Kitabı oku: «Pudding Pauli rührt um»

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Christine Nöstlinger (1936-2018 in Wien) schrieb für Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen. Sie war sozial und gesellschaftspolitisch engagiert und erlangte vorrangig als Kinderbuchautorin international Anerkennung. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Andersen Award und dem Astrid-Lindgren-Preis. Generationen von Leser*innen hat sie mit ihrem Witz und unkonventionellen Denken erfreut, nachdenklich und mutiger gemacht – eine Kunst, die sie konkurrenzlos beherrschte.

Pudding Pauli rührt um

von Christine Nöstlinger

1.Digitale Auflage 2020

www.ggverlag.at

ISBN E-Book: 978-3-7074-1744-9

ISBN Print: 978-3-7074-2382-2

In der aktuell gültigen Rechtschreibung

Coverillustration: Barbara Fisinger

Innenillustrationen: Barbara Fisinger

© 2020 G&G Verlagsgesellschaft mbH, Wien

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Sein erster Fall

Christine Nöstlinger

Pudding Pauli

rührt um

Mit Rezepten von Elfriede Jirsa

und Illustrationen von Barbara Fisinger



Inhalt,

in welchem der geneigte Leser einen kleinen Überblick bekommt.


1. Kapitel,

in welchem eine gütige Lehrerin an das Gute im Menschen glaubt und leider nur Liptauer-Käse auf den Schulbroten ist.

2. Kapitel,

in welchem sich ein Verdacht breitmacht und Pizza-Schnecken gebacken werden.

3. Kapitel,

in welchem zwei Steaks zu durchgebraten sind und einer mit Segelohren leider schneller läuft als der Pauli.

4. Kapitel,

in welchem die große Schwester der Rosi ein Bild malt und dafür mit einer Schüssel Tiramisu entlohnt wird.

5. Kapitel,

in welchem sich die Rosi und der Pauli von einem zaundürren Volksschulknirps austricksen lassen, weswegen der Pauli Paprikasuppe kocht.

6. Kapitel,

in welchem die Rosi zur Belohnung Topfenknödeln bekommt und eine Chantal alles nur noch mehr verwirrt.

7. Kapitel,

in welchem die Sommergrippe unter den Lehrern grassiert, die Rosi Bohnensalat macht und von einer Love-Story hingerissen ist.

8. Kapitel,

in welchem der Pauli Muffins bäckt und trotz einer schlaflosen Nacht plötzlich wieder frohen Mutes ist.

9. Kapitel,

in welchem der Pauli dermaßen frustriert ist, dass er sich unbedingt mit Erdäpfelpüree trösten muss.

10. Kapitel,

in welchem bloß Toasts gemacht werden und sich die Rosi über den Pauli ärgern muss und zudem ihre Füße verwechselt.

11. Kapitel,

in welchem die Rosi einen Altpapier-Container erklimmen muss und ihr und dem Pauli ein Licht aufgeht und überhaupt nichts gekocht wird.

12. Kapitel,

in welchem Schularbeiten zurückgegeben werden und Vanille-Eis schmilzt und der Pauli notgedrungen edel selbstlos sein muss.

Rezepte

Glossar

1. Kapitel,

in welchem eine gütige Lehrerin an das Gute im Menschen glaubt und leider nur Liptauer-Käse auf den Schulbroten ist.


Pauli Pistulka, elf Jahre und drei Monate alt, von seinen Freunden Pudding-Pauli oder einfach bloß Pudding genannt, hockte schläfrig hinter seinem Pult in der 2a und versuchte erfolglos, nicht laut zu gähnen.

„Haben der werte Herr Pistulka wohl wieder einmal bis nach Mitternacht ferngesehen?“, fragte die Dr. Krautsack, die für Rügen merkwürdigerweise stets die dritte Person Mehrzahl wählt.

„Haben nicht“, antwortete der Pauli und wischte sich ein paar Gähn-Tränen aus den Augen. „Leiden bloß unter Sauerstoffentzug mangels Frischluftzufuhr!“

Der Pauli liegt nämlich mit der Dr. Krautsack im Fenster-Dauerzwist. Er reißt in der Pause alle Fenster auf, sie marschiert in die Klasse ein und ordnet sofortiges Schließen aller Fenster an.

Wegen des Straßenlärms und der Genickstarre erzeugenden Zugluft und der Gefahr eines Fenstersturzes eines unachtsamen Schülers. Die Dr. Krautsack setzte zu ihrem üblichen Vortrag über eingebildeten Sauerstoffmangel an, da schrillte die Pausenglocke. Und eine lobenswerte Angewohnheit hat die Dr. Krautsack jedenfalls: Sie beendet den Unterricht beim ersten Pausenglockenton.

Der Pauli wollte aufstehen, um die Fenster zu öffnen, doch die Rosi, sein Pult-Co, hielt ihn zurück und raunzte: „Pudding, jetzt lass die blöden Fenster, mein Magen knurrt wie ein Kampfhund!“

Der Pauli seufzte, holte seinen Rucksack aus dem Pultfach und aus dem eine telefonbuchgroße Plastikdose, und aus der zwei adrette Leinensets, zwei Servietten und zwei Alufolien-Pakete.

Die Rosi schälte eine Schnitte Bauernbrot, bestrichen mit Liptauer-Käse, verziert mit Paradeiserscheiben, Mini-Maiskolben und Gurkenfächern aus der Alufolie und betrachtete sie etwas enttäuscht.

„Immer Wurst macht Gicht und Gicht ist eine schreckliche Geißel der Menschheit.“ Der Pauli schob der Rosi ein Leinenset und eine Serviette hin. „Über diesen Super-Spezial-Liptauer kannst echt nicht motzen, den habe ich heute in der Früh selber händisch gerührt, mit Butter und allem Drum und Dran und dazu noch ein winziges Häuchlein Tabasco!“

Die Rosi biss von ihrem Liptauerbrot ab und murmelte lustlos kauend: „Macht sicher einen schönen Teint!“

Der Pauli und die Rosi haben seit einem Jahr ein Abkommen: Der Pauli versorgt die Rosi von Montag bis Freitag mit Pausenbroten oder anderen Jausen-Schmankerln und mit einem warmen Mittagessen, dafür schreibt ihm die Rosi alle Mathe-Hausübungen. In perfekt nachgemachten Pauli-Ziffern und Pauli-Buchstaben. Ein Abkommen nach dem Motto: Jeder tut, was er am besten kann. Und an Rosis getürkten Hausübungen ist genauso wenig auszusetzen wie an Paulis Futter.

Früher hat der Pauli nur hin und wieder gekocht, wenn es ihm Spaß gemacht hat, und meistens ist es Vanille-Pudding gewesen, den er sich – klumpenfrei! – gekocht hat. Darum hat er ja seinen Spitznamen weg. Aber zu seinem zehnten Geburtstag hat er einen einzigen Wunsch an seine Mutter gehabt, und zwar: Ich wünsche mir, so wie meine Freundin Rosi ein Schlüsselkind zu werden, ich bin alt genug dafür, ich kann sehr gut selber auf mich aufpassen, ich will nicht mehr in den Hort gehen!

Paulis Mutter ist zuerst total dagegen gewesen. Sie würde im Büro keine ruhige Minute haben, hat sie gesagt, wenn ihr Pauli so ganz „unbetreut“ die Nachmittage zubringt. Dafür ist er zu jung! Erst wenn er vierzehn Jahre alt ist, wird sie das erlauben!

Aber der Pauli hat sie erpresst. Also, nicht wirklich erpresst, weil er es ernst gemeint und den Hort echt gehasst hat.

„Wenn du mir nicht erlaubst, nach der Schule heimzugehen“, hat er gesagt, „dann übersiedle ich zum Papa und seiner Neuen und besuche dich nur am Wochenende!“

Da hat seine Mutter endlich nachgegeben. Damit ihr Pauli ein ordentliches Mittagessen bekommt, hat sie die Tiefkühltruhe mit Fertig-Menüs vollgepackt. Weil selber kochen ist ihre Sache nicht.

Sie ist eine grausame Köchin, der alles schiefgeht, was sie rührt oder brät oder siedet. Darum versucht sie auch gar nicht mehr zu kochen. Sie ist ein Erfolgsmensch, sagt sie. Etwas zu machen, was ihr keine Lorbeeren einträgt, frustriert sie.

Aber Paulis zartem Gaumen war das Gefrier-Zeug genauso zuwider wie der mittägliche Hort-Mampf, und so hat er beschlossen, selber zu kochen. Dass man ihn Hobby-Koch nennt, mag er aber wirklich nicht. Das ist kein Hobby, das ist reiner Selbsterhaltungstrieb, sagt er. „Und was gibt es heute zu Mittag?“ Die Rosi stopfte den letzten Bissen Liptauerbrot in den Mund und wischte sich die klebrigen Finger an der Serviette ab.

„Wir könnten uns auf dem Heimweg Fisch und Salat besorgen. Magst?“, fragte der Pauli kauend.

Bevor die Rosi dazu kam, ihr Einverständnis kundzutun, kreischte die Lea, die ihren Platz am Pult vor dem Pauli und der Rosi hat, urlaut: „Mein Herz ist weg! Mein Herz ist weg! Jemand hat mir mein goldenes Herz gestohlen.“

Die Rosi verdrehte die Augen und murmelte: „Muss sie denn jeden Tag Theater machen?“

Um die Lea herum versammelten sich ein paar Kinder. Die Lea zeigte mit zitternder Dickpfote auf ihr Pult und schluchzte: „Hier … hier ist es gerade noch gelegen … und jetzt ist es weg … einfach weg! So eine Gemeinheit! “

„Da wird ja die Milch in der Kuh sauer“, murmelte der Pauli kopfschüttelnd. „Wovon kreischt denn die alte Nervensäge diesmal?“

Er war erst beim Acht-Uhr-Läuten in die Klasse rein gesprintet und hatte nicht mitbekommen, dass die Lea stolz ein goldenes Herz herumgezeigt hatte. Ein daumennagelgroßes Herz, in das Lea graviert war. Eine Tante hatte es ihr zum elften Geburtstag geschenkt. Und die goldene Kette, von der das Herz baumeln kann, wird ihr ein Onkel zum Geburtstag schenken, hatte sie erzählt, aber der Onkel kommt erst am Wochenende zu Besuch.

Die Rosi klärte den Pauli auf. Der Pauli legte die Leinensets in die Plastikdose, zerknüllte die Alufolienstücke und die Servietten zu Knödeln und sagte: „So eine hysterische Schnepfe, bei uns stiehlt doch keiner!“


Die Rosi nickte zustimmend, und die Lea heulte weiter und schwor Stein und Bein, dass ihr schönes, goldenes, teures Herz noch vor einer Minute auf ihrem Pult, neben der Füllfeder gelegen ist. Und ihre Pultnachbarin, die Maria, sagte, ja, dafür ist sie Zeugin, das kann sie beschwören!

Die Kinder, die sich um das Pult der Lea herum versammelt hatten, gaben gute Ratschläge. „Schau doch in der Schultasche nach!“ Und: „Vielleicht liegt es im Pultfach drin!“

Ein paar hockten sich hin und suchten den Fußboden ab. Aber die Lea schüttelte stur den Kopf und schluchzte, dass sie ja nicht blöde ist und weder in der Schultasche noch im Pultfach nachschauen muss, weil sie doch genau weiß, dass das teure, schöne, goldene Herz mitten auf ihrem Pult neben der Füllfeder gelegen ist! Und dann ist sie – ganz kurz – zum Papierkorb gegangen und hat ihren roten Buntstift gespitzt, und dann ist sie – auch nur ganz kurz – zur Evi gegangen und hat der die zwei Euro zurück gegeben, die sie ihr schuldig gewesen ist, und wie sie zu ihrem Pult zurückgekommen ist, ist das Herz nicht mehr da gewesen!

Der Pauli schoss die Alu- und die Serviettenknödel in Richtung Papierkorb. Die Aluknödel landeten im Papierkorb, die Serviettenknödel im Abseits. Zufrieden mit der Treffer-Rate lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme über der Brust und betrachtete milde kopfschüttelnd die aufgeregte Kinderversammlung rund um das Pult der schluchzenden Lea.

Als die Glocke die Zehn-Uhr-Pause ausgeläutet hatte und der Mag. Specht, wegen seiner farbenfreudigen Klamotten von der 2a „Buntspecht“ genannt, mit zwei großen, hölzernen Tafeldreiecken unter dem Arm in die Klasse kam, löste sich die Kinderversammlung langsam auf. Und die Lea holte tief Luft und schluchzte dem Buntspecht ihren Herz-Kummer samt allen Details vor.

Zuerst einmal sagte der Buntspecht, dass man wertvollen Schmuck eben nicht in die Schule mitnehmen soll und dass man das den Schülern schon hundertmal gepredigt hat, und dann sagte er: „Und jetzt durchsuche deinen ganzen Kram in aller Ruhe genau! Man glaubt oft, etwas hundertprozentig zu wissen, und muss hinterher feststellen, dass man irrte!“

Die Lea schüttelte stur den Kopf und wollte erklären, dass sie genau weiß, wo ihr Herz gewesen ist, aber der Buntspecht ließ sie nicht zu Wort kommen, sondern forderte barsch: „Nun mach schon!

Wir wollen nicht die ganze Stunde verzetteln, wir wollen arbeiten! Nächsten Montag ist Schularbeit und die ist für einige von euch die letzte Chance, einer Nachprüfung zu entgehen!“

Die Lea zog widerwillig ihre Schultasche aus dem Pultfach, hob sie hoch, kippte sie und beutelte sie über dem Pult aus. Bleistifte und Bücher fielen raus, Radiergummis und Lineale, Hefte und eine Geldbörse, ein kleiner Plüsch-Elefant und ein paar Cent-Münzen, ein Notizblock und eine vergammelte Semmelhälfte. Aber kein goldenes Herz!

„Und jetzt sieh im Pultfach auch noch nach!“, verlangte der Buntspecht.

Die Lea bückte sich, streckte die Arme ins Fach rein, tastete herum und schüttelte den Kopf.

Der Buntspecht schaute bekümmert. „Ja dann –“, seufzte er, „ja dann – dann gehst du am besten jetzt in die Direktion hinunter und meldest den unerfreulichen Vorfall!“

„Jetzt gleich?“ Die Lea setzte sich auf ihren Sessel und räumte ihren ganzen Kram in die Schultasche zurück. Auch die vergammelte Semmelhälfte. Dann schob sie die Schultasche ins Pultfach, schnäuzte sich allerhand Tränenrotz weg und ging schniefend, Taschentuch vor der rot geheulten Nase, aus der Klasse.

„Führt sich auf, als ob gerade ihre gesamte Familie ermordet worden wäre“, ätzte die Rosi leise hinter ihr her. „War eh ein hässliches Herz.“ Der Pauli holte sein Geometrie-Heft aus dem Rucksack, schlug es auf und malte mit dem Kugelschreiber jede Menge Fragezeichen auf das Löschblatt. Kleine und große, magere und dickbäuchige. Und während der Buntspecht an der Tafel vorführte, wie man mit Hilfe zweier Dreiecke eine Linie parallel verschieben kann, grapschte sich die Rosi das Löschblatt vom Pauli und schrieb in Schönschrift unter die Fragezeichen: Pudding, jetzt zeig, was du kannst!

Das ist nämlich so: Pauli Pistulkas Hobby sind ungelöste Kriminalfälle. Er hat daheim eine dicke Mappe mit Zeitungsartikeln drüber, die er immer wieder liest und hin und her überlegt, wer der Täter sein könnte. Und dass er später mal Kriminalkommissar werden wird, steht für ihn felsenfest.

Der Pauli holte sich sein Löschblatt von der Rosi zurück und schrieb, weil er nicht gerade zu den besonders Vornehmen gehört, mit seiner krakeligen Handschrift über die Fragezeichen: Worauf du einen lassen kannst!

Eine Viertelstunde konnte der Buntspecht der 2a mit nervtötend kreischender Kreide seine Parallel-Verschiebungen vorführen, dann kam die Lea in die Klasse zurück. Und hinter ihr das kleine Gemüse. Das kleine Gemüse heißt eigentlich Dr. Kohl und ist die Stellvertreterin der Frau Hofrat Meier, der Direktorin der Schule.

Sie ist, samt Super-Plateausohlen und irre hochtoupiertem Haarschopf kein bisschen größer als die großen Kinder der 2a und sie ist ein äußerst gütiger Mensch.

Die Lea ging auf ihren Platz. Sie schluchzte nicht mehr, aber getröstet wirkte sie nicht.

Das kleine Gemüse nickte dem Kollegen Buntspecht zu, stöckelte hierauf vor der ersten Pultreihe auf und ab und hielt eine Ansprache. Dass es sehr, sehr unschön, wenn nicht gar gemein ist, eine Schulkameradin zu beklauen, sagte sie. Aber sicher tut dem Dieb oder der Diebin der Diebstahl jetzt schon leid, und es würde von großem Mut zeugen, wenn er oder sie dieses Schmuckstück jetzt der Lea zurückgeben würde. Niemand sollte sich dafür schämen, ein reuiger Sünder zu sein!

Die butterweiche, einfühlsame Ansprache vom kleinen Gemüse hatte leider keinen Erfolg außer dem, dass sich der Nenad zu Wort meldete und dem kleinen Gemüse und dem Buntspecht „eine Schultaschen-Kontrolle und Leibesvisitation“ vorschlug und die meisten 2a-Kinder ganz begeistert „Genau, das machen wir!“ riefen. Doch das kleine Gemüse lehnte entschieden ab. Das, meinte sie, übersteigt die Kompetenzen von Lehrpersonen bei weitem, und zudem sind Gymnasiallehrer wahrlich keine Warenhaus-Detektive, und das ist gut so!

Der Buntspecht gab ihr recht und dem hoffentlich reuigen, aber sichtlich mutlosen Dieb den guten Ratschlag, das Herz in ein Kuvert zu tun und per Post an die Schule oder an die Adresse der Lea zu schicken. Und er garantiere, dass das Kuvert nicht auf Fingerabdrücke untersucht werden wird!

Und das kleine Gemüse fügte dran: „Wir wollen doch bis auf Weiteres an das Gute im Menschen glauben!“

„Amen und Psalmenende“, murmelte der Pauli ins Ratschen der Schulglocke rein, die für heute das vorzeitige Ende des Unterrichts kundtat, weil die letzten zwei Schulstunden wegen Erkrankung der Zeichenlehrerin ausfielen.

Das kleine Gemüse und der Buntspecht eilten aus der Klasse, und als sie zur Tür draußen waren, rief der Nenad: „Dann machen wir es eben in Eigenregie, dazu brauchen wir die Lehrer doch nicht!“

Der Pauli verstaute sein Geo-Heft und sein Schreibzeug im Rucksack, stand auf und sagte zum Nenad: „Ohne mich, weil das eine Schnapsidee ist.“

„Wieso ist das eine Schnapsidee?“ Der Nenad, fast einen Kopf größer als der Pauli und doppelt so breit, baute sich vor dem Pauli auf. Und schaute ihn argwöhnisch an. Ganz so, als habe er gerade den Herz-Dieb gefasst.

„Taschenkontrolle wäre ja noch hinzukriegen“, erklärte ihm der Pauli, „aber die Leibesvisitation kannst nie im Leben hinkriegen. Sollen wir uns alle vielleicht splitternackt ausziehen? Weil so ein kleines Herz passt nämlich in die kleinste Unterhose!“

In der 2a hob heftiges Diskutieren an. Die einen waren gegen das Ablegen aller Klamotten, die anderen fanden nichts dabei, sich komplett auszuziehen.

„Mädchen untereinander, Buben untereinander, klarerweise getrennt“, schlug die Evi vor. „Das können wir in der Turnsaal-Garderobe machen.“

„Bringt aber auch nichts!“, sagte der Pauli. „Denn sogar ein komplett Nackerter kann so ein kleines Ding mühelos verstecken. Oder habt ihr noch nie gelesen, dass Drogendealer jede Menge Rauschgift in ihrem Körper verstecken? Viel, viel größere Mengen als so ein kleines Herz!“

„Du meinst, der Dieb könnte der Lea ihr goldenes Herz runtergeschluckt haben?“, fragte die Verena. „Damit man es bei der Leibesvisitation bei ihm nicht findet? Und dann … dann … dann … dann …“

Die Verena verstummte. Wie der Dieb dann das gestohlene Herz wieder zurückerhalten würde, wollte ihr einfach nicht über die vornehmen Lippen kommen.

„Genau!“, rief der Moritz. „Der Hund von meiner Großmutter hat einmal eine halbe Perlenkette aufgefressen, weil er zu blöd ist, um zu kapieren, was man fressen kann und was nicht, und dann hat meine Großmutter mit einem Steckerl eine Woche lang seine Haufen durchsuchen müssen. Und bis auf zwei Perlen alle völlig unbeschädigt wieder gefunden!“

„Oder man nimmt gleich den Ausgang als Depot!“, sagte der Pauli.

„Das ist einfacher. Darum haben die Polizisten bei Leibesvisitationen ja immer Gummihandschuhe an!“

„Jetzt versteh ich aber echt nur mehr Bahnhof“, raunzte die Maria, die im Überzuckern wahrlich kein großes Licht ist. „Von welchem Depot redest du denn?“

„Hast du denn noch nie ein Fieber-Zapferl bekommen?“, fragte der Sepp grinsend.

Da kapierte die Maria endlich, wovon die Rede war, wurde knallrot im Gesicht und rief: „Ihr seid vielleicht ungustige Schweindln! Schämt euch!“

„Man ist kein Schweindl und muss sich auch nicht schämen, wenn man weiß, wie es im Leben zugeht“, sagte der Pauli zur Maria, schnappte sich seinen Rucksack, schulterte ihn, nickte dem Nenad und den anderen zu und marschierte zur Klassentür raus. Die Rosi jappelte hinter ihm her.

2. Kapitel,

in welchem sich ein Verdacht breitmacht und Pizza-Schnecken gebacken werden.


Auf dem Heimweg von der Schule hätten sich der Pauli und die Rosi beinahe zerstritten. Weil die Rosi die Idee, dass jemand das Herz verschluckt haben könnte, für ziemlich bekloppt hielt und die zweite Versteck-Idee für noch bekloppter.

„Das kannst du doch echt nicht glauben!“, hielt sie dem Pauli vor. Aber der Pauli beharrte drauf, dass es sehr wohl möglich sein könnte, und nur darauf kommt es an! Was einer glaubt oder nicht glaubt, ist unwichtig. „Wir haben ja auch geglaubt, dass in unserer Klasse keiner stiehlt“, sagte er, „und jetzt müssen wir einsehen, dass das ein Irrtum gewesen ist!“

„Und wie willst du den Dieb finden, du ewiger Besserwisser?“, fragte die Rosi.

„Zuerst stellt sich immer die Frage nach dem Motiv!“, antwortete der Pauli. „Also warum der Dieb gestohlen hat!“

Die Rosi tippte sich an die Stirn. „Warum stiehlt man denn? Um etwas zu bekommen, was einem anderen gehört! Das ist doch von vornherein klar.“

„Das brauchst mir nicht erklären!“, rief der Pauli. „Aber streng mal dein kleines Hirn ein bisschen an! Wer könnte das blöde Herz denn überhaupt brauchen? Buben tragen keine Herzen um den Hals, und die Mädchen in der Klasse könnten sich auch kein Herz, wo Lea draufsteht, um den Hals hängen und damit herumspazieren. Und das Herz verkaufen geht auch nicht, denn niemand kauft einem Kind Gold ab, das ist verboten!“

„Aha!“, ätzte die Rosi. „Also hat keiner in der Klasse ein halbwegs vernünftiges Motiv, und es muss daher ein diebischer Geist gewesen sein, welcher der Lea das Herz gefladert hat, um in der Geisterstunde damit zu protzen!“

„Sehr witzig!“, keifte der Pauli. „Wenn ich Zeit habe, werd ich drüber lachen. Und ein Motiv gibt es übrigens doch: Jemand wollte die Lea einfach ärgern, weil sie mit dem Herz angegeben hat und weil er sie nicht mag!“

„In diesem Fall“, sagte die Rosi, „kommt aber jeder in der Klasse in Betracht, inklusive dir und mir!“

Und dann waren sie auch schon vor Paulis Haustor angekommen und merkten, dass sie vergessen hatten, im Supermarkt Fisch und Salat zu kaufen. Der Pauli wollte kehrtmachen und zum Supermarkt zurücklaufen, die Rosi fand das unnötig. Fisch ist sowieso nicht gerade ihre Lieblingsspeise.

„Hast noch Pizzateig auf Vorrat?“, fragte sie. Als der Pauli nickte, meinte sie: „Und irgendwas drauf finden wir sicher auch! Und wenn wir uns heute das Geld für den Fisch ersparen, können wir uns morgen dicke Steaks leisten, schön blutig innen!“ Die Rosi ist nämlich ein Fleischtiger.

„Okay!“ Der Pauli holte seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche, sperrte das Haustor auf und sagte: „Dann mach ich uns Pizzaschnecken à la Pauli.“

Da der Buntspecht wegen der Aufregung um Leas goldenes Herz vergessen hatte, der 2a eine Mathe-Hausübung aufzugeben, war die Rosi arbeitslos. Sie setzte sich auf den Küchentisch, baumelte mit den Beinen, schaute dem Pauli beim Kramen im Eisschrank zu und überlegte laut: „Wir sind dreiundzwanzig in der Klasse, der Max und die Vera und der Luki haben die Sommergrippe, und die Ines ist schon nach der ersten Stunde gegangen, weil sie zum Begräbnis ihrer Oma müssen hat. Bleiben also neunzehn mögliche Täter.

Und von denen ziehe ich die Lea und dich und mich ab, dann bleiben sechzehn Verdächtige!“

Der Pauli legte eine Rolle Pizzateig, eine Packung Mozzarella und einen Zipfel Salami auf den Tisch. „Den Anton kannst auch abziehen, unsere Nachtigall war seit neun Uhr im Musiksaal zur Probe für das Abschlusskonzert.“

„Na super“, sagte die Rosi, „sind es nur mehr fünfzehn kleine Indianer.“

„Und das sind vierzehn zu viel!“ Der Pauli holte eine Dose Filetti di pomodore aus dem Vorratsschrank und einen Topf Basilikum vom Küchenfenster. Den Basilikumtopf stellte er der Rosi auf den Schoß und verlangte: „Blätter auf kleine Stücke zupfen!“

„Jawohl, Herr Chef!“, sagte die Rosi und machte sich dran, die Stängel kahl zu rupfen.

Der Pauli plagte sich mit der Paradeiserdose und dem Dosenöffner ab und werkelte schnaufend herum. Mit Dosenöffnern steht er auf Kriegsfuß.

„Gib her!“ Die Rosi nahm ihm die Dose und den Öffner weg. „So macht man das, du Patschachter!“ Grinsend reichte sie ihm die geöffnete Dose. Der Pauli holte ein Sieb, stellte es in die Abwasch und schüttete den Paradeisergatsch rein.

„Das ist mir nämlich zu flüssig!“, erklärte er der Rosi.

Dann schnitt er den Salamizipfel und den Mozzarella auf kleine Würferln und hielt die Rosi energisch davon ab, sich an den Salamiwürferln zu vergreifen.

„Den Nenad und den Sepp können wir auch von der Liste der Verdächtigen streichen“, sagte die Rosi. „Weil die zwei haben sich überhaupt nicht von ihrem Pult weggerührt. Die haben in der Früh und während der ganzen Pause Schach gespielt. Auch noch wie die Lea schon losgeheult hat!“

„Glaubst du das nur oder weißt du es?“ Der Pauli rollte den Pizzateig auf dem Tisch aus, holte das Sieb mit den abgetropften Paradeisern und verteilte sie schön gleichmäßig auf dem Teig.

Die Rosi überlegte kurz, dann sagte sie: „Pudding, das weiß ich, das könnte ich vor jedem Gericht auf die Bibel schwören!“

„Okay, dann sind es eben nur dreizehn kleine Indianer. Dreizehn ist zwar meine Glückszahl, aber in dem Fall hilft uns das auch nicht weiter!“ Der Pauli streute die Mozzarella- und die Salamiwürferln zwischen die Paradeiser-Stücke, bröselte das zerzupfte Basilikum drüber, tröpfelte ein bisschen Olivenöl drauf und rollte den belegten Fladen zu einer Rolle auf.

„Und jetzt wasch dir die Pfoten und schmier mir ein Backblech mit Öl ein. Und vorher schalt das Backrohr an. Auf zweihundertzwanzig Grad Umluft!“, kommandierte er.

„Jetzt mach aber mal halblang!“ Die Rosi schüttelte den Kopf. „Ich bin fürs Kochen nicht zuständig, kommandier mich gefälligst nicht rum wie der Chefkoch den Lehrbuben! Und vor Öl auf den nackten Fingern graust mir total! Gibt es da wo Gummihandschuhe?“

„Schnepfe!“, zischte der Pauli, schaltete das Backrohr an, holte das Backblech aus der Lade unter dem Backrohr, schüttete Öl drauf und verteile es mit den Händen.

„Und die Hände gewaschen hast dir vorher selber auch nicht!“

Die Rosi rutschte vom Tisch, lehnte sich an den Eisschrank und verschränkte die Arme über der Brust. „Pudding, du bist einfach stockstinksauer, weil du nicht weißt, wie du den Herz-Dieb entlarven kannst!“

Der Pauli schnitt die Teigrolle auf daumendicke Schnitten, legte sie – wie Zimtschnecken – auf das ölige Blech, tröpfelte noch ein bisschen Öl auf jede Schnecke, schob das Blech ins Backrohr und wusch sich dann bei der Abwasch die öligen Hände. „Ich bin stockstinksauer, weil ich mir vorstellen kann, was morgen bei uns in der Klasse los sein wird!“

„Was soll denn jetzt noch passieren?“ Die Rosi schaute den Pauli erstaunt an.

„Glaubst du vielleicht, unsere werten Kollegen und Kolleginnen gehen jetzt einfach zur Tagesordnung über? Ich wette mit dir um vier Wochen Taschengeld, dass ab morgen bei uns in der Klasse das wilde Verdächtigen losgeht.“

Die Rosi hatte keine Lust, die Wette anzunehmen.

Bis die Pizzaschnecken schön semmelbraun waren und aus dem Backrohr dufteten, schwiegen der Pauli und die Rosi vor sich hin. Erst als der Pauli das Backblech aus dem Backrohr geholt und die Pizzaschnecken gerecht auf zwei Teller verteilt hatte, sagte die Rosi: „Ich nehme an, die meisten werden wahrscheinlich die Maria verdächtigen, weil sie neben der Lea am Pult sitzt und es ihr am ehesten gelungen sein könnte, das Herz unauffällig verschwinden zu lassen!“ Der Pauli stopfte sich eine halbe Pizzaschnecke in den Mund und sagte mampfend: „Glaube ich nicht. Sie werden vermuten, dass es der Jonas gewesen ist. Weil der Jonas voriges Jahr im Supermarkt beim Kaugummi-Fladern vom Filialleiter erwischt worden ist. Weißt eh, einmal Dieb, immer Dieb!“

„Wird sich ja morgen rausstellen, ob einer von uns richtig getippt hat“, sagte die Rosi und grapschte dem Pauli, während er sich ein Glas Mineralwasser einschenkte, die letzte Pizzaschnecke vom Teller. Bis zum nächsten Tag mussten die Rosi und der Pauli gar nicht warten. Sie hatten sich nach dem Pizzaschnecken-Mahl gerade zu einem Verdauungs-Fernseh-Stündchen aufs Sofa gesetzt, da klingelte Rosis Handy. Die Anna war dran und trompete ganz aufgeregt: „Rosi, weißt du, was die Verena und ich gerade ganz zufällig rausgefunden haben?“

„Nein! Aber gleich werde ich es ja wohl von dir erfahren!“, sagte die Rosi eisig.

„Dem Jonas seine große Schwester heißt Lea!“, schnatterte die Anna ins Telefon, und der Pauli rückte dicht an die Rosi ran, um mithören zu können. „Und der Jonas war in der Pause bei der Maria und hat sich von ihr, weil er vorige Woche gefehlt hat, das Physikheft zum Nachschreiben ausgeborgt!“

„Na und?“, fragte die Rosi. Noch eisiger.

„Ja, klingelt es da bei dir im Kopf nicht?“, rief die Anna.

„Mein Hirn hat leider keine eingebaute Klingel.“ Jetzt war die Stimme der Rosi schon eiszapfeneisig.

„Steh nicht auf der Leitung, Rosi. Das ist doch eindeutig voll verdächtig“, sagte die Anna. „Garantiert will der Jonas seiner großen Schwester das Herz zum Geburtstag oder zu Weihnachten oder zu sonst was schenken. Weil Geld hat der nämlich nie, dem kauft seine Mutter die Klamotten sogar im Secondhandshop. Und dass er schon einmal gestohlen hat, ist ja bekannt!“

Die Rosi drückte die Aus-Taste, legte das Handy auf den Couchtisch und rülpste. Weil sechs Pizzaschnecken und eine haltlose Verdächtigung einen zarten Mädchenmagen in gewaltige Unruhe versetzen können.

Dann sagte sie zum Pauli: „Pudding, der wahre Dieb muss einfach gefunden werden! Der Jonas ist keiner, der es verdient hat, bloß weil er einmal einen Kaugummi hat mitgehen lassen, ewig als Dieb zu gelten. Und wehren kann der sich auch total schlecht. Also streng dich gefälligst an!“

Der Pauli seufzte tief. „Ich werde es versuchen, aber da kann eigentlich nur noch Kommissar Zufall helfen.“

Wie so oft keuchte der Pauli am nächsten Morgen erst ein paar Minuten nach dem Acht-Uhr-Läuten in die Klasse. Morgenmensch ist er eben keiner und außerdem muss er das Aufstehen und Frühstücken und Schulbrotemachen ganz allein schaffen. Seine Mutter dampft schon um sieben Uhr ins Büro ab. Aber er hätte sich diesmal gar nicht zu beeilen brauchen, denn die Englisch-Lady verspätete sich um eine Minute länger als er und entschuldigte sich schnaufend mit einer U-Bahn-Störung.

„Wenn unsereiner mit dem U-Bahn-Schmäh ankommen täte, würde es gleich heißen, dass das eine dumme Ausrede ist“, zischte die Rosi dem Pauli zu.

„Und was tut sich in der verdammten Herz-Angelegenheit?“, fragte der Pauli leise.

„Da tut sich der helle Wahnsinn“, flüsterte die Rosi und die Englisch-Lady rief: „Ruhe da hinten! Keine Privatgespräche, wenn ich bitten darf!“

Die Rosi nahm ihren Notizblock, schrieb drauf: Jetzt halten den Jonas schon fast alle für den Dieb. Außer dem Felix und dem Anton und dem Nenad. Der Sepp und der Max schwanken noch.

Sie schob den Block zum Pauli hin. Und der schrieb auf die nächste Seite: Nur drei Vernünftige in einer Klasse! Ein trauriger Prozentsatz!, und schob den Block zur Rosi zurück.

Mit uns sind es fünf! Und das sind 25 Prozent! Mehr Hirn hat der liebe Gott nicht zu verteilen!, schrieb die Rosi und ließ dann den Notizblock blitzschnell im Pult verschwinden, denn die Englisch-Lady marschierte auf sie zu und keifte: „Langsam reicht es mir mit euch zwei beiden. Wo sind denn eure Englisch-Bücher? Oder bestreikt ihr vielleicht den Unterricht?“ Brav holten der Pauli und die Rosi ihre Englischbücher aus den Rucksäcken.

„Und wo ihr sie aufschlagen sollt, wisst ihr natürlich auch nicht!“

Die Englisch-Lady bekam ihr nervöses Augenlider-Zucken. Den Tick kriegt sie immer, wenn sie sich sehr ärgert.

„Bedauerlicherweise nicht“, sagte die Rosi.

„Werde nicht auch noch frech!“ Die Augenlider der Englisch-Lady zuckten jetzt bereits beängstigend schnell.

„Wir sind auf Seite dreißig!“, rief der Jakob.

„Danke“, sagten die Rosi und der Pauli im Duett und blätterten sich in den Englisch-Büchern zu Seite dreißig durch. Und dann mussten sie – abwechselnd – je einen Absatz übersetzen. Bis zum Ende der Stunde. Das ist so die feine englische Art der Englisch-Lady, unaufmerksame Schüler zu bestrafen.

Da aber sowohl die Rosi als auch der Pauli in Englisch sehr gut sind und keinen einzigen Fehler beim Übersetzen machten, beruhigten sich die Augenlider der Englisch-Lady langsam.

Total erschöpft waren der Pauli und die Rosi hinterher. Sie waren noch am Verschnaufen, als die Dr. Krautsack zur zweiten Stunde einmarschierte und sich freute, dass alle Fenster geschlossen waren und sie sich den üblichen Disput mit dem Pauli ersparte.

Erst in der Zehn-Uhr-Pause konnte sich der Pauli in der Klasse umhören. Er musste feststellen, dass die Rosi wahrlich nicht übertrieben hatte. Grüppchenweise standen die 2a-Schüler beieinander und tuschelten aufgeregt.

Der Jonas saß mopszufrieden auf seinem Platz und studierte ein Comics-Heftl.

„Ich glaube, der hat keine Ahnung“, sagte der Pauli zur Rosi. „Ich setz mich mal kurz zu ihm!“ Er schlenderte, sein Super-Schinken-Käse-Gurken-Brot in der Hand, zum Jonas.

„Willst beißen?“, fragte er den Jonas und hielt ihm das Super-Brot unter die Nase.

„Na sowieso!“ Der Jonas biss gierig zu.

„Sag einmal, Jonas, heißt deine große Schwester eigentlich Lea?“, fragte der Pauli.

Der Jonas schüttelte den Kopf und erklärte, winzige Schinken- und Gurkenbröckerln spuckend: „Nein. Die heißt eigentlich Lia. Von Liane kommt das. Aber ihr zweiter Vorname ist Desiree und seit ein paar Monaten darf man die alte Ziege nur noch Desiree nennen, sonst wird sie biestig!“

Der Pauli kletterte aufs Pult vom Jonas und brüllte: „Alles mal herhören, bitte!“

Die Grüppchen stellten das Getuschel ein, alle Kinder drehten sich zum Pauli und schauten neugierig zu ihm rauf.

Der Pauli rief: „Die große Schwester vom Jonas heißt eigentlich Lia, Lia von Liane! Aber sie besteht drauf, dass sie mit ihrem zweiten Vornamen angeredet und Desiree genannt wird!“ Dann sprang er, sehr elegant, wieder vom Pult runter.

„Warum erzählst du denn das allen? Das interessiert doch niemanden!“, staunte der Jonas und biss noch mal von Paulis Super-Brot ab, wobei ihm die Spitze von Paulis Zeigefinger zwischen die Zähne kam.

„Doch, doch!“, sagte der Pauli, legte das Brot weg und besah sich den gebissenen Finger. „Das interessiert alle brennend!“


„Echt? Aber wieso denn, Pudding?“ Der Jonas schaute kugelrund. Die versammelten 2a-Schüler schauten nicht minder kugelrund. Und die Maria fauchte die Anna und die Verena an: „Ihr seid sowas von saublöd! Euch glaube ich echt kein Wort mehr!“

Worauf die Anna der Maria die Zunge rausstreckte und aus der Klasse rannte und die Verena hinter ihr herlief.

„Ich versteh zwar nur Bahnhof“, sagte der Jonas zum Pauli, „aber dein Jausenbrot war echt das beste Jausenbrot, das ich je gegessen habe!“

Da merkte der Pauli erst, dass der Jonas inzwischen auch noch den Rest vom Super-Brot verputzt hatte. Er ging zu seinem Platz zurück und ließ sich seufzend auf den Sessel plumpsen.

„1a gemacht, Pudding!“, lobte ihn die Rosi und schaute grinsend zu, wie die 2a-Schüler langsam und ziemlich belämmert auf ihre Plätze gingen. „Jetzt haben sie was zum Nachdenken!“

„Und ich hab Hunger!“, sagte der Pauli.

„Du könntest eigentlich für den Jonas auch immer ein Jausenbrot machen“, sagte die Rosi. „Er hat nämlich nie eines.“

„Das tät doch ausschauen, als ob ich ihn für armutsgefährdet halten würde.“ Der Pauli schaute ablehnend.

„Ist er ja auch!“, sagte die Rosi

„Aber will er, dass wir das wissen?“ Der Pauli benagte sinnend seine Unterlippe und nahm sich vor, darüber bei Gelegenheit nachzudenken.

3. Kapitel,

in welchem zwei Steaks zu durchgebraten sind und einer mit Segelohren leider schneller läuft als der Pauli.


„Ich glaube“, sagte die Rosi auf dem Heimweg sehr zufrieden zum Pauli, „jetzt ist den Deppen in der Klasse das Verdächtigen aber gründlich vergangen.“

„Bringt uns aber auch kein bisschen weiter“, murmelte der Pauli und trat wütend nach einer leeren Bierdose. Die Bierdose sauste über den Gehsteig und landete auf dem Hintern eines krummbeinigen, kleinen Hundes, der gerade mitten auf dem Gehsteig einen Haufen machte. Der Hund jaulte auf, und die alte Frau, die ihn an der Leine führte, fing fürchterlich zu schimpfen an.

„Entschuldigung, tut mir leid, war keine Absicht!“, rief der Pauli und rannte mit der Rosi an der alten Frau und dem krummbeinigen, kleinen Hund, der jetzt nicht mehr jaulte, sondern seinen Haufen vergrößerte, schnell vorbei. Und die Rosi drehte sich im Rennen um und rief der alten Frau zu: „Nimm ein Sackerl fürs Gackerl!“

Erst bei der nächsten großen Straßenkreuzung verschnauften die Rosi und der Pauli.

„Die hat vielleicht Sachen gekeift“, staunte die Rosi. „So alt und so etwas von ordinär! Und da heißt es immer, dass man im Alter weise wird!“

„Auf so ziemlich alles, was es immer heißt, kannst getrost vergessen“, sagte der Pauli. „Außer darauf, dass es immer heißt, dass der Rimpel die besten Steaks in der ganzen Gegend hat.“

Also marschierten die beiden die Straße runter bis zum Fleischhauer Rimpel.

„Zwei Steaks vom Rindslungenbraten, bitte schön“, verlangte der Pauli.

„Daumendick“, fügte die Rosi hinzu.

„Mein Daumen oder deiner?“ Der Fleischhauer Rimpel hielt der Rosi einen seiner knackwurstdicken Daumen hin.

„Er ist der Koch, er kennt sich da besser aus!“ Die Rosi deutete auf den Pauli.

Der Pauli betrachtete den Fleischhauerdaumen eingehend, dann entschied er: „So wie Ihrer ungefähr!“

Diese Entscheidung bereute er an der Kassa allerdings, denn er musste für die zwei Steaks und ein Häuptl Salat sein gesamtes Geld rausrücken.

„Für den Rest der Woche ist Schmalhans Küchenmeister“, erklärte er der Rosi, als sie heimkamen. „Wir haben nur mehr ein paar lumpige Euro im Topf.“

Jeden Montag legen die Rosi und der Paul nämlich „Kostgeld“ in einen alten Schmalztopf. So viel, wie ihre Mütter für das Mittagessen im Hort bezahlen würden, und dazu noch Jausenbrot-Geld. Pro Kind und Tag den Gegenwert von zwei Topfenkolatschen. Und sie nehmen sich vor, mit dem Kostgeld auszukommen. Was ihnen aber nur selten gelingt. Meistens müssen ihre Mütter noch ein bisschen drauflegen, damit der Freitag kein Fastentag wird.

Weil die Rosi schon wieder arbeitslos war – Mathe hat die 2a am Donnerstag nicht –, half sie dem Pauli und machte, während er die Steaks briet, den Salat. Mit ihrem Spezial-Dressing aus Obers, Zitronensaft und Zucker, das der Pauli nicht ausstehen kann. „Baby-Soße“ nennt er diese Mischung. Er ist eher für viel Öl, wenig Essig und eine Winzigkeit Salz und Pfeffer. Aber er hatte einen friedlichen Tag und protestierte nicht gegen den Salat. Außerdem war er ein bisschen kleinlaut, weil ihm die Steaks „zu durch“ geraten waren. Sie waren innen nicht blutig, wie von der Rosi gewünscht, sondern rosa. Und dabei ist der Pauli immer so stolz drauf, dass er je nach Wunsch, ein Steak „rare“ oder „medium“ oder „well done“ hinkriegt, perfekter als seine Oma, die eine Super-Köchin ist.

Der Pauli brät die Steaks ganz kurz auf beiden Seiten an und stellt sie dann ins hundert Grad heiße Backrohr. Sollen sie innen blutig sein, holt er sie nach fünf Minuten raus, sollen sie innen rosa sein, nach zehn Minuten. Bleiben sie noch länger im Backrohr, sind sie völlig durchgebraten. Diese Methode hatte immer funktioniert!

Aber weil die Steaks diesmal so besonders dick gewesen sind, doppelt so dick wie die Steaks, die er sonst macht, hat er gedacht, er muss sie auch doppelt so lange im Backrohr lassen, und das ist sichtlich ein Irrtum gewesen.

„Das kommt davon, weil ich dauernd über den verflixten Herz-Dieb nachdenken muss“, entschuldigte er sich, als die Rosi ihr rosa geratenes Steak zersäbelte. Total zersäbelte! Sie hat die unfeine Angewohnheit, das ganze Essen auf ihrem Teller klein zu schneiden und sich dann mit der Gabel drüber herzumachen. Und wenn der Pauli das „babymäßig“ findet, behauptet sie: „Das machen die Amerikaner auch. Sogar der Mister President. Damit sie beim Essen eine Hand frei haben, um jederzeit den Colt ziehen zu können. Das gehört dort zum guten Ton.“

Der Pauli schluckte mit Todesverachtung einen Happen vom zuckrigen Salat und sagte: „Aber ab jetzt verbiete ich mir diese ewige, sinnlose Nachdenkerei. Das schwöre ich dir, Rosi! Man muss einsehen, dass manche Fälle eben nicht zu lösen sind, wenn einem Kommissar Zufall nicht hilft!“

Bis zum Samstag hielt der Pauli seinen Schwur. Eisern verbot er sich jeden Wer-könnte-der-Dieb-sein-Gedanken. Am Freitag war das goldene Herz zwar immer noch Gesprächsthema Nummer eins in der Klasse, aber den Jonas schien niemand mehr zu verdächtigen. Die 2a-Schüler stritten sich bloß darüber, ob der Dieb der Lea das Herz zurückschicken wird oder nicht. Und wie lange so ein Brief mit der Post brauchen kann. Und ob ein Grafologe, falls der Dieb das Herz zurückschickt, auch mit einer in Blockbuchstaben geschriebenen Adresse den Schreiber rauskriegen könnte.

Doch dann ging der Pauli am Samstag, zu Mittag, mit der Rosi auf den Kinder-Flohmarkt. Weil der Rosi in ihrer Sammlung zwei Hefte „Tim und Struppi“ fehlen und auf dem Kinder-Flohmarkt immer alte Comics angeboten werden.

Die Rosi fand keines der Hefte, die sie suchte. „Lauter Ramsch und Schrott“, sagte sie enttäuscht zum Paul. „Von mir aus können wir gehen, mich hält da nichts mehr.“

Aber der Pauli packte sie am Arm und flüsterte aufgeregt: „Dort!

Der Bub mit den Segelohren!“

„Wo?“ Die Rosi schaute sich ratlos nach allen Seiten um. „Wen meinst du denn?“

„Der mit der dicken Erdäpfelnase und dem Muttermal auf der Wange. Der mit dem verboten komischen Haarschnitt. Direkt vor uns!“, flüsterte der Pauli.

„Und was ist mit dem?“, fragte die Rosi.

„Der hat ein kleines goldenes Herz auf seiner Decke liegen. Könnte das der Lea ihr Herz sein?“ Der Pauli war ja noch nicht in der Klasse gewesen, als die Lea ihr Herz rumgezeigt hatte.

Der segelohrige Bub saß zwischen zwei kleinen Mädchen, die Barbiepuppenkleider, Glasperlen, Stoffrosen und Abziehbilder feilboten, im Türkensitz hinter einem Geschirrtuch, auf dem allerhand Kram ausgebreitet war. Eine kleine Taschenlampe, ein paar Match-box-Autos, eine lederne Geldbörse, ein Schweizer Taschenmesser, eine rote Krawatte, ein paar Schlüsselanhänger und ein daumennagelgroßes Herz, das golden glänzte.

Die Rosi ging zu dem segelohrigen Buben hin und beugte sich über das Geschirrtuch und wollte nach dem Herz greifen.

„Liegen lassen!“, schnauzte sie der Segelohrige an. „Das ist wertvoll!“

„Ich will es mir doch nur anschauen“, sagte die Rosi freundlich.

„Was kostet es denn?“

„Man schaut mit den Augen, nicht mit den Pfoten!“ Der Segelohrige nahm das Herz in die Hand und hielt es der Rosi hin. In das Herz war Lea graviert!

Der Pauli war hinter der Rosi hergekommen und starrte über ihre Schulter auf das goldene Herz. Er konnte es einfach nicht fassen!

Da hockte ein wildfremder Bub, einer, der garantiert nicht in ihre Klasse, sicher nicht mal in ihre Schule ging, und der bot tatsächlich Leas Herz zum Verkauf an! Das konnte doch nicht sein, das war völlig unmöglich und ausgeschlossen! Es sei denn, der gute Kommissar Zufall hätte sich seiner erbarmt!

Weil der Pauli stumm wie ein Karpfen blieb, meinte die Rosi, die Sache übernehmen zu müssen, und fragte den Segelohrigen: „Woher hast du denn dieses Herz?“

Der Segelohrige schaute misstrauisch, machte eine Faust um das Herz, rappelte sich aus dem Türkensitz hoch und zischte: „Das geht dich einen Schmarrn an!“

„Das geht mich sehr wohl was an“, sagte die Rosi. „Weil das Herz gehört einer aus unserer Klasse!“

Sie war mit dem Satz noch gar nicht fertig, da hatte der Segelohrige schon sein Geschirrtuch an den vier Ecken gepackt und flitzte, in einer Faust das Herz, in der anderen den Geschirrtuch-Binkel mit dem übrigen Kram drin, affenschnell los. Hurtig drängte er sich zwischen den Flohmarkt-Besuchern durch, rannte einen kleinen Buben über den Haufen, sprang über eine große Holzeisenbahn und rempelte rücksichtslos zur Seite, was ihm in den Weg kam.

Da erwachte der Pauli endlich aus seiner Staun-Starre und rief: „Ihm nach! Volle Kraft voraus, Rosi!“

Aber quer durch einen Flohmarkt voll Kindern ist schwer rennen, wenn man nicht so rücksichtslos wie der segelohrige Bub ist und einem dauernd jemand im Weg rumsteht.

Als die Rosi und der Pauli endlich aus dem Flohmarkt draußen waren, hatte der Segelohrige schon einen gewaltigen Vorsprung. Gut zwei Häuserblocks vor ihnen jappelte er dahin.

Der Pauli und die Rosi liefen so schnell, wie sie noch nie gelaufen waren, und der Vorsprung vom Segelohrigen wurde kleiner und kleiner. Kaum fünf Meter vor ihnen trabte er!

Doch plötzlich blieb die Rosi stehen, hielt sich eine Hand auf den Bauch und stöhnte: „Pudding, ich kann nimmer, ich habe Seitenstechen, renn allein weiter!“

„Okay!“, keuchte der Pauli und rannte weiter, aber inzwischen hatte der Segelohrige seinen Vorsprung schon wieder gewaltig vergrößert und dann flitzte er durch das große, sperrangelweit offene Gittertor eines riesigen Gemeindebaus. Und als der Pauli mit letzter Kraft in den Hof kam, war der Segelohrige einfach futsch!

Der Pauli ließ sich auf eine Bank unter einem Kastanienbaum plumpsen und schaute sich schnaufend um. Im Hof, stellte er fest, konnte sich der Segelohrige nirgendwo versteckt haben. Bloß ein paar Kastanienbäume mit Bänken drunter gab es da, und mitten im Hof eine Kleinkinder-Sandkiste und dahinter einen Ballspielplatz.

Und rund um den Hof waren die Eingangstüren zu den einzelnen Stiegen. Elf Eingangstüren.

Dann kam die Rosi, Hand an der Hüfte, in den Hof gezockelt und setzte sich zu ihm. „Tut mir leid, Pudding“, sagte sie. „Mit meinem Seitenstechen hab ich alles verpatzt.“

„Nicht mehr als ich“, seufzte der Pauli. „Zuerst steh ich wie der Blöde da und glotze nur, und dann rennt der Kerl auch noch schneller als ich!“

„Aber jetzt wissen wir wenigstens, wo er wohnt. Weil, schau einmal …“

Die Rosi zeigte auf eine Frau, die gerade die Eingangstür von Stiege 7 aufsperrte. „Wenn er nicht irgendwo da drin wo wohnen würde, wäre er nicht zu einer Tür reingekommen. Ohne Schlüssel geht das nicht.“

„Da gibt es elf Stiegen“, sagte der Pauli. „Und jede hat sieben Stockwerke und auf jedem Stockwerk sind sicher vier Wohnungen, wenn nicht gar fünf. Elf mal sieben ist siebenundsiebzig. Und siebenundsiebzig mal fünf ist … ist …“

„Dreihundertfünfundachtzig!“, half ihm die Rosi aus.

„Exakt!“ Der Pauli hob ein Kastanienblatt vom Betonboden auf und zerrupfte es. „Willst du an dreihundertfünfundachtzig Klingeln klingeln und fragen, ob es vielleicht in der Wohnung einen potthässlichen Buben mit Segelohren, Erdäpfelnase und Stoppelglatze gibt?“

Die Rosi schüttelte den Kopf. „Würde auch nichts bringen. Weil nämlich meistens die Mamas an die Gegensprechanlage kommen. Und Mamas halten ihre Kinder nie für potthässlich.“

„Aber der Kerl muss ja wohl in die Schule gehen, der ist sicher nicht viel älter als wir“, meinte der Pauli. „Und wenn wir am Montag ab halb acht vor dem großen Eingangstor auf ihn lauern, müssten wir ihn erwischen.“

Recht gab die Rosi dem Pauli zwar schon, aber sie war strikt dagegen. Weil für Montag in der ersten Stunde die Mathe-Schularbeit angesagt war. Und wenn sie bis knapp vor acht Uhr vor dem Gemeindebau lauern und eventuell sogar den Segelohrigen schnappen würden, dann würden sie die Mathe-Schularbeit versäumen. Das wäre zwar für die Rosi überhaupt kein Problem gewesen, aber der Pauli stand in Mathematik zwischen vier und fünf; was halt leicht passiert, wenn man sich die Hausübungen von wem anderen schreiben lässt. Und würde er die Mathe-Schularbeit versäumen, müsste er sie mutterseelenallein nachholen. Und dann wäre ihm – ohne helfende Rosi nebenan – der Fünfer hundertprozentig gewiss.

„Von mir aus“, sagte sie. „Lauern wir, wenn es unbedingt sein muss, am Dienstag, da ist in der ersten Stunde Musik. Aber gern mache ich das echt nicht.“

Eine Zeitlang saßen die beiden stumm nebeneinander. Die Rosi mit den Beinen baumelnd, der Pauli ein zweites und ein drittes Kastanienblatt klein zupfend.

Schließlich sagte der Pauli: „Garantiert steht der blöde Kerl jetzt da irgendwo hinter einem Fenster und lacht uns aus.“

Eine junge Frau kam von der Straße her in den Hof rein, ein alter Mann trat aus der Tür von Stiege 7 und humpelte zum großen Tor raus, eine Mama verließ mit einem kleinen Buben an der Hand die Stiege 3, ging mit ihm zur Sandkiste, setzt ihn rein und packte aus einer Tragetasche Küberl und Schauferl und Backe-backe-Kuchen-Formen aus. Dem kleinen Buben passte irgendetwas nicht. Er fing zu brüllen an. Die Mama hockte sich zu ihm in die Sandkiste und füllte ihm das Küberl mit Sand. Da hörte der kleine Bub zu brüllen auf, nahm das Küberl, hob es hoch und leerte es über dem Kopf seiner Mama aus. Worauf die Mama zu brüllen anfing. Und aufsprang und sich den Sand aus den Haaren zu beuteln versuchte, was ihr nicht gelang. Sie griff nach dem kleinen Buben, packte ihn an den Hosenträgern und schleppte ihn schimpfend zu Stiege 3. Das Sandspielzeug und die Tragetasche blieben in der Sandkiste liegen.

„Ob so ein kleines Kind so etwas mit voller Absicht macht?“, fragte der Pauli.

„Na klar, was denn sonst?“, sagte die Rosi. „Kleine Kinder können ziemlich boshafte Zwerge sein. Die haben es faustdick hinter den Ohren. Und genieren sich nicht, zu tun, was ihnen grad einfällt.

Aber noch länger da rumsitzen und den Ureinwohnern beim Leben zuschauen, hat echt keinen Sinn.“

Der Pauli nickte und stand auf. Neben der Rosi latschte er zum großen Tor raus. Auf dem Heimweg wurde dem Pauli und der Rosi erst klar, wie weit sie hinter dem Segelohrigen hergerannt waren.

Eine halbe Stunde brauchten sie zum Flohmarkt zurück, obwohl sie schnell gingen. Mindestens zwei Kilometer, wenn nicht gar drei, mussten das gewesen sein.

„Unternehmen wir zwei beide heute noch etwas Aufbauendes?“, fragte die Rosi.

„Keine Lust auf gar nichts!“, antwortete der Pauli muffig. „Ich gehe heim!“

Und da er nicht gefragt hatte, ob die Rosi zu ihm heim mitkommen will, verabschiedete sie sich schnell. Sich jemandem aufzudrängen, ist ihre Sache nicht. Aber ein bisschen sauer war sie schon. Doch da die Rosi von heiterer Gemütsart ist, war ihr Gram bereits verschwunden, als sie nach Hause kam und im Wohnzimmer eine aufgeschlagene Zeitung liegen sah. Auf der einen der aufgeschlagenen Seiten war ein postkartengroßes Bild. Die Rosi starrte das Bild an, murmelte: „Das könnte hinhauen“, lief zum Festnetz-Telefon, um ihre Handy-Wertkarte zu schonen, und rief den Pauli an.

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