Kitabı oku: «Management-Coaching X.0»

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EHP – ORGANISATION

Hrsg. von Gerhard Fatzer

in Zusammenarbeit mit Wolfgang Looss und Sonja A. Sackmann

Der Autor:

Christof Schneck, Dipl.-Kfm., Dr. phil., Studium der Allgemeinen Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Marketing, Organisation und Organisationspsychologie. Ausbildung in Gestalttherapie, Gestalt-Organisationsberatung, Psychodrama, Körpertherapie, Gruppendynamik, systemischer Strukturaufstellung, Organisationsentwicklung sowie psychodynamischer Organisationsberatung und Coaching. Promotionsstudium an der LMU München: klinische Psychologie, Psychoanalyse, Organisationspsychologie. Berufliche Stationen als Personalreferent, Assistent der Geschäftsführung und 13 Jahre als Geschäftsführer einer GmbH mit über 200 Mitarbeitern und hohem volkswirtschaftlichem Nutzen. Mehr als zehn Jahre Erfahrung als Coach, Berater und Begleiter von Veränderungsprozessen. www.coaching-schneck.de

© 2013 EHP – Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach www.ehp-koeln.com

Inhalt

Vorwort zur Reihe EHP-Organisation

Prolog

Einleitung

Management-Coaching X.0

Zum Aufbau dieses Buches

TEIL I. NARZISSMUS – EIN ÜBERBLICK

1. Anthropologische und historische Wurzeln des Narzissmus

Der Mythos des Narziss

2. Zur Phänomenologie – Was macht einen Narzissten aus?

3. Zur Unterscheidung zwischen einem gesunden und einem pathologischen Narzissmus sowie einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Gesunder Narzissmus

Pathologischer Narzissmus und Narzisstische Persönlichkeitsstörung

4. Entwicklungstheorien des Narzissmus

Primärer und Sekundärer Narzissmus nach Freud

Die Ich-Psychologie

Die Objektbeziehungstheorien

Die Selbstpsychologie

Intersubjektive, relationale und interpersonelle Beiträge zur Entwicklungstheorie des Narzissmus

5. Zur Behandlung einer narzisstisch gestörten Persönlichkeit

Psychodynamik und therapeutischer Umgang bei Kohut und Kernberg

Interpersonelle, relationale und intersubjektive Ansätze in der Behandlung einer narzisstischen Persönlichkeit

Die Bindungstheorie und die neuesten Erkenntnisse der Neurobiologie

6. Narzissmus als gesellschaftliches Phänomen

Erich Fromm und die Vertreter der Kritischen Theorie

Gesellschaftliche Aspekte in den Arbeiten von Kohut und Kernberg

Lasch und das Zeitalter des Narzissmus

Narzissmus, Politik und Macht – die Arbeiten von Volkan und Wirth

Zusammenfassung des ersten Teils

TEIL II. NARZISSTISCHE PHÄNOMENE UND MANAGEMENT – EINE ANALYSE AUF VIER VERSCHIEDENEN EBENEN

1. Zum Begriff ›Management‹

2. Narzissmus und narzisstische Verhaltensweisen im Management – ein Kontinuum?

Das andere Ende des Kontinuums – Psychopathen im Management

Exkurs: Narzissmus und Macht im Management – auch ein Kontinuum?

Zusammenfassung

3. Interpersonelle und interaktionelle Aspekte narzisstischer Phänomene in Organisationen

Narzissmus und Führung

Narzissmus und regressive Prozesse in Arbeitsgruppen

Die ›narzisstisch infizierte‹ Führungskraft und die durch die Berufsrolle beeinflusste Familienkonstellation

4. Narzisstische Verhaltensweisen von Organisationen

Zum Zusammenhang zwischen oberster Unternehmensleitung, Kultur, Strategie und Struktur einer Unternehmung

Das narzisstisch infizierte Unternehmen

Narzissmus der Organisation oder organisatorischer Narzissmus

›Corporate Narcissism‹

Die ›psychopathische Organisation‹

5. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns und die narzisstische Kollusion auf gesellschaftlicher Ebene

Zusammenfassung des zweiten Teils

Der Beitrag eines Management-Coaching X.0 für eine erfolgreiche Unternehmens®evolution

Zum Begriff ›Unternehmens®evolution‹

TEIL III. MANAGEMENT-COACHING X.0–INITIAL ERFOLGREICHER UNTERNEHMENS®EVOLUTION

1. Der Begriff ›Coaching‹

2. Theoretische Hintergründe für ein Management-Coaching X.0

Psychoanalyse und Psychodynamik als Hintergrund

Die betriebswirtschaftliche Managementlehre als Hintergrund

Die Verbindung von Prozess- und Fachberatung als Hintergrund

Die Humanistische Psychologie als Hintergrund

Eine systemisch-konstruktivistische Perspektive als Hintergrund

Weitere theoretische Hintergründe und Coaching-Prinzipien

3. Formen, Arten und Anlässe für ein Management-Coaching X.0

Formen eines Management-Coachings X.0

Arten eines Management-Coachings X.0

Anlässe für ein Management-Coaching X.0

4. Der Umgang mit narzisstischen Phänomenen im Coaching in der Literatur

5. Der Prozess eines Management-Coachings X.0

Kontrakt

Situationsanalyse

Begleitung

Einbettung eines Management-Coachings X.0 in einen kontinuierlichen Prozess der Unternehmens®evolution

Abschluss

6. Die Qualität im Prozess eines Management-Coachings X.0

7. Die notwendigen Qualifikationen und Kompetenzen eines Coachs für ein Management-Coaching X.0

Zusammenfassung und Resümee

Zusammenfassung

Resümee

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Zur Reihe EHP-Organisation

Die Reihe stellt wichtige Basistexte zum Bereich der Organisationsentwicklung und des Change Managements sowie neue, grundlegende Texte und Übersetzungen für den deutschsprachigen Leser vor, und leistet damit seit 1988 Pionierarbeit. Dabei werden unterschiedliche Interventionsformen ausführlich dargestellt, um zur Entwicklung einer Beratungswissenschaft jenseits der reinen Technikorientierung beizutragen. Die Reihe widmet sich besonders dem interkulturellen Austausch zwischen Europa, Amerika und anderen Kulturräumen.

EHP-Organisation stellt sowohl Diskussionsgrundlagen und Denkfiguren im Bereich der OE für das 3. Jahrtausend als auch historische Grundlagen der OE in ihrer Aktualität bereit. Anliegen war es stets, eine Reihe mit sorgfältig ausgewählten Titeln zu entwickeln, inspiriert durch amerikanischen Kollegen und die langjährigen Wegbegleiter Chris Argyris, Edgar H. Schein, Fred Massarik (†), Ed Nevis (†) (mit Nevis’ Organisationsberatung startete die Reihe), Warren Bennis und die Kollegen um Peter Senge am M. I. T. und Claus Otto Scharmer, aus deren Kreis sich auch die Consulting Editors von EHP-Organisation rekrutieren.

Der verantwortliche Herausgeber der Reihe stellte mit Supervision und Beratung die Grundlagen von Supervision und Organisationsberatung umfassend dar – mit seinen zahlreichen Auflagen ist es bis heute eines der erfolgreichsten Handbücher des Feldes. Ergänzend dazu erschien Gute Beratung von Organisationen – Supervision und Beratung 2.

Die Trias-Kompasse bilden Trends und Diskussionslinien ab und ermöglichen eine Orientierung im Feld der Organisationen und unterschiedlicher Beratungsformen (Bd. 1: Erfolgsfaktoren von Veränderungsprozessen, Bd. 2: Schulentwicklung als Organisationsentwicklung, Bd. 3: Zur Bedeutung von Kurt Lewin, Bd. 4: Nachhaltige Transformation in Organisationen).

Organisationsentwicklung für die Zukunft, widmet sich ausführlich den Grundlagen der lernenden Organisation von Peter Senge u. a. und machte sie – wie ebenfalls die Arbeiten von Chris Argyris zur »eingeübten Inkompetenz« und zu »defensiven Routinen« – zum ersten Mal im deutschen Sprachraum bekannt. Außerdem liegt eine Neuauflage eines Standardwerks zur Lernenden Organisation und zur Schulentwicklung vor (Gerhard Fatzer: Ganzheitliches Lernen).

Neben internationalen Autoren publizieren wichtige deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Reihe wie zum Beispiel eine Autorengruppe um die VW-Coaching-Abteilung (Der Beginn von Coachingprozessen): Billmeier, Kaul, Kramer, Krapoth, Lauterbach und Rappe-Giesecke. Wolfgang Looss hinterfragte als erster kritisch den Coaching-Begriff, als der große Hype um den Begriff im deutschsprachigen Raum noch gar nicht gestartet war: Zusammen mit Kornelia Rappe-Giesecke und Gerhard Fatzer untersuchte Looss in dem Band Qualität und Leistung von Beratung die drei Beratungsmethoden Supervision, Organisationsentwicklung und Coaching. Looss’ Klassiker Unter vier Augen: Coaching für Manager ist bis heute eines der wichtigsten Bücher zum Thema geblieben.

Die Reihe orientiert sich nicht an Trends, und dort, wo die Professional Community der Berater, Coaches und Supervisoren ihre eigenen Grundlagen und Methoden nicht ausreichend berücksichtigt, ist es Ziel von EHP-Organisation, Einbahnstraßen der Wahrnehmung und kulturelle Ignoranz zu unterlaufen. Es kommen die Autorinnen und Autoren zu Wort, die diesen interkulturellen Dialog praktizieren und konzeptionell untermauern. So wird mit dem Band von Fatzer / Jansen (Die Gruppe als Methode) die oft ignorierte Kenntnis gruppendynamischer Grundlagen für die Entwicklung von Gruppen, Teams und Organisationen wieder zugänglich gemacht. Ein weiteres Beispiel ist die Monographie von Albert Koopman (Transcultural Management), die als erste ein erfolgreiches interkulturelles OE-Projekt dokumentierte und daraus ein breit anwendbares Modell der interkulturellen Beratung entwickelte. Das Buch von Barbara Heimannsberg und Christoph Schmidt-Lellek (Interkulturelle Beratung und Mediation) wendet die Grundlagen der Mediation auf den interkulturellen Bereich und auf die Organisationsentwicklung an. Zuletzt erschien dazu ein Buch, das dem Lebenswerk von Burkard Sievers gewidmet ist: Ahlers-Niemann / Beumer / Redding Mersky / Sievers: Organisationslandschaften mit einer weitgefächerten internationalen und multiprofessionellen Perspektive auf die destruktiven Prozesse in Organisationen. Arndt Ahlers-Niemann hat zusammen mit Edeltrud Freitag-Becker einen Band zu Netzwerken in die Reihe eingebracht, der ein breites Spektrum an Themen erschließt (Netzwerke – Begegnungen auf Zeit. Zwischen Uns und Ich).

Eine der wichtigen Interventionsformen, die EHP-Organisation (wie übrigens auch andere Veröffentlichungen im selben Verlag) besonders berücksichtigt, ist ›Dialog‹ als Methode: William Isaacs (Dialog als Kunst gemeinsam zu denken) und der Band von Christoph Mandl, Markus Hauser und Hanna Mandl (Die schöpferische Besprechung) haben hier im deutschsprachigen Raum Qualitätsstandards gesetzt. Die Autoren sind gleichzeitig Beiträger der Zeitschrift Profile. Internationale Zeitschrift für Veränderung, Lernen, Dialog / International Journal for Change, Learning, Dialogue, die mit ihrem Anliegen, das Verständnis von Menschen, Teams und Organisationen zu fördern, die Reihe EHP-Organisation ergänzt.

Die Arbeit von Ed Schein stand von Anfang an im Zentrum des publizistischen Auftrags von EHP-Organisation. Zahlreiche seiner Aufsätze erschienen früh in den Sammelbänden der Reihe, und hier liegen seine Grundlagentexte in Übersetzungen vor. Sein Klassiker Prozessberatung für die Organisation der Zukunft ist einer der erfolgreichsten Bände der Reihe. Der Referenzcharakter von Scheins Büchern wird auch im provozierenden Buch Organisationskultur (›The Ed Schein Corporate Culture Survival Guide‹) unter Beweis gestellt. Seine Fähigkeit, auf lesbare Art komplexe Organisationszusammenhänge zu vermitteln, macht die Lerngeschichte von Digital Equipment Corporation auch zu einem Lektüregenuss (Aufstieg und Fall von Digital Equipment Corporation. DEC ist tot, lang lebe DEC) – die wahrscheinlich einzige Dokumentation des Beratungsprozesses eines Unternehmens über dessen gesamte Lebenszeit. Scheins Führung und Veränderungsmanagement fasst zum ersten Mal seine Gedanken zu Führung in Unternehmen zusammen und wird durch eine Video-DVD mit einer Rede von Schein ergänzt. Als jüngster Titel unserer Reihe mit Titeln von Schein erschien Prozess und Philosophie des Helfens, das ausführlich eine der Grundkompetenzen von Managern und Beratern vorstellt. Die neuesten Bände unserer Reihe waren der an Schein anknüpfende Band Prozesspsychologie von Heidig, Kleinert, Dralle und Vogt, der einen Ansatz vorstellt, mit dem Unternehmen in entscheidenden Phasen von Veränderung begleitet werden, und Non-Profit-Organisationen in die Zukunft entwickeln von Barbara Heimannsberg, Heribert Namokel und Heike Fischer mit der Darstellung unterschiedlich erfolgreicher Entwicklungsprozesse.

Der vorliegende Band zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er mit dem Thema der narzisstischen Phänomene im Management eine Dimension aufgreift, die an der entscheidenden Schnittstelle von Person, Gruppe und Organisation liegt und damit grundlegend für die Themen Führung, Karriere, Unternehmensentwicklung ist.

Herausgeber, Autoren und Verlag, sind neugierig auf die Rückmeldungen unserer Leser auf diesen Band wie auf die gesamte Reihe, die wir als Möglichkeit zum Dialog innerhalb der globalen Professional Community verstehen.

Gerhard Fatzer

Prolog

Seit Mitte der 90er-Jahre beschäftige ich mich mit Narzissmus und speziell mit narzisstischen Phänomenen im Bereich Management. In den letzten Jahren bot sich mir die Möglichkeit, mich noch einmal intensiv auf wissenschaftlicher Ebene mit dieser Thematik auseinanderzusetzen und eine spezielle Form des Management-Coachings dafür zu entwickeln. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik half mir auch, eine lebensbedrohliche Krise zu überwinden.

Danah Zohar und Ian Marshall (2004) schreiben in ihrem Buch »Spirituelle Intelligenz«, dass es einer Anzahl von zwei bis fünf Prozent Paradigma verändernder, dienender Führungskräfte bedarf, um eine Unternehmenskultur zu transformieren. Sie nennen diese Paradigma verändernden Führungskräfte »Ritter«.

Die Verbindung von Kopf und Herz, die in der Regel erst durch eine große Krise oder ein lebensveränderndes Ereignis gewonnen wird, ist für die beiden Autoren eine der hervorstechendsten Eigenschaften eines ›Ritters‹. Eine lebensbedrohende Situation lässt einen nachdenken über den Sinn des Lebens, seine Ziele und die wirklich wichtigen Werte. Sowohl im Leben als auch in ihrer Arbeit folgen Ritter nach Ansicht von Zohar und Marshall fünf Prinzipien:

• Es gibt ein tieferes, von allen geteiltes Bewusstsein, das sich in diesem Universum entfaltet und jedem Aspekt menschlichen Lebens eine grundlegende Ausrichtung gibt.

• Alle Unternehmungen des Lebens sind miteinander verbunden.

• Jede menschliche Anstrengung, wirtschaftliches Handeln eingeschlossen, ist Teil des größeren und umfassenderen Gefüges des ganzen Universums.

• Die Beziehung des natürlichen und heilen Menschen zur Welt findet Ausdruck in Engagement und Verantwortlichkeit.

• Dienendes Handeln vermittelt ein tiefes Gefühl von Demut und Dankbarkeit (ebd. S. 229 f.).

Ich hoffe, dass ich mit diesem Buch einem transformationalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft ein wenig dienen und damit meinen Beitrag zu dem sich ständig weiter entfaltenden Bewusstsein leisten kann.

Christof Schneck, München im Sommer 2012

Einleitung

»Je mächtiger der Widerstand, umso tiefer die Wahrheit, deren Abwehr er dient!«

(Altmeyer 2003, S. 237)

Management-Coaching X.0?

Schon innerhalb der ersten zehn Jahre des 21. Jahrhunderts ist die Welt mit mehreren Krisen konfrontiert worden. Zu diesen Krisen zählen die vielfältigen durch das Klima1 ausgelösten Katastrophen, wie beispielsweise die Überschwemmungen in Australien. Auch die Umweltkatastrophen müssen dazu gerechnet werden, wie beispielsweise die Ölpest im Golf von Mexiko im Jahr 2010. Und ganz sicher gehört dazu auch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, die im Jahr 2006 ihren Anfang nahm. Ausgelöst wurde diese durch das Platzen der Immobilienblase in den Vereinigten Staaten. Ebenso muss die Staatsschuldenkrise im Euro-Raum genannt werden, die Ende 2009 in Griechenland ihren Anfang nahm und die bis heute nicht gelöst ist. Die vielfältigen Krisen sprechen ihre eigene Sprache. Es wird sogar von einer »Weltwende 2012« (Laszlo 2009) oder einem notwendigen »Evolutionssprung« (Broers 2010) gesprochen. Zumindest die Weltwirtschaft scheint in ihrer herkömmlichen Form so nicht weiter existieren zu können.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hatte sicherlich viele offensichtliche Ursachen, wie z. B. eine langjährige falsche Geld- und Fiskalpolitik, fehlende gesetzliche Grenzen und Regeln für die Finanzmärkte durch die Politik und dadurch hochriskante und globalisierte Finanzprodukte, an kurzfristigem Erfolg orientierte Banken mit entsprechenden Vergütungssystemen, gierige Manager2 und vieles mehr.3

Klaus Töpfer, der ehemalige Bundesumweltminister, bezeichnet diese Krise als eine mutwillig verursachte Krise und als Offenbarungseid der Kurzfristigkeit.4 Beachtenswert ist dabei, dass bisher für unglaublich gehaltene Summen aufgewandt werden mussten, um das System zumindest befristet wieder zu stabilisieren und notdürftig aufrecht zu erhalten. Das Gleiche kann man auch von der Eurokrise sagen, wobei eher die getroffenen Rettungsmaßnahmen wie ein Offenbarungseid der Kurzfristigkeit anmuten. Der Preis dafür ist eine noch nie dagewesene Staatsverschuldung und eine damit einhergehende Belastung für die zukünftigen Generationen, die eigentlich nicht mehr zu verantworten ist.

Angesichts verschiedener gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Signale sowie ökologischer Rückkopplungen postulierte Bateson schon 1972 (S. 635): »Entweder ist der Mensch zu gescheit – dann sind wir verloren, oder er war nicht gescheit genug, seine Gier auf Verfahren zu begrenzen, die nicht fortlaufend das Gesamtsystem zerstören.« Bateson bevorzugte die zweite Hypothese.

Viele Bürger trauen daher auch die Lösung dieser vielfältigen Probleme dem politischen System nicht mehr zu, sondern hoffen, dass Organisationen und Unternehmen mit ihren Mitgliedern eigenständig Wege aus diesen globalen (Wirtschafts-) Krisen finden werden. Viele bekannte Autoren und Management-Vordenker sprechen von einem notwendigen5 transformationalen Wandel, den Organisationen und ihr Management durchlaufen müssen.

Fredmund Malik, ein in der Industrie sehr bekannter – aber durchaus auch umstrittener – Managementberater, spricht davon, dass Wirtschaft und Gesellschaft durch eine der größten Transformationen gehen müssen, die es geschichtlich je gegeben hat. Für ihn ist es nicht einfach Wandel, sondern Wandel von einer neuen logischen Dimension – es ist ein Meta- und Megawandel. Im Zentrum dieses Wandels müssen seiner Ansicht nach die Spitzenführungen stehen, denn nur diese können die nötigen Entscheidungen richtig und rechtzeitig treffen. Ferner erfordert dieser Wandel für ihn eine Umorientierung bis in die Wurzeln.6

Bei der Suche nach dem Ursprung oder den Wurzeln ist es unbedingt erforderlich, auch bisher Unbekanntes und Unbewusstes zu berücksichtigen. Sigmund Freud hat schon in seinen ganz frühen Ausführungen auf die überstarke Bedeutung des Unbewussten für das menschliche Handeln hingewiesen (vgl. Freud 1923). Die Frage ist somit, welche im Management stattfindenden unbewussten Prozesse und Verhaltensweisen ins Bewusstsein kommen müssen, um diesen Meta- und Megawandel zu ermöglichen.

Unbestreitbar und zunehmend auch immer öfter hör- und lesbar ist die Tatsache, dass narzisstische Verhaltensweisen im Management – aber sicherlich auch in der Politik – weit verbreitet sind. Es erschienen nicht nur Artikel in Zeitschriften (Leyendecker, Ott, Richter 2011 und 2011a), sondern auch neue Veröffentlichungen von wissenschaftlicher Seite (z. B. Dammann 2007; Lohmer, Giernalczyk 2006; Eidenschink 2003). Selbst das manager magazin stellte in einem Titelbeitrag die Frage: »Müssen die Manager auf die Couch?« Thematisiert wurde in diesem Beitrag die Verbindung zwischen Narzissmus und Management (vgl. Buchhorn et al. 2009). In diesen Veröffentlichungen wurde deutlich, dass es durchaus positive narzisstische Verhaltensweisen im Management gibt, die dem Unternehmen und seiner Steuerung förderlich sind. Es gibt aber auch viele destruktive narzisstische Verhaltensweisen von obersten Führungskräften, die Unternehmen, ihren Mitarbeitern, ihren Kunden, der Umwelt, der Gesellschaft und letztlich manchmal auch sich selbst großen Schaden zufügen.7

Bei all diesen krisenhaften Entwicklungen – sicherlich nicht nur im Management – ist es nicht verwunderlich, dass vermehrt Forderungen danach laut werden, dass Verantwortung tragende Manager ihre Verhaltensweisen und Entscheidungen reflektieren müssten. Fredy Hausammann, ein Schweizer Management-Coach, fordert beispielsweise, dass Manager, genauso wie Unternehmen sich regelmäßig einer externen Revision oder Piloten sich einer gesundheitlichen und fachlichen Tauglichkeitsprüfung stellen, ihr Handeln regelmäßig reflektieren müssen. Personal Governance Coaching (als regelmäßiges Sparring mit einem professionellen Executive Coach) sollte seiner Meinung nach als Teil einer guten Corporate Governance selbstverständlich sein und zum Standard werden.8

Wolfgang Looss, ein Pionier und einer der bekanntesten Coaches im deutschsprachigen Raum, antwortete mir im Rahmen eines Interviews auf die Frage, wie häufig narzisstische Phänomene als Frage- und Problemstellungen in seinen Coachings auftauchen: »Es gibt wohl kaum ein Coaching im oberen Management, wo das Thema nicht hintergründig eine Rolle spielt, das ist bei der Zielgruppe gewissermaßen tautologisch. Von daher sollte jeder Coach da theoretisch einigermaßen informiert sein.« (Schneck 2012, S. 468)

Looss betont in diesem Interview jedoch auch, dass Narzissmus als Syndrom für ihn ein Blickwinkel der Berater sei, nicht der Klienten. Ferner gibt er zu bedenken, dass der Begriff ›Narzissmus‹ im Management hoch stigmatisiert sei, da er aus dem klinischen Bereich komme. Er sei im Management nicht anschlussfähig. Seiner Ansicht nach sei eine Rehabilitation des Begriffs Narzissmus notwendig (ebd. S. 466).

▶ Dieses Buch möchte einen Beitrag zu der Frage leisten, welche narzisstischen Phänomene in einem Management-Coaching Berücksichtigung finden sollten und wie dies gestaltet werden kann.

Klaus Eidenschink, ein weiterer bekannter Management-Coach, der sich explizit in einigen Artikeln mit dem Thema Narzissmus im Management auseinandergesetzt hat (Eidenschink 2003, 2004, 2005, 2005a.), antwortete mir in einem ebenfalls persönlich geführten Interview auf die Frage, für wie wichtig er die Berücksichtigung narzisstischer Phänomene im Rahmen von Coaching erachte: »Die Berücksichtigung narzisstischer Phänomene im Rahmen von Coaching erachte ich als sehr wichtig. Wer dies nicht berücksichtigt, hat sein Geld nicht verdient. Allerdings werden narzisstische Phänomene explizit so gut wie gar nicht berücksichtigt. Diejenigen, die es könnten, sind im Feld nicht unterwegs.« (Schneck 2012, S. 468)

Besonders bei der Antwort von Klaus Eidenschink wird deutlich, welch zentrale Bedeutung eine Berücksichtigung narzisstischer Phänomene im Coaching zu haben scheint. Die Antwort von Klaus Eidenschink weist aber noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: Eidenschink ist der Ansicht, dass es nur wenige Professionelle gibt, die in der Lage sind, narzisstische Phänomene im Coaching zu berücksichtigen.

Die Antworten der beiden Management-Coaches weisen daraufhin, dass Narzissmus und narzisstische Phänomene eher auf der individuellen Ebene anzutreffen sind.

▶ In diesem Buch wird jedoch deutlich werden, dass narzisstische Phänomene auf der individuellen, der interaktionellen, der organisationalen9 und der gesellschaftlichen Ebene auftreten und sich diese Phänomene auf den verschiedenen Ebenen gegenseitig bedingen und beeinflussen.

▶ Es wird zudem verständlich werden, welchen enormen Einfluss narzisstische Phänomene auf die gegenwärtige Realität besitzen, insbesondere auf die ökonomische. Der geforderte Meta- und Megawandel bzw. die notwendige Transformation können nur erfolgen und gelingen, wenn Bewusstheit über diese Phänomene besteht.

Diesem Buch liegen somit drei zentrale Thesen zugrunde:

1. Die Bewusstmachung der verschiedenen narzisstischen Phänomene im Management von Unternehmen und Organisationen ist ein grundlegender Faktor, um einen Meta- und Megawandel einzuleiten. Die Bewusstmachung ist gleichzeitig unumgänglich, um die ständige Gefährdung des Gesamtsystems zu beenden.

2. Coaching ist das geeignetste Format, wenn sicherlich auch nicht das einzige Instrument der Persönlichkeitsentwicklung für das Management, um diesen Prozess der Bewusstmachung zu gewährleisten.

3. Management-Coaching unter Berücksichtigung narzisstischer Phänomene ist ein wirkungsvolles Initial für eine erfolgreiche Unternehmens®evolution.

Der Begriff ›Unternehmens®evolution‹ soll zum Ausdruck bringen, dass eine Unternehmensevolution einen kontinuierlichen und geplanten Prozess darstellt, der zwar in Sprüngen erfolgt, aber Brüche und die dadurch entstehenden Reibungsverluste zu vermeiden sucht. Sollte dieser kontinuierliche Entwicklungsprozess nicht gelingen, kommt es zu Krisen, die meist mit radikalen Veränderungen oder revolutionären Prozessen verbunden sind. Dies bedeutet, dass jeder Evolution die latente Gefahr der Revolution innewohnt. Dies soll durch die begriffliche Symbolik der ›Unternehmens®evolution‹10 verdeutlicht werden.

Für C. Otto Scharmer, der das gegenwärtig viel beachtete Buch »Theorie U – Von der Zukunft her führen« verfasst hat, sind wir nicht in der Lage, generativ auf die aktuellen Herausforderungen zu antworten, solange wir uns nicht mit dem eigentlichen Grundproblem konfrontieren: uns selbst. Dies ist für ihn die Essenz des blinden Flecks, wobei blinde Flecken für ihn bei Individuen, Gruppen, Institutionen, Gesellschaften und Systemen auftreten. Auch die »Theorie U«, die gegenwärtig als moderne Führungsmethode betrachtet wird, die den Erfordernissen von Nachhaltigkeit und globaler Verantwortung im Management gerecht zu werden versucht, beginnt somit bei der individuellen Wahrnehmung (vgl. Scharmer 2007, S. 44 ff.)

Dieses Buch richtet sich an Manager, an Coaches, an Personal-, Organisations- und Unternehmensentwickler sowie an alle, die an dem Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Persönlichkeit und der Evolution der Unternehmung interessiert sind.

Dieses Buch beabsichtigt, verantwortungsbewussten und einflussreichen Managern das Konstrukt des Narzissmus zu verdeutlichen und darzulegen, auf welchen verschiedenen, für das Management relevanten Ebenen narzisstische Phänomene auftreten, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und wie sie gegenwärtiges wirtschaftliches Handeln maßgeblich bestimmen. Darüber hinaus wird dieses Buch aufzeigen, welch großen Einfluss diese narzisstischen Phänomene auch auf die private Sphäre Verantwortung tragender Manager haben.

Aus all diesen Ausführungen wird erkennbar, dass ein Meta- und Megawandel nur über einen bewussteren Umgang mit diesen narzisstischen Phänomenen zu realisieren ist. Es wird ersichtlich, dass für den Lernprozess zu einem bewussteren und flexibleren Umgang mit diesen Phänomenen im Management ein Gegenüber erforderlich ist. Im Kontext von Management ist für den Prozess der Wahrnehmung und Veränderung narzisstischer Phänomene der Coach das geeignetste Gegenüber bzw. Coaching das Format der Wahl. Dieses Buch richtet sich somit gleichermaßen an Coaches, die etwas darüber erfahren möchten, warum es unbedingt erforderlich ist, narzisstische Phänomene im Coaching zu berücksichtigen, wie dies nach heutigem Kenntnisstand am besten erfolgen kann, in welche weiterführenden organisationalen Prozesse es eingebettet sein sollte und welche Voraussetzungen ein Coach dafür mitbringen sollte.

Dieses Buch beinhaltet auch wertvolle Hinweise für Verantwortliche im Bereich Personal-, Organisations- und Unternehmensentwicklung. Das beschriebene Management-Coaching unter besonderer Berücksichtigung narzisstischer Phänomene stellt das geeignetste Format dar, um aus der Wahrnehmung narzisstischer Phänomene im Coaching entscheidende Impulse für eine erfolgreiche Unternehmens®evolution zu generieren.

Die Bezeichnung ›Management-Coaching X.0‹, die schon im Titel auftaucht, steht dabei als Abkürzung für ›Management-Coaching unter besonderer Berücksichtigung narzisstischer Phänomene‹.

Zum Aufbau dieses Buches

Der folgende erste Teil enthält einen für das Anliegen des Buches so kurz wie möglich gehaltenen Überblick über das Konstrukt des Narzissmus. Es geht um den historischen Ursprung des Begriffs Narzissmus, um die Phänomenologie, die Diagnostik, die Entwicklungstheorien, die Behandlung sowie um gesellschaftliche Aspekte des Narzissmus. Narzissmus wird auf der individuellen, der interaktionellen und der gesellschaftlichen Ebene thematisiert und diskutiert. Dieser Teil bildet die Grundlage aller weiteren Ausführungen des Buches und ist für Sie als Leser sicherlich der anspruchsvollste Teil.

Im zweiten Teil werden die Erkenntnisse aus dem ersten Teil auf die Sphäre des Managements übertragen. Es werden die Auswirkungen narzisstischer Phänomene auf das Management von Unternehmen untersucht. Dabei wird verständlich werden, wie sehr narzisstische Phänomene das Management von Unternehmen beeinflussen und welchen Impetus diese Phänomene auch auf die Gesellschaft besitzen. Aus diesem zweiten Teil wird deutlich werden, dass eine Bewusstmachung narzisstischer Phänomene notwendig ist, um einen evolutionären Wandel in Unternehmen zu ermöglichen.

Aus diesem zweiten Teil ergibt sich der abschließende dritte Teil, in dem ein Ansatz eines Management-Coachings unter besonderer Berücksichtigung narzisstischer Phänomene Management-Coaching X.0 als Initial einer erfolgreichen Unternehmens®evolution dargestellt wird. Es geht um die theoretischen Hintergründe, die Formen, Arten und Auslöser für ein solches Coaching, um den Prozess dieses Coaching-Ansatzes und seine Phasen, um die Einbettung in den Prozess der Unternehmens®evolution, um Qualität und Qualitätssicherung und schließlich um die Frage der notwendigen Qualifikationen und Kompetenzen eines Coachs für eine solche Form des Management-Coachings.

Dieses Buch möchte ein – theoretisch begründetes – Buch für die Praxis sein.

Teil I. Narzissmus – ein Überblick

In den letzten Jahren ist vom Begriff ›Narzissmus‹ ein inflationärer und häufig auch unpräziser Gebrauch gemacht worden. Er findet dabei nicht nur in der Psychoanalyse und in den verschiedenen psychotherapeutischen Schulen, sondern auch im Alltag häufig Verwendung. In der psychoanalytischen Debatte über das Thema ›Narzissmus‹ herrscht nur über zwei Punkte Einigkeit: Erstens gehört das Konzept des Narzissmus zu den wichtigsten Erkenntnissen der Psychoanalyse und zweitens ist es sehr verwirrend. Bis heute herrschen Zweifel, ob dieser Begriff überhaupt noch eine theoretisch eindeutige Trennschärfe besitzt.

Dieser Teil hat die Aufgabe, einen Überblick über den Begriff und das Konstrukt des Narzissmus zu geben. Zunächst werden die anthropologischen und historischen Wurzeln des Konstrukts und des Begriffs Narzissmus beleuchtet. Daran anschließend werden einige Aspekte der Phänomenologie narzisstischer Verhaltensweisen aufgezeigt, einige Gesichtspunkte zur Diagnostik dargestellt, der Stand der Diskussion zum Entstehen narzisstischer Verhaltensweisen erörtert, die Behandlung einer narzisstisch gestörten Persönlichkeit diskutiert und abschließend Narzissmus als gesellschaftliches Phänomen thematisiert.

1. Anthropologische und historische Wurzeln des Narzissmus

Bevor man sich mit dem Begriff und dem Konstrukt1 des Narzissmus auseinandersetzt, muss man sich zuerst einmal die Frage stellen, was die evolutionsbiologischen Besonderheiten des Menschen sind, die überhaupt zur Bildung eines solchen Konstrukts geführt haben.

Adolf Portmann (1952, S. 49) nannte den Homo Sapiens im Vergleich zu den höchstentwickelten Säugetieren eine »extrauterine Frühgeburt« – ein Wesen, das zu selbstständigem Leben unfähig aus dem Uterus in die Welt geboren wird. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Schwangerschaft beim Menschen insgesamt 21 Monate, also ein Jahr länger, dauern müsste, um bereits bei seiner Geburt den Entwicklungsstand der übrigen höheren Säuger zu erreichen. Im ersten Lebensjahr, dem »extrauterinen Frühjahr«, wie Portmann es nennt, muss das Kind seine Entwicklung außerhalb des Mutterschoßes unter dem Einfluss seiner Umwelt› im sozialen Mutterschoß, für die ein solches Wesen noch völlig untauglich ist, vollenden (ebd. S. 68). Der Mensch bedarf daher in den ersten Lebensmonaten und Jahren einer besonderen Zuwendung.

Freud formulierte diese Tatsache schon 1926 wie folgt: »Die Intrauterinexistenz des Menschen erscheint gegen die meisten Tiere relativ verkürzt; er wird unfertiger als diese in die Welt geschickt. Dadurch wird der Einfluss der realen Außenwelt verstärkt, die Differenzierung des Ich vom Es frühzeitig gefördert, die Gefahren der Außenwelt in ihrer Bedeutung erhöht und der Wert des Objekts, das allein gegen diese Gefahren schützen und das verlorene Intrauterinleben ersetzen kann, enorm gesteigert. Dies biologische Moment stellt also die ersten Gefahrensituationen her und schafft das Bedürfnis, geliebt zu werden, das den Menschen nicht mehr verlassen wird.« (Freud 1926, S. 186 f.)

Der Mensch ist somit aufgrund seiner evolutionären Disposition ganz besonders der Gefahr früher Störungen in seiner psychischen Entwicklung ausgesetzt. Narzissmus kann in seiner pathologischen Ausprägung durchaus als eine frühe Störung in der Entwicklung eines Menschen bezeichnet werden. Im nachfolgenden Abschnitt über die Diagnostik narzisstischer Persönlichkeitsstörungen werden in Abbildung 7 die verschiedenen frühen Störungen aufgezeigt und verdeutlicht, warum gerade narzisstische Störungen so großen Einfluss auch auf gesellschaftlicher Ebene ausüben.

Der Mythos des Narziss

Die sprachliche Wurzel des Begriffes Narzissmus liegt in dem griechischen Mythos des Narziss.2 Die Ursprünge des mythischen Narziss reichen weit in die griechische Geschichte zurück. Erst der römische Dichter Ovid (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.) hat in seinem Sammelwerk »Metamorphosen« die bis dahin überlieferten Mythen von Narziss zu einem Ganzen zusammengefasst. Im Folgenden wird die Ovidsche Version vom Narziss-Mythos in sinngemäßer und gekürzter Form wiedergegeben.3

Ovids Metamorphosen (Buch III, Vers 339-510)

Narziss war der Sohn der Nymphe Liriope und des Flussgottes Cephisus, der einst sie im sich windenden Fluss umschlang, in seinen Wellen einschloss und vergewaltigte. Nachdem Narziss geboren wurde, fragte Liriope den Seher Tiresias, ob Narziss ein hohes Alter erreichen werde. Dieser sagte: »Nur, wenn er sich selbst niemals kennen gelernt haben wird.« Narziss, der schon bei seiner Geburt liebreizend war, wuchs zu einem schönen Jüngling heran, der mit 16 Jahren so schön war, dass viele Jünglinge und Mädchen ihn begehrten. Jedoch war in seiner zarten Gestalt so spröder Stolz, dass niemand ihn berühren konnte.

Die Nymphe Echo erblickte Narziss, als dieser bei der Hirschjagd war. Echo, die wegen ihrer Geschwätzigkeit von der Göttin Juno mit wenig Macht über ihre Zunge bestraft worden war, konnte nicht verständlich sprechen: Von gehörten Worten konnte sie nur die letzten Worte wiedergeben. Echo sah jedoch nicht nur Narziss, der durchs abwegige Gelände streifte, auch entbrannte ihr Herz in Liebe zu ihm. Echo folgte heimlich Narziss’ Spuren. Je länger sie Narziss folgte, desto mehr wuchs ihre Liebe an. Oft wollte sie mit lieben Worten und Bitten auf ihn zukommen, doch ihre Zunge ließ dies nicht zu; sie konnte ja nur Worte wiederholen. Als Narziss sich verirrte, rief dieser: »Ist jemand hier?«, worauf Echo antwortete: »Hier«. Staunend rief Narziss mit lauter Stimme »Komm!« Sich nicht täuschend von dem Widerhall sagte er, weil niemand kam: »Was fliehst du vor mir?« Vom Widerhall getäuscht, sprach er: »Lass uns hier zusammenkommen.« Echo, der nichts lieber war, antwortete: »Zusammenkommen«, und trat aus dem Wald heraus, um ihre Arme um den Hals von Narziss zu legen. Dieser jedoch floh vor ihr und sagte: »Hände weg, lass die Umarmungen! Eher will ich sterben, als dir gehören.« Echo antwortete: »Dir gehören«. Die verschmähte Echo versteckte sich daraufhin in den Wäldern, verbarg schamhaft ihr Gesicht im Laub und lebte in einsamen Höhlen. Durch den Liebesschmerz und Kummer verzehrte sich ihr Leib. Ihre Knochen verwandelten sich in Stein, und nur ihre Stimme blieb übrig. Verborgen in Wäldern wurde sie an keinem Berg mehr gesehen, aber alle konnten sie hören.

Ein ebenfalls von Narziss verschmähter Mann, der die Hände zum Himmel streckte, bat: »So soll es auch ihm in der Liebe ergehen, so soll auch er, was er liebt, nicht bekommen.« Die Göttin Rhamnusia, die für Rache und Groll bei Ungerechtigkeit stand, erhörte dessen Bitte und stimmte ihr zu.

Eines Tages ließ sich Narziss, von der Anstrengung der Jagd und durch die Hitze erschöpft, am Ufer einer Quelle nieder. Die Quelle war klar wie Silber und von der Natur bislang unberührt geblieben. Und als er seine Begierde nach Wasser zu stillen versuchte, wuchs ein Begehren in ihm gegenüber dem, was er in einer Welle sah: Nichts ahnend begehrt er sich selbst, empfindet und erregt Wohlgefallen, wirbt und wird umworben, entzündet Liebesglut und wird zugleich von ihr verzehrt. Schließlich stellte Narziss fest, dass er sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt hatte: »Ich bin es selbst! Ich habe es begriffen, und mein Bild täuscht mich nicht mehr. Liebe zu mir selbst verbrennt mich, ich selbst entzünde die Liebesflammen, die ich erleide.« Mit Schmerz geplagt und der Erkenntnis über die Ausweglosigkeit seiner Situation gab Narziss sich mit schwindenden Kräften seinen Tränen hin, die sein Spiegelbild im Wasser trübten. Sobald er dieses im wieder beruhigten Wasser erblickte, konnte er es nicht länger ertragen: »Wie gelbes Wachs an einem schwachen Feuer und wie der morgendliche Raureif an der warmen Sonne schmilzt, so schwindet er dahin, von Liebe ausgezehrt, und langsam nagt an ihm ein verborgenes Feuer.« Echo, die den sterbenden Narziss erblickte, wurde trotz ihres Grolls auf den Jüngling vom Schmerz erfasst und echote dessen letzte Worte: »Lebe wohl!« An jener Stelle, an dem der Körper von Narziss verging, wuchs eine Blume, die safrangelb in der Mitte und von weißen Blütenblättern umsäumt war – die Narzisse.

Manch ein Autor sieht in diesem Mythos die Themen Spiegelung und (Ich-) Identität, Täuschung und Trugbild, (Selbst-) Erkenntnis und Tod, Begehren und Ablehnung, maßlose Fremd- und heillose Selbstliebe sowie das Motiv der Blume (vgl. Renger 2002, S. 1).

Ein anderer Autor setzt den Mythos in Verbindung mit Alter und Tod: »Narziss’ Leben endet jung. Die Erkenntnis des eigenen Spiegelbildes und die Erfahrung, die Liebe eines anderen nicht erlangen zu können, auf ihn aber existenziell angewiesen zu sein, bedeutet, dass Narziss sich als getrenntes, einzelnes, sehr einsames und isoliertes Wesen erkennt, eine für den Narzissten tödliche Erkenntnis. Die Tragik des Narziss besteht also darin, als Mensch, und das heißt mit dem Wissen um das eigene Altern und Sterben, nicht leben zu können.« (Teising 2006, S. 641)

Bärbel Wardetzki, eine bekannte Autorin und Psychotherapeutin speziell für den Bereich des weiblichen Narzissmus, interpretiert den Mythos des Narziss aus der Beziehungsperspektive zu Vater und Mutter. Für sie hat Narziss einen unerreichbaren Vater, der als Flussgott dem wässrigen, immer im Fließen begriffenen Element entstammt. Er ist dadurch ungreifbar, bezieht nicht Stellung und ist gewalttätig. Seine Mutter, die junge leichtfüßige Nymphe, bietet ihrer Ansicht nach nur wenig umsorgende Mütterlichkeit und idealisiert den Sohn entweder oder macht ihn zum Partnerersatz. Er ist ihrer Launenhaftigkeit und Unbeständigkeit ausgeliefert. Ihrer Interpretation folgend ist eine mangelhafte Bindung die Grundlage der Beziehungsstörung und des Identitätsverlustes des Narziss. Seine Beziehungen bestehen für Wardetzki hauptsächlich auf Bewunderung und Äußerlichkeiten. Ihnen fehlt ihrer Ansicht nach die Tiefe, die Narziss durch die Ablehnung jeglicher Liebe und Nähe selbst verhindert. Er zieht sich stattdessen – in narzisstischer Manier – auf sich selbst zurück (vgl. Wardetzki 2010, S. 36).

Historisch betrachtet bezog sich der englische Psychologe und Sexualforscher Havelock Ellis 1898 in seinen »Studies in the Psychology of Sex« als erster auf den Mythos des Narziss, um in einer Fallgeschichte den psychischen Zustand eines exzessiv masturbierenden Mannes zu beschreiben, der zum Objekt seines eigenen sexuellen Verlangens wurde.

Freud erwähnte den Begriff ›Narzissmus‹ erstmals am 10. November 1909 auf einem Vortragsabend der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Er postulierte, dass der Narzissmus ein notwendiges Entwicklungsstadium des Übergangs vom Autoerotismus zur Objektliebe sei; von da gehe man zu ähnlichen Objekten über.4 In seinen Werken taucht der Begriff erstmals in einer 1910 hinzugefügten Fußnote zu den »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« auf und beschreibt die Selbstliebe bei Homosexualität. Vier Jahre später differenzierte er in seiner wichtigen Arbeit zur »Einführung des Narzissmus« die Konzepte des primären und des sekundären Narzissmus, beschrieb die Natur der narzisstischen Objektwahlen sowie die narzisstische Begründung des Ich-Ideals als psychische Struktur. In dieser Arbeit bezog sich Freud auf Menschen, die durch ihre narzisstische Beharrlichkeit unser Interesse wecken, mit der sie alles von ihrem Ich fernhalten, was dieses bedrohen könnte (Freud 1914).

Erst 1931 beschrieb Freud den narzisstischen Charaktertypus, »bei dem das Hauptinteresse auf die Selbsterhaltung gerichtet ist, der unabhängig und wenig eingeschüchtert ist. Dem Ich ist ein großes Maß an Aggression verfügbar, das sich in Bereitschaft zur Aktivität kundgibt; im Liebesleben wird das Lieben vor dem Geliebt Werden bevorzugt. Menschen dieses Typus imponieren den anderen als ›Persönlichkeiten‹, sind besonders geeignet, anderen als Anhalt zu dienen, die Rolle von Führern zu übernehmen, der Kulturentwicklung neue Anregungen zu geben oder das Bestehende zu schädigen« (Freud 1931, S. 511).

Diese Beschreibung wird allgemein als die erste grundlegende Definition der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung angesehen. Allerdings enthielten bereits zwei frühere Arbeiten, verfasst von Jones (1913) und Wälder (1925), bedeutende Informationen zur Phänomenologie dieser Störung.

Wilhelm Reich beschrieb einige Jahre später den phallisch-narzisstischen Charakter, den er als einen Schutz gegen ein tief sitzendes Gefühl der Unterlegenheit verstand. Er porträtierte solche Personen als arrogant, energisch, häufig promiskuitiv; auf jeden Angriff auf ihre Überlegenheit reagierten Sie mit kalter Verachtung, ausgeprägtem schwarzen Humor und offener Aggression. Reich sah diese Charakterpathologie häufiger bei Männern und sah verschiedene Ausprägungen. Einige würden Ruhm und soziale Macht erlangen, andere würden hingegen zu Tagträumen, zu Suchtentwicklungen und Kriminalität neigen (Reich 1933, zitiert in Akthar 2006, S. 233).

Karen Horney unterschied 1939 das Gefühl des gesunden Selbstwertempfindens von pathologischem Narzissmus und schlug vor, den Begriff Narzissmus auf unrealistische Selbsterhöhung zu beschränken (Horney 1939).

Zwölf Jahre später beschrieb Fenichel Individuen, die getrieben sind und von einer Leistung zur anderen eilen. Ein Erfolg gebe ihnen dabei aber keine innere Befriedigung. Es fehle ihnen an Zärtlichkeit und sie seien unsensibel gegenüber ihren Partnern. In einem anderen Kontext stellte Fenichel narzisstische Charaktere als Menschen dar, die omnipotentes Verhalten, absolute Unabhängigkeit sowie Führungsqualitäten zeigten und häufig auf andere faszinierend wirkten (Fenichel 1945, zitiert in Akthar 2006, S. 234).

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurde somit die Existenz einer narzisstischen Persönlichkeit und Persönlichkeitsstörung festgestellt und beschrieben – wenn auch manchmal unter einer anderen Begrifflichkeit. Ferner wurden erste phänomenologische Aspekte, wie z. B. Grandiosität, fortdauernde Suche nach Ruhm, Getriebenheit, Dreistigkeit, Artikuliertheit, beeinträchtigte Liebesfähigkeit sowie kognitive Auffälligkeiten genannt und diese mit Frustrationen in frühen Entwicklungsphasen in Verbindung gebracht (ebd. S. 235).

2. Zur Phänomenologie – Was macht einen Narzissten aus?

Auf die Frage, ob sie je einem Narzissten begegnet sind, wird den meisten Menschen ein Freund, Vorgesetzter oder Liebespartner in den Sinn kommen. Sie werden eine Persönlichkeit voller Widersprüche beschreiben, selbstverliebt, aber gleichzeitig empfindlich gegenüber Kommentaren von außen; emotional labil, anfällig für wahre Begeisterungsstürme, aber auch voll tiefster Verzweiflung. Dem Charme und der Leichtigkeit, mit denen sie sich auf sozialem Parkett bewegen, steht ihre Gefühllosigkeit angesichts der Empfindungen, Wünsche und Bedürfnisse anderer gegenüber. Einem anfänglichen Sich-hingezogen-Fühlen zu diesen Menschen folgt nicht selten ein Überdruss angesichts der permanenten Forderung nach Bewunderung und Aufmerksamkeit (vgl. Morf, Rhodewalt 2006, S. 309).

Dieses Interesse am eigenen Selbst kann jedoch unterschiedliche Ausmaße annehmen, das von normalem, angemessenen Narzissmus bis hin zu schweren narzisstischen Störungen reichen kann. Im Folgenden soll daher den Ausführungen von Mertens gefolgt werden, der die Mannigfaltigkeit narzisstischer Erscheinungsformen und das weite Spektrum narzisstischer Erlebnisweisen und Persönlichkeitszüge betont. Mertens bezeichnet die narzisstische Persönlichkeitsstörung synonym mit Selbstwertbeeinträchtigung und -störung und stuft auch liebenswürdig erscheinende und schüchtern wirkende Menschen, die unablässig bestrebt sind, ihre Existenzberechtigung durch ein zuvorkommendes und hilfsbereites Wesen zu beweisen, als selbstwertgestörte Personen ein. Ferner weist er auf die Problematik vorschneller diagnostischer Urteile hin, die nicht zuletzt durch die in einem späteren Abschnitt dargestellten Diagnosesysteme entstand und betont, dass eine genaue Kenntnis eines Patienten erforderlich ist, um einigermaßen einschätzen zu können, ob seine auf den ersten Blick als narzisstisch imponierenden Verhaltensweisen und Einstellungen eher situativ sind, vielleicht sogar etwas mit dem jeweiligen Gegenüber zu tun haben, oder eher persistierend und somit habituell sind (Mertens 1981, S. 129).

Um der Fülle der narzisstischen Phänomene und Erscheinungsformen gerecht zu werden, unterscheidet Mertens unter anderem in die Dimensionen Verhalten, Gefühle, Beziehungen, Charakterhaltungen und Phantasien (ebd. S. 130 ff.).

▶ Im Verhalten narzisstisch gestörter Menschen findet man seiner Ansicht nach häufig ein egozentrisches, manipulierendes und selbstgefälliges Auftreten sowie eine Ungeduld, wenn es um die Belange anderer Menschen geht oder ein ärgerliches Desinteresse, wenn nicht die eigene Person im Mittelpunkt steht. Das suchtartige Verlangen nach Bewunderung muss aber nicht in jeder Lebenssituation und ständig geäußert werden. Gerade wenn diese Menschen etwas erreichen wollen, können sie mit gespielter Einfühlung und mit Charme ihr Gegenüber täuschen. Obwohl man sich im Zusammenleben mit ihnen oft zu kurz gekommen fühlt, sind sie häufig die Ankläger, die auch als rechthaberisch und voller Selbstmitleid charakterisiert werden können. Der Glaube an die eigene moralische Vollkommenheit und Überlegenheit und der gleichzeitige Mangel an wirklichen Selbstwertgefühlen lassen es nicht zu, sich einzugestehen, dass man Fehler gemacht hat. Es sind immer die anderen, die fehlerhaft oder unmoralisch waren.

Narzisstisch gestörte Menschen können seiner Beobachtung nach aber durchaus sozial gut angepasst und erfolgreich sein und nehmen nicht selten sogar eine Spitzenposition in unserer Gesellschaft ein. Orientiert am äußeren Schein und am Marktwert, angezogen von Erfolg und Ruhm, sind ihnen zwischenmenschliche Kontakte zumeist nur Mittel zum Zweck. Wirklich große Leistungen bleiben der narzisstischen Persönlichkeit zumeist verwehrt, weil diese nur aus einer hingebungsvollen Leidenschaft und einer sachbezogenen Motivation entstehen können, über die der narzisstisch gestörte Mensch jedoch nur selten verfügt.

Die ausschließliche Beschäftigung mit sich selbst kreist immer wieder um die Fragen, ob man sich selbst so akzeptieren kann, wie man ist, ob andere einen akzeptieren können, welchen Eindruck man auf andere Menschen macht. Es bleibt kaum Raum und Kraft, um sich auch einmal in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Eine weitere Frage narzisstisch gestörter Menschen kann sein, welchen Menschen man sich anschließen muss, um an deren Größe teilnehmen zu können. Er idealisiert dann über Gebühr andere Menschen, z. B. ihr Aussehen, ihre Intelligenz, ihren Beruf oder ihre Stellung. Ihn beflügelt die Hoffnung, dass die identifikatorische Teilhabe am Ruhm und der Größe anderer Menschen auch auf ihn übergehen wird.

▶ Auch im Arbeitsverhalten zeigt sich ein überzogenes Anspruchsdenken: Die Leistung, ohne dafür viel Einsatz zu bringen, soll andere beeindrucken und sie vor Neid erblassen lassen. Manche narzisstisch gestörte Personen leiden hingegen unter ihren überzogenen Perfektionsansprüchen. Narzisstisch gestörte Mitarbeiter reagieren oft sehr empfindlich auf Bevorzugung anderer. Teamarbeit ist für sie sehr schwierig und Hierarchien stellen für sie eine Möglichkeit dar, sich ihren Mitmenschen überlegen zu fühlen.

▶ Die Gefühle narzisstisch gestörter Menschen sind häufig eingegrenzt auf rauschartige Erfahrungen eigener Größe und Erfolg. Gefühle, die durch menschliches Miteinander entstehen, bleiben ihnen fremd. Langeweile und Angst vor dem Alleinsein sind gefürchtete Zustände, die es durch andauerndes Beschäftigt-Sein zu kompensieren gilt. Das weitgehende Fehlen von Gefühlen wie Traurigkeit, Dankbarkeit, Freude, Ergriffenheit, Verbundenheit und Sehnsucht lassen diese Menschen gefühlsmäßig als flach erscheinen. Es mangelt ihnen zudem an wirklicher Lebensfreude, wodurch sie einen starken Neid auf andere empfinden. Neid ist der Affekt, der diese Menschen ohnehin am intensivsten beschäftigt, z. B. in der Form, sich ständig mit anderen zu vergleichen und andere Menschen dabei zu entwerten. Hinter einer Fassade oberflächlicher Grandiosität liegt davon abgespalten die innere narzisstische Welt mit intensiven, chronischen Neidgefühlen, starker Wut und Gefühlen der Leere und Langeweile, aber auch Minderwertigkeits- und Schamgefühlen (vgl. Mertens 1981, S. 139 u. 165).

▶ Die Gestaltung von Beziehungen orientiert sich bei narzisstisch gestörten Menschen hauptsächlich am eigenen Vorteil – weitgehend unfähig zu einem tiefer gehenden Interesse am anderen Menschen. Vom Mangel an wirklicher Anteilnahme angefangen bis hin zur offensichtlichen Ausbeutung anderer Menschen gibt es viele Abstufungen. In der Regel halten sich narzisstisch gestörte Menschen an die moralischen Wertvorstellungen, zumindest an solche, deren Wirkungen nach außen hin erkennbar werden. Ihr Anspruch, über andere erhaben zu sein und über besondere Eigenschaften zu verfügen, lässt sie ein soziales Wertebewusstsein eher wie eine Schwäche wahrnehmen. Sie können es häufig kaum glauben, dass andere Menschen andere Prinzipien als die des finanziellen Erfolges vertreten.

Männer sind in Beziehungen zu Frauen oftmals gar nicht an deren Persönlichkeit interessiert, sondern nur an den Attraktionen, um derentwegen sie andere Menschen beneiden könnten, und prahlen oft untereinander mit ihren Eroberungen. Das Manipulierende narzisstisch gestörter Menschen tritt vielleicht nirgendwo so deutlich zutage wie in Mann-Frau-Beziehungen. Während für Männer die Erscheinung, die erotische Ausstrahlung und die sexuelle Bereitschaft von Frauen von zentraler Bedeutung sind, stellen für narzisstisch gestörte Frauen die berufliche Position und das Einkommen die wichtigsten Kriterien für den Wert eines Mannes dar. Wenn er ihnen nur Beachtung und ein finanziell sorgenfreies Leben zu versprechen scheint, nehmen diese Frauen auch physische oder psychische Einschränkungen des Mannes in Kauf. Es fehlt das Erkennen der Eigenarten eines anderen Menschen. Gegenseitige Verunsicherungen und Entwertungen sind deshalb in Beziehungen narzisstisch gestörter Partner häufig und verdeutlichen, dass es in der Kindheit der betreffenden Menschen nicht nur um »den fehlenden Glanz im Auge eines Elternteils«5 ging, sondern auch um starke Gefühle von Neid, Ärger und Enttäuschung.6

In den weniger gestörten narzisstischen Beziehungen kommt es zu dem von Willi beschriebenen unbewussten Zusammenspiel zwischen den Partnern, wobei einer mehr den progressiven, der andere mehr den regressiven Part einnimmt. Willi bezeichnet dieses Zusammenspiel als »narzisstische Kollusion«, die beiden Pole oder Positionen sind Narzisst und Komplementärnarzisst.

Willi hat den Begriff Kollusion für alle Fälle geprägt, in denen die neurotischen Dispositionen der beiden Partner wie Schloss und Schlüssel zusammenpassen. Beide Partner haben bestimmte zentrale Konflikte aus früheren seelischen Entwicklungsphasen nicht verarbeitet und leben nun entgegengesetzte, sich zunächst aber ergänzende Lösungsvarianten dieser inneren Konflikte. Die Partner spielen unbewusst komplementäre Ergänzungsrollen zur Stabilisierung der Beziehung, aber auch im Sinne einer interpersonalen Abwehr. Willi unterscheidet neben der narzisstischen Kollusion noch die orale, die anale und die phallische Kollusion (vgl. Willi 1975, S. 61 ff.).

In der narzisstischen Kollusion zeichnet sich der Typus des progressiven Narzissten dabei durch eine übersteigerte, oberflächliche Selbstsicherheit aus, um damit sein latentes Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren. Der Komplementärnarzisst leidet unter einem manifesten Minderwertigkeitsgefühl, hinter dem sich latente Größenfantasien verbergen. Mertens spricht an dieser Stelle vom schüchternen oder zaghaften Narzissten, der sich unbeholfen vorkommt und sich nichts zutraut. Häufig sind diese Menschen unfähig, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, und sie unterdrücken ihre lebendigen Gefühle und Fantasien von Größe und die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten (vgl. Mertens 1981, S. 167). Das Zusammenspiel dieser beiden narzisstischen Typen verdeutlicht Abbildung 1.


Abb. 1: Die narzisstische Kollusion (nach Willi 1975, S. 83)

Diese beiden Ausprägungsformen narzisstischer Störungen, einerseits die Unbekümmerten, Großspurigen und Unsensiblen, auf der anderen Seite die Scheuen und Zurückhaltenden, findet man nicht nur in Paarbeziehungen, sondern auch in Gruppen und der gesamten Öffentlichkeit. Dieses Phänomen begegnet einem in der Politik (Führer und Gefolgsgruppe) genauso wie in Organisationen (Manager und Mitarbeiter), wie im zweiten Teil noch ausführlicher dargelegt werden wird.7

Ein weiteres Merkmal narzisstisch gestörter Menschen in Beziehungen ist der permanente Versuch, den anderen nach seinen Vorstellungen zu formen und zu manipulieren. Es fällt ihm oder ihr schwer, den anderen so zu akzeptieren und wertzuschätzen, wie er ist. Der Partner soll einem fantasierten Idealbild entsprechen, das eine Mischung aus eigenen idealen Selbstbildern und als ideal fantasierten Objektbildern ist.8

Frank Petermann erweitert in einem Aufsatz in der Zeitschrift Gestalttherapie die bestehenden psychoanalytischen Konzepte über narzisstische Störungen, indem er deren Phänomenologie als Interaktionsstruktur in Beziehungen darstellt und ergänzt damit das Konzept der »narzisstischen Kollusion«, wie es von Willi beschrieben wurde (vgl. Petermann 1988, S. 31 ff.).

Petermann geht vom Begriff des »expanded self« aus und baut darauf ein Erkennungsraster zur Selbst- und Fremddiagnose narzisstisch geprägter Beziehungsformen auf. Das »expanded self« stellt für ihn einen wesentlichen Aspekt der narzisstischen Persönlichkeit dar. »Jemand, der ein ›expanded self‹ herstellt, hat eine grundsätzlich vereinnahmende innere Haltung seiner Umwelt gegenüber. Dies bedeutet, dass der andere nicht jemand sein darf, der von diesem Selbst getrennte Impulse, Bedürfnisse sowie Weltsichten hat. (…) Die Handlungen der anderen werden wie magisch vom narzisstischen ›expanded self‹ so erlebt, als seien sie eigentlich die Folge der Intentionen des betreffenden Narzissten. (…) das ›expanded self‹ stellt eine spezielle, gespaltene Form von Verbundenheit her: Es ist die Erweiterung des Selbst auf die Art und Weise, dass die Welt – insbesondere andere Menschen – einerseits bewusst außerhalb vom Selbst erlebt werden, jedoch andererseits unbewusst als Teil des Selbst gesehen werden.« (ebd. S. 31) Nach Petermann kann man sich das »expanded self« wie das Schachbrett des Narzissten vorstellen, auf dem die Menschen aus seiner Umwelt Figuren darstellen, über die er verfügt.

Das »expanded self« hat die Funktion, eine narzisstische Charakterstruktur zu stabilisieren: Es schützt das Selbstwertgefühl des Betreffenden vor dem Erleben schwerer Einbrüche. »Das ›expanded self‹ funktioniert also so: Wenn es mir gelingt, andere darin zu halten, gewinne ich Macht und werde in deren subjektivem Erleben größer. Durch polarisierende Kontrastwirkung gelingt dies umso mehr, je kleiner der andere wird. Der andere wiederum wird im gleichen Maße kleiner, da seine Impulse ständig durch fremde Definitionen überlagert werden und er so sein Gefühl für sich selbst verliert. (…) Meistens weist die Dynamik dieser Beziehung also eine einseitige Richtung, ein Gefälle auf: Der eine befindet sich im ›expanded self‹ des anderen und ist gewissermaßen Empfänger gegenüber dem Sender.« (ebd. S. 32) Petermann nennt eine Reihe von Kriterien, die ein »expanded self« erkennen lassen. Es sind Aspekte, die seiner Ansicht nach je für sich genommen weder gesund noch neurotisch sind und die erst in ihrer Häufung die Atmosphäre einer narzisstischen Beziehungsstruktur vermitteln. Er unterteilt diese Aspekte nach drei Perspektiven:

– Woran kann ich bei mir selbst erkennen, dass ich mich im »expanded self« eines anderen befinde?

– Woran erkenne ich beim anderen, dass dieser ein »expanded self« mit mir herstellt?

– Woran erkenne ich bei mir, dass ich ein »expanded self« mit anderen herstelle?

Für einen Coach, der mit solchen Persönlichkeitsstrukturen in Kontakt ist, sind diese Aspekte äußerst wertvoll und sollten unbedingt Beachtung finden (vgl. auch Schneck 2012, S. 106 f.).

▶ Als Charakterhaltungen narzisstisch gestörter Menschen findet man häufig das schon von Freud beschriebene narzisstische Anspruchsdenken, dass einem wie selbstverständlich bestimmte Rechte und Privilegien einzuräumen sind, sowie eine Haltung von Rechthaberei und Besserwisserei. Man erlebt eine unreflektierte Überheblichkeit, eine Überzeugung, immer im Recht zu sein, die auch durch eine differenziertere Meinung des Gegenübers kaum oder gar nicht zu überwinden ist. Sie wirken daher äußerst selbstgerecht. Psychoanalytiker sprechen von einer narzisstischen Informationsverarbeitung, wenn negative Eigenschaften überwiegend anderen Menschen unterstellt und positive Eigenschaften dem eigenen Selbst zugesprochen werden, um das fragile Selbstbild zu schützen. Dies führt außerdem zu einer Verzerrung der Realität.

Ein narzisstisches Anspruchsdenken entsteht häufig bei solchen Menschen, die als Kinder narzisstisch ausgebeutet, sexuell verführt oder über Gebühr bewundert wurden.9 Untergründig bleiben dann oft Überzeugungen bestehen, dass ein Anspruch auf Ausgleich besteht, z. B. auf besondere Rechte, auf ein eigenes Entwicklungstempo, auf besondere Rücksichtnahme, auf besondere Schonung. Eng verbunden mit dem beschriebenen Anspruchsdenken ist auch anhaltendes Selbstmitleid – diese Menschen sehen sich ständig als Opfer.

Rechthaberei, Selbstgerechtigkeit, Anspruchsdenken und Selbstmitleid werden häufig begleitet von einer Kränkbarkeit, die von einer leichten Form der Verlegenheit bis zur Überempfindlichkeit reichen kann. Diese Kränkbarkeit kann jedoch auch hinter einer Haltung von Gleichmut und Arroganz verborgen bleiben. Gerade eine Haltung emotionsloser Sachlichkeit kann im Wirtschaftsleben Erfolg versprechend sein. Kränkbarkeit kann viele Ursachen haben und zu unterschiedlichsten Reaktionen führen. Die Reaktionsmöglichkeiten reichen von arroganter Abwertung des Gegenübers über destruktive Feindseligkeit hin zu Jähzorn und rachsüchtiger, narzisstischer Wut auf der einen Seite, über selbstschädigende Aggressionsentladungen, Missmut bis hin zu suizidalen Fantasien auf der anderen Seite (vgl. Mertens 1981, S. 157).

▶ Fantasien von Omnipotenz sind bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen häufig zu finden. Dabei spielt die allzu frühe Unterbrechung kindlicher Grandiosität und Selbstbehauptung eine entscheidende Rolle. Je gravierender die Auswirkungen kindlicher Traumatisierungen waren, desto intensiver hat sich das Kind in kompensierende Größenfantasien geflüchtet, die im späteren Leben einerseits zur Stützung des Selbstwertgefühls dringend benötigt werden, andererseits aber als quälender Perfektionsanspruch auftreten können (vgl. ebd. S. 158). Die Kehrseite der Größenfantasie ist die Selbstverachtung, die sich bei narzisstisch gestörten Personen häufig antreffen lässt – auch wenn sie aufgrund eines selbstsicher wirkenden Auftretens nur selten von Außenstehenden wahrgenommen werden kann. Diese Selbstverachtung kann gelegentlich mit selbstschädigenden Handlungen einhergehen. Bei stärker gestörten narzisstischen Menschen kommt es zudem öfter zu Schwierigkeiten in der Regulation triebhafter und affektiver Spannungen, wie z. B. Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten auszuhandeln oder sexuelle Erregung zu kontrollieren und zu genießen. Eine affektive Instabilität äußert sich z. B. in einer Stimmungsschwankung von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Die Impulsivität dieser Menschen kommt aufgrund der Unfähigkeit zum Handlungsaufschub und zur Erregungsbewältigung durch Vorstellungs- und Denktätigkeit zustande.

An dieser Stelle muss auch die Überreflektiertheit als ein mögliches Kennzeichen intelligenter narzisstischer Persönlichkeiten genannt werden. Eine übermäßige Denktätigkeit dient der Stabilisierung des Selbst und der Abwehr von Affekten, wie z. B. Neid, Ergriffenheit oder Trauer. Wo andere Menschen fühlen und empfinden, tauchen bei ihnen Gedanken auf, deren Ausdruck z. B. in Form von Benennung von Widersprüchen, selbstironischen Relativierungen oder sarkastischem Humor der eigenen Stabilisierung dient (vgl. ebd. S. 162). Zum Abschluss der phänomenologischen Beschreibung soll noch auf den Aspekt des Narzissmus im Lebensverlauf eingegangen werden. Der Prozess des Älterwerdens beinhaltet die Gefahr vielfacher narzisstischer Kränkung. Meist wird im Laufe des Lebens ein soziales Netz geknüpft; Freunden, Bekannten und Verwandten werden Sympathie, Wertschätzung und Dankbarkeit entgegengebracht, es entsteht eine verlässliche Welt von (verinnerlichten) Beziehungen. Bei narzisstisch gestörten Menschen fehlt dies meist, da aufgrund eigener Größenfantasien und Neid keine dauerhaften Beziehungen aufgebaut werden können und konnten. Die sich daraus ergebende innere Leere aufgrund des Fehlens wertvoller Beziehungen wird Anlass für Lebensüberdruss und Depression. Hinzu kommt, dass Ersatzhandlungen wie eine neue Liebschaft oder der Kauf eines neuen Autos im Alter schwerer zu realisieren sind, aber auch an narzisstischem Glanz verlieren. Der narzisstisch gestörte Mensch wirkt, als ob er keine innere gelebte und erfüllte Vergangenheit habe. Er klagt über das so schnell vergangene Leben; gemessen an seinen Größenfantasien und unrealistischen Idealen erscheint es ihm als wertlos und überflüssig. Zudem ist es schwierig, sofern vorhanden, die eigenen Kinder heranwachsen zu sehen und sich mit ihrer Unabhängigkeit anzufreunden.

Manche narzisstisch gestörten Persönlichkeiten versuchen das Älterwerden zu verleugnen, indem sie eine Fassade jugendlicher Schönheit, z. B. durch Lifting, Anti-Aging und Fitness, aufrechtzuerhalten versuchen. Gerade Männer leiden häufig unter dem Haarausfall, der Zunahme des Leibesumfangs und dem Rückgang der sexuellen Potenz. Männer sollten daher spätestens im mittleren Erwachsenenalter wieder Interesse für ihre Gefühle, ihre Innenwelt sowie das Wachsen und Gedeihen des Lebendigen entwickeln und auf die Einschüchterungen der Nachkommenschaft verzichten, wie sie sich z. B. auch im rücksichtslosen Verbrauch der Ressourcen, im Klimawandel und in der Staatsverschuldung zeigen.10

3. Zur Unterscheidung zwischen einem gesunden und einem pathologischen Narzissmus sowie einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Für das in diesem Buch behandelte Thema ist es wichtig, zwischen den verschiedenen Ausprägungsformen von Narzissmus zu unterscheiden. Im Rahmen meiner schon genannten wissenschaftlichen Arbeit habe ich auch ein sehr ergiebiges und bereicherndes Interview mit Mathias Lohmer geführt, einem ausgewiesenen Experten in der Diagnose und Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung, aber auch in der Berücksichtigung psychoanalytischer Ansätze in Coaching und Organisationsberatung (vgl. Lohmer, 2000, 2005, 2007).

Auf meine Frage, für wie wichtig er die Berücksichtigung narzisstischer Phänomene im Rahmen von Coaching erachte, antwortete er mir: »Ich erachte die Berücksichtigung narzisstischer Phänomene im Coaching für sehr wichtig. Allerdings gilt es zu differenzieren, denn Narzissmus bewegt sich auf einem Kontinuum von normal über pathologisch bis zu einem malignen Narzissmus. Am Ende dieser letzten Kategorie ist dann der Übergang zur antisozialen und zur psychopathischen Persönlichkeit.

Beim normalen Narzissmus existiert ein intaktes ausgewogenes inneres Selbstbild. Führung gestaltet sich ohne neurotische Hemmung. Am Übergang zum pathologischen Narzissmus findet man aufgrund vorhandener Minderwertigkeitsgefühle kompensierende Funktionen. Erfolge und Macht kompensieren narzisstische Defizite. Beim pathologischen Narzissmus sind jedoch noch (Selbst-) Reflexionsfähigkeiten und Realitätsbezug vorhanden. Die Person lässt andere Meinungen gelten. Allerdings liegen hier schon eine hohe Kränkbarkeit und Schwierigkeiten vor, längerfristige Beziehungen aufrecht zu erhalten.

Beim malignen Narzissmus besteht eine stärkere Über-Ich-Pathologie. Das Über-Ich ist durch Aggression infiltriert. Die Aggression spielt eine größere Rolle. Die Manipulation anderer Menschen wird als lustvoll erlebt. Andere Meinungen können kaum ertragen werden. ›Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.‹ Es herrscht eine platte Schwarz-Weiß-Mentalität. Diese Mentalität schlägt auf die Organisation über. Der Realitätsverlust geschieht früher und ist größer.

Bei der psychopathischen Persönlichkeit liegt ein massiver Über-Ich-Defekt vor. Es besteht Angstfreiheit vor Risiken, auch wenn sie die eigene Person betreffen. Diese Personen besitzen enorme Fähigkeiten, zu manipulieren.

Die Gegenthese ist, dass Narzissmus ein menschliches Grundbedürfnis nach Tun, Gestalten, Macht, sich Exponieren, Dekonstruieren (etwas Neues), Motivieren, Visionen Entwickeln, die Fähigkeit, etwas anderes zu denken, sich über etwas Gegebenes hinwegzusetzen ist. All dies braucht ein Maß an konstruktivem Narzissmus. Ich ruhe in mir, um mich über etwas hinwegsetzen zu können. Konstruktiv narzisstische Persönlichkeiten können Komplexität mutig reduzieren, Visionen generieren, eine Aufbruchsstimmung erzeugen und so radikale Transformationen durchführen.« (Schneck 2012, S. 466 f.)

In dieser Aussage von Lohmer wird deutlich, dass es zu differenzieren gilt zwischen einem gesunden Narzissmus und verschiedenen Formen und Graden der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Abbildung 2 verdeutlicht in Anlehnung an ein psychoanalytisches Klassifikationsmodell von Otto F. Kernberg (vgl. 2006, S. 31) die verschiedenen Ausprägungsformen von Persönlichkeitsstörungen. Klassifikationskriterium ist dabei einerseits in der Horizontalen die Schwere der Störung – von schwach ausgeprägt bis stark ausgeprägt – und in der Vertikalen von Introversion bis Extraversion.


Abb. 2: Beziehungsgefüge der Persönlichkeitsstörungen (in Anlehnung an Kernberg 2006, S. 31)

Abbildung 2 nimmt nochmals Bezug zur Gefahr der frühen Störung beim Menschen aufgrund seiner evolutionären Disposition, wie sie ganz am Anfang dieses Teils ausgeführt wurde. Schwerpunkt des vorliegenden Buches ist das Kontinuum des Narzissmus von gesund über pathologisch bis hin zu maligne, wenn man der Begrifflichkeit von Lohmer folgt.

Bevor nun zunächst auf den gesunden Narzissmus eingegangen wird, sei noch auf einen erwähnenswerten Aspekt von Abbildung 2 hingewiesen. Das gesamte Kontinuum oder Spektrum narzisstischer Verhaltensweisen bewegt sich auf dem Pol der Extraversion, d. h. unabhängig von der Ausprägung zeichnen sich narzisstische Verhaltensweisen durch eine nach außen gewandte Haltung aus. Ein Umstand, der in den Abschnitten über Narzissmus als gesellschaftliches Phänomen und Narzissmus im Management nochmals besonders deutlich wird.

Gesunder Narzissmus

Das Spektrum, in dem sich Narzissmus realisieren kann, ist breit angelegt. Er kann dabei Formen annehmen, die entweder klinisch unauffällig sind (weil sie im Bereich des Gesunden liegen) oder aber klinisch auffällig (weil sie bereits in den Bereich des Krankhaften fallen). Dabei gilt es zu beachten, dass Verschiebungen der diagnostischen Maßstäbe im historischen Progress regelmäßig auftreten.11 Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung wird eher auf extremere Varianten des Narzissmus beschränkt. In diesem Abschnitt soll speziell auf den gesunden Narzissmus oder eine gesund-narzisstische Persönlichkeit eingegangen werden.

Mertens beschreibt die gesund-narzisstische oder eine wirklich selbstbewusste Persönlichkeit als jemand, der selbstbewusst und selbstsicher auftreten kann, der es liebt, gelegentlich auch im Mittelpunkt zu stehen und keine übermäßige Scheu davor empfindet, von sich selbst zu sprechen. Weil er andere mitreißen kann, arbeiten diese auch gern mit ihm zusammen, ohne sich übergangen oder ausgebeutet zu fühlen. Seine Talente und Begabungen, vor allem auch sein unerschütterliches Überzeugt-Sein von der Sinnhaftigkeit seiner Ziele und Visionen, lassen ihn viele Projekte realisieren, wobei ihm weniger die Bewunderung seiner Mitmenschen wichtig ist als vielmehr die Realisierung seiner Ideen und Vorhaben; aber auch die Freude über eine Anerkennung braucht nicht geleugnet werden. Vielleicht noch wichtiger als der Erfolg in der äußeren Welt ist der gesunden narzisstischen Persönlichkeit aber die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen; dass sich andere Menschen in seiner Nähe wohl fühlen und ebenfalls ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln können, gehört zu seinem Hauptanliegen (vgl. Mertens 1981, S. 182).

Für den Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth kennt der gesunde narzisstische Mensch zwar auch Schwankungen des Selbstwertgefühls, doch kann die Person zwischen den Polen Selbstkritik und Selbstzufriedenheit je nach Situation oszillieren, ohne dabei in das Extrem der Selbsterniedrigung oder das der Selbstüberhöhung zu verfallen. Vor allem findet sich bei Menschen mit einem gesunden Narzissmus keine Spaltung in einen total entwerteten und einen total idealisierten Persönlichkeitsanteil. Die narzisstisch gesunde Persönlichkeit kann sich selbst kritisieren und auch die Kritik anderer ertragen, ohne ihr Selbstwertgefühl grundsätzlich infrage stellen zu müssen (vgl. Wirth 2002, S. 73).

Gesunder Narzissmus und intakte Identität sind eng miteinander verbunden. Volkan weist darauf hin, dass sich eine solide und kohärente Identität nur entwickeln kann, wenn genug Narzissmus vorhanden ist. Weist der Narzissmus eine Störung auf, dann sind Identitätsstörungen wahrscheinlich.12

Die Synthese aus psychoanalytischem Gedankengut und empirischen Befunden von Elsa Ronningstam, einer der führenden Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der narzisstisch gestörten Persönlichkeit, führt zu einer näheren Bestimmung des gesunden Narzissmus. Sie berücksichtigt vier Dimensionen der Selbstregulation:

1. Selbstwert als Ausdruck der Selbsteinschätzung unter Einbeziehung des Leistungsbereichs

2. Affekte, die man zulassen und unterdrücken kann

3. Zwischenmenschliche Beziehungen unter Beachtung von Gerechtigkeit und Bindung

4. Das Über-Ich einschließlich der Ideale, denen sich die Person verpflichtet fühlt.

Auf der Basis dieser vier Dimensionen lässt sich der gesunde Narzissmus durch Ronningstams »dimensionales Regulationsmodell des Narzissmus« wie folgt kennzeichnen:

– Selbstwertregulation: in Form von realistischer Selbsteinschätzung eigener Fähigkeiten und Grenzen; Fähigkeit, Enttäuschung, Kritik und Zurückweisung zu tolerieren und Lob und Anerkennung für reale Leistungen und Erfolge anzunehmen; Größenfantasien dienen als Motivatoren und Richtschnur für Leistungen und Ziele.

– Affektregulation: in Form der Fähigkeit, bewusst Gefühle wie Neid, Scham und Stolz zu erleben; Toleranz, sich minderwertig und gedemütigt zu fühlen; Fähigkeit zu innerer Kontrolle; Empfinden für Macht und konstruktive Aggression.

– Regulation zwischenmenschlicher Beziehungen: in Form von Selbstfürsorge, Selbstachtung und gesunder Anspruchshaltung, was mit dem Gefühl einhergeht, dass man das, was man gewonnen und erhalten hat, auch verdient hat; Fähigkeit zur Empathie und Leidenschaft sowie Empfindung für Zugehörigkeit sowie Wertschätzung für Bindung und persönliche Beziehungen.

– Über-Ich-Regulation: in Form von Selbstlob, Stolz, konstruktiver Selbstkritik, realistischer Balance zwischen erreichbaren Idealen und aktuellen Fähigkeiten (vgl. Ronningstam 2005, S. 69-112).

Das Modell verdeutlicht, in welchem Bereich gesunder Narzissmus angesiedelt ist. Es handelt sich dabei wohlgemerkt um ein idealtypisches Modell. Kein Mensch ist in der Lage, sich immer im Sinne eines gesunden Narzissmus wahrzunehmen und zu verhalten. Wir alle haben mehr oder weniger stark ausgeprägte Entwicklungsdefizite bzw. narzisstische Beeinträchtigungen. Dieses Modell kann aber durchaus als ein hilfreiches Instrument zur Selbstreflexion verstanden werden.

Pathologischer Narzissmus und Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Auch für Otto F. Kernberg kann die narzisstische Persönlichkeit entlang eines Kontinuums klassifiziert werden, dessen Schweregrade von normal bis pathologisch reichen.

– Der normale erwachsene Narzissmus zeichnet sich für Kernberg durch eine normale Selbstwertregulierung aus. Er basiert auf einer normalen Selbststruktur, auf einem integrierten, größtenteils individuell geprägten und abstrahierten Über-Ich und schließlich auf der Befriedigung von Triebbedürfnissen innerhalb stabiler Objektbeziehungen und Wertesysteme.

– Der pathologische Narzissmus wiederum kann für ihn in drei Subkategorien unterteilt werden:

1. Die Regression auf infantile Modi der Selbstwertregulierung, die die mildeste Form narzisstischer Charakterpathologie darstellt. In dieser Kategorie finden sich häufig Fälle von Persönlichkeits- oder Charakterstörungen, deren Selbstwertregulierung übermäßig von der Äußerung oder auch Abwehr kindlicher Bedürfnisbefriedigung abhängig scheint, auf die Erwachsene normalerweise nicht mehr zurückgreifen. Das Problem ist hier, dass das Ich-Ideal dieser Menschen von infantilen Bestrebungen, Werten und Verboten kontrolliert wird. Dabei handelt es sich nach Ansicht von Kernberg um eine häufige, relativ milde Störung, die sich normalerweise im Laufe einer normalen psychoanalytischen Behandlung auflöst.

2. Eine zweite schwerwiegendere, aber relativ seltene Form pathologischen Narzissmus’ ist das, was Freud (1914) als narzisstische Objektwahl beschreibt. In diesem Fall ist das Selbst des Patienten mit einem Objekt identifiziert, während die Repräsentanz seines infantilen Selbst auf dieses Objekt projiziert wird und so eine libidinöse Beziehung herstellt, in der die Funktionen von Selbst und Objekt ausgetauscht wurden. Eine Beziehungsform, die bei Menschen zu finden ist, die einander so lieben, wie sie selbst geliebt werden möchten.

3. Eine dritte und besonders schwere Form pathologischen Narzissmus’ ist für Kernberg die eigentliche Narzisstische Persönlichkeitsstörung, ein Syndrom, das zu den schwierigsten der klinischen Psychiatrie gehört. Aufgrund der intensiven Forschungsarbeiten zur Psychopathologie dieser Störung und einer optimal angepassten psychoanalytischen Behandlungstechnik stellt die Narzisstische Persönlichkeitsstörung für ihn mittlerweile eine der Standardindikationen für eine psychoanalytische Behandlung dar (vgl. Kernberg 2006, S. 263 f.).

Es ist davon auszugehen, dass diese dritte Form des pathologischen Narzissmus schon die Ausprägung des malignen Narzissmus – die eigentliche Narzisstische Persönlichkeitsstörung – beschreibt, wie in Abbildung 2 dargestellt wurde.

Die nachfolgenden Ausführungen zur Diagnostik sollen einer systematischen Sammlung von Informationen zur Narzisstischen Persönlichkeitsstörung13 dienen und Grundlage für die nachfolgenden Abschnitte über die Entwicklungstheorien und über die Behandlung einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung sein.

Als klassische Hilfsmittel zur Diagnose gelten der ICD14 und der DSM.15 Die ›Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme‹ (ICD) ist das wichtigste weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin. Es wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. Die Ursprünge des ICD-Systems gehen bis zum Jahr 1850 zurück. Seit seiner Gründung wird das Klassifikationssystem von der WHO weiterentwickelt. Momentan gilt die ICD-10-GM, 10. Aufl. – German Modification, Version 2009. Sie ist zur Verschlüsselung von Diagnosen in der ambulanten und stationären Versorgung anzuwenden. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung wird im ICD nur im Anhang erwähnt. Begründet wird dies mit der umstrittenen klinischen und wissenschaftlichen Bedeutung. Neben den allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung (F60) müssen mindestens fünf der in der Tabelle unten aufgeführten Merkmale vorhanden sein.

Merkmale der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (ICD-10, F60.81)

• Größengefühle in Bezug auf die eigene Bedeutung ( z. B. übertreiben die Betroffenen ihre Leistungen und Talente, erwarten ohne entsprechende Leistungen als bedeutend angesehen zu werden)

• Beschäftigung mit Fantasien über unbegrenzten Erfolg, Macht, Scharfsinn, Schönheit oder ideale Liebe

• Überzeugung, besonders und einmalig zu sein und nur von anderen besonderen Menschen oder solchen mit hohem Status (oder von entsprechenden Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen zusammen sein zu können

• Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung

• Anspruchshaltung; unbegründete Erwartung besonders günstiger Behandlung oder automatischer Erfüllung der Erwartungen

• Ausnutzung von zwischenmenschlichen Beziehungen; Vorteilsnahme gegenüber anderen, um eigene Ziele zu erreichen

• Mangel an Empathie; Ablehnung, Gefühle und Bedürfnisse anderer anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren

• häufiger Neid auf andere oder Überzeugung, andere seien neidisch auf die Betroffenen

• arrogante, hochmütige Verhaltensweisen und Attitüden

Neuere Untersuchungen zum Verlauf der Erkrankung bei Narzisstischen Persönlichkeitsstörungen haben die in der ICD 10 erwähnten diagnostischen Unsicherheiten bestätigt. Die Instabilität narzisstischer Psychopathologie im Verlauf stellt die Konstruktvalidität der diagnostischen Kategorie »Narzisstische Persönlichkeitsstörung« ebenso wie das Konstrukt des pathologischen Narzissmus infrage (vgl. Ronningstam, zitiert nach Hartmann 2006, S. 19).

Das ›Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders‹ (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen – DSM) ist ein Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (Amerikanische Psychiatrische Vereinigung) und wurde 1952 zum ersten Mal in den USA herausgegeben. Seit 1996 gibt es die deutsche Publikation des DSM-IV. Aktuell liegt die Version DSM-IV-TR vor, Stand März 2007. Der Inhalt des DSM wird von Experten festgelegt, um Diagnose und Heilung zu erleichtern. Es wird in Kliniken und bei Versicherungsgesellschaften angewandt. Dem gegenwärtigen DSM liegt das klassische medizinische Modell zur Beschreibung von Geisteskrankheiten zugrunde – fußend auf Kraepelin.

Im DSM-IV wird die Narzisstische Persönlichkeitsstörung durch insgesamt acht Merkmale charakterisiert. Mindestens fünf der folgenden acht Kriterien müssen erfüllt sein:

Merkmale der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (DSM-IV)

• Der Betroffene hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit (übertreibt z. B. die eigenen Leistungen und Talente; erwartet, ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden)

• ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe

• glaubt von sich, besonders und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen Personen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können

• verlangt nach übermäßiger Bewunderung

• legt ein Anspruchsdenken an den Tag, d. h. übertriebene Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen

• ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, d. h. zieht Nutzen aus anderen, um die eigenen Ziele zu erreichen

• zeigt einen Mangel an Empathie: ist nicht willens, die Gefühle und Bedürfnisse der anderen zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren

• ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn/sie; zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen (vgl. Saß, et al. 2003)

Auch psychologische Testverfahren sind für die klinische Diagnostik wichtig. Aussagekräftige Fragebögen zum Narzissmus sind das Narzisstische Persönlichkeitsinventar (NPI) und das Narzissmusinventar (NI).

Robert Raskin und Calvin Hall von der University of California in Santa Cruz veröffentlichten 1979 einen Kurzartikel in den Psychological Reports, der den Titel »A narcisstic personality inventory« trug.16 Der Fragebogen orientierte sich an den Kennzeichen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, wie sie im DSM-III – dem Vorläufer des DSM-IV, der zu der damaligen Zeit aktuell war – dargestellt wurden. Der Fragebogen wurde so konzipiert, dass sich die befragte Person jeweils entscheiden muss, welche von zwei Alternativen auf sie eher zutrifft. Durch eine Auswahl der am besten geeigneten Aussagen wurde die Anzahl der Vorgaben von erstmals 223 auf 80 Paare verringert. Die Veröffentlichung der Studie von Raskin und Hall muss als Beginn einer systematischen Narzissmus-Forschung betrachtet werden. 1988 wurde von Robert Raskin und Howard Terry eine revidierte Fassung des NPI vorgelegt, die auf 40 Paaren von Feststellungen beruht (vgl. Raskin, Terry 1988). Von diesem Fragebogen liegt eine deutschsprachige Fassung vor, die von Astrid Schütz, Bernd Marcus und Ina Sellin entwickelt wurde (vgl. Schütz, Marcus, Sellin 2004). Für die deutschsprachige Version wurden sechs Dimensionen des NPI identifiziert:

1. Führungspersönlichkeit: sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wohl fühlen, sich selbst Führungsqualitäten zutrauen

2. Physische Eitelkeit: sich im Spiegel anschauen, den eigenen Körper gerne zeigen

3. Anspruch/Dominanz: hohe Erwartungen an andere stellen, Machtansprüche haben

4. Überheblichkeit/Überlegenheitsgefühl: sich selbst für eine bedeutende Persönlichkeit halten, sich selbst für etwas Besonderes halten

5. Ehrgeiz/Führungswille: Bereitschaft, Eigenverantwortung zu übernehmen und eine Führungsrolle auszuüben

6. Kompetenzüberzeugung: andere beeinflussen können und eigene Fähigkeiten hoch einschätzen

35 Prozent der Gesamtvarianz des NPI lässt sich dabei durch den ersten Faktor erklären. Außerdem fand sich, dass jede der Subskalen positiv mit dem Generalfaktor korrelierte (vgl. Schütz, Marcus, Sellin 2004, S. 207).

Wenn heute unter Persönlichkeits- und Sozialpsychologen von Narzissmus die Rede ist, dann ist wohl die normale Persönlichkeit gemeint, deren Ausprägung durch den NPI erfasst wird. Menschen, die sehr hohe Werte im NPI aufweisen, können, müssen aber nicht eine narzisstische Persönlichkeitsstörung haben (vgl. Bierhoff, Herner 2009, S. 109).

Ein dynamisches Verständnis des Narzissmus ist schon in den Vorstellungen über Narzissmus von Kernberg enthalten. Das von Friedrich-Wilhelm Deneke und Burkhard Hilgenstock an der Universitätsklinik in Hamburg entwickelte und 1989 veröffentlichte Narzissmusinventar (NI) entspricht diesem dynamischen Verständnis von Narzissmus (vgl. Deneke, Hilgenstock 1989). Das NI ist ein Verfahren, das zur Selbstbeurteilung dient und das in der Originalfassung 163 Aussagen umfasst. Narzissmus wird als Selbstsystem aufgefasst, das sich in dynamischer Weise organisiert und reguliert. Im Einzelnen werden vier allgemeine Ziele unterschieden:

1. das Befriedigen von vital-körperlichen und erotisch-sexuellen Bedürfnissen,

2. das Befriedigen von Sicherheitsbedürfnissen,

3. das Aufrechterhalten des Selbstwertgefühls und

4. die Sinngebung.

Wenn diese Ziele erreicht werden, weist das Selbst einen Zustand von Gleichgewicht auf. Das Selbst kann aber bei der Verfolgung dieser Ziele auch in einen Zustand des Ungleichgewichts geraten oder zwischen Gleichgewicht und Ungleichgewicht oszillieren. Tritt keine Balance ein, kommt das Selbst in einen kritischen Zustand der Bedrohung und es treten Ängste auf. Gleichzeitig werden Motive geweckt, die wahrgenommenen Gefahren abzuwehren, indem sich das Selbst neu organisiert und reguliert (vgl. Bierhoff, Herner 2009, S. 99 f.).

Deneke und Hilgenstock unterscheiden faktorenanalytisch vier kritische Dimensionen des Selbst:

– das bedrohte Selbst, welches sich auf die Instabilität des Selbst bezieht

– das klassisch »narzisstische« Selbst, welches sich auf Kohuts (1977) Selbsttheorie bezieht

– das idealistische Selbst, welches zum Teil an Kernbergs (1975) Beschreibungen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung erinnert

– das hypochondrische Selbst, welches sich auf den Körper konzentriert

Die Autoren gehen von einem lebenslang wirksamen, sich komplex regulierenden und vielfältig verknüpften Selbstsystem aus, welches motivational durch zwei gegensätzlich wirksame Prinzipien (Streben nach spannungsfreier Ruhe und Streben nach Stimulierung oder Unruhe) bestimmt wird. Die vier Dimensionen des Narzissmus-Inventars ermöglichen dabei eine umfassende Beschreibung der widersprüchlichen Persönlichkeitszüge, die mit Narzissmus in Zusammenhang stehen.

Das Narzissmus-Inventar ist mittlerweile wiederholt in empirischen Studien eingesetzt worden und hat seinen Nutzen für Theorie und Praxis unter Beweis gestellt.17 Das dem Narzissmus-Inventar zugrunde liegende dynamische, selbstregulatorische Modell des Narzissmus entspricht der Sichtweise, die in der Persönlichkeits- und Sozialpsychologie vorherrscht. Im Unterschied zur klinischen Perspektive wird in der Persönlichkeits- und Sozialpsychologie der normale Narzissmus thematisiert (vgl. Bierhoff, Herner 2009, S. 104).

Es wurde in diesem Abschnitt deutlich, dass Narzissmus als Konstrukt viele verschiedene Ausprägungen der Erlebens- und Verhaltensweisen hat und in verschiedenen Schweregraden auftreten kann. Um diese verschiedenen Ausprägungen und Schweregrade eines (gesunden, pathologischen oder malignen) Narzissmus besser zu verstehen, ist es notwendig, sich mit der Entstehung von Narzissmus zu befassen. Dies soll im nachfolgenden Abschnitt über die Entwicklungstheorien zum Narzissmus erfolgen. Dieser Abschnitt ist wiederum Grundlage für den dann folgenden Abschnitt über die Behandlung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Festzuhalten bleibt aber aus diesem Abschnitt über das Spektrum narzisstischer Verhaltensweisen für den weiteren Fortgang des Buches in Anlehnung an eine Aussage von Almaas, dass alle Individuen mindestens eine Form des Narzissmus aufweisen und niemand narzisstischen Störungen gänzlich entkommt. Der Narzissmus stellt eine so grundlegende Basis der Ich-Erfahrung dar, dass das Selbst des durchschnittlichen Menschen zutiefst und fundamental narzisstisch ist. Das Äußerste, was Psychotherapie oder Psychoanalyse leisten können, ist, dass es dem Individuum möglich wird, den »Narzissmus des Alltagsleben« zu erreichen (vgl. Almaas 1996, S. 26 ff.).

4. Entwicklungstheorien des Narzissmus

Es gibt eine Vielzahl an Entwicklungstheorien zum Narzissmus und eine lange und umfassende Diskussion um diese Entwicklungstheorien. Den meisten dieser Theorien ist gemeinsam, dass sie ein tiefes Verständnis der Psychoanalyse, ihrer Theorie und ihrer Fachterminologie erfordern. In dem hier vorliegenden Buch werden diese Entwicklungstheorien nur insofern angesprochen, wie sie für den weiteren Fortgang der Arbeit notwendig erscheinen. Es gilt, ein notwendiges Grundverständnis für das Entstehen und die dahinterliegende Dynamik narzisstischer Verhaltensweisen zu erarbeiten und darzulegen. Dieses Grundverständnis ist notwendig, um die nachfolgend dargestellten Behandlungsmethoden zu erklären und zu verstehen, die im dritten Teil auf ihre Übertragbarkeit in einen Coaching-Prozess unter Berücksichtigung narzisstischer Phänomene hin überprüft werden.

Verfolgt man den historischen Diskurs über die Entwicklungstheorien zum Narzissmus, so fällt auf, dass fast alle in der Psychoanalyse diskutierten metapsychologischen Konstrukte in diesem Diskurs auftauchen. Die Metapsychologie enthält die theoretischen Grundannahmen der Psychoanalyse. Dabei soll eine konstruierte Modellvorstellung ermöglichen, einen psychischen Vorgang nach seinen dynamischen, topischen und ökonomischen Beziehungen zu beschreiben.18 Nicht die psychischen Phänomene als solche und ihre Bedeutung für das Individuum stehen dabei zur Debatte, sondern die Konzeptualisierung ihres Zustandekommens mithilfe theoretischer Konstrukte, wie z. B. der Dynamik von Trieb und Verdrängung, der topischen Zuordnung zu den Systemen Unbewusst, Vorbewusst und Bewusst oder Es, Ich, Über-Ich sowie z. B. der ökonomischen Betrachtung nach dem Lust-, Unlustprinzip, dem Realitäts- oder dem Nirwanaprinzip (vgl. Schmidt-Hellerau 2008, S. 467).

Freud ging es im Rahmen der Diskussion über eine Metapsychologie um die Entwicklung eines letztlich logisch-mathematischen (quantifizierten) Modells, welches auf Psyche und Soma gleichermaßen anwendbar sein soll und das normale psychische Funktionieren – wie auch dessen Störungen – zu beschreiben in der Lage ist. Zu diesem Zweck konstruiert er einen psychischen Apparat, dessen Organisation darauf ausgerichtet ist, einen Zustand dynamischer Stabilität aufrechtzuerhalten. Dies bedeutet, jede Zufuhr an Erregung von außen (Reiz) oder von innen (Trieb) stört den zuvor bestehenden Gleichgewichtszustand innerhalb dieses psychischen Apparats und verursacht eine Spannung, die als Unlust empfunden wird. Dies drängt das System zu Maßnahmen im Dienst der Homöostase, nämlich entweder zur Abfuhr der (Trieb-) Erregung oder zu ihrer Verdrängung. Damit legte Freud die Grundpfeiler für die Triebtheorie19 und die Strukturtheorie. Diese beiden theoretischen Konstrukte waren auch die Grundlage für seine Konzeptualisierung des Narzissmus.

Bevor darauf unter der Überschrift primärer vs. sekundärer Narzissmus näher eingegangen wird, sollen zunächst noch weitere theoretische Konstrukte genannt werden, die im Rahmen des theoretischen Diskurses über das Konzept Narzissmus genannt bzw. entwickelt wurden. In historischer Reihenfolge können die Ich-Psychologie, die Objektbeziehungstheorie und die Selbstpsychologie genannt werden. Durch die Öffnung der Psychoanalyse zu ihren Nachbardisziplinen wie Entwicklungspsychologie, Säuglingsforschung, die Philosophie, die Sozialpsychologie und die System- und Kommunikationstheorie entstanden weitere Entwicklungstheorien, wie beispielsweise die interpersonellen und intersubjektiven Entwicklungstheorien.

Ebenfalls in historischer Reihenfolge seien die wesentlichen Vertreter der verschiedenen Entwicklungstheorien erwähnt. Als Erster sei natürlich Sigmund Freud genannt, der die Konzeptualisierung des Narzissmus auf seiner Trieb- und Strukturtheorie aufbaute und um die Libidotheorie erweiterte. Sandor Ferenczi war einer der engsten Mitarbeiter und in den frühen Jahren ein enger Freund Freuds und entwickelte ein regressives Modell des Narzissmus als Verlust und Wiedergewinnung des intrauterinen Paradieses. Er nahm viele Ideen der erst später ausgearbeiteten Objektbeziehungstheorien in seinen Schriften vorweg. Zu seinen Analysanden zählen Melanie Klein und Michael Balint, die die psychoanalytische Objektbeziehungstheorie – untergründet mit der Triebtheorie – ausarbeiteten. Als weiterer Vertreter der Objektbeziehungstheorien gilt insbesondere Otto F. Kernberg, aber auch William R. D. Fairbairn und Donald Winnicott.

Als Vertreter der Ich-Psychologie gelten Anna Freud, Heinz Hartmann und David Rapaport. Als Neo-Freudianer wurden Karen Horney und Erich Fromm bezeichnet, die einerseits Narzissmus als Ausdruck tiefsitzender Angst verstehen und die auf die Prägung des Individuums durch die Gesellschaft hinweisen. Als führende Vertreter der Selbstpsychologie gelten Heinz Kohut sowie Anna und Paul Ornstein. Als Vertreter der interpersonellen Entwicklungstheorie können Harry Stuck Sullivan, Stephen Mitchell, Stavros Mentzos und Daniel N. Stern aufgeführt werden. Wegbereiter einer intersubjektiven Entwicklungstheorie waren Robert D. Stolorow, B. Brandchaft und G. E. Atwood und im deutschsprachigen Raum Martin Altmeyer.

Primärer und Sekundärer Narzissmus nach Freud

Sigmund Freud benutzte den Begriff Narzissmus je nach Kontext in vielfältigen Bedeutungen. Freuds Narzissmustheorie ist dabei keineswegs konsequent, sondern neigt in ihrer Entwicklung zu Widersprüchen, und es fehlen dem Außenstehenden eine klare Linie und Begrifflichkeit.

Narzissmus ist für Freud 1910 zunächst noch die Bezeichnung für eine Perversion, bei der der eigene Körper wie ein Sexualobjekt behandelt wird. Bereits in der ersten Begriffsanwendung auf die Homosexualität, in den »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« wird diese Eigenliebe mit einer frühen passiven Liebesfantasie assoziiert: Der narzisstische Homosexuelle liebt den gleichgeschlechtlichen Partner, wie seine Mutter ihn geliebt hat (vgl. Freud 1905, S. 56).

Ab 1911 benutzt Freud den Begriff auch zur Bezeichnung eines regulären Entwicklungsstadiums der Libido und spricht von Narzissmus als einem Zwischenstadium zwischen Autoerotismus und Objektliebe. Die zunächst ziellosen Sexualtriebe haben mit dem Ich ein Objekt gefunden. Ich-Triebe und Sexualtriebe sind in dieser Phase noch nicht unterschieden. Autoerotismus wird zuerst in »Totem und Tabu« (1913) näher definiert. In den ersten Lebensmonaten, solange der Säugling noch kein einheitliches Ich besitzt, sei jede noch ungeschiedene Triebkomponente auf Lustgewinn aus, deren Befriedigung im Anschluss an lebenswichtige, der Selbsterhaltung dienende Vorgänge (Stillen, Stuhlgang) am Körper stattfindet. Freud nennt dieses Stadium das des Autoerotismus, weil hier der eigene Körper auch das einzige Befriedigungserlebnisse produzierende Liebesobjekt sei. Abgelöst werde dieses Stadium von dem der Objektwahl.

»Es hat sich beim weiteren Studium als zweckmäßig, ja als unabweisbar gezeigt, zwischen diese beiden Stadien ein drittes einzuschieben. (…) In diesem Zwischenstadium haben die vorher vereinzelten Sexualtriebe sich bereits zu einer Einheit zusammengesetzt und auch ein Objekt gefunden; dieses Objekt ist aber kein äußeres, sondern es ist das eigene, um diese Zeit konstituiert sich das Ich. Mit Rücksicht auf später beobachtete Fixierungen heißen wir das neue Stadium Narzissmus. (…) Wenn uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses Narzissmus noch nicht möglich ist, so ahnen wir doch bereits, dass die narzisstische Organisation nie mehr völlig aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in gewissen Maßen narzisstisch, auch wenn er äußere Objekte für seine Libido gefunden hat.« (Freud 1913, S. 94)

Im Stadium des Autoerotismus wird somit der Körper wie ein Liebesobjekt behandelt, im Stadium des Narzissmus findet dahingegen eine libidinöse und sexuelle Besetzung des rudimentären, sich allmählich entwickelnden Ich/ Selbst statt.

1914 schreibt Freud seine grundlegende Abhandlung zum Narzissmus, deren wesentliche Aussagen später nur wenig ergänzt und modifiziert werden. Aus seinen Beobachtungen Schizophrener gewinnt Freud die These, deren Größenwahn komme auf Kosten der Objektlibido zustande. »Die der Außenwelt entzogene Libido ist dem Ich zugeführt worden, so dass ein Verhalten entstand, welches wir Narzissmus heißen können.« (Freud 1914, S. 142) Vom Größenwahn der erwachsenen Schizophrenen aus lasse sich auf ein psychogenetisch früheres Stadium schließen, den primären Narzissmus, über welchem sich durch spätere Einbeziehung von Objektbesetzungen der bei den Kranken konstatierte sekundäre Narzissmus aufgebaut habe. Wenn das Kind diesen primären Narzissmus nicht überwinde, in dem es später libidinöse Beziehungen zur Außenwelt aufnehme, wende es seine Libido also erneut dem eigenen Ich zu, so sei an ihm ein sekundärer Narzissmus diagnostizierbar. Diesen fasste Freud, wenngleich jeder Mensch zeitlebens gesunde narzisstische Züge beibehalte, als krankhafte Entwicklung auf.

Mit der »Einführung des Narzissmus« wird die triebtheoretische Definition spezifiziert. Der Narzissmus ist nun die libidinöse Ergänzung zum Egoismus des Selbsterhaltungstriebes. Begrifflich wird eine »Ich-Libido« oder »narzisstische Libido« von der »Objektlibido« unterschieden. Beide Formen der Libido sind Triebenergien gleicher Natur, sie unterscheiden sich durch das Ziel der Besetzung und sind durch Besetzungsverschiebung miteinander konvertierbar (vgl. Altmeyer 2000, S. 43).

Eine entscheidende Umformung seiner Libidotheorie unternimmt Freud 1923. Aufgegeben wird die These, das Ich sei ursprüngliches Reservoir der Libido, vielmehr gilt jetzt als ihr Topos das Es. Das Ich bedient sich der Libido, die es von Objekten abzieht und als desexualisierte Energie für seine eigene Bildung verwendet: Narzisstische Libido ist desexualisierte oder sublimierte Sexualität (vgl. Freud 1923 zitiert nach Altmeyer 2000 S. 45).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Freud dem Narzissmus-Begriff mindestens vier Konnotationen gibt:

– In klinischer Hinsicht wird damit eine sexuelle Perversion charakterisiert, bei der der eigene Körper als Sexualobjekt benutzt wird.

– Aus genetischer Perspektive wird damit ein Stadium der Entwicklung beschrieben.

– Hinsichtlich der Objektbeziehungen werden damit verschiedene Typen der Objektwahl (Anlehnungstypus, narzisstisch) und die Art und Weise der Beziehung zur Umwelt (Mangel an Beziehung) bezeichnet.

– Letztlich soll die Regulation des Selbstwertgefühls damit beschrieben werden.

Mit diesen vier Bedeutungen sind die Grundlagen für viele der nachfolgenden Narzissmus-Theorien im Kern schon angedacht (vgl. Hartmann 2006, S. 7).

Die Ich-Psychologie

Von einer Ich-Psychologie als eigenständige Ausrichtung innerhalb der Psychoanalyse kann erst seit den Beiträgen von Anna Freud (1936) und insbesondere von Heinz Hartmann (1939) gesprochen werden.20

Hartmann wies darauf hin, dass insbesondere die mangelnde Unterscheidung zwischen dem Ich als System im strukturellen Sinne und dem Ich als Synonym für die eigene Person (Selbst) zur Verwirrung in der Freudschen Narzissmuss-Theorie beigetragen habe. Er unterschied das Ich (ein strukturelles mentales System), das Selbst (die gesamte Person des Individuums, inklusive seines Körpers, seiner psychischen Organisation und ihrer Teile) und die Selbstrepräsentanzen (die unbewussten, vorbewussten und bewussten endopsychischen Repräsentationen des körperlichen und mentalen Selbst im Ich-System) (vgl. Hartmann 1972, S. 261).

Nach Hartmann solle der Begriff Selbst als Bezeichnung der eigenen Person im Gegensatz zum Objekt gelten, der des Ich solle sich demgegenüber auf ein psychisches System im Gegensatz zu anderen Teilstrukturen der Persönlichkeit beziehen. Das Gegenteil von Objektbesetzung sei nicht Ich-Besetzung, sondern Besetzung der eigenen Person, d. h. Selbstbesetzung (vgl. ebd., S. 132). Narzissmus sei nach Hartmann die libidinöse Besetzung des Selbst oder genauer: der Selbstrepräsentanzen im Gegensatz zur Besetzung der Objektrepräsentanzen. Narzissmus lässt sich in allen drei Strukturmerkmalen finden, dem Ich, dem Es und dem Über-Ich, die gemeinsam das Selbst bilden. Darüber hinaus ist bei einer gesunden narzisstischen Entwicklung die Besetzungsenergie desexualisiert und neutralisiert und nicht mehr triebhaft. Das Ich kann seine Autonomie behaupten und besitzt »die Merkmale eines isolierten psychischen Systems« (ebd., S. 135). Wenn diese Neutralisierung der Besetzungsenergie jedoch nicht gelingt, führt dies zu einer Sexualisierung des Ichs und damit zu einer Ich-Schwäche, die dem pathologischen Narzissmus entspricht.

Zu erwähnen ist noch die Warnung von Hartmann vor einer Überschätzung der Rolle der Objektbeziehungen in der Genese des Ichs. Eine wie auch immer geartete Ablehnung der Mutter wird seiner Ansicht nach häufig in geradliniger Kausalbeziehung und ohne Unterschied für nahezu all die verschiedenen Formen späterer pathologischer Entwicklungen und besonders für die Ich-Störungen verantwortlich gemacht. Hartmann macht vielmehr auf die Konflikte innerhalb des Ichs und seiner Funktionen und deren Entwicklung aufmerksam.21

Heute gehören die Theorien der Ich-Psychologie zum festen Bestandteil der Psychoanalyse und sind Ursprung vieler moderner Theorien, die wiederum zur Weiterentwicklung der Ich-Psychologie beigetragen haben. Die Ich-Psychologie kann als eine psychoanalytische Variante der kognitiven Psychologie verstanden werden, die sich mit zumeist bewussten Funktionen auseinandersetzt.

Die Objektbeziehungstheorien

Parallel zu den Entwicklungen durch die Ich-Psychologie und durch die Neofreudianer22 in Amerika war die theoretische Entwicklung in Großbritannien von der Analyse der frühen Objektbeziehungen gekennzeichnet.23 Es vollzog sich eine Verlagerung von den inneren Triebkonflikten hin zu den äußeren Einflüssen realer Beziehungen. Sandor Ferenczi nahm viele Ideen der erst Jahrzehnte später ausgearbeiteten Objektbeziehungstheorie in seinen Schriften vorweg. Einen bedeutenden Stellenwert in seiner Theorie hat die Betonung realer Kindheitserfahrungen in der Ätiologie von psychischen Störungen.

Melanie Klein, die ebenso wie Michael Balint zu den Schülern Sandor Ferenczis zählt, kann als letzte Vertreterin einer trieb- und konfliktpsychologischen untergründeten Objektbeziehungstheorie gelten, obwohl auch sie schon nicht mehr von sexuell agierenden Objekten im Freudschen Sinne schreibt.24 In der Theorie Kleins leiten die frühesten Erfahrungen des Säuglings beim Stillen und die Nähe zur Mutter eine erste Objektbeziehung ein (vgl. Klein 1962, S. 144). Das Objekt (die Mutter) dient somit vor allem der Triebbefriedigung und als Projektionsfeld. Die erste Objektbeziehung ist laut Klein von Anfang der Entwicklung an mit Verfolgungsängsten verbunden, die aus dem Verlust des intrauterinen Zustands, als Angriff von außen nämlich, gefolgert werden. Klein übernahm die Theorie des Todestriebes von Freud und unterstellte eine von Beginn an wirkende Aggressivität und Destruktivität im Menschen. Die Funktion dieser ersten Objektbeziehung sei es geradezu, das Gefühl des Verlustes und der Verfolgung zu mildern und ihm entgegenzuwirken (ebd. S. 147). Die Wahrnehmung der Mutter (des frühen Objektes) beziehungsweise des Teilobjektes (der Brust) entweder als die stillende oder die versagende Brust führt nach Klein in eine Aufspaltung in ein gutes Objekt, an das sich die oral-libidinösen Strebungen heften, und ein böses Objekt, das als Verursacher von Versagung und Entbehrung oral-destruktive Strebungen auf sich zieht und die konstitutionell vorhandene angeborene Aggression verstärkt. Diese Aggression bewirkt wiederum die Angst vor Rache des bösen Objektes und setzt Abwehrmechanismen wie Idealisierung und Abspaltung in Kraft. Klein legte außerdem mit dem Begriff der projektiven Identifizierung25 den Grundstein für die Erforschung objektbezogener Abwehrvorgänge, die dominieren, wenn Abhängigkeit und Getrenntheit nicht ertragen werden können (vgl. Hinz 2008, S. 524).

Obwohl die Objektbeziehungstheorie stark von Kleins Arbeit beeinflusst ist (Winnicott war bei Klein in Supervision), tendiert diese später in eine andere Richtung (vgl. Schoenhals 2008, S. 519). Michael Balint, Roland Fairbairn und Donald Winnicott wandten sich gegen das dem Freudschen Triebkonzept inhärenten uranfänglichen sexuellen Triebgeschehen und postulierten eine primäre Liebe und Bezogenheit, ja sogar einen uranfänglichen Bindungsinstinkt und eine angeborene Beziehungserwartung (vgl. Mertens 2007, S. 123).

Balint beispielsweise wendet sich gegen eine biologistische, rein triebpsychologische Deskription seelischer Vorgänge, die dazu tendiert, die Liebesbedürftigkeit des Menschen und die Bedeutung seiner Beziehungen zu anderen Menschen aus den Augen zu verlieren. Unter Narzissmus, so schreibt Balint, verstand man bisher zweierlei: »Erstens eine Art Libidounterbringung, nämlich wenn die betreffende Person sich selbst liebt, und zweitens jenes Verhältnis zur Umwelt, in welchem die Person von der Realität gar nicht oder nur ungenügend Kenntnis nimmt, und man hat die narzisstische Liebe, die Selbstliebe, als primär, als angeboren angesehen.« (Balint 1935, S. 69) Diese Schlussfolgerung kritisiert er an einer späteren Stelle vehement: »Meiner Meinung nach ist das nicht richtig. (…) Es zeigt eben die überwältigende Macht der Hypothese, dass die ganze Seele, mithin auch das Es – wie von Natur – ursprünglich nur narzisstisch gedacht werden konnte. Eine Seele, welche keine Beziehung zur Außenwelt unterhält, ist die logisch einfachste Vorstellung, aber folgt daraus, dass diese Form in der Realität auch die ursprünglichste sein muss? Es ist ein naheliegender Trug, welchem nicht nur wir Psychoanalytiker zum Opfer gefallen sind.« (ebd. S. 114)

Balint richtet sich somit nicht nur gegen die Existenz eines primären Narzissmus, sondern auch gegen eine Beziehungslosigkeit, d. h. gegen eine monadische Struktur des Infants. Er macht darauf aufmerksam, dass er die Entwicklung von Objektbeziehungen – und das sind für ihn Liebesbeziehungen – und die Entwicklung sexueller Ziele als zwei verschiedene, in sich verschränkte, jedoch nicht a priori parallele Vorgänge versteht. Nach seiner Auffassung gibt es zwei Urformen von Liebe, die aktive und die passive. Bereits das Neugeborene zeige schon das Anliegen eines jeden Menschen, ganz und ohne Gegenleistung geliebt und befriedigt zu werden. Die urtümliche Liebe sei passiv, aber nicht narzisstisch im Sinne Freuds. Passiv müsse sie zwangsläufig sein, da das Kind noch nicht fähig sei, Liebe aktiv zu agieren. Der glückliche Verlauf der Beziehung Mutter-Kind als erste (Objekt-) Liebesbeziehung überhaupt ist daher für Balint »ein Zentrum oder Knotenpunkt, von dem alle späteren Entwicklungen strahlenförmig ausgehen« (ebd. S. 301). Die erste passive Liebesbeziehung präge jede spätere aktive Ich-Du-Beziehung, denn auch in der reiferen Form aktiver Liebe bleibe der wechselseitige Anspruch auf Ausschließung anderer erhalten (vgl. Orlowsky 1992, S. 372). Unsensible Erwachsene könnten jedoch beim Kind körperliche Abwehrformen – Verkrampfungen – ebenso provozieren wie einen Rückzug auf sich selbst, auf narzisstisches Verhalten: »Wenn mich die Welt nicht liebt, [so wie ich geliebt sein will] dann muss ich mich selber lieben.« (Balint 1935, S. 301)

In Balints Modell eines primär objektbezogenen und dem Objekt in primärer Liebe verbundenen Säuglings sind intentionale Übereinstimmungen mit Fromms genuinem, guten, triebbereinigten Selbst auszumachen. Ferner steht Balints Konzept einer aufsteigenden Entwicklung von der primär passiven zur aktiven Objektliebe in der (entwicklungspsychologischen) Tradition des Reifungsgedankens und verabschiedet sich im Gegensatz zu Klein von der Freudschen Vorstellung der Subjektwerdung entlang struktureller Konflikte (vgl. Gast 2006, S. 150).

Fairbairn war es nun, dem der Anschluss der englischen Objektbeziehungstheorie an die amerikanischen Strömungen der Psychoanalyse gelang. Er verband Balints Theorie der primären Objektliebe mit dem Libido-Begriff. Die Libido, so Fairbairn, sei nicht primär am Lustgewinn orientiert, sondern das »wahre libidinöse Bedürfnis liege in der Herstellung befriedigender Objektbeziehungen« (Fairbairn 1952, S. 65).

Fairbairn postuliert, dass das Kleinkind von Anfang an auf die primären Bezugspersonen bezogen ist und über eine realistische Wahrnehmung verfügt; seine innere Welt gestaltet sich als Reaktion auf die Erfahrungen mit den äußeren Beziehungen. Erst die übermäßige Enttäuschung der Bedürfnisse des kleinen Kindes nach Zuwendung und Anerkennung führt zur Ausbildung einer inneren Welt. Es bildet sich eine innerpsychische Struktur (endopsychische Situation) mit einer inneren Spaltung, die allgemein, aber in ihrer Ausprägung je nach Erfahrung und Anlage unterschiedlich stark ist. Die in der äußeren Realität unerfüllten Bedürfnisse und Enttäuschungserlebnisse werden mit den entsprechenden Ich-Anteilen und Objekten abgespalten und verdrängt:

– Aus dem ursprünglich ungeteilten Ich wird das libidinöse Ich, das eng mit dem libidinösen Objekt verbunden ist, abgesondert. Im libidinösen Ich sind alle Beziehungserfahrungen mit den unerfüllten Gefühlen und Sehnsüchten nach vollständiger Liebe und paradiesischer Innigkeit lokalisiert.

– Außerdem wird das anti-libidinöse Ich oder der innere Saboteur mit dem zurückweisenden Objekt, das voller Enttäuschungswut und Hass ist, abgespalten und verdrängt.

– Es verbleibt das zentrale Ich, das mit dem Idealobjekt oder besser mit dem akzeptierenden Objekt verbunden ist.

Der Vorteil der Spaltung und Verdrängung besteht darin, dass das bedürftige Kind sich schon sehr früh auf seine primären Objekte einstellen und anpassen kann, jedoch zu dem hohen Preis der inneren Spaltung (vgl. derselbe 1952a). Fairbairn betont in diesem Zusammenhang auch die Funktion von Scham, die mit dem Erleben der Beziehung zu einem bösen Objekt regelmäßig verbunden ist. Für ein Kind spielen die Gefühle, die ein Erwachsener ihm gegenüber empfindet, für seine Identifizierung eine wichtige Rolle. Es übernimmt damit auch die Sichtweise der Eltern, wenn diese es als böse oder schmachvoll erleben und es glaubt dann selbst, böse zu sein. Aufgrund seiner Abhängigkeit ist es für ein Kind kaum möglich, sich einzugestehen, dass die Eltern oder andere idealisierte Erwachsene wirklich böse sind. Fairbairns objektbeziehungstheoretischer Ansatz war für die Entwicklung der relationalen Psychoanalyse, also für den beziehungstheoretischen Ansatz innerhalb der psychoanalytischen Theorie, bedeutsam.

Winnicott, der sowohl ein Schüler von Melanie Klein als auch von D. W. R. Fairbairn war, betont ebenfalls die Wichtigkeit von Objektbeziehungen und zeigt ihre Bedeutung für die Selbstentwicklung auf. Er postuliert: »There is no such thing as a baby«, denn immer dort, wo man einen Säugling finde, sei auch die mütterliche Fürsorge. Ohne diese mütterliche Fürsorge oder haltende Umwelt gebe es auch keinen Säugling, der Säugling und die Mutter bilden zusammen eine Einheit (vgl. Winnicott 1974, S. 50). Für Winnicott ist das Gesicht der Mutter in der individuellen Entwicklung der Vorläufer des Spiegels. »Was erblickt das Kind, das der Mutter ins Gesicht schaut? Ich vermute im Allgemeinen das, was es in sich selbst erblickt. Mit anderen Worten: Die Mutter schaut das Kind an, und wie sie schaut, hängt davon ab, was sie selbst erblickt. Diese Dinge werden allzu oft für selbstverständlich gehalten.« (Winnicott 1971, S. 129)26 Besonderes Augenmerk richtete Winnicott auf die Unterscheidung zwischen dem wahren und dem falschen Selbst. Das wahre Selbst ist das Resultat der Beziehung zu einer »hinreichend guten Mutter« (»good enough mother«), die nicht nur die Triebbedürfnisse ihres Säuglings wahrnimmt, sondern auch seine Kreativität anerkennt, seine Grenzen respektiert und ein Gleichgewicht zwischen seinen Illusions- und Desillusionserfahrungen herzustellen weiß. Nach Winnicotts Auffassung ist die Einheit nicht das Kind, sondern eine intersubjektive Entität, die Mutter-Kind-Einheit. »Das wahre Selbst kommt von der Lebendigkeit des Zellgewebes und der Tätigkeit der Körperfunktionen, einschließlich Herz- und Atemtätigkeit.« (Winnicott 1974, S. 193) Auch kann nur das wahre Selbst kreativ sein und sich real fühlen. Während »ein wahres Selbst sich real fühlt, führt die Existenz eines falschen Selbst zu einem Gefühl des Unwirklichen oder einem Gefühl der Nichtigkeit« (ebd.).

Winnicott geht davon aus, dass es in jedem Menschen eine angeborene »natürliche Tendenz zur Gesundheit und zur entwicklungsmäßigen Reife« (Winnicott 1976, S. 130) gibt, die aber nur unter entsprechenden wachstumsfördernden Bedingungen zur Entfaltung kommen kann. Winnicott betrachtet eine seelische Erkrankung nicht als eine pathologische Störung, sondern vorrangig als eine Notlösung für emotionale Konflikte und misslungene Entwicklungsaufgaben (Entwicklungsstagnationen). Seiner Meinung nach ist es für das Individuum normal und gesund, das Selbst gegen spezifisches Umweltversagen durch ein Einfrieren der verfehlten Situation zu verteidigen. Für eine Therapie bedeutet dies, dass eine Entwicklungsbefreiung durch Regression zu den eingefrorenen Lebensprozessen und ihr Auftauen im Sinne einer Aufhebung der Dissoziation oder Auflösung der falschen Selbst-Anteile gelingen muss (vgl. ebd. S. 184 ff.). Die organisierte »Regression auf Abhängigkeit« bezeichnet Winnicott als »untrennbaren Bestandteil der Analyse von Phänomenen der frühesten Kindheit« (vgl. ebd. S. 184 ff.).

Bevor auf die selbstpsychologischen Konzepte eingegangen wird, soll abschließend die Objektbeziehungstheorie von Otto F. Kernberg dargestellt werden.27

Nach Kernberg besteht eine Objektbeziehung aus drei Teilen: der Selbst-Repräsentanz, der Objekt-Repräsentanz und aus einem Affekt, der beide verbindet. Dabei ist eine Selbst- oder Objekt-Repräsentanz ein teilweises oder vollständiges Bild des Selbst oder des Objekts in der inneren Welt. Den Objekten der Außenwelt, i. d. R. den relevanten Bezugspersonen der frühen Kindheit, entsprechen die Objekt-Repräsentanzen in der inneren Welt. Die Triade aus Selbstrepräsentanz, Objektrepräsentanz und Affekt werden nach Kernberg zu den Bausteinen der psychischen Struktur des Kindes. Die Entwicklung psychischer Strukturen ist somit als Folge und als Ergebnis von Internalisierungsprozessen zu verstehen. Mit der Zeit verschmelzen die verschiedenen Objekt-Repräsentanzen zu einem übergreifenden Objekt-Bild und die verschiedenen Selbstrepräsentanzen zu einem umfassenden und zusammenhängenden Selbstbild. Kernberg definiert dabei das Selbst wie folgt: »Das Selbst ist eine intrapsychische Struktur, die sich aus mannigfachen Selbstrepräsentanzen mitsamt den damit verbundenen Affektdispositionen konstituiert. Selbstrepräsentanzen sind affektiv-kognitive Strukturen, die die Selbstwahrnehmung einer Person in ihren realen Interaktionen mit bedeutsamen Bezugspersonen und in phantasierten Interaktionen mit inneren Repräsentanzen dieser anderen Personen, den sogenannten Objektrepräsentanzen widerspiegeln.« (Kernberg 1980, S. 358)

Die Objektbeziehungstheorie von Kernberg geht somit davon aus, dass die Entwicklung des psychischen Apparats sich durch einen Prozess der Internalisierung von Objektbeziehungen vollzieht. Er vollzieht sich in den ersten drei Lebensjahren und kulminiert im besten Falle in einer stabilen Ich-Identität: »Die normale Persönlichkeit ist in erster Linie gekennzeichnet durch ein integriertes Selbstkonzept und ein integriertes Konzept von wichtigen Bezugspersonen. Sind diese beiden Strukturelemente in einer Persönlichkeit vorhanden, sprechen wir von ›Ich-Identität‹. Erkennbar werden sie an einem inneren Gefühl für Selbstkohärenz und dem damit verbunden äußeren Ausdruck. Ein integriertes Selbstkonzept bildet die grundlegende Voraussetzung für ein normales Selbstwertgefühl, Freude am eigenen Selbst und am Leben.« (Kernberg 2004, S. 22)

Als weitere Strukturmerkmale einer normalen Persönlichkeit nennt Kernberg die aus der Ich-Identität erwachsende Ich-Stärke, ein ausgebildetes und integriertes Über-Ich mit internalisiertem Wertesystem sowie einem angemessenen und befriedigenden Umgang mit libidinösen und aggressiven Impulsen (vgl. ebd. S. 23).

Hinsichtlich der Herkunft von Psychopathologien postuliert Kernberg, dass diese in defizitären Objektbeziehungen, die verinnerlicht wurden, ursächlich begründet sind. Er unterscheidet deutlich zwischen einem gewöhnlichen Narzissmus bei Erwachsenen und einem pathologischen Narzissmus.

Damit soll die Darstellung der Objektbeziehungstheorien als eine Entwicklungstheorie von Narzissmus abgeschlossen werden. Zusammenfassend sei festgehalten, dass in allen Objektbeziehungstheorien die Beziehung im Mittelpunkt der seelischen Entwicklung des Menschen steht – durch sie werden die inneren Strukturen aufgebaut und organisiert. Dabei spielen das Bezogen-Sein und die Erlebnisqualität eine zentrale Rolle für eine gelungene oder eine pathologische Entwicklung der Person.

Die Selbstpsychologie

Die von Heinz Kohut gegründete psychoanalytische Selbstpsychologie entwickelte sich zu einer der wichtigsten Schulen der Psychoanalyse, auch wenn sie von den traditionellen Schulen oft aus gewisser Distanz betrachtet wurde. Kernberg, durchaus ein theoretischer Widersacher Kohuts, schreibt: »Die Selbstpsychologie, die intersubjektiven, die interpersonellen und die relationalen psychoanalytischen Orientierungen bilden zusammen eine bedeutsame Alternative zu der psychoanalytischen Hauptströmung innerhalb der englischsprachigen Gemeinschaft.« (Kernberg 2002, S. 6)

In seinem ersten Buch »Narzissmus« (1971) beschreibt Kohut eine Gruppe von Patienten, die an einer bis dahin unanalysierbaren narzisstischen Persönlichkeit bzw. an Verhaltensstörungen litten. Diese Patienten entwickelten eine archaische Selbstobjektübertragung, die eine Analyse möglich machte und damit die Grundlage bildete, auf der Kohut seine klinischen und theoretischen Überlegungen entwickeln konnte. Die Selbstpsychologie im engeren Sinne war somit zunächst auf eine Gruppe von Patienten beschränkt, deren Psychopathologie primär auf Defizite zurückging.

In der Folgezeit entwickelte sich die Selbstpsychologie weiter. Untersuchungen zu ödipalen Themen lieferten zusätzliches empirisches Material, das in die Konzeptualisierung der ödipalen Selbstobjektübertragung mündete. Diese Ausdehnung auf das gesamte Spektrum neurotischer Störungen führte zu einer beträchtlichen Erweiterung der Selbstpsychologie und fand in Kohuts zweitem wichtigem Werk »Die Heilung des Selbst« (1977) ihren Höhepunkt.

Neben der Entwicklungslinie der Triebe nimmt Kohut eine davon unabhängige an – den Narzissmus mit dem Motivationsprimat des Selbst. Er rehabilitiert den Narzissmus-Begriff und entkleidet ihn seiner pathologischen Konnotation. Die Entwicklung verläuft nicht vom Narzissmus zur Objektbeziehung, sondern vom archaischen zum reifen Narzissmus.

Kohut definiert das Selbst als eine Selbst-Repräsentation und unternimmt keinen weiteren Versuch, dies näher zu umreißen. Er schreibt: »Das Selbst (…) ist, wie alle Realität (…) in seiner Existenz nicht erkennbar. Wir können mit Introspektion und Empathie nicht das Selbst ›per se‹ erreichen; nur seine introspektiv oder empathisch wahrgenommenen psychologischen Manifestationen stehen uns offen.« (Kohut 1971, S. 299) Nach seiner Auffassung entsteht ein kohärentes Selbst durch die spontanen exhibitionistischen Aktivitäten des Säuglings, die bei der Mutter auf Freude und einfühlsame Spiegelung stoßen. »Der Glanz im Auge der Mutter« (ebd. S. 141), wie es Kohut anschaulich nennt, stellt eine Art Spiegelung für das Kind dar, die unerlässlich für seine seelische Entwicklung ist. Die mütterliche Empathie bildet die Basis zur Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls. Je größer der Empathie-Mangel, desto gravierender ist für Kohut die Schädigung des Selbst. Aus diesem primären Narzissmus entwickeln sich unter dem Einfluss unvermeidbarer Frustrationen zwei narzisstische Konfigurationen: eine grandiose Selbst-Vorstellung (das Größenselbst) und eine idealisierte Eltern-Imago (das Selbst-Objekt). Oder wie es Kohut formuliert – das Gefühl allumfassender Geborgenheit wird »durch die unvermeidliche Begrenzung der mütterlichen Fürsorge gestört. Das kleine Kind ersetzt aber diese vorherige Vollkommenheit (a) durch den Aufbau eines grandiosen und exhibitionistischen Bildes des Selbst: das Größen-Selbst; und (b) indem es die vorherige Vollkommenheit einem bewunderten, allmächtigen (Übergangs-) Selbst-Objekt zuweist«: der idealisierten Eltern-Imago (Kohut 1971, S. 43).

In einer späteren Version der Selbstpsychologie bilden diese beiden narzisstischen Konfigurationen die »bi-polare« Struktur des Selbst, mit einem Pol der Strebung (Ambitions) und einem Pol der Werte (Ideals). Dieser Spannungsbogen zwischen Ambitionen und Idealen enthält als strukturellen Zwischenbereich die angeborenen Talente und Fähigkeiten.28 Dies entspricht auch den von Kohut genannten drei grundlegenden Selbstobjekt-Bedürfnissen

1. nach Spiegelung (führt nach ausreichender Befriedigung zu Selbstwertgefühl und Selbstrespekt),

2. nach Idealisierung (führt nach wiederholten Erfahrungen beruhigender und beschützender Reaktionen der Eltern zur Fähigkeit der Selbstberuhigung und zum angemessenen Umgang mit aggressiver und libidinöser Erregung),

3. nach Gleichheit und Zugehörigkeit (führt durch wiederholte und entsprechende Reaktionen von wichtigen Bezugspersonen zur Entwicklung von Gemeinschaftsgefühl und Stolz.29

Die psychoanalytische Selbstpsychologie hat aber auch betont, dass das fortgesetzte Bedürfnis nach Selbstobjekt-Beziehungen während des ganzen Lebens normal ist. Auch ein gesunder Erwachsener hat narzisstische Bedürfnisse, dann allerdings in Form reifer Selbstobjekt-Bedürfnisse. In der Sichtweise der Selbstpsychologie sind Selbst-Objekt-Erfahrungen lebenslang notwendig, um das Selbstgefühl aufrechtzuerhalten.

Nach Kohut liegt einer narzisstischen Störung eine Frustration des kleinkindlichen Bedürfnisses nach Zuwendung zugrunde, die schließlich eine Abspaltung des Wunsches nach Zuwendung zur Folge hat. Dies führt zu Grandiosität, extremer Beschäftigung mit dem Selbst und einem Mangel an Interesse und Empathie für andere. Hinter dieser Abwehrfassade liegen Gefühle der Leere und eine Wut, bei der intensiver Neid dominiert. Es besteht dabei für das Individuum die Gefahr einer regressiven Fragmentierung (Zerstückelung), die durch Dissoziation30 und Isolation abgewehrt wird.

Aggression, die sich laut Kohut bei schweren Persönlichkeitsstörungen verstärkt zeigt, ist ein Zerfallsprodukt, das durch die Frustration des elterlichen Empathie Mangels entstanden ist. Narzisstische Wut sieht Kohut als heftige Reaktion auf ein verletztes Selbstwertgefühl.

Einen weiteren wichtigen Gedanken bringt Kohut mit seiner Unterscheidung zwischen dem schuldigen Menschen und dem tragischen Menschen. Während der schuldige Mensch in der frühen Kindheit eher unter einer emotionalen Überstimulierung gelitten hat, wuchs der tragische Mensch in einem gefühlsmäßigen Vakuum auf. Während Schuld der zentrale Affekt ist, der den schuldigen Menschen plagt, kann Scham als derjenige Affekt angesehen werden, der der Erfahrung des defizitären, entleerten Selbst des narzisstischen Patienten zugrunde liegt.

Einen weiteren wichtigen Beitrag in der Betrachtung des Narzissmus leistete Kohut, indem er das Konzept des Narzissmus entmoralisierte. Außerdem werden in seiner Definition die Selbst-Objekt-Beziehungen als Beziehungen erfahren, in denen die Objektwelt lebenslang eine Vielfalt stützende Funktion gewährt. Er vollzieht damit eine Verlagerung von einer Ein-Personen-Psychologie auf eine Zwei- oder Mehr-Personen-Psychologie, die die intrapsychischen Aspekte durch interpersonelle Aspekte ergänzte (vgl. Ornstein 2006, S. 674).

Nicht nur die Entfaltung und Differenzierung der Theorie und Praxis der Selbstpsychologie, sondern auch der Objektbeziehungstheorien sowie interdisziplinäre Beiträge führten zu verschiedenen weiteren Entwicklungen und Gruppierungen, die nachfolgend dargestellt werden sollen.

Intersubjektive, relationale und interpersonelle Beiträge zur Entwicklungstheorie des Narzissmus

Seit den 80er-Jahren ist eine Konvergenz zwischen den Auffassungen fast aller wichtigen Schulen der Psychoanalyse zu beobachten. Diese Konvergenz ist begleitet von einer grundlegenden Veränderung in der Theorie, weg von einer monadischen Konzeption der menschlichen Entwicklung und seiner psychischen Strukturen, die eine klar abgegrenzte Wesenheit postuliert, hin zu einer Perspektive, die den Menschen und seine Entwicklung als dyadisches Phänomen beschreibt, das in einem relationalen Feld eingebettet ist. Die Entwicklung distanziert sich von Triebdynamik, intrapsychischen Konflikten und Versagungen und geht über zur Beziehung zwischen Selbst und Anderen, zu Intersubjektivität und Relationalität.

Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie den Menschen im Rahmen seiner (frühen und aktuellen) Beziehungen betrachten. Der Begriff der ›Relationalität‹ geht von einem sozialen Kern der conditio humana aus. Das Bewusstsein, die Identität und Subjektivität entstehen erst aus einer affektiven Verbundenheit und einer lebensgeschichtlichen Bezogenheit auf andere Menschen. Das Denken in Beziehungen komplementiert das Denken in intrapsychischen Begriffen oder wie Altmeyer und Thomä es formulieren:

»Die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse, die man auch ihren ›relational turn‹ nennt, reflektiert eine wachsende Einsicht in die conditio humana: Der Mensch ist kein Monade – er wird vielmehr in menschliche Beziehungen hineingeboren, gewinnt durch soziale Beziehungen hindurch ein Verhältnis zu sich selbst und zur Welt und bleibt bis ins hohe Alter auf solche Beziehungen angewiesen. Als Mensch werden wir gerade dadurch zu einzigartigen unverwechselbaren Individuen, dass wir unsere ›Beziehungsschicksale‹ verinnerlichen und zum Aufbau unserer psychischen Struktur verwenden. Nur wissen wir von dieser inneren Bezogenheit meist nichts mehr, weil wir uns sonst abhängig fühlen würden: Selbst im Narzissmus schützen wir uns vor jener schmerzlichen Erfahrung von Abhängigkeit, der wir im Bedürfnis nach Anerkennung auf paradoxe Weise unbewusst Tribut zollen.« (Altmeyer u. Thomä 2006a, S. 8)

Die entscheidenden Impulse für diese ›intersubjektive Wende‹ der Psychoanalyse kamen aus zwei verschiedenen Gebieten: aus den intersubjektiven Gedanken der (Sozial-) Philosophie und aus der empirischen Säuglingsforschung.

Der Philosoph Georg Wilhelm Hegel war der erste intersubjektiv argumentierende Psychologe, der diese Dialektik in seiner Phänomenologie des Geistes in seinem berühmten Herr-Knecht-Kapitel beschrieb: »Das Selbstbewusstsein ist an und für sich, indem und dadurch, dass es für ein anderes (Selbstbewusstsein) an und für sich ist; d. h. es ist nur als ein Anerkanntes.« (Hegel 1807, S. 71) Nach Ansicht Hegels gewinnt der Einzelne nur ein Bewusstsein von sich selbst, wenn er sich im Anderen spiegelt und von diesem anerkannt wird; das Selbst erlebt sich zugleich als autonom und abhängig – ein Dilemma, zwischen denen es oszilliert.

Jürgen Habermas wies in seiner modernen sozialphilosophischen Konzeption auf den intersubjektiven Kern des Selbstbewusstseins hin, dass »das im Ich (…) zentrierte Bewusstsein nichts Unmittelbares und schlechthin Innerliches ist. Selbstbewusstsein bildet sich vielmehr über eine symbolisch vermittelte Beziehung zu einem Interaktionspartner auf dem Wege von außen nach innen. Insofern besitzt es einen intersubjektiven Kern« (Habermas 1992, S. 217).

Die neuesten Ergebnisse der empirischen Säuglingsforschung zeigen ein ganz neues Bild der frühkindlichen Welt. Säuglinge initiieren zum großen Teil die Interaktion mit der Mutter und aktivieren deren Reaktionsbereitschaft. Schreien oder unmotiviertes Quengeln haben Aufforderungscharakter und zielen auf differenzierte Antworten. Sie unterscheiden zwischen dem Gesicht der Mutter sowie einem fremden Gesicht und demonstrieren eine selektive Interaktionsbereitschaft, die sich am jeweiligen Objekt orientiert. In den Frühstadien seiner seelischen Entwicklung verfügt der Mensch über ein differenziertes, auf Kommunikation angelegtes System, das in der Lage ist, die äußere Realität zu kategorisieren und mit Sinn zu erfüllen, Interaktionen zu antizipieren und zu steuern. Die moderne Kleinkindforschung hat sogar den Nachweis erbracht, dass nicht erst das Neugeborene, sondern schon der Fötus in einem affektiven Austausch mit seiner Mutter steht. Die Notwendigkeit, mittels affektiver Kommunikation eine Beziehung herzustellen, ist für das Neugeborene überlebensnotwendig. Dazu gehört auch der Bindungsinstinkt, dessen angemessene Entwicklung von der Responsivität und der Feinfühligkeit der erwachsenen Bezugsperson abhängt.31

Durch den Einfluss des Säuglingsforschers und Analytikers Daniel Stern etablierte sich das Konzept der Intersubjektivität in der frühen Kindheitsentwicklung weiter. Stern unterscheidet vier aufeinanderfolgende Stufen des »Selbstempfindens« von vier Stufen der »Bezogenheit«, die jeweils miteinander korrespondieren und in den beiden Varianten eines (abgegrenzten) »self-versus-others« und eines (verbundenen) »self-with-others« vorkommen. Bei der verbundenen Variante hat das Objekt die Rolle eines Vermittlers von affektiven Selbstzuständen, über Prozesse der Spiegelung, der affektiven Einstimmung »attunement« und der sprachlichen Kommunikation als ein »das Selbst spiegelnder Anderer«; Interaktionserfahrungen werden somit in intrapsychische Zustände transformiert.32


Abb. 3: Transformation eines extrapsychischen in einen intrapsychischen Zustand nach Daniel Stern (nach Altmeyer 2000, S. 138)

Nach Stern findet ein Quantensprung in der Entwicklung des Selbstempfindens zwischen dem siebten und neunten Lebensmonat statt, wenn der Säugling entdeckt, dass er ein Seelenleben besitzt und dies auch auf andere Personen zutrifft (Stern 1985, S. 179). Dieses gemeinsame subjektive Erleben wird durch Intersubjektivität möglich. Oder wie Dornes schreibt: »Ich verstehe (unter Intersubjektivität, Anm. d. Verf.) die Beziehung zweier Subjekte, in der die Subjektivität beider, also ihr Denken, Fühlen und/oder ihre nicht-instinkthaften expressiven Äußerungen, Gegenstand wechselseitiger Reaktionen oder Antworten sind.« (Dornes 2002, S. 304)

Die Intersubjektivisten erweitern somit das Konzept der Intersubjektivität über das Stadium der individuellen Genese hinaus und wenden es auf jedes psychologische Feld an, das durch zwei interagierende Erfahrungswelten entsteht, ungeachtet des Entwicklungsniveaus, auf dem diese Welten organisiert sind.

Es seien noch zwei weitere Schulen genannt. Zum einen die Schule der Relationalen Psychoanalyse, die von fünf Mitgliedern des New Yorker William White Institutes gegründet wurde, Stephen Mitchell, Phillip Bromberg, Bernard Friedland, James Fosshage und Emmanuel Ghent. Diese Denkschule verstand sich als eine Art Schirm- oder Dachgruppierung, die unterschiedliche theoretische Strömungen zu integrieren versuchte und deren Sprachrohr die Zeitschrift Psychoanalytic Dialogues wurde. Nach relationaler Vorstellung sind der Geist und die Psyche dyadisch, sozial und interpersonell verfasst.

Als eine weitere Richtung, die die relationale und intersubjektive Psychoanalyse beeinflusste, sei die Interpersonale Psychoanalyse erwähnt, wie sie von Harry Stuck Sullivan, Erich Fromm, Karen Horney und Clara Thompson vertreten wurde. Die Persönlichkeit (oder das Selbst) ist nach der Auffassung Sullivans keine Struktur, die der Person auferlegt oder eingeprägt wird, sie besteht vielmehr in den Mustern, die das Handeln und Verhalten eines Menschen während seines Zusammenseins mit Anderen bestimmen. Ein Mensch kann daher niemals von der Gesamtheit seiner zwischenmenschlichen Beziehungen isoliert betrachtet werden (vgl. Sullivan 1940, S. 90).

Einen Versuch, all die psychoanalytischen Schulen und interdisziplinären Herausforderungen, insbesondere der Säuglingsforschung, zu integrieren, unternimmt Altmeyer in seinem Modell des Narzissmus zwischen Selbst und Objekt, einer intersubjektiven, relationalen und interpersonellen Neuinterpretation des Narzissmus.33

Für Altmeyer ist Narzissmus nicht einfach Selbstliebe; er kann – so sein Vorschlag – als ein über das Objekt vermittelter Blick auf das Selbst verstanden werden. Narzissmus konstituiert sich für ihn erst über die Spiegelung des Objekts: ohne Zuschauer, ohne Publikum, ohne den anderen, ohne ein reales, internalisiertes oder virtuelles Objekt kein Narzissmus – und auch keine narzisstische Störung. Dieser Spiegel ist für ihn weder glatt noch neutral, ebenso wenig wie das Lächeln oder der Zorn im Blick der Mutter, die als spiegelnde Mutter dem Säugling die erste Ahnung von sich vermittelt. Die anderen sind für Altmeyer der Spiegel, indem der Mensch sein Selbstbild reflexiv erwerben und sein Selbstwertgefühl regulieren kann. »Die anderen sind es, auf deren Anerkennung wir angewiesen sind und von denen wir uns doch unterscheiden müssen, um uns als Individuen zu fühlen. In diesem Übergangsraum zwischen Selbst und Objekt, Phantasie und Wirklichkeit vermittelt der Narzissmus.« Altmeyer siedelt den Narzissmus daher zwischen Selbst und Objekt an und definiert ihn als reflexive, im Spiegel von Objektbeziehungen erworbene Selbstbeziehung (Altmeyer 2006, S. 80).

Die konstitutive Funktion des Objekts äußert sich für ihn ursprünglich in der umfassenden somatotypischen Versorgung des hilflosen Säuglings, wandelt sich allmählich zu einer Spiegelfunktion für das entstehende Selbst und setzt sich in dessen Struktur als identitätsbildendes Gefühl von Einzigartigkeit und individueller Besonderheit fest. Im gelungenen Fall einer ›gesunden‹ narzisstischen Entwicklung ist die internalisierte Fürsorgebeziehung gewissermaßen unsichtbar: Es gehört zur selbstverständlichen seelischen Grundausstattung des Selbst und reguliert die innere Balance leise und unauffällig.

Die narzisstische Störung versteht Altmeyer als Bewältigungsversuch, bei dem das Gefühl fehlender intersubjektiver Anerkennung im Zentrum unbewusster Phantasien steht und zu kompensatorischen Erlebnis- und Verhaltensweisen führt. Die Symptome dieser Störung haben für ihn eine reparative Funktion und dienen in vielfältigen Erscheinungsformen dem Versuch, von anderen wahrgenommen und anerkannt zu werden. Die narzisstische Störung zeichnet sich durch ein irritiertes oder fehlendes Grundgefühl intersubjektiver Anerkennung aus (vgl. ebd. S. 90). Das Modell von Altmeyer wird in Abbildung 4. dargestellt.


Abb. 4: Narzissmus zwischen Selbst und Objekt (nach Altmeyer 2006, S. 88)34

Altmeyers Vorschlag läuft daraus hinauf, »auf der Ebene des Unbewussten die intersubjektive Dimension des primären Narzissmus (man könnte auch sagen: die narzisstische Dimension der primären Intersubjektivität) anzuerkennen und metapsychologisch den Antagonismus aufzuheben, der zwischen den beiden Ursprungskonzepten zu herrschen scheint. Der Säugling ist mit seiner Mutter weder ganz verschmolzen noch ganz von ihr abgegrenzt. Er kommt mit vorgebildeten Fähigkeiten auf die Welt, ist aber hilflos und auf die haltende Umwelt existenziell angewiesen, die er zunächst seinem Einflussbereich zurechnet. Identität gewinnt er aus dem Reichtum an Rückmeldung, Echo und Spiegelung, aus einer intimen Beziehung, in der er sich als eigenes Wesen anerkannt fühlt. Im primärnarzisstischen Erleben spiegelt sich ontogenetisch diese besondere Verfassung der conditio humana« (Altmeyer 2006, S. 90).

Der relativ hilflose Säugling ist nach Ansicht von Altmeyer zunächst in einem elementaren Sinne von Pflege und Versorgung abhängig. Aber von Geburt an besteht er darauf, Rückmeldungen für seine Lebensäußerungen zu erhalten – und zwar nicht nur auf seine unmittelbaren Existenzbedürfnisse wie Nahrung, Wärme und Sicherheit, sondern auch als Rückmeldungen auf seine Aktivitäten. Er benötigt signifikante Reaktionen seiner Bezugspersonen im Sinne einer Bestätigung, eines Echos oder einer Spiegelung. Dieses Bedürfnis nach Reflexion im Anderen – so Altmeyer – bleibt dem (werdenden) Subjekt lebenslang erhalten. Der Wunsch nach intersubjektiver Anerkennung gehört seiner Meinung nach zu unserer mentalen Grundausstattung (Altmeyer 2010, S. 18).

Dieses Modell des Narzissmus zwischen Selbst und Objekt von Altmeyer soll als grundlegendes entwicklungstheoretisches Modell für dieses Buch gelten, auf das sich die Ausführungen zur Psychotherapie narzisstischer Persönlichkeitsstörungen beziehen sollen und das es in ein Coaching zu integrieren gilt.

5. Zur Behandlung einer narzisstisch gestörten Persönlichkeit

Beim Thema Behandlung einer narzisstisch gestörten Persönlichkeit bzw. einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist grundsätzlich zu berücksichtigen, was Johannes Cremerius schon 1979 feststellte. In einer Studie über »Die psychoanalytische Behandlung der Reichen und der Mächtigen« suchte er eine Antwort auf die Frage, warum Patienten in hohen politischen und wirtschaftlichen Machtpositionen sich nur ganz ausnahmsweise einer psychoanalytischen Behandlung unterziehen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es den Reichen und Mächtigen aufgrund ihrer privilegierten Lage und ihres gesellschaftlichen Einflusses möglich ist, ihre Neurosen derart in gesellschaftlich akzeptierten Formen unterzubringen, dass sie nicht als krankhafte Störungen bemerkt werden und sie damit nicht unter ihnen leiden müssen. Der Mächtige lebt seine neurotischen Bedürfnisse ungehindert in der Realität aus; anstatt Leidensdruck zu entwickeln, agiert er.35

Es kann in diesem Abschnitt kein vollständiges Bild der Behandlung einer narzisstisch gestörten Persönlichkeit erarbeitet werden. Vielmehr sollen die Aspekte der Behandlung herausgegriffen werden, die für eine Integration in einen Coaching-Prozess relevant sind.

Die Ausführungen zur Behandlung einer narzisstisch gestörten Persönlichkeit werden sich an den Ausführungen von Kohut und Kernberg und deren Weiterentwicklung in der relationalen und intersubjektiven Psychoanalyse anlehnen, die noch um einige Aspekte aus der humanistischen Psychotherapie, der Bindungstheorie und der Neurobiologie ergänzt werden.

Die Psychoanalyse hat in vielen Jahrzehnten ein fruchtbares und vielfältiges Behandlungswissen über den Umgang z. B. mit Arbeitsbündnis, freier Assoziation, psychoanalytischer Erkenntnishaltung, Übertragung, Gegenübertragung, Widerstand, Durcharbeiten und Beendigung erarbeitet. Mit der Zunahme der sogenannten frühen Störungen, wie z. B. Borderline-Störungen, narzisstischen Persönlichkeitsstörungen und Psychosomatosen, deren defizitäre Erfahrungen bereits in den ersten drei Lebensjahren entstehen, wurde jedoch deutlich, dass in der psychoanalytischen Psychotherapie noch andere Formen der analytischen und kurativen Beziehung als die der Übertragungsdeutung und Einsichtsvermittlung zu berücksichtigen sind (vgl. Mertens 1981, S. 187 ff.). Schon Ferenczi (1932) postulierte, dass es ohne Sympathie des Analytikers für den Patienten keine Heilung geben könne.

Bei der Behandlung früher Störungen wurden Psychoanalytiker darauf aufmerksam, dass bei diesen Patienten die Voraussetzungen für die Als-ob-Beziehung der Übertragung fehlten oder nur sehr mangelhaft ausgebildet waren. Es fehlten gewisse Ich-Funktionen, um den Analytiker überhaupt als Übertragungsfigur zu erleben und in einem analytischen Als-ob-Raum frühere traumatisierende und konflikthafte Beziehungserfahrungen noch einmal zulassen zu können. Daraus entstand die Überzeugung, dass wichtige Ich-Kompetenzen zuallererst hergestellt oder nachentwickelt werden müssen. Der Analytiker muss sich als sichere Bindungsfigur zur Verfügung stellen, als Spiegel Anerkennung geben, als Sündenbock oder böser Verfolger Projektionen auf sich nehmen, um den Patienten von seinen Introjektionen zu befreien. Diese Patienten benötigen also offenbar noch etwas anderes in der Beziehung zu ihren Analytikern als die Wiederbelebung, Klärung, Durcharbeitung und Veränderung von Übertragungs- und Gegenübertragungskonstellationen in einer virtuellen Welt. Daher dominierte in der psychoanalytischen Behandlungstechnik die Redeweise von den zwei Techniken, einer mütterlichen, eher haltenden und stützenden, und einer väterlichen, überwiegend die Übertragung deutende Technik. Im ersten Fall wird eher an den strukturellen Defiziten gearbeitet, im zweiten Falle bei einer bereits gut entwickelten Struktur an den Übertragungskonflikten. Ferner sind nicht nur die verbal symbolischen Interventionen von Bedeutung, sondern auch die Geschehnisse außerhalb intendierter verbaler Interventionen, die zu einer besonderen Gefühlsintensität bei beiden Beteiligten führen.

Psychodynamik und therapeutischer Umgang bei Kohut und Kernberg

Kohut nennt insgesamt fünf primäre Störungen des Selbst.36 Die ersten drei primären Störungen des Selbst, nämlich die Psychosen, die Borderline-Zustände und die schizoiden und paranoiden Persönlichkeiten sind für ihn im Prinzip nicht analysierbar. Es kann zwar eine Beziehung zwischen Patient und Therapeut hergestellt werden, doch der (potenziell) kranke Sektor des Selbst tritt nicht mit in die begrenzten Übertragungsvereinigungen mit der »Selbstobjekt-Imago« des Analytikers ein, die durch Deutung und Durcharbeiten therapeutisch behandelt werden.

Zwei Formen von primärer Störung des Selbst sind seiner Ansicht nach jedoch analysierbar, die narzisstischen Persönlichkeitsstörungen und die narzisstischen Verhaltensstörungen. Bei diesen beiden Formen der Psychopathologie tritt der erkrankte Sektor des Selbst spontan in begrenzte Übertragungsvereinbarungen mit dem Selbst-Objekt-Analytiker ein und die Durcharbeitungsaktivitäten, die diese Übertragungen betreffen, bilden für ihn das eigentlich Zentrum des analytischen Prozesses (Vgl. Kohut 1977, S. 167).

Wenn der Analytiker bereit ist, sich empathisch auf den Analysanden einzustellen, werden sich nach Kohuts Verständnis narzisstische Übertragungen einstellen. Er war der Ansicht, dass der Patient den Analytiker dazu benutzt, ein Gefühl der Selbstkohäsion aufrechtzuerhalten. Kohut entdeckte bei seiner therapeutischen Arbeit mit narzisstischen Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen drei Arten spezifischer Selbstobjektübertragungen:

– Die Spiegelübertragung

In dieser Selbstobjektübertragung sah Kohut den Versuch des Patienten, den Glanz in den Augen der Mutter zu erhaschen. In seinem Bemühen sich vor dem Analytiker zu produzieren, versucht der Analysand, den Analytiker zu beeindrucken und sich seiner Bewunderung zu versichern.

– Die idealisierende Übertragung

In dieser Selbstobjektübertragung werden dem Analytiker überzogene und nahezu perfekte Qualitäten zugeschrieben, was dem Patienten ein Gefühl der Selbstkohäsion verleiht, in dem er sich im Schatten des idealisierten Objekts bewegt.

– Die Zwillingsübertragung bzw. Alter-Ego-Übertragung

In dieser Selbstobjektübertragung nimmt der Analysand den Analytiker als Zwilling oder Alter-Ego wahr. Das Gefühl von Gleichheit und Brüderlichkeit vermittelt dem Patienten Selbstkohäsion. (vgl. Gabbard 2006, S. 694 f.)

Die Entwicklung einer dieser drei Übertragungsformen – oder aller drei in einer besonderen Reihenfolge – macht die Behandlung primärer Selbstpathologien nach Ansicht Kohuts möglich.

Kohut und Wolf haben die wesentlichen Merkmale primärer und sekundärer Selbststörungen anhand sehr konkreter klinischer Falldarstellungen zusammengefasst. Sie beschreiben verschiedene Selbststörungen, wie zum Beispiel das »unterstimulierte Selbst«, das »fragmentierte Selbst«, das »überstimulierte Selbst« und das »überforderte Selbst« (vgl. Kohut u. Wolf 1978, S. 418 ff.).

Im Rahmen einer psychoanalytischen Charakterkunde entwickelten sie eine Typologie narzisstischer Persönlichkeiten. Die ersten drei dieser fünf Charaktertypen sind in ihren Augen im Alltagsleben häufig anzutreffen und sollten im Allgemeinen nicht als Formen von Psychopathologie angesehen werden, sondern vielmehr als Varianten der normalen menschlichen Persönlichkeit mit ihren Vorzügen und Defekten. Erst die beiden letzten Charaktertypologien werden dem Spektrum des pathologischen Narzissmus zugeordnet.

»Nach Spiegelung hungernde Persönlichkeiten sind begierig nach Selbstobjekten, deren bestätigende und bewundernde Reaktionen ihr ausgehungertes Selbst nähren. Es treibt sie, sich zur Schau zu stellen und die Aufmerksamkeit anderer zu erregen in dem Versuch, ihrem inneren Gefühl von Wertlosigkeit und ihrem Mangel an Selbstwertgefühl entgegenzuwirken.

Nach Idealen hungernde Persönlichkeiten sind ständig auf der Suche nach anderen, die sie wegen ihres Prestiges, ihrer Macht, ihrer Schönheit, Intelligenz oder ihrer moralischen Größe bewundern können. Sie sind nur so lange fähig, sich als wertvoll zu erleben, wie sie sich mit Selbstobjekten in Verbindung zu bringen vermögen, zu denen sie aufblicken können.

Alter-Ego-hungrige Persönlichkeiten brauchen eine Beziehung zu einem Selbstobjekt, das, indem es der Erscheinung, den Meinungen und Werten des Selbst entspricht, die Existenz, die Realität des Selbst bestätigt, (…) Beziehungen, in denen jeder Partner die Gefühle des anderen erlebt, als seien es seine eigenen. (…) Es ist charakteristisch für die meisten dieser Beziehungen, dass sie kurzlebig sind. Wie der nach Spiegelung und Idealen Hungernde neigt auch der Alter-Ego-Hungrige dazu, einen Ersatz nach dem anderen zu suchen.

Nach Verschmelzung hungernde Persönlichkeiten fallen uns durch ihr Bedürfnis auf, ihre Selbstobjekte zu kontrollieren. (…) Weil das Selbst (…) schwer defekt oder geschwächt ist, brauchen sie Selbstobjekte, um die fehlende Selbst-Struktur zu ersetzen. (…) Weil sie den anderen als ihr eigenes Selbst erleben, können sie seine Unabhängigkeit nicht ertragen: Sie sind empfindlich gegen Trennungen von ihm und fordern, ja, erwarten fraglos die beständige Anwesenheit des Selbstobjektes.

Kontaktvermeidende Persönlichkeiten (…) isolieren sich, nicht weil sie kein Interesse an anderen hätten, sondern im Gegenteil deshalb, weil ihr Bedürfnis nach ihnen so intensiv ist. Die Intensität ihres Bedürfnisses führt nicht nur dazu, dass sie sehr empfindlich gegen Zurückweisung sind; (…) sondern auf tieferen und unbewussten Ebenen auch zu der Befürchtung, die Reste ihres Kern-Selbst würden von der ersehnten, allumfassenden Vereinigung verschluckt und zerstört werden.« (ebd. S. 421 f.).

Bei der Behandlung insbesondere der letzten beiden Persönlichkeitstypen weisen sie darauf hin, dass trotz der von außen betrachteten großen Unterschiede im Verhalten und Auftreten beider Persönlichkeitstypen, die Störung des Selbst im Grunde die gleiche ist.

In der Behandlung beider Störungen geht es nicht darum, den Patienten zu überreden, die nach außen gezeigten Verhaltensweisen aufzugeben, sondern vielmehr darum, den Patienten mit seinen hinter diesen Verhaltensweisen liegenden archaischen narzisstischen Bedürfnissen in Kontakt zu bringen und damit mehr Empathie für sich selbst zu gewinnen. Eine Beurteilung, Deutung oder Zensur der nach außen gezeigten sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen würde vielmehr die Abwehr und die Wand der Scham und Verletzlichkeit verstärken. Außerdem würde die narzisstische Übertragung unterbrochen oder sogar abgebrochen werden.

Wenn dem Analytiker oder Therapeuten das In-Kontakt-Kommen des Patienten mit den hinter den gezeigten Verhaltensweisen liegenden ursprünglichen narzisstischen Bedürfnissen der kindlichen Grandiosität und der idealisierten Eltern-Imago jedoch gelingt, wird sich zunächst zögerlich, aber ganz spontan eine Selbstheilung einstellen, die zu einer normalen Selbstwertregulierung und zu einer normalen Einstellung gegenüber Werten und Idealen führt. Die therapeutischen Prinzipien und Strategien, die sie vertreten, basieren auf ihrem Verständnis der zentralen Psychopathologie als einer Störung des Selbst.

Kernberg erkennt Kohuts Beobachtung spiegelnder und idealisierender Phänomene im analytischen Setting durchaus an, interpretiert diese Entwicklung jedoch in eine andere Richtung. Während Kohut Spiegelung und Idealisierung als Erfüllung normaler Entwicklungsbedürfnisse im Rahmen eines defizitären Entwicklungsstillstandes versteht, betrachtet Kernberg diese Übertragungskonfigurationen als Abwehrstruktur, hinter denen sich Wut, Neid und Verachtung verbergen (vgl. Gabbard 2006, S. 696; Kernberg 2004, S. 77 f.).

Unter der impliziten Annahme, dass eine regressive Übertragungsneurose in der psychoanalytischen Situation die pathogenen unbewussten Impuls-Abwehr-Konfigurationen reproduziert, die das dominante Muster der Psychopathologie eines Patienten bilden, gibt es für Kernberg drei wesentliche Merkmale der psychoanalytischen Methode: die Interpretation, die Übertragungsanalyse und technische Neutralität (vgl. Kernberg 2004, S. 133 ff.).

• Zur Technik der Interpretation gehören das Aufdecken des bewussten und vorbewussten Erlebens des Patienten, das taktvolle Lenken der Aufmerksamkeit auf das verbale und nonverbale Verhalten, die als freie Assoziation geboten werden, und die eigentliche Interpretation der unbewussten Bedeutung dessen, was verdeutlicht und womit der Patient konfrontiert wurde. Die unbewusste Bedeutung im »Hier und Jetzt« ist dabei ein wichtige Brücke zur unbewussten Bedeutung im »Damals und Dort«. Wobei die Klärung, Konfrontation und Interpretation im Hier und Jetzt in den frühen Phasen der Behandlung im Vordergrund stehen und erst in späteren Phasen die unbewusste Vergangenheit des Patienten in den Vordergrund rückt.

• In der Übertragungsanalyse wird eine sich bildende Sequenz von Übertragungsentwicklungen systematisch exploriert. Sie zielt auf die Klärung, Konfrontation und Interpretation unbewusster pathogener internalisierter Objektbeziehungen in der Vergangenheit. Die Übertragungsanalyse bezieht immer auch Entwicklungen außerhalb der Sitzung mit ein, der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Analyse der Beziehung zwischen Patient und Analytiker – wobei die Analyse der Gegenübertragung ein entscheidender Bestandteil der therapeutischen Beziehung ist. In der psychoanalytischen Psychotherapie wird die Übertragungsanalyse dadurch modifiziert, dass Übertragungsaktivitäten innerhalb der Sitzungen ständig zu den pathologischen Interaktionen außerhalb der Sitzungen in Bezug gesetzt werden und umgekehrt (Implikationen pathologischer Interaktionen auf die Übertragung).

• Technische Neutralität besagt für Kernberg, dass der Analytiker bei seinen Interpretationen gegenüber dem Über-Ich, dem Es, dem handelnden Ich und der äußeren Realität des Patienten die gleiche Distanz behält. Sie impliziert eine interessierte Objektivität, die eine Betonung der Übertragung erlaubt. Die wichtigste Form der Anwendung des Prinzips der technischen Neutralität und der interessierten Objektivität ist für Kernberg dann realisiert, wenn der Therapeut seine Gegenübertragungsreaktion dazu einsetzt, um die Übertragung besser zu verstehen, nicht aber, um darauf zu reagieren.

Die Behandlungstechniken einer klassischen Psychoanalyse bzw. der psychoanalytischen Psychotherapie müssen nach Ansicht von Kernberg modifiziert oder durch spezifische Therapieansätze ergänzt werden, um mit den besonderen narzisstischen Übertragungs-Gegenübertragungs-Konstellationen angemessen umgehen zu können.

Der wichtigste Aspekt bei der psychoanalytischen Behandlung narzisstischer Persönlichkeiten ist für Kernberg die systematische Analyse des pathologisch grandiosen Selbst, das sich in der Übertragung durchgängig zeigt (vgl. Kernberg 1989, S. 249 f.). Das pathologische grandiose Selbst enthält reale wie auch ideale Selbst- und ideale Objektrepräsentanzen. Abgewertete oder aggressiv determinierte Selbst- und Objektrepräsentanzen werden abgespalten oder dissoziiert, verdrängt oder projiziert. Eltern, die kalt und abweisend, aber dennoch bewundernd sind, fördern diese Entwicklung. Die narzisstische Persönlichkeit entwertet die realen Objekte, nachdem sie sich jene Seiten dieser Objekte, die sie für sich selbst wünscht, einverleibt hat. Die idealen Selbst- und Objektrepräsentanzen, die normalerweise zu Teilen des Über-Ichs würden, werden nach Kernberg in das pathologisch grandiose Selbst integriert. So entsteht ein Über-Ich, das nur aggressiv determinierte Komponenten (die versagenden und bedrohlichen Aspekte der Eltern, die wiederum durch die Projektion eigener aggressiver Impulse des Kindes verzerrt werden) enthält.

Das psychoanalytische Durcharbeiten dieses pathologischen grandiosen Selbst fördert regelmäßig primitive Objektbeziehungen, Konflikte und Abwehrmechanismen zutage (d. h. aktiviert sie in der Übertragung), wie sie für Entwicklungsstadien typisch sind, die zeitlich noch vor dem Erreichen der Objektkonstanz liegen (vgl. Kernberg 2004, S. 79). Diese Übertragungen sind seiner Erfahrung nach immer mit Konflikten aus dem ödipalen Feld verwoben. Das pathologisch grandiose Selbst und seine Übertragung in der psychoanalytischen Situation dient dazu, die dissoziierten, verdrängten oder projizierten Aspekte der Selbst- und Objektrepräsentanzen aus primitiven Objektbeziehungen nicht an die Oberfläche kommen zu lassen. Die Aktivierung des grandiosen Selbst in der psychoanalytischen Situation führt für Kernberg zu einer grundlegenden Distanz, einer emotionalen Unerreichbarkeit und zu einem anhaltenden Fehlen von normalen und realen Aspekten einer menschlichen Beziehung. Diese Aktivierung führt zu einer pathologischen Selbstidealisierung auf Seiten des Patienten, die sich mit einer Projektion derselben auf den Analytiker abwechselt. Es kommt zu dem Eindruck, dass es nur eine ideale, grandiose Person und ein bewunderndes, aber sehr vages Komplementärobjekt im Raum gibt und es zu häufigen Rollenwechseln kommt (vgl. Kernberg 1989, S. 250).

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