Kitabı oku: «RAF oder Hollywood»
Christof Wackernagel
RAF oder Hollywood
Tagebuch einer gescheiterten Utopie

© 2017 zu Klampen Verlag · Röse 21 · 31832 Springe
www.zuklampen.de
Satz: Germano Wallmann · Gronau · www.geisterwort.de
Umschlaggestaltung: © Hildendesign · München · www.hildendesign.de
Bildmotiv: © HildenDesign unter Verwendung mehrerer Motive von shutterstock.com
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
ISBN 978-3-86674-680-0
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.
Denen, die diese Zeit nicht überlebt haben
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Dieses Buch …
Prolog
1954
1955
1956
1957
1958
1959
1960
1961
September
1962
22. Oktober
1963
1964
1965
1966
1967
22. Mai
2. Juni
1968
2. April
11. April
11. Mai
1969
Herbst
1975
Herbst
1976
2. Januar
13., 14., 15. Januar
4. Mai
8. Mai
Juni
Juli
1977
Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September
Epilog
Anhang
Dokumente
Literaturverzeichnis
Anmerkungen
Der Autor
Dieses Buch …
… ist keine Autobiografie.
Es ist auch keines über die RAF. Die RAF – als solche – hat es im Übrigen nie gegeben. Die RAF – das war ihre Besonderheit, ihre Stärke wie ihre Schwäche – war ein Zusammenschluss von Individuen, in dem jedes eine eigene Vorstellung von der Idee der RAF hatte:
Deshalb kann auch jede(r) – ehemals – Beteiligte nur für sich sprechen. In den folgenden Berichten in Tagebuchform geht es um die Entwicklung eines Bewusstseins, die in den Entschluss mündete, sich bewaffnetem Widerstand anzuschließen.
Damit sie nachvollziehbar wird, habe ich diesen in vielen Jahren gewachsenen und von vielen Erfahrungen, Begegnungen und erlebten zeitgeschichtlichen Ereignissen geprägten Prozess rein subjektiv beschrieben: eins zu eins den Zustand, das Denken, das Fühlen, den Zeitgeist zu Wort kommen lassen, wie er damals war, genau so geschrieben, wie ich damals dachte, fühlte, sprach und handelte, alles so dargestellt, wie ich es nach bestem Wissen und Gewissen von damals in Erinnerung habe.1
Wie und warum ich die RAF wieder verlassen hatte, was ich danach gemacht habe, warum ich seitdem auch Gegengewalt und Gegenmacht ablehne, wie ich heute denke und was ich heute tue, habe ich in unzähligen Interviews, Talk-Shows und Artikeln bereits erklärt, es ist auf meiner Webseite2 nachzulesen und liegt in Buchform3 vor.
Prolog
10. November 1977
Irgendetwas roch seltsam. Ich schloss die Tür hinter mir und schnüffelte. Die typische Amsterdamer Vorort-Wohnung in der Pieter Calandlaan hatte einige Wochen leer gestanden und roch nach vergorenem Fisch – ich zuckte mit den Achseln und riss die Fenster auf, um ordentlich durchzulüften.
Seit zwei Monaten in der Illegalität war ich nach Amsterdam gefahren, um Fotomaterial zum Zweck der Passfälschung zu kaufen. Als ehemaliges Mitglied des Fantasia-Druckkollektivs war ich prädestiniert dafür, mich auf diesen Bereich unserer subversiven Arbeit zu konzentrieren. Und da es in der RAF außer mir einige Haschischraucher gab, konnte ich nach getaner Arbeit die Chance nicht ungenutzt vorübergehen lassen, in Amsterdam, dem Mekka aller Kiffer, Nachschub für unsere Fraktion in der Fraktion zu kaufen. Sie war zwar nicht von allen gern gesehen, wurde aber stillschweigend geduldet, zumal unsere Altvorderen, die bis vor Kurzem in der Stammheimer Festung eingesessen hatten, samt und sonders die Cannabis-Heilkräuter liebten; oft waren wir von draußen kaum nachgekommen mit den von Anwälten weitergereichten Lieferungen herrlich duftenden grünen Marokkaners oder schwarzer Afghan-Platten. Wir alle hatten uns allerdings auf die Devise der Black Panthers geeinigt: kein Kiffen während Aktionen. Leider hatte sich diese nicht gerade revolutionäre Tätigkeit in Amsterdam etwas hingezogen, trotz des umfangreichen Angebots fand ich nicht gleich das Richtige – und verpasste den letzten Zug zurück nach Deutschland.
Kein Problem. Die Rote Armee Fraktion, Weltmeister in Sachen Logistik, hatte zu diesem Zeitpunkt mindestens zwanzig Wohnungen in Europa, davon einige in Amsterdam, davon wiederum kannte ich eine, inklusive dem Versteck des Schlüssels. In gewisser Weise frohlockte ich sogar: endlich mal wieder ein ruhiger Abend ohne Gruppe und ohne Diskussionen, wie alles nach dem Desaster in Mogadischu4 und Stammheim weitergehen sollte. Ich fühlte mich nicht wohl mit unserer Propagandalüge, Baader, Ensslin und Raspe seien von den Geheimdiensten ermordet worden, obwohl wir in der Gruppe selbstverständlich von Selbstmord sprachen, schließlich hatten wir ihnen ja die Waffen ins Gefängnis geliefert. Aber warum waren diese bei den doch unübertrefflich scharfen Razzien nicht gefunden worden? Also, klar war da nichts, und ich konnte jetzt endlich ganz in Ruhe allein für mich über all diese Dinge nachdenken. Der Muff der Wohnung störte dabei nicht. Den merkwürdigen Geruch führte ich auf meine durch die vom Proberauchen beim Haschischkauf erzeugte Übersensibilität zurück, denn es war wirklich ausgezeichnetes Zeugs, das ich gekauft hatte, nach zwei Zügen war ich richtig gut stoned.
Doch kaum hatte ich es mir bei einem Glas Tee und einer Zeitung gemütlich gemacht, klingelte das Telefon. Ich stutzte – eigentlich wusste nur ein Mensch, dass ich in dieser Wohnung war, nämlich Cressida, aber mit ihr hatte ich doch eben erst telefoniert, um ihr zu sagen, dass ich über Nacht hier blieb –? Dann musste es arg dringend sein!
Am anderen Ende meldete sich ein Mann – zum Glück erkannte ich ihn: Es war Gert Schneider, der andere Neue, gerade mal eine Woche länger als ich in der Gruppe. Ich war ein wenig neidisch auf ihn gewesen, weil er zur Ausbildung in ein Palästinenserlager im Irak geschickt worden war, was ich mir viel spannender vorstellte, als hier die langweiligen Passgeschichten zu regeln.
»Charly hat Krebs«, kam er sofort zur Sache, »ich muss Zeugs gegen seine Schmerzen besorgen, der lebt nicht mehr lang.«
Diese Information war ein Schock. Charly hatte Krebs und schon so weit? Wie furchtbar – ein weiterer Schlag. Ich hatte ihn nur einmal getroffen, aber wir hatten uns durchaus verstanden, zumal auch er einen guten Joint liebte.
Nachdem Gert gekommen war, beschlossen wir, als Erstes Cressida von dem neuen Tiefschlag zu informieren und dann lecker essen zu gehen, ich wusste ein gutes Lokal in der Nähe. Da es nach den Gesetzen konspirativen Handelns verboten war, von einer Wohnung in die andere zu telefonieren, mussten wir eine Telefonzelle suchen. Für den Weg trat ich ihm meine Handgranate ab, damit er nicht wehrlos herumlief, denn ins Flugzeug nach Amsterdam hatte Gert natürlich keine Waffen mitnehmen können. In der Regel war jeder mit einer Pistole und einer Handgranate ausgerüstet, wenn er auf die Straße ging – es war allerdings noch nie eine Handgranate gezündet worden.
»Hab ich gestern noch geübt«, sagte er lachend und steckte sie ein. Es gehörte zu den täglichen Übungen eines Stadtguerilleros, die Fingermuskeln zu stärken, um den Bügel einer bereits entsicherten Handgranate möglichst lange angespannt halten zu können, falls es in einer bedrohlichen Situation einmal nötig werden sollte. »Richtig im Sand robben und dann über eine Düne werfen«, erzählte er amüsiert von dem Leben im Palästinenserlager – ansonsten schien der Alltag in der Wüste jedoch nicht so spannend zu sein, eher eintönig sogar; allzu viel hatte ich offensichtlich nicht verpasst. Auf dem Weg zur Telefonzelle berichtete er vom schrecklichen Zustand Charlys, der so furchtbare Schmerzen habe, dass er härteste Betäubungsmittel brauche, am besten Morphium und Heroin. Ich war zwar ebenso scharfer Gegner aller Suchtdrogen wie ich Befürworter von Cannabis war, aber wenn es darum ging, jemanden den Tod zu erleichtern, gab es da nichts zu diskutieren.5
Kurz vor dem Restaurant fanden wir eine Telefonzelle. Cressida war sofort am Apparat und von der Nachricht schockiert – ich wusste, dass sie Charly mochte und unterstellte ihr, dass sie eifersüchtig auf Luisa war, weil diese seine aktuelle Freundin war, aber das alles spielte in dieser lebensbedrohlichen Situation keine Rolle mehr.
»Brauchen Sie noch lange?«, fragte jemand durch die nur einen Spalt geöffnete Tür der Telefonzelle.
Ich diskutierte gerade mit Cressida, wie und wo wir am schnellsten und sichersten Stoff für Charly bekommen könnten, und Gert, der seitlich hinter mir gegenüber der Tür stand, wiegelte ab: »Wir sind gleich fertig.«
»Hände hoch!« –
Ich fuhr herum und sah Mündungsfeuer aus einer auf Gerts Bauch gerichteten Pistole, während die Tür der Telefonzelle aufgerissen wurde und dahinter eine vermummte Gestalt brüllend und mit ihrer Waffe irre fuchtelnd um sich schoss, aber bis ich meine Sig Sauer gezogen hatte und zurückschießen konnte, spuckte die Pistole vor Gerts Bauch bellend eine zweite Ladung in ihn, und während er zusammenbrach, flog die Angreiferpistole in hohem Bogen durch die zersplitternde Glastür der Telefonzelle und die beiden Schützen zogen sich zurück – ich stürmte heraus – sah mich einem Halbkreis aus knallendem Feuerwerk umgeben, das ich ziellos um mich schießend zu erwidern suchte, doch –
meine Pistole klemmte –
verblüfft sah ich auf meine Hand –
da spürte ich einen derartigen Schlag im Ellenbogen, dass es mich herum- und zu Boden riss, während mir meine Waffe aus der Hand flog und ich hart aufschlug – am Boden versuchte ich mich zu orientieren, es knallte und blitzte von allen Seiten; ich sah, wie Gert sich durch die Glassplitter der Telefonzellentür auf den Gehweg wälzte, die Hände vor dem Bauch verkrampft, sich aufbäumte, mit der linken Hand den Sicherungsbügel der Handgranate wegriss, um sie mit der rechten in Richtung Mündungsfeuer zu werfen – woraufhin ein gewaltiger Donnerschlag durch die Straßenschluchten des Amsterdamer Vorortes hallte – dem ein Geballer aus allen Rohren folgte, das kein Ende nehmen wollte – ich sah, wie Gerts Körper, der unter dem Lichtkegel einer Straßenlaterne lag, von den Einschüssen hin- und hergeschleudert wurde, spürte selbst Einschüsse an den Beinen – bis Kommandos gebrüllt wurden und die Schießerei erstarb.
Kurz darauf hörte ich ein Keuchen neben meinem Ohr, eine heisere Stimme: »Keine Bewegung«, und ich spürte die kalte Mündung einer Pistole an meiner Schläfe. Es hatte nun keinen Sinn mehr zu reagieren, ich sah, wie immer mehr Gestalten uns umringten, bis eine von ihnen ihren Fuß auf meine Brust stellte und ihren Karabiner auf mein Gesicht richtete – dann löste sich die kalte Mündung von meiner Schläfe. Gert, der schwer verletzt sein musste, schimpfte auf Englisch vor sich hin – ich versuchte meinen Kopf zu heben, um zu ihm hinübersehen zu können, da brüllte der Kerl mit dem Karabiner mich an, drehte ihn um und stieß mir den Kolben in die Schläfe – die Frage durchzuckte mich, ob mir jemand in den Kopf geschossen hatte – und es wurde dunkel.
Sirenengeheul weckte mich, aber ich schaffte es nicht, die Augen zu öffnen, dämmerte wieder weg, kam wieder zu Bewusstein, hörte Gert, der fragte: »Where is my comrade?«, dämmerte wieder weg, spürte, dass meine Kleider aufgeschnitten wurden – ich auf einer Bahre getragen wurde – kam hin und wieder zu Bewusstsein, während wir durch die Straßen fuhren, und ich spürte, dass jemand eine Spritze an meinen Arm setzte – kurz darauf durchfloss mich ein derart unvorstellbar angenehmes Wohlgefühl, dass ich, bevor ich einschlief, dachte: Wenn das der Tod sein sollte, gibt es nichts Schöneres.
Drei Tage später wachte ich im Gefängniskrankenhaus mit einer Binde um den Kopf auf und stellte angenehm überrascht fest, dass ich noch lebte. Sofort herrschte völlige Klarheit in meinem Kopf – und der merkwürdige Geruch beim Betreten der Wohnung fiel mir ein. Wahrscheinlich, erkannte ich, hatte die Amsterdamer Polizei mit Hilfe des BKA unsere Wohnung gefunden und längst beobachtet – ich hatte den Angstschweiß der Männer gerochen, die unsere Wohnung durchsucht hatten und fürchteten, dass wir überraschend auftauchen könnten: Zwei Wochen zuvor war einer ihrer Kollegen bei einer solchen Konfrontation erschossen worden.
Ich hätte nicht die Fenster aufreißen, sondern das Weite suchen sollen.
1954
Mein Vater6 war sehr fromm. Seine Mutter7 war eine glühende Katholikin; ihren Visionen von Apostel Petrus, die sie auch literarisch verarbeitete8, verdankte er seinen Name Peter. In ihren Romanen und Theaterstücken verteufelte sie genauso glühend patriarchalen Männerwahn und identifizierte sich mit den Entrechteten und Gedemütigten dieser Erde. Diese Haltung entwickelte mein Vater in seinen Inszenierungen als Intendant des Ulmer Theaters weiter, indem er christliche Werte wie Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit aller Menschen als allgemeingültige vermittelte.
Da auch meine Mutter9 am Theater arbeitete, führten wir ein unregelmäßiges Leben. Zum Ausgleich dafür traf sich die ganze Familie, zu der noch meine ältere Schwester Sabine10 gehörte, einmal am Tag zum Essen, am Sonntag auch zum Frühstück; da gab es sogar ein weichgekochtes Ei. Wir hatten ein Esszimmer; mein Vater saß mit dem Rücken zum Fenster, ich saß rechts von ihm, meine Schwester Sabine links – ihm gegenüber meine Mutter.
Vor dem Essen wurde immer gebetet: »Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.«
Eines Tages hatte ich genug von dieser ewigen Einladung: »Wann kommt der denn endlich mal, dieser Herr Jesus?«
1955
Ich spielte mit meinem Freund Rolf auf dem Gehweg vor unserem Haus, einem vierstöckigen Neubau in der Gideon-Bacher-Straße. Er war ein Hund und ich eine Katze. Wir bellten und miauten die Passanten an, und wenn welche erschraken, lachten wir jubelnd. Einige schimpften sogar, was uns besonders freute; eine Frau gab uns Bonbons.
Ein älterer Junge kam vorbei. Er zwinkerte wichtig und winkte uns, mit ihm zu kommen. Wir folgten ihm neugierig.
In der nächsten Querstraße gab es eine Kriegsruine. Es war uns strengstens verboten, in ihr zu spielen, weil da vielleicht noch Bomben lagen, die losgehen könnten. Genau dorthin führte uns der Junge.
Davor angekommen, sah er sich sichernd nach allen Seiten um, und nachdem die Luft offenbar rein war, flüsterte er: »Los« – und wir huschten über moosbewachsene Gesteinsbrocken durch eine Mauerlücke in den Keller der Ruine. Drinnen war es kalt, glitschig und es roch muffig; Rolf und ich zitterten vor Aufregung.
»Jetzt zeig ich euch mal was«, sagte der Junge und nickte bedeutungsschwer – dabei zog er etwas aus seiner Hosentasche. Es waren an einem grauen Bändchen aufgereihte kleine rote Pappröhrchen. Während er Streichhölzer aus der Tasche zog, streckte er sie uns entgegen, damit wir sie näher betrachten konnten, und erklärte grinsend: »Des sen Judafirzle!11«
Wir lachten unsicher, wiederholten aber stolz: »Judafirzle!«
Der Junge legte sie auf den Boden, kniete sich davor und zündete ein Streichholz an. Etwas unheimlich war mir ja schon, hier, mitten zwischen den Bomben, die vielleicht hochgehen könnten, aber es war so spannend, dass ich alle Bedenken beiseiteschob. Der Junge hielt das lodernde Streichholz an das graue Bändchen, an dem sodann ein Funke entlangzischte, bis er das erste rote Pappröhrchen erreichte – das explodierte – erschrocken sprangen wir zurück – alle weiteren explodierten in rasender Schnelle hintereinander knatternd, Funken sprühend und in den düsteren Gemäuern hallend.
Offenen Mundes standen Rolf und ich da, ergriffen von dem Spektakel, dann jubelten wir – und der Junge zog geschmeichelt die nächsten Kracher aus der Tasche.
Nachdem ich die vier Stockwerke zu unserer Wohnung hochgestürmt war, berichtete ich meinen Eltern atemlos vor Begeisterung von meiner neuen Erfahrung.
Mein sonst so milder Vater12 wurde ernst. »Sag dieses Wort nicht noch einmal«, ermahnte er mich, »ich will das nie wieder hören.«
Ich hüpfte laut lachend vor ihm hin und her und rief extra auf schwäbisch, weil wir zuhause nur Hochdeutsch sprachen: »Judafirzle! Judafirzle! Judafirzle!«
»Christof!«, rief er, richtig wütend, »lass das! Ich verbiete dir das!«
Ich war kurz verunsichert – doch dann streckte ich meine Zunge heraus und wiederholte: »Judafirzle! Judafirzle!« – seine Hand landete klatschend auf meiner Wange.
Ich war so verblüfft, dass ich vergaß zu weinen.
Das hatte es noch nie gegeben.
Dann spürte ich den Schmerz und flüchtete zu meiner Mutter13, die von dem Krach alarmiert ins Zimmer gekommen war.
»Aber Peter«, sagte sie und streichelte meinen Kopf, »sei doch nicht so streng, das kann er doch noch nicht wissen.«
»Dann weiß er’s jetzt«, sagte mein Vater traurig.
1956
Familientreffen in Amsterdam. Meine Lieblingstante Yella14 und ihr Mann Otto waren aus London angereist, meine Tante Susi mit ihrem Mann aus Südwest-Afrika15, mein Opa Erich aus Brasilien. Wir fuhren alle zusammen in einem Boot durch die Grachten. Ich durfte auf dem Schoß von Yella sitzen und Kapitän spielen. Feuchter Wind streifte über mein erhitztes Gesicht, es roch aufregend, die Häuser sahen aus wie im Spielzeugland.
Mein Opa schwitzte und rauchte eine Zigarre. Das tat er oft. Er hatte eine lange Narbe auf der linken Wange, einen »Schmiss« – ich bewunderte diese Narbe und fand sie eklig zugleich. Er war einmal bei der Olympiade Schiedsrichter gewesen, das hatte ich auf einem Foto gesehen; darauf schwitzte er auch und diese Narbe war deutlich zu sehen.
Onkel Otto und mein Opa hatten sich vorher noch nie gesehen und redeten nun zum ersten Mal miteinander.
»Da zieht man extra ans andere Ende der Welt, um Ruhe vor den Nazis zu haben«, sagte mein Opa und schmauchte heftig, »und von wem wird man dort empfangen?«
Onkel Otto, der neben mir und vor meinem Opa saß, lächelte und nickte. »Ja«, sagte er, »sie sind überall und es geht ihnen gut.«
»Dabei«, fuhr mein Opa fort, »leben in Norte16 die meisten deutschen Juden, die es geschafft hatten! Deshalb bin ich ja dorthin.«
»Deshalb sind die Nazis ja auch dorthin«, versetzte Onkel Otto, wandte seinen Kopf nach hinten, bis es nicht mehr ging, und sagte: »Die Nazis können ohne die Juden nicht leben, das ist doch das Problem.« Er drehte sich wieder nach vorne und um seine Lippen kräuselten sich in seinem sowieso schon sehr zerfurchten Gesicht weitere zitternde, heruntergezogene Falten.
»Lasst doch diese Gespräche«, sagte meine Lieblingstante Yella. »Was soll der Christof denn denken?«
Ich dachte nichts, aber es war alles wahnsinnig spannend.
1957
Auf dem Eselsberg bei Ulm wohnten Inge17 und Otl18. Sie waren Freunde meiner Eltern, hatten viele gleichaltrige Kinder, und wir fuhren oft sonntags dorthin. Es gab immer selbstgemachten Kuchen und alle waren fröhlich.
Inge war wie eine Heilige, sanft und entrückt. Ihre Geschwister waren von den Nazis umgebracht worden. Sie hatten sich »Weiße Rose«19 genannt.
Otl war sehr lustig und machte gerne Quatsch mit uns Kindern. Er war Professor an der Uni auf dem Eselsberg20, die man von dem Haus der Aicher-Scholls aus sehen konnte. Alle Gebäude waren weiß und strahlten.
Die Fenster sahen merkwürdig aus, nicht normal rechteckig, sondern klobig viereckig. Ich fragte Otl, warum die Fenster so dick seien und brachte ihn damit zum Lachen. Dann erklärte er mir ganz viel, von dem ich nur verstand, dass die normalen Fenster »unmenschlich« seien. Das erschreckte mich, denn dann waren ja fast alle Fenster auf der Welt unmenschlich!
Da lachte Otl nicht mehr und nickte: »Das ist ja das Schlimme! Die Menschen müssen endlich umlernen!«
Die Volksschule, auf die ich ging, war ein Backsteinbau aus quadratischen Klassenzimmern, von denen jedes seinen eigenen Garten hatte, nur durch eine Glasscheibe vom Boden bis zur Decke getrennt. Sie war nur zwei Straßen von unserer Wohnung entfernt. Es herrschte eine helle, freundliche Atmosphäre in diesen Räumen, ich war gerne dort und es war spannend zu lernen. Außerdem gab es ein wunderschönes Mädchen, Susi, die ich später heiraten wollte. Zusammen mit meinem Freund Rolf, der zwei Häuser neben uns wohnte, ging ich jeden Morgen hin.
Vor der Schule holte ich bei dem Bäcker, dessen Laden im Parterre unseres Hauses lag, frische Brötchen, manchmal durfte ich sogar ganz alleine im Milchladen in der nächsten Querstraße Milch holen und sie meinen Eltern ans Bett bringen. Mein Vater freute sich sehr darüber und bedankte sich in wohlgesetzten Worten bei mir: »Das haben Euer Ehren aber aufs Vorzüglichste erledigt – welch außerordentliche Labsal!«
Dann verneigte ich mich und sagte: »Ich bin der schnellste Milchmann der Welt!«
»Ja«, sagte mein Vater, »wenn alle Menschen so wären, lebten wir im Paradies!«
1958
Nach dem Tod meines Vaters wohnten meine Schwester Sabine und ich lange in England bei meiner Tante Gaby, der Schwester meiner Mutter, ich durfte sogar Schule schwänzen. Sie lebte mit ihrer kinderreichen Familie in einem englischen Landhaus. Von dort aus besuchte ich so oft es ging Yella und Otto, die in einem Vorort von London lebten.
Die Häuser sahen ähnlich aus wie in Amsterdam, wie zu große Spielzeughäuser mit hölzernen, geschwungenen Fensterläden, die schmale verzierte Leisten hatten. Alle Häuser hatten ganz kleine Gärten. Das Haus der beiden war voll mit schönen alten Möbeln, die wie geschnitzt aussahen, in allen Zimmern waren die Wände bis unter die Decke vollgestellt mit Büchern. Vor dem Wohnzimmer gab es einen kleinen Wintergarten, von dem aus man in das mit Brombeeren und anderen süß-sauren grünen Beeren und Blumen vollbewachsene Gärtchen sehen konnte.
Dort saß ich mit Onkel Otto an einem kleinen Tisch mit geschwungenen Eisenfüßen und er brachte mir, obwohl Yella ihm das verboten hatte, das Rülpsen bei. Man musste nur etwas Luft schlucken und dann die geschluckte Luft herauspressen – und schon war es ein Rülpser! Für jeden gelungenen Rülpser bekam ich einen Penny, große dunkelbraune Münzen, aus denen ich einen Turm baute. Onkel Otto lachte sich jedes Mal krumm und schief, wenn ich es geschafft hatte, und sein zerknittertes Gesicht wurde noch zerknitterter. Bald war der Anreiz, ihn zum Lachen zu bringen, größer, als weitere Pennys zu verdienen.
»Warum kommst du nie nach Deutschland?«, fragte ich ihn einmal, weil ich das schon lange fragen wollte.
Onkel Otto dachte nach. »Wenn ich dir das jetzt erkläre, würde Yella sagen, du seist noch zu klein dafür. Aber du bist schon groß, du verstehst das!«
Meine Brust schwoll – und meine Ohren.
»Du siehst die vielen Bücher hier«, fuhr Onkel Otto fort und zeigte auf die rundum mit Büchern überladenen Regalwände.
»Ich liebe Bücher«, platzte es aus mir heraus, ich konnte nämlich schon lesen und schreiben.
»Gut so«, sagte Onkel Otto, »ohne Bücher kann man nicht leben.«
Ich nickte heftig, ich liebte auch Onkel Otto.
»Ich habe auch Bücher geschrieben«, setzte er seine Erklärung fort, »und als wir noch in Deutschland lebten, wurden sie dort gedruckt und verkauft. Aber dann kamen die Nazis an die Macht und verbrannten sie.«
Ich war wie vom Donner gerührt. »Aber warum?!«, rief ich. »Bücher sind doch was Tolles!«
»Weil wir Juden sind«, antwortete Onkel Otto. »Deswegen sind wir dann nach England umgezogen und haben englische Namen angenommen.«
Da war es wieder! Die Nazis21 und die Juden. Immer wieder kam das.
»Nach jüdischer Tradition bist du auch Jude«, sagte Onkel Otto lächelnd, »weil deine Mama, deine Oma, deine Uroma alle Jüdinnen waren – aber das ist gleichgültig heute, das zählt heute nicht mehr.«
»Aber warum kommst du dann heute nicht nach Deutschland?«, insistierte ich auf meiner Ausgangsfrage. »Das ist doch alles vorbei?!«
Onkel Otto lächelte traurig. »Ich hab es ja versucht«, sagte er.
Ich sah ihn fragend an.
»Eigentlich wollte ich nie mehr nach Deutschland«, begann er seinen Bericht, »aber Yella hatte so lange mit mir geredet, bis ich mich überzeugen ließ: Ihr alle unsere nächsten Verwandten lebt dort, die Nazizeit ist überwunden, wir müssen nach vorne sehen und nicht immer an die Vergangenheit denken. Es hat keinen Sinn, die Deutschen auf immer und ewig wegen der Hitlerzeit zu verdammen, man muss ihnen eine Chance geben. Ich war zwar skeptisch, denn man hörte auch viel Schlechtes aus Deutschland, aber ich wollte keine Vorurteile haben, Yella hatte recht: Man muss offen für Veränderung sein.«
Er hielt inne und sah zum Fenster hinaus. Ich saß mucksmäuschenstill da.
»Also packten wir unsere Koffer«, fuhr er fort und sah ernst aus, »setzten uns ins Auto, schifften mit der Fähre aufs Festland, fuhren durch Holland und überquerten tatsächlich bei Aachen die deutsche Grenze. Die Sonne schien, die Menschen waren freundlich und wir mussten bei der ersten Tankstelle in Deutschland Benzin nachfüllen. Der Tankwart, ich erinnere mich genau, war noch ein junger Mann, hatte eine blaue Kappe auf dem Kopf, und trug eine weit schlackernde braune Kordhose. Nachdem er gesehen hatte, dass wir eine englische Autonummer hatten, fragte er zunächst, ob wir deutsch sprechen und als ich bejahte, fragte er nach den Benzinpreisen in England. ›Hab’s mir fast gedacht‹, sagte er mit einem bitteren Lachen, nachdem ich geantwortet hatte, ›ist ja nichts im Vergleich zu unseren Preisen!‹ ›Naja‹, entgegnete ich, ›es ist halt immer ein Auf und Ab – das wird sich hier schon auch wieder ändern!‹ ›Nein, nein‹, widersprach er, zog den Zapfhahn aus dem Auto und stieß ihn heftig in die Tanksäule. Ich zog meine Brieftasche aus dem Jackett und fragte, warum. Er sah mich prüfend an – es war deutlich, dass er um einen Beschluss rang –, dann sah er sich sichernd nach allen Seiten um und winkte mich schließlich näher an sich heran. ›Man kann ja heute nicht mehr offen über die Dinge reden‹, begann er noch näher zu mir gebeugt, fast flüsternd, ›aber das weiß doch jedes Kind: Die Preise sind von den Juden diktiert, der jüdischen Weltverschwörung in New York!‹ Dann wich er zurück und stemmte seine Hände in die Hüften: ›Erst haben sie Jesus Christus umgebracht, dann Adolf Hitler und jetzt beherrschen sie die Welt!‹«
Onkel Otto sah mich an, aber ich rief nur ungeduldig: »Und dann?«
»Dann bezahlte ich«, antwortete er, »verzichtete auf das Rückgeld, setzte mich wieder ins Auto zu Yella, erzählte ihr alles und wir fuhren zurück in unser geliebtes England. Hier werden wir für immer bleiben.«
Es dauerte eine Weile, bis sich das Erzählte bei mir setzte, zu verstehen war es eh nicht. Dann begann ich zu weinen ohne zu wissen, warum.
Schließlich nahm ich seine Hand und sagte: »Ich will auch für immer in England bleiben22.«
1959
Der neue Intendant des Ulmer Theaters, Kurt Hübner23, entließ als erste Amtshandlung meine Mutter als Frau seines Vorgängers, dessen bahnbrechende Erneuerungen des Theaters (zum Beispiel das Studiotheater »Podium«, in dem das Publikum um die Bühne herumsaß, Inszenierungen des in den fünfziger Jahren in Westdeutschland verpönten Bert Brechts, oder das Engagement von späteren Theaterrevolutionären wie Peter Zadek24 und Wilfried Minks25) er von nun an auf seine Fahnen schrieb.
Meine Mutter, die junge Witwe mit zwei Kindern, fand eine Stelle beim Bayrischen Fernsehen und musste schweren Herzens ihren Beruf als Schauspielerin aufgeben. Wir zogen um in ein Reihenhäuschen mit Handtuchgarten in Obermenzig am Rande von München, direkt nach dem Ende der Autobahn, wenn man von Ulm kam. Zum Glück gab es auch dort ein schönes Mädchen, sie hieß Mucki und brachte mir bei, dass man auf den umliegenden Wiesen Sauerampfer pflücken konnte, der lecker schmeckte.
Meine neue Schule war zwar ganz in der Nähe, aber sie war düster, geduckt, und es stank nach Linoleum. Der Lehrer war alt, hässlich und streng, der Unterricht machte keinen Spaß. Das Klassenzimmer war riesig, dunkel und wirkte wie ein Kellergewölbe. An der Wand hing ein riesiges Bild des Bundeskanzlers. Er hieß Konrad Adenauer und schaute angsteinflößend ins Zimmer.
Einmal standen wir vor Beginn des Unterrichts vor dem Bild und ein Junge gab damit an, dass sein Vater den Adenauer schon einmal in echt gesehen habe und dass der überhaupt der wichtigste Mann in ganz Deutschland sei. Da musste ich furchtbar lachen, zeigte auf den vorgeschobenen Mund dieses Mannes und sagte: »Aber der sieht doch aus wie ein Affe!« – alle umstehenden Kinder lachten mit.
»Was hast du da gesagt?«, ertönte eine schneidende Stimme hinter mir. Der Lehrer war hereingekommen, ohne dass ich das gemerkt hatte. Er stand mit seiner Aktentasche in der Hand hinter mir und funkelte mich böse an.
Ich zuckte mit den Achseln. Dann zeigte ich auf das Bild: »Der kann ja nichts dafür, dass er so aussieht!«
»Jetzt reicht’s aber«, rief der Lehrer, ging wütend zu seinem auf einem Podest erhöht stehenden Schreibtisch und knallte seine Aktentasche darauf. Dann winkte er mich mit dem Zeigefinger zu sich, während alle anderen Kinder sich setzten, und befahl mir, mich vor der Klasse aufzustellen. Er öffnete die Schublade, holte etwas heraus und hielt es hinter seinem Rücken, während er zu mir herunterkam.
»Jetzt schauts mal alle her«, sagte er zur Klasse gewandt, als er neben mir stand, »was passiert, wenn man so frech ist wie der Wackernagel.«
Er befahl mir, die rechte Hand hochzuheben und die Finger flach zu strecken. Dann legte er seine linke Hand darunter und holte mit der rechten hinter seinem Rücken ein Bastrohr hervor.
»Damit du nie vergisst«, fuhr er mich mit zusammengekniffenen Lippen an, »was für ein Sauhund du bist«, schlug mit dem Bastrohr ganz vorne auf meine Finger, fast auf die Fingernägel, und zählte: »eins, zwei, drei –« bis zehn.
Es tat saumäßig weh, aber ich verkniff mir die Tränen und schwor Rache26.
1960
Meine Mutter hatte einen roten VW-Käfer, mit dem wir oft nach Ulm fuhren, um Reste unseres Umzugs zu holen. Es dauerte immer endlos, bis die hundertzwanzig Kilometer vorbei waren. Oft saß ich ganz hinten in dem Schacht des Käfers und schaute rückwärts hinaus, weil es mir langweilig war, immer zu warten, bis das nächste Schild anzeigte, dass wir wieder zehn Kilometer geschafft hatten.
Bei einer Fahrt bemerkte ich, dass ständig ein weißer VW-Käfer hinter uns fuhr. Er überholte, wenn meine Mutter überholte und er fuhr langsamer, wenn sie langsamer fuhr. Er hatte auch ein Ulmer Kennzeichen, am Steuer saß ein Mann.
»Mami!«, rief ich nach einiger Zeit, »da verfolgt uns einer mit einem VW aus Ulm!«
Meine Mutter sah in den Rückspiegel. »Stimmt«, bestätigte sie, »der ist auch aus Ulm.«
»Der ist bestimmt ein Geheimagent!«, rief ich zu ihr nach vorne, »der will dich klauen!«
Meine Mutter lachte, sah wieder in den Rückspiegel und sagte: »Wieso, der sieht doch ganz nett aus!?«
Ich sah ihn mir nochmal genau an, war weniger ihrer Meinung und wusste, dass er etwas im Schilde führte.
Ich hatte wieder einmal recht. Nachdem wir die Autobahn endlich verlassen hatten und in die Verdistraße in Obermenzing einfuhren, kletterte ich aus dem Käfer-Schacht auf den Rücksitz, weil wir die nächste Straße abbiegen mussten zu unserem Reihenhaus, da schaltete die Ampel auf rot und meine Mutter musste scharf bremsen. Hinter uns quietschten Reifen – dann krachte es – und der Mann war uns hinten reingefahren! Das hatte der absichtlich gemacht!
Wir stiegen alle aus und der Mann kam mit ausgestreckter Hand lachend auf meine Mutter zu: »Entschuldigen Sie bitte vielmals, das tut mir sehr leid, ich werde das so schnell es geht regulieren!« Sie war überhaupt nicht richtig böse auf ihn, tat fast so, als sei es ihre Schuld, weil sie gebremst hatte, und als sie die kaputten Stoßstangen anschauten, sagte der Mann plötzlich:
»Sie kommen mir so bekannt vor – sind Sie nicht Schauspielerin am Ulmer Theater?«
»Leider nicht mehr«, antwortete meine Mutter geschmeichelt. »Ich wurde entlassen, nachdem mein Mann, der Intendant, gestorben war.«
»Dann sind Sie Erika Wackernagel?!«, sagte der Mann hochachtungsvoll und streckte wieder seine Hand aus. »Mein Name ist Heiner Guter27 – welche Ehre, Sie persönlich kennen zu lernen! Wie oft habe ich Sie schon im Theater bewundert.« Und, nachdem meine Mutter errötend geseufzt hatte: »Und Sie sehen ja im richtigen Leben noch blendender aus als auf der Bühne.«
Er wohnte ganz in der Nähe, war geschieden, hatte zwei Töchter in unserem Alter, die eine dick, die andere frech, und es dauerte nicht lange, bis meine Mutter ihn heiratete und die beiden den Bau eines Hauses am anderen Ende von München planten.
Heiner Guter war in jeder Hinsicht das Gegenteil meines Vaters, er war unsensibel, verstand nichts von Kunst und lästerte über alles und jeden. Er wusste alles besser und behandelte meine Mutter schlecht. Meine Schwester Sabine und ich waren natürlich überhaupt nicht damit einverstanden, dass unsere Mami diesen grobschlächtigen Kerl28 heiratete, und wir verbündeten uns gegen ihn und seine Töchter.
Aber er konnte Häuser bauen, während mein Vater kaum einen Nagel in die Wand zu schlagen verstand. Außerdem kannte er sich in politischen Dingen aus, während mein Vater in dieser Hinsicht im Kunsthimmel über den Wolken geschwebt hatte. Er war auch mit Inge und Otl Aicher-Scholl befreundet, weil er in der Gruppe von Inges Geschwistern gewesen war, der »Weißen Rose«, die gegen die Nazis gekämpft hatte.
Ich erzählte ihm davon, dass im Klassenzimmer ein Bild von Bundeskanzler Adenauer hing, der aussah wie ein Affe, und er lachte herzhaft darüber. Als ich berichtete, dass ich vom Lehrer erwischt worden war, als ich das laut sagte, und deswegen je zehn Stockschläge auf die Finger bekommen hatte, wurde er sauer. »Hier in Bayern sitzen überall noch die Nazis drin«, sagte er, »da wird sich nie was ändern!«
Eines Tages kam meine Stiefoma aus Brasilien zu Besuch. Sie hatte immer rote Augen und sprach langsam und verschwommen. Meine Mutter war gereizt und schlecht gelaunt. »Sie hasst sie«, erklärte Sabine, »weil sie als Kind immer so tun musste, als sei das ihre echte Mutter, sonst hätte sie kein Abitur machen dürfen.«
Nachdem diese merkwürdige Frau ein paar Tage da war, zeigte mir meine Mutter unsere Mülltonne, die voll mit leeren Weinflaschen war. »Sie ist alkoholkrank«, erklärte sie mir, »das ist ganz furchtbar.« Deswegen wirkte sie immer so abwesend. »Deine wirkliche Oma war eine ganz wunderbare Frau«, betonte meine Mutter, »schade, dass du Carlamutti nie kennenlernen konntest!«
»Wie Tante Yella?«, fragte ich.
»Ja«, sagte meine Mutter, »und weil sie Jüdin war, durften wir nie über sie reden!« Sie schaute ganz traurig. »Das war furchtbar!«, sagte sie mit erstickter Stimme – und sah wieder wütend auf die leeren Weinflaschen in der Mülltonne.
Umso schöner war der Besuch von Onkel Helmut. Er war mein Patenonkel und der jüngste Bruder meiner echten Oma. So wie Yella nach England war er vor den Nazis nach Australien geflohen.
Er logierte im Hotel Königshof am Stachus, einem prächtigen Bau mit vielen Balkonen, die geschwungene verzierte Geländer hatten, mit Kronleuchtern im Restaurant, überall samtroten Brokatvorhängen, die mit goldenen Bordeln seitlich befestigt waren, und rotgoldenen weichen Teppichen, auf denen man wie auf Watte ging.
Wir saßen in der Sonne auf dem Balkon seines Zimmers, er lobte mein gesundes Aussehen und meine entzückenden Söckchen, schenkte mir fünf Mark und heimlich Schokoladeneier. Dann zeigte er seine Flugtickets: längliche Pappen, die wie ein Leporello aneinandergeklebt waren, das er so weit auseinanderfalten konnte, wie er seine Arme ausbreiten konnte. Er flog rund um die ganze Welt! Neuseeland, Bali, Indonesien, Indien, Dubai; dann Europa, wo er natürlich auch Yella und Otto besuchte, dann Amerika, um von da wieder zurück nach Australien zu kommen. Ich bewunderte ihn unendlich.
»Woher hast du denn so viel Geld, um das alles zu bezahlen?«, fragte ich.
»Das meiste sind geschäftliche Treffen29«, erklärte er, »entweder spreche ich mit Leuten, die unsere Kleider abkaufen, oder mit welchen, bei denen ich sie herstellen lasse, weil sie billiger produzieren als in Australien.«
»Und woher hattest du das Geld, um die Fabrik in Australien zu bauen?«
»Das hab ich mitgebracht«, erklärte er lächelnd.
Ich sah ihn fragend an.
»Du weißt doch«, begann er zu erzählen, »ich musste vor den Nazis fliehen. Yella war schon weg und hatte etwas vom Erbe unserer Mutter bekommen. Die Gersons hatten früher Eisenbahnen und Uniformen für das deutsche Militär produziert, davon war noch etwas übrig. Also bat ich sie um meinen Anteil; außerdem hatte ich schon einiges selbst verdient.« Er nickte in sich hinein und lächelte, seine braunen Runzeln glänzten in der Sonne. »Es musste alles ganz schnell gehen,30 einen Teil hatte ich in Form von Goldstücken und das meiste in möglichst großen Dollarscheinen, viel auch in Markscheinen. Dann nähte ich mir einen großen, dicken Gürtel, unter dem ich das Geld versteckte, den ich eng um den Bauch band und wodrüber ich meine Kleider zog. Ich legte ihn so lange nicht ab, bis ich in Sicherheit war!« Dann breitete er die Arme aus, sah mich liebevoll an und sagte in die Sonne blinzelnd auf den Stachus blickend:
»Wie wunderbar, dass das alles vorbei ist! Du hast es gut! Das freut mich für dich!«
1961
Bald zogen wir in das zu unserem genau gleich aussehende Reihenhaus meines Stiefvaters Heiner Guter mit seinen beiden Töchtern. Der einzige Vorteil war, dass man draußen besser spielen konnte, weil gegenüber des Handtuchgärtchens keine Häuser waren, sondern eine Wiese und noch etwas weiter hinten ein Flüsschen, die Würm; dort gab es viele Bäume und Büsche, wo man sich gut verstecken konnte. Es war alles sehr beengt und meine Eltern, »die Alten«, wie wir Kinder sie nannten, stritten sich dauernd; da aber fast täglich Gäste kamen, immer wieder neue, vertrugen sie sich wieder, jedenfalls, solange die Gäste da waren.
Wir Kinder wurden nie ausgeschlossen von den Gesprächen der Alten und ihrer Gäste. Eines der Hauptthemen in diesem Jahr war, dass Spione der Israelis einen alten Nazi, der nach Argentinien geflohen war, aufgestöbert und geklaut hatten.31 Alle Freundinnen und Freunde der Alten waren sich einig, dass das in Ordnung gewesen war. Der Mossad32, so hieß die Organisation der Spione, hatte ihn heimlich entführt – das hörte sich alles wahnsinnig spannend an. Auch wenn die Erwachsenen oft dummes Zeug redeten, in diesem Fall hatten sie recht. Die Zeitungen regten sich auf, dass das nicht legal gewesen sei – und darüber regten sich die Erwachsenen auf: Es habe sich nichts geändert in unserem Land, überall hätten die alten Nazis noch das Sagen, es gebe keine freie Presse. Heiner Guter, der sonst immer nur zynische Kommentare zum Besten gab, war in diesem Fall sehr ernst und höchst befriedigt. Meine Mutter nickte mit bitterem Lächeln und sagte: »Das hat der aber wirklich verdient.« Und ein andermal sagte sie: »Das ist eine Genugtuung für unsere Familie!«33
Aber das Spannendste daran war etwas anderes. Wochenlang wurde darüber geredet, auch weil es eine technische Sensation war: der Prozess gegen Adolf Eichmann34 sollte live aus Jerusalem im Fernsehen übertragen werden! Es war unglaublich, man konnte es sich kaum vorstellen, wie das gehen sollte. Das, was die Kameras aufnahmen, wurde per Funk nach Deutschland und in alle Welt gesandt und dann hier ausgestrahlt! Unvorstellbar! Alle fieberten diesem Tag entgegen; normalerweise durften wir Kinder nicht Fernsehen, obwohl – beziehungsweise weil – meine Mutter beim Fernsehen arbeitete. An diesem Tag hätten wir aber gemusst, wenn wir nicht sowieso unbedingt gewollt hätten.
Und am 11. April war es endlich so weit: Die Sonne schien, aber wir versammelten uns alle aufgeregt um den kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher im Wohnzimmer unseres Reihenhäuschens. Die Alten waren nicht zur Arbeit gegangen, wir Kinder nicht in die Schule. Und wir konnten tatsächlich hier in München-Obermenzing sehen, was im selben Moment ganz weit weg im Jerusalemer Bezirksgericht stattfand:
Von weit oben konnten wir sehen, wie ein in einen grauen Strickpulli mit einem V-Ausschnitt gekleideter Mann in einen gläsernen Käfig geführt wurde, der links in dem Gerichtssaal stand. Mit ihm zwei Bewacher – alle drei setzten sich. Er klammerte sich mit beiden Händen am Tisch fest und guckte fragend vor sich hin. Dann stand er hektisch auf und machte die Andeutung einer Verbeugung vor dem Richter. Danach nahm er wieder Platz und setzte Kopfhörer auf. Man hörte den Richter hebräisch sprechen, aber sofort legte sich eine Deutsch übersetzende Stimme darüber.
Eichmann dachte über jede Frage nur kurz nach, bevor er prompt und präzise antwortete. Es klang alles ganz selbstverständlich. Manchmal schüttelte er den Kopf, widersprach aber nicht, sondern verbesserte den Richter. Er wirkte beflissen, teilweise fast rechthaberisch.
Eigentlich sah er aus wie jeder andere. Nichts Besonderes. Ein gar nicht mal so alter Mann mit Krawatte und einem ausdruckslosen Gesicht.
Ich empfand gar nichts und mir grauste zugleich, obwohl ich nicht wusste, wovon das ausgelöst wurde.
So sah ein Nazi aus? Ein Massenmörder? Waren sie alle so?
Ich hatte schon Hitler oder Goebbels und Göring im Fernsehen gesehen, wie sie rumbrüllten und blöde gestikulierten – hatte das aber eher lächerlich und unappetitlich gefunden.
Eichmann35 war ganz anders. Völlig ruhig und unaufgeregt. Ich spürte, dass ich Herzklopfen hatte – keine Angst, aber ein dumpfes, unangenehmes Gefühl.
Völlig aufgewühlt gingen wir auf die Veranda unseres Handtuchgärtchens, nachdem die Übertragung zu Ende war. Die Alten tranken Kaffee und schwiegen vor sich hin. Ich wusste nicht, was ich denken sollte.
»Wieso ist Tante Lily36 eigentlich nicht geflohen wie Yella, Otto und Helmut?«, wollte ich plötzlich wissen.
Heiner Guter grinste böse und sah zu meiner Mutter.
Ihr war die Frage sichtlich unangenehm. »Das ist schwierig zu beantworten«, wich sie aus.
»Aber die Nazis wollten doch alle Juden umbringen«, insistierte ich, »wenn sie sie sogar selbst aus Afrika geholt haben, um sie nach Auschwitz zu bringen!«
»Wenn Hitler nicht besiegt worden wäre«, warf Heiner Guter ein, »hätten sie das auch geschafft.«
Ich wusste, dass meine Mutter Tante Lily nicht besonders mochte. Aber Tante Lily betonte immer, wie sehr meine Mutter sie als Kind geliebt habe, weil sie so gerochen habe wie ihre Schwester, die früh verstorbene Mutter meiner Mutter. Irgendetwas stimmte da nicht.
»Musste sie nicht auch einen gelben Stern tragen?«, fragte ich.
»Wieso willst du denn das jetzt plötzlich alles wissen?«, fragte meine Mutter, »das ändert doch nichts.«
»Yella und Otto kommen nie mehr nach Deutschland und Lily war sogar da, als Eichmann alle holte – das verstehe ich nicht.«
»Es gab auch Ausnahmen«, sagte Heiner Guter.
»Warum?«
»Mein Großvater«, sagte meine Mutter widerstrebend, »also dein Urgroßvater war ein hoher Soldat im Ersten Weltkrieg, deshalb hat man bei meiner Großmutter darüber hinweggesehen, dass sie Jüdin war, sie musste keinen gelben Stern tragen.«
»Weil ihr Mann den Heldentod erlitten hat«, spottete Heiner Guter.
»Aber am Ersten Weltkrieg waren doch auch die Deutschen schuld«, widersprach ich, »so habt ihr mir das jedenfalls erklärt.«
»Klar«, sagte Heiner, »deswegen hatten sie ja nichts gegen den Zweiten.«
»Aber warum sind dann Yella, Otto und Helmut geflohen und Lily nicht!?«, fragte ich und wurde sauer.
»›Wer Jude ist, bestimme ich‹«, zitierte Heiner, »das hat Göring gesagt.«
»Ja, aber warum?!«, rief ich wütend.
»Unsere Vorfahren waren zwar Juden«, fuhr meine Mutter fort, »aber das war ihnen egal, sie fühlten sich als Deutsche und haben ja auch schon für das Deutsche Reich Militäruniformen hergestellt.«
»Viele von denen waren deutscher als die deutschesten Deutschen«, spottete Heiner. »Hitler hat sie überhaupt erst drauf gebracht, dass sie Juden sind.«
»Ich will aber wissen, warum Tante Lily hiergeblieben ist!«, schrie ich und stampfte mit dem Fuß auf.
Meine Mutter sah mich traurig an. »Weil sie Tante Lily brauchen konnten«, sagte sie leise.
»Wie?!«
»Tante Lily konnte eine bestimmte Art von Stenographie, die sonst niemand konnte«, erklärte meine Mutter traurig, »dadurch war sie unentbehrlich für das Militär.«
»Was?!?«
»Ja«, sagte Heiner Guter, »sie hat für die Wehrmacht gearbeitet. Sie war Chefsekretärin der Obersten Heeresleitung.«
»Wie bitte?!?« Ich verstand gar nichts. »Tante Lily hat für die Nazis gearbeitet?!?«
Ich sah die beiden an und meine Mutter nickte: »Deswegen arbeitet sie ja heute wieder für die Bundeswehr!«
Heiner sagte nichts.
»Sie hat wirklich mit Eichmann gearbeitet?!?« Ich konnte es nicht fassen.
»So direkt nicht«, wiegelte meine Mutter ab. »Aber deswegen reden ja Yella und Otto nicht mehr mit Lily.«
»Sie hat also für die Nazis gearbeitet, während Eichmann Tante Lotte ins KZ verfrachtet hat!« Ich verstand überhaupt nichts mehr. Ich wusste nur eines: Ich wollte weder37 Deutscher noch Jude sein.
September
Direkt nach meinem zehnten Geburtstag konnte ich endlich raus aus dieser furchtbaren Volksschule. Meine Mutter schickte mich aufs Königlich Bayrische Humanistische Maximiliansgymnasium38. Es wirkte allerdings nicht weniger bedrohlich – nur vornehmer. Auf den Kapitellen der dorischen Säulen, die die mächtigen, intarsienverzierten Flügel des Portals aus dunklem Holz säumten, thronten Löwen und sahen hochmütig auf uns Kleine hinab, die die ehrfurchtgebietenden breiten und nach oben zulaufenden Stufen hinaufsteigen mussten. Im dunklen Eingang begrüßte ebenfalls auf einer Säule die Büste Max Plancks39 die Eleven, und zu den ersten Informationen über diese Eliteschule gehörte, dass der Verteidigungsminister Franz Josef Strauß40 hier sein Abitur allein deshalb mit nur 1,2 gemacht hatte, weil er in Turnen eine Vier bekommen hatte. Die Zeitungen waren voll davon, dass die Flugzeuge, die er als Verteidigungsminister für die Bundeswehr gekauft hatte, abgestürzt waren.41 Heiner Guter lachte spöttisch darüber: »Das ist ein alter Drecksack! Werd bloß nicht so wie der!« Ich wollte sowieso lieber Papst werden, und hier am Gymnasium konnte man Latein lernen.
Der Direktor war ein freundlicher älterer Herr. Jedes Kind, das neu in seine Schule kam, begrüßte er persönlich in seinem Büro. Die Eltern wurden hinausgeschickt.
Hinter seinem schwarzen, fast leeren Schreibtisch sitzend, bat er mich, davor Platz nehmen. »Ich freue mich, dass du auf unsere Schule gehen willst!«, sagte er, nachdem ich mich vorgestellt hatte. »Du solltest deinen Eltern dankbar sein, dass sie diese Entscheidung getroffen haben.« Das Maxgymnasium sei eine ganz besondere Schule mit Tradition, erklärte er, ich könne stolz sein, hier auf das Leben vorbereitet zu werden.
»Ihr werdet später die Geschicke dieses unseres Landes leiten«, sprach er zu mir, milde lächelnd, fast liebevoll, »das ist eine große Verantwortung!«
In der Klasse gab es einen Jungen, der beim Turnen blitzschnell auf alle Geräte klettern konnte. Schwupp – schon saß er oben auf dem Reck oder der großen Leiter. »Guckt mal!«, sagte ein anderer Junge und zeigte auf ihn, »das ist Fips, der Affe!« Alle lachten, aber der so Angesprochene war nicht beleidigt. Im Gegenteil: Er nannte sich von nun an selbst Fips42.
Der blaue Schal, den er immer trug, stammte von den »jungen Pionieren«43 aus der DDR. Seine Eltern hatten kurz vor dem Mauerbau »rübergemacht«, wie man es bezeichnete, wenn Leute aus dem Osten in den Westen flohen. Sein Vater war Zahnarzt und hatte in der DDR eine privilegierte Stellung, weswegen Fips dort viele Vorteile hatte, von denen andere Kinder nur träumen konnten. Deswegen war er stinksauer auf seine Eltern, dass sie ihn gezwungen hatten, dieses schöne Leben zu verlassen. Plötzlich musste er in hässlichen Auffanglagern mit ganz vielen Leuten auf ungemütlichen Feldbetten schlafen, bekam nicht mehr so gutes Essen wie in der DDR und musste im Radio Beschimpfungen der DDR anhören.
»Adenauer ist ein Verbrecher«, erklärte er, als wir in der Pause auf dem Schulhof zusammen liefen; wir waren schnell Freunde geworden. »Der Sozialismus ist viel besser als der Kapitalismus«, lernte ich von ihm. Und dass hier bei uns nicht alles mit rechten Dingen zuging, vor allem, dass die Nazis überall noch ihre Finger drin hatten, wusste ich ja schon von meinen Alten, also waren wir uns völlig einig – auch gegen alle anderen Klassenkameraden, die von diesen Dingen keine Ahnung hatten.
1962
Endlich war das neue Haus in Englschalking fertig. Es war exakt auf die Bedürfnisse der neuen Familie zugeschnitten: im Parterre über die ganze Länge des Hauses ein großes Wohnzimmer mit einer fast völlig verglasten Fensterfront zum Garten, dahinter das Elternzimmer mit eigener Küche und Bad; oben die zellenartig nebeneinanderliegenden Kinderzimmer, die große Küche mit Essbereich und das Kinderbad. Im rundum ummauerten Garten gab es ein richtiges Schwimmbad, einen »Swimmingpool«, dessen Boden so steil abfiel, das am Ende sogar die Erwachsenen nicht mehr stehen konnten; im Keller gab es eine Sauna, in deren Vorraum nicht nur eine Dusche, sondern auch ein gekacheltes Becken eingebaut war, in dem man in eiskaltes Wasser tauchen konnte.
Unseres gehörte zu den ersten drei Häusern, die hier errichtet worden waren; Heiner lästerte gewaltig über den Bauern, der im Handumdrehen zum Millionär geworden war, nachdem seine Felder von der Stadt als Bauland freigegeben worden waren. Auf der anderen Straßenseite standen Behelfsbaracken, in denen DDR- und andere Flüchtlinge aus dem Osten wohnten. Sie warfen Steine auf uns, in den Garten und zersplitterten einmal sogar eine Fensterscheibe, weil sie nun umgesiedelt wurden, damit andere Münchner Bonzen ihre Villen dort hinpflanzen konnten. Da Fips44 inzwischen mein bester Freund war und mir viel von der schlimmen Zeit nach der Flucht erzählt hatte, wusste ich, wie schwer sie es hatten und dass sie bestimmt auch nett waren – aber alle Annäherungsversuche stießen nur auf Wut und Ablehnung, und ich schämte mich für unseren Reichtum. Bald waren sie verschwunden.
Nun musste ich nicht mehr von Obermenzing aus mit Bussen und Bahnen durch die ganze Stadt ins Maxgymnasium fahren, sondern hatte nur acht Kilometer mit dem Fahrrad zurückzulegen, da ich die neu erbaute John-F.-Kennedy-Brücke über die Isar als Abkürzung direkt nach Schwabing zur »Münchner Freiheit« nehmen konnte. Außerdem konnten mich meine Freundinnen und Freunde besser besuchen, da sich ganz in der Nähe eine S-Bahn-Station befand. Das Beste war, dass mit dem Einzug ins neue Haus meine Schwester aus dem Internat zurückkam. Sie hatte mir sehr gefehlt, und nun war die Welt wieder in Ordnung.
Die Alten ließen sich nicht lumpen und veranstalteten ein rauschendes Fest zur Einweihung. Unzählige Gäste erschienen, die ich fast alle kannte, manche schon ganz lange, wie das Schauspielerpärchen Möbius45 und Böhlke46, die mein Vater noch in den fünfziger Jahren, als sie zusammen aus der DDR geflüchtet waren, engagiert und denen er eine Wohnung besorgt hatte, obwohl Homosexualität damals nicht nur verpönt, sondern auch verboten war, und die meiner Mutter immer die Treue gehalten hatten. Andere kannte ich durch Heiner, wie seine beiden Freunde aus der »Weiße-Rose«-Zeit Franz Müller47 und Hans Hirzel48, die mir viel mehr als Heiner selbst über die Weiße Rose erzählt hatten; Fernsehkollegen meiner Mutter, Architekturkollegen von Heiner, Schauspieler, Schriftsteller, Maler. In der Doppelgarage stand das Buffet, aber es wurde auch während der Party von einzelnen Gästen gekocht, meist improvisierte Fantasiegerichte, die aus Ingredienzien zusammengestellt wurden, die andere mitgebracht hatten, wobei immer eine Gruppe um den oder die Kochende herumstand, jeden Handgriff mit »Hallo!« und »Prost!« kommentierte und das Ergebnis vom Kochtopf weg direkt lautstark vor Wonne grunzend und brummend verspiesen wurde. Aus der weißen Stereoanlage der Alten, die »Schneewittchen« hieß, tönten Jazzmusik, Schlager aus den zwanziger Jahren und Musicals wie »My fair Lady«, und je später die Stunde, desto weniger bekleidet waren vor allem die weiblichen Gäste, die ihren alkoholisierten Zustand durch Sprünge in den Pool abkühlten.
Heiner hatte wasserfeste Farben vorbereitet und nach Mitternacht, als die Stimmung sich dem Höhepunkt näherte, zogen die Maler und Grafiker unter den Gästen in den Keller und bemalten die weißen Kacheln des Sauna-Vorraums. Ein farbenprächtiges und so stilvolles wie stilreiches Gesamtkunstwerk entstand. Es wurde gekrönt von Magnus49, der von unten bis oben durch den ganzen Raum eine lange, kurvenreiche Reihe Pünktchen setzte und am Schluss ganz oben eine Fliege zeichnete.
Rainer Zimnik50, dessen Bücher ich als Kind und sogar als Jugendlicher gerne gelesen hatte, schrieb an den oberen Rand des Wasserbeckens unübersehbar aus allen Perspektiven: »Lieber einen Busen in der Hand als eine Taube auf dem Dach.«
Eines Tages kam ein Neuer in die Klasse. Er hatte weit auseinanderstehende Vorderzähne, lächelte freundlich spöttisch und trug eine rote Jacke. Sein Name war Eberhard, aber er nannte sich Ebby.
Man konnte ihm gleich ansehen, dass er sich nichts sagen ließ. »Diesen ganzen Quatsch« mit Latein und Griechisch fand er überflüssig, fand es aber genauso überflüssig, deswegen »einen Aufstand zu machen«. Er konnte mit Hingabe beobachten, wie eine Ameise sich mit einem für ihre Verhältnisse riesigen Zuckerkristall abmühte, und ergötzte sich bis zur Selbstvergessenheit – genüsslich seine auseinanderstehenden Vorderzähne entblößend – an diesem Spektakel.
Nach dem Tod seines Vaters war seine Mutter von Bad Nauheim nach München umgezogen, weil sie dort einen Job als Buchhalterin in der Zuckerfabrik »Diamant« bekommen hatte; deshalb gab es bei ihm zuhause immer alle Sorten von Zucker. Luise Jost war eine energische Frau, aber Ebby hatte das geerbt, und so hatten die beiden immer Zoff miteinander. Er fand es meist »ziemlich daneben«, was seine Mutter von sich gab, aber es war ihm häufig »zu anstrengend« sich »deswegen groß zu streiten«.
Wir waren fast immer gegenteiliger Ansicht und wurden umso bessere Freunde; Fips, der wiederum unser beider Ansichten »völlig lächerlich« fand, war der Dritte im Bunde. Während Ebby und ich beim 430-Meter-Langlauf um das Maxgymnasium immer die Schnellsten waren – er stets eine Sekunde schneller als ich – und damit den Weitblick hatten, war Fips am schnellsten ganz oben und hatte den Überblick. Nur in einem waren wir uns immer einig – nämlich, wie komisch alles war: unsere Klassenlehrerin, Frau Weinzierl – allein schon der Name –, die uns Latein beibrachte, einfach nicht ernst zu nehmen, der lächerliche Dialekt der Bayern, den der Sachse Fips breitgezogen nachmachte, ihre seltsame Tracht, das Oktoberfest, das Demokratiegetue unseres humanistischen Gymnasiums und der Politiker, die Wichtigtuerei der eingebildeten Künstler, die blöden Autofahrer, die sich ganz toll fanden, bloß, weil sie ein Auto hatten, die Frauen, die sich ganz schick anzogen und dafür auch noch viel Geld ausgaben – wie konnte man nur so bekloppt sein –, manchmal nur die Gangart der Leute: alles und alle zum Totlachen! Ebby51 entblößte seine auseinanderstehenden Schneidezähne, Fips kicherte Fingernägel knabbernd in sich hinein und ich bekam Hustenanfälle.
Einer der ältesten Freunde meiner Mutter, der oft an Wochenenden kam, um lange Gespräche zu führen, war Tobias Brocher52, der genauso aussah wie der Minister Walter Scheel53, weswegen ich immer lachen musste, wenn ich ihn sah. Ich kannte ihn schon aus Ulm, wo er oft mit meinem Vater und Inge und Otl Aicher-Scholl zusammen gewesen war. Ich mochte ihn sehr; er lächelte immer freundlich und konnte so gut zuhören. Mit seiner Tochter hatte ich schon im Sandkasten gespielt – er verkörperte eine Erinnerung an meinen Vater und die Zeit in Ulm, als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Deshalb freute ich mich immer riesig, wenn er kam.
Schon als Kind war ich immer sehr unruhig gewesen und wälzte mich ewig lange im Bett herum, bis ich einschlafen konnte. Je älter ich wurde, desto schlimmer wurde das. Keiner konnte mir helfen. Weil ich so großes Vertrauen zu ihm hatte, fragte ich ihn eines sonnigen Tages im Garten nach dem Kaffetrinken, als meine Mutter gerade das Geschirr wegräumte, ob er mir nicht einen Tipp geben könne.
Er dachte nicht lange nach, lächelte mich auf seine einnehmende, fröhlich machende Art an, beugte sich auf seinem Stuhl vor, verschränkte seine Hände und stützte seine Arme auf den Knien auf. »Das ist ganz einfach«, erklärte er, »konzentriere dich auf deine Füße, wenn du unruhig bist und bewege sie abwechselnd hin und her – guck: so!« Dann führte er mit seinem Blick den meinen auf seine Füße und zog ganz langsam erst den rechten Fuß hoch, drückte ihn genauso langsam wieder nieder, dann machte er dasselbe mit dem linken. »Du musst dich ganz stark darauf konzentrieren!«, betonte er, »das ist das Wichtigste, an nichts anderes denken als an das und es mit großer Sorgfalt tun!« Er lehnte sich zurück, verschränkte seine Hände hinter dem Kopf und zwinkerte mir mit warmer Milde zu: »Du wirst sehen, das klappt!«54
Heiner kam aus dem Wohnzimmer zurück in den Garten.
»Jetzt wollen sie einen Psychologen einsetzen, kam eben in den Nachrichten«, sagte er spöttisch; er machte nie einen Hehl daraus, dass er von Psychologie »und dem ganzen Kappes« nichts hielt. »Was meint denn der Herr Psychiater dazu?«, fragte er Tobias Brocher, der sich aber von Heiners zynischem Ton nicht aus der Ruhe bringen ließ.55
Es ging um die Unruhen, die seit einiger Zeit in Schwabing ausgebrochen waren.56 So etwas hatte es noch nie gegeben. In der Schule mussten wir uns anhören, dass man »so etwas nicht dulden« könne, »dieses Gesocks eingesperrt« gehöre und wir von der Schule fliegen würden, wenn wir so etwas auch täten. Das alles erhöhte natürlich nur unsere – also Fipsens, Ebbys und meine – Sympathien mit den Rebellen und unsere Abneigung gegen die Polizei. Ebby, der in Schwabing wohnte, hatte vor allem »das nervige Tatütata der Bullen« mitbekommen und achselzuckend den Kopf geschüttelt: »Was wollen die eigentlich, die spinnen doch alle, wegen ein bisschen Musik so einen Aufstand zu machen!« Doch wir bedauerten es sehr, da nicht mitmischen zu können – mit unseren Eltern war nicht zu reden.
Tobias Brocher dachte nach. »Ich denke«, sagte er schließlich, »es handelt sich dabei eher um ein politisches Problem als um ein psychologisches.«
Heiner war erstaunt.
»Was haben Krawallheinis mit Politik zu tun?«, fragte er.
Meine Mutter kam aus der Küche zurück und guckte besorgt; Heiner provozierte gerne und sie wollte sich die gute Stimmung nicht verderben lassen.
»Politische Fehlentwicklungen«, antwortete Brocher milde, »können auch in unbewusst herausbrechenden Formen ihren Ausdruck finden; oft sagen diese spontanen Eruptionen mehr aus als bewusst gezielte, gar kalkulierte.«
Heiner verzog das Gesicht. »Ich fürchte, damit wird diesen Saufkumpanen zu viel der Ehre angetan!«
Brocher lächelte. »Wenn man diese unbewussten, also verdrängten Probleme, die dadurch sichtbar werden, nicht ernst nimmt und nicht auf sie eingeht, werden sie sich am Ende in noch heftigeren Ausdrucksformen Bahn brechen.«
»Ja, aber dann«, warf meine Mutter ein, »ist es ja doch eine richtige Entscheidung einen Psycholgen hinzuzuziehen?«
»Im Prinzip ja«, sagte Brocher, »ich fürchte nur, dass in diesem Fall die Psychologie dazu benutzt wird, die politischen oder besser gesagt sozial-gesellschaftlichen Probleme zu verdrängen.«
»Und die wären?«, fragte Heiner.
»Darüber reden wir doch, seit die Bundesrepublik existiert«, antwortete Brocher, »der verstaubte Adenauer-Staat, die verdrängte Nazi-Zeit, die überholt autoritären Strukturen – dagegen wehren sich diese jungen Leute unbewusst57, indem sie einfach Gitarre spielen und das Leben genießen wollen.«
»Ich finde auch, dass man sich nicht alles gefallen lassen darf«, mischte ich mich ein. »Ihr schimpft doch selber immer auf die alten Nazis!«
»Ja, aber so kann man daran nichts ändern«, meckerte Heiner schroff. »Das gibt den alten Säcken eher Argumente, noch härter drauf zu hauen.«
Tobias Brocher wiegte sein graugelocktes Haupt. »Sicher nicht ändern, das stimmt, aber das Problem kenntlich machen – ich kann davor warnen, das nicht ernst zu nehmen.«
»Mach doch mal die Fontäne am Schwimmbad an«, forderte meine Mutter Heiner auf und wandte sich an Tobias Brocher: »Womit kann ich dir denn noch dienen?«
22. Oktober
Meine Tante Gaby aus England rief in aller Frühe an. Wir waren alle noch ganz verschlafen, torkelten ins Bad und aufs Klo. Ich hörte, wie meine Mutter immer wieder sagte: »Das ist ja fürchterlich«, »um Gottes willen«, »das kann doch alles nicht wahr sein«.
»Kinder«, sagte sie, nachdem das Telefonat zu Ende war, »vielleicht gibt es Krieg.« Wir waren erschrocken, konnten es uns aber nicht vorstellen. »Die Russen bedrohen die Amerikaner mit Raketen«, sagte sie, bleich im Gesicht, und Heiner sagte nichts, lästerte nicht, also war es ernst. Es war aber mehr spannend als angsterregend.
»Wir müssen jetzt erstmal warten, wie es weitergeht«, sagte meine Mutter, »wenn es schlimmer wird, schicke ich euch zu Gaby.«
Die ganzen nächsten Tage ging es um nichts anderes als die »Kubakrise«58. Alle bibberten mit John F. Kennedy59, in den Sabine verliebt war. Ich wusste nicht, was ich wollen sollte, denn ich war wahnsinnig gern bei Gaby und ihrem Mann Martin in Harwarton, dem englischen Landsitz mit dem parkartigen Garten und den vielen Kindern mit meiner Lieblingscousine Kitty; außerdem müsste ich dann nicht in die Schule – aber Krieg wollte ich auch nicht.
1963
Alle drei Jahre machte Onkel Helmut seine Weltrundreise. Sein letzter Besuch schien mir eine Ewigkeit her. Er begutachtete das neue Haus, war sehr zufrieden und lobte Heiner.
Er hatte mir eine Uhr60 mitgebracht, auf der man, durch Drehen eines gezackten Ringes, der sie umschloss, anzeigen konnte, wieviel Uhr es woanders auf der Welt war. Es war Mittagszeit, wir saßen am oberen Esstisch, während hinter der Durchreiche zu sehen und zu hören war, wie Heiner kochte. Onkel Helmut erklärte mir, wie die Uhr funktionierte: »In Australien ist es jetzt Mitternacht«, sagte er, nachdem er den Ring verstellt hatte, »hier ist Frühling, dort ist Herbst.«
Während ich begeistert an dem Ring herumdrehte, lehnte er sich zurück und setzte hinzu: »Und so wie überall eine andere Zeit herrscht, herrschen auch überall andere Verhältnisse!« Ich sah zu ihm hoch. »Diese Uhr soll dich daran erinnern, dass du in ganz wunderbaren Umständen lebst.« Ich fand es zwar grauenhaft, wie die Alten sich immer stritten, mich nervten meine Stiefschwestern und ich fand es überflüssig, wenn meine Mutter beim Essen immer betonte, wie billig sie es eingekauft hatte, aber wenn Onkel Helmut das sagte, musste etwas dran sein.
»Ich komme viel in der Welt herum«, fuhr Onkel Helmut fort, »das weißt du, und ich sehe viel Elend auf der Welt.« Er beugte sich vor, suchte meinen Blick und sagte eindringlich: »Es gibt unendlich viele arme Menschen auf der Welt, die Hunger haben – du ahnst gar nicht, in was für einem Reichtum du lebst.« Ich kannte das schon seit Kindheitstagen, wenn ich mit der Begründung aufessen sollte, dass in China Kinder hungerten – als ob sie davon satt würden, wenn ich mehr aß, als ich Hunger hatte – aber so, wie Onkel Helmut das sagte, klang das anders. Irgendwie war er traurig, diese Menschen taten ihm leid – und dann taten sie mir auch leid, denn ich mochte ihn sehr gern und ich wusste, dass er recht hatte. »Wir sollten immer versuchen, von unserem Reichtum etwas abzugeben«, sagte er, während Heiner eine dampfende Schüssel in die Durchreiche schob und uns aufforderte, sie auf den Tisch zu stellen. »Wenn wir immer bereit sind, zu teilen, wird es vielleicht mal besser in der Welt.«
Nachmittags besuchte uns eine Frau mit ihrem Freund und ihren beiden Kindern, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Unsere Alten hatten sie auf einer Veranstaltung zum Gedenken an die Weiße Rose kennen gelernt, sie war die Tochter eines Mitglieds61 der Widerstandsgruppe »20. Juli«62. Dort hatte sie sich mit meiner Mutter angefreundet, die sie so herzlich einlud, dass sie am Wochenende darauf schon kam. Sie hieß Katharina Heinemann, war sehr witzig und lachte selbst auch gerne. Vor allem aber gab sie Heiner mit seiner ständigen Meckerei und seinen zynischen Bemerkungen derart contra, dass er manchmal nicht mehr wusste, was er sagen sollte; Sabine und ich freuten uns diebisch darüber.
Ihre Tochter war das schönste Mädchen, das ich je gesehen hatte, und ich verliebte mich sofort unsterblich in sie. Ihr Name war Julia, sie war sehr zurückhaltend und wenn ich mit ihr sprach, dachte sie immer lange nach, bevor sie antwortete. Es war sehr schwer, ihr zu imponieren, sie ließ nichts gelten, was ich sagte, relativierte alles oder hatte Einwände. Ihr Bruder David war so alt wie meine Stiefschwestern und wir spielten Verstecken, die Älteren gegen die Jüngeren; so kam es, dass Julia und ich ganz bald im hintersten Winkel des Heizungskellers unauffindbar verschwanden.
Als wir verschwitzt und durstig wieder in den Garten hochkamen, fanden wir Julias Mutter im intensiven Gespräch mit Onkel Helmut. Sie konnte gerade nicht aufhören zu lachen, so wurden wir neugierig und setzten uns dazu. »Ja ja«, sagte Onkel Helmut und nickte nachdenklich lächelnd. »Aber es kommt noch verrückter«, fuhr er fort und Katharina sah ihn gespannt an, »in den ersten sechs Monaten war ich im Auffanglager für Einwanderer in einer speziellen Abteilung für deutsche jüdische Flüchtlinge. Wir wurden besonders genau kontrolliert, ob wir wirklich Juden waren und nicht Spione.«
Katharina lachte und schüttelte den Kopf: »Dabei waren die Nazis viel zu primitiv und verbohrt, um einen Spion als Juden auszugeben, das wäre gegen ihre rassische Arroganz gegangen!«
Nun lachte Onkel Helmut und nickte. »Aber in Sachen ›rassische Arroganz‹ kommt es noch viel besser«, versetzte er. »Als es im ganzen Lager Aufrufe gab, Blut für die australischen Soldaten zu spenden, die im Krieg gegen Deutschland verletzt worden waren, meldete ich mich natürlich sofort.« Schon wieder hielt er inne und nickte. »Aber als ich bei Aufnahme der Personalien angab, aus Deutschland geflohen zu sein, unterbrach der Wachsoldat seine Notizen. ›Sind Sie also Deutscher?‹, fragte er. ›Ich bin deutscher Jude‹, antwortete ich, ›deshalb musste ich ja fliehen.‹ Der Wachsoldat kratzte sich am Kopf und dachte angestrengt nach. ›Hm‹, machte er, ›ich weiß nicht, ob das geht.‹ ›Was geht?‹, fragte ich. ›Dass Sie Blut spenden!‹, antwortete er. ›Warum denn nicht?‹, fragte ich. Er druckste herum. Schließlich sagte er gequält: ›Ja, weil Sie als Deutscher deutsches Blut in Ihren Adern haben – das können wir doch unseren Soldaten nicht zumuten!‹«
Katharina63 Heinemann lachte schallend und schlug sich auf die Schenkel. Julia und ich sahen uns befremdet an – die hatten doch alle miteinander nicht mehr alle Tassen im Schrank.
»Ich musste eine halbe Stunde warten«, beendete Onkel Helmut seine Geschichte, »weil der Wachsoldat erst seine Vorgesetzten fragen wollte – und dann bekam ich von höchster Stelle den Bescheid, dass es undenkbar sei, mein deutsch-verseuchtes Blut64 australischen Soldaten zu geben.«
Jetzt lachten sie beide nicht mehr, sondern sahen schweigend nachdenklich vor sich hin.
Julia65 und ich zogen es vor, wieder wegzugehen und ich fragte sie, ob sie nicht mit mir in mein Zimmer kommen wolle.
Unter dem Eindruck des eben Gehörten wollte freilich keine rechte Stimmung aufkommen.
»Meine Großmutter66«, setzte Julia schließlich an, »erzählt auch manchmal von der Nazizeit.«
»Heiner nie«, sagte ich. »Ich kenn das nur von meinen Verwandten aus England, der Schwester von Onkel Helmut und von ihm natürlich. Die Bücher von Onkel Otto haben sie verbrannt. Und Tante Yella hat mal erzählt, dass die SA bei einer Hausdurchsuchung die Lederrücken von ihren Lexikonbänden mit scharfen Messern aufgeschlitzt haben, das waren ganz teure Bücher, mit Goldschnitt!«
»Bei meinen Großeltern haben sie mal eine Hausdurchsuchung gemacht«, erzählte Julia, »bloß, weil mein Großvater SPD-Abgeordneter gewesen war. Dabei hätten sie das gar nicht machen dürfen, weil Abgeordnete eigentlich immun sind! Und dabei haben sie meiner Großmutter in den Bauch getreten, obwohl sie mit meiner Mutter schwanger war.«
»Boah!«, machte ich.
»Deswegen hat meine Mutter diese Wunde mit dem Knubbel am Auge«, erklärte Julia, »auf dem Auge kann sie auch nicht gut sehen!«
»Wahnsinn!«, sagte ich und es schauderte mich. »Da kann man heute noch sehen, was die damals alles Schlimmes gemacht haben.«
Am nächsten Sonntag ging ich wie immer in die Kirche. Ich war Messdiener, eine Aufgabe, die ich gerne und mit Gewissenhaftigkeit erfüllte. Ich fühlte mich geborgen in den heiligen Hallen, roch gerne den Weihrauch und liebte diese stille, von allem Weltlichen losgelöste Atmosphäre. Es war wie ein Rausch, manchmal ging ich extra in die Kirche in Englschalking, nur um ungestört nachdenken und alles um mich herum zu vergessen zu können.
Ich betete oft – das Gerede der Gleichaltrigen, die glaubten »weiter« zu sein, das »nicht mehr nötig« zu haben, ließ mich kalt, zumal Fips und Ebby die Einzigen waren, die nicht deswegen über mich lästerten.
Gott war das Beste, das es gab, und er wollte nichts als das Beste für alle Menschen67 – dass es auf der Welt anders aussah, lag allein an den Menschen, die nicht an ihn glaubten. Er war nur lieb zu allen – das, konnte ich mich sogar noch erinnern, habe ich von meinem Papi gelernt.
Gott war eine unumstößliche Tatsache, er stand einfach nur für das Gute – so hatte ich das von meinem Vater übernommen.
Als ich Weihrauch schwenkend68 hinter dem Pfarrer in das Kirchenschiff trat, fiel mir plötzlich wieder ein, was Onkel Helmut von den Armen und Hungernden überall in der Welt erzählt hatte. Ich wusste das ja schon lange, aber so wie Onkel Helmut es erzählt hatte, war mir zum ersten Mal richtig klar geworden, dass das die größte Ungerechtigkeit überhaupt war. Und so flehte ich Gott an, ihnen zu helfen – wenn jemand es verstehen musste, dann Gott. Das alles war nur wieder einmal noch ein Grund mehr für mich, Papst zu werden: um wirklich etwas besser machen zu können in dieser Welt!69
Am nächsten Tag in der Schulpause, als Ebby, Fips und ich unsere Kreise im Hof zogen, überlegten wir, wohin wir nach der Schule gehen sollten, denn die letzte Stunde fiel aus. Eis kaufen, Hot Dogs essen, in Schallplattenläden gehen – alles langweilig. Da sagte Ebby: »Ich weiß, wo die Gammler im Englischen Garten immer sitzen, ich hab gestern mit denen geredet: da gehen wir hin.« Ich war Feuer und Flamme, fand die Idee wahnsinnig spannend, Fips zuckte mit den Achseln: »Anschauen können wir sie uns ja mal«, meinte er.
Die Gammler waren – nach den Protesten im Jahr zuvor – das neueste rote Tuch, über das sich die Erwachsenen aufregten. So wurden junge Leute genannt, die sich weigerten zu arbeiten und den ganzen Tag nichts machten, eben »gammelten«. Sie waren daran zu erkennen, dass sie immer in dunkelgrüne Parkas gekleidet irgendwo herumsaßen, Rotwein tranken und die staatlichen Autoritäten nicht respektierten; darüber empörten sich die Zeitungen am meisten – aber gerade das machte sie am interessantesten und erstmal grundsätzlich sympathisch.
Ich war sehr gespannt. Ebby führte uns über die »Münchner Freiheit«, den großen Platz, den man vom Maxgymnasium aus sehen konnte, direkt in den Englischen Garten, durch den der »Eisbach« floss, an dem wir stadteinwärts pilgerten, bis sich der Weg gabelte und auf der Wiese unter einem der riesigen alten und weitausladenden Baum tatsächlich die Gammler saßen: Sie hingen lässig rum, quatschten miteinander, tranken tatsächlich jetzt am Mittag schon Rotwein aus großen, mit hellem Bast umwickelten Flaschen und spielten Gitarre oder trommelten.
Und jetzt? Fips und ich sahen uns ratlos an, irgendwie ernüchtert – was daran so toll sein sollte, erschloss sich uns nicht; Fips knabberte an seinen Fingernägeln. »Und wen kennst du da?«, fragte ich Ebby. »Muss doch nicht«, antwortete er und schlenderte einfach auf die Wiese, wir ihm nach.
Plötzlich blieb mir schier das Herz stehen. Julia70 saß bei so einem bärtigen Gammler und unterhielt sich angeregt mit ihm. Sie war so mit ihm ins Gespräch vertieft, dass sie nicht einmal bemerkte, wie ich ihr zuwinkte.
Ebby hatte sich inzwischen neben einem Gammler auf der Wiese niedergelassen und ihn einfach angesprochen; wie betäubt setzte ich mich hinzu. Fips machte eine Runde um die ganze Gruppe, bevor er sich auch zu uns setzte. Als Julia dadurch von ihrer Unterhaltung mit dem blöden Gammler abgelenkt wurde und zu Fips hochsah, entdeckte sie mich und winkte mir kurz zu, als sei das alles das Normalste auf der Welt.
Ich hasste diesen unappetitlichen Idioten, fand alle Gammler doof und wusste nicht, was wir hier verloren hatten. Was da geredet wurde, interessierte mich nicht. Als ich dann auch noch Julias glockenhelles Lachen hörte, in das ich mich so verliebt hatte, stand ich auf und ging.
Fips kam mit mir, Ebby war geblieben. »Die kommen sich wohl toll vor, bloß, weil sie nicht arbeiten«, fand ich, »und womit bezahlen sie ihren Rotwein?«
»Die schnorren halt«, meinte Fips achselzuckend.
Ich wollte natürlich nicht wie die Erwachsenen argumentieren und suchte nach schlagenden Argumenten, warum das nichts war für mich, aber meine bohrende Eifersucht ließ keinen klaren Gedanken zu.
Direkt am Englischen Garten wohnte in einem kleinen Reihenhaus mit Garten Franz Müller71, einer der Freunde von Heiner aus der Zeit der »Weißen Rose«. Ich mochte ihn von Anfang an, weil er zuhörte und selbst Fragen stellte, über die man nachdenken musste. Im Gegensatz zu Heiner erzählte er gerne aus der Zeit, in der sie gegen Hitler gekämpft hatten, was jedes Mal sehr spannend war.
Schon als es um die Proteste im letzten Jahr ging, hatte er eine andere Meinung als unsere Alten gehabt; er stritt sich oft mit Heiner über politische Dinge, freundschaftlich, aber hart. Ich wollte unbedingt wissen, was er von den Gammlern hielt und besuchte ihn einfach zusammen mit Fips. Da er freischaffend arbeitete, wie meine Mutter, war die Chance groß, ihn zuhause anzutreffen.
Tatsächlich öffnete er sofort, freute sich und lud ganz selbstverständlich auch Fips ein, ihm ins Wohnzimmer zu folgen. Dort saß er an einem Couchtisch und sortierte Schmuckstücke aus großen Kartons in bunte Döschen, Schächtelchen, Kästchen und Tütchen. Er handelte mit Schmuck und es war mir immer ein Rätsel gewesen, wie er davon leben konnte, weil meine Mutter dauernd klagte, wie schwer es sei, Geld zu verdienen; ich traute mich aber nicht, direkt zu fragen.
»Wir waren eben bei den Gammlern!«, berichtete ich, gespannt auf seine Reaktion.
»Und?«, fragte er nur und sortierte weiter seinen Schmuck.
Ratlos sah ich zu Fips.
»Weiß auch nicht«, sagte der.
Franz Müller lachte.
»Die kommen sich so toll vor«, sagte ich, immer noch beleidigt.
»Dabei haben sie gar keinen Grund dazu«, fand Fips, fingernägelkauend.
»Warum nicht?«, fragte Franz Müller, schmucksortierenderweise.
Ich sah Fips an.
»Sie sind schon irgendwie anders als normal«, räumte er ein, »aber –«
»– aber nicht richtig dagegen«, fügte ich hinzu.
Franz Müller sah zu uns hoch.
»Wogegen?«, fragte er.
»Na gegen den ganzen Mist, der bei uns läuft«, erklärte ich, »davon redet ihr doch selber die ganze Zeit, die alten Nazis und so weiter.«
»Der Stinkstiefel Adenauer«, brummte Fips.
Franz Müller lachte aus vollem Halse.
»Ja, und wie findest du die Gammler?«, fragte ich ungeduldig.
»Naja«, sagte er, »jeder kann machen, was er will, solange er niemandem zur Last fällt oder andere beeinträchtigt.«
»Findest du richtig oder falsch, was die machen?«, wollte ich wissen.
»Das kann man so allgemein nicht sagen«, antwortete Franz Müller, »jeder muss selber wissen, ob ihm das gefällt oder nicht, verboten ist es nicht.«
»Und gefällt dir das oder nicht?«, insistierte ich.
»Mein Fall ist es nicht«, sagte Franz Müller und sortierte weiter seinen Schmuck, »aber stören tut es mich auch nicht.«
Fips und ich sahen uns an.
»Weil«, gab ich zu bedenken, »die Krawalle letztes Jahr fandest du ja gut!«
»Das war etwas anderes«, sagte Franz Müller und zog einen weiteren Karton auf seinen Schoß.
»Was ist der Unterschied?«, fragte ich.
»Beides ist Protest«, bemerkte Fips.
»Der eine Protest ist aktiv, der andere passiv«, antwortete Franz Müller, stellte den Karton auf den Boden und sah uns an, »einfach nur nicht mitzumachen ändert nichts. Die jungen Leute letztes Jahr haben für ihre Rechte gekämpft und sind sogar teilweise dafür ins Gefängnis gegangen – und das hat vielen anderen klargemacht, dass sich in unserem Land etwas ändern muss.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Die Gammler tun einfach gar nichts, das ist uninteressant, dadurch ändert sich nichts.«
Es war klar, dass wir langsam gehen sollten, aber mir lag noch etwas anderes auf der Seele.
»Der Heiner hat mir gestern gezeigt, wie man Zwiebeln schneiden kann ohne sich zu verletzen«, wandte ich mich nochmal an ihn, obwohl wir schon standen, »und dabei hat er gesagt, dass er das im Kriegsgefangenenlager bei den Franzosen gelernt hat. Wieso war der denn im Lager, der war doch im Gefängnis, weil ihr gegen Hitler gekämpft habt? Der Heiner erzählt ja nie was!«
Franz Müller schüttelte lachend den Kopf. »Ja ja, der Heiner!«, seufzte er amüsiert, »isch hal a aldr Seggl72« Dann wurde er wieder ernst. »Der Freisler73«, erklärte er, »hat uns ja nicht zum Tod verurteilt, weil wir damals noch minderjährig waren. Dem Heiner konnte nur ›Mitwisserschaft‹ nachgewiesen waren, deshalb bekam er nur zwei Jahre Haft und wir anderen74 zweieinhalb, weil wir Flugblätter verteilt hatten. Das heißt, er kam schon raus, als Hitler noch an der Macht war. Dann haben sie ihn sofort zum Militär eingezogen, weil sie keine Leute mehr hatten, dann war der Krieg auch gleich zu Ende und er wurde in Uniform verhaftet.«
»Ja, aber warum hat er dann nicht gesagt, dass er im Widerstand gewesen war?«, fragte ich.
Franz Müller lachte. »Weil der Heiner nie was sagt, außerdem hätte er es ja nicht beweisen können.«
Wir standen schon in der Tür, als Franz Müller uns noch zum Abschied erzählte: »Ich bin dann in einem Jeep von den Amis durch die Lager gefahren und habe mit einem Megaphon überall nach Heiner gerufen; war nicht leicht, aber ich habe ihn gefunden. Da hat er dann auch nichts gesagt, aber als ich ihm die fette Salami gegeben habe, die ich für ihn dabeihatte, da hat er sich aber gefreut!«
An Weihnachten gab es bei uns eine Tradition, die noch mein Vater eingeführt hatte. Es wurden Menschen eingeladen, die alleine waren oder niemanden hatten, mit dem sie feiern konnten. Das gehöre zum Geist dieses Festes, hatte mein Vater gesagt.
In Ulm waren es die gesellschaftlich verfemten Homosexuellen gewesen, in München vor allem die jüdischen Freunde meiner Eltern, die am 24.12. zu uns kamen. Es gab Würstchen mit Kartoffelsalat, danach saß man zusammen, trank etwas und redete. Trotz der verschiedenen Religionszugehörigkeiten wurde durchaus Weihnachten als Fest der Toleranz und Verständigung gewürdigt.
Hans Lamm75 war nicht nur an diesen Tagen ein gern gesehener Gast in unserem Haus. Er brachte mir ein Buch mit, in dem ein Artikel zu finden war, den er verfasst hatte; er handelte – passend zum Fest – von Religionsfreiheit. Vorne drin stand eine Widmung: »Für Christof Wackernagel, auf daß er 1964 nie mehr Bauchweh bekomme.«
Er lächelte stets etwas melancholisch, aber unverdrossen. »Es gibt sowieso nur einen Gott«, erklärte er mir, als er mir das Buch überreichte, »also ist es ihm egal, in welcher Form man zu ihm betet.« Das kratzte zwar ein wenig an der von mir gelernten Auffassung, dass eigentlich nur die katholische Religion zählte, war aber einleuchtend.
Der Titel des Buches stammte von Goethe:
»Das ist der Weisheit letzter Schluß. Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß. Ein Buch für junge Bürger«76, herausgegeben von Claus Schöndube77
Das war das Schlusszitat des letzten Beitrages in diesem Buch, einer Rede von John F. Kennedy, die er in der Paulskirche gehalten hatte und in der er an die Frankfurter Nationalversammlung 1948 erinnerte:
So ist die Saat der amerikanischen Revolution von 1776 schon vorher aus Europa herübergebracht worden und hat später in aller Welt Wurzeln geschlagen. Und auch die deutsche Revolution von 1848 sandte Ideen und Idealisten nach Amerika und anderen Ländern aus. […]
All dies sind in erster Linie große Menschheitsabenteuer. 78
John F. Kennedy
»Nichts bleibt, wie es ist«, erklärte Hans Lamm dazu, »wenn alles gut ist und man denkt, das sei sicher – hat man schon verloren.« Er lächelte milde. »Man muss immer kämpfen«, fuhr er fort, »sonst verliert man seine Seele.«
Seine Worte erregten mich sehr.
Revolution! Das war wie die Zusammenfassung der Botschaft dieses Buches!
Ich wusste, dass Hans Lamm unter der Naziverfolgung gelitten hatte und fand es toll, dass er – im Gegensatz zu Onkel Otto – trotzdem wieder nach Deutschland gekommen war. Dieser Mann wusste, wovon er sprach, und ich hatte das Glück, ihm zuhören zu dürfen:
»Glaube nie jemandem, der vorgibt, ›die Wahrheit‹ zu kennen. Überprüfe alles. Glaube auch mir nicht.«
Ich verschlang das Buch:
Am Ende des ersten Beitrages, der sich mit dem Begriff »Freiheit« beschäftigte, stand:
Freiheit ist die Unruhe, die die Uhr der Menschheit in Gang hält. 79
Und in Umkehrung der Devise, die die staatlichen Autoritäten ausgaben:
Unruhe ist die erste Bügerpflicht! 80
Hans Lamm schrieb in seinem Beitrag:
Als Jude steht es mir nicht zu, den Christen mehr christliche Bruderliebe anzuempfehlen. Aber als Mensch darf ich den Mitmenschen den altgriechischen Ausspruch »Nicht mitzuhassen – mitzulieben bin ich da« zurufen; er sollte uns alle, Christen und Nicht-Christen zu einer mitmenschlichen, sich alltäglich bewährenden Brüderlichkeit der Tat vereinen. 81
»… der Tat«, darum ging es, das wurde immer klarer. Vor allem eines lernte ich und schwor mir, dass ich es den Rest meines Lebens nie mehr vergessen dürfte:
Das Recht des Stärkeren ist das stärkste Unrecht. 82
Marie von Ebner-Eschenbach
Auf der Seite der Schwachen musste man sein. Den Schwachen helfen.
Hier in Deutschland lebte die Idee der Freiheit ungebrochen, sie lebte in Abertausenden von Zellen, aber sie lebte. Einen Stock tiefer in den tragischen Polizeikellern unseres Landes schlugen Zehntausende von Herzen im Largo des Leides. […] Und hier, nicht im sonnenüberglänzten Wutalltag des Nazireichs, hier unten offenbarte sich die Schönheit menschlicher Grösse, die schweigende Kameradschaft der Hingegebenen, der Bruderschaft des noblen Elends, das gefangene Heer der Freiheit. 83
Günter Weisenborn
In diesem Buch fand ich Wahrheiten, die mich, im Gegensatz dem dem, was mir in der Schule versucht wurde einzutrichtern, unmittelbar und felsenfest überzeugten:
Freiheit kann nur Freiheit für alle sein, alle Menschen und alle Völker. 84
Salvador de Madariaga
Deswegen war der Nationalsozialismus solch eine Katastrophe: weil er nur für eine Nation das Beste wollte, nicht für alle Menschen!
Als deutscher Staatsbürger, als deutscher Hochschullehrer und als politischer Mensch erachte ich es als Recht nicht nur, sondern als sittliche Pflicht, an der Gestaltung der deutschen Geschicke mitzuarbeiten, offenkundige Schäden aufzudecken und zu bekämpfen. 85
Professor Kurt Huber, Mitglied der Weißen Rose
Für die Freiheit […] kann und soll man das Leben wagen. 86
Cervantes
… für eine Welt der Gerechtigkeit. 87
John F. Kennedy
Und ich »junger Bürger«, für den dieses Buch herausgegeben worden war, verstand: Es war nicht nur mein Recht, sondern meine sittliche Pflicht, für Freiheit und eine Welt der Gerechtigkeit zu kämpfen und eventuell sogar mein Leben zu wagen.
1964
Heinz Höfl war Journalist bei der »Süddeutschen Zeitung« und regelmäßiger Gast in unserem Hause. Ich mochte ihn gerne, denn er sprach mit mir wie mit einem Erwachsenen. Er war zehn Jahre jünger als die Alten, hatte aber den Krieg noch als Kind mitbekommen und wog immer ab, wenn wir zum Beispiel über politische Dinge sprachen: »Natürlich ist Adenauer eine Witzfigur, aber er kann nichts dafür!« Alles, was wir heute hätten, sei »auf jeden Fall viel, viel besser als bei Hitler«.
»Aber lange nicht gut genug«, erwiderte ich, als wir einen unserer langen Spaziergänge machten, zu denen er sich die Zeit nahm, um mit mir ausführlich über alles diskutieren zu können. »Es ist doch alles so ungerecht!«
»Das stimmt«, gestand er mir zu, »aber die meisten Menschen sehen das nicht. Sie werden es aber erst ändern, wenn sie es sehen.«
»Aber warum sehen sie es nicht«, entgegnete ich, »es ist doch ganz offensichtlich, ich kann es doch auch sehen, der Pfarrer sagt es in der Predigt, ihr schreibt es in den Zeitungen – jeder weiß es!«
Heinz Höfl lächelte.
Wir liefen durch die »Parkstadt«, an der ich auf meinem Schulweg nach Schwabing immer vorbeifuhr und von der ich gedacht hatte, dass dort nur Parkhäuser für Autos seien – dabei war damit gemeint, dass zwischen den Hochhäusern viele Wiesen lagen und Bäume gepflanzt waren. Die Häuser waren hässlich und wirkten eher wie Parkhäuser für Menschen. In einem von ihnen wohnte er mit seiner Freundin Lisl.
»Sie wollen es nicht sehen«, meinte Heinz Höfl schließlich, »weil es ihnen so gut geht. Aber wenn sie das Elend der anderen sähen, dann könnten sie ihren Luxus nicht so genießen.«
»Ja, aber das ist doch keine Begründung!«, rief ich. »Das ist doch eine Sauerei, dazu haben sie nicht das Recht!«
»Das mag schon sein«, räumte Heinz Höfl ein, »aber das ändert nichts an den Tatsachen.«
Inzwischen waren wir an seinem »Menschenparkhaus« angelangt und fuhren mit dem Aufzug hoch in den zwölften Stock.
Seine Freundin Lisl öffnete uns die Tür, eine unglaublich nette, stark bayrisch redende Frau; auch Heinz war ein Urbayer und sagte immer, er könne sich nie vorstellen, von München wegzugehen.
Lisl hatte Kaffee und Kuchen vorbereitet und bat uns zu Tisch.
»Wieso seid ihr eigentlich nicht verheiratet?«, fragte ich die beiden endlich, denn das interessierte mich schon lange brennend.
Sie sahen sich an und lächelten.
»Wenn man heiratet, ist es aus«, sagte Lisl schließlich lachend, »dann wird es langweilig.«
Heinz lachte, doch dann wurde er ernst: »Ich kämpfe jeden Tag um die Liebe dieser Frau.«
Sie errötete.
»Das muss so sein«, fügte Heinz hinzu, »sonst stirbt die Liebe ab.«
Lisl nickte.
Da fiel mir etwas ein und ich zitierte Goethe: »Nur der verdient sich Freiheit wie die Liebe, der täglich sie erobern muss!«
Die beiden lachten begeistert und applaudierten: »Bravo! Besser kann man es nicht ausdrücken – du hast haargenau verstanden, worum es geht!«
»Es gibt nichts Schlimmeres«, setzte Heinz Höfl hinzu, »als sich eines anderen Menschen ›sicher‹ zu sein. Und das gilt in besonders hohem Maße, wenn es sich um einen geliebten Menschen handelt.«
»Sicherheit ist tödlich«, sagte Lisl und holte frischen Kaffee.
Heinz Höfl wischte sich den Mund von den Kuchenkrümeln ab. »Vor allem die, die ›ganz sicher wissen‹, was richtig oder falsch ist, sind die Schlimmsten.«
Lisl war mit dem frischen Kaffee zurückgekommen, goss uns ein und fügte spöttisch lächelnd hinzu: »Oder die, die den ›Sinn des Lebens‹ kennen.«
»Der Sinn des Lebens ist, die Welt besser zu machen«, sagte ich, »da gibt es doch überhaupt keinen Zweifel88.«
»Zu versuchen, die Welt besser zu machen«, entgegnete Heinz, »ist eine Selbstverständlichkeit, da braucht’s keinen ›Sinn‹ dazu.«
»Das gehört sich einfach so«, bestätigte Lisl.
»Hast du schon mal einen Roman von Albert Camus gelesen?«, fragte Heinz Höfl.
»Nein«, antwortete ich, »aber ich glaube, die Alten haben was von ihm.«
»Lies doch mal ›Der Fremde‹«, schlug Heinz Höfl vor. »Dann unterhalten wir uns nochmal über den ›Sinn des Lebens‹.«
Zuhause fand ich mehrere Bücher von Albert Camus. Ich begann zu lesen.
Der bayrische Kultusminister hatte eine bahnbrechende Entscheidung gefällt: Es wurden gemischte Klassen eingeführt. Auch bei uns sollten bald Mädchen in die Klassen kommen, wir konnten es kaum erwarten. Aber die Lehrer dämpften uns: Wer sich nur das Geringste gegenüber den Mädchen zuschulden kommen lassen würde, fliege sofort von der Schule.
Eines Tages war es endlich so weit:
Unsere Lateinlehrerin Weinzierl – immer noch dieselbe – kam zum Unterricht in Begleitung eines schönen jungen Mädchens mit langen dunkelblonden Haaren. Sie hieß Angelika Müller, war bisher im Odenwald-Internat gewesen und nun nach München gezogen, weil ihre Mutter eine Stelle als Sängerin an der Staatsoper gefunden hatte. Da ich in der ersten Reihe saß und der Platz neben mir frei war, wurde sie89 neben mich gesetzt.
Ab der dritten Klasse lernten wir Griechisch. Der Lehrer hieß Hötzl, war klein, trug stets graue, schlabbrige Kordhosen und hatte ziemlich lange graue Haare, die ihm oft unkontrolliert in die Stirn fielen. Wenn er in ausholenden Schritten auf dem Gang zum Klassenzimmer wanderte, schwenkte er seine Aktentasche weit aus, als ob er ruderte. Er war streng, aber keiner nahm ihn so richtig ernst, weil er einen Tatterich hatte. Wenn er an die Tafel schrieb, musste er die Kreide sehr fest aufdrücken, damit die Buchstaben nicht zu verzackt aussahen, was aber dazu führte, dass es immer wieder laut quietschte. Wenn jemand deswegen lachte, wurde er fuchsteufelswild, fuhr, die Schreibhand fest auf die Tafel gedrückt lassend, herum und brüllte: »Ruhe!« Ich musste nicht lachen, denn er tat mir leid; ich spürte, dass er traurig war, und litt mit ihm – aber es ließ sich nicht ändern.
Im Pausenhof erzählte eines Tages ein Junge aus einer höheren Klasse, woher Hötzl den Tatterich hatte.
»Der war beim Russlandfeldzug dabei«, wusste der ältere Junge ganz wichtig. »Da hätt’s ihn beinah derwischt«, fuhr er fort, »der kann froh sein, dass er noch lebt!« Die Spannung stieg. Andere aus unserer Klasse, die spürten, dass gerade etwas Bedeutendes verhandelt wurde, kamen hinzu, sodass sich ein dichter Halbkreis um den älteren Schüler bildete.
»Und zwar war des so«, erklärte dieser, »der Hötzl war im Schützengraben am Maschinengewehr. Damit sollte er eigentlich die vorrückenden Russen abknallen, damit es bei uns keinen Kommunismus gibt.«
»Der Hitler war aber viel schlimmer als der Kommunismus«, gab ich zu bedenken.
»Sei staad«90, kanzelte mich der ältere Junge ab und fuhr fort: »Die Russen sind aber nicht gelaufen, sondern mit massenhaft Panzern angerollt gekommen und gegen die konnten unsere Soldaten nix machen mit ihren Maschinengewehren.« Er legte eine weihevolle Kunstpause ein und wir hingen alle an seinen Lippen. »Und so kamen sie näher und näher und schossen aus allen Rohren – schon da hätt’s den Hötzl derwischen können. Aber weglaufen konnt er ja auch nicht – da hättns ihn sauber weggschossn. Und jetzt kommt’s!« Der Junge kniff seine Lippen zusammen und nickte. »Da ist dann ein Panzer genau über den Hötzl im Schützengraben drübergefahren – der Hötzl hat sich total geduckt, damit er nicht derquetscht wird – aber dann ist er genau über dem Hötzl stehenblieben!«
»Und dann hams ihn rausgeholt und gefangen?«, fragte ein Junge atemlos.
»Naa, ganz anders«, berichtete der ältere Junge, »des is nämlich so mit den Panzern: Die haben unten einen dicken großen runden Stempel, den sie mit einer hydraulischen Pumpe hochfahren können, damit sie sich auf der Stelle drehen können und ihre Granaten 360 Grad überallhin schießen können. Des wusste natürlich der Hötzl und der lag ja genau drunter.«
Wir alle erschauderten bei dieser Vorstellung.
»Wahrscheinlich hat er schon dreimal das Kreuz geschlagen, weil er gedacht hat ’s ist aus.«
Grauenhaft, einfach furchtbar, so genau hatte ich noch nie gehört, was Krieg eigentlich war.
»Des muss ewig lang so ’gangen sein«, schloss der Junge seinen Bericht, »da is der Hötzl wahrscheinlich schier verrückt worn – aber dann ist der Panzer weiter gfahrn – sonst hätten wir ja unsern Hötzl nicht – und er hat dann nicht mehr aufhörn können zu zittern.«
Nachdenklich zerstreute sich die Gruppe wieder.
Meine Achtung vor Hötzl war durch diese Geschichte gestiegen. Inzwischen hatten wir schon drei Mädchen in der Klasse und Hötzl legte besonderen Wert darauf, dass wir ihnen mit Respekt begegneten – er vermittelte das mit einem Ernst, der nicht die geringste Ahnung eines Widerspruchs aufkommen ließ. Ein Mann, der auf diese Weise gelernt hatte, was es überhaupt bedeutete zu leben, wusste auch, wie man mit dem Leben umzugehen hatte.
Und so war er dazu prädestiniert und verstand es, uns nicht nur die altgriechische Sprache beizubringen, sondern auch die ethischen, politischen und moralischen Werte der griechischen Kultur.
»Der Mensch ist ein ›zoon politicon‹ – ein politisches Tier«, erklärte er eindringlich, leicht vornübergebeugt auf seinem kleinen Podest neben dem Schreibtisch stehend, ein wenig weiß eingestäubt von durch den heftigen Druck abgesplitterten Kreidebröseln. »Herrschaften, eines dürft ihr nie vergessen: Wir sind Tiere, in erster Linie und vor allem Tiere91.« Kurz wartete er ab, ob sich Protest oder Widerspruch regen würde, dann lächelte er: »Das hättet ihr jetzt nicht gedacht, dass ich das sage, was?«
Er nickte in sich hinein, drehte sich wieder um und ging zur Tafel. Zitternd und quietschend schrieb er auf Altgriechisch das Wort
ДЕМОКРАТІА
darauf.
Dann wandte sich wieder uns Schülern zu und brüllte uns regelrecht an: »Wozu brauchen wir denn diesen ganzen hochgestochenen Quatsch, meine Damen und Herren?!« Wieder wartete er ab, ob es eine Reaktion gebe, aber niemand wagte etwas zu sagen. »Weil«, rief er, rot im Gesicht, beide Hände hochhebend und Spucketröpfchen spritzend, »das Tier in uns gebändigt werden muss, weil es Chaos, Mord und Totschlag, Krieg und Vernichtung gäbe, wenn wir uns nicht an diese untersten, niedrigsten, minimalsten Spielregeln halten würden! Fressen und gefressen werden – nichts anderes gäbe es auf dieser Welt ohne die Demokratie!«
Die Klasse war mucksmäuschenstill.
Hötzl musste erstmal Luft holen, ging zurück zu seinem Schreibtisch und setzte sich. »Ja ja«, sagte er und amüsierte sich befriedigt über unsere Betroffenheit. Dann hob er seinen Zeigefinger und schwenkte ihn zitternd: »Vergesst das nie, was ich euch gesagt habe, Herrschaften, denn ihr werdet es bitter nötig haben in eurem zukünftigen Leben.«
Erschöpft schloss er die Augen, zog zitternd umständlich ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, wischte sich damit den Schweiß von der Stirn und sagte mit bebender Stimme leise, nachdenklich, fast demütig: »Ihr werdet als Unternehmer, Wissenschaftler oder Politiker dieses Land in die Zukunft führen. Ihr seid die zukünftige Elite dieses Landes!« Dann überkreuzte er seine Arme, legte sie auf den Schreibtisch, beugte sich weit vor und sagte so zitternd wie eindringlich: »Damit liegt eine große, ja, ungeheure Verantwortung auf euren jungen Schultern, meine sehr verehrten Damen und Herren!«
Als könnten die in den Sommerhimmel gezeichneten vertrauten Wege genauso gut ins Gefängnis wie in vertrauten Schlaf führen. 92
Ich entdeckte in mir süße Unterdrücker-Träume. Zumindest merkte ich, dass ich einzig und allein so lange auf Seiten der Schuldigen, der Angeklagten stand, als ihr Vergehen mir nicht zum Nachteil gereichte. Ihre Schuld verlieh mir Beredsamkeit, weil nicht ich ihr Opfer war.
Fand ich mich selbst bedroht, so wurde ich nicht nur meinerseits zum Richter, sondern darüber hinaus zum jähzornigen Gebieter, der ohne Ansehen der Gesetze danach verlangte, den Delinquenten niederzuschlagen und in die Knie zu zwingen. Nach solch einer Feststellung, Verehrtester, ist es recht schwierig, weiterhin ernsthaft zu glauben, man sei zur Gerechtigkeit berufen. 93
Doch von dem Augenblick an, da das Christentum am Ende seines Triumphs die Kritik der Vernunft wurde, wurde in gleichem Maß, wie die Göttlichkeit Christi geleugnet wurde, der Schmerz aufs Neue zum Los der Menschen. Der betrogene Christus ist nur ein Unschuldiger mehr, den die Vertreter des Gottes Abrahams in öffentlicher Schaustellung hingerichtet haben. Der Abgrund, der den Herrn vom Sklaven trennt, öffnet sich von Neuem, und die Revolte brüllt wieder vor dem versteinerten Gesicht eines eifersüchtigen Gottes. 94
Ich wusste nicht mehr, wie mir war.
Gott war eine Lüge.
Die Religion war Betrug.
Das Christentum war Verrat an den Ideen Christi.
Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass ich vor Kurzem noch Papst hatte werden wollen, um »die Welt zu retten«.
Die heiligen Hallen Roms, die vorher so beschützend und Geborgenheit vermittelnd auf mich gewirkt hatten, waren nun bedrohlich, klein machend, Ablenkungsmanöver. Wie konnte mein angebeteter Vater, der mich so sanft und Vertrauen erweckend in den Vatikan eingeführt hatte, das nicht erkennen? Meine Großmutter, die auf Knien nach Lourdes gekrochen war, weil sie glaubte, dass Gott dann ihre Krebskrankheit heilen werde – natürlich war das alles nur Blendung.
Tagelang konnte ich mit niemandem über das reden, was diese Lektüre in meinem Denken ausgelöst hatte.
Ich verstand es selbst nicht.
Es gab nichts mehr, an dem ich mich festhalten konnte.
Landgeräusche stiegen zu mir herauf. Gerüche nach Nacht, Erde und Salz erfrischten meine Schläfen. Der wunderbare Frieden dieses schlafenden Sommers drang in mich wie eine Flut. In dem Moment und an der Grenze der Nacht haben Sirenen geheult. Sie kündigten Abreisen in eine Welt an, die mir jetzt für immer gleichgültig war. 95
Ich empfand Abscheu davor, wieder in die Kirche zu gehen.96
Ich fiel in ein tiefes schwarzes, bodenloses Loch.
Aber dass alles sinnlos sein sollte, war ich nicht bereit hinzunehmen.
Mit einem Mitschüler, Dominik, dem Sohn des Schauspielers Robert Graf97, den ich bewunderte und den Dominik, ähnlich wie ich meinen Vater, früh verloren hatte, gründete ich mit drei weiteren eine Theatergruppe. Regelmäßig gingen wir ins Residenztheater oder in die Münchner Kammerspiele. Wir bereiteten uns auf die Stücke vor, indem wir sie zusammen lasen und darüber sprachen – hinterher gingen wir noch etwas trinken und machten Kritik.
Nach einer Vorstellung, in der die Schauspielerin Kathrin Ackermann98 mitgespielt hatte, die eine Nachbarin von uns war und oft meine Eltern besuchte, gingen wir zum Bühneneingang und baten darum, in die Garderoben gelassen zu werden, um Autogramme zu bekommen. Dank Dominik als Sohn von Robert Graf gelang uns das spielend und die schöne Kathrin Ackermann war überrascht, mich dort zu sehen. Ich lobte ihr Spiel über den Daumen und schmeichelte ihr in den höchsten Tönen – sie lächelte amüsiert und merkte genau, dass ich in sie verknallt war.
Aber die ernüchternde Realität hinter den Kulissen, die Schauspieler ohne Kostüm und Maske, die abgewetzten engen Gänge, die muffigen Garderoben, die wie Zellen wirkten, das zynische, hochnäsige Gerede der aufgedreht müden Akteure, das Sein hinter dem Schein bestätigte mich einmal mehr, dass dies nicht meine Welt war.
Man musste das alles anders machen. Dominik und ich schrieben ein eigenes Stück! Er inszenierte, aber wir wollten alle mitreden, was er wiederum nicht gut fand.
»Eine Inszenierung muss eine erkennbare Handschrift haben«, dozierte er, die Arme auf dem Rücken verschränkt, nervös im Wohnzimmer der Villa seiner Eltern auf- und ablaufend, »wenn da jeder mitmischt, gibt es nur langweiligen Brei.«
»Aber das ist doch dann genau das Gleiche wie in den Kammerspielen«, gab ich zu bedenken, »wir wollen doch mal was Neues probieren.«
»Aber wir diskutieren doch alles bis zum Gehtnichtmehr!«, rief Dominik verzweifelt. »Wer soll denn entscheiden, was am Ende gilt?!«
Es wurde uns schnell klar, dass wir niemals auf einen Nenner kommen würden, obwohl wir nur fünf Leute waren. Wir zerstritten uns nicht – wir resignierten. Die Gruppe löste sich nicht auf – sie zerfiel.99
Professor Haber100 machte im Bayrischen Rundfunk wissenschaftliche Sendungen für Kinder und Jugendliche. Eine der wenigen Sendungen, die wir Kinder sehen durften, zumal meine Mutter ihn kannte. Von ihm lernte ich, dass die Sonne eines Tages verglühen und dann die Menschheit aussterben werde.
Ich konnte es nicht glauben, aber alle, ganz gleich ob Chemie- oder Religionslehrer, bestätigten das.
Also doch alles sinnlos?
Auf jeden Fall war klar, wozu die Menschen die Lüge vom Paradies brauchten, wenn eh alles ungerecht war und dann auch noch so zu Ende gehen sollte.
In der nächsten Sendung erklärte Professor Haber die Bedeutung und Funktion von Wasser101. Er lächelte stets ein wenig, sprach deutlich und langsam:
»Wasser ist Leben. Ein Mensch kann einige Wochen ohne Essen leben, aber nur einige Tage ohne Wasser. Der Mensch selbst besteht zu siebzig Prozent aus Wasser.«
Er zeigte Grafiken, Tabellen und Statistiken, einfach, überschaubar, klar verständlich.
Wasser, vor allem Trinkwasser, war überhaupt nicht das Selbstverständlichste auf der Welt, für das ich es gehalten hatte.
Dass Trinkwasser aus dem Wasserhahn kam, war »eine der größten und wichtigsten Errungenschaften der Menschheit«, erklärte Professor Haber freundlich lächelnd, eindringlich und glaubhaft.
»Täglich sterben unzählige Menschen auf der Welt«, fuhr der Fernsehprofessor auf dem Schwarz-Weiß-Bildschirm fort, »weil sie nur vergiftetes Trinkwasser zur Verfügung haben!«
Ja, aber warum wurden dann nicht überall woanders Wasserleitungen gelegt? Wenn man es schon erfunden hatte, musste es doch nur gebaut werden!? Man konnte doch sogar schon in den Weltraum fliegen?!
Aber diese Fragen beantwortete Professor Haber nicht.
Stattdessen ermahnte er uns alle am Schluss der Sendung:
»Seid froh und dankbar, dass ihr in einem Land leben dürft, in dem es sauberes Trinkwasser für jeden Bürger in Hülle und Fülle gibt – guten Abend, ihr Lieben!«
Die Sendung hatte mich aufgewühlt. Niemand war da, mit dem ich darüber reden konnte. Also ging ich alleine neben den S-Bahnschienen spazieren.
Es war doch alles ganz einfach! Alle mussten Wasser haben – das wäre das Paradies auf Erden! Der Rest ginge von alleine! Dafür musste man kämpfen – nicht aufs Paradies warten!
1965
Der Circus Krone hatte seinen Hauptsitz in München, ein sozusagen steinernes Zirkuszelt, das als Winterquartier diente. Es lag im Zentrum der Stadt in der Nähe des Hauptbahnhofs und im Sommer fanden dort kulturelle und politische Veranstaltungen statt. Dreitausend Menschen passten hinein, das hieß, was dort stattfand, war Stadtgespräch.
Für den Mai waren dort die Rolling Stones angekündigt. Ihr neuestes Lied »I can’t get no satisfaction« war gerade herausgekommen und in aller Munde beziehungsweise in aller Ohren. Ich fand den Song gut, vor allem aber seine Botschaft sprach mir aus tiefstem Herzen: Alles, wirklich alles, was diese Welt zu bieten hatte, war unbefriedigend.
Fips bevorzugte die Richtung der »Protestsongs«, also Musiker wie Bob Dylan, der mit »Blowin’ in the wind« das Leben eher philosophisch in Frage stellte oder Donovan, der mit seinem Song »Universal soldier« direkt die Politik beziehungsweise die Politiker angriff – ich fand die zu schmalzig. Ebby, der sowieso der Lässigste war und über allem stand, weil er schon Zigaretten rauchte, stimmte mir in dieser Beziehung zu, fand aber wiederum die Stones zu primitiv und bevorzugte die Beatles, die ich meinerseits als angepasst verurteilte.
Julia legte sich in dieser Hinsicht nicht fest, fand aber die Idee attraktiv, zusammen mit mir zu den Stones zu gehen. Also bearbeiteten wir unsere Eltern so lange, bis sie das Geld für die Eintittskarten herausrückten, die für unsere Verhältnisse unvorstellbar teuer waren. Ich fuhr extra in die Innenstadt, um am Schalter des Circus Krone die Karte zu erstehen.
Endlich war es so weit. Wir hatten einen seitlichen Logenplatz der rund um die Bühne gebauten, steil ansteigenden Sitzreihen, sodass wir die Bands zwar nur im Profil sehen konnten, dafür aber ganz aus der Nähe. Unsere Geduld wurde unendlich strapaziert – der Aufbau und die Einstellung der Verstärker wollte und wollte kein Ende nehmen.
Schließlich kam ein junger Mann in einer Arbeits-Latzhose auf die Bühne und das Publikum jubelte auf. Es war aber keiner von den Stones, sondern Eric Burdon – wie Julia wusste – von einer der Vorbands, den Animals, deren Name mir sympathisch war und mich an Hötzl erinnerte. Es wurde sofort deutlich, dass er mehr Ahnung von der ganzen Technik hatte als all die Schlamper, die bis dahin unsere Zeit gestohlen hatten – er nahm die ganze Sache in die Hand und zehn Minuten später begann tatsächlich die erste Gruppe zu spielen.
Bis dahin hatte ich nur davon gehört, dass es bei derartigen Konzerten ungebührlich laut und undiszipliniert zugehen solle, worüber sich die Spießer aller Welt mit Schaum vor dem Mund aufregten. Mehr noch bei den Beatles, aber auch bei den Stones, fielen angeblich vor allem Mädchen und junge Frauen vor Begeisterung reihenweise in Ohnmacht – so wild war es in Wirklichkeit nun auch wieder nicht, aber das Geschrei doch ziemlich laut; da wir so nah an der Bühne saßen, konnten wir noch alles gut hören. Ich selbst war mir zu fein, aufzuspringen und rumzugrölen, Julia sowieso.
Als die Animals spielten, die letzte Gruppe vor der Pause, nach der die Stones kamen, spürte ich freilich doch ein gewisses Zucken und Bedürfnis, meiner Begeisterung lautstark Ausdruck zu geben, riss mich aber zusammen, um mich vor Julia nicht zu blamieren. Doch während der qualvoll lange erwartete Augenblick tatsächlich Wirklichkeit wurde und erst Charlie Watts durch den Vorhang aus den Garderoben schlüpfte und sich stoischen Blickes hinter sein Schlagzeug zwängte, dann der Blondschopf Brian Jones lächelnd zu seiner Gitarre federte, die neben seinem Mikrofonständer auf ihn wartete, brauste ein derartiger Jubel auf, dass es mich nicht mehr auf dem Sitz hielt und ich wie alle anderen auch aufspringen musste! Und als zuletzt Mick Jagger lässig auf die Bühne schlenderte, brach ein Tosen und Toben aus, wie ich es mein Lebtag noch nicht erfahren hatte – ich vergaß alles, was ich mir vorgenommen hatte, verlor jegliche Kontrolle über mich, fuchtelte wild mit meinen Armen in der Luft herum und schrie mir die Kehle heiser, völlig außer Rand und Band.
Auch die sonst so zurückhaltende Julia kannte nichts und niemanden mehr, schrie, hüpfte und tanzte zur Musik und strahlte mich glücklich an. Zum Glück saßen wir so nah an der Bühne, dass wir überhaupt noch ein wenig von der Musik hören konnten – der Jubel war im unmittelbaren Sinne des Wortes Ohren betäubend. Aber als dann der alles übertreffende Höhepunkt, dem gegenüber das Vorherige nur laues Vorspiel schien, Wirklichkeit geworden war, nämlich als Mick Jagger »I can’t get no« anstimmte, steigerte sich, so unvorstellbar es sein mochte, der Krach- und Jubel-Pegel ein weiteres Mal und wir konnten tatsächlich, trotz unserer Nähe zum Podium, fast nichts mehr hören – nur sehen, wie Mick Jagger sich wie eine Schlange um den Mikrofonständer wand und das Mikro zu verschlingen schien.
Nur langsam kehrten nach dem Ende ein ruhigerer Herzschlag und der Verstand wieder. Ich sah Rot-Kreuz-Helfer mit Bahren sich durch das hinausströmende Publikum zwängen. Ein wenig fühlte ich mich wie früher, als ich noch in die Messe gegangen war und hinterher erleichtert und geläutert herauskam.
Von nun an besuchte ich jedes Konzert, für das ich eine Karte bekam oder das ich mir leisten konnte. Als es bei den German Bonds einmal nicht klappte, versuchte ich, durch das Klofenster einzusteigen, vom Fieber der nach draußen dringenden Musik und dem Jubel der Zuschauer beflügelt, aber ich blieb stecken und kam nur noch schwer wieder heraus. Doch die Befriedigung war nie wieder so groß wie nach »I can’t get no satisfaction«.
Dafür ergatterte ich mir bei einem Konzert der Beach Boys, die zwar langweilige und kitschige Musik machten, aber Angelika, meiner Schulkameradin, gefielen, meinen ersten Kuss – ganz hinten in der letzten Reihe der Empore, während die Beach Boys »good, good, good vibrations« schmalzten.
In diesem Sommer gingen wir, also Fips, Ebby und ich, nach der Schule bei gutem Wetter immer erst ins Eiscafé Rialto und dann an den Eisbach, der am Rande des Englischen Gartens entlangfloss. Wir hatten eine vom Weg kaum einsehbare Stelle gefunden, an der wir ungestört sitzen, quatschen oder auch baden konnten. Fips und ich aßen Eis, Ebby rauchte.
Ebby konnte kreisrunde Kringel aus Zigarettenrauch ausblasen. Er hatte gerade, den Kopf weit zurückgelehnt, drei perfekte ausgetoßen, da sagte er: »Dieses ganze Demokratiegesäusel von Weinzierl, Hötzl und Konsorten schmeckt mir nicht.«
Fips kicherte: »Lass sie doch, sie können nicht anders!«
»Ebby hat recht«, entgegnete ich, »das waren doch nur ein paar Hanseln, die sich da auf der Agora wichtig gemacht hatten, Faulenzer und Ausbeuter, die von der Knochenarbeit ihrer Sklaven lebten, was hat das mit ›Herrschaft des Volkes‹ zu tun? Gehörten die Sklaven nicht zum Volk? Sind doch auch Menschen?!«
Fips beugte sich über den Bach, tauchte seine vom Eis klebrigen Hände ein, spülte sie und wusch sich Mund und Gesicht. Dann schüttelte er den Kopf: »Du immer gleich!«
»Immerhin ham sie’s erfunden«, gab Ebby zu bedenken und sandte drei weitere Kringel aus.
»Aller Anfang ist schwer«, sagte Fips und knabberte an seinen Fingernägeln.
Der Bach rauschte wild.
»Verlogen ist es trotzdem irgendwie«, fand Ebby, »andererseits.«
»Es stimmt einfach nicht«, beharrte ich, »wenn nicht alle davon was haben.«
»Was nicht ist, kann ja noch werden«, meinte Fips.
»Wie lange wollen wir denn noch warten?«, rief ich, »ist doch heute nicht anders als damals, allenfalls äußerlich und pro forma. Wie viele Menschen bestimmen denn wirklich die Politik?« Ich schüttelte den Kopf: »Und in den meisten anderen Ländern erst recht schon gleich gar nicht!«
»Du wirst noch platzten mit deiner Ungeduld«, sagte Fips kichernd und watete ein paar Schritte in den Eisbach.
Ebby lachte meckernd und drückte seine Zigarette aus.
»›Die Politiker sind die Diener des Volkes‹«, schimpfte ich. »Guck sie dir doch an, Strauß und Konsorten, ein einziger Selbstbedienungsladen. Sie bedienen sich am Volk, das ist alles.«
Ebby streckte sich: »Alles ist einerseits, andererseits, es gibt schon auch Ausnahmen, Wehner102 zum Beispiel!«
»Okay«, wandte ich ein, »unser Bürgermeister103 meinetwegen, fährt morgens mit der Straßenbahn ins Rathaus und nicht mit dem Dienstmercedes, arbeitet dabei sogar schon in seinen Akten, das ist ein Diener des Volkes.«
»Ausnahmen bestätigen die Regel«, kicherte Fips.
»Danke«, sagte ich und watete ins Flüsschen.
An einem sonnigen Sonntagmittag klingelte es an der Haustür. Wir waren gerade erst aufgestanden, weil in der Nacht zuvor eine rauschende Party zum Geburtstag meiner Mutter stattgefunden hatte; überall standen prächtige Blumensträuße, die von den Reflexionen der durch die vollverglaste Wohnzimmerfront einfallenden Sonnenstrahlen rot-gelb-blau-violett-grün glitzerten – als ob ein Regenbogenartiger Schimmer das ganze Haus erstrahlen ließ. Meine Mutter zog sich schnell einen Morgenmantel an und versuchte, ihre zerstrubbelten Haare einigermaßen zurechtzuschieben, während ich die Treppe herunter hastete, sodass wir zusammen öffneten.
Vor der Tür stand ein Kollege104 meiner Mutter vom Bayrischen Rundfunk, wo sie inzwischen freiberuflich arbeitete, einen riesigen Blumenstrauß in der Hand. Ein blond-blauäugiger Hüne, der Inbegriff des Vollblutariers, dem eine goldene Locke affektiert auf seine Stirn fiel, sein Markenzeichen. Er war schon öfters zum Kaffeetrinken dagewesen, verehrte meine Mutter, was nicht unbedingt von ihr erwidert wurde, redete – leicht lispelnd – so gewählt wie gestelzt und hatte stets etwas schmachtend Leidendes an sich.
»Verehrteste!«, begrüßte er meine Mutter, »welch ein Glückstag für uns alle, dass Sie außerordentliche Frau geboren wurden!« – und überreichte ihr den Blumenstrauß.
»Ach, das ist ja reizend von Ihnen«, bedankte sich meine Mutter, ihre Verlegenheit nur mühsam verbergend, »kommen Sie doch rein!« Sie trat etwas zurück und wies mit ihrer freien Hand in den Gang.
Da entdeckte er, dass das ganze Haus voller Blumen war, also eine Party stattgefunden hatte – zu der er nicht eingeladen gewesen war.
Sein Blick vereiste.
Ich rannte kichernd die Treppe hoch, um Sabine zu berichten. Wir amüsierten uns köstlich über diesen »blasierten Germanen« und kosteten mit Schadenfreude die peinliche Situation für meine Mutter105 aus, obwohl sie ja recht gehabt hatte, ihn nicht einzuladen.
Dabei war er nicht der Einzige, über den wir uns gerne lustig machten.
Eines unserer Lieblingsopfer, über die wir uns heimlich mokierten, war Ulrich Sonnemann106. Der war zwar wirklich sehr nett und hatte auch immer ein Späßchen für uns Kinder auf Lager – und ein wohlgesetztes Kompliment für meine heranblühende Sabine! –, aber er war Philosophieprofessor und trug das wie einen Rettungsring-großen Heiligenschein mit und um sich herum.
Die jährliche Sommerparty fand immer im Garten statt, das Buffet war in der Doppelgarage aufgebaut, am Schwimmbad war der Filterdurchlauf angestellt, was hieß, dass aus einem Rohr mit vielen kleinen Löchern am unteren Ende des Pools Wasser wie ein kleiner Springbrunnen sprühte, das abgesaugt und durch den Filter gereinigt wieder herausgesprüht wurde; zu später Stunde sprangen die Gäste mehr oder weniger bekleidet dort hinein.
Sonnemann stand nachmittags zu Beginn der Party neben dem rauschenden Wasser, die Pfeife in der Hand und dozierte – wegen des lauten Rauschens mussten seine Zuhörer sich nah zum ihm hinbeugen.
»Das macht der extra«, sagte ich zu Sabine, »damit sie sich quasi vor ihn hinknien müssen!« Sabine prustete. Seit er ihre Schönheit hochgelobt hatte, lästerte sie sparsamer.
Aber später am Abend, als es schon dunkel war und die Gäste sich in kleinen Gruppen unter der Holzveranda, im chinesischen Holzhäuschen hinter dem Haus oder um den tiefergelegten Grillplatz neben dem Schwimmbad versammelt hatten, kam sie plötzlich kichernd in mein Zimmer, wo ich es vorzog, die neue Schallplatte der Beatles zu hören, und sagte: »Das musst du sehen!« Gespannt folgte ich ihr. Wir schlichen über die Außentreppe vor der Küche herunter in den Garten bis zur Schiebetür, die zur Veranda führte. Leise öffnete Sabine einen Spalt und wir lugten hindurch:
In der hinteren Ecke der Veranda saß Pfeife schmauchend der Professor107, das Licht der über ihm hängenden japanischen Papierlampe blinkte aus den Gläsern seiner übergroßen schwarzen Hornbrille, und verkündete milde lächelnd der Weisheit letzten Schluss. Andächtig und ergriffen lauschend saß ein Kreis von Gästen um ihn herum, ernsten Blickes seine funkelnden Geistesblitze bedenkend. Die Heiligkeit dieses Moments triefte mit bedeutungsschweren Tropfen aus allen Poren.
Sabine zog vorsichtig die Tür zu, damit Sonnemann und seine Jünger unser Kichern nicht hören konnten.
1966
Unser neuer Religionslehrer verkörperte das Gegenteil dessen, was ich bisher als Religionslehrer kennengelernt hatte: Er war nicht dünn, sondern dick, er war nicht schwarz, sondern bunt gekleidet, er war nicht ernst und gefasst vergeistigt über den Wolken schwebend, sondern handfest, humorvoll und lebenslustig.
Eine Diskussion darüber, dass Gott ein Trugbild war, ließ er allerdings nicht aufkommen: »Gott macht das Leben lebenswert«, verkündete er fröhlich, »er gibt uns die Freude und den Spaß!« Ich fand, dass er es sich damit etwas zu einfach machte, schließlich gab es genügend Menschen, denen das Leben aus guten Gründen überhaupt keinen Spaß machte, aber es war mir zu anstrengend, das zu diskutieren – er war wie eine Gummiwand, zwar weich und lustig wie auf dem Spielplatz früher, aber undurchdringlich.
Als er freilich in einer Stunde mal wieder damit anfing, dass die Werte »Gerechtigkeit«, »Mitmenschlichkeit« und »Liebe zur Kreatur als solcher« von Gott unabänderlich gesetzt seien, platzte mir der Kragen: »Warum sehen wir dann nirgends etwas davon?«, fragte ich. »Die Ungerechtigkeit auf der Erde wird doch eher immer größer als kleiner! Wenn alle Menschen Nutznießer der Schätze der Erde sind: Warum gibt es dann den Unterschied zwischen Arm und Reich?«
Er lächelte verschmitzt. »Gute Frage!«, lobte er mich. »Damit kommen wir nämlich zum Kern der Sache!«
Da war sie wieder, die Gummiwand.
»Das zu verwirklichen«, fuhr er fröhlich fort, »ist doch nicht Sache Gottes, sondern« – und nun kam die einstudierte Kunstpause, die er immer einlegte, bevor etwas Bedeutendes kam – »unsere Sache!«
Er lehnte sich zurück und wartete die Wirkung dieser – wie er wohl meinte – überraschenden Erklärung ab.
»Das ist es doch«, erläuterte er, »was das Leben so reich und vielfältig, so erfüllend macht: Wir haben eine Aufgabe!« Er strahlte uns an: »Das ist doch der Sinn des Lebens, nach dem alle suchen, die Gott noch nicht erkannt haben« – er wurde richtig gemütlich feurig – »dass wir immer und überall dafür kämpfen müssen, dass Gerechtigkeit tatsächlich und endlich für alle Wirklichkeit wird!«
»Und wie geht das Kämpfen?«, fragte ich.
»Bei uns selbst müssen wir anfangen«, antwortete er wie aus der Pistole geschossen, bevor irgendeine weitere Frage aufkam, »bei uns und in unserem unmittelbaren Umfeld, mehr geht sowieso nicht, und, das ist das Schwerste, daran besteht kein Zweifel, wir müssen Geduld haben, Geduld, Geduld und wieder Geduld.« Er holte kurz Luft und setzte sofort wieder zum Sprechen an, bevor ich meine nächste Frage loswerden konnte: »Das ist es doch, wofür wir Gott so unendlich dankbar sein dürfen: dass wir gar nicht nachzudenken brauchen, was unsere Arbeit hier auf Erden ist, sondern jederzeit und überall wissen, was wir zu tun haben: den Willen Gottes in die Tat umzusetzen und Gerechtigkeit unter den Menschen endlich – da geb ich dir recht, Wackernagel – lebendige Tatsache werden zu lassen.«
Damit erübrigte sich meine nächste Frage, nämlich, was denn die hungernden Kinder in China davon hätten, wenn ich hier in Deutschland, wo jeder Bettler im Vergleich zu ihnen reich war, in meinem Umkreis für etwas mehr Gerechtigkeit sorgte oder, wie man es uns als Kindern immer gesagt hatte, meinen Teller aufaß, weil sie nichts auf dem Teller hatten:
»… gar nicht nachzudenken brauchen!« – darum ging es bei dem Glauben.
Denn wenn man nachdachte, fiel man in das tiefe schwarze Loch.
Einer der Freunde meiner Alten war Leiter des »Theater der Jugend« in Schwabing. Er hieß Wolfgang Jobst, hatte lange graue Haare und trug stets eine speckige Lederweste. »Du kannst doch bestimmt gut spielen«, sprach er mich eines Tages an, als ich von er Schule kam und er mit meiner Mutter im Garten saß, »bei der Mutter!«
Ich zuckte mit den Achseln. Sabine wollte brennend Schauspielerin werden – ich auf keinen Fall. »Immer das Gleiche«, antwortete ich.
»Ich brauch noch einen Jungen in deinem Alter für mein neues Stück«, kam er daraufhin direkt zur Sache, »hast du keine Lust? Kannst Geld verdienen!«
Letzteres klang interessant. Ich wollte unbedingt ein Schlagzeug haben und mit Fips, Ebby und einem Verehrer von Sabine, der schon studierte, eine Band gründen – der Name stand schon fest: »the sad classics«. Auch welche Stücke wir nachspielen sollten, wusste ich genau, vor allem »Cadillac« von den Renegades, weil Julia das so liebte. Den Anfang des Stückes konnte ich schon auf der Tischplatte trommeln und hatte ihn Julia vorgespielt – daraufhin hatte sie quirlig gelacht, wie ich es so liebte an ihr, und ich war glücklich gewesen. Aber die Alten rückten das Geld nicht heraus.
Und so ging ich nach der Schule nur ein paar Straßen weiter ins »Theater der Jugend« am Hohenzollernplatz, aß in der Kantine Würstchen und Kartoffelsalat oder Nudeln, die ich von den Spesen, die ich bekam, selbst bezahlen konnte, hatte dann jeden Tag Probe in meiner Rolle als »Fuchs«, machte nebenher meine Hausaufgaben und kam erst abends nach Hause, was sehr spannend war und die Sache allein schon wert machte.
Vor allem aber konnte ich, als ich gegen Ende der Probenzeit mein erstes Geld bekam, endlich das Schlagzeug kaufen und sofort mit den Bandproben bei uns im Keller beginnen. Da ich das Ganze initiiert hatte, schlug ich auch immer vor, was und wie und wann wir spielten und es schien den anderen gerade recht zu sein. Schnell hatten wir genügend Stücke zusammen, um auf der nächsten Party meiner Eltern auftreten zu können.
Als wir bei einer der letzten Proben vor der Premiere in unseren Kostümen mitten im Bühnenbild saßen und eine kleine Pause machten, erzählte ich den anderen davon und wollte vor allem vor Jobst angeben.
»Ich bin jetzt Bandleader!«, prahlte ich, sprang auf und trommelte den Anfang von »Cadillac« auf einer Stuhllehne, »wir können schon ganz viele Stücke, auch von den Troggs, von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich und sogar Jimi Hendrix!«
Jobst, der eben noch mit uns gescherzt und gelacht hatte, wurde plötzlich sehr ernst.
»Setz dich mal wieder hin«, sagte er, beugte sich auf seinem Stuhl vor und sah mich intensiv an.
»Was heißt ›leader‹ auf Deutsch?«, fragte er.
»Führer«, übersetzte ich eher unwillig.
»Dieses Wort«, fuhr Jobst an alle gewandt, fort, »kann man in Deutschland nicht mehr aussprechen.«
Ich wurde rot vor Scham.
»Der so Bezeichnete – ihr wisst alle, von wem ich rede – hat so viel Unheil über die Welt gebracht, dass wir ein für alle Mal unsere Lehren daraus ziehen müssen«. Nun lächelte er wieder und sah mich an: »Du hast es zwar nicht so gemeint und auf Englisch merkt man es nicht so – aber es ist das Gleiche: Das hast du gar nicht nötig, Christof!«
Ich hätte mich ohrfeigen können – das hätte mir nicht passieren dürfen! Ich hatte doch auch nur mit der Musik angeben wollen, nicht mit der Rolle, die ich dabei spielte. Am liebsten wäre ich weggelaufen.
»Menschen«, schloss Jobst, »brauchen keine Führer. Das unterscheidet uns von Tieren – Tiere können nicht anders, als dem Leithammel zu folgen. Das ist das Erste, was wir an Hitler, der furchtbarsten Form von Führer, zu lernen haben.«
Er stand auf, die Probe ging weiter.
»Aber, weil sehr viele Menschen eben doch noch verführbar sind«, sagte er wie nebenbei, »dürfen wir nicht das geringste bisschen zulassen, das wieder in diese Richtung führt.«
Ich sagte den Rest der Probe nichts mehr. Zuhause ging ich sofort in mein Zimmer. Die Wunde brannte tief.
Klaus Hehl war zwar ein Freund meiner Schwester Sabine, aber wir befreundeten uns schnell auch unabhängig von ihr. Er war Abiturient und hatte eine sehr tiefe Stimme, die ihn älter wirken ließ, als er war, und etwas Ehrfurcht, fast Autorität Gebietendes an sich hatte. Er lebte ganz in unserer Nähe in einem kleinen, mit Büchern überladenen Zimmer, in dem ich ihn eine Zeitlang so oft es ging besuchte und mit ihm über die Bücher, von deren Inhalt er mir entweder nur berichtete oder die er mir zum Lesen mitgab, diskutierte.
Eines der spannendsten Bücher, das ich durch ihn kennenlernte, war Sigmund Freuds »Unbehagen in der Kultur«. Ich war begeistert davon, wie einfach es sich für einen Fünfzehnjährigen lesen ließ, es bestätigte alle meine Erkenntnisse über das Blendwerk der Religion und es bestätigte meine Erfahrungen mit dem Zauber- und Feuerwerk der Sexualität, die ich meiner Freundin Angelika an schönen Sommernachmittagen in den buschigen Ufern der Isarauen, begleitet von Rotwein und hinterher einer »Overstolz« zu verdanken hatte; sie hatte auf der Odenwaldschule schon mit zwölf damit begonnen. Sexualität war das Zentrum des Daseins überhaupt!
Und wir hatten zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte das Glück, sie so unbeschwert wie entfesselt zu genießen! Als meine Mutter – ihr Mutterinstinkt hatte es wohl gespürt –, ausgerechnet als ich von dem ersten dieser Isartreffen zurückkam und unbemerkt in mein Zimmer hochschleichen wollte, aus dem Wohnzimmer geschossen kam und, auf den ersten Treppenstufen stehend, zu mir, der ich schon fast oben war, hoch rief: »Du kannst mit den Mädchen machen, was du willst, aber bring mir kein Kind nach Hause!« – da konnte ich sie beruhigen: »Wozu gibt es die Pille?« Und lässig fügte ich hinzu: »Mach dir mal keine Sorgen! Wir haben das im Griff: Wir müssen nicht aufpassen!«
Wenn also Freud schrieb Das Glücksgefühl bei Befriedigung einer wilden, vom Ich ungebändigten Triebregung ist unvergleichlich intensiver, als das bei Sättigung eines gezähmten Triebes108, dann aber, wie ich bei einem Spaziergang mit Klaus Hehl neben den Schienen der S-Bahn, die unser beider Wohnungen trennte, zusammenfasste, »uns damit kommt, man müsse die Sexualität unterdrücken, um mit der dadurch erzeugten Energie, Kunst und Kultur erschaffen zu können, also praktisch nach dem Motto: ohne Unterdrückung des Sexualtriebes keine zivilisierte Gesellschaft, kann er mir den Buckel runterrutschen. Das stimmt einfach nicht.«
Klaus Hehl lachte in seinen tiefsten Basstönen. »So steht das da nicht drin«, behauptete er, »auch wenn man das sinngemäß und stark vereinfacht so darstellen könnte. Freud beschreibt nur, wie es ist; den Zusammenhang zwischen Beherrschung von Sexualität und Entstehung von Kultur, er sagt nicht, dass es so sein sollte.«
»Aber er tut so, als ginge es nicht anders!«
Klaus Hehl schüttelte den Kopf: »Die ganze Sache verhält sich schon etwas komplexer.«
Eine S-Bahn fuhr vorbei und ich musste schreien: »Nein! Man darf die Sachen nicht unnötig komplizieren! Man muss zum Kern der Sache kommen.«
»Wild und ungebändigt sind die Tiere«, wandte Klaus Hehl ein. »Die Menschheit hat lange genug gebraucht, um davon wegzukommen – und es sind ja noch lange nicht alle so weit! Dabei spielte die Zähmung des unkontrolliert ausbrechenden Sexualtriebs eine wesentliche Rolle.«
»Aber die Zeiten sind vorbei!«, rief ich. »Vielleicht war das ja nötig, um dahin zu kommen, wo wir jetzt sind, aber jetzt: jetzt brauchen wir das nicht mehr.«
»Und woraus leitest du das ab?«, fragte Klaus Hehl.
Das konnte ich so unmittelbar nicht beantworten.
Schweigend liefen wir an den Bahngleisen entlang. Das war das Tolle an den Diskussionen mit Klaus: Man konnte auch zusammen schweigen.
»Mit einer Frau zu schlafen ist das Schönste, was es gibt«, begann ich schließlich erneut, »das kann einfach nicht sein, dass sowas unterdrückt werden muss.«
Klaus Hehl lächelte und sagte nichts.
Wieder liefen wir lange schweigend nebeneinander.
»Es ist genau umgekehrt«, wurde mir plötzlich klar: »Wenn man mit einer Frau geschlafen hat, kommen einem erst richtig die Ideen und man bekommt so gute Laune, dass man Lust hat, Musik zu machen oder zu malen oder zu dichten und was es alles gibt!«
Klaus Hehl blieb stehen und sah mich an. Er überlegte lange. Dann sagte er:
»Das ist Utopie. Vielleicht ist das in ein paar hundert Jahren so weit. Im Moment müssen wir davon ausgehen, wie es jetzt ist, ob es uns passt oder nicht.«
Ich seufzte, zuckte mit den Achseln, ging weiter und sagte: »Das sagt Julia auch immer: ›s’ist halt so‹ – das macht mich rasend, das halte ich nicht aus!«
Zuhause ging ich in Sabines Zimmer und erzählte ihr von dem Gespräch, obwohl sie gerade Hausaufgaben machen musste. Ich fragte sie, ob sie schon mal mit Klaus geschlafen habe, weil ich wissen wollte, wie das war als Frau, also ob es auch so toll war, wie ich es erlebt hatte. Sie antwortete nicht, wurde aber rot, sah weg und fragte dann leise, aber aufgeregt: »Kann ich mich hundertprozentig drauf verlassen, dass du nichts verrätst?«
Ich war beleidigt, dass sie diese Frage überhaupt stellte – und gespannt wie ein Flitzebogen!
Sie nahm ihr Handtäschchen und suchte umständlich darin herum, bis sie ein Passfoto herausgekramt hatte, das sie mir verlegen kichernd gab:
Ein pechschwarzer Mann sah mich an! Er hatte den typischen leeren Passfotoblick und dicke Lippen. War das etwa ihr –?
»Das ist Calistus«, erklärte Sabine, »er kommt aus Nigeria!«
»Und mit ihm hast du?«
Sie strahlte glücklich. »Wir haben uns ein Hotelzimmer gemietet.«
Ich bewunderte meine große Schwester, sie war einmalig!
»Wir mussten so tun, als seien wir verheiratet«, berichtete sie, »und wir wollen in Gretna Green109 heiraten, bevor er zurück muss – dann gehe ich mit nach Nigeria.«
Das klang zwar spannend, aber die Aussicht, Sabine zu verlieren, fand ich weniger schön.
»Dann kannst du uns dort besuchen – Afrika ist wunderbar«, schwärmte sie110. »Wir werden es paradiesisch schön haben.«
Das alles war wahnsinnig aufregend und es war klar, dass unsere Alten das überhaupt nicht gut finden würden. Obwohl ich bei dem Gedanken, dass meine Schwester dann sehr weit weg wohnen würde, traurig wurde, überlegten wir, welche Rolle ich spielen könnte, um die Alten abzulenken. Wir beschlossen, darauf zu dringen, endlich wieder einmal Gaby in England besuchen zu dürfen – von dort könnte Sabine dann leicht nach Gretna Green abhauen.
Wahrscheinlich war das ein Fehler gewesen.
Als ich ein paar Tage später nach Hause kam, empfing mich meine Mutter hochroten Kopfes mit der Frage: »Wusstest du davon?!«
Mir war natürlich sofort klar, dass alles aufgeflogen war, aber ich gab mich ahnungslos. Ich musste mit ins Wohnzimmer, in dem Sabine wie ein heulendes Häufchen Elend in der Ecke saß, Heiner finsteren Blickes ihr gegenüber am Couchtisch. »Der lügt doch genauso, der Scheißkerl«, raunzte er meine Mutter an, als sie ihm berichtete, was ich gesagt hatte. »Ja ja«, höhnte er, »deine Kinder, auf die du immer so stolz bist.« Nun fing auch meine Mutter an zu weinen und ich wäre am liebsten rausgelaufen, konnte Sabine aber nicht alleine lassen.
Die Alten hatte Lunte gerochen – vielleicht waren sie sogar dadurch drauf gekommen, dass wir ohne richtigen Grund unbedingt zu Gaby wollten – und Heiner war wie ein Detektiv eines Nachmittags, als Sabine behauptet hatte, eine Freundin besuchen zu wollen, ihr heimlich gefolgt. Als sie in der Nähe des Hauptbahnhofs in ein kleines Restaurant gegangen war, hatte er von außen hineingelugt und gesehen, dass sie sich dort mit einem »finsteren Negerkerl« getroffen hatte. Dann hatte er in einer Türnische gewartet, bis die beiden aus dem Lokal rauskamen, war ihnen bis zum Hotel gefolgt und dann genau in dem Moment dazugekommen, als sie ihren Hotelzimmerschlüssel in Empfang genommen hatten.
»Es war so furchtbar, das kannst du dir überhaupt nicht vorstellen«, erzählte Sabine, als wir endlich wieder alleine waren. »Ich wäre am liebsten tot umgefallen.« Er hatte Calistus beschimpft und angedroht, ihn anzuzeigen, wenn er seine Tochter noch einmal auch nur versuchen würde zu kontaktieren, dabei war Sabine gar nicht seine Tochter. Er werde dafür sorgen, dass Calistus seine Aufenthaltsgenehmigung verliere. Wenn Sabine schwanger sei, werde er sein blaues Wunder erleben.
»Aber die Nazis als Rassisten beschimpfen«, regte ich mich auf, »ist doch selber kein Deut besser!« – Aber Sabine hatte andere Probleme: Sie hatte Hausarrest! Meine neunzehnjährige Schwester durfte das Haus nicht verlassen – unfassbar! »Nach außen hin geben sie sich ganz toll und fortschrittlich«, erregte ich mich, »aber in Wirklichkeit sind sie genauso spießig wie die, die sie als Spießer verachten!«
Ich ging zu Franz Müller und beschwerte mich über Heiners Verlogenheit. Lächelnd sagte er: »Dr Heiner isch hald a aldr Seggl«, aber er meine es gut: »Vielleicht würde die Sabine es ja hinterher doch bereuen, aber dann wäre es zu spät!« Er lehne Heiners Vorgehensweise ab und werde mit ihm reden – aber in der Sache sei es vielleicht doch das Beste für Sabine. Manche Dinge ließen sich eben nicht von heute auf morgen verwirklichen:
»Als wir zusammen mit den Kommunisten nach dem Krieg ein neues, besseres Deutschland aufbauen wollten, sind wir auch gescheitert. Die alten Nazis waren einfach stärker! Adenauer war zwar sauber, die Nazis hatten ihn ja sogar am Schluss noch eingesperrt, aber hinterher hat er sie alle gedeckt, ihnen sogar Posten gegeben – während die Antifaschisten im angeblich demokratischen Deutschland keinen Fuß auf den Boden bekommen haben.«
»Ja und? Warum sagst du das, wenn es um Sabine geht?«
»Weil es das gleiche Problem ist: Die Zeit war noch nicht reif!«
Es kam eben bei jeder Gelegenheit und von allen nur die eine ewig gleiche Botschaft: »Das dauert noch«, »du musst Geduld haben«, »ist doch nur Utopie!«, »muss erst erkämpft werden«, »das ist doch völlig unrealistisch!« – und so weiter.
Wie lange sollte man denn noch warten? Und auf wen? Wer sollte denn eine neue Welt verwirklichen, wenn nicht wir? Und hieß das alles nicht, dass es nicht umgekehrt allerhöchste Eisenbahn war, endlich mit dem neuen Leben anzufangen?
Die Beatles wollten keine Konzerte mehr geben. Auch eine Art von Anfang – ich fand es spannend, nachdem mir ihre Indienausflüge zu wichtigtuerischen Gurus eher unkoscher vorgekommen waren. Ihre letzte Konzerttour hatte als vorletzte Station den Circus Krone in München.
Es war praktisch unmöglich, Karten zu bekommen. Außerdem kosteten sie die astronomische Summe von über sechzig Mark, was jegliche Taschengelddimension überstieg. Aber meine Mutter kannte einen Redakteur des Bayrischen Rundfunks, der sie verehrte und ihr regelrecht nachlief: Er hatte Freikarten! Und überließ sie ihr!
Die öffentliche Anteilnahme an dem sensationellen Ereignis war größer als beim Eichmann-Prozess. Ich konnte live im Fernsehen die Ankunft der Beatles auf dem Flughafen München Riem, ein paar Kilometer von unserem Haus in Englschalking entfernt, miterleben. Sie stiegen aus dem Flugzeug, winkten in die Kameras und stiegen direkt in ein offenes Mercedes Cabrio, das neben dem Flugzeug auf dem Flugfeld stand, ohne Kontrolle, ohne alles! Damit fuhren sie im Sonnenschein unter Münchens blauem Himmel direkt ins Hotel »Vier Jahreszeiten«, dem vornehmsten und teuersten in ganz München, in dem die ganze oberste Etage für sie reserviert war. Die schönsten Mädchen Münchens warteten dort auf sie!
Ich schwang mich aufs Fahrrad und strampelte so schnell es ging in die Stadtmitte, wo sich auf der kleinen baumbestandenen Wiese vor dem Hotel schon hunderte von Fans versammelt hatten, die lautstark riefen, John, Paul, George und Ringo sollten ans Fenster kommen. Ich mochte Ringo am liebsten und hatte etxtra Schlagzeug gelernt, um Julia zu imponieren, die ich auch in der Menge sah. Aber die Beatles vergnügten sich wahrscheinlich mit den hübschen Mädchen. Die Polizei drängte uns immer wieder zurück, wenn wir die Straße blockierten, und es gab auch hier unten viele hübsche Mädchen, deren Blicke aber nur in den vierten Stock gerichtet waren.
Endlich wurde ein Vorhang beiseite gezogen und ein ohrenbetäubendes Gebrüll brach aus, bevor überhaupt jemand zu erkennen war! Es war natürlich Ringo, der sich zeigte – ich hüpfte vor Freude und brüllte aus vollem Halse, er war der normalste und netteste von allen! Nachdem die anderen es nicht für nötig hielten, sich auch zu zeigen, verlor ich die Lust: Ihnen war der Ruhm zu Kopf gestiegen, dann interessierten sie mich auch nicht!
Die Stimmung im Circus Krone war eine ganz andere als bei den Rolling Stones. Viel nüchterner, fast geschäftsmäßig. Es gab inzwischen Lautsprecher, aus denen Musik zu hören war, solange noch keine Band spielte. Ihr neuester Song »Paperback writer« war gerade rausgekommen und wurde wieder und wieder wiederholt.
Der Moment, in dem die berühmtesten Menschen der Welt auf die Bühne kamen, war zwar spannungsgeladen, aber lange nicht so aufregend wie bei den Stones. Sie hatten zwar die durch sie berühmt gewordenen Pilzköpfe – wie ich auch! –, aber sauber und adrett, irgendwie angepasst. Sie nahmen ihre Gitarren, sagten eine kurze Begrüßung auf und one two three ging’s los. Es war schon irgendwie toll, das live zu hören, was ich nur von der Schallplatte kannte, aber auch ernüchternd. Das Getobe klang pflichtgemäß, ich beteiligte mich nur moderat daran. Ich verstand, warum sie sich auflösten, sie hatten recht und ich bewunderte ihre Konsequenz.
Nach dem Ende der Beatles begann eine neue Zeitrechnung. Eine Art neuer Freiheit brach an. Jetzt waren wir selbst dran.
Unser Mitschüler »Buuz« Unseld war der Klassenclown. Im neugebauten Kaufhaus Hertie an der »Münchner Freiheit« gab es eine aus Amerika eingeführte Erfindung: Rolltreppen. Manchmal gingen wir dort nach der Schule hin und fuhren einfach nur rauf und runter; zu Stoßzeiten standen dort Kontrolleure, die uns zurückwiesen, wenn deutlich war, dass wir gar nichts kaufen wollten.
Buuz machte sich ein Vergnügen daraus, wenn er runterfuhr, etwa in der Mitte der Treppe, auf der gegenüberliegenden Seite hochfahrenden Leuten, die sich am Band festhielten, auf die Finger zu hauen, um dann höhnisch lachend nach unten zu laufen, während die Leute sich ohnmächtig aufregten.
Mit ihm, Fips, Thomas Zauner, dessen Vater Sciencefiction-Romane schrieb, und unserer neuen Mitschülerin Mi, der Tochter eines Akkupunkturarztes, die von der oberen Klasse in unsere durchgefallen war, ließen wir ein Happening auf dem Garagendach meines Elternhauses in der Lützenkirchenstraße steigen.
Wir zogen uns schwarze Anzüge an, Mi ein rosa Spitzenkleid, ich stellte das Schlagzeug meiner »sad classics« auf, Buuz hatte eine Trompete mitgebracht, Mi spielte Bach auf ihrer Querflöte, über Mikrophon von einem Verstärker so laut gemacht, dass es quietschte, ich trommelte, was das Zeug hielt, Thomas Zauner zerquetschte rohe Eier und kreischte zum Himmel, Fips gab improvisierte Lautfolgen zum Besten und las Zahlengedichte von Schwitters, die wir, im Unterricht uns gegenseitig unter den Bänken zuschiebend, gelesen und uns darüber halb totgelacht hatten. Ebby saß am Rande und rauchte – ab und zu holte er eine Maultrommel aus seiner Tasche und quäkte damit ins schrille Mikrophon.
Es dauerte nicht lange, bis wir unser Ziel erreicht hatten und die erwünschte Aufmerksamkeit bekamen: Nachbarn alarmierten die Polizei, unsere Personalien wurden aufgenommen und meine Alten, die natürlich nicht anwesend waren, bekamen eine Abmahnung. Heiner fand das überhaupt nicht komisch, aber meine Mutter war stolz auf mich. Sabine hatte mir bei den Vorbereitungen geholfen.
Eines Tages besuchte Heinz Höfl meine Mutter völlig verzweifelt und bat sie um Rat. Der »Spiegel« hatte ihm ein Angebot gemacht – normalerweise ein Traum für einen Journalisten im besten Alter. Aber Heinz Höfl, dieses breitschultrige Trumm von einem Mann, saß wie ein Häufchen Elend am großen Couchtisch im Wohnzimmer und drehte seine Kaffeetasse in der Hand.
Ich hatte gar nicht gemerkt, dass er gekommen war, und als ich zufällig ins Wohnzimmer kam, um ein Buch zu suchen, sah ich ihn in diesem Zustand und erschrak: Dieser weise junge Mann, der mir so viele Ratschläge, Denkhinweise und Anregungen gegeben hatte, sah völlig ratlos aus.
»Ja, aber was ist denn das Problem?«, fragte ich, meinerseits völlig verständnislos, nachdem er mir von dieser Chance seines Lebens erzählt hatte; so weit wusste ich Bescheid, dass man höher als zum »Spiegel« nicht aufrücken konnte.
»Dann muss ich doch nach Hamburg umziehen!«, rief er, breitete seine Arme aus und ließ sie kraftlos auf seine Schenkel fallen.
»Aber das ist doch toll!«, rief ich begeistert, »mal was anderes: das Gegenteil von München!«
»Das ist doch das Problem«, kam es kleinlaut von ihm zurück und er sank noch tiefer in seinen Sessel.
Nun verstand ich gar nichts mehr. »Sei doch froh, immer das Gleiche ist doch furchtbar!«
Er fuhr in seinem Sessel hoch: »I bi aus Minga!«111, rief er und funkelte mich anklagend an. »I bin a Bayer!«
Ich zuckte mit den Achseln. Meine Mutter lachte wohlwollend. »Christof hat recht«, sagte sie milde, »das ist doch eine enorme Erweiterung deines Horizonts.«
»Erika!«, rief Heinz Höfl, »Du kennst mich doch jetzt lange genug, das halte ich nicht aus mit den Hamburgern!«
Langsam ging mir ein Licht auf. »Die können nicht richtig Deutsch sprechen«, bestätigte ich ihn lachend. »Das gilt aber auch für die Bayern und Sachsen!«
»Ach was!«, schimpfte Heinz Höfl, ärgerlich werdend. »Bayern ist meine Heimat, hier bin ich aufgewachsen, hier gehör ich hin!«
»Heimat?«, fragte ich entsetzt. Diesen Begriff kannte ich nur von den »Heimatvertriebenen«, den ganz Rechten, die sich einmal im Jahr trafen und die Rückeroberung der Ostgebiete forderten, Schlesier und ähnliche verkappte Nazis – ein solcher Begriff aus dem Munde von Heinz Höfl?
Meine Mutter lenkte ein. Nachdenklich sagte sie: »Ja ja, jeder hat seine Wurzeln, das ist schon wahr.«
»Menschen haben doch keine Wurzeln«, widersprach ich, »früher gab es Völkerwanderungen!«
»Das ist doch nur im übertragenen Sinne gemeint«, herrschte mich meine Mutter an, »sei doch nicht immer so pingelig, ich weiß gar nicht, woher du das hast!«
Ich zuckte mit den Achseln. »Man kann nicht was sagen und was anderes meinen. ›Heimat‹, ›Wurzeln‹ da kann ich nichts mit anfangen.«
»Man kann nicht über seinen Schatten springen!«, stellte meine Mutter abschließend fest, ungeduldig verärgert.
»Und was ist mit Lisl?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln, es hatte eh keinen Sinn, mit meiner Mutter zu diskutieren, wenn sie so daherkam. »Bleibt sie dann in München?«
»Oh nein doch!«, rief Heinz Höfl lachend. »Dann wäre ja alles aus! Nein, nein – sie kommt mit – und wir werden heiraten.«
Eine Welt brach für mich zusammen.
Heinz und Lisl – das Beispielpaar, die beiden, von denen ich gelernt hatte, dass Heiraten das Gegenteil von dem erzeugte, was es behauptete, dass man um eine Liebe täglich kämpfen muss, dass nichts fest und sicher sein darf, sie machten eine Kehrtwende? Heinz Höfl, das Vorbild, die Leitfigur, der Mann, der zeigte, dass es auch anders geht, dass man einfach nur damit anfangen musste, den neuen Weg zu gehen, dass es möglich war, das Alte hinter sich zu lassen – gab auf? Resignierte? Wurde nun selbst zum Spießer?
Tief betrübt sagte ich, dass ich meine Hausaufgaben machen musste, und verließ das Wohnzimmer.
Auf dem oberen Wohnzimmertisch lag die »Süddeutsche Zeitung«. Ich blätterte ziellos darin herum und blieb bei einem Artikel über Wassernot in Israel hängen. Raffinierte Techniker hatten Methoden entwickelt, jeden Tropfen Regenwasser zu retten, Meerwasser zu entsalzen und dreckiges Wasser zu säubern.
Hans Lamm hatte mir von den Kibbuzim in Israel erzählt. Dort lebten die Menschen in einer Gemeinschaft von Gleichen und teilten sich Arbeit wie Ertrag derselben. Man konnte sich ihnen anschließen, wenn man wollte, ich mit meiner jüdischen Herkunft allemal.
Vielleicht sollte ich in ein Kibbuz gehen, um endlich etwas wirklich Sinnvolles zu tun!
1967
Eines Tages kam der Schulsprecher vor Beginn der Lateinstunde zu uns in die Klasse, stellte sich grinsend neben den Schreibtisch des Lehrers und fragte: »Wer hat Lust, mit Helga Anders112 ins Bett zu gehen!?«
Es dauerte eine Weile, bis die Botschaft beim männlichen Teil der Klasse angekommen war. Helga Anders war der Traum eines jeden fünfzehnjährigen Jungenherzens, wunderschön, blond, schmollmündig mit traurig sehnsüchtigen Augen, in den entsprechenden Blättern wurde sie die »deutsche Brigitte Bardot« genannt. Entsprechend lautstark war das Gegröle, das mit Verzögerung ausbrach.
Mit dem Schulsprecher war eine schlanke, ebenfalls schöne junge Frau hereingekommen. Spöttisch amüsierten Blickes stand sie neben ihm und wartete ab, bis der Tumult abebbte. Dann klatschte sie in die Hände und sagte: »Mein Name ist Dagmar Hirtz113, ich bin hier im Auftrag der Rob-Houwer114-Filmproduktion: Wir suchen einen fünfzehn- oder sechzehnjährigen jungen Mann für die Hauptrolle in unserem neuen Film ›Tätowierung‹115«. Sie sah mit einem charmanten Lächeln auffordernd in die Runde. »Unser Produktionsbüro liegt hier gleich um die Ecke in der Victoriastraße«, fuhr sie fort. »Wer von euch Lust hat, kann sich melden – wenn der Typ passt, notiere ich mir eure Namen und ihr kommt um vierzehn Uhr zu uns rüber: dann machen wir Probeaufnahmen.«
Hauptrolle? Helga Anders? Ich?
Eigentlich wollte ich mit der Schauspielerei und der ganzen Theater- und Filmbranche nichts zu tun haben. Ich versuchte gerade, neben der Schule eine Ausbildungsstelle als Schreiner zu ergattern, um etwas Handfestes zu lernen, das man anfassen und gebrauchen konnte – und um das nicht so ein weihevolles und wichtigtuerisches Gewese gemacht wurde wie um die Kunst. Aber als mein Schulkamerad Hansi Kraus116 die Hauptrolle in der Verfilmung von Ludwig Thomas »Lausbubengeschichten117 spielen durfte, war ich durchaus ein wenig eifersüchtig gewesen – obwohl ich natürlich niemals in einem solchen Schmarrn hätte mitspielen wollen! –, und als Volker Schlöndorff118 in der Turnhalle des Maxgymnasiums eine Szene für seinen Film »Der junge Törless«119 drehte, hätte ich mich auch lieber im Mittelpunkt des Geschehens gesehen, als von irgendwelchen Hilfskräften als Komparse herumgescheucht zu werden.
Also warum es nicht versuchen? Was hatte ich zu verlieren? Andererseits: wenn sie mich nicht nehmen sollten, wäre die Enttäuschung groß!
Fast alle Jungs meldeten sich. Da konnte ich mich nicht zurückhalten. Das hätte ja wie Feigheit ausgesehen.
Der Regisseur Johannes Schaaf120 war ein rundlicher, gemütlicher Mann mit einem gewaltigen Schnurbart. Wir mussten alle – fast die ganze Klasse war gekommen – an ihm vorbeidefilieren und er nickte oder schüttelte den Kopf, was er bei den meisten tat. Auch als er mich sah, schüttelte er den Kopf.
Aber da widersprach Dagmar Hirtz. Sie sagte etwas zu ihm, daraufhin sah er erstaunt zu mir und lachte: »Ich kenn dich! Aus Ulm – da warst du noch ein kleiner Bub! Ich hab sogar noch deinen Vater kennengelernt.« Aber er blieb bei seinem Nein. Daraufhin nahm Dagmar Hirtz ihn auf die Seite und redete heftig auf ihn ein. Als sie zurückkamen, nickte er und ich sollte um achtzehn Uhr zu Probeaufnahmen kommen.
Da ich mir nach Schaafs Reaktion nicht mehr viel Hoffnungen machte, nahm ich meine Gitarre mit und als ich vor laufender Kamera »einfach irgendwas machen« sollte, spielte ich »einfach« irgendwelche Griffe und grölte dazu – sollten sie doch davon halten, was sie wollten.
Nach zehn Tagen quälerischen Wartens, während derer ich selbst nicht wusste, was ich mir wünschen sollte, kam endlich der Anruf, ich solle ins Produktionsbüro kommen. Dagmar Hirtz zwinkerte mir verschwörerisch zu. Johannes Schaaf lächelte mich an, hob aber den Zeigefinger:
»Bilde dir bloß nichts darauf ein, dass du die Rolle bekommst. Das hast du nur deinem asymmetrischen Gesicht zu verdanken.«121
Mir war das schnurzpiepegal – ich hatte alle anderen Klassenkameraden aus dem Rennen geworfen und freute mich auf die Filmpremiere.
Vorher musste allerdings der Film selbst gedreht werden und die Dreharbeiten waren eher langweilig. Schnell wurde mir klar, dass Filmschauspielerei vor allem aus Warten bestand. So hatte ich die Möglichkeit, mir in Ruhe anzusehen, wie dieser bunt zusammengewürfelte Haufen Menschen miteinander arbeitete.
Es war einerseits völlig anders als beim Theater – wenn man eine Szene erarbeitet und gefilmt hatte, war sie »gestorben«, was ich gut fand, weil sie am Theater erst dann lebendig wurde und endlos langweilig wiederholt werden musste –, aber andererseits genau das Gleiche, fast noch härter: die absolute Hierarchie. Über allem schwebte der Regisseur – von einer Sekunde auf die andere konnte er das Gegenteil von dem wollen, was er eben noch gesagt hatte und alle mussten spuren. Taten sie es nicht, wurde, wenn sie der oberen Kaste angehörten, also Kameramann, Kostümbildnerin, Requisiteur oder Assistentin waren, eventuell noch diskutiert, waren sie untere Chargen, wurden sie niedergemacht, angeraunzt, verhöhnt.
Johannes Schaaf war zwar freundlich, leise und bestimmt, aber wen er auf dem Kieker hatte, fertigte er ab wie den letzten Dreck. Vor allem Ulrike, die junge Frau, die alles, aber auch jede letzte Kleinigkeit, zum Beispiel, wie herum man bei der letzten Aufnahme die Hand gehalten hatte, aufschreiben musste – »Script Girl« wurde sie genannt –, behandelte er wie eine Sklavin. Zu mir waren alle freundlich, aber ich wusste genau, dass das nur so war, weil ich die Hauptrolle spielte.
Am ersten Tag drehten wir in einem Hallenbad. Ich musste nur schwimmen, tauchen oder irgendwohin gucken und hielt mich in den Wartepausen gerne in der Nähe von Dagmar Hirtz auf. Sie nahm sich Zeit, mir vieles zu erklären, obwohl sie als Regieassistentin und spätere Cutterin für alles gleichzeitig zuständig war; aber das erledigte sie wie mit dem kleinen Finger, fast nebenbei. Sie war neben dem Kameramann die einzige, von der Schaaf sich etwas sagen ließ.
Alle anderen Besucher des Hallenbads waren von der Filmfirma bestellte Statisten, auch Komparsen genannt; das Schwimmbad war an diesem Tag geschlossen. Dagmar war als Regieassistentin dafür zuständig, was sie im Hintergrund zu tun hatten, sie musste sie arrangieren. Das tat sie aber nicht direkt im Gespräch mit den Komparsen, sondern dafür war wiederum die Komparsenführerin122 zuständig; eine griesgrämige, strenge Frau namens Claudia.
»Wär das so recht?«, fragte die strenge Claudia und wies auf einen kleinen dicken Mann, der mit seiner Badehose etwas verloren neben ihr stand und Dagmar erwartungsvoll angrinste.
»Aber ich habe doch gesagt, wir brauchen einen hageren, knochigen etwa Siebzigjährigen!«, rief Dagmar verärgert. »Ist das nicht angekommen?«
Die strenge Claudia zuckte unwirsch mit den Achseln: »Haben wir nicht.«
Dagmar drehte sich zum Kameramann um und deutete auf den Dicken in der Badehose.
Der Kameramann schüttelte den Kopf.
»Sekunde«, sagte Dagmar und ging zu Schaaf.
Kurz darauf kam sie zurück und sagte zu mir: »Wir stellen jetzt um und drehen erst einen Take, in dem du nicht drin bist.«
Dann wandte sie sich an die strenge – und inzwischen auch saure – Claudia und sagte scharf: »Du besorgst so schnell es geht, was ich dir gesagt habe: einen hoch aufgeschossenen, hageren, etwa siebzig Jahre alten Mann, dem die Schulterknochen rausstehen als hätte er Flügelchen, hast du das verstanden?«
Die so Angesprochene trollte sich und Dagmar eilte zu Schaaf.
Ich lief ihr nach und rief: »So kann man doch nicht über Menschen reden!«
Sie lächelte mich gequält an und wollte Schaaf ansprechen, aber ich hielt es nicht aus und fügte hinzu: »Das klingt ja wie die Bestellung von einem Stück Fleisch beim Metzger!«
»Was?«, fragte Schaaf.
Über meine Erklärung schien er amüsiert.
»Wir sind hier nicht bei der Heilsarmee«, fertigte er mich ab, »außerdem wird hier jeder für seine Arbeit bezahlt.«
Etwas später kam Dagmar noch einmal zu mir. »Ich verstehe, was du sagen willst«, sagte sie, »aber das geht nicht anders.« Sie suchte nach Worten: »Die Bilder müssen im Gesamteindruck stimmen.« Sie hob hilflos die Arme: »Das würde blöd aussehen, wenn vorne im Bild dein Kopf aus dem Becken erscheint und hinten im Bild so ein Fettsack ins Wasser springt, das würde lächerlich, die ganze Atmosphäre wäre kaputt.«
Tatsächlich erschien kurz darauf ein hagerer, knochiger alter Mann, der die Aufgabe hatte, hinter mir etwas unbeholfen ins Schwimmbecken zu springen. Ich fragte, wie viel Geld er bekam – ein paar Mark dafür, dass er lange frierend herumstehen und sich dann öffentlich erniedrigen musste. Wahrscheinlich bekam er nur wenig Rente und hatte keine andere Wahl.
Ich wusste, dass dies nicht meine Welt werden würde.
Am Savignyplatz nicht weit von meiner Pension gab es eine Kneipe mit dem Namen APO-Theke. Das APO stand für »außerparlamentarische Opposition«123 und damit waren alle diejenigen Leute gemeint, die mit der kürzlich ins Leben gerufenen »Großen Koalition«124 aus CDU und SPD nicht einverstanden waren, die Demokratie in Gefahr sahen, weil es keine Opposition mehr im Parlament gebe. Man kritisierte vor allem den Krieg in Vietnam125, den die Amerikaner führten, die ja bei uns in Bayern auch das Sagen hatten. Sie, die immer von Demokratie und Freiheit redeten, bombardierten die unschuldige Zivilbevölkerung! Das war letztlich Völkermord und stand in krassem Widerspruch zu dem, was offiziell behauptet wurde. Der Protest dagegen war weltweit – Donovan hatte das in seinem Song »Universal soldier« ganz konkret angegriffen!
Im Prinzip war die APO-Theke einfach eine Studentenkneipe, und eines Abends nach dem Drehen ging ich dorthin in der Hoffnung, mit Studenten ins Gespräch zu kommen. Es war eine ähnliche Stimmung wie bei den Schwabinger Krawallen vor ein paar Jahren, aber viel grundsätzlicher.
Ich stellte mich an die Bar und trank sogar ein Bier, obwohl ich erst fünfzehn war. Aber keiner beachtete mich. Sie diskutierten, stritten, soffen und rauchten. Bald gab ich es auf.
Neben der APO-Theke war ein Puff. Auf den Steinsimsen des alten Berliner Bürgerhauses saßen Nutten in kurzen Röcken. Eine pfiff nach mir:
»Na Kleiner, willste mal lernen, wie’s geht?«
Ich floh.
Die Einzige, mit der ich mich wirklich befreundete, war Rosemarie Fendel126, die meine Ziehmutter spielte. Sie war schön, witzig und stark – selbst von Schaaf, mit dem sie befreundet war, ließ sie sich nichts vorschreiben; das wichtigste Kleid, das sie im Film trug, wurde für unglaublich viel Geld von einem italienischen Star Couturier extra für sie geschneidert, Rob Houwer war schier in Ohnmacht gefallen, als er hörte, wie viel es kostete, aber er war machtlos gegen sie.
Vor allem war sie ehrlich – sie war die Einzige, der ich bedingungslos glauben konnte.
Sie brachte mir nicht nur das Film-Spielen bei, sondern sie kümmerte sich auch nach dem Drehen um mich. Vor allem an den Wochenenden, wenn ich alleine in meiner Berliner Pension herumlungerte und mich langweilte, machten wir Ausflüge oder sie ging mit mir Minigolf spielen. Meist lud sie mich dann noch zum Essen ein und so konnte ich bald wirklich über alles mit ihr reden.
Deshalb erzählte ich ihr auch einmal, über meinen Minigolfschläger gebeugt, mich ganz auf das nächste Loch konzentrierend, dass ich gesehen hatte, wie Johannes Schaaf am Abend zuvor in der Halle des Hotels, in dem das Team wohnte, ausgerechnet Ulrike, das »Script Girl«, die er am Set, wie der Drehort genannt wurde, immer zur Sau machte, geküsst hatte! Ich kam mir zwar vor wie eine Petzliese, aber ich fand diese Doppelmoral unerträglich, mein Respekt vor ihm erlitt deutliche Einbußen.
Rosemarie lachte. Es klang etwas bitter, mehr aber spöttisch. »Meinst du, ich weiß nicht, dass er mit der ins Bett geht?«, fragte sie. »Die Männer sind alle gleich!«
Ich war erleichtert, dass ich doch nicht gepetzt hatte. »Aber warum lässt Ulrike sich das gefallen?«, fragte ich, denn dass sie dieses verlogene Spiel mitmachte, fand ich noch unbegreiflicher, als dass Schaaf seine Position als Regisseur ausnutzte – und so attraktiv war er als Mann nun auch wieder nicht!
»Die Frauen sind auch alle gleich«, antwortete Rosemarie, stützte sich auf ihren Minigolfschläger und sah mich milde lächelnd an. »Das wirst du schnell merken, mein Lieber. Sie rennen immer dem Gockel nach, der am lautesten kräht.«
»Ich glaube nicht, dass ich weiter Schauspieler bleiben will«, sagte ich und schlug meinen Ball so hart, dass er weit über das Ziel flog, »dieses Rumgetue ist mir zu blöd.«
»Kann ich gut verstehen«, stimmte Rosemarie mir bei, »dabei geht es hier in unserem Team noch einigermaßen gesittet zu!« Sie schüttelte den Kopf, während sie sich auf ihren Ball konzentrierte. Dann ließ sie nochmal davon ab und sagte: »Mein Mann meinte, er müsse immer mit den Frauen, mit denen er im Film ins Bett gehen musste, dies auch außerhalb des Sets tun.« Dann schlug sie zu und traf direkt das Loch. Sie wandte sich wieder an mich: »Was meinst du, wieso ich geschieden bin?«
Für mich stand fest, dass ich nie wieder schauspielern würde und Rosemarie immer meine Freundin bleiben sollte.
Gegen Ende der Filmerei kam der Autor des Drehbuchs zu Besuch. Er hieß Günter Herburger127, bekam alles gezeigt und schüttelte dauernd den Kopf. Als er mich sah, war er entsetzt: »Das ist ja eine totale Fehlbesetzung«, rief er und zeigte mit dem Finger seines ausgestreckten Armes auf mich. »Ich habe mir Benno völlig anders vorgestellt!«
»Gut, dass du da nicht mitreden durftest«, entgegnete Johannes Schaaf lachend. »Christof macht das besser als alle anderen!«
»Jetzt ischs eh zu spät«, antwortete Herburger in seinem Allgäuer Dialekt und zwinkerte mir zu – ich mochte ihn auf Anhieb, weil er das ganze Brimborium nicht ernst nahm. »Isch eh alles gloga.«128 Und er hob den Finger, einen ganz wichtigen Professor mimend: »Kunst ist nur als Lüge Wahrheit!«
Endlich sagte es mal einer!
Je länger die Dreharbeiten dauerten, desto langweiliger wurden sie. Ich freute mich regelrecht darauf, wieder in die Schule zu dürfen. Was war doch ein Hötzl mit seinen ganzen nachvollziehbaren Ticks für ein vernünftiger, normaler Mensch gegenüber den Filmleuten mit ihrer unbegründeten Selbstgefälligkeit.
Trotzdem war ich am letzten Drehtag ein wenig traurig. Kein Minigolf mit Rosemarie mehr, kein selbständiges Essengehen mehr, kein Der-Wichtigste-sein und Vorne-und-hinten-verhätschelt-Werden mehr – ein wenig gefallen hatte es mir ja schon, das musste ich vor mir selbst zugeben. Aber die Vorstellung, die Schule aufzugeben und nur noch das zu machen: die Hölle.
Der Produzent Rob Houwer war zum letzten Drehtag gekommen und nachdem Johannes Schaaf das letzte »gestorben!« der letzten Klappe gerufen hatte, klatschte er in die Hände, stellte sich in die Mitte und bat alle, sich um ihn zu gruppieren.
»Ich will euch allen einfach nur ›danke schön‹ sagen«, nuschelte er in seinem holländisch gefärbten Deutsch. »Es war eine wunderbare Zeit, ihr habt alle fantastisch gearbeitet, und was ich an Mustern gesehen habe, beweist jetzt schon: Das wird ein ganz, ganz toller Film!« Alle lachten erfreut, manche johlten etwas aufgesetzt. »Ich will jetzt nicht alle Namen aufzählen«, fuhr er fort, »denn dann müsste ich wirklich jeden nennen, aber bei einem möchte ich mich doch besonders bedanken und das ist der Christof.« Diesmal waren es anerkennendes Gelächter und nicht ganz so aufgesetztes Gejohle. »Er ist der Jüngste von uns allen, hatte die größte Rolle und du«, schloss er, indem er sich mir zuwandte, »hast tapfer durchgehalten: Du bist ein wunderbarer Schauspieler!«
Das ging dann doch ans Herz und ich musste mich stark zusammennehmen, dass mir nicht die Tränen kamen. Und während alle aufbrachen, die meisten vom Team in Privatautos, die Schauspieler mit den beiden Produktionsfahrern, die uns nun sechs Wochen lang jeden Tag zum Drehort gebracht und uns von ihm abgeholt hatten, ging ich nochmal eine Runde durch die alte stillgelegte Mosaikfabrik, in der wir gedreht hatten. Ich sah in das Zimmer, in dem wir die dramatische Bettszene mit Helga gedreht hatten, an der beinahe der Film gescheitert wäre, weil ich am Anfang total verklemmt war, die aber dann dank Rosemaries schauspielerischen Tipps ein Highlight geworden war; ich ging an dem Tisch vorbei, an dem ich sechzehn Spiegeleier hatte essen müssen, weil die Szene sechzehnmal wiederholt worden war; und als ich ins Freie trat, sah ich auf den Zaun, hinter dem die Mauer zur Ostzone zu sehen war, an der wir einmal nachts ein Feuerwerk veranstaltet hatten.
Ich blickte in die Runde, den Fahrer suchend. Normalerweise stand er immer im Hof und rauchte, weil wir endlos warten mussten, bis Rosemarie fertig war. Niemand zu sehen, auch der andere Fahrer nicht. Überhaupt nur noch Techniker, die ihr Gerät in die LKWs verluden. Vielleicht warteten die Produktionsfahrzeuge draußen, damit die Techniker beim Schleppen freien Weg hatten. Aber auch vor dem Eingangstor kein Auto!
»Was machst du denn noch hier?«, fragte mich Picco, mein Lieblingsbeleuchter, der so hieß, weil er so klein war, und mit dem ich mich auch manchmal nach dem Drehen getroffen hatte.129
»Wo sind denn die Fahrer?«
»Die sind alle weg!« Er blieb stehen und sah mich nachdenklich an. »Ham die dich etwa vergessen?«
Er nestelte sein Walkie-Talkie vom Gürtel und funkte den Aufnahmeleiter an, der bisher immer höchstpersönlich überwacht hatte, dass jeder in dem ihm zugewiesenen Wagen saß. Aber der war schon außerhalb der Reichweite des Walkie-Talkies.
»Du kannst mit mir mitfahren«, sagte Picco, mich mitleidig ansehend, »wir sind gleich fertig.«
Das saß. So sah die Wahrheit aus. Solange man mich brauchte, war ich alles, der Erste, der Mittelpunkt – sobald man mich nicht mehr brauchte, war ich nichts, der Letzte, aus dem Auge, aus dem Sinn: vergessen.
Wieder zuhause malte ich an die Innenseite der Tür meines Zimmers im Elternhaus einen riesigen Wasserhahn. Nach all diesem Irrsinn sollte er mich jeden Tag daran erinnern, was die wirklichen Probleme der Welt waren.
Meine Besucher dachten, es handele sich um Kunst.
»Die meisten Menschen haben kein sauberes Trinkwasser«, klärte ich sie auf, »deswegen verrecken sie elendiglich, während wir unsere Scheiße mit Trinkwasser runterspülen.«
Kurz darauf fand das jährliche Sommerfest meiner Alten statt. Wieder kamen diese ganzen »Gscheidles130« anmarschiert, brachten Blumen, Wein und Pralinen mit und kamen sich alle ganz toll vor. Sie waren ja durchaus ganz nett und vor allem oft ziemlich witzig – aber dass sie so unkonventionell und anders waren, wie sie von sich behaupteten, nahm ich ihnen schon lange nicht mehr ab.
Obwohl die Sonne am weißblauen Münchner Himmel aus voller Kraft strahlte, saß ein harter Kern Diskutanten im Wohnzimmer am langen massivhölzernen Couchtisch und sprach trotz der frühen Stunde bereits kräftig dem Alkohol zu. Zwei Wände des länglichen Raumes waren von oben bis unten mit Bücherregalen bestückt, alle mit durchgehenden Brettern, alle in gleicher Höhe, die Bücher oft in Zweierreihen und quer darüber gequetscht. In der Mitte der Längsseite gab es unten einen Durchbruch zum Elternschlafzimmer, durch den der Fernsehapparat, in den sie abends immer glotzten, geschoben werden konnte, wenn es etwas gab, das die ganze Familie sehen durfte oder sollte, was fast nie vorkam.
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