Kitabı oku: «Mein Leben mit dir hat bereits begonnen»

Yazı tipi:

Mein Leben mit dir hat bereits begonnen

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Mein Leben mit dir hat bereits begonnen
Chanjobe

© 2020 Chanjobe

Autor: Christine Schöpf

Umschlaggestaltung, Illustration: Christine Schöpf

Korrektorat: Katja Kraft, Jola Kempner

ISBN:

Das Werk, seine seine Teile, ist urheberrechtlich gehört. Jede Verwertung ist ohne Angaben des Verlages und des Autors unzulässig. Dies vergoldet wird für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Sicht und Sicht Zugleitungmachung.

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„Hören Sie mir noch zu- Frau Lange…?“

Nelly drehte langsam den Kopf vom Fenster zu Herrn Dr. Schumacher, und so langsam wie sie den Kopf bewegte, so langsam tauchte sie auch wieder im hier und jetzt ein.

„Ja, nein, es tut mir leid, Herr Doktor. Könnten sie das bitte noch einmal wiederholen?“.

Der Arzt sah sie mitfühlend an, kam um den Schreibtisch auf sie zu und hockte sich vor sie, um ihre zusammen gepressten Hände in seine zu nehmen.

„Frau Lange, wie viele Stunden haben sie heute geschlafen?“

Die warmen Hände taten gut, aber die Nähe des Arztes und seine Fürsorge waren Nelly zu viel. Sie drückte ihren Rücken durch, setzte sich aufrecht auf ihren Stuhl und entzog ihm langsam ihre Hände.

„Wir haben alle nicht viel Schlaf bekommen…ich weiß es nicht, aber ich habe geschlafen…“

Sie versuchte ein Lächeln, aber sie merkte selber, dass es eher eine Grimasse wurde.

„Könnten Sie bitte Ihre letzten Sätze noch einmal wiederholen?“

Dr. Schumacher stand auf und lies sich mit einem Stöhnen in seinen Sessel fallen.

„Frau Lange, die Krankheit ist bereits schneller fortgeschritten als wir anfänglich für möglich gehalten haben. Es tut mir leid, aber wir rechnen leider mittlerweile nur noch mit einer Lebenserwartung von max. 3-4 Monaten. Ich weiß, dass sie nicht verheiratet sind und ich würde Ihnen deshalb empfehlen sehr zeitnah die notwendigen Unterlagen fertigzustellen.“

Herr Dr. Schumacher beugte sich über dem Schreibtisch zu Nelly hinüber.

„Ich hatte Ihnen die Unterlagen für die Patientenverfügung und die Anschrift des Spitals aus der Schweiz gegeben- sind Sie da schon weitergekommen, oder darf ich Ihnen hierbei helfen?“

Nelly nickte langsam mit dem Kopf, sie hatte bereits Kontakt mit dem Spital aufgenommen und man hatte ihnen einen Platz in Aussicht gestellt. Alle waren dort sehr freundlich gewesen und sie hatte nun weniger Angst dort hinzufahren.

„Ja, ich habe alles auf den Weg gebracht. Die Patientenverfügung ist nicht so einfach zu formulieren, aber in dem Spital haben sie geschultes Personal was uns helfen möchte. Die Sterbehilfe in der Schweiz ist gut organisiert. Trotzdem Danke für Ihr Hilfe.“

Nelly stand auf, „Kann ich das Rezept jetzt mitnehmen?“

Herr Dr. Schumacher reichte ihr das Rezept über den Schreibtisch.

„Sie können es unten in der Apotheke direkt einlösen. Ich hatte bereits heute Morgen, nach ihrem Anruf, in der Apotheke nebenan Bescheid gegeben, und es ist mit der 9 Uhr Lieferung mitgekommen. Sparen Sie damit nicht, er kann so viel davon nehmen wie er glaubt zu brauchen.“

Der Dr. hielt inne, er war sich nicht sicher, ob sein Gegenüber ihm überhaupt noch zuhörte.

„Frau Lange, ich werde morgen Mittag bei ihnen vorbeischauen.“

Er stand nun auch auf und reichte ihr die Hand.

„Ich sagte es Ihnen schon einmal, scheuen sie sich nicht mich auch nachts anzurufen, wenn sie Hilfe brauchen. Wie sie wissen, wohne ich nicht weit von ihnen entfernt und könnte innerhalb von 15 Minuten bei Ihnen sein.“

Er lächelte sie aufmunternd an und drückte fest ihre Hand zum Abschied.

„Danke Herr Doktor, vielleicht komme ich darauf zurück.“

„Frau Lange...,“ sie hatte bereits die Türklinke in der Hand und drehte sich noch einmal um,

„Frau Lange, bitte tun sie uns allen den Gefallen, und denken sie in dieser schweren Zeit auch mal an sich.“

Nelly schaute den Doktor etwas irritiert an: „Danke Herr Dr. Schumacher, das mache ich.“

Als sie vor die Tür trat fegte ihr ein kalter Wind ins Gesicht und sie hielt ihre Jacke fester zusammen. Die Apotheke lag direkt neben dem Ärztehaus und hätte sie die Medikamente für Benno nicht so dringend benötigt, wäre sie einfach die Straße immer weiter entlang gegangen ohne anzuhalten.

Sie liebte den Wind in ihren langen Haaren, wie er an ihrem Körper zog und schubste, ihre Wangen massierte und sie versuchte, wie ein Blatt über die Straße zu wehen.

,Mal an sich denken,‘ die Worte von dem Doktor gingen ihr durch den Kopf. Wann hatte sie das letzte Mal an sich gedacht? Nelly schüttelte den Kopf und blieb vor dem Schaufenster der Apotheke stehen und betrachtete ihr Spiegelbild, ohne sich aber wirklich wahrzunehmen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal an sich gedachte hatte.

,Noch nie,‘ dachte Nelly und schalte sich sofort selbst in Gedanken.

,Herrgott noch mal, du Dramaqueen! Jetzt übertreib doch nicht wieder so maßlos.‘ Nelly schlang ihre Arme um sich, nicht nur weil sie in ihrem zu dünnen Mantel fror, sondern auch, weil sie sich so einsam und verloren fühlte.

,Was wäre passiert,‘ dachte Nelly, wenn ich mal an mich gedacht hätte, wenn ich mir mal nicht egal gewesen wäre?‘

Ihre Gedanken schweiften zu Benno.

Sie hatte Benno in der Oberstufe kennengelernt. Er war neu nach Düsseldorf gezogen und der Vertrauenslehrer hatte sie damals gebeten, Benno ein wenig in der Schule rumzuführen. Benno hatte ihr vom ersten Tag an den Hof gemacht und Nelly musste sich eingestehen, dass ihr das gefiel. Sie wurde noch nie zuvor umworben und ohne weiter darüber nachzudenken, was sie wirklich wollte und was das Leben noch für sie bereit hielt, wurde Benno ihr erster fester Freund. Nelly hatte sich nicht Hals über Kopf in Benno verliebt, so wie sie es aus Erzählungen von Freundinnen her kannte. Nelly war streng erzogen worden, und hatte sich nie für allzu wichtig gehalten oder gar etwas nur für sich gewollt, aber Benno gab ihr das Gefühl geliebt zu werden und das war ihr genug. Mehr hatte Nelly nicht gebraucht und gewollt.

Das war bereits 7 Jahren her. Beide hatten ihr Abi gemacht und Nelly hatte ihr Architekturstudium begonnen und Benno seine Bank Karriere gestartet. Sie hatten sich die Wohnung gekauft und sie waren zufrieden, eine Beziehung ohne Höhen und Tiefen. Benno hatte einen guten Job bei der Bank und Nelly hatte den Bachelor bereits in der Tasche und war jetzt im letzten Jahr zum Master.

Nelly hatte glaubt, dass es ihnen gut ginge.

Sie zog ihre Jacke noch fester an sich. Doch kurz vor Bennos Diagnose, hatte er sie mit seiner Arbeitskollegin Sandy aus der Bank betrogen.

,Der Name alleine, sagt doch schon alles,‘ dachte Nelly und spürte wie sich ihr Magen umdrehte und ihr Wasser im Munde zusammenlief, als würde sie sich jeden Moment übergeben müssen. Nelly schluckte die Flüssigkeit in ihrem Mund immer wieder runter.

,Entspann dich,‘ ermahnte sie sich selbst.

Das war jetzt knapp 3 Monate her, und damals hatte sie wirklich 2 tagelang gekotzt. Sie hatte geweint, geschrien und Benno in die Hölle gewünscht, sie hatte ihn wirklich verlassen wollen- sie war sowas von fertig mit ihm gewesen.

Benno versicherte ihr damals, dass dies ein Ausrutscher gewesen sei und bekniete sie, ihm zu verzeihen und ihn nicht zu verlassen- und in dieser Phase bekam er die Diagnose Krebs, Stadium IV, was so schön hieß wie Tumoren jeder Größe mit Metastasen in 1-4 Lymphknoten in der Umgebung mit Fern-Metastasen.

Danach war es gar keine Frage mehr für sie gewesen, ob sie ihn wirklich verlassen wollte. Sie hatten nie wieder über Sandy gesprochen und Nelly hatte niemanden von dem Seitensprung erzählt, das war plötzlich alles so unwichtig geworden, nun, wo sie wusste, das Benno sterben würde.

,Wo bitte schön, hätte ich denn da an mich denken sollen?‘, Nelly umfasste ihre Oberarme so stark, dass sie morgen bestimmt blaue Flecken dort haben würde. Sie hatte in den letzten Monaten abgenommen, was an sich nicht wirklich schlimm war, von Kleidergröße 44 auf 38 ist nicht lebensbedrohlich, aber durch die Gewichtsabnahme fühlte Nelly sich noch verletzlicher, verwundbarer und in ihren zu groß gewordenen Sachen noch verlorener.

Die Apothekerin kannte sie mittlerweile so gut, dass sie, ohne zu fragen das Medikament aus dem Hinterzimmer holte und wortlos die Tüte auf den Tresen stellte. Sie fragte Nelly schon lange nicht mehr wie es ihr ginge, und auch das Wetter war schon lange kein Thema mehr zwischen den beiden. Sie nahm das Rezept entgegen und reichte Nelly wortlos die Tüte mit dem Morphium. Die Apothekerin versuchte dennoch ein Lächeln - ein trauriges Lächeln, aber Nelly konnte es nicht erwidern.

„Danke“, sagte Nelly und verließ raschen Schrittes die Apotheke

Zuhause schloss sie leise die Wohnungstüre auf und lauschte. Es war still und sie konnte das Sauerstoffgerät monoton schnarren hören. Fast geräuschlos zog sie Schuhe und Mantel aus und steckte erst dann ihren Kopf durch die Schlafzimmertür.

Benno lag bleich, aber ruhig schlafend im Bett. Danach schaute sie ins Gästezimmer, Lina die Pflegerin lag quer und komplett bekleidet ebenfalls schlafend im Bett. Nelly musste lächeln, sie kannte Lina seit der Diagnose von Bennos Krankheit und sie war eine von drei Pflegekräften, die Benno und sie sich ausgesucht hatten.

Das Zimmer in dem Lina erschöpft schlief, war früher mal ihr Arbeitszimmer gewesen. Eigentlich hatte es nur Benno wirklich genutzt, aber er hatte darauf bestanden, dass auch sie dort einen Schreibtisch aufstellte. Beim Kauf der Wohnung hatte Nelly gehofft, dass dies einmal das Kinderzimmer werden würde, deshalb hatte sie auch über den fehlenden Balkon hinweggesehen. Doch nun war das angedachte Kinderzimmer, das Gästezimmer für das Pflegepersonal, Nelly schluckte.

Die Maklerin hatte ihnen damals auch die Hoffnung gemacht, dass über eine Balkonanlage im Hinterhof nachgedacht werden würden, aber tatsächlich wurde damals bei der Eigentümerversammlung gegen eine Balkonanlage und für eine Feuertreppe gestimmt. In dem Haus wohnten viele ältere Leute und die Fluchttreppe gab ihnen wohl das Gefühl der Sicherheit, sich bei Brand selbst retten zu können. Nelly hatte diese Logik nie verstanden, aber Sicherheit war ihren Nachbarn insgesamt sehr wichtig, deshalb hatten sie auch euphorisch eine Nachbarschaftswache gegründet.

Jede Wohneinheit hatte einen Pieper bekommen, den man, wenn man ihn nicht bei sich trug, neben seiner Wohnungseingangstür deponieren sollte. Sie hatte ihn noch nie benutzt, und hoffte, dass wenn sie ihn tatsächlich mal bräuchte, nicht die Batterie leer war.

Das wäre allerdings so typisch für sie.

Nelly stellte das Medikament aus der Tüte auf die Küchenanrichte zu all den anderen Medikamenten, und als sie die Tüte zusammenfalten wollte, spürte sie etwas kleines rundes hartes darin. In der Tüte befand sich ein kleiner Marienkäfer aus Holz, der auf einem vierblättrigen Kleeblatt geklebt war. Daran war ein Post-it befestigt mit der handgeschriebenen Nachricht: Ich wünsche Ihnen viel Kraft.

Nelly traten die Tränen in die Augen.

„Nelly?“, hörte sie Benno leise rufen.

Sie rieb sich die Augen trocken, während sie schon auf dem Weg zum Schlafzimmer war.

„Ich komme.“ Nelly ging zu dem Pflegebett und strich Benno das feuchte Haar von der Stirn und küsste ihn vorsichtig auf die Wange.

„Hast du geweint?“ fragte er und schaute ihr in die Augen.

„Habe ich dich geweckt?“, fragte Nelly statt einer Antwort.

„Nein, eigentlich nicht. Ich denke, es waren wohl eher die Schmerzen,“ Benno stöhnte auf.

„Könnte ich bitte etwas gegen diese Schmerzen bekommen?“

Nun musste Nelly tatsächlich lächeln, er war trotz der starken Schmerzen noch so höflich danach zu fragen. Sie würde wahrscheinlich schreiend und tobend die Medikamente einfordern und jeden zum Teufel wünschen, der ihr diese nicht binnen Sekunden verabreichte.

„Natürlich, du kannst so viel haben, wie du möchtest- auf Anweisung deines Arztes. Er kommt übrigens morgen Mittag vorbei, um nach dir zu schauen“.

Nelly ging in die Küche und packte die Infusion aus, warf einen kurzen Blick auf den Marienkäfer und brachte dann Benno das Morphium ins Schlafzimmer. Benno lag, mit vor Schmerzen zusammengekniffenen Augen, im Bett und sie beeilte sich die Infusion anzulegen. Zum Glück hatte Benno seinen neuen Port, so musste Nelly die Infusion nur an den Ständer hängen und ein paar Schläuche umstecken. Benno konnte sich anhand einer Handpumpe das Morphium normalerweise selbst dosieren, das aber übernahm Nelly jetzt für ihn und hörte erst auf zu drücken, als sich sein Gesicht entspannte.

Er murmelte noch ein „Danke...“ und glitt dann- wie Nelly wusste- in einen betäubenden Schlaf, der ihm die Schmerzen für kurze Zeit fast vollständig nehmen würde.

,Noch‘, dachte Nelly, den die Ärzte hatten ihnen bereits angekündigt, dass sie die Schmerzen irgendwann auch nicht mehr mit Schmerzmitteln in den Griff bekommen würden.

Nelly legte ihm die Handpumpe griffbereit an das Bett und legte sich dann auf ihre Liege, die mit in dem Schlafzimmer stand. Schon lange teilten sie sich nicht mehr ein Bett. Nach dem Seitensprung von Benno hatte Nelly angefangen im Wohnzimmer zu schlafen und danach, als Benno nachts Hilfe brauchte, hatte Nelly sich die Liege im Schlafzimmer aufgestellt und das Doppelbett war einem Pflegebett gewichen. Nellys Kopf berührte noch nicht das Kopfkissen, da war sie auch schon eingeschlafen.

Nelly wurde durch das Klingeln des Telefons wach und hörte dann Lina mit jemanden telefonieren. Sie reckte sich, und bemerkte, dass ihr ganzer Körper schmerzte.

,Ich hätte vielleicht doch nicht die preisgünstigste Liege nehmen sollen,‘ dachte Nelly und streckte sich erneut.

Nelly schaute auf die Uhr, und stellte verwundert fest, dass sie fast 5 Stunden geschlafen hatte. Sie reckte sich erneut und schaute zu Benno rüber, er hielt die Handpumpe in der Hand.

,Er hat sich wohl noch mal einen Nachschlag gegönnt‘, dachte Nelly müde. Dann stieg sie leise aus dem Bett und ging zu Lina rüber ins Wohnzimmer, die mittlerweile das Telefonat beendet hatte.

„Tut mir leid, dass ich erst so spät am Telefon war. Es war Herr Dr. Schumacher und er wollte nur an seinen morgigen Hausbesuch erinnern.“

Nelly runzelte die Stirn, es waren gerade mal ein paar Stunden her, das er ihr diesen Termin mitgeteilt hatte, sie hatte wohl einen noch verstören deren Eindruck hinterlassen als sie befürchtet hatte.

„Ich mache uns jetzt mal einen starken Kaffee und du gehst währenddessen duschen“. Lina drückte Nelly in Richtung Bad und zog selbst Richtung Küche ab.

Als Nelly wieder aus dem Bad kam roch sie bereits den Kaffeeduft. Benno schlief noch, jedoch wälzte er sich jetzt unruhig im Bett hin und her. Nelly zog sich leise einen Jogginganzug an und ging dann zu Lina in die Küche. Als sie sich gerade eine Tasse aus dem Schrank nahm klingelte es an der Türe. Sie erwartete niemanden und hatte auch keine Lust auf Besucher, aber Lina drückte bereits den Türöffner.

„Egal wer das ist, wimmle ihn ab. Benno schläft und ich bin nicht auf Besucher eingestellt“, Nelly zeigte mit der freien Hand an sich herab.

Lina nickte und ging bereits zur Tür.

„Oh, die Hanna!“, Lina stand an im Türrahmen und zog das Türblatt weiter zu.

„Heute ist kein besonders guter Tag für einen deiner spontan Besuche. Du hättest besser vorher mal anrufen sollen, denn du hast den Weg umsonst auf dich genommen“, hörte Nelly Lina sagen.

Ihre Stimme war nicht besonders freundlich, und man konnte die Genugtuung in ihrer Stimme hören. Lina konnte Hanna mit ihrer sehr, sagen wir mal, offenen und direkten Art nicht leiden. Hanna mochte man oder hasste sie, dachte Nelly und bei Lina war es definitiv das Zweite.

„Ich wusste nicht, dass es einen guten Zeitpunkt gibt um einen todkranken zu besuchen- und jetzt mach dich zur Seite.“

Nelly hörte noch Lina protestieren, aber da stand Hanna auch schon im Wohnzimmer- natürlich zog sie sich nicht die Schuhe vorher aus- das war Hanna- nie machte sie das, was man von ihr erwartete.

„Hallo meine Süße. Dein Wachhündchen wollte mich nicht reinlassen, und wenn ich mich dich so anschauen tut sie auch gut daran. Du siehst erschreckend aus- gibt es kein Makeup mehr in diesem Haushalt?“

Hanna nahm Nelly die Kaffeetasse aus der Hand, trank einen Schluck daraus und gab ihr diese mit einem angeekelten Gesichtsausdruck wieder zurück.

„Ich freue mich auch dich zu sehen“, sagte Nelly, grinste und holte aus der Küche eine weitere Tasse Kaffee.

Diesmal schwarz- und reichte sie Hanna.

„Was führt dich hierher und das auch noch so gut gelaunt“, fragte sie Hanna.

Diese ließ sich in den Sessel fallen und sah Nelly an. Lina setzte sich ebenfalls auf das Sofa und starte abwechselnd Hanna und Nelly an, man spürte förmlich, dass Lina sich nicht wohl fühlte. Hanna stellte ihren Kaffeebecher ab und stand wieder auf und nahm Nelly in den Arm.

„Du musst mal wieder unter Menschen! Du siehst wirklich scheiße aus. Ich weiß, dass du nicht möchtest und du müde bist und das Benno dich braucht, aber heute Abend gehst du mit mir aus, wir zwei hübschen,“ Hanna stockte, „also ich Hübsche und naja-du.“

Hanna grinste sie frech an und stand wieder auf. Hanna konnte nie lange sitzen bleiben.

„Wir sind eingeladen. Wir lassen uns volllaufen und vergessen alles um uns herum und sind einfach nur Nelly und Hanna.“

Hanna klopfte wie zur Motivation Nelly auf den Rücken: „Komm schon Nelly, wir lassen für ein paar Stunden einfach mal alles zurück und denken nur an uns“, und dann nahm sie Nelly in den Arm.

Nelly erwiderte die Umarmung, denn Hanna war eine der wenigen Personen, deren Nähe sie ertragen konnte. Hanna war kein gefühlsdusseliger Mensch, und es kam selten genug vor, dass sie mal jemanden in den Arm nahm.

Nelly erinnerte sich an die Worte von Bennos Arzt, und der Gedanken daran einfach mal Nelly zu sein und an sich zu denken, gefiel ihr aufrichtig. Sie nickte und befreite sich aus der Umarmung.

„Du hast recht- wo gehen wir hin?“.

Hanna blickte sie fassungslos an.

„Fuck, was hast du mit meiner Freundin Nelly gemacht?“

Hanna schaute Nelly ungläubig an,

„Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Antwort! Ich hatte mir schon Drohungen und Beleidigungen überlegt, wenn du wieder mit all dem Scheiß kommst, warum du nicht kannst.“

Hanna legte den Kopf zur Seite und schaute Nelly fragend an. „Was ist passiert, dass du so kampflos mitkommst?“.

Nelly zuckte mit den Schultern.

„Mein Akku ist komplett leer- ob ich hier todmüde zusammenbreche oder in irgendeinem Club- das ist mir gerade pups egal.“

Nelly drehte sich zu Lina um, die wohl auch nicht mit Nellys Antwort gerechnet hatte, denn sie sah Nelly überrascht an.

„Lina, bist du so lieb und wartest auf die Nachtschicht? Du müsstest mit Patrik nur die Übergabe machen. Du weißt, Telefonnummern und Medikamente – alles in der Küche.“

Plötzlich fühlte sich Nelly wieder hellwach.

„Natürlich bleibe ich noch so lange- hätte ich doch sowieso getan,“ murmelte Lina fast beleidigt.

„Aber meinst du nicht, etwas schlaf könnte dein Akku auch auffüllen?“, Lina schaute Nelly besorgt an.

So kannte sie Nelly nicht, sie konnte an einer Hand abzählen, wie Häufig Nelly ausgegangen war, seitdem sie sie kannte. Und dann auch nur zu Familienfeiern, aber nicht zu ihrem eigenen Spaß.

Unsicher schaute Nelly Hanna an, aber diese wischte mit der Hand durch die Luft, als würde sie diesen Unsinn wegwischen.

„So eine gequirlte Kacke! Nelly muss ihren Akku mit positiven Aktionen füllen. Es geht nicht nur darum den körperlichen Akku wieder aufzuladen, sondern vor allem auch den seelischen- und das Machen wir beide heute Abend. Los zieh dir was Heißes an, klatsch dir Makeup ins Gesicht und davon besser eine krasse Menge. Ich mache eine Flasche Sekt auf und quatsche solange mit Benno, bist du fertig bist“.

Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie in die Küche, öffnete den Kühlschrank und zauberte eine Flasche Sekt hervor. Nelly konnte sich gar nicht daran erinnern, dass sie noch eine Flasche Sekt im Kühlschrank gehabt hatte. Eigentlich trank sie viel lieber einen guten Osbourne 103 mit Eiswürfel, aber da war sie sich jetzt ganz sicher, dass sie den nicht im Hause hatte.

Sie ging ins Schlafzimmer und stand unentschlossen vor ihrem Kleiderschrank. Was sollte sie anziehen? Sie war solange nicht mehr aus gewesen, geschweige denn shoppen, sodass sie wirklich nicht wusste was sie anziehen sollte.

Benno bewegte sich und schlug die Augen auf.

„Hi, ist es okay für dich, wenn ich heute mit Hanna ausgehe?“, Nelly zögerte, „nur wenn das für dich wirklich okay geht, ich sage ihr sonst auch ab -kein Problem. Ehrlich. Ist vielleicht sowieso eine blöde Idee, ich habe eh Nichts zum Anziehen…“.

Noch ehe Benno antworten konnte, flog die Türe auf und Hanna stand, in beiden Händen mit einem Sektglas bewaffnete, im Türrahmen.

„Hallo mein todkranker Freund -wie ich sehe, lässt du dir mit dem Sterben echt Zeit“, sie ging einen Schritt auf ihn zu und küsste in seine Richtung.

Benno lächelte „Meine Freundin Hanna, wie man sie kennt und liebt. Nein, ich bin noch am Leben -mehr oder weniger- aber definitiv noch nicht tot“.

Er warf ihr eine Kusshand zurück.

„Siehst du Nelly, heute wird noch nicht gestorben, du kannst also aufhören nach Gründen zu suchen, um nicht mitzukommen“, sagte Hanna und hielt ihr eins der Sektgläser hin und prostete ihr zu.

„Dir muss ich wohl keinen Sekt anbieten, wie ich in der Küche gesehen habe, bevorzugst du die härteren Sachen“, Hanna lächelte Benno an und es war das erste echte Lächeln, dass sie am heutigen Tag zu sehen bekam.

Wie jedes Mal, wenn Benno und Hanna aufeinandertrafen, foppten sie sich so wie früher und man vergas, dass Benno wirklich todkrank war und seine Tage gezählt waren.

Bevor Nelly noch was sagen konnte, zum Beispiel dass sie tatsächlich nichts zum Anziehen hatte, saß Hanna bereits auf ihrer Liege und scherzte mit Benno über dies und das.

Nelly griff eine schwarze Hose, ein langes schwarzes Top und ein schwarzes Spitzen-Oberteil aus ihrem Schrank und ging sich im Bad umziehen. Im Bad konnte sie Benno lachen hören -fast so wie früher. Nelly musste sich zusammenreißen, um nicht laut los zu weinen. Sie riss sich zusammen, zog sich an und föhnte ihre Haare über der Rundbürste trocken. Danach legte sie etwas Makeup auf -aber kein Makeup der Welt könnte diese schwarzen Augenringe retuschieren -warum also erst den Versuch starten.

Nelly schaute in den Spiegel und was sie sah, gefiel ihr nicht wirklich -aber das Gesicht was sie jetzt im Spiegel anschaute, gefiel ihr besser als das fahle traurige Gesicht von vorhin und das musste für heute Abend reichen. Nelly stellte fest, dass ihr auch diese Hose etwas weit geworden war, sie musste wohl durch den ganzen Stress noch ein paar Kilo verloren haben. Nelly zuckte die Schultern, mit Gürtel wird es schon gehen‘, dachte sie.

Als sie aus dem Bad kam, hörte sie die beiden im Schlafzimmer immer noch miteinander lachen und da sie die beiden noch nicht stören wollte, ging sie in die Küche und sah Lina die Kaffeetassen spülen.

„Warum stellst du sie nicht einfach in die Geschirrspülmaschine?“.

„Ich wollte nicht im Wohnzimmer allein und nutzlos sitzen bleiben, außerdem kann ich beim Spülen besser denken“, antwortet Lina.

„Über was denkst du nach?“ fragte Nelly interessiert.

Lina schaute vom Spülen auf, sie hatte Tränen in den Augen: „Eigentlich hätte ich dir sagen sollen, dass du mal an dich denken sollst und dich mal wieder unter Leuten zeigst. Ich frage mich, warum ich es nicht getan habe“.

Nelly schüttelte leicht den Kopf: „Du hättest es mir sagen können, aber ich wäre nicht gegangen. Ich verstehe selbst nicht, warum ich ausgerechnet heute ausgehe. Mach dir keinen Kopf -es ist nicht deine Aufgabe auf mich aufzupassen -Benno ist dein Patient und das machst du klasse mit ihm. Danke dafür.“

Lina schaute wieder in ihr Spülwasser und spülte die Tasse zum gefühlten 10 Mal. Sie sagte nichts mehr und Nelly ging wieder ins Schlafzimmer.

„Du siehst klasse aus“, sagte Benno und versuchte ein Pfeifen als Nelly mit dem Sektglas in der Hand wieder im Schlafzimmer auftauchte. Sie ließ sich neben Hanna auf die Liege plumpsen und lächelte dankbar.

„Ich wünsche dir viel Spaß und mach dir keine Gedanken um mich. Patrick wird sich gut um mich kümmern.“

Benno zwinkerte ihr zu.

„Na dann los“, Hanna sprang auf und hielt Nelly beide Hände hin, um auch sie hochzuziehen.

Nelly trank ihr Glas schnell aus, stellte es auf ihr Nachttischchen, ergriff Hannas warme Hände und ließ sich von Hanna hochziehen. Nelly war wieder einmal über Hannas Kraft verwundert, mit welcher Leichtigkeit sie sie hochzog war verblüffend.

Nelly verabschiedete sich von Benno mit einem Kuss auf die Stirn und flüsterte in sein Ohr: „Wenn was ist, lässt du Patrick anrufen. Alle Nummern…“

„Ja, ja ich weiß –alle Nummern und Medikamente inklusive Einnahmeliste liegen in der Küche und hängen an der Pinnwand und liegen bei den Krankenunterlagen in der Schublade. Geh jetzt! Und Hanna, bring sie mir betrunken, gut gelaunt und gesund wieder.“

„Darauf kannst du einen lassen“, Hanna warf Benno zum Abschied einen Luftkuss zu und schob dabei Nelly vor sich aus dem Schlafzimmer.

„Und nicht vergessen -heute wird nicht gestorben“, Hanna zwinkerte Benno zu und kurz darauf waren die Beiden schon aus der Wohnung und zogen die Türe hinter sich zu.

-2-

Der Club war gut besucht, aber um die Uhrzeit noch nicht überfüllt. Hanna hatte Nelly auf der Fahrt dorthin aufgeklärt, dass heute im Club der Geburtstag von einer Box-Freundin von ihr gefeiert werden würde und sie beide eingeladen waren. Nelly fand schon immer die „Freundschaften“ die Hanna pflegte mehr als zwielichtig. Hanna verkehrte nicht nur in Boxclubs, sie kannte auch alle aus dem hiesigen Rockerclub- oder anders gesagt- man kannte Hanna dort und sie wurde als einzige ihr bekannte Frau dort respektiert und mit diesem KAMHA „Kameradschafts-Handschlag“ begrüßt.

Der Rockerclub war ihr auch wegen seiner Brutalität, seinen Geschäften im Rotlicht Milieu und im Drogenhandel aus den Schlagzeilen bekannt. Sie hatten es aber beide in der Vergangenheit immer geschafft, das Nelly zwar häufig bei diesen Partys dabei war, aber nie wirklich dazugehörte. Das war nun mal nicht Nellys Welt -und das wusste Hanna genauso gut wie Nelly.

Hannas Freundin, die heute ihren Geburtstag feierte, war außerdem auch die Freundin des Clanführers und dementsprechend wurde vor der Tür auch die Personenkontrolle durchgeführt. Nelly hatte mit Hanna an ihrer Seite mal wieder freies Geleit. Hanna stellte sich grundsätzlich nicht in einer Schlange an, wenn Hanna irgendwo auftauchte spaltete sich die Menge und die Türsteher begrüßten Hanna wie einen Ehrengast. Immer bekam man mit Hanna irgendwelche Privilegien -VIP Plätze, kein Anstellen in der Schlange und teilweise wurden sie sogar über die Hintertür geleitet, über Hinterzimmer, von denen bestimmt kaum einer wusste.

Warum das so war, hatte Nelly nur einmal bei Hanna hinterfragt und die hatte zwar mit einem Lächeln aber mit einem ernsten Unterton geantwortet: „Nelly, das willst du nicht wirklich wissen. Und wenn du es wüsstest müsste ich dich töten.“

Damals hatte Nelly gelacht, aber sie hatte auch verstanden, dass das kein Thema war, über das Hanna mit ihr sprechen würde und Nelly fasste auch nie wieder nach.

Offiziell arbeitete Hanna als selbstständige Fitnesstrainerin -aber auch das hinterfragte Nelly nie, obwohl sie daran ihre Zweifel hatte. Hanna war die durchtrainierteste Frau, die sie kannte, aber Hanna hatte so oft Wunden und Verletzungen, die nicht von einem normalen Training herkommen konnten. Sie wusste, dass Hanna auch Kampfsport machte, aber ihre Verletzungen waren teilweise Fleischwunden, die eher aussahen wie ernsthafte Stichverletzungen. Nicht das Nelly sich wirklich damit auskannte, aber sie konnte schon einen Kratzer von einer tiefen klaffenden Wunde unterscheiden, die teilweise mit mehreren Stichen dann genäht werden mussten. Hannas Körper war mit Narben übersäht und die bekam man nicht vom Training in einem Fitnessstudio, vom Boxen oder als Personaltrainer.

Aber Nelly akzeptierte es und genoss die Privilegien die sie -wenn sie mit Hanna zusammen war- hatte.

So langsam füllte sich der Club und Nelly konnte erkennen, das eigentlich nur Mitglieder des Clubs oder enge Freunde Einlass gefunden hatten.

„Warum haben die nicht direkt an der Türe ein Schild Geschlossene Gesellschaft angebracht für heute Abend“, fragte Nelly Hanna grinsend.

„Damit niemand dies als Einladung auffasst und den Laden in die Luft sprengt“, antwortete Hanna automatisch.

Als ihr das bewusst wurde lächelte sie Nelly an und schob ihr ein weiteres Bier über den Tisch zu.

„Auf uns und auf unsere immerwährende Freundschaft“, Hanna prostete Nelly zu und Nelly setzte es an und stellte das Glas erst wieder ab, als es leer getrunken war.

Sie lächelte Hanna an, es war gut, dass sie heute endlich Mal wieder ausgegangen war. Heute wird nicht gestorben, dachte Nelly -heute wird gelebt! Sie griff Hannas Hand und drückte sie ganz fest.

Die Stimmung änderte sich merklich als eine Gruppe von Männern eintrat. Einige waren Nelly vom Sehen her bekannt und sie wusste, dass der etwas Untersetztere mit dem Narbengesicht in der Mitte Kalle war, der Clanführer.

Die Gruppe bahnte sich ihren Weg durch die Menge, nickte begrüßend mal zu dem ein und anderen rüber, mal gab es diesen Nelly bereits bekannten KAMHU für die Auserwählten.

Als Kalle mit seinem Gefolge an dem Tisch von Hanna vorbei ging, straffte sich Hannas Körper und Kalle blickte zu ihnen hinüber. Er sah über Nelly wie gewöhnlich hinweg, seine Augen blieben jedoch an Hanna hängen und er lächelte sie an.

Er trat auf Hanna zu und begrüßte sie mit dem besagten Handschlag, ließ jedoch Hannas Hand nicht los, sondern beugte sich zu ihr rüber: „Da ist sie ja, mein Mädchen. Es ist schön, dass du da bist.“

Und dabei hauchte er ihr einen Kuss auf die Wange.

„Nach letzter Woche hatte ich schon befürchtet das wir uns eine Weile nicht sehen würden“.

Hanna lächelte: „Mich wirst du so schnell nicht los -alles gut“.

Kalle drückte noch einmal Hannas Hand, bevor er sie los lies und ohne noch weiter Personen an dem Tisch zu begrüßen, ging.

Einer nach dem anderen aus dem Gefolge kam zu Hanna und begrüßte sie mit Handschlag. Nick, einer von ihnen den Nelly auch bereits von anderen Partys kannte, gratulierte Hanna noch zu ihrer starken Leistung letzte Woche.

Nelly würde gerne Hanna fragen, wo sie letzte Woche war, aber nach weiterer Überlegung kam Nelly mit sich überein, es nicht wirklich wissen zu wollen und ihr war bewusst, dass sie von Hanna auch keine Antwort erhalten würde.

Noch während sie ihren Gedanken nachhing, verspürte Nelly ein leichtes behagliches Kribbeln im Nacken. Es wurde immer stärker und entwickelte sich zu einem aufregenden Kribbeln, dass sich wie ein Wasserfall über ihren ganzen Rücken ergoss und sich aber auch parallel dazu kalt über ihrem Hinterkopf nach oben zu ihrer Schädeldecke ausbreitete. Innerhalb weniger Sekunden wurde ihr ganzer Körper, von den Haarwurzeln bis in die Zehenspitzen mit einem nie gekannten überwältigenden Prickeln überflutet. Nelly hatte Gänsehaut am ganzen Körper und ihr Herz begann schneller zuschlagen. Sie hob ihren Kopf und drehte sich langsam Richtung Hintereingang um und erstarrte.

Er stand mit noch feuchten Haaren und nur mit dem Duschtuch bekleidet vor dem Kleiderschrank und griff nach einer schwarzen Jeans und einem schwarzen T-Shirt.

Eine Auswahl zu treffen, was er heute anziehen sollte, fiel ihm leicht -er besaß überwiegend nur schwarze Anziehsachen und außer den Jeans und T-Shirts noch eine Handvoll schwarzer Hemden. Die restlichen höchstens 2% waren weiße T-Shirts und ein weißes Hemd. Er liebte diese Einfachheit und hatte sich noch nie wirklich viele Gedanken über seine Garderobe gemacht. Er kaufte immer bei ein und demselben Designer ein –die Stücke waren alles andere als günstig, aber sie waren sau bequem und er musste sie nie bügeln lassen. Außerdem hielten sie eine Ewigkeit und so musste er sich nicht ständig neue Klamotten kaufen.

Er zog sich an und zischte leise auf, als er die Arme über seinen Kopf hob, um sich sein T-Shirt über den Kopf zu streifen. Die Verletzung im Rippenbereich bescherte ihm immer noch Schmerzen, aber die Blutergüsse hatten bereits die Farbe gewechselt und heilten langsam ab.

Aaron hatte Dank seines harten Trainings einen muskulösen Körperbau und seine Muskeln hatten schon manche harte Verletzung abgemildert, und auf seiner gebräunten Haut fielen die Verletzungen schon gar nicht mehr so auf.

Er ging zurück ins Bad und rubbelte sich seine, durch die Nässe fast schwarzen Haare, vor dem Spiegel trocken.

Eigentlich müsste ich mal wieder zu Joe dem ‚Frisör meines Vertrauens‘ dachte er und lächelte in sich hinein, aber dafür hatte er letzte Woche einfach keine Zeit gehabt. Er kämmte sich das Haar mit den Fingern nach hinten, und als es ihm immer wieder in die Augen fiel, entschied er sich mit Haargel nachzuhelfen. Auf die Rasur verzichtete er -er war eh schon zu spät dran und wollte Kalle nicht verärgern. Trotzdem nahm er sich noch die Zeit mit dem Handtuch das Waschbecken trocken zu reiben und seine schmutzigen Sachen in den Hauswirtschaftsraum zu bringen.

Wie immer bevor er seine Wohnung verließ, machte er seinen Rundgang, und das im wahrsten Sinn des Wortes -alle seine Zimmer waren miteinander verbunden und schlängelten sich um den Aufzugskern seines Lofts. Er blickte sich in jedem Zimmer um, nichts lag herum, das Bett war gemacht und bevor Aaron ging, schaltete er noch den Bodenputzroboter, die Waschmaschine und den Geschirrspüler an -er konnte einfach nicht anders. Er liebte es sauber und hasste es in eine unordentliche Wohnung zurückzukommen.

Er dachte an seine „offizielle“ Wohnung, die war von der Ausstattung und von der Größe der totale Unterschied zu dieser, aber auch diese war immer aufgeräumt.

Seine Kumpels zogen ihn damit auf -zum Glück kannte keiner diese Wohnung, oder wusste etwas von seinem akademischen Abschluss an der Uni. Aaron lächelte -sein Ruf wäre dann total im Arsch.

Er hatte das Privileg gehabt, in einem sehr reichen Elternhaus groß zu werden. Seine Eltern hatten versucht ihm die besten Eltern zu sein, jedoch hatte er sie eigentlich immer nur an öffentlichen Feierlichkeiten und zu Weihnachten gesehen. Sie waren immer viel beschäftigt gewesen, da Aaron es aber gar nicht anders kannte, war es für ihn nie befremdlich gewesen, von Nannys erzogen und in Internaten groß zu werden.

Wenn andere Kinder Spielsachen zum Geburtstag bekamen, bekam er Immobilien und Wertpapiere. Wenn andere Kinder sich zum Spielen verabredeten, hatte er Termine mit seinen Beratern und Anwälten.

Für ihn war das so normal gewesen. Nein, er hatte nicht gelitten und er konnte ehrlich nicht behaupten, er hätte eine schlimme Kindheit gehabt. Mit Abstand gesehen und jetzt in seinem Alter von fast 27 Jahren, konnte er sich eingestehen, dass diese vielleicht nicht immer normal gewesen war. Aber das war er auch nie gewesen und das war gut so.

Dank seiner Eltern hatte er Immobilien auf der ganzen Welt, ein Netzwerk, von dem andere nur träumen konnten. Und dank seiner Investitionen, hatte er so viel Geld, dass er allein, selbst mit einer 10-köpfigen Familie, dies nicht bis an sein Lebensende ausgeben könnte.

Durch seine internationale Schulausbildung sprach er fließend 8 Sprachen, hatte einen 0,8 Notenabschluss, einen Master in VWL und vor kurzem seinen Dr. Titel in Wirtschaft- und Finanzen erhalten.

Aaron konnte zufrieden sein, das wusste er. Er wusste auch, dass er trotz all dem nicht glücklich war, aber er war dankbar und zufrieden, und das reichte ihm.

Er kannte so viel Leid und Elend, er wäre sich schäbig vorgekommen, wenn er sich über sein Leben beschweren würde.

Als er am Club ankam, stand bereits eine riesige Schlange vor der Tür, mehr als die Hälfte der Personen wird heute bestimmt keinen Einlass in den Club erhalten, da war Aaron sich sicher. Eigentlich hätte in Neonschrift „Geschlossene Gesellschaft“ über dem Club leuchten müssen, dachte er.

Aaron lenkte seinen Wagen hinter den Club und betrat diesen durch den Hintereingang. Aaron hatte den Club vor 5 Jahren gekauft und seitdem war er der angesagteste Club in der Stadt. Er hatte großartige Leute eingestellt, und der Laden lief fast von alleine. Er schaute kurz im Personalbüro vorbei, unterschrieb ein paar Papiere und ging dann wieder runter.

Kalle war bereits mit seinem Gefolge im Club und Aaron sah gerade, wie Kalle Hanna begrüßte. Er kannte Hanna gefühlte 100 Jahre und steuerte ebenfalls auf sie zu, um sie zu begrüßen.

Doch dann erstarrte er, als er die Frau neben Hanna sah. Es traf Aaron wie ein Blitzschlag, sein Magen verkrampfte sich schmerzhaft und binnen Bruchteil einer Millisekunde hatte er das Gefühl, als würde sich sein ganzer Körper schmerzhaft zu einem Mittelpunkt zusammenziehen und jemand würde ihm gleichzeitig die Beine wegtreten. Er stützte sich an einem Biertisch ab, da er vor Schmerz fast das Gleichgewicht verlor.

Wie magisch angezogen konnte er seine Augen nicht von ihr abwenden, alles um sie herum verschwamm zu einer grauen Masse und nur sie allein konnte er ganz klarsehen.

Aarons Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum, er erinnerte sich, dass Hanna Claudia gegenüber erwähnt hatte, dass sie ihre Freundin mitbringen würde. Sie hatte auch ihren Namen genannt, aber er konnte sich verfickt noch mal nicht erinnern. Das war für ihn zu diesem Zeitpunkt so unwichtig gewesen, wie das Thema zu Claudias Menstruationsbeschwerden, was daraufgefolgt war.

Aus dem Gespräch heraus hatte er aber auch mitbekommen, das Claudia Hannas Freundin eingeladen hatte, und dass Hannas Freundin schon mehrfach bei Clubfeiern dabei gewesen war. Augenscheinlich möchte Claudia Hannas Freundin.

Fuck, er hatte sie aber noch nie gesehen -bis heute! Er konnte sie zwar nur von der Seite sehen und er hätte auch nicht in Worte fassen können, was ihn an diesem Mädchen so faszinierte, aber er war so aufgewühlt und jede Faser seines Körpers fühlte sich von dieser kleinen und eher unscheinbaren Person angezogen. Er verspürte dieses Verlangen nach ihr so hart und das Blut schoss in seinen Schwanz, der augenblicklich hart wurde.

Fuck, dachte Aaron.

Er fasste sich in den Schritt, um sich etwas Weite im Schritt zu verschaffen und stellte sich hinter den Biertisch. Er wollte lieber warten bis seine Schwellung ab klomm, dann würde er zu ihr gehen -mit dieser Beule in der Hose wäre es wohl eher peinlich.

Weil er seine Augen nicht von ihr wenden konnte, sah er Phil erst, als dieser sich provokant vor ihm aufbaute.

„N`abend Ron, traust du dich nicht an Kalles Gefolge vorbei oder warum versteckste dich hier?“

Phil grinste ihn breit an und entblößte damit die fehlenden Zähne in seinem Mund.

Phil war dafür bekannt gerne und hart auszuteilen und genauso gut und gerne auch bei einer Schlägerei einzustecken -die fehlenden Zähne waren dafür Beweis genug.

„Mach dich aus meinem Blickfeld Phil und halt deine sau blöde Fresse. Oder noch besser, verpiss dich in das Loch, aus dem du gekrochen bist und quatsch wen anderes an, sonst hau ich dir die letzten Stumpen aus deinem Maul“, mit diesen Worten schob Aaron mit einem Arm Phil aus seinem Blickfeld.

„Da ist jemand aber mit dem falschen Fuß aufgestanden, oder hast du im Käfig endlich mal den kürzen gezogen und richtig eins aufs Maul bekommen?“, Phil ließ sich widerstandslos von Aaron zur Seite schieben.

Er war kein Kind von Traurigkeit und nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte, aber so doof konnte keiner sein, um sich ernsthaft mit Aaron anzulegen.

Phil wollte Aaron noch ein wenig aufziehen, aber etwas in dem Blick von Aaron sagte ihm, dass er es heute besser sein lassen sollte und entschied sich deshalb lieber zur Theke zu gehen, um sich noch ein Bier zu gönnen.

-3-

Als Nelly sich umdrehte und diesen Fremden sah, schob er gerade einen Typen vor sich zur Seite. Nelly traf es wie ein Schlag, ihr Herz raste und ihre Hände wurden feucht, und sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde ihr aus der Brust springen.

Hatte sie heute Vormittag noch das Bedürfnis gehabt sich vom Wind forttragen zu lassen, so sehr sehnte sich jetzt jeder Teil ihres Körpers, einfach hier in seiner Nähe zu verweilen.

Nelly registrierte im Bruchteil einer Sekunde, wie gut er aussah, wie geschmeidig und kraftvoll seine Bewegungen waren und was für eine wahnsinnige Ausstrahlung er hatte.

Sie war sich sicher, dass sie ihn noch nie vorher in ihrem Leben gesehen hatte, aber alles an ihm erschien ihr vertraut, so vertraut das sein Anblick sie schmerzte. Es war so, als würde sie nach Jahren einen längst verloren geglaubten über alles geliebten Menschen wiederfinden.

Ihre Blicke trafen sich und Nelly war sich sicher, dass ihr Herz nun endgültig aufgehört hatte zu schlagen. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie etwas begehrt, aber jetzt und hier wusste sie, was sie wollte, sie wollte ihn. Ihr Kopf, Geist und Körper wussten um diese Tatsche und dies traf sie wie ein weiterer Schlag.

Plötzlich wurde Nelly geschüttelt und sie sah Hanna, die augenscheinlich etwas zu ihr sagte. Sie sah, dass sich der Mund von Hanna bewegte, aber sie hörte keine Worte aus ihrem Mund kommen, sie hörte nur ihr eigenes Blut in ihren Ohren rauschen. Es dauerte einen Moment bis sie wieder im hier und jetzt auftauchte.

„Hör auf mich zu schütteln“, fauchte sie ungewöhnlich ärgerlich Hanna an.

Hanna lies Nelly abrupt los.

„Fuck noch mal Nelly, du siehst aus, als ob du einen Geist gesehen hast. Du hast dein Bierglas fallen lassen, guck dir mal meine Schuhe an. Was zum Teufel ist los mit dir?“, fragte Hanna ärgerlich.

Doch Nelly starrte Hanna nur an und bevor Nelly antworten konnte, hörte sie die Stimme, die ihr eine süße Briese über den ganzen Körper jagte.

„Hi Han. Guter Job letzte Woche.“

Hanna drehte sich zu Aaron um und absolut ungewöhnlich in diesen Kreisen, nahm Hanna ihn in den Arm.

„Ohne dich hätte ich es nicht geschafft, das ist dir klar, oder?“ raunte Hanna Aaron in sein Ohr.

Er nickte und lies dabei seinen Blick nicht von Nelly, die wie festgewachsen hinter Hanna stand.

„Kein Ding -ich hoffe, du verpasst nicht die Gelegenheit das Gleiche für mich mal zu tun“, antwortete er mit dem süßesten Lächeln, das Nelly je gesehen hatte.

Er schob vorsichtig Hanna von sich.

„Möchtest du mir nicht deine Freundin vorstellen?“, fragte Aaron mit dieser tiefen rauchigen Stimme und schaute dabei immer noch Nelly tief in die Augen.

Hanna drehte sich zu Nelly herum und schaute irritiert Nelly und Aaron an. Die beiden standen sich jetzt gegenüber –nur sie stand noch halb zwischen ihnen. Hanna spürte fast körperlich das Knistern, das in der Luft lag und sie trat automatisch einen Schritt zur Seite.

Und noch bevor Hanna etwas sagen konnte, ging Aaron noch einen Schritt auf Nelly zu und streckte ihr die Hand entgegen.

„Hi, ich bin Aaron, aber alle nennen mich hier Ron.“

Nelly war von Aarons blauen Augen gefangen und sie konnte und wollte ihren Blick nicht von ihm lösen. Automatisch streckte sie ihre Hand Aaron entgegen und dieser ergriff sie mit seinen großen gepflegten warmen Händen.

Nelly spürte, wie die Gänsehaut ihr bei der Berührung über den Körper lief. Sie wollte diese Hand nie wieder loslassen und erst recht nicht das, was an dem Ende dieser Hand hing. Seine Wärme durchströmte sie und sie merkte wie die Hitze in ihr aufstieg. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so lebendig und wohl gefühlt hatte.

Er stand so nah bei ihr, dass sie seine Körperwärme wie eine Umarmung spürte, sein köstlicher Duft umhüllte sie wie ein Mantel. Nelly fühlte sich wie in einem dieser herrlich kitschigen Liebesfilme und wollte, dass es nie enden würde.

Sie wusste nicht, wie lange sie so dort standen, bis Hanna sagte:

„Das ist Nelly -und ich würde mich freuen, wenn du sie auch Nelly nennst und sie ist meine beste Freundin.“

Hanna räusperte sich fast theatralisch: „Ich hoffe du weißt, was das für dich bedeutet Ron -oder?“

Aaron ließ seinen Blick immer noch nicht von Nelly ab: „Hallo Nelly. Wo hast du dich nur die ganze Zeit vor mir versteckt?“ und dabei zog er Nellys Hand an seine Lippen und küsste ihre Handinnenfläche.

Hanna glaubte ihren Ohren nicht, sie sah Nelly an, aber die stand wie verhext da und starrte Ron an.

So eine verfickte Scheiße hatte sie von Ron noch nie gehört, dachte Hanna, war das etwa seine Anmache?

Hanna überlegte kurz, eigentlich hatte sie ihn in all den Jahren noch nie eine Frau anbaggern sehen. Alles was sie von ihm kannte, waren die Weiber, die ihm wie läufige Hündinnen hinterherliefen und das waren jedes Mal nur Bettgeschichten für ihn. Ron war einfach der Typ von Mann, dem die Frauen scharenweise hinterherliefen und sie war sich sicher, dass Ron noch nie eine Frau hatte zuerst ansprechen müssen.

Er behandelte Frauen zwar respektvoll, aber nicht wirklich liebevoll. Und so etwas wie eben, hatte sie noch nie bei ihm erlebt.

„Erde an Ron -du hast mich verstanden, du weißt, was das für dich bedeutet -SIE ist meine BESTE Freundin“.

„Sorry Han- sie ist mein Leben und meine Rettung, irgendwie schon immer gewesen.“

Hanna wollte laut loslachen, aber etwas ließ sie an dieser Situation verstummen. Entweder stand Ron unter Drogen oder sie hatte schon zu viele Biere intus. Aaron hielt immer noch Nellys Hand in seiner und Hanna war sich nicht sicher, ob Nelly ihn nicht loslassen wollte, oder ob Ron sie nicht mehr frei gab. Sie war sich auch nicht mehr sicher, ob sie Rons Worte akustisch richtig verstanden hatte -diese Situation war so surreal.

„Dann retten wir uns gegenseitig -ist das akzeptabel für dich…, Aaron?“ hörte sie Nelly mit leichter Stimme sagen und plötzlich war der Händedruck der beiden in ihren Augen ein Handschlag, der ein unwiderrufliches Versprechen besiegelte.

„Akzeptiert und versprochen, bis ans Ende der Welt“, gab Aaron zur Antwort,

„Akzeptiert und versprochen, bis ans Ende der Welt“ antwortete Nelly und beide lächelten sich an und lösten ihren Handschlag.

„Hey Han -ich besorge dir ein Bier und uns zweien einen Osbourne“, er zwinkerte Nelly an und verschwand Richtung Theke.

„Was zum Teufel war das???“ schrie Hanna Nelly an. Diese zuckte zusammen und schüttelte den Kopf, als wolle sie etwas aus ihrem Haar schütteln. Dann schaute sie Hanna verwirrt an: „Oh mein Gott, Hanna!“

Nelly holte tief Luft: „Sag mir bitte die Wahrheit, habe ich Aaron schon jemals getroffen, irgendwann einmal, vielleicht als ich mich mit Alkohol besinnungslos betrunken habe? Du bist meine einzige Freundin und wenn ich ihn schon einmal getroffen habe, dann bestimmt nur mit dir zusammen.“

Nelly sprach schnell und schaute Hanna verzweifelt und eindringlich an „Hanna, du musst mir das sagen“.

„Nein, ich glaube nicht, dass ihr schon einmal aufeinandergetroffen seid. Oder vielleicht doch, vielleicht habt ihr euch schon einmal gesehen, aber bestimmt nicht miteinander geredet. Ich habe keine Ahnung was das gerade war. Aber das solltest du mir erklären können, Nelly. Was zum Teufel war das gerade?!“

„Ich weiß es nicht -ich weiß es wirklich nicht. Es ist, als würde ich ihn ein Leben lang kennen und doch weiß ich augenscheinlich nichts von ihm. Ich bin total verwirrt und vielleicht sollte ich jetzt besser gehen.“

Nelly wurde auf einmal hektisch und schaute auf ihre Uhr. „Benno erhält gleich seine Medikamente und ich könnte Patrik entlasten. Wenn ich mir jetzt ein Taxi rufe, wäre ich rechtzeitig zu Hause.“

Nellys Gefühle spielten mit ihr Achterbahn und sie wollte hier nur noch weg -das Gefühl, dass sie Aaron gegenüber hatte, verwirrte sie und versetzte sie nun in leichte Panik.

Nelly hatte bereits ihre Jacke in der Hand, welche sie unter dem Tisch an einen Haken gehangen hatte, als in diesem Moment Aaron mit 3 Gläsern auftauchte und diese auf den Tisch vor ihnen abstellte. Er gab Hanna wortlos das Bierglas und reichte dann Nelly das mit Eiswürfel gefüllte Osbourne Glas. Dann nahm er sein Glas und hielt es den Frauen entgegen:

„Auf uns und auf das, was unabdingbar geschehen wird“,

dabei schaute er Nelly an und Nelly merkte, wie unter diesem Blick all ihre Hektik, Panik und Unsicherheit verschwanden und sie lächelte zurück.

Hanna und Nelly nahmen auch ihre Gläser in die Hand und prosteten sich und dann Aaron zu. Er trank sein Glas in einem Zug aus, und stellte es dann in die Mitte auf den Tisch.

Kurz darauf knallte auch Hanna ihr leeres Bierglas auf den Tisch und Aaron schaute Nelly herausfordernd an, doch Nelly nippte nur an ihrem Glas und stellte es dann vor sich ab. Aaron lächelte sie an und zog dabei eine Augenbraue hoch.

,Mein Gott, ´ dachte Nelly, ,was für ein Blick´. Sie wusste nicht, ob sie rot wurde, aber es fühlte sich für sie definitiv so an und deshalb schaute sie schnell weg. ,Ich benehme mich wie ein verliebtes Schulmädchen` spottete sie über sich selbst und hing ihre Jacke wieder an den Haken unter den Tisch. Nein, sie hatte plötzlich doch noch keine Lust nach Hause zu fahren und sie wusste ja, Benno war gut versorgt.

Die Stimmung im Club wurde immer ausgelassener und Nelly genoss dieses Gefühl, wohl den attraktivsten Mann aus dem Club an ihrem Tisch zu haben. Sie schaute sich um und sah die Blicke der anderen Frauen, wie sie Aaron beobachten und sich in Position warfen, wenn sie glaubten, er würde zu ihnen hinüberschauen. Nelly war erstaunt, dass es Aaron hingegen offensichtlich total egal war, wer ihn hier anhimmelte.

Frauen, die an dem Tisch vorbeikamen, beachtete er so gut wie gar nicht, oder nickte ihnen nur kurz zum Gruß zu. Er ignorierte es, wenn sie bei ihm stehenblieben und ganz offensichtlich mit ihm ins Gespräch kommen wollten. Es kam Nelly so vor, als ob er das alles gar nicht bemerken würde oder wollte, wie zum Beispiel die Gruppe junger Frauen, die ihm die ganze Zeit Blicke zuwarfen und sich ganz offensichtlich über ihn unterhielten.

Sie tanzten aufreizend immer wieder nahe an ihrem Tisch vorbei, aber Aaron sprach mit Hanna oder seinen Kumpels, und schenkte ihnen keinerlei Beachtung. Aber immer wieder suchte er ihren Blick, und wenn sich ihre Blicke trafen, dann stand die Zeit kurz still und es gab nur Aaron und Nelly. So glücklich Nelly dies auch machte, so sehr verwirrte sie aber auch Aarons Aufmerksamkeit. Was wollte so ein Typ Mann von ihr, wo er doch augenscheinlich hier alle haben konnte.

Nelly lächelte in sich hinein, nein, Hanna nicht -da war sie sich sicher. Auch wenn die beiden wohl eine sehr enge Bindung zueinander hatten, so konnte sie keine Gegenseitige Anziehung bei den beiden feststellen.

Nelly spürte bereits den Alkohol und sie konnte gar nicht sagen, wie viele Drinks sie bereits hatte, denn Aaron brauchte nur seine Hand zu heben oder einem der Kellner oder Kellnerinnen zunicken und wie durch Zauberhand hatte Nelly ein volles Glas Osbourne vor sich stehen.

Nellys Beine wurden langsam schwer und sie wollte gerade Hanna fragen, ob man nicht noch so einen Barhocker ergattern könnte, als Aaron sich umdrehte und wortlos vom Tisch ging. Sofort zog sich Nellys Herz schmerzhaft zusammen und sie geriet in Panik, er kann doch jetzt nicht so einfach verschwinden, dachte Nelly. Aber dann stellte Nelly erleichtert fest, dass er nur an den Nebentisch ging. Hier sprach er mit 2 Typen und Nelly beobachtete, wie die beiden von ihren Hockern aufstanden und diese Aaron zur Verfügung stellten.

Aaron nahm je einen der schmiedeeisernen Barhocker in eine Hand und trug sie zu Nellys Tisch herüber, als würden die Hocker nichts wiegen. Nelly konnte dabei ihren Blick kaum von seinen Oberarmen wenden und beobachtete faszinierend die Adern auf seinen Muskeln.

„Es ist eindeutig ein Vorteil hier Inhaber zu sein“, Hanna deutete auf Aaron. Nelly schaute sie verwirrt an.

„Die Hocker -Ron gehört der Laden, wenn der sitzen will, nimmt er sich die Hocker, oder wo starrst du hin?“

Doch Hanna schien nicht wirklich eine Antwort zu erwarten, denn sie grinste und hob den Daumen in Aarons Richtung. Als er mit den beiden Barhockern an den Tisch trat, stellte er sie fast nebeneinander und bot Nelly einen davon an.

Nelly war echt froh sich setzten zu können und Aaron setzte sich ganz dicht neben sie. Er spreizte eine Beine leicht, so das eins seiner Kniee Nellys Knie berührte und ein Stromschlag lief durch Nellys Körper.

,Es ist total verrückt, wie ich auf seine Anwesenheit und Berührung reagiere‘ dachte sie verwirrt. Sie hatte das Gefühl, als wäre sie nur noch Knie, spürte die Berührung von Aaron als wären sie an diesem Punkt verbunden, so stark, dass sie glaubte ihr Knie nie wieder von seinem Lösen zu können.

Da ihre Kniee vom Tisch verdeckt waren, sah niemand, dass sie sich berührten und selbst wenn jemand darauf achten würde, schoss es Nelly durch den Kopf , war es für Außenstehende nur eine zufällige Berührung.

Nelly fragte sich, ob diese Berührung von Aaron unabsichtlich war oder ob er wie sie, dies beabsichtigte und so sehr die Nähe genoss wie sie. Niemand würde sich etwas dabei denken, und doch hatte Nelly das Gefühl, als wäre diese Berührung das intimste der Welt und der Grund ihres Seins.

„Han, wenn du sitzen willst, hol dir selbst einen“, Aaron grinste Hanna an und die zeigte ihm den Stinkefinger.

„Leck mich“, Hanna grinste Aaron an und prostete ihm dann zu. Kurz darauf kam ein Kellner und brachte Hanna ebenfalls einen Hocker, den Hanna grinsend in Empfang nahm.

Nelly war sich nicht sicher, ob es daran lag, das Aaron der Laden gehörte, oder aber ob er wirklich so viele Freunde hatte, aber er schien hier echt jeden zu kennen, denn immer wieder kamen Leute an den Tisch und grüßten und quatschten mit ihm. Doch zu keinem Zeitpunkt bewegte er sein Knie von ihrem weg , keinen Millimeter und auch Nelly sorgte dafür, dass dieser Kontakt nicht abbrach.

Nick kam ebenfalls noch einmal zu Hanna und beide unterhielten sich kurz. Dann schaute er zu Aaron herüber.

„Ron, es wird Zeit.“ Nick zeigte mit seinem Kopf in Richtung Hintereingang. Aaron nickte und schaute zu Nelly, dabei legte er wie zufällig seine Hand auf ihren Oberschenkel. Nelly schoss das Blut zwischen ihre Schenkel und sie glaubte ihr Körper würde glühen. Sie hatte Schwierigkeiten ihre Atmung unter Kontrolle zu bekommen und schaute Aaron in die Augen. Er sah sie ebenfalls an und sie verlor sich in seinen Augen und glaubte darin zu ertrinken.

„Nelly,“ raunte Aaron ihr zu, „Ich habe jetzt einen sehr wichtigen Termin. Sonst würde ich nicht gehen und mein Knie von deinem Lösen -bitte glaube mir das“.

Nellys Herz zog sich zusammen, die Berührung hatte er wie sie empfunden und deshalb nicht unterbrochen. Ihr Herz machte einen Satz, sie hatte es so sehr gehofft!

Der Gedanken daran, dass er jetzt gehen würde, riss ihr allerdings fast das Herz entzwei. Nelly schossen die Tränen in die Augen, sie hatte ihn doch gerade erst gefunden, und dann sollte er schon wieder verschwinden?

Nellys Nervenkostüm war durch ihre private Situation mehr als angegriffen und es war total verrückt und nicht angebracht, wie sie hier reagierte, dessen war sie sich bewusst. Trotzdem konnte sie die Tränen kaum zurükhalten.

Die Hand auf ihrem Oberschenkel drückte diesen leicht zusammen:

„Bitte Nelly -nicht weinen.“

Eindringlich sah Aaron sie an.

„Ich gehe nicht mehr aus deinem Leben -nie mehr. Du bist mein Leben, aber dieser Termin ist sehr wichtig für mich und ich werde dich wiedersehen -so schnell ich kann. Ich finde dich, egal wo du bist. Mein Leben mit dir hat bereits begonnen“

Nelly schluckte und nickte.

„Ich gebe dir jetzt meine Handynummer. Merke dir diese Nummer, schreibe sie niemals auf und gebe sie niemanden weiter -niemals und niemanden -auch nicht Hanna. Versprichst du mir das?“

Nelly nickte.

Aaron hielt sich unauffällig die Hand vor den Mund und nannte ihr eine leicht zu merkende Handynummer.

„Niemand weiß von der Nummer und sie ist ausschließlich für dich bestimmt. Wenn du mich brauchst, egal wann und wo, kannst du mich über diese Nummer erreichen, ich bin für dich da -okay?“

Nelly nickte erneut: „Möchtest du auch meine Nummer haben?“ fragte sie ihn schüchtern, doch Aaron lächelte sie nur an und schüttelte den Kopf.

„Nein, gib sie mir nicht jetzt -zu viele Augen und Ohren hier. Ich muss jetzt gehen -du kommst mit Hanna nach Hause?“

Nelly nickte erneut und sie bekam die Panik kaum in den Griff, bei dem Gedanken, dass er jetzt jeden Moment aufstehen und verschwinden würde, der Mann, den sie erst seit knapp einer Stunde kannte. Wie albern und kindisch ich mich aufführe, schoss es ihr durch den Kopf, aber ihr ganzer Körper wehrte sich dagegen, sich mit dem Gedanken anzufreunden, das Aaron jetzt gehen würde.

Aaron winkte Hanna heran und auch Nick, der immer noch auf Ron wartete, kam mit zu ihnen an den Tisch.

„Han, du bringst deine Freundin später sicher nach Hause?“, Aaron sah Hanna bittend an.

Hanna stellte sich neben Nelly um ihr ihren Arm um die Schulter zulegen, dabei sah sie Aarons Hand auf Nellys Oberschenkel liegen. Hanna sagte nichts und wendete ihren Blick wieder Aaron zu.

„Nichts anderes hatte ich vor, du Klugscheißer. Kümmere dich lieber um deinen Scheiß. Ich wusste nicht, dass Kalle gerne warten gelassen wird“.

Aaron zog seine Hand langsam von Nellys Oberschenkel und hinterließ eine Spur auf ihrer Haut, die gleichzeitig brannte und kribbelte.

Reis dich zusammen, ermahnte Nelly sich selbst und schaute Hanna an.

Dabei begegnete sie Nicks Blick. Er sah sie mit undurchschaubarem Blick an und Nelly schaute direkt weg, der Blick war ihr unangenehm.

„Komm wir gehen tanzen“, schlug Hanna Nelly vor und zog sie auf die Tanzfläche. Als Nelly zurückschaute, war Aaron schon verschwunden. Es kam Nelly alles wie ein Traum vor, sie fühlte sich glücklich und lebendig, aber doch so unglaublich einsam.

-4-

Nelly wurde am nächsten Morgen durch ein Poltern geweckt. Sie lag auf der Liege im Schlafzimmer und blickte sich um. Benno lag nicht mehr im Bett und sie konnte Stimmen aus dem Wohnzimmer vernehmen. Patrik und Benno unterhielten sich, augenscheinlich war der Infusionsständer umgekippt.

Nelly kniff die Augen zusammen und reckte sich. Es war gestern noch recht spät geworden. Sie hatte mit Hanna noch ordentlich getrunken und getanzt -nachdem Aaron verschwunden war.

Aaron… Nelly war plötzlich hellwach. Aaron -was war das gestern gewesen?

Im Nachgang hatte sie das Gefühl, als ob das wirklich nur ein Traum gewesen sei -so unwirklich. Sie versuchte sich die Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen und ihr viel direkt die Handynummer ein, die er sie mehrfach hinter vorgehaltener Hand hatte wiederholen lassen.

Diesen magischen Augenblick, als sie ihn im Club gesehen hatte- hatte sie wirklich jemand Fremdem versprochen, ihn zu retten?

Sie schüttelte den Kopf und setzte sich auf die Bettkante. Sie war bestimmt durch den Schlafmangel gestern nur total daneben gewesen und der Alkohol hatte den Rest erledigt.

Aaron würde sie bestimmt für eine total abgedrehte Person halten, er würde bestimmt glauben, dass sie Drogen nahm.

Oh Gott, wie peinlich! Egal, ich werde ihn nie wiedersehen, beruhigte Nelly sich selbst und stand auf. Direkt als sie diesen Gedanken hatte, wurde ihr aber schlagartig bewusst, dass sie aber etwas ganz anderes wollte. Ganz hinten in ihrem Kopf gab es diese Stimme, die lautstark rebellierte und versuchte gehört zu werden.

Als Nelly dieser Stimme Gehör verschaffte, wurde ihr klar, dass sie selbst nicht daran glaubte. Natürlich würde sie Aaron wiedersehen, sie würde sogar alles dafür tun, um ihn wiederzusehen.

Ja, sie hatte ihm versprochen sein Leben zu retten, so wie er es ihr versprochen hatte. Sie glaubte fest daran und es kam ihr so natürlich vor, als wäre es schon immer so geplant gewesen. Er war kein Fremder -ja, es stimmte, sie kannte ihn erst seit gestern, aber ihr Gefühl sagte ihr, das er ihr Seelenverwandter war -es war so, als hätte sie nur auf ihn gewartet. Sie stoppte diese Stimme wieder und kam sich so verrückt und zerrissen vor.

Sie ging ins Wohnzimmer und sah Benno im Rollstuhl am bodentiefen Fenster vor dem Fluchtbalkon sitzen. Es gab wenige Tage, wo er noch das Bedürfnis hatte an die Luft zu gehen -es schien ein guter Tag für ihn zu sein.

„Hallo du Schlafmütze“, begrüßte er Nelly.

Nelly ging zu ihm und küsste ihn sanft auf die Stirn und setzte sich auf seinen Schoss.

„Morgen. Habe ich dich heute Nacht geweckt als ich nach Hause gekommen bin?“, fragte Nelly ihn.

Benno schüttelte leicht den Kopf: „Nein, ich hatte leider so viel Morphium intus, das ich dich zwar gehört habe, aber nicht in der Lage war dich anzusprechen. Hattest du denn einen schönen Abend? Hanna hat bereits 2 Mal angerufen und wollte dich unbedingt sprechen. Ich habe Patrik aber verboten dich zu wecken, ich war so froh, dass du endlich mal schlafen konntest.“

Hanna hatte bereits 2 Mal angerufen, wie spät war es, fragte sich Nelly und schaute auf die Uhr.

„Scheiße, wir haben schon nach 13 Uhr“. Nelly sprang auf. „Herr Dr. Schumacher wollte heute noch nach dir schauen und ich stehe hier im Schlafanzug. Sch… ich springe schnell unter die Dusche und kümmere mich ums Essen -hat Patrick dir schon was gemacht?“

„Nelly entspann dich. Ich hatte keinen Hunger und Patrick hat mir eine Banane gegeben. Alles gut. Mach dich in Ruhe fertig und dann essen wir später zusammen eine Kleinigkeit.“

Nelly griff sich Unterwäsche aus ihrem Schrank und sprang unter die Dusche. Warum hatte Hanna angerufen? Was kann so wichtig sein, dass sie bereits 2 Mal angerufen hatte? War etwas mit Aaron? Nellys Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Nelly nahm sich vor, nach dem Duschen Hanna anzurufen, es hatte keinen Zweck sich hier verrückt zu machen, das konnte ganz schnell geklärt werden.

Nelly band sich ein Handtuch um ihre Haare und ein Duschtuch um ihren Körper. Sie ging in das Schlafzimmer und auf dem Weg dorthin sah sie ihr Handy in ihrer Tasche blinken -augenscheinlich hatte sie Nachrichten auf ihrem Handy erhalten. Sie nahm es aus der Tasche und klappte es im Schlafzimmer auf. Sechs verpasste Anrufe und 27 WhatsApp-Nachrichten -was zur Hölle war hier los?

Nelly setzte sich auf den Rand ihrer Liege und sah, dass alle Anrufe von Hanna waren. Sie hatte jedoch keine einzige Sprachnachricht hinterlassen. Von den WhatsApp waren ganze 20 von Hanna. Nelly öffnete sie und Hanna schien augenscheinlich durchzudrehen. Bevor sie alle WhatsApp las, die alle einen ähnlichen Inhalt hatten -sie solle sich endlich melden, mal mit Gewaltandrohungen mal bittend -wählte sie Hannas Nummer.

Direkt beim ersten Klingeln war Hanna am Apparat: „Wie schön, dass du dich auch mal zurückmeldest!“

Hanna schien ziemlich angepisst zu sein.

„Dir auch einen schönen guten Morgen liebe Hanna“, Nelly musste schon fast lachen.

„Was liegt dir auf dem Herzen, dass… “

Hanna sprach ihr dazwischen: „Nicht am Telefon. Ich komme bei dir vorbei -wann passt es bei dir?“.

„Ich weiß nicht so recht Hanna, ob es heute geht“, stammelte Nelly.

„Dr. Schumacher ist auf dem Weg zu uns und ich sitze hier noch im Duschtuch bekleidet vor meinem Schlafzimmerschrank. Ich bin noch ziemlich angeschlagen von gestern und Benno ist recht gut drauf, eigentlich wollte ich einen ruhigen Abend mit ihm verbringen“.

„Wir sehen uns noch heute, und wenn du mir keine Uhrzeit nennen möchtest, komme ich jetzt bei dir vorbei!“

Hanna verstand echt keinen Spaß, anscheinend wollte sie wirklich heute noch das Gespräch mit ihr.

„Okay“, gab Nelly nach. „Ich denke Dr. Schumacher wird so gegen 15 Uhr wieder weg sein. Danach können wir uns auf einen Kaffee treffen. Wie wäre es um 16 Uhr im ‚Sahneschnittchen‘?“

„Okay“, Hanna atmete tief durch. „18 Uhr im Café“ und legte auf.

Als Nelly sich gerade das Haar föhnte, klingelte es an der Tür. Patrick öffnete sie und Nelly hörte, wie er den Arzt ins Wohnzimmer bat. Schnell machte sich Nelly fertig und als sie ins Wohnzimmer kam, war Dr. Schumacher bereits mit seinen Untersuchungen im Gange.

Als er sie sah, hob er die Augenbraue: „Guten Tag Frau Lange. Ihr Mann sagte mir gerade, dass sie etwas Schlaf gefunden haben. Sie sehen auch schon wieder etwas besser aus“.

Nelly lachte: „Hallo Dr. Schumacher. Etwas besser aussehen, fasse ich mal als Kompliment auf.“

Der Doktor und Benno grinsten sich an.

„Ich höre jetzt nur noch mal die Lungen ab, wollen wir uns dann einmal zusammensetzten?“

„Ja gerne -Patrick kannst du uns bitte einen Kaffee machen -der Doktor nimmt ihn mit einem Stück Zucker“.

Patrick ging in die Küche und Nelly schaute noch bei der Untersuchung zu und setzte sich dann an den Tisch. Ihre Gedanken drehten sich nun nur noch um Benno und seine Krankheit.

Benno war nur ein Jahr älter als sie. Er war immer gesund und sportlich aktiv gewesen, bis er sich bei einem Fahrradunfall vor knapp 4 Monaten das Schienbein brach. Es war ein ganz glatter Bruch, ohne Komplikationen. Im Krankenhaus stellten sie dann fest, dass seine Blutwerte nicht okay waren und ordneten beim Hausarzt weitere Untersuchungen an.

Später wurde dann diagnostiziert, dass Benno Krebs hatte. Zu diesem Zeitpunkt konnte man schon nicht mehr sagen, wo der Krebs seinen Ursprung hatte, sein ganzer Körper war voller Metastasen.

Der Krebs hatte gestreut und sich im ganzen Körper verteilt. Es gab kaum ein Organ, dass nicht befallen war und es war allen klar, dass Benno das nicht überleben konnte. Es war ein Schock für alle, keiner hatte je einen Gedanken daran verschwendet, dass einer von ihnen beiden zu diesem Zeitpunkt erkranken oder sogar sterben könnte.

Krebs -das lag alles so weit weg.

Die Ärzte hatten ihm keine Hoffnung gemacht und erst gar keine Chemotherapie in Betracht gezogen, alles was er jetzt noch einnahm waren Medikamente gegen die Schmerzen.

Die gute und professionelle Hauspflege konnten sie sich nur leisten, weil Benno etwas geerbt hatte.

Sie gaben Benno damals noch ca. 12 Monate, davon waren etwa 3 Monate vergangen und nun sprach man von nur noch 3-4 Monaten…

Nelly konnte die Tränen nicht zurückhalten, wie so oft in letzter Zeit liefen sie ihr einfach über die Wangen. Oft bemerkte sie das erst, wenn ihr ganzes Gesicht komplett benässt war.

Sie kramte ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und tupfte sich das Gesicht trocken. Ihre Augen brannten und das Gesicht juckte von den Tränen.

Sie stand auf und wusch sich das Gesicht und trocknete es sich vorsichtig ab. Durch das häufige Weinen war ihre Haut gereizt und brannte beim Abtrocknen. Sie ging zurück ins Wohnzimmer, wo bereits der Doktor und Benno am Tisch ihren Kaffee tranken.

„Komm, setz dich zu mir“, Benno klopfte auf seine Beine und Nelly ließ sich, ohne auf den Arzt zu achten auf seinen Schoss gleiten. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und Benno strich zärtlich über ihren Rücken.

„Wollen wir das Gespräch vielleicht ein anderes Mal führen?“ fragte Dr. Schumacher.

„Nein“, sagte Benno leise, aber bestimmt.

„Mir bleibt nicht mehr viel Zeit und man weiß ja nie, ob es ein nächstes Mal gibt.“

Nelly versteckte ihr Gesicht in Bennos Halsbeuge, sein Geruch hatte sich verändert. Er roch nicht mehr nach Sommer und Sonne, sondern nach Medikamenten und Desinfektionsmittel. Nelly versuchte doch noch den Duft zu erschnuppern, aber da war nichts mehr. Ihr traten wieder die Tränen in die Augen.

„Herr Schrimpf, wie ich bereits Ihrer Frau gestern mitteilte, ihre Krankheit schreitet viel schneller voran als angenommen. Ihre Blutwerte sind erschreckend und sie hier im Rollstuhl zu sehen grenzt schon fast an ein Wunder.“

Der Arzt räusperte sich: „Ich möchte ehrlich sein, wir dürfen davon ausgehen, dass dies nicht mehr lange so bleiben wird, ihre Organe werden nacheinander versagen. Ihre Frau hat bereits mit dem Spital Kontakt aufgenommen und heute Morgen erhielt ich den Anruf, dass sie in 4 Wochen dort aufgenommen werden können.“

Nun schluchzte Nelly haltlos, ihr Körper schüttelte sich unter den Tränenausbrüchen. Hätte Benno sie nicht gehalten, wäre sie erschöpft von seinem Schoss gerutscht. Sie hatte schon so viel geweint, dass sie gar nicht wusste woher die Tränen überhaupt noch kamen.

Benno strich ihr weiter sanft über den Rücken und wiegte sie wie ein kleines Kind auf seinem Schoss hin und her. Das beruhigte sie etwas und das Schluchzen wurde leiser.

„Ich habe bereits für Sie den Termin bestätigt -für Sie und ihre Frau. Frau Lange kann die Unterlagen nächste Woche abholen. Falls Sie noch Fragen haben, ich bin jederzeit für Sie da“, der Doktor stand auf und reichte Benno seine Hand. Benno verabschiedete sich und bedankte sich für alles was der Arzt für sie bereits getan hatte und versprach, bei Fragen ihn zu kontaktieren.

Nelly war so müde vom Weinen, dass sie den Kopf nicht hob und sich auch nicht vom Arzt verabschieden konnte und wollte. Sie hörte wie Patrick den Doc zur Tür brachte und wäre so gerne einfach auf Bennos Schoss sitzen geblieben -sie war so unendlich traurig und unendlich müde -alle Kraft war aus ihrem Körper gewichen.

„Nelly?“, sie hörte Patricks Stimme.

„Nelly -du musst aufstehen. Ich glaube, Benno benötigt seine Schmerzmittel“.

Jetzt erst wurde ihr bewusst, dass Benno weder ihren Rücken streichelte noch etwas sagte. Erschrocken schaute sie auf. Benno saß bleich und mit geschlossenen Augen da.

Nelly sprang von seinem Schoss.

„Benno -Patrick bringt dich jetzt zu Bett und gibt dir deine Medikamente – okay?“

Benno nickte unmerklich und Patrick war bereits dabei das Schmerzmittel in den Zugang zu spritzen. Das Medikament wirkte schnell und Bennos von Schmerzen verzogener Gesichtsausdruck entspannte sich.

„Ich bringe ihn ins Bett, bevor er mir aus dem Rollstuhl fällt“.

Nelly nickte zustimmend und Patrick schob Benno ins Schlafzimmer, wo er mit ihm leise sprach.

Nelly sackte auf der Couch zusammen, wie konnte ihr Kopf so leer sein und doch gleichzeitig so betonschwer? Sie saß noch da, als Patrick Minuten später ins Wohnzimmer kam.

„Es war wohl sehr anstrengend für ihn. Ich habe ihm das Maximum an Morphium gegeben -er wird die Nacht bestimmt nicht mehr wirklich klar werden. Lina kommt gleich -möchtest du dich auch hinlegen“, besorgt schaute Patrick sie an.

Nelly schaute auf die Uhr, es war kurz nach 15 Uhr.

„Nein, ich treffe mich noch mit Hanna. Kannst du mit Lina die Übergabe machen? Sag ihr bitte, dass ich noch nicht weiß, wann ich wieder da bin, aber jederzeit erreichbar bin.“

Patrick nickte und Nelly machte sich für das Treffen mit Hanna fertig.

-5-

Hanna wartete bereits im ‚Sahneschnittchen‘ als Nelly mit dem Taxi ankam. Nelly konnte bereits von der Tür aus sehen, wie Hanna dort saß, wie angespannt sie augenscheinlich war. Sie ging auf den Tisch zu und Hanna sprang direkt auf und umarmte Nelly kurz.

„Ich habe uns bereits 2 Kaffee bestellt. Vielleicht möchtest du auch einen Kuchen?“ Hanna schaute Nelly fragend an.

„Nein, ich habe heute noch nichts gegessen. Kuchen wäre jetzt nicht das Richtige, aber du kannst dir gerne etwas bestellen.“

Nelly ließ sich auf die Eckbank fallen, und die Kellnerin kam und brachte ihnen ihren Kaffee. Nelly legte ihre kalten Hände um den heißen Kaffeebecher.

„Dr. Schumacher war heute da. Sie geben ihm nur noch 3-4 Monate und in 4 Wochen gehen wir ins Spital.“ Nellys Stimme klang so traurig, wie sie sich fühlte.

Tränen liefen Nelly über ihr Gesicht und Hanna legte ihre Hände um Nellys Hände, die immer noch den Kaffeebecher umklammerten.

„Oh Nelly, das tut mir so unendlich leid. Ich hatte so sehr auf mehr Zeit für euch gehofft.“

Nelly nickte, beide schwiegen und hingen ihren Gedanken nach. Obwohl Nelly es ahnte, fragte sie Hanna nach einiger Zeit: „Über was wolltest du mit mir sprechen?“.

Hanna schaute Nelly an: „Nicht so wichtig wie das jetzt hier. Kann ich etwas für euch tun? 4 Wochen, das ist so bald… “

Nelly nickte wieder: „Ja, alles geht so wahnsinnig schnell. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit mit ihm. Benno schläft jetzt, ich konnte mit ihm noch gar nicht darüber reden, dass wir jetzt schon ins Spital sollen.“

Nelly löste sich von der Kaffeetasse und trocknete sich die Tränen. Sie tranken schweigend ihren Kaffee.

„Komm ich lade dich zum Essen ein. Im Clubhaus gibt es heute Braten mit Klößen und Rotkohl -wie bei Muttern“, Hanna lächelte aufmunternd.

Nelly lief erstaunlicherweise wirklich das Wasser im Munde zusammen, ja darauf hatte sie jetzt echt Appetit. Sie schrieb Lina eine kurze WhatsApp und erst im Auto kam ihr der Gedanke, dass Aaron auch da sein könnte. Vorsichtig fragte sie bei Hanna nach.

„Ich glaube nicht.“ Hanna überlegte kurz, „Ron ist nicht häufig im Clubhaus -keiner weiß wirklich, wann er auftaucht. Er weigert sich ein Handy zu benutzen und das bringt alle zum Verzweifeln. Wenn Kalle ihn auch nicht auf dem Festnetz erreicht, schickt er ihm einen seiner Laufburschen nach Hause. Meist ist er aber noch nicht mal da erreichbar, dann hinterlassen sie ihm Nachrichten auf seinem AB oder piepen ihn an. Wer zum Henker hat heutzutage kein Handy und nur einen Festnetzanschluss?!“

Hanna schüttelte den Kopf als würde sie es immer noch nicht begreifen können.

Nach einer kurzen Pause sprach Hanna in einem ungewöhnlich weichen Ton weiter: „Nelly, ich weiß nicht, was zwischen euch beiden gestern abgelaufen ist, das war wie in einem beschissenen Horrorfilm von Besessenen und ich krieg es nicht in und aus meinen Kopf. Wir müssen nicht jetzt darüber rede, aber ich würde es gerne verstehen. Ich kenne dich schon mein Leben lang und Ron -hatte ich geglaubt- auch zu kennen, aber das gestern waren weder er noch du.“

Nelly starrte aus dem Autofenster. Was sollte sie Hanna sagen, sie verstand es selbst nicht. Sie verstand auch nicht, dass Aaron ihr eine Handynummer von sich gegeben hatte, wo doch niemand, selbst Kalle, keine Nummer von ihm hatte.

War das wirklich seine Nummer und warum wollte er ihre nicht? Warum hatte er ihr gestern einen Osbourne gebracht und nicht wie Hanna ein Bier -woher kannte er ihr Lieblingsgetränk? Und warum nur hatte er diese magische Wirkung auf sie und wird das beim nächsten Aufeinandertreffen wieder so sein?

Nelly schwirrten die Fragen kreuz und quer durch den Kopf, aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen und erst recht keine Antwort hierzu finden.

Als sie am Clubhaus ankamen hatte Nelly solch einen Hunger, dass ihr schon schlecht war. Sie schaute sich auf dem Parkplatz um, aber sie wusste nicht wirklich wonach sie Ausschau halten sollte. Hatte Aaron überhaupt ein Auto oder fuhr er wie die meisten hier Motorrad? Nelly schüttelte den Kopf und wollte sich jetzt nicht mehr mit Aaron befassen, sie hatte Hunger.

Sie betratn das Clubhaus und waren überrascht wie gut dieses am frühen Abend besucht war. Natürlich bekam Hanna trotzdem noch einen freien Tisch und die Kellnerin rief ihnen im Vorbeigehen zu, dass es selbstverständlich den Mittagstisch für sie Beide noch gebe würde.

Nelly freute sich auf das Rotkohl, sie hatte es schon einmal hier gegessen und Elke die Köchin machte es immer mit frischen Apfelstückchen, so wie sie es liebte.

Hanna bestellte sich ein Bier und ihr eine Coke, während sie die Zeit nutzte und sich umschaute. In der Ecke erkannte sie Kalle mit seinem Gefolge, darunter auch Nick -Aaron war aber augenscheinlich wirklich nicht da. Nelly atmete auf, sie wusste jedoch nicht, ob sie froh oder enttäuscht über diese Tatsache sein sollte.

Als sie die Männer am Tisch beobachtete, merkte sie, dass Nick zu ihr rüber sah. Er beugte sich dabei zu Kalle rüber und sprach mit ihm. Er hatte die Ellenbogen vor sich auf den Tisch aufgestellt und sprach mehr oder weniger gegen seinen Unterarm, so dass Nelly nicht wirklich erkennen konnte, ob Nick tatsächlich sprach. Nelly fiel ein, dass auch Aaron gestern seine Hand vor seinen Mund gehalten hatte, nicht direkt, aber sie war sich ganz sicher, dass er diesen abgedeckt hatte.

„Hanna, was ist das für eine Sache mit der Hand vor dem Mund, wenn die sich hier Unterhalten?“

Hanna hätte fast das Bier ausgespuckt: „Wie kommst du jetzt darauf?“

Nelly zeigte mit einem kurzen Kopfnicken zu dem Tisch von Kalle. Hanna drehte sich um und schaute nun auch kurz hinüber.

Abrupt drehte sie sich wieder um.

„Scheiße Nelly -starr da nicht so hin,“ fauchte sie und sah Nelly ärgerlich an.

„Die halten die Hand vor den Mund, damit keiner von ihren Lippen ablesen kann. Augenscheinlich wollen die nicht, dass andere mitbekommen, über was sie sich unterhalten, deshalb schau da nicht so rüber! Wir wissen untereinander nicht wirklich wer das Lippenlesen beherrscht und wer nicht.

Nick kann das, das weiß ich ganz sicher und sicherlich kann das auch Kalle.“

Hanna hielt kurz inne.

„Du sitzt denen genau gegenüber, und ich bin mir sicher, dass Nick sich daraus einen Spaß macht, von deinen Lippen abzulesen. Vielleicht war das nach gestern eine blöde Idee mit dir hierher zu kommen. Wollen wir lieber gehen?“

Nelly schüttelte den Kopf, auf keinen Fall würde sie jetzt auf ihr Essen verzichten, das ganze Clubhaus roch nach Rotkohl und egal was sie jetzt noch anderes zu Essen bekommen würde, es würde ihr einfach nicht mehr schmecken.

„Nein Hanna, ist schon okay. Wer weiß, wie oft Nick das schon gemacht hat. Ich habe nichts zu verheimlichen und bin so uninteressant wie weiß Gott wer.“

Nelly hatte das provokativ in Nicks Richtung gesprochen und hielt sich dann dramatisch die Hand vor den Mund: „Lass uns bitte hier essen, und dann verschwinden wir wieder -okay?“

Die Kellnerin kam gerade auch mit dem Essen an ihren Tisch und Hanna konnte nur noch zustimmen. Während des Essens unterhielten sie sich über alles Mögliche und gaben sich die größte Mühe nicht über Ron oder Benno zu sprechen.

Es war ein schöner Abend und das Essen war wie erwartet köstlich. Sie hatten gerade der Kellnerin ein Zeichen zum Bezahlen gegeben, als die Tür aufging und Nelly Aaron hereinkommen sah.

Sofort traf sie die Erregung wie ein Blitz, ihr Herz raste und ihre Hände wurden augenblicklich feucht. Doch Nelly musste schmerzhaft feststellen, dass Aaron nicht alleine war. Eine gutaussehende, jedoch etwas billig wirkende, junge Frau folgte ihm und als Aaron Nelly sah blieb er stehen, was die junge Frau wohl als Aufforderung ansah, sich mit ihren gemachten Titten an ihn zu schmiegen.

Nelly spürte, wie sich ihr Magen drehte und ihr die Magensäure in den Mund schoss. Schnell legte sie die Hand auf ihren Mund und während Hanna zahlte sprang sie auf und rannte zum Klo.

Obwohl der Club voll war, sah Aaron Nelly sofort. Er hatte den Raum nicht mit seinen Augen absuchen müssen, er hatte gespürt, dass sie heute hier sein würde. Er hatte dummerweise Jaqueline auf dem Parkplatz getroffen, die ihm bereits auf dem Parkplatz angeboten hatte, ihm im Auto einen zu blasen. Aber er hatte dankend abgelehnt, das war noch nie sein Ding gewesen.

Er dann sah er Nellys erschrockene Augen und wie sie die Farbe aus dem Gesicht verlor, als Jaqueline sich an ihn drückte.

Die Kellnerin kam an Nellys Tisch und versperrte ihm für einen Augenblick den Blick. Dennoch sah er, dass Nelly schnellen Schrittes Richtung WC ging. Er schob Jaqueline von sich, die bereits die ersten Frauen begrüßte und ging Nelly hinterher. Er zögerte kurz, ob er das Damen-WC betreten sollte, entschied sich aber Nelly zu folgen.

Im Vorraum bei den Waschbecken standen 2 Freundinnen seiner Kameradschaft und machten sich vor den Spiegeln zurecht.

„He Ron- falsche Tür, oder haben wir da was verpasst?!“, die beiden Frauen lachten.

„Raus!“ knurrte Ron die zwei an und ohne noch etwas zu sagen griffen die beiden schnell ihre Taschen und liefen raus.

„Nelly“, rief Ron. Keine Antwort.

„Nelly, ich weiß, dass du hier drin bist. Sag was, bevor ich hier jede Tür auftrete“, und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schlug er gegen die erste Türe, die sich knallend gegen die Wand öffnete.

Plötzlich hörte er, dass jemand sich in der neben Kabine übergab.

„Ach shit, was machst du da drin?“, Aarons Stimme wurde weicher.

„Nach was hört sich das denn an?“ hörte er eine schwache Stimme aus der Kabine.

„Okay, Kleines -mach die Tür auf… “, aber bevor er den Satz beenden konnte, flog die Vorraumtür auf und Hanna stand im Rahmen.

“Raus -sofort“, schrie Hanna ihn an.

“Hallo Han,“ Aarons Stimme klang übertrieben süßlich: „Ich kann deiner freundlichen Bitte leider erst Folge leisten, wenn mir hier jemand erklärt hat, was hier los ist und warum Nelly mit dem Kopf über dem Klo hängt.“

Aarons Stimme wurde bei jedem Wort aggressiver und nun stand er, mit verschränkten Arme vor seinem Brustkorb, vor Hanna.

„Auch wenn ich der Meinung bin, dass dich das einen Scheiß angeht…“, fauchte Hanna und drehte sich dann aber zu einem Mädchen um, dass gerade an ihr vorbei aufs Klo wollte:

„Hey, wie heißt du?“ fragte Hanna ziemlich schroff.

Das Mädchen sah verwirrt abwechselnd Ron und Hanna an.

„Dana…Warum?“

„Pass auf Dana“, kommandierte Hanna, „Du gehst jetzt pissen und danach hilfst du meiner Freundin Nelly, die das Essen nicht vertragen hat und sich gerade auf dem Klo auskotzt.“ Dabei schaute Hanna Aaron giftig an, „Danach bringst du sie wieder in den Clubraum an ihren Tisch -hast du das verstanden?“

Nelly konnte die Antwort nicht hören, wahrscheinlich konnte die Ärmste gerade nur noch nicken.

„Und du mein Freund kommst jetzt mit, ich denke wir sollten uns mal unterhalten!“

Aaron klopfte vorschichtig an Nellys Klotür: „Ist das okay für dich, Kleines?“

Aarons Stimme klang so liebevoll, dass Nelly, obwohl es ihr so schlecht ging, eine Gänsehaut auf ihrem Körper spürte.

„Ja, alles okay. Wir sehen uns später.“

Nelly hörte wie die Tür zugeknallt wurde.

„Ähm, hallo… Ich heiße Dana –ich soll mich um dich kümmern. Alles klar bei dir?“

„Es geht, nicht richtig gut. Du kannst aber ganz in Ruhe erst Mal aufs Klo gehen, ich komme hier noch nicht weg“, sprach Nelly und musste wieder würgen.

Vielleicht war das Essen doch etwas zu mächtig gewesen, dachte Nelly, aber im gleichen Augenblick fiel ihr wieder das Bild von Aaron mit dem hübschen jungen Mädchen ein und wie sie sich an ihn geschmiegt hatte. Bestimmt war das seine Freundin. Nelly traten die Tränen in die Augen und sie musste erneut würgen. Wie blöd war sie eigentlich, warum hatte sie nur angenommen, dass so ein Mann keine Freundin hätte?!?

Neben ihr ging die Toilettenspülung und sie hörte wie die Nebentür entriegelt wurde und das Mädchen sich danach die Hände wusch.

Bei Nelly drehte sich alles und sie legte ihren Kopf auf ihrem Arm ab, der auf der Klobrille lag. Nelly hatte zwar Klopapier unter ihrem Arm gelegt, trotzdem ekelte sie sich davor und der Geruch aus der Kloschüssel machte es nicht besser.

„Kann ich reinkommen?“ frage Dana.

„Besser nicht, ich glaube, das ist hier kein schöner Anblick“, antwortete Nelly schwach.

„Wenn ich mich aber nicht gut um dich kümmere, reist mir Hanna den Kopf ab.“

„Das wird sie schon nicht“, entgegnete Nelly kraftlos.

„Oh, da kennst du Hanna aber nicht. Ich habe Geschichten von ihr gehört über dies das. Alter, da wird dir echt übel.“ Dana kicherte, wahrscheinlich fiel ihr gerade ein, wie übel es Nelly bereits gehen musste.

„Und einmal war ich dabei, da hat sie einem Mädchen von hinten in die Haare gegriffen und sie mit der Stirn auf die Theke geschlagen, bis der das Blut über das komplette Gesicht spritzte. Scheiße war das heftig!!! Keiner von uns hat sich getraut dazwischen zugehen und die hätte die Tod gemacht, wenn Kalle nicht dazwischen gegangen wäre.

Und weißt du, warum die das gemacht hat? Haste keine Ahnung?“, fragte Dana.

Nelly brummte nur und fing wieder an zu würgen. Sie hoffte, das dies nur eine rein rhetorische Frage war.

„Die hat die fast totgemacht, weil -und jetzt halt dich fest- Alter- weil die ihr Bier zur Seite gestellt hatte. Zieh dir das rein, weil die ihr Bier weggestellt hat! Siehste selbst, oder? Also wenn Hanna sagt, dass ich auf dich aufpassen soll, dann tu ich das. Sie hat gesagt, du bist ihre Freundin- und das weiß jeder hier, das ist mehr wert als ein blödes Bier. Oder was meinst du?“

Dana klopfte an der Tür.

„Ja, ich gehe davon aus, dass ich ihr mehr Wert bin als ein Glas Bier.“

Nelly erschöpfte das Reden, sie konnte zwar nicht glauben, was das Mädchen vor ihrer Tür über Hanna sagte, aber sie wollte jetzt auch nicht mit ihr diskutieren.

„Ich habe ein nasses Tuch für dich aus den Papierhandtüchern gemacht, willste die haben? Ich gebe sie dir unter der Tür durch.“

Nelly hörte wie Dana sich an ihrer Tür hinuntergleiten lies und ihr die feuchten Tücher unter der Tür reichte.

Nelly nahm sie und legte sie auf ihre Stirn. Ja, dachte sie, das tut echt gut.

„Ich habe mich jetzt vor deine Tür gesetzt. Wenn Hanna fragt, ich habe dich gefragt, ob ich reinkommen soll. Hab ich gefragt, oder?“

„Ja, du hast dich angeboten, und ich habe dankend abgelehnt. Ich brauche noch ein bisschen Zeit.“

„Okay, ich warte hier und wenn was ist, sagste Bescheid.“

Nelly hörte wie Dana in ihrer Tasche kramte und danach das Tippen von ihren Fingern auf dem Handy. Nelly schloss ihre Augen und hoffte, dass die Übelkeit bald erträglicher wurde.

„Hast du den Verstand verloren, oder was wird das hier zwischen Dir und Nelly?“

Hanna war mit Ron vor die Tür gegangen und viele aus dem Club hatten ihnen neugierig hinterher geschaut.

Augenscheinlich hatte es sich bereits wie ein Lauffeuer herumgesprochen, das Ron auf dem Damen-WC gewesen war und Hanna ihn da jetzt rausgeholt hatte.

Aaron schaute Hanna zornig an und man konnte nicht nur seiner Stimme anhören, wie bemüht er war, ihr nicht den Hals umzudrehen. Die Ader auf Rons Stirn schwoll immer an, wenn er sauer war, und die Ader war jetzt gerade zum platzen angeschwollen.

„Was zum Teufel willst du von mir? Was das mit Nelly und mir ist, willst du wissen?! Ich weiß es selber nicht und solange ich es nicht weiß, werde ich nicht mit dir oder sonst wem darüber sprechen. Und du solltest auch kein Wort darüber verlieren. Ist das angekommen?!“

Hanna blickte Ron an, so hatte sie ihn ihr gegenüber noch nie erlebt. Was war hier nur los? Sie schüttelte den Kopf.

„Sie ist meine beste und einzige Freundin, Ron. Du weißt, was das in unserem Job bedeutet -ich kann und will sie nicht verlieren. Ich will nicht, dass man ihr weh tut -das du ihr weh tust! Ich kann das hier nicht, ist das bei dir angekommen?!“

Hanna fuchtele mit ihren Armen in der Luft herum, um deutlich zu machen, was sie mit dem hier meinte.

„Sie ist gerade nicht in der besten seelischen Verfassung und ich bin mir sicher, dass sie das hier wirklich nicht braucht!“

„Sie braucht mich“, Ron sprach so ruhig und leise, aber bestimmt, das Hanna zögerte und dann doch leise weitersprach:

„Nellys Lebenspartner stirbt. Die Ärzte geben ihm noch maximal 3-4 Monate.“

Hanna schluckte und ließ ihre Worte wirken. „Nelly geht mit ihm sehr bald schon in die Schweiz, in ein Spital, sie wird ihn beim Sterben begleiten -ihm dabei zusehen, wie er stirbt!“

Hanna sah Aaron direkt in die Augen.

„Meinst du immer noch, dass sie das hier alles braucht?“

Ron schaute Hanna überrascht an.

„Das habe ich nicht gewusst, ich…“ er verstummte.

„Fuck, natürlich hast du das nicht gewusst, zum Henker auch. Woher solltest du das auch wissen, du kennst sie ja nicht!“

Hanna hatte große Schwierigkeiten ihre Stimme in den Griff zu bekommen. Wenn sie ihn nicht besser kennen würde, würde sie glauben in seinen Augen Tränen zu sehen. Aber Hanna hatte noch nie jemanden getroffen, der so abgebrüht und emotionslos war wie Ron.

„Was zum Teufel ist zwischen dir und Nelly? Oder besser gesagt, was glaubst du, was das ist zwischen euch beiden? Meinst du wirklich, dass hier tut ihr gut?“

Ron blickte zu Boden.

„Ich hole ihr ein frisches T-Shirt von mir aus dem Wagen. Warte hier“.

Ron ging an ihr vorbei zu seinem Auto und Hanna sah ihm sprachlos nach. Sie sah wie er den Kofferraum aufschloss und eins seiner schwarzen Shirts -sauber gefaltet- aus dem Kofferraum holte und wieder auf sie zukam.

„Hier, gib es ihr, sie wird es brauchen“.

Hanna nahm es entgegen und Ron ging wieder zum Clubhaus zurück. Dann drehte er sich zu ihr um und sagte:

„Das mit ihrem Freund wird nichts, aber auch rein gar nichts daran ändern und auch du wirst es nicht verhindern können“, dann steckte er die Hände in seine Hosentasche und ging zurück ins Clubhaus.

Hanna stand mit dem Shirt in der Hand da und wusste nicht, ob sie ihm hinterherrennen sollte. ,Ich könnte ihm von hinten eine drüberziehen,‘ dachte Hanna, vielleicht würde er dann zur Besinnung kommen. Hanna schüttelte den Kopf und ging dann aber ebenfalls rein, um sich den Weg ins Damen Klo zu bahnen.

Dana saß vor Nellys Klotür und spielte an ihrem Handy rum. Als sie Hanna sah packte sie es schnell weg und sprang auf.

„Ich wollte zu ihr rein, aber sie wollte das nicht. Ich habe ihr aber feuchte Tücher unter der Tür durchgereicht…“

„Verpiss dich!“ schnauzte Hanna sie an und Dana sah zu, dass sie so schnell wie möglich wegkam.

„Nelly -mach die Tür auf“.

„Ich kann nicht“, jammerte Nelly durch die Tür. „Ich habe mir meine Bluse vollgekotzt und mein Reißverschluss der Sweetshirt Jacke habe ich mir auch gerade kaputt gemacht“.

Hanna schaute auf das T-Shirt in ihrer Hand, „Mach die verdammte Tür auf, ich habe ein frisches Shirt für dich.“

Sie hörte wie Nelly die Klospülung betätigte und dann die Türe einen Spalt öffnete und ihre Hand rausstreckte.

„Kannst du meine Jacke halten -sie ist noch sauber.“

Hanna nahm im Tausch die Jacke entgegen und während Nelly sich umzog, versuchte sie den Reißverschluss zu reparieren.

„Scheiße, wie haste das denn schon wieder hinbekommen? Ich dachte du musstest nur kotzen und nicht dir dabei die Klamotten vom Leibe reißen“.

Sie hörte Nelly leise auflachen.

„Ich bekomm den Scheiß nicht repariert. Ich glaube von der kannst du dich verabschieden“, sagte Hanna und in dem Moment kam Nelly leichenblas aus dem Klo.

„Wer war das an Aarons Seite?“ fragte Nelly unvermittelt und ging zum Waschbecken.

„Wahrscheinlich irgend so eine Schlampe mit der Ron mal was hatte,“ antwortete Hanna absichtlich härter als notwendig.

Nelly schluckte.

„Doch noch eine Runde kotzen, oder geht’s?“ Hanna schaute Nelly besorgt an und es tat ihr fast leid, Nelly so hart geantwortet zu haben.

„Nein, geht schon wieder“.

Nelly betrachtete ihr Gesicht im Spiegel, sie sah so aus, wie sie sich fühlte -zum kotzen. Das Shirt war ihr viel viel zu groß, aber sie fühlte sich trotzdem in diesem Shirt geborgen, es roch unglaublich gut.

„Können wir uns noch ein paar Minuten nach draußen an die frische Luft setzten? Ich glaube nicht, dass ich mich jetzt ins Auto setzten kann.“

Nelly stützte sich am Waschbecken ab.

„Kein Problem“, Hanna warf sich die Jacke über die Schulter und nahm die schmutzige Bluse, die Nelly auf dem Handtuchpapierhalter abgelegt hatte.

„Schaffst du es allein raus, dann besorge ich dir noch ein Wasser.“

Nelly nickte, „Vielleicht mit einer Scheibe Zitrone…?“ schob Nelly nach.

Hanna schaute sie an: „Aber sonst geht’s noch, oder?“

Hanna klopfte ihr auf die Schulter und beide verließen zusammen das Damen-WC.

Nelly war so mit sich selbst beschäftigt, dass sie nicht die neugierigen Blicke um sich herum bemerkte. Draußen setzte sie sich auf eine der Bänke, die auf der Außenterrasse standen und holte tief Luft. Sie schloss die Augen und erst als sich alles um sie herumdrehte, öffnete sie diese wieder.

Sie zuckte zusammen, vor ihr stand Aaron mit einem Glas Wasser in der Hand. Sie hatte ihn nicht kommen hören und sie wusste nicht, wie lange er da schon stand. Obwohl es ihr so schlecht ging, blieb die gewohnte Reaktion bei seinem Anblick nicht aus.

„Trink“, er hielt ihr das Glas hin und setzte sich neben sie.

Nelly nahm das Glas und trank ein paar Schlucke.

„Da ist Zitrone drin“, stellte Nelly überrascht fest.

„Du magst keine Zitrone?“ Aaron sah sie fragend an.

„Doch, ich liebe Wasser mit einem Spritzer Zitrone“, antwortete Nelly leise. Sie spürte, wie Aaron sie von der Seite beobachtete. Nelly mochte sich nicht zu ihm umdrehen, sie wusste wie schlecht sie aussah und schämte sich dafür.

„Geht’s dir jetzt besser?“ fragte Aaron sie und seine Stimme klang so weich, dass sie sich zu ihm umdrehen musste.

Sie wollte ihn sehen und am liebsten hätte sie sich an ihn gelehnt. Er schaute ihr in die Augen und der Blick von ihm war so weich wie seine Stimme.

Er hob die Hand und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. Nelly schloss die Augen und diesmal war das Schwindelgefühl unglaublich süß und angenehm. Seine Bewegung war so langsam wie eine Liebkosung und sie genoss es hier einfach nur neben ihm zu sitzen und seine Hand an ihrem Haar zu spüren.

„Nelly?“ hörte sie ihn mit rauer Stimme sagen.

„Hmm?“ Nelly wollte ihre Augen nicht öffnen, sie war hier im Jetzt und sie wollte nicht weiter. Wenn es nach ihr ginge, könnte die Welt nun stehen bleiben und sie würde hier bis an ihr Lebensende mit Aaron auf dieser Bank sitzen.

„Nelly?“ Nelly öffnete widerwillig ihre Augen.

„Ich wollte dir nur sagen, dass das Mädchen mit der ich reingekommen bin, nur eine Bekannte ist. Ich hatte mal was mit ihr, absolut belanglos -rein sexuell- ehrlich. Jetzt ist da nichts mehr und wird es auch nicht mehr sein.“

Er schaute sie an und wartete auf eine Reaktion von ihr. Nelly schaute ihn aber nur an.

„Nelly, hast du gehört?“

„Aaron“, Nelly richtete sich auf, sie wusste nicht, wo sie beginnen sollte.

„Ich lebe mit einem Mann zusammen, mit meinem Freund. Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen und ich habe keine Rechte auf dich…“.

Aaron legte ihr den Finger auf den Mund und Nelly verstummte.

„Du hast alle Rechte auf mich, die du möchtest“, er nahm seinen Finger wieder von ihren Lippen und wo sein Finger noch vor wenigen Bruchteilen von Sekunden gelegen hatte, breitete sich eine wohlige Wärme aus.

Nelly schauerte innerlich und ihr ganzer Körper begann zu glühen. Sie konnte nicht anders und berührte mit ihrer Zungenspitze die Stelle, die er eben noch berührt hatte.

„Ich weiß von deinem Freund -Hanna hat es mir gesagt.“

Aaron schaute erst auf ihre Zunge, die über ihre Lippe fuhr und dann auf seine Hände: „Ich hoffe ich mache dir keine Angst, wenn ich dir solche Worte sage, aber ich gehöre zu dir und du zu mir. Ich weiß das, und ich weiß, dass du es weißt.“

Aaron sah Nelly nun wieder an und Nelly nickte, ja sie wusste es, genauso sicher wie er es wusste.

„Nichts und niemand wird mich jemals von dir fernhalten können, außer du schickst mich fort. Mein ganzes Leben wusste ich, dass es dich gibt. Ich wusste aber nicht, wo du warst, bis ich dich gestern gesehen habe. Verstehst du was ich dir sage?“

Nelly nickte ihn an und dabei fiel ihr erneut eine Strähne ins Gesicht. Aaron strich sie ihr wieder aus dem Gesicht und strich sie ihr hinter ihr Ohr und glitt unendlich sanft mit seinen Fingern an ihrem Hals herunter. Nelly stöhnte leise auf, tausend kleine Ameisen kribbelten auf ihrer Haut. Aarons Augen verdunkelten sich und bekamen einen milchigen Glanz. Er spürte, wie sein Schwanz hart wurde und er nahm seine Hand von Ihrer Halsbeuge. Nelly schaute ihn verlangend an.

„Es ist unglaublich was du mit mir anstellst“, hauchte Aaron ihr mit belegter Stimme entgegen.

Er hätte sie jetzt am liebsten geküsst, aber er hatte sich noch unter Kontrolle. Das war bestimmt nicht der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort für ihren ersten Kuss. Er wusste, er würde sie küssen und er war sich sicher, sie würde ihn darum bitten. Hinter ihnen räusperte sich jemand und als sie sich umdrehten, sahen sie Hanna dort stehen.

Sie hielt 2 Wassergläser in der Hand -eins mit einer Zitronenscheibe am Glasrand dekoriert.

„Das ist wohl für mich“, sagte Nelly, stellte das leere Glas ab und streckte Hanna ihre Hand entgegen.

Hanna gab wortlos Nelly das Glas. Sie sah von Nelly zu Ron und dann wieder Nelly an.

„Könnt ihr mir jetzt sagen was das zwischen euch ist?“ fragte Hanna bissig.

Aaron sah Nelly an und legte seine Hand auf Nellys Hand, die neben ihm auf der Bank lag.

Dann schaute er Hanna an: „Han, ich weiß, dass Nelly deine beste und einzige wirkliche Freundin ist und ich werde sie dir auch nicht wegnehmen oder sie verletzten. Aber ich weiß jetzt, sie ist der Grund, warum ich jeden Morgen aufstehe, sie ist der Grund warum ich lebe.“

Aaron grinste und streichelte dabei sanft Nellys Handrücken: „Ich werde sie nicht mehr hergeben und damit musst du jetzt leben. Es wird für mich keinen Kompromiss geben, Hanna, Freundschaftsschwur hin oder her.“

Aaron drückte Nellys Hand und stand auf, er richtete seine Hose und strich sich mit beiden Händen durch sein Haar.

„Das ist so klar, wie dass Morgen wieder die Sonne auf geht.“

Er schaute Hanna an, „Nimm es hin- das ist Sparta!“

Nun lächelte er, klopfte Hanna auf die Schulter und ging mit den Händen in den Hosentaschen davon.

Kurz vor der Tür drehte er sich um und rief ihr zu: „Wir sehen uns“, und dann formulierte er etwas lautlos mit den Lippen und verschwand dann im Clubhaus.

„Spinner“ sagte Hanna.

„Warum?“, wollte Nelly wissen.

Hanna dreht sich zu ihr um: „Er meinte, er würde dich überall finden, egal wo ich dich verstecken würde.“

Nelly musste schmunzeln, Hanna konnte also auch von den Lippen lesen.

-6-

Am nächsten Morgen ging es Benno schlechter, er hatte Beschwerden beim Schlucken und bekam Fieber und zur Mittagszeit musste Nelly den Arzt zu sich rufen. Benno bekam nur noch sehr schwer Luft und beim Abhören diagnostizierte Dr. Schumacher eine anfängliche Lungenentzündung. Der Krankenwagen musste gerufen werden und Nelly nahm die Notfalltasche und fuhr mit ihm im Krankenwagen in die Klinik. Benno wurde direkt auf die Intensivstation verlegt, weil er mittlerweile über 40 Grad Fieber hatte. Beim MRT wurde dann erkannt, dass der Krebs aus beiden Lungenflügeln heraus die Speiseröhre angegriffen hatte. Er wurde an verschiedenen Apparaten angeschlossen und mit Medikamenten vollgestopft, bis er Nelly nicht mehr erkannte. Benno und sie hatten immer Angst gehabt, dass Benno in seinem Krankheitsverlauf ins Krankenhaus musste und dies nicht mehr lebend verlassen würde. Sie wollten doch gemeinsam in die Schweiz. Benno sollte im Spital in Ruhe und würdevoll einschlafen dürfen. Nelly war verzweifelt. Sie saß noch bis zum späten Abend an seinem Bett und fuhr dann erschöpft mit dem Taxi nach Hause.

Von unterwegs rief sie Lina an, die ja die Nacht bei ihnen verbracht hatte und gab ihr frei. Sie verblieben so, dass Nelly sie auf dem Laufenden halten und sie spätestens morgen wieder anrufen würde.

Nelly checkte auch ihre Mails und WhatsApp auf der Fahrt nach Hause, aber es waren keine wichtigen Nachrichten dabei. Ihre Freundin Emilie schickte Bilder von ihrem Kurztrip mit irgendeinem Typen, ihre Mutter lud sie und Benno am kommenden Wochenende zum Essen ein, und ihr Arbeitgeber fragte an, ob sie noch während der Woche kurz im Büro vorbeikommen konnte.

Zuerst rief sie ihre Mutter zurück und erzählte ihr, dass Benno auf der Intensiv liegen würde und ihre Mutter brach am Telefon in Tränen aus. Ihr Vater übernahm dann das Gespräch. Er war nie gut in diesen Sachen gewesen und auch jetzt versuchte er Nelly mit den Worten „Wird schon wieder, Liebes“, aufzubauen.

Es kam ihr alles so sinnlos vor und am liebsten hätte sie ihn angeschrien: „Was bitte soll daran wieder werden?“

Aber sie bedankte sich für die Einladung und entschuldigte sich, dass sie unter den Umständen natürlich nicht kommen würden, und nein danke, sie würde auch nicht allein kommen. Sie wüsste auch nicht, wann man sich das nächste Mal sehen würde und ihr Vater war froh, dass sie das Gespräch dann beenden wollte. Ihre Mutter weinte im Hintergrund als hätte sie ihnen mitgeteilt, dass Benno bereits verstorben sei.

Nelly konnte das jetzt alles nicht ertragen und wollte nur noch unter die Dusche und dann ins Bett. Leider konnte Sie das Telefon nicht auf lautlos stellen, da das Krankenhaus jederzeit anrufen konnte.

Sie bezahlte den Taxifahrer, aber als sie ausstieg, wünschte sie sich, einfach wieder ins Taxi zusteigen und einfach nur weiterzufahren -immer weiter und nicht in die leere Wohnung zu müssen.

Die Wohnung war dunkel und Nelly fühlte sich so verloren. Sie machte sich kein Licht an und setzte sich in Jacke und Schuhe im Dunkeln auf das Sofa. Sie wusste nicht, wie lange sie dort saß, als ihr Handy sie zusammenzucken ließ.

Bitte nicht das Krankenhaus, bitte nicht, dachte Nelly während sie ihr Handy aus ihrer Handtasche kramte. Sie sah auf die Nummer und stellte erleichtert fest, dass es Hannas Nummer war. Im gleichen Moment durchzuckte sie ein schrecklicher Gedanke -hoffentlich war nichts mit Aaron. „Hallo Hanna“, keuchte Nelly ins Telefon. „Was ist passiert?“

„Bei mir ist alles okay, aber ich habe hier jemanden neben mir stehen, der mich gezwungen hat dich anzurufen“, sie hörte Hanna mit jemanden reden und dann hatte sie Aaron am Telefon:

„Nelly Kleines, was ist los bei dir?“

Aarons Stimme klang besorgt und angespannt und als sie seine Stimme hörte, brach es aus ihr heraus und sie fing an zu schluchzen.

Sie erzählte Aaron so gut sie zwischen den Schluchzern konnte, dass Benno ins Krankenhaus gekommen ist und nun auf der Intensiv lag. Sie erzählte ihm von ihrer Mutter und dass sie so tapfer für Benno sein wollte, aber sich jetzt so alleine und schwach fühlte.

Aaron ließ sie sich alles von der Seele reden und als Nelly sich wieder etwas beruhigt hatte, fragte er liebevoll:

„Nelly, möchtest du, dass ich dich abhole? Du solltest mit solch einer Last nicht allein sein. Ich kann auch Hanna bitten zu dir zu kommen.“

Nellys Gedanken überschlugen sich, natürlich würde sie ihn gerne sehen. Allein bei dem Gedanken daran fing ihr Herz an zu rasen.

„Ich glaube nicht, dass wir uns jetzt treffen sollten“ erwiderte Nelly unsicher und hoffte innerlich, dass Aaron sich nicht mit der Antwort zufriedengeben würde, aber sie hörte wie Aaron jetzt mit Hanna sprach.

„Nelly, Hanna kommt jetzt bei dir rum und bleibt auch über Nacht bei dir. Möchtest du so lange noch mit mir telefonieren, dann ruf ich dich gleich über Kalles Telefon an“.

Nelly nickte und versuchte den Klos der Enttäuschung in ihrem Hals herunterzuschlucken.

„Nelly, bist du noch dran?“

„Ja“, sie fühlte sich plötzlich sehr müde.„Ich glaube aber, dass ich mich bis Hanna hier ist, noch dusche und mir auch noch eine Kleinigkeit zu essen mache.“

Jetzt war es Aarons Stimme, die enttäuscht klang und es zerriss Nelly fast das Herz.„Ja, wahrscheinlich ist das so besser. Ich gebe Hanna jetzt ihr Telefon zurück, damit sie sich auf den Weg zu dir machen kann. Nelly?“

„Ja, Aaron“, sie glaubte er würde ihr Herz am anderen Ende des Telefons klopfen hören.

„Schlaf gut und Kleines, ruf mich das nächste Mal an, wenn es dir so schlecht geht, okay?“

„Okay“ quetschte Nelly raus und ihr traten die Tränen wieder in ihre Augen.

„Nelly?“

Nelly nickte und schluckte ihre Tränen herunter.

„Du bist nicht schwach und nicht allein. Du bist so stark, dass ich Angst um dich habe, dass du über deine Kräfte gehst. Und glaub mir, du wirst nie wieder allein sein, weil ich jetzt bei dir bin. Ich komme jetzt nur nicht zu dir, weil ich weiß, dass es sich für dich nicht richtig anfühen würde, wenn ich in deiner und Bennos Wohnung wäre und du solltest nicht zu mir kommen, weil du vielleicht heute Nacht noch ins Krankenhaus musst. Aber ich bin für dich da und wenn du mich anrufst, dann hole ich dich ab und wir fahren an einen neutralen Ort und ich werde auf dich aufpassen -du bist mein Leben. Auch wenn du mit Benno zusammen bist und ihn begleitest, mein Leben mit dir hat schon begonnen, mit dem Augenblick, als ich dich sah. Hast du verstanden?“

Nelly fühlte sich plötzlich erleichtert.

„Ja, ich glaub schon. Danke Aaron“ flüsterte Nelly.

„Nicht dafür -mein Leben. Nicht dafür!“ dann legte er auf und sie wusste, dass er Hanna jetzt davonjagen würde, damit sie so schnell als möglich bei ihr sein konnte.

Bei dem Gedanken kam wieder Leben in ihren Körper und sie ging duschen. Hanna klingelte, als sie gerade wieder aus dem Bad kam. Hanna sagte nicht viel und drückte sie nur Feste an sich.

An diesem Abend gingen sie zeitig ins Bett. Nelly schlief sehr unruhig und fiel erst in den Morgenstunden in einen Traum. In dieser Nacht träumte sie zum ersten Mal von Aaron.

„Nelly“ sie wurde unsanft gerüttelt.

„Nelly wach auf, du hast einen Alptraum“.

Hanna stand an ihrem Bett und schaute sie besorgt an. Nelly brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie zu Hause in ihrem Bett lag und nicht in Aarons Armen.

„Alles okay Hanna“, murmelte Nelly, „das war kein Alptraum“.

Hanna grinste, „Dann würde ich gerne wissen von wem du geträumt hast. Du hast dich hin und her gewälzt und gestöhnt.“. Nelly wurde rot und Hanna lachte.

„Herrgott Nelly, du benimmst dich wie ein Backfisch. War der Traum denn wenigstens richtig heiß?“

Hanna schaute Nelly bohrend an, was nur zur Folge hatte, das Nelly noch roter anlief.

Nelly setzte sich auf „Hanna, ich glaube ich habe mich verliebt.“

Hanna stöhnte auf, „Sag mir bitte nicht, dass es sich hier um Ron handelt“, aber Nelly nickte sie nur an.

„Zum Teufel Nelly -du weißt nicht was du da tust. Du hast keine Ahnung, wer er ist!“

„Dann erzähl mir von ihm. Sag mir wer er ist und was er so treibt.“

Hanna schüttelte den Kopf

„Sorry Nelly, aber alles was ich von ihm weiß, sind Dinge, über die ich mit dir nicht reden sollte.“

„Hat das was mit diesem Freundschaftsschwur zu tun?“ bohrte Nelly weiter.

„Ja, und mit vielen anderen Schwüren. Du weißt nicht auf was du dich da einlassen würdest und ich bitte dich eindringlich, dich von ihm fern zu halten.“

Hanna lief im Zimmer auf und ab.

„Was ist das für ein Freundschaftsschwur?“

Nelly musste es wissen. Hanna zögerte und zupfte imaginäre Flusen von ihrem schwarzen Oberteil und Nelly befürchtete, dass Hanna ihr wieder einmal keine Antwort zu diesem Thema geben würde. Aber zu Nellys erstaunen holte Hanna tief Luft:

„Ron und ich haben häufig erlebt, dass Freundschaften auseinanderbrachen, weil innerhalb und auch mit eng verbundenen Außenstehenden der Gruppe, sich Liebschaften entwickelten.“

Hanna setzte sich wieder auf die Bettkante zu Nelly und betrachtete ihre Hände.

„Es ist nicht leicht für uns Beziehungen zu führen, du siehst ja selbst, wie viel Geheimnisse wir mit uns rumschleppen und wir über dies und das nicht reden dürfen. Das ist nicht nur für uns anstrengend, sondern auch für den Partner, und da kommt schnell Misstrauen auf. Immer wenn dann diese ‚Liebe‘ auseinander ging, hingen immer irgendwelche Personen mit drin und es gab Stress und Streit und plötzlich waren die besten Freunde zerstritten und redeten nicht mehr miteinander. Don‘t fuck your own company! In unserer Familie ist es jedoch wichtig, miteinander zu agieren und sich gegenseitig zu vertrauen. Ron und ich haben uns irgendwann geschworen, dass uns das nie passieren wird -das ist der Freundschaftsschwur und den nehmen wir sehr ernst.“

„Das heißt, Aaron hatte nie eine Freundin aus dem Club?“

Hanna lachte bitter auf.

„Club, wie definierst du aus dem Club? Die meisten Weiber, die dort rumhängen gehören nicht zum Club. Die meisten träumen nur davon einen Typen aus dem Club abzuschleppen, oder abgeschleppt zu werden, aber zum Club werden die nie gehören und niemals zur Familie.“

„Bitte Hanna, erzähl mir von ihm“, Nelly schaute Hanna flehend an.

Hanna konnte nicht länger stillsitzen und lief wieder im Zimmer hin und her.

„Ron ist ein spitzen Fang, er steht ganz oben auf der Liste der begehrten Junggesellen und das nicht nur im Club. Du solltest mal sehen, wie die Weiber auf ihn abfahren, wenn wir auf Tour gehen.“

Hanna lachte auf und Nelly krampfte der Magen zusammen.

„Er sieht wahnsinnig gut aus und legt viel Wert auf ein sauberes und ordentliches Auftreten. Ich habe ihn noch nie mit einer Freundin gesehen, oder gehört, dass er da was am Start hatte, ich meine –eine richtige Freundin. Er ist ein ganz harter Kerl und wenn ich sage hart, dann meine ich das auch so. In unserem Club hält da keiner gegen, aber er geht immer respektvoll mit allen um. Auch für die größten Schlampen hat er ein offenes Ohr. Wenn Kalle Ärger mit seinen Mädchen hat, ruft er Ron und der bekommt die Scheiße immer wieder hin -dafür vergöttern die Mädchen ihn. Jede einzelne würde für Ron anschaffen gehen, aber Ron hat in diesen Kreisen seine Finger nicht drin.

Ron ist alles andere als dumm und man munkelt, dass er studiert hat. Er muss aus einem guten Elternhaus stammen, denn er kennt sich mit dem ganzen Schicky-Micky-Kram und in der gehobenen Gesellschaft gut aus.

Er weiß, wie man sich artikuliert und welches Besteck zum Essen zu welchem Gang genommen wird. Ich weiß, dass er fließend 5 Sprachen spricht, Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch und Italienisch, aber Nick hat ihn auch schon Russisch und Polnisch sprechen gehört, also wer weiß, vielleicht spricht er auch fliesend 7 Sprachen.

Er muss einen krassen Haufen Kohle haben und auch wenn man es nicht sieht, seine Klamotten kosten ein Vermögen.“

Hanna lief immer noch auf und ab.

„Ich habe mir mal den Spaß gemacht und den Designer seiner Shirts gegoogelt. Wir wollten ihm damals ein selbst bedrucktes Shirt als Gag schenken -ich habe mir dann aber etwas anderes überlegt, als ich die Preise gesehen habe.

Ron ist sehr verschlossen, wenn es um seine Privatsphäre geht. Keiner weiß wirklich, wo er herkommt und was er außerhalb der Familie tut. Er hat ja noch icht einmal ein Handy“

Hanna schaute Nelly an, aber Nelly war noch nicht zufrieden, sie wollte mehr wissen: „Wer ist Familie, Hanna?“

„Nur einige wenige gehören zur Familie. Claudia zum Beispiel, die Freundin von Kalle gehört zur Familie, sie wurde als letzte in die Familie aufgenommen.“

„Wie kommt man in diese Familie?“ Nelly war jetzt hellwach.

„Da kommst du nicht einfach rein, das wird von allen aus der Familie abgestimmt. Als Kalle den Vorschlag machte, Claudia in die Familie aufzunehmen, waren sie gerade erst ein paar Wochen zusammen, und wenn Kalle jemanden vorschlägt ist das was Besonderes und da sagt man nicht einfach nein, sondern denkt darüber ernsthaft nach.“

Hanna blieb stehen und schaute gedankenverloren vor sich hin, bis sie dann weitersprach.

„In unserem Club schützen wir das, was uns am liebsten ist. Und um das auch den anderen zu zeigen, schenken wir diesen Menschen ein Armband mit unserem Symbol. Wer dieses Armband trägt wird von jedem von uns beschützt, bis aufs Blut, mit unserem Leben. Deshalb wird dieses Armband nicht oft vergeben, eigentlich fast immer nur an die Kinder der Kammeraden. Denn mit jedem Armband wächst die Verantwortung und die Arbeit für jeden einzelnen von uns, deshalb wird darüber immer erst mit Kalle gesprochen, er ist der Hütter der Bänder. Kalle hatte damals ohne mit irgendwem zusprechen, Claudia direkt am 2.Tag dieses besagte Armband umgelegt. Damit waren damals viele nicht einverstanden, ich auch nicht. Ich wollte meinen Arsch nicht für irgendeine Tussi herhalten. Es gab hinter Kalles Rücken mächtig viel Gerede und Ron hatte sich damals echt stark gemacht für Claudia. Keiner hatte das damals wirklich verstanden, aber Ron hatte schon immer eine hohe Stellung im Club und in der Familie und viele, die vorher sich nicht sicher waren, stimmten dann aber für ein Ja. Das ist jetzt fast 5 Jahre her, und es war mit das beste was dem Club und der Familie passiert ist. Claudia hat still und leise, aber sicher aus der Familie eine echte Familie gemacht.“

Hanna verstummte, und Nelly nahm an, dass auch Hanna ihr viel zu verdanken hatte.

„Hanna, seit wann gehörst du zu dieser Familie?“

Hanna musste nicht lange überlegen, „Seit ich 15 Jahre alt bin, bin ich Mitglied dieser Familie und ich würde für jeden von ihnen sterben. Und weißt du was Nelly, das würden sie auch für mich.“

Dann schaute sie Nelly direkt an: „Du bist auch meine Familie, ich liebe dich und ich würde für dich töten und sterben. Ich könnte Ron es nie verzeihen, wenn er dich verletzen würde, deshalb habe ich Angst, wenn du etwas mit ihm anfängst.“

Nelly schluckte, so deutlich hatte Hanna das noch nicht gesagt. Obwohl sie Hanna irgendwie verstehen konnte, schrie ihr Herz dagegen an.

„Was hat dich damals dazu gebracht für Claudia zu stimmen?“ frage Nelly.

„Als ich Claudia dann kennenlernte, mochte ich sie sofort und konnte Kalle irgendwie verstehen, aber das entscheidende war dann doch Ron, ich habe ihm vertraut.“

„Kannst du ihm nicht vertrauen, dass er es ernst mit mir meint?“ fragte Nelly hoffnungsvoll.

„Ernst mit was? Ihr beide könnt oder wollt mir noch nicht mal sagen was das mit euch beiden ist. Ihr seid so unterschiedlich, ihr kommt aus komplett anderen Welten. Ich erkenne euch beide nicht mehr wieder -da ist Vertrauen eher schwierig, siehst du selbst, oder?“

Nelly seufzte, vielleicht hatte Hanna Recht. Vielleicht war das einfach nur ihrer jetzigen Situation geschuldet, dass sie glaubte, in Aaron verliebt zu sein. Was wusste sie schon von der Liebe und von Aaron? Wenn sie ehrlich war, war das alles ein Schleudertrauma ihrer Gefühle -sie hatte nichts an dem sie sich festhalten konnte.

„Nelly, du weißt ich bin beileibe kein Moral-Apostel, aber meinst du nicht, du solltest dir und Benno erst einmal Zeit geben?“.

Hanna legte ihre Hand auf Nellys Arm: „Ich weiß, dass das alles nicht leicht für dich ist -mach es dir doch nicht selbst noch schwerer.“

Sie drückte leicht Nellys Arm und Nelly stiegen die Tränen in die Augen. Hanna hat Recht, dachte sie. Sie war seit dem Seitensprung und der Diagnose von Benno nicht zur Ruhe gekommen, und das mit Aaron schien ihr auch keine Ruhe zu bringen. Allein der Gedanke an ihn ließ ihr Herz schneller schlagen.

„Vielleicht hast du Recht. Vielleicht sollte ich bis wir in die Schweiz fahren den Kontakt mit ihm auf Eis legen… und dann sehen wir weiter.“

Ihr Herz wurde schwer bei ihren eigenen Worten und schrie innerlich dagegen an, aber Nelly wollte jetzt nicht nur an sich denken, sondern nur auf Ihren Kopf hören und an Benno.

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