Kitabı oku: «Die Rosenlady und der Sekretär»
Die Rosenlady und der Sekretär
Christine Meiering
DIE ROSENLADY UND DER SEKRETÄR
ENGELSDORFER VERLAG
LEIPZIG
2018
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PROLOG
Unseren betagten Schreibsekretär aus der Zeit der ‚regency period‘ vor Augen, malte ich mir seine mögliche Vorgeschichte in den farbigsten Bildern aus. Wenn dieses Möbelstück doch nur erzählen könnte! Nun, da es schwerlich möglich sein dürfte, dem guten Stück trotz allem guten Zuredens auch nur den kleinsten Ton zu entlocken, müssen wir schon die Schätze, die in seinem Inneren schlummern, selbst aufzuspüren versuchen, sofern sie von geschichtsbewussten Menschen über Jahrzehnte und Jahrhunderte lang in Ehren gehalten worden sind.
Lebensgeschichten können spannend sein und über Raum und Zeit einer bestimmten Epoche Aufschluss geben. Während ich mir überlegte, dass in männerdominierten gesellschaftlichen Epochen vergangener Zeiten zumeist die ‚Herren der Schöpfung‘ diejenigen waren, die Weltgeschichte schrieben, überkam mich erstens der Wunsch darüber nachzudenken, wie sehr die im Hintergrund agierenden Ehefrauen das Walten ihrer Ehemänner mit beeinflusst haben könnten und zweitens, dass es diese Frauen mehr als verdienten, einmal ins besondere Blickfeld gerückt zu werden.
Elisabeth Heyking (1861 – 1925), geborene Gräfin Flemming, Enkelin von Bettina und Achim von Armin, war es geglückt, den Berühmtheitsgrad ihres Gatten, weit gereister deutscher Diplomat (1850 – 1915) noch zu übertreffen. In ihren Veröffentlichungen „Briefe, die ihn nicht erreichten“ gibt sie Zeugnis der deutschen Außenpolitik am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie schildert darin das Leben höherer Gesellschaftskreisen in vier Kontinenten und erreicht mit ihren Tagebüchern (1903) sogar die 100. Auflage. In ihren Kairoer Zeiten machte das Diplomatenehepaar u. v. a. auch die Bekanntschaft mit Evelyn Lord Baring, I. Earl of Cromer, englischer Generalkonsul in Ägypten, und seiner Gemahlin Ethel, geb. Errington, um deren Lebensrückschau es in meiner Erzählung geht.
Weitgehend unbeachtet geblieben sind die Ehefrauen einflussreicher Männer in Staat und Gesellschaft. Repräsentationspflichten, perfektes Organisationstalent bei der Haushaltsführung und eine erstklassige Kindererziehung mit dem Ziel, den vielfältigen Erwartungen höherer Töchter gerecht zu werden, prägten diese Leben schlechthin. Wer hat je ein Augenmerk auf die ‚Frau an seiner Seite‘ gerichtet? Wer hat ihre ureigenen Bedürfnisse, Sorgen, Ängste, Opfer, aber auch Freuden überhaupt wahr- bzw. ernst genommen? Meine Erzählung basiert zum großen Teil auf geschichtlichen Tatsachen, wenngleich ich mir erlaubt habe, die literarische Freiheit zu nutzen, um die Erzählung auszuschmücken.
KAPITEL EINS
„Oh, wo bist du denn? Du mein neugieriges Poussiertüchlein!“
Zittrige Finger greifen hin und her, ein bisschen wahllos, weil das gewohnte Versteck, die Kragenfalte des blauen Samtgewandes, nicht auf Anhieb das Spitzentaschentuch freigibt.
„Oh, wie schamlos du doch bist! Bist mir nichts, dir nichts, ein ganzes Stückchen weiter nach unten gerutscht?“
Eine grau gelockte Haarsträhne sich aus der Stirn streichend, hockt die alte Dame in ihrem Ohrensessel, mit einem leicht anstößigem Lächeln auf den erdbeerroten Lippen; ein Lächeln, schwerelos wie Federn im Wind, unanstößig auf Etikette bedacht, genauso flüstert sie ihre Worte, während sie mit gespitztem Daumen und Zeigefinger noch ein wenig tiefer dorthin vordringt, wo neugierige Blicke von ihr gewöhnlich mit einem irritierenden Augenaufschlag quittiert werden. Sie lächelt gedankenversunken vor sich hin. Sofern es geliebte männliche Blicke gewesen waren, oh, ja, damals in grauen Vorzeiten, ja, tatsächlich musste ich einmal jung gewesen sein, da pflegte ich diese anzüglichen Betrachtungen mit einem halb herausfordernden, einem Viertel verschämten und einem ebensolchem Viertel Blick Zurechtweisung zu erwidern, denn Zucht, Ordnung und Anstand sprechen seit jeher für eine adäquate Kinderstube, damals wie heute, dessen ist sie sich gewiss! Aber jene Erinnerungen liegen fest in tiefste Seelengründe versenkt! Nur im Geheimen darf ein solch prickelnder Gedankensplitter mal ans Tageslicht dringen, um der alten Dame jetzt ein Lächeln zu entwinden, ein vieldeutiges, ein sicherlich jederzeit beherrsch- und kontrollierbares dazu!
Ja, jetzt hält sie es endlich in ihren Händen, ihr schneeweißes Spitzentüchlein, das sich zwischen den beiden hocherhobenen Hügeln sichtlich wohl gefühlt hat, denn ein Korsett bewirkt nun einmal, dass sich erschlaffte Körperformen in vollendeter Gestalt darzubieten vermögen. Ihre spitzen erdbeerfarbenen Fingernägel ergreifen das knittrige Tüchlein und fahren damit über eine ihrer Wangen, auf ehemals prallem Wangenleben waren eine Anzahl Furchen, eingegraben in einer Haut-Hängepartie seitlich der korrekten Lippenkonturlinie, ersichtlich. Gräflich verpackt wandert das flüchtig benetzte spitzige Etwas schließlich in einen ihrer samtenen Ärmelbunde; erst später nach einem Mehr oder Meer an Tränen – oder schweißtreibender Befeuchtung wird es an jene Stelle gelangen, wo es dereinst in seifiger Wäschelauge treibend, den Weg aller Naturgesetze gehen muss.
„Ach, du mein Poussiertüchlein!“
Wehmütig schaut sie auf das Ärmelversteck, als sie mit ihren Armen herumfuchtelt, um aus dem untersten Fach ihres Schreibsekretärs etwas herauszuangeln, etwas, was sie schon lange gesucht und bisher nicht auftreiben konnte.
„Mein Gott! Was suche ich überhaupt hier? Bei aller hektischen Kramerei in den Fächern des Schreibsekretärs war es ihr schon wieder entfallen, das Objekt ihrer Begierde. „Das Alter treibt so manchen Schabernack mit mir!“, resümiert die alte Lady kopfschüttelnd im Gespräch mit ihrer Wenigkeit. „Aber eigentlich darf ich alles andere als erzürnt sein, denn mein Oberstübchen spielt keineswegs schon so verrückt, dass ein Tadel gerechtfertigt erschiene.“
Das Ärmelversteck gerät erneut in ihr Blickfeld. „Ach, ja, mein Poussiertüchlein! Warst du damals nicht auch daran beteiligt gewesen, als …?“
Die alte Dame lächelt, diesmal kommt das Lächeln aus weiter Ferne, genauer gesagt, aus einem längst entschwundenen Jungbrunnenland. Jeder Nervenstrang, jeder kleinste Teil ihrer grauen Zellen, mögen sie mit einem noch so vornehmen lateinischen Namen wie ‚substantia grisea‘ behaftet sein, jede einzelne ihrer Körperzellen gerät in eine seltsame Wallung, in diesem besagten Moment, in dem sich ihr Altersgesicht glatt wie ein rosiger Kinderpopo präsentiert. Ein verklärtes Lächeln durchstreift ihr Gesicht …, ja, genauso wie ich damals staunte, als das schwere Plätteisen über das schneeweiße Tischtuch auf dem Küchentisch glitt und ein kleines blond gelocktes Mädchen diese kleine Wundermaschine bewunderte, damals in grauen Vorzeiten, als sich feste glatte Handballen um den hölzernen Griff krallten, damit kraftvolle erfolgversprechende glättende Bewegungen jedem kleinsten Stoffknitter zu Leibe rücken konnten. Meisterhaft gebügelt stellte es sich später für alle Speisenden als eine wahre Augenweide dar …, ja damals als die Küchenmamsell, unsere Dora, später unsere Erna, Blümchen- und Goldschüsseln mit dampfendem Inhalt auf dem blitzblanken schneeweißen Laken servierte. Und von wegen graue Vorzeiten! Rote Möhren, grüner Spinat, buttergelbe Kartoffeln und bräunlich-schwarzer Krustenbraten stachen auf dem schneeweißen Untergrund in jedermanns Auge! „Ach, ja … damals …! Seltsam, mein Spitzentüchlein, seltsam … eine Alte mit solcherlei Anwandlungen!“
Sie lacht einmal laut auf! Ein heller Jungbrunnenlacher erfüllt den Raum, vorbeistreichend an der Standuhr, der es gerade in diesem Moment gefällt, ihr Dong – Dong – Dong – Dong – Dong – Dong, sechse an der Zahl, mit ihrem herzhaften Lacher zu vermählen, dieses Potpourri der Töne gelangt schließlich dorthin, wo die silbernen Glöckchen des Kronleuchters in die anmutige Melodie mit einstimmen.
Ach, ja, meine Jenny, die jüngste aller Schwestern, sie hat das Tischtuch, weil es so steif war wie ein Brett, zu einem ‚Bretttuch‘ umbenannt. Und die Servietten betitelte sie als ‚Kleinbretttücher‘. Aber Großmama nannte sie alle zusammen ‚mein Dutzend‘, auch die Betttücher bezeichnete sie mit diesem für uns Kinder seltsamen Namen! Und auch die Spitzentaschentücher wurden nicht davon ausgenommen! Wie auch immer, auf jedes ihrer geliebten Dutzende ließ sie partout nichts kommen. Nur im Dutzend hatte das Einzelne seinen Wert, seinen beinahe heiligen Wert.
„Und du … du schaust jetzt popelig versteckt aus meinem Ärmel heraus! Wo Du doch einst auch zum stolzen Dutzend gehörtest!“ Sie lächelt verschmitzt, auf den Ärmel ihres Gewands blickend. „Ja, damals …!“
Die alte Dame sendet einen zweiten Lacher nach oben. Er streift an der Vitrine mit den Blumentellern und Goldgläsern entlang und verfängt sich schließlich in dem schweren Samtvorhang, der das große Butzenglasfenster beidseitig umrahmt. Der zweite Lacher entspringt ihrer Erinnerung an einen Haufen Kinder, ohne Ende Schabernack treibend. Nur ihr, meine lieben Enkeltöchter und Enkelsöhne, ihr macht mir nicht einmal das halbe Dutzend voll. Ihre gedankliche Reise zu der großen Herkunftsfamilie und zu ihrer eigenen Familie lässt sie seufzen, ehe sie ein ‚Ja, es war herrlich!‘ von sich gibt, das zu schnell wieder von einem ‚Gott sei Dank!‘ ausradiert zu werden scheint. Ihrer lieben Grandma gälte es heute klar zu machen, dass ein halbes Dutzend Kinder und weniger vollauf genügten, einfach deshalb, weil Kinder heutzutage nicht mehr so unbeweglich zu halten seien wie früher, dass sie nicht genauso wie ein Dutzend Bettlaken, Servietten oder Spitzentaschentücher in den Schrank verlagert werden könnten. Heute dürfen die Kleinen ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten mehr gehorchen als früher und das strengt Eltern nun mal eben oft sehr an! Von daher, so sinniert sie, geht das mit dem halben Dutzend oder weniger bei meiner Nachkommenschaft schon in Ordnung.
Die alte Dame liebt es, ihren eigenen Gedanken nachzuhängen, besonders dann, wenn sie alleine ist. Das Alleinsein, das mit sich Selbstsein, ist ihr inzwischen zur zweiten Natur geworden. Ja, Großmutters und Mamas Stolz auf ihre trefflich gestärkte Wäsche scheinen sogar sprichwörtlich verewigt. ‚Das Tuch steht wie eine Eins!‘ Dieses geflügelte Wort aus dem Munde unserer Mama verbreitete sich in Windeseile. Die alte Dame schmunzelt, die Armstützen fest umklammernd, zur Vergewisserung, dass sie im Hier und Heute lebt. „Und weil ich mit sieben Jahren wahrlich nicht dumm gewesen bin“, verbessert sie sich vorsichtig, „denn als zu vorlaut zu gelten, das war in unseren Kreisen wahrhaft ein Übel, ja, also äußerst behutsam musste ich Mama zu verstehen geben, dass die Eins doch noch einen Haken habe und auch nicht so aufrecht stünde wie das steife Tischtuch, auch wenn es sich an den Seiten vollgestärkt präsentierte. Ich bemerkte das nicht ohne Stolz, denn die Familie brüstete sich nur allzu gerne mit wissbegierigen Kindern. Und wie erwartet erntete ich dabei ein leises verständnisvolles Nicken der Erwachsenen. Jedenfalls steckten wir Kinder oft einen winzigen Mokkalöffel in die aufgestellte steife Serviette und spielten mit ihr Segelboot. Dabei durften wir aber nicht zu wild unser Segelboot hin und her schaukeln lassen, denn sonst ernteten wir womöglich einen ‚Gehört-sich-nicht-Klaps‘, und zwar einen gehörigen, einen, mit dem nicht zu spaßen war. Ach, ja … Und Du, mein Spitzentüchlein, hier im Ärmel drin! Oder auch ein anderes Deiner elf Geschwister.“ Und je mehr ihre Gehirnwindungen mit Jungbrunnenwasser durchschwemmt werden, je mehr scheint der alte graue Kopf mit den geschrumpften Runzeln weit nach oben zu schweben, am Kronleuchter vorbei, die Zimmerdecke durchbrechend, jener Sphäre entgegen, die raum- und zeitlos von der Ewigkeit Kunde gibt!
„Ach, ja … damals …! Hilfe, ich entschwebe …! Alles an Tante Marie ist dick. Ich umarme sie nur, weil und wenn ich es muss; beim Begrüßen, Verabschieden und beim sich Bedanken; das ist heilige Pflicht. Ich liebe ihre Umarmungen überhaupt nicht, weil sie mich dann jedes Mal so feste an sich drückt, dass ich dann wie ein kleines, wehrloses Geschöpf nach Atem ringen muss. Und weil sie dabei so sehr schwitzt und stinkt wie ranzige Butter, ja, darum hasse ich alles an ihr. Alles, wirklich alles an Tante Marie ist dick: ihre Hände sind dick, ihr Bauch ist am dicksten, aber auch ihre Brust ist so schwer, dass sie, wenn Tante bei Tisch sitzt, wie eine schwere Last auf die Tischplatte gedrückt wird. Alles an Tante Marie ist eben unförmig, ihre Arme und Beine, ja sogar ihre Ohrläppchen und ihre Backen dazu. Diese zeigen sich noch meistens knallrot und ihre Augen funkeln wie Katzenaugen in der Nacht. Aber am allerallerdicksten ist ihr Po. Wir Kinder lachen, wenn Mama uns zuflüstert: Da kommt die Po-Tanz-Matrone! Aber eigentlich gehört sich das nicht, so über eine alte Tante zu sprechen, das gibt Mama später selbst zu. Und wir Kinder lachen uns krank, auch wenn wir kein Fieber dabei kriegen. Tante Marie wackelt nicht nur mit dem Po, sondern mit allem, was an ihr dran ist, wie roter Wackelpudding sieht sie aus, und zwar wie solch einer, den wir Kinder doch besonders lieben, einen mit Himbeergeschmack, wie köstlich! Nur die dicke Tante, die mögen wir eben gar nicht, weil die Matronentante nämlich alles andere als köstlich daher kommt. – Hahaha!“ Spöttisches Lachen im Alleingang muss erlaubt sein. Auch das Alter und der Stand, sie schützen so manches Mal auch vor Übermut nicht! Wie sehr unsere alte Dame vor ihrem Schreibsekretär hockend, im phantastischen Jungbrunnenland verweilend, sich den Kindheitserinnerungen hingibt – und das mit allergrößtem Vergnügen! – das ist an ihrer Trance zu merken, die sie himmelwärts zu tragen scheint: Tante Marie springt plötzlich auf. Ein dicker Hefekloß war gerade in ihren Magen gerutscht, als sie wie von der Tarantel gestochen, vom Stuhl hochhüpft. Ich muss losprusten, meine Schwestern Jenny und Diana ebenso. Erst recht mein Bruder John! Wir halten uns den Mund zu, während unsere Backen dicker und dicker werden und zu platzen drohen.
Tante Maries Arme umgreifen ihre wallende Brust und kreisen in einer Mordsgeschwindigkeit um Brust, um Bauch und Po, wobei die Bewegungen immer heftiger und ungezügelter werden. Die ganze Tante kommt jetzt wie ein wahrer Wackelpudding daher, diesmal muss es ganz bestimmt einer mit Himbeergeschmack sein, denn das Gesicht und ihr Hals, ja alles an ihr, was unbedeckt ist, erstrahlt in Himbeerröte, während süße vergorene Himbeeren ihr aus allen Poren dringen. Dabei wuchtet sie ihre kurzen Arme über den massigen Rücken; weit reichen sie nicht, diese kleinen wibbeligen Dinger – während sie dabei Zetermordio schreit: „Zum Donnerwetter! Hilfee!“
Als sie von Mama ein Spitzentaschentuch gereicht bekommt, um sich damit die Nase zu putzen, beginnen ihre funkelnden Augen wahre Sturzbäche zu produzieren. Ein Nieser jagt den anderen, ein wahres Spektakel für uns Kinder. Ach je, … wenn ich auf das Ende seh’, … dabei wird’s mir mulmig und flau im Magen …, ein siebenjähriges Herzchen beginnt zu flattern, so wie es im Buche steht! Ein achtzigjähriges Herz flattert mit dem siebenjährigen im Duett, jetzt in diesem träumerischen Erinnerungsmoment. Und dabei wird das gute lebenserhaltende Stück wie schon so oft im Leben mächtig aus dem Takt gebracht. Wenn die Ewigkeit auch aus Stockschlägen besteht, wehe mir, ja dann … und die alte Dame, wieder in der Gegenwart angekommen, setzt zunächst ein Bein auf den Wohnstubenboden, ein siebenfaches Dong-Dong vernehmend, als sie sich mit beiden Füßen auf dem Parkett und mit ihrem samtenen Gesäß auf dem schnörkeligen Sessel mitten zwischen Rosen herrlichster Farbschattierungen wiederfindet und den Arm nach dem ausstreckt, das sie schon seit langem sucht und bis jetzt noch nicht gefunden hat.
„Oh, je, ich zürne und habe doch kein Recht dazu! Nun zur anderen Sache: Bei meinem Vater hat’s damals Stockschläge gehagelt. Und das alles nur, weil der böse Bruder John die Idee mit den Hagebuttenkernen hatte! Und bekanntlich ist mit dem Juckpulver nicht zu spaßen! Und dass Tante Marie das Opfer geworden ist, das kam auch nicht von ungefähr!“ Sie spricht oft mit sich selbst, fühlt sie sich inzwischen doch viel einsamer in ihrem großen alten Landhaus als in früheren Zeiten. Die alte Dame lächelt, ein wenig verträumt noch, um sich anschließend wieder auf ihren Beinen befindend, die Schultern zu kitzeln, und den Rücken zu jucken, ehe sie sich dann wieder formvollendet mitten auf die Sessel-Rosenwiese platziert: „Mein Gott! Ich bin doch nicht mehr sieben, ich stecke niemanden mehr Juckpulver, wer weiß wohin, ich bin die altwürdige gräfliche Dame Ethel, Witwe des weltweit hochverehrten Earl of Cromer, Mutter zweier wohlgeratener Söhne und Großmutter von vier quicklebendigen Enkeln, und ich bin und bleibe …“, trotzig tritt sie mit ihrem Fuß auf das spiegelglatte Parkett fest auf, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, „eine feine Dame, eine Dame von Welt mit Anstand und Manieren! Das bin ich meinen Altvorderen schuldig! Ja – und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!“
Lady Ethel liebt Bequemlichkeit. Die Rosenwiese, auf der ihr gräfliches Gesäß thront, hat sie sich mit einem lindgrünen Kissen ausgepolstert, einem himmelbettartigem, dessen Federfüllung ihrem leicht gebeugten Rücken wohlige Wärme und Weichheit spendet. Ja, ihr Rücken, … der gute alte …, er hat wahrlich schon bessere Zeiten erlebt!
„Ja, du mein Guter, der du dich mehr und mehr krümmen wirst! Du hast mir immer treue Dienste geleistet und alles mit mir zusammen getragen, was das Schicksal unserer Familie auferlegt hat. Und wie habe ich dich dafür gehegt und gepflegt! Die Kammerzofe hat dich weichmassiert, wenn die Strapazen überhandnahmen. Weißt du noch, mein Lieber, wie Rosies Hände dich kraftvoll kneteten? Ja, sie, die Liebe, eine Meisterin in punkto Körpermassage. Mit rhythmischen Bewegungen spielte sie auf dir Klavier, mal ein Adagio, mal ein Piano forte! Erinnerst du dich noch an den zarten Lederriemen, mein Treuester, den Rosie in atemberaubendem Tempo in alle Himmelsrichtungen über dich gleiten ließ?“ Und als die alte Lady noch einmal versucht, ihrem alten lastenerprobten Gefährten eine dankbare Streichelgabe zu verpassen, da knackt es kräftig im stark gealterten Gebälk, was ihr einen mächtigen Schrecken versetzt! Sie ärgert sich über ihren Wagemut. Sicher wird er sich an ihr rächen und ihr eine schlaflose Nacht bereiten. – „Ja, mein Lieber, jetzt müssen wir beide die Konsequenzen tragen, nicht wahr! Aber immer nur vernünftig sein, oh, nein! Für eine Person, wie ich es bin, impulsiv und oft unvernünftig, gar nicht vorstellbar! Aber wäre das Leben ansonsten nicht kalt und öde?“
Gleichzeitig streift sie mit ihrer Hand über den weichen Stoff rund um ihre Hüfte. „Hier schaffe ich es noch hin! So gerade eben noch! Aber du, meine altgediente Lende, du bist doch noch wesentlich widerstandsfähiger! Gib mein Mitgefühl bitte an meinen Buckel weiter und sage ihm, dass er sich auf keinen Fall gekränkt fühlen möge!“
Die alte Lady muss lächeln und ihr Lächeln fällt auf den Teewagen neben ihr, ihrem Gehilfen in der Not, der sich auf großen hölzernen Rollen hin- und her bewegend, oft Mitleid mit ihrem schmerzenden Rücken zeigt. Ihr Blick fällt genau genommen von dem weißen Spitzendeckchen mit dem verschnörkelten silbernen Bilderrahmen schnurstracks auf eine stattliche Person, nicht auf irgendeine, nein, auf das Bildnis einer überaus vertrauten männlichen Statur, der sie mild entgegen lächelt. Gestern, heute und in alle Ewigkeiten werden sich ihrer beiden Blicke treffen, ja, sie werden verschmelzen, wenn …, sie räuspert sich und streicht mit ihrer Hand über seine Wange …, ja, wenn wir uns demnächst wiedersehen. Ladies jedweden Alters und Standes sind glücklicherweise nicht vor Gefühlsausbrüchen gefeit, auch wenn Haltung und Anstand in gewissen Kreisen zur Contenance verpflichten. ‚Ach, was habe ich nur eine liebevoll verrückte Dame geehelicht, eine, die so nah am Wasser gebaut ist, so nahe, dass es das ganze Land zu überfluten droht.‘ In seiner ihm eigenen Art und Weise vorgetragen, waren diese, seine schmunzelnd vorgebrachten Worte, bei ihr keineswegs auf Granit gestoßen.
Die alte Lady greift nach ihrem Spitzentaschentuch – ein taufrisches, eines aus Großmutters geliebtem Dutzend. Noch ehe sie sich ein paar wenige dicke Kullertränen abwischen kann, bewahrheitet sich das, was ihr Geliebter ihr immer zu verkünden pflegte. Ein Tränenbach ergießt sich über ihr kastanienbraunes Samtgewand, wobei sich der weiche Stoff mächtig anstrengen muss, so viel Tränenflüssigkeit mit einem Male in sich aufzusaugen. Selten geschieht das in dieser ergreifenden Form, aber ab und an, wenn die Rosen in voller Blüte stehen, wenn ihre Söhne oder Schwiegertöchter sie durch kränkende Worte herausfordern, ja, wenn der Vollmond sie unruhig im Bett hin- und her wälzen lässt, und auch sonst dann und wann, wenn das Gefühl der Einsamkeit sie übermannt, dann überkommt es sie so unerwartet, wie ein aus heiterem Himmel herein brechender Regenschauer. Dann streichelt sie ihren tierischen Liebling in seinem Körbchen, während sich Katze Käthchens Schnurren mit den Seufzern seines Frauchens vereinigen. Jetzt ist sie allein und weit und breit kein Mensch erfährt, dass sie augenblicklich ihren Evel fest an ihren Busen drückt.
„Mein Evel-Liebling! … Deine himmlischen Berührungen …! Um wie viel mehr haben sie mein Herz erweicht als alle Klavierspielkünste der besten Pianisten der Welt es je vermocht hätten! Weißt du eigentlich, was du mir mit deinem Weggehen angetan hast? Ich fühle mich ganz und gar verlassen von dir – bald werden es drei lange, lange Jahre sein! Im Leben bin ich dir auf Schritt und Tritt gefolgt, zwar oft mit Zaudern und Ängsten im Herzen, aber als folgsame Ehefrau wäre ich mit dir hunderte Male um die ganze Welt gereist, wenn der Ruf an dich ergangen wäre! Weltreisen sind es zwar nicht geworden. Aber aus der Geborgenheit eines Elternhauses jäh herausgerissen, jungverheiratet den Schritten des Angetrauten in ein so fernes fremdes Land wie Ägypten folgen zu müssen, das schien mir damals um nichts leichter als hundert Weltreisen zusammen genommen! Aber dein Glück war mein Glück, deine Last auch die meinige!“
Das Bildnis schiebt sie jetzt ein wenig von ihrer Brust weg, zur Fensterseite hin, damit das gleißende Licht der Abendsonne direkt auf Evels Gesicht fallen kann. Verharren können und warten, ja, das musste ich in jahrzehntelanger Ehe lernen. Verzeihen, um sich wieder versöhnen zu können, das hatte mir das Schicksal abverlangt. ‚Pass’ ja gut auf deinen Mann auf!‘ Dieser Ratschlag ihrer besten Freundin Lea und deren nicht ganz von der Hand zu weisende Erkenntnis ‚Dein Mann ist ein Herzensbrecher!‘ sind heute in Ethels Ohr noch genau so laut vernehmbar wie ehedem.
„Und wie recht sie hatte! Louisas, deines Töchterchens Ankunft lange vor unserer Bekanntschaft, war bis kurz vor deinem Tod offiziell in Dunkel gehüllt. Ihre Existenz gehörte zu den tiefsten viktorianischen Geheimnissen. Aber von Herzen geliebt hast du nur mich, nicht wahr, Evel?“
Und da plötzlich ist es ihr, als ob sich ihr eine Hand entgegenstreckt, eine warme und kraftvolle, die sich wohlig in die ihrige schmiegt.
„Wie sehr haben mich alle beneidet, damals, als du um meine Hand angehalten hast, damals im Hause meiner Eltern! Wir haben weit auseinander auf dem roten Plüschsofa gesessen – so wie sich das damals gehörte! – und Mutter hat uns Earl Grey serviert. Stell’ dir das nur vor: Einen Tee: Earl Grey für einen zukünftigen Earl Blond, denn du betörtest mich damals mit deinem blond gelocktem Haar. Wie liebte ich es später, eine Locke von dir durch meine Finger gleiten zu lassen! Meine Schwester Irma nannte dich ein stattliches Mannsbild und in ihren Worten schwang auch ein wenig Neid mit, na ja, vielleicht war es ja sogar auch eine gehörige Portion von dieser Sorte, denn allerseits sprachen die Leute von der blendenden Partie, die ich gemacht hätte. Hast du in solchen Momenten nicht gespürt, wie wild mein Herz bibberte, besonders dann, als du bei meinen Eltern um meine Hand angehalten hattest? Mein Brustkorb schwoll bis zum Zerbersten an, als endlich das erhoffte ‚Ja‘ aus ihren Mündern ertönte. Zunächst Mamas ‚Ja‘, ehe etwas zögerlicher das ‚Papa-Ja‘ folgte. Solch ein berühmter Mann, als Siebzehnjähriger bereits Leutnant der Königlichen Artillerie und dann Privatsekretär bei seinem Cousin Thomas Baren, dem Vizekönig von Indien, welch eine andere Frau konnte sich schon mit solch einem begnadeten Manne schmücken? Evel, du glänztest als wirkliches Sprachgenie, spielerisch lerntest du Griechisch, Latein, Italienisch, Französisch und Türkisch! Welches junge Mädchen wird schon mit strahlenden Augen von einem so großartigen Manne, wie du es gewesen bist, in den Hafen der Ehe geführt?“
Ihr Blick hakt sich in seinem Bildnis, in seinen Augen fest. Verschlingend und einverleibend wird er für alle Ewigkeiten in ihrer Seele eingebrannt bleiben, ihre letzten Lebensschritte bestimmen und den oft tristen Alltag beflügeln.
„Deine Augen blicken so zielstrebig und willensstark, genauso wie auch dein ganzer Lebensweg verlaufen war. Mag das nicht auch daran gelegen haben, dass du dich schon früh gezwungen sahst, dich gegenüber acht älteren Geschwistern behaupten zu müssen? Aber einige Male, besonders in der Zeit, in der die britische Presse deinen Rücktritt als erster britischer Generalkonsul in Ägypten herbeiführte, brauchtest du mich doch, meine tröstenden Worte und meine weiche Schulter zum Anlehnen. Du ahntest gar nicht, wie sehr ich zu jener Zeit dein Anlehnungsbedürfnis genossen habe! Es tat mir unendlich gut, dir auch einmal Stärke schenken zu dürfen. Lieber Evel, weißt du noch? Ja, bibbertest du nicht auch noch bei dem Gefühl an jener, an unserer Stelle, gekitzelt zu werden, dort zwischen Unterlippe und Kinn, wo die Natur dir eine kleine Vertiefung beschert hatte, wie ein kleines Nest lud es zum Kitzeln ein! … Ja, mein Liebster, über zweidreiviertel ewig lange Jahre sind wir schon getrennt, aber hab’ keine Sorge, so viele Jahre werden es bestimmt nicht mehr, bis wir uns wiedersehen. Einige Zeit werde ich noch benötigen, wichtige Dinge in unserem Sekretär zu ordnen. Ich werde es auskosten, gemeinsame Erinnerungen aufzuspüren, ehe meine Zeit gekommen sein wird, dieser erhoffte, aber doch ehrlicherweise auch ein wenig gefürchtete Moment! Dann, ja, dann werde ich dir alles, aber auch wirklich alles erzählen, was mich hier auf Erden nach deinem Weggehen noch beschäftigt hat. – Was suchte ich eigentlich?“
Die alte Dame stöhnt kurz auf, als sie vor ihrem Sekretär taumelnd, mit ihren erdbeerfarbenen Fingern über das frisch polierte Holz streicht. Liebevoll und stolz, ganz so wie jemand ein Kleinod behandelt.
KAPITEL ZWEI
„Lady Ethel, wie oft muss ich noch fragen, ob ich den Earl Grey servieren darf? Ich befürchtete schon, dass Sie ein Nickerchen machen!“
Als Mrs. Smith, für die Essenszubereitung und für die Hauspflege der Gräfin zuständig, den Raum wieder verlässt, nippt Lady Esther mit ihren erdbeerfarbenen Lippen bei halbgeschlossenen Augen vorsichtig an der heißen dünnwandigen Blumentasse und muss dabei lächeln, geheimnisvoll, denn in dieser heutigen Zeit darf eine wirkliche Gräfin mit silbergrauen Haaren ihren Earl Grey auch von Herzen genießen. Lady Ethel summt eine leise Melodie. Das Vogelgezwitscher, das Summen der Bienen, das schwebende Vorbeigleiten der Zitronenfalter, der Rosenduft, der Herz und Sinne betörende, das Rot, das Feuer der Liebe entfacht, und das die anderen sich bescheiden zurückhaltenden Blumen beinahe schon ihrer Würde beraubt, das alles beflügelt ihre Sinne, denn wie auf einen Weckruf hin, hatten sich ihre Glieder zuvor verjüngt, um ohne viel eigenes Mühen ins Grüne entschweben zu können. Lady Ethel spürt in diesen frühen Morgenstunden ein Geschenk des Himmels: ein Hauch Unbeschwertheit, eine Leichtigkeit, die sie schon lange vermisst hat, ja, eine gehörige Vorahnung der Ewigkeit!
„Go forth my Heart, and seek Delight!“, und ganz im Hinterstübchen schlummert das deutsche Original: „Geh’ aus mein Herz und suche Freud …!“
Ihr Evel kannte noch die erste Zeile in deutscher Version und er wurde nicht müßig, immer wieder zu betonen, dass er ja schließlich deutsche Vorfahren gehabt habe.
Und als ihr Summen zu einem mächtigen Strom anschwillt, tritt ein Nachbar an das Gartentörchen, schwenkt seinen Hut und strahlt mit der Sonne um die Wette: „Hallo Frau Nachbarin! Sollen wir gemeinsam ein Duett zwitschern?“
Lady Esther macht das ein wenig verlegen. „Oh …“, meint sie darauf hin kleinlaut, „… meine krächzende Altdamenstimme passt bestimmt nicht zu ihrem klaren Tenor! Aber ein paar gelbe Teerosen werden auch in ihr Haus Sommerfreude bringen. Sie haben doch, wie ich weiß, keine Rosen im Garten. Aber dafür besitzen Sie eine richtige bunte Blumenwiese, auf der sich Schmetterlinge und alle möglichen Insekten ihr Stelldichein geben.“
Lady Esthers Rücken knackst ein klein wenig, als sie sich zum Rosenabschneiden hinunterbeugt, aber es tut wirklich nur ein klein bisschen weh, denn Sommerfreuden betäuben jedes Schmerzzentrum und lassen die Welt in einem alles andere als tristem Licht erscheinen. „Wie herrlich leuchtet mir die Natur! Wie …“
Ihr Evel wusste die ersten Strophen noch zu rezitieren. Sie stockt, weil ihr die weiteren Worte fehlen. Ein wenig beherrscht sie die deutsche Sprache zwar, aber das, wie gesagt, wirklich nur ein klein wenig. Mit dem Namen ‚Goethe‘ und einigen seiner Werke ist sie natürlich vertraut; zwar fühlte sie sich nie so eng mit dem Künstler verbunden wie Evel, aber sie mag generell Dichter, die ihr Herz streicheln und denen es mit melodiösen Textkreationen gelingt, ihre empfindsame Seele in das Reich der Träume zu entführen. Goethes Werke stehen in englischer Übersetzung in ihrem alten Schreibsekretär. Eine Berühmtheit wie Goethe, der bekannteste Dichter der Deutschen, er darf natürlich in dem Dichterreigen nicht fehlen, … und ehe sie zurück in ihr Wohnzimmer tippelt, überlegt sie sich, an welcher Stelle er im Sekretär seine Bleibe gefunden haben könnte. Ob sie ihn in den unteren beiden Fächern entdecken kann? Die Zeiten des ‚Auf-Stühle-Kletterns‘ sind endgültig vorbei!
„Oh, welch’ ein Glück! Ohne mich recken und strecken zu müssen, habe ich ihn – unseren verehrten Herrn Geheimrat Goethe! – schon gefunden! Und dann blättert sie und blättert, eine gefühlte Ewigkeit lang!
„Ich hab’s!“ Zufrieden beginnt sie mit der eigentlichen Arbeit, der Entzifferung der deutschen Sprache! Wie gerne hätte sie jetzt die Hilfe ihrer Enkelin in Anspruch genommen. Sie studiert in Cambridge Germanistik! Als eine der ersten jungen Mädchen überhaupt! Aber Cambridge ist zu weit weg, um kurz mal bei ihr Guten Tag sagen zu können.
„Also …“, murmelt sie, „… muss sich ein müdes Hirn selbst noch darum bemühen!“ Kätzchen Käthe schnurrt neben ihr auf dem Lehnstuhl. Ach, so ein Katzenleben ist wahrlich nicht zu verachten! Das geht ihr durch den Kopf, als sie versucht, sich den guten alten bewährten Herrn von und zu Goethe zu Gemüte zu führen. Es geht im Schneckentempo, aber wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg.
„Wie herr – lich leuch – tet mir die Na – tur! Wie gl – gl – änzt die Sonne! Wie lacht die Flur! Es drin – gen Blüten aus jedem Zweig wie tau – send Stim – men aus dem Ge – sträuch, … Ach, verehrter Herr Goethe! Ihr ganzes Gedichtwerk in der Ursprungssprache zu lesen, das ist mir jetzt zu anstrengend! Bitte, geschätzter Herr, verehrter Dichter, bitte haben Sie dafür Verständnis!“
Das in grünes Leinen gebundene Buch stellt sie wieder ins Regal zurück. Die Gedanken kreisen um ihre große Anzahl von Büchern, um Evels geliebte Schriften, so auch um beide von ihm selbst verfassten Werke wie ‚Modern Egypt, Teil 1 und 2‘. Sie nimmt sich vor, öfters mal darin zu blättern. Schließlich hatte nicht zuletzt dieses umfangreiche Werk ihren Gatten unsterblich gemacht. Auch wenn sie dabei eine noch stärkere Lupe zu Hilfe nehmen muss. Altwerden ist eben kein Kinderspiel! Mütter sprechen oft aus Erfahrung, auch wenn wir es in unserem jugendlichen Übermut früher nicht glauben konnten. Ihre Mutter, auch ihre Großmutter, sie alle, ja, nun muss sie es sich eingestehen, sie sagten nichts anderes als die Wahrheit; sie alle schöpften aus einem großen von Weisheit geprägten Erfahrungsschatz. Das spürt sie auf Schritt und Tritt. Ja, das Alter ist durchaus eine Bürde, wie recht die Altvorderen gehabt haben, alle diese, damals von einer jungen Göre wie sie belächelten Alten. Aber heute ist heute, nachtrauern gilt nicht, und heute strahlt die Sonne. Nur dieses Heute, es soll mir heute genügen! Und schon streckt sie ihren wackligen Hals wieder in Richtung Garten. An ihren Blumenlieblingen hat sie sich noch nie sattsehen können. Mutter Natur hat die bezauberndsten Einfälle gehabt, bei deren Erschaffung, dessen ist sie sich gewiss, und kein Mensch wird es ihr je nachmachen können, auch wenn die Menschheit sich noch so klug gebärdet. Groß hervor preschen, ja, das können Menschen durchaus, vor allem, wenn es darum geht, Kriege anzuzetteln und ihre Macht spielen zu lassen. Aber, jetzt reiß’ dich zusammen, Ethel! Nicht weiter denken! Heute scheint die Sonne, … du weißt schon, Ethel …
Die alte Dame beobachtet draußen einen Zitronenfalter durch die blauen Lüfte gleiten. Er umkreist eine ihrer orangefarbenen Rosenlieblinge. Ob er darauf wartet, Einlass gewährt zu bekommen, wie sehr ähnelt sich solches Verhalten beim Menschen, wenn sie darauf erpicht sind, dass ihr mühsames Werben beantwortet wird. Oh, ja … alle Märchen beginnen mit ‚Es war einmal …!‘ Auch eine Weisheit, der sie sich selbst an einem der herrlichsten Sommertage nicht verschließen kann.
KAPITEL DREI
„Grandma! Grandma! Ich glaube, dass es da ist! Ich hab’s gefunden!“
Adelaine ist für einige Tage bei ihrer Großmutter zu Besuch auf dem Land. Gerade zeigt sie auf ein Brieflein, ehe ihre Hand über einen kleinen Kasten streicht, aus dem sie es genommen hat, es ist einer von fünfen an der Zahl. Sie streicht nicht nur einmal darüber, nein, das ebenmäßige Holz schmiegt sich so fest in ihre weichen Hände, dass sie nimmer müde wird, es immer wieder zu befühlen und zu betasten.
„Guck’ mal, hier, solch ein klitzekleines Ringlein ist zudem noch so fein verziert, obwohl es doch nur als Griff zum Aufschieben des Schubladenkästchens dient! Wie liebevoll haben die Handwerker die Feinheiten gestaltet.“
Die großmütterliche Erwiderung lässt nicht lange auf sich warten: „Hör’ gut zu, Adelaine! Der Sekretär entstammt der ‚regency period‘ und in dieser Zeit Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts wurden erste Möbel und Kunstwerke maschinell hergestellt. Zuvor sind diese Möbel noch handwerklich geschnitzt worden. Unser Sekretär ist im klassizistischen Stil gestaltet, mit griechischen Elementen verbunden!“ Lady Ethel erzählt stolz, was sie von ihrem Mann über das Erbstück aus Elternhand noch in ihrem alten Kopf, im hintersten Winkel einquartiert, behalten hat. „Aus griechischen Elementen sind die Beschläge der Griffe!“
Adelaine, ein junges Mädchen mit schwarzen bis auf die Schultern fallenden Locken und dunklen wachen Augen, ergreift einen Messingbeschlag und spürt, wie glatt er sich der Bewegung ihrer Hand anpasst. „Grandma, mir kommt gerade der Gedanke, wer alles schon diesen Griff in der Hand gehalten haben mag und mit welcher Erwartungshaltung die Schubladen geöffnet worden waren. Deine Schwiegereltern oder vielleicht deine Ur-Schwiegereltern haben das gute Stück doch, soviel ich weiß, erstanden, oder? Und jedes Mal verstauten sie wichtige oder weniger wichtige Familiendokumente dort hinein und, wie uns heute ersichtlich, waren auch so manches Mal geschäftliche Briefe mit von der Partie. Ich finde es einfach amüsant, mir vorzustellen, welche Hinterteile, ob gut gepolsterte oder schmächtige, in stattlichen Schreibtischsesseln davor gehockt haben mögen! Männer mit dicken Bäuchen vielleicht, solche, die aufpassen mussten, dass sie zwischen Schreibplatte und Sessel nicht eingequetscht wurden. Mit hochrotem Kopf verfassten sie unter Umständen Drohbriefe an Geschäftspartner oder lasen mit hochrotem Kopf an sie gerichtete Ermahnungsschreiben. Mein Urgroßvater war doch, soviel ich mitbekommen habe, auch im Bankwesen tätig gewesen, Grandma, oder?“
Großmama nickt, heftig sogar. Dabei glänzen ihre Augen wie Kinderaugen, die den leuchtenden Weihnachtsbaum bewundern. „Dein Ururgroßvater, ja, das war der Francis, der Sohn vom John, der sogar als der Gründer seiner eigenen Bank über alle Landesgrenzen hinweg Furore machte!“
Adelaine rühmt sich mit stolzgeschwellter Brust ihrer Vorfahren; beinahe gleichzeitig spürt sie jedoch einen Schauer über ihren Rücken laufen, der alles andere als Begeisterungsstürme in ihr entfacht. Ob sie ihren Vorfahren einmal das Wasser wird reichen können? Aber …, so arbeitet es in ihrem Kopf weiter, … ich bin ja eine Frau und eine Frau wird immer noch in erster Linie dafür verantwortlich zeichnen müssen, ihrem Mann eine stützende Kraft und ihren Kindern eine treusorgende Mutter zu sein. Ihr Universitätsstudium, ja, es bedeutet eine Auszeichnung für sie, ohne Zweifel! Ob es aber eine Eintrittskarte in das Bildungsbürgertum bereithält, das steht auf einem völlig anderen Blatt, wie sie im Stillen sinniert. Vielleicht wird es sie lediglich dazu befähigen, ihrem Ehemann eine geistig ebenbürtige Frau Gemahlin zu werden? Der Beginn der zwanziger Jahre verheißt zwar neue Möglichkeiten, aber sie, sie schluckt heftig, als sie ihren Gedanken weiterspinnt, Mutter von vielen Kindern, nur nicht gerade einem Dutzend, möchte ich aber unbedingt auch werden! Bisher hatte sie sich um ihre Zukunft nicht allzu viele Gedanken gemacht. Jetzt reißt sie der Blick auf den glänzenden Messinggriff, den sie andächtig streichelt, erneut abrupt aus ihrem tiefsinnigen Gedankengang.
„Hier musste sicher massenhaft Geschäftspost erledigt werden. Ob dieser riesige Tintenfleck noch von daher stammt?“
Die Großmutter lauscht jedem Wort ihrer Enkelin, spürt sie doch ihr langes In-Sich-Gekehrt-Sein, sie schweigt jedoch, während Adelaine weiterspricht und das in einem Galopp, der aufsehenerregend ist. Ob sie erregt ist? Sicher empfindet sie die Geschichte ihrer Vorfahren als sehr faszinierend!, so sinniert die alte Dame, ehe sie fortfährt: „Vielleicht hat sich mein Vater als kleiner Bub ja an das Tintenfass begeben und wollte wie die Großen auch mit dem Federkiel schreiben! Und dann ist womöglich das Tintenfleck-Malheur passiert! Oder junge Männer, vielleicht auch der Großvater, könnten über einem Liebesbrief gebrütet haben, wer weiß, aber solcherlei Gefühlsduselei scheint wohl mehr Weiberkram gewesen zu sein. So war es, ist es und so wird es wohl immer bleiben! Du kommst aber auch auf kreative Ideen! Du hast Phantasien, meine Kleine!“ Lady Ethel betrachtet ihre Enkelin mit verschmitztem Blick. Sie lässt gerade wieder einen Schwall Earl Grey in ihre Tasse laufen und fordert Adelaine auf, es ihr nachzutun. „Deinen Vater, Evel im Kleinformat, den muss ich unbedingt in Schutz nehmen! Nie und nimmer kann er der Übeltäter gewesen sein! Den Fleck hatte dein Großvater nämlich schon mit in die Ehe gebracht, verstanden? Wer weiß, wer da so stürmisch zu Werke gegangen und wem dabei das Tintenfass-Missgeschick passiert war?“
Die Großmutter liebt es, mit ihren Enkeln beisammenzusitzen und über frühere Zeiten zu plaudern, wobei Adelaine zugegebenermaßen als ihre Lieblingsenkelin gilt, denn beide verbindet eine starke Seelenverwandtschaft miteinander.
„Aber die Sache mit dem Liebesbrief! … äh, ja, eigentlich ist das nicht von der Hand zu weisen, dass dein Großvater mir einen von dieser Sorte geschrieben hat. Damals nach unserem Kennenlernen auf der Insel Malta, das heißt wenige Wochen später habe ich doch tatsächlich ein Briefchen von ihm erhalten und da wusste ich, dass es bei ihm auch eingeschlagen hatte, aber mächtig mit Donner und Doria, so wie ich es beim ersten Treffen im Park schon bemerkte!“
„Handelt es sich da etwa um dieses Briefchen hier, aus dem untersten Fach links? Ich habe es gerade gefunden!“
Wenn Omas rot werden, dann ist das das höchste Warnsignal, überlegt sich die Enkelin, plötzlich leicht bis mittelmäßig verlegen. Wie konnte sie dieses pikante Thema überhaupt vor ihrer Großmutter ausbreiten?, fragt sie sich, denn sie beobachtet, wie sich Omas Haut sichtlich von ihrem blassen rosa-weißen Teint in einen dunkleren Farbton verwandelt.
„Lass’ mich ihn erst einmal still lesen! Gib’ ihn mir bitte mal!“ Lady Ethel nimmt schnell wieder Haltung an. Schließlich darf sie sich doch auf keinen Fall gehen lassen, allein im Stübchen mag das noch angehen, aber wenn ihre Kinder und Enkel bei ihr sind, darf sie sich das nie und nimmer erlauben! Sie überfliegt das Briefchen im Nu! Das vergilbte Papier lässt einige der wenigen Buchstaben kaum noch entziffern. Aber sie, die Verblichenen, hatten sich Jahrzehnte zuvor schon längst in ihr Herz eingegraben. Mit dem Kopf nickend und erleichtert darüber, dass seine Liebesschwüre gekonnt sachlich, voller Ehrerbietung und Anstand ausgefallen waren, sinniert sie: Typisch Evel, denn Gefühlsdinge anzusprechen, das passte so ganz und gar nicht zu ihm.
„Adelaine, mein Kind, hör’ mal, wie gewählt er sich hier ausdrückt: Mein höchst verehrtes Fräulein, der gewisse Herr, der auf der Insel Malta Ihre werte Bekanntschaft machen durfte, sinnt darüber nach, diese freundschaftliche Beziehung zu intensivieren, da er nach reiflicher Überlegung zu der Auffassung gelangen konnte, dass eine Fortsetzung derselben im Interesse der männlichen wie weiblichen Seite sein dürfte! Bitte teilen Sie mir in gnädiger Weise mit, wie Ihr Standpunkt zu dieser Thematik ausfällt! Mit hochachtungsvollen Grüßen verbleibe ich als Ihr werter Herr Evel Baren!“
„Grandma, du machst mich richtiggehend neugierig! Jetzt musst du mir aber auch erzählen, wie ihr euch auf Malta kennengelernt habt! Oh, ich glaube, ich ahne es schon!“
Familiengeheimnisse werden gerne untereinander weitergereicht, flüsternd natürlich, hinter vorgehaltener Hand, mit einem verschämten oder verschmitztem Lächeln, vielleicht auch einem fragenden Blick, der nur schwer glauben kann, was der Mund des Gegenübers im Flüsterton artikuliert. Großmutter Ethel, gerade noch auf der äußeren Kante des Sessels hockend, wie zum Absprung bereit, rückt mit ihrem Gesäß zurück in ihre gemütliche Kissenkuhle. Ehe sie gedenkt, sich in aller Ausführlichkeit ihrer Enkelin mitzuteilen, zupft sie in aller Seelenruhe ihr Spitzentuch aus ihrem Ärmel, um einen Teetropfen auf ihrem Dekolleté abzutropfen, einen einzigen, der gerade das Ziel verfolgt, zwischen ihren Brüsten entlang zu träufeln.
„Ja, in Malta war dein Großvater als Adjutant für Sir Henri Storks tätig gewesen. Dieser hochstehende Generalleutnant bestand, wie dein Großvater immer schmunzelnd betonte, fast nur aus Orden und Medaillen, die, an seiner Uniform befestigt, glänzten. Ernst und erhaben befehligte er seine Armee. Ja, so war das eben und so ist es noch, auch jetzt noch sechzig Jahre später, in mir lebendig! Und genauso wird es für mich auch in alle Ewigkeiten bleiben!“
Adelaine kann nicht umhin, einen Einwurf zu machen: „Dass hinter diesen Herrschern Menschen mit Herz und Seele stecken, das merkt man sicher, wenn überhaupt nur, beim engerem Kontakt mit ihnen. Und dabei werden bestimmt auch oft genug unüberwindliche Abgründe sichtbar. Aber wer darf schon in tieferer Verbindung mit Hochwürdigen treten, ausgenommen der eigenen Familie und einigen engsten Freunden? Übrigens …“ Adelaine stützt ihren Kopf ein wenig auf die Finger ihrer rechten Hand, ehe sie fortfährt, „… stand Malta zu diesem Zeitpunkt nicht unter Kolonialherrschaft von England?“
„Ja, sie dauerte sogar, … warte mal, ich muss jetzt mal tüchtig überlegen …!“ Und jetzt ist es Lady Ethel, die ihren alten Kopf auf beide Hände stützen muss, um dort noch etwas herauszubefördern, was ihr über Jahrzehnte lang präsent geblieben, aber in diesem Moment weggehuscht zu sein scheint. „Oh, ich hab’s! Mein Dickschädel kramt doch noch hier und da etwas Sinnvolles hervor. Die Kolonialherrschaft dauerte genau 164 lange Jahre an!“ Ein einziger Gehirnstups genügte also, um ihre grauen Zellen vollends zu aktivieren und somit einen ganzen Wasserfall aus ihrem Munde sprudeln zu lassen. „Mitte des 19. Jahrhunderts, da blühte die Insel richtiggehend auf. Die Landwirtschaft entwickelte sich und Werften wurden errichtet. Die Malteser waren ein arbeitsames Volk. Anstelle der Segelschiffe fuhren Dampfschiffe und nachdem der Suezkanal gebaut worden war, galt Malta als Zwischenstation zum Nachladen der Kohle!“ Lady Ethel spürt, dass ihre Adelaide nur mit halbem Ohr bei der Sache ist.
„Grandma, spann’ mich nicht zu lange auf die Folter! Du weißt, wie sehr ich darauf brenne, alles über euch, über euer Kennenlernen und die erste Liebe zu erfahren!“
Lady Esther muss lächeln. Irgendwie kommen ihr solche Gefühlsregungen und Fragen bekannt vor! „Ja, die ganze Prozedur Kennenlernen zeigte sich ziemlich verwirrend, mein Schatz!“
Und dann lacht die Großmutter, aus vollem Hals sogar, wie ein Backfisch, alle Konventionen abschüttelnd, so dass Adelaine sie erstaunt und belustigt ansieht.
„Grandma! So gefällst du mir! Erzähl’ nur, erzähl’, ich kann es kaum vor Neugierde aushalten!“
„Ja, Kind, das ist so gewesen: Stell’ dir mal vor …“ Und dabei sprudelt wieder ein besonders herzhafter Lacher aus ihr heraus. „Stell’ dir das nur mal bildlich vor! Er hat mich zuallererst mit den Füßen getreten!“
Bei Adelaine beginnt es zu dämmern. Irgendetwas Fußiges war es also, das Großvater mit Großmutter in Kontakt gebracht hatte!
„Seltsam! Seltsam! Aber erzähl’ …!“, drängt sie ihre Großmutter.
„Ja, mein liebes Kind, das hat sich alles so begeben: Mein Patenonkel, Onkel John, der diente auch zu jener Zeit dort in der Armee als Hauptmann. Und wie es das Schicksal so wollte, kamen Großvater und Onkel sich bei einem Gläschen Wein ein wenig näher! Und da in meinem Elternhaus schon lange erörtert worden war, wie es am besten anzustellen wäre, die Tochter Ethel unter die Haube zu bringen, so trug, wie alle Welt im Nachhinein erfuhr, dieser, mein Onkel, ganz zufälligerweise natürlich, ein Bildnis mit meinem Antlitz bei sich. Damals gab es nur in begüterten Familien die Möglichkeit, sich entweder malen oder von einem der seltenen Photographen mit einem großen schwarzen Kasten ablichten zu lassen. Jedenfalls rutschte, so wie es mein Onkel beschrieb, ihm ‚ganz versehentlich‘ mein Bild aus seiner Jackett-Tasche, ja wirklich versehentlich, wie es familiengeschichtlich immer wieder betont wurde. Und weil das gemütliche Beisammensitzen beider Herren vor stürmischer See stattfand, erhob sich just in diesem besagten Moment eine Windböe, die mein Bildnis erfasste und es gerade auf Nimmerwiedersehen weg tragen wollte. Noch gerade im rechten Moment sprang dein Großvater in spe auf und trat mit der dicken Stiefelsohle darauf, um der Böe ihr Handwerk zu legen.“
Adelaine betrachtet ihre Großmutter, ungläubig belustigend fängt sie an wie eine ganze Horde Backfische loszukichern. „Ha, ha, ha, das ist wirklich eine lustige Geschichte! Wie geht sie denn weiter? Erzähle!“
„Dein Großvater in spe, der führte sich, wie der Onkel erzählte, ganz intensiv mein Bildnis zu Gemüte! Dann nach langer stillen Betrachtung und Begutachtung meinte er nur: Das Antlitz, wirklich gut geschnitten! Die Augen klar und vertrauensvoll! Ja, so ist er eben immer gewesen, dein Großvater! Ein Mann weniger Worte! Besonders in Bezug auf Gefühlsangelegenheiten! Das war ganz und gar nicht seine Sache!“
„Ja, und wo habt ihr euch dann zum ersten Male gesehen?“ Adelaine platzt bald vor Neugier.
„Wochen später hat Onkel John dann ein Treffen in Malta arrangiert. Meine Eltern standen dem Ganzen ganz und gar nicht ablehnend gegenüber, wie du dir ja denken kannst. Eine solche Partie für ihre Tochter, das konnten sie sich unter keinen Umständen entgehen lassen! Und dann wurde das erste Treffen arrangiert, zunächst im Beisein von Onkel John, dann gestattete man uns in großzügiger Weise das Flanieren in einer Parkanlage. Ich trug ein buntes Sommerkleid mit Bolero, Großvater in spe machte auf mich einen riesigen unvergesslichen Eindruck durch seine schicke Uniform. Später kam dann dieses Briefchen hier …“, und bei ihren letzten Worten drückt sie das vergilbte Papier fest an ihre Brust. „Und morgen erzähle ich dir weiter! Von unserer Hochzeit! Jetzt muss ich mir erst mal einen Baldriantee zubereiten. Damit ich wenigstens nach so vielen Gefühlswallungen ein wenig Nachtruhe finden kann!“
„Grandma, lass’ mich den Tee zubereiten!“
Als Adelaine schließlich mit einem Kännchen dampfenden Tees ins Zimmer tritt, staunt sie nicht schlecht. Die Großmutter liegt mit geschlossenen Augen, den Kopf fest in ihr Sessel-Kissen vergraben, und schlummert in aller Seelenruhe. Adelaines Blick schaut gebannt auf ihr Antlitz, ein von großer Erfahrung geprägtes Gesicht, dessen Furchen, Falten, Sorgen- und Lachfalten zugleich, tiefe Spuren eines spannungs- und ereignisreichen Lebens sich jenem Gegenüber auftun, das imstande ist, empfindsam in tiefere Seelenschichten einzutauchen. Adelaine, den Blick noch immer unverwandt auf das ihr so sehr vertraute Antlitz gerichtet, vertieft sich in ihre nachsinnenden Überlegungen: Wie lassen sich Grübel- von Weinfalten überhaupt unterscheiden? Grübelfalten nisten sich doch vornehmlich in der Stirn ein, oder? Beim Weinen werden andere Gesichtspartien beansprucht. Wie lassen sich überhaupt Lach- und Sorgenfalten voneinander trennen? Sicher hat Großmutter einen ganzen Fluss voller Tränen vergossen, als sie von ihrer jüngsten Tochter Abschied nehmen musste. Damals in Ägypten! Seit dem tragischen Unfall ihrer Henriette, die mit drei Jahren beim Spielen in den Parkteich gefallen und ertrunken war, darf das mit keiner Silbe von niemanden in der großen Familie erwähnt werden. Das ist ein unumstößliches Gesetz! Aber wenn ich mich in Großmamas Gesicht vertiefe, dann entdecke ich dort keinerlei Resignation. Ein Mensch, der immer wieder von Herzen lachen kann und Freude am herrlichen Blühen und Wachsen ihrer Rosen und Gartensträucher hat, ein Mensch, der immer noch regen Anteil an Wohl und Wehe jedes Einzelnen innerhalb ihrer großen Familie nimmt, der zeigt wie Großmutter ein offenes, vertrauensvolles Gesicht! Wenn Großmutter nur nicht immer wieder die Sehnsucht nach ihrem geliebten Evel übermannen würde! Er, mein Großvater, zeigte sich jederzeit als ihre große Stütze, vom ersten Kennenlernen an! Sie weiß es so genau, weil Grandma nicht müde wird, das immer und immer wieder zu betonen. Aber an jedem Geburtstag eines Enkels entging es keinem im vertrauten Familienkreis, dass sie einige Male tief seufzte, begierig nach Luft schnappte und sich mit ihrem Spitzentaschentuch eine Träne von ihren Wangen wischte.
„Meine Kleine, warum durfte sie nur nicht älter werden?“ Sie streichelte dabei jedes Mal Kätzchen Käthe, das genauso wie heute auch damals zu ihren Füßen lag, behaglich schnurrend! Ob das Tierchen eine Antenne dafür hat, wenn Frauchen ihren Trost braucht? Frauchen lächelte jedenfalls zaghaft, das schnurrende Kätzchen im Visier, und das zur spürbaren Erleichterung aller besorgt drein blickenden Mienen im Stuhlkreis.
„Hoch soll es leben!“ Bei jedem Enkelgeburtstag musste, sollte oder durfte, je nachdem, wie das Geburtstagskind das Hochheben und Schütteln auf der männlichen Händebrücke empfand, dieses Ritual vollführt werden. Und nun lächelte zur Freude aller sogar die Großmutter.
KAPITEL VIER
„Grandma, wie herrlich ist es mit dir zusammen das Frühstück einnehmen zu dürfen! Wie unvorstellbar, in Abwesenheit deines köstlichen Gelees dejeunieren zu müssen! So wie dein lauschiger Kamin, in dem die Funken sprühen, aber sicherheitshalber nur, wenn Papa dabei ist, und erst recht ein Leben ohne deine Schatztruhe hier … alles zusammen genommen: ein ‚Ohne‘ wäre nicht auszudenken!“, und dabei zeigt sie auf den altgedienten Sekretär, der so viel zu erzählen weiß, besonders all jenes, das besonders auch junge Mädchen brennend interessiert. „Und bedenke, Grandma, mein Besuch bei dir, ohne deine Rosen und ohne deinen Frühstücksstuten, weißt du noch, wie ich früher die Rosinen herausgepickt und gezählt habe? – ohne alle diese Dinge ‚grandmother-like‘, wäre doch alles wie fade und nur halb so vergnüglich und todlangweilig dazu und überhaupt, ein Hiersein ohne meine verehrte Großmutter, meine Grande Dame, oh, wie sterbenslangweilig der bloße Gedanke nur daran! Na ja, ein Palast ägyptischer Art ist es nicht gerade, aber eben ein Landhaus fürstlicher Art, gerade zum Wohlfühlen wie für dich geschaffen! Immer wenn ich mit dem Postbus zu dir hergefahren komme, bewundere ich die riesigen Mohnflächen. Das alles sieht mir sehr nach geheimnisvollem Opiumhandel aus, der hier früher im wahrsten Sinne des Wortes Blüten trieb! Oder, was meinst du, verehrte Grandma?“
„Meine Liebe, jetzt aber mal nicht zu stürmisch! Du erdrückst mich ja bald! Aber eins kann ich bestätigen: die Sache mit dem Rauschgifthandel, das stimmt. Dein Großvater trat übrigens dem ungezügelten Opiumhandel mit dem Ausspruch entgegen: Der Liberalismus hat seine Grenzen. Er musste aber zwischen der Anti-Opium-Lobby in Indien und der indischen Wirtschaftshaltung, die um eine Insolvenz bangte und eine völlige Freigabe des Rauschgiftes forderte, vermitteln. Das geschah zu jener Zeit, als er Privatsekretär seines Cousins Thomas Baren in Indien gewesen war. Keine leichte Aufgabe, aber wählte er sich je einfache Herausforderungen? So, jetzt möchte ich dir mal berichten, wie wir früher unsere Großmutter erlebt haben. Damals galt für uns Kinder, ihr immer den größten Respekt entgegenzubringen! Der Kammerdiener geleitete uns zu einer buckligen alten Dame mit hagerem Gesicht, aber hellwachen himmelblauen Augen. Sie thronte meist in dem sogenannten ‚blauen Zimmer‘, das hieß so, weil die Sitzmöbel in einem Königsblau gehalten waren. Und erst nachdem sie uns Einlass gewährt hatte, durften wir ihr die Hand reichen. Immer in einem gehörigen Abstand, das schien oberstes Gesetz. Danach erfolgte der Knicks der Mädchen und der Diener der Jungen. Übrigens finde ich es auch als sehr lobenswert, dass eure Mutter euch Kinder auch noch nach gewissen Regeln erzogen hat. So wartet ihr auch immer solange, bis ich euch eine Sitzangelegenheit anweise. Es erfreut mich zutiefst, beobachten zu dürfen, dass meine Söhne und Schwiegertöchter euch Kindern ebenfalls eine, ihrem Stand gemäße, Erziehung gewährt haben. Mein Kind, gute Manieren machen einen kulturell hochstehenden Menschen aus. Vergiss das nie in deinem Leben! Bei meiner Großmama durften wir unseren Mund nur aufmachen, wenn wir gefragt wurden. Das wird heutzutage nicht mehr so steif wie zu früheren Zeiten gehandhabt, was ja durchaus vorteilhaft ist. Unsere Großmama trug ständig ein Häubchen auf dem Kopf. An Feiertagen oder beim Kirchgang thronte ein Brüsseler Spitzenhäubchen auf ihrem Haupt. Als es unerlaubter Dinge doch einmal ein wenig zur Seite rutschte, amüsierte uns Kinder das derart, dass wir unsere Hand möglichst heimlich vor den Mund pressten, um nicht laut losprusten zu müssen. Einmal, so erinnere ich mich, zog ich an einem Bändchen der Schleife so kräftig, dass die alte Lady aus einem vor sich hindösenden Zustand jäh aufgeschreckt uns ermahnte, doch mit ihr als alternde Dame nicht solchen Schabernack zu treiben. Und da senkte ich ganz schuldbewusst mein blondes Lockenköpfchen. Wie sehr ging es mir zu Herzen, dass sich meine liebe Großmutter über mich beklagen musste. Ja, Großmutter war eine kluge Frau. Sie bemerkte gleich, wer der Übeltäter gewesen war. Aber weil sie auch unendlich lieb war, streichelte sie meine Wange und sagte: Ich verzeihe es dir, mein Täubchen! Aber mach’ das nicht noch einmal! Du darfst gerne zu mir in aller Sittsamkeit sagen: Verehrte Frau Großmutter, ihr Häubchen ist etwas zur Seite gerutscht! Und dann vermag ich es wieder zu richten! Großmutter hatte sich um ihren Hals stets ein silberfarbenes Schälchen gewickelt und ihre Füße waren mit einem größeren Schal, in einem schwarzen oder weißen flauschigen Wollstück ummantelt. Großmutter war hager und sie fror ständig. Manchmal hüstelte sie vor sich hin und verlangte vom Butler eine Tasse Lindenblütentee! Ja, mein Kind, das waren noch Zeiten, aber durchaus liebenswerte! Bedenke aber eins: Nie und nimmer hättest du in jener Zeit studieren können. Du siehst es selbst heutzutage, dass so gut wie kein Mädchen neben dir ein Studium aufnimmt. Damals wäre das gänzlich undenkbar gewesen. Ein Mädchen wurde von der Gouvernante erzogen und auf ihr späteres Leben als repräsentierende Ehefrau vorbereitet, in denen es vornehmlich um die Einhaltung von Etiketten ging. Mein Kind, wir sprachen doch gestern über Malta. Da ist mir hinterher eingefallen, dass im Sekretär, zweite kleine Schublade von oben, noch eine maltesische Briefmarke sein muss. Guck’ mal bitte nach, mein Mädchen!“ Und weil ihr Mädchen ein ganz besonders Liebes ist, gehorcht diese ihrer Großmutter aufs Wort. „Meinst du das hier?“ Und mit ihren Fingerspitzen erfasst sie diesen kleinen Schatz und reicht ihn vorsichtig der Großmutter weiter. „Welche maltesische Königin ist denn hier drauf abgebildet?“, will sie von ihr wissen. „Oder hat Malta zu dieser Zeit …, 1885 steht hier drauf, … hat Malta zu jener Zeit irgendeine Herrscherin gehabt?“
Lady Ethel ergreift wie immer ihr Monokel. Das ist ihr bereits in Fleisch und Blut übergegangen; jeder noch so kleinste Schriftzug wird von ihr genauestens inspiziert. Und das geschieht durch ihr kleines Einglas, das auf einem Auge festgeklemmt wird.
„Ach was, meine liebe Enkeltochter, ich gebe dir hiermit die Kunde, dass unsere große britische Queen Victoria an dieser Stelle abgebildet erscheint. Es ist eine Two-pence-halfpenny-Marke! Nun steck’ sie mir bitte wieder sehr sorgfältig in jene Schublade hinein, aus der du sie herausgeholt hast. Weißt du was?“
Adelaide blickt ihre Großmutter erstaunt an. „Ja, was soll ich denn wissen?“
„Moment mal, gerade ist es mal kurz weggehuscht, das was ich dir sagen wollte. Wie dumm! Warte mal einen kleinen Moment, gleich taucht es sicher wieder an der Oberfläche auf!“
Als Adelaine die Schublade mit der Schreibplatte dank des glänzenden Griffes – ach, ja, das sind die griechischen Elemente, fällt ihr dabei ein – als sie sie wieder schließt, ruft Grandma ihr schon freudestrahlend entgegen: „Ich hab’s! Jamaika ist wieder da! Großvater und sein Jamaika! Nachdem er auf Malta gedient hatte, wurde er anschließend nach Jamaika beordert. Er begleitete Sir Henry Storks dorthin, um wichtige Militärreformen durchzusetzen. Diese waren nach dem Krimkrieg bitter notwendig geworden. Großvater, der hat immer seine Meinung gesagt. So ist er nun einmal gewesen! Unsere Armee hat sich im Krimkrieg nicht mit Lorbeeren geschmückt, genau so hat er es viel später ausgedrückt. England und Frankreich waren den Osmanen zu Hilfe gegen die Russen geeilt. Jetzt muss ich mal nachdenken.“ Lady Ethel stützt wieder einmal ihren schweren Kopf in ihre Hände. „Mein Gott, was muss dort auch alles drin einquartiert sein. Ja, mein Kind, wenn ein Mensch so viel erlebt hat wie ich, dann quillt der Kopf bald über. Ja, wenn ich mich recht entsinne, dann war es zu jener Zeit, es muss so Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen sein, da ging es in Jamaika hoch her!“
„Grandma, du machst mich neugierig! Erzähl!“
„Soweit ich mich entsinne, ist da auch der Aufstand der Sklaven, der Landarbeiter, gewesen, meistens Schwarze. Sie haben damals sogar einen Brief an Queen Victoria geschrieben, dass sie Land zum Bebauen beanspruchen. Weil die Queen ihnen keine Hilfe angedeihen ließ, kam es zum blutigen Aufstand und viele Engländer erzürnten sich schrecklich darüber, dass die englische Armee den Aufstand niedergeschlagen habe. Das war vielen Briten zu radikal, zumal die Benachteiligung der Sklaven offiziell schon längst abgeschafft worden war.“ Die alte Lady stutzt für einen kurzen Moment, so dass Adelaine das Ruder übernehmen kann.
„Na, und wie war’s dort eigentlich mit deiner neuen Liebschaft?“
„Du bist mir ja die Richtige! Solch’ eine Frage geziemt sich einem anständigen Wesen eigentlich nicht! Hast du nur Liebelei im Kopf, Adelaine?“
„Aber, nein, nein!“ Ein bisschen verschämt lässt das Mädchen vornüber ihren Kopf herunterhängen – wie kann ich nur? Wie neugierig darf ich überhaupt sein? Jetzt bin ich wohl zu weit gegangen? Gedanken, die sich wie eine düstere Wolke in ihrem Inneren auftun, aber andererseits sind da Großmutters Augen, die wie vom Sonnenstrahl getroffen in höchster Lebendigkeit blinken, so registriert es das junge Mädchen jedenfalls beruhigt und mit sich und der Welt wieder im Reinen. Sieh’ mal da, registriert ihr aufmerksames Auge, greise Pupillen weiten sich und um zerfurchte Mundwinkel herum zuckt es verdächtig, wie bei einem jungen Mädchen, das verschmitzt seine kleinen Sünden beichtet, so amüsiert sich die Enkelin, natürlich ohne auch nur den kleinsten Mucks von sich zu geben.
„Der erste Kuss, ja, das war ein Jamaika-Kuss und der schmeckte nach der Süße des Jamaika-Rums, aber eigentlich schmeckt das Getränk gar nicht süß, oder? Egal, in der strahlenden Sonne und am blauen glitzernden Meer erschien mir alles voller Süße. Mein Herr Papa musste mich natürlich begleiten und für wenige Minuten haben wir uns dann doch aus seiner Umklammerung lösen können. Meinen Papa sehe ich noch deutlich vor mir. Mit Hut und Schirmstock bewaffnet, einen leichten knielangen Stoffmantel über seine Schultern gelegt, es war ja ziemlich warm, so flanierte er neben uns beiden her – wahrhaft majestätisch. Und Evels Orden an seinem Uniform-Frack befestigt, glänzten mit den Sonnenstrahlen um die Wette. Und die wunderbaren Mangrovenbäume, die an einigen Stellen ein wenig Schatten spendeten, die waren uns eine höchst willkommene Labsal! Einfach himmlisch!, und nun hocke ich hier mit meinem runden Buckel, mit meinen kaputten Knien, mit dem Monokel im Auge und bin so müde …“ Ein herzhaftes Gähnen überfällt sie, noch bevor sich ihre schweren Augenlider vollständig senken, flüstert sie ihrer Enkeltochter noch zwei Worte zu: ‚Hochzeit‘ ist das eine und ‚morgen‘ ist das andere! Und Kätzchen Käthe schnurrt zu ihren Füßen. Adelaine schiebt das Rosenkissen ein wenig seitwärts nach oben und lässt Großmutters Kopf vorsichtig drauf gleiten, um ihrem müden Haupt eine behagliche Ruheposition zu vergönnen.
KAPITEL FÜNF
Lady Ethel und ihre Rosen, eine Symbiose, die in die Familiengeschichte der Earls eingehen wird. Jeder Nachbar, der in Herrgottsfrühe das Sträßchen entlang der exquisiten Landgüter passiert, weiß, dass der in der Morgendämmerung wahrgenommene Schatten, zwischen Rosensträuchern gespenstig hin- und her wandelnd, der im wehenden Morgenrock umhüllten alten Lady, der Rosennärrin, zugeordnet werden muss. Und jeder Passant versucht möglichst lautlos von dannen zu schreiten, um die himmlische Morgenidylle des gräflichen Gartens ja nicht zu stören.
Selten geschieht es, dass die alte Lady aufschaut, weil sie ein Knistern oder Knarren vernommen hat, welches ihr Gehör, zu dieser frühen Morgenstunde noch traumselig, als Störenfried ausmacht. Streckt sie ihren Kopf dennoch ein wenig in die Höhe, der weiblichen Neugier wegen, die schließlich doch über ihren Unmut triumphiert, weil sie einer Person gewahr wird, die nicht wie Dr. Goldman oder Mr. Miller zügig zur Arbeit eilt, sondern mit einem mehr oder weniger braven Vierbeiner vom Hundespaziergang zurückkehrt, dann ergreift sie manches Mal besonders flink die Gartenschere, um dem dazu gehörenden Zweibeiner einen einzelnen Duftling zu präsentieren. Dieser Rosenduft auf dem Frühstückstisch, wie betörend muss er auf Ihre Sinne wirken – den ganzen Tag lang!“ Bei diesen Worten spürt sie, wie Herr Nachbar oder Frau Nachbarin ihren morgendlichen Rosengruß aufs Höchste schätzen! Das verschönert nicht zuletzt auch Rosenladys Tag mit seinen rituellen Gepflogenheiten. Ihre Rosen tragen Namen wie ‚Portland‘, ‚Gallica‘ und ‚Bourbon‘. Lady Ethels Ansicht zufolge drücken diese Namen nicht annähernd solcherart Herrlichkeit aus wie diese Blütenfülle in natura. Diese Pracht schätzt sie stets als ein Geschenk von oben, ihrem einfühlsamen und begeisternden Herzen in die Arme gelegt. Dornenstachel, die ganz schön pieken können, machen ihr immer wieder bewusst, dass das Lebensglück nicht ohne Blessuren zu haben ist. Ihre Rosen blühen zwar nur sechs bis acht Wochen im Jahr, aber oft denkt sie, dass ein Mensch diese Überschwänglichkeit gar nicht länger ertragen könnte. Wie ein kleines Kind am Heiligen Abend in Begeisterungstürme ausbricht, nein, nicht so lautstark, eher still verzückt, so lässt sie jede neu entdeckte Knospe, die sie hervor brechen sieht, durch ihre Hände gleiten, dann, wenn sie im zeitigen Sommer ihren morgendlichen rituellen Rundgang durch den Garten vollzieht. So flüstert sie der einen oder anderen Blume eine Liebeserklärung zu: „Innig freut sich mein Gemüt, eine neue Rose ist erblüht!“
Einen Nachklang der füllig rankenden Rosen darf sie jeden Morgen tagein, tagaus neu erfahren, auch meist dann noch, wenn Väterchen Frost sich rau und unerbittlich zeigt. Rosenranken schmücken nämlich das Innere der Porzellanschüssel und ein paar Tropfen Rosenöl verleihen dem Brunnenwasser, das Miss Adelheid allmorgendlich aus dem Rosenkrug in das Waschgefäß schüttet, einen besonders betörenden Duft. Ladys morgendliche Toilette erfolgt anschließend durch das Besprengen diverser Körperteile mit wenigen Tropfen, die auf ihrer abendlich eingesalbten Haut abperlen. Die alte Dame mag ihr ‚La nuit de Chanel‘, weil sie spürt, wie ihre spröde Haut diesen Feuchtigkeitsbalsam gierig aufsaugt. Lady Ethel liebt eben ihre täglichen Rituale. Weil ein altes Frauchen ihrer Meinung nach klapprige Knochen und schlaffe Muskeln hat und ihren Zopf nicht selbst flechten und hochstecken kann, so hat sie sich nach einem dienstbaren Geist umgesehen, der ihr allmorgendlich das Kämmen und Hochstecken der Haare abnimmt, meiner Silberfädchen, wie sie die ihr noch verbliebene schüttere Haarpracht nennt. Miss Adelheid, eine Arbeitsmagd vom benachbarten Kensington-Gut hat sich in der Nachbarschaft als eine Person mit fleißigen, geschickten Händen einen Namen gemacht. Hier und da verpasst sie der Lady auch einen leichten Stups, um ein Kleid ohne große Halsöffnung über ihren Kopf stülpen zu können, vor dem Frisieren, versteht sich, und erst nachdem das letzte Kleidungsteil, wie etwa ein wollenes Schälchen gekonnt um ihren Hals drapiert auf sich aufmerksam macht, erst dann wird der große ovale Spiegel an der Wand als letzter Ratgeber hinzugezogen. „Oh, mein Lieber!“ Wenn sie sich unbeobachtet fühlt, dann verwandeln sich sämtliche, meist alte vertraute Hausgegenstände zu Gesprächspartnern, deren Geduld beim Zuhören keine Grenzen zu kennen scheinen und die, Lady Ethel schätzt das besonders, ihr keine Widerworte geben. Und da sie sich heute noch unbeobachtet fühlt, weil Adelaine immer schwer aus den Federn kommt, flüstert sie ihrem Gegenüber weitere Worte zu, diesem Gegenüber, das unverwechselbare Züge ihres eigenen Ichs trägt, und das jetzt festtagsmäßig mit einem Hermelin besetzten Kleiderkragen punktet. Sie möchte sich heute in vollem Staat präsentieren, weil, so hofft sie es jedenfalls, dieser Tag ein besonderer Tag zu werden verspricht.
„Mein goldiges Stück …“, so spricht sie den großen Spiegel an, während sie mit ihren spitzen Erdbeer-Fingernägeln seine seitliche Goldeinrahmung streichelt. „Ich habe dich besonders gerne, weil du mir immer deine voll erblühte Rose offenbarst!“
Und jetzt fährt sie besonders liebevoll über die an dieser Stelle ein wenig erhabenere Schnitzarbeit.
„Du blühst zwar nicht in den wunderbarsten Farbnuancen, wie deine Schicksalsgenossen dort draußen, und auch dein Duft entbehrt jeder Romantik, aber du bist verlässlich immer für mich da. Ja, in deiner Geburtsurkunde steht: Barockstück aus dem 18. Jahrhundert. Dein Geburtsort ist Bologna! Und in deiner Girlande, die sich wie eine Blumenranke von der einen bis zur anderen Seite erstreckt, ist eine Shakespeare-Weisheit verewigt, die besagt: Kein hübsch Weib hatte je ein Gesicht ohne Falsch!“
Teils verschmitzt, teils verdrießlich richtet sie nun ihre Maßregelung an den großen Meister: „William, welch’ eine Schmähung allem weiblichen Geschlecht gegenüber! Spricht daraus nicht Ihre eigene Erkenntnis? Aber …“, sie stutzt milde lächelnd, „vielleicht steckt in dieser Weisheit doch ein Fünkchen Wahrheit?“ Lady Ethel betrachtet die Falten auf ihrer Stirn. Ihr von strahlendem Glanz leuchtendes Gegenüber verdeckt nicht die kleinste Runzel ihres Gesichtes und des Halses – schonungslos bringt es sogar jeden Pickel ans Tageslicht, vorausgesetzt, dass er auch ohne Monokel für ein an Sehkraft geschwächtes Auge erkennbar ist. „Ja, mein Lieber …“, und jetzt ist ihr William, auch der ‚Shakespeare‘ genannt, wieder gemeint, „… ich will mich mit dir versöhnen und nicht mehr meinen Schmollmund aufsetzen. Damengesichter ohne Falsch, da werden Sie, verehrter Dichter recht haben, laufen nur selten über Gottes schöne Erde! Aber Männer ohne Falsch, sie kann man gewiss auch zählen! Wer …“, und da wendet sie sich wieder an den goldumrandeten Spiegel, „wer mag sich hier schon alles an Dämlichkeiten seiner Schönheit versichert haben? Oder wer mag sich gar der Ernüchterung gebeugt haben, dass es mit seiner Schönheit nicht zum Besten bestellt ist? Wie viele betagte Damen haben hier eine Träne oder gar einen ganzen Tränenbach vergossen und im Lauf der Zeit ihrer verblichenen Anmut nachgetrauert? Du allein weißt es und verstummst! Oder handelst du nach der Devise: Da schweigt des Sängers Höflichkeit? Höflichkeit hin – Höflichkeit her! Warum verrätst du uns nicht dein Geheimnis? Oder glauben Sie gar …“, jetzt ist der verehrte, längst verblichene Spiegelspruch-Meister wieder angesprochen, „… dass das Falsch sich nur auf unsichtbare weniger liebenswürdige dämliche Seelenzustände bezieht? Da mögen Sie vielleicht auch ein klein wenig recht haben, sind aber die Herren als Krone der Schöpfung …“, ein leichtes Räuspern bleibt nicht aus, „… sind sie nicht ebenso dem Fluch der Vergänglichkeit und der Bruchstückhaftigkeit ausgesetzt? Zwar zeichnet sich diese Sorte Mensch gewöhnlich nicht durch übermäßige Spiegelbetrachtungsprozeduren aus und scheint vor Creme-Tüpfelchen-Auftragen gefeiter zu sein als ihr Pendant, eine Versicherung allerdings, ob mit dem Bart beziehungsweise seiner gewünschten Abwesenheit alles in bester Ordnung sei, mag auch für manchen Gentleman eine Beruhigung gewesen sein.“
Lady Ethel muss schmunzeln, als sie vor ihrem argwöhnischen Gegenüber feststellen muss, dass sie mit einem Lächeln auf den Lippen weitaus attraktiver aussieht als mit ihren Sorgenfalten auf der Stirn. Rituale schenken Geborgenheit. ‚Mein Seelentröster-Ritual‘ nennt Lady Ethel die kurze Zeit, die sie jetzt nicht mehr auf den Knien verbringt, weil dieses verflixte Ziehen und Stechen bei jeder kleinsten Kniereibung auf dem Fußschemel sie in ihrer morgendlichen Andacht ziemlich gestört hatte. „Ein klein wenig Pein bringe ich meinem Erlöser gerne als Opfergabe dar!“
So dachte und sprach sie zunächst, als sie auf den Knien vor dem Messingkreuz auf ihrer Kommode auf den Knien hin- und her rutschte, ehe sie sich zu der Erkenntnis durchrang, dass ihr Herrgott schon genug Opfer für sie und für alle Gläubigen erbracht habe, so dass sie sich keine blutende Knie mehr zu holen bräuchte, um vor Gott als gerecht dazustehen. Und von diesem Moment an setzt sie sich nun allmorgendlich auf einen weichen Lehnstuhl, den Blick auf das Messingkreuz gerichtet, wobei sie ihrem himmlischen Vater dafür dankt, dass sie Ihn, nun so schön behaglich, ohne Schmerzen erleiden zu müssen, anbeten darf. Das uralte Gebet, das sie ein wenig verschlankt hat, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben, denn wie sollte das eine Sünde sein, sich auf das Wesentliche ihres Glaubens zu besinnen? Und ohne es sich selbst und den anderen einzugestehen, schnuppert sie bereits den herrlich frischen Kaffeeduft aus der Küche, das köstliche Aroma der lebenspendenden Bohnen, die Mrs. Smith, ihre treue Perle, zuvor frisch gemahlen und mit kochend heißem Wasser überbrüht hat. Und jeden Morgen hofft sie erneut, dass der Duft sich, bitteschön, bis zum Ende des Gebetes Zeit nehmen möge, ehe er gedenkt, durch die Ritze der Tür in ihre Nase zu ziehen und ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.
„Ich stehe auf in Gottes Kraft. Ich stehe auf in Christi Segen. So behüte mich Gott, die allerheiligste Dreifaltigkeit, die mich aus Nichts erschaffen hat, es behüte mich Gott, der Sohn, der mich mit seinem rosafarbenen Blut erlöset hat. Es behüte mich Gott der Heilige Geist, der mich …“
(Was klirrt da nebenan? Verzeihung, lieber Gott, immer diese unpassenden Gedanken zwischendurch!)
Lady Ethel hält kurz im Gebet inne und danach geht einfach alles ein wenig schneller als gewöhnlich, ja, im Sauseschritt, ohne, dass sie es bewusst steuert, diesen rituellen Gebetsfluss; er strömt dem Ende entgegen, ohne dass sie ihn aufhalten kann. (Neugierde, dein Name ist Weib! Wer hat das noch gesagt? Warum belästigen mich immer wieder diese Störenfriede?) Sie fährt fort! (Von diesen Bösewichtern lasse ich mich doch nicht unterkriegen!)
„… in der Heiligen Taufe geheiligt hat. Gott, dem Vater ergeb’ ich mich! Gott, der Heilige Geist, unterweise mich! Maria, Mutter Gottes, stehe für mich! Alle heiligen Engel beschirmet mich!“
Lady Ethels Hand bewegt sich schließlich noch purzelbaumartig im Kreis, beim hastigen Kreuzzeichenmachen, bevor sie die Türe zum Wohnraum zu öffnen versucht. Bei diesem Vorhaben knacken allerdings hörbar ihre Knochen, so dass sie mit der verpatzten Kreuzhand sogleich ihr eigenes Kreuz abzustützen sucht, denn eine zu eng geschnürte Gürtelschnalle beeinträchtigt sie in ihrer Beweglichkeit.
„Ach, du mein Gott …!“, entfährt es ihr beim Herunterdrücken der Klinke, „… auch das noch …?“ So schnell wie das Wehwehchen gekommen war, so schnell hat es allerdings auch wieder Reißaus genommen, als ihr eine strahlende Frau entgegen lacht, die gerade den dampfenden Kaffee in zwei goldverschnörkelte Tassen eingießt. „Wenn der Himmel uns dereinst solche wunderbaren Düfte bescheren sollte, dann kann ich’s kaum erwarten, zur Himmelspforte zu gelangen!“, ruft die Großmutter, wie ein Honigkuchenpferd strahlend zu ihrer Enkelin. „Was für ein Duft-Potpourri! Rosen, Kaffee, Quitten!“
Adelaine trägt an diesem Morgen eine spitzenbesetzte weiße Bluse, weil heute ein alter Herr mit ihnen zusammen dinieren wird, einer der Sorte Mensch, der besonderen Wert auf Etikette legt. Dieser Tatsache gebührend Rechnung zu tragen, das hatte ihr die Großmutter schon vor Tagen ans Herz gelegt. „Onkel Jacob liebt frische Muscheln! Und die soll er auch bekommen!“, lässt sie ihre Enkeltochter wissen, die sich gerade ihre Scheibe Weißbrot dick buttert, um anschließend einen Berg des köstlichen Quittengelees darauf zu verteilen. „Betrachte dir diese butterfarbigen Wildrosen! Dieses Farbenspiel, ist es nicht ein Gedicht?“ Und während Großmutters Augen sich an ihrem Gartenschatz nicht sattsehen können, an diesem Blumenschmuck, der seine schweren, doppelt gefüllten Blüten tief, fast bis auf die weiße Leinendecke, eine besonders edle von besagter Dutzend-Sorte, herunterschweben lässt, da flüstert die alte Lady ihrer Enkelin zu: „Jetzt schlägt’s aber dreizehn! Thema ‚Hochzeit‘ ist angesagt!“
„Grandma, du hast dich vertan! Die Uhr hat gerade neune geschlagen!“ Adelaines Blick geht zur Großmutter, die ein Lächeln nicht unterdrücken kann, und streift dann die Wanduhr, ehe er schließlich auf der Wanddekoration haften bleibt.
„Adelaine, mein liebes Kind, kennst du die Teppich-Geschichte von unserer Hochzeit schon?“
Adelaine schüttelt den Kopf. Es ist ein Kopfschütteln zwischen zwei Welten, genauer gesagt, ein Kopfschütteln zwischen einem Ja und einem Nein, ein undefinierbares Oben-, Unten-, Rechts- und Links-Schütteln, denn das junge Mädchen scheint ein deutliches Ja oder ein noch deutlicheres Nein umgehen zu wollen. Schließlich möchte sie allzu gerne ihre Großmutter zum Erzählen herausfordern, auch wenn diese ganze Teppich-Geschichte schon geschätzte Dutzende Male innerhalb der Familie preisgegeben wurde.
„Ja, bitte, bitte, Grandma! Erzähle nur, ich lausche!“, fordert sie ihre Großmutter auf, denn Adelaine liebt es immer aufs Neue, wenn sich Großmutters sprühende Erzähl-Fontaine über sie, die luchsende Zuhörerin, ergießt.
„Adelaine, mein Kind, würdest du dich freundlicherweise erheben und Schublade Nummer vier öffnen, dort zwischen der dritten und vierten Unterteilung, da ziehe bitte die dunkelrote Leinentasche hervor!“
Und während sie ihren rechten Zeigefinger zu strecken versucht, so gut es eben mit dem Höcker geht, wenn einem das Zipperlein plagt, sortiert die folgsame Enkelin derweil ihre übereinandergeschlagenen Beine, zunächst jedenfalls, um sich anschließend mit frischem Schwung aus dem Sessel zu erheben.
„Na ja, ich will es ja nicht gesehen haben, junges Fräulein! Es geziemt sich für eine Dame einfach nicht, Rockschöße wie ein Wirbelwind hoch wehen zu lassen!“
Enkeltöchterchen schluckt, schuldbewusst schlägt sie wortlos ihre Augen nieder. Dann ergreift sie brav den Messinggriff der vierten Schublade, öffnet sie und erspäht ganz unten auf dem Holzboden eine dunkelrot glänzende Angelegenheit. Großmutter hält ihre Hand ausgestreckt, sie giert regelrecht danach, das Gewünschte endlich in den Händen halten zu können.
„Hier, Adelaine, schau dir mal diesen Brief an!“
„Oh, Grandma, ein rotes Wachssiegel!“
„Ja, meine Kleine, wenn du das Band mit dem Siegel entfernst und das Pergamentpapier aufwickelst, dann, sieh’ mal hier, da kommt ein Stück Seidenstoff hervor, welches dereinst einmal als weißes Läppchen an der Wandteppichrückseite angebracht war. Inzwischen hat es sich als gräuliches Gebilde mehr und mehr vom Teppichvater abgenabelt. Betrachte mal, was hier drauf gestempelt steht! Es lässt sich nur mit Adleraugen entziffern!“
„Grandma, ich glaube, dass ich Adleraugen, vielleicht sogar Luchsaugen habe. Die brauche ich hier wirklich, denn die Schriftzeichen sind schon kaum noch auszumachen. Das hier könnte ein N sein, dann kommt vielleicht ein a und ein s…“
„Du, ich glaube, ich entsinne mich, es muss der Naser ad-Din, der Schah von Persien sein, der hier verewigt worden ist.“
Mein Gott, … immer dann, wenn Großmutter verzückt ist, dann ist sie nicht voll bei Sinnen, geht es Adelaine durch den Kopf, stillvergnügt registrierend, wie sich Großmutters erdbeerrote Lippen dem angegrauten Seidentüchlein in voller Zartheit nähern und ihr Mund dabei beschwörende Worte haucht: „Oh, du Herrscher aller Herrscher! Du hast mit hoheitsvollen Händen schon dieses unscheinbare Stück Stoff berührt und diesen da erst recht, denn du hast ihn vor meinem Herrn Vater eigenhändig ausgebreitet, diesen unseren Teppichschatz, der schon seit Ewigkeiten unsere Wand ziert!“
Adelaines Augen folgen wie gebannt dem Blick ihrer Großmutter zur Wand hin. Betrachte ich mir dieses Kleinod jetzt nicht zum ersten Male in gebührender Weise? Eigentlich hatte sie in ihren zwanzig Erdenjahren den Wandschmuck mit den Jägern, Tieren und Pflanzen nie bewusst wahrgenommen. Hatte die sich immer wieder als indigofarbige mit Petrolschattierung über den Wandteppich erstreckende Pflanzenranke je ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen? Nein, eher nicht, denn dieser Teppich gehörte wie selbstverständlich in Großmutters Reich, er war einfach vorhanden, hing immer an vertrautem Ort und an gewohnter Stelle und dort war er einfach nicht mehr wegzudenken, ebenso wenig wie der Kinder Masernpunkte nach einem herzhaften großmütterlichen Schmatz auf Kinderstirn oder Kinderwange oder der liebevolle großväterliche Schultertatsch bei der Begrüßung. Zum Landhausinventar zu gehören war auch einem geheimnisvollen Möbel, dem Schreibsekretär vergönnt, dessen Innenleben sich vor den Kindern keineswegs in ständiger Sicherheit wähnen durfte. Ebenso wenig wegzudenken war der Klaps auf die Finger bei zu ungestümen Vorgehen der Kleinen, der konsequenterweise erfolgte, sobald die streng untersagte Sekretär-Inspektion der Innereien erfolgte und weil Kinder nun mal Weltmeister im Rein und Raus, im Hoch- und Runterschieben sind, kurzum im Bewegen allermöglichen und unmöglichen Dinge, haben Schubladen für sie höchsten Aufforderungscharakter. Auch die ‚Bim-Bam-Standuhr‘, kindliches Faszinationsobjekt erster Güte, gab es so und keineswegs anders nur im Landhaus. Im Gegensatz zum besagten Teppich machte sich diese jedoch viertelstündlich durch einen glockenähnlichen reinen Klang bemerkbar. Der Wandschmuck fristete dagegen ein von den Kleinen kaum beachtetes Dasein, bis er mit zunehmendem Alter und Interesse der Kinder als ein Stück lebendiger Großmutter-Vita stärker in Erscheinung trat, denn Großmutter liebte es ihren vernünftig werdenden Enkelkindern ihre spannende Teppich-Geschichte darzubieten.
„Einhundertzwanzig mal einhundertachtzig, das müsste die Größe sein und dann steht hier noch eine Zahl, ob mit drei oder vier Nullen dahinter, das ist hier gar nicht mehr zu erkennen! Das ist sicher die Anzahl der Knoten.“
Jetzt betrachtet Adelaine das sich vom Teppich abgenabelte Seidentüchlein aus dem Sekretär überaus sorgfältig, und beim Entziffern der Druckbuchstaben erinnert sie sich nur an eines: Je mehr Knoten, desto wertvoller ist das Stück! Das hatte sich durch die wiederholten Teppich-Erzähl-Geschichten in ihrem Schülerkopf damals festgesetzt.
„Der Schah von Persien“, ihre Augen weiten sich und blicken einen langen Moment wie gebannt durch das Butzenfenster hindurch in den tiefblauen Himmel – das tun sie immer, die Großmutteraugen, wenn sie inwendig auf Schatzsuche gehen. „Ja, der Schah, … stattlich wie es stattlicher nicht ging … bedenke mein Kind, dass sich mein Herr Papa über dieses imposante Mannsbild immer wieder bewundernd ausgelassen hat und so brannte sich das alles bei mir hier tief drinnen ein – hier, weißt du!“, und dabei stupst sie einmal kurz zwischen ihre Brüste. „… genau hier hat sich dieses für alle Ewigkeiten festgesetzt. Ein einziger Händedruck des Schahs – und das Lebensgefühl meines Herrn Papa schien explosionsartig zu expandieren. Damals in jenem denkwürdigen Moment! Hatte Mutter Natur ihn sowieso schon bezüglich seiner Statur nicht stiefmütterlich behandelt, so drohte in diesem besagten Moment sein Brustkorb vollends zu zerbersten. Und wie schön erzählte er später von dieser großartigen Erfahrung: ‚Mein eigener Körper strahlte im Glanz aller kaiserlichen Orden und goldenen Gehänge stärker als die wärmsten Sonnenstrahlen es je vermocht hätten!‘ Adelaine, mein Kind, du kennst doch einen Zylinder! Und dann stell’ dir mal vor, wie hoch drei Zylinder aufeinandergetürmt aussehen! Mit solch’ einem schweren Koloss auf dem Kopf liebte er es, durch die Gegend zu stolzieren. Auf ihm prunkte eine Diamanten-Agraffe ohnegleichen! Auf jedem Schulterstück funkelten drei große Smaragde. Doch der arme Kerl, welch’ jähes Ende war ihm beschieden, meine liebe Adelaine, denn schließlich fiel er einem heimtückischen Anschlag zum Opfer. Aller Welten Reichtum konnte das nicht verhindern. Ob es die gerechte Strafe gewesen war? Aber darüber möchte ich nicht urteilen, das dürfen wir getrost unserem Herrgott überlassen. Du musst nur wissen, mein Kind, dass er zig Jahre zuvor seinen Premierminister zur Strecke gebracht hatte. Nichts für zartbesaitete Gemüter! Und dann …“
Adelaine hält sich die Hand vor den Mund, weil sie nicht unanständig kichern will, ehe sie die Großmutter mit weit aufgerissenen Augen fragend anblickt und sich in einer Lachpause zu vergewissern sucht, ob ihre Vermutung stimmt: „Ist das nicht der Vierundachtzig-Frauen-Schah gewesen, wie es von ihm überliefert ist, oder?“ Amüsante ‚Harem-Schah-Geschichten‘ machten immer wieder die Runde im Familienkreis und falls jemand sich nur mit einer einzigen Silbe in eine ungehörige Richtung äußerte, warf Lady Ethel ihm einen Blick zu, einen der beschwörenden Sorte, die denjenigen wenn schon nicht töteten, ihn zumindest hochrot anlaufen oder erbleichen ließen.
Nur Großvater hatte da ein wenig mehr Narrenfreiheit genießen dürfen, so dass Großmutter, als er sie mit der Bemerkung frotzelte: ‚Na ja, alle vierundachtzig auf einmal werden ja nicht gerade Kopfschmerzen oder Migräne gehabt haben!‘, ihm zwar einen kleinen Schubs verpasste, aber, ehrlicherweise erwähnt, wirkte dieser kurze Stoß eher verschämt belustigt, denn schließlich, so glaubte sie felsenfest, konnte keiner der Enkel auch nur erahnen, was Großvater durch seine flapsige Äußerung da von sich gegeben hatte.
Nur Adelaine mit ihren siebzehn frischen Lenzen erspürte bereits gewisse Dinge, unaussprechlich Geheimnisvolles, das Großmutters Ansicht nach nur verheiratete Frauen erfahren durften. Auch Adelaines pikanter Einwurf hält sie jetzt nicht davon ab, gräflichen Anstand aufrechtzuhalten und ihre Bemerkung geflissentlich zu ignorieren.
„Adelaine, mein Kind, dieses Teppichglück verdanken wir allein der Tatsache, dass Großvater und ich in selbigem Jahr ein paar Wochen später zum Traualtar geschritten sind. Der Schah von Persien verweilte in dieser Zeit in London, um seinen wertvollsten Teppich überhaupt, dem Londoner Victoria und Albert Museum zu vermachen. Er ist jetzt bestimmt schon weit über achthundert Jahre alt! Die durch seinen Verkauf eingebrachte große Geldsumme wurde benötigt, um die Moschee, in der er gehangen hatte, zu restaurieren. Das war im Jahre 1876! Dieser Teppich, der eine Länge von über zwölf Metern aufweist, wird auch als ‚heiliger Teppich von London‘ bezeichnet. Es ist ein Ardebil-Teppich, ein Teppich, der in einer bestimmten Gegend besonders fein geknüpft worden war. Ja, und weil mein Herr Papa als bekannter Londoner Bankier bei der Übergabe zugegen weilte, antwortete er auf die höfliche Frage des Schahs nach seinem Befinden: ‚Oh, meine Tochter heiratet bald!‘, worauf dieser seinem Leibwächter etwas zuflüsterte, der daraufhin kurz verschwand. Der Schah zelebrierte höchst persönlich das Aufrollen seines Hochzeitsgeschenkes, dieses wunderbaren Prachtstücks dort oben!“ Adelaine sitzt während Großmutters Geschichte wortlos auf ihrem Schemel, bewegungslos dazu, ihren Blick unentwegt auf Großmutters Lippen geheftet. „Ja, Kind, dort an der Wand siehst du, da hängt er nun schon seitdem wir hier Wohnstatt bezogen haben und vorher schmückte er den Salon in Cromer … ja, das alles ist auch schon wieder so sehr lange her. Dem guten Stück sieht man nicht an, in welche großen Aufregungen er uns versetzt hat, damals, ein paar Tage vor unserer Hochzeit in London. Aber weißt du, ich erzähle dir das alles morgen weiter, mein Gott, eine alte Lady wie ich, sollte nicht zu viel aus dem Nähkästchen plaudern, denn das ermüdet doch gewaltig …“, Adelaine beobachtet, wie Großmutter sich die Augen reibt, „… und vernünftigerweise sollte ich ein Stündchen schlummern, bevor der Onkel uns mit seinem Besuch beehrt!“
KAPITEL SECHS
„Gnädige Dame, bitte mir zu bekunden, zu welcher Stunde Ihnen das Dinner zu servieren bequemt! Sind Froschschenkel als Vorspeise genehm? Wünschen Sie im kleinen Salon zu speisen?“ Mrs. Smith rückt sich ihr weißes Häubchen zurecht und streift eine vorwitzige graue Haarsträhne aus ihrem Gesicht, denn einer auf strenge Konventionen bedachten Hausdame geziemt es unter keinen Umständen, es ihrer Herrschaft gegenüber auch nur an einer Spur von Gepflegtheit mangeln zu lassen.
Lady Ethel und Kätzchen Käthe räkeln sich beide; der Mensch auf der Chaiselongue, das Tier auf dem flauschigen Schoß seines Frauchens. Mensch und Tier blinzeln der Eintretenden zu, der Mensch mit seinem rechten, das Tier mit seinem linken Auge. Die menschliche Kreatur, scheinbar aus einem tiefen Nickerchen jäh erwacht und noch ziemlich unleidlich in die Welt spähend, vermag vorerst nur einige Worte zu lallen, denn wie gewöhnlich, das wissen alle dienstbaren Hausgeister von Urzeiten her, braucht Lady Ethel gewöhnlich geraume Zeit, um ihre verschlafenen Sprechorgane wieder in Betriebsamkeit zu bringen. Die tierische Dame, Schnurrkätzchen Käthe, dagegen, zeichnet sich neben dem Augenzwinkern, dem linksseitigen versteht sich, durchs Spitzen beider Ohren aus, denn Mrs. Smith Auftreten erregt in ihr eine wahnsinnige Sehnsucht, durch die nur einen Spalt geöffnete Tür hindurch zu streifen, um sich anschließend in Küche und Keller gütlich zu tun, denn bisher war das Kätzchen dort immer fündig geworden und mit klitzekleinen bis beträchtlichen Leckerbissen verwöhnt oder mit winzigen lukullischen Fundsachen, gehamstert im aufgeplusterten Gaumen, vergnügt wieder von dannen gezogen.
„Meine Käthe! Mein Möpschen, ich liebe jedes Gramm an dir!“ Lady Ethel lässt auf ihr Kätzchen nichts, rein gar nichts, kommen! „Hauptsache, du bist mopsfidel!“, nimmt sie ihren Liebling in Schutz, wenn Lästerzungen über das Katzenmöpschen herzufallen drohen.
Wie gesagt, Lady Ethel muss jetzt nicht nur ihre Sprechwerkzeuge sortieren, sondern ihre gesamte Statur wieder in Ordnung bringen. Sich aufrichten, jedes Bein dorthin verstauen, wo es hingehört, sofern man aus der waagerechten in eine senkrechte Lage kommen möchte, beschwerlich für solcherart Menschen, deren Gelenke reißerische Attacken mit allem Drum und Dran im Gepäck haben. Und beim Aufschlagen der Seidendecke merkt Lady Ethel zu allem Überfluss noch, dass ihr Kleid beim Liegen so weit hochgerutscht ist, dass sich ihr Oberschenkel zur Schau stellt, wenigstens ist aber weit und breit noch kein menschlicher Detektiv zu erblicken.
Noch einen Griff nach ihrer Haarnadel, die ebenso verrutscht wie die Trägerin selbst in die Weltgeschichte blickt, und erst dann wagen sich vier Worte aus ihrem Munde, zwar ziemlich schlafentstellt, aber für Mrs. Smith als perfekte Kennerin der gräflichen Lage durchaus deutbar. Sie drücken jedenfalls aus, dass sie den Salon als Begegnungsstätte wünscht, Froschschenkel, aber auch Truthahn sowie das Wedgwood bevorzugt. Letzteres bedeutet ihr besonders viel, denn mit dem alten barocken englischen Porzellan hat sie schon viel Furore machen dürfen. Frauenherzen schlagen gewöhnlich höher, wenn sie ihr Süppchen aus einer rosenumrankten Terrine oder aus einer mit Goldbrokat verzierten Suppenschüssel schöpfen dürfen. Und Truthahn ist sowieso das Lieblingsessen von Schwager Jacob. Brüder teilen nun mal öfters die gemeinsame Vorliebe für ein bestimmtes Gericht und so ist es für ihn, wie es auch bei Evel der Fall gewesen war, von allergrößter Wichtigkeit, dass der Truthahn goldbraun gebacken mit einer Pflaumensoße serviert, appetitlich auf dem Tische angerichtet zum Gaumenschmaus einlädt – und zwar musste es bei Evel immer Punkt dreizehn Uhr sein!
„Ja, wann wird uns der Gast denn beehren, Lady Ethel?“
„Zwölf Uhr dreißig, wie gewöhnlich!“, lautet deren schnelle Antwort – kurz und schmerzlos, lediglich eine mehr beiläufige Erwiderung auf eine rhetorische Frage von Mrs. Smith, weiß sie selbst doch nur zu gut, dass dieser uralte Herr die Pünktlichkeit in Person ist. Ja, schließlich kennt sie ihren Pappenheimer, denn sein Herrenfahrer hält stets auf die Minute genau seine Droschkentür sperrangelweit auf, so dass der Gentleman mit seinem Stock in der Hand möglichst mühelos dem Gefährt entsteigen kann. Mrs. Smith erinnert sich noch allzu gerne an ihre eigene Jugendzeit, als vor jeder Kutsche ein Mann mit einer roten Fahne herlaufen musste, um alle, die dem Fahrzeug gefährlich in die Nähe kamen, eine Warnung zu signalisieren.
„Nun, aber flugs!“, spornt sie sich selbst an und entnimmt der Vitrine eine kreisrunde weiße mit Schwänen bestickte Decke. Und das Wedgwood natürlich, denn sie ist eine zuverlässige Person, die weiß, dass Speiseetikette über Wohl und Wehe eines edlen vergeistigten Hauses entscheiden. Und die schönsten Exemplare von der Dutzendware gehören selbstverständlich auch dazu, sind sie doch für den betagten Gast eine Vergewisserung, dass in diesem Hause noch althergebrachte Traditionen gehegt und gepflegt werden.
KAPITEL SIEBEN
Ein erwähltes Duft-Duo erfüllt den Raum. Das liebliche Wildrosen-Odeur, dem betörenden Blumenbukett in der Tischmitte entströmend, versucht, um die Gunst der Speisenden zu buhlen. Der ernst zu nehmende Mitstreiter, ein knusprig gebratener Truthahn, auf einer Wedgwood-Fleischplatte mit geschwungenen Füßchen platziert, er liegt in mächtigem Wettstreit mit der buttergelben Gartenschönheit, dem von Großmutter eigenhändig gepflücktem Rosenstrauß; dabei prescht der aromatische Truthahngeruch gewaltig die Nasenwände der drei Genießer empor und lässt die zarteren Düfte verblassen.
„Nehmen Sie bitte auf dem Ohrensessel Platz, da thronen Sie komfortabler als auf dem Stuhl!“ Mit diesen Worten bot Mrs. Smith ihm, dem uralten Mann, zuvor die bequemere Sitzgelegenheit an, nachdem sie seinen Kragenmantel, Hut und Stock in der Garderobe pfleglich in Obhut genommen hat.
Adelaine kennt die Vorliebe des vornehmen Onkels für ein ihm ebenbürtig bekleidetes Gegenüber. So trägt sie heute ihre spitzenbesetzte weiße Festtagsbluse, eine silberne Fischkette, ihr Taufgeschenk, scheint in baumelnder Weise dem Onkel seine Aufwartung machen zu wollen. Werden der einstige Meeresbewohner und der Froschschenkel zur Harmonie befähigt sein? Adelaine lächelt ob ihrer phantasievollen Denkabschweifungen. Neben barockem Teller und Silberbesteck glänzen heute drei Exemplare von Großmutters Dutzend auf dem Festtagstisch, als blütenweiße Servietten, in höchst gestärkter Zurschaustellung ihrer unumstößlichen Werte! Und weil Adelaine heute ein wenig verschnupft ist, zieht sie ihr Taschentuch, keineswegs eines aus ‚Großmutters-Dutzend-Sortiment‘, sondern ein besonders luftiges, mit zartbunten Vögelchen bestickt, aus ihrem Ridikül, wie der Handgelenkbeutel einer feinen Dame vornehm genannt wird. Oh, Onkels Rabennase! Sie ist bestimmt für die feineren Düfte nicht in derselben Weise empfänglich wie Grandmas’ und meine wohlgeformten Riechorgane es sind. Aber das würzige Rebhuhnaroma wird es auch in seine Nase schaffen und ihn nach Mehr lüstern lassen. Seine Nasen-Besonderheit war ihr schon als Kind aufgefallen und einmal, da musste sie sogar lachen und Schwester Marie hat ihr den Mund zuhalten müssen. Wie hochnotpeinlich! Was war passiert? Onkels Gabel mit dem schwarzen Klecks Johannisbeergelee als Krönung drauf, war mit seiner Adlernase so kollidiert, dass der Klecks sich unter den beiden Nasenlöchern in seinen feinen Nasenhärchen verfangen musste. Das sah einfach sehr lustig aus, erinnert sich das junge Mädchen und muss jetzt als junge, beherrschte Dame zwar nicht mehr wie früher lauthals losprusten, aber ein Schmunzeln kann sie sich nun doch nicht verkneifen. Und dieses Schmunzeln verstärkt sich noch, als sie den Großonkel jetzt ins Visier nimmt, der ganz der Alte zu sein scheint, in seiner unverwechselbaren Art, wie er, völlig vertieft in das Hantieren mit Messer und Gabel, dem Rebhuhn kräftig zu Leibe rückt, …
Adelaine amüsiert dieser Anblick nicht wenig, besonders in diesem Moment, als ihm, ja, als dem uralten Herrn vor Anstrengung die Gesichtsröte in die Wangen steigt und Schweißtropfen sich auf seiner Stirn ein Stelldichein geben, ehe sich der eroberte Hahn, in kleinen Häppchen ausgebreitet, vor ihm aalen darf. Die Serviette steckt wie immer gekonnt in seinem Hemdkragen. Der Latz präsentiert sich nicht mehr in reinem ursprünglichem Weiß, ja, es war einmal; nein, vielmehr hatte die vibrierende Hand des Alten, beim Schlürfen aus dem Weinglas einen leichten Seegang bewerkstelligend, die perlenden Rosé-Weintropfen genüsslich auf der ganzen Serviettenoberfläche versprengt. Adelaine und Großmutter, letztere in ein anthrazitfarbenes Kostüm gehüllt, alle beide wissen es nur zu gut, dass der alte Herr sich in diesem geheiligten Moment absolute Ruhe wünscht, nämlich dann, wenn er mit Messer und Gabel hantierend oder seine Suppe löffelnd, sämtliches Weltgeschehen um sich herum zu vergessen scheint. Genauso wird es auch gleich sein, wenn er sich seine Vanillecreme genießerisch im Gaumen zergehen lassen wird. Beide schweigen in der Vorahnung, dass seine Redezeit erst nach einem kurzen Nickerchen auf dem Kanapee volle Fahrt aufnehmen wird. Wie recht sie doch haben?
Zwei bis drei Tassen des Wundermittels Kaffee, nach einem Nickerchen wohlig geschlürft, erwecken wie immer Onkels Lebensgeister derart, dass er sich in seinen gewohnten Redeschwall hingeben lassen kann: „Na, Adelaine, mein junges Fräulein, was macht der Herr von Bismarck?“
Die Angesprochene weiß um seine Vorliebe, die nicht nur dem Truthahn gilt, sondern auch dem deutschen Reichspräsidenten Bismarck. Und weil er mit seiner Großnichte einen Anknüpfungspunkt sucht, ist es einzig und allein der Herr von Bismarck, der auf dem Präsentierteller landet, weil er weiß, dass sie sich für alles, was mit ihrem Studienfach Deutsch zu tun hat, interessiert.
„Aber, mein lieber Jacob, sei dir bitteschön im Klaren darüber, dass der Herr von Bismarck schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilt! Sein Tod ist schon bald nicht mehr wahr! Seitdem hat sich die Welt mächtig weitergedreht! Zu Bismarcks Todeszeit lebte mein lieber Evel sogar noch! Und …“
Großmutter mischt sich in das Gespräch zwischen beiden ein, spürt aber schon genau, was ihr Schwager mit seinem Bismarck bewirken will, wie immer, wenn das Gespräch auf den ersten bekannten Vorfahren der Familie gelenkt werden soll. Und tatsächlich fährt der alte Jakob fort und beendet Großmutters Satz: „…Ja, ja, ich weiß das doch natürlich alles! Unser Franz ist Superintendent in einer Elbstadt gewesen und der Herr von Bismarck besaß dort in jungen Jahren ebenfalls ein großes Landgut. Dort nannte man ihn den ‚Wilden‘! Den Herrn von Bismarck, so versteht sich! Er fungierte damals schon als Landtagsabgeordneter. So könnt ihr euch vorstellen, dass er nicht gerade als einer der Scheuesten gegolten hat. Adelaine, mein Fräulein, du weißt als kluges Mädel doch sicher, dass wir auch deutsche Vorfahren aufweisen können.“ Der Onkel nickt seiner Großnichte zu.
Deren Miene gaukelt wie immer eine gewisse Unwissenheit vor. Das gefällt dem Großonkel ebenso wie es der Großmutter zusagt, konnte sie doch ihre ‚Teppichgeschichte‘ sicher zum hundertsten Male auftischen. Und wer weiß, so sinniert Adelaine, wie ich später einmal als kuriose alte Dame wirken werde, dann, wenn ich meinen Enkeln zum hundertsten oder gar tausendsten Male meine besten Episoden zum Besten gebe und mir dabei jedes Mal erhoffe, ihr größtes Vergnügen damit herauskitzeln zu können.
„Ethel, lass’ uns unsere matten Glieder hinüber ins andere Zimmer bewegen! Ich möchte nämlich etwas Bestimmtes aus dem Sekretär holen, um es Adelaine zeigen zu können. Mrs. Smith, ich bitte Sie mir freundlichst den Stock zuzustecken! Adelaine, reich’ du mir bitte deine Hand zum Aufstehen!“
Ja, … geht es seiner Großnichte durch den Kopf, … so ist er und so wird er bis zu seinem Ende bleiben …, der Onkel Jakob, eben ganz der Alte!
„Man schiebe mir bitte diesen Schreibtischstuhl vor den Sekretär! Ich muss mir das gute alte Stück noch einmal genauer betrachten!“ Der alte Herr zeigt auf den braunen Ledersessel und nach dem braven Gehorchen seiner hilfreichen Geister lässt er sich, auf die Seitenlehnen gestützt, dort hinein plumpsen. „Mein Gott, das gute alte Stück!“, wiederholt er sich, um dann das Möbelstück sanft zu berühren. „Adelaide, zieh’ bitte mal die Schreibunterlage hervor, ich möchte mal sehen, ob die alte braune Lederunterlage mit der goldenen Blumenranke als Verzierung noch an den Rändern zu bewundern ist.“
Noch bevor Adelaine zu Werke gehen kann, fällt sein Blick ins untere Bücherregal des Sekretärs, wo ihn in der Mitte ein dicker roter Leineneinband anlacht. „Du meine Güte! Diesen da! …“, und während des Sprechens greift er mit seinem neben dem Sessel stehenden Stock, erhebt ihn, um genau an der richtigen Stelle dort oben einmal nicht sehr sanft gegenzustoßen. „Mein Gott, Jacob, das Glas! Das wertvolle Kristall! Das alte gute Glas! Ich habe es immer wie meinen Augapfel gehütet und du, was machst du jetzt?“
„Ethel, beruhige dich, das ist noch beste Wertarbeit und was soll ihm solch ein kleiner Stoß schon schaden? Adelaine, streck’ dich mit deinen jungen Knochen mal hoch und reiche deinem Großonkel mit seinen alten Knochen diesen Bucheinband dort mal herunter! Ich möchte darin etwas nachsehen!“
Adelaine, folgsam wie sie sich stets gegenüber den alten Herrschaften verhält, stellt sich auf ihre Zehenspitzen, um seinen Wunsch erfüllen zu können. Der Großonkel fährt wenig später mit seiner knorrigen großen Hand über den roten Ledereinband auf seinem Schoß, nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder, ja, so zärtlich berührt er das weiche Leder, gerade so liebevoll wie er einst seine Enkelkinder gestreichelt hat. Adelaine erinnert sich an die hübsche kleine Amabel, ein Kind mit einer Unmenge schimmernder brauner Locken auf dem Kopf. Seine Lieblingsenkelin trug zu festlichen Gelegenheiten oft ein rosafarbenes Hütchen, das durch die forschen Bewegungen der Kleinen ein wenig zur Seite gestupst, ihr einige widerspenstige Löckchen über die Stirn bescherten. Großvater zupfte manchmal an den feinen Härchen, ganz leicht neckend und Amabel hatte ihren Spaß daran, wenn sie jedes Mal wie am Spieß schrie: ‚Hilfe! Du ziepst mich!‘ Aber genau dieses Zeremoniell gehörte einfach dazu, wenn die Kleine ihren Grandpa besuchte. Und genau solche hübschen dunkelbraunen Locken besitzt jetzt Amabels jüngstes Töchterchen. Aber diese liebt es überhaupt nicht, von anderen Leuten liebkost, geschweige denn, geziept zu werden. Und außerdem wohnt sie viel zu weit weg, als dass sie und ihre zwei Geschwister dem Urgroßvater sehr vertraut geworden wären.
Adelaine beobachtet Großonkel Jacob mit Vergnügen, denn seine Augen blinken und blitzen wie Sonnenstrahlen, als er zunächst zaghaft, dann immer rascher hier und da eine Buchseite umschlagend, blättert und blättert, neugierig, genauso, als warte er voller Vorfreude auf etwas Entscheidendes. Dazwischen nickt er mit dem Kopf, einige Male, um schließlich mit seinem Finger auf dicke, fette Lettern zu tippen und freudig auszurufen: „Ich hab’s! Ich hab’s!“ Sind die Alten manchmal nicht wie schwärmende Backfische?, durchfährt es Adelaide, ihren Großonkel beobachtend, wie er wild in seine Hände klatscht, ehe er seine knorrige Hand auf die runzeligen Lippen legt, sicherlich um seinem Mund doch lieber einen Riegel vorzuschieben. „Mein Geheimnis, allein meins! Ich werde es mit ins Grab nehmen.“
Sie spürt: Der alte Mann ist da und ist doch nicht da. Wie sonderbar! Seine Augenlider schließen sich für einen kurzen Moment, während es um seinen Mund leicht zuckt und die Lippen sich zu einem Schmunzeln verziehen. Wie himmelwärts gewandt – dieser Gedanke kommt Adelaine – in seinem Traumland küsst er jetzt bestimmt ein blutjunges Mädchen, liebestrunken wirft es sich an seine behaarte männliche Brust. Jung ist er und jung ist die Maid und die Welt um ihn herum tanzt und schwebt im Reigen. Warum denkt sie plötzlich an eine Maid? Wie ein Schlag durchfährt es sie. Hat es in Onkel Jacobs Leben nicht eine Tragik gegeben, die flüsternd, von einer zur anderen Generation weitergegeben worden war? Eine Liebe, von Beginn an dazu verdammt, unglücklich zu enden und Leid über die Maid und ihren Bastard zu bringen. Armer Onkel, durchfährt es sie, ich würde dich jetzt so gerne trösten und dir sagen, wie Leid es mir für dich, deine Angebetete und euer geliebtes Kindchen tut. Und jetzt wird dieses, dein dir fremdes Kind, auch schon Kinder haben, die du nicht streicheln und ziepen darfst. Wie schlimm muss es für einen Vater sein, sein eigenes Fleisch und Blut verleugnen zu müssen. Aber, es ist dein ureigenes Geheimnis! Du hast es selbst gesagt. Und so soll es bleiben!
Als der alte Mann wieder zu sich kommt, tippt er wieder auf diese eine Seite in dem, ihm so wertvoll erachtetem Buch. „Von Shakespeare! Ich hab’s damals abgeschrieben!“ Hastig verschließt er wieder seinen Mund. Wie er jetzt sehr gefasst und würdevoll den Vers liest „Heiß rollt ihr die Träne und erweicht das Gestein! Sing Weide, grüne Weide!“, überfällt Adelaine ganz viel Mitleid, ganz viel Trauer, ganz viel Liebe für diesen Menschen; so seltsam er auch war und es immer bleiben wird, der so wie alle anderen Männer, die sie kannte, unter den widrigsten Umständen stark sein musste. Eine Träne sah ich bei keinem einzigen Mann, das heißt nur eine halbe Träne bei meinem Vater, die er verlegen wegtupfte, damals an Großvaters Grab, so geht es ihr durch den Kopf, aber dafür erlaube ich es mir jetzt, einer geweinten Träne ihren Lauf zu gewähren und sie, wer weiß wohin, kullern zu lassen. Aber dieser einen Träne leisten schließlich noch einige ihrer Kameraden Gesellschaft, die allesamt an ihren truthahnfettgeschwängerten roten Lippen abprallen. Mitleid zeigen durch ein herzhaftes An-sich-Drücken eines männlichen Respektwesens, allein schon dieser Gedanke erschiene ihr als ein unverzeihlicher Regelbruch. Der Großonkel spürt nur zu gut, dass er sich schnellstens auf unverfänglicheres Terrain begeben muss.
„Was macht dein Bismarck, Adelaine?“
„Oh, der Bismarck … Ja, der Bismarckhering schmeckte ausgezeichnet. Ich habe ihn bei meinem Deutschlandbesuch genossen!“ Oh, Dank sei dir, du Himmel! Adelaine freut sich über diese Eingebung von oben, hat sie sich doch oft genug bitter darüber beklagt, dass Schlagfertigkeit ihr wohl nicht in die Wiege gelegt worden zu sein scheint. „Ja, der Herr von Bismarck und seine Leidenschaften …!“
Onkel Jacob lacht laut auf, als er das Wort wieder ergreift; Adelaine schmunzelt und Lady Ethel hat sich die ganze Zeit nicht offen an der Unterhaltung beteiligt. Stattdessen hält sie ihren Kopf an Adelaines Schulter gepresst. „Flau im Magen wird es mir, auch wenn wir vor kurzem erst gespeist haben“, flüsterte sie ihrer Enkelin gerade noch zu, die blubbernde Gegend mit beruhigenden Handgriffen umkreisend.
„Truthahn, wo bist du geblieben? Hast du dich schon in tiefere Gefilde begeben? So, jetzt aber muss selbst ein Schwerhöriger vernommen haben, wie der große Stein von meinem Herzen geplumpst ist. Aber … der Schlussakkord deutet nun in eine friedsame Richtung, dank unseres Bismarckherings!“, stellt das junge Mädchen erleichtert fest. Ihr Mund hatte Großmutters Ohr berührt – Adelaine fährt nun mit ihrem Finger über jene Stelle ihres rechten hinteren Ohrläppchens, das die Hinterlassenschaft von Großmutters feuchter Tuschelei abbekommen hat und das sie jetzt mit ihrem Taschentuch abzutupfen versucht. Zum Schwager gewandt, richtet sie kluge Worte; nicht zum ersten und einzigen Mal kramt sie Aussprüche aus dem Vermächtnis ihres geliebten Evels hervor: „Der deutsche Reichskanzler von Bismarck soll gesagt haben: Wenn Heringe genauso teuer sind wie Kaviar, werden ihn die Leute weit mehr schätzen!“
„Ethel, bitte tue mir einen Gefallen!“ Die alte Lady wird auf diese Weise mitten aus ihren tiefen Gedankengängen gerissen. „Alles Menschenmögliche wird dir geschehen!“ Ihre Worte – laut gesprochen, langsam betont, mit einem Lächeln gepaart – mögen sie doch die Seele des Schwagers erreichen. „Ist der angestammte Platz von Mutters Bild, vom Schreibsekretär aus gesehen, nicht immer der in der vorletzten der breiteren Schubladen gewesen, und zwar in der linken, soweit ich mich recht entsinne?“
Adelaine reagiert prompt. Sekunden später liegt Uronkels gewünschtes Bild auf seinem bügelgefalteten Hosenschoß.
„Ach, ja …“, gerät der alte Herr ins Schwärmen, „… ich sehe hier ein Lichtbild, das mich zutiefst beglückt: Unsere verehrte Frau Mutter sitzt an diesem Sekretär und erledigt ihre Post. Ihr Kopf ist über die Schreibplatte gebeugt. Einzelne dunkle Haarlöckchen umspielen ihr Ohr, das dem Betrachter zu allererst ins Auge sticht. Sieh’ mal hier! Mamas Fledermausohren! Wie oft verwünschte sie diese Schönheitskiller!“ Der uralte Herr streicht mit seinem tanzenden Finger über die filigrane Hand seiner Mutter. „Diese passen so gar nicht zu ihren Riesenohren! Seht mal, wie die weißen Armrüschen im Kontrast zu dem schwarzen Kleid ihre dunkle Erscheinung auflockern! Ihrem Briefeschreiben, ihrer Lieblingsbeschäftigung, der widmete sie sich am liebsten zur Zeit des Sonnenuntergangs, vornehmlich dann, wenn rotgoldene Strahlen das ganze Zimmer in warmes, anheimelndes Licht versenkten. Unsere Mama, die gute, mit ihrer Feder malte sie so wunderbare Blumen auf Pergamentpapiere. Sie war eine rechte Könnerin auf diesem Gebiet! Ganz besonders liebte sie es auch, einzelne Blumenblüten aus dem Garten zu pressen … Ethel, sie schwärmte auch, wie du es tust, von Rosen in allen Facetten …“
„Ja, meine Schwiegermutter, sie hat mir ihre Rosenliebe in jungen Jahren eingepflanzt!“ Dankbar fällt Ethels Blick auf die gelbe, voll erblühte Pracht in der Wedgwood-Vase. „Ich glaube, ihr dürstet wieder nach feuchtem Element!“ Mit Hingabe streichelt sie über eine Blüte, die schon fast eine ihrer ‚Dutzend-Decken‘ berührt.
Der alte Herr lässt sich nicht gerne unterbrechen und fährt fort, seine Erinnerungen kund zu tun. „Unsere Mama, ja, sie legte oft Vergissmeinnichtbünde zwischen Löschpapier und verstaute sie zwischen diesen Büchern …“, dabei gleitet sein Blick weiter von den Schubladen des Sekretärs bis zu den Glasscheiben hoch, hinter denen die farbigsten und die farblosesten Buchbände zumeist einen langen Schlaf halten dürfen. „Einigen von ihnen war die besondere Ehre zuteil geworden, als Plätteisen für Blüten und Gräser zu dienen. Mama klebte die filigranen Trockenblumen danach fein säuberlich auf Büttenpapier, so dass sie damit Verwandte sowie gute Freundinnen gerne mit ihren individuell gestalteten Grüßen erfreuen konnte!“
Adelaine, über die Schreibtischablage gebeugt, versucht, ihre Gedanken zu sortieren. Vergissmeinnicht und Co., Löschpapier und Federzeichnungen erst einmal adé! – jetzt muss zunächst die Schatzsuche nach dem Stammbaum beginnen, jetzt muss die Fährte aufgenommen werden! „Grandma, die vorletzte? Richtig so? Wie weiter?“
„Bei dir, oh, du mein Kind, da müsste doch noch ein frischer Wind im Oberstübchen wehen, oder? Aber … ich gebe es unumwunden zu, … ich bin diejenige, die sehr viel mehr Sekretär-Erfahrungen hat! Adelaine, ziehe bitte die vorletzte der breiteren Schubladen heraus! Und zwar die linke!“
„Grandma, guck’ mal hier! Meine neueste Entdeckung! Wie reizend! Eine wahre Schatztruhe, dein Sekretär! Eigentlich euer Sekretär! Und ganz eigentlich auch der meinige!“ Und während sie eine Lobeshymne auf ihren unbeabsichtigten Fund ausstößt, tippelt sie mit tänzerischen Schritten, die luftige Entdeckung zwischen ihren Fingern, ihrer Großmutter entgegen.
„Um Himmelswillen!“ Großonkel, auf Stammbaumfreuden geeicht, wird ungeduldig. „Immer diese Weibergeschichten!“ Sein Blick richtet sich auf das zierliche Ding da, das ihm irgendwie bekannt vorkommt, nicht dieses spezielle hier, sondern solcherart weiblicher Spielerei im allgemeinen, die mit seiner Jugendzeit untrennbar verbunden gewesen war, der Walzerklang, Rosalias Lippen in erreichbarer Ferne und der hauchdünne aufgefaltete Fächer als Tugendwächter dazwischen. Aber nein, weg mit diesen weibischen Angelegenheiten! Sein Blick fällt auf den Shakespeare-Band vor ihm auf dem Tisch – oh, nur nicht schon wieder irgendwelche Rührseligkeiten …, gemahnt er sich und beginnt darin zu blättern.
Die alte Dame ergreift ihr Monokel, entfaltet glänzenden Auges den Fächer, begleitet von den Worten: „Mein Kind, das ist ein ganz edler, aus feinster Ziegenhaut!“ Betastend und liebkosend befingert sie ihr Kleinod, auf ihrem Schoß liegend ist es halbkreisförmig entblättert. Goldverzierte Stäbe verleihen dem Kunstwerk einen verheißungsvollen Glanz. „Weißt du, Adelaine, wie Damen von Welt ihn geschickt verwendet haben? So, betrachte dir das genau, so …“, sie erzeugt durchs Wedeln einen Luftzug, „… so und nicht anders!“
„Bald schwelgt mein Blick in deiner Schönheit Fülle!“ Schwagers Blick bleibt auf einer bestimmten Buchseite hängen und flüstert diese Zeile vor sich hin. „Nein und nochmals nein! Ich bin schließlich ein alter Mann!“ Er packt sicher hundert Seiten auf einmal, schlägt sie forsch um und bekommt endlich eine Buchseite geliefert, die ihn augenblicklich ins Hier und Jetzt zurückzurufen hat, wie er es sich ersehnt: „Ein Schatten nur, der wandelt, ist das Leben, weiter nichts!“ Er stutzt und fasst dabei die verrückten Frauen ins Auge. „Grandma, zeig’ mir’s noch einmal!“
Adelaine betrachtet das Bild vor ihren Augen mit größter Andacht. Mit koketten Bewegungen wedelt Lady Ethel den kunstvollen Fächer hin und her, mit Liebreiz und Koketterie! Wie ein junges Mädchen, denkt sie und schnuppert geradezu den ausströmenden Veilchenduft ein, denn diese wunderschönen blauen Blümchen verzieren, zum Bukett gebunden, dieses Damenaccessoire vergangener Jahrhunderte, einer von den vielfachen, mit romantischen Motiven bemalt, die die Herzen der Damen höheren Geblüts eroberten.
„Mein Gott, ihr beiden, jetzt lasset uns endlich zu handfesten Dingen übergehen.“
Der alte Herr, der schwereren Buchkost jetzt eher abgeneigt, schmunzelt vergnügt ob seiner anmutig fächelnden Schwägerin.
„Adelaine, sieh mal! Der Fächer konnte früher eine Herzenssprache sprechen. Das hier …“ Und bei ihren Worten zieht sie den Fächer über ihre Wangen, den rötlich schimmernden. „Dieses bedeutet: Ich liebe dich!“ Ein schnelles „Ja! Ja!“, dem Schwager zugerufen, und schon beendet sie diese Fächergeschichte mit den Worten: „Meine Großmutter hat mich noch in diese Sprache eingeweiht. Das meiste hab’ ich wieder vergessen. Das Wichtigste, nämlich das mit der Liebe, behält eben auch ein alter Kopf!“
Adelaine beobachtet, wie Grandmas flüchtige Gesichtsröte beim Zusammenfalten des Fächers nach und nach wieder entweicht. Direkt neben der Rosenvase kommt das Tausenderinnerungsstück wieder zum Liegen.
„… ja, Rosen, Veilchen und Vergissmeinnicht …“, so sinniert Großmama hörbar, „… alles Herzensblumen! Zum Verlieben!“
„Aber ja, jetzt ab zum Stammbaum, ihr meine beiden Lieben!“ Adelaine sagt’s und spürt sogleich, dass Großmutter sich nicht allzu gerne aus ihrer Traumwelt herausreißen lassen möchte! Aber ihr Gegenüber ist nun mal ein Herr, ein Herr, der wie alle Herren der Welt Empfindsamkeit als weibliches Attribut belächelt, ein äußerst gestrenger Herr dazu.
Dieser streckt für einen kurzen Moment seine knorrige Hand aus, zeigt mit den Fingerspitzen auf die Familien-Schatztruhe, räuspert sich, seinen buckligen Rücken kurzzeitig in eine streckende ‚Ja, wer sagt’s denn Haltung!‘ bringend, ehe sich sein herausfordernder Blick mit dem erwartungsvollen Blick seiner Schwägerin kreuzt und er mit ernster Miene zum Sprechen ausholt: „Ethel, diese Rolle hier …“, und dabei zeigt er auf ein aufgewickeltes Papier, etwas vergilbt, mit dem Kennzeichen: ‚Eselsohr, rechts oben‘, und vergeblich über die umgeknickte Ecke streichend, murrt er etwas von einem armseligen Zeichen von Geringschätzung, ehe er sich wieder der Angesprochenen zuwendet: „Ethel, ich möchte dir eines ans Herz legen: Diese Rolle ist immer und überall in Ehren zu halten. Es ist ein besonderes Papier …“, währenddessen faltet er die Rolle auseinander, nachdem er zuvor Ethels Vase leicht zum Tischrand gestupst hat, zugegebenermaßen nicht sehr liebevoll, zum Leidwesen der Rosenlady.
„Adelaine, stell’ die Blumen bitte auf die Vitrine!“, bittet sie ihre Enkelin daraufhin.
Beim Aufrollen fällt dem Familienoberhaupt noch eine weitere kleine Rolle entgegen, die sich in der großen sicher und geborgen aufgehoben wusste. „Bedenkt mal, ihr beiden, das hier betrachte ich durchaus als sinnbildlich: Der Einzelne sieht sich im Großen und Ganzen einer Familie geborgen. Er lebt eingebunden in den Familienverbund, fühlt sich als wichtiges Glied seinen Vorfahren verpflichtet und schuldet ihnen Ehrerbietung. Was waren das alles für stattliche, honorige Persönlichkeiten, die sogar Weltgeschichte geschrieben haben? Unser Urstammvater, ja, als solchen würde ich ihn wohl bezeichnen, das war der Franz, hier der da! Sieh’ mal, Adelaine …“, und dabei tippt er ganz oben auf eine Spalte des Papierbogens. Mit feinem Federkiel gezeichnete Linien umranden einen mit kräftigerer Feder markierten Namen.
„BAREN, FRANZ“, liest das junge Mädchen vor und fügt dann die Jahresdaten hinzu, die kleingemalt darunter stehen: „1522 – 1589.“ Und haargenau unter diesen Zahlen ist zusätzlich notiert: „1565 – 1582 Superintendent in Lauenburg/Elbe. Unvorstellbar! Über dreihundert Jahre ist das jetzt her! Ein Kommen und Gehen!“
Großonkel schiebt sein rechtes Ohrläppchen mit seinem Zeigefinger ein wenig in die Höhe und hält es fest nach oben gezogen. Ob er durch die so entstandene Trichterform die Schallwellensignale leichter aufzufangen gedenkt? Er nickt, scheinbar zufrieden schenkt er seinem malträtierten rotgewordenen Ohrläppchen die Freiheit zurück, das schwammige Fettgewebe baumelt wie eh und je herunter. Ein weit verzweigtes Geflecht rotbläulicher Wangenäderchen lassen auf eine bestens funktionierende Kopfdurchblutung schließen. Er nickt wiederholt. Kopfgymnastik vom Feinsten! Ein entschiedenes Ja! folgt, von nichts und niemanden in Frage gestellt. Sein Kopf bewegt sich schneidig wie in alten Zeiten. Militär … geht es dem jungen Mädchen durch den Kopf … da geht es doch so stramm zu, dass der ganze Mann Haltung zeigen muss.
„Wieso ist der Großonkel mit einem Mal zum Sitzriesen mutiert, oder bilde ich mir das nur ein?“ Adelaine flüstert’s der Großmama ins Ohr, fast speichellos tuschelt sie es, ohne feuchte Rückstände zu hinterlassen, aber sie erschrickt umso mehr, als sie Großmutter anschließend von der Seite aus betrachtet. Wie Rötelflecke sehen sie auf ihrem Ohrläppchen aus, diese winzigen Lippenstift-Tupfer, kleinste rote Pünktchen, die wirr umhertanzen. „Komm, da bin ich eben wohl zu stürmisch gewesen …“, spricht sie im Gleichklang mit Großmamas Worten und betupft mit ihrem speichelbehafteten Finger die rote Punktegalerie.
„Wie stolz er ist! Unheimlich stolz, meine Kleine! So wie ich es auch bin!“ Großmutter streichelt ihr Kätzchen wonnevoll. Käthe schnurrt selig, während ihr Frauchen tief einatmend den Brustkorb erhebt. Dass zwei paar uralte Augenpaare noch wie Backfische strahlen können! Die Jüngste im Bunde zeigt sich erstaunt.
Mit solchen Alten kann ich Staat machen, sinniert sie, als Großonkel als erster seine Genugtuung in Worte kleidet: „Stellt euch das nur mal vor! M e i n e Familie! D e i n e Familie! U n s e r e Familie! Die Familie deiner zukünftigen Kinder und deiner noch zukünftigeren Enkel!“
Adelaine stutzt plötzlich. Ihr Blick war zwischen Sternchen- und Kreuzdaten umhergewandert, während ihr Hirn hochkonzentriert zu sein scheint. Ihre Stirn zeigt sich noch gekräuselt, die Augen blicken schwermütig verträumt vor sich hin, als sie in gedämpftem Ton erklärt: „Ja, ihr Leben, es war vor allem auch ein Gehen! Gerade angekommen, mussten zu viele schon viel zu früh wieder von der Welt Abschied nehmen! Sieh’ mal, was sein Nachfahre hier auf diesem Papier schreibt: ‚Mein Großvater Franz verlor in frühester Kindheit vier Schwestern und zwei Brüder. Nur ein Bruder überlebte.‘ – Adelaine, lies bitte mal den gesamten Text vor!“
Der Großonkel lehnt sich behaglich in seinem Ohrensessel zurück, faltet seine Hände und beim Gongschlag sieben schwillt seine Brust um ein Vielfaches an, in diesem spannenden Lauschmoment, den er genüsslich mit seiner Pfeife im Mund genießt.
„Er war ein außergewöhnlicher Mensch mit unermesslichen Begabungen, die noch über Kinder und Kindeskindern hinaus Beachtung erfahren werden.“ Adelaine verstummt.
Mit ihren Gedanken scheint sie allein, als sich Großonkel wieder zu Wort meldet: „Mein lieber Freund …“
Der alte Herr hält wohl Zwiesprache mit seinem Vorfahren, denn er sieht mit konzentriertem Blick auf die Stammbaumstelle, wo er mit großen Lettern den FRANZ verewigt sieht.
„… seit dreihundert Jahren dürfen wir uns in deinem Glanze sonnen. Hättest du das damals schon erachtet? Und wer weiß, ob dein Evel …“, und dabei betrachtet er mit großer Genugtuung seine Schwägerin, „… ob dein Ehemann sich so viele Orden über die Brust hätte hängen können, wäre er nicht diesen bedeutenden Vorfahren entsprungen? Na ja, und ich erst einmal …!“, das fügt er zwar leiser, aber doch mit einer gewissen Betonung hinzu, einer pointierten Heraushebung, die Bände spricht: „… auch ich brauche mein Licht keineswegs unter den Scheffel zu stellen! Ich fühle mich von deinem Glanze ebenfalls höchst bestrahlt!“ Er spricht’s genau in dieser Weise aus, so und nicht anders, während er seinen Blick vom Tisch mit dem ausgerollten Eselsohr-Papier hinüber zur Großnichte mit dem ‚Franzen-Papier‘ auf dem Schoß wandern lässt, von dort gleitet er bis zur Gestalt der Schwägerin, die augenblicklich ihr Seidenschälchen etwas hochschiebt, um es dann höher an den Hals zu drücken, ehe er ihn, seinen Blick, diesen wandernden aufgeweckten Gesellen, schlussendlich auf dem Ziffernblatt der Standuhr zur Ruhe kommen lässt.
Dong – Dong – Dong – Dong – Dong – Dong – Dong – Dong! Onkel Jacob hat die acht Schläge mitgezählt. Er zeigt sich zufrieden. Das alte Uhrwerk erfüllt seinen Dienst noch zuverlässig – wie mein altes Herz, sinniert er, das arme alte, das muss allerdings noch wesentlich öfters schlagen! Schwägerin Ethel rollt bei den schwägerlichen Lobhudeleien ihre Augen nach oben, ihre Stirnfalten kräuseln sich zu Rinnsalen, währenddessen sie ihre erdbeerfarbigen Lippen fest aufeinanderpresst, sicher aus Furcht davor, dass ein unbedachtes Wort Reißaus nehmen könne.
„Adelaine, lies bitte weiter!“ Großonkel meldet sich wieder zu Wort. Fernab jedes Eigenlobes beginnt er zu jammern: „Verehrte Frau Schwägerin! Mein Magen knurrt wie verrückt! Dein Essensritual, meine liebe Ethel, hat sich bereits seit zwei Stunden verzögert! Oder wollt Ihr etwa, dass in diesem Familienstammbaum dereinst für alle Ewigkeiten eingraviert stehen wird: Der ehrenhafte Herr Jacob Baren hat das Zeitliche gesegnet. Auf tragische Weise wurde er im Salon seiner Schwägerin Ethel, Witfrau des adeligen Herrn Evel Baren, aus dieser Welt abberufen. Todesursache: Vorenthaltung eines lebenswichtigen Krumen Brotes!“
Adelaines Mund verzieht sich zu einem Grinsen und auch Ladys Lippen öffnen sich leicht, erst zaghaft bis ihre Mundwinkel sich immer mehr in Richtung Ohren verziehen und sie ihr Glöckchen vom Teewagen neben ihrem Sessel ergreift, um wie gewöhnlich durch dreimaliges Läuten desselbigen Mrs. Smith ihr Anliegen zu Gehör zu bringen: „Mrs. Smith, bitte decken Sie im Esszimmer ein! Wedgwood, das Weiße, Dekor: Efeublätter! Die Canapés bitte mit kalter Truthahnbrust und mit Wildschweinpastete belegen! Möglichst rasch, damit wir keine Landhausleiche zu beklagen haben!“
„Grandma, würde nicht gerade sie, die Landhausleiche, eine atemberaubende Sensation für unseren Stammbaum darstellen?“ Adelaine grinst wie ein Honigkuchenpferd, als sich der Großonkel lachend zu Wort meldet.
„Du willst deine heißgeliebte Großmutter doch nicht etwa hinter Schloss und Riegel bringen? Das würde ich dir unter keinen Umständen raten, mein Mädchen! Lass’ dir das von deinem weisen Großonkel gesagt sein!“ Der hungrige alte Herr fährt sich mit der Zunge über die Lippen, so von wegen Truthahnbrust und Wildschweinpastete, das hört sich vielversprechend an! Die nasse Zunge fährt über seine spröden Lippen, die eine feuchte Prise nur allzu willig entgegen nehmen, ehe er weiterspricht: „Adelaine, lies’ uns bitte den Brief bis zu Ende vor! Solange wird mein Lebensodem noch fließen, das erhoffe ich doch inständig!“
Das junge Mädchen streicht mit ihrem Zeigefinger über das Blatt und staunt: „Wie gestochen scharf die Schrift ist! Mir gefallen die Verschnörkelungen! Guckt mal das G hier und alle anderen großen Buchstaben besonders am Beginn jeden Satzes, welch’ Labsal für einen ästhetisch veranlagten Menschen! Wie viel Sorgfalt wurde dafür verwendet, um jeden einzelnen Buchstaben zu pinseln! Stellt euch nur mal vor, wie oft ein Federkiel in das Tintenglas getaucht und wie oft überschüssige Farbe abgestrichen werden musste, bis das Schreibwerk zur Zufriedenheit seines Schöpfers fertiggestellt war. Adelaine liest weiter: „Ich bemühe mich hierbei nach bestem Wissen und Gewissen, meiner großen Nachkommenschaft Kunde darüber zu geben, was mir durch meine Vorväter zu Ohren gekommen ist und was sie durchs Studium von Kirchenbüchern, alten Briefen oder Mitteilungen persönlicher Art in Erfahrung bringen konnten. FRANZ BAREN – der Name ist dick, mit geradem Stift unterstrichen, hervorgehoben – er ist als Vertreter des strengsten Luthertums in die Annalen eingegangen. In Geldern geboren (1522), besuchte er die Lateinschule und wurde Mönch, später achtzehnjährig Messpriester zu Köln, trat dann aber von den Theologen Melanchthon und dem Reformator Bruce beeinflusst, zum Protestantismus über. In der Universität Rostock trug er sich unter dem Namen ‚Franz von Geldern‘ in die Matrikel ein. Nach Predigeranstellungen in Elverdorf, Krempe (Holstein) und Buxtehude ersuchte ihn Herzog Franz I. von Lauenburg um eine Stellung als Superintendent. Er entsprach dieser Bitte anno 1564 nach Christi. Eine große Freundschaft verband ihn mit dem Hamburger Superintendenten Paul von Eltzen …“ Gehörig außer Atem gerät der alte Herr, als er seine Gehirnarbeit in zügigem Tempo offeriert. Die jüngere Frau kann sich schwerlich ein Lächeln nicht verkneifen, denn für einen kurzen Moment scheint der betagte Onkel in die Rolle eines rotwangigen Jünglings zu schlüpfen, der dem besten Freund seine neueste Eroberung präsentiert.
„Eitzen, mein Liebling, Eitzen, heißt dieser gute Mann! Evel erwähnte diesen Namen früher einige Male! Wir haben da doch noch … Ja, meine Käthe, was meinst du dazu?“ Lady Ethel krault Kätzchens Fell. Das Tier hat es sich im Faltengewand der alten Dame derweil gemütlich eingerichtet, wohlig schnurrend.
„Ja, Adelaine, wir müssten ihn gewissermaßen noch haben!“
Schwager Jacob, der bisher kopfnickend dem Vorgetragenen gelauscht hatte, spreizt seine eben noch gefalteten Hände, beugt sich zu Ethel mit seiner rechten Seite so weit hinüber, wie es sein altersschwacher Rücken ohne in die einzelnen Bestandteile zu zerbrechen, gerade noch erlaubt, und stellt die Frage: „Gnädigste, würden Sie bitte so gütig sein, Ihre Mitteilung in vollkommener Gänze darzubringen?“
„Oh, selbstverständlich verehrter Herr, ich werde das Vergnügen haben, Ihnen mitteilen zu können, dass dieser besagte Ochsenknecht-Brief des Herren von Eitzen sich in derselbigen Schublade befinden müsste wie die dargebotenen Schätze hier!“ Einer ihrer Finger zeigt auf den Tisch, während die andere Hand auf Käthchens Miauen hin, zu dieser Stelle zwischen den Ohren dorthin langt, wo es ihrer Katzenfreundin immer besonders behagt, liebkost zu werden. „Du bekommst auch gleich deinen Schmaus, meine Süße!“
„In der vorletzten der breiteren, und zwar in der linken wirst du ihn finden!“ Adelaine amüsiert sich köstlich über die Konversation der Alten und angelt sich nach wenigen erfolglosen Bewegungen diesen sensationsversprechenden Brief hervor. „Aber erst später wird er studiert.“ Sie betont das ‚später‘ so sehr, dass die beiden anderen sie erstaunt ansehen, sich aber schließlich ihrem Wunsch wortlos fügen. „Ich möchte nämlich, dass mein verehrter Großonkel noch lange mit dem Lebensborn verbunden bleibt. Nur diesen begonnenen ‚Franzen-Brief‘ lese ich noch zu Ende, ehe wir uns auf Wildpastete & Co. stürzen. Und dank hervorragender Kooperation ihrer Augen und Finger gelingt es ihr bald, die richtige Briefstelle wiederzufinden.
„Ja, Adelaine, komm’ bald zu einem Ende, du hast recht, du weißt es …“ Der alte Herr reibt sich die Augen, ehe er weiterspricht. „… wenn sich zum Magenknurren noch Schläfrigkeit gesellt, dann kann es für alte Herrschaften nur eine Devise geben: Wachsamkeit allerorten!“
Weil zwei altersschwache Pferde nicht mehr genug Energien aufweisen, hastet die junge Vorleserin in ziemlichem Tempo ihrem Leseziel entgegen: „Franz B. durchlebte eine sehr schwere Zeit in Lauenburg. Schon zuvor hatten Herrscher des askanischen Uradelsgeschlechtes im dortigen Umkreis Kirchen überfallen und ausgeplündert. Bürger und Bauern vergriffen sich ebenso an kirchlichem Besitz. Der ihm als Superintendent zur Seite gestellte Diakonus verrichtete sein Amt nur mangelhaft, so dass Franz immer wieder vehement gegen die kirchlichen Missstände angehen musste. Streitereien der Theologen verschiedenster protestantischer Glaubensrichtungen versuchte er zu besänftigen. Als er sich 1581 weigerte eine neue Kirchengesetzordnung, basierend auf zwölf Punkten der Konkordienformel, auch ‚Bergisches Buch‘ genannt, zu unterschreiben, wurde er infolge dessen seines Amtes enthoben. Er blieb damit seiner streng lutherischen Glaubensüberzeugung treu. Anschließend als Pfarrer in der Gemeinde Lütau tätig, vermerkt er später: ‚Die Leute seind fleissig, zu Gottes Wort halten sie auch die Kinder dazu, sie sind willig, dem Pastor seine Gebühren zu geben.‘ Im Kreise seiner großen Familienschar verstarb er 1589. Sein genaues Sterbedatum ist nicht bekannt. Diese Zeilen verfasste Sir Francis Baren, Lord of Northbrook im Jahre 1800.“
„Amen!“ Der alte Herr faltet die Hände wie zum Gebet. Aber so ganz richtig stimmig vereinen sich die Finger nicht mehr miteinander. Seine Hände bewegt er nach oben, wobei die Fingerspitzen steil hoch gerichtet stehen. „Verdammt und zugenäht, das ewige Reißen in den Fingern! Es schaut ja so aus, als ob sie dem lieben Gott einen Stups verpassen wollten. Mich kannst du ruhig noch etwas vergessen!“, murmelt er nach dem Amen und ruft vorsichtshalber noch hinzu: „Hast Du’s auch wirklich gehört, lieber Gott? Ich habe nämlich hier unten noch einiges zu tun! Jetzt vor allem meinen Magen mit Deinen Köstlichkeiten füllen.“ Sein Blick gen Zimmerdecke streicht an seiner Schwägerin vorbei, die sich bekreuzigt und das wiederholt, was sie ihr gesamtes langes Leben getan hat, diesen Wunsch für die Verstorbenen auszusprechen, dass sie in Frieden ruhen mögen. Und wie inständig diese Bitte sein kann, wie sehr sie sich damals aus traurigsten Herzen nach oben quälen musste, das hatte sie bei Evels Tod erfahren müssen. Bettelnd hatte sie diese dem Allerhöchsten vorgetragen, um ja sicher zu gehen, dass sie bei Ihm auch Gehör findet.
„Adelaine, bitte reiche mir meinen Stock! Stütze mir bitte meine Arme! Ach, mein Gott, oder wäre es doch nicht besser, wenn … Alles ist so beschwerlich im hochbetagten Alter … Aber, nein, lieber Herrgott, es bleibt doch dabei, oder ….? Ich rieche schon den Wildschweinduft! Komm’ Adelaine, kommen Sie verehrte Schwägerin, es ist alles für uns bereitet, wie ich mit Freuden sehen darf!“
Mrs. Smith hält die Türe zum Esszimmer geöffnet und alle drei werden der Köstlichkeiten gewahr, die ihnen die vorzüglichen Hände der Frau Köchin zubereitet haben. Dieser Duft!
KAPITEL ACHT
„Ethel, Mamas Quittengelee schmeckte irgendwie runder! Und Marys auch! Sie hat nämlich das Rezept ihrer Mutter mit in unsere Ehe gebracht! Und das mundete genauso gut wie dasjenige unserer Mutter!“
Bums, das saß aber!
Adelaine spürt wie Großmutters Buckel noch etwas mehr in sich zusammensackt. „Grandma, höre bitte, ich prämiere dein Gelee als das Allerbeste, was ich je genossen habe!“ Die Enkelin streckt ihre Hand aus, führt sie gemächlich über den Großmutter-Buckel und spürt bei ihrer Berührung wie die Schulterblätter ein wenig pieken. Ihr Rücken hat schon bessere Zeiten erleben dürfen. Stark wie eine Eiche! Es war einmal, so fangen alle Märchen einmal an! Adelaine spinnt ein Gedankennetz: Mit Großmutter im Garten Fangen spielen, als Huckepack auf ihrem strammen Rücken durch Feld und Wald laufen, gegen ihren warmen Körper gepresst, auf Großmutters Schoß ‚Hoppereiter-Schaukeln‘ und ihren kuscheligen Bauch dabei spüren, all das war so wunderschön und ist unwiederbringlich! Aber auch wenn ihr Rücken runder und runder wird – so zeigt sie durchaus noch Rückgrat, gerade so wie in alten Zeiten! Haltung beweisen, wenn es hart auf hart kommt, wenn es darum geht, Prinzipien zu verteidigen … ja, dabei ist sie ganz die Alte – ihre verehrte Grandma! Adelaine zuckt sekundenlang zusammen. Ach, ja, … jetzt, heute ist es auch schön, anders schön! Ich sollte doch nicht …, ich sollte das Gedankenkarussell stoppen!
„Meine Grandma! Meine liebste Grandma!“ Und frisch und forsch wie ein junges Erdenwesen es sich noch erlauben darf, auch wenn es gewissen Kreisen nicht schicklich erscheint, so befreit sie sich jetzt von jeglichen konventionellen Zwängen, springt auf, um einen herzhaften Schmatzer auf Großmutters Stirn zu drücken, genau dorthin, wo sich jetzt Schweißrinnsale gebildet haben. Großmutter transpiriert mehr als früher, das vertraute sie einigen Wenigen in einer stillen Stunde einmal an. Und Schwagers Despektierlichkeit wirkt sicher nicht gerade schweißtötend, vermutet das junge Mädchen, das daraufhin eine großmütterliche Verwandlung erleben darf: Die alte Dame lächelt und die junge Dame merkt, wie sich ihr Rücken mehr und mehr wieder hebt, soweit dies einem Buckel, der in die Jahre gekommen ist, noch möglich ist.
„Über unseren Urvater Franz etwas zu erfahren …, wieder etwas zu hören“, verbessert sie sich „… das ist aufregend für mich und wunderbar, auch wenn er wahrlich kein leichtes Leben gehabt hat. Ich stelle mir dann immer vor, wie die hochwürdigen Theologen vor ihre Gemeinde getreten sind: Mit langem wehenden Talar, mit einer so eng in Rüschen gefassten Halsbekleidung, dass man Angst bekommen musste, dass den Geistlichen die Luft zum Atmen genommen wird. Auf dem Kopf des Reformators Luther – das habe ich auf einem Bild so gesehen – da thronte solch’ ein großer schwarzer Hut, der so aussah, als ob der hohe geistliche Herr schon allerhand Kopfnüsse über sich hatte ergehen lassen müssen, denn der Hut wirkte oben herum sehr eingequetscht. Ja, mir gefällt es, dass unser Vorfahre absolut kein Draufgänger gewesen ist. Bei all den elendiglichen Zuständen in der Pfarrgemeinde und beim Adel wäre ich sicher nur zu gerne mit Pauken und Trompeten gegen die Missstände vorgegangen, aber Franz vertrat seine Meinung zwar vehement, er war jedoch höchst besonnen stets um Ausgleich maßloser Überzeugungen bemüht geblieben. Meine Hochachtung!“
„Mein Mädchen, ja, da siehst du, dass Vernunft und Einsicht die Männer unserer Familie ausgezeichnet haben. Ich bin erfreut darüber, dass du, als junges Wesen, deinen bedeutenden Vorfahren ebenso viel Wertschätzung entgegen bringst wie unsereins.“ Der Großonkel scheint voller Lob für das große Interesse, das seine Großnichte für seine Familiengeschichte aufbringt. „Nicht wahr, meine verehrte Schwägerin, du zollst deiner Enkelin doch ebensolchen Respekt wie ich es tue? Wenn eine sehr alte Frau noch so schnell reagieren kann, dann kann es nur Großmama sein, bedenkt Adelaine, denn der Greisenkopf mit den Silberfädchen, wie Grandma ihn selbst tituliert, wendet sich flink wie ein Wiesel zur Seite, um ihr, der Enkelin, einen Blick zu schenken, einen ganz besonderen, einen ganz und gar liebevollen, einen solchen Blick, der nur zwischen zwei Seelenverwandten möglich ist. Worte bedarf es dabei keiner mehr! „Großonkel, eine Frage habe ich da noch an dich: Der Francis schreibt über Franz, der unter der Herrschaft von Franz dem I. lebte – so viele Franzens auf einmal, wirklich unglaublich! – dass unser Franz, der aus Deutschland, die zwölf Punkte, die Ko… ich weiß nicht mehr, wie sie richtig heißen, diese Ko…formeln nicht unterschrieben hat. Weißt du da Näheres, Onkel Jacob?“
Der Angesprochene bleibt für Sekunden still, was selten genug geschieht und seine Nachdenklichkeit zeigt. Dabei zieht er seine Nasenflügel so lustig zusammen, bemerkt Adelaine, in der Art wie er seine Stirn dabei runzelt und die Augen so starr nach oben geblickt hält, es sieht ganz danach aus, als inspiziere er inwendig seine Gehirnregionen aufs Gründlichste.
„Hm! Adelaine! Mein armer, alter Kopf! Aber ein Gedanke, der ist mir aus der Tiefe entgegen gekrochen gekommen, denn damit habe ich mich früher einmal beschäftigt.“ Seinen Kopf ein wenig gesenkt, fährt er mit dem Reden fort, während die Fingerspitzen der rechten Hand seinen Gedankenträger und Ideensortierer, sprich ‚Kopf‘, abzustützen suchen. „Kon – hm! – Konkor – hm! Konkordienformel heißt das berühmte Exemplar mit den zehn Punkten, wenn ich mich nicht täusche! Einen davon habe ich mir besonders gemerkt, weil er meine Aufmerksamkeit und mein Interesse auf sich gezogen hat. Dabei ging es um die Höllenfahrt Christi, da heißt es also, dass Christus nach seinem Tode zur Hölle gefahren ist und dort gegen den Teufel kämpfte, um ihn schließlich besiegen zu können, damit er selbst in den Himmel gelangen konnte. Alles in allem stritten Vertreter der protestantischen Kirchenrichtungen um den rechtmäßigen Glauben.“
„Oh, das Ganze klingt ja wirklich höchst befremdlich für jetzige Ohren! Christi Himmelfahrt – ja, aber Christi Höllenfahrt zuvor, obwohl er doch der Sohn Gottes ist. Ja, aber andererseits ist er auf Erden ja auch vom Teufel versucht worden. Ach, mir ist das alles viel zu kompliziert. Ich bin froh, dass ich nicht in dieser Zeit gelebt habe. Aber als weibliches Wesen damals überhaupt ein Theologiestudium zu erwägen, das wäre ja sowieso schon völlig abwegig gewesen.“ Adelaines Blick bleibt unverwandt auf den Großonkel gerichtet, als dieser nach einer längeren Schweigeminute seinen Mund wieder öffnet, um sein ‚war ja auch gut so!‘ zum Besten zu geben. Geistesgegenwärtig und weit vorhersehend wie Großmama es noch immer ist, wendet sie sich ihrem Schwager zu und fragt abrupt nach seinem weiteren Wunsch für den heutigen Nachmittag.
„Adelaine ist so wissensdurstig. Sie möchte ganz bestimmt nochmals in die Familiengeschichte eintauchen, so wie ich sie kenne. Nicht wahr, meine junge Dame? Wir werfen nochmals einen Blick auf den großen Stammbaum. Er liegt ja noch drüben auf dem Tisch ausgebreitet. Und schließlich werde ich gegen siebzehn Uhr von meinem Chauffeur heimgebracht.“
„Wollten wir uns nicht auch noch den Brief von Franzens Freund zu Gemüte führen? Ich bin wahrlich neugierig auf den ‚Ochsenbrief‘ geworden.“ Adelaine fasst sich einen Moment auf den Mund, als ob sie ihre Lippen schließen möchte. Sie war dem Großonkel ins Wort gefallen. Oh nein, ob er es gemerkt hat und aufbegehrt oder ob er so sehr mit seinen eigenen artikulierten Wünschen beschäftigt ist, dass ihm ihr Vorpreschen entgangen war.
„Wie schön, dass ich solch eine neugierige Nichte mein eigen nennen darf! Ja, komm bitte, reiche mir deine Hand und führe mich hinüber zum Tisch!“ Der alte Herr erhebt sein fülliges Hinterteil, die eine Hand auf die Armlehne gestützt, die andere sich der ausgestreckten Hand der Nichte entgegen streckend. Wie eine Ewigkeit erscheint es dem jungen Mädchen bis ihre beiden alten Herrschaften um den runden Tisch Platz genommen haben.
„Wo hast du diesen Familienschatz das letzte Mal gesehen, Grandma? Versuche bitte, dich zu entsinnen! Mir kommt gerade der Gedanke, dass du gestern irgendetwas von der vorletzten Schublade, der breiteren, gesagt hattest. Ich werde dort mal nachsehen, wenn es dir genehm ist!“
Dame Ethel nickt, Kätzchen Käthe hat es sich wieder auf ihrem Schoß gemütlich eingerichtet und scheint sich, vom schwarzen luftigen Chiffon umhüllt, geborgen zu fühlen, zumal die morgendlichen Streicheleinheiten zu beiderseitigem Vergnügen fester Bestandteil des landhäuslichen Rituals geworden sind. Diesmal dauert es ein wenig länger; das Stöbern im geheimnisumwitterten Sekretär. „Das nicht, das nicht, oh, das dürfte auch interessant sein, Briefe aus Ägypten, aber, warte mal, nicht zu ungestüm, ich werde nicht das letzte Mal hier auf Entdeckungsreise gehen! Alles der Reihe nach!“, spricht sie sich selbst zu, klugerweise, so überlegt sie, während ihre Finger durch Papierstapel wandern und ihre Augen auf Absender und Aufschriften von Umschlägen gerichtet sind, aber ich lasse meine Gedanken besser nicht nach außen dringen, denn, wer weiß, ob nicht Großonkel daraufhin wieder seine speziellen Kommentare abgäbe, ganz und gar nicht zu meinem Gefallen. Sie spürt im Hintergrund zwei Luchsaugen auf sich gerichtet und erinnert sich an die Onkel-Bemerkung: „Na, meine kleine Schnüfflerin! Wieder eine Fährte gefunden?“
„Findest du den Umschlag nicht, mein Kind? Sieh mal bitte in dem senkrechten Fach, dem zweiten von rechts nach! Vielleicht hast du da mehr Glück!“
Großmutters Worte im Ohr gleiten Adelaines Finger in die oberen Gefilde der Schatztruhe, treffender gesagt, in dieses, ungeahnte Schätze offenbarendes Schreib-Mobiliar, das jedem auf Stöberjagd gehenden Eiferer faszinieren muss. Adelaines Kopf beginnt auf Hochtouren zu arbeiten. Gab es da nicht dereinst auch das Verwirrspiel um König Georges, III, der in der Zeit der ‚regency period‘ gelebt hat? In dieser Epoche, in der das gute Stück aus Mahagoniholz entstanden war? Ob hier vielleicht noch Briefe zu finden sind, in denen meine Vorfahren, vornehmlich weiblichen Geschlechts, ihre Herzensergüsse über diese Tragödie um diesen englischen Herrscher zum Besten gegeben haben? Adelaines Hirn arbeitet sichtlich auf Hochtouren! Es läuft nämlich puterrot an. Oh da, ja, auf einem Kuvert, der schon wie von Mäusen zerfressen scheint, mit verblichenen gestochenen gemalten Buchstaben, oh, hier, Moment mal, hier steht es vorn doch drauf: von Mary an Elisabeth, Datum vom 6.7.1821. Wer auch immer diese beiden Damen sind, ich werde diesen Brief später einmal mit Großmutter lesen; denn Großonkel würde bei dieser Angelegenheit nur stören, befindet sie insgeheim, denn er liebt solchen Weiberkram überhaupt nicht.
„Adelaine, hast du den Brief von Paul denn gefunden?“ Großmutter wundert sich über der Enkelin Geschäftigkeit und schüttelt ihren grauen Knoten-Kopf, während der Großonkel bedächtig, wie er es über alle Maßen liebt, sich Tabak, den er zuvor aus der bunten Blechdose genommen hat, in sein Pfeifchen stopft. Jetzt bringt Großonkel nichts mehr so schnell aus der Ruhe, das weiß das junge Mädchen, denn genauso wie Großmutter ihre Glaubensrituale schätzt, so scheint Großonkel für das nächste halbe Stündchen in einen heiligen Raum der Ruhe einzutreten.
„Juchhu, da bist du ja endlich, du Ersehnter! Du wolltest mich wohl ein wenig foppen und hattest dich in die äußerste Ecke verkrochen!“ Adelaine greift nach dem Kuvert und trägt es, mit sich und der Welt zufrieden, zum Tisch hin. „Grandma, diese Schrift, sieh’ mal! Ich hab’ mehr geraten als dass ich es entziffern konnte. Das hier ist doch ein P, und dahinter, so denke ich mir mal, sind das a, u und das l. Grandma, würdest du uns bitte den Brief vorlesen? Du kennst die Schrift sicher besser!“ Adelaine hatte ihn vorsichtig entfaltet und hält ihn der Großmutter unter die Nase!
„Kind, reiche mir bitte mein Brillenglas!“ Genau dann, wenn Großmutter ihr Monokel mit ihrem Augenlidmuskel festklemmt, dann verzieht sie jedes Mal ihren Mundwinkel ein wenig nach oben, so als ob sie einseitig lächele. Wie ein gelehriger Herr Professor wirkt sie in solchen Momenten, ein Gelehrter in Kleidern, ach wie komisch! Einer, der, auch wenn er Ernstes vorträgt, im Gepäck oft auch Bruder Leichtfuß mitträgt. Adelaine muss lächeln, gedankenverloren wie sie es häufig ist.
„Also, ich beginne, meine liebe junge Dame und mein verehrter betagter Herr Schwager!“ Sie räuspert sich einmal. „Ich glaube, dass mir noch ein Krümelchen Brot im Hals stecken geblieben ist.“ Sie räuspert sich zum zweiten Male. Dieser Räusperer hallt noch lautstarker durch den Raum als sein Vorgänger und scheint dem Quälgeist im Hals endgültig den Garaus machen zu wollen. „Ich vermute, dass sich ein Teil des Quittengehäuses in meinem Schlund verfangen hält!“ Dame Ethel holt einmal tief Luft, lässt ihre Hand sich vorne fest um den Hals krallen und bittet, kläglich nach Luft schnappend: „Klopft bitte … hierhin!“, und zeigt dabei auf ihren Rücken.
„Erst einen Schluck Tee nehmen! Ethel! Dann rutschen die Kernlein auch dorthin, wo sie hingehören!“ Nachdem der alte Herr über Jahre gelernt hat, seinen Tatterich als einen freundschaftlichen Lehrmeister des sich näher und näher heranschleichenden Gevatter Tods zu akzeptieren, so stört es ihn auch wenig, dass nicht alle Tröpfchen dorthin fließen, wo sie eigentlich hingehören, nämlich aus der Wedgwood-Tasse, die Mrs. Smith in ihrer flinken Weise bereitgestellt hat, in seinen Schlund. Großmutter, mit erhobenen Händen die befreienden Rückenschläge ihrer Enkelin erwartend, kehrt sich jetzt reichlich wenig um die braunen Spritzer auf der Spitzendecke, zu sehr ersehnt sie aus dem Zusammenspiel der beiden Akteure am Tisch, dass sie den Störenfried in ihrem Hals endlich los wird. Und – oh, Wunder – Adelaines Bemühungen scheinen doch von Erfolg gekrönt zu werden. „Fort ist er, fort, tatsächlich fort, dieser Eindringling!“ Großmutter klatscht in die Hände, vernehmlich nach oben gewandt spricht sie: „Lieber Herrgott! Danke! Danke! Wie schön ist das Leben, wenn ein Mensch wieder zum Leben notwendige Luft schnuppern darf! Oder …“, die alte Dame stützt ihren Kopf auf ihre Finger, „… liegt das Luftwegbleiben sogar an einem schrecklichen Gedanken, der mich gerade überfallen hat, als ich an Paul dachte, an den Freund unseres Vorfahren? Aber jetzt lese ich erst einmal den Brief vor, diesmal, so hoffe ich wenigstens, ohne diesen Quälgeist! – Lieber Freund! Jetzt möchte ich aber nicht länger verweilen und Dir auf Deinen Brief antworten. Mein aufrichtiges Mitgefühl bringe ich Dir hiermit entgegen. Du hast Dich mit zu viel Unbill herumzuschlagen, wie allerorts Kunde gegeben wird. Dass Du mit tiefster Trauer erleben musst, wie Deine zweimalige, mit unzähligen Mühen erstellte Kirchenordnung den Wirren des Landes zum Opfer gefallen ist, das rührt mich zutiefst. Gerade kommen mir die Worte vom Luther in den Sinn: ‚Nehmen Sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: lass fahren dahin, sie habens kein Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben!‘ Jesus Christus wird für uns und den rechten Glauben streiten. Daran lasst uns mit allen unseren Kräften festhalten! Es tut mir aufrichtig Leid, dass Du nur halb so viel Lohn erhältst, wie es Dir versprochen worden war. Du musst so viele Mäuler stopfen und außerdem dafür Sorge tragen, dass Deinen Söhnen eine gute Gelehrsamkeit zu Teil wird und Deine Töchter eine stattliche Mitgift aufweisen können. Wie gekränkt musst Du Dich gefühlt haben, dass Du die Geringschätzung eines Ochsenknechtes ertragen musstest! In Rostock läuft alles ohne besondere Schwierigkeiten. Meinen Studenten versuche ich den lieben Reformatoren Flacius nahezubringen, um bei ihnen die wahre lutherische Lehre zu stärken. Von meinem Eheweib und den sechs Kindern ist nichts Schändliches zu berichten. Nur meine Margarethe, jetzt in dem schwierigen Alter des Übergangs vom Mädchen zur Frau, erweist sich manches Mal als ziemlich störrisch. Sie ist kein so hübsches Mägdelein wie die andere Tochter, eher klein und von gedrungener Statur. In allen Dingen, die uns hier auf Erden nicht so sehr behagen, in allem Kampf lasst uns wie Luthern beten: ‚Ach, Gott, vom Himmel sieh darein und lass dich des erbarmen!‘ In freundschaftlicher Verbundenheit von Haus zu Haus verbleibe ich Dein Dir stets verbundener Paul.“
Stille! Der alte Herr und Adelaine, seine Großnichte, sitzen auf ihren vier Buchstaben angenagelt wie auf Kirchenbänken, andächtig, so aufmerksam, als ob sie des Herrn Pastors Auslegungen Silbe für Silbe inhalierten. Ihre Hände halten sie brav über dem Schoß verschränkt, als Lady Ethel sich als erste zu Wort meldet: „Ob es jetzt das Krümelchen Brot oder Teilchen vom Kerngehäuse der Quitten gewesen ist, das mir die Luft zum Atmen nahm, ist jetzt einerlei. Oder sollte es etwa doch die Schauergeschichte gewesen sein, die hier …“, und dabei zeigt sie, den Brief noch auf ihrem Schoß haltend, auf diese Seite ganz unten, auf der in Form einer Notiz, in einer anderen Schrift, mit Griffel gemalt, etwas angefügt worden steht. „Hier liest man schwarz auf weiß: ‚Die jüngste Tochter Paulus von Eitzens, namentlich Margarethe, wurde zusammen mit ihrem Gatten, dem Amtsschreiber, anno 1610, hingerichtet. Das Urteil erfolgte wegen Mitschuld an der Ermordung des Schwiegersohnes aus Apenrade. Dies fügt unter Berücksichtigung aller Nachforschungen in Gemeindeämtern der Ururenkel des Sohnes vom Superintendenten Paul von Eitzen, anno 1730, hinzu.‘ Unterschrieben ist mit Magnus von Eitzen, Domherr zu Lübeck.“
Stille – die beiden Zuhörer verharren in Schockstarre, bis die alte Dame erneut das Wort ergreift – sehr still und traurig klingt das nun, was sie jetzt zu sagen hat: „Da hat der Herrgott aber noch ein Einsehen mit dem Paulus gehabt, dass er diese Schmach nicht mehr selbst erleben musste. Die eigene Tochter! In einer Familie, in der Gottesfurcht und Gottesliebe zuhause gewesen sind – solch’ ein Verhängnis! Unglaublich!“ Adelaines Seufzer durchbricht die sekundenlange Stille, die nach Ethels Wehklage eingetreten war, bis sie erleichtert feststellt: „Wie gut, dass ich heute leben darf!“
Der Großonkel zuckt augenblicklich seine Schultern, während sich seine Nasenflügel zum tiefen Luftholen rüsten und dabei noch verschrumpelter aussehen als im gelockerten Zustand sowieso schon. „Mich deucht, hier duftet es nach Schweinebraten! Sogar nach einem besonders saftigen in kross gebratener Ummantelung! Adelaine, würdest du mir bitte aufhelfen?“
Und die Folgsame springt schnurstracks aus ihrem Sessel auf, um ihre Hand um das Armgelenk des Hungerleiders zu legen und diesen wahrlich nicht ausgehungert wirkenden Mann zum Genuss versprechenden Mahl zu führen – und jetzt heißt es: Schritt für Schritt dem dampfenden Schwein entgegen.
KAPITEL NEUN
„Hier siehst du, Adelaine, das sind die Kinder vom Franz; ein in jeder Hinsicht fleißiger Mann – als da sind zehn Stück an der Zahl! Zwei Frauen waren an der Hervorbringung nicht unmaßgeblich beteiligt. Das hier ist die Magdalene und die zweite Frau hier hieß Margarita.“ Er zeigt dabei auf zwei rechteckige kleine schwarz umrandete Rechtecke. „Da stehen nun wie bei all den vielen anderen nur zwei Zahlen, manchmal ist aber nur ein Name angegeben, in zackigerer, weich, ästhetischer oder auch linkischer Weise verewigt, von unterschiedlichen Schreibern verfasst“, resümiert die aufgeweckte junge Dame, die das philosophische Nachsinnen wohl mit in die Wiege gelegt bekommen haben muss.
„Jede der unscheinbar wirkenden Figuren steht für ein Leben, wie lang oder kurz, wie sinnvoll oder auch unbedeutend es auch gewesen sein mag. Aber immerhin ist das Kästchen, in dem ein Kind, das mit wenigen Tagen, Wochen oder Monaten die Erde schon wieder verlassen musste, genauso groß wie die Tintenbilder, in denen ein langes Leben festgehalten wird. Mein Gott, besteht ein Menschenleben denn nur aus zwei waagerechten und zwei senkrechten Linien, die mal mit Kantel, mal mit freier Hand aufs Papier gebracht werden? Guck’ mal hier, da macht die schwarze Linie einen klitzekleinen Schwenker nach oben!“
„Ja, warum denn nicht?“, unterbricht der Großonkel das junge Mädchen. „Vielleicht war einem Vorfahren beim Schreiben, so auch wie bei mir eben gerade, der köstliche Geruch von Schweinebraten in die Nase geweht oder der Betreffende hatte zu tief ins Weinglas geguckt! Wer weiß das alles schon? Denen war auch nichts Menschliches fremd!“
Die alte Dame muss lächeln. Der kurzen Anmerkung, an die Adresse des Schwagers gerichtet: „Ach, ihr Männer immer … mit euren oft so unpassenden Kommentaren!“, folgt ein verständnisvoller Blick auf ihre Enkelin, die im gleichen Moment ihre Großmutter ins Visier nimmt und die Ohren dabei besonders spitzt, als diese sie in fürsorglichem Ton ins Gebet nimmt. „Mein liebes Kind, beachte bitte, was ich dir jetzt zu sagen habe! Ich spürte schon wenige Jahre, nachdem du unsere Erdenbühne betreten hattest, dass du mit einer besonderen Empfindlichkeit ausgestattet worden bist. So edel dieserart Veranlagung auch sein mag, so führt sie doch andererseits allzu leicht zur Melancholie. Ich weiß um diese Trübsinnigkeiten und ich habe nach besten Kräften versucht, diese Unglückshäher zu vertreiben. Sieh’ mal, diesen Blumenzauber hier …, dieser betörende Duft …, diese filigranen Blütenblätter …, sieh mal, diese hier, rosarot getupft sind sie, sind sie nicht himmlisch?“ Großmutter berührt voller Inbrunst ein einziges Blättchen, das sich in ihre Handfläche schmiegt. „Erlabe dich an der wunderbaren Natur, umgib dich mit geliebten Menschen. Und wenn du dann noch einen guten Draht nach oben pflegst, dann wird der Herrgott dir seine Aufgabe für dich zeigen, und zwar diejenige, die er auf Erden für dich vorgesehen hat, das dürfte dann der beste Schutz gegen das Eindringen der dich auflauernden Schwermut sein.“
„Ja, ja meine liebe Kleine, pass’ du mal tüchtig auf, dass du nicht eines Tages mal in einer Anstalt landest so wie die Maria! Die ist sogar …!“
„Schwager!“ Selten hat Adelaine ihre Großmutter bisher so entrüstet aufschreien gehört. „Gib endlich Ruhe! Hast du denn kein Herz im Leibe?“
„Liebe Schwägerin! Sei nicht so schlimm erbost! Ein junger Mensch muss gewarnt werden, denn du weißt es selbst, was die ganze Familie mitgemacht hat, als Maria in die Themse gegangen ist!“
„Nein, so nicht! Nein, so nicht! Du verängstigt die Kleine ja bis aufs Blut! Wo bleibt deine Einfühlungsgabe, oh du mein Gott?“
Adelaine schweigt und zeigt Verwirrung. Sie versteht weder Großmutter noch Großonkel. Er malt den Teufel an die Wand, einen ganz großen, aber Großmutter mischt mit einem Teufelchen, einem ziemlich kleinen, einem schwermütigen, ebenfalls mit, wenn sie meine Gefühlslage dramatisiert. Adelaine schweigt noch immer, aber die Frage wie: Bin ich schwermütig, wenn ich übers Leben nachsinne?, schwirrt in ihrem Kopf herum und sie nimmt sich vor, beim nächsten Mal, wenn sie mit Grandma alleine ist, ihre geheimsten Ängste zur Sprache zu bringen. Großonkels Unbesonnenheit kann sie dabei überhaupt nicht gebrauchen, nein, wirklich nicht, nie und nimmer!
„Adelaine, sieh mal hier!“ Der runzelige Finger, der mit dem Tatterich, tanzt zwischen zwei Tinten-Rechtecken hin und her. „Hier wird’s für uns eigentlich erst interessant! Ab hier spaltet sich der Familienzweig in eine englische und in eine deutsche Linie. – Großonkel, meinst du diesen Franz hier oder etwa diesen Menschen hier, mal ausnahmsweise einen Johann?“
Adelaine beobachtet, wie sein Finger zwischen beiden Namen hin- und herpendelt. „Du zeigst mal mehr hier, mal mehr dort hin. Dein Finger wackelt hin und her.“
Der alte Herr kann es schwerlich ertragen, wenn ihn ein Mensch auf irgendeine seiner Unzulänglichkeiten hinweist. Energisch greift er nach dem zierlichen Obstmesserchen, das Mrs. Smith den dreien samt einem Korb glänzender, rotbackiger Äpfel auf den Tisch gestellt hatte. Und genauso energisch stupst er mit der Messerklinge, der schmaleren goldbesetzten Seite auf den Namen: Johann. „Warte mal ab, junges Gör, wenn du mal in solch’ eine Lage kommen solltest, dass du deine Gliedmaßen nicht mehr unter vollständiger Beherrschung hast!“
Großmutter und Enkelin werfen sich vielsagende Blicke zu, ehe Adelaine ausruft: „Oh, seht mal hier …!“ Dabei zeigt sie auf die beiden Herren Franz und Johann. „Das ist aber seltsam. Betrachtet euch mal die Zahlen genauer! Bei dem einen steht 1697 als Todesdatum, bei dem anderen als Geburtsdatum.“
„Ja, du hast recht, der Vater Franz ist vier Wochen vor der Geburt seines Sohnes gestorben!“
„Mein Gott, wie traurig!“ Adelaine macht ein bekümmertes Gesicht, als der alte Herr ihr unsanft über den Mund fährt.
„So war das eben! Geburt und Tod waren eng miteinander verzahnt. Ihr seid heute eben viel zu sehr verweichlicht! Schreib’ es dir hinter die Ohren: Das Leben ist wahrlich kein Zuckerschlecken!“
Großmutters Blick zur Enkelin spricht Bände; Bände, die nur ihr sehr vertraute Menschen entziffern können. Sie sagt keinen Ton; ihre Erregung zeigt sich lediglich darin, dass sie ihren Apfel sehr fahrig behandelt. Anstatt mit liebevollen Augen in gleichmäßige Stücke geteilt zu werden, spürt der rotglänzende Jonathan kreuzweise liederliche Einschnitte in seinem Fleisch, wobei zornige Augen ihm entgegen funkeln.
Der alte Herr rutscht derweil in seinem Sessel ein Stück nach hinten und zieht genüsslich an seiner Pfeife: „Ja, manchmal kann Alter eben auch ein Vorteil sein! So verhinderte es, dass ich 1914 eingezogen worden bin. England hat den größten Fehler aller Zeiten gemacht, dass es mit ins grauenvolle Kriegsgetümmel eingestiegen ist.“
Adelaine weiß nur zu gut, dass das Stichwort ‚Krieg‘ einen nicht endenden Redeschwall beim Großonkel auszulösen imstande ist! Und sie reagiert sehr geistesgegenwärtig. „Onkel Jacob! Sieh hier! Dein Namensvetter hat seine Namensänderung vollzogen. Aus Johann wird John. Ein Deutscher wird zum Briten. Und Johns gibt es eine Menge bei unseren Altvorderen! Der erste Sohn eines Johns wird mit eben diesem Namen ausstaffiert!“
Oh, Thema Krieg – erfolgreich besiegt, Thema Sohn; offenbar eine erneute Bedrohung? Oh, wie konnte ich auch? Dass ihr ihre Unbekümmertheit nicht immer zum Segen gereicht, spürt sie beim Anblick des Gegenübers. Großonkels ‚Zipfel vom Paradies‘, so pflegt er sein Pfeifenstündchen meist schelmisch zu nennen, droht augenscheinlich mit Flugkraft ein finsteres Terrain anzusteuern, denn der würzige Pfeifenrauch verändert zusehends seine Beschaffenheit, so dass eine säuerliche Duftnote mehr und mehr den Raum erfüllt.
„Darf ich dir einen Ratschlag geben, Jacob? Übe dich weiterhin in Geduld mit deinem schwierigen Sohn, mein Schwager! Manches Kind entwickelt sich erst später. Pflege deine Zuversicht, dass auch das deinige, das widerspenstige Kind, eines Tages würdig in deine und in deiner Vorfahren Fußstapfen treten wird!“
Oh, manchmal ist Grandma doch ein wahrer Engel und nicht das winzigstes Teufelchen scheint in ihr verborgen, so wie ich es eben noch geglaubt habe. Wie oft hat Großmutter nicht schon eine brenzlige Situation retten können? Sie hebt ihren wenigstens einer Sorge enthobenen Kopf wieder hoch, als Großonkel sich erneut zum Stammbaum hinunterbeugt, um die Reihe von fünf Kästchen abzugrasen, von links nach rechts verfolgt er, diesmal mit seiner ledernen Griffelhülle, die Kinderschar seines Namensvetters, der mit Elizabeth, der Frau verheiratet war, die, das ging von Generation zu Generation weiter, eine Mitgift von sage und schreibe 20.000 Pfund mit in die Ehe gebracht haben soll.
„Ja, mein Kind, hättest du in dieser Zeit gelebt, du wärest auf Gedeih und Verderb von der Gunst deiner Eltern abhängig gewesen. Zwischen Eltern und zukünftigen Schwiegereltern wurde ein regelrechtes ökonomisches Tauziehen veranstaltet und die Ehe glich einem Artikel, der bestmöglich versteigert werden musste. Wohlunterrichtete Teezirkel der Damen höheren Geblüts fanden ihren Gefallen daran, mit ihrer Einbildungskraft der Reihe nach alle zur Verfügung stehenden Heiratskandidaten zu verkuppeln. Das artete in ein beliebtes Gesellschaftsspiel aus. Ja, mein Kind, das waren noch Zeiten …!“
Kaum, dass der alte Herr zum Luftholen kommt, unterbricht Adelaine seinen Wortschwall. Scharfsinnig zu sein, das ist ihr eine keineswegs in die Wiege gelegte Gabe, die sie nach Verlangen abrufen kann. Aber nun? Tauben, die auf Marktplätzen lästig fallen, versucht jeder zu vertreiben, doch Tauben, die einen Funken Heiligen Geist versprühen, sind ersehnte, himmlische Begleiter, die wie in unserem Falle, dem jungen Mädchen das richtige Wort zur rechten Zeit eingeben. Adelaine weiß nämlich um die gefährlichen Redeschlachten mit dem Großonkel, besonders auch, was das Thema ‚Heirat‘ betrifft. Das Unangenehme an der ganzen Angelegenheit ist, dass er dabei so gut wie immer als Sieger hervorgeht.
„Lieber Onkel Jacob“, etwas Possierliches zu sagen, das kann nie verkehrt sein, befindet sie dankbar, „… bereite mir bitte eine große Freude und erläutere mir diesen wunderbaren Stammbaum! Vier Söhne und nur eine Tochter!“, konstatiert Adelaine etwas verwundert, auf die fünf dicht nebeneinander stehenden Rechtecke tippend, sie zeigt sich insgeheim aber erleichtert darüber, dass sie selbst nicht mit vier Brüdern gesegnet worden war, wo ihr doch einer von der anstrengenden Sorte schon mehr als genügte. „Der eine von ihnen, war der nicht jener, welcher …?“
Lady Ethel murmelt etwas vor sich, so als habe sie Angst, das Unglaubliche laut auszusprechen, denn Ungehöriges zu erwähnen, ja, auch nur anzudeuten, das verbietet sich eigentlich in ihrem anständigen Haus … Ja, das Unvorstellbare wurde doch immer hinter vorgehaltener Hand meistens von Ohr zu Ohr über die Damen weitergereicht, und niemand wagte so recht, dieses gewisse ‚Es‘ über seine Lippen kommen zu lassen, das Unaussprechliche, aber in der Weise wie der weibliche Klatschmund sich dabei zu einem versteckten Grinsen verformte und wie dieses geheimnisumwitterte ‚Es‘ die Damen zu erregen schien, das spricht Grandma in diesem Moment doch tatsächlich aus.
„Ja, der eine von ihnen, der soll sich doch mit einem Mann abgegeben haben, das tuschelte man doch ständig, oder, welche Meinung hast du denn dazu, mein lieber Schwager?“
„Ich kann und will es mir einfach nicht vorstellen, dass in unserer hoch angesehenen Familie solcherart Abartigkeiten vorgekommen sind. Beruhige dich, Ethel, das sind Weibergeschichten mit Pikanterie und Effekthascherei!“ Für den Alten scheint damit dieses delikate Thema abgehakt zu sein.
„Ist schon seltsam, dass sich jemand so etwas nur eingebildet und weitergegeben haben soll. Das wäre ja schließlich Rufmord gewesen! Und vielleicht ist sein Freund doch nur ein guter Kamerad gewesen, mit dem er aus wirtschaftlichen Gründen zusammengelebt hat.“ Großmutter scheint von ihrem Schwager eine Reaktion zu erwarten.
Aber er behält sich eisernes Schweigen vor.
Adelaine fühlt sich sehr verunsichert, was sie von dem ganzen unappetitlichen Thema halten soll. Großmutter hätte es lieber in Zweisamkeit mit ihr zur Rede bringen sollen. Nur ganz schnell einen anderen Gesprächsfaden knüpfen, das junge Mädchen bietet seine ganze Kraft auf, dieses brisante Thema abzuschütteln: „Sieh mal hier, Onkel Jacob, dein Namensvetter Jacob und der übernächste der Herren, Charles mit Namen, ist mit einer schwungvollen Linie verbunden. Kannst du das entziffern, was dort in kaum lesbaren Ziffern vermerkt ist?“
Der Großonkel fährt mit seiner Stielbrille, auch Lorgnette genannt, die winzigen Buchstaben ab und erklärt nach kürzester Zeit sehr sicher: „Die beiden Brüder haben zusammen ein großes Bankhaus gegründet. Das war, wie hier steht, 1762 in London passiert. Bald schon galten sie als die wohlhabendsten Familien in West-Country. Aber verfolgen wir mal diese Linie hier weiter: Unser Zweig ist das hier!“ Und sogleich tanzt Großonkels Griffelhülle eine Reihe tiefer und vollführt dabei einen rechtsseitigen Knicks. Sein Gesicht scheint leicht errötet, nur die Schläfenadern plustern sich mächtig auf, die feuerroten geschlängelten Rinnsale signalisieren eine Erregung, die in Adelaine ein Gefühl der Bangigkeit entstehen lässt. Von der Gefahr, dass im Kopf Äderchen platzen können, hatte sie schon gehört, aber diese hier sind mächtigere Schicksalsgefährten, die … oh, nein! Nur nicht! Nicht jetzt! – Ob Großmutter nicht doch ein klitzekleines bisschen recht hat mit ihrer melancholischen Besorgtheit? – Nein und nochmals nein, solche Gedanken scheuche ich jetzt einfach weg! Aber, eine blutüberströmte Fast-Leiche in einem Landhaus inmitten einer Pampa, weit und breit ohne Doktor in greifbarer Nähe, ein rotfleckiges Obstmesser in der Hand, die Äpfel haben eine rote Schale, sowie zwei Damen, die in größter Bestürzung das Weite suchen, um Hilfe zu holen, wobei das Hilfesuchen durchaus als ein Flüchten verdächtig erscheinen könnte. All dieserart Phantasien lassen sich nicht, mir nichts dir nichts, aus einem Gehirn vertreiben.
Und jetzt wird Großonkels Stimme auch noch lauter; sie schwillt mächtig an, als er loszudonnern beginnt: „Ja, es waren alles furchtbare Idioten in der Geschäftswelt, die dem Francis das Leben schwergemacht haben. Mit Schurken und Narren zurechtkommen zu müssen, das musste für ihn höchst aufreibend gewesen sein. Als solche hat er diese Männer nämlich selbst bezeichnet. Wir wissen das von unserem Vater, der das schließlich über seinen Großvater erfahren haben soll. Und der Francis muss auch ein höchst erregbarer Mann gewesen sein, einer, der bei Auseinandersetzungen blutrot angelaufen ist. Als sein Verdienst kann es gelten, dass er neben vielen anderen Leistungen auch Handelsstationen in Vorderindien gegründet hat! Aber dass er sich seinen Erfolg unter, zum Teil sehr erniedrigenden Umständen, erkämpfen musste, das ist zu Herzen gehend, das ist richtig bedauernswert.“
Die beiden Damen schweigen. Adelaine beobachtet intensiv, wie sich Großonkels Rinnsale kaum merklich verändern und muss feststellen: Ja, ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Gleichzeitig schlägt sie ihren Zeigefinger fest auf ihren Mund, um ihm einen Riegel vorzuschieben, damit auch ja nicht der kleinste Wortfetzen daraus entfleuchen kann.
„Aber Schwager Jacob!“ Dame Ethel krault Kätzchen Käthe hinterm Ohr. Das schmusebedürftige Tier schmiegt sich behaglich an sein Frauchen. Jetzt bahnt sich etwas an, mag das ahnungslose kleine Wesen denken, gehen wir mal todesmutig davon aus, dass eine Miezekatze dazu in der Lage ist, ihren Erfahrungsschatz konditionieren zu lernen. Frauchens holt so tief Luft, dass sie glaubt, gleich vom Schoß fallen zu müssen. Aber im Schutz fürsorglicher Hände fühlt sie sich dennoch geborgen. Wenn nur Frauchens Herz nicht so toll bibbern würde, das gefällt Käthchen gar nicht und sie ahnt, dass Frauchen sogleich ihr Herz erleichtern wird.
Und dann purzeln, wie erwartet, die Worte nur so aus ihr heraus: „Der Erfolg ist zumeist auf steinigen Wegen zu erlangen, mein Schwager Jacob! Wie heißt es so treffend: Der Erfolg wird immer auf Schlachtfeldern erzielt! Ich bin nur zutiefst erzürnt darüber, dass du mit deinem Bruder Evel keinerlei Mitleid empfunden hast, damals als er sich in seiner Stellung äußerst bloßgestellt und gedemütigt gefühlt hat!“
Bum – Bum – Bum – Bum macht das Frauchen – Herz laut vernehmbar und Kätzchen Käthe empfindet jeden einzelnen Schlag wie einen Stromstoß, der durch seinen kleinen Körper flutet. Wie beruhigend für aufgewühlte Menschen und Katzenseelen, wenn Gestreicheltwerden und Streichelndürfen Besänftigung bringen. Schwager Jacob verstummt und pustet seinen Pfeifenrauch länger als gewöhnlich aus, ehe er sich seinem Shakespeare zuwendet, äußerst gebannt, wie es scheint, denn er achtet in keinerlei Weise darauf, dass Adelaine ihren elastischen Körper hin und her windet, so, als ob Brennnesseln unter ihrem Hinterteil ihr Unwesen trieben.
Anscheinend ruhig beugt sie sich über den Stammbaum, lässt ihre Finger über die unteren Gefilde des Blattes gleiten, ehe sie sich mit beherrschter Stimme der alten Dame zuwendet: „Großmutter, dort unten, das zweite Kästchen von links, das dürfte meines sein. Sieh’ hier, bei Adelaine ist zwar das e nach dem d verloren gegangen, aber das macht doch nichts, oder? Ich weiß doch, wer gemeint ist. Mein besonderer Name ist sicher in der Familienchronik bisher noch nie aufgetaucht, so vermute ich es mal!“ Adelaine verstummt, ehe sie sich ihrer Großmutter wieder persönlich zuwendet und ihr etwas zuflüstert, das, wie es scheint, nur für ihre Ohren bestimmt ist: „Geboren am 1.1.1905! Mama hat mir immer erzählt, dass ich ein verspäteter Silvesterknaller sei.“
„Ja, sie hat recht, du hast mit deinem Erscheinen das neue Jahr eingeläutet; fünf Minuten nach dem Ende des Glockengeläutes bist du auf der Bildfläche erschienen!“ Großmutter strahlt dabei wie die mittägliche Sonne: „Über alle Maße haben wir uns über deine Ankunft gefreut. Und du winziges Bündel Mensch hast mich schließlich zur Großmutter gemacht. Zu einer sehr stolzen obendrein! Wie wunderbar!“
„Grandma! …“ Adelaine stockt beim Weitersprechen. Und Großmutter spürt wehmütig, dass eigene Freudenstrahlen nicht immer auf entflammende Herzensgründe anderer treffen. „Grandma! …“
Adelaine holt tief Luft, ehe sie ihren Gedanken freie Bahn gestattet: „Ich würde ja so gerne mal Mäuschen spielen und wissen wollen, welches Datum hier dereinst an der zweiten Stelle stehen wird! Das klingt zwar neugierig, das weiß ich wohl! Aber ist der Mensch seit Anbeginn der Welt nicht schon immer von Neugier getrieben? Es ist der Grenzbereich von Neugier und Erschauern, mit dem er nur allzu gerne jongliert.“
„Adelaine, meine Kleine, natürlich weiß ich um das Vorrecht der Jugend, in unbekannte Welten vorzustoßen. Lass’ es dir von einer alten Dame wie deiner Großmutter jedoch gesagt sein, dass der Herrgott es sehr weise eingerichtet hat, die menschliche unvollkommene Sicht auf die Zukunft im Dunkeln zu halten. Zukunftspläne dürfen wir zwar machen, deren Treffsicherheit liegt jedoch nicht allein in unseren Händen.“
Adelaine nickt ihrer Großmutter zu; mit einer vagen zustimmenden Kopfbewegung, die ihr Gegenüber äußerst gezügelt erreicht, ehe sie mit dem Finger auf ein kleines, ihr vorbehaltenes Stammbaumfeld tippt. Diese besagte Stelle wird wohl noch eine Weile vor Leere gähnen, hoffentlich, so geht es ihr durch den Kopf, ehe ihr ein hoffnungsvoller Gedanke Auftrieb gibt. Und weil sie in gewissen Situationen Worte liebt, die wie Sprudelwasser vor sich hin glucksen, erhebt sie ihre Stimme in eine hohe Lage: „Tja, Ehemann und Kinder müssten hier eng zusammenrücken, wie ich sehe, bei diesem Platzmangel, die Ärmsten! Ich darf mir allerdings keinen Mann mit ‚von und zu‘ auswählen und muss für meine Kinderchen kurze und knappe Namen wählen. Am besten nur Bens oder Mias!“
Adelaine räuspert sich, ihre Stimme entschwebt wie ein Schmetterling in geheimnisvolle Weite.
„Das heißt wir, mein Mann und ich, die wir uns auf immer und ewig miteinander verbandeln werden!“ Sie lächelt geheimnisvoll, während sie dabei auf die leere Stelle unter ihrem Namen zeigt.
„Aber, Großmutter! …“ In Adelaines Stimme schleicht sich ein Mollton ein, der ihre gute Stimmung schlagartig dämpft. „Grandma, vielleicht muss ich ja auch alleine durchs Leben wandeln. Männer werden zu oft von Kriegen dahingerafft. Wir leben in aufregenden Zeiten. Die Vormachtstellung der Deutschen macht unseren Leuten Angst. Sind wir mit unseren deutschen Vorfahren da nicht in einem Zwiespalt?“ Adelaine betrachtet die Großmutter mit kummervollen Augen, sie spürt, dass diese ein Schweigen vorzieht, ehe sie weiter spricht: „Grandma, wir sollten uns nicht schon vorher … Wie heißt es so schön: Angst ist ein schlechter Ratgeber! Aber du hast mal wieder recht, meine lebenserfahrene Großmutter, Schreckliches auf uns Zukommendes sollte für uns Menschen besser im Ungewissen bleiben. Oh, Großmutter, nie und nimmer möge es über uns hereinbrechen, aber …“ Ihr Herz, zentnerweise mit Molltönen beschwert, sehnt sich nach Trost, das spürt die feinfühlige alte Dame, denn wie sonst sollte ihre Enkelin so plötzlich aufspringen und sie so fest an sich drücken wollen? Nur darf sie dabei nicht zu ungestüm ans Werk gehen, denn Kätzchen Käthe möchte keinesfalls von seiner angestammten Stelle weggedrängt werden, denn dieses, ihr Katzenliebling, ist eben ein eifersüchtiges Tierlein. Mit Erleichterung stellt sie fest, dass Adelaine die eine Hand von ihrer Schulter wegzieht, um Käthe auch ein zärtliches Kille-Kille verpassen zu können.
Und das Tierchen scheint die Liebestat durchaus zu würdigen, denn sie schnurrt noch behaglicher als zuvor, während sein Frauchen die stürmische Enkelin lauthals lachend ermahnt: „Aber, sachte, sachte, mein Fräulein, ich möchte noch ein bisschen leben! Alles, was Großvater lieb und teuer gewesen ist, das muss ich noch sichten, das habe ich ihm schließlich hoch und heilig versprochen. Dann erst kann ich mich auf meine große Reise zum ewigen Wiedersehen begeben!“
„Oh, Grandma! Nein, nimm’ dir dafür um Gottes Willen alle Zeit der Welt!“ Adelaine hält plötzlich inne, um auf die Ziffern der Standuhr zu blicken, worauf ihr Körper von einem Kribbeln durchzogen wird. „Es drängt mich, meine Festtagsgarderobe, das ‚Ihr-Werdet-schon-sehen-Kostüm‘, anzulegen! Zehn Minuten vor sieben! Entschuldigt mich bitte!“ Mit einem flüchtigen Blick auf die Standuhr und ein kurzes Inaugenscheinnehmen der beiden Alten verlässt sie tänzelnd mit wippenden Rockschößen den Raum, ehe die schwere Eichentür hinter ihr ins Schloss fällt, die ewig knarrende, den Enkeln seit jeher vertraut wie das Quietschen der Holzbalken in der Diele. Ein Geräusch, das sogar vor Shakespeare-Freuden des Alten nicht Halt macht.
„Wie?“ Der erstaunte Ruf des Schwagers zieht pfeifenrauchgeschwängert durch den Raum bis er sich in dem „Wo? und Was?“ der Gräfinnen Worte fängt, ehe Lady Ethel, sich eine graue, verschwitzte Lockensträhne aus der Stirn streichend, ein gedehntes „Ach, ja …!“ ausstößt.
Adelaine ist ja eingeladen! Wie konnte ich das vergessen! Bei Sir Miller nebenan! Geburtstagsparty bei Sohn Ronald! Anständige Herrschaften! Kein Grund, sich zu ängstigen!
Schwager setzt sein Pfeifendampfgrinsen auf, das breit und von bedächtiger Natur ist. „Nun, meine Alte, jetzt müssen wir miteinander vorlieb nehmen!“ Die schwägerliche Schulter tätschelnd, zischt er: „Die hier war auch schon einmal besser gepolstert. Es wird Zeit, dass du wieder Fett an den Rippen ansetzt! Wo nur bleiben die gebackenen Austern? Oh, ich kann schon das Klimpern vom Essgerät vernehmen!“
„Mein lieber verhungernder Schwager! Ich habe da mal eine Frage jenseits von Austern und Entenbraten. Was meinst du? Die ganze weibliche Gelehrsamkeit! Wo soll sie bloß hinführen? Sicher nicht unter die Haube!“
Der Angesprochene nickt für einen Tattergreis sehr beachtlich. „Da magst du ja recht haben! Aber jetzt lass’ uns zunächst genüsslich speisen, ehe wir uns schwer im Magen liegenden Themen zuwenden! Auf leerem Magen sich diese einzuverleiben, wäre höchst töricht und unbekömmlich! Und danach heißt es ja unwiderruflich: Abschied nehmen!“ Der Schwager zieht sich auf die Tischplatte gestützt hoch, äußerst gemächlich, seine Knochen, Gelenke und all jenes mühsam sortierend, was einen alternden Rücken mehr schlecht als recht noch zusammenkittet.
Lady Esther stützt sich mit beiden Armen auf dem Tisch ab, den Kopf weit nach unten gebogen, um dann im Schneckentempo Wirbel für Wirbel hoch zu strecken bis zu diesem berühmten ‚Geht-nicht-mehr-Punkt‘, jener Körperstelle, auf die sie oft zeigt, diejenige, die nicht so will, wie sie es will.
„Dieser Höcker hier ist mein Hexenbuckel, solch ein Geselle ziemt sich doch einer feinen Dame nicht!“, so hat sie ihre Enkelin wissen lassen und dabei hörbar gestöhnt.
Doch schließlich schleichen sich die beiden Alten Zentimeter um Zentimeter ins verheißungsvolle Schlemmerparadies. Großonkel hantiert gerade mit Messer und Gabel und kämpft seinen Kampf mit einer widerspenstigen Auster, die bei jeder geringsten Berührung der Schneideklinge einen Sprung seit-, vor- oder rückwärts machen will, als sich ihm plötzlich eine zarte, junge Hand entgegenstreckt und Worte wie ‚Adieu, lieber Onkel!‘ an sein Ohr dringen.
„Eins nach dem andern!“, gebietet er kurz und knapp. Ohne auch nur den geringsten Blick auf die eingetretene Person mit der Sing-Sang-Stimme zu werfen, nimmt ihn der Austernkampf dermaßen in Beschlag, dass um ihn herum die Welt untergehen könnte, ohne dass er es bemerken würde.
„Ach, du meine Güte! Wagt es ein so widerspenstiges Knusperteufelchen doch tatsächlich, anstatt auf meine dafür vorgesehene Serviette auf das gute Tischlaken zu springen!“ Großmutter und der Schmetterling in Menschengestalt, gerade hereingeschwebt, schauen auf, blicken amüsiert auf den Austernkampf bis sich ihre Blicke treffen und Großmutter in neckenderweise etwas zum Besten gibt, das ihr als Relikt der Kinderzeit gerade bei Adelaines Anblick so in den Sinn fliegt: „Schmetterling, Flatterfalter, spiel’ im Sonnenlicht, eh vergeht das Abendrot, bist du doch schon kalt und tot!“
Großmutter zupft flugs am luftigen Ärmel des hellblauen Spitzenkleides ihres Schmetterlings, schon summt sie das alte Kinderlied vor sich hin und blickt mit schwärmerischen Augen der tänzerischen Gestalt entgegen, als sie plötzlich die harte Realität wieder einholt, und – sie erschrickt bei diesem Fund – sie erkennen muss, dass die Wirklichkeit in Gestalt eines ausgedehnten Fettfleckes sich des wertvollen Dutzend-Teiles bemächtigt hat. „Aber, das ist doch keine Katastrophe, Jacob!“, spricht ihr Mund, aber Adelaine, das hellblaue Schmetterlingswesen, blickt tiefer als alle anderen direkt in Großmutters Herz hinein. Und dort vermutet sie, dass sich gerade sämtliche Adern verkrampfen, denn die große Familienschar weiß seit Urzeiten, dass jeder noch so kleine Fleck für Großmutter eine riesige Tragödie bedeutet. Immerhin sollte jedes Dutzendteil vor dem Angesicht aller lupenrein erleuchten. Jetzt bleibt sie nicht bei der Wahrheit, meine geliebte Grandma, diese gottesfürchtige Frau! Aber eine fromme Lüge, die aus Rücksichtnahme geboren ist, darf doch wohl auch sein! Adelaine lächelt über ihre Gedanken, die festverschlossen in ihrem Herzenskämmerlein eingeschlossen bleiben. So schnell wie das Schmetterlingswesen in den Raum geschwebt war, so rasch flattert es wieder fort, nicht ohne zuvor Großmutters Wange und den Arm des Onkels liebevoll getätschelt zu haben.
Onkel Jacob schweigt, gänzlich versunken, mit der Serviettenecke den Schandfleck zu vertilgen.
„Ach, lass nur, Jacob!“ Lady Esther winkt kurz ab. In weiser Voraussicht hat sie sich gar nicht erst auf einen spritzigen Austernkampf eingelassen. Stattdessen greift sie mit elegantem Griff zu einem der attraktiven Schinken-Canapés, Schinkenröllchen in ein Salatblättchen gehüllt, auf einer Remouladenrosette thronend, das sie schon die ganze Zeit über angelacht hat. Bevor sich dieserart Genüsse ihrer ganz bemächtigen können, zieht sich ihre Seele erst einmal zurück, in eine Sphäre, die ihre ureigene ist und die sie so gut sie es eben kann von der Außenwelt abzuschirmen versucht.
„Oh, du mein geliebter Schmetterling, meine Augenweide, sanft wehtest du wie ein Windhauch durch diesen Raum! Möge die Leichtigkeit eines Schmetterlings dich durch dein weiteres Leben tragen!“
Großmutter beginnt sich aus ihrem Sessel zu erheben, nachdem sie Zwiesprache mit ihrem ganz und gar menschlichen Schmetterlingsliebling gehalten hat, der sie genauso flugs wie er eingeflogen war, schon wieder verlassen hat, und jetzt bewegt sie sich wie von unsichtbarer Hand gezogen zum geöffneten Fenster hin, allein von dem Wunsch beseelt, die Frische der Abendluft einatmen zu dürfen. Sie tut dieses, sicherlich auch von der Hoffnung getragen, einen letzten Blick auf einen der Bläulinge werfen zu können, die sich als Tagfalter allzu gern auf den grünen Blättern niederlassen. Am Fenster stehend, stützt sie sich mit beiden Händen am Fenstersims ab und versucht mit einem Ruck weiter nach unten zu ihrer rankenden Rosenhecke herunterzureichen, lediglich in der Hoffnung, einen sich Nektar saugenden Schmetterling zu Gemüte führen zu können. Wäre da nicht der feste Halt durch zwei starke Hände, der männliche Ruf: ‚Pass’ auf!‘, sowie das mit Rosemarin getränkte Tüchlein einer weiblichen Hand gewesen, die ihre Schläfen sanft kreisend berührte, die alte Lady wäre, wie schon so oft, aus ihrem Schwindel vermutlich in eine kurze Ohnmacht gestürzt. Dieses Unglück verhinderte letztlich die gute Fee in Gestalt einer Mrs. Smith, die, die ihr Anvertraute, noch rechtzeitig aufgefangen und sie fürsorglich zu ihrem Sessel zurückgeleitet hat.
In Lady Ester erwachen sehr schnell die Lebensgeister wieder, so rasch, dass ihr das Schinken-Canapé förmlich in den Mund springt. Fleißige Kaubewegungen frischen ihr Gedächtnis zusehends auf, so dass frühere Schmetterlingserinnerungen an die Oberfläche gelangen können. Sie lächelt und wer sich ein Lächeln mit vollem Munde vorstellen kann, der wird sich ausmalen dürfen, wie sich ihre Miene grinsend verzieht und diese Mundakrobatik somit einer feinen Dame das Antlitz einer ziemlich gewöhnlichen Person verpasst.
Ihr Schwager, vor Schreck allen Austernkampfes entledigt, betrachtet die alte Dame mit sichtlichem Vergnügen und kann nicht umhin, eine spöttische Bemerkung zu machen. „Verehrte Frau Schwägerin! Da haben Sie bereits ein gesegnetes Alter erreicht, viel Lebenserfahrung gewonnen und so manche Tücke gemeistert, aber das Lächeln mit Schinkenröllchen im Munde, das gilt es durchaus noch zu erproben. Passen Sie auf, nach der Austernspritzgefahr droht jetzt die Schinkenspritzgefahr! Armes Tischlaken, möchte ich da bemitleidend ausrufen!“
Die alte Dame leert wie ein braves Kind zunächst ihren Mund, denn das hat sie mit der Muttermilch aufgesogen: Mit vollem Munde spricht man nicht!, ehe sich ihre Augen verklären und sich ihre ganz persönlichen Schmetterlingserinnerungen Bahn brechen können. Weitaus lieber wäre ihr jetzt ein weibliches Gegenüber, eines mit Sinn für Romantik, das eigene luftige Jungmädchenträume erinnern würde. Aber ein Mann bleibt eben ein Mann, der für solche Sperenzchen gewöhnlich nicht mehr als ein Lächeln übrig hat, ob mit oder ohne Austern oder Schinkenröllchen im Mund.
Also beschließt sie, ihre Erinnerung als Selbstgespräch aufzufrischen: „Ja, ich war damals im zarten Alter von vielleicht siebzehn Jahren. Mein erster Ball, wie aufregend! Unsere Hausschneiderin hatte ihr Glanzstück, einen dunkelblauen Reifrock, über und über mit glitzernden Pompons dekoriert. Meine Bluse, in leuchtendem schimmerndem Blau, eine schwarze Bordüre mit weißen Punkten zierte den Ärmelbund. Und aus dem gleichen Stoff trug ich ein Haarband, zur Bändigung meiner wilden Locken, die ich überhaupt nicht unter Kontrolle bringen konnte. Ich höre noch genau diesen rhythmischen Singsang der metallenen Absätze, die beim Hinuntersteigen der Treppenstufen eine gläserne Musik erzeugten. Dazu das verheißungsvolle Rascheln des Reifrocks, wie er in dem engen Korridor rechts und links das Geländer streifte. Und unten wäre ich bald meinem Traumprinzen in die Arme gefallen, als wie der blondgelockte Jüngling mit den blauen Augen mir damals erschien, oh, man bedenke, wie höchst unschicklich zu jener Zeit, wenn ich mich nicht noch in letzter Minute an dem Geländer festgekrallt hätte. Dieser Blondschopf im dunkelblauen Rock und einem farblich harmonierenden Beinkleid, er hielt in den festverkrampften Händen doch tatsächlich die Blume aller Blumen, eine rote Rose, in der Hand. Ob er damals schon um meine Rosenverrücktheit wusste? Oder, ob der Jüngling meine Rosenleidenschaft erst erwirkte? Jedenfalls berührte er meinen rechten aufgeplusterten Ärmel, als er mir recht ungelenk die Blume in die Hand drückte und ein Kompliment stammelte: Gnädige Dame, Sie erinnern mich an einen Schmetterling! Und dabei …“, jetzt fängt ihr männliches Gegenüber, das wider Erwarten – Oh, Wunder! – ganz aufmerksam gelauscht hatte, an, Töne von sich zu geben, unziemliche, eher einer gurrenden Henne als einem gelehrigem alten Herrn zuzuordnen.
„Und dabei wurde sein Gesicht sicher rot wie eine Tomate!“, tut er der lächelnden Schwägerin kund.
„Und woher weißt du das?“, will sie von ihm wissen. „Und überhaupt habe ich doch nur vor mich hingemurmelt!“ Lady Ethel schüttelt ungläubig ihr weißes Haupt.
„Nun, ja, wenn du deine Herzensdinge auch so rezitierst wie eine Erzählerin, die um Aufmerksamkeit buhlt, dann wundere dich bitte nicht, wenn … Und übrigens hätte ich durchaus auch jener junge Mann sein können!“
„Hm! Du? Hm! Du? Und …? Dann wärest du ein rechter Verwandlungskünstler gewesen!“ Der Mund, der Erstaunen signalisiert, schließt und öffnet sich wieder und erinnert an mundgymnastische Übungen. Das weißlockige Haupt mit dem Haarkrönchen drauf, es wackelt dabei hin und her. Es wackelt auch noch, als die alte Dame gar nicht mehr wackeln will. „Manchmal hört der greise Körper einfach nicht mehr so auf mich, wie er es sollte!“
„Mein Tatterich, dein Tatterich, unser Tatterich, warum sollte es dir besser ergehen als mir?“
Lady Ethel nimmt den schwägerlichen Ball nicht auf. Ihre Hauptgedanken sind und bleiben Rosenkavaliersgedanken. „Und so tollpatschig wie der auftrat! Oh, du mein Gott? …“
„Was willst du damit sagen, erst recht, wenn du mich dabei so irritierend anstarrst?“ Wenn Tatteriche Ansteckungscharakter aufweisen, dann ist Gefahr im Verzug. Der Herr droht zu explodieren. Seine zwei Schneidezähne, einsame Überbleibsel eines einst wackeren Kauapparates, beißen sich auf seine spröden Lippen, nicht ein einziges Mal sondern im rhythmischen Gleichklang mit dem Kopftatterich. Seine Augen funkeln. „Die beleidigten Leberwürste von den verweichlichten Damen heutzutage, die sind unserem Menschengeschlecht unwürdig. Die Erziehung der jungen Dinger lässt sehr zu wünschen übrig! Beherrschtes Benehmen lernen ist unerlässlich!“
Jetzt wird sie schäumen, vermutet der Streitwillige, wohl wissend um eine immer wieder erfahrene Ruhe vor dem Sturm, die für ihn zweifellos eine empfundene Hilflosigkeit offenbart, ehe sie anschließend zum Schwadronieren ausholt und dabei wirsche Handbewegungen ausführt, so als ob sie gefahrvolle Ungeheuer mit Macht vertreiben wolle. Aber statt der erwarteten Böe weht lediglich eine sanfte Brise durch den Raum. Mit aller Kraft hatte sie sich dazu zwingen müssen, diese Äußerungen nicht allzu nahe an sich herankommen zu lassen. Schließlich kennt sie die Herren der Schöpfung und diesen hier, ihren Pappenheimer, besonders gut. Ein tiefer Seufzer durchfährt sie, als sie sich und dem Schwager etwas einzugestehen traut, was ihr alles andere als leicht fallen muss.
„Ja, wenn ich es mir recht überlege, dann kann ich jetzt selbst als eine erwachsene Frau meine damalige seelische Beschaffenheit im Jungmädchenalter nicht mehr nachvollziehen! Es ist eine schwierige Zeit, die auch Backfisch- oder Halbseidenes-Alter genannt wird! Und wie sollte sich ein männliches Wesen je dort hinein versetzen können?“ Nichtgeachtet dessen fährt sie fort, ihre ‚Reifrock-Treppen-Erste-Ball-Erfahrungen weiterzugeben, vielleicht in der Hoffnung, dass sie die emotionale Überlegenheit ihres weiblichen Geschlechts gegenüber den gefühlloseren Männern zum Ausdruck bringen müsse. „Jacob, das Schmetterlingskompliment ließ mich damals in den siebenten Himmel fliegen, das, was danach folgte, ließ mich aber ebenso schnell wieder auf die Erde plumpsen. Nicht, dass mir der Bub Böses gesagt hätte, oh Gott, nein, aber in der Hoffnung auf ein schmachtendes ‚Du bist mein Augenstern!‚ brachte er es fertig, mir eine Schmetterlingslitanei zu halten, die in etwa so klang: ‚Wie ein morpho peleides!‚ … als er das sagte, tippte er auf meinen Schmetterlingsärmel. ‚Sein Vorkommen: Wälder Mexikos, Südamerika, westindische Inseln‚ und danach schoss aus ihm ein Redeschwall hervor, der mich schmerzhaft auf den Boden der Realität plumpsen ließ, einer Wirklichkeit, in der ich nur als ein winziger unscheinbarer, wissenschaftlich zu begründender Punkt auf einem herrlichen Flatterwesen sein durfte. Und seinen Blick auf meine Schmetterlingsbluse gewandt, machte er mir zu allem Überfluss auch noch ein riesiges Kompliment: ‚Traurig müsstest du sein, wenn ich dich als rostbraunen Dickkopffalter bezeichnet hätte. Glaube es mir, den gibt es tatsächlich! Interessierst du dich nicht für Schmetterlinge?‘, fragte er ungläubig, als er sah, wie meine Kinnlade herunterklappte. Und dabei hatte ich mich für ihn so schön gemacht!“ Der Schwager hört wortlos den Ausführungen zu, ehe er zu bedenken gibt, dass er an ihrer Stelle Spaß an einem so wissbegierigen jungen Mann gehabt hätte. „Später ist der Schmetterlingsfan sicher Professor für Schmetterlingskunde geworden! Aber du hast ja auch keine schlechte Partie mit deinem Evel gemacht!“
„Gestatten, meine Herrschaften! Der Chauffeur ist gerade vorgefahren!“ Mrs. Smith steht in der Tür, die Hände voll bepackt mit Herrenmantel, Zylinder und Regenschirm! Das gewöhnliche Wink-Ritual, der beschwerliche Gang zum Sessel, das Falten der Hände, der Blick nach oben und der wie immer sich beim Abschied einstellende tiefe Seufzer, verbunden mit der von ihm feierlich rezitierten Lebensweisheit ‚Alles hat seinen Preis, nur der Tod ist umsonst!‘, lässt sie geduldig wortlos über sich ergehen, wobei sie plötzlich ein starkes Verlangen nach der himmlischen Gemeinschaft mit ihrem Evel verspürt; fernab der anstrengenden buckligen Verwandtschaft; sie lächelt bei diesem Wunsch: Dabei habe ich selbst einen Buckel! Sogar einen viel buckligeren als Schwager Jacob ihn sein eigen nennt!
„Und trotzdem, Herrgott, du siehst alles, du hörst alles, nichts bleibt dir verborgen! Du schickst uns manches Mal richtige Störenfriede ins Haus. Und dann, lieber Herrgott, müssen wir kämpfen und fühlen uns von dir oft ziemlich allein gelassen. Aber heute beim Abendbrot habe ich doch Deine Güte erfahren dürfen, denn mein Herz hier …“, und während ihrer Worte streicht sie über die füllige Brust, in einem hochgeschlossenen Samtkleid versteckt, „… das brodelte dermaßen vor Wut bei Schwagers Worten, dass ich am liebsten …“ Jetzt macht sie dabei eine Bewegung, die an ein ‚In-die-Mangel-nehmen‘ erinnert. „… Aber, du hast mir in diesem kritischen Moment Ausgewogenheit geschenkt. Dankeschön!“ Und nach einem kurzen Moment des Innehaltens führt sie ein inwendiges Gespräch mit einem anderen lieben Menschen: „Adelaine, wie freue ich mich, dass ich dich noch drei Tage lang ganz allein unter meine Fittiche nehmen darf – und danach …“, sie holt dabei tief Luft, „und danach habe ich nur noch dich, meine liebe kleine Käthe.“ Das Tierchen hatte die Trostbedürftigkeit seines Frauchens gespürt und ihren Lieblingsplatz aufgesucht, die schmale Kuhle zwischen den Beinen der Lady, auch wenn es dort ein bisschen staksig ist. „Und die Rosen sind auch bald verblüht, wie traurig!“, sind die letzten Sesselworte, ehe sie von einem Nickerchen übermannt wird. Erstaunlich, wie schnell aus einem Nicken ein Nickerchen wird.
KAPITEL ZEHN
„Oh, Grandma! Diese hier dürften auch bald ihr Leben aushauchen!“ Adelaine zerreibt ein gelbes Teerosenblatt zwischen Daumen und Zeigefinger. „Der letzte Duft, wie wunderbar, bis zum letzten Atemzug verströmen ihn meine Lieblinge, diese Königinnen aller Blumen!“
„Ja, meine Kleine, so sollte es auch bei uns Menschen sein! Wer wünschte es sich nicht, bis zum letzten Moment seine Duftnote versprühen zu dürfen?“
Ihr Gegenüber hat das zerriebene Rosenwürstchen neben den kleinen Rosenstrauß auf die Tischmitte gelegt, der letzte in diesem Jahr, wie Grandma traurig konstatiert, ehe sie Adelaine und sich selbst eine Tasse Earl Grey eingießt; sehr bedächtig lässt sie die goldgelbe Flüssigkeit auf den Porzellanrosenboden tröpfeln.
Adelaine, das Traumland hält sie noch gefangen, sie bewegt das Messer, mit goldgelber klebriger Fruchtmasse besprenkelt, in schlaftrunkenen gleichmäßigen Bewegungen hin und her, vermutlich, um den verstärkt herausschwebenden Quittenduft, der ihr wohlig durch die Nase weht, noch zu verstärken. Die Großmutter spürt: Ein langes Gespräch nach einer durchtanzten Nacht – selten wird es Bestsellerqualitäten aufweisen! Das ist ihr durchaus bewusst. Während die heißen Teetropfen gleichermaßen Ladys Gemüt wie ihren Magen erfreuen, lässt sie sich ihre Duftweisheitsworte nochmals gründlich auf der Zunge zergehen. Einer aromatisierten Zunge, deren Papillen, in Duft und Wohlgeschmack eingelullt, noch kritische Signale an Hirn und Mund weiterleiten können, muss das besonders hoch angerechnet werden, urteilt das empfindsame junge Ding, als das die Großmutter sie leider viel zu oft bezeichnet, dieses feinste seelische Erregungen erfassende junge Wesen, das Flöhe dort husten hört, wo andere nicht einmal ein Bienensummen registrieren würden.
Großmutter hat nicht ganz Unrecht, sie überspitzt nur allzu gerne, befindet die Enkelin, behält solcherlei Gedanken wie gewöhnlich aber in ihrem Inneren eingeschlossen. Und tatsächlich äußert sich Großmutter als Teegenießerin jetzt erstaunlich selbstreflektierend: „Abschiedsduftnote, meine Liebe, das ist sinnbildlich gemeint, natürlich, wie sollte es anders auch sein …?“, und schaut dabei ihrer Enkelin in die weit geöffneten Augen.
„Ja, ja, Großmama, ich verstehe sehr gut! Ich bin schließlich kein Dummerchen!“, entfährt es ihr aufbegehrend.
„Damit meine ich wahrlich nicht jenen Duft, der uns bei uralten Menschen oft entgegenströmt, sobald wir deren Türen nur einen Spalt weit öffnen! Ich möchte nur von dem inneren Duft sprechen, der von einem Menschen ausgehen kann, quasi von seinen ganz individuellen inneren Werten, Adelaine!“
„Aber du, meine liebe Grandma, versprühst einen gleichermaßen zauberhaften inneren und äußeren Duft! Und das liebe ich einfach an dir!“ Und dabei lässt sie Quittenmund Quittenmund sein, als einen ganz und gar schmierigen sogar, als einen, der wunderbar duftend, sich auf der zauberhaften Wange eines zerfurchten Gesichtes verewigt, als einen, der klebrige Rillen in die Furchen pressen darf, eine gefühlte Ewigkeit lang, na ja, solange Zeit jedenfalls bis zum abendlichen Reinigungszeremoniell, denn dieses – das weiß die Enkelin durchaus – pflegt aus einem mit Röschen bedruckten, leicht angefeuchtetem Waschtuch zu bestehen, mit dessen Hilfe Großmutter Gesicht und Hände benetzt. „Grandma, bevor ich abreise, weißt du, hast du mir noch einiges versprochen, auf das ich äußerst neugierig bin. Erinnerst du dich noch?“
„Selbstverständlich, mein liebes Mädchen! Wie sollte ich das je vergessen können, das, was mir das größte Erzählvergnügen bereitet, mein Schatz! Ach ja, lass’ uns mit der Teppichgeschichte beginnen.“
„Das habe ich mir natürlich gedacht!“
„Du kennst sie doch noch nicht, mein Kind, oder?“
In gewissen Fällen dürfen Menschen doch lügen, entscheidet Adelaine ohne Zögern, dann nämlich, wenn die Wahrheit nicht annähernd so viel Freude bereiten würde wie die Unwahrheit: Deshalb fällt Adeline diesmal das Flunkern alles andere als schwer. „Nein, natürlich nicht! Meine Ohren sind gespitzt! Meine Nerven sind gespannt wie Drahtseile!“
Und während sie spricht, erhebt sie sich, um der Großmutter beim Aufstehen behilflich zu sein. „Komm’ herüber! Ich muss in deiner Schatztruhe nach der geheimnisvollen Ledertasche suchen!“
„Adelaine, die Vierte war’s, ich bin mir ziemlich sicher, die vierte rechts, sieh’ dort bitte mal nach!“
Als die Angesprochene die Schreibfläche des Sekretärs aufklappt, behält Großmutter ihre Enkelin unverwandt im Auge. Ein wenig zuckt die Alte zusammen. Adelaine starrt mit weit aufgerissenen Augen ebenso unverwandt auf einen einzigen Punkt der Schreibfläche, eine gefühlte Ewigkeit lang, ihre Augen verdrehen sich derart, dass Großmutter zutiefst erschrickt.
„Na, dann beruhige dich mal, mein Kind! Du brauchst dich nicht immer wieder über den Tintenfleck auf der Schreibfläche aufzuregen!“
Das junge Mädchen schreckt bei diesen Worten auf. Seine Augen scheinen geblendet und müssen sich erst wieder durch die Hand über ihre Stirn gedrückt, ans Tageslicht gewöhnen. Sein Brustkorb streckt sich mit einem Ruck, weil die Lunge zu tief nach Luft schnappen muss, um aus seiner Bewegungslosigkeit erwachen zu können.
„Was war? Was ist? Wie ist dir?“ Großmutterfragen, wie von der Tarantel gestochen, haben keinen Seltenheitswert.
„Grandma, nein! …“, die Wiedererwachte schüttelt den Kopf, nebulös gleitet ihr Blick zunächst wie durch eine gläserne Wand hindurch, ehe er sich im großmütterlichen Antlitz festsetzen kann. Die Stimme erwacht nach und nach aus ihrer Schläfrigkeit, um zusehends an Ausdrucksstärke zu gewinnen. „Nein, der Tintenklecks war’s jedenfalls nicht!“
Großmutter sitzt mit gefalteten Händen und scheint den Blick auf Käthchens Spiel mit dem Plüschball zu verfolgen. Es sieht lustig aus, wie das Kätzchen mit seinen Pfoten tapsig das Spielzeug vorwärts kollern lässt. ‚Mutter, stochere nicht zu viel in Adelaines Seelenleben!‘ Der Sohn sprach erst kürzlich ein ernstes Wort mit seiner Mutter. Die Gehorsame schweigt zwar, aber ihre Augen erzwingen in dem wiedererwachten Gegenüber eine Gedankenspringflut ohnegleichen: „Nein, es war mir so, als ob ich in einem einzigen Moment von Hunderten von Menschen eingekesselt worden wäre. Ich erkannte keine einzige Menschenseele! Nicht ein einziger individueller Gesichtszug ist mir in Erinnerung geblieben. Nur eine einzige Hand erschien mir deutlich vor Augen. Aus der Menge aller Hände erhob sie sich im Schneckentempo, vergleichbar mit einer Filmaufnahme, bei der ein Gegenstand ganz nahe an den Betrachter herangeführt wird. Die Hand wuchs und wuchs, in wenigen Sekunden entartete sie zu einer Riesenpranke. Ich hätte vor Angst schreien können, wenn nicht, ja, wenn bei ihrer ersten Berührung mich nicht ein wohliger Schauer durchfahren hätte! Stark, warm und voller Leben war die Hand, so dass ich mich mit einem Male unendlich geborgen fühlte. Diese Wunderhand glitt zärtlich über meine Wange.“ Adelaine stockt der Atem, als sie für einen kurzen Moment inne hält.
Großmutter schüttelt den Kopf, wie von einer Schüttellähmung gepackt. Aus ihrem weit geöffneten Ostereier-Mund kommt nur ein einziges Wort, das zugleich drängelnde Frage ist: „Großvater!?“
Dabei hängen sich ihre Lippen an jeden inständig ersehnten Laut aus der Enkelin Mund, nachdem das vorgetäuschte Katzeninteresse einer wachsenden Neugier gewichen war. ‚Aber, mein Sohn, ich gehorche dir und schweige, beinahe jedenfalls, bis auf dieses eine Wort!‘ Sich ihrer Zusage bewusst, die sie ihm gegeben hatte, vor kurzem noch, hält sich ihr Mund zwar verschlossen, aber ihre Augen sprechen eine herausfordernde Sprache. Wie lange muss ich noch warten, bis sie weiterspricht?
Ein bezwingendes Augenzwinkern lässt schließlich den Redefluss ihres Gegenübers weitersprudeln.
„Ja, du sagst es, jetzt ist mir ganz bewusst, dass es nur Großvaters Hand gewesen sein kann. Dieser unvergleichbare Händedruck hatte sich vermutlich von frühester Kindheit an in mein Herz eingebrannt. Dieser Händedruck voller Kraft und Wärme! Ich wollte seine Hand nie, nie mehr loslassen. Aber eine unsichtbare Macht hat ihn mir schließlich sanft entrissen!“ Adelaine fährt sich abrupt mit dem Finger über den Mund, so als ob sie ihn fest verschließen müsse, oh nein, nur nicht weitersprechen!, durchfährt es sie, denn Großmutters tieftrauriger Anblick lässt sie aufhorchen und ängstigen zugleich, denn mit einem Male, oh Gott, nein, nein, wo ist auf einmal meine Großmutter? Das Märchen von Hänsel und Gretel überwältigt sie mit einem Schlag. Sicher hunderte Male musste ihr Grandma früher von der bösen Hexe erzählt haben. Und nun? Eine Halluzination oder Wirklichkeit? Jetzt hockt an ihrer Stelle eine alte Hexe vor mir, faltig und zittrig das Gesicht, mit geschätzter hundertjähriger Erfahrung im Buckelgepäck. Und eine runzelige Hakennase hat sie noch obendrein! Großmutters Nase dagegen schien im Nasenschönheitswettbewerb ein Spitzenplatz sicher! Bin ich jetzt …?
Nein, Adelaine, deine Phantasie geht jetzt vollends mit dir durch, ermahnt sie sich streng, Hexen sind bitterböse! Natürlich kann Großmutter nur eine gute Fee sein, die ihren Spazierstock neben sich stehen hat, diesen Stock, mit dessen Hilfe ich sie eben noch zum Tische führte. Ist es vielleicht ein Zauberstock, der mich in die Welt unserer Ahnen verhext hat? Ein schlimmer Querulant muss mich überwältigt und mich so sehr in Aufruhr versetzt haben, dass ich nicht zur Ruhe komme. Adelaines Verwirrung um die Buckelfrau lässt ihr Herz wilde Sprünge machen, sie verfolgt jede Veränderung der Alten, nein, es ist keine gute Fee, nein, denn Augen, die so gierig starren, müssen Hexenaugen sein. Sie registriert jeden einzelnen Wimpernschlag mit großer Bangigkeit, ja, sie befürchtet verschreckt ein zu Bodenplumpsen des gekrümmten Rückens, der die gesamte Statur zu Fall bringen könnte, während ihre Augen, weit aufgesperrt, sich an den Mund ihres Gegenübers heften, so fest, wie sie gewöhnlich mit Klebstoff ihre geheimsten Briefe versiegelt, damit Herzensergüsse nicht nach draußen gelangen können. Wie seltsam, die sie anstierenden funkelnden Augen lassen auf jeden Fall verhexte Qualen vermuten.
„Hilfe! Höllenfeuer!“ Ihr eigener Aufschrei gefolgt von mächtigem Herzklopfen lässt das junge Mädchen erzittern, ehe es sich mit aller Strenge zur Bedachtsamkeit ermahnen muss, damit sie hilfebringend die Hexenhand ergreifen kann. Nur ich vermag sie noch zu retten, durchfährt es sie, wenn nicht ich, wer sonst? Zunächst widerwillig, dann vorsichtig ertastend gleiten ihre Finger über das leblos erscheinende grellweiße Stück Fleisch. Warzen und verknöcherte Gelenke, Gefahr einflößende Fingerkrallen lassen sie erschaudern. Aber dort drinnen im tiefsten Pupillendunkel, sie starrt gebannt auf das schwarze Augeninnere, da glitzert doch … Oder phantasiere ich wieder? Ja, dort glimmt ein helles Pünktchen, gleich einem Sternchen, das einen Funken Helligkeit versprüht. Halluzination? Wirklichkeit? Das junge Mädchen erstarrt in ihrer zögerlichen Streichelbewegung über die sich erwärmende Hand, deren fein zerklüftete rosige Äderchen zu ihrem Erstaunen neuerwachendes Leben erhoffen lassen, zumal auch das Augensternchen ihres Gegenübers ihr lebendige Signale zusendet, solange bis dieser glimmende Funke vor ihren Augen gleichsam zu einer Flamme explodiert, einem wärmenden behaglichen Feuer, das nicht verzehrt, sondern Lebensglut ausstrahlt.
So zögert sie nicht lange, ihre Wange diesem Wärmespender entgegenzuhalten, um dann mit ruhigen Bewegungen über die knittrige Warmwange zu streicheln, ganz so wie eine Mutter, die ihr Kind liebkost, um es zu beruhigen! Ruhige, tröstende Worte kommen ihr über ihre Lippen, sind sie ein Geschenk des Himmels? Himmel, Hölle, Himmel, Hölle – wie oft hatte sie dieses Spielchen mit Lily gespielt, solange bis sich Himmel und Hölle vermählten – und wie von Zauberhand berührt, verwandelt sich in diesem einen Augenblick jetzt die Märchenhexe – SIMSALABIM! – zusehends wieder zu jener beherrschten, vornehmen alten Lady, die ihre Enkelin besorgt anblickt und fragt: „War dir nicht gut, mein Kleines? Du gucktest die ganze Zeit so angsterfüllt und verklärt?“
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