Kitabı oku: «Bachelorarbeit in Psychologie»

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utb 3878

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Dr. Tatjana Spaeth leitet das Zentrum für Lehrentwicklung an der Universität Ulm.

Prof. Dr. Margarete Imhof lehrt Psychologie in den Bildungswissenschaften an der Universität Mainz.

Dr. Christine Eckert lehrt Psychologie in den Bildungswissenschaften an der Universität des Saarlandes.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-8252-5483-4 (Print)

ISBN 978-3-8385-5483-9 (PDF-E-Book)

ISBN 978-3-8463-5483-4 (EPUB)

2., aktualisierte Auflage

© 2020 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in EU

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Covermotiv: © Gina Sanders, fotolia.com. Agenturfoto. Mit Model gestellt.

Satz: ew print & medien service gmbh, Würzburg

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de

Inhalt

1 Die Bachelorarbeit

1.1 Psychologie als Wissenschaft

1.2 Wissenschaftlich arbeiten: Was bedeutet das?

1.3 Aufbau der Bachelorarbeit

1.4 Drei Beispiele für Bachelorarbeiten

1.4.1 Lernen mit Podcasts

1.4.2 Experimente im Chemieunterricht

1.4.3 Wahrnehmung von Unterrichtsstörungen

2 Die Fragestellung: Dreh- und Angelpunkt der Bachelorarbeit

2.1 Die Bedeutung der Forschungsfrage für die Bachelorarbeit

2.2 Von der Alltagsvermutung zur wissenschaftlichen Fragestellung

2.3 Von der Forschungsfrage zu den Hypothesen

2.4 Und wie geht’s weiter? Der wissenschaftliche Prozess

3 Literatur! Die theoretische Einbettung der Forschungsfrage

3.1 Die Einleitung: Was ist denn eigentlich das Problem?

3.2 Was gehört in den Theorieteil?

3.3 Exkurs: Literaturrecherche

3.3.1 Wo recherchieren?

3.3.2 Wie recherchieren?

3.4 Korrektes Zitieren in der Psychologie

3.4.1 Quellenhinweise im Text

3.4.2 Quellenhinweise im Literaturverzeichnis

4 Und wie jetzt? Methoden und Versuchspläne

4.1 Wie kommt man zu den Informationen im Methodenteil? Stichwort: Versuchsplanung

4.1.1 Echte Experimente, Quasiexperimente und Korrelationsstudien

4.1.2 Unabhängige Variablen, abhängige Variablen und Störvariablen

4.1.3 Operationalisierung von Variablen

4.1.4 Gütekriterien einer wissenschaftlichen Untersuchung

4.1.5 Was sollte man außerdem noch beachten? Ethische Grundsätze für empirische Untersuchungen

4.2 Die Überschriften im Methodenteil

4.2.1 Stichprobe und Design

4.2.2 Material

4.2.3 Ablauf

4.2.4 Kodierungen

5 Ergebnisse: Was kam raus?

5.1 Ein paar Grundregeln zum Schreiben des Ergebnisteils

5.2 Deskriptive Statistik: Daten beschreiben

5.2.1 Mittelwert und Standardabweichung

5.2.2 Range, Ausreißer, Decken- und Bodeneffekte

5.3 Inferenzstatistik: Schlussfolgerungen aus Daten ziehen

5.3.1 Signifikanz: Wie wahrscheinlich ist der Zufall?

5.3.2 Korrelation: Je mehr/weniger … desto mehr/weniger

5.3.3 t-Test: Unterschiede zwischen zwei Gruppen oder zwei Messzeitpunkten

5.3.4 Varianzanalyse: Unterschiede zwischen zwei oder mehreren Gruppen

5.3.5 Weitere statistische Tests

6 Diskussion: Ergebnisse erklären und in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen

6.1 Welche Ziele hat der Diskussionsteil?

6.2 Wie schreiben Sie eine gute Diskussion?

7 Systematische und narrative Reviews

7.1 Systematische vs. narrative Reviews

7.2 Welche neuen Erkenntnisse kann man in einem Review gewinnen? Typische Fragestellungen

7.2.1 Welche Informationen werden ausgewertet?

7.2.2 Was soll mit dem Review bezweckt werden?

7.2.3 Wie positioniert sich der Autor/die Autorin?

7.2.4 Welche Bandbreite an Literatur wird berücksichtigt?

7.2.5 Wie ist der Text organisiert?

7.2.6 Für welche Zielgruppe ist der Text geschrieben?

7.3 Strategien für das Anfertigen von Reviews

7.4 Aufbau eines systematischen Reviews

8 Tipps zum Schluss: So klappt das Schreiben!

8.1 Tipps zum Schreiben guter wissenschaftlicher Texte

8.1.1 Was Sie schreiben: Text-Tipps

8.1.2 Wie Sie schreiben: Stil-Tipps

8.1.3 Was Sie mit dem, was Sie geschrieben haben, machen: Überarbeitungs-Tipps

8.2 Tipps für die Besprechungen mit Ihrer Betreuerin

8.3 Tipps zum Zeit- und Selbstmanagement

8.3.1 Die Grobplanung

8.3.2 Von SMARTen Zielen, Schreib-Stundenplänen und typischen Hindernissen

Literatur

Sachregister

Das Online-Material zu diesem Buch finden Sie auf den Homepages des Ernst Reinhardt Verlages und der UTB GmbH bei der Darstellung dieses Titels (Download unter: www.reinhardt-verlag.de und www.utb.de).

Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuches

Zur schnelleren Orientierung werden in den Randspalten Piktogramme benutzt, die folgende Bedeutung haben:


Definition
Literaturempfehlung
Merksatz
Übungsaufgabe
Beispiel
Online-Material

1 Die Bachelorarbeit

Mit der Bachelorarbeit schließen Sie Ihr Bachelorstudium ab. Sie stellt also einen wichtigen und bedeutsamen Schritt in Ihrer studentischen Karriere dar. Nach einem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 10. Oktober 2003 dürfen Universitäten in ihren Prüfungsordnungen für Bachelorstudiengänge zwischen 6 und 12 ECTS-Punkte vergeben – der Arbeitsaufwand für die Anfertigung der Bachelorarbeit wird damit also mit 180–360 Stunden kalkuliert! In dieser Zeit sollen Sie zeigen, dass Sie in der Lage sind, eine Aufgabenstellung eigenständig durch wissenschaftliche Vorgehensweise zu lösen. Mit diesem Buch möchten wir Ihnen dabei helfen, sich auf die Aufgabe, eine Bachelorarbeit in der Psychologie anzufertigen, vorzubereiten und Sie dabei unterstützen, diese Aufgabe erfolgreich zu meistern.

Dabei richten wir uns mit diesem Werk insbesondere auch an Studierende mit Nebenfach Psychologie. Als Hauptfachstudierende mögen Ihnen daher die Informationen an der einen oder anderen Stelle sehr basal oder selbstverständlich vorkommen, da sie im Curriculum des Psychologiestudiums ihren festen Platz haben. Wir hoffen jedoch, auch Sie mit diesem Werk beim Anfertigen Ihrer Bachelorarbeit erfolgreich unterstützen zu können.

Dieses Buch führt Sie Schritt für Schritt durch die Phasen der Arbeit. Wir weisen Sie an geeigneten Stellen auf zusätzliche Materialien hin, die online verfügbar sind und die Sie dabei unterstützen, Ihr Wissen zu überprüfen, die Vorgehensweisen und Konventionen einzuüben, Ihre Schreibarbeit zu organisieren und Ihre Motivation zu stärken. Schauen Sie dort je nach Bedarf rein.

Nach diesem Kapitel …

…wissen Sie, welche Bandbreite an Forschungsthemen in der Psychologie denkbar sind.

…können Sie die wissenschaftliche Vorgehensweise in der Psychologie von der alltagspsychologischen Herangehensweise an Probleme unterscheiden.

…kennen Sie verschiedene Arten psychologischer Bachelorarbeiten.

…wissen Sie, wo Sie in diesem Buch und über weitere Quellen die wichtigsten Informationen für Ihre Bachelorarbeit finden.

…wissen Sie, wo Sie Unterstützung zur Planung, Durchführung und Organisation Ihrer Bachelorarbeit finden.

1.1 Psychologie als Wissenschaft

Couch?

Bei Psychologie denken die meisten Menschen sofort an kranke Menschen oder „Irre“;-). Die Psychologie wird als eine Art Medizin für geistige und seelische Störungen betrachtet und dabei darf in der Vorstellung auch die Couch als ultimatives Therapiegerät nicht fehlen. Doch Psychologie ist mehr:


Die Psychologie ist die Wissenschaft vom Verhalten, Denken und Erleben von Menschen.

Die Klinische Psychologie und Psychotherapie als Teildisziplin des Fachs ist dabei tatsächlich ein sehr großer Teilbereich, der innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), der Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen im deutschsprachigen Raum, die meisten Mitglieder hat.


Die Klinische Psychologie und Psychotherapie untersucht Ursachen und Bedingungen für Verhalten und Erleben, das außerhalb der Norm liegt und wie dieses durch therapeutische Maßnahmen und Interventionen günstig beeinflusst werden kann.

In der Summe weitaus größer ist jedoch die Anzahl der DGPs-Mitglieder, die sich in den anderen Teildisziplinen der Psychologie mit dem Verhalten, Denken und Erleben von Menschen beschäftigen. Die verschiedenen psychologischen Teildisziplinen zeigen sehr gut die große Bandbreite an Forschungsgebieten und -fragen auf, die in der Psychologie untersucht werden. Die Grundlagenfächer der Psychologie möchten dabei grundlegende Erkenntnisse gewinnen:

Grundlagenfächer

•Allgemeine Psychologie: Ziel ist, Erkenntnisse über grundlegende Prozesse der Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, des Denkens, Sprechens, Lernens, Gedächtnisses, der Motivation und der Emotion zu gewinnen. Forschungsfragen, die in der Allgemeinen Psychologie untersucht werden, sind z. B. wie der Kontext die Gesichtererkennung beeinflusst (Meinhardt-Injac, Persike & Meinhardt, 2011).

•Biologische Psychologie und Neuropsychologie: Ziel dieses Grundlagenfachs ist es, die anatomischen, physiologischen und neuronalen Grundlagen und Bedingungen menschlichen Erlebens und Verhaltens zu untersuchen, also z. B. die Frage, welche Bereiche des Gehirns für bestimmte Aufgaben aktiv sind und wie das Gehirn bewegte Bilder verarbeitet (Berti, Haycock, Adler & Keshavarz, 2019).

•Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik: Diese Teildisziplin untersucht die individuellen Unterschiede und inwieweit diese durch relativ überdauernde Merkmale der Persönlichkeit erklärt werden können. Eine wichtige Frage ist dabei, wie diese Unterschiede gemessen werden können, wie kann z. B. ein Konstrukt wie Intelligenz oder Gewissenhaftigkeit messbar gemacht werden? Forschungsarbeiten aus dieser Teildisziplin untersuchen beispielsweise den Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen, Lernverhalten und Erfolg in Schule und Hochschule (z. B. Imhof & Spaeth-Hilbert, 2013; Spinath, Eckert & Steinmayr, 2014; Theobald, Bellhäuser & Imhof, 2018).

•Entwicklungspsychologie: Im Fokus stehen in dieser Teildisziplin Veränderungsprozesse über die Lebensspanne, also von der Zeugung bis zum Tod und wie sich in der Entwicklung das Erleben, Verhalten und Denken von Menschen verändern. Ein Beispiel für eine Forschungsfrage aus diesem Gebiet ist, wie Säuglinge lernen, Gesichter zu unterscheiden (Altvater-Mackensen, Jessen & Grossmann, 2017) oder ob bzw. wie sich die Wahrnehmung von Gesichtern über die Lebensspanne ändert (Meinhardt-Injac, Boutet, Persike, Meinhardt & Imhof, 2017).

•Sozialpsychologie: Diese psychologische Teildisziplin untersucht, wie das Verhalten, Erleben und Urteilen von Menschen durch den sozialen Kontext beeinflusst wird. Aus dieser Perspektive wird beispielsweise untersucht, wie Gruppen effektiv zusammenarbeiten (Borsch, 2005).

psychologische Anwendungsfächer

Die Anwendungsfächer der Psychologie nutzen die Erkenntnisse der Grundlagenfächer in spezifischen Kontexten:

•Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie: Dieses Anwendungsfach untersucht die Wechselbeziehungen zwischen Arbeits- und Organisationsbedingungen und menschlichem Erleben und Verhalten.

•Gesundheitspsychologie: Diese relativ junge psychologische Teildisziplin untersucht, welche Einflussfaktoren es auf die körperliche und seelische Gesundheit gibt. Eine aktuelle Frage aus diesem Bereich ist beispielsweise, inwieweit und wodurch Lehrerinnen und Lehrer Stressbelastung erleben und wie sie damit im Vergleich zu anderen Berufsgruppen dastehen (Schult, Münzer-Schrobildgen & Sparfeldt, 2014).

•Klinische Psychologie und Psychotherapie: Diese Teildisziplin haben wir ja oben bereits kurz beschrieben – meist denken Menschen vor allem an die Klinische Psychologie, wenn sie den Begriff Psychologie hören. Aktuell sind aber auch Themen wie Internet- oder Smartphone-Sucht (Duke & Montag, 2017).

•Medienpsychologie: Diese Teildisziplin untersucht menschliches Erleben und Verhalten im Zusammenhang mit der Nutzung von Medien. Eine aktuelle Forschungsfrage aus diesem Teilgebiet befasst sich mit der Effektivität von virtuellen Lernumgebungen (Makransky, Terkildsen & Mayer, 2019). Hilbert und Terrero (2012) untersuchten, wie gut Studierende aus Vorlesungsaufzeichnungen im Vergleich zur Präsenzvorlesung lernen können.

•Pädagogische Psychologie: Im Fokus dieser Teildisziplin stehen Kompetenzen, Fertigkeiten, Überzeugungssysteme und Werthaltungen, die durch pädagogische Maßnahmen beeinflusst werden können. Es geht also um das Lehren und Lernen im weitesten Sinne. Die Autorinnen dieses Buchs ordnen sich dieser Teildisziplin zu, weshalb auch viele Beispiele aus der Pädagogischen Psychologie kommen. Ein aktuell diskutiertes Thema in dieser Teildisziplin ist z. B., ob psychologische Kriterien für die Zusammenstellung von Lerngruppen Vorteile bringen (Bellhäuser, Konert, Müller & Röpke, 2018).

•Rechtspsychologie: In dieser Teildsiziplin der Psychologie wird die Anwendung psychologischer Theorien, Methoden und Erkenntnisse auf Fragestellungen, die sich aus der Ge-staltung und Anwendung des Rechts ergeben, untersucht (Goeckenjan & Oeberst, 2016).

•Umweltpsychologie: In der Umweltpsychologie geht es um die Einstellungen von Menschen zur Umwelt, wie und warum verhalten sich Menschen umweltbewusst, was denken sie über Umweltbelange?

•Verkehrspsychologie: Die Verkehrspsychologie untersucht den Menschen im Zusammenhang mit Mobilitätsfragen, aber auch hinsichtlich Verkehrstüchtigkeit und Verhalten im Verkehr (Labrie, Napper & Ghaidarov, 2012; Sullman, 2012).

Schließlich gibt es in der DGPs noch die Fachgruppe Geschichte der Psychologie, die die Entwicklung der Psychologie als eigenständige Wissenschaft nachvollzieht sowie die Methodenfächer (Fachgruppe Methoden & Evaluation der DGPs), die sich mit den Instrumenten der Erkenntnisgewinnung innerhalb der Psychologie beschäftigen.


Für die Grundlagen- und Anwendungsfächer benötigen Forscherinnen und Forscher die Erkenntnisse dieser Methodenfächer, um Daten zuihren Forschungsgegenständen zu erheben und auszuwerten, um Untersuchungen zu planen und um interpretieren zu können, inwieweit die gewonnenen Erkenntnisse verallgemeinert werden können.

empirische Wissenschaft

Die Psychologie versteht sich als eine streng empirische Wissenschaft, deshalb kommt den Methodenfächern eine ganz besonders wichtige Rolle zu.


Empirisch bedeutet, dass Erkenntnisse aus systematisch gewonnenen Erfahrungen (Daten) abgeleitet werden.

Die Methoden müssen hierfür wichtige Anforderungen erfüllen: (1) Sie müssen objektiv, also unabhängig von der Person oder den Personen sein, die die Daten sammeln und auswerten. (2) Sie müssen wiederholt anwendbar sein und (3) sie müssen nachweislich geeignet sein, den Gegenstand zu erfassen. Diese Anforderung kann nur durch eine systematische Planung und auch Dokumentation erfüllt werden. Die verwendeten Methoden folgen dabei naturwissenschaftlichen und auch sozialwissenschaftlichen Ansätzen. Vorherrschend sind quantitative Methoden, die sich auf Messungen und Skalierungen beziehen. Qualitative Forschung gibt es zu psychologischen Fragestellungen zwar auch, jedoch begegnet man dieser seltener. Mit welcher Methode auch immer: Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Sie in Ihrer Bachelorarbeit empirisch forschen, also wissenschaftlich und strukturiert vorgehen, um Erkenntnisse zu gewinnen. Aber was bedeutet wissenschaftlich arbeiten überhaupt?

1.2 Wissenschaftlich arbeiten: Was bedeutet das?

Wie wir bereits festgestellt haben, ist die Psychologie eine empirische Wissenschaft und erfordert deshalb eine systematische Vorgehensweise, die gut dokumentiert werden muss. Die wissenschaftliche Psychologie grenzt sich hier klar von der Alltagspsychologie ab.

Alltagspsychologie

Die Alltagspsychologie ist kein Teilgebiet der Psychologie. Gemeint sind damit die Erklärungen und Theorien, die Menschen zu ihrem eigenen Verhalten und dem ihrer Mitmenschen aufstellen. Das spiegelt sich in Sprichwörtern wider, wie z. B. „Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus“, mit dem erklärt wird, dass das Verhalten gegenüber anderen Personen dazu führen kann, dass sie sich entweder genauso nett verhalten oder aber genauso gemein wie ihr Gegenüber. Allgemein könnte man auch sagen, die Alltagspsychologie ist der gesunde Menschenverstand. Unsere alltagspsychologischen Kenntnisse erlauben uns häufig, uns richtig zu entscheiden und korrekte Vorhersagen zu treffen, wie sich andere Menschen verhalten werden. Warum brauchen wir aber noch eine wissenschaftliche Psychologie, wenn die Alltagspsychologie doch häufig funktioniert?

Die Alltagspsychologie basiert auf den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen, auf dem, was wir von unseren Eltern, Lehrerinnen und Lehrern, Freunden oder anderen Personen lernen und auch auf unseren stellvertretenden Erfahrungen, die wir über Medien wie z. B. TV und Bücher machen. Schauen wir uns die Sprichwörter noch einmal an, sieht man schnell, dass sich diese teilweise auch widersprechen: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ kontradiktiert z. B. das ebenfalls bekannte „Man lernt nie aus“. Als Quelle für Entscheidungen und Erklärungen dienen Alltagsweisheiten also nur bedingt. Auch unsere eigenen Erfahrungen – oder die unserer Eltern oder TV-Helden – müssen nicht unbedingt dem entsprechen, was typisch ist.


Stellen Sie sich z. B. vor, ein Mensch hat im Jugendalter schlechte Erfahrungen mit einer unfreundlichen Person aus dem Schwäbischen (oder aus dem Sächsischen, Friesischen, mit blauen/grünen/braunen Augen, schwarzen/roten/blonden Haaren …) gemacht. Aus dieser Erfahrung leitet er die Theorie ab, dass alle Schwaben unfreundliche Menschen sind, denen man besser nicht vertrauen sollte. Obwohl ein für ihn spannender Studiengang nur an der Universität Ulm angeboten wird, entscheidet er sich deshalb für ein anderes Studienfach, Personen mit schwäbischem Dialekt gegenüber verhält er sich sehr vorsichtig und reserviert (weshalb diese denken, er wäre ein komischer Eigenbrötler und ihm eher aus dem Weg gehen) und als ihm später ein lukrativer Job in Stuttgart angeboten wird, lehnt er lieber ab, da er nicht zwischen lauter Schwaben wohnen möchte. Wenn Sie selbst Schwabe bzw. Schwäbin sind oder schwäbische Freunde haben, werden Sie jetzt vielleicht gleich sagen: „Moment mal, was soll das denn, das ist ja alles falsch, und die Schwaben sind eigentlich total nett!“ Wahrscheinlich ist, dass die Schwaben weder netter noch weniger nett sind als Bayern, Friesen oder Sachsen. Aber nur aufgrund der schlechten Erfahrungen, die unser Beispielmensch gemacht hatte, und die er alltagspsychologisch als im Wesen der „gemeinen“ Schwaben an sich begründet erklärt hatte, nimmt er sich die Chance, ein spannendes Studienfach zu studieren und einen guten Job anzutreten. Er gibt sich nicht einmal die Chance, seinen schlechten ersten Eindruck durch den Kontakt mit anderen Schwaben zu revidieren.

Wir sehen also, die eigene Erfahrung und Einzelbeispiele sind nicht unbedingt die zuverlässigste Quelle für gesicherte Theorien. Die Erfahrungen täuschen uns häufig falsche Tatsachen vor, die Datenbasis ist sehr selektiv und lückenhaft, und bei Beobachtungen und Schlussfolgerungen können uns leicht Fehler unterlaufen. Die Erfahrung als Quelle für Erkenntnisse ist außerdem anfällig für Selbsttäuschungen. In dem Beispiel war der Mensch schon so voreingenommen, wenn ihm andere Schwaben begegneten, dass er sich ihnen gegenüber misstrauisch und wortkarg gezeigt hat. Sie bestätigten seine Vorurteile, indem sie irritiert oder reserviert auf sein Verhalten reagierten.

wissenschaftliche Psychologie

Im Gegensatz zur Alltagspsychologie, die Beispiele und Erfahrungen (mehr oder weniger) plausibel interpretiert, ist es die Aufgabe der wissenschaftlichen Psychologie, möglichst zuverlässige und gültige Erkenntnisse zum menschlichen Erleben und Verhalten, wie es sich verändert und wodurch es beeinflusst ist, zu gewinnen. Das geht durch die angemessene Beschreibung, durch das Absichern mit geplanten und geeigneten Messungen. Tabelle 1.1 fasst die wichtigsten Unterschiede zwischen der Alltagspsychologie, die wir alle täglich in unserem Leben verwenden, und der wissenschaftlichen Psychologie, die gesicherte Erkenntnisse gewinnen möchte, zusammen.

Tabelle 1.1

Die wichtigsten Unterschiede zwischen Alltagspsychologie und Wissenschaftlicher Psychologie


AlltagspsychologieWissenschaftliche Psychologie
Datenbasis sind zufällige Ereignisse.Datenbasis sind dokumentierte und wiederholbare Erhebungen.
Theorien sind nicht oder nur schlecht überprüfbar und wiederholbar.Theorien sind in der Realität mit wissenschaftlichen Methoden überprüfbar.
Subjektiv geprägte und damit je nach „Alltagspsychologen“ unterschiedliche Interpretationen.Objektive Aussagen: Bei gleichem Sachverhalt unter gleichen Bedingungen kommen verschiedene Forscher aufgrund wissenschaftlicher Regeln zur gleichen Erkenntnis.
Dient der Orientierung, erlaubt rasche Entscheidungen in alltagsweltlichen Situationen und vermittelt Handlungs- und Verhaltenssicherheit.Dient der Gewinnung von verallgemeinerbaren und gesicherten Kenntnissen über das menschliche Denken, Wahrnehmen und Verhalten.


Im Online-Material können Sie Ihr Verständnis prüfen (Quiz 1).

Bachelorarbeit

Für Ihre Bachelorarbeit können Sie aus diesem Vergleich ableiten, dass in der wissenschaftlichen Psychologie Meinungen und eigene Erfahrungen sowie der gesunde Menschenverstand und plausible Schlussfolgerungen weniger zählen. Wichtig ist es, systematisch Erkenntnisse zu gewinnen und aus diesen Theorien abzuleiten. Dies spiegelt sich auch in der Struktur der Bachelorarbeit wider, die wir im folgenden Abschnitt näher beleuchten.

1.3 Aufbau der Bachelorarbeit

DGPs und APA

In der Psychologie haben sich nicht nur für Forschungsarbeiten an sich, sondern auch für die schriftliche Präsentation dieser Arbeiten Normen herausgebildet. Nachlesen kann man diese z. B. im Publication Manual of the American Psychological Association (2020) und den daraus abgeleiteten Richtlinien für die Manuskriptgestaltung (Deutsche Gesellschaft für Psychologie, 2019). Mit Ihrer Bachelorarbeit in der Psychologie sollten Sie natürlich auch diesen Normen folgen. Deshalb gleicht der Aufbau einer empirischen psychologischen Bachelorarbeit in der Regel dem Aufbau eines Artikels in einer psychologischen Zeitschrift wie z. B. der Zeitschrift für Psychologie und Psychologie in Erziehung und Unterricht oder auch internationale Zeitschriften wie Learning and Instruction, Cognitive Science oder The Annual Review of Psychology. Da die Bachelorarbeit einem psychologischen Zeitschriftenartikel sehr ähnlich gestaltet ist, sind sie für Sie natürlich auch sehr gute Beispiele, an denen Sie sich orientieren können!

Wenn Sie in psychologische Zeitschriften hineinschauen, sehen Sie auch, dass es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten gibt, psychologische Erkenntnisse wissenschaftlich herzuleiten:

Herangehensweisen

1Empirische Arbeiten, also Primärstudien, berichten, auf welcher theoretischen Grundlage und mit welcher Methodik Daten zu einer bestimmten Fragestellung erhoben wurden und welchen Beitrag die Datenerhebung und -auswertung für Theorie und Praxis geleistet haben. Für eine empirische Bachelorarbeit untersuchen Sie eine wissenschaftliche Fragestellung mit empirischen Methoden. Dazu gehört, dass Sie die existierende Literatur, die mit dem Thema zusammenhängt, aufbereiten, eine oder mehrere präzise wissenschaftliche Forschungsfragen aus der Theorie ableiten und geeignete Methoden zur Untersuchung der Forschungsfragen einsetzen. Die Ergebnisse der Untersuchung werden zunächst wertfrei dargestellt und schließlich unter Einbezug der Theorie erklärt und diskutiert.

2Systematische oder narrative Reviews betrachten Primärstudien zu einer bestimmten Fragestellung und geben einen Überblick über die Ergebnisse, um neue Erkenntnisse abzuleiten. Bei einem systematischen Review werden mehrere Forschungsarbeiten zu einem Thema nach zuvor festgelegten Methoden ausgewählt, systematisch miteinander verglichen und bewertet. Diese Arbeiten stellen den Forschungsstand zu einem Thema zusammenfassend dar und identifizieren weiteren Forschungsbedarf (z. B. Sweller, Van Merriënboer & Paas, 2019). Zu den systematischen Reviews gehören auch Metaanalysen, die mehrere Primärstudien zusammenfassend mit statistischen Methoden untersuchen (z. B. Dignath, Büttner & Langfeldt, 2008; Hattie, 2011). Ein narrativer Review gibt einen Überblick über einen bestimmten Forschungsbereich, die Auswahl der herangezogenen Arbeiten erfolgt jedoch in der Regel unsystematischer.

In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen, die Bachelorarbeiten in Psychologie betreuen sowie durch eine Suche auf den Webseiten psychologischer Institute, zeigte sich, dass diese beiden Arten von Forschungsarbeiten am häufigsten angeboten und betreut werden. Etwas seltener werden auch zwei weitere Arten wissenschaftlicher Arbeiten angeboten und betreut:

3Projektdesigns schlagen empirische Methoden zur Erforschung einer Fragestellung vor, ohne diese tatsächlich umzusetzen. Sie haben ihre Entsprechung in wissenschaftlichen Forschungsanträgen (z. B. DFG-Anträgen). Bei der Entwicklung eines Projektdesigns legen Sie die wichtigen theoretischen Grundlagen und den aktuellen Stand der Forschung zum Thema strukturiert dar. Im Rahmen der Bachelorarbeit leiten Sie klare Forschungsfragen aus dem Forschungsstand ab und beschreiben sorgfältig die Methoden zur Beantwortung der Forschungsfragen. Schließlich diskutieren Sie noch die Vor- und Nachteile des vorgeschlagenen Designs sowie die möglichen Ableitungen, die sich für Theorie und Praxis aus der Durchführung der Forschungsarbeit ergeben. Diese Form der Bachelorarbeit entspricht in weiten Teilen dem Theorie- und Methodenteil einer empirischen Arbeit, deshalb werden wir in diesem Buch nicht explizit auf sie eingehen.

4Wissenschaftliche Begleitforschung/Evaluationen in der Praxis untersuchen mit wissenschaftlichen Methoden Praxisprojekte. Eine solche Evaluation entspricht einer empirischen Arbeit „im Feld“. Deshalb können die meisten der Strategien, die wir in diesem Buch für empirische Arbeiten vorschlagen, problemlos an die Anforderungen einer solchen Aufgabenstellung angepasst werden.

Schwerpunktsetzung

Der Fokus in diesem Buch liegt auf der Anfertigung empirischer Arbeiten. Dies hat mehrere Gründe: Zum einen stellen empirische Arbeiten, in denen Sie selbst ein Phänomen mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen, eine sehr spannende Möglichkeit für Ihre Bachelorarbeit dar. Diese Aufgabe wird, wie unsere kleine informelle Umfrage zeigte, häufig angeboten. Zum anderen ist Wissen zu empirischen Arbeiten auch dann unerlässlich, wenn Sie sich im Rahmen eines systematischen oder narrativen Reviews mit Forschungserkenntnissen auseinandersetzen. Nur mit diesem Wissen können Sie Primärstudien ausreichend verstehen, um die Erkenntnisse einander gegenüberzustellen und entsprechend Ihrer Fragestellung Ergebnisse abzuleiten. Auf systematische und narrative Reviews gehen wir in diesem Buch zwar ebenfalls ein, jedoch sind Empfehlungen zum Schreiben systematischer oder narrativer Reviews schwerer zu geben, da es sehr viele mehr oder weniger gute Herangehensweisen für eine solche Aufgabe gibt.

Aufbau dieses Buchs

Insgesamt orientieren wir uns in diesem Buch an den einzelnen Teilkapiteln einer empirischen Arbeit (siehe Tabelle 1.2). Zu jedem Kapitel geben wir Ihnen Hintergrundinformationen, die Sie bereits in der Planungsphase für Ihre Bachelorarbeit berücksichtigen sollten. Zudem erhalten Sie konkrete Tipps zum Schreiben des Kapitels. In einem gesonderten Kapitel gehen wir auf systematische und narrative Reviews ein und beschreiben, welche Besonderheiten hier berücksichtigt werden sollten. Das Buch schließt mit allgemeinen Tipps zum Schreiben der Bachelorarbeit sowie zum Zeit- und Selbstmanagement in der Bachelorarbeitsphase.

1.4 Drei Beispiele für Bachelorarbeiten

Die Inhalte dieses Buchs möchten wir Ihnen an drei Beispielen für Bachelorarbeiten, die von uns betreut wurden, nahebringen. Wie schon erwähnt, sind die Autorinnen Pädagogische Psychologinnen. Die Bachelorarbeiten, die wir betreuen, untersuchen also vorrangig Fragestellungen rund um das Lehren und Lernen. Da es sich aber um psychologische Arbeiten handelt, die den Leitlinien der wissenschaftlichen Psychologie folgen, können diese Beispiele auch hilfreich für Sie sein, wenn Sie innerhalb einer anderen Teildisziplin der Psychologie Ihre Bachelorarbeit schreiben. Insgesamt ist es aber sicherlich eine gute Idee, wenn Sie sich auch an weiteren Beispielen orientieren: Oben haben wir Ihnen schon empfohlen, in psychologische Zeitschriftenartikel hineinzuschauen, da deren Struktur auch für Ihre Bachelorarbeit gilt. Wenn Sie Zugriff haben auf Bachelorarbeiten, die von Ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen geschrieben wurden: Diese sind auch eine wunderbare Quelle für Beispiele (vor allem, wenn Sie auch die Information haben, was der Betreuerin/dem Betreuer gut gefallen hat oder auch nicht). Hier nun kurz skizziert die drei Beispiele, die wir im Verlauf dieses Buchs immer wieder heranziehen werden.

Tabelle 1.2 Abschnitte Ihrer Bachelorarbeit und wo Sie in diesem Buch Informationen dazu finden


Abschnitt der BA-ArbeitWas ist der Fokus?Wo gibt es die Infos?
TitelblattInformationen zu Ihrer Person, Institution, Betreuerin und natürlich: Titel Ihrer Arbeit.Häufig existieren Vorgaben zur Gestaltung des Titelblatts. Informieren Sie sich beim Prüfungsamt und Ihrer Betreuerin.
Zusammenfassung und/oder AbstractEine kurze Zusammenfassung Ihrer Arbeit, in der Sie kurz einen Überblick über Hintergründe, Forschungsfragen, Stichprobe und Design, wichtigste Ergebnisse und Fazit geben.Nehmen Sie Forschungsartikel als Vorbild und sprechen Sie auch mit Ihrer Betreuerin. Zur Länge: in der Regel zwischen 300 Wörtern und einer Printseite – also wirklich kurz!
EinleitungHier klären Sie, was der Gegenstand Ihrer Arbeit ist und machen Ihren Leserinnen und Lesern die Arbeit schmackhaft.In diesem Buch: Kapitel 3.
Theoretischer Hintergrund und FragestellungenTheoretische Hinführung zu den Forschungsfragen und Hypothesen. Hier zeigen Sie auf, welche wichtigen Theorien, Definitionen und empirischen Ergebnisse Sie zu Ihren spezifischen Forschungsfragen und Hypothesen geleitet haben.In diesem Buch: Kapitel 2 und 3.
MethodeDetaillierte Klärung, mit welchen Methoden Sie zu Ihren Erkenntnissen kamen.In diesem Buch: Kapitel 4.
Ergebnisse(Statistische) Auswertung der Daten, fokussiert auf die Forschungsfragen.In diesem Buch: Kapitel 5.
DiskussionIm letzten inhaltlichen Kapitel interpretieren Sie die Ergebnisse und leiten theorie- und praxisrelevante Aussagen ab.In diesem Buch: Kapitel 6.
LiteraturHier listen Sie alle in der Bachelorarbeit verwendeten Quellen entsprechend psychologischer Richtlinien auf.In diesem Buch: Kapitel 3.
AnhängeInstruktionen, Fragebögen, Tests und ähnliche Materialien, die Ihre Leser im Detail interessieren könnten.Sprechen Sie sich mit Ihrer Betreuerin ab, welche Materialien oder weiterführenden Informationen im Anhang präsentiert werden sollen.

1.4.1 Lernen mit Podcasts

Waltraud und Valerie

Waltraud und Valerie erhoben die Daten für ihre empirische Bachelorarbeit gemeinsam in einem interessanten Experiment, in dem sie der Frage nachgingen, ob Podcasts für Lernzwecke geeignet sind. Podcasts sind Audio- oder Videoaufzeichnungen, die in der Regel kostenlos zum Download angeboten und auf einem Computer oder tragbaren Gerät wie einem MP3-Player oder Smartphone angehört bzw. angeschaut werden können. Waltraud und Valerie untersuchten zwei Hauptforschungsfragen:

1Lernt man mit einem Podcast oder mit einem Lehrbuchtext besser?

2Beeinflusst der Lernort (im Bus vs. in einem ruhigen Raum) wie gut man mit einem Podcast bzw. einem Lehrbuchtext lernt?

In ihrem Experiment teilten sie die teilnehmenden Studierenden per Zufall in vier Gruppen ein: Jeweils zwei Gruppen lernten mit einem Lehrbuchtext, die beiden anderen Gruppen erhielten einen MP3-Player mit demselben Text als Audioaufzeichnung. Eine zweite Variation bezog sich auf den Lernort: Je eine Podcast- und Lehrbuchgruppe lernte die Inhalte in einem ruhigen Raum der Universität, die jeweils andere Podcast- und Lehrbuchgruppe lernte den Text beim Busfahren. Um zu testen, welche Gruppe eventuell mehr gelernt hatte als die andere, entwickelten Waltraud und Valerie einen Lerntest.


Was denken Sie: Welche Gruppe hat am meisten gelernt? Reichte es aus, den Lernerfolg zu messen oder hätten die beiden noch etwas anderes abfragen oder messen müssen? Was?

1.4.2 Experimente im Chemieunterricht

Tobias

In seiner Feldstudie unterrichtete Tobias zwei Schulklassen zum selben Thema in Chemie (ZBH, 2012). In einer Klasse stellte er den Stoff theoretisch vor und zeigte ein Experiment dazu, in der anderen Klasse leitete er die Schülerinnen und Schüler zum Experimentieren an. Sein Ziel war, zu ergründen, ob das Experimentieren den Chemieunterricht interessanter machen und zu einer höheren Motivation bei den Schülerinnen und Schülern führen kann, und in welcher Klasse die Schülerinnen und Schüler mehr lernen. Prinzipiell haben beide unterrichtliche Vorgehen Vor- und Nachteile: Schülerinnen und Schüler mögen es oftmals, wenn sie selbst experimentieren dürfen. Der Aufbau, die Durchführung und das Erklären der Experimente nehmen aber viel Zeit in Anspruch, die dann evtl. für das Lernen der Inhalte fehlt. Hält die Lehrkraft die Unterrichtsstunde und führt die Experimente nur vor, bleibt in der Regel mehr Zeit, um auf die theoretischen Inhalte einzugehen. Aber dafür entfällt auch die Erfahrung des eigenen Experimentierens, und Schülerinnen und Schüler nehmen den Unterricht möglicherweise als langweiliger wahr. Bei der einen Unterrichtsform ist also mehr Präsentation von inhaltlichem Wissen möglich, dafür dürfte die Motivation geringer sein; bei der anderen bleibt weniger Zeit für die Präsentation von Wissen bei hoher Motivation.


Auch hier die Frage an Sie: Was denken Sie, in welcher Klasse der Lernerfolg höher war? In welcher Klasse war die Motivation für Chemie höher? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Motivation und Lernerfolg, ist der Lernerfolg bei höher motivierten Schülerinnen und Schülern besser? Was sind die Vor- und Nachteile am Versuchsaufbau von Tobias?

1.4.3 Wahrnehmung von Unterrichtsstörungen

Lea

Lea interessierte sich in ihrer Bachelorarbeit dafür, als wie störend Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrerinnen und Lehrer, verschiedene typische Störsituationen in der Schule wahrnehmen (ZBH, 2012). Sie entwickelte zur Untersuchung dieser Fragestellung einen Fragebogen mit Beispielen für Störsituationen, die verschiedenen Kategorien von Störungen zugeordnet werden konnten. Diesen Fragebogen veröffentlichte Lea online und schickte den Link an ihr bekannte Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer. Außerdem veröffentlichte sie den Link auf verschiedenen Webseiten und in sozialen Netzwerken wie z. B. facebook, damit eine möglichst große Anzahl von Personen den Fragebogen ausfüllte. Im Vergleich der Daten konnte Lea dann untersuchen, ob Schülerinnen und Schüler sich von Lehrerinnen und Lehrern in der Wahrnehmung der Störsituationen unterscheiden. Da sie noch einige zusätzliche Daten von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern abfragte, konnte sie zudem untersuchen, ob die Wahrnehmung der Störsituationen z. B. auch mit dem Alter, dem Geschlecht oder – im Falle der Lehrkräfte – mit der Dienstzeit zusammenhängt.


Haben Sie eine Idee, wie die Ergebnisse dieser Studie ausgefallen sein könnten? Wie kann man vorgehen, damit der Fragebogen relevante und typische Störsituationen abfragt? Wie würden Sie vorgehen, um die Daten aus dem Fragebogen auszuwerten? Welche Kritik üben Sie an Leas Vorgehensweise?

Auf die Details der drei Beispiel-Bachelorarbeiten werden wir in den nächsten Kapiteln nach und nach eingehen. Im nächsten Kapitel geht es zunächst um die Fragestellung als Dreh- und Angelpunkt der Bachelorarbeit.


Tipps zum Weiterlesen:

Beller, S. (2016). Empirisch forschen lernen: Konzepte, Methoden, Fallbeispiele, Tipps. (3., überarbeitete und erweiterte Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

Franck, N. & Stary, J. (2013). Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens. (17., überarbeitete Aufl.). Paderborn: Schöningh.

Trimmel, M. (2009). Wissenschaftliches Arbeiten in Psychologie und Medizin. Wien: facultas.

2 Die Fragestellung: Dreh- und Angelpunkt der Bachelorarbeit

Quellen für Forschung

Der Anstoß für Forschung ist die Neugier. Am Anfang jeder wissenschaftlichen Fragestellung und Forschungsarbeit steht deshalb ein Problem. Dieses Problem kann sich unterschiedlich entwickelt haben: zum Beispiel einfach aus der Feststellung der Forscherin, dass ihr zu einer Frage, einem Phänomen, einer Beobachtung Wissen fehlt, sie sich also etwas nicht erklären kann. Oder aber die Fragestellung entwickelt sich aus Ungereimtheiten, die sich aus widersprüchlichen Erklärungen und Befunden in der Literatur ergeben haben. Manchmal wird das Problem auch von außen an die Forscherin herangetragen, z. B. als Forschungsauftrag (das kann auch die Aufgabe sein, die Ihnen Ihre Betreuerin bzw. ihr Betreuer stellt). Gerade in der Psychologie sind Alltagsbeobachtungen ein interessanter Ausgangspunkt für Forschungsarbeiten. So können Beobachtungen, die sich ein Forscher bzw. eine Forscherin zunächst nicht erklären kann, zu der Frage führen: Warum verhalten sich Menschen in bestimmten Situationen so, wie sie sich verhalten? Wie erleben Menschen bestimmte Phänomene, wie ist ihre Wahrnehmung? Was denken sie dabei?

Insgesamt gibt es also viele mögliche Quellen für die Forschungsfragen, mit denen Sie sich in Ihrer Bachelorarbeit beschäftigen. Diese Forschungsfrage(n) zu finden und festzulegen, ist von zentraler Wichtigkeit, denn mit der Forschungsfrage bestimmen Sie, worüber Sie schreiben. In die Bachelorarbeit gehören nur Informationen, die zu dieser Fragestellung passen, sie ist das Leitmotiv für Ihre schriftliche Ausarbeitung. Die einzelnen Kapitel Ihrer Bachelorarbeit organisieren sich genau um die Fragestellung herum. Aus diesem Grund ist es elementar wichtig, dass Sie Ihre Forschungsfrage und damit Ihr Thema ganz klar in Zusammenarbeit mit Ihrer Betreuerin bzw. Ihrem Betreuer herausarbeiten und immer im Blick behalten.

Nach diesem Kapitel können Sie…

…die Bedeutung der Forschungsfrage für Ihre Bachelorarbeit erklären.

…den Unterschied zwischen Forschungsfragen und Hypothesen erkennen.

…Hypothesen für Ihre Bachelorarbeit formulieren.

2.1 Die Bedeutung der Forschungsfrage für die Bachelorarbeit

Sanduhr-Struktur des Textes

Warum ist die Forschungsfrage für Ihre Arbeit so wichtig? Zunächst einmal hilft Ihnen eine präzise formulierte Forschungsfrage, das Thema Ihrer Arbeit einzugrenzen. Aus der Forschungsfrage können Sie auch ableiten, wie Sie Ihre empirische Studie oder Ihren Review planen müssen, damit Sie eine Antwort auf Ihre Forschungsfrage finden können. Bem (2003) beschreibt die Forschungsfrage als Dreh- und Angelpunkt einer wissenschaftlichen Arbeit in der Psychologie. Dabei bezieht er sich nicht nur auf die Planung und Durchführung der Forschungsarbeit, sondern gerade auch auf die schriftliche Ausarbeitung. Der gesamte Text muss nach Bem (2003) um die Forschungsfrage herum organisiert werden. Er bedient sich zur Veranschaulichung der Metapher einer Sanduhr (siehe Abbildung 2.1). Der Text beginnt inhaltlich allgemein und breit, engt sich aber immer mehr ein und wird dann wieder breiter und allgemeiner bzw. verallgemeinernder.


Abbildung 2.1 Das Sanduhrmodell für die Struktur eines wissenschaftlichen Textes in Anlehnung an Bem (2003)

An der engsten Stelle einer Sanduhr muss der Sand hindurchlaufen. Diese engste Stelle Ihrer Bachelorarbeit entspricht Ihren Forschungsfragen und Hypothesen. Die Textabschnitte vor der Forschungsfrage müssen auf diese enge Stelle zulaufen, der Text nach den Forschungsfragen leitet sich aus der Forschungsfrage ab. Das bedeutet, die Theorien und Verweise auf frühere Forschungsarbeiten zum gleichen Thema strukturieren Sie so, dass Sie Ihre Leserinnen und Leser zu Ihrer Forschungsfrage hinleiten und dass sich Ihre Annahmen bzw. Hypothesen logisch daraus ableiten (siehe auch Kapitel 3). Aus der Forschungsfrage leiten sich außerdem die Vorgehensweise der Arbeit (siehe Kapitel 4) und die Auswertung (siehe Kapitel 5) ab. Schließlich erweitern Sie in der Diskussion die Perspektive wieder, wenn Sie Ihre Ergebnisse unter Einbezug der Theorien und anderer Forschungsarbeiten genauer beleuchten und im Vergleich mit anderen Arbeiten interpretieren (siehe Kapitel 6).


Im Online-Material können Sie Ihr Verständnis prüfen (Quiz 2).

2.2 Von der Alltagsvermutung zur wissenschaftlichen Fragestellung

Forschungsfragen

Eine erste wichtige Aufgabe ist also, die wissenschaftliche Fragestellung zu finden. Klären Sie zunächst, welches Ziel Sie mit Ihrer Bachelorarbeit verfolgen (siehe auch Kornmeier, 2018):

•Möchten Sie ein Phänomen beschreiben? Die zentrale Frage ist dann, wie ein Sachverhalt in der derzeitigen Lage konkret aussieht.

Beispielsweise wird oft behauptet, dass Abiturientinnen und Abiturienten aus der Schule anspruchsvolle Lernstrategien mitbringen. Aber wissen wir denn wirklich, welche Strategien die Studienanfängerinnen und -anfänger kennen und nutzen? Daher die (mögliche) Forschungsfrage: Welche Lernstrategien setzen Studierende zu Beginn ihres Studiums ein?

•Möchten Sie ein Phänomen erklären? Möchten Sie einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang auf den Grund gehen und herausfinden, warum etwas passiert, welche Ereignisse andere Ereignisse verursachen?

Bleiben wir bei den Studienanfängern: Angenommen, wir stellen fest, dass Studienanfängerinnen und -anfänger anspruchsvolle Lernstrategien aus der Schule mitbringen, diese aber im Studium nicht einsetzen, dann wäre es interessant, folgende Forschungsfrage zu bearbeiten: Warum favorisieren Studierende bestimmte Lernstrategien zu Beginn ihres Studiums?

•Möchten Sie zukünftige Zustände oder Entwicklungen prognostizieren? Wollen Sie also wissen, welche Auswirkungen bestimmte Faktoren (Prädiktoren) auf andere haben oder wie man Verhalten (nachweislich) beeinflussen kann? Sie könnten sich dann folgende Forschungsfrage stellen: Setzen die Studierenden anspruchsvolle Lernstrategien ein, wenn sie einen Anreiz dafür erhalten?

•Möchten Sie etwas verändern und das Verhalten beeinflussen? Wenn das Ihr Ziel ist, stellen Sie die Frage, wie bestimmte Maßnahmen oder Strategien funktionieren. Aus unserem Beispiel bietet sich als Forschungsfrage an: Hat ein Trainingsprogramm zum Thema Lernstrategien einen Einfluss auf das Verhalten und die Leistung der Studienanfängerinnen und -anfänger?

•Möchten Sie etwas bewerten (evaluieren)? Interessiert es Sie, ob bestimmte Maßnahmen funktionieren und eventuell auch, wie sie optimiert werden können? Eine mögliche Forschungsfrage wäre: Wie effektiv ist das Programm XY, um Lernstrategien zu vermitteln im Vergleich zu einem Appell an die Vernunft und Eigenverantwortung der Studierenden?

Wenn Sie sich über die Ziele Ihrer Bachelorarbeit Klarheit verschafft haben, sind Sie schon ein gutes Stück vorangekommen. Sie haben damit eine erste Arbeitsgrundlage, um das Thema weiter einzugrenzen. Die Beispiele für Forschungsfragen illustrieren, wie die Ziele der wissenschaftlichen Arbeit die Formulierung und damit Richtung der Forschungsfrage beeinflussen. Sie sind jedoch noch sehr weit gefasst. Deshalb ist es erforderlich, dass Sie Ihre Forschungsfrage noch präziser formulieren. Hier die Forschungsfragen, die in unseren drei Beispiel-Bachelorarbeiten untersucht wurden:


Waltraud und Valerie: Kann man mit Podcasts ganz nebenbei lernen?

Tobias: Sind Experimente im Chemieunterricht motivierend?

Lea: Welche Ereignisse empfinden Lehrer und Schüler im Unterricht als störend?


Wie lautet Ihre Forschungsfrage? Formulieren auch Sie die Frage, die Sie in Ihrer Bachelorarbeit untersuchen möchten.

2.3 Von der Forschungsfrage zu den Hypothesen

In der psychologischen Forschung werden Erkenntnisse systematisch aus Beobachtungen hergeleitet. Dabei ist das Ziel, möglichst zuverlässige und gültige Erkenntnisse zu gewinnen (siehe auch Kapitel 4). Im wissenschaftlichen Handeln haben sich unterschiedliche Wege zur Erkenntnisgewinnung, also zur Problemlösung herausgebildet (Hussy, Schreier & Echterhoff, 2013). Zwei für die psychologische Forschung typische Wege sind das induktive und das deduktive Vorgehen.


Unter Induktion versteht man, dass aus Einzelfällen auf Gesetzmäßigkeiten geschlossen wird.

Induktion

Wenn wir viele Kinder kennen, die gerne Pudding essen, schließen wir daraus, dass alle Kinder gerne Pudding essen. Die Induktion entspricht damit weitgehend der Alltagsstrategie, Erkenntisse aus Erfahrungen abzuleiten. Das Problem dabei ist, dass induktive Schlüsse nicht sicher sind. Vielleicht haben Sie Kinder vor allem in Mitteleuropa dabei beobachtet, wie sehr sie sich über Pudding zum Nachtisch freuen. Wenn Sie aber z. B. in asiatische Länder gehen, werden Sie Kinder erleben, die Pudding sehr skeptisch gegenüberstehen – das ist wahrscheinlich auch gut so, da die meisten Asiaten die Fähigkeit, Milchzucker zu verdauen, schon in sehr jungen Jahren verlieren (Vesa, Marteau & Korpela, 2000). Diese Beobachtung widerlegt also Ihre induktiv aufgestellte Regel. Induktive Schlüsse haben nur Wahrscheinlichkeitscharakter. Trotz dieses Nachteils hat auch die induktive Methode ihre Berechtigung in der Wissenschaft. Wenn Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten unbekannt sind, bleibt uns nichts anderes übrig, als sie zu erschließen. Die induktive Methode spielt also vor allem zu Beginn des Forschungsprozesses eine wichtige Rolle und ist damit Grundlage für andere wissenschaftliche Methoden. Um mit induktiven Schlussfolgerungen wissenschaftlich belastbare Aussagen zu treffen, ist eine sorgfältige und systematische Vorgehensweise wichtig (siehe Kapitel 4). Darin unterscheidet sich der wissenschaftlich induktive Schluss vom alltagspsychologischen Vorgehen, denn im Alltag ziehen Menschen oft weitreichende Schlüsse auf der Basis von wenigen, ins Auge fallenden, subjektiv eindrucksvollen Beobachtungen.


Beim deduktiven Vorgehen versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunächst eine grundlegende Theorie zu finden, die eine Antwort auf ihre Frage beinhalten könnte.

Deduktion

Die Theorie ist z. B. „Alle Kinder essen gerne Pudding“. Da Theorien immer in gewisser Weise unsicher sind, wird die Theorie dann in Bezug auf eine konkrete Frage geprüft. Dazu muss die Forscherin eine Hypothese, also eine Annahme aus der Theorie, für eine konkrete Situation ableiten.


Hypothesen sind konkrete, in der Realität überprüfbare Aussagen.

Hypothesen

Im Gegensatz zu den Forschungsfragen sind Hypothesen sehr konkret. Die interessierenden und zu untersuchenden Variablen werden in den Hypothesen explizit benannt, ebenso wie der vermutete und überprüfbare Zusammenhang/Unterschied/Einfluss. Wichtige Merkmale von Hypothesen sind:

•Sie beziehen sich auf reale, beobachtbare oder messbare Sachverhalte.

•Sie gehen über Einzelfälle hinaus.

•Sie sind falsifizierbar, d. h., es gibt potenziell Ereignisse, die der Hypothese widersprechen (Wörter wie „vielleicht“ oder „manch-mal“ haben in Hypothesen nichts verloren!).


Aus ihren Forschungsfragen leiteten die Autorinnen und Autoren unserer Beispiel-Bachelorarbeiten folgende Hypothesen ab (unvollständige Liste):

Waltraud und Valerie:

•Der Lernerfolg ist beim Lernort Universität höher als beim Lernort Bus.

•Das Lernen mit einem Podcast wird als schwieriger wahrgenommen als das Lernen mit einem Lehrbuch.

Tobias:

•Je höher das Interesse der Schülerinnen und Schüler an Chemie, desto besser ist ihr Lernerfolg.

•Schülerinnen und Schüler, die eine Unterrichtsstunde mit Experimenten erlebt haben, bewerten ihre Motivation höher als Schülerinnen und Schüler, die eine traditionelle Unterrichtsstunde erlebt haben.

Lea:

•Aktive Unterrichtsstörungen werden als störender empfunden als passive Unterrichtsstörungen.

•Lehrerinnen und Lehrer schätzen passive Störungen störender ein als Schülerinnen und Schüler.

Das Ableiten von Hypothesen ist auch Ihre nächste Aufgabe zur Spezifizierung Ihres Forschungsthemas. Da wir ja oben geschrieben haben, dass sich Hypothesen aus Theorien ableiten, sollten Sie sich zunächst Gedanken machen, welche Theorien einen Beitrag zu Ihrem Forschungsthema leisten, und daraus Annahmen ableiten für Ihren Untersuchungsgegenstand. Formulieren Sie nun Aussagen darüber, welche Ergebnisse Sie in Ihrer Untersuchung erwarten.


Formulieren Sie Aussagen, die konkret Ihre Erwartungen in Bezug auf die Ergebnisse Ihrer Untersuchung ausdrücken. Das sind Ihre Hypothesen.

2.4 Und wie geht’s weiter? Der wissenschaftliche Prozess

Am Beginn des wissenschaftlichen Prozesses steht die Neugier. Aus der Neugier heraus wird eine Forschungsfrage gestellt. Aus der Theorie werden überprüfbare Annahmen, also Hypothesen, für konkrete Situationen abgeleitet. Wie geht es weiter?

Forschungszyklus

Der Forschungszyklus ist in Abbildung 2.2 dargestellt. Die Forschungsfrage erfordert eine Untersuchung. Hierfür sind die Hypothesen zu prüfen. Dazu muss zunächst eine Studie konzipiert werden. Aus den Hypothesen wird abgeleitet, welche Variablen erfasst werden müssen und welches Forschungsdesign für die Untersuchung sinnvoll ist, damit die Ergebnisse möglichst zuverlässig sind (siehe Kapitel 4). Die Ergebnisse der Studie werden dann ausgewertet (siehe Kapitel 5) und mit Blick auf die Hypothesen und die Theorie, aus denen die Hypothesen abgeleitet wurden, interpretiert (siehe Kapitel 6). Meist ergeben sich daraus neue Forschungsfragen, die wiederum zu neuen Hypothesen und neuen Studien führen. So entwickeln sich Theorien stetig durch die Forschung weiter.

Auch mit Ihrer Bachelorarbeit tragen Sie zur Weiterentwicklung einer Theorie bei – vor allem, wenn Sie Ihre Erkenntnisse auch in einem Forschungsartikel veröffentlichen und/oder auf Konferenzen und Tagungen vorstellen. Vielleicht fragen Sie Ihre Betreuerin bzw. Ihren Betreuer nach dem erfolgreichen Abschluss Ihrer Bachelorarbeit nach den Möglichkeiten, diese gemeinsam der interessierten Öffentlichkeit vorzustellen?


Abbildung 2.2 Der Forschungszyklus von der Forschungsfrage über die Forschungsarbeit bis zur Generierung neuer Forschungsfragen

Tipps zum Weiterlesen:

Bem, D. J. (2003). Writing the empirical journal article. Zugriff am 30.07.2019 unter http://dbem.ws/WritingArticle.pdf

Esselborn-Krumbiegel, H. (2017). Richtig wissenschaftlich schreiben. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Kornmeier, M. (2018). Wissenschaftlich schreiben leicht gemacht: für Bachelor, Master und Dissertation (8., überarbeitete Aufl.). Bern: Haupt Verlag.

Tesser, A. (2000). Theories and hypotheses. In R. J. Sternberg (Ed.), Guide to publishing in psychology journals (pp. 58–80). New York, NY: Cambridge University Press.

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