Kitabı oku: «Pudding Pauli deckt auf»
Christine Nöstlinger (1936-2018 in Wien) schrieb für Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen. Sie war sozial und gesellschaftspolitisch engagiert und erlangte vorrangig als Kinderbuchautorin international Anerkennung. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Andersen Award und dem Astrid-Lindgren-Preis. Generationen von Leser*innen hat sie mit ihrem Witz und unkonventionellen Denken erfreut, nachdenklich und mutiger gemacht – eine Kunst, die sie konkurrenzlos beherrschte.
Mehr zu Christine Nöstlinger auf: www.christine-noestlinger.at
Pudding Pauli deckt auf
von Christine Nöstlinger
1. Digitale Auflage 2021
www.ggverlag.at
ISBN E-Book: 978-3-7074-1747-0
ISBN Print: 978-3-7074-2410-2
In der aktuell gültigen Rechtschreibung
Coverillustration: Barbara Fisinger
Innenillustrationen: Barbara Fisinger
© 2021 G&G Verlagsgesellschaft mbH, Wien
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Sein zweiter Fall
Christine Nöstlinger
Pudding Pauli
deckt auf
Mit Rezepten von Elfriede Jirsa
und Illustrationen von Barbara Fisinger


Inhalt,
in welchem der geneigte Leser einen kleinen Überblick bekommt.

1. Kapitel,
in welchem Rosis Seele rülpst, der Dackel Karli noch immer verschwunden ist und sich die Zufälle häufen.
2. Kapitel,
in welchem der Pauli keine Blinis bekommt, die Rosi Malakofftorte mampfen muss und Lösegeld ins Spiel kommt.
3. Kapitel,
in welchem Gulasch vor sich hin köchelt, die Frau Mader beruhigt werden muss und ein schwarzes Kuvert zu Boden flattert.
4. Kapitel,
in welchem sich die Rosi verkleidet und der Pauli nicht bedacht hat, dass Straßenbahnhaltestellen zum Einsteigen taugen.
5. Kapitel,
in welchem die Rosi auf Kommissar Zufall hofft, Nudeln zu weich werden und der Rosi einfällt, wo sie die tarnfleckige Baseballkappe gesehen hat.
6. Kapitel,
in welchem es Palatschinken gibt und die Rosi Kontakt zu Emily und zu Laura aufnimmt.
7. Kapitel,
in welchem der Pauli mit Fleischbällchen die Rosi versöhnt und sich die Emily als sehr brauchbar erweist.
8. Kapitel,
in welchem es kein Fleisch gibt, der Pauli im Alleingang der Wahrheit näher kommt und dabei höllisch friert.
9. Kapitel,
in welchem der Pauli mit Ingwer-Zitrone-Limo seine Stimme kuriert und die Rosi große Angst um ihn bekommt.
10. Kapitel,
in welchem der Pauli nicht mit brutaler Gewalt rechnet und der Kevin gottlob etwas nicht tun will.
11. Kapitel,
in welchem der Rest der Sache klar wird, es Pasta bis zum Überdruss gibt, und was noch zu tun bleibt, von einem netten Polizisten übernommen wird.
Rezepte
Glossar
1. Kapitel,
in welchem Rosis Seele rülpst, der Dackel Karli noch immer verschwunden ist und sich die Zufälle häufen.

Pauli Pistulka, elf Jahre und neun Monate alt, von seinen Freunden Pudding-Pauli oder einfach bloß Pudding genannt, saß hinter seinem Pult in der 3a und blickte versonnen zur Deckenlampe hoch, die vergeblich versuchte, den November-Vormittag zu erhellen. Durch den Boden der Milchglas-Schale schimmerte dicker, dunkler Belag.
„Rosi, da oben ist ein voll belegter Friedhof“, murmelte er.
„Ein Krematorium für Fliegen.“
Die Rosi, sein Pult-Co, nickte und zischelte ihm zu:
„Für Selbstmörder-Fliegen!“
„Weil Schulluft sogar die Fliegen depressiv macht“, sagte der Pauli etwas zu laut.
„Pistulka, keine Privatgespräche, wenn ich bitten darf!“ Der Mag. Specht, wegen seiner farbenfrohen Kleidung von der 3a Buntspecht genannt, deutete mit dem Tafelzirkel zum Pult von Pauli und Rosi.
„Das war nicht privat, das war eine schulinterne, sogar eine mathematische Anmerkung“, sagte der Pauli.
„Und zwar welche?“, fragte der Buntspecht voll Interesse.
Der Pauli streckte einen Arm anklagend zur Deckenlampe hoch.
„Seit zwei Jahren schaue ich zu, wie die Fliegenleichen über meinem Kopf mehr und mehr werden. Daher versuchte ich zu berechnen, wie hoch der Belag bei meiner Matura sein wird!“
„Dazu dürfte dein mathematischer Grips nicht reichen“, sagte der Buntspecht grinsend, drehte sich zur Tafel und machte sich daran, den Mantel eines gleichseitigen Prismas zu zeichnen.
„Lob fordert eines Schülers Leistung ungemein!“, rief der Pauli dem Buntspecht-Rücken zu und die Belegschaft der 3a kicherte. Der Buntspecht ließ von der Tafel ab und sagte: „Pistulka, komm raus und konstruiere weiter, damit ich eine Chance erhalte, dich zu loben!“
Der Pauli erhob sich seufzend, latschte im Schneckentempo zur Tafel und nahm Zirkel, Dreieck und Kreide vom Buntspecht in Empfang. Bis zum Ende der Mathestunde, die auch den Unterricht für diesen Tag beendete, fummelte er an der Tafel herum.
So ein Dummbauchi, dass er den Mantel eines Prismas nicht hinkriegen würde, ist der Pauli nun auch wieder nicht! Es lag am Tafelzirkel. Der war viel zu locker im Gelenk. Das Teil, in dem die Kreide steckt, flutschte immer weg, wenn der Pauli eine Strecke abschlagen wollte.
Ins Rasseln der Schulglocke hinein sagte der Buntspecht dann:
„Pistulka, du hast dich redlich um das Prisma bemüht. Reicht dir das als Lob?“
„Es wird mir den Tagesrest ungemein versüßen.“ Der Pauli lächelte den Buntspecht freundlich an, legte Zirkel, Dreieck und Kreide auf den Lehrertisch, wischte sich am Hosenboden die Finger vom Kreidestaub sauber, wieselte zu seinem Pult und sagte zur Rosi:
„Beeil dich, Süße, ich hungere gewaltig!“
„Was gibt es denn heute zu futtern, Pudding?“, erkundigte sich die Rosi, als sie neben Pauli herjappelte, eine Stunde früher als sonst am Freitag, weil Religion ausgefallen war.
„Grenadiermarsch und Gurkensalat!“, sagte der Pauli. Und fügte, bevor die Rosi zum Motzen ansetzen konnte, hinzu:
„Sei froh, dass es überhaupt etwas gibt. Unser Kostgeld-Topf war schon gestern völlig leer!“
Jeden Montag legen die Rosi und der Pauli Geld in einen alten Steingut-Topf. So viel, wie ihre Mamas früher für das Mittagessen im Hort bezahlt haben, und dazu noch Geld für die Pausenbrote. Und der Pauli holt sich jeden Morgen Geld aus dem Topf, um nach der Schule die Zutaten für das Mittagessen und für die morgige Pausen-Nahrung zu kaufen. Aber er kommt nur selten mit dem Geld bis zum Freitag aus. Oft müssen die beiden Mamas ein bisschen Geld nachschießen, manchmal gleicht er das Manko auch mit seinem Taschengeld aus. Ohne dass es die Rosi weiß. Er ist, was Taschengeld angeht, viel besser dran als sie, denn er kassiert dreifach. Von seiner Mama, von seinem geschiedenen Papa und von seiner Oma. Und zwar von allen dreien nicht knausrig. Doch der Freitag ist eben trotzdem meistens ein „Restl-Tag“.
Die Rosi ist nicht besonders heikel. Aber Grenadiermarsch mag sie nicht, und Gurkensalat hasst sie.
„Den Gurkensalat kannst dir schenken“, maulte sie also.
„Esse ich bloß drei Bissen von dem Zeug, muss ich den ganzen Tag lang rülpsen!“
„Das ist rein psychosomatisch!“, erklärte der Pauli und sperrte das Haustor auf.
„Psycho-so-ma-was?“ Die Rosi rannte hinter dem Pauli die Treppe rauf.
„Deine heikle Seele rülpst, weil sie ein dummes Vorurteil gegen Gurkensalat hat“, erklärte ihr der Pauli und öffnete die Wohnungstür.
„Meiner Seele sind Gurken blunzen“, protestierte die Rosi.
„Mein Magen hat was gegen sie! Und zwar kein Vorurteil, sondern ein Urteil!“
Der Pauli schubste die Rosi ins Vorzimmer rein. „Okay, okay, du alte Raunzen“, sagte er. „Bekommst du halt einen lieben, kleinen Paradeissalat!“
Die Rosi marschierte schnurstracks in die Küche, setzte sich zum Küchentisch, holte ihr Geometrie-Heft aus der Schultasche und wollte sich dranmachen, die Hausübung zu zeichnen.
„Lohnt sich echt nicht, dass du damit anfängst“, sagte der Pauli.
„In spätestens fünfzehn Minuten habe ich das Essen fertig! Ich habe nämlich heute in der Früh schon alles vorbereitet.“ Er zeigte auf eine Pfanne auf dem Herd. „Sogar die Zwiebel hab ich schon goldgelb geröstet. Und du könntest die Paradeiser für den Salat schneiden!“
„Du röstest in aller Herrgottsfrühe Zwiebel?“ Die Rosi konnte es nicht fassen! „Kein Wunder, dass du dann immer erst beim Läuten in die Klasse keuchst!“
Der Pauli händigte der Rosi vier dicke Paradeiser aus. Die Rosi nahm sie etwas unwillig entgegen und dachte: Bin neugierig, was ich diesmal falsch mache! Sie hilft dem Pauli beim Kochen nicht gern. Egal, was sie tut, immer hat er etwas auszusetzen. Außerdem muss sie ihm auch gar nicht helfen. Denn die Rosi und der Pauli haben seit über einem Jahr ein Abkommen. Er kocht das Mittagessen für sie und versorgt sie mit Pausenbroten, sie macht ihm dafür die Mathe-Hausübungen. Ihre Mamas haben von diesem Abkommen natürlich keine Ahnung. Die glauben, dass die beiden gemeinsam kochen und gemeinsam die Hausübung erledigen.
Der Pauli schaltete die Platte unter der Pfanne ein und holte eine Schüssel voll gekochter Fleckerln, vermischt mit Scheiben gekochter Erdäpfel, aus dem Eisschrank. „Das war heute ein Sonderfall. Über uns ist gerade wer Neuer eingezogen und dieser Irre hat schon ab halb sieben Löcher gebohrt. Da hätte nur ein Stocktauber weiterschlafen können.“
Die Rosi hatte sich nicht geirrt. „Mach doch die Scheiben nicht gar so dick!“, rügte sie der Pauli. „Und schneide den Stängelansatz gefälligst raus! Den kann man doch nicht essen!“
Die Rosi warf das Messer auf den Tisch. „Dann mach es doch selber!“, rief sie vergrämt. „Kochen ist schließlich deine Arbeit, nicht meine!“
In der Pfanne auf dem Herd fing es leise zu brutzeln an. Der Pauli nahm einen Kochlöffel, rührte im Brutzelnden und murmelte: „Ang’rührte Leberwurst!“
„Die Köche, die im Fernsehen kochen“, sagte die Rosi, „die rühren nie um! Die heben die Pfanne hoch und schupfen, was drin ist!“
Der Pauli warf der Rosi einen grantigen Blick zu. Wäre er ehrlich gewesen, hätte er sagen müssen, dass er das schon oft probiert, aber leider nie geschafft hat. Doch der Pauli ist keiner, der gern zugibt, dass er etwas nicht kann. Also sagte er: „Das geht mit dieser Pfanne nicht!“
Die Rosi wollte ihn fragen, warum das mit dieser Pfanne nicht gehen sollte, doch da klingelte es an der Wohnungstür. Der Pauli drückte der Rosi den Kochlöffel in die Hand, sagte „Rühr weiter!“ und lief ins Vorzimmer.
Die Rosi legte den Kochlöffel weg, packte den Pfannenstiel mit beiden Händen, hob die Pfanne hoch, versuchte nachzumachen, was die Köche im Fernsehen tun, und schaute entsetzt auf die hellbraunen Zwiebelfäden, die rund um die Pfanne auf die Ceranplatte rieselten.
„Shit!“, murmelte sie, stellte die Pfanne, in der nur noch ein paar Zwiebelfäden im heißen Schmalz schwammen, auf den Herd zurück, schaufelte mit dem Kochlöffel hurtig Zwiebelfäden in die Pfanne zurück und wischte die fettig gewordene Ceranplatte mit einem feuchten Lappen halbwegs sauber.
Kaum hatte sie es geschafft, kam der Pauli in die Küche zurück, und hinter ihm die alte Frau Mader, die Nachbarin vom Pauli. Die Frau Mader hatte rot geweinte Augen.
„Ist denn Ihr Karli noch immer nicht gefunden worden?“, fragte die Rosi voll Mitgefühl.
Der Karli ist der Dackel der Frau Mader. Vorgestern zu Mittag hatte die Frau Mader seine Leine an dem Hundehaken vor der Trafik festgemacht, weil sich der böse Hund der Trafikantin mit dem Karli nicht verträgt, und als sie aus der Trafik rausgekommen war, war der Karli samt der Leine spurlos verschwunden gewesen. Die Frau Mader schüttelte den Kopf und schnäuzte sich in ein riesiges kariertes Taschentuch. Der Pauli schob ihr einen Sessel hin und erklärte der Rosi: „Die Frau Mader will Plakate an die Haustüren in der Gegend kleben, wo draufsteht, wohin der Karli gehört. Und dass man sie anrufen soll, wenn man den Karli gefunden hat. Ich soll ihr das auf dem Computer machen.“
Die Frau Mader gab dem Pauli einen Zettel. „So hätte ich mir das vorgestellt“, sagte sie schniefend. „Geht das?“
Der Pauli las vor: „Dackel, neun Jahre alt, hört auf den Namen Karli, am 10. 11. von der Trafik Ecke Jagdstraße-Steinstraße entlaufen. Sachdienliche Hinweise erbeten an Marie Mader, Telefon 236 19 60.“
„Ich möcht auch noch dazuschreiben, dass ich einen Finderlohn bezahle“, sagte die Frau Mader. „Wie viel muss man da geben? Weil sehr viel Geld hab ich leider nicht.“ Und dann schnupperte sie und sagte: „Ich glaub, da verbrennt euch irgendetwas!“
„Grundgütiger!“ Die Rosi drehte sich zum Herd und zog die Pfanne, in der sich kohlrabenschwarze Fadenwürmer in rauchendem Schmalz ringelten, zur Seite.
„Jetzt ist euch wegen mir das Essen angebrannt“, jammerte die Frau Mader. „Was hätte es denn werden sollen?“
„Grenadiermarsch“, sagte der Pauli. „Aber das macht nichts. Ich schreib Ihnen jetzt die Plakate und drucke fünfzig Stück aus. Und das Ankleben übernehmen die Rosi und ich auch.“
„Dann mach ich wenigstens, wenn ihr nichts dagegen habt, den Grenadiermarsch für euch. Wo habt ihr denn Zwiebel?“, fragte die Frau Mader.
Der Pauli brachte ihr das Körberl mit den Zwiebel-Häupteln und die Frau Mader machte sich ans Werk.
Eine halbe Stunde später saßen sie zu dritt beim Küchentisch und mampften Grenadiermarsch, Gurken- und Paradeissalat. Und die Rosi tröstete die Frau Mader.
„Der Karli, der kommt ganz bestimmt zurück“, sagte sie.
„Die Peggy von der Frau Merny und der Hund vom Herrn Pollak sind doch auch gefunden worden.“
„Wann war denn das?“, fragte der Pauli.
Die Rosi überlegte. „Die Peggy von der Frau Merny hat sich vorige Woche für ein paar Tage vertschüsst und der Hund vom Herrn Pollak zwei Wochen davor, glaube ich.“
„Nein“, widersprach die Frau Mader. „Das war nur eine Woche vorher, wie der Hubsi vom Pollak entlaufen ist.“
„Schon merkwürdig“, sagte der Pauli mit vollem Mund, „binnen drei Wochen drei Hunde aus derselben Straße! Das ist eine äußerst interessante Häufung von Zufällen!“
Die Rosi spießte das letzte Fleckerl von ihrem Teller auf die Gabel, betrachtete es, als habe sie noch nie im Leben ein Fleckerl gesehen, und sagte warnend: „Pudding, lass es sein, auch gehäufte Zufälle gibt es zufällig!“
Das ist nämlich so: Pauli Pistulka ist fest davon überzeugt, Straftaten zu wittern und Straftäter zumindest so gut wie die Polizei ausfindig machen zu können. Das liegt ihm, behauptet er, im Blut. Und später mal, nach der Schule, wird er Kriminalkommissar oder Privatdetektiv.
„An zufällig gehäufte Zufälle glauben nur die fantasielosen Leute!“, sagte der Pauli, stapelte die leer gegessenen Teller und trug sie zur Spülmaschine.
Und wieder eine halbe Stunde später zogen die Rosi und der Pauli los und pickten an jedes dritte Haustor in der Gegend eine „Verlust-Anzeige“. Wie viel Geld die Frau Mader dem Finder vom Karli als Belohnung zahlen wollte, stand allerdings nicht auf den Zetteln, weil die Rosi gemeint hatte, „Hohe Belohnung!“ mache sich viel besser.
Den Häuserblock, in dem der Pauli wohnt, hatten sie hinter sich, da sagte der Pauli: „Rosi, du kennst doch den alten Karli. Der ist halb lahm, dem muss man schon gut zureden, dass er sich überhaupt vom Fleck rührt. Der reißt sich doch nicht von einem Hundehaken los!“
Dass der Pauli damit nicht ganz unrecht hatte, musste die Rosi zugeben. Und als sie dann bei der Trafik waren und den Hundehaken vor der Tür inspizierten, musste sie dem Pauli leider wieder recht geben! Das war ein Haken mit einem festen Schnappschloss, von dem konnte sich nicht mal der stärkste Hund losreißen.
„Vielleicht ist die Leine abgerissen, weil sie schon ganz morsch war“, sagte die Rosi.
„Red keinen Plunder, Rosi! Die Leine war total in Ordnung. Die war sogar neu.“ Der Pauli schüttelte den Kopf. „Da war eindeutig ein Hundedieb am Werk. Also könnten wir uns diese Zettel-Kleberei eigentlich sparen.“
„Pudding, wer stiehlt denn schon einen alten, fetten Dackel mit Asthma, aber ohne Stammbaum?“ Die Rosi wollte einfach nicht an einen Hundedieb glauben. Weil sie keine Lust hatte, mit dem Pauli in der nächsten Zeit hinter einem Hundedieb herzujagen. „Das werden wir rauskriegen!“ Die Augen vom Pauli funkelten vor Tatendrang blitzblau.
„Wenn es unbedingt sein muss“, murmelte die Rosi und hoffte inständig, dass der Karli doch noch schnell gefunden wird. Die Rosi liebt den Pauli nämlich. Und tut fast immer, was er will, auch wenn es ihr nicht gefällt. Und Paulis Vorliebe für Kriminalfälle aller Art ist wahrlich ihre Sache nicht.
„Aber die Zettel picken wir trotzdem weiter!“, beharrte sie.
„Weil das haben wir der Frau Mader versprochen.“
„Ist sowieso besser“, meinte der Pauli. „So wiegt sich der Dieb noch in Sicherheit und weiß nicht, dass wir bereits einen Verdacht gegen ihn haben!“
„Genau!“, seufzte die Rosi gottergeben und klatschte die nächste „Verlust-Anzeige“ an die nächste Haustür.
Nachdem das allerletzte Plakat endlich an einer Haustür klebte, liefen die Rosi und der Pauli hurtig heim, denn die Rosi musste ja noch die zwei Geometrie-Hausübungen machen. Und zwar im Blitztempo, bevor Paulis Mama vom Büro daheim war. Paulis Mama kontrolliert nämlich immer die Mathe-Hausübungen ihres Sohnes. Weil der, seit er ins Gymnasium geht, in Mathematik zwischen genügend und nicht genügend steht. Und es ist ihr, sagt sie oft, „ein wahres, echtes Rätsel“, dass er daheim immer alles richtig macht, aber in der Schule dann, an der Tafel, angeblich ein Total- versager sein soll! Das muss, vermutet sie, an seinem Mathelehrer liegen. Der mag wahrscheinlich ihren Sohn nicht, und der spürt das, denn er ist viel sensibler, als er auf den ersten Blick wirkt, und er wird dadurch unsicher und macht Fehler über Fehler. Gute Mamas sind eben so.
Fast hätte die Rosi bei den Geometrie-Hausübungen auch Fehler über Fehler gemacht, denn der Pauli löcherte sie unentwegt mit Fragen zur Peggy der Frau Merny und dem Hubsi vom Herrn Pollak. Wie lange denn die beiden Hunde verschwunden waren, wollte er wissen. Und wie sie wieder zurückgekommen sind? Einfach von selber? Oder hat sie wer gebracht? Und wo denn genau diese Frau Merny und dieser Herr Pollak wohnen? Und ob das kleine oder große Hunde, junge oder alte, sanfte oder bissige sind?
„Was weiß denn ich!“, sagte die Rosi genervt. „Ich habe das alles nur von meiner Mama gehört. Die Frau Merny wohnt bei uns in der Straße, so auf halber Strecke zwischen dir und mir. Und der Herr Pollak wohnt gleich um die Ecke von deinem Haus, den und seinen Hund musst du doch viel besser kennen als ich! Und die Peggy ist ein zittriger Rehrattler, und dieser Hubsi ist irgend so ein Mischling, ein kleiner, zotteliger. Mehr weiß ich echt nicht!“
„Dann krieg es heraus!“, verlangte der Pauli. „Das ist wichtig für unseren Fall!“
„Sehr wohl, Herr Kommissar! Bis morgen habe ich mich kundig gemacht!“, versprach die Rosi und verzichtete darauf, den Pauli zu fragen, was die Peggy der Frau Merny und der Hubsi vom Herrn Pollak mit dem Karli der Frau Mader zu schaffen haben.
Und sie schluckte auch tapfer runter, dass der Pauli eigentlich selber rauskriegen könnte, was er so dringend wissen will!
2. Kapitel,
in welchem der Pauli keine Blinis bekommt, die Rosi Malakofftorte mampfen muss und Lösegeld ins Spiel kommt.

Lautes Hühnergegacker weckte die Rosi am Samstag in aller Herrgottsfrühe. Das grausige Gekreisch war seit einer Woche der Klingelton von ihrem Handy. Die Rosi liebt es, ihr Handy alle paar Wochen anders ertönen zu lassen. Mal rasselt es wie ein alter Wecker, mal trompetet es eine Melodie, mal kichert es wie ein Lachsack, mal brüllt es los wie die Sirene vom New Yorker Überfallskommando.
Gähnend griff die Rosi aufs Nachtkastl, grapschte sich das Handy und blinzelte aufs Display, auf dem PUDDING RUFT AN stand, und drüber als Uhrzeit 7:01.
Sie drückte das Gegacker weg und stöhnte ins Handy: „Bist du des Teufels? Es ist Samstag und noch nicht einmal richtig hell draußen!“
„Weiß ich doch, Süße!“ Die Stimme vom Pauli klang putzmunter.
„Aber der Irre über mir rückt seit sechs Uhr seine Möbel im Kreis herum. Und ich will ja nur schnell wissen, ob du gestern noch irgendetwas erfahren hast.“
„Ruf mich um zehn wieder an, ich schlafe noch eine Runde!“
Die Rosi war fest entschlossen, das Gespräch zu beenden. Aber der Pauli schnurrte sanft: „Rosilein, Süße, für die arme Frau Mader ist jede Stunde ohne ihren Karli schrecklich, wir müssen ihr doch schnell helfen!“
Der sanft schnurrenden Pauli-Stimme kann die Rosi nie widerstehen.
„Na gut, Pudding“, seufzte sie und schwang die Beine aus dem Bett.
„Bei mir oder bei dir?“
„Gibt es bei dir drüben ein richtig schönes Frühstück?“, fragte der Pauli.
„Eher nicht“, vermutete die Rosi. „Außer du bringst was vom Bäcker mit.“
„Dann komm zu mir rüber“, schlug der Pauli vor, „ich mach uns was Schnuckeliges.“
Die Rosi wohnt in derselben Straße wie der Pauli, bloß fünf Quergassen entfernt. Rennt man schnell, schafft man den Weg in drei Minuten. Die Rosi zockelte so verschlafen dahin, dass sie dreimal so lang brauchte. Aber der Pauli hatte das Frühstück ohnehin noch nicht fertig.
„Gibt es heute zum Frühstück Erdäpfelschmarren?“, fragte die Rosi entsetzt, weil sich der Pauli, nachdem er sie in die Küche geführt hatte, daranmachte, Erdäpfel zu reiben. Auf der Seite vom „Laterndel-Reibeisen“, wo die großen Löcher sind.
„Erdäpfelschmarren macht man aus gekochten Erdäpfeln, du Deppenkind“, schnaufte der Pauli emsig reibend, „das sind rohe Erdäpfel. Du kriegst Super-Erdäpfel-Blinis. Und dazu selbst gemachtes Apfelmus!“
„Toll!“ Die Rosi setzte sich zum Küchentisch. „Dafür lohnt es sich, das Bett zu verlassen! Weil wegen dem bissl, was ich erfahren hab, hätte es sich nicht gelohnt, herzukommen.“
„Berichte“, verlangte der Pauli.
„Also, der Merny-Hund war fünf Tage weg, plötzlich war er wieder da, und meine Mama hat die Frau Merny gefragt, wer die Peggy gefunden hat, aber die Frau Merny hat ihr drauf keine Antwort gegeben, obwohl sie sonst eine Tratschen ist, die jeden dauernd anquatscht!“
Der Pauli stellte zwei Schüsseln auf die Arbeitsplatte, nahm die Hälfte der geriebenen Erdäpfel zwischen die Handflächen und drückte sie über einer Schüssel aus. Als zwischen seinen Fingern kein Saft mehr raustropfte, warf er die trockenen Schnipsel in die andere Schüssel.
Dann machte er es mit dem Rest der geriebenen Erdäpfel genauso.
„Und der Hund vom Pollak?“, fragte er, während er zwei Eier am Rand der Schüssel aufschlug und auf die gepressten Schnipsel plumpsen ließ.
„Mit dem Herrn Pollak redet meine Mama nie“, sagte die Rosi.
„Über den weiß sie gar nichts.“
Der Pauli rührte den Gatsch ordentlich durch, stellte eine Pfanne auf den Herd, schüttete ein paar Löffel Öl rein und schaltete die Kochstelle unter der Pfanne an.
Dann hielt er eine Hand prüfend über die Pfanne. So testet er, ob das Fett schon heiß genug zum Braten ist. Wenn es seiner Hand, fünf Zentimeter über dem Fett, zu heiß wird, kann er zu braten anfangen.
„Meine Mama kennt auch keinen“, sagte die Rosi, „der öfter mit dem Herrn Pollak redet. Der ist angeblich ein Eigenbrötler.“
Der Pauli zog die Hand von der Pfanne, klatschte mit einem Löffel Häufchen vom Schnipsel-Gatsch ins Öl und drückte sie mit dem Löffel breit.
„Meine Schwester meint, dass es Hundefänger gibt“, sagte die Rosi.
„Die stehlen Hunde für Tierversuche von Kosmetikfabriken.“
„Dann wären der Merny-Hund und der Pollak-Hund nicht wieder aufgetaucht!“ Der Pauli hob mit einer Gabel ein Blini, um zu sehen, ob es auf der Unterseite schon knusprig war. Es war noch zu hell.
„Vielleicht waren sie der Firma, die Tierversuche macht, viel zu alt und viel zu mickrig“, sagte die Rosi. „Und drum hat man sie laufen lassen.“
Der Pauli deutete auf eine Kanne und sagte, da drin sei Zitronentee, die Rosi solle sich eine Tasse einschenken. Dann wendete er die Blinis mit zwei Gabeln.
Die Rosi schenkte sich eine Tasse vom Tee ein. Kakao wäre ihr lieber gewesen. Aber höflich wie die Rosi nun mal ist, sagte sie das nicht.
Die Rosi mampfte schneller, als der Pauli braten konnte. Zwei Pfannen Blinis hatte sie im Nu verputzt, und schmollte auch noch, als der Pauli die letzten sieben Blinis, die in der Pfanne brutzelten, für sich beanspruchte.
Doch bevor sich der Pauli über den kargen Blini-Rest hermachen konnte, kam seine Mama schnuppernd in die Küche. Sie war noch im Nachthemd und hatte vom Schlaf verwurstelte Haare.
„Reiberdatschi!“, frohlockte sie. „Das nenn ich einen Luxus am frühen Morgen!“
Sie schnappte sich den Teller mit den sieben Blinis und rief:
„Aber doch nicht mit Apfelmus! Da gehören saurer Rahm und geräucherter Lachs dazu. Ist nicht noch ein bissl was vom gestrigen Lachs im Kühlschrank, Sohnemann?“

Der Pauli holte entsagend seufzend einen Teller aus dem Kühlschrank, auf dem unter Frischhaltefolie zwei Scheiben Lachs lagen.
„Mit saurem Rahm kann ich leider nicht dienen, gnä’ Frau!“, sagte er.
Die Pauli-Mama war auch so zufrieden. „Täte direkt nach mehr schmecken“, meinte sie, als sie den letzten Bissen geschluckt hatte.
„Mehr täte es aber nur geben, wenn es noch Erdäpfel geben täte“, sagte der Pauli, schmierte sich ein Butterbrot und kleckste Apfelmus drauf. Dann fragte er seine Mama: „Sag mal, kennst du den Herrn Pollak näher?“
„Na sicher, seit ich auf der Welt bin, also seit vierzig Jahren. Was ist mit ihm?“, fragte die Pauli-Mama besorgt.
„Wegen seinem Hund.“ Näher wollte der Pauli sein Interesse für den Herrn Pollak nicht erklären.
„Den hat er gottlob wieder“, sagte die Pauli-Mama. „Wäre eine Katastrophe gewesen, wenn dem was passiert wäre. Er hat sonst niemanden mehr, seit seine Frau tot ist.“
„Der ist doch angeblich ein Eigenbrötler“, sagte der Pauli. „Und redet mit niemandem.“
Die Pauli-Mama schüttelte den Kopf. „Er redet nur mit Leuten, die er mag. Und mich mag er. Mit mir plaudert er immer, wenn er mich trifft.“
„Könntest du von ihm rauskriegen, wie das mit seinem Hund gewesen ist?“, fragte der Pauli. „Wie er ihn zurückbekommen hat? Und von wem?“
Das, sagte die Pauli-Mama, habe sie vom Herrn Pollak selber schon wissen wollen. Aber er hat es ihr nicht erzählt. Er hat bloß gesagt, dass es ihn „allerhand Geld gekostet hat“. Das hat sie natürlich gewundert, und sie hat ihn gefragt, wieso das allerhand Geld gekostet hat, doch mehr als „Lassen wir das!“ hat er nicht geantwortet. Und wie sie den Herrn Pollak kennt, würde er ihr auch nicht mehr sagen, wenn sie ihn noch zehnmal fragen würde.
„Warum willst denn das wissen? Hat das vielleicht irgendetwas mit dem Karli von der Frau Mader zu tun?“ Die Pauli-Mutter pickte mit dem Zeigefinger das letzte knusprige Erdäpfel-Brösel vom Teller.
„Ist mein kriminalistischer Sohnemann am Ende wieder mal auf Verbrecherjagd?“
Der Pauli gab ihr keine Antwort.
„Keine Antwort ist auch eine Antwort“, sagte die Pauli-Mutter.
„Dann wünsche ich jedenfalls viel Glück, bei was auch immer!“
Sie stand auf, erklärte, dass sie das Bad für die nächste halbe Stunde beanspruche, und dampfte aus der Küche ab.
„Jetzt ist ja wohl alles klar“, sagte der Pauli zur Rosi. „Er hat bezahlt, damit er den Hund zurückkriegt.“
„Wem hat er das Geld bezahlt?“ Der Rosi war überhaupt nichts klar.
„Na, dem, der den Hund entführt hat“, sagte der Pauli. „Und ich traue mich wetten, dass es bei der Frau Merny genauso gewesen ist und bei der Frau Mader auch so sein wird.“
Die Rosi meinte, wenn das so wäre, wären der Herr Pollak und die Frau Merny zur Polizei gegangen. Erpresser muss man anzeigen.
Doch der Pauli erklärte ihr, dass jemand, der Angst um seinen geliebten Hund hat, das möglicherweise bleiben lässt. Und lieber das Geld zahlt, als die Polizei einzuschalten. Falls er sich das leisten kann.
Die Rosi war beeindruckt, aber nicht überzeugt. „Und wie kriegen wir raus, ob du recht hast?“, fragte sie.
„Wir knöpfen uns die Merny vor“, sagte der Pauli. „Wenn der Pollak meiner Mama nichts erzählt hat, erzählt er uns garantiert auch nichts. Also musst du dein Glück bei der Merny versuchen!“
„Wieso ich?“, protestierte die Rosi.
„Weil sie näher bei dir als bei mir wohnt“, sagte der Pauli.
Das war zwar so ziemlich das allerdümmste Argument, das die Rosi je gehört hatte, aber sie murmelte trotzdem: „Okay, ich versuche es halt.“ Wahrscheinlich hatten sie die vierzehn Blinis, die in ihrem Magen lagerten, träge gemacht und aller Widerstandskraft beraubt. Aber einfach an der Tür der Frau Merny zu klingeln, um sie sich „vorzuknöpfen“, fand die Rosi zu aufdringlich. Dazu kannte sie die alte Frau nicht gut genug.
„Ich müsste sie rein zufällig treffen“, sagte sie zum Pauli. „Wo kann man denn eine alte Frau am Samstagvormittag treffen?“
Der Pauli hatte keine Ahnung, wo man eine alte Frau am Samstagvormittag treffen könnte.
„Schon komisch!“ Die Rosi räumte das Geschirr in die Spülmaschine.
„Ich weiß nicht mal, was meine Omas den ganzen Tag lang so tun.“
„In fünfzig Jahren wirst es wissen!“ Der Pauli schrubbte die Blini-Pfanne sauber. „Sei nicht so zickig, klingle einfach an ihrer Tür und sag ihr, was Sache ist.“
„Jetzt gleich?“, fragte die Rosi.
„Falls dir nicht noch eine Ausrede einfällt, dann würde ich darum bitten“, sagte der Pauli. Und die Rosi seufzte und machte sich brav auf den Weg.
In welchem Haus die Frau Merny wohnt, wusste die Rosi. Es ist ein Haus ohne Gegensprechanlage. Das Haustor ist untertags nicht versperrt. Die Rosi ging von Wohnungstür zu Wohnungstür und suchte nach einem Türschild, auf dem „Merny“ stand. Im Parterre. Im ersten Stock. Im zweiten Stock. Im dritten Stock fand sie es. Richtiges Herzklopfen hatte sie, als sie die Klingel am Türstock drückte. Hinter der Tür fing ein Hund mit Fistelstimme zu kläffen an und eine Frauenstimme fragte: „Was ist denn? Was willst du denn?“
Woraus die Rosi schloss, dass sie von der Frau Merny durch den Türspion beäugt wurde. Sonst hätte die nicht „du“ zu ihr gesagt.
„Ich bin die Rosi Rieder und wohne gleich nebenan, zwei Häuser weiter“, sagte die Rosi zum Türspion rauf. „Es ist wegen dem Karli von der Frau Mader. Dem Dackel. Weil der verschwunden ist. Und mein Freund und ich wollen ihr helfen.“
Ziemlich blöde kam der Rosi ihre Stotterei vor. Aber die Tür öffnete sich einen Spalt und die Frau Merny, mit der kläffenden Peggy in den Armen, musterte sie von oben bis unten und wieder retour.
„Weil doch Ihre Peggy auch wieder da ist“, stotterte die Rosi weiter drauflos. Da ging die Wohnungstür ganz auf und die Frau Merny sagte: „Na, dann komm halt rein, Kleine!“
Ein paar Minuten vor elf Uhr wankte die Rosi aus der Wohnung der Frau Merny. Wer vierzehn Blinis im Magen hat und zwei Stück Malakofftorte hinterherstopfen muss, fühlt sich eben nicht besonders fit. Nichts wie schnellstens heim und ein Stunderl auf dem Sofa liegen und verdauen wollte sie!
Doch vor dem Haustor der Frau Merny wartete der Pauli und rief: „Na endlich! Ich steh mir schon die Haxen in den Bauch und frier mir die Nase ab! Also, was hast erfahren?“
Natürlich hätte die Rosi dem Pauli in aller Kürze Bericht erstatten und hernach heim auf das ersehnte Sofa wanken können. Aber sie fand, wenn ihr der Pauli die unangenehmen Aufgaben aufhalste, dann war es nur gerecht, ihn ein bisschen zappeln zu lassen.
Also sagte sie: „Rausgekriegt habe ich allerhand, aber das erzähle ich dir später, ich hab zwei Stück fette Malakofftorte essen müssen, ich muss heim und abliegen!“
„Darf ich mitkommen?“, fragte der Pauli.
Die Rosi nickte und dachte: So gefällt er mir. Schön hübsch höflich und nett, mein Mini-Macho!
Auf dem Weg zu Rosis Wohnung bat der Pauli gut zehnmal: „So red doch schon!“
Doch die Rosi schwieg beharrlich, bis sie im Wohnzimmer auf dem Sofa lag. Dann fragte sie: „Soll ich dir der Merny ihre Kindheit auch erzählen? Und ihre drei Ehen samt zwei Scheidungen? Und von welchem Fressi die Peggy Durchfall kriegt? Oder nur das Wesentliche?“
Der Pauli war für Letzteres. Und die Rosi erzählte ihm – kurz gefasst – Folgendes: Vier Tage suchte die Frau Merny die Gegend nach ihrer Peggy, die vom Hundehaken vor der Apotheke entführt worden war, erfolglos ab. Am Morgen des fünften Tages klebte an ihrer Wohnungstür ein schwarzes Kuvert. Drin war ein Brief, in dem stand, dass sie 300 Euro in eine Zeitung legen und die Zeitung falten und Punkt achtzehn Uhr in den Abfallkübel an der Straßenbahn-Haltestelle vor dem Mini-Maxi-Supermarkt in der Jagdstraße stecken soll. Dann wird sie am nächsten Tag ihre Peggy wiederhaben. Aber wenn sie die Polizei einschaltet, ist ihre Peggy tot! Die Frau Merny tat brav, was in dem Brief verlangt wurde, und am nächsten Morgen war die Peggy wieder am Hundehaken vor der Apotheke festgemacht. Von ihrem Halsband baumelte eine Schnur mit einem Kärtchen dran, auf dem standen die Telefonnummer und die Adresse der Frau Merny. Und der Apotheker rief die Frau Merny an und die holte die Peggy ab.
„Hat sie dir den Brief gezeigt?“, fragte der Pauli.
„Nein, den Brief hat sie verbrannt“, sagte die Rosi. „Dass sie das tun muss, ist auch in dem Brief gestanden. Und unterschrieben war er mit ‚Der große Hexenmeister‘. Es war übrigens ein gedruckter Brief mit sehr großen Buchstaben. Also garantiert auf einem PC gemacht.“
Der Pauli schwieg ziemlich lange. Die Rosi verdaute vor sich hin und wartete. Endlich sagte der Pauli: „Einer, der nur dreihundert Euro haben will und sich ‚großer Hexenmeister‘ nennt, der ist doch kein Erwachsener, oder?“
„Pudding, da dürftest du richtig liegen“, murmelte die Rosi und rülpste.
„Aber egal, wie alt der Kerl ist“, sagte der Pauli, „er wohnt jedenfalls direkt hier bei uns, sonst wären ja nicht alle drei Hunde aus unserer Straße.“
„Sowieso!“ Die Rosi rülpste wieder. Diesmal zweimal. „Aber wieso reden wir eigentlich immer von einem ‚er‘? Es könnte genauso gut auch eine Frau sein, also ein Mädchen.“
„Da wett ich mit dir um drei Wochen Taschengeld, dass da kein Mädchen dahintersteckt“, sagte der Pauli.
„Du hast ja keine Ahnung“, sagte die Rosi. „Mädchen können sehr satanisch sein.“
Der Pauli schüttelte den Kopf. Mädchen, meinte er, könnten zwar sehr satanisch sein, aber nur zu Menschen, nicht zu kleinen Hunderln.
Die Rosi rülpste dreimal und schloss die Augen.
„Hast denn auch Gurkensalat bei der Merny essen müssen?“, fragte der Pauli.
Da er von der Rosi keine Antwort bekam, stand er auf, murmelte „Tschüss dann“ und marschierte ab.
3. Kapitel,
in welchem Gulasch vor sich hin köchelt, die Frau Mader beruhigt werden muss und ein schwarzes Kuvert zu Boden flattert.

Auf dem Heimweg fiel dem Pauli ein, dass der „große Hexenmeister“ der Frau Mader nicht so einfach ein Kuvert an die Tür stecken konnte wie der Frau Merny, denn die Haustür ist immer versperrt. Also muss der Kerl den Brief mit der Post schicken, dachte er. Oder er schickt diesmal gar keinen Brief, sondern telefoniert mit der Frau Mader. Da wäre es jetzt gut zu wissen, wie er das beim Herrn Pollak gemacht hat, denn dem sein Haustor ist auch immer versperrt!
Der Pauli überlegte, ob es nicht doch etwas bringen könnte, den Herrn Pollak zu fragen. Seine Mama musste nicht recht haben, die schätzte Menschen oft falsch ein.
Gerade holte der Pauli seinen Haustorschlüssel aus der Jackentasche, da bog der Hubsi um die Ecke und hinter ihm, an der Leine, der Herr Pollak. Mit Leuten zu reden, die er nicht kennt, fällt dem Pauli ziemlich schwer. Gern hätte er das der Rosi überlassen. Aber die Rosi hatte schon die Frau Merny besucht, und sich von ihr nachsagen lassen, dass er sich immer vor der unangenehmen Arbeit drückt, wollte er auch nicht. So stellte er sich dem Herrn Pollak in den Weg und sagte: „Grüß Gott, Herr Pollak, ich bin der Pauli Pistulka.“
„Weiß ich!“ Der Herr Pollak schaute nicht gerade erfreut. Aber stehen blieb er.
„Ihr Hubsi ist nicht der einzige Hund, der entführt worden ist, der Karli von unserer Nachbarin ist auch weg und mindestens noch ein anderer Hund.“
Der Pauli redete so schnell er nur konnte, weil er den Verdacht hatte, der Herr Pollak werde ihm nicht lange zuhören.
„Weiß ich!“, sagte der Herr Pollak.
„Und da würde unsere Nachbarin gern wissen, wie viel sie zahlen haben müssen und wie sie das erfahren haben. Damit sie drauf vorbereitet ist!“
Der Pauli kennt schließlich die Erwachsenen! Einen Buben, der einen Erpresser finden will, nehmen sie nicht ernst, den lachen sie aus.
„Wieso glaubst, dass ich für den alten Deppen was zahlt hab?“
Der Herr Pollak deutete auf den Hubsi, der weiterzockeln wollte und an der Leine zerrte.
„Weil sie ihn gernhaben“, sagte der Pauli freundlich.
„Könnte hinhauen“, sagte der Herr Pollak. Und dann: „Dreihundert Euro haben sie verlangt. In einem Brief, den sie mir an die Tür gesteckt haben.“
„Aber Ihre Haustür ist doch immer versperrt, da kann niemand Fremder reinkommen“, sagte der Pauli.
„Schön wär’s!“ Der Herr Pollak schüttelte grantig sein weißes Lockenhaupt. „Hat doch heutzutag’ jeder Dahergelaufene so einen Schlüssel wie der Briefträger, wo man überall reinkommt.“
Dann ging er grußlos weiter, brav hinter seinem „alten Deppen“ her. Verdammt, dachte der Pauli, jetzt hab ich ihn nicht gefragt, wohin er das Geld bringen hat müssen! Er überlegte, ob er dem Herrn Pollak nachlaufen und ihn danach fragen sollte. Er beschloss, es bleiben zu lassen, weil man mundfaule, schrullige alte Männer nicht überfordern soll.
Die Frau Mader stand bei der Mama im Vorzimmer, als der Pauli heimkam. Ihre Augen waren noch immer rotgeweint.
„Gibt es was Neues?“, fragte der Pauli.
Die Frau Mader schnäuzte sich in ihr großes, kariertes Taschentuch, und die Mama sagte für sie: „Nein, es hat sich leider niemand gemeldet.“
„Es wird sich garantiert bald wer melden, ganz sicher, Frau Mader!“
Mehr wollte der Pauli vor seiner Mama nicht sagen.
„Hoffentlich hast recht“, schluchzte die Frau Mader. „Dann geh ich halt wieder rüber, falls wirklich wer anruft, damit ich den nicht noch verpass.“
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, seufzte die Mama hinter der Frau Mader her, dann fragte sie den Pauli, ob er an einem Supermarkt-Großeinkauf mit ihr Interesse habe. Er hatte! So kleinkariert war seine Mama nicht, dass sie ihn im Supermarkt für Sachen bezahlen ließ, die er für die Mittagessen in den Einkaufswagen legte, daher entlasteten samstägliche Großeinkäufe den Steingut-Topf ungemein. Dafür nahm es der Pauli sogar in Kauf, dass ihn die Mama davor immer noch in ein paar Boutiquen schleppte, wo er ihr beim Klamotten-Probieren zusehen und seine Meinung abgeben musste.
In modischen Angelegenheiten ist der Pauli ein guter Berater, aber diesmal war er nicht bei der Sache. Wodurch seine Mama zu einem quietschgrünen Seidenkleid mit Rüschen am Saum kam, in dem sie etwas abwegig aussah. Aber der Pauli hatte, während er in der Boutique gehockt war, dauernd daran denken müssen, dass der Erpresser eigentlich einfach zu fassen wäre. Man müsste bloß den Gang vor der Tür der Frau Mader in den nächsten Tagen lückenlos überwachen. Und durch den Türspion an seiner Wohnungstür wäre das auch gut möglich. Aber er konnte doch nicht rund um die Uhr im Vorzimmer auf der Lauer stehen! Also würde er – und das war zum Haareraufen – wahrscheinlich ahnungslos und friedlich in seinem Bett liegen oder in der Küche beim Herd stehen oder vor dem Fernseher rumlümmeln, während der miese Kerl zur Tür der Frau Mader schleicht und den Brief reinsteckt!
Um sich von diesen trüben Gedanken ein wenig abzulenken, beschloss der Pauli, als er wieder daheim war, das für Montag geplante Mittags-Gulasch zu kochen. Gulasch wird angeblich beim Aufwärmen noch besser.
Das Rindfleisch fürs Gulasch hatte sich der Pauli schon vom Fleischhauer im Supermarkt auf Würfel schneiden lassen. Er musste bloß noch ein paar Fettflankerln wegschnipseln, weil die Rosi immer greint, wenn das Fleisch nicht total mager ist.
Mit den Zwiebeln machte er sich keine Mühe, schälte sie, schnitt sie auf Scheiben und röstete sie in reichlich Öl, wobei er brav im Topf rührte, damit sie halbwegs einheitlich hellbraun wurden. Als er das geschafft hatte, drückte er Paradeismark drauf, schüttete zwei Esslöffel Paprikapulver drüber und goss ein Krügel Wasser hinterher. Zwanzig Minuten mussten die Zwiebeln jetzt sanft köcheln.
Der Pauli setzte sich zum Küchentisch, dumpfte vor sich hin und wartete.
Seine Mama kam in die Küche. „Ist was mit dir?“, fragte sie besorgt. „Schaust ja drein, als ob dir die Hendln das Brot weggefressen hätten?“
„Mir tut halt die Frau Mader leid“, wich der Pauli aus.
Die Mama schnappte sich einen Apfel aus dem Obstkorb, rieb ihn an ihrer Hose blank und sagte: „Wie ihr Mann gestorben ist, hat sie weniger geweint.“
„Wie meinst denn das?“, fragte der Pauli.
Die Mama biss vom Apfel ab, zuckte mit den Schultern und sagte: „Das war eine simple Feststellung der Tatsachen.“
Der Pauli ging zum Herd und rührte seufzend im blubbernden, roten Zwiebel-Mischmasch. „Ihre Liebe zum Karli ist eben sehr groß“, sagte er.
„Oder ihre Liebe zum Herrn Gemahl war sehr gering.“ Die Mama verließ kauend die Küche.
Der Pauli schaute ihr nach und dachte: Manchmal kann die Frau kalt wie eine Knackwurst sein!
Als hätte sie es gehört, drehte sich seine Mama um und sagte:
„Ich mag Menschen halt mehr als alte Dackelviecher!“
Paulis Mama liebt Hunde nicht besonders, und den Karli mag sie schon gar nicht. Was auf Gegenseitigkeit beruht. Sooft ihr der Karli begegnet, fletscht er die gelben Wackelzähne und knurrt sie böse an.
Die Zwiebelscheiben waren nun, fand der Pauli, weich genug. So griff er zum Pürierstab, mixte den roten Gatsch zu einem sämigen Brei und warf die gesalzenen Fleischwürfel rein. Womit die Arbeit fast geschafft war.
Zwei Stunden musste das Gulasch nun auf kleiner Flamme kochen. Und jede Viertelstunde musste es ordentlich durchgerührt werden. Weggehen konnte der Pauli also nicht. Er zockelte in sein Zimmer, setzte sich zum Schreibtisch und schrieb seinen Deutschaufsatz, obwohl er den erst am kommenden Mittwoch abgeben musste. Alle fünfzehn Minuten unterbrach er die Arbeit, jappelte in die Küche und rührte das Gulasch durch. Und auf dem Rückweg schaute er jedes Mal durch den Türspion, in der vergeblichen Hoffnung, der Erpresser könnte zufällig gerade jetzt den Brief abliefern.
Der Aufsatz und das Gulasch waren gleichzeitig fertig. Der Pauli nahm sich eine kleine Probeportion vom Gulasch und war sehr zufrieden damit. Den Aufsatz fand er weniger gelungen, als er ihn durchlas. Aber das bedrückte ihn nicht sehr. Paulis Ehrgeiz ist, was die Schule angeht, nicht sehr ausgeprägt.
Am Abend war der Pauli mit seiner Mama bei der Oma zu Besuch. Seine Tante und seine Cousine Amelie waren auch dort. Die Amelie langweilte den Pauli mit ihren endlosen Pferdegeschichten und Schilderungen von tollen Partys unsäglich und die Tante stritt sich mit seiner Mama über Politik. Ziemlich unfein. Die Tante nannte die Mama eine „linke Bazille“, die Mama nannte die Tante eine „reaktionäre Schnepfe“. Und die Oma zeterte unentwegt: „Mädels, vertragt euch doch, wenn ihr bei mir seid!“
Der Pauli war an die Mama-Tante-Streite gewöhnt. Die gab es immer, wenn die zwei zusammen waren. Sogar zu Weihnachten. Er kapierte bloß nicht, warum sich die beiden trotzdem immer wieder gemeinsam bei der Oma trafen. Aber er ist eben ein Einzelkind und versteht von geschwisterlicher Liebe nichts.
Es war Mitternacht, als der Pauli vor dem Haus aus dem Auto stieg. Hinter den Fenstern der Frau Mader brannte kein Licht mehr. Es war also zu spät, um bei ihr zu klingeln und zu fragen, ob sie einen Brief bekommen hatte. Das tat der Pauli dann am Sonntagvormittag. „Wieso einen Brief?“ Die Frau Mader schaute erstaunt. „Wenn den Karli wer gefunden hätte, tät er doch anrufen. Außerdem kommt am Wochenende doch gar keine Post.“
Der Pauli fand, dass es an der Zeit sei, die Frau Mader aufzuklären.
„Darf ich reinkommen?“, fragte er. „Das dauert nämlich ein bissl länger.“
Die Frau Mader führte den Pauli ins Wohnzimmer und der Pauli erklärte ihr, was Sache ist.
„O Gott, o Gott, was ist denn das für eine Welt!“, wehklagte die Frau Mader. „Ein unschuldiges Hunderl zu entführen, da hört sich doch alles auf!“
Aber getröstet war sie doch ein bisschen. Weil sie eine gute Chance sah, ihren Karli für dreihundert Euro, gesund an Leib und Seele, wiederzusehen.
„Sie könnten natürlich auch zur Polizei gehen, wenn Sie den Brief haben.“ Der Pauli sagte es nicht gern, aber er hielt es für seine Pflicht.
„Nein, nein, nein!“, rief die Frau Mader. „Da zahl ich lieber, bevor am Ende noch was schiefgeht. Und wenn der Pollak gezahlt hat, dann zahl ich auch. Der ist ein Studierter, der kann so was besser einschätzen als ich!“
Der Pauli nahm es zufrieden zur Kenntnis. Dann schraubte er noch zwei neue Glühbirnen in den altmodischen Kronleuchter, weil sich die Frau Mader nicht mehr auf eine Leiter zu steigen traute, und holte, weil er schon oben auf der Leiter stand, auch noch mit dem Staubwedel ein paar Spinnweben von der Decke. Dafür wollte ihm die Frau Mader unbedingt zehn Euro aufdrängen, und er brauchte ziemlich lange, ihr das auszureden. Als er es endlich geschafft hatte, schlug die alte Pendeluhr im Wohnzimmer zwölfmal, und der Pauli verabschiedete sich hurtig, denn für zwölf Uhr hatte sich sein Herr Vater angesagt. Der wollte ihn zu einem Papa-Sohn-Nachmittag abholen.
„Ich melde mich dann noch mal bei Ihnen, wenn ich nach Hause komme“, versprach der Pauli der Frau Mader.
„Du bist ein gutes Kind!“, sagte die Frau Mader und drückte den Pauli an ihre gut gepolsterte Vorderfront. Da ihre Stimme schon wieder verdächtig nach Schluchzen klang, befreite sich der Pauli schnell und wollte zur Tür raus. Schluchzende Frauen, egal ob zwölf oder siebzig Jahre alt, nerven den Pauli, weil er nie weiß, wie man sie behandeln muss.
Als der Pauli die Tür aufmachte, flatterte ein schwarzes Kuvert dem Fußabstreifer zu. Der Pauli hatte es geschnappt, bevor es gelandet war. Mit zittrigen Fingern riss er es auf und zog einen weißen Zettel heraus. In diesem Moment knallte zwei Stockwerke tiefer das Haustor ins Schloss.

Mit dem Zettel in der Hand raste der Pauli wie der geölte Kugelblitz durch das Vorzimmer und das Wohnzimmer, riss eines der Fenster auf und beugte sich raus. Er sah seine Mama unten auf der Straße, die gerade den Kofferraum ihres Autos öffnete und ihre Regenjacke holte. Sonst war weit und breit kein Mensch zu sehen. Es musste also seine Mama gewesen sein, die das Haustor zugeknallt hatte.
Enttäuscht schloss der Pauli das Fenster. Dann setzte er sich in den wackligen Lehnstuhl, auf dem immer der Karli vor sich hin gedöst hatte, und las der Frau Mader vor, was auf dem Zettel stand: „Habe Ihren Hund gefunden. Bin bereit, ihn gegen 300 Euro Aufwandsentschädigung abzugeben. Legen Sie das Geld in eine Zeitung, falten Sie die Zeitung, stecken Sie die Zeitung am Montag, Punkt 18 Uhr, in den Abfallkorb bei der Haltestelle der Linie 5 in der Jagdstraße und gehen Sie dann sofort weiter. Verbrennen Sie diesen Brief und reden Sie mit niemandem darüber, sonst ist Ihr Hund tot. Tun Sie wie angeordnet, erhalten Sie Ihren Hund am Dienstag zurück. Der große Hexenmeister.“
„Jesus und Maria!“, kreischte die Frau Mader. „Wenn der Verbrecher merkt, dass du den Brief kennst, bringt er mir doch glatt meinen Karli um!“
„Das merkt er garantiert nicht“, beruhigte der Pauli die Frau Mader.
„Da können Sie ganz sicher sein.“
„Na hoffentlich“, seufzte die Frau Mader. Und dann jammerte sie, dass ihr jetzt schon die Knie zittern, wenn sie sich vorstellt, wie sie morgen um achtzehn Uhr mit dem Geld in einer Zeitung zur Haltestelle geht. Und garantieren, dass sie vor Aufregung auf dem Weg dorthin nicht ohnmächtig wird, kann sie auch nicht. Weil ihre Nerven sind sowieso sehr schwach. Ob ihr der Pauli nicht den Weg abnehmen könnte?
„Aber dann wüsste dieser große Hexenmeister doch, dass Sie mit mir drüber geredet haben“, sagte der Pauli.
„O Gott, o Gott, so was Blödes von mir, da hast natürlich völlig recht!“ Die Frau Mader griff sich mit beiden Händen an den Kopf.
„Ich bin schon so durcheinander, dass ich gar nimmer richtig denken kann.“
„Sie brauchen wirklich keine Angst zu haben“, sagte der Pauli.
„Was der Herr Pollak und die Frau Merny geschafft haben, schaffen Sie doch auch. Ich schwöre Ihnen, alles wird gut. Aber jetzt muss ich rüber, mein Papa holt mich nämlich gleich ab.“
Ganz richtig fand es der Pauli nicht, dass er die Frau Mader allein ließ. Wer weiß, ob die nicht durchdrehte? Aber den Nachmittag hatte er fix seinem Vater versprochen, und den durfte er nicht schon wieder so enttäuschen wie vorige Woche, wo er lieber mit ein paar anderen aus der Klasse in den Prater als mit seinem Vater ins Kaffeehaus gegangen war. Und bis morgen um achtzehn Uhr konnte er ja sowieso nicht bei der alten Frau bleiben und ihr Mut zusprechen. So sagte er sich zur Beruhigung eine Spruchweisheit seiner Oma vor, nämlich: Wer viel jammert, hält viel aus!
Eine echt tolle Beziehung hat der Pauli zu seinem Vater nicht.
Obwohl sich der redlich bemüht. Aber der Pauli hält Abstand.
Seine Mama hat sich von seinem Vater scheiden lassen, weil sich der in eine andere Frau verliebt hat. Der Pauli ist fest davon überzeugt, dass sich seine Mama nicht hätte scheiden lassen, wenn sein Vater mit der anderen Frau Schluss gemacht hätte. Also, sagt er sich, war ihm diese andere Frau wichtiger als ich, weil er hat sich ja nicht nur von der Mama, sondern auch von mir scheiden lassen. Und diese Frau war ihm auch nicht sehr wichtig, denn nach einem Jahr hat er sie verlassen. Daher bin ich ihm noch weniger wichtig als eine Frau, mit der er es nur ein Jahr lang ausgehalten hat.
Paulis Mama hält das für Plunder. Sie meint, ihr Sohn wirft da zwei ganz verschiedene Arten von Liebe in einen Topf. Ein Mann kann sehr wohl seinen Sohn durch dick und dünn auf ewig lieben, aber bei den Frauen „äußerst flatterhaft“ sein. Doch der Pauli hält das für ein Trostpflaster, das er nicht braucht, weil er ja nicht leidet.
Er sieht seinen Papa als so etwas Ähnliches wie einen netten Onkel, mit dem man sich gern zweimal im Monat trifft und ein bisschen Spaß hat und ordentlich Taschengeld kassiert. Das behauptet er jedenfalls, wenn ihn seine Mama fragt, warum er seinen Vater nicht öfter sehen will. Jemand anderer darf ihm solche Fragen gar nicht stellen. Auch die Rosi nicht. Wie sie einmal zu ihm gesagt hat, dass sie ihren Vater, würde er nicht mit ihr zusammen wohnen, so oft als möglich sehen wollte und nicht versteht, dass der Pauli das nicht will, ist er stocksauer geworden und hat geknurrt:
„Red keine Löcher in die Luft!“
Und knurrt der Pauli den Löcher-in-die-Luft-Spruch, weiß die Rosi, dass sie das Thema wechseln muss, wenn sie seine beste Freundin bleiben will.
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