Kitabı oku: «Herzstücke in München»
CHRISTINE METZGER, FRANZ MARC FREI

HERZSTÜCKE
IN
MÜNCHEN
BESONDERES ABSEITS DER BEKANNTEN WEGE ENTDECKEN



Inhalt
IMMER: EINE SÜNDE WERT!
01 Mundgerechter Augenschmaus
02 Die hohe Kunst des Ausziehens
03 Dreh- und Angelpunkt – die Schraube
04 Gegen alles ist ein Kraut gewachsen
05 Bierkrüge hinter Schloss und Riegel
06 »Für den, der’s mag, is des as Höchste«
07 Schweinsbraten mit Muscheln
08 Wo der Krimifan aufs Glatteis geführt wird
09 Stadtblick von der Krone der Eiche
10 Römer, Iren und eine Eiserne Jungfrau
11 Die Sucht des Selbermachens
12 Schlemmen wie Gott in Haidhausen
13 Tante Emma, gestylt von Marion
14 Und ewig rauscht der Wildbach
15 Eine Hommage: Bayern meets Africa
16 Rüstzeug für den Biergarten
17 Hier möchte man Puppe sein
18 Kaffeepause in der Antike
19 Der Himmel hängt voller Lüster
20 Auf den Hund gekommen
21 Trinken – mal nicht gegen den Durst
MAL WIEDER: ZEIT FÜR KULTUR!
22 Prügel für den Breznreiter
23 Ohrwaschl und Himmelsleiter
24 Licht und Klang im Durchgang
25 Typisch München! Zamperl Waldi
26 Volkstheater auf höchstem Niveau
27 Literatur hinter dem Rücken der Kirche
28 Zeitreise in den Untergrund
29 Juwel im Jugendstil – die Kammerspiele
30 Keine Prinzessin auf der Erbse
31 Sammlung Bollert – alles oder nichts
32 »An Schädel hau ma euch runter«
33 Einst Kühe, heute Kultur & Kulinaria
34 Maria und Josef, ermordet von Josef
35 Alfred Delp – ein mutiger Seelsorger
36 Gesprühte Kunst im Untergrund
37 Shopping in der Nachkriegszeit
38 Auferstanden aus Ruinen: Kleines Spiel
39 Die Metropole endet nicht am Ring
40 Lenbachs Alptraum: eine Goldschachtel
41 Zum Schwabingbummel ein Gedicht
42 Problem gelöst, Bär ausgestopft
43 Ein Porträt als Psychogramm
BLICKFANG!
44 Vom Münchner Kindl zum Volkssänger
45 Julia – Busenwunder bringt Liebesglück
46 Die Schäffler und die Sage
47 Hut ab, wenn ein Papst geht
48 In memoriam Siegestor
49 Was vom zweiten Mauerring blieb
50 Ein Palast für die Mode
51 Die 3. Frau – Aneta, Emmy oder Therese?
52 Treppenwitz – Zutritt verboten!
53 Geraubt, ertränkt, und Lola rennt
54 Zeitreisebahnhof Gerner Brücke
55 Wortklauberei am Bodendenkmal
56 Früher aufs Podest, heute strafbar
57 Spuren im »Drückebergergasserl«
58 »Ich würde München gewiss Ehre machen«
59 Vom Volk – ein Denkmal für den Grafen
60 Ein Rad kommt schwer in Schwung
61 Privatsache? Steine des Anstoßes
62 Ein Raum, der Sammlung zulässt
63 Kopfgeld für Leo von Klenze
64 Gotik und Rokoko – strahlende Symbiose
65 Wo in Haidhausen blaues Blut floss
66 Geschichten rund um den Maibaum
67 Der Traum vom Eigenheim
68 Ein Brunnen findet seinen Platz
69 Trambahnschienenritzenreinigerin
70 Münchens erste Gastarbeiter
71 »Ich habe den Krieg verhindern wollen«
72 Kriegsspuren – Zeige deine Wunden
73 Die »vier Heiligen Drei Könige«
74 »Bin ich vielleicht nicht schön! Ha!?«
75 Kein Dorf, aber zwei Kirchen
76 Giesinger Vorstadtschmuckstücke
77 Letzte Ruhe – Mosi & seine Schützlinge
78 Geiselbefreiung in Ramersdorf
79 Schöner Wohnen im Nationalsozialismus
80 Schmolche – Leben im Schaufenster
HEUTE: WILL ICH RAUS!
81 Zum »Bergsteigen« nach Aubing
82 Wasserspiele zum Mitspielen
83 Und ewig rauschen die Wälder …
84 Fernöstliches Flair im Westpark
85 Hoch hinaus: sportliche Superlative
86 Nachtleben im Tierpark
87 Auf Augenhöhe mit hohen Tieren
88 Stadt, Land, Fluss – die Isar
89 Mit Siebenmeilenstiefeln durchs All
90 Gärten mit giftigem Potenzial
91 Frühlingsboten im Kabinettsgarten
92 Die »Colonie« am Kanal
93 Farbtupfer im Münchner Winter
94 Wo der Biber einmal ein Fisch war
95 Mit Charme, Glück und Gottes Segen
96 Zweideutige Botschaft vom Berg
97 Die Radieserl von unten sehen …
98 Millionendorf mit Schafwiese
99 Oben und unten bunt: Neuperlach
100 Ausgebuchteter Schneckenkäfer
LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

Sie leben schon lange hier. So lange, dass Sie den Slogan »München, Weltstadt mit Herz« noch kennen. Oder: Sie sind neu zugezogen und haben brav die obligaten Stadtführungen mitgemacht. Kurz: Sie glauben, Ihre Stadt zu kennen.
Dann lassen Sie sich überraschen. München ist ein lebendiger Organismus, dessen Herz nicht nur am Marienplatz schlägt. Ständig entsteht Neues, und auch das vermeintlich Bekannte birgt Überraschungen. Wer ändert schon die Perspektive, hält inne, blickt nach oben, erfreut sich an Details, wenn er auf vertrauten Pfaden die ewig gleichen Ziele anstrebt? Dazu lade ich Sie ein: Spazieren Sie mit mir durch München, und sehen Sie die Stadt mit neuen Augen.
Viel Spaß beim Entdecken!

IMMER
EINE SÜNDE WERT!
MEINE LIEBLINGSADRESSEN ZUM ESSEN & TRINKEN, EINKAUFEN & ÜBERNACHTEN
01Mundgerechter Augenschmaus
02Die hohe Kunst des Ausziehens
03Dreh- und Angelpunkt – die Schraube
04Gegen alles ist ein Kraut gewachsen
05Bierkrüge hinter Schloss und Riegel
06»Für den, der’s mag, is des as Höchste«
07Schweinsbraten mit Muscheln
08Wo der Krimifan aufs Glatteis geführt wird
09Stadtblick von der Krone der Eiche
10Römer, Iren und eine Eiserne Jungfrau
11Die Sucht des Selbermachens
12Schlemmen wie Gott in Haidhausen
13Tante Emma, gestylt von Marion
14Und ewig rauscht der Wildbach
15Eine Hommage: Bayern meets Africa
16Rüstzeug für den Biergarten
17Hier möchte man Puppe sein
18Kaffeepause in der Antike
19Der Himmel hängt voller Lüster
20Auf den Hund gekommen
21Trinken – mal nicht gegen den Durst


01
MUNDGERECHTER AUGENSCHMAUS
Wenn Sie als Kind Hemmungen hatten, Ihrem Schoko-Osterhasen den Kopf abzubeißen, kann es sein, dass Sie im Sama Sama ein Déjà-vu-Erlebnis haben: Diese wunderschönen kleinen Kunstwerke mit Goldflitter, kandierten Veilchen, Rosenblättern – die kann man doch nicht oral vernichten!
Zum Glück haben wir unseren Geruchssinn, der direkt mit dem Emotions-zentrum im Gehirn verbunden ist. Nase schlägt Auge, der Schokoladenduft löst Erinnerungen aus: heißer Kakao an kalten Wintertagen, elterliche Belohnung fürs brave Kind, Geborgenheit – Schokolade macht glücklich.
Eine Praline muss mindestens 25 Prozent Schokolade enthalten und mundgerecht sein. Um wie viele Prozentpunkte Wilhelmine Raabe dieses Maß überschreitet, bleibt ihr süßes Geheimnis, wie auch alle anderen Schritte, die jede Praline bei der aufwendigen Produktion in Handarbeit durchläuft. Was die Mundgerechtigkeit betrifft, liegt Frau Raabe sicher an der Obergrenze: 35 bis 40 Gramm wiegt so eine Köstlichkeit, und Sie müssen sich entscheiden, wie Sie sie genießen. Kleine Stücke abknabbern und im Mund zergehen lassen oder die ganze Praline in den Mund stecken und die Geschmacksexplosion erleben. Als Wilhelmine Raabe 1996 begann, sich der Königsdisziplin der Chocolatierkunst zu widmen, hatte sie zehn Sorten im Angebot, heute sind es 250. Ihre Kreativität scheint keine Grenzen zu kennen. Wie bei jedem künstlerischen Prozess steht am Anfang die Vision. Wenn sie ein Rezept entwerfe, sagt sie, wisse sie schon in ihrer Fantasie, wie die Praline schmecken werde.
250 Sorten! Welche Dramen müssen sich in diesem kleinen Laden abgespielt haben? Schokolade, Marzipan, Nugat, Krokant, exotische Früchte und Gewürze, kandierte Blüten – alles so schön und so verlockend. Wie gut, dass es sich um Schokoladenprodukte handelt. Doch sobald man die erste Praline in den Mund steckt, sind die Qualen der Wahl beendet, und man ist nur noch glücklich.
Sama Sama · Mo–Sa 10–18 Uhr · Westenriederstr. 21 · Altstadt Tel. 089/29 16 33 79 · www.sama-sama-pralinen.de · Haltestelle: S Isartor

02
DIE HOHE KUNST DES AUSZIEHENS
Wenn Sie länger in München leben, werden Sie sich gewiss erinnern: Die »Schmalznudel« hat früher um 5 Uhr aufgemacht und war damals Schnittstelle für Menschen aus zwei Welten. Die einen tranken nach durchzechter Nacht hier den letzten, die anderen, deren Tagwerk früh begann, den ersten Kaffee.
Heute öffnet das »Café Frischhut« – das niemand so nennt, weil es vulgo »Schmalznudel« heißt und nicht anders – die schwere Holztür um 8 Uhr. Sonst hat sich nichts geändert. Das Publikum ist noch immer gemischt, der Kaffee kommt aus dem Haferl und nicht aus dem Pappbecher und schon gar nicht aus dem Land Togo. Die Einrichtung ist altmodisch gemütlich, die naiven Bilder an den Holzwänden stammen von der Mutter Frischhut, und im Sommer lädt die Terrasse ein.

Im nahen Biergarten Viktualienmarkt wird alle sechs Wochen das Bier einer anderen Münchner Brauerei ausgeschenkt. Immer passend: köstliche Fischsemmeln von Fisch Witte (www.fisch-witte.de).
Das Schmalzgebäck gibt es seit fast 50 Jahren in gleichbleibender Qualität: Stritzerl, »Ausgezogene«, Krapfen und Rohrnudeln mit diversen Füllungen. Wenn in der Gastronomie Schmalz zum Einsatz kommt, können Sie sich ganz auf Ihre Nase verlassen: Riecht’s ranzig, nix wie raus. In der »Schmalznudel« duftet es nur nach Kaffee. Und es brutzelt. Im heißen Butterschmalz tanzen die Ausgezogenen, schwimmen Krapfen und die länglichen Stritzerl. Erst sind sie blass wie der eierreiche Hefeteig, dann nach dem Wenden leuchten sie goldbraun. Im Eingangsbereich können Sie zuschauen, wie man Schmalznudeln macht, und lernen, warum sie »Ausgezogene« heißen: Die Hefeteiglinge werden gezogen. Wenn der Meister das mit einer flotten Handbewegung macht, sieht es einfach aus, es ist aber eine hohe Kunst. »Ausgezogene« müssen nämlich im Zentrum ganz dünn und außen wulstig sein. Frischer und köstlicher als in der »Schmalznudel« können Sie sie in München nirgendwo bekommen.
»Café Frischhut«, vulgo »Schmalznudel« · Mo–Fr 7–18, Sa 5–17 Uhr · Prälat-Zistl-Str. 8 Altstadt · Tel. 089/26 82 37 · Haltestelle: U/S Marienplatz

03
DREH- UND ANGELPUNKT – DIE SCHRAUBE
Stock-, Terrassen-, Justierschrauben. Halbrund-, Linsensenk- oder Senkholzschrauben. Bohrschrauben mit Rippensenkkopf, gewindefurchende Schrauben. Sicherheitsschrauben, Spanplattenschrauben – Edelstahl oder verzinkt? Wer blickt da noch durch? Die Fachkräfte beim Schrauben-Preisinger.
Wer gewohnt ist, in Baumärkten hinter Männern herzulaufen, die perfekt in der Kunst der Kundenabwehr ausgebildet sind, wird die Wartezeiten beim Schrauben-Preisinger gern in Kauf nehmen. Hobby-Heimwerker und Profis in Arbeitsoveralls stehen diszipliniert in der Schlange – wie die zu verlaufen hat, zeigt ein roter Pfeil auf einem handgeschriebenen Schild. »Bitte nur in einer Reihe« steht da, das »einer« ist zweimal unterstrichen. Die Atmosphäre ist ruhig und konzentriert. Schließlich finden hier ernsthafte Beratungsgespräche rund um die Schraube statt. Nur manchmal, wenn ein Kunde ein technisches Problem hat, diskutieren die Wartenden mit und sparen nicht mit Ratschlägen. Die Verkäufer sind Männer, der überwiegende Teil der Käufer ebenso. Aber auch Frauen werden respektvoll und sachkundig beraten. Es scheint, als verleihe ihnen allein die Tatsache, dass sie es wagen, diesen testosterongeschwängerten Ort zu betreten, den Heimwerker-Ritterschlag.
Der Verkaufsraum ist klein, da wird keine Ware zur Schau gestellt oder beworben. Weitaus größer das einsehbare Lager, in dem der Verkäufer nach dem Kundengespräch verschwindet und nach erstaunlich kurzer Zeit mit dem gewünschten Artikel zurückkehrt. Das Ordnungssystem haben die Mitarbeiter im Kopf – und das bei 40 000 Artikeln. Seit 1921 gibt es den Schrauben-Preisinger schon – der Familienbetrieb konnte sich in Bestlage unweit vom Viktualienmarkt halten, während andere Fachgeschäfte längst verschwunden sind. Das Erfolgsgeheimnis? Kompetenz, Sortiment und eine Kleinigkeit: Wer eine Schraube braucht, muss nicht 30 in der Plastikbox kaufen. Er erhält eine, überreicht in einem Papiertütchen.
Schrauben-Preisinger · Mo–Do 8–17, Fr 8–16 Uhr · Utzschneiderstr. 5 · Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt/Gärtnerplatz · Tel. 089/236 84 60 · www.schrauben-preisinger.de Haltestelle: S Isartor

04
GEGEN ALLES IST EIN KRAUT GEWACHSEN
Auf den ersten Blick scheint es, als habe einer, der die Kunst des Jodelns ausübt, nichts gemein mit einem Professor. Und doch gehören beide Berufsgruppen zur Klientel des Wurzel-Sepps. Denn – ob dozieren oder von der Brust- in die Falsettstimme wechseln – die Atemwege wollen gepflegt sein.
Und da kennt der Wurzel-Sepp sich aus und fertigt für jeden das rechte Getränk: Der »Jodlertee« zur Pflege des Halses enthält Stockrosenblüten, Salbeiblätter, Riesengoldrute, Vogelknöterich, Königskerzenblüten, Vogelbeeren, Bibernellwurzel, Holunderbeeren, Echtes Labkraut und Johanniskraut. Der »Professorentee« zur Pflege der Atemwege hingegen wird gemischt aus Silbermantel, Hohlzahn, Nelkenwurz, Pfefferminze, Schlüsselblume, Kapuzinerkresse, Quecke, Anserine und Spitzwegerich.

Der Wurzel-Sepp ist auch eine Fundgrube für Hobbyköche. Hier findet man sämtliche Gewürze von Anis bis Zitronengras sowie Gewürzmischungen für Lebkuchen und vieles andere mehr.
Wie alle Mischungen, die sich hier gegen jedes erdenkliche Zipperlein im Angebot finden, werden auch diese beiden Tees nach Rezepturen gemixt, die seit Generationen überliefert sind. Den »Original Oberbayerischen Kräuter- und Wurzel-Sepp« in der Blumenstraße gibt es schon seit 1887, er ist das älteste deutsche Spezialgeschäft für Heilkräuter, vegetabile Drogen, Diätetik und Naturkosmetik.
Altmodisch wirkt der Laden auch von außen, kein Neon, kein Chichi. Öffnet man die Tür, übernimmt die Nase die Regie und schwelgt in Erinnerung an Waldspaziergänge und Kräutergärten. Dann erfreut sich das Auge: Da ist noch eine alte Waage in Betrieb, in den Regalen stehen Holzfässer, die speziell für die Lagerung von Kräutern angefertigt wurden. Die ist artgerecht, wenn das Behältnis kein Licht durchlässt, aber atmungsaktiv ist. Neben rund 400 Kräutern – von Abbisskraut bis Zistrose – führt der Wurzel-Sepp Säfte, Öle, Balsame, Kosmetika, Bonbons, Honig, Marmelade und Tees.
Kräuterhaus Lindig · Mo–Fr 9–18.30, Sa 9–13 Uhr · Blumenstr. 15 · Altstadt www.phytofit.de · Haltestelle: U Sendlinger Tor

05
BIERKRÜGE HINTER SCHLOSS UND RIEGEL
Was sich wohl die vielen Touristen denken, die täglich durchs »Hofbräuhaus« strömen, wenn sie das sehen: Krüge hinter Gittern! Alkoholiker, deren Drogenlieferanten einsitzen müssen, bis sich die Leberwerte ihrer Besitzer gebessert haben? Corpora delicti wilder Wirtshausschlägereien?
Nichts von dem. Die Krüge warten auf ihre Besitzer, sie sind hinter Schloss und Riegel, damit kein Unbefugter sie greife. 616 Stammgäste besitzen solche Schließfächer, für den Preis von zwei Euro pro Jahr können sie gepachtet werden. Die Warteliste für so einen privilegierten Platz an der Bierquelle ist lang, nur wenn ein Trinker den Löffel und mit ihm den Maßkrug abgibt, kann ein anderer nachrücken.
Die Existenz dieser Regale widerlegt ein Vorurteil, das viele Münchner hegen und das sie daran hindert, auch nur einen Fuß ins »Hofbräuhaus« zu setzen: Da gingen nur Fremde hin, heißt es. Falsch. Im »Hofbräuhaus« finden 200 Stammtische statt, hier treffen sich Brauer, Jäger, Stadtgärtner, Polizeipensionisten, Straßenbahner, Richter – alles Einheimische. 3500 Stammgäste sind registriert, die alle gern einen Maßkrug im Tresor hätten, denn durch den könnten sie ihren Status kundtun und sich von der Masse abheben, die ihr Bier aus gläsernen Krügen trinkt.
Man muss ja nicht gleich zum Stammkunden werden, aber es lohnt sich, mal einen Blick in Münchens berühmtes Wirtshaus zu werfen, auch aus architektonischen Gründen. Das 1897 errichtete »Hofbräuhaus« verkörpert den Prototyp der Bierpaläste, die in dieser Zeit entstanden. Die »Bierarchitektur« folgte einem festgelegten Konzept: Es gab einen Festsaal für Versammlungen und Veranstaltungen. Sodann besaß jeder Bierpalast eine Schwemme, in der das einfache Volk verkehrte, während die Bürger im Gaststättenbereich einkehrten, in dem kleine Säle traute Wohnzimmeratmosphäre schufen. Und auch der Bereich im Freien gehörte dazu – was viele nicht wissen: Im Garten des Hofbräuhauses ist es wunderschön.
»Hofbräuhaus« · 9–24 Uhr · Am Platzl 9 · Altstadt · Tel. 089/290 13 61 00 · www.hofbraeuhaus.de Haltestelle: U/S Marienplatz

06
»FÜR DEN, DER’S MAG, IS DES AS HÖCHSTE«
»Die Kronfleischküche, ein Stück Münchener Spezialität, die sich allgemeiner Popularität erfreute, … siedelte in ihr neues Heim. … Den Eingang zu den Lokalen schmückt eine Malerei mit der Inschrift: ›A große Kron, a kloane Kron, a Herzl, a Bries, a Tellerfleisch, a Supp’n, was magst?‹«
Diese Meldung erschien am 24. September 1908 in der Lokalpresse und beweist zweierlei. Erstens: Gastronomische Themen waren schon damals von öffentlichem Interesse – lange, bevor Fernsehköche durch die Sender tobten. Und: Der Genuss von Innereien hat Tradition in München – auch wenn sich mancher Nicht-Bayer mit Grausen wendet. Herz, Leber, Lunge, Niere, Milz, Kutteln (Rindermagen) zählen zu den Schmankerln der regionalen Küche, auch Hirn, Kalbskopf, Zunge, Euter und Bries landen auf dem Teller und sind, vom kundigen Koch bereitet, eine Delikatesse. Beim Kronfleisch, das der Küche den Namen gab, handelt es sich um das Zwerchfell vom Kalb, Rind oder Schwein, ein besonders schmackhaftes Stück, das mit Wurzelgemüse gekocht und – in der Mitte rosa – mit Kren (Meerrettich) und Salzkartoffeln serviert wird.
Innereien findet man auf allen Speisekarten jener Wirtshäuser, die sich der traditionellen Münchner Küche verpflichtet fühlen. Zum Programm hat das »Weiße Bräuhaus«, über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für sein ausgezeichnetes Weißbier, die »Kronfleischküche« erklärt. An jedem Tag der Woche bereiten die Köche eine andere Spezialität zu: Saure Nieren, Milzwurst, paniert und gebacken oder in Butter gebraten, Lüngerl süß-sauer mit Semmelknödel, gebackenes Euter und vieles andere mehr. Anfänger sollten das Voressen bestellen – wenn’s nicht auf der Kronfleischkarte steht, einfach fragen –, da ist alles drin: Kalbs- und Schweinslunge, Kutteln und Kalbsbries. Und ganz Fortgeschrittene können beherzt zugreifen, wenn Stierhoden angeboten werden. Nicht »jeder Manns« Sache, aber: »Für den, der’s mag, is des as Höchste.«
Kronfleischküche, »Weißes Bräuhaus« · 8–0.30 Uhr · Tal 7 · Altstadt · Tel. 089/290 13 80 www.schneider-brauhaus.de · Haltestelle: U/S Marienplatz

07
SCHWEINSBRATEN MIT MUSCHELN
»Berge von unten, Kirchen von außen, Wirtshäuser von innen.« Wenn Sie zum »Augustiner« gehen, sollten Sie diesen Spruch ausnahmsweise einmal nicht beherzigen und das Wirtshaus auch von außen betrachten. Der Architekt Emanuel von Seidl hat die Fassade zweiteilig gestaltet: links schlicht, rechts elaboriert. Nach dieser Vorstudie wissen Sie auch, welche Tür Sie nehmen müssen: die rechte. Sie führt in den vornehmen Trakt mit dem bildschönen Muschelsaal. Durch die Kuppel, eine einzigartige Glas-Eisen-Konstruktion, fällt Licht, an den Wänden beeindrucken Hirschgeweihe und ein Muscheldekor, das Elemente des Jugendstils verwendet. Schweinsbraten mit Muscheln – wenn man die einen nur optisch genießt, ein wunderbares Erlebnis für die Sinne.
»Augustiner Stammhaus« · Mo–Sa 11–21, So 11–16 Uhr · Neuhauser Str. 27 · Altstadt Tel. 089/23 18 32 57 · www.augustiner-restaurant.com · Haltestelle: U/S Karlsplatz

08
WO DER KRIMIFAN AUFS GLATTEIS GEFÜHRT WIRD
Mord, Betrug, Intrigen, Entführungen – die Münchnerin Monika Dobler hat ihr berufliches Leben den dunklen Seiten des Menschen gewidmet. Erstaunlich, dass sie dabei so ruhig und freundlich ist. Vielleicht weil sie weiß, dass es natürlich auch die Guten gibt, die sich nicht aufs Glatteis führen lassen, für Gerechtigkeit sorgen, Verbrechen aufklären und am Ende den gelösten Fall präsentieren. Im glatteis, der einzigen Krimi-Buchhandlung Bayerns, findet man nicht nur alles, was zu diesem Genre gehört, – natürlich auch Krimis, die in München spielen – Liebhaber von Krimis aller Art werden hier ebenso gut wie kenntnisreich beraten. Gruselig-gemütlich: Die regelmäßig stattfindenden Autorenlesungen sind Kult in der Szene der Münchner Krimifans.
glatteis · Mo–Fr 12.30–19, Sa 10–16 Uhr · Corneliusstr. 31 · Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt/ Glockenbachviertel · Tel. 089/201 48 44 · www.glatteis-krimi.de Haltestelle: U Fraunhoferstraße

09
STADTBLICK VON DER KRONE DER EICHE
Das Schild »Nur für Gäste« sollte Sie nicht abschrecken: Gast ist in der »Deutschen Eiche« jeder, der einen Kaffee bestellt. Und wenn Sie den Lift besteigen und zur Dachterrasse hinauffahren, erwartet Sie ein Traumblick über ganz München.
Wenn Sie vorher einen Termin vereinbaren, kommen Sie sogar in den Genuss einer Führung. Dietmar Holzapfel kennt und benennt jedes Gebäude, jedes Türmchen, auch wenn es noch so unscheinbar aus dem Häusermeer ragt. Und er vermittelt Insiderinformationen wie die, dass man vom Dach der »Eiche« direkt auf die Terrasse von Bastian Schweinsteiger schauen konnte, als dieser noch beim FC Bayern kickte.

Die Sauna der »Eiche« erstreckt sich über 1400 Quadratmeter und ist ein beliebter Schwulentreff. Wer neugierig ist: Wenn kein Saunabetrieb ist, bieten die Besitzer Führungen an.
Als Holzapfel und sein Partner das Lokal renovierten, hatten sie freie Hand: Obwohl 1864 erbaut, steht das Haus nicht unter Denkmalschutz. Bürokratische Schwierigkeiten gab es dann beim Bau der 60 Quadratmeter großen Dachterrasse, die empfand die Behörde als »verheerenden Einschnitt in das Ensemble Gärtnerplatz«. Seltsam, denn sie ist von unten gar nicht zu sehen. Mit viel Einfallsreichtum und etwas Bußgeld gelang es dann doch, die Genehmigung zu erhalten und eine Fläche aufs Dach zu zaubern, auf der sich auch Feste feiern lassen.
Die »Eiche« zählt zu den ältesten Schwulenlokalen in Deutschland. Bereits in den 1950er-Jahren entdeckten Tänzer aus dem Ensemble des Gärtnerplatztheaters die Gaststätte. Sie wurde früher von zwei Frauen geführt, die ihre Jungs auch in den Jahrzehnten, als Homosexualität noch strafbar war, im »Mutterhaus« willkommen hießen. Ab 1974 hielt dann Rainer Werner Fassbinder hier Hof, verliebte sich unsterblich in den Aushilfskellner und trug zum Ruhm der »Eiche« bei, indem er sie in einigen seiner Filme verewigte.
Hotel Restaurant »Deutsche Eiche« · Restaurant 7–1 Uhr · Reichenbachstr. 13 · Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt/Glockenbachviertel · Tel. 089/231 16 60 · www.deutsche-eiche.de Haltestelle: U/S Marienplatz

10
RÖMER, IREN UND EINE EISERNE JUNGFRAU
Man stelle sich einen modernen Spa vor. In sanftes Licht getaucht, mit esoterischer Musik und plätschernden Feng-Shui-Brunnen. Und dann ein Tauchbecken im Saunabereich, das den Namen »Waterboarding« trägt. Das ginge natürlich gar nicht und würde mit Recht Stürme der Entrüstung hervorrufen.
Ende des 19. Jahrhunderts, als das Müller’sche Volksbad erbaut wurde (1897–1901), hatte man weniger Hemmungen. Die vom Architekten Carl Hocheder entworfene Dusche im römisch-irischen Schwitzbad heißt »Eiserne Jungfrau« und trägt somit den Namen eines mittelalterlichen Folterinstruments. Wer auf die Bezeichnung kam, ist nicht überliefert, vermutlich einer der Arbeiter. Mag sein, dass ihn die Form an die Eiserne Jungfrau erinnerte – man betritt ein Dreiviertelrund aus horizontal verlaufenden kupfernen Rohren – oder er hasste kaltes Wasser und empfand es als Folter, damit bespritzt zu werden. Die Eiserne Jungfrau in dieser Bauform ist einzigartig. Wenn Sie auf den Knopf drücken, sprüht das Wasser aufsteigend aus den Rohren bis zu einer Höhe von zwei Metern und kühlt den Körper ringförmig ab. Das tut gut, denn an diesem Punkt hat man sich bereits in den drei Warmlufträumen des Schwitzbads aufgehalten und sich langsam erwärmt: erst 45, dann 60 und schließlich 80 Grad.
Wie die Dusche, blieb das gesamte Volksbad so erhalten, wie es um die Wende zum 20. Jahrhundert im Neobarock mit Jugendstilelementen gestaltet wurde. Für diejenigen, die hier die Wartungsarbeiten vornehmen, ist das eine Herausforderung. Wenn etwas kaputt geht, und sei es nur ein Wasserhahn, lässt sich der nicht durch ein Baumarktprodukt ersetzen, er muss von einer Spezialfirma original im Jugendstil nachgebaut werden. Da kommt es schon mal vor, dass etwas nicht so funktioniert wie in einem modernen Bad, aber die Stammgäste nehmen’s gelassen. Schließlich ist das Volksbad das »Opernhaus unter den Bädern«, kleine Altersschwächen verzeiht man ihm gern.
Müller’sches Volksbad · Schwimmhalle 7.30–23, Sauna 9–23, Wannen- und Brausebad Mo 7.30–9.30 und 17.30–20.30, Di–Fr 7.30–9.30 Uhr · Rosenheimer Str. 1 · Au-Haidhausen Haltestelle: S Isartor

11
DIE SUCHT DES SELBERMACHENS
Selbst wenn Sie sich auskennen als Heimwerker – um in der Wohnung ein Bett nach eigenem Design zu bauen oder Omas alten Sessel neu zu polstern –, brauchen Sie Platz, die Nachbarn klagen über Lärm, und nach getaner Arbeit müssen Sie tagelang putzen und den Staub aus den Ecken wischen.
Und so landet auf dem Müll, was noch zu reparieren wäre, und das neue Bett im Schlafzimmer verbreitet Möbelmarktmonotonie. Das muss nicht sein, aber kaum jemand weiß, dass es in München einen Ort gibt, wo Bastler, Heimwerker und andere Kreative nach Herzenslust werkeln können – in fantastisch ausgestatteten Werkstätten, gegen einen geringen Obolus, mit oder ohne fachkundige Hilfe: das Haus der Eigenarbeit, kurz HEi genannt.
Holz, Metall, Textil, Keramik, Schmuck, Papier und Buchbinden – sieben Werkstätten sind in dem Rückgebäude in der Wörthstraße 42 untergebracht. Die HEi-Tec-Werkstatt mit den computergestützten Werkzeugmaschinen (CNC) darf man nur nach der Absolvierung eines Einführungskurses besuchen, in den anderen Räumen kann man einfach so arbeiten – die Werkstattnutzung kostet 7,20 Euro, mit Fachberatung 9,80 Euro pro Stunde, im Zehnerpack wird’s noch billiger. Man kann Werkzeug leihen, bei größeren Projekten lässt sich auch Beratung zu Hause vereinbaren – alles zu fairen Preisen. Das HEi wurde 1987 von einer gemeinnützigen Gesellschaft gegründet und versteht sich auch als soziale Einrichtung. Ferner bietet das HEi Schulen und Schülergruppen Gelegenheit zum praktischen Lernen.
Wenn Sie gern mit den Händen arbeiten, seien Sie allerdings gewarnt: Der Suchtfaktor ist immens. Manch eine/einer kam nur hierher, um ein Brett zu sägen oder die Vorhänge zu kürzen, sah die Werkstätten, lernte im Werkstattcafé Gleichgesinnte kennen, besuchte Kurse und ist heute eine/einer der süchtigen Selbermacher im HEi.
Haus der Eigenarbeit HEi · Di–Fr 15–21, Sa 12–18 Uhr · Wörthstr. 42 Rgb. · Haidhausen Tel. 089/448 06 23 · www.hei-muenchen.de · Haltestelle: S Ostbahnhof

12
SCHLEMMEN WIE GOTT IN HAIDHAUSEN
Der Ladenraum ist klein, und nicht selten reicht die Schlange der Kunden bis auf den Bürgersteig hinaus. Aber seien Sie versichert, es ist ein Vergnügen, hier zu warten! Schon beim Blick ins Schaufenster mit all den süßen Versuchungen läuft Ihnen das Wasser im Mund zusammen, an der Theke geht der Augenschmaus weiter: Törtchen mit frischen Früchten oder Torten, optisch opulent, aber dennoch leicht und nie durch Süße erschlagend, Kuchen, Pralinen, feinstes Gebäck … Alles liebevoll und von Hand gemacht! Ebenfalls eine Freude ist das altmodische Café, in dem handgeschriebene Rezepte an der Wand hängen, die vom Großvater des Konditors stammen – und zeigen: Dies ist ein Familienbetrieb mit eigener Backstube, in der ein Meister wirkt, der sein Handwerk versteht.
»Café Wölfl« · Di–Fr 8–18, Sa 8–17, So 10–17 Uhr · Kellerstr. 17 · Tel. 089/48 12 71 · Haidhausen Haltestelle: S Rosenheimer Platz

13
TANTE EMMA, GESTYLT VON MARION
Bei der Bewertung der Stadtbezirke in der Lokalpresse hat Bogenhausen immer die Nase vorn: hohe Bildung, wenig Schulden, überdurchschnittliches Einkommen. Viel Grün, gute Ärzteversorgung. Nur wenn die Einkaufsmöglichkeiten auf den Prüfstand kommen, liegt das Viertel weit hinten.
Hier können Sie zwar Sessel polstern und Bilder rahmen lassen, auch für die Schönheit ist gesorgt – in der Mauerkircherstraße wirbt einer gar mit »Botox to go«. Aber wenn Sie sich nicht die Lippen aufspritzen oder ein antikes Beistelltischchen erwerben wollen, sondern etwa einen Schraubenzieher oder einen Kochlöffel brauchen, sind Sie aufgeschmissen. Dann müssen Sie in die Stadt fahren. Es sei denn, Sie kennen sich aus, gehen in die Ismaninger Straße und tragen Ihr Anliegen im Bogenhauser Laden vor. Kann sein, dass die Besitzerin kurz im Keller verschwindet oder in den ersten Stock eilt – sie wird das Gewünschte finden.

Im »Wiener’s Café« (Ismaninger Str. 71a), gegenüber vom Bogenhauser Laden, sitzt man gemütlich, im Sommer auf der Gartenterrasse. Gute Küche, trotz vornehmer Nachbarschaft nicht teuer.
Ameisenvernichter und Apfelschneider, Fusselrolle und Fensterleder, Töpfe und Taschenlampen, Wasserkocher und Wischmopps – Marion Sennewald-Gail bietet auf rund 200 Quadratmetern das Sortiment eines Kaufhauses. Was der Mensch in Haus und Garten und das Tier zum Spielen oder Fressen brauchen, sie hat es. Solche Geschäfte bezeichnet man landläufig als Tante-Emma-Laden. Aber hier will das Wort nicht recht passen, weil es zwar für Fülle, aber nicht für Hochwertiges steht. Und Marion Sennewald-Gail führt höchste Qualität: Markenprodukte, geschmackvolle Geschenkartikel, ausgewählte Weine, nur das Feinste für Hund und Katz – die Klientel in Bogenhausen ist anspruchsvoll, die kann man zwar glücklich machen, wenn gerade ein Schraubenzieher fehlt, aber wehe, man drückt ihr die falschen Tücher zum Silberputzen in die Hand!
Bogenhauser Laden · Mo–Fr 10.30–18.30, Sa 10.30–13.30 Uhr · Rauchstr. 1 · Bogenhausen Tel. 089/98 12 63 · www.bogenhauser-laden.de · Haltestelle: Tram 37 Sternwartstraße

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UND EWIG RAUSCHT DER WILDBACH
Sankt-Anna-Straße 10. Das Gebäude mit der prachtvollen Sgraffito-Fassade überzeugt. Schließlich gilt München als die nördlichste Stadt Italiens. Durchaus denkbar, dass hier vor 500 Jahren ein Palazzo im Stil der italienischen Renaissance errichtet wurde. Doch die Fakten sprechen dagegen.
Um 1500 war das Lehel zwar schon besiedelt, aber es lag außerhalb der ummauerten Stadt, und hier lebten die Armen, die Menschen, die es sich nicht leisten konnten, das Bürgerrecht in München zu erwerben. Also kein Ort für prächtige Palazzi.
Noch in den 1960er-Jahren wohnten in der Gegend um den Sankt-Anna-Platz die »kleinen Leute«. Die Häuser waren grau, auch das in der Sankt-Anna-Straße 10. Es wurde 1898 vom Königlich Bayerischen Hoflieferanten Brutscher erbaut, der einen Delikatess- und Wildbretladen besaß und den unter dem Haus fließenden Eisbach nutzte, um seine Fische und Flusskrebse frisch zu halten. Käfighaltung, aber frei schwimmend.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Vorstadtmietshaus schwer beschädigt, und keiner wollte es kaufen. Nur Ernestine Lutz erkannte das Potenzial, begann mit Partner und Sohn den Umbau und erwies sich als Trendsetterin, die das mediterrane Flair ins Lehel holte, das man heute dem Sankt-Anna-Platz allgemein attestiert. Aus dem grauen Entchen wurde ein strahlender Schwan, ein perfekt geführtes Vier-Sterne-Hotel mit 25 Zimmern und Suiten – alle individuell und geschmackvoll ausgestattet.
Sie müssen es übrigens nicht bei der Betrachtung der Sgraffito-Fassade belassen. Läuten Sie, und wenn nicht gerade eine Veranstaltung stattfindet, wird man Sie willkommen heißen. Dann können Sie im eleganten Wintergarten oder in dem wunderschönen Renaissance-Innenhof einen Kaffee oder ein Glas Wein trinken. Jubeln Sie angesichts des herrlich begrünten Arkadeninnenhofs aber nicht zu laut. Sonst können Sie den Eisbach nicht hören, der unter dem Gebäude durchrauscht und zum einzigartigen Flair dieser Innenstadtoase beiträgt.
Hotel Opera · Sankt-Anna-Str. 10 · Lehel · Tel. 089/210 49 40 · www.hotel-opera.de Haltestelle: U Lehel

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EINE HOMMAGE: BAYERN MEETS AFRICA
Die Wiesn, einst ein Fest fürs Volk, gilt heute als »Event«, Tracht ist Kult. Und Prinzregent Luitpold – er regierte von 1886 bis 1912 als Vertreter des geisteskranken Königs Otto I. – rotiert in seinem Grab in der Theatinerkirche angesichts der Scheußlichkeiten, die sich »Tracht« nennen dürfen.
Unter der Ägide von Prinzregent Luitpold, einem naturverbundenen, volksnahen und beliebten Regenten, zog die Tracht bei Hof ein und wurde im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig. Auch als identitätsstiftendes Mittel: 1871 war das Deutsche Reich gegründet worden, Preußen dominierte und stellte den Kaiser, Bayern wollte sich abgrenzen. Da waren Janker, Lederhose, Dirndl etc. geeignete Attribute, um zu zeigen: »Mia san mia«. Damals setzte der Hof die Trends, anders als im ländlichen Bereich gab und gibt es keine typische Münchner Tracht. Sie folgt der Mode, und dagegen ist nichts zu sagen, solange sie auch den Gesetzen der Ästhetik folgt.
Leider aber ist es so, dass viele Münchner Trachtengeschäfte Gruselkabinetten gleichen, in denen Lederhose und Dirndl Kitschfoltern ertragen müssen. Dass es auch anders geht, zeigt Noh Nee. Dort kann das Kleid sich wohlfühlen, das suggeriert schon der Name: »Geschenk Gottes« (Suaheli). Den Laden betreibt Rahmée Wetterich mit ihrer Schwester Marie. Rahmée stammt aus Kamerun, 30 Jahre lebt sie schon in Bayern, und in ihren Kreationen vereint sie Heimat und Wahlheimat: Dirndl im klassischen Schnitt, gefertigt aus afrikanischen Stoffen – kräftige Farben, auffällige und ausgefallene Muster, das sieht super aus und ist kein Kitsch, sondern eine Hommage an die Tracht.
Bei Noh Nee gibt es nichts von der Stange: Man sucht sich Modell und Stoff aus, und dann verschwindet Rahmées Schwester in ihrer Schneiderwerkstatt und fertigt das Dirndl nach Maß. Selbstverständlich ist das nicht billig, aber frau kann auf jede Party gehen, ohne befürchten zu müssen, dass jemand im selben Outfit auftaucht.
Noh Nee · Di–Fr 11–18.30, Sa 11–16 Uhr · Görresstr. 16 · Maxvorstadt · Tel. 089/23 79 92 39 www.nohnee.com · Haltestelle: U Josephsplatz
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RÜSTZEUG FÜR DEN BIERGARTEN
Was gehört in eine Münchner Küche? Nicht das »Frühstücksbrett mit Dackel in Lederhose« oder die »Relieftasse im Trachtenlook«. Weder die »Schürze Alpenmodell« mit Bergkette und viel nacktem Fleisch noch der Toaster, der das Logo FCB aufs Brot brennt und »FC Bayern, Stern des Südens« singt.
All diese Unsäglichkeiten findet man im Internet. Was man aber wirklich braucht in der Münchner Küche, findet man beim Suckfüll. Zum Beispiel eine Guglhupfform, in der sich der Hefeteig schön entfalten kann – so ein Kuchen, der besonders gut schmeckt, wenn man neben den Rosinen noch gemahlene Mandeln beimischt, zum Nachtisch im Biergarten kredenzt, da freuen sich die Freunde.

In der Amalienpassage lockt ein nettes Café, dessen Name Programm ist: »Gartensalon« (Türkenstr. 90). Im Hof sitzen Sie gemütlich zwischen Blumen. Ausgezeichnete hausgemachte Kuchen.
Für den sommerlichen Abend unter Kastanien steht in der Münchner Küche ein Weidenkorb, zugegeben ein platzraubendes Objekt, aber mit der Plastiktüte geht man nicht in den Biergarten. Im Korb liegen als Standardausstattung Besteck, hölzerne Brotzeitbretter, Servietten, Salz- und Pfefferstreuer. Nicht nur dieses Rüstzeug hält der Suckfüll bereit, hier kann man auch ein Gerät kaufen, mit dem der Experte auf dem Biergartentisch hantiert: den Radischneider. Mit seiner Hilfe lässt sich der Rettich spiralförmig und fein schneiden, danach wird er gesalzen und muss »weinen«, damit er seine Schärfe verliert und sanft auf der Zunge zergeht.
Suckfüll gibt es seit 1932, er trägt wesentlich zur Lebensqualität in der Maxvorstadt bei. Unter 35 000 Artikeln findet der Mensch alles, was er in Küche und Werkstatt braucht: Eisenwaren, Maschinen, Elektroartikel, Leuchtmittel … Dass sich dieses Spezialgeschäft in der Türkenstraße zwischen Boutiquen, Galerien und Cafés halten konnte, liegt nicht nur am guten Service – Suckfüll ist Herr im eigenen Haus und muss keine Mietsteigerung fürchten.
Suckfüll · Mo–Fr 9–18, Sa 9.30–14 Uhr · Türkenstr. 31 · Maxvorstadt · Tel. 089/286 61 00 www.suckfuell.de · Haltestelle: U Universität

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HIER MÖCHTE MAN PUPPE SEIN
Sie sitzen auf Stühlen, eng aneinandergeschmiegt, sie treten dem Besucher aufrecht gegenüber, hübsch gekleidet, mit Hut oder Schleifchen im Haar und kleinen Schuhen an den Füßen. Ihr Blick ist offen, mal Schmollmund, mal spielt ein leichtes Lächeln um ihre Lippen. Manche wirken kindlich, andere wiederum haben Charakterköpfe, auf denen das Leben seine Spuren hinterlassen hat. Wer bisher dachte, Puppen seien Kinderspielzeug, wird in Gertraud Stadlers kleinem Laden in Schwabing eines Besseren belehrt. Zu ihr kommen Kenner, Liebhaber und Sammler von weither. Und natürlich Menschen, die ärztliche Hilfe für ihre Lieblinge suchen: Ob der Teddy nun einen Arm oder die Puppe einen Finger verloren hat oder ihr die Haare ausgehen – Frau Stadler findet immer die richtige Therapie.
Puppenstube Galerie Gertraud Stadler · Mo–Fr 11–18 Uhr · Luisenstr. 68 · Schwabing Tel. 089/272 32 67 · Haltestelle: U Josephsplatz

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KAFFEEPAUSE IN DER ANTIKE
Wahre Genießer, die in Schwabing oder der Maxvorstadt leben, besitzen eine Jahreskarte. Nicht für die Pinakotheken oder die Museen am Königsplatz – das Lenbachhaus, die Staatliche Antikensammlung und die Glyptothek – nein, für ein Café, das man nur mit Eintrittskarte besuchen darf.
Den Obolus von einem Euro entrichten Sie aus Versicherungsgründen, das Café liegt in der frisch renovierten Glyptothek, und dort können Sie Antipasti oder köstliche Engadiner Walnussschnitten mit Blick auf antike Statuen genießen. Der Innenhof ist im Sommer ideal für eine Kaffeepause: Ruhe, Sonne, an den Wänden rankendes Weinlaub. München sei die nördlichste Stadt Italiens, sagt man, und das zu glauben, fällt hier nicht schwer.

Im Sommer wird der Innenhof der Glyptothek zur Bühne: Seit über 30 Jahren führt Gunnar Petersen mit seiner Truppe humorvoll modernisierte Stücke mit antikem Bezug auf.
Es war Ludwig I., der das südliche Flair an die Isar brachte. Nach einer Italienreise 1804/1805 begann er, Antiken zu sammeln, sehr zum Unmut seines Vaters Maximilian: »Mein verrückter Sohn will … wieder Geld ausgeben um altes Zeug zu kaufen. Und er hofft, dadurch Griechen und Römer aus dieser Rasse von Bierbäuchen zu machen.« Auch die Bevölkerung zeigte wenig Verständnis, als Ludwig I. 1816 Leo von Klenze beauftragte, einen tempelartigen Bau auf der grünen Wiese vor der Stadt zu errichten – die Münchner nannten ihn »das närrische Kronprinzenhaus«. Dabei hätten sie sich freuen sollen: Die Glyptothek war das erste für antike und zeitgenössische Plastiken errichtete Museumsgebäude in Deutschland, das für die Öffentlichkeit zugänglich war. Und die Sammlung, die Ludwig zusammentrug, beinhaltet grandiose Exponate wie den Barberinischen Faun (um 200 v. Chr.), bei dessen Betrachtung man allerdings Maximilians Skepsis teilen möchte. Zwischen der Rasse von Bierbäuchen und dem Waschbrettbauch des antiken Jünglings liegen Welten.
Café in der Glyptothek · Di–So 10–17, Do 10–20 Uhr · Königsplatz 3 · Maxvorstadt Tel. 089/28 80 83 80 · Haltestelle: U Königsplatz
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