aber da ich das nicht sehen kann, weil ich schon tief drin verwickelt bin, ist es eben meine Lebensrealität. Das mit dem Tennis läuft soweit also ganz gut. Trotz meiner leichten X-Beine treffe ich die Bälle und tue mein Bestes. Aber auch das findet ein jähes Ende. An dem Tag, an dem ich die Hoden meines Trainers abgeschossen habe. Ich schwöre: Das kann man nicht absichtlich! »Hecke! Runter vom Platz!! Ich will dich hier nie! wieder! sehen!« Hm. Also fand auch meine Tenniskarriere ein abruptes Ende. Dick und ungeschickt. Es sind andere, die über mich richten.

Ich bin hochsensibel. Sonst würde ich das alles gar nicht mitbekommen. Das ist kein Talent, das ist eine Grundausstattung! Die Grundausstattung von uns allen. Wir sind alle hochsensibel. Mädels wie Jungs. Auch die Jungs. Weiß ich! Mit denen verbringe ich nämlich in meinen Kindertagen viel mehr Zeit als mit den Mädchen. Aber vor deren Mamis würden die nie weinen. Machen die einfach nicht. Gehört sich nämlich nicht. Jungs heulen nicht. »Immer stark sein«, sagen die Papis. Boah – ist das anstrengend! Und wieso wissen wir das? Weil wir Kinder uns in Momenten noch erlauben, uns gegenseitig wirklich zu zeigen, wie es uns geht, und zuzulassen, was wir wahrnehmen. Wir reden ehrlich über das, was wir erleben, unabhängig von dem, was offensichtlich ist. Nicht alle. Aber da gibt es zwei. Zwei Jungs aus meiner Grundschulklasse. Wir reden darüber, dass, wenn wir nachts Monster unter unseren Betten gesehen haben – dass die da waren! Wir wissen, dass die Erwachsenen nicht mehr sie selbst sind, wenn sie Alkohol getrunken haben. Da gucken uns Monster an aus den Gesichtern unserer Eltern. Und wir lieben sie trotzdem. Weil wir sie hinter den Fratzen sehen können. Ich halte diese Liebe. Eine ganz lange Zeit. Und ich lasse nicht zu, dass mich die Bilder und die Reduktion auf die Realität, die Beschränkung auf eine Geschlechterrolle, erdrücken. Aber je älter wir werden, desto mehr werden wir reguliert. Was man zusammen machen und was man nicht machen darf, wer mit wem spielen darf und wer nicht. Jungs mit Mädchen oder nicht. Wir sind also schon als Kinder aufgefordert, uns mit diesen Schablonen auseinanderzusetzen. So passe ich also nicht in die Mädchen-Schablone, nicht in die Tennis-Schablone und offensichtlich auch nicht in das Ballerina-Prinzessinnen-Kleid. Scheiß-Spiel! Entdecke ich eben was anderes für mich.

Reiten! Ein Pferd, das frisst und seine Äppel ablegt und keine Fragen stellt. Nicht manipuliert und nichts erwartet. Außer Hafer vielleicht. Oder mal ein paar Möhren. Das ist irgendwie ehrlich. Der perfekte Ort für mich. Da entladen sich meine Spannungen. Und doch ist es ein Ort, der zu meiner aktuellen Gemütslage passt. Es ist eher ein Zufluchtsort als ein Ort des Wachstums. Ein Ort, an dem ich immer wieder zu mir zurückfinde, wenn ich gar nicht mehr durchblicke. Oder ist es einfach der Ort, an dem ich mich nicht hinter einer Fassade verkrümele …? Meine Gefühle sind zu der Zeit so durchwachsen, dass ich das nicht mehr genau sagen kann. Aber etwas gehört zum Reitstall dazu. Etwas, das immer geholfen hat: die Natur. Die urteilt nämlich nicht. Hat Nietzsche schon gesagt: »In der Natur fühlen wir uns so wohl, weil sie kein Urteil über uns hat.« Kaulquappen züchten, auf Bäume klettern, draußen herumstreunen: Das sind die Wohlfühlmomente meiner Kindheit. Die Natur als Anker im Strudel des menschlichen Daseins …

Fortan habe ich Stunden im Reitstall verbracht. Pferde geputzt und Ställe ausgemistet. Das hatte was sehr Erdendes. Sollten Sie mal nicht richtig wieder auf die Füße finden: Ein Spaziergang in der Natur hilft immer. Die Verbindung zu sich selbst aufzunehmen, geht draußen am besten. Da haben Sie, wenn Sie so wollen, einen ehrlichen Spiegel. Beständigkeit, Ruhe, Wachstum. Die Vergänglichkeit als Kreislauf … Sommer, Herbst, Winter; Frühling – und wieder von vorne … Das reflektiert die Natur zu jeder Jahreszeit, zu jeder Tageszeit. Im Angesicht dieser Einfachheit lösen sich die schwierigsten Fragen des Kopf-Karussells. Oder fragen Sie beim nächsten Bauernhof mal nach, ob Sie einen Stall ausmisten können. Oder wüten Sie in Pflanzkübeln. Dreck und frische Luft. Das beste Mittel gegen die Zentrifugalkraft des Leistungsprinzips, gemäß dem wir immer mehr versuchen, all unsere Gefühle wegzurationalisieren. Denn das, was wir in der Stille, der Begegnung mit uns selbst offenbart bekommen – und da ist die Natur ein unermüdlich ehrlicher Spiegel – ist ja nicht immer schön. Da fliegen unsere Kompromisse auf, und all die Bewertungen und Urteile, die andere über uns fällen – die zu fühlen wir weggedrückt haben – werden spürbar. Ich weiß als Kind oft gar nicht, wohin mit all den Eindrücken.

Das erlebe ich auch in der Schule. Da entdecke ich, dass Wissen gut ankommt. Meine Schlussfolgerung: Bin ich eben gut. Entscheide ich für mich. Meine Grundschullehrerin, Frau Bücher, und ich finden uns da. Ich liebe diese Frau. Und sie mich offenbar auch. Wir haben da eine Frequenz, auf der wir uns verstehen. Wieder bis zu jenem einen Tag … Sie empfiehlt meinen Eltern, mich eine Klasse überspringen zu lassen, »damit ich mich nicht langweile«. Ich bin zu fix. Eine solche Em­pfehlung ist was Besonderes! So werten es die Großen. Ich, draußen auf dem Schulhof, habe nicht den Hauch einer Ahnung, was da drinnen zwischen meinen Eltern und Frau Bücher verhandelt wird. Das einzige, was ich weiß ist, dass wenige Tage später die Liebe zwischen Frau Bücher und mir beendet ist. Mit dem Tag, an dem sich meine Eltern gegen die Empfehlung ausgesprochen und mich im Jahrgang belassen haben. »Ich könnte ja später Probleme mit dem Altersunterschied bekommen.« So heißt es. Ich sage Ihnen: Es ist eine Verzweiflung, nicht ernst genommen zu werden! Es wird einfach über mich hinweg entschieden. Und alle sind sich sicher: Sie tun das Beste im Interesse des Kindes. Ich könnte heulen. Aber gut. So ist es jetzt eben. Was mich das aber wirklich lehrt, ist: Es sind hier nicht freie Menschen, die Entscheidungen treffen. Es sind persönliche Verletzungen, die der Türöffner für irrationale Handlungen sind. Wenn Energie alles steuert – aus welchem Pool werden also unsere Gedanken und Handlungen gefüttert, wenn wir uns schon in der Zurückweisung oder Ablehnung wähnen? Schaffen wir es, den Weitblick zu behalten, oder wollen wir ab da nur noch das Ich versorgen? Offenbleiben oder eng werden? Seele oder Geist? Wer gewinnt? Diese Fragen tangieren alle Lebensbereiche, also tangieren sie letztlich uns. Wir sind es ja, die im Leben sind.

Meinem Gefühl nach ist der Dschungel aus Ich-Ich-Ich zu dicht. Es ist kein Durchdringen. Meine Liebe zu Frau Bücher bleibt ab diesem Tag also unerwidert, auch wenn ich keine Ahnung habe, warum. Die Entscheidung meiner Eltern ist für sie vielleicht eine zu große Zurückweisung ihrer Kompetenz. Ich bleibe spekulierend zurück. Denn die Frage nach dem ­Warum wird mir nie ehrlich beantwortet.

Wie ich Ihnen das alles so beschreibe, wird klar: Ich bin schon mitten drin im Kreislauf des Irdischen. Mein Weitblick ist also geschrumpft. All die vielen kleinen Schritte hinein in das Chamäleon-Dasein, das konsequente Anpassen an das Außen, lassen mich nur noch das Menschliche sehen. Das, was aber bleibt, ist die Kluft zwischen dem, was ich fühle, und dem, was lebbar ist. Was einstmals nur einen kleinen Riss zwischen meiner Wahrnehmung und meinem Sein dargestellt hat, erodiert immer mehr zu einem Spalt. Irgendwann werde ich diesen Spalt sogar als den Grand Canyon empfinden. Da bin ich kein Opfer. Nochmal: Ich habe das alles, was dazu beigetragen hat, entschieden. Manches Mal war es das bloße Anpassen und Mitmachen, manches Mal eine Form der Nichtentscheidung, manches Mal die Entscheidung dafür, dass eben alles andere hat stattfinden können. Wozu ich nicht aktiv Ja sage, ist folglich das Spielfeld für all das, was ich dann mit mir habe machen lassen. Der Wunsch, gesehen zu werden, bloßes Überleben, mitspielen zu wollen: Motivationen, die ich nachvollziehen kann. Dieses liebevolle Verständnis erlaubt mir aus heutiger Sicht eine klare Perspektive auf mich selbst und gibt mir damit die Kraft, alte Verletzungen zu überwinden, loszulassen und neu zu entscheiden. Allerdings setzt der Blick in den Rückspiegel voraus, dass ich ehrlich mit meinen Gefühlen und Projektionen bin. Bereit, für all meine Entscheidungen die Verantwortung zu übernehmen. Und das geht gar nicht ohne die anderen! Ich brauche ja einen Spiegel. Im eigenen Saft brät man oft lange und erkenntnislos vor sich hin.

Meiner Reitleidenschaft folgt eines sonntäglichen Nachmittages ein Familienausflug irgendwo Richtung Eisenach, wo wir Doraldo – einen 1,80 Meter Stockmaß großen Fuchswallach – aus dem Polizeidienst gekauft haben und den ich ab diesem Tag zu meiner Wohlfühloase gemacht habe. Das war meine Lebensrealität. »Da kann ich sein.« Dachte ich. Ab dem Tag jeden Tag draußen, im Stall, in der Natur. Frei. So fühlt es sich an. Zwar kommen auch hier Druckwellen auf mich zu, denn einfach nur durchs Gelände reiten und die Seele baumeln lassen wird von außen auch wieder kritisch gesehen. Dressurreiten, Turniere besuchen, Springreiten. Egal. Hauptsache, es ist was mit Leistung. Zunächst versuche ich auch da mitzuspielen. Denn ich will ja mit anderen sein. Mit ihnen spielen. Mich mit ihnen messen. Ich bin ein Geselligkeitstier. Ein Rudelvieh. Also schmeiße ich mich auch da voll rein. Aber wieder spüre ich unter der Haut diesen kleinen Riss, den Spalt, der sich immer mehr vertieft. Irgendwas an all dem Zusammensein stimmt nicht. Wo ist die Wahrheit? Wo ist die Intimität in der Gemeinsamkeit – neben der Tatsache, dass wir in kleineren oder größeren Gruppen Dinge teilen? Ja, gut. Da trifft man sich. Aber ich suche immer nach dem tieferen, ehrlicheren Kontakt. Folgerichtig ist auch das mit den Turnieren für mich nix. Ich entziehe mich dem, so gut ich kann. Ein bisschen Unterricht muss sein, denn das Pferd muss auch trainiert bleiben. So heißt es. Doraldo hat Schwächen an den Hufen. Das erfordert eine gewisse Aufmerksamkeit und eine spezielle Pflege. Ich erkenne, es ist nicht nur meine Rückzugsdomäne, mein stiller Support, ein Ort, an dem ich mich für eine Weile vergessen kann – ich muss auch was zurückgeben. Aktiv bleiben. Wachsam. Also gehe ich auch diszipliniert in die Reithalle. Während ich Ihnen das alles beschreibe, erschrecke ich selbst ein bisschen über das bereits unglaubliche Ausmaß der Entfremdung von mir selbst. Denn letztlich bin ich vor Menschen geflohen. Es ist auch eine Art Isolation, wenn man nur mit sich und einem Pferd durch die Welt trabt. Oder einem Hund. Wir sind Liebe-Suchende. Und die finden wir bei den treuen Gefährten, weil wir sie bei Menschen schon nicht mehr zu finden glauben. Ist das nicht erstaunlich …? Da bin ich bei der Geburt ein noch in der ärgsten Bedrohung ruhendes, sanft atmendes Wesen – und schon mit neun Jahren ein davon gänzlich degeneriertes Menschenkind. Und in diesem Aggregatszustand nicht die Einzige! Welche Entscheidungen wir also schon in jungen Tagen getroffen haben! Das gemeinsame Fliehen in die lineare (also weltliche) Realität und damit in die Ereignisse, wie Sport zum Beispiel oder Tatort-Gucken oder eben Pferdereiten, hat ja auch was Verbindendes. Aber das bleibt eben oft an der Oberfläche. Man teilt Ereignisse. Ja. Aber ob da wirklich Intimität, Austausch und eine wahre Begegnung stattfinden, bleibt oft fraglich.

Wie oft habe ich gehört, dass die moderne Psychologie ­an­geboten hat, eine »Verantwortung« bei den Eltern, den ­Geschwistern, den Lehrern – eben sämtlichen äußeren, menschlichen Einflüssen – für die individuelle Entfremdung zu suchen. Meine Güte: Wozu? Verantwortung liegt bei mir selbst. Das hätte ich gern mal gehört. Aber eben nicht nur als Disziplinarmaßnahme oder Wellnessprogramm einmal pro Woche. Sondern als ehrliches Lebensmodel. Eine gelebte Wahrheit, an die ich mich hätte anlehnen können, um mich wieder an mir selbst anzudocken. Es war stattdessen meine Wahl, unter den Urteilen, den Manipulationsversuchen und Zurückweisungen durch Dritte nach und nach einzuknicken und langsam, aber sicher, ebenfalls in den Mitmachmodus abzugleiten. Und woher habe ich das? Na, von den anderen. Durch die Reflexion, dass das eben der Weg ist, den wir gehen. Dass so das Mensch-Sein funktioniert. Wir haben ja ein anderes, großes Spielfeld, auf dem wir alle Platz haben: das Feld des Wettkampfes. Da messen wir uns eben in Fragen rund um Erfolg, Geld, Lebensqualität, Aussehen etc. Nur wer sich selbst wertschätzt, muss sich nicht messen. Und der kann das auch in anderen wieder wachrütteln. Aber das finde ich eben nicht …

Ich will mein Leben rückblickend gar nicht schwarzmalen. Ich hatte ja bei alldem einen Heidenspaß! Je mehr ich von mir weg bin, desto mehr hatte mich das ganze Spiel am Wickel. Und es ist ja auch alles darauf ausgerichtet, Spaß zu machen. Sonst würden wir ja nicht seit Jahrtausenden daran festhalten! Wir lieben diese Party! Doch insgeheim glaube ich, dass alle mal gerne eine Pause hätten. Einen Moment des Innehaltens, des Wahrhaftig-Werdens. Das ist nach Hunderten von Gesprächen sogar mehr ein Resümee als eine verzerrte Idee.

Ans Anhalten habe ich überhaupt nicht gedacht! Mir waren die wildesten Pferde die liebste Herausforderung. Keines zu schwer zu bändigen. Es liegt nahe, dass ich in meinem Drang nach Ausdehnung dem dörflichen Leben so schnell wie möglich entfliehen und selbstständig werden wollte. Irgendwann war ein Motorrad mein Schlüssel zur Freiheit. Es liegt etwas Anziehendes in dem Gefühl, die Dinge dominieren zu können. Ob das wilde Pferde, Motorräder oder andere gefährliche Situationen sind … Schnelle Autos, Fallschirmspringen … Es gibt das Gefühl von Kontrolle. Von Macht über eine Situation. Von Freiheit. Frei, es mit dem Himmel und den Mächten aufzunehmen. Mal schauen, wo die Grenzen sind! Jedenfalls in der Version von Freiheit, die der dreidimensionalen Perspektive auf das Leben entspringt. Also der Freiheit innerhalb der bereits kollektiv gewählten Enge eines linearen Daseins. Einem Bewusstsein, das auf stete Wiederholung und Stimulation aufgebaut ist. Cool sein, anders sein: rebellieren. Sind das nicht die treibenden Kräfte unserer Menschheitsgeschichte? Die Geschichte gibt zu verstehen: Haben wir uns gegenseitig irgendwo unterdrückt, kam die Revolution. War es zu brav, wurde es exzessiv. War es zu exzessiv, wurde es wieder gediegener. Immer anders als die anderen, die Generation unserer Eltern. Spüren Sie die Trägheit dieses Jo-Jo-Effekts, in dem wir uns bewegen? Und dabei glauben wir auch noch, dass wir uns entwickeln. Weiter entwickeln. Naja: bei einem Jo-Jo machen wir das auch: einwickeln, entwickeln, um uns wieder einzuwickeln, um uns wieder zu entwickeln … Es ist aber immer wieder dieselbe Spule, die wir auf- und entwickeln. Und da denken wir, wir gehen voran! Kurzer Rückblick zu Kapitel 2: Wir gehen gar nirgends hin. Loslaufen am Alexanderplatz = Ankommen am Alexanderplatz. Wir leben in Kreisläufen, ja. Aber dabei sind wir gefragt, uns zu vertiefen. Aufwickeln – nächstes Thema. Und nicht ein und dasselbe vorwärts und rückwärts. Einmal diesen Mechanismus durchdrungen, hätten wir die Chance, die Abläufe zu entlarven. Das würde aber voraussetzen, dass wir alle willens wären, die Tatsache anzuerkennen, dass es mehr gibt als nur Materie. Mehr als nur diesen einen Körper. Das eine Leben – das irgendwann zu Ende ist. Dass es immer einen nächsten Schritt zu nehmen gibt. Ein nächstes Leben, das auf uns wartet. Ein Leben in Kreisen mit ständiger Weiterentwicklung. Nicht im Jo-Jo-Prinzip. Also die Dualität unseres Seins wieder als gegeben anzuerkennen. Dualität meint hier Körper Und Geist/Seele. Ausgerichtet auf die Endlichkeit einer einzigen Realexistenz, ist es doch logisch, dass wir versuchen, es uns schön zu machen. So lange oder kurz, wie wir da sind, muss das Leben Spaß machen. Jo-Jo-Spielen eben.

So haben auch mir all die vielen Beschäftigungen Spaß gemacht, denen wir so gerne nachgehen. Ich verliere mich in stundenlangen Ausritten, beim Eisessen mit Freunden oder Spiele spielen. Aber letztlich sind all diese Dinge nichts weiter als Ablenkungen vom Wesentlichen. Das fällt nur kaum einem auf, da es alle machen. So wie ich mit meinem Reitsport, dem Tennisversuch oder meiner kläglich gescheiterten Ballerina-Karriere.

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Litres'teki yayın tarihi:
17 aralık 2025
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ISBN:
9783843612340
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