Kitabı oku: «Malefizkrott»

Lisa Nerz, Ritterin von Zweifels Gnaden, reitet mitten zwischen die Windmühlen des deutschen Literaturbetriebs, während Sancho Richard Weber mit süffisanter Melancholie seine ganz eigenen Strippen zieht – was für ein Spektakel!
Malefizkrott ist ein Fest der zugespitzten Widersprüche und ein erzählsportliches Pokalspiel. In der Bücherbranche sind ja die Gut-Böse-Rollen klar verteilt: Schriftsteller/innen sind unterbezahlt, Verlage sind Ausbeuter (wobei die kleineren es sich selbst besorgen), Kritiker sind dünkelhaft, und Leser/ innen sind (leider) naiv genug, Bestsellerlisten für Qualitätsbeweise zu halten. Gegenwärtig verfällt überhaupt die Kultur: Konzerne erdrosseln die Vielfalt, TV und Internet buhlen um die letzte Freizeit verdienender Konsumenten, und wer am Elektronikhype verdient, erklärt gedruckte Bücher prinzipiell für überflüssig. Warenwirtschaft ist der Weg, Erfolg ist sexy, dies rechtfertigt jede Praxis von Personalschwund bis Bäumefällen. Längst ist erwiesen, wer den Vorteil und wer das Nachsehen hat: Opfer sind die kleinen Buchläden, die liebevoll beraten und sich auskennen. Täter sind Onlinekaufhäuser und gigantische Buchketten, für die Kultur nichts als Ware ist. Na und? Schluss mit dem nostalgischen Getue. Selber schuld, wer dem Geist der Zeit nicht gerecht wird. Die Politik hat auf den Markt gesetzt und darf bei Todesstrafe nicht gegen den Favoriten wetten. Gell?
Lisa Nerz betritt diese Szene mit entschlossener Ignoranz – sie weigert sich, Bücher zu verherrlichen – und sägt an allen Klarheiten, ganz wie es ihre Art ist. Und doch pflastern in diesem heißen Roadmovie Bücher ihren Weg, führen irre, verheißen Ruhm und enthalten Fährten, weisen Taten nach und Narben auf. Alles hängt mit allem zusammen, und die Spur führt vom Stuttgarter Bahnhof über Berlin ’68, Facebook und Waldidyll bis zur Buchmesse 2010. Malefizkrott ist Actionthriller, Burleske und Medienromanze, ein Abenteuerroman im Literaturdschungel. Tod der Unterwerfung! Es lebe das Buch.
Else Laudan
Dr. Christine Lehmann, geboren 1958, lebt in Stuttgart und Wangen (Allgäu) und ist als Nachrichten- und Aktuellredakteurin beim SWR tätig. Mit Lisa Nerz schuf sie eine provokante Serienheldin, die der hiesigen Krimikultur frische Impulse verpasst. Christine Lehmann schreibt Romane und Kurzkrimis, Kriminalhörspiele (Radio Tatort), Glossen und Artikel (z. B. für Das Argument) und verfasste mit Fahnder Manfred Büttner Von Arsen bis Zielfahndung – ein Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige.
Coverskulptur von Wolfgang Thiel: *1951 in Zweibrücken, lebt in Stuttgart, bestückt seit den 80ern Stadt und Land mit seinen quietschbunten Plastiken. War einmal der Kunstlehrer der Autorin. Sein Thema ist der Mensch – meist Madonnen, Engel, Mannequins, Amazonen, Weibsbilder. www.atelier-thiel.de
Christine Lehmann
Malefizkrott
Ariadne Krimi 1185
Argument Verlag
Ariadne Krimis
Herausgegeben von Else Laudan
www.ariadnekrimis.de
Christine Lehmann bei Ariadne:
Vergeltung am Degerloch (Ariadne Krimi 1165)
Gaisburger Schlachthof (Ariadne Krimi 1167)
Pferdekuss (Ariadne Krimi 1171)
Harte Schule (Ariadne Krimi 1157)
Höhlenangst (Ariadne Krimi 1161)
Allmachtsdackel (Ariadne Krimi 1169)
Nachtkrater (Ariadne Krimi 1173)
Mit Teufelsg’walt (Ariadne Krimi 1179)
Notorisch Nerz – Storys (Ariadne Krimi 1181)
Malefizkrott (Ariadne Krimi 1185)
Zusammen mit Manfred Büttner:
Von Arsen bis Zielfahndung – Das aktuelle Handbuch
für Krimiautorinnen und Neugierige
Deutsche Originalausgabe
Alle Rechte vorbehalten
© Argument Verlag 2010
Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg
Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020
www.argument.de
Umschlag: Martin Grundmann, unter Verwendung einer
Skulptur von Wolfgang Thiel
Lektorat & Satz: Iris Konopik
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
ISBN 9783867549509
Erste Auflage 2010
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Warnung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Fußnoten
Warnung
Dies ist ein Buch über den lustigen Literaturbetrieb, zu dem Verleger, Vertreter, das Feuilleton, Buchhändlerinnen und Buchhändler, Väter und – ach ja – auch Schriftsteller/innen gehören. Nichts in dem Buch ist in Wirklichkeit so gewesen, wie ich es schildere. Ich habe Typen, Typisches und Historisches, selbst die heilige Literatur benutzt und verfälscht, wie ich es brauchte, um meine Geschichte zu erzählen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen – insbesondere Autor/innen, Verleger/innen und Buchhändler/innen – sind nicht beabsichtigt. Trotzdem werden Sie versucht sein, den einen oder die andere wiederzuerkennen, einfach, weil sie Unikate waren oder sind. Doch nicht über die Unikate im Literaturbetrieb habe ich geschrieben, sondern über den ganz normalen Wahnsinn.
Christine Lehmann
Ein Kenner der Buchmacherey wird – als Verleger – nicht erst darauf warten, daß ihm von schreibseligen allzeit fertigen Schriftstellern ihre eigene Ware zum Verkauf angeboten wird; er sinnt sich – als Direktor einer Fabrik – die Materie sowohl als die Façon aus, welche mutmaßlich – es sei durch die Neuigkeit oder auch Skurrilität des Witzes, damit das lesende Publikum etwas zum Angaffen und zum Belachen bekomme – welche, sage ich, die größte Nachfrage oder allenfalls auch nur die schnellste Abnahme haben wird.
Immanuel Kant, Über die Buchmacherey
zwei Briefe an Herrn Friedrich Nicolai, 1798
1
Ich bin die Erste, die auf der Frankfurter Buchmesse erschossen wird, dachte ich, als ich in die Mündung blickte. Es war eine Pistole mit Schalldämpfer. Sie verlängerte den Arm eines Mannes mit einem zu alten Gesicht für das dunkle Haar. Er trug Jeans und eine Cordjacke wie tausend andere der Literaten, Verleger oder Kritiker, die über die Messe eilten, und über der Schulter eine alte Herrentasche.
Zeugen? Keine. Kein Mensch zu sehen. Der Gang spiegelte das Licht der Düsternis, die so einen Gang ausmacht, der vielleicht zu Büros führt oder ins Nichts. Woanders herrschte Leben, waren Leute, standen Bücher, verließen Genies mit einem Bündel Text in der Tasche auf der Suche nach der Chance ihres Lebens frustriert die Messe. Sie alle würden nichts hören, wenn er feuerte.
Vermutlich würde ich es auch nicht hören. Am lautesten würde das Klirren der ausgeworfenen Patronenhülse auf dem Boden sein. Dann würde irgendwo Blut aus mir quellen. Klebrig und heiß. Schmerz würde ich keinen fühlen. Wenn er mein Herz nicht traf, wäre ich auch nicht gleich tot. Und solange ich das noch denken konnte, hatte er es nicht getroffen. Ich würde nur umfallen oder die Orientierung verlieren, plötzlich liegen und das Loch in mir zuhalten. Während er fortlief, dem Ziel entgegen, das er seit gut einem halben Jahr voller Hass und Wahnsinn verfolgte.
Nicht ohnmächtig werden! Bleib wach, Lisa Nerz! Das ist wichtig.
Jemand wird kommen, mir eine Jacke unter den Kopf legen. Man wird Notarzt und Krankenwagen rufen. Dann die Notoperation. Ich habe durchaus eine Chance.
2
Die Affäre Lola Schrader begann unauffällig im Frühsommerdauerregen des Jahres, in dem Deutschland wieder nicht Fußball-Weltmeister wurde. Richard Weber, der die Zeitung bis in alle Winkel der Veranstaltungshinweise und Notrufnummern las, rief mich an und sagte: »Heute Abend liest Lola Schrader in der Buchhandlung Ursprung.«
»Rettet uns das?«, fragte ich.
»Sie ist die Tochter der Schauspielerin Marlies Schrader.«
Ich kramte in meinem Bildergedächtnis. »Eine Blondine?«
»Nein, eine Brünette. Ich glaube, sie spielt auch in irgendeiner Soko mit.«
»Und deren Tochter schreibt Gedichte?«
»Nein, Romane, zumindest einen.«
»Ist sie blond?«
»Weiß ich nicht, Lisa. Aber sie liest bei Durs Ursprung. Das ist nicht nichts. Außerdem war ich seit Jahrzehnten nicht mehr dort. Ich wusste gar nicht, dass es den Laden noch gibt.«
Ich hatte nie gewusst, dass es ihn gab. Buchläden sind nicht so mein Ding.
»Er hatte früher die beste antiquarische Sammlung juristischer Bücher«, schwärmte der Oberstaatsanwalt, »und das Schöne war für mich als Jurastudent: Die meisten hatten Markierungen und Kommentare anderer Studenten. Also, was ist? Kommst du mit?«
»Ich habe nichts zum Anziehen!«
Richard lachte. »Sagen wir, um sieben am Tor?«
Mein Kleiderschrank stand im Badezimmer, das größer war als meine Schlafzelle. Nach dem Brand in der Wohnung über mir und dem Wasserschaden hatte ich mit dem Gedanken gespielt, die Neckarstraße aufzugeben. Aber ich war sowieso nie richtig eingezogen. Warum nicht die Chance nutzen, aus der Behausung eine Wohnung zu machen? Überlebt hatte nur der alte Kneipentisch und seine vier Stühle. Der Rest war neu: Küche, Tapeten, Sofa, Fernseher, Regale im Schlafzimmer für die Bücher, die ich bisher in Pappkartons unterm Bett gelagert hatte, der Kleiderschrank und der Teppich im Badezimmer, in das ich außerdem ein rundes Tischchen und zwei Designerplastikschalensessel gestellt hatte, einfach nur, weil sie gut aussahen.
Auch wenn das Schöne und Unnütze schleichend Macht über mich gewann, für meinen Auftritt bei einer schöngeistigen Veranstaltung und die Begegnung mit einer jungen – sicherlich hübschen – Autorin brauchte ich was Abschreckendes.
Ich ließ die Lesben-Konzepte Revue passieren. Wenn Männer sich nach Gusto anziehen, geht es nicht darum, gut auszusehen, sondern zum Fürchten. Früher hatte man Messer und Kriegsbemalung, heute gibt es bollerige Jeans, Ringelshirts und bunte Windjacken. Für den Business-Auftritt hat die Lesbe einen dunkelgrauen Dreiteiler mit Hemd, Halstuch und Taschenuhr. Sublim wird’s, wenn sie sich in Rock und Boutiquenjacke schlägt und in Pumps auf die Weltbühne stampft, als sei sie ein geschminkter Mann. Konnte ich alles bieten. Aber im Grunde wollen wir nur das eine: Hardcore. Damals hatte ich gerade im Kino die letzte Folge der Verfilmungen dieses schwedischen Erfolgsautors gesehen – Sie wissen schon, der gestorben ist, bevor er berühmt wurde – und mich in den Comicpunk der Heldin verkuschelt. Das bin ja ich!, hatte ich in der Dunkelheit des Kinos gedacht, nur eben schon viel länger als die. Es war mir eine Erleuchtung gewesen. Seit vierzig Jahren suchte ich mein Ich. Und da sprang es auf der Leinwand umher, dünner, hübscher, mit Asperger-Syndrom – ich habe weniger spektakuläre, bin auch nicht hochbegabt und würde weder einen Kopfschuss überleben, noch aus meinem eigenen Grab krabbeln. Andererseits, wer weiß … Geld habe ich auch.
Im Grunde brauchte ich nicht zu überlegen. Ich zog die Jeans an, die ich mir kürzlich im Abseits für ein Vermögen gekauft hatte: hell, weit, zerschunden, löchrig und ölverschmiert, dazu Bikerstiefel, die Motorradjacke mit Kupfernieten und immer klirrenden Schnallen an Ärmeln und Hüfte, einen schwarzen Hoody mit Kapuze über dem Jackenkragen und jede Menge Leder um die Handgelenke. Vor dem Spiegel bepinselte ich Wimpern, Brauen und Lider und sprayte die eine lange schwarze Strähne meines ansonsten blondierten Kurzhaars über die Stirn ins Auge. Nicht zu vergessen die Narben, die mir einst eine berstende Windsschutzscheibe ins Gesicht geschlagen hatte. Sie waren in all den Jahren verblasst. Deshalb schattierte ich sie zu besonderen Gelegenheiten mit einem roten Kajal dezent ab.
Cipión stand mit gesenkter Rute in der Tür. Der Dackel wusste: Je länger ich vor dem Badezimmerspiegel mit Stiften klackerte, desto geringer war seine Chance, mitgenommen zu werden.
»So, ziehet Sie wieder amol in den Krieg?«, fragte Oma Scheible im Treppenhaus. »Passetse uf, gell!«
Draußen herrschte Getröpfel. Schirme verhakelten sich auf dem schmalen Fußweg zwischen Parkplätzen und den Schaufenstern von Sparback und Fimse. Am Ausfahrttor der Staatsanwaltschaft, meinem Haus genau gegenüber, stieg ich in Richards Limousine. Er trug einen bräunlichen Dreiteiler, Schlips und Platinmanschettenknöpfe und den Hochmut des Erfolgs. Dabei ging es ihm gar nicht gut derzeit.
Die Buchhandlung Ursprung lag in der Gerberstraße. Sie war gerade mal eine Tür und ein Fenster breit. Davor stand ein Schemel mit Tisch und Aschenbecher. An der Tür hing ein mit dem Computer gebasteltes Plakat mit der Einladung zur heutigen Lesung. Haare von gewaltiger Schwärze erdrückten das Gesicht der kindlichen Autorin.
»Wir sind zu früh«, bemerkte ich. »Es beginnt zwanzig Uhr, nicht neunzehn Uhr dreißig!« Ein Irrtum, der Richard eigentlich nicht zu unterlaufen pflegte. In seinem Gedächtnis blieben Zahlen und Namen haften wie an einem Fliegenfänger.
»Hm«, machte er, zündete sich eine Zigarette an und ließ den Blick zum Cowboystiefelladen an der Ecke wandern. »Eigentlich schade ums Gerberviertel«, bemerkte er. »In ein paar Monaten ist es umzingelt von Baustellen. Dann können die Läden alle dichtmachen.«
»Du kaufst eh keine Cowboystiefel.«
»Ich denke nicht immer nur an mich, Lisa! Das sind Existenzen. Die meisten Ladeninhaber haben Schulden gemacht, die noch lange nicht abbezahlt sind. Und abgesehen davon, meine Lesebrille habe ich da drüben um die Ecke in der Sichtbar gekauft. Und in der Nesenbachstraße gibt es den einzigen Krimibuchladen von Stuttgart, das Under-Cover.«
»Du liest doch gar keine Krimis, Richard. Zu viele Leichen, zu viele Morde!«
Schon die beiden Schlüsselworte machten ihn schaudern. Er war noch empfindlicher geworden seit der Sache mit der toten Familienrichterin und dem Findelbaby, das er nach fünf Tagen Vaterglück seiner biologischen Mutter hatte zurückgeben wollen und müssen.1 Seitdem arbeitete er bis zum Wachkoma und verbrachte seine Freizeit entweder auf dem Tennisplatz, im Fitnessstudio, in Balingen bei seiner Mutter oder an seinem Bechsteinstutzflügel. Und er hatte seinen Urlaub verfallen lassen.
»Ob Durs Ursprung das überlebt, weiß ich nicht«, sinnierte Richard und blies den Rauch in den gerade mal trockenen Regenhimmel über den Häusern der schmalen Gasse. »Stuttgart würde was verlieren. Zu seinen Lesungen sind alle gekommen, die Philosophen der Frankfurter Schule: Marcuse, Habermas … Die Großen aus der Gruppe 47. Sogar Böll war hier, in Ursprungs Keller. Peter Handke, der hat hier die Gruppe 47 beschimpft: dumme und läppische Prosa. Und Martin Walser hat von einem imperialistischen Monopol zur Einschüchterung von Kritikern, Lesern und Öffentlichkeit gesprochen.«
Das war vor meiner vernunftbegabten Zeit gewesen. »Wieso Einschüchterung?«
»Das ist wie heute. Wenn unser Fernsehkritiker Heinrich Weinrich alle Vierteljahr einen Autor einlädt und drei weitere Bücher in die Kamera hält, dann haben eben nur zwölf im Jahr das große Los gezogen.«
»Aber Einschüchterung?«
»Wen er abkanzelt, der ist für den Rest seines Lebens gezeichnet und schreibt nur noch, um sich an Weinrich zu rächen.« Richard wandte sich zum Schaufenster um. »Durs Ursprungs Laden war immer anders. Hier stehen Bücher, die niemand lobt oder kritisiert. Hier steht alles!«
Deshalb mag ich keine Buchhandlungen. Es sind mir zu viele Bücher. Sie schreien nach Respekt, jedes einzelne für sich. Und nicht nur die alten, über die man reden können sollte. Sie alle wollen Erfolg von mir und beschimpfen mich, weil ich sie nicht kaufe. Manche werden frech, springen mich an. Nimm mich, verschenk mich! Tod in Degerloch, Tod im Trollinger, Tod am Hölderlinplatz … Brrr! In Krimis sind Frauen immer entweder blondes Gift oder vergiften andere oder beides.
»Und in dieser Fensterecke«, fuhr Richard fort, »hingen früher die Schriftsätze vom Gericht, wenn Durs Ursprung mal wieder einen Spendenaufruf für eine Zahnbehandlung von RAF-Terroristen unterschieben hatte oder dergleichen.«
»Jaha, das waren noch Zeiten!«, seufzte ich mit falscher Inbrunst.
Richard löschte die Kippe im Aschenbecher auf dem Tisch neben der Tür, als ich mir gerade selbst eine anzünden wollte. »Buchhändler wie Durs sind eine aussterbende Art.«
Ich steckte meine Schachtel wieder weg. Die Tür streifte ein Glöckchen. Der Laden war eng. Und das lag an den Büchern. Es waren zu viele. Sie füllten nicht nur die Regale, sie stapelten sich auch auf dem Boden. In wankenden Türmen. Im vorderen Bereich lagen auf einem Tisch ein paar Zugeständnisse an den Mainstream, die neuesten Mankells, Suters, Browns und Schätzings und ein paar Gartenbücher. Der hintere Teil war staubgewordene Literaturgeschichte, durch die sich schmale Pfade schlängelten. Sogar auf den Stufen einer Treppe, die in den Keller führte, türmten sich die Schwarten.
Am Kassentresen stand ein kleiner Mann in grünem Hemd mit gesundem Bäuchlein, Glatze und an die siebzig Jahren im Gesicht, auf dem ein amüsiertes Lächeln lag.
»’n Abend«, murmelte Richard. Der breitbrüstige Staatsanwalt wirkte verblüffend schüchtern. Während sein Blick über die Bücherregale und Stapel glitt, ruhten die blauen Augen des Buchhändlers auf mir. Und er dachte gar nicht daran, daraus ein Hehl zu machen.
So ist es recht!, dachte ich. Schau du nur! So was wie mich gab’s früher nicht. Ich bin queer, original Falschgeld, transgender und polyamant. Falls du weißt, was das ist.
Durs lächelte. Womöglich dachte er, ich hätte mich in der Tür geirrt. Die Homo-Buchhandlung Erlkönig befand sich eine Kopfsteingasse weiter, in der Nesenbachstraße. In den Anfängen meiner Stuttgarter Zeit, als ich im Auftrag der einen oder anderen Kollegin des Lesbenmagazins Amazone Bücher zu klauen pflegte – auch mal einen Bildband mit nackten Kerlen –, hatte sich der Erlkönig noch ganz woanders befunden. In Stuttgart wanderten die Läden. Die kleinen an den Rand, die großen ins Zentrum.
»Ist das dichtende Kind schon da?«, erkundigte ich mich. Ich hatte das unwiderstehliche Bedürfnis, das buddhistische Lächeln des Buchhändlers aufzustechen, indem ich ihn zum Reden zwang. Vermutlich eine Falle, in die alle Kunden tappten. Und schon hatte man sich ihm ausgeliefert.
»Bist du von der Presse?«, fragte er zurück. »Ich kenne dich nicht. Du warst noch nie hier.«
»Schwabenreporterin Lisa Nerz. Freelancer«, sagte ich.
Der Buchhändler lächelte. Er hatte nichts verraten, ich alles. Sein Blick sprang zu Richard.
Ich hob Hände und Augenbrauen: Gehört nicht zu mir, kenne ich nicht!
Für einen Augenblick verlor Durs sein Lächeln und sah gallig aus. Vielleicht erkannte er, was ein Staatsanwalt war. Davon bekam Richard jedoch nichts mit. Er ging in der Nähe der Treppe aufs gut betuchte Knie, stabilisierte mit einer Hand einen Buchturm und zupfte geübt mit Daumen und Zeigefinger aus dem unteren Drittel ein kleinformatiges Buch hervor: harter Pappdeckel in meliertes Papier geschlagen, ordentlich gebunden.
Durs zog die Brauen hoch. »Alter Kunde?«
Richard drehte sich um. Seine Hand mit dem Buch zitterte. »Das … das haben Sie noch?«
Durs Ursprung lächelte. Für solche Momente war er Buchhändler geworden. Damit harte Männer in guten Anzügen wie Richard weiche Stimmen bekamen.
»Wie hieß doch dieser Roman mit dem Friedhof der vergessenen Bücher?«, überlegte Richard. »La sombra del viento.2 Die Idee ist bestrickend. Man fragt sich, warum vorher noch nie jemand darauf gekommen ist.«
»Vielleicht das Geheimnis guter Bücher«, bemerkte Durs.
»Auf diesem Friedhof dürfen sich manche ein Buch aussuchen, das für eine gewisse Zeit Teil ihres Lebens wird, bis sie es wieder zurückstellen und dem ewigen Vergessen anheimgeben. Ich glaube, dass jedem Menschen – sofern er liest – in seiner Jugend ein Buch in die Hände gefallen ist, das ihn mehr berührt hat als jedes andere, auch wenn seine Qualität zweifelhaft war. Erwähnt man dieses Buch später einmal, schütteln alle ratlos die Köpfe. Doch im eigenen Kopf ist es immer präsent, eine Geschichte, eine Figur, eine Idee, die einen für das ganze Leben unauffällig prägt.«
Durs lächelte wissend.
»Auf der anderen Seite verzweifelt ein Autor an seiner Erfolglosigkeit. Er setzt alles daran, die wenigen Exemplare einer winzigen Auflage, die noch übrig sind, zu vernichten, zu verbrennen. Denn den Geist eines Buchs vernichtet man nur durch Feuer …«
»Geht am schnellsten«, bemerkte ich. »Papier verrottet schlecht, brennt aber gut.«
Es war ein sonderbares Blickgefecht, das die beiden Schwaben ausfochten. Richards Hand zitterte nicht mehr. Allerlei Bildung auffahren und reden war das Mittel seiner Wahl, um mit seiner eigenen Erregung fertigzuwerden. So hart, wie er das gefundene Buch mit der Hand umspannte, war er noch immer nicht so ruhig, wie er zu sein wünschte.
»Doch es wird ihm nicht gelingen«, fuhr er fort. »Auf dem Friedhof der vergessenen Bücher wird ein Exemplar überleben. Und so muss der Autor wahnsinnig werden angesichts seiner Ohnmacht, darüber zu bestimmen, ob er Anerkennung bekommt. Bekommt er sie nicht, kann er doch das Zeugnis seines Versuchs niemals mehr zurücknehmen. Hat er seine Welt – und jedes Buch enthält eine Welt, die es vorher nicht gab – einmal aus der Hand in die Öffentlichkeit gegeben, ist sie nicht mehr zu vernichten. In mindestens einem Kopf bleibt sie lebendig.«
Durs hob das Kinn. »Und dieses Buch da«, Richard siezte er, »ist nun jenes, welches Ihnen in die Hände gefallen ist?«
»Es hat mir einer in Ihrem Laden geschenkt«, erwiderte Richard. »Ich hatte es gerade aus einem Stapel gezogen. Ein anderer, ein Schriftsteller, den Sie gut kannten, sah mich – 1967 war das.«
In mir stöhnten die Jahrzehnte. Da war ich gerade eben so auf der Welt gewesen.
»Er erzählte Ihnen, Herr Ursprung, er habe als junger Mann nie Geld gehabt, um sich Bücher zu kaufen. Oftmals habe er sich gewünscht, es möge ihm einer ein Buch schenken. Deshalb wolle er mir nun dieses schenken.«
Richards Finger lösten sich langsam, als falle es ihm schwer, das Büchlein aus dem Schutz seiner warmen Hand zu entlassen. Während er es hochhielt, damit wir den Titel sehen konnten, bemerkte ich auf der Rückseite einen eigenartig schwarzen Fleck mitten im melierten Deckel.
»Dieses Buch war Schloss und Fabrik von Louise Otto«, erläuterte Richard. »Ich hätte es mir nicht ausgesucht, wenn ich mir ein Buch hätte aussuchen dürfen, das ein anderer bezahlt.«
Durs schmunzelte.
»Ein Werk einer großen Frauenrechtlerin des Vormärz, heute bekannt unter dem Namen Otto-Peters«, erklärte Richard. »Sie schrieb nicht nur für die Rechte der Arbeiter, sondern auch für die der Arbeiterinnen.«
Ich grinste Unwissenheit in den Laden. Mein Feminismus hatte erst in den achtziger Jahren begonnen. Dafür aber sehr lila.
»Der erste Band von Schloss und Fabrik ist 1846 erschienen und sofort von der Zensur verboten worden. Eine zensierte Ausgabe kam ein paar Jahre später, drei Bände. Erst 1996, nach dem Fund der Zensurakten, ist es dann wieder aufgelegt worden.«
»Also ist es gar kein vergessenes Buch«, bemerkte ich.
»Wie man es nimmt. Louise Otto-Peters ist als erste Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins bestimmt noch einigen ein Begriff. Aber Schloss und Fabrik gehört sicherlich zu den Büchern, an denen nur hartgesottene Literaturwissenschaftler…äh…innen ihre Freude haben. Im Bücherschrank meines Vaters befand es sich jedenfalls nicht.« Er lachte kurz und bitter. Sein Vater hatte auf der anderen Seite gestanden. Er war Fabrikant gewesen, wenn auch ohne Schloss.
Vorsichtig schlug Richard das Buch auf. Die Bindung knackte leise. Er holte die Lesebrille aus dem Jackett, überflog eine Seite, lächelte peinlich berührt und las vor: »›Thalheim mogte …‹«
»Mogte? Himmel!«
»›… mogte einige dreißig Jahre zählen. Die Züge seines Antlitzes waren von männlicher Schönheit und antiker Regelmäßigkeit; aber aus den leichten Furchen seiner hohen, breiten Stirn, Furchen, welche nur der Schmerz gezogen haben konnte, war bald zu lesen, daß manch hartes Geschick den Mann getroffen haben mogte, und die Blässe seines Antlitzes, das dunkle Feuer, das in seinen tiefblauen Augen brannte, das schmerzliche Zucken um den Mund, das die Oberlippe emporzog und ihn halb öffnete, so daß man eine Reihe großer mormorweißer Zähne gewahrte, deutete auch jetzt auf ein schmerzlich bewegtes Inneres. Bei all dem aber konnte Thalheims Anblick auch in seiner jetzigen niedergebeugten Stellung weniger Mitleid als Ehrfurcht erwecken. Etwas Unaussprechliches, Unnennbares prägte sich in seiner Gestalt, auf seinem Gesichte aus, etwas Heiliges, Unüberwindliches.‹«
»Was ’n Kitsch!«, seufzte ich und wischte mir eine Träne aus dem Auge, die meine zur Nadel geschmierte Haarspitze gestochen hatte.
Richard hielt den Blick gesenkt und gestand: »Schon hier im Laden, als ich das Buch aufschlug, hat es mir genau diese Stelle angeboten. Ich befand mich damals in einer schwierigen Lebensphase. Ich hatte mich mit meinem Vater überworfen, ich fühlte mich ausgestoßen und gesichtslos. Ich suchte nach meinem Gesicht, nach einem Gestus, den ich mir und meinem Leben geben konnte. Und fand es«, wieder zuckte sein Mund peinlichst berührt, »in diesem Thalheim, dem edlen Arbeiter, dem heimlichen Schriftsteller, der sich aus Gründen unverdienter Armut hatte verdingen müssen und um seine Würde ringt. Er ist … er war lange Zeit so etwas wie ein … Vorbild möchte ich nicht sagen … eine Selbstprojektion.« Richard blickte uns über die Brillenränder hinweg herausfordernd an. »Manchmal denke ich, Bücher sind das Privateste überhaupt. Was wir mit ihnen erleben, bleibt unser Geheimnis, vielleicht unser größtes.«
Warum lüftete er es jetzt?
Durs hatte, ohne es zu merken, die Hand ausgestreckt.
»Ja«, sagte Richard, »ich hatte schon damals den Eindruck, dass Sie das Buch lieber behalten hätten.«
Durs ließ die Hand fallen.
»Tatsächlich ist es ein Buch, das es gar nicht geben sollte. Es ist ein Unikat. Bücher sind normalerweise keine Unikate, es widerspricht ihrem Charakter. Aber dieses hier ist eines. Es ist ein Zwitter aus Alt und Neu. Es ist in Fraktur gedruckt, der Einband ist neu. Und es enthält etwas, was nicht hineingehört.«
Richard blätterte. Wir warteten gebannt, der Buchhändler und ich.
In der Stille hörte man Schritte von unten die Treppe herauftappen. Ein schwerfälliger Mittvierziger erschien. Er trug einen verzogenen Pullover und Jeans. Sein Kinn zierte ein geflochtener Knebelbart, die Haare hatte er zum Pferdeschwanz zurückgebunden, seine Oberlippe war rasiert. Er war Durs wie aus dem Gesicht geschnitten, nur fehlte seiner Galligkeit der Schleier des Lächelns. »Abend!«, sagte er und begab sich geschäftig hinter die Kassentheke. Er bückte sich und wuchtete ein Postpaket auf den Tisch.
Wir wandten uns wieder Richard zu, der mit aufgeschlagenem Buch vor uns stand und darauf wartete vorzulesen. Doch was er uns präsentierte, war unerwartet anders als das »mogte« Thalheims.
»›Mit einem neuen Gag in der vielseitigen Geschichte amerikanischer Werbemethoden wurde jetzt in Brüssel eine amerikanische Woche eröffnet: Ein ungewöhnliches Schauspiel bot sich am Montag den Einwohnern der belgischen Metropole: Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl, dabei zu sein und mitzubrennen, das wir in Berlin bislang noch missen müssen …‹« Richard blickte uns über die Lesebrille hinweg an. »Eine Anspielung auf den Brand im Brüsseler Kaufhaus A l’innovation im Mai 1967. Dabei kamen 322 Menschen ums Leben. Vietnamkriegsgegner hatten Böller hochgehen lassen.«
»Übel!«, bemerkte ich.
Durs nickte erinnerungsschwer.
»Und hier heißt es«, fuhr Richard fort: »›Sosehr wir den Schmerz der Hinterbliebenen in Brüssel mitempfinden: Wir, die wir dem Neuen aufgeschlossen sind, können, solange das rechte Maß nicht überschritten wird, dem Kühnen und Unkonventionellen, das bei aller menschlichen Tragik im Brüsseler Kaufhausbrand steckt, unsere Bewunderung nicht versagen.‹«
Der Bärtige hinter der Kassentheke lachte meckernd. »Nichts freut den Literaten mehr als der Tod.«
»Das ist ein Flugblatt der Kommune 1«, antwortete Richard mit gerunzelter Stirn.
»Und was macht das in einem Buch aus dem Vormärz?«, fragte ich.
»Es war in Zeiten vor dem Internet eine Möglichkeit, indizierte Texte in Umlauf zu bringen, versteckt unter einem irreführenden Buchtitel und ersten Kapiteln. Orwells 1984 war so in der DDR jahrelang im Umlauf. Dieses Büchlein hier konnte im Bücherschrank eines APO-Studenten stehen, ohne Verdacht zu erregen.«
»Da stand es aber nicht, sondern hier!«, bemerkte ich.
»Das hat mir einer dieser Verrückten untergeschoben!«, sagte Durs. Es klang wie eine Ausrede aus der Mottenkiste.
Der Mann mit dem geflochtenen Kinnbart lachte wieder. »Ich dachte, sie hätten dich immer nur beklaut, die Linken, nicht beschenkt.« Er hatte eine Schere in der Hand, ließ sie zweimal schnappen und hieb sie ins Klebeband des Postpakets, um es aufzuratschen.
»›Unsere belgischen Freunde haben endlich den Dreh heraus‹«, las Richard weiter, »›die Bevölkerung am lustigen Treiben in Vietnam wirklich zu beteiligen: Sie zünden ein Kaufhaus an, dreihundert saturierte Bürger beenden ihr aufregendes Leben, und Brüssel wird Hanoi.‹«
»Klingt schwer nach RAF«, sinnierte der Knebelbart. Er war dabei, Bücher mit callgirlrotem Cover neben der Kasse zu stapeln.
»Die Kommune 1 war nicht die RAF!«, wies ihn Durs zurecht.
»Aber damit hat es angefangen«, sagte Richard. »Etwa ein Jahr später, im April 1968, kundschafteten Baader, Ensslin und zwei weitere in Frankfurt Kaufhäuser aus und legten in zweien Brandsätze mit Zündzeitverzögerern …«
Die beiden Buchhändler blickten Richard erschrocken an.
»Äh … mit Zeitzündern«, korrigierte er sein Strafaktendeutsch, »die um Mitternacht losgingen. Das Feuer richtete nur geringen Schaden an, aber es löste die Sprinkleranlagen aus. Der Sachschaden betrug mehr als eine halbe Million Mark.«
»Oha!«, sagte ich. »Und so ein brandgefährliches Buch hast du besessen?«
Durs schlitzte die Augen. Also doch!, dachte er sichtbar, die gehören doch zusammen.
»In der Tat, es hat mir in den Händen gebrannt!«, sagte Richard. »Der Zynismus der Texte hat mich erschreckt. Bis heute fällt es mir schwer, einzusehen, dass sie ironisch gemeint sind. Damals war ich ein reichlich unpolitischer, desorientierter junger Mensch, der hoffte, seine ersten Semester Jura in Tübingen zu überleben, und davon träumte, in eine schlagende Verbindung aufgenommen zu werden.«
Durs verzog das Gesicht durchaus verzeihend.
»Die Medien bliesen zur Jagd auf das, was sie unreife Ignoranten und Kommunisten mit SA-Methoden nannten. Man prügelte auf Demonstranten ein.«
Wir dachten, es käme noch was, aber Richard schwieg plötzlich.
»Und da dachten Sie, Sie legen das Buch zu Ursprung zurück, der steht eh mit einem Bein im Gefängnis«, bemerkte Durs Ursprung.
»Nein, ich dachte daran, es zu verbrennen. Das gestaltete sich jedoch schwieriger als angenommen. Bei Nacht ist jedes Feuer hell, bei Tag gucken andere zu, auf der Neckarwiese ist man nie allein, auch im Wald nicht, und zu tief ins Unterholz traute ich mich nicht, nachher hätte ich noch einen Waldbrand verursacht.«
Durs konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Ich hinkte wie üblich hinterher und verstand nichts. »Was hat das Buch denn aber hier im Laden zu suchen gehabt?«
Richard blickte mich über die Brille hinweg an.
»Ich meine, Flugblätter heißen Flugblätter, weil sie überall umherfliegen. Und die Flugblätter der Kommune 1, die brauchte man doch nicht in einem Buch aus dem Vormärz zu verstecken und dann hier zu deponieren.«
»Wenn Sie politisch naive Studenten wie mich erreichen sollten, dann schon.«
Ich musste lachen. »Und weil Thalheim dein rationales Immunsystem geschwächt hat, konnten die Kommunardentexte dich ebenfalls infizieren. Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht!«
»Bis dahin fließt noch viel Wasser den Nesenbach runter«, bemerkte der Mann mit dem Knebelbart.
Durs Ursprung schlitzte die blauen Augen. »Herr … äh …«
»Weber, Richard Weber.«
»Herr Weber. Kann es sein, dass ich Sie kenne?«
Richard hielt dem Blick des Alten stand. »Das glaube ich kaum.«
»Warum haben Sie das Buch nun zurückgebracht?«
»Ich wollte für unbestimmte Zeit nach Argentinien gehen.3 Ein neuer Lebensabschnitt begann, und«, Richard lächelte schief, »über Thalheim war ich hinweg. Doch wegwerfen kann ich Bücher bis heute nicht. Ich finde, sie passen nicht in die Mülltonne zwischen Kartoffelschalen und Milchtüten. Das kann man dem schäbigsten Buch nicht antun. Und Papiertonnen gab es damals noch nicht …«
»Und das war …«
»Kurz vor Weihnachten 1978.«
»Im Deutschen Herbst«, bemerkte Durs. »Schleyer, die Landshut …«
»Nicht zu vergessen der Mord an Baader, Raspe und Ensslin in Stammheim«, ergänzte sein Sohn hinter der Theke.
»Für Fremdeinwirkung gab es nie Beweise«, erwiderte Richard.
Der Knebelbart lachte meckernd. »Das kennt man ja!« Dabei war er eigentlich zu jung für die RAF.
»Ich weiß nicht, was genau Sie kennen«, sagte Richard mit Untergrundschärfe. »Aber die Toten sind zweimal obduziert und die Todesumstände von einem halben Dutzend Gutachtern der Europäischen Kommission untersucht worden. Hinweise für Fremdeinwirkung haben sich nie gefunden. Baader kann sich den Genickschuss selbst beigebracht haben. Das Einzige, was man uns, also dem Staat, vorwerfen kann, ist, dass man womöglich von den Waffen und Selbstmordabsichten der Gefangenen wusste und sie gewähren ließ, um sie loszuwerden.«
Ursprung juniors Blick hatte etwas Unbelehrbares.
»Ich sehe, Sie wissen da was«, bemerkte der Senior. »Sind Sie Richter?«
Richard senkte den Blick. »Nein.«
Erwartungsvoll schauten wir den kleinen eleganten Mann mit der Statur eines Ringers an, der ein Buch in den Händen hielt und reglos den inneren Kämpfen seiner Jugend nachspürte. Aber er sagte nichts mehr.
»Und dann hat es wieder dreißig Jahre hier gelegen, das Buch«, bemerkte ich. »Und niemand, überhaupt niemand hat sich jemals dafür interessiert.«
»Man hätte den Saustall schon lange ausmisten müssen!«, meckerte der Knebelbart.
Der Alte warf ihm einen tadelnden Blick zu. »Dann hätte Herr Weber uns aber niemals diese Geschichte erzählen können.«
Plötzlich erkannte ich das Geheimnis von Durs Ursprungs Laden. Hier begegnete man sich selbst und offenbarte die intimsten Geheimnisse seines Lebens. Es war sein Lächeln, das einen dazu zwang. Als ob man den Tausenden hinter Buchrücken schweigenden Geschichten seine eigene hinzufügen müsste, eine möglichst merkwürdige, eine kuriose Geschichte, mit der man sich zum Teil der Legende dieses Ladens machte.
»Übrigens«, sagte Richard mit untergründigem Lächeln, »ist das Buch so selten, dass ich mich gefragt habe …«
Das Bimmeln der Türglocke unterbrach ihn.
3
Mit Lärm und Wichtigkeit brachen drei Menschen in die Buchhandlung ein, zwei Männer und ein Mädchen. Am dicken schwarzen Haar erkannte ich die Autorin vom Plakat. Lola Schrader war groß und büffelhüftig und sah niemanden, schon deshalb nicht, weil schwarze kinnkurze Haare ihr von beiden Seiten über die Schläfen und Wangen fielen. Sie folgte einem Mann von filigraner Statur, der mit lauter Lehrerstimme »Guten Abend!« rief und auf Durs Ursprung zusteuerte, der das Lächeln auf sein Gesicht zurückzurrte. Die Tür machte ein junger Mann im hellgrauen Anzug mit Schlips zu, der beseligt lächelte.
»Michel Schrader ist mein Name«, erklärte der Filigrane und wandte sich nach seinem Gefolge um. »Und das ist Julius Hezel vom Verlag Yggdrasil …«
»Wir haben telefoniert«, sagte Julius strahlend und reichte seine Hand an der Autorin vorbei zu einem kräftigen Händedruck zuerst dem Alten, dann dem Jungen mit dem Knebelbart hinter der Kassentheke, auf der inzwischen zwanzig Exemplare des callgirlroten Taschenbuchs lagen.
»Ruben Ursprung.« Er streckte die Hand über den Tisch. »Wie Jakobs Erstgeborener. Woran man erkennt, dass mein Vater ursprünglich zwölf Söhne haben wollte. Hat aber nur zu einem gereicht.« Er lachte. Sonst niemand.
»Und«, nahm Michel Schrader wieder das Wort, »das ist Lola, meine Tochter, Lola Schrader. Aber das haben Sie sich vermutlich schon gedacht.« Es fehlte nicht viel, und er hätte seine Tochter aufgefordert, den Buchhändlern die Hand zu geben. Doch sie erinnerte sich von selbst.
»Guten Abend«, sagte sie mit überraschend reifer Stimme.
Ein kleiner Schauer kringelte sich zwischen meinen Schulterblättern.
Durs Ursprungs Blick lagerte sich auf dem jungen Mädchen ab. Sein Lächeln wurde genießerisch. Sein Sohn starrte ihm hasserfüllt in den Nacken.
»Und wo … äh … findet das statt?«, fragte Michel Schrader, sich umschauend. Auch einer, der noch nie hier gewesen war.
Ruben kam hinter der Theke hervor. Der Blick der Autorin taxierte mich blitzkurz, bevor sie die Treppe betrat. Ich kam mir plötzlich durchschaut vor in meiner Montur. Du also auch! Nein, ich nicht! Lola und ich hatten eines nicht gemeinsam: den postpubertären Protest gegen die bürgerliche Bildungskultur. Sie verkörperte alles, was wir immer abgelehnt hatten. Fragen Sie mich nicht, wer wir sind. Unterschichtkinder sagen nicht wir und wollen nicht sein wie die, auch wenn sie die glühend um das beneiden, was sie haben: weiße Kniestrümpfe, Mofas, spendable Verwandte.
Ich hatte das dringende Bedürfnis zu gehen. Hätte ich es mal getan. So griff ich nur nach meinen Zigaretten. Im Augenwinkel sah ich, wie Richard bedächtig die zwei obersten Bücher eines Stapels anhob und Schloss und Fabrik samt Flugblättern der Kommune 1 darunterschob.
Es nieselte. Die Geräusche einer milden Geschäftigkeit hallten in den Gassen des Gerberviertels, Autoreifen auf Kopfsteinpflaster, Stimmen von Frauen, die aus einem Laden traten, Gelächter. Ein Autofahrer versuchte krachend einzuparken.
Richard kam ebenfalls heraus.
»Gut, dass wir so viel zu früh da waren«, bemerkte ich. »Hattest du das geplant?«
Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in den Wolkenhimmel, der schmal zwischen den Hausdächern stand.
»Was wolltest du vorhin noch sagen?«, fragte ich. »Das Buch sei so selten, dass du dich gefragt hast …«
»Ja das …« Richard zog sich Teer und Nikotin mit gequälter Miene tief in die Bronchien. Rauchen tut weh, und so sah er auch aus. »Ich wollte mir ein unverfänglicheres Exemplar von Schloss und Fabrik besorgen …«
»Thalheim in Reinform!«
»Dabei musste ich feststellen, dass es sehr selten ist. Es ist mir nicht gelungen, es über Fernleihe zu kriegen. Nicht einmal die Volksausgabe von 1869.«
»Fernleihe?« Ich zog ungebildet die Brauen hoch. Ich hatte nie studiert.
»In den Landes- und Unibibliotheken gibt es viel, aber nicht alles.« Für mich zog Richard nur zu gern alle Schubladen und Karteikästen unnötig gewordener Weltkenntnis auf. »Wenn man ein Buch trotzdem haben wollte, füllte man einen Fernleihschein aus, mit Schreibmaschine: Autor, Titel, Erscheinungsort, Erscheinungsjahr. Den gab man ab, zusammen mit einer Mark fünfzig und einer Postkarte mit der eigenen Adresse, die einem zugeschickt wurde, wenn das Buch eingetroffen war.«
»Eine feine Sache!«
»Ja. Die Bibliothekarin suchte in ihren Katalogen nach der nächstgelegenen Bibliothek, die das Buch im Bestand hatte, und schickte den Fernleihschein dorthin. In meinem Fall war das Frankfurt. Dort aber war das Exemplar von 1846 verschollen. Und auch von der Volksausgabe, die auf Wunsch der Arbeiter in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gedruckt wurde, war kein Exemplar vorhanden. Ich schrieb einen Brief und erhielt eine höfliche Antwort, dass man mir keine Auskunft geben könne, wer wann welches Buch ausgeliehen habe. Fernleihscheine würden nach Abschluss der Ausleihe stets vernichtet. Außerdem seien große Teile des alten Bestandes beim Brand von 1943 zerstört worden.«
»Ich verstehe nicht …«
»Was verstehst du nicht?«
»Wieso fragst du die Bibliothek, an wen die das Buch ausgeliehen hatte?«
»Weil das Buch irgendwoher kommen musste, Lisa.«
»Fotokopieren?«, schlug ich vor.
»Damals hat man nicht fotokopiert! Kopierer wurden erst Mitte bis Ende der siebziger Jahre üblich. Nein, Lisa. Jemand hat 1967 das Original auseinandergenommen, Fremdtexte eingebunden und das Exemplar mit einem neuen Einband versehen. Und ich habe mich gefragt, wo das Original herkam. Und da es so selten war …«
»Ah, verstehe.« Aber so richtig immer noch nicht. »Warum haben die denn so ein seltenes Exemplar genommen? Gut, sie wollten Fraktur, weil das eh keiner lesen kann oder will. Aber dann hätten sie auch Courts-Mahler oder Karl May nehmen können. Davon hatten wir noch in Fraktur gedruckte Exemplare in meiner Schulbibliothek.«
»Eben! Warum ausgerechnet Schloss und Fabrik?«
»Ah!« Auf den kurzen Moment der Erleuchtung folgte Finsternis. »Äh, und warum?«
»Weil die Person, die das Buch verwendet hat, nicht wusste, wie selten es ist. Sie hat es für irgendeinen alten Schmacht-Schinken gehalten. Mir wurde auf einmal klar, dass sie es nicht ausgeliehen haben konnte. Es muss sich in der Privatbibliothek des Vaters ebendieser Person oder in der elterlichen Bibliothek einer befreundeten Person befunden haben. Womöglich beschädigt, weshalb es wertlos erschien. Außerdem musste die betreffende oder eine mit ihr befreundete Person Kenntnisse in Buchbinderei haben.« Richards Augen glitzerten heute noch jagdlustig.
»Und sie musste in Stuttgart studiert haben«, sagte ich.
»Eher in Tübingen. Niemand hat in Stuttgart studiert. Außerdem …« Ein winziges Lächeln kräuselte Richards Mundwinkel. Er versuchte es zu verbergen, indem er sich abwandte, um die Zigarette am Aschenbecher abzutippen.
»Also, wie hast du es rausgekriegt?«
»Ich habe ans Schwarze Brett in der Uni Tübingen einen Zettel gehängt. Auf dem stand: Liebhaberexemplar Schloss und Fabrik, Leipzig, 1846 günstig abzugeben. Dazu meine Telefonnummer, vielmehr die meiner Zimmerwirtin.«
»Und?«
»Ich bin täglich vorbeigegangen, um nachzuschauen. Eines Tages stand an der Wand mit den Anschlägen eine … eine junge Frau.« Richard zog an der Zigarette.
Ich auch.
»Sie studierte die Angebote für Studentenbuden, Lehrbücher, Fahrräder und so weiter und kam zu meinem Zettel und … riss ihn ab. Sie steckte ihn in die Manteltasche und verließ hastig das Gebäude. Ich folgte ihr.«
»Hehe!«
»Damals fand ich es ziemlich kompliziert, junge Frauen anzusprechen. Ich hatte zwei Kilometer Zeit, alle Varianten durchzuspielen. Dann betrat sie in der Philosophenstraße am Nordring ein Studentenwohnheim. Ihr dort hinein zu folgen wagte ich nicht. In den sechziger Jahren, zumindest in denen, aus denen ich kam, siezten Studenten sich noch. Und man stellte sich förmlich vor.«
Ich lachte. »Du warst total verknallt! Wie hübsch!«
»Ich wartete auf ihren Anruf bei meiner Zimmerwirtin, aber er kam nicht. In den folgenden Tagen führte mich mein Weg immer wieder durch die Philosophenstraße. Einmal sah ich sie herauskommen, einmal kam sie gerade zurück, ohne dass ich fähig war, sie anzusprechen. Aber ich hörte, wie eine Freundin sie Marie rief!«
»Das ist ja Literatur, Richard.«
»Ja, sie war die Marie von Goethe bis Böll, die Marie, an die wir uns verlieren, die wir anbeten, die wir nicht kennen, nicht verstehen, von der wir meinen, dass sie uns gehören müsste, die uns verlässt. Meine Marie war schlank, brünett, sie trug Kostüme und Röcke, sie hatte mandelförmige Augen. Ich sah sie und fühlte mich ihr vertraut, als kennten wir uns schon seit der Kindheit. Natürlich war sie für mich unerreichbar. Dennoch folgte ich ihr in Seminare. Sie studierte Anglistik und Geschichte, und die Professoren kannten sie mit Namen: Marie Küfer.«
»Dann stammte Schloss und Fabrik aus ihrem Elternhaus.«
»Mag sein. Ich habe sie nicht gefragt.«
»Aber geredet habt ihr schon miteinander?«
Richard lächelte schief. »Eines Tages setzte sie sich in der Kantine zu mir an den Tisch. Rein zufällig, es waren zwei Plätze frei. Bei ihr war ihr Freund. Sie nannte ihn Wolfi. Ich kannte ihn bereits. Er verwickelte die Professoren gern in endlose Diskussionen über die herrschenden Verhältnisse und die Generation der Täter. Er gehörte dem SDS an, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund.«
»Dutschke und Konsorten?«
Richard nickte. »Es lag in der Natur der Sache, dass Wolfi mir nicht sonderlich gefiel. Und ich war absolut überzeugt, dass der nicht der Richtige für Marie sei. Ich hielt ihn für einen selbstverliebten, rücksichtslosen Egozentriker.«
»Darin stimme ich dir vollinhaltlich zu!«
Richard versuchte eine Grimasse ironischer Ergebenheit, aber sie misslang ihm. »Wolfi war ein Grobian, intelligent, aber ungehobelt, und sie hatte so eine Art vornehmer Zurückhaltung, nichts Kumpelhaftes jedenfalls. Und plötzlich saßen die beiden nun an meinem Tisch in der Mensa. Ich weiß nicht mehr, wie wir ins Gespräch kamen – sicherlich nicht mein Verdienst –, aber plötzlich diskutierte ich mit Wolfi über den Spruch ›Sous les pavés, la plage‹.«
»Unterm Pflaster der Strand. Gab es da nicht eine Zeitung?«
»Der PflasterStrand, ja, herausgegeben von Cohn-Bendit, aber das war ungefähr zehn Jahre später. Ich interpretierte den Spruch als Aufforderung zur Gewalt, die er war, und verstieg mich zu der Behauptung, auch Polizisten seien Menschen. Daraufhin meierte Wolf mich als unmündig gehaltenes Subjekt der Gesellschaft ab, blind für die Ökonomisierung der Bildung in Abhängigkeit von den Produktionsverhältnissen. Und so weiter. Doch, prophezeite er, die Geschichte werde letztlich auch meine abgeschlossene Welt verändern. Ich fragte: ›Wie, mit Bomben?‹ – ›Mit Mao-Cocktails‹, antwortete er.«
Richard sah mir an, dass ich entschlossen war, meine Ahnungslosigkeit hinter dem Fluch der späten Geburt zu verstecken.
»Eine Anspielung auf den Aufreger des Jahres 1967. Der amerikanische Vizepräsident sollte nach Deutschland kommen. In der Kommune 1 heckte man geeignete Maßnahmen zum Empfang aus. Man dachte an Rauchbomben, aber es gab einige, die fürchteten, dass die US-Sicherheitskräfte dann ein Blutbad anrichten würden. Ein V-Mann unter den Kommunarden war vermutlich etwas zu früh gegangen. Jedenfalls wurden elf Studenten, unter ihnen Fritz Teufel, festgenommen, die Bild-Zeitung sprach von Bomben, hochexplosiven Chemikalien, mit Sprengstoff gefüllten Plastikbeuteln, die von den Terroristen Mao-Cocktails genannt würden. Aber es war dann halt nur Pudding.«
»Pudding?«
»Ja, das Zeug aus Milch und Maizena mit Vanille oder Schokolade. Die elf Puddingattentäter wurden unter öffentlichen Gelächter am anderen Tag wieder freigelassen und erlangten internationalen Ruhm. So kam es, dass Uwe Johnson … der Schriftsteller …«
Ich nickte. »Ist mir vage bekannt.«
»… der gerade in den USA lebte, in der New York Times las, dass diese ungezogenen jungen Leute sein Arbeitsatelier in Berlin-Friedenau als Basislager für den Anschlag missbraucht hatten. Johnson stand seit langem in regem freundschaftlichem Briefwechsel mit Günter Grass.«
»Kenne ich: Massenonanie auf einem Wrack.«
»Deshalb bat er ihn um Hilfe. Und Grass veranlasste, ausgestattet mit einer Vollmacht, die Räumung der Wohnung, die unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit stattfand.«
»Hähä, Grass der Rausschmeißer der Puddingschmeißer!«
»Er befand, die Wohnung hätte nach Lager ausgesehen, aber von Johnsons Schriften fehle nichts, nur ein Chemiebuch habe die Polizei beschlagnahmt.«
»Oha! Wozu brauchte Uwe Johnson ein Chemiebuch? Sehr verdächtig.«
Richard zündete sich die zweite Zigarette an. »So war das damals. Man schloss aus dem Bücherschrank auf das Wissen der Besitzer. Heute muss man dazu das Internetprotokoll nachvollziehen. Es war tatsächlich nicht so ohne, dass ich dieses Hybridbüchlein mit den Kommunardentexten besaß. Und da saß ich nun auch noch mit Wolfi an einem Tisch. Es war eine Zeit, in der die Gesellschaft Angst vor ihrer Jugend hatte …«
»Hat sie das nicht immer?«
»Aber damals autorisierte sie die Polizei, mit Schlagstöcken auf die Jugend einzuprügeln. Und Männer mit Hut sagten in die Fernsehkameras: ›Auf der Flucht erschießen!‹ Leute wie Wolfi machten Studenten wie mir, die einfach nur irgendwie durchkommen und Abschlüsse machen wollten, Angst. Er verkündete: ›Das progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch!‹ Ich widersprach vehement und nannte Wolfi einen selbstgerechten Egoisten! Daraufhin schlug er mir ohne weitere Umschweife die Faust ins Gesicht.«
»Hui!«
»Ich hagelte zwischen die Mensatische und blutete aus der Nase. Marie gab mir ihr Taschentuch, eines aus Stoff, wie man es damals hatte.« Richard drehte sich um und stippte die Zigarette im Aschenbecher aus.
Ich legte meine längst ausgekühlte Kippe dazu. »Und dann?«
»Immerhin nahm Marie mich jetzt wahr.« Er schaute auf die Uhr. »Ich glaube, wir sollten …«
»Und das Buch? Hast du sie gefragt …«
»Ehrlich gesagt, das Buch interessierte mich nur noch am Rande. Marie und meine vergeblichen Gefühle für sie nahmen mich voll in Anspruch.«
»Was ist aus ihr geworden?«
Richard zuckte mit den Achseln.
»Und aus Wolfi?«
Seine Antwort kam zögernd. »Ich habe mir später die RAF-Fahndungsplakate, die in Postämtern und öffentlichen Gebäuden hingen, stets angeschaut, ob ich Wolfi erkenne, aber … nein.«
»He! Willst du mich verarschen?« Ich gab ihm einen Stoß vor die Brust. Er stolperte rückwärts gegen den Tisch. Ich packte ihn vorsichtshalber am Revers seines maßgeschneiderten Anzugs, was unnötig war, mir aber gut gefiel.
Er umfasste mein Handgelenk. »Lisa, bitte!« Er hätte mir problemlos Sehnen und Knochen zerquetschen können, aber er war ein der Gewalt grundsätzlich abgeneigter Mann. »Nicht jetzt!«
Zwei Frauen hatten sich genähert, klappten die Schirme zusammen und schauten uns erschrocken an.
Ich ließ Richard los. »Aaaabend!«
»Guten Abend!«, kam es doppelt indigniert zurück.
Richard hielt ihnen die Tür auf.
Auf dem Weg durch den Laden zur Treppe zog ich hinter seinem Rücken das Büchlein aus dem Stapel, in das er es vorhin geschoben hatte. Mein Mittelfinger ertastete nebenbei auf der Rückseite ein Loch, aber jetzt war nicht die Zeit, es mir anzuschauen. Ich steckte das Unikat in die Innentasche meiner Bikerjacke. Daher der Name Taschenbuch.
4
Es waren nicht viele, die zwei Minuten vor acht aufrecht auf den Stühlen saßen. Fünfzehn Hanseln vielleicht, davon einer der Vater und der andere der Verleger. Die vordere Reihe war frei geblieben. Richard und ich hatten uns in die Mitte gesetzt. Ganz hinten saß ein Weißhaariger, der Bücher aus dem Regal holte und darin blätterte, bis seine Frau ihn anrunkste. Dann hätte Vater Schrader beinahe den Beginn verpasst. Mit der Hand am Hosenstall kam er die Treppe herabgefußelt. Schwache Blase. Der Vater war eindeutig uncooler als die Tochter.
Lola Schrader setzte sich hinter einen Tisch mit Lämpchen und Wasserglas. Den Haarvorhang hatte sie noch halb zugezogen. Ihr rot geschminkter Mund konnte nicht stillhalten und erzeugte Grübchen in den Backen. Sie schluckte. Auf einmal grinsten wir uns an. Es war nicht ihre erste Lesung, aber die erste, bei der sie selbst hinter dem Tisch mit dem Wasserglas saß. Bisher hatte sie Autoren, die dort saßen, für berühmte Persönlichkeiten gehalten. Nun erkannte sie, dass es eine Lüge war.
Für mich war es auch nicht die erste Lesung, bei der ich im Publikum gesessen hatte, immer im Auftrag einer Zeitung. An Christa Wolf noch vor der Wende bei Wittwer erinnerte ich mich, dem damals einzigen Buchkaufhaus von Stuttgart, eine Betonsünde am Schlossplatz, von der inzwischen ein gläserner Museumswürfel ablenkt. Die Amazone hatte mich geschickt, weil ich Wolfs Selbstversuch gelesen hatte. Marie – wir hatten auch eine schöne kluge Marie gehabt, die später ihren eigenen Krieg führte4 – hatte mich mit dem germanistischen Vokabular gefüttert. Auf meinem Zettel stand: »Das Identitätsparadigma der klassischen Novelle, vom Scheitern her erzählt. Anspruch der Frauen, von Männern, die sie lieben, als Individuum erkannt zu werden. Männer sind unfähig zu dieser Art von Liebe.« Weshalb die weibliche Versuchsperson das Projekt des Geschlechtertauschs abbricht, entsetzt über den Verlust der Fähigkeit zu lieben. »Patriarchale Dichotomie, in Klammern Zweiteilung, die den Mann als eigentlichen Menschen sieht und die Frau als das andere Geschlecht«, hatte ich mir notiert. »Erst aus der Differenz der Geschlechter entsteht Individualität.«
Was ’n Schafscheiß!
Damals hatte ich erwogen, es für wahr zu halten und die Abwesenheit meiner Individualität meiner unterentwickelten Geschlechtsidentität zuzuschreiben und für therapiebedürftig zu halten. Ich weiß nicht mehr, was ich die berühmte Autorin fragte, als wir endlich fragen durften. Aber ich erinnere mich, dass sie mich kaum anschaute und ins Publikum sagte: »Lesen Sie meine Bücher, da finden Sie die Antwort.«
Seitdem wusste ich: Autoren sind immer dümmer als ihre Bücher. Zumindest, wenn sie reden sollen, weshalb sie lieber schreiben. Da bläst ihnen keiner seinen Atem ins Gesicht und verwickelt sie in Gespräche. Das ist die Dichotomie von Autor und Leser. Autoren schreiben, Leser lesen, eine Begegnung ist sinnlos.
Das Publikum war damals von Studenten durchsetzt gewesen. Bei Ursprung saßen vermutlich dieselben Menschen, nur zwanzig Jahre älter geworden. Neue Leser wuchsen nicht mehr nach. Und in dreißig Jahren verschwanden sie auf einen Schlag wie die Bambuswälder in China. Dann starben auch die Pandas aus.
Der einzige Mensch unter dreißig in Ursprungs Keller war ein Junge mit Hüfthosen, schwarzweiß kariertem Blouson, einer großen Postman-Tasche am Riemen quer über dem Leib und einer Windstoßfrisur. Die Haare rutschten ihm beständig in die Augen, weshalb er mit schrägem Kopf darunter hervorlinsen musste. Vermutlich war er ein Klassenkamerad Lolas und in Liebesdingen hier, nicht in Sachen Literatur.
Zwei Minuten nach acht trat Durs neben den Tisch, an dem Lola Schrader mit inzwischen geöffnetem Haarvorhang saß und blicklos ins Publikum blickte wie eine große Schriftstellerin.
»Früher hat Durs nie mehr als ein Dutzend Worte gesagt«, informierte mich Richard wispernd. »Guten Abend, ich habe Interesse …«
»Guten Abend«, sagte der Buchhändler. Er redete übrigens nicht, er stammelte: »Ich habe Interesse an Dingen, von denen ich annehme, dass sie neu sind. Und Sie haben es auch, wie ich sehe. Ich begrüße Lola Schrader. In Zeiten des Bloggens ist es keineswegs selbstverständlich, dass eine junge Autorin das Buch als Veröffentlichungsweg wählt. Sie hat es getan, und jetzt wollen wir sehen, ob es wohlgetan war. Lola Schrader.«
»Ich sag’s gleich«, sagte sie mit nun überraschend leiser Stimme, »die Schülerwettbewerbe schöner Vorlesen habe ich immer verloren.« Sie lachte anfreundelnd.
»Lauter!«, rief der Weißhaarige von hinten.
Setz dich doch nach vorn!, dachte ich und langweilte mich jetzt schon.
Lolas Problem war weniger ein Mangel an Stimme – sie setzte sie nur aus irgendeinem Grund nicht ein – oder ihre Lese-Rechtschreib-Schwäche, sondern der verfickte Text selbst, der sich im Mund einer Siebzehnjährigen querstellte. »Arkan und Bettie bürsteln im Elternbett. Petra krallt mir die Hose samt Slip vom Hintern. Ein Single-Jersey-Ärmel mischte sich drunter, eine Socke. Kinderzimmersex. Sie stopft mir einen Ärmel in die Möse! Arki platzt rein. Stör jetzt nicht, hau ab, kreischt sie. Knallt ihm ein Brett vor die Eier.«
Richard wechselte unbehaglich den Beinüberschlag. Er gehörte zu den Männern, die von jungen Frauen erwarteten, dass sie nett aussahen und öffentlich vom Weltfrieden sprachen. Dasselbe erwartete er natürlich nicht privat und auch nicht in Büchern. Da durfte sie gern auch mal ein geiles Luder sein. Allerdings sprach man nicht darüber. Es musste ihn irritieren, dass eine Gymnasiastin aus gutem Haus Worte im Mund herumdrehte, die direkt auf seinen Affen zielten.
Lola irritierte es auch, je länger, desto mehr verhaspelte sie sich. Das machte es für uns peinsam. Öffentlich in die Hosen der Zuhörer fassen will gelernt sein.
Der Roman handelte – soweit ich das abschätzen konnte – von einem halben Dutzend zivilisationsgelangweilten Schülerinnen und Schülern, die in den Ferien von Stuttgart nach Barcelona trampen, in besetzten Häusern umsonst Sex haben, hinter Supermärkten containern gehen und jede Menge Drogen und Perversionen ausprobieren. »Guppi hält Nasebohren und Ohrengrubeln im Schulunterricht für Gruppensex.« Schließlich klauen sie vor einem Supermarkt in La Grande Motte ein dreizehnjähriges Mädchen.
Ein Mann halb hinter mir ächzte. Es trug schwarze Hosen, schwarzes Hemd, schwarzen Gürtel, schwarze Schuhe und hatte schwarze Haare, in denen sich schon graue Fäden zeigten. An seinen Stuhlbeinen lehnte eine große schwarze Ledertasche. Ich schätzte ihn auf erfolglosen Lyriker und ambitionierten Blogger Mitte dreißig.
Was hatte er erwartet? Richard und er kannten doch den Geheimcode, mit dem die alten Herren des Feuilletons sich die Tipps zusteckten. Sprachmacht und Stilmix bedeutete: Wichsvorlage! Ungefähr so, wie man bei Nacktfotos nicht Porno sagte, sondern Ästhetik. Und wenn sonst nichts dagegensprach, warum nicht auf das Zucken im Gemächt hören? Aber die Freundin mitnehmen. Die ist auch nicht ganz sauber. Und nachher auf einen Kaffee noch mit hoch. Lola Schrader würde ihren Weg machen, senkrecht nach oben. Das stand schon mal fest.
Auch wenn der Anfang noch holperte.
Fragen wollten, als sie endete und Durs Ursprung mit unergründlichem Lächeln aufstand und uns zu Äußerungen aufforderte, nicht recht aufkommen. Wir mussten erst mal unsere virtuellen Hände aus den Hosen nehmen. Schließlich fragte die Frau des Weißhaarigen mit forscher Stimme voller Brüche: »Was bedeutet der Titel Malefizkrott?«
Lola fabrizierte das Grübchenlächeln, auf das Richard eine Stunde lang gewartet hatte. Ich spürte, wie er ausatmete.
Lola auch, denn sie schaute ihn direkt an. »Tja, ich bin halt selber so eine Malefizkrott!«
Richard atmete wieder ein. Die Krott verstand zu flirten wie eine österreichische Filmdiva.
»Malefiz … das Spiel, das kennen Sie? Ravensburger. Da konnte ich als Kind schon nicht genug von bekommen. Ich habe jedes Au-pair damit genervt. Das Spiel heißt übrigens so, das habe ich kürzlich gelesen, weil die Frau von dem, wo das Spiel erfunden hat, Maier hieß der, glaube ich, zu ihm gesagt hat ›Du bist ein Malefiz‹, als er alle ihre Figuren rausgeworfen hatte. Das ist Latein … aber fragen Sie mich nicht … In Latein habe ich null Peilung.«
Entzückend!
»Von maleficus«, besserwusste Richard prompt, »übel handelnd, gottlos.«
»Danke«, sagte Lola und schenkte Richard einen charmanten Blick. »Und Krott, das ist schwäbisch für Kröte. Sonst noch Fragen?«
Nein, keine. Doch! Der erfolglose Lyriker streckte die Hand. Die beiden Frauen, die bereits nach den Schirmen am Boden gegriffen hatten, richteten sich wieder auf.
»Ja, bitte«, sagte Durs Ursprung.
In der Stille, kurz bevor der Mann genug Luft geholt hatte, ertönte oben im Laden leise das Bimmeln der Türglocke. Ruben Ursprung, der neben dem Treppenaufgang saß, erhob sich und stieg knielahm hinauf.
»Was Sie uns vorgetragen haben, Frau Schrader …«, begann der schwarz gekleidete mutmaßliche Lyriker.
Lola verbiss sich ein Grinsen. Sie war es offenbar noch nicht gewöhnt, mit Frau Schrader angeredet zu werden.
»… klingt versiert, das ist gut geschrieben, Sie beherrschen die Grammatik …«
»Danke schon mal. Denn was jetzt kommt, wird schätzungsweise weniger erfreulich.«
Gelächter.
Der Mann holte noch mal tief Luft. »Was man nicht von allen Ergüssen sagen kann, die man von Jugendlichen vornehmlich im Internet findet …«
Du arroganter Leberkäs, dachte ich. Muss das sein? Das Mädel ist siebzehn!
»… und die ich übrigens auch von Ihnen schon im Hippenblog gelesen habe.«
Lola verzog peinlich berührt das Gesicht. »Jugendsünden!«
Richard schnaubte väterlich amüsiert.
Oben hörte man Ruben fluchen. Ein Bücherstapel flog um.
»Und so muss die Frage erlaubt sein«, der schwarze Lyriker schaute gegen die Decke, »wo Sie das alles herhaben, was Sie uns da verkaufen als Erlebnisse siebzehnjähriger Schüler …«
»Wie?« Lola sah aus, als hätte sie die Frage nicht verstanden.
»Sie beschreiben hier, wie …«, setzte der Schwarze neu an.
In diesem Moment ertönte oben ein Schrei. Die Türglocke bimmelte. Es rumpelte. Dann brüllte Ruben: »Feuer!« Es klang erstaunt. Dann panisch: »Feuer!«
Wir sprangen auf, Lola griff nach ihrem Wasserglas. Der Vater kämpfte sich durch Stühle nach vorn und packte sie. Das Wasserglas fiel ihr aus der Hand. Durs sagte mit Panik in den Augen: »Ruhe bewahren!« Eine der beiden Frauen stolperte. Michel Schrader zerrte seine Tochter zur Treppe und schubste mich beiseite. Richard kümmerte sich um den Weißhaarigen und seine Frau, die am Stock ging.
Bücher stürzten uns auf der Treppe entgegen. Hitze prallte auf uns herab. Der erfolglose Lyriker rutschte auf einem Buch aus und schlug der Länge nach hin. Ich hörte einen Knochen krachen. Da brannte die Wand hinter der Kassentheke bereits lichterloh und ungesunder Rauch sammelte sich unter der Decke.
Richard kam zurück, rannte die Treppe hinunter, kam mit Durs Ursprung wieder herauf und zerrte ihn hinaus.
»Stehen Sie auf!«, sagte ich zu dem Mann am Boden.
»Ich kann das Bein nicht bewegen!«, stöhnte er.
Jemand kam mir zu Hilfe. Gemeinsam zogen wir den Lyriker hoch, wobei er brüllte vor Schmerzen, und schleppten ihn mit baumelndem Bein zur Tür.
Schon fielen die Flammen in die Bücherregale der Seitenwand ein, der Teppich qualmte zum Treppenabgang hinüber, die Holzplatte der Theke knallte und bog sich nach oben. Die gesamte zum Verkauf vorgesehene Lieferung Malefizkröten sprang in Sternschnuppen vom Tisch und verteilte Funken, noch röter und bissiger als das Cover. Sie zündelten die Büchertürme hinauf, während in den brennenden Regalen Buchrücken schmatzend vom Deckel platzten und sich wie Schillerlocken kringelten. Das Feuer flüsterte Thomas Mann, wisperte Marx und Grimmelshausen, rezitierte ein letztes Mal »En un lugar de la mancha«, »Habe nun, ach, Philosphie«, »Wer baute das siebentorige«, »da reist ich nach Deutschland hinüber« und »Das Vergangene ist nicht tot« und knisterte ein letztes Mal »Judenbuche«, »drei Guineen«, »Winnetou« und »Mr Darcy«, bevor es zum bösen Rauschen anschwoll, sich auf die Zeitschriften warf und konkret, Emma und Argument vernichtete. Dann waren die Kochbücher dran. Am längsten hielten die Regionalkrimis stand. Aber als das Schaufenster barst, fegte es sie nach draußen, wo sie wie Partyfackeln auf dem Fußweg in der noch lichten Julinacht liegen blieben und jedes für sich niederflackerten.
Mein Helfer und ich zogen den Verletzten die Straße hinauf und legten ihn auf den regenfeuchten Fußweg. Die anderen hatten sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite versammelt.
Als die Feuerwehr kam, war schon alles zu spät. Binnen Minuten war die Buchhandlung Durs Ursprung ein Raub der Flammen geworden.
5
Der Buchhändler stand klein und still im Nieselregen, der seine Hemdschultern dunkelgrün färbte. Das Lächeln schien ihm eingewachsen in die Mimik, in seinen Augen stand Galle.
»Da war einer im Laden! Es war Brandstiftung!«, erklärte Ruben Ursprung der Polizei. »Definitiv, es war jemand im Laden!«
Die Türbimmel hatten wir alle gehört.
Als er hinaufgekommen sei, habe er aber nur noch die Tür zuschwingen sehen, erzählte er immer wieder, auch als die Polizei schon lange nicht mehr zuhörte. Er habe auf die Straße geschaut und eine Gestalt gesehen, wie sie um die Ecke in die Christophstraße bog: Jeans, schwarze Lederjacke, Kapuze eines Hoodys überm Kopf. Er habe noch überlegt, ob er ihm nachlaufen solle. Ständig werde geklaut bei ihnen. Die Leute meinen, als linke Buchhändler müssten sie dafür Verständnis haben. In den Achtzigern habe es regelrechte Raubzüge bei ihnen gegeben. Studenten aus Tübingen und Frankfurt hätten mit den bei seinem Vater geklauten Büchern ihren Lebensunterhalt bestritten, er könne da Namen nennen, einige seien heute Politiker …
Ich schaute Richard an. Auch er konnte Namen nennen, würde es aber niemals tun. »Was ist mit dem Verletzten?«, erkundigte er sich stattdessen leise.
»Vermutlich Oberschenkelhalsbruch, nicht lebensbedrohlich.«
Ich hatte ihm meine Lederjacke unter den Kopf geschoben. Als ich hochblickte, war der Helfer verschwunden und es gelang mir nicht, ihn wiederzuentdecken, weder im Grüppchen der Verschreckten auf der anderen Straßenseite noch unter den Schaulustigen, die vom Café Eberhard und aus den umliegenden Geschäften und Wohnungen gekommen waren. Außerdem bat mich der Verletzte um mein Handy, um seine Freundin anzurufen, denn seines war ihm aus der Hemdtasche gefallen und verbrannte im Laden. »Du, Schatzi, mir ist da was Dummes passiert.«
Damit befand sich ihre Telefonnummer in meinem Besitz, und als die Sanitäter seinen Status abfragten – »Wann haben Sie zuletzt was gegessen?« –, erfuhr ich auch seinen Namen: Matthias Kern.
Als ich zu den anderen stieß, erzählte Ruben zum dritten oder vierten Mal seine Geschichte: »Wie ich so an der Tür stehe, hat es hinter der Kassentheke eine Verpuffung gegeben. Eine Explosion. Und wie ich mich umdrehe, sehe ich eine Stichflamme. Ich sofort hin, aber da hat es schon richtig gebrannt. Ich mit dem Feuerlöscher drauf, aber da hat das halbe Regal schon gebrannt, und ich musste an die Gäste im Keller denken und sie warnen.«
»Brandstiftung?«, fragte ich Richard, als wir gegen Mitternacht in seiner Limousine über die Stadtautobahn rollten. »Glauben wir das?«
»Ich halte einen Kurzschluss für wahrscheinlicher«, antwortete er. »Wer weiß, was für einen Kabelsalat der hinter der Theke hatte.«
»Außerdem zahlt die Versicherung bei Brandstiftung nicht.«
»Doch. Sie muss dann halt den Brandstifter in Regress nehmen. Nur wenn der Eigentümer der Brandstiftung überführt wird, dann zahlt sie nicht.«
»Dann sollte man also Ruben besser nicht überführen.«
In Richards Mundwinkel drückte sich das Desillusionshäkchen des Staatsanwalts, der Lügengebäude zur Verdeckung einer Straftat zur Genüge kannte. Ihr auffälligstes Merkmal war der Mangel an Varianz beim mehrmaligen Erzählen.
An der Staatsgalerie lachte er plötzlich verwundert auf. »Nicht zu fassen! Da halte ich nach über dreißig Jahren plötzlich wieder dieses Buch in den Händen, das mir so viel Kopfzerbrechen bereitet hat, und eine Stunde später ist es Asche. Als ob es nur auf mich gewartet hätte.«
»Irrtum, Richard!« Ich griff in meine Bikerjacke und hielt das Buch hoch.
»Oh.« Er langte danach. Aber ich war schneller. Das Auto schlingerte.
»Ich habe es gerettet. Es gehört mir. He! Stopp! Rot!«
Er trat in die Eisen. Die große Kreuzung am Neckartor breitete sich in die Nacht. Ein Raser querte.
»Warum hast du es zurückgelegt?«, fragte ich.
Richard ließ den Wagen in die Neckarstraße rollen. Drei Ampelanlagen Schweigen. Links Autohäuser, das Rote Kreuz, die Staatsanwaltschaft, rechts gelbe Backsteinfassaden mit kleinen Läden, Sparda Bank, Sparback und Bioladen und im dritten Stock meine Wohnung. Wenn ein Mann nicht antworten will, wird er zum Jäger. Richard sah die freie Parkbucht, ehe sie sichtbar wurde. Sie gehörte zu denen, die nur vortäuschten, fürs Parken gemacht zu sein. Darüber drohte ein eingeschränktes Halteverbot, das allerdings in der Nacht nicht galt. Er parkte. Für Richard gehörte es zum Luxus einer beständigen Beziehung, dass er eine solche Entscheidung nicht mit mir abklärte.
»Warum hast du es mitgenommen?«, fragte er, als wir die knarzenden Treppen hochstiegen.
Ich lachte nur. Was hatte er denn gedacht? Ich drehte das Buch um und zeigte ihm die Rückseite. »Deshalb!« Der Pappdeckel hatte ein veritables Loch, nicht groß genug, um meinen Mittelfinger einzulassen, wohl aber meinen kleinen Finger, und zwar bis über den Fingernagel. »Sieht aus wie ein Einschussloch, findest du nicht?«
»Hm. Oder nach sonst irgendeinem sachfremden Gegenstand, mit dem es malträtiert wurde.«
»Hast du das nicht gemerkt, als du es in der Hand hattest?«
Richards Blick blitzte mich in dem Moment an, als die Treppenhausbeleuchtung ausging. Sie reichte nie drei Stockwerke. »Doch, ich habe es gemerkt«, antwortete er. »Wie es wohl zustande gekommen ist?«
Du Schlawiner!, dachte ich.
Cipión veranstaltete Begrüßungstheater. Seine Freude war um ein Vielfaches größer, wenn er sich Richard zu Füßen werfen konnte. Das Freudenprogramm provozierte auf Richards Gesicht zuverlässig ein aus der strengen Seele sich befreiendes Lächeln. Endlich richtete er sich auf, zog sich den Schlips aus dem Kragen, öffnete den obersten Hemdknopf, legte das Jackett ab und wandte sich in die Küche, um den Kaffeeautomaten anzustellen. Ich startete derweil meinen Klappcomputer. Meistens waren beide Maschinen gleich schnell betriebsbereit. In der Küche kreischte das Mahlwerk, und ich schickte Google auf die Suche nach Marie Küfer. Erstaunlich: Es gab kaum hundert Einträge und keiner, der exakt traf. Eine Marie Kuefer war vor 1860 in die USA ausgewandert.
Richard kam mit dem Kaffeebecher aus der Küche, spitzte die Lippen und blies sich zu einem ersten knappen Schluck durch den Schaum. Ich tippte »geb. Küfer« in die Googlezeile. Zehn Ergebnisse. Aber keine Marie darunter.
»Tja, das Internet hat seine Schwächen«, bemerkte Richard, stellte den unnütz heißen Kaffee auf dem Kneipentisch ab, trat an meine Computereinheit am Fenster zum Hinterhof heran und fingierte einen Blick auf meinen Bildschirm. Ein Mann auf Schmusekurs. Selbst am Ende eines Tages war der Geruch seines Pflegemittels nach Zeder und Zibet noch zu spüren. Besonders der von Zibet.
Ich tippte mich in die Gegenwart: »Das Zibet (aus dem arab. Zabad = Moschus) ist ein stark und im natürlichen Zustand äußerst unangenehm riechendes Sekret aus den Analdrüsen der Zibetkatze«, informierte mich Wikipedia. »Es dient ihr zur Markierung ihres Reviers. Nach entsprechender Verdünnung entfaltet dieser Stoff einen angenehm moschusartig, ledrig wohlriechenden Duft, welcher zur Parfümherstellung verwendet wird. Heute werden zur Gewinnung dieses Rohstoffs fast nur noch künstlich hergestellte Ersatzduftstoffe verwendet.« Richard konnte es vermutlich selbst herstellen. Ich hakte meinen Finger in seinen Hosenbund. Er hatte abgenommen und sah besser aus denn je. Aber das war nur seinem Alltagswahnsinn von Arbeit, Sport und Nikotinkonsum zu verdanken. Vermutlich befand er sich nur noch einen Tacken vom Totalabsturz entfernt.
»Und wie hat dir das Fräulein Schrader gefallen?«
»Ach, Gott.«
Ich zupfte ihn am Bund zu mir. »Die macht ihren Weg! Hat sie dir nicht gefallen?«
Er zog die Brauen hoch. »Der Text oder die Person?«
»Na, geflirtet hat sie ja ordentlich mit dir.«
»Geh mir fort.« Er pflückte meinen Handhaken aus seinem Hosenbund und strebte dem Kaffee zu. Ich stand auf und folgte ihm auf Tuchfühlung.
»Magst du keine Grübchen?«
»Lisa! Ich könnte ihr Va…« Er biss das vertrackte Wort von der Zunge und schluckte Bitterkeit. »Ich könnte ihr Großvater sein.«
»Sei froh, dass du es nicht bist. Sahneschnittchen wie sie sind ein Fluch für die Väter.«
»Lisa! Du bist ungerecht. Du kennst sie doch überhaupt nicht!«
»Immerhin kenne ich ihre schmutzige Fantasie.«
»Was nicht gleichbedeutend ist mit ihren Wunschvorstellungen, Lisa. Der Text ist eine Überspitzung. Daraus spricht keine Zustimmung, sondern eher Entsetzen und Verachtung.«
»Na ja, aber ausgedacht muss sie es sich schon haben. Also mindestens einmal durch ihren Kopf musste es durch. Nicht wahr?«
»Vielleicht dient es als … als Therapie. Sie ist siebzehn. Sicher hat sie erste sexuelle Erfahrungen, und vielleicht haben sie ihr Angst gemacht, vielleicht beunruhigt sie das Paarungsspiel. Mit Sicherheit hat ihr Vater sie nicht auf eine solche Reise nach Barcelona gelassen. Aber sie … nun, sie hat Fantasie. Man kann das Schreckliche auch benennen, um mit der Furcht davor fertigzuwerden. Es sind Bilder für etwas, was jeden halbwegs sensiblen jungen Menschen erschrecken muss. Der Egoismus der eigenen Altersgruppe, der unvermutet in Brutalität umschlägt und jeden jederzeit zum Opfer macht.«
Wir starrten uns in die Augen. Beide hatten wir es erst unlängst erlebt. Meine Wohnung roch noch nach Ruß und frischer Farbe. Und Richard hatte den letzten Rest seines fragilen Glaubens verloren, dass irgendetwas auf der Welt den richtigen Kurs nahm.
»Hast du das Buch gelesen?«
»Nein. Werde ich auch nicht.« Er nahm den Kaffee wieder hoch. »Es sind mir dann doch zu viel Feuchtgebiete. Ich will auch gar nicht wissen, was diese Ungeheuer mit dem 13-jährigen Mädchen anstellen, das sie in La Grande Motte entführt haben, auch wenn es nur Fiktion ist. Ich wollte nur zu bedenken geben, dass Lola Schrader nicht notwendigerweise irgendetwas gemein haben muss mit diesen auf Sex und Drogen versessenen Luxusjugendlichen, die sie beschreibt.«
»Aber sie gefällt dir!«
»Lass gut sein, Lisa. Und wenn schon.« Seine Augen blitzten schräg. »Für einen Mann in meinem Alter sind alle Mädchen unter zwanzig entzückend.«
Ich lachte.
Ein winziges Lächeln huschte ihm durch die Mundwinkel.
»Und im Grunde fasziniert uns Sex und Gewalt immer!«, behauptete ich und zupfte die Knöpfe seiner Weste auf. »Wenn der Gorilla die Gorilline packt und sich ihr Hinterteil vornimmt.«
»Hm«, grunzte Richard diskussionsmüde und nahm einen Schluck Kaffee.
Ich knöpfte weiter. Es ist alles ein Spiel. Man muss sich nur auf die Regeln einigen. Richard ergriff niemals die Initiative. Er wusste, ich konnte es nicht ausstehen, wenn Männer an mir herumfingerten, um meine Paarungsbereitschaft zu testen. Deshalb klappte es bei mir auch so schlecht mit den Männern. Sie fingerten immer, meist verbal, manchmal auch digital, immer suchten sie das Löchlein. Und allein mit einer Frau im Fahrstuhl bedauerten sie, dass die Zivilisation zwar Fahrstühle hervorgebracht hat, nicht aber zugleich die Erlaubnis, den Moment der Zweisamkeit mit einer Möse auszunutzen.
Ich löste Richards Gürtelschnalle. Er erwartete, dass frau seine Barrieren überwand, beispielsweise die Knöpfe von Weste und Hemd. Nicht, weil er sich nicht für attraktiv hielt – dazu tat er zu viel, um gut auszusehen –, sondern weil er Machtmensch war. Mit dem Zucken einer Augenbraue entschied er, ob bei einer internen Besprechung gelacht wurde oder nicht. Seine Berufswelt hatte er im Griff, privat war er gern passiv bis zur Handlungsunfähigkeit. Deshalb klappte es bei ihm auch nicht mit den Sahneschnittchen, die ihm ihren Hintern hindrehten.
Die einzige für eine Partnerschaft geeignete Qualität, die er besaß, war unwandelbare Treue. Ansonsten konnte er nichts bieten, weder Interesse noch Aufmerksamkeit. Er hörte nicht zu, er wollte nicht wissen, was ich dachte oder fühlte. Er vertraute mir, aber er vertraute mir nichts an. Er redete nicht gern, schon gar nicht über sich und seine Gefühle. Das unterschied ihn nicht von anderen Männern, aber im Unterschied zu ihnen wusste er es, und er wusste sogar, dass Frauen das hassten. Nur ich nicht.
Ich langte ihm in den Schritt an den Knüppel. Richard zuckte zusammen und knurrte. Der Kaffee schwappte ihm über die Hand. Ich nahm ihm den Becher weg und stellte ihn auf den Kneipentisch ab, dem Flecken nichts mehr ausmachten.
Richards Affe frohlockte.
6
Am Freitag stand im Stuttgarter Anzeiger, den Richard sich mit Brötchen zum Frühstück geholt hatte, während ich noch schlief, ein Fünfzeiler über den Brand, den der Spätredakteur kurz vor Andruck noch in die Lokalausgabe hineinbekommen hatte. Bilanz: ein Schwerverletzter, Sachschaden von über 200 000 Euro, der Laden völlig ausgebrannt, das Haus unbewohnbar. Die Brandsachverständigen ermittelten. Keine Erwähnung fand, dass es die Veranstaltung einer gewissen Lola Schrader gewesen war, die Feuer gefangen hatte.
Bereits am Samstag quollen die Zeitungen, auch die überregionalen, die mein Tabakladen verkaufte, über von Nachrufen auf die Buchhandlung Ursprung. Eine Institution sei verschwunden, eine Instanz vernichtet. Wo der Geist der Dichter und Denker wehte, wo die Avantgarde, wo Max Bense, Reinhard Döhl und Helmut Heißenbüttel ihre Heimat gehabt hätten, klaffe jetzt ein rußiges Loch. Die taz titelte auf der ersten Seite »Gebrandschatzt« und bildete einen qualmenden Bücherberg aus Nazizeiten ab. Daneben ein Foto von Durs Ursprung mit dem unergründlichen Lächeln. Im Artikel kam ein Zeuge zu Wort, ein Verleger, der über Durs Ursprung sagte: »Einer, der nicht liest, was er einkauft, es anschließend hortet und ungern verkauft, ein solches Trüffelschwein ist und dabei seiner Buchhandlung die Aura verschafft hat, eine der besten der Republik zu sein. Denn das ist sie! Eine wunderbare Figur der Literaturvermittlung, ein aktiver Döblin’scher Schornsteinfeger, ein Katalysator sui generis.«5
Soso, dachte ich, Durs Ursprung liest gar keine Bücher. Folglich hätte er niemals entdecken können, was in Schloss und Fabrik noch steckte.
Mein Tabakhändler, bei dem ich die Zeitungen durchblätterte, schüttelte den Kopf. »Hätte man den kennen müssen? Na ja, Kultur!« Der Händler lachte hinter seinem Bollwerk aus Bild, Spiegel, Focus, Neue Frau, Petra, Brigitte, Bild der Frau, Auto-, Eisen- und Heimwerkermagazinen und Lotto-Spielscheinen. Ich nahm nur den Stuttgarter Anzeiger mit.
»Wir werden neu anfangen«, behauptete der Sohn Ruben Ursprung. Ohnehin sei es dem Laden in letzter Zeit nicht gut gegangen. »Ein überlebtes Konzept.«
Hinterm Hauseingang feudelte Oma Scheible Ecken und Treppen.
»So, hen sie dem jetz’ endlich de Lade abfackelt!« Mit krachenden Wirbeln richtete sie sich auf, soweit sie das noch konnte.
»Wer sie?«, fragte ich.
»Des tätet Sie gern wisse, gell?«
»Schon!«
»Ich kenn den Durs, da war er noch so!« Die Alte hielt die knorrige Hand in Hüfthöhe, was etwa meiner Kniehöhe entsprach. »Der kommt aus Gablenberg, wo ich auch herkomm. ’s war’en rechter Lausbub. Die Buchbinderlehre hat er abbroche! Lange Haar hot er g’het, zu dene Linke isch er gange. Die arme Eltere! Der Vadder hot ja dann mit seiner Fabrik für Hoseknöpf ein Vermöge g’macht.«
»Und wer hat ihm den Laden abgefackelt?«
»Des war sicher der Horscht und seine Blase. Dem hot er nämlich d’Freindin ausg’schpannt, und dere hot er na an Kind andreht, den Ruben.«
»Das dürfte lang her sein. Ruben ist jetzt sicher vierzig Jahre alt.«
Oma Scheibles graue Augen eierten etwas verunsichert. »So? Na, der Durs. Mit dem hot’s koine lang ausg’halte. Der hot’s nur mit dene Büecher g’het. Schaffe, schaffe. Ja, fleißig isch er g’wähe. Wie dere … wie hoißt der gleich, der Kerle aus’em Fernsehe, wo se verhaftet hen. Emmer in der Weltg’schicht drommenom und Weiber wie Finger an der Hand.«
»Sie haben ja so was von recht, Frau Scheible.«
Mit der Zeitung stieg ich aus dementer Vergangenheitsbewältigung hinauf in die Gegenwart, schlürfte Kaffee und schaute dem Regen zu, der jenseits der Fenster stetig von oben nach unten fiel.
Warum hätte ein Brandstifter, der in den Laden huschte und dabei die Türglocke bimmeln ließ, bis nach hinten durchgehen sollen, um hinter der Kassentheke ein Feuer zu entfachen? Schneller hätte er die Bücher im vorderen Bereich angezündet. Dazu hätte er am besten eine Brandflasche – auch Molotowcocktail genannt – benutzt. Tuch im Flaschenhals anzünden, reinwerfen, wegrennen. So schnell hätte Ruben gar nicht die Treppe hinaufspringen können, um von ihm noch einen Zipfel der Kapuze zu sehen. Die Kapuze, die er gesehen zu haben vorgab, existierte nicht, jede Wette. Ruben Ursprung hatte das Feuer selbst gelegt. Nur so konnte man diesen Vater dazu bringen, sein Ladenkonzept endlich zu überdenken.
Und hinter der Theke hatte er es entfacht, damit wir noch eine Chance hatten, den Laden zu verlassen. Gegen ein Feuer im vorderen Bereich hätten wir nicht anrennen können. Es hätte Tote gegeben. Doch warum zum Teufel hatte Ruben sich überhaupt einen Abend ausgesucht, an dem im Keller Leute hockten? Weil er hoffte, damit den Verdacht von sich ablenken zu können.
Andererseits war Lola Schraders Vater als Letzter vor Beginn der Lesung die Treppe herabgekommen. Und dann war da auch noch dieser gesichtslose Helfer gewesen, der mit mir zusammen den verletzten Matthias Kern aus dem Laden geschleppt hatte.
Hm.
Ich suchte in meinem Handy die Nummer, die Matthias Kern angerufen hatte. Es meldete sich eine nörgelige Frauenstimme. Ich stellte mich als diejenige vor, die ihren Freund nach dem Brand betreut hatte, und erkundigte mich gesittet, wie es ihm gehe und ob ich ihn besuchen könne. Er lag mit zusammengeschraubtem Oberschenkelhals im Katharinenhospital. Da würde er vermutlich noch länger liegen. Ein guter Grund, den Krankenhausbesuch zu verschieben. Andererseits bohrte die Leerstelle, die der Helfer hinterlassen hatte. Ich hatte ihn gesehen, vermutlich mit ihm geredet und dennoch kein Bild von ihm. Ich hätte nicht einmal beschwören können, dass es ein Mann gewesen war, wenn ich daran auch eigentlich keinen Zweifel hatte.
Ich zwang mich. Das Katharinenhospital war nach all den Umbauten nicht mehr dasselbe, in dem ich vor einem guten Dutzend Jahren mit zertrümmertem Knie und Scherben im Gesicht gelegen hatte. Vor der Tür standen mit Infusionsbäumen, Verbänden und Krücken die Raucher. Der Weg zur Orthopädie war ganglang und fahrstuhlweit. Wagen mit Kaffeekannen standen in den Gängen, Schwestern raschelten in Gummipuschen übers Linoleum. Erinnerungen huschten unter den Türritzen hervor. Die mit Adrenalin und Schmerzopiaten gemischte Sorge überfiel mich wieder, ob es mir gelingen würde, in die Welt zurückzukehren, und zwar auf zwei Beinen, die mich trugen.
Ich betrat ein Vierbettzimmer mit einer halben Wand in der Mitte. Rechts lag unter weißen Decken ein Halbtoter mit offenem Mund. Zu alt. Ein Dicker starrte mit Kopfhörern auf den Ohren auf ein Fernsehdisplay am Schwenkarm seines Nachttischs. Der auch nicht. Aber links am Fenster schlief einer mit einem Laptop auf den Knien. Die blutgefüllten Flaschen der Drainage hingen unter dem Bett, Krücken klemmten in den Halterungen. Das musste er sein.
Matthias Kerns Schlafgesicht war weich wie das eines Kindes. Sein Lächeln war nach dem ersten Schrecken freundlich und offen.
»Wir sind uns bei Ursprung begegnet«, stellte ich mich vor. »Ich habe Sie aus dem Laden geschleift.«
»Ach ja«, sagte er. »Das ist aber nett, dass Sie mich besuchen. Ich habe immer wieder an Sie gedacht. Vermutlich verdanke ich Ihnen mein Leben.«
»Nur zufällig und keiner bewussten Entscheidung.«
»Leider habe ich Sie vor lauter Aufregung nicht nach dem Namen gefragt.«
»Lisa Nerz.«
»Ah! Die Lisa Nerz?«
»Welche?«, fragte ich blöde.
»Schwabenreporterin Lisa Nerz! Ich lese sonntags immer Ihre Rubrik ›Käse und Spatzen‹. Sie schreiben zwar, dass es der Sau graust, wirklich! Sie haben nie Journalismus gelernt, nicht wahr? Aber es hat was. Und wenn sich mir wieder mal die Zehennägel aufstellen, sage ich mir, dass Sie sich vermutlich nur über uns lustig machen.«
Richard interpretierte das nie so nett.
»Und Sie sind auch vom Fach?«, erkundigte ich mich. »Nein, Verzeihung! Sie sind Journalist, ich ja nicht.«
Er lachte fröhlich. »Von irgendwas muss man leben. Eigentlich bin ich Blogger, Internetverleger und … Autor. Aber fragen Sie jetzt bitte nicht, was ich so schreibe. Sie haben es bestimmt nicht gelesen. Sonst …«, sein Gesicht wurde zwanzig Jahre älter, »sonst wären Sie nicht zu dieser unsäglichen Veranstaltung gegangen. Warum ich mir das angetan habe, weiß ich auch nicht. Ich hätte auf meine Freundin hören sollen. Du regst dich nur wieder unnötig auf. Und das hier hätte ich mir auch erspart. Aber ich wollte einfach wissen, was sie für eine ist.«
»Lola Schrader?«
»Wie viel hat der Vater dem Verlag wohl bezahlt, damit die das Buch drucken? Und was kann sich ein kleiner, im Grunde bürgerlicher Verlag wie Yggdrasil davon versprechen?«
»Was ist denn so katastrophal an dem Buch, wenn ich mal fragen darf?«
Matthias seufzte. »Man kann Lola Schrader nicht nachsagen, dass sie nicht schreiben könnte. Es klingt alles ganz gut, ganz professionell. Und viel besser als ihre ersten Versuche in diesem Blog für pubertierende Mädchen. Das mag allerdings daran liegen, dass alles, was im Buch steht, auch schon woanders steht.«
»Sie meinen …«
»Es ist alles zusammengeklaut! Das meine ich.«
»Abgeschrieben?«
»Eine Siebzehnjährige und all die Kokainlines, können Sie sich das vorstellen? Dass sie Tilidin säuft wie ein türkischer Diskoschläger und mit einer Horde Vergewaltiger durch die besetzten Häuser von Freiburg tourt?«
»Vorstellen kann ich mir alles! Man muss ja nicht alles erlebt haben, was man beschreibt.«
Matthias ließ sich ins Kissen sinken. »Weiß Gott nicht. Man kann es auch einfach irgendwo abschreiben. Generation copy and paste, verstehen Sie? Jetzt sagen Sie, Döblin hat auch Fremdtexte verwendet. Collage und Simultaneität. Ja. Aber da erkennt man, dass es Schlagerzitate sind, zum Beispiel. Und es dient einer Aussage. Welt stürmt auf den Protagonisten in Form solcher Worte, Sätze, Phrasen ein, droht ihn zu überwältigen. Und das Cento …«
Ich grummelte.
»Das Flickengedicht, Cento von altgriechisch Kentron – mit Omega –, was Flickwerk, elender Mensch, Spitzbube bedeutet, das war ein Spottgedicht, das man aus zerstückelten Zitaten neu zusammengesetzt hat, damit sich ein neuer Sinn ergibt. Die Zuhörer kannten die Zitate. Ja, man kann immer Fremdtexte benutzen – Zeitungsartikel, Werbung, Gedichte, Lexikonartikel –, auch ohne Anführungszeichen zu setzen und eine Quelle anzugeben. Aber dann muss es der Leser erkennen können, beispielsweise, weil sich aus der Konfrontation eines Gefühls, das der Protagonist hat, mit einem Schlagertext, den alle kennen, ein Verfremdungseffekt ergibt, eine Überraschung, eine neue Erkenntnis, verstehen Sie.«
»Ich kann folgen.«
»Jetzt könnten Sie einwenden, Thomas Mann, Die Buddenbrooks, kennen Sie, ja?«
Ich nickte und schüttelte den Kopf. »Ich werde nichts einwenden.«
Matthias lächelte. »Der hat alles Mögliche in seinen Roman geflickt, seitenweise aus Lexika abgeschrieben, und niemand regt sich darüber auf, obgleich man es nicht merkt, zumindest heute nicht mehr nach über hundert Jahren.«
»Die Zeit heilt alle Wunden!«
»Ungefähr so, jede Blütezeit der Literatur basiert auf der Kraft und Unschuld ihrer Plagiate! … Leider nicht von mir. Wir zwei, Frau Nerz, wir sprechen uns in vierzig Jahren wieder. Und wenn diese Schrader dann mit zehn ordentlichen Romanen ihr herausragendes literarisches Talent bewiesen hat, dann … dann nehme ich alles zurück. Dann war’s Kunst, nicht Raub!«
Ich ahnte, dass es das gewesen war, was er hatte anmerken wollen, als das Feuer ausbrach. »Und von wem hat sie nun abgeschrieben?«
Matthias deutete auf den Laptop, bei dessen warmem Rauschen er eingeschlafen war. »Ich bin gerade dabei, die wichtigsten Belege zusammenzustellen. Leider fehlt mir hier ein Zugang zum Internet. Aber über kurz oder lange werden Sie von mir hören, oder besser: lesen.«
»Da bin ich mal gespannt. Was anderes, Herr Kern. Dieser Typ, der mir und Ihnen geholfen hat, aus der Buchhandlung rauszukommen …«
Er schaute mich an. »Ja?«
»Wissen Sie, wer das war?«
»Ich dachte, das sei Ihr Freund oder so. Er war dann plötzlich weg.«
»Erinnern Sie sich, was das für einer war? Jung, alt, Spiderman?«
Matthias lachte. »Sie stellen Fragen! Ich habe echt nicht viel mitgekriegt. Er war besorgt. Freundlich. An die Haarfarbe erinnere ich mich nicht, vermutlich irgendwas zwischen blond und schwarz, eher schwarz. Ich weiß es wirklich nicht. Was ist mit ihm?«
»Er hat Ihnen das Leben gerettet. Mit mehr bewusster Absicht als ich. Er kam nämlich von draußen rein und hat mir geholfen.«
»Hm. Vielleicht möchte er unerkannt bleiben.«
Ich gab Matthias Kern meine Karte, auf der nur meine Handynummer stand. »Vielleicht wollen Sie ja mal ein Bier trinken gehen, wenn Sie wieder raus sind.«
7
Am Wochenende hatte ich was anderes zu tun. Montag früh rief ich Rudolf Wagenburg an, einen meiner Ex-Kollegen beim Stuttgarter Anzeiger, und erkundigte mich, was die Brandsachverständigen der Feuerwehr herausgefunden hatten. Der routinemäßigen Pressemitteilung der Polizei zufolge hatte man eine Chemikalie an der Stelle gefunden, wo das Feuer seinen Ausgang genommen hatte.
»Was für eine Chemikalie?«
»Wozu willst du das wissen?«, fragte Rudolf.
»Ich saß unten im Keller bei der Lesung, als es passierte.«
Der alte Reporter lachte tief aus seinem Trollingerbauch heraus. »Wie schaffst du das nur immer? Unsereiner muss erst hinfahren, und du bist immer schon da, wenn was passiert.«
»Wer nicht rausgeht, den bestraft das Leben, Rudolf! Musst halt dein Pressehaus mal verlassen.«
»Wenn ich es verlasse, stehe ich im Stau.«
»Übrigens, Durs Ursprungs Sohn Ruben hatte ein vitales Interesse daran, dass der Vater den Saustall dichtmacht und er woanders einen überlebensfähigen Buchladen aufziehen kann. Aber ich weiß nicht, wie er es gemacht hat.«
»Hm«, machte Rudolf. Als erfahrener Journalist wusste er, wo eine Geschichte steckte, aber auch, wie schwierig es war, sie pressereif zu machen. Die meisten guten Geschichten fanden nie den Weg in die Öffentlichkeit, weil sie ohne Beweise reiner Rufmord gewesen wären oder den Tod des Journalisten bedeutet hätten, zumindest beruflich. In so einer Situation war ein Freelancer wie ich einem Journalisten wie Rudolf mit festem Stuhl und Tisch im Pressehaus nützlich. Ich trug das Risiko, er erntete die Lorbeeren, falls meine Recherchen zu einer druckreifen Geschichte führten.
»Und deshalb«, lockte ich, »wäre es interessant zu wissen, um welche Chemikalie es sich handelt. Es müsste eine sein, die sich nach einer gewissen Zeit, etwa nach einer Stunde, selbst entzündet.«
»Ich ruf mal bei der Polizei an«, beschied Rudolf. »Ich melde mich dann wieder.«
Hatte, fragte ich mich, Ruben eigentlich ebenso wie ich beobachtet, wie Richard das wiederentdeckte Buch in einen der Stapel zurückschob, während die Schraders und der Verleger einliefen? Und wer war zu diesem Zeitpunkt noch im Laden gewesen? Ich hatte zwar niemanden wahrgenommen, aber das musste nichts heißen. Ich hatte auf sehr wenig geachtet an diesem Abend.
Ich nahm das Hybridbuch vom Kneipentisch, wo es seit Donnerstagnacht lag. Als ich es aufschlug, hörte ich mit leisem Knistern die Blätter sich voneinander lösen. Oft war es seit dem Einschuss noch nicht aufgeschlagen worden. Die Kugel hatte das hintere Drittel des Bandes durchschlagen und war als Knubbel noch bis zur Mitte auf den Seiten zu fühlen.
Nur mal angenommen, das Buch wäre der eigentliche Grund für den Brandanschlag gewesen. Womöglich konnte es heute noch jemandem gefährlich werden, einer Marie Küfer, die jetzt Ehefrau einer bekannten Persönlichkeit war, oder Wolfi, der gerade irgendwo eine Wahl gewinnen wollte.
Die Seiten mit dem altertümlichen Textmuster waren gelblich und glatt. Wenn man mit den Fingerspitzen darüberfuhr, spürte man die Eindrücke der Buchstaben vom Druckstock à la Gutenberg. Manche Bücher in meiner Schulbibliothek hatten sich auch noch so mechanisch angefühlt. Die Fremdtexte befanden sich in zwei Lagen ziemlich genau in der Mitte. Ihr Papier war rauer und eng betippt. Bei geschlossenem Buch waren die fremden Lagen übrigens kaum zu erkennen, denn es gab … wie nannte man das? Meine Mutter hatte eine Bibel mit dem besessen, was sie Goldschnitt genannt hatte. Gemeint war damit, dass die Schnittkanten des Buchblocks vergoldet gewesen waren. Gold war es hier nicht, aber ockergelbe Farbe. Ich brauchte dringend einen Buchbinder, der mir die wahren Geheimnisse dieses Buchs erklärte. Durch Blättern kam ich nicht darauf.
Wenn auch – das stand fest – das Buch nicht der Grund für die Brandstiftung gewesen sein konnte. Falls Ruben oder irgendwer anders beobachtet hatte, wie Richard Schloss und Fabrik zurück in den Stapel steckte, hätte er es genauso wie ich herausnehmen und anderweitig entsorgen können.
Verworfen! Aber gut, dass wir darüber nachgedacht haben.
Und dennoch … Nehmen wir an, der Beobachter von Richards Aktion hätte nicht bemerkt, wie ich das Buch hinter Richards Rücken an mich nahm. Er konnte später, als wir alle unten im Keller saßen, danach gesucht, es aber nicht gefunden haben. Zum Beispiel Michel Schrader, der sehr spät in den Keller herabgefußelt gekommen war. Allerdings war er ein bisschen zu jung für eine autobiografische Beziehung zu den 68ern. Genauso wie Ruben Ursprung.
Wäre es mir aufgefallen, wenn der unbekannte Helfer älter als fünfzig gewesen wäre? Hätte Matthias Kern ihn dann für meinen Freund gehalten? Na gut, warum nicht. Richard war auch über fünfzig.
Richard! Er hatte eine Beziehung zu dem Buch. Aber er hätte kein Feuer gelegt. Immerhin kannte er die damaligen Personen höchstwahrscheinlich in ihrer heutigen Gestalt. Die rätselhafte Marie Küfer war seine erste große romantische Liebe gewesen. Nur dass sie in ihm natürlich nicht den Mann gesehen hatte, der er in seiner eigenen Vorstellung gewesen war, ein Thalheim, ein Ehrenmann in verzweifelter Lage, der Einzige, der sie selbstlos liebte, sondern vermutlich ein geschlechtsloses Ding zwischen Mädchen und Pickelbub. Heute allerdings konnte er ihr beweisen, dass er immer Thalheim gewesen war, indem er ihr den Dienst erwies, das verräterische Buch zu vernichten. Was auch immer es verriet.
Und ein Buch vernichten heißt: es verbrennen. Das ist nicht nur ein symbolischer Akt. Es mindert auch das Risiko, dass es ein anderer für sich entdeckt, beispielsweise im Hausmüll auf dem Weg zur Müllverbrennung. Wie schwierig andererseits die individuelle Buchverbrennung ist, hatte Richard uns in Ursprungs Laden geschildert. Es wäre für ihn heute nicht leichter gewesen als damals, denn er gehörte nicht zu den Menschen, die sich das eigene Heim mit einem Kamin gemütlich gemacht hatten.
Also hatte er das Buch in den Stapel zurückgesteckt und …Alles Käse mit Spatzen! Und dennoch waren wir extra eine Dreiviertelstunde zu früh dort gewesen, damit er in aller Ruhe – den Bücherfreund vorgebend – nach diesem Buch suchen konnte, das sich dann sehr schnell eingefunden hatte. Und womöglich enthielt dieses Buch etwas, von dem er uns nichts erzählt hatte, etwas ungeheuerlich Entlarvendes, etwas Brandaktuelles, das jemandem das Genick brach, einem Wolfgang oder Wolfram Soundso, Ehemann von Marie Küfer, der heute Bundespräsident war …
Der hieß allerdings derzeit Horst.
Also alles Unsinn!
Richard hätte das Buch ja wirklich auch nur stillschweigend einstecken müssen, um es später woanders zu verbrennen. Oder zu schreddern! In Schnipsel zerreißen, dem Wind übergeben. Es war definitiv möglich, ein Buch zu vernichten, ohne einen Buchladen abzufackeln.
Ich atmete aus. Lisa Nerz, du musst nicht allen Menschen alles zutrauen. Irgendwo liegt die Grenze zwischen Lebenserfahrung und Misstrauen.
Nur wo? Bitte!
8
Ich suchte im weltweiten Netz gerade nach Buchbindern im Gäu, da klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer.
»Ja?«
»Spreche ich mit Herrn Nerz?«
»Wie man’s nimmt.«
»Michel Schrader hier! Ich brauche Ihre Dienste. Am besten wird sein, Sie kommen gleich bei uns vorbei. Dann können wir alles in Ruhe besprechen und den Vertrag fertig machen.«
»Einen Vertrag?«
»Oder wie ist das bei Ihnen in der Branche üblich?«
Eine Stimme, die es gewohnt war zu schicken. Das Bild des filigranen Herrn aus Ursprungs Laden gesellte sich dazu. Der aufgeregte Vater, der selig lächelnde Verleger, die kindliche Autorin. Über den schweren Verlust, den die Buchhandlung Ursprung für das Stuttgarter Kulturleben bedeutete, hatte man die arme Krott und ihr ambitioniertes Büchlein ganz vergessen.
»Ich bin der Vater von Lola Schrader.«
»Schön für Sie. Ob es allerdings für Lola auch schön ist …«
»Sie lesen vermutlich keine Zeitung!«, unterbrach er mich. Er klang wie mein letzter Deutschlehrer: Ulysses in den Augen, Grundgesetz in der Tasche, Goethe in den Nasenfalten. »Und Sie haben sicher auch noch nie von Lola Schrader gehört. Nun ja, in Ihrer Branche kommt man wohl nicht zum Lesen.«
Von welcher Branche redete er eigentlich? »Meinen Sie Bücher?«
»Jaha!« Mein Telefon nickte.
»Tut mir leid, ich bin Internetanalphabet.«
»Das spielt eigentlich keine Rolle. Sie sollen das Buch ja nicht lesen. Und wie gesagt, am besten wird sein, Sie kommen gleich einmal bei uns vorbei. Am Telefon möchte ich das nicht besprechen. Und wir können auch gleich einen Vertrag machen. Falls das in Ihrer Branche üblich ist.«
Zum Teufel mit meiner Branche! Was textete der eigentlich? Ich versuchte zu peilen. »Herr Schrader, wie sind Sie auf mich gekommen? A: über eine Zeitungsanzeige, B: übers Internet, C: zufällig, D: Ich bin Ihnen empfohlen worden. Bitte ankreuzen.«
Der Lehrer trudelte einen Moment. »Na, wenigstens haben Sie Humor.«
Ich habe keinen Humor!
»Man hat Sie mir empfohlen. Sie sind in der Branche ja nicht sonderlich bekannt. Eine Website haben Sie auch nicht.«
Es gab eigentlich nur eine Branche, in der meine Telefonnummer derzeit gehandelt wurde – allerdings nicht mit männlichem Präfix –, nämlich unter polnischen, ukrainischen, ungarischen und tschechischen Ex- und Noch-Nutten auf der Suche nach in der Sexindustrie verschollenen Schwestern. Ein Link zum letzten Fall, der mich meine Tapeten und Richard seinen Glauben an den Sinn der Nächstenliebe gekostet hatte. Ich ging im Geist die Clubs und Studios durch, in denen ich mich am Wochenende herumgetrieben hatte, um eine Jana aufzutreiben, die es als verdorbener tschechischer Engel irgendwohin verschlagen hatte.
In dem Etablissement, in dem sie sich laut Website hätte befinden müssen, war sie nicht gewesen. Ich hatte eine nette Unterhaltung mit dem Chef der Four Roses über den Generationenwechsel gehabt, sein Sohn wollte das Table-Dance-Lokal übernehmen. In anderen Clubs stellte man besser keine Fragen. Mit den Arachnes hatte ich später über Grenzgebiete geflachst und darüber, dass sich ihr SM-Club in der Grenzstraße am äußersten Rand eines Industriegebiets befand. Im Büro hatte das Buch mit dem callgirlroten Cover gelegen. Über Kunden äußerte sich die Domina nicht, aber es war unzweifelhaft ein Kunde gewesen, der ihr das Buch dagelassen hatte. »In den Shop kann ich es aber nicht stellen«, hatte sie erklärt. »Was die Kids tun, ist voll bizarr. Aber Fisting an einer 13-Jährigen, das kannst du als Literatur verkaufen, nicht aber als Pornografie in einem Shop für BDSM6.« Jana hatte ich dann in einem Schuppen in Ludwigsburg aufgetrieben.
»Und was für Dienste haben Sie sich vorgestellt, Herr Schrader?«, fragte ich den Kunden. »Französisch?«
»Was … äh … Nein. Ich unterrichte Rhetorik.«
»Ah so.«
»Und wie gesagt, lieber nicht am Telefon. Wann können Sie kommen?«
»Das kommt drauf an, wohin.«
»Dann nehmen Sie den Auftrag an?«
»Welchen Auftrag?«
»Sie müssen verstehen, aus bestimmten Gründen kann ich unsere Adresse nicht ohne Weiteres an Fremde weitergeben.«
Ich musste lachen. »Herr Schrader, Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich nicht in spätestens einer Stunde weiß, wo Sie wohnen.«
»Gut, dann in einer Stunde. Dann sehe ich auch gleich, was Sie können!« Damit legte er auf.
Wer sich provozieren lässt, hat schon verloren. Wahrscheinlich wäre ich jetzt noch am Leben, wenn ich mich gezwungen hätte, Michel Schrader nicht zu beweisen, was ich konnte. Aber Lehrerstimmen packten mich immer noch an Häkchen meiner Kindheit. Mein Vater war zu früh gestorben, als dass ich ihm hätte beweisen können, dass ich mehr war als nur ein Mädchen. Das ist meine Ausrede, warum ich habe handeln müssen.
Ich orientierte mich schnell im Netz. Lola Schrader – Malefizkrott, Amazon-Verkaufsrang 35245, kartoniert, 9,90 Euro. Das Buch war vor Weihnachten bei Yggdrasil in Tübingen erschienen. Der Verlag verriet auf seiner eigenen Seite, dass Lola Schrader die Tochter der Schauspielerin Marlies Schrader war. Bei Google Bilder erschien eine schmale Brünette. Ich erinnerte mich. Sie pilcherte meist eine Exfreundin, die noch ein bisschen intrigierte, ehe sie verlor. Sie gehörte einer Filmagentur in München. Tochter Lola Schrader war ihrem Facebookprofil zufolge Fan von Tokio Hotel. Von ihrem Gesicht sah man vor lauter Haaren nichts. Sie hatte 156 FreundInnen. Unter ihnen erkannte ich auch den Jungen wieder, der bei der Lesung gewesen war: Nino Villar. Lola wohnte in Stuttgart-Vaihingen. Schule: Fanny-Leicht-Gymnasium.
Michel Schrader zeigte sein gelehrtes Gesicht auf der Seite der Musikhochschule im Bereich Figurentheater. Dort prangte auch seine Privatadresse. Er wohnte ihm Österfeldgewann, Stuttgart-Vaihingen. Spaßeshalber schaute ich noch nach, ob er in einem Online-Telefonbuch verzeichnet war. Er war es nicht. Das Ganze hatte mich neun Minuten gekostet.
Umso mehr Zeit hatte ich für den Kleiderschrank.
Schrader hatte mich mit Herr Nerz angeredet, also sollte er auch einen bekommen. Aus rational nicht nachvollziehbaren Gründen kam es mir außerdem darauf an, dass er mich nicht gleich als Gast von Lolas Lesung wiederkannte. Ich wählte den dunkelgrauen Anzug, ein weißes Hemd, eine Durchschnittsvertreterkrawatte, schwarze Schuhe und den Trenchcoat. Ans Handgelenk schnallte ich eine von den klobigen Tiefseetaucheruhren, die Männer so lieben. Das Haar ölte ich nach hinten.
»So, ziehet Sie wieder amol in den Krieg?«, fragte Oma Scheible im Treppenhaus. »Passetse uf, gell!«
In Büchern nannte man eine Wiederholung Leitmotiv. Alte Leute schufen ständig Leitmotive. Ein Wort, das es, wie ich sicher wusste, auch im Englischen gab.
Es regnete noch. Die sonnigen Tage kamen erst später. Aber die ersten Deutschlandwimpel flatterten schon an den Autos an mir vorüber. An der Ecke Neckarstraße, Hackstraße erneuerten Maschinen das Gleisbett der Stadtbahn, die zum Gaskessel abbog. Ich holte Brontë aus der Garage. Die alte Dame aus der Familie Porsche, hochzeitsweiß mit nuttenroten Ledersitzen, muckte, als Regen ihre Windschutzscheibe nässte. Der Scheibenwischer knarzte.
»Es muss sein«, erklärte ich ihr. »Wegen der Performance!«
Das Autoradio teilte mir mit, dass unser Bundespräsident soeben zurückgetreten war, der Horst. Das habe es in Deutschland noch nie gegeben. Schlechte Performance. Dabei hatten wir doch erst am Samstag mit Lena den Grand Prix gewonnen. Gute Performance. Nettes junges Mädchen erklärt uns, wie das für schlanke Teenies ist, wenn sie sich verliebt haben. Die reine Physik, da gibt es kein Entkommen in die Vernunft. Sie glaubt sogar, der Kerl interessiere sich für die Lackfarbe der Zehennägel. Zwischen Opernkleidern und alten Melodien hopst im schwarzen Hängerchen die entzückende Jugend, die wir ja ansonsten gar nicht mehr kennen. Wir kennen nur die Schläger.
Stuttgart verstand übrigens von Performance auch nichts. Nicht einmal mehr Autostadt mochte sie sein. Alle Straßen, die Brontë gefallen hatten, weil raserisch und mehrspurig, waren ökolustfeindlich auf Tempo fünfzig zurückgestutzt und von Fußgängerampeln zerhäckselt.
Und in diesem Sommer herrschte eh Krieg. Nein, nicht Fußball. Es ging um den Hauptbahnhof mit seinem kreiselnden Mercedesstern und der Turmuhr aus den Fünfzigern, mit seinen Bossenwerkfassaden und den endlosen Seitenflügeln, an denen Passanten verhungerten und Ratten fett wurden.
Ich gehörte nicht zur Kulturelite der Stadt, aber ich sah es mit Wohlgefallen. Es schmeichelte mir. Denn beim Kampf um den Retrocharme des Hässlichen ging es im Grunde auch oder eigentlich um mich. Er war wie ich, dieser Hauptbahnhof: ungefällig, von altertümlicher Ästhetik, schroff, rau und verschlossen. Er war eine sperrige Demonstration gegen den bürgerlichen Schnörkelklassizismus anderer Metropolenbahnhöfe, zugleich jeglicher Modernisierung abhold, geistig tief im vorigen Jahrhundert verwurzelt und entschlossen, nichts dazuzulernen. Deshalb durften, wenn es nach mir ging, auch die Seitenflügel nicht abgerissen werden. Und wenn sich die Stuttgart-21-Gegner zu ihren Montagsdemonstrationen und Mahnwachen versammelten, dann taten sie es insgeheim für mich, für mein Narbengesicht, an das man sich gewöhnt hatte, und für meine Anstrengungen, nicht zu gefallen und mich dem zeitgemäßen CO2 -neutralen Glasbaudenken nicht zu unterwerfen.
Ich schickte Brontë durch die Tunnel nach Vaihingen hinauf und überließ den Rest des Wegs dem Navi. Er führte uns über die Bahnlinie ins Österfeldgewann, wo die Straßen Othello, Don Carlos oder Hamlet hießen. Brontë schnurrte zufrieden. In der Sackgasse zum Wald standen immerhin ein Porsche Cayenne und ein Z3. Wahrscheinlich würde sie den jungen Boliden Märchen aus Zeiten erzählen, als sich noch niemand um Auspuffemissionen kümmerte.
Das Haus mit dem Klingelschild Schrader war Teil eines dreihäusigen Neubaus mit großen Fenstern.
»Nerz«, sagte ich in die Gegensprechanlage.
»Pappo«, hörte ich aus dem Lautsprecher ein Mädchen rufen. »Da ist ein Nerz.«
Eine Antwort hörte ich nicht. Aber es knackte der Türöffner.
»Pünktlich sind Sie ja!«, empfing mich der filigrane Akademiker mit wachen grauen Augen und der Lehrerpersönlichkeitstonlage. »Angenehm, Herr Nerz!«
Mir gar nicht. Die Wohnung roch nach musischer Erziehung und Globuli.
»Schön, dass es geklappt hat«, konversierte Schrader weiter. »Möchten Sie ablegen?«
»Danke.« Ich legte den Trenchcoat über meinen Arm.
Lolas Blick war nadelscharf, er trennte alle Nähte meines spießigen Anzugs auf, freilich ohne sich schlüssig zu werden.
»Das ist meine Tochter Lola«, sagte Michel Schrader.
Ihr Händedruck war gewollt lasch. Ich schaute ihr ungeniert auf die Titten. Sie zog die Jacke zusammen. Unser geheimes Spiel begann.
»Darf ich bitten«, sagte der Vater. Im Wohnzimmer standen ein Klavier, Möbel, Unterhaltungstechnik und Leuchtmittel, die den unbedingten Willen zur Gestaltung verrieten. In die weißen Ledersofas würde niemand zu furzen wagen. Die Glasfront erlaubte direkten Einblick auch unterhalb der Gürtellinie. Nach dem, was ich über Feng-Shui wusste, ging es kaum unheimeliger.
Auf dem Rauchglascouchtisch lagen die Süddeutsche, die Welt, der Stuttgarter Anzeiger und das Buch mit dem callgirlroten Cover.
»Ja, das ist es, das Corpus Delicti.« Michel Schrader nahm es hoch, wechselte es von einer Hand in die andere, bevor er es mir überreichte.
Lola lächelte Grübchen in ihre Backen. »Nur so eine Spielerei von mir.«
Ich hielt mir das Buch verkehrt herum unter die Augen und ließ die Blätter unterm Daumen durchratschen.
Michel Schrader runzelte die Stirn. Lola lächelte sich aufs Kinn. Der Unterschied zwischen ihr und mir war nur, dass meine Spielereien nicht gedruckt und unter die Leute gebracht wurden.
Ich kann allerdings seit der Grundschule Texte lesen, die auf dem Kopf stehen, denn nur so hatte ich von meiner ersten Bank aus entziffern können, was die Lehrerin las, wenn sie uns eine Klassenarbeit schreiben ließ. Deshalb hatte mich schon in früher Jugend die Erkenntnis angesprungen: »Die Frau leidet als soziales und als Geschlechtswesen. Es ist schwer zu sagen, in welcher von beiden Beziehungen sie am meisten leidet. Daher ist der Wunsch vieler Frauen begreiflich, dass sie möchten als Mann und nicht als Weib geboren worden sein.«
In den Zeiten meiner Tätigkeit für die Frauenzeitschrift Amazone pflegte ich zu behaupten, dieser Satz sei von Simone de Beauvoir und habe mir schon in der Grundschule die Erleuchtung verschafft, dass es sich für mich nicht lohnte, das Ego-Projekt Frau weiterzuverfolgen. Keine hatte mir jemals widersprochen. Da hatte erst Richard kommen und August Bebels Die Frau und der Sozialismus ins Spiel bringen müssen. Gerne hätte ich diese Lehrerin heute gefragt, was sie damals bewogen hatte, Bebel zu lesen. Ich vermute, sie ist nicht im Schuldienst geblieben. Vielleicht ist sie damals verzweifelt an Ungerechtigkeit und Vietnamgemetzel und wurde – Anfang der siebziger Jahre – aus dem Dorf in die antiimperialistische Stadtguerilla gespült, kaufte einen Wecker, der für einen Kaufhausanschlag benutzt wurde, gewährte einer gesuchten Rote-Armee-Fraktionistin Unterschlupf und ging später in der Lesben- und Emanzenbewegung auf. Damals kannte man ja das iPad noch nicht und hielt deshalb die Weigerung, BH zu tragen, für eine Revolution.
Und jetzt sprang mir aus dem falsch herum gehaltenen Buch der Satz in die Augen: »Hakim lässt Oliva nackt tanzen, während eine Katze sie kratzt und beißt. Immer weiter und weiter, bis er sich entladen hat.«
Ich schaute hoch. Michel Schrader blickte weg. Lola kratzte sich mit kontaktlosem Blick die Hand unter dem langen Ärmel. Für einen Hausaufgabennachmittag war sie arg aufwändig geschminkt. Kajal um die Augen, Lidstrich, Mascara, ein kräftiges Violett auf den Lidern. Emo nannte man diese Farbrichtung. Das kam von Emotional. Emo sein lohnte sich eigentlich eher für Jungs, die sich schminkten und riesige Mützen auf toupierten Haaren tragen wollten, ohne als weibisch zu gelten, was die Lans nicht hinderte, sie zu mobben. Emo-Weibchen weinten nur ständig und ritzten sich die Unterarme.
»Es verkauft sich ganz gut«, behauptete Michel. »Offenbar hat Lola den Nerv der Zeit getroffen.«
Ihr Blick kam hoch und prallte gegen mein Gesicht. Ein kleines Lächeln befeuchtete ihre Lippen.
Na, du Malefizkrott, wer hat dir denn gesteckt, dass Schweinkram mit Gewalt immer den Nerv trifft?
Mit einem Ruck zog sie den Haarvorhang vor ihr Gesicht.
Empfindlich! Sensibel? Ich hätte gerne diese Stimme wieder gehört, mit der sie beim Eintritt in Ursprungs Laden »Guten Abend« gesagt hatte. Aber im Moment spielte sie was anderes. Ich kam nur nicht drauf, was.
»Bitte nehmen Sie doch Platz!«, sagte der Vater.
Ich steckte das Buch in die Innentasche meines Jacketts, legte den Trenchcoat über die Sofalehne und schlug die Beine übereinander. Dabei knallte ich mit der Schuhspitze unter den Couchtisch. Die Platte hob sich. Die Zeitungen rutschten.
»Verzeihung.« Ich rückte die Platte wieder gerade.
»Nichts passiert«, sagte Michel.
Lola kicherte. »Passiert mir auch ständig.« Sie ließ sich schwerhüftig in einen Sessel plumpsen.
»Darf ich Ihnen was anbieten?«, erkundigte sich der Hausherr. »Kaffee? Tee? Wasser?«
»Einen Kukicha«, antwortete ich. »Wenn Sie haben.«
»Ich fürchte, ich weiß nicht einmal, was das ist.«
»Japanischer Grüntee. Aber ein vietnamesischer Soui Bu Mu Tan tut’s auch.«
Michel lachte ratlos.
»Dann nichts, danke.«
»Ein Wasser?«
»Pappo, chill out! Hock di na!«, befahl Lola. Und an mich gewandt: »Sie sollen also auf mich aufpassen. Wie läuft das? Stehen Sie hinter mir mit Sonnenbrille, damit man Ihre Augen nicht sehen kann?«
»Warum sollte ich?«
»Meine Tochter hat Drohungen erhalten.«
Aus einer Schrankschublade zog Michel einen Ordner und setzte sich mir gegenüber. Der Ordner enthielt einen Vorrat Klarsichthüllen. In einigen steckten bereits Zeitungsausschnitte und Internetausdrucke. Offensichtlich war Pappo entschlossen zu dokumentieren, woran seine Tochter sich später einmal erinnern sollte. Er zog drei Blätter aus einer Hülle und breitete sie auf dem Glastisch aus.
Ich löste den Beinüberschlag, um mich vorbeugen zu können, und donnerte erneut mit dem Schuh gegen die Tischplatte.
Es waren fünf E-Mail-Ausdrucke mit Absendernamen wie Ann Onym, Kurt Zeller und Colly A. House. Im Textfeld stand je ein Satz ohne Komma. »Der Tot wird dich bekleiden Schlampe«, lautete der erste.
»Vermutlich meint er ›begleiten‹, typischer Fehler unserer bildungsfernen Jugend«, bemerkte Michel. »Und Tod ist auch falsch geschrieben.«
»Bücher brennen hell Luder« lautete der nächste, und der dritte: »Der Tot wartet auf dich Buchhasser.«
Diese beiden gab es in doppelter Ausfertigung, nur von jeweils anderen Absendern: Nemo Celsior und Fritz Wuehlmaus.
»Natürlich Tarnadressen!«, erklärte Michel Schrader.
»Wahrscheins nur ein Scherz«, sagte Lola. Ich entdeckte keinerlei Angst in ihrem Blick.
»Klingt auch eher nach Penisknochenbruch«, bemerkte ich.
»Wie bitte?«, fragte Michel.
»Nach einem Dauererektor, der sich an Mädchen in Angst aufgeilt«, erklärte ich. Die Sache mit den brennenden Büchern gefiel mir allerdings gar nicht. »Hat er schon angerufen?«
Vater und Tochter schüttelten die Köpfe.
»Sollte er dazu übergehen, dann legen Sie sich eine Trillerpfeife neben’s Telefon. Das bläst ihm das Trommelfell raus. Aber trillern Sie erst, wenn Sie sicher sind, dass es nicht Tante Erna ist, die erst mal zu Atem kommen muss, bevor sie sich meldet.«
Lola gluckste.
»Grammatisch und semantisch sind es eindeutig Drohungen«, bemerkte Michel Schrader streng.
Wir starrten uns an. Wenn sich zwei Männer gegenübersitzen, ist Kommunikation kinderleicht. Man macht eine breite Brust, zeigt die Waffen, man kreuzt sie, einer gewinnt, dann ist alles klar und flutscht, bis zum nächsten Gefecht. Das gewinnt dann auch mal der andere. Michel besaß eindeutig die Bildung.
»Warum sollte jemand Ihrer Tochter drohen?«, fragte ich.
»Neider gibt es überall.«
»Und worauf sind sie neidisch? Auf das Buch?«
»Kann ich mir auch nicht vorstellen!«, sagte Lola, schnell bereit, sich zu unterwerfen. »In meiner Klasse interessiert das null.«
»Bei Wittwer liegt es inzwischen in Stapeln herum!«, trumpfte Michel auf.
»Ach, kontrollieren Sie das?«
»Kontrolle wäre das falsche Wort. Es interessiert mich.«
Ich stellte mir vor, wie der filigrane Mann mit gegen den Wind gestelltem Haar Buchhandlungen stürmte. Wenn er sein Töchterchen nicht fand, nahm er sich die Buchhändlerin zur Brust. Haben Sie die Schrader? Ganz neu auf dem Markt. Malefizkrott. Nicht? Lesen Sie keine Zeitung? Was für ein unternehmerisches Konzept haben Sie eigentlich? Die Buchhändlerlizenz im Lotto gewonnen? Da kann ich mir künftig den Weg zu Ihnen ja sparen und gleich bei Amazon bestellen. Und die Buchhändlerin fing an zu schwitzen. Ich kann es Ihnen bis morgen bestellen. Das aber konnte Schrader nicht akzeptieren, dann hätte er seinen Namen nennen müssen. Schrader. Ach, sind Sie der Ehemann? Nein, der Vater. Was ’n Stress! Erst mit dem Schreiben, dann mit dem Bibbern und Beten, dass es ein Erfolg wird und die Charts stürmt. Und wenn nicht? Kann man dann noch in den Spiegel gucken? Schämt man sich?
»Und bei Amazon«, setzte der Vater hinzu, »steht es auf dem Verkaufsrang dreißigtausend! Falls Ihnen das was sagt!«
Ich kannte einen, der versucht hatte, den Verkaufsrang-Algorithmus von Amazon zu hacken. Immerhin wusste ich, dass sich bei dem Rang, wenn er so blieb, insgesamt vielleicht zweitausend Bücher im Jahr verkaufen würden. Nicht eben viele für das gierige Glitzern in den Augen des Vaters.
»Wie hoch ist denn die gedruckte Auflage?«
Michel Schrader lächelte verkniffen. »Yggdrasil ist ein kleiner Verlag. Und ein Debütroman ist immer ein Risiko.«
Ich lachte. »Hunderttausend?«
»Um Gottes willen! Zehntausend«, antwortete er mit entschlossener Lügenmiene. »Das kommt Ihnen vielleicht wenig vor. Die meisten Leute denken immer gleich an Bestseller, wenn sie hören, dass man ein Buch geschrieben hat. Und sie meinen, Gott was man damit verdient.«
Also dreitausend, dachte ich.
»Aber was nicht ist, kann ja noch werden.«
»Pappo!«, seufzte Lola. »Du weißt doch, ich denke nicht an Cash.« Sie machte ein Ehrlichkeitsgesicht. »Das geht mir voll am Fiedel vorbei.«
Super Stilmix: Schwäbisch – Fiedel heißt Arsch – gemischt mit Anglizismen. In diesem Punkt war das Buch zumindest authentisch, nach dem, was ich am Donnerstag gehört hatte.
»Gut«, sagte ich. »Gehen wir also vom maßlosen Neid eines grenzenlos Unwissenden aus. Fällt Ihnen da jemand ein?«
Pappo und Tochter schüttelten so wild die Köpfe, als glaubten sie grundsätzlich an das Gute im Menschen.
»So unbekannt wie Sie als Autorin sind«, bemerkte ich roh, aber höflich, »muss man wohl von einem Täter im direkten Umfeld ausgehen. Ein Schulkamerad, der Nachbar, der Sie eh schon ständig stalkt.«
Lola machte schmale Schultern und warf einen Blick zum Fenster hinaus auf die Straße. Gegenüber eine Hecke, ein Rasen, ein Mehrfamilienhaus mit Fenstern.
Michel Schrader schüttelte den Kopf. »So einfach ist das, fürchte ich, nicht. Wir hatten … vielmehr meine Tochter hatte eine Lesung letzte Woche bei Ursprung, falls Ihnen das was sagt.«
»Die Buchhandlung, die abgebrannt ist. Es stand in der Zeitung.«
Lolas Blick schaukelte sich in Zufriedenheit ein. Jetzt hatte sie mich erkannt. Jetzt war sie sich sicher.
»Und zwar an dem Abend«, fuhr Michel blind fort, »als wir dort waren. Wir sind mit nur knapper Not hinausgekommen. Und bei der Lesung war niemand, den wir kannten, außer Nino. Das ist ein Schulfreund von Lola, und den kennen wir seit Jahren.«
»Einen Nino kennt man nie, Herr Schrader. Heute der nette Bub, morgen ein Amokläufer!«
»Dazu fehlt dem Jungen die Courage«, stellte Michel Schrader fest. Einfach so. Lola duckte sich kaum merklich.
»Außerdem«, bekräftigte Michel, »saß Nino die ganze Zeit unten bei uns, während das Feuer oben im Laden ausbrach. Später hat es geheißen, jemand sei von außen in den Laden gekommen und habe das Feuer gelegt.«
»Und Sie meinen, es habe Ihrer Tochter gegolten?«
»Ich weiß es nicht. Die Zeitungen haben natürlich nur über Durs Ursprung und über den Laden berichtet. Kein Wort über Lola und uns. Immerhin waren wir auch beeinträchtigt, hatten einen Schaden. Ich habe dem Stuttgarter Anzeiger schon eine Mail geschrieben deswegen.«
Lola hörte kaum noch mit. Ihr Blick klebte an mir wie eine Schnecke auf Salat und kroch langsam auf seiner Schleimpur über meine Wange, die Nasenfurche entlang, über meine Stirn. Ihr Mund lächelte versonnen zwischen den Grübchen.
»Jedenfalls«, fuhr Michel Schrader unterdessen fort, »hat Lola nächste Woche Donnerstag wieder eine Lesung. Und ich würde mich einfach wohler fühlen, wenn jemand dabei wäre, jemand wie Sie.«
Ich lehnte mich zurück. »Klingt, als wollten Sie mich als Bodyguard engagieren.«
»Je nun …«
»Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich so was mache?«
»Wie gesagt, Sie sind mir empfohlen worden … Von einem Bekannten.«
»Den ich ja auch kennen müsste.«
»Ich muss gestehen, ich weiß seinen Namen nicht mehr. Ich habe ihn in einem … äh … Restaurant getroffen. Wir kennen uns von früher. Da kann man schlecht nach dem Namen fragen.«
Ich skizzierte kurz mit meinem Fettfinger ein
auf die Glasplatte. Der ausgemergelte Hochschullehrer guckte schneller weg, als er hinschaute. Wenn so einer das Emblem für SM kannte, das auf die Geschichte der O 7 zurückgeht, deutete das nicht unbedingt auf eine gute Schulbildung hin.
»Jedenfalls, man sagte mir, Sie machen so was.«
Philip Marlowe hätte jetzt die Rede knallhart aufs Geld gebracht. »Sie erwarten aber nicht, dass ich Ihnen garantiere, dass Ihrer Tochter nichts zustößt«, sagte Lisa Nerz stattdessen.
Und Michel Schrader witterte sofort Chefluft: »Trauen Sie sich die Aufgabe nicht zu?«
Ich lachte ihn als Herr Nerz an. »Ich übernehme keine Aufgaben. Ich spiele nur.«
Sein Blick verengte sich. »Was verlangen Sie?«
Ich erinnerte mich, dass Philip Marlowes Honorarforderungen mir stets horrend vorgekommen waren. »Fünfhundert Euro pro Stunde plus Mehrwertsteuer und Spesen.«
Jetzt lachte Michel Schrader. »Was glauben Sie, was ich als Lehrer verdiene?«
»Sie sind Hochschulprofessor.«
»Das macht keinen nennenswerten Unterschied.«
Ich ließ meinen Blick wortlos durchs Zimmer schweifen. Lola blickte sich ebenfalls um und machte ein Gesicht, als wollte sie sagen: Du bist so was von peinlich, Pappo.
»Haben Sie denn so was überhaupt schon mal gemacht, Herr Nerz.«
Ich nahm meinen Trenchcoat und erhob mich, diesmal ohne gegen die Tischplatte zu treten. »Überlegen Sie es sich, Herr Schrader. Ich muss jetzt los. Wenn Ihnen die Drohbriefe ernsthaft Sorgen machen, dann gehen Sie zur Polizei. Die Internetfreaks vom LKA können ganz schnell rausfinden, wo sie herkommen.«
»Und wenn es nur ein Scherz ist?«
»Auch Scherze dieser Art haben strafrechtliche Konsequenzen. Falls Sie sich von der Polizei nicht ernstgenommen fühlen, dann empfehle ich Ihnen einen professionellen Personenschutz.«
Michels verhärmtes Gesicht bekam Geizpickel. »Bitte, Herr Nerz. Vielleicht sind das alles nur Hirngespinste eines Vaters, der Schwierigkeiten hat, seine Tochter in die Welt zu entlassen. Man macht sich halt Sorgen. Meine Frau ist Schauspielerin … Marlies Schrader … Haben Sie sicher schon im Fernsehen gesehen. Je nun … In ihrer Branche geht man davon aus, dass Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, ein siebzigprozentiges Risiko haben, einmal im Leben Opfer eines Stalkers zu werden. Ich werde nicht bei allen Lesungen dabei sein können. Abgesehen davon, das Lola ihren Papa nicht ständig dabeihaben will. Und ich bin auch nicht gerade …« Er lächelte schief. Und dann kam die komplette Unterwerfung. »Ich bin kein Karatekämpfer. Ich war schon immer ein Stubenhocker. Ich lese lieber. Ich wäre meiner Tochter wahrlich kein guter Schutz. Ich möchte, dass jemand dabei ist, der … der … nun ja …«
»Ein Samurai?«
Der Vater lächelte. »Wenn Sie das so nennen wollen.«
»Aber das kostet halt.«
»Dann mache ich Ihnen einen Vorschlag. Für diese Lesungen bekommen wir ja auch was. Viel ist es zwar nicht … Ursprung wollte 200 bezahlen. Allerdings gesehen haben wir das Geld noch nicht.«
»Okay«, sagte ich. »Dann kriege ich jeweils achtzig Prozent des Honorars für die Lesung. Plus Fahrtkosten.«
»Ohaaa!«, entfuhr es Lola. Sie dehnte den Vokal schmerzvoll.
»Tja«, sagte ich mit altersweisem Augenaufschlag, »Sie haben die Geschäftswelt betreten. Da gibt es nichts mehr umsonst.«
»Geld, Geld, Geld! Alle wollen abfassen. Will ich die Hausis abschreiben, fragt der, was krieg ich dafür? Ich finde das voll trist.«
Siebzehnjährige und Geld. Das ganz große Geld mochte Lola noch am Fiedel vorbeigehen, aber 200 Euro konnte sie umrechnen in Jeans, Shirts, Schuhe und Motorroller.
»Sie sind sowieso noch nicht geschäftsfähig«, bemerkte ich.
Lola ließ sich in den Sessel zurückfallen und zog sich in sich zurück.
»Einverstanden«, sagte Michel Schrader. »Dann machen wir das so.« Er zog ein Blatt aus den Klarsichthüllen in seinem Ordner. »Ich habe da schon mal einen Vertrag vorbereitet. Sie verpflichten sich …«
Ich lachte nur. »Kommen Sie mal runter!«
»Ich dachte, damit Sie was in der Hand haben.« Seine Mimik wurde pfiffig. »Falls ich nicht zahle.«
»Sie zahlen!« Ich griff mir ins Jackett und zog einen USB-Speicher hervor. »Und hier möchte ich jetzt die Drohbriefe draufhaben.«
»Wozu?«
»Um was in der Hand zu haben, Herr Schrader.«
»Ich weiß nicht …«
»Ich kann mich auch in Ihr Wireless-Netzwerk einloggen und Ihren Computer und den Ihrer Tochter absaugen.«
»Unser System ist selbstverständlich passwortgeschützt.«
Ich schnalzte mit der Zunge und lächelte. »Wo hat der Drohbriefschreiber Lolas E-Mail-Adresse her?«
Eine winzigen Moment nur war er verunsichert. »Jugendliche hinterlassen doch überall Spuren im Netz. Lola ist natürlich in Facebook …«
»Da ist meine E-Mail-Adresse verborgen, Pappo. Das habe ich dir schon ixig Mal erklärt. Da klickt man den Namen an. Und dann stünde hier Facebook als Absender. Ist aber nicht. Additional muss der bei Facebook angemeldet sein.«
Ich kannte zwar einen, der sich ohne eigenes Profil in Facebook bewegte, auch in den verborgenen Profildaten, aber das erwähnte ich nicht.
»Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten«, sagte ich. »Bei dem Autor dieser Zeilen handelt es sich um eine Person aus Lolas Bekanntenkreis, was wir ja ohnehin annehmen, oder aber die Person ist in Ihr Netzwerk eingedrungen und hat Ihre Adressdateien kopiert.«
»Je nun …«, seufzte Michel Schrader und erhob sich endlich.
In Karawane zogen wir in ein mit Büchern vollgestopftes Arbeitszimmer, in dessen Mitte sich zwei Schreibtische gegenüberstanden, der eine mit einem Laptop, der andere mit einem Computer ausgestattet. Auf der Computerseite rutschten Hefte und Schulbücher durcheinander, auf der Laptopseite herrschte eine Parallelordnung von Stiften, Heftern und Büchern.
»Sie sitzen hier gemeinsam?«, fragte ich entgeistert. Vater und Tochter einander gegenüber. Ich war fassungslos.
Lola grinste hinter ihren Haaren. Ihr Blick hatte sich vorübergehend an meinem Kehlkopf festgezurrt. Auch sie wusste wohl, dass der Adamsapfel das einzige fast sichere Erkennungsmerkmal eines Adams war. Nun suchte sie unter meinem Jackett nach Brüsten.
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