Kitabı oku: «Segretissimo, streng geheim!»
Christoph Franceschini
Segretissimo – Streng geheim!
Südtirol im Fadenkreuz fremder Mächte

Zum Buch
Werden die Anschläge in Südtirol vom Osten gesteuert? Eine zentrale Frage, der Reinhard Gehlen und der Bundesnachrichtendienst BND jahrelang nachgehen. Die Attentate der 1960er-Jahre locken zahlreiche Geheimdienste ins Land. Dabei werden Agents Provocateurs eingesetzt, fingierte Bombenanschläge verübt, illegale „schmutzige Aktionen“ durchgeführt, Spitzel enttarnt und umgedreht. Es kommt zu eigentümlichen Kooperationen wie etwa des BND mit italienischen Diensten, zu versuchten Entführungen in Innsbruck und zu Mordplänen gegen Landeshauptmann Silvius Magnago.
Stimmen zum ersten Band
„Eine Pionierarbeit mit einer Vielzahl unterschiedlichster Quellen, mit klugem Aufbau und flüssiger Schreibe.“
Erich Schmidt-Eenboom, Geheimdienstexperte
„Die Bozen- und Südtirol-Krimis verblassen bei dieser Geschichte über Agenten und Spione. Die Realität ist spannender und knisternder.“
Wolfgang Mayr, RAI Südtirol
„Franceschinis Buch liest sich wie ein mit Endnoten unterfütterter Spionage-Reißer.“
Joachim Leitner, Tiroler Tageszeitung
Die Drucklegung erfolgte mit freundlicher Unterstützung der Abteilung Deutsche Kultur der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol

© Edition Raetia, Bozen 2021
Umschlaggestaltung: Philipp Putzer, www.farbfabrik.it
Umschlagbilder: Titelseite Tatortbild des tödlichen Feuerüberfalls auf die beiden Beamten der Finanzwache Salvatore Cabitta und Giuseppe D’Ignoti am 24. Juli 1966 in St. Martin in Gsies (Foto: Carabinieri di Bolzano, Abate Salvatore, Fascicolo Fotografico, Landesgericht Bozen). Rückseite Reinhard Gehlen München, 7. April 1972 – wahrscheinlich das erste öffentliche Bild Gehlens, geschossen am Rande der Beerdigung von Franz Halder. (ap / Dieter Endlicher).
Druckvorstufe: Typoplus, Frangart
Printed in Europe
ISBN 978-88-7283-735-1
ISBN Ebook 978-88-7283-817-4
Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.
Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an info@raetia.com.
Inhalt
Vorwort
General Gehlen, Magnago & die „Stasi“
Der Mann im Vatikan
Viktoria Stadlmayer alias „Stasi“
„Kontakt mit der Firma“
50 V-Männer für Südtirol
Giovanni Gehlen & Südtirol
Aufregung um Terroristenausbildung
Der Vertrauensjournalist
Diener zweier Herren
SS-Seilschaften im Einsatz
Die Spur in den Osten
Nach Kenntnisnahme vernichten!
Das Wiener Handelskontor
Innsbrucker Jesuit und Professor
„Kleiner Jude“
Römischer Molotowcocktail
Notring für Südtirol
„Umdrehen“ eines Agenten
Der Doppelagent in Montecitorio
Geheimdienststudie zum Südtirol-Terrorismus
Jüdischer Agent der Gestapo?
Ausspähungsziel österreichische Botschaft
„Die Monopolstellung der SVP brechen“
Gefährliche Nachforschungen
Neuer Arbeitgeber BND
Heini, Ada & die „Pusterer Buben“
Gescheiterte Verhaftung
Im Dienste der Finanzwache: „Berta“ und das „Centro I“
Die Abrechnung
Die Schwägerin des Weihbischofs
Liebesgrüße aus Mailand
Bezahlte Bombenleger
Fall 1: Der Koffer des Georg Klotz
Der selbst ernannte Architekt
Informant John
Mord an Magnago
Fall 2: Der Söldner aus Belgien
Zechpreller und Nationalist
Anwerbung eines Kleinkriminellen
Anruf bei Oberst Marzollo
Nachspiel in Zürich
Nachrichtenbörse Wien, München, Rom
Der gestiefelte Kater
300 Spitzelberichte zum BAS
Professor als Führungsoffizier
Der jüdische Nachrichtenhändler
Der Schmetterlingsforscher
Das Doppelleben des Verlegers Sessler
Sesslers „ARP“ und „K4T“
„Speziell auch Tirol“
Treffen in Paris
Ein Wiener Gewohnheitsverbrecher
Gefährlicher Liebhaber
Die Anwerbung
Die zweite Bombe
Lockung und Abhörung von Klotz
Mata Hari in den Alpen
Vespa, notorische Schulden & Vatikan
Die Burger-Entführung
Agententreff am Brenner
Gefährliches Versteckspiel
De Lorenzos Spezialeinheit
Sprengfalle Landshuter Hütte
Abgehörte Telefongespräche
Versuchskaninchen Massak
Die Inszenierung
Tod auf der Porzescharte
Der Hinterhalt
Gemeinsamer Lokalaugenschein
Die Fälschung
Das Holzkästchen
Das Brieffragment
Anhang
Anmerkungen
Abkürzungen
Glossar
Personenregister
Bildnachweis
Danksagung
Der Autor
Vorwort
Es ist ein Lächeln, das sich irgendwo zwischen Unverständnis und Mitleid bewegt. So kann man die Reaktion vieler etablierter Historiker beschreiben, wenn man erklärt, dass man zum Thema Geheimdienste arbeitet. Die Beschäftigung mit den Nachrichtendiensten wird von der traditionellen Zeitgeschichtsforschung immer noch als obskure Leidenschaft abgetan oder dem Bereich der Verschwörungstheorien zugeordnet. Nur allzu gern überlassen die promovierten Geschichtswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler diese Materie den Journalistinnen und Journalisten. Wobei diese Berufsbezeichnung von der akademischen Kanzel herab meistens abwertend gemeint ist.
Dabei ist die Forschung im Bereich der Nachrichtendienste, etwa in den angelsächsischen Ländern, längst zu einer anerkannten wissenschaftlichen Disziplin geworden. In den USA, aber auch in Großbritannien sind die sogenannten „Intelligence Studies“ ein Teilbereich der akademischen Welt. Zudem haben Nachrichtendienste wie die US-amerikanische CIA (Central Intelligence Agency), der englische MI6 (Military Intelligence, Section 6) und inzwischen auch der deutsche BND (Bundesnachrichtendienst) eine Reihe von Historikerinnen und Historikern in ihren Reihen, die die Geschichte der eigenen Organisation akribisch aufarbeiten.
Während in Italien oder Österreich immer noch eine Kultur der völligen Abschottung, des Misstrauens und der Unzugänglichkeit nachrichtendienstlicher Archive vorherrscht (obwohl in Italien unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi per Gesetz eigentlich eine Öffnung nach 30 Jahren festgelegt wurde, hat man dieses Gesetz mangels Durchführungsbestimmungen bis heute nicht umgesetzt), sind in den USA, in England, in Deutschland oder auch in Tschechien die Archive der Dienste für Forscherinnen und Forscher sowie Interessierte im Sinne der Transparenz längst geöffnet worden.
Gerade hier aber prallen zwei Welten aufeinander: auf der einen Seite das Interesse der Forschung, Aktionen, Operationen und Hintergründe möglichst detailliert nachzuzeichnen, auf der anderen Seite die natürliche Aufgabe der Nachrichtendienste, ihre Arbeitsweise, ihre Methodik und vor allem ihre Spitzel, Agentinnen, Mitarbeiter, Informanten und Quellen vor einer Offenlegung zu schützen. Dass daraus ein kaum überbrückbarer Konflikt entsteht, wurde in den vergangenen Jahren im Rahmen der Arbeit der „Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945−1968“ (UHK) deutlich.
Doch trotz vieler Steine, die einem in den Weg gelegt werden, ist heute anhand der zugänglichen Akten und in Italien anhand vieler Akten aus verschlossenen Archiven der verschiedenen Sicherheitsbehörden, die in Gerichtsakten Hunderter Verfahren eingeflossen und damit zum größten Teil „deklassifiziert“, also freigegeben worden sind, eine seriöse Aufarbeitung dieser Vergangenheit und teilweise auch Gegenwart möglich.
Südtirol ist ein kleines und unter einigen Gesichtspunkten auch provinzielles Land an der Schnittstelle zwischen zwei Kulturen. Als wichtigste Alpentransversale war dieses Gebiet historisch dazu prädestiniert, zu einer Operationszone für Nachrichtendienste und zum Schauplatz verdeckter Aktionen verschiedenster in- und ausländischer Sicherheitsbehörden zu werden. In dieser Buchreihe werden einige dunkle und bisher unbekannte Kapitel dieser klandestinen Geschichte aufgearbeitet.
Es handelt sich um Regionalgeschichte mit einem klaren Bezug zur nationalen und internationalen Welt der Nachrichtendienste, aber auch um den Versuch, Akten aus Archiven in Deutschland, Italien, Österreich, der Schweiz, Tschechien und den USA zu einem Gesamtbild zu fügen, das dem Anspruch wissenschaftlicher historischer Forschung gerecht wird. Ob dieses Unterfangen erfolgreich war, wird die Zukunft weisen. Vor allem aber mögen das Berufenere beurteilen.
Auch im vorliegenden Band liegt der Fokus auf den sogenannten Südtiroler Bombenjahren. Dabei zeigt sich, dass aufseiten der Dienste immer wieder dieselben Personen am Werk waren und sich die Handlungsweisen in vielen Fällen mehr als nur ähneln. Südtirol war jahrelang die Trainingshalle für unorthodoxe, „schmutzige Aktionen“ vor allem der italienischen Nachrichtendienste. Hier wurde das vorbereitet, was man später die „Strategie der Spannung“ nannte, nämlich jene zahlreichen Terroranschläge der 1970er- und 80er-Jahre, die unter „falscher Flagge“ von italienischen Geheimdiensten, Rechtsextremisten und der Geheimloge P2 (Propaganda Due) ausgeführt wurden – mit dem Ziel, die Linke nach der Einbindung der Kommunistischen Partei (PCI) in die Regierung zu diskreditieren und den Staat zu destabilisieren. Bevor diese Aktionen auf nationaler Ebene umgesetzt wurden, erfolgte quasi der Probelauf in Südtirol.
Daraus aber den allzu einfachen Schluss zu ziehen − wie es heute von politisch motivierten Kräften immer wieder geschieht −, dass die Männer des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) allesamt Engel und gewissermaßen gewaltlos agierende Idealisten waren und alle Attentate und Vorfälle, bei denen es Tote gab, von den Geheimdiensten verübt wurden, ist nicht nur historisch falsch, sondern fahrlässig.
Was aber sicher stimmt: Einiges hat sich nicht so abgespielt, wie es bis heute dargestellt oder auch in den Gerichtsakten festgehalten wird. So etwa findet sich in diesem Buch unter anderem eine neue Lesart des blutigen Anschlages auf der Porzescharte, die sich weniger mit den Tätern als mit der Möglichkeit befasst, dass man im Nachhinein Beweise fabriziert hat, um ihrer habhaft zu werden.
Mit besonderer Genugtuung erfüllt es mich, dass das Interesse der Leserinnen und Leser an diesem Thema überwältigend ist. Zusammen mit dem vorliegenden Buch geht nämlich die dritte Auflage des 2020 erschienenen ersten Bandes „Geheimdienste, Agenten, Spione. Südtirol im Fadenkreuz fremder Mächte“ in Druck. Der erste Band hat weit über Südtirol hinaus Interesse und Aufmerksamkeit erregt.
Was mich dabei am meisten überrascht hat, sind die vielen Rückmeldungen, die ich erhalten habe und immer noch erhalte. Es haben sich Dutzende Menschen gemeldet, um mir Fakten, Erlebnisse und Details mitzuteilen, die mit jenen Personen und Ereignissen zusammenhängen, die im ersten Band beschrieben werden. Es sind zum Teil Ergänzungen, aber auch neue, äußerst interessante Aspekte, die einer Vertiefung bedürfen und ganz sicher in meine weiteren Arbeiten einfließen werden.
Jenen Kollegen, Mitstreiterinnen und Freunden, die mir bei meiner Forschungsarbeit in den vergangenen zwei Jahrzehnten selbstlos und kompetent mithilfe und Rat zur Seite gestanden haben und immer noch stehen, danke ich von Herzen. Ohne sie wären diese Bücher nie erschienen.
Den Leserinnen und Lesern wünsche ich eine aufschlussreiche und spannende Lektüre.
Christoph Franceschini
General Gehlen, Magnago & die „Stasi“

Südtirol-Expertin Viktoria Stadlmayer: „Direkter Draht zur Firma nach München“.
Reinhard Gehlen, Gründer und erster Präsident des BND hat ein persönliches Interesse und Naheverhältnis zu Südtirol. Aus seinem Vorzimmer wird jahrelang eine Informantin geführt, die über besonders exklusive Informationen zu Südtirol und dem „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) verfügt: Viktoria Stadlmayer. Es ist ein Kapitel der Tiroler Zeitgeschichte, das bis heute im Dunkeln liegt.
Es ist nicht einfach, das Schriftstück zu entziffern, das der Autor im März 2015 im Lesesaal in Pullach in den Händen hält. Zwei Jahre hatte er nach der Antragstellung gewartet, bis er Zugang zum Archiv des „Bundesnachrichtendienstes“ (BND) erhalten hat. Nun liegen die Akten endlich vor ihm. Über 2.500 Seiten zum Thema Südtirol, die vom Bereich Archivwesen des BND nach eingehender Prüfung deklassifiziert und mit etlichen Schwärzungen freigegeben wurden. In dem schmalen Akt geht es um eine Anfrage des Bayerischen Landeskriminalamtes (BLKA) an den BND in Sachen Südtirol und um die „Frage der Federführung in der Südtirol-Angelegenheit“.1 Darin enthalten ist eine handschriftliche Notiz, datiert auf den 28. November 1961:
Bei Rücksprache mit Dr. Lückrath habe ich den Eindruck gewonnen, dass unser Dienst viel mehr Verbindungen nach Südtirol hat, als in der uns vorliegenden Meldungsübersicht erscheinen. […] Dr. L. glaubt z. B. sicher zu sein, dass Dr. Magnago selbst in irgendeiner Verbindung zum BND steht. Bevor man die Vielzahl dieser möglichen Indiskretionspunkte nicht in den Griff bekommt, ist die Frage von L 180 aus hiesiger Sicht mir nicht möglich zu beantworten.2
Südtirols Landeshauptmann Silvius Magnago soll persönlich mit dem BND in Verbindung gestanden sein? Das wäre ein Clou. Aber zuerst ist es vor allem akribische Recherchearbeit, um die vielen Verbindungslinien zusammenzuführen und das komplexe System von Deck- und Tarnnamen zu enthüllen. Denn bereits diese wenigen handschriftlichen Zeilen machen eine grundsätzliche formale Schwierigkeit in der Beschäftigung mit den Nachrichtendiensten im Allgemeinen und mit dem BND im Besonderem deutlich: Die Abschottung nach außen aber auch nach innen gehört zur Natur von Nachrichtendiensten. Grundsätzlich versucht man die eigene Struktur so zu verschleiern, dass Außenstehende sich äußerst schwertun, die Organisation zu durchschauen und einzelne Dienststellen und Mitarbeiter zu identifizieren. Wie obiges Zitat zeigt, sollen sich Verbindungslinien auch intern nur einem kleinen Kreis erschließen. Alle Geheimdienste greifen deshalb nicht nur für ihre Spione und Agenten auf Deckbezeichnungen zurück, sondern auch das eigene Personal bekommt Decknamen, die es im Dienst verwenden muss. Diese Namen werden mit DN abgekürzt, was offiziell für „Dienstnamen“ steht.3 Ebenso werden alle Dienststellen und Abteilungen mit Tarnnamen oder Tarnchiffren versehen.
Heraus kommt dabei ein Gewirr an Zahlen, Bezeichnungen und Namen, das nur sehr schwer zu durchschauen und nachzuvollziehen ist. Erschwert wird das Ganze zudem dadurch, dass die gesamte Struktur periodisch immer wieder umbenannt wird – auch das eine Vorsichtsmaßnahme gegen eine Enttarnung durch feindliche Dienste – und dass eine Person oder eine Dienststelle gleichzeitig unter mehreren verschiedenen Decknamen und Tarnziffern operiert.
BND-Gründer und -Präsident Reinhard Gehlen: Persönliches Interesse an Südtirol.
Reinhard Gehlen, der Gründervater und Leiter der „Organisation Gehlen“ (Org.) und erster Präsident des BND, kultivierte diese Verwirrungstaktik besonders intensiv. Gehlen, der den DN „Dr. Schneider“ (umgangssprachlich innerhalb des BND auch „Professor“) trägt, operiert in der Org. zwischen 1947 und 1956 anfänglich unter der Tarnchiffre „34“, wechselte dann auf „50“ und später auf „88“. Als aus der Org. 1956 der „Bundesnachrichtendienst“ (BND) wird, firmiert der Chef zuerst als „70“, dann jahrelang als „160“ oder „363“.4
Bei jedem Chiffrenwechsel änderte auch die gesamte BND-Struktur ihre Bezeichnungen. So wurden etwa enge Mitarbeiter der Dienststellenleiter entweder durch den alphabetischen Zusatz a bis z oder durch römische Ziffern gekennzeichnet. „160/I“ zum Beispiel war der persönliche Referent von Reinhard Gehlen, „160/II“ seine persönliche Sekretärin und Büroleiterin.
Weil es bis heute keinerlei wirklich schematische Übersicht über die Tarnziffern und Decknamen gibt, ist bereits eine Rekonstruktion der handelnden Dienststellen und Personen eine detektivische Kleinarbeit. Dem Berliner Historiker Ronny Heidenreich, Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (UHK), gebührt das Verdienst, 2019 erstmals einen solchen Überblick zusammengestellt und publiziert zu haben.5 Wer also ist dieser „Dr. Lückrath“, der im November 1961 mutmaßt, dass der Südtiroler Landeshauptmann und langjährige Obmann der Südtiroler Volkspartei Silvius Magnago direkte Kontakte zum BND habe?
Hinter dem DN „Lückrath“ verbirgt sich Hans Georg Langemann (1925–2004). Der Jurist aus Westfalen kommt 1957 zum BND und macht eine steile Karriere. „Lückrath“, der die Tarnziffer 348a führt, wird zu einer der engsten Vertrauenspersonen von Reinhard Gehlen. Als der BND-Gründer 1968 in Pension geht, wird „Lückrath“ als BND-Resident nach Rom versetzt, also als offizieller Vertreter des BND in Italien. Dort betreut er weiterhin sein weltweit verzweigtes Spitzelnetz, bis er 1970 aus dem BND ausscheidet. Langemann landet in der Bayerischen Staatskanzlei, zuerst als Sicherheitsberater für die Olympischen Spiele in München 1972 und dann als Leiter der neuen Abteilung „Staatsschutz“ im bayerischen Innenministerium. Im Mai 1982 wird der oberste bayerische Staatsschützer verhaftet. Langemann wird beschuldigt, zwei Journalisten interne Informationen und Dokumente über BND-Operationen weitergegeben zu haben. Er wird eineinhalb Jahre später deshalb auch zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.6
Hans Langemann alias „Lückrath“ wird Anfang der 1960er-Jahre innerhalb des BND zu einem der wichtigsten Akteure im „Strategischen Dienst“. Dabei handelt es sich um eine Art Geheimdienst im Geheimdienst. Diese Struktur ist rund zwei Jahrzehnte lang abgeschirmt vom restlichen BND in allen Bereichen tätig, sammelt Meldungen, führt im In- und Ausland Agenten und Zuträger und finanziert und organisiert nachrichtendienstliche Operationen. Die Hauptaufgabe des „Strategischen Dienstes“ ist es dabei vor allem, Reinhard Gehlen zuzuarbeiten. Der mächtige BND-Präsident hält sich somit eine Art Sonderdienst, den er von Beginn an mit absoluten Vertrauensleuten besetzt.
An der Spitze des „Strategischen Dienstes“ (Tarnchiffre „180“) steht der in der Notiz genannte „L 180“, wobei das L für „Leiter“ steht. Dabei handelt es sich um Wolfgang Langkau (1903–1991), einen ehemaligen Artillerieinspekteur der Wehrmacht, der nach Erfahrungen in der Abwehr bereits Anfang der 1950er-Jahre zur Org. kommt. Langkau (DN „Holten“ oder „Langendorf“, Tarnziffer „180“ oder „273“) steht wie Reinhard Gehlen im Generalsrang und wird im BND zu dessen rechter Hand. Die beiden Generäle Gehlen und Langkau prägen mit ihren militärischen Umgangsformen zuerst die „Organisation Gehlen“ und dann den BND nachhaltig. General Langkau alias „Holten“ hat seinen Dienstsitz in Pullach in der ehemaligen Villa von Hitlers Geliebter Eva Braun. Deshalb trägt das weltweit verbreitete Agentennetz des „Strategischen Dienstes“, das Hans Langemann alias „Lückrath“ in den 1960er-Jahren aufbaut, auch den Titel „Operation EVA“.7
Hans Langemann alias „Lückrath“ (beim Prozess in den 1980er-Jahren): Vermutet kommunistischen Einfluss in der Südtirol-Frage.
Bei „Lückrath“ und „Holten“ laufen im BND jahrelang alle Fäden in Sachen Südtirol zusammen. Zuständig für die außenpolitische Aufklärung, bereiten sie die Informationen für Reinhard Gehlen vor und beeinflussen nachhaltig die Gangart des deutschen Nachrichtendienstes in der heißen Phase des Südtirol-Konflikts.
Daneben gibt es noch einen weiteren engen Gehlen-Vertrauten, der zuerst innerhalb der Org. und dann im BND von Beginn an in Sachen Südtirol mitmischt: Hans Walter Julius Winter (1915–1985), von Studium und Beruf Mediziner, wird 1948 von Reinhard Gehlen persönlich für den deutschen Nachrichtendienst angeworben. Winter, der den DN „Wilden“ trägt, ist jahrzehntelang in Pullach in leitenden Positionen tätig, unter anderem als Leiter der BND-Abteilung „Verbindung zu den Partnerdiensten“ (Tarnziffer „424“).
Es sind also innerhalb der deutschen Geheimdienste eine Handvoll Personen mit dem Thema Südtirol betraut, aus den BND-Akten geht jedoch eines eindeutig hervor: Es ist vor allem Reinhard Gehlen, der ein besonderes Interesse an Südtirol hat. Der mächtige BND-Chef greift im Laufe der Jahre immer wieder in Geheimdienstabläufe ein und wird auch selbst tätig.
Fortsetzung
Der Mann im Vatikan
Der BND hat einen hochkarätigen Kleriker aus dem Vatikan in seinen Diensten. Es handelt sich um einen Südtiroler Latinisten, dessen tiefgründige Analysen bestechend sind.
Der „Lagebericht über Südtirol“ trägt das Datum 3. Mai 1961. In dem Schreiben heißt es:
Es ist keine große Genugtuung für den Berichterstatter, wenn er melden muss, dass die früher gemachten Voraussagen über eine Zunahme der Terrorakte durch die Ereignisse in den letzten Wochen bestätigt wurden.
Trotz fieberhafter und systematischer Tätigkeit der italienischen Behörden gelang es noch nicht, einen der Sprengstofftäter zu finden. Das bestätigt die frühere Vermutung, dass eine verhältnismäßig kleine, aber gut organisierte Gruppe am Werke ist. Es dürfte heute auch kaum mehr ein Zweifel daran bestehen, dass die Terroristengruppe nach einem genau überlegten Plan arbeitet. Es wird nur Sachschaden zugefügt, es geht den Terroristen um die psychologische Wirkung. Ohne es zu wollen, unterstützen die italienischen Behörden mit ihren Maßnahmen diese Zielsetzungen: Sie richten sich vornehmlich auf die lokalen Spitzen der SVP und der Südtiroler Schützen; diese werden beinahe in ganz Südtirol systematisch verhört und verhaftet, um dann nach einigen Tagen wieder freigelassen zu werden, weil man nichts Belastendes feststellen konnte. […] Die dadurch hervorgerufene Unruhe in Südtirol und die zunehmende Verbitterung der Bevölkerung über die willkürlichen Verhaftungen waren wohl ein Ziel der Terroristen. Für die weitere Entwicklung scheint die Feststellung nicht unerheblich zu sein, dass die Südtiroler Bevölkerung über die Sprengstoffanschläge in ihrer Mehrheit keineswegs entrüstet ist, sondern sie mit einer gewissen Schadenfreude verfolgt, mit Ausnahme natürlich jener Kreise, die am Fremdenverkehr interessiert sind.
Für die Terroristen ist diese Haltung der Südtiroler eine gute Ausgangsstellung, um ihre Aktionen zu intensivieren. Ob sie damit einen von der Bevölkerung aktiv mitgetragenen Aufstand vorbereiten wollen, kann nicht festgestellt werden.8
Dies ist nur einer von Dutzenden solcher Lageberichte, die heute im Archiv des BND ruhen. Gezeichnet sind sie mit einer Datumsangabe in römischen Ziffern und dem Kürzel „SV EGG.“ Die Abkürzung SV steht dabei für „Sonderverbindung“. Die Sonderverbindungen im BND sind eine ganz eigene Kategorie von Mitarbeitern. Der langjährige Chef-Historiker des BND Bodo Hechelhammer beschreibt sie als „hochgestellte Persönlichkeiten mit größten Einblicks- und Einwirkungsmöglichkeiten, die zur Unterstützung begrenzter ND-Vorhaben [ND = Nachrichtendienst – Anm. d. Autors] herangezogen werden.“9
In einem internen BND-Papier werden die Sonderverbindungen wie folgt charakterisiert:
Personen, die, ohne selbst Mitglied des BND zu sein, ständig oder fallweise zur Gewinnung von Erkenntnissen oder sonstigen nachrichtendienstlichen Hilfestellungen zur Verfügung stehen und, zumindest fallweise, in die nachrichtendienstlichen Zusammenhänge eingeweiht sind. Sie können für ihre Tätigkeit eine materielle oder ideelle Hilfe erhalten.10
„SV EGG“ ist eine dieser Sonderverbindungen, die zwischen 1960 und 1965 Analysen über Südtirol und die dortige Situation abliefern. Es sind historische Dokumente, die auch heute noch ihren Wert haben. „SV EGG“ ist ein Intellektueller, der über beste Kontakte zur hohen Politik, aber auch zur Kirche verfügt. Das geht aus all seinen Berichten hervor. So verfasst „EGG“ etwa im Oktober 1961 einen 35-Seiten-Bericht zu Südtirol, der nicht nur von einer beeindruckenden Detailgenauigkeit ist, sondern vor allem mit großem Insiderwissen und einer bestechenden Analysefähigkeit alle wichtigen Bereiche der damaligen Krisensituation rund um Südtirol beschreibt. „Erstaunlich ist der Erkenntnisstand und das Eindringen in die Hintergründe“, urteilt man in Pullach über die Arbeit dieses Südtirol-Fachmanns.11
„SV EGG“ wird deshalb vom BND auch vermehrt als Gutachter eingesetzt. Das heißt: Dem Mitarbeiter werden die Berichte anderer Informanten und Agenten über Südtirol zugestellt. Er verfasst dann Gutachten über die Meldungen, die in Pullach eintreffen. Sehr oft geht „SV EGG“ dabei mit den BND-Informanten hart ins Gericht und deckt Fehler, falsche Einschätzungen und Ungenauigkeiten in den Meldungen auf.
Aus den Akten geht auch hervor, dass die Sonderverbindung „EGG“ von General Wolfgang Langkau (DN „Langendorf“) angeworben und geführt wird und dass diese Sonderverbindung ursprünglich in einem anderen Bereich als Südtirol tätig ist. So schreibt Wolfgang Langkau im Herbst 1960 an die Sekretärin und Vertraute von BND-Chef Reinhard Gehlen Annelore Krüger (DN „Kunze“)12:
Lagebericht von Sonderverbindung „EGG“: Inhaltsangabe eines 35 Seiten langen Berichtes über Südtirol.
Meine SV EGG, die in diesem Zusammenhang vermehrt herangezogen wird und auch einen Gesprächspartner für ST [gemeint ist Südtirol – Anm. des Autors] abgeben könnte.13
Dass die Berichterstattung über Südtirol nur eine Art Nebenprodukt ist, wird klar, wenn man weiß, in welchem Bereich „SV EGG“ seine Haupttätigkeit für den BND entfaltet. Sein Spezialgebiet ist die Kirche. Das geht aus einem „Verteiler von Ausarbeitungen über Angelegenheiten im Kirchlichen Bereich“ hervor, in dem der BND jene Fachleute auflistet, die in Sachen Vatikan und Kirche mit geheimen Informationen versorgt werden. In der Anweisung heißt es:
„Geheim“- und „Vertraulich“-Stempel auf den Informationen müssen weggeschnitten werden, dafür Stempel „Meldedienstliche Verschlusssache“; grundsätzlich ohne Vorblätter und lediglich mit Datum versehen.14
Es ist ein hoch exklusiver Empfängerkreis, der in dem Verteiler angeführt ist: elf Personen, die vorwiegend mit ihren Decknamen gekennzeichnet sind. So steht der Deckname „Zepter“ für den CDU-Politiker und Bundesminister für besondere Aufgaben Heinrich Krone (1895–1989), der Deckname „Globus“ für Konrad Adenauers Staatssekretär und Vertrauensmann Hans Globke (1898–1973). Hinter dem Decknamen „Du“ verbirgt sich der Leiter der Katholischen Akademie Bayerns Karl Forster (1928–1981). „Eigenheim“ steht für den Erzbischof von München und Freising Kardinal Julius Döpfner (1913–1976), „Künstler“ für den evangelischen Militärbischof Hermann Kunst (1907–1999) und „Ob“ für den Journalisten und Herausgeber des „Rheinischen Merkur“ Otto Bernhard Roegele (1920–2005).
Es werden aber auch einige Empfänger mit Klarnamen angeführt. Es sind der Berliner Generalvikar Walter Adolph (1902–1972), der Regensburger Bischof Rudolf Graber (1903–1992), dessen Bruder Siegfried Graber (DN „Gay“) hauptberuflich für den BND tätig ist, und der damalige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Rainer Barzel (1924–2006). Auf der Liste finden sich aber auch zwei Personen mit einem direkten Bezug zu Südtirol.
Einer der Empfänger der kirchlichen Nachrichten ist ein „Dr. Spaten“. Es ist der Deckname für Johannes Schauff (1902–1990). Schauff wird 1932 als jüngster Abgeordneter der Zentrumspartei in den Reichstag gewählt. Ab 1934 steht er mit Widerstandskreisen in Verbindung. 1934 reist er erstmals nach Brasilien, wo er wenig später einer der Gründer von „Rolândia“ wird, einer Kolonie für deutsche Auswanderer. 1937 zieht Johannes Schauff mit seiner Familie nach Rom, ein Jahr später wandern sie nach Brasilien in die „Rolândia“ aus, wo Schauff eine Farm erwirbt.
Streng geheime BND-Verteilerliste: Südtirol-Fachmann „EGG“ an erster Stelle.
Zwei Jahre nach Kriegsende kehrt Schauff nach Rom zurück. Der Jurist, der enge Beziehungen zu Bundespräsident Heinrich Lübke (1894−1972) hat, arbeitet nun für die deutsche Politik als Vermittler und Emissär. Zudem hat Schauff beste Kontakte zum Vatikan. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils finden wichtige Verhandlungen in seiner Wohnung in Rom statt.
Einer der Fixpunkte des Kosmopoliten ist zeit seines Lebens aber Südtirol. Karin und Johannes Schauff haben in Bozen eine Wohnung, jahrzehntelang lebt die gesamte Familie in Sterzing. Nach ihrer Rückkehr aus Brasilien zieht die Familie Schauff in den Ansitz „Löwenegg“ in Thuins bei Sterzing ein. Bereits in den 1930er-Jahren hatte der deutsche Theologe Ludwig Kaas (1881–1952) den Ansitz erworben. Kaas war Vorsitzender der Zentrumspartei und einer der Mentoren von Schauff, 1934 wird er Sekretär des Kardinalskollegiums im Vatikan und Domherr des Petersdoms. 1952, nach dem Tod von Ludwig Kaas, kaufen Karin und Johannes Schauff das herrschaftliche Anwesen.
Johannes Schauff wird einer der renommiertesten Südtirol-Experten der deutschen Nachkriegsregierungen. Bei der sogenannten Rückoption und den Kriegsentschädigungen wird Schauff zum wichtigsten Verhandler zwischen Bozen und Rom. So ist er der Kopf des „Beratungsausschusses für Umsiedlungsgeschädigte“ und arbeitet dabei eng mit SVP-Politikern wie Karl Mitterdorfer zusammen.15 Schauff ist auch eng mit Kanonikus Michael Gamper befreundet. Weniger bekannt ist, dass Johannes Schauff unter dem Decknamen „Dr. Spaten“ als Sonderverbindung für den BND tätig ist. Schauff gehört dabei von Anfang an zum engeren Kreis um BND-Präsident Reinhard Gehlen.
Besonders interessant aber ist der erste Name, der auf der Empfängerliste des erwähnten „Verteilers von Ausarbeitungen über Angelegenheiten im Kirchlichen Bereich“ steht, nämlich „EGG“. Wer ist nun dieser Mann, der in der BND-Hierarchie noch über Bundesministern und deutschen Bischöfen zu stehen scheint? Klar ist: „EGG“ muss auch in der Kirche eine besondere Rolle einnehmen. Und er muss ein Südtiroler sein. Auch das geht aus dem internen BND-Schriftverkehr hervor. So fragt der „Strategische Dienst“ im BND im Jänner 1962 bei Wolfgang Langkau zu einem Lagebericht von „SV EGG“ zu Südtirol nach: „Da der Verfasser in der Materie lebt, hat er neue Erkenntnisse?“16
Hinter „SV EGG“ verbirgt sich ein kaum bekannter Südtiroler Theologe, der im Vatikan jahrzehntelang eine Spitzenposition einnimmt: Karl „Carolus“ Egger (1914–2003). Karl Egger, der sich auch Carlo oder Carolus Egger nennt, wird am 10. Februar 1914 in Silz bei Innsbruck geboren und wächst in Sterzing auf, von wo seine Familie stammt. Nach dem Besuch des Vinzentinums in Brixen tritt er 1933 einem Konvent der lateranensischen Chorherren in Gubbio bei und wird 1937 zum Priester geweiht. Er promoviert am päpstlichen Institut Angelicum in Theologie und an der römischen Universität La Sapienza in alter Literatur und Philosophie. Seit seinen Oberschuljahren widmet sich Karl Egger der lateinischen Sprache. 1942 wird er zum privaten Hauslehrer der Neffen von Papst Pius XII. 1949 beruft ihn Papst Pius XII. zum Mitarbeiter des „Ufficio Latino“ im Vatikanischen Staatssekretariat. Schon bald steigt der Südtiroler Priester dort zum Chef-Latinisten des Vatikans auf. Egger dient unter fünf verschiedenen Päpsten als Leiter des lateinischen Büros. Unter Paul VI. gründet der Vatikan die Stiftung „Latinitas“, der er bis zu seinem Tod als Präsident und Ehrenpräsident vorstehen wird.17
Abt und Chef-Latinist Karl Egger: Jahrelang Spitzenquelle des BND im Vatikan.
Carolus Egger hat als Abtprimas − darunter versteht man den obersten Leiter einer Ordensgemeinschaft − der Augustiner Chorherren 1961 die Windesheimer Kongregation der lateranensischen Chorherren wiederbelebt und 1963 in Tor Lupara bei Rom ein erstes Kloster errichtet. 1974 folgt dann eine weitere Klostergründung in Paring bei Regensburg. Dort verstirbt Karl Egger am 1. September 2003.
Während des Zweiten Weltkriegs wird Karl Egger von Papst Pius XII. beauftragt, in Rom als eine Art Vermittler zu den deutschen Besatzern zu fungieren. Da Egger deutscher Muttersprache ist, gelingt es ihm, in direkten Kontakt mit deutschen Generälen zu kommen. Egger kann so vielen Flüchtlingen helfen − vor allem Juden. Unmittelbar nach Kriegsende ist er auch als Seelsorger in den Gefangenenlagern tätig, in denen die Alliierten deutsche Nazis und Soldaten in Italien internieren.
Aus dieser Zeit dürften auch die Kontakte stammen, die in den 1950er-Jahren den Lateinexperten aus dem Vatikan schließlich zur Sonderverbindung des BND machen. Der hohe Status, den „SV EGG“ beim deutschen Nachrichtendienst einnimmt, hat einen einfachen Grund. Im Vatikan ist Latein die Amtssprache, alle Dokumente werden auf Latein verfasst und dann erst in die verschiedenen Sprachen übersetzt. Das heißt: Mit dem Chef-Latinisten hatte der BND einen Mann im Vatikan, der jede öffentliche Stellungnahme des Papstes oder des Staatssekretariats, jede Enzyklika und sämtliche Dokumente der römischen Kurie zu sehen bekommt, lange bevor diese an die Öffentlichkeit gehen. Karl Egger nimmt in diesem Sinne auch beim Zweiten Vatikanischen Konzil und bei der anschließenden Reform der katholischen Liturgie eine führende Rolle ein. Eine solche Spitzenquelle ist für jeden Nachrichtendienst unbezahlbar.
Sonderverbindung „EGG“ dürfte bei mehreren Operationen des BND aktiv mitgewirkt haben, so etwa bei der Operation „Pomeranze“, die der Autor aus den ihm vorliegenden Akten leider nicht rekonstruieren kann. Sicher ist jedoch, dass General Wolfgang Langkau alias „Langendorf“ „seine Sonderverbindung EGG“ ab 1960 vermehrt in Südtirol-Angelegenheiten einsetzt. Eggers Lageberichte und Stellungnahmen zeugen von beeindruckendem Detailwissen. So ist etwa die Darstellung der SVP-internen Kämpfe zwischen der Gruppe um Silvius Magnago und der Gruppe „Aufbau“, die „EGG“ im Herbst 1961 nach Pullach schickt, eine politische Analyse, die sich wie ein Krimi liest. Hier ist ein Gelehrter am Werk, der schreiben kann. Der Mann hat direkte Verbindungen zu Südtiroler Geistlichen und zu Politikern, die dem Chef-Latinisten immer wieder vertrauliche Informationen aus erster Hand liefern. Einer davon ist der SVP-Gründer und Parlamentsabgeordnete Friedl Volgger. So heißt es in einer Stellungnahme von „EGG“ zur „kommunistischen Taktik in Südtirol“:
Dr. Fr. Volgger hat dem Berichterstatter persönlich über seine Kontaktaufnahme mit jugoslawischen Stellen berichtet. Der Berichterstatter hat Dr. Volgger in keiner Weise kommunistische Gesinnung unterstellt, da er ihn ja kennt.18
Dass sich Friedl Volgger und Karl Egger bestens kennen, hat einen einfachen Hintergrund. Beide stammen aus dem Sterzinger Raum und sind 1914 geboren. Volgger und Egger haben auch gemeinsam das Gymnasium Vinzentinum in Brixen besucht.
Viktoria Stadlmayer alias „Stasi“
Anfang Mai 1963 wird der Innsbrucker Universitätsassistent und BAS-Mann Norbert Burger von der deutschen Polizei verhaftet. Bei der Durchsuchung einer konspirativen Wohnung in München am 7. Mai 1963 stellen die Beamten des Bayerischen Landeskriminalamtes auch ein Buchmanuskript sicher. Das Schriftstück mit dem Titel „Die Nachfolger des Judas von Tirol“ ist über 100 Seiten lang. Norbert Burger gibt im Verhör vor der Polizei zu, der Verfasser des Werkes zu sein.19 Im Manuskript geht Burger auch auf die Rolle von Viktoria Stadlmayer, der Leiterin des Südtirol-Referates in der Tiroler Landesregierung, im sogenannten Südtiroler Freiheitskampf ein. Burger erinnert an eine Aussprache mit Stadlmayer, die über Vermittlung des Innsbrucker BAS-Mannes Helmuth Heuberger im Juli 1961 im Haus des damaligen Chefs der Innsbrucker BAS-Gruppe Heinrich Klier stattgefunden haben soll. Dann schreibt Norbert Burger:
Immer wieder taucht die Vermutung auf, dass der Bundesdeutsche Nachrichtendienst, die Organisation Gehlen, ihre Hand bei der Aufdeckung der Südtiroler Freiheitskämpfer im Spiel haben könnte. Die mannigfaltigsten Spekulationen und Kombinationen wurden angestellt. Warum aber in die Ferne schweifen, wenn das Gute (oder hier das Böse) liegt so nah?
Schließlich wissen es nicht nur die Nachrichtenoffiziere in München, dass Frau Doktor Stadlmayer zum Chef dieses Nachrichtendienstes, General Gehlen, intime Beziehungen pflegt.20
Ein harter und absurder Vorwurf? Eine Verleumdung? Könnte sein, denn das Verhältnis zwischen Viktoria Stadlmayer und Norbert Burger gleicht jenem zwischen Hund und Katze. Die Nordtiroler Leiterin des Südtirol-Referates hat alles nur Mögliche unternommen, um den Einfluss des Rechtsradikalen und späteren Gründers der österreichischen Nationaldemokratischen Partei (NDP) Norbert Burger in und um Südtirol zu schmälern. Andererseits hatte Norbert Burger durchaus Kontakte zu BND-Mitarbeitern, demnach könnte einer dieser BND-Leute, die mit den rechten Kreisen um Burger sympathisiert haben, diese Geschichte durchgestochen haben. Tatsache ist, dass der Kontakt Gehlen-Stadlmayer nicht aus der Luft gegriffen ist. Das belegen die Akten aus dem BND-Archiv.
Fast alle Berichte aus und über Südtirol gehen direkt zum Leiter des Nachrichtendienstes Reinhard Gehlen. Der Chef der Org. und des BND hat ein besonderes Interesse an Südtirol, er selbst und sein engstes Umfeld sind in den 1950er- und 1960er-Jahren in Sachen Südtirol nachrichtendienstlich aktiv tätig. Das zeigt neben vielen anderen Dokumenten auch eine unscheinbare Notiz in den Pullacher Akten zu Südtirol. Anfang 1965 verfasst der Leiter der Abteilung „Gegenspionage“, Hans Georg Langemann alias „Lückrath“, einen Übersichtsbericht über den „Kommunistischen Einfluss in der Südtirol-Frage“, der für Reinhard Gehlen persönlich bestimmt ist. „Nach Abflauen der Hauptattentatswellen war der BND in der Südtirol-Frage nur mehr rezeptiv tätig, ohne aktive Aufklärungsoperationen zu betreiben“, schreibt Lückrath einleitend. Der Bericht geht wenig später an den Verfasser zurück, versehen mit einer handschriftlichen Anmerkung seines Vorgesetzten Wolfgang Langkau genau an dieser Stelle. Langkau schreibt: „Laut 106 nicht zutreffend, da eigene Quellen bzw. Operationen bei 106 laufen.“21 Hinter der Tarnziffer „106“ verbirgt sich Reinhard Gehlen, der Gründer und erste Präsident des BND. Gehlen ist tatsächlich jahrelang persönlich in die Nachrichtenbeschaffung rund um Südtirol involviert und er kann dabei auf eine ganz besondere Quelle zurückgreifen.
Gehlen-Notiz zu Norbert Burger: Das geschwungene G des BND-Präsidenten als Signatur.
Viktoria Stadlmayer (1917–2004) wird bis heute als die Grande Dame der Südtirol-Politik bezeichnet. In Brixen als Tochter des österreichischen Offiziers Rüdiger Stadlmayer und der Gräfin Elisabeth von Wolkenstein-Trostburg geboren, wächst sie im Netz des europäischen Hochadels auf. Ihre Kindheit und Jugend sind durch häufige Ortswechsel geprägt. So lebt sie in Korneuburg, Bad Reichenhall, Aigen bei Salzburg, Eisenerz, Wien, Wallsee, Dortmund, Kramsach, Berlin und Ostpommern. Die Sommerwochen verbringt sie dabei immer wieder auf der Trostburg in Waidbruck.22
Bereits als junges Mädchen sympathisiert Viktoria Stadlmayer mit dem NS-Regime. Noch als Schülerin am Innsbrucker Mädchengymnasium wird sie 1934 Mädelschaftsführerin im „Bund Deutscher Mädchen“ (BDM) und im Juni 1935 wegen ihrer illegalen NS-Aktivitäten aus der Schule ausgeschlossen. Stadlmayer legt deshalb 1936 ihre Reifeprüfung in Berlin ab und beginnt dort an der Deutschen Hochschule für Politik ein Studium der Politikwissenschaft. Nach dem Anschluss Österreichs wechselt sie an die Uni Wien, wo sie Geschichte und Volkskunde studiert. Nebenbei fungiert sie als Blockwart der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. 1938 tritt sie der NSDAP bei. Ihren Mitgliedsantrag stellt sie als „alte Kämpferin“23.
Nach der Promotion in Wien 1941 wechselt sie in die Gauverwaltung nach Innsbruck, wo sie im „Institut für Landes- und Volksforschung“ tätig wird. Ihre Hauptaufgabe ist dort vor allem die Presseauswertung und die politische Analyse zu Südtirol. Genau das wird dann das Thema sein, das Viktoria Stadlmayer zeit ihres Lebens begleiten wird.
Als „NS minderbelastet“ eingestuft, arbeitet Stadlmayer ab Sommer 1945 in der bei der Tiroler Landesregierung neu eingerichteten „Landesstelle für Südtirol“. Später wird daraus das „Referat S“ werden. Die resolute Frau knüpft somit wieder dort an, wo sie zu Kriegsende aufgehört hat. Schon bald geht in der österreichischen Südtirol-Politik nichts mehr ohne „die Stadlmayer“. Sie wird nicht nur der Kopf des Südtirol-Referats, sondern auch Mitglied der österreichischen Expertenkommission, die mit Italien über Südtirol verhandeln soll. Eine sechswöchige Haft im Mai/Juni 1961 in Bozen macht Viktoria Stadlmayer international bekannt und zu einer Galionsfigur des Südtirol-Konflikts. Die Hofrätin (zu der sie 1969 ernannt wird) und ihr Amt werden so jahrzehntelang zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für Journalisten, Wissenschaftler und Politiker, die sich mit Südtirol beschäftigen.
Schon sehr bald entwickelt aber auch der deutsche Nachrichtendienst Interesse an Viktoria Stadlmayer und ihrem Wissen um Südtirol. Das geht aus den Akten hervor, die 55 Jahre später vom BND freigegeben werden. Offiziell ist der Name der Quelle zwar geschwärzt, doch bei genauerer Recherche wird schnell klar, dass Stadlmayer jahrzehntelang den bundesdeutschen Nachrichtendienst mit Informationen versorgt hat. Die Innsbrucker Hofrätin wird in Pullach mit einem Decknamen bedacht, der sich an ihren Schreibnamen anlehnt, aber einen ganz besonderen Beigeschmack hat. Stadlmayer wird spätestens ab 1962 vom BND als Sonderverbindung „Stasi“ geführt.24
Viktoria Stadlmayer (nach ihrer Freilassung im Juni 1961 am Brenner): Jahrelang Informationen zu Südtirol nach Pullach geliefert.
Die Zusammenarbeit mit Viktoria Stadlmayer dürfte aber bereits in den 1950er-Jahren unter der Org. begonnen haben. Die Innsbrucker Südtirol-Expertin wird dabei von Beginn an in der obersten Leitungsebene des deutschen Nachrichtendienstes angesiedelt. Ihre Informationen werden anfänglich vom engen Intimus von Reinhard Gehlen Hans Walter Julius Winter (1915–1985), Deckname „Wilden“, ausgewertet. Nach der Umwandlung der Org. in den BND wird Stadlmayer 1957 dann als „Quelle 70“ in Pullach registriert. Auch das macht deutlich, dass Burgers Manuskript nicht aus der Luft gegriffen ist. Denn hinter der Tarnziffer „70“ verbirgt sich zu diesem Zeitpunkt BND-Präsident Reinhard Gehlen.
Nachrichtendienstlich geführt wird Viktoria Stadlmayer von einer Frau, die innerhalb des BND den eindeutig größten Einfluss auf Reinhard Gehlen hat und deren Biografie einige Parallelen zum Lebensweg der Innsbrucker Hofrätin aufweist. Annelore Krüger (1922–2012) wird als Tochter eines Arztes in der pommerischen Kleinstadt Köslin im heutigen Polen geboren. 1940 legt sie die Reifeprüfung ab, besucht zuerst eine Fremdsprachenschule (Englisch/Spanisch), um dann ein Studium aufzunehmen. Doch sie wird kriegsdienstverpflichtet und landet schließlich bei Gehlens Abteilung „Fremde Heere Ost“ (FHO). Dort baut die 20-jährige Schreibkraft zuerst eine „Bandenkartei“ auf und wird dann als Sekretärin in das Vorzimmer Reinhard Gehlens versetzt. Auf eigenen Wunsch wird sie schließlich im Referat „Feindpropaganda“ tätig, wo sie vor allem die ausländische Presse auswertet. Als Reinhard Gehlen nach der Kapitulation mit seinen engsten Getreuen und den wichtigsten Akten aus dem FHO-Archiv in eine Berghütte nach Bayern flieht, ist auch Krüger mit dabei.25
Todesanzeige für Gehlens rechte Hand und Geliebte Annelore Krüger: Unter ihrem Alias „Kunze“ führte sie auch die Sonderverbindung „Stasi“.
Auch im Nachkriegsdeutschland bleibt Annelore Krüger ihrem Chef treu. Mit 1. Mai 1947 wird die junge Frau formal von der Org. übernommen. Sie wird nicht nur zur Vorzimmerdame und wichtigsten Mitarbeiterin von Reinhard Gehlen, sondern sie ist bis zu seinem Tod auch die Geliebte des Leiters des deutschen Nachrichtendienstes. Annelore Krüger tritt schließlich in den BND ein, wird zuerst Beamtin, und Gehlen schafft es über Staatssekretär Hans Globke, dass seine Büroleiterin 1961 mit 39 Jahren zur Regierungsrätin und drei Jahre später zur Oberregierungsrätin befördert wird. Für Reinhard Gehlen ist Annelore Krüger eine absolute Vertrauensperson, deshalb bindet er sie von Beginn an auch in seine nachrichtendienstliche Arbeit voll ein. Gehlen übergibt seiner Geliebten dabei besonders sensible Aufgaben. So ist Annelore Krüger jahrzehntelang unter dem Decknamen „Kunze“ und der Tarnziffer „106/II“ (unter dieser firmieren auch andere Mitarbeiter) Teil der operativen Arbeit des BND und seines Chefs. Das heißt: Sie leitet Operationen und sie führt auch selbst Quellen, die zumeist von Gehlen persönlich angeworben werden.
Annelore Krüger alias „Kunze“ führt so auch die Sonderverbindung „Stasi“. Dabei dürften sich die beiden Frauen durchaus gut verstanden haben. Fast gleich alt (Krüger ist fünf Jahre jünger), mit ähnlichem Lebensweg, beide mit Bezug zu Pommern: Viktoria Stadlmayer hat dort familiäre Beziehungen und in ihrer Kindheit und Jugend immer wieder Zeit dort verbracht, Krüger kommt aus Pommern. In den BND-Akten finden sich Dutzende Protokolle von Besprechungen zwischen „Kunze“ und „Stasi“ aus den Jahren 1956 bis 1968. Aus den Akten geht dabei auch hervor, dass Viktoria Stadlmayer bewusst immer wieder die Hilfe von Reinhard Gehlen und des BND in Sachen Südtirol eingefordert hat. Anfänglich geht es in den Berichten vor allem um die politischen Entwicklungen in Südtirol und um eine mögliche Unterstützung durch deutsche Stellen. Stadlmayer berichtet dabei mehrmals auch über die Haltung und Initiativen von Otto von Habsburg in Sachen Südtirol. So beschreibt sie auch ein Treffen, das Ende 1956 zwischen dem Sohn des letzten österreichischen Kaisers und dem Südtiroler Nachrichtenoffizier Christoph Alexander von Hartungen (auch „Cristofero De Hartungen“) stattgefunden hat. Von Hartungen war Agent des faschistischen Nachrichtendienstes „Servizio Informazioni Militare“ (SIM) gewesen, hatte in den letzten Kriegsjahren mit dem US-amerikanischen „Office of Strategic Service“ (OSS) und dem italienischen Widerstand zusammengearbeitet und war auch nach dem Krieg für den italienischen Militärnachrichtendienst tätig. Hartungen nahm sich 1959 unter mysteriösen Umständen in Südtirol das Leben.26 Im BND-Bericht von „Kunze“ heißt es: „Der Onkel von Major Hartungen ist Hausarzt von [Name geschwärzt – Anm. d. Autors] in Innsbruck.“27. Gemeint ist hier der bekannte österreichisch-italienische Kurarzt Erhard Hartung von Hartungen (1880–1962), der als Pensionist in Innsbruck noch eine Reihe von Privatpatientinnen betreute. Unter ihnen war auch Viktoria Stadlmayer.28 Dass Stadlmayer Details über die Haltung Ottos von Habsburg zu Südtirol und dessen politische Überzeugung nach Pullach übermitteln kann, liegt daran, dass beim besagten Treffen auch ihr Cousin Dietrich von Wolkenstein-Trostburg mit von der Partie ist. Der gebildete Adelige, Anhänger der Weltföderalisten, der 1961 für den deutschen Zweig dieser Bewegung auch ein Buch veröffentlicht,29 ist ein Freund von Christoph Alexander von Hartungen. Von ihm dürfte Stadlmayer die Details erfahren haben.

Besprechung mit Quelle „70“: Kündigt Kundgebung von Sigmundskron an.
In einem weiteren Gesprächsprotokoll „Kunzes“ nach einer Besprechung mit Stadlmayer wird eine weitere Südtiroler Verbindung zur Org. und Reinhard Gehlen angesprochen, auf die man durch Friedl Volgger (1914–1997) aufmerksam wurde. Der Journalist, SVP-Funktionär und ehemalige Abgeordnete des italienischen Parlaments lässt in einem vertraulichen Gespräch 1956 durchblicken, dass er einen Südtiroler BND-Kontakt namentlich kenne. In Pullach will man die Indiskretionsstelle ausmachen. Auch hier ist die Innsbrucker Informantin zur Stelle. Annelore Krüger notiert:
Kurz vor dem Tode von Kanonikus Gamper [Michael Gamper, Direktor und Chefredakteur der Tageszeitung „Dolomiten“ – Anm. d. Autors], als dieser schon krank und sehr deprimiert gewesen sei, habe Baron von L. ihm – um ihn etwas aufzumuntern und zu trösten – über Erich Amonn mitteilen lassen, dass er Verbindung zu uns habe und dass auf Hilfe von dieser Seite gerechnet werden könnte. Da Volgger für Kanonikus G. gearbeitet hat, liegt die Vermutung nahe, dass er es von ihm erfahren hat.30
Bei Baron von L. handelt es sich um Karl von Lutterotti (1886–1964), der in direktem Kontakt mit Reinhard und auch dessen Bruder Johannes „Giovanni“ Gehlen steht, der jahrzehntelang für den BND in Rom tätig ist. Der Kalterer Anwalt ist Funktionsträger des Malteserordens und auch Besitzer und Hausherr des Trentiner Ansitzes „Fontanasanta“, in dem Viktoria Stadlmayer immer wieder zu Gast ist.31 Außerdem betreut von Lutterotti als Anwalt auch die Agenden der Familie von Wolkenstein-Trostburg.
Am 4. November 1957 findet eine weitere Besprechung zwischen Krüger und Stadlmayer statt. Diesmal ist aber nicht nur Krüger alias „Kunze“, sondern auch Reinhard Gehlen persönlich anwesend. Dabei äußert sich Viktoria Stadlmayer besorgt „über den wachsenden Einfluss der italienischen Wirtschaft in Österreich“. Als Beispiel führt sie die Beteiligung eines italienischen Unternehmens an einem Stickstoffwerk in Lienz an. Die Nordtiroler Südtirol-Expertin spricht – laut BND-Protokoll – beim Treffen aber auch eine Person an, deren Hintergrund wir aus dem ersten Band kennen: Carlo Bernardo Zanetti (1908−1981).
Zanettis Lebensweg liest sich wie ein Krimi. In einem Frankfurter Vorort als Sohn einer Eisverkäuferfamilie aus dem bellunesischen Cadore geboren, wird er in den 1930er-Jahren von den Nationalsozialisten als „kommunistischer Spion“ verhaftet und nach Verbüßung seiner Haftstrafe nach Italien abgeschoben, wo er von der faschistischen Geheimpolizei OVRA verhört und beschattet wird. In den letzten Kriegsjahren angeblich im Widerstand bei Como tätig, lässt sich Carlo Bernardo Zanetti nach 1945 in Südtirol nieder, wo er schon bald zum ersten Landessekretär der Südtiroler Sektion der italienischen Kommunistischen Partei (PCI) wird. Zudem ist Zanetti in der kommunistischen Gewerkschaft CGIL tätig. Ab 1955 beginnt der perfekt zweisprachige Deutsch-Italiener, der sich in Südtirol „Professor Karl Bernhard Zanetti“ nennt, als Übersetzer für den Regionalrat zu arbeiten. Seine Arbeitsstelle ist vorwiegend der Südtiroler Landtag. Dabei arbeitet Zanetti 40 Jahre lang unter den Decknamen „Mumelter“ oder „98“ als bezahlter Informant für das „Ufficio Affari Riservati“ (UAR) des italienischen Innenministeriums. Der Chefübersetzer des Landtags ist jahrzehntelang ein Top-Informant, der wöchentlich Berichte vor allem über das Innenleben der SVP und die politische und wirtschaftliche Entwicklung in Südtirol nach Rom übermittelt.32
In der besagten BND-Aktennotiz über die Besprechung Annelore Krügers mit Viktoria Stadlmayer wird Zanetti sogar als „der“ Mann der Südtiroler Gewerkschaften mit weitgehendem Einblick bezeichnet:
[Name geschwärzt – Anm. d. Autors] befürchtet die kommunistische Unterwanderung im eigenen Bereich. Als Übersetzer im Landhaus und maßgeblich in der Südtiroler Gewerkschaft sei ein Carlo Bernardo Zanetti aus Bozen, der sich auch Karl Bernhard nennt. […] [Name geschwärzt – Anm. d. Autors] schilderte ihn als äußerst intelligent und versiert in Gewerkschaftsangelegenheiten, von denen die Südtiroler keine Ahnung hätten. Er wäre z. Zt. der Mann dort und hätte weitgehenden Einblick. Merkwürdig sei sein Berliner Dialekt, den er durch einige Jahre Aufenthalt dort angenommen haben will. Was kann man dagegen tun?33
An diesem Tag informiert Stadlmayer den BND-Präsidenten aber auch vorab über eine historische Zäsur. Die SVP plant zu dieser Zeit eine Protestkundgebung, die zwei Wochen später auf Schloss Sigmundskron stattfinden wird. Vor 35.000 Zuhörerinnen und Zuhörern wird Silvius Magnago an diesem Tag mit dem Slogan „Los von Trient“ publikumswirksam die Forderung nach Abtrennung von der Region Trentino-Südtirol und nach einer eigenen Landesautonomie für Südtirol erheben. Die Innsbrucker Informantin nimmt beim Treffen mit dem BND diese politische Entwicklung vorweg. In der Aktennotiz des BND dazu heißt es:
Die Spannung in Südtirol nehme immer mehr zu. Kundgebung am 17.11., bei der es zu Zusammenstößen mit Italienern kommen kann. Plan der Trennung der Gebiete Bozen und Trient wäre eine Möglichkeit zur Lösung des Problems.34
Die Reaktion aus Pullach: „70 [Reinhard Gehlen – Anm. d. Autors] will versuchen die Amerikaner dafür zu interessieren“, steht in der Aktennotiz. Das heißt nichts anderes, als dass Reinhard Gehlen den Plan des „Los von Trient“ seinen Partnern aus der „Central Intelligence Agency“ (CIA) vorlegen will. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, in denen der BND-Präsident persönlich auf die Wünsche und Anliegen der Sonderverbindung „Stasi“ eingeht. So auch, als Stadlmayer bei besagtem Treffen darüber berichtet, dass der damalige Direktor der Deutschen Bank Hermann Abs daran denke, eine Liechtensteiner Holding zur finanziellen Unterstützung der Südtiroler zu gründen. Auch hier sichert Reinhard Gehlen zu, mit den Amerikanern zu reden.
Bereits vier Monate zuvor hat Viktoria Stadlmayer in einer Besprechung mit Gehlens Vertrauter ein besonderes Anliegen vorgebracht, bei dem es um einen Tiroler Adeligen geht und bei dem sich der BND-Gründer persönlich einbringt – und damit beweist, wie sehr er sich in dieser Phase an Südtirol interessiert zeigt. Der Adelige ist Ferdinand von Cles (1907–1982), in Hall in Tirol geboren und aufgewachsen in Cles im Trentino und in Meran, wo seine Familie jeweils Schlösser besitzt. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften und Philosophie in Innsbruck, Wien, Berlin und Paris beginnt der Baron in Rom als Journalist zu arbeiten. Als Korrespondent der „Neuen Freien Presse“, der „Berliner Börsenzeitung“ und für das „Neue Wiener Tagblatt“ setzt sein Vater 1939 durch, dass die Familie ihren Wohnsitz offiziell von Cles nach Meran verlegen und somit für Deutschland optieren kann. Ferdinand von Cles leistet 1941/42 seinen Kriegsdienst bei der deutschen Luftwaffe und kehrt 1943 als Pressereferent der deutschen Botschaft nach Rom zurück. Mit dem Anrücken der Alliierten zieht er nach Meran und fungiert als deutscher Presseattaché in der faschistischen Rumpfrepublik von Salò.
In den ersten Nachkriegsjahren lebt von Cles mit seiner Frau und zwei Kindern als freier Schriftsteller auf Schloss Rottenstein in Meran/Obermais. Im Mai 1948 wird er von den italienischen Behörden aber wegen „antiitalienischer Propaganda“ des Landes verwiesen. Obwohl seine Familie in Meran und später in Cles lebt, halten die italienischen Behörden diesen Landesverweis bis 1963 aufrecht. Ein kurioses Detail am Rande: Der Unterstaatssekretär im Ministerratspräsidium, der Anfang der 1950er-Jahre mehrmals das Einreiseverbot verlängert, ist kein Geringerer als der spätere Langzeitministerpräsident Giulio Andreotti (1919–2013).35
Baron Ferdinand von Cles (Foto aus dem Akt des italienischen Innenministeriums): Will als Südtirol-Propagandist in die USA gehen, BND soll ihm Abdeckung als Journalist geben.
In den 1950er-Jahren lebt Ferdinand von Cles als Journalist und Schriftsteller in Bonn. Viktoria Stadlmayer meldet dem BND, dass der Adelige für sechs Monate in die USA gehen wolle, um dort Vorträge über Südtirol zu halten. Diese Propagandaarbeit würde in Wien aber auf Widerstand stoßen. Viktoria Stadlmayer erklärt, dass von Cles einiges „in ihrem Sinne bewirken könnte“, und ersucht auch hier den BND um Hilfe. Diese Äußerung zeigt, dass die Strategien in Bezug auf Südtirol zwischen Wien und Innsbruck nicht deckungsgleich sind. Reinhard Gehlen sagt auch diese Unterstützung zu:
70 [Reinhard Gehlen – Anm. d. Autors] schlägt vor, ihm einen Pressehintergrund zu schaffen („Rheinischer Merkur“ nicht zweckmäßig). Er würde für die Reise 20.000,– DM benötigen, die in monatlichen Raten von 3.500,– DM von uns gestellt werden könnten.36
Welche hochtrabenden Pläne man in diesem geheimen Zirkel schmiedet, zeigt sich an einem anderen Punkt des Aktenvermerks. Bei dieser Aussprache im November 1957 geht es auch um einen amerikanischen Senator, den man für die Südtirol-Frage einschalten könnte. Der Demokrat sei mit einer Französin verheiratet und habe erst kürzlich für die Selbstständigkeit Algeriens plädiert. Im BND-Protokoll wird auch der Name des Politikers festgehalten: Gemeint ist kein Geringerer als der spätere US-Präsident John F. Kennedy (1917–1963).
Mit dem Auftauchen des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) und dem Aufflammen der Attentate verschiebt sich der Fokus der Berichterstattung an den BND von der weltpolitischen Bühne eindeutig in Richtung dieser illegalen Untergrundbewegung. Viktoria Stadlmayer alias „Stasi“ übergibt an „Kunze“ jahrelang Notizen, Dokumente und Kurzbiografien einzelner Personen. In den BND-Akten in Pullach finden sich Dutzende schriftliche Informationen zu verschiedenen Akteuren rund um den BAS. Dabei fällt auf, dass viele davon handschriftlich von Viktoria Stadlmayer ergänzt wurden. Zudem finden sich auch im Nachlass der langjährigen Nordtiroler Landesbeamtin deckungsgleiche Berichte, aus denen eindeutig hervorgeht, dass sie von Stadlmayer verfasst wurden.37
Immer wieder richtet die Innsbrucker Hofrätin dabei konkrete Aufklärungswünsche an den deutschen Nachrichtendienst. Stadlmayer lässt Personen abklären, schwärzt andere an und betreibt im wahrsten Sinne des Wortes Ermittlungsarbeit. Die Südtirol-Referentin der Tiroler Landesregierung schießt dabei vor allem gegen Norbert Burger und Wolfgang Pfaundler. Im November 1962 etwa teilt sie mit, dass ein Freund von Wolfgang Pfaundler mit einem falschen deutschen Personalausweis nach Südtirol fährt. Stadlmayer übermittelt die Daten des Ausweises nach Pullach. Annelore Krüger alias „Kunze“ lässt die involvierten Personen vom BND in München und Ingolstadt überprüfen, um herauszubekommen, wer den Ausweis ausgestellt hat. In einem internen Vermerk gibt „Kunze“ das Ergebnis wieder und schreibt dann:
Es wird gebeten, ohne Absprache mit 106/II [also mit ihr selbst – Anm. d. Autors] Maßnahmen zu treffen und zunächst keine Polizeidienststellen oder Behörden einzuschalten.38
Auch diese Dienstanweisung macht deutlich, dass man an der Spitze des deutschen Nachrichtendienstes nicht direkt gegen den BAS vorgehen will. Am 15. August 1963 findet eine weitere Besprechung zwischen „Kunze“ und „Stasi“ statt:
[Name geschwärzt – Anm. d. Autors] ist beunruhigt über die Entwicklung der Lage in Südtirol. Sie hat erfahren, dass in Kürze mit weiteren Sprengstoffanschlägen zu rechnen ist, die auch vor Blutvergießen nicht zurückschrecken, z. B. Attentate gegen Züge usw.
[Name geschwärzt – Anm. d. Autors] bittet dringend um Unterstützung bei der Klärung der Hintermänner dieser Aktion. Sie wusste, dass Pfaundler wieder beteiligt sei, aber die eigentlichen Drahtzieher seien noch unbekannt.39
Gleichzeitig ersucht Stadlmayer den BND um Entsendung eines Beobachters zum Prozess gegen die Carabinieri, die wegen der Misshandlungen der BAS-Leute in Trient Ende August 1963 vor Gericht stehen.
Aus den BND-Akten geht klar hervor, dass die resolute Hofrätin einen besonderen Status in Pullach hat, der auch darauf gründen dürfte, dass es zwischen Reinhard Gehlen und Viktoria Stadlmayer von Beginn an eine gemeinsame Grundüberzeugung gibt. Beide gehen davon aus, dass die Südtirol-Attentate aus dem Osten gesteuert und angefeuert werden.
Diese Überzeugung ist auch ein immer wiederkehrendes Narrativ in Stadlmayers Berichten. So berichtet Hans Georg Langemann alias „Lückrath“ in einem internen Schreiben Ende April 1963:
Als Anlage 3 wird ein Schreiben der Dienststelle Reinhard vom 2.4.1963 beigefügt, in dem erklärt wird, dortige Qu. [= Quelle – Anm. d. Autors] Stasi habe unmissverständlich geäußert, ihr lägen einwandfreie Informationen vor, dass der nach eigenen Aussagen für einen Großteil der Sprengstoffattentate verantwortliche Dr. Norbert Burger aus der SBZ [Sowjetische Besatzungszone, später DDR – Anm. d. Autors] gesteuert werde. Da durch diese Feststellung, falls sie beweiserheblich untermauert werden könnte, der zu Beginn der Südtirol-Krise im Jahre 1960 durch 106 [Reinhard Gehlen – Anm. d. Autors] pers. erteilte Auftrag – Feststellung möglicher Oststeuerung der Attentate – erfüllt werden könnte, wird vorgeschlagen, Qu. Stasi baldmöglichst in dieser Angelegenheit aufzusuchen.40
Das Schreiben der Dienststelle „Reinhard“, auf das „Lückrath“ hier hinweist, fasst einen Bericht eines anderen österreichischen BND-Agenten zusammen, der in engem Kontakt mit Viktoria Stadlmayer steht.
„Kontakt mit der Firma“
Der Wiener Adelige Otto von Eiselsberg (1917–2001) studiert Rechtswissenschaften und besucht zwischen 1936 und 1938 die Konsularakademie Wien. 1949 tritt er in den Dienst des österreichischen Außenministeriums ein, wird Sekretär von Außenminister Karl Gruber (1909−1995) und arbeitet dann als Diplomat, Vizebotschafter und Botschafter in London, Genf, Canberra, Moskau, Tokio und Paris. Ab Ende der 1950er-Jahre arbeitet Otto von Eiselsberg unter dem Decknamen „Talon“ und der Decknummer „V-7331“ als bezahlter Informant für den BND. Ab 1960 wird der damals an der österreichischen Botschaft in Paris stationierte Diplomat für den BND zu einer wichtigen Quelle in Sachen Südtirol.41
Otto von Eiselsberg ist ein profunder Kenner des Südtirol-Problems, vor allem aber hat er in Nordtirol einen engen Freundeskreis, der sich aktiv mit Südtirol beschäftigt. Zu nennen sind hier Franz Gschnitzer (1899−1968), Staatssekretär im österreichischen Außenamt und Obmann des Bergisel-Bundes (BIB), der Tiroler Landesrat und BAS-Vertraute Aloys Oberhammer (1900−1983) sowie der Diplomat Carl Heinz Bobleter (1912–1984), damals Leiter der österreichischen Mission bei der OECD in Paris und ehemaliger Mitschüler Eiselsbergs. Einen ganz besonderen Draht hat der BND-Mitarbeiter aber vor allem zu Viktoria Stadlmayer. In einem der BND-Berichte wird eingangs festgehalten:
Quelle sprach in Innsbruck am 20.6. nachm. die Südtirol-Referentin der Tiroler Landesregierung, mit der er seit Kindheit eng befreundet ist, Frau Dr. Vict. Stadlmayer.42
Jahrelang erhält „V-7331“ in diesem informellen Netzwerk absolut vertrauliche Informationen über die österreichische Südtirol-Politik, die politischen Spannungen zwischen Wien und Innsbruck, aber auch über die Entwicklung innerhalb des BAS. Zudem erfüllt der BND-Informant auf Weisung seines Dienstgebers in Pullach immer wieder Ermittlungsaufträge und stellt konkrete Nachforschungen über Personen oder Vorgänge rund um den BAS an, etwa über die Rolle des Wiener Verlegers Fritz Molden oder über Wolfgang Pfaundler und die Affäre um das aufgeflogene Waffenlager am Innsbrucker Haydnplatz.43 Den Großteil seiner Berichte lässt „V-7331“ von seinem Dienstsitz an der österreichischen Botschaft in Paris, wo er von 1960 bis Ende 1963 als Legionsrat tätig ist, per Kurier nach München liefern. Geführt wird der BND-Agent von Siegfried Ungermann (DN „Schröder“ und Tarnziffer „512“), der bereits in der Kriegszeit zusammen mit Reinhard Gehlen in der Abteilung „Fremde Heere Ost“ (FHO) als Nachrichtenoffizier tätig war und danach mit Gehlen zuerst zu Org. und dann in den BND wechselt. In einem internen BND-Vermerk über den Mitarbeiter Otto von Eiselsberg heißt es:
Diplomat und BND-Informant Otto von Eiselsberg (1979 in Nizza): „Stadlmayer ist mit dem Berichter durch Abstammung und Erziehung seit Kindheit verbunden.“
V-7331 ist Anfang August 1961 in München. […] Es besteht die Möglichkeit, V-7331 zu dem Gesamtkomplex Südtirol, das dem MA [Abkürzung für Mitarbeiter – Anm. d. Autors] besonders am Herzen liegt, zu befragen. Weiterhin ist es möglich, V-7331 spezielle Fragen und Themen, die der Klärung bedürfen, vorzulegen, da er über sehr gute Beziehungen zur österreichischen Regierung, resp. zur Tiroler Landesregierung in Innsbruck verfügt, die eine eingehende Klärung ermöglichen und erleichtern.44
Otto von Eiselsberg ist innerhalb des BND für den „Strategischen Dienst“ tätig. Als Berufsdiplomat fühlt er sich berufen, die Südtirol-Krise im globalen Zusammenhang zu analysieren. So schreibt „V-7331“ im August 1961:
In Südtirol besteht ein zunehmend stärkerer Wille, sich gegen die italienische Bedrückung aufzulehnen. Diese Auflehnung wird insbesondere von solchen Personen getragen, die während des 2. Weltkrieges in der deutschen Wehrmacht gekämpft haben und vielleicht z. Z. des Dritten Reiches eine mehr als minder bedeutende Rolle in nationaler Richtung gespielt haben. Über diese emotionelle Aufstandsbewegung lagern sich im Verlauf der Zeit verschiedene andere Elemente, u. a. eine nicht ausschließbare Ostblockeinwirkung […], genauso wie es auch denkbar ist, dass z. B. die USA über Fritz Molden in den Komplex eingreift. Vor einigen Monaten wurde V-7331 von dem sog. „Gesandten Libik“ (in Wahrheit CIA-Exponent bei der US-Botschaft in Paris) auf das Südtirol-Problem angesprochen.45
Ende 1963 kehrt Otto von Eiselsberg nach Wien ins österreichische Außenministerium zurück, wo er bis 1966 tätig ist, zuerst als Personalchef und dann als Leiter der Ostabteilung. Ende 1967 wird der BND-Informant dann zum österreichischen Botschafter in Japan ernannt. Eiselsberg bleibt bis Mai 1971 in Tokio.46
In all diesen Jahren berichtet „V-7331“ dem BND nicht nur über Österreichs Außenpolitik oder seine Gastländer, sondern immer wieder auch über Südtirol. Der Diplomat bleibt vor allem mit Viktoria Stadlmayer und Carl Heinz Bobleter in Kontakt und meldet alles nach Pullach. Der BND führt „V-7331“ ab 1961 als „Mitarbeiter“, was auf eine kontinuierliche finanzielle Entschädigung aus Pullach schließen lässt.
Im Frühjahr 1963 berichtet „V-7331“ über eine Aussprache mit Viktoria Stadlmayer, in der diese über Norbert Burger herzieht. Im BND-Bericht heißt es:
Er ist nach einwandfreien Informationen Verbindungsmann für ehemalige SS-Leute, die von der SBZ aus über Bayern nach Oberösterreich gesteuert werden. Von dieser Gruppe werden die Sprengstoffanschläge in Italien organisiert und durchgeführt. Mit einer Verstärkung dieser Sprengstoffanschläge ist zu rechnen, da sie ein Teilglied einer Ostaktion gegen die EWG einerseits bilden und andererseits einen italienischen Einspruch hervorrufen sollen, der die österreichische EWG-Mitgliedschaft verhindert.47
Viktoria Stadlmayer echauffiert sich laut diesem Bericht bei Otto von Eiselsberg alias „V-7331“, dass sie „um dringenden Kontakt zur Firma gebeten habe“, diese sich aber nicht gemeldet hätte. Innerhalb des BND ist „Firma“ die gängige Bezeichnung für den Nachrichtendienst selbst. Stadlmayer ersucht Otto von Eiselsberg, unmittelbar einen ihr bekannten Mitarbeiter des BND zu kontaktieren: „Dr. Ohlendorf“. Im Bericht heißt es dann weiter:
Jedoch wies V-7331 wahrheitsgemäß darauf hin, dass sein letzter Kontakt zu diesem vor etwa sechs oder sieben Jahren bestanden hat und er daher kaum eine Möglichkeit sieht, ihrem Wunsch heute zu entsprechen. Die Verbindung V-7331-Ohlendorf war kein ND-Kontakt [ND = Nachrichtendienst – Anm. d. Autors], sondern im Zusammenhang mit irgendwelchen Freimaurer-Angelegenheiten entstanden. […] V-7331 kann sich Frau Dr. St. gegenüber nicht exponieren.48
Hier fällt auf, dass der Sachbearbeiter, der über 50 Jahre später für den Autor die Akten zur Einsicht in Pullach aufbereitet, etwas geschlampt hat. Er hat nämlich vergessen, das „Frau Dr. St.“, das für Viktoria Stadlmayer steht, wie vorgesehen zu schwärzen.
Stadlmayers Wunsch hat einen klaren Hintergrund. Dr. Gert Ohlendorf (*1910), DN „Oheimb“ und Tarnnummer „V-54“, ist einer der ältesten Mitarbeiter von Reinhard Gehlen. Der Arzt stößt als einer der Ersten bereits 1946 zur Org. „Oheimb“ arbeitet danach bis zu seiner Pensionierung 1975 für den BND, tätig in der Abteilung „Sonderverbindungen“. Er ist es auch, der sechs Jahre zuvor auf Weisung von Reinhard Gehlen jene Operation leitet, mit der Ferdinand von Cles in die USA geschickt werden soll, um für Südtirol Stimmung zu machen. Spätestens damals dürften sich Stadlmayer und Gert Ohlendorf kennengelernt haben.
Der BND bemüht aber keinesfalls „Oheimb“, sondern es ist wiederum die Gehlen-Vertraute Annelore Krüger, die sich am 21. April 1963 mit Stadlmayer trifft. „Stasi“ kann dabei außer einigen Zeitungsberichten aber keine konkreten Beweise für die angebliche Oststeuerung der Attentate vorlegen. Zwei Jahre später wiederholt sich die Geschichte. „V-7331“ meldet am 21. Juni 1966 nach Pullach:
Die Südtirol-Referentin in der Tiroler Landesregierung, eine durchaus seriöse Persönlichkeit, Frau Dr. Victoria Stadlmayer – seit Jahrzehnten auch bekannt und befreundet mit dem Südtirol-Exponenten in der Bundesregierung in Wien, C. Bobleter – hat dem Berichter, mit dem sie ebenfalls durch Abstammung und Erziehung seit Kindheit verbunden ist – expressis verbis unter vier Augen gesagt, dass sie selbst nunmehr endlich die Beweise dafür in der Hand habe, dass es die SBZ sei, die immer wieder im Südtiroler Raum Unruhe stifte.

Vermerk über Treffen mit „Stasi“: „Übergab Berichte und Zeitungsausschnitte.“
Ihr seien die Namen zweier männlicher Personen bekannt, von denen der eine ein 20-jähriger Innsbrucker Student sei, dem ein Angehöriger der sogen. „DDR“ Ös 20.000,– versprochen habe, wenn er entweder in Südtirol einen Hochspannungsmasten sprenge oder einen Mikrofilm (Spielmaterial?) aus Triest nach Tirol schmuggle. Der Student habe, nach eingehender Befragung durch Frau Dr. Stadlmayer, den Namen des SBZ-Mannes preisgegeben. Die Südtirol-Referentin war im Zweifel, ob sie den Fall der österreichischen Staatspolizei bekannt geben und Verfolgung einleiten lassen solle – oder lieber einen zur Verfügung stehenden „Draht” nach München benützen solle. Es wurde ihr vom Berichterstatter zum Zweiten geraten – auch in Anbetracht der stark rötlich durchsetzten österr. Polizei.49
Auch diesmal ist es die Aufgabe von Annelore Krüger, die Kohlen aus dem Feuer zu holen. „Frl. Kunze wird Stasi ins Gebet nehmen und um nähere Angaben zur Sache bitten“, heißt es in einer handschriftlichen Anmerkung zum Bericht. Auch diesmal kommt dabei aber nicht viel heraus.
Viktoria Stadlmayer scheint von der Idee der Oststeuerung wie besessen. Im April 1968 wiederholt sie ihre Auffassung, dass östliche Kräfte hinter den Anschlägen in Südtirol stehen. Otto von Eiselsberg („V-7331“) leitet die Stadlmayer-Aussagen in einem langen Bericht nach Pullach weiter:
Die österreichische Staatspolizei ermittelt seit einigen Monaten gegen die wirklichen Hintermänner der sogenannten Südtirol-Terroristen, die mit Sprengstoffanschlägen die italienischen Sicherheitsorgane seit längerer Zeit in Atem halten. Hauptaugenmerk hierbei sind die Verbindungen dieser Männer zu Oststaaten. Die Ermittlungen sind im Großen und Ganzen erfolgreich gewesen und werden in wenigen Wochen abgeschlossen sein.50
Stadlmayer behauptet, in die Ermittlungsakten der Staatspolizei Einsicht genommen zu haben. Aus diesen Akten gehe hervor, dass sich die östlichen Dienste dabei eines Kreises „supernationaler Österreicher“ bediene, die aus der früheren NSDAP oder dem „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ (SD) stammen sollen. Die Innsbrucker Landesbeamtin gibt dann konkrete Details und Namen der verwickelten Personen weiter, darunter Norbert Burger, Hermann Munk, Erhard Hartung von Hartungen junior, Peter Kienesberger, Karl Schafferer und Hansjörg Humer.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat sich die Stimmung in Pullach aber grundlegend geändert. Reinhard Gehlen wird im Frühjahr 1968 als Leiter des BND von Gerhard Wessel abgelöst und geht mit 1. Mai 1968 in Rente. Damit verblasst auch der Stern der Innsbrucker Informantin „Stasi“ in Pullach. Die Dienststelle „Politische Auswertung“ im „Strategischen Dienst“, die Otto von Eiselsberg führt, antwortet sichtlich genervt, „dass sie kein Interesse an Mutmaßungen habe. Augenscheinlich lägen keine Beweise vor, da diese von der österreichischen Regierung zu ihrer Entlastung zweifellos benutzt worden wären.“51 Auch Annelore Krüger scheint mit ihrem Latein am Ende. Die Gehlen-Vertraute schreibt an den „Strategischen Dienst“:
Anliegender Vorgang mit Dank zurück. Ich habe mich gegenüber [Name geschwärzt – Anm. d. Autors] absichtlich zurückgehalten. Mir persönlich wäre es auch lieber, wenn sie diese innerösterreichischen Sicherheitsprobleme mit der dortigen STAPO [Staatspolizei − Anm. d. Autors] klären würde. – Was sollen wir dabei tun? Können ihre Quellen [Geschwärzt – Anm. d. Autors] in vorsichtiger Form auf die Zuständigkeit der STAPO hinweisen? 52
Mit der Ära Gehlen dürfte damit auch die Verbindung der Quelle „Stasi“ zum BND zu Ende gehen.
Was den direkten Draht von Silvius Magnago zum BND betrifft, der in der handschriftlichen Notiz von Hans Georg Langemann alias „Lückrath“ angedeutet wird, kann man nur spekulieren. 1960 meldet Carlo Bernardo Zanetti alias „Mumelter“ dem UAR als seinem Auftraggeber im römischen Innenministerium, dass der Südtiroler Landeshauptmann im Kontakt mit einem Hamburger Reeder stehe sowie laufende Verbindungen zum „Ruhr-Rhein-Club“ in Essen habe.53 Es handelt sich dabei um einen elitären Zirkel, der als Art Denkfabrik jahrzehntelang die deutsche und internationale Nachkriegspolitik nachhaltig beeinflusst. Heute weiß man, dass die „Organisation Gehlen“ und der BND in diesem Männerclub von Anfang an ihre Finger mit im Spiel hatten.
Demnach könnte Silvius Magnago über diese Schiene wirklich in Kontakt mit dem BND gekommen sein.
50 V-Männer für Südtirol

Geschwärzter BND-Vermerk (September 1963): „… wegen des außenpolitischen Gewichts der Südtirol-Frage“.
Über vier Dutzend Agenten und Zuträger informieren den BND über die Entwicklung in Südtirol. Vor allem über alte Seilschaften aus der SS und den SD versucht der deutsche Nachrichtendienst Kontakte aufzubauen. Eine besondere Rolle spielen dabei die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS“ (HIAG) und ein Ferienhaus in Jenesien.
Das Schicksal der deutschsprachigen Minderheit in Norditalien und die politische Entwicklung rund um Südtirol sind auch in der jungen Bundesrepublik politisch ein immer wiederkehrendes Thema. Auch der deutsche Auslandsnachrichtendienst wirft von Anfang an ein Auge auf die ethnische Minderheit in Italien. Viele Akteure, die zuerst in der „Organisation Gehlen“ (Org.) und dann im „Bundesnachrichtendienst“ (BND) tätig sind, haben aus der Kriegszeit noch persönliche Verbindungen zu und nach Südtirol. Somit rückt das kleine Land zwischen Eisack, Etsch und Rienz unweigerlich in den Fokus des deutschen Geheimdienstes.
Als Anfang der 1960er-Jahre der „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) mit seinen Anschlägen gegen faschistische Denkmäler, Volkswohnbauten und Strommasten beginnt, weckt die illegale Untergrundbewegung auch das sicherheitspolitische Interesse des BND. Vor allem die Frage, ob die Anschläge der Südtiroler Separatisten vom Osten gesteuert sind, wird zu einem immer wiederkehrenden Narrativ in den Berichten des Nachrichtendienstes. Ein möglicher Konfliktherd mitten in Europa ist im beginnenden Kalten Krieg ein Gefahrenpotenzial, das nicht nur beim BND ernsthafte Befürchtungen auslöst.
So verwundert es nicht, dass sich im BND-Archiv ein umfassender Bestand an Akten zu Südtirol findet. Es handelt sich dabei jedoch nicht um einen einheitlichen, kompakten Bestand, sondern um ein wild zusammengewürfeltes Kompendium. Darin enthalten sind Spitzelberichte, politische und wirtschaftliche Analysen, Flugblätter, aber genauso Interna aus dem „Befreiungsausschuss Südtirol“ oder aus den Unterstützervereinen für Südtirol, wie der „Stillen Hilfe“ oder dem „Kulturwerk für Südtirol“. Anhand dieser Akten lassen sich mehrere zentrale Handlungsstränge nachzeichnen.
Man darf Nachrichtendienste grundsätzlich nicht als monolithischen Block sehen, in dem alle in eine Richtung marschieren. Zur Natur der Geheimdienstarbeit gehören diversifizierte und durchaus auch gegensätzliche Vorgangsweisen. So kann ein Teil eines Nachrichtendienstes eine Gruppe bekämpfen, während ein anderer Teil desselben Dienstes einen Spitzel oder Agenten hat, der in dieser Gruppe aktiv und führend mitwirkt. Die Herausforderung ist es, diese Gegensätze im richtigen Moment so zusammenzufügen, dass sie dem eigenen Dienst und damit dem eigenen Land zum Vorteil gereichen. Genau diese Vorgangsweise finden wir auch in Sachen Südtirol.
Ein Teil des BND steht dem Thema Südtirol und vor allem dem Ende der 1950er-Jahre offen auftretenden Konflikt äußerst skeptisch und ablehnend gegenüber, während ein anderer Teil durchaus mit der Attentäter-Bewegung sympathisiert. Dafür gibt es einen Grund. Das BND-Personal, sowohl auf der Ebene der Mitarbeiter wie auch auf jener der Zuträger und Informanten, ist zu diesem Zeitpunkt zu einem hohen Anteil mit ehemaligen Abwehr-, SS- und SD-Funktionären durchsetzt.1 Dadurch gibt es nicht nur ideologische Bezugspunkte zum Südtirol-Terrorismus, sondern innerhalb des BND auch persönliche Bekanntschaften und Kontinuitäten tief in den Kreis der Attentäter hinein.
Giovanni Gehlen & Südtirol
In dieser internen Auseinandersetzung um das Thema Südtirol spielt eine Person eine zentrale Rolle: Johannes „Giovanni“ Gehlen. Johannes Gehlen (1901–1986) wird bis heute meist als Halbbruder von Reinhard Gehlen bezeichnet. In Wirklichkeit ist er aber ein leiblicher Bruder des BND-Gründers. Die falsche Darstellung resultiert daraus, dass Johannes vorehelich gezeugt wurde. Für seinen Vater Walther Gehlen, einen Leutnant, war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts unschicklich und mit der Offiziersehre unvereinbar, ein voreheliches Kind gezeugt zu haben. Deshalb wird die Mutter Katharina zur Entbindung in die Hauptstadt Italiens geschickt. Bald nach der Geburt kehrt sie nach Erfurt zurück und heiratet Walther Gehlen. Johannes Gehlen hingegen bleibt in Rom zurück und wird dort von dem kinderlosen deutsch-jüdischen Ärzteehepaar Hans Baum als Pflegekind großgezogen. Erst mit 18 Jahren erfährt Johannes, dass sein wirklicher Vater Walther Gehlen ist. Gehlen senior erkennt seinen Sohn wenig später offiziell an.
Johannes „Giovanni“ Gehlen geht in Rom zur Schule und nimmt dort ein Studium der Volkswirtschaft auf. Anschließend beginnt er eine Ausbildung in der Banco di Roma und der Barclays Bank. Von 1920 bis 1935 ist er als Bankbeamter tätig. 1934 tritt Gehlen der NSDAP bei. Von 1935 bis 1942 absolvierte er ein Zweitstudium der Physik, Mathematik und Astronomie an der Universität Leipzig, das er mit einer Promotion abschließt. Im Jahr 1938 wird er für eine kurze Übung bei der Nachrichtentruppe in München eingezogen, bleibt aber vom Kriegseinsatz verschont. Vom Studienende bis 1945 ist er als wissenschaftlicher Assistent am Kaiser-Wilhelm-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg tätig.2
Nach Kriegsende kehrt Johannes Gehlen nach Rom zurück, wo er anfänglich als Sekretär im Malteserorden tätig ist, aber schon bald ins Nachrichtengeschäft einsteigt. Ab Ende der 1940er-Jahre ist Gehlen hauptberuflich zuerst für die Org. und dann für den BND tätig, jenem deutschen Nachrichtendienst, den sein Bruder Reinhard aufbaut und leitet. Johannes Gehlen (DN „Bruder Hans“ oder „Gustav“, Tarnziffer „L 752“ oder „AK 14“) leitet bis zum Ende der Ära seines Bruders als sogenannter Resident das BND-Büro in Rom. Einer seiner engsten Mitarbeiter ist dabei ein österreichischer Adeliger mit Südtiroler Wurzeln, über den wir in diesem Buch noch lesen werden.3
Als Italienrepräsentant des BND beeinflusst Johannes Gehlen jahrzehntelang die Gangart seines Dienstes in Sachen Südtirol nachhaltig. Giovanni Gehlen ist ob seiner Herkunft sehr italophil und hat engste private und berufliche Beziehungen zum italienischen Nachrichtendienst „Servizio Informazioni Forze Armate“ (SIFAR). Vor allem in der heißen Phase der Südtirol-Attentate wird diese enge Freundschaft und Zusammenarbeit aber auf eine harte Probe gestellt. Offizielle Stellen im italienischen Innenministerium und im SIFAR beschuldigen Deutschland und selbst den BND mehrmals direkt, aktiv bei den Attentaten in Südtirol mitzumischen. „L 752“ alias Giovanni Gehlen versucht durchzusetzen, dass alle BND-Aktionen in und um Südtirol über seinen Schreibtisch gehen müssen. Was ihm jedoch keineswegs gelingt.
Gleichzeitig forciert der römische BND-Mann die Zusammenarbeit BND-SIFAR in Sachen Südtirol. Jahrelang leitet Giovanni Gehlen Aufklärungswünsche des italienischen Nachrichtendienstes über Südtirol und den BAS nach Pullach weiter, mit dem innigen Wunsch, diesen zu entsprechen. Gehlens Ziel: Der BND soll dem SIFAR im Kampf gegen die Südtirol-Attentäter zur Seite stehen und helfen. Mehrmals interveniert auf Wunsch der SIFAR-Spitze Giovanni Gehlen direkt bei seinem Bruder Reinhard Gehlen in diesem Sinne.
Doch Pullach kommt diesem Ansinnen nicht nach. Der BND beantwortet zwar immer wieder Anfragen aus Rom, Reinhard Gehlen & Co lassen sich aber weder in die Karten schauen noch von den italienischen Sicherheitsbehörden vor den Karren spannen. Dem BND gelingt so jahrelang eine Gratwanderung: Man gibt kaum etwas vom eigenen Wissen über die Entwicklung in Südtirol preis, schafft es aber, den italienischen Partnerdienst trotzdem bei der Stange zu halten.
Wie weit man dabei geht, zeigt eine Episode, die Hans Langemann Anfang der 1980er-Jahre dem deutschen Journalisten Frank Peter Heigl schildert. Hans Langemann alias „Lückrath“ ist Anfang der 1960er-Jahre innerhalb des BND einer der wichtigsten Akteure im „Strategischen Dienst“ und enger Vertrauensmann von Reinhard Gehlen. Anfang 1963 reist „Lückrath“ zusammen mit dem BND-Präsidenten nach Rom. In der Wohnung des BND-Statthalters Giovanni Gehlen treffen die drei BND-Männer den damals mächtigen italienischen General Giovanni De Lorenzo (1907–1973). Dieser ist von 1955 bis 1962 Leiter des SIFAR, von 1962 bis 1966 Generalkommandant der Carabinieri und von Februar 1966 bis April 1967 Generalstabschef des italienischen Heeres. Weil De Lorenzo die Spitze des SIFAR mit eigenen Vertrauensleuten besetzt hat, ist der General in Wirklichkeit in diesen Jahren mit einer Machtfülle ausgestattet wie niemand vor und auch nicht nach ihm. Giovanni De Lorenzo steht jahrelang sowohl an der Spitze der Carabinieri wie auch des italienischen Nachrichtendienstes.
Beim Arbeitsessen in Rom kommt man auch auf das heiße Thema Südtirol zu sprechen. Reinhard Gehlen stellt dabei „Lückrath“ als Leiter einer BND-Stelle vor, die gegen die Südtirol-Terroristen geschaffen wurde. Eine Behauptung, um gegenüber Italien die eigene Distanz zu den Attentätern zu untermauern. „Lückrath“, der aus seiner operativen Arbeit beste Informationen zu und über Südtirol hat, referiert geistesgegenwärtig über die Aktionsbereiche dieser Stelle, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat.4
Aufregung um Terroristenausbildung
Wie politisch brisant das Thema Südtirol in der Bundesrepublik in diesen Jahren ist und wie schnell die aufflammenden Südtirol-Attentate zur ernsthaften Belastungsprobe der deutsch-italienischen Beziehungen werden können, wird Anfang Dezember 1960 deutlich.
Am 1. Dezember 1960 berichtet der deutsche Botschafter in Wien Carl Hermann Müller-Graaf in einem streng geheimen Fernschreiben an das Auswärtige Amt in Bonn über eine Aussprache mit dem österreichischen Außenminister Bruno Kreisky. Kreisky, der bekanntlich bestens über die internen Vorgänge im „Befreiungsausschuss Südtirol“ informiert ist, hatte nur wenige Tage zuvor in seiner Privatwohnung in Wien/Grinzing eine Aussprache mit den führenden Südtiroler BAS-Leuten Sepp Kerschbaumer, Jörg Pircher und Karl Tietscher.5 Im Gespräch mit dem deutschen Botschafter redet Kreisky auch über Südtirol und den Aufbau der illegalen Untergrundbewegung. Der österreichische Außenminister macht dabei die vertrauliche Mitteilung, dass deutsche Offiziere in Mittenwald in der Nähe der bayerischen Grenze zu Nordtirol Südtiroler Attentäter im Umgang mit Sprengstoff und Waffen ausbilden würden.
Diese Nachricht wird sowohl der deutschen Botschaft in Rom als auch dem BND zur Kenntnis übermittelt. Der deutsche Botschafter in Rom Manfred Klaiber antwortet am 7. Dezember 1960 sichtlich erregt:
Die vertrauliche Mitteilung, die der österreichische Außenminister Kreisky unserem Botschafter in Wien über den Befreiungsausschuss für Südtirol in Innsbruck und die Ausbildung von Terroristengruppen gemacht hat, sollte man meines Erachtens von unserer Seite keinesfalls auf sich beruhen lassen, sondern zum Gegenstand einer ernsten internen Untersuchung im Hinblick auf die von Kreisky angedeutete deutsche Beteiligung machen. Wenn der österreichische Außenminister schon einen „Riesenskandal mit den Italienern“ voraussieht, so würde es erneut die deutsch-italienischen Beziehungen schwerstens belasten, wenn bei einem Bekanntwerden der Angelegenheit tatsächlich die Beteiligung sogar aktiver deutscher Offiziere bei der Ausbildung von Terroristengruppen für Südtirol ruchbar würde. Es müsste wohl festgestellt werden können, ob tatsächlich Offiziere der Bundeswehr sich in der Nähe von Mittelberg (welches Mittelberg? – sic!) in letzter Zeit aufgehalten haben. Es erscheint mir dringend erforderlich, sich gegebenenfalls zeitig und möglichst vor Ausbruch des Skandals von diesen verantwortungslosen Elementen zu trennen, um jede deutsche Verantwortlichkeit an diesen Vorgängen in Abrede stellen zu können.6
In einem geheimen Fernschreiben, das aus dem BND-Büro Bonn direkt an Reinhard Gehlen geht, wird der BND-Präsident nicht nur über den Schriftverkehr der beiden Botschafter unterrichtet, sondern auch darüber, dass Bundeskanzler Konrad Adenauer unmittelbar eine Untersuchung der Vorgänge angeordnet habe. Adenauer beauftragt damit seinen Staatssekretär und Vertrauensmann Hans Globke (1898–1973). Globke ist ein Musterbeispiel der äußerst problematischen persönlichen Kontinuitäten in Deutschland. Der Jurist, in der NS-Zeit Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassengesetze und der verantwortliche Beamte für die judenfeindliche Namensänderungsverordnung, wird unter Adenauer von 1953 bis 1963 zum Chef des Bundeskanzleramtes. In dieser Rolle ist er einer der wichtigsten Verbündeten von Reinhard Gehlen bei dessen Aufstieg zum deutschen Geheimdienstchef und bei der Umwandlung der US-finanzierten und -geführten „Organisation Gehlen“ in den „Bundesnachrichtendienst“. Im Gegenzug halten der BND und die „Central Intelligence Agency“ (CIA) ihre Hand schützend über Hans Globke, sodass seine NS-Vergangenheit und -Belastung erst nach seinem Ausscheiden aus dem Bundeskanzleramt zum öffentlichen Thema werden. Das Verhältnis zwischen Globke und dem BND ist so eng, dass Gehlens Dienst der „grauen Eminenz“ im Kabinett Adenauer auch einen Decknamen gibt: „Globus“.
Kanzler Konrad Adenauer und Staatssekretär Hans Globke: Aufregung um angebliche Terroristenschule in Deutschland.
Nach der Order von Adenauer aktiviert der BND umgehend seine offiziellen Verbindungsleute und Quellen in der deutschen Bundeswehr, darunter einen BND-Mitarbeiter mit dem Decknamen „Horn“. Dahinter verbirgt sich Adolf Heusinger (1897–1982), Org.-Mitarbeiter und zu diesem Zeitpunkt erster Generalinspekteur der deutschen Bundeswehr. Heusingers schriftliche Antwort ist eindeutig: Es kann mit Sicherheit eine Beteiligung deutscher Offiziere sowohl in Uniform als auch in Zivil bei Ausbildung der Südtiroler Attentäter ausgeschlossen werden.
Im Fernschreiben an Reinhard Gehlen heißt es dann:
Die Erkenntnisse wurden Globus 15 Minuten nach Übergabe des Telegramms der Botschaft mitgeteilt. Aufgrund dieser Sachlage hielt er für ausgeschlossen, dass nunmehr seitens der Italiener offizielle Vorstellungen [sollte wahrscheinlich Vorwürfe heißen – Anm. d. Autors] erhoben werden können. Er bittet BND nur noch um Feststellung, ob und in welchem Umfang etwaige ehemalige deutsche oder österreichische Offiziere an der Ausbildung führend teilnehmen.7
Keine sieben Tage später liegt dieser Bericht vor. Verfasst vom Leiter der Abteilung „Politische Beschaffung“ im „Strategischen Dienst“, Kurt Weiß (1916–1994, DN „Winterstein“ und Tarnziffer „181“). „Winterstein“ ist zudem Stellvertreter von Wolfgang Langkau (1903–1991), dem Leiter des „Strategischen Dienstes“ und ein Intimus von BND-Chef Reinhard Gehlen. Berühmtheit erlangte Weiß, weil er persönlich jahrzehntelang die Pressekontakte des BND führt. Es sind fast 100 Journalisten und Journalistinnen, die auf der Payroll des deutschen Nachrichtendienstes stehen.8
Der Bericht von Kurt Weiß liefert detaillierte Informationen:
Nach Berichten verschiedener gut orientierter Quellen, die soeben nochmals bestätigt wurden, sind an der Ausbildung von Terroristengruppen keine deutschen Offiziere beteiligt. Es ist bekannt, dass ein Major des österreichischen Bundesheeres bis zu seiner kürzlich erfolgten Reaktivierung Gruppen der Untergrundbewegung geschult hat.
An der Ausbildung sind österreichische ehemaliger Offiziere der früheren Wehrmacht beteiligt, jedoch nur, soweit Schulungen und Übungen auf österreichischem Boden stattfinden. Die Ausbildung in Südtirol wird ausschließlich von Südtirolern durchgeführt. Unter diesen Ausbildnern sollten allerdings ehemalige Optanten für Deutschland (italienischer Staatsangehörigkeit) sein.
Anfang November 60 fand, wie im Einzelnen ermittelt werden konnte, in einem Gebirgstal in Nordtirol eine mehrtägige Übung für Angehörige illegaler Gruppen statt, deren Teilnehmer im Handgranatenwerfen und am MG von zwei ehemaligen Pionieroffizieren ausgebildet wurden. Auch in Südtirol fanden zur gleichen Zeit Übungen statt, z. B. in einem Ausbildungslager in Mühlwald bei Bruneck und im Pfitschtal.9
Dem BND gelingt es damit, die möglichen Anschuldigungen Italiens zu entkräften und das Bundeskanzleramt zu beruhigen. Aus dem Aktenbestand in Pullach geht jedoch hervor, dass das Thema „Ausbildung und Unterstützung der Südtirol-Terroristen in Deutschland“ in den nächsten sechs Jahren immer wieder aufbranden wird. Mehrmals muss der BND entweder auf Weisung des Bundeskanzleramtes oder auf direkte Anfrage des italienischen Partnerdienstes SIFAR tätig werden, um öffentliche Vorwürfe italienischer Stellen zu entkräften. In fast allen Fällen gelingt das auch.
Der Vertrauensjournalist
Der Bericht von Kurt Weiß macht deutlich, dass der BND bereits in der Organisationsphase des „Befreiungsausschusses Südtirol“ über detaillierte Informationen aus dem Innenleben der illegalen Untergrundbewegung verfügt. „Winterstein“ beschließt das Schreiben an seinen Chef Reinhard Gehlen mit dem vielsagenden Satz:
Über die bestehende Untergrundbewegung in Südtirol liegen noch zahlreiche Einzelerkenntnisse (über Ausbildung, Absichten usw.) vor, die zusammengestellt und nachgemeldet werden können.10
Der Leiter der „Politischen Beschaffung“ kann nämlich auf ein ganzes Netz von Informanten, Agenten und Zuträgern zurückgreifen, die periodisch Berichte aus und über Südtirol liefern. Allein zwischen 1956 und 1969 lassen sich über 50 verschiedene Personen ausmachen, die als V-Leute beim BND registriert sind und zumeist für Geld jahrelang Informationen über Südtirol liefern. Das inhaltliche Spektrum reicht dabei von detaillierten Beschreibungen der Personen, die sich im BAS engagieren, über Meldungen zu geplanten Anschlägen bis zu rein politischen Berichten über die Südtiroler Volkspartei (SVP) und ihre verschiedenen parteiinternen Grabenkämpfe.
In den Akten finden sich auch Berichte von sogenannten Sonderverbindungen (SV). Es sind BND-Mitarbeiter mit einem besonderen Status, zu deren Aufgabe es auch gehört, Stellungnahmen zu Berichten anderer Informanten zu verfassen. So finden wir Berichte, die über 30 Seiten lang sind und etwa die politische und gesellschaftliche Situation in Südtirol rund um Sprengungen in der sogenannten Feuernacht im Juni 1961 detailgenau beschreiben und analysieren. Anhand der Pullacher Akten lassen sich aber auch bisher unbekannte einzelne Operationen nachzeichnen, die der BND zum Südtirol-Komplex geplant und durchgeführt hat.
Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, auf die Vielzahl der Informanten detailliert einzugehen. Anhand einiger Fallbeispiele von V-Leuten, die im Südtirol-Komplex eine besonders wichtige Rolle spielen, soll die Spitzelarbeit des BND rund um Südtirol anschaulich gemacht werden. So etwa stammt die Information über die BAS-Ausbildung in Nord- und Südtirol aus einem Bericht des Informanten „V-21 503“. Der BND-Zuträger meldet am 24. November 1960:
Die illegale Bewegung in Südtirol erfährt weitgehende Unterstützung von Nordtirol. Im Kreis der deutschen Politiker in Südtirol wird erklärt, dass diese Unterstützung von Innsbruck her die eigentliche Hauptgefahr sei; ohne diese Unterstützung wäre die Entwicklung in Südtirol gar nicht so sehr forciert worden. Vor einigen Wochen fand in einem Gebirgstal in Nordtirol ein mehrtägiges Manöver für Angehörige der illegalen Bewegung statt, dessen Teilnehmer in Handgranatenwerfen und am MG ausgebildet wurden. Auch in Südtirol fanden in letzter Zeit Übungen statt, so in einem Ausbildungslager in Mühlwald. Eine weitere Gefechtsübung wurde im Tauferertal und eine dritte in Passeier durchgeführt.11
Der BND-Informant führt im Bericht zudem aus, dass die Nordtiroler Polizei kurzzeitig zwei junge Burschen verhaftet habe, die Sprengstoff nach Südtirol schmuggeln wollten, und dass die Sache in Österreich bewusst vertuscht wird.
Hinter „V-21 503“ verbirgt sich der deutsche Journalist und Schriftsteller Ernst Christoph Schepky (1897–1970).12 Auch er ist einer derjenigen ehemaligen Nazis, die im Nachkriegsdeutschland im BND eine zweite berufliche Heimat finden. Der in Kieslingswalde in Schlesien (heute das polnische Sławnikowice) geborene Schepky meldet sich im Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger und gerät in der Türkei in englische Kriegsgefangenschaft. Danach arbeitet er als Schriftleiter und als Korrespondent verschiedener Zeitungen. Ab 1930 lebt er in Wien und engagiert sich dabei offen für die NSDAP. Im August 1933 wird er aus Österreich ausgewiesen, weil er „vertrauliche Lageberichte“ veröffentlicht hatte. Nach seiner Ausweisung geht er nach Budapest, wo er ab Mai 1937 Pressereferent und Kulturreferent der Landeskreisleitung der NSDAP in Ungarn wird. Mit dem Anschluss Österreichs an Deutschland kehrt Ernst Christoph Schepky nach Wien zurück und arbeitet als „Südostberichterstatter“ für eine Reihe reichsdeutscher Zeitungen, wie der „Essener National-Zeitung“ oder dem NS-Kampfblatt „Volksgemeinschaft: Heidelberger Beobachter“. Auch nach 1945 ist er offiziell weiterhin als Journalist tätig. Zwischen 1954 und 1960 betreibt er in Stuttgart ein „Büro für Presseauswertung“ und fungiert ab 1966 als Herausgeber und Chefredakteur einer „Internationalen Presseschau“.13
In Wirklichkeit aber sind diese offiziellen Tätigkeiten nur eine Legende für seine Arbeit für den BND. Ernst Christoph Schepky arbeitet jahrelang als Informant und Mitarbeiter des deutschen Nachrichtendienstes. So ist er dauerhaft etwa für den BND in jener Abteilung tätig, die Spionage gegen die Tschechoslowakei betreibt. Dort arbeitet er eng mit dem BND-Abteilungsleiter Ernst Worm („V-3597“) zusammen. Aber auch Südtirol ist ein bevorzugtes Einsatzgebiet von Ernst Christoph Schepky. „V-21 503“ ist dabei äußerst vielseitig einsetzbar. Mit besten Kontakten in Wien – wo der ehemalige Nazi als Vertrauensjournalist der Sozialdemokratischen Partei Österreichs SPÖ gilt – gelingt es ihm, genauso eine Analyse über die Wiener Südtirol-Politik für Pullach anzufertigen wie über BAS-Interna zu berichten. Immer wieder taucht Schepky zwischen 1960 und 1967 für Recherchen auch in Südtirol auf. Schon bald wird er zum gefragten Ansprechpartner für viele SVP-Politiker und gewinnt deren Vertrauen.

Artikel von Ernst Christoph Schepky in NS-Blatt (rechts): Nach dem Krieg jahrelang für den BND als Südtirol-Informant tätig.
In einem Begleitbericht schreibt Schepkys Vorgesetzter Ernst Worm im November 1967:
Quelle weist darauf hin, dass sie Anfang Dezember Gelegenheit haben wird mit [Name geschwärzt – Anm. d. Autors] zusammenzutreffen und sich auch hinsichtlich dieser „neuen Aspekte“ des Südtirol-Problems eingehend zu informieren. Anschließend wird Quelle mit ihr persönlich nahestehenden führenden Persönlichkeiten der Südtiroler Volkspartei (SVP) beziehungsweise der Südtiroler Landesregierung – anlässlich der Tagung des Landesvorstandes der SVP – zusammentreffen.14
„V-21 503“ meldet alles, was er erfährt, nach Pullach. Manchmal sind es ein halbes Dutzend Berichte, die er in einer Woche aus Bozen oder Wien dem BND übermittelt. In einer seiner ersten Meldungen denunziert er den in Südtirol verheiratete deutschen Schriftsteller und Rundfunkautor Otto Heinrich Klingele (1917−1995) als einen Unterstützer des BAS.15 Im November 1960 fertigt Schepky eine längere Analyse der Ergebnisse der Südtiroler Landtagswahlen vom 6. November 1960 an und informiert Pullach mehrmals über die Tätigkeit und Funktion von Wolfgang Pfaundler im BAS. Bereits im Mai 1960, also ein Jahr vor den Bombenanschlägen der Feuernacht, schreibt Ernst Christoph Schepky in einem BND-Bericht über den BAS:
Nach wie vor besteht eine Untergrundbewegung in Südtirol. Ihre zahlenmäßige Stärke und ihre faktische Stoßkraft sind jedoch nicht festzustellen. Zur Beurteilung dieser Frage ist ferner die Feststellung wichtig, dass häufig eine radikale Auffassung, besonders bei jüngeren Angehörigen der Volksgruppe, herrscht, dass diese radikale Auffassung aber nicht gleichgesetzt werden kann mit einer bestimmten militärischen oder auch nur aktivistischen Potenz. […] Die Untergrundbewegung verfolgt im Wesentlichen folgende Ziele: Es ist falsch und zu verurteilen, Sprengstoffanschläge gegen Eisenbahnen oder Kasernen der Italiener zu unternehmen. Es ist zu vermeiden, dass durch derartige Aktionen Menschen zu Schaden kommen. Vielmehr erscheint es zweckmäßig, Hochspannungsleitungen auf größere Strecken hin zu zerstören, um dadurch wirtschaftliche Verluste herbeizuführen: Verluste, die in erster Linie italienische Betriebe treffen, die auf diesen Strom angewiesen sind. […] Es scheint bereits ein entsprechender Plan ausgearbeitet zu sein. Es steht aber nicht fest, ob eine einheitliche Leitung derartiger Aktionen gesichert ist. In der Untergrundbewegung wird betont, dass Österreich und die BRD die moralische Verpflichtung hätten, in einem solchen Fall die Stimme zu erheben. Die großen weltpolitischen Probleme werden überhaupt nicht berücksichtigt: die Südtiroler können nicht warten, bis eine Änderung der internationalen Konstellation eingetreten sei.16
„V-21 503“ beschreibt Ende 1960 die Situation und die Gangart im BAS äußerst realistisch und er informiert seinen Dienstgeber auch darüber, dass man innerhalb der Attentätergruppe bereits jetzt konkret über eine finanzielle Unterstützung der Familien aus Österreich und Deutschland nach möglichen Verhaftungswellen diskutiere.
Fortsetzung
Diener zweier Herren
Der deutsche Journalist Herbert Lucht ist eine der Spitzenquellen des BND in Sachen Südtirol. Gleichzeitig arbeitet Lucht aber auch für die tschechoslowakische Staatssicherheit StB.
Das Schreiben geht an Bruno Kreisky (1911–1990) persönlich. Der Absender: Herbert Lucht. Der Journalist übermittelt dem österreichischen Außenminister die Abschrift eines Interviews, das er kurz vorher mit ihm geführt hat, und einen weiteren Artikel über einen Vortrag von Kreisky in Budapest. Dass Lucht einen besonderen Draht zu Kreisky hat, geht aus dem Begleitschreiben hervor. Dort schreibt der Journalist:
Inzwischen hatte ich durch einen Zufall mit dem übergeschnappten Dr. Burger Berührung (in der Bundesrepublik allerdings), der mir großzügig sogar ein „Interview“ gewährte. Vielleicht haben Sie in den Zeitungen darüber gelesen. In Südtirol – doch das, bitte, nur zu Ihrer persönlichen Information – lagern 2.000 kg Sprengstoff („Für weiteren Nachschub ist gesorgt …“), die durchwegs aus Österreich stammen sollen. In einem persönlichen Gespräch bin ich gerne bereit, Ihnen nähere Angaben zu machen. Interessant mag vielleicht noch sein, dass Mittelsmänner der sowjetischen Botschaft in Wien 1960, bereits vor der ersten „Terrorwelle“ also, an die „Bumser“ herangetreten seien und ihnen finanzielle und auch materielle Unterstützung unter der Bedingung zugesagt haben sollen, dass sie ihre „Aktionen“ auch auf die in Südtirol befindlichen Nato-Basen ausdehnten. Sie hätten diese Forderung abgelehnt und seither die Feindschaft der Kommunisten gegen sich.17
Bruno Kreisky nimmt das Schreiben so ernst, dass er den Brief mit einem großen P versieht, was so viel wie „Panzerschrank“ bedeutet.
Herbert Lucht ist ein Vollblutjournalist. Der 1925 in Danzig geborene Lucht lebt seit Mitte der 1950er-Jahre in Wien und arbeitet dort als Korrespondent für ein Dutzend deutscher Zeitungen. Seine Artikel erscheinen im „General Anzeiger“ (Bonn), im „Wiesbadner Kurier“, in der „Passauer Neuen Presse“, im „Echo der Zeit“ aber auch in der „Züricher Woche“, der Münchner Wochenzeitung „Aktuelle“ oder der Wiener „Wochenpresse“. Lucht schreibt über österreichische Innenpolitik, beginnt sich ab 1960 aber auch brennend für Südtirol zu interessieren. Immer wieder hält sich der Wiener Journalist in Südtirol auf. Im Frühjahr 1962 kommt es zu einem Zwischenfall, der internationales Aufsehen erregt. Herbert Lucht schreibt für die „Wochenpresse“ unter dem Titel „Schmutzige Hände“ einen Artikel über die Misshandlungen der Südtiroler BAS-Leute in den Carabinieri-Kasernen. Der Artikel erscheint am 17. Februar 1962 und wird in den Wochen darauf von unzähligen Zeitungen im deutschsprachigen Raum übernommen.
Unmittelbar nach Erscheinen des Artikels leitet die Staatsanwaltschaft Bozen Ermittlungen gegen Herbert Lucht wegen Schmähung der Carabinieri und der italienischen Gerichtsbarkeit ein. Als sich der deutsche Journalist im April 1962 wieder in der Südtiroler Landeshauptstadt aufhält, wird er in die Quästur gebracht und dort vom Leiter der politischen Polizei Giovanni Peternel (*1915) verhört. Die Staatsanwaltschaft erhebt später auch Anklage gegen Herbert Lucht. Als prominente in- und ausländische Journalisten eine Solidaritätskampagne für ihren Kollegen lostreten und der Fall international zum Thema gemacht wird, schlägt man das Verfahren still und leise nieder.18
Was niemand zu diesem Zeitpunkt ahnt: Der deutsche Auslandnachrichtendienst wirbt Herbert Lucht 1960 als „V-3020“ an.19 Der Wiener Journalist führt Aufklärungsaufträge für den BND durch, so recherchiert er 1962 in Bozen zum „Bert Brecht Verein“ (Verein und Bücherei) oder zum neu gegründeten „Südtiroler Wirtschafts- und Sozialinstitut“. Im BND-Bericht heißt es:
Das „Südtiroler Wirtschafts- und Sozialinstitut“, gegründet etwa 1960, befasst sich mit wissenschaftlichen Analysen und Gutachten und hat nach Ansicht der Tiroler Landesregierung keinerlei Verbindung mit politischen und semipolitischen Organisationen. Es wird als „einwandfrei und harmlos“ bezeichnet. Der Geschäftsführer, Dr. Christoph Pan, ist, ebenso wie der Präsident, Dr. Otto Pattis, und der Vizepräsident, Direktor Fuchs, gläubiger und kirchentreuer Katholik.20
1962 nimmt Herbert Lucht Kontakt zu Norbert Burger auf. Der österreichische BAS-Mann vertraut dem Wiener Journalisten und gewährt ihm mehrere Interviews. „V-3020“ berichtet darüber pflichtbewusst nicht nur an Bruno Kreisky, sondern auch an seinen Dienstgeber nach Pullach. So heißt es in einem seiner Berichte für den BND im Sommer 1962:
Die Angaben Dr. Burgers über die bezeichneten Vorgänge scheinen nicht übertrieben zu sein. Bei Zusammenkünften mit Quelle im Café „Landmann“ und Café „Eiles“ waren jeweils an Nachbartischen Studenten, die immer wieder zu Dr. Burger kamen, ihm Fragen stellten und Weisungen erbaten. Quelle entnimmt daraus, dass Dr. Burger noch weiterhin sehr aktiv konspirativ tätig ist. Dr. Burger versprach Quelle, ihr 12 Stunden vor der geplanten Flugzettelaktion in Österreich ein Exemplar zuzustellen.21
Journalist und Doppelagent Herbert Lucht: Bewusste Annäherung an Norbert Burger.

StB-Agent Otakar Svěrčina: Wirbt Herbert Lucht für die tschechoslowakische Staatssicherheit an.
Im August 1963 organisiert Norbert Burger eine Art Exklusiv-Gespräch. In einer Wohnung in Garmisch-Partenkirchen sollen drei Südtiroler BAS-Männer und ein Innsbrucker Helfer ausgewählten Journalisten Rede und Antwort stehen. Doch die vier Männer erscheinen an diesem 18. August nicht. So gibt Norbert Burger Herbert Lucht ein Interview – und vier Tage später liegt die Abschrift des Gesprächs in Pullach. Im Begleitschreiben heißt es:
In der Anlage wird der Entwurf eines Interviews zwischen dem Wiener Journalisten Herbert Lucht und Dr. Norbert Burger überreicht. Lucht will versuchen, dass dieses Interview publiziert wird. Falls Aufklärungswünsche bestehen, wird um eilige Mitteilung gebeten.22
Die Annäherung von Herbert Lucht an Norbert Burger entspringt nicht eigenem Interesse, sondern ist ein Dienstauftrag. Doch es ist kein Auftrag des deutschen Nachrichtendienstes an seinen „V-3020“, sondern eines anderen geheimen Arbeitgebers. Herbert Lucht beschäftigt sich journalistisch zeit seines Lebens mit dem Osten. Er schreibt mehrere Bücher und längere Beiträge über Ungarn, die Tschechoslowakei und Bulgarien. Jahrelang versucht er als Korrespondent nach Prag zu gehen, erhält aber keine Aufenthaltsgenehmigung.
Bereits 1956 freundet sich Lucht mit dem Prager Journalisten Otakar Svěrčina (* 1925) an. Dieser arbeitet von 1948 bis 1989 für die tschechische Nachrichtenagentur ČTK, von 1964 bis 1969 als Korrespondent in Bonn und danach als ČTK-Generaldirektor. Der Prager Journalist ist auch Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und sitzt von 1971 bis zur „Samtenen Revolution“ 1990 in der tschechischen Abgeordnetenkammer. Otakar Svěrčina arbeitet aber auch gut 40 Jahre lang für den tschechoslowakischen Nachrichtendienst „Státní bezpečnost“ (StB). Unter den Decknamen „Othmar“ und „Veverka“ liefert der Journalist Informationen und wirbt Informanten für den StB an.
Vier Jahre lang treffen sich Svěrčina und Lucht immer wieder in Wien und Prag. Im StB-Akt von Herbert Lucht findet sich ein ausgedehnter privater Briefwechsel zwischen den beiden. Otakar Svěrčina dürfte dabei von Anfang an die Aufgabe gehabt haben, den deutschen Journalisten als Auslandsagenten für den StB anzuwerben.23 Im Jänner 1960 ist es soweit: Herbert Lucht unterzeichnet in Wien eine Verpflichtungserklärung. Ursprünglich soll Agent „Lukas“ für den StB nach Deutschland gehen und von dort für die tschechoslowakische Staatssicherheit spionieren. Herbert Lucht ist aber skeptisch. In einem Brief an Otakar Svěrčina („Lieber Otik“) vom September 1960 schreibt er:
Ungeachtet dessen, dass ich mich einfach nicht mit dem Gefühl befreunden kann, eine so verantwortungsvolle und für mich befremdliche Aufgabe von heute auf morgen zu übernehmen, sind mir auch Bedenken gegen die praktischen Möglichkeiten gekommen. Seid ihr da nicht etwas zu optimistisch? […] Ich bin Journalist, genauso wie du; ein Mann also, der von Haus aus skeptisch ist und immer nur Konkreta gelten lässt. Die sehe ich hier für mich nicht, noch nicht.24
Tatsache ist, dass sich Herbert Lucht 1960 gleich an zwei Nachrichtendienste bindet. Zum einen wird er für den BND tätig, zum anderen für den StB. Agent „Lukas“ arbeitet sechs Jahre lang für die tschechoslowakische Staatssicherheit und liefert dabei Berichte über die deutsch-österreichischen Beziehungen, die österreichische und die deutsche Innenpolitik sowie über das deutsch-italienische Verhältnis. Mit der Zeit übernimmt er auch Aufklärungsaufträge des StB zur „Sudetendeutschen Landmannschaft“, zum BAS und vor allem zu Norbert Burger.
Im Laufe der Zeit merkt die tschechoslowakische Staatssicherheit aber, dass mit ihrem Agenten „Lukas“ etwas nicht stimmt. Im StB-Akt heißt es:
Während der Zusammenarbeit entstand der begründete Verdacht, dass Lukas ein Agent des Westdeutschen Geheimdienstes BND ist. Daher wurde die Zusammenarbeit unterbrochen.25
Formal abgeschaltet wird der Agent Herbert Lucht vom StB erst 1967. Aber auch dem BND bleibt die Zusammenarbeit seines „V-3020“ mit der tschechoslowakischen Staatssicherheit nicht verborgen. Im Sommer 1963 schickt der Sachbearbeiter im Bereich „Sicherheit/Gegenspionage“ im „Strategischen Dienst“, Dietrich Praun (DN „Pranner“ und Tarnziffer „348a/II“), einen Bericht von Herbert Lucht über Norbert Burger an den persönlichen Mitarbeiter von BND-Präsident Reinhard Gehlen Eberhard Blum (1919−2003). Blum (DN „Hartig“ und Tarnziffer „106/I“) wird zwischen 1983 und 1985 selbst Präsident des BND werden. Praun schreibt über „V-3020“:
Im Nachgang zur Bezugsmeldung wird bezüglich der Beschaffungsumstände mitgeteilt, dass Dr. Burger die darin wiedergegebenen Äußerungen am 17.8.63 gegenüber einer hier GS-mäßig geführten Verbindung vertraulich angab. Hiesige GS-Quellen brachten im Laufe der nunmehr ca. 3-jährigen Verbindung wiederholt interessante und bestätigte Meldungen. Wegen erkannter Kontakte mit einem Ost-ND liegt die Führung im GS-Bereich. Trotz gegebener Vorbehalte gegen diese Quelle wird die Bezugsinformation für glaubwürdig gehalten.26
Unter dem Kürzel GS versteht man im BND den Bereich Gegenspionage. Eine GS-Quelle ist demnach eine Person, die sowohl mit dem eigenen Dienst als auch mit einem gegnerischen Nachrichtendienst (ND) in Verbindung steht. Während der Agent dem eigenen Dienst diese Verbindung offenlegt, weiß der feindliche Dienst aber nichts von der Zusammenarbeit.27
Aus den BND-Akten geht eindeutig hervor, dass „V-3020“ in Pullach zwar nicht von Beginn an, aber spätestens ab 1963 mit offenen Karten spielt. Der BND duldet die Verbindung von Herbert Lucht zum StB aus eigennützigen Motiven. Denn über die Aufträge und Interessensbekundungen, die Lucht vom StB erhält, kann der deutsche Nachrichtendienst erfahren, was die Tschechoslowaken interessiert. Zudem hofft man, über „V-3020“ auch StB-Agenten und -Informanten in Deutschland auf die Spur zu kommen. Was auch fast gelingt. 1967 aber wird Herbert Lucht alias „Lukas“ vom StB abgeschaltet. Ein Jahr später bekommt der Mann, der ihn für die tschechoslowakische Staatssicherheit angeworben hat, ernsthafte Schwierigkeiten. Otakar Svěrčina, der seit 1965 als ČTK-Korrespondent in Bonn tätig ist, wird im Oktober 1968 von der „Sicherungsgruppe Bonn“, einer Spezialeinheit des Bundeskriminalamtes, die für die Sicherung der höchsten deutschen Institutionen verantwortlich ist, wegen Spionage verhaftet. Sein Haus und sein Büro werden durchsucht. Die Bundesanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren gegen Otakar Svěrčina ein, das nach einigen Monaten aber eingestellt wird. Wenig später kehrt Svěrčina nach Prag zurück.
Es spricht vieles dafür, dass der Tipp, der zur Verhaftung führte, aus Pullach kam.
Lucht-Brief an Svěrčina: Gegenspionage-Aktion des BND.
SS-Seilschaften im Einsatz
Die Geschichte des BND ist geprägt von persönlichen und ideologischen Kontinuitäten aus der NS-Zeit. Innerhalb der „Organisation Gehlen“ und später im BND dominieren von Anfang an Reinhard Gehlens Kriegskameraden aus der Abteilung „Fremde Heere Ost“ und aus der Abwehr, dem Militärgeheimdienst der Wehrmacht. Gleichzeitig werden aber auch überproportional viele Personen verpflichtet, die zuvor in Institutionen des NS-Regimes und -Staates tätig gewesen waren, etwa in der Gestapo (Geheime Staatspolizei), in der SS (Schutzstaffel) oder im „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ (SD), also dem Geheimdienst der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und der SS. Viele von ihnen hatten sich auch an Kriegsverbrechen beteiligt. Heute geht man davon aus, dass bis in die 1960er-Jahre über 50 Prozent der BND-Mitarbeiter aus diesem Personenkreis stammten.28 Diese ideologische Schlagseite findet man deckungsgleich auch unter den Zuträgern und Informanten des deutschen Nachrichtendienstes. Im Nachhinein lassen sich ganze Seilschaften von SS- und SD-Leuten innerhalb des BND ausmachen, die von der Leitungsebene bis zur operativen Beschaffung reichen. Dass gerade in diesen Seilschaften ein ganz besonderes Interesse und eine Affinität zu Südtirol bestehen, ergibt sich aus der ideologischen Überhöhung der deutschen Volksgemeinschaft durch die Nazis und der Tatsache, dass das deutschsprachige Südtirol auch für den deutschen Nachrichtendienst das Einfallstor für Italien ist. Dazu kommt, dass die während der Kriegsjahre geknüpften Beziehungen und Freundschaften zu Südtiroler SS- und SD-Männern jetzt in diesen Kreisen für die operative Nachrichtenbeschaffung hergenommen werden.
In genau dieses Schema fällt auch die BND-Seilschaft um Hartmann Lauterbacher. Hartmann Lauterbacher (1909–1988) wird in Reutte in Tirol als Sohn eines Tierarztes geboren. Bereits als Gymnasiast ist er von den Nationalsozialisten begeistert. Laut eigener Darstellung begegnet er am 19. April 1925 als 16-Jähriger in Rosenheim erstmals Adolf Hitler. 1927 beginnt Lauterbacher eine Ausbildung zum Drogisten in Braunschweig. Er tritt dort der NSDAP bei und baut ab 1929 die Hitlerjugend (HJ) des Gaus Süd-Hannover-Braunschweig auf. Lauterbacher macht innerhalb der HJ eine steile Karriere. 1934 wird er zum HJ-Stabsführer und Stellvertreter von Reichsjugendführer Baldur von Schirach ernannt. Welche prominente Rolle der Tiroler in der NS-Hierarchie damit einnimmt, wird deutlich, wenn man bedenkt, wer ein Jahr später sein Trauzeuge ist: Josef Goebbels.
Ehemaliger Gauleiter Hartmann Lauterbacher: Mitarbeiter und Verbindungsführer im BND.
1940 verlässt Lauterbacher die HJ und tritt der SS bei, wo er bis zum Obergruppenführer aufsteigt. Der fanatische Nationalsozialist wird im Dezember 1940 zum Gauleiter des Gaus Süd-Hannover-Braunschweig ernannt. In dieser Funktion ist er führend an der Ghettoisierung und an der Deportation der jüdischen Gemeinde von Hannover beteiligt. Zu Kriegsende flieht Hartmann Lauterbacher nach Österreich und wird schließlich in Kärnten von den Briten verhaftet. In den Jahren danach werden insgesamt acht Verfahren gegen den SS-Mann eingeleitet, die allesamt ergebnislos enden. 1948 kann er aus einem US-Kriegsgefangenenlager in Norddeutschland fliehen und sich nach Rom absetzen. Dort lebt und arbeitet er in den nächsten Jahren zusammen mit seinem Bruder Hans.
Sicher ist, dass Hartmann Lauterbacher bereits damals im Dienst des amerikanischen Militärnachrichtendienstes „Counter Intelligence Corps“ (CIC) steht. Er soll für das CIC eine „internationale anti-bolschewistische Organisation“ in Ungarn aufbauen. Auch in Rom ist Lauterbacher nachrichtendienstlich tätig. Lauterbacher lebt in der italienischen Hauptstadt unter dem Decknamen „Leo Bauer“, verkehrt in neofaschistischen Kreisen und beteiligt sich an der Ausschleusung führender Nazis über die sogenannte Rattenlinie nach Südamerika. Gleichzeitig fungiert er als Agent des Leiters der römischen SIFAR-Zentrale Eugenio Piccardo und liefert dem italienischen Nachrichtendienst Informationen aus diesen Kreisen. Der SIFAR hält dafür schützend seine Hand über den ehemaligen SS-Mann.29
Ansuchen Lauterbachers: Genehmigung einer Reise nach Südtirol für „V-6300“.
Dennoch wird Lauterbacher im April 1950 von den italienischen Sicherheitsbehörden verhaftet und als „unerwünschter Ausländer“ im Lager Le Fraschette in der Nähe von Rom interniert. Auch dort gelingt ihm schließlich die Flucht und er schafft es, mit Südtiroler Hilfe – einer der Helfer dürfte der Brixner Willy Acherer (1920–2016) gewesen sein − nach Deutschland zu gelangen.
Obwohl Hartmann Lauterbacher keine gültigen Papiere hat, findet er schon bald in Deutschland einen neuen Arbeitgeber. 1950 wird er von der „Organisation Gehlen“ eingestellt. Der „Tipper“, so heißt ein Mitarbeiter, der einen neuen Kandidaten für einen Nachrichtendienst vorschlägt und anwirbt, ist in diesem Fall Hans Lutz (DN „Roth“ „V-4100“). Der Oberst gehört zur Gründermannschaft der Org. und leitet damals die „Generalvertretung G“ in Frankfurt, die vor allem in der Spionage gegen die DDR tätig ist. Hartmann Lauterbacher erhält die V-Nummer „6300“ (später in „V-6400“ geändert) und den DN „Leonhard“ sowie die Tarnziffer „586“. Er ist danach 14 Jahre lang hauptberuflich für den deutschen Nachrichtendienst tätig. Auch sein Bruder Hans arbeitet für die „Organisation Gehlen“. Hartmann Lauterbacher leitet in der Org. zuerst die Unterabteilung „Rohproduktionsgenossenschaft“ (RPG) und wird im BND 1957 dann in die Abteilung 27/VK „Politische Beschaffung“ unter der Leitung von Kurt Weiß alias „Winterstein“ versetzt. Sowohl die Org. wie der BND decken ihre Außenstellen jahrelang als Unternehmen ab. Das heißt, es werden Firmen gegründet, die Angestellte, Büros und formal auch eine Geschäftstätigkeit haben. In Wirklichkeit sind dies aber BND-Filialen, wie etwa die genannte „Rohproduktionsgenossenschaft“. Am 5. Jänner 1952 gründet Lauterbachers Bruder Hans zusammen mit dem damals ebenfalls für die Org. tätigen Fritz von Bomhard („V-4430“) in München die „Labora Außenhandelsgesellschaft Hans Lauterbacher & Co“. Die Firma, offiziell im Import und Export von technischen Geräten tätig, ist ebenfalls ein Tarnunternehmen der Org. und später des BND. Als Hans Lauterbacher 1955 stirbt, tritt Hartmann an die Stelle des verstorbenen Bruders. Auch Hartmann Lauterbachers Frau wird Teilhaberin des Unternehmens. 1959 wird die Firma dann in „Forschungsinstitut für zwischenstaatliche Wirtschaftsfragen GmbH“ umbenannt.30
Hartmann Lauterbacher baut für den deutschen Nachrichtendienst ein Informationsnetz aus ehemaligen SS-Männern auf. Dabei wird er nicht nur im Nahen Osten oder in Tunesien tätig, sondern in seiner nachrichtendienstlichen Arbeit gibt es immer wieder auch Berührungspunkte zu Südtirol.
Bereits im Frühjahr 1950 wirbt Hartmann Lauterbacher einen ehemaligen Südtiroler SS-Mann für die Org. an. Der Neumarkter Otto Casagrande (1919–1990) dürfte einer jener Helfer gewesen sein, die Lauterbacher nach seiner Flucht aus Le Fraschette nach Deutschland geschleust haben. Casagrandes Lebensgeschichte, die von seinem Sohn Thomas Casagrande in einem hervorragenden Buch aufgezeichnet wurde, ist ein Musterbeispiel für Tausende junge Südtiroler, die sich zwischen 1939 und 1944 freiwillig zur Wehrmacht oder zur SS gemeldet haben.31 Otto Casagrande, der in der Jugend des „Völkischen Kampfringes Südtirol“ (VKS) ideologisch für das „Reich“ indoktriniert wird, optiert 1939 für Deutschland und meldet sich zusammen mit einer ganzen Gruppe Gleichaltriger als Freiwilliger zur Waffen-SS. Nach der Ausbildung in München kommt Casagrande zuerst an die Ostfront und dann nach einer Verwundung in die SS-Junkerschule nach Bad Tölz zu einer Sonderausbildung. Zum SS-Untersturmführer befördert, wird Casagrande ab Sommer 1944 zur italienischen Waffen-SS versetzt. Dort wird er Adjutant des Südtiroler SS-Hauptsturmführers Alois Thaler, der ursprünglich für die Ausbildung italienischer Waffen-SS-Soldaten zuständig ist. Ab 1944 kommt diese Ausbildung aber zum Erliegen und die SS-Einheit, die zuerst in Cremona und dann in Rodengo-Saiano in der Nähe von Brescia stationiert ist, wird zunehmend in der Partisanenbekämpfung eingesetzt. Im Frühjahr 1945 richtet die SS-Mannschaft unter dem Befehl Thalers in Rodengo-Saiano mehrere Massaker an. Als die Amerikaner anrücken, können die Partisanen Alois Thaler verhaften. Er wird am 2. Mai 1945 von den Partisanen hingerichtet.
Südtiroler BND-Mitarbeiter Otto Casagrande: Von Hermann Lauterbacher angeworben.
Seinem Adjutanten Otto Casagrande gelingt hingegen die Flucht. Er schlägt sich nach Neumarkt durch, wo er sich versteckt hält und von Freunden und Verwandten versorgt wird. Weil er von den Amerikanern gesucht wird, flieht er weiter bis nach Innsbruck, wo er im Dezember 1945 von den Franzosen zuerst verhaftet und dann wieder freigelassen wird. Anfang 1946 kehrt Otto Casagrande illegal über die Grenze nach Südtirol zurück. Am 23. Januar 1947 wird er vom CIC in Bozen verhaftet. Verhört wird er dabei in Bozen ausgerechnet von jenem CIC-Mann, den wir bestens aus dem ersten Band dieses Werkes kennen: Joseph Peter Luongo.32
Otto Casagrande bleibt vom April bis September 1947 im Kriegsgefangenenlager Rimini interniert. Er kehrt nach seiner Freilassung nach Neumarkt zurück, wo er zwei Jahre lang für eine italienische Firma tätig ist. Offiziell als „Deutscher im Ausland“ sucht er 1948 um die Wiedererlangung der italienischen Staatsbürgerschaft an. Weil ihm diese aber wegen seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS verweigert wird, will er zuerst – wie viele belastete SS-Männer − nach Südamerika auswandern, ändert dann aber seine Meinung und geht nach Deutschland, wo er sich im Rhein-Main Gebiet niederlässt. Dort trifft der Südtiroler SS-Mann wieder auf Hartmann Lauterbacher, den er mit großer Wahrscheinlichkeit bereits 1947 im Kriegsgefangenenlager Rimini kennengelernt hatte. Lauterbacher kontaktiert Casagrande für die Org. und wirbt ihn schließlich an. Otto Casagrande wird als „V-6301“ im August 1951 formal in Pullach als Mitarbeiter der „Generalvertretung G“ in Frankfurt registriert. „Geworben von 6300“ steht auf seiner Karteikarte, also von Hartmann Lauterbacher. Als Einsatzgebiet ist handschriftlich vermerkt: „III, FDJ“.33 Unter dem Signum III versteht man im Nachrichtendienst die sogenannte Gegenspionage und Spionageabwehr. Der Hauptzweck dieser Abteilung: staatsfeindliche Umtriebe aufzudecken und Gruppen oder Personen, die für ausländische Dienste tätig sind, zu überwachen. Dazu passt auch die zweite Bezeichnung: FDJ steht für „Freie Deutsche Jugend“, die kommunistische Jugendorganisation der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Die FDJ war damals in der Bundesrepublik verboten und wurde vom BND akribisch beobachtet. Unter anderem auch von Hartmann Lauterbacher.
Otto Casagrandes Laufbahn im Nachrichtendienst ist nur von kurzer Dauer. Laut Karteikarte wird der Neumarkter SS-Mann am 1. August 1953 „abgeschaltet“, das heißt als Mitarbeiter entlassen. Was „V-6301“ in den zwei Jahren seiner Tätigkeit genau für die Org. tut, lässt sich aus den bisher freigegebenen Akten nicht rekonstruieren. Dass Casagrande dabei aber durchaus auch mit Italien und Südtirol zu tun haben dürfte, legt ein Detail nahe. Gleichzeitig mit seiner Einstellung als „V-6301“ eröffnet Otto Casagrande im Juli 1951 in Wiesbaden eine eigene Firma, die „O. Casagrande Import-Export“ mit dem Unternehmenszweck „Vertretung italienischer Firmen für Möbel- und Dekorationsstoffe“. Es dürfte sich hier ebenfalls um eine Tarnfirma der Org. handeln, die in Richtung Italien operiert hat.
Hartmann Lauterbacher alias „Leonhard“ hingegen ist für den BND immer wieder in Sachen Südtirol tätig. Im Juli 1961 berichtet er unter dem Betreff „Sabotagen in Südtirol/Italien“ von einer persönlichen, privaten Begegnung in Wien. In dem Gespräch geht es sechs Wochen nach der Feuernacht um die Südtirol-Attentate und ihre Hintermänner. Gesprächspartner sind Funktionäre der Freiheitlichen Partei Österreichs FPÖ. Der Landesleitung der Wiener FPÖ ist angeblich bekannt, „dass die in Südtirol/Italien durchgeführten Anschläge auf die Initiative, die Ausbildung und den Einsatz einer östlichen Macht zurückgehen“.34
Das ist der Punkt, der den BND und seinen Mitarbeiter „Leonhard“ brennend interessiert. Der eigentlich anvisierte Gesprächspartner in Wien ist Friedrich Peter (1921–2005), Bundesobmann der FPÖ, der sich 1938 ebenfalls freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und es dort bis zum Obersturmführer gebracht hatte. Weil Peter an diesem Tag verhindert ist, bespricht man das heikle Thema mit einem gewissen „Dr. Bandat“. Es handelt sich dabei um den Ehemann der FPÖ-Nationalratsabgeordneten Josefine Bandat (1902−1966). Neben Hartmann Lauterbacher ist beim Treffen in Wien ein Mann dabei, den „V-6400“ (inzwischen wurde Lauterbachers Nummer geändert) kurz vorher für den BND angeworben hat. Im Bericht an seinen Vorgesetzten im „Strategischen Dienst“ in Pullach schwärmt „Leonhard“:
SS-Brigadeführer und HIAG-Funktionär Karl Cerff: Einsatzgebiet Südtirol.
Bei dieser Gelegenheit bestätigte sich erneut die Annahme, dass [Name geschwärzt – Anm. d. Autors] ein guter nachrichtendienstlicher MA werden könnte.35
Der Mann, den Hartmann Lauterbacher so lobt, ist zu diesem Zeitpunkt beim BND als Mitarbeiter „V-6414“ bereits registriert. Hinter dieser Verwaltungsnummer verbirgt sich eine Person, die im Netzwerk der ehemaligen SS-Angehörigen eine führende Rolle spielt.
Karl Cerff (1907–1978) wächst in Heidelberg auf und tritt mit 15 Jahren bereits der SA und 1926 dann auch der NSDAP bei. 1928 wird er Führer der Hitlerjugend in Heidelberg und fungiert zwischen 1931 und 1932 als HJ-Propagandaleiter im Gau Baden. Ab 1933 ist Cerff in der Reichsjugendführung tätig, wo er die Abteilung Jugend- und Schulfunk leitet. Er steigt in der NS-Hierarchie bis zum Ministerialdirektor im Reichspropagandaministerium und zum Mitglied des persönlichen Stabs des Reichsführers der SS Heinrich Himmler auf. 1943 wird Cerff zum SS-Brigadeführer ernannt.
In der Nachkriegszeit arbeitet Cerff für den Europäischen Buchclub in Stuttgart. Doch seine Berufung liegt auf einem anderen Gebiet. 1951 wird in Deutschland die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS e. V.“ (HIAG) gegründet. Es ist ein Traditionsverband ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS, der in seiner Hochzeit über 20.000 Mitglieder hat. Das zentrale Ziel der HIAG ist eine juridische und gesellschaftliche Rehabilitierung der Waffen-SS. In den Nürnberger Prozessen sind das Oberkommando der Wehrmacht aus formalen Gründen freigesprochen worden, während die SS zu einer „verbrecherischen Organisation“ erklärt wurde. In dieses Urteil sind nicht nur die Mitglieder der Allgemeinen SS und der SS-Totenkopfverbände eingeschlossen, die als Wachmannschaften in den KZs operierten, sondern auch die Mitglieder der Waffen-SS. Diese ist 1939/40 aus den bewaffneten Einheiten der SS-Verfügungstruppe hervorgegangen und während des Krieges zu einer Massenorganisation angewachsen, der insgesamt etwa 900.000 Männer angehörten. Nach dem Krieg echauffierten sich rund 250.000 ehemalige Mitglieder der Waffen-SS über die Ungleichbehandlung gegenüber der „sauberen Wehrmacht“. Weil die Mitglieder der Waffen-SS sich nicht nur gesellschaftlich als „verbrecherisch“ verleumdet sehen, sondern auch konkrete Nachteile in der Pensionsversorgung oder der Übernahme in den Staatsdienst hatten, formiert sich mit der HIAG eine mächtige Lobbyorganisation. Das Projekt „Reinwaschung“ geht am Ende auch auf. Weil die großen Parteien CDU, CSU, aber auch FDP und SPD auf das Wählerstimmenpotenzial dieser Gruppe schielen, werden der HIAG schon bald von der Politik Zugeständnisse gemacht. Und dies, obwohl schnell klar wird, dass der Verband recht offen rechtsextreme Positionen vertritt.36
Karl Cerff ist 25 Jahre lang führendes Mitglied in der HIAG. Er sitzt im Beirat des HIAG-Bundesvorstandes, wird 1962 dritter Bundessprecher und ab 1963 zweiter Bundessprecher des Verbandes. Cerff ist einer der einflussreichsten Unterhändler der HIAG und unterhält zahlreiche Kontakte zu Politikern und Wirtschaftskreisen. Dass Karl Cerff in dieser Position ab 1961 jahrelang als V-Mann für den BND arbeitet, weiß bis heute kaum jemand. Hartmann Lauterbacher hat mit der Anwerbung des HIAG-Mannes einen für den deutschen Nachrichtendienst strategisch wichtigen Schritt gemacht. Im SS-Traditionsverband tut sich ein weites Rekrutierungsfeld auf, das der BND weidlich nutzt. Das wird am Wiener Treffen deutlich, das ebenfalls im Rahmen der HIAG stattfindet. Zudem hat Karl Cerff alias „V-6414“ schon bald ein zweites Einsatzgebiet: Südtirol. So schreibt Hartmann Lauterbacher Anfang 1962 unter seiner neuen Tarnziffer „938“ an Hans Georg Langemann alias „Lückrath“:

Lauterbacher-Bericht über Karl Cerff: „Gute Legende, da ein Freund in der Nähe von Bozen ein Landhaus besitzt.“
V-6414 hat, wie er am 11.1.1962 in München mündlich darstellt, ohne weiteres die Möglichkeit in Bozen bzw. in Südtirol mit einer Anzahl von Persönlichkeiten zu sprechen, die über die Hintergründe der Attentatswelle mehr wissen, als in der Öffentlichkeit bekannt geworden ist. […] V-6414 hat für Reisen nach Südtirol insofern eine gute Legende, als sein Freund, der Inhaber einer Fabrik in Karlsruhe, Rudolf Enseling (bekannt) in der Nähe von Bozen ein Landhaus besitzt, das von den beiden Familien häufig aufgesucht wird. 938 fragt, ob es unter Umständen für zweckmäßig angesehen wird, V-6414 hier einzusetzen. An Kosten würden für die Bahnfahrt Karlsruhe-Bozen und zurück und die Aufenthaltskosten für schätzungsweise 2−3 Tage entstehen.37
„Lückrath“ antwortet vier Tage später:
Vielen Dank für den Hinweis auf die Möglichkeiten des V-6414, an deren operationeller Nutzung hier Interesse besteht. Bezugnehmend auf Ihre Anfrage, wird daher gebeten entsprechende Maßnahmen für eine Reise des V-6414 zu treffen.
Vordringlich interessieren hier neben allen zu gewinnenden personellen Erkenntnissen, die im Zusammenhang mit der Südtirol-Krise getroffen werden können, Klärung:
•der Hintermänner der wegen Sprengstoffvergehens überführten Inhaftierten;
•Verbindungen zur KP Italiens;
•Hinweise auf Oststeuerung (Namen und Fakten);
•Namen von beteiligten deutschen Staatsangehörigen.
Um weiterhin laufende Berichterstattung wird gebeten.38
Dass Rudolf Enseling von Hartmann Lauterbacher als „bekannt“ apostrophiert wird, hat einen einfachen Hintergrund. Auch Enseling ist zu diesem Zeitpunkt ein Spitzenfunktionär der HIAG. Der damals stellvertretende HIAG-Bundessprecher ist bereits beim Gespräch in Wien dabei und eine der wichtigsten Unterquellen für Karl Cerff.
Der Karlsruher Unternehmer Rudolf Enseling (1914–1977), SS-Obersturmbannführer und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichneter Panzerkommandant, hat ein Haus in Jenesien oberhalb von Bozen. In einem vertraulichen Bericht der Bozner Quästur heißt es:
In den vergangenen Tagen wurde diesem Amt die Meldung zugetragen, dass der deutsche Staatsbürger Enseling Rudolf, Präsident einer Vereinigung ehemaliger SS-Leute in Deutschland, seit einigen Jahren in der Gemeinde Jenesien kürzere Urlaubsperioden verbringt. Laut der Mitteilung hat Enseling, der von starken antiitalienischen Ressentiments erfüllt ist, Geldsummen für die in Italien inhaftierten Kriegsverbrecher überbracht, die in Deutschland gesammelt wurden. Zudem soll er Kleidung an die Bauern im Ort verteilt haben. […] Es wurde außerdem festgestellt, dass die genannte Person in dieser Gemeinde Besitzer der Villa Erika ist. Ein Haus, das aus zwei Wohnungen besteht, in dem während der sommerlichen Ferienzeit immer wieder auch Angestellte des genannten Unternehmens mit ihren Familien die Ferien verbringen. Dabei soll auch ein nicht näher bekannter Cerff Karl des „Hilfswerk für Südtirol“ [gemeint ist damit wohl das „Kulturwerk für Südtirol“ – Anm. d. Autors] zu Gast bei diesem Ausländer sein.39
Hartmann Lauterbacher meldet Anfang Februar 1962 an Kurt Weiß („Winterstein“), dass Cerff seine Erkundungsfahrt angetreten hat und vom 7. bis 9. Februar in Bozen sei. Schon Wochen zuvor legt der Karlsruher HIAG-Funktionär gegenüber dem BND seine Südtiroler Gesprächspartner offen, von denen er Informationen erhält.
Cerff trifft sich in Südtirol mehrmals mit Hermann Nicolussi-Leck (1913–1999). Der Kalterer Anwalt, der zwei Legislativen lang (1956–1960 und 1968–1973) für die SVP im Regionalrat sitzt, ist der Bruder des damals bekanntesten Südtiroler SS-Mannes: Karl Nicolussi-Leck (1917–2008). Der ehemalige SS-Hauptsturmführer war nach Kriegsende in der Fluchthilfe für die gesuchten Nationalsozialisten tätig und ging schließlich selbst unter falschem Namen nach Argentinien. Auch als Karl Nicolussi-Leck in den 1950er-Jahren nach Südtirol zurückkehrt, bleibt er wichtiger Teil eines weltweiten Netzes ehemaliger freiwilliger SS-Männer.40
Hermann Nicolussi-Leck hingegen war im Weltkrieg bei den Gebirgsjägern. Was ihn für den BND aber besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass er der Verteidiger des inhaftierten Südtiroler BAS-Gründers Sepp Kerschbaumer ist. Der BND will über den Anwalt zu vertraulichen Informationen kommen. Dabei soll Cerff für den BND auch eine Verbindung Kerschbaumers nach Deutschland zu einem namentlich bekannten Busunternehmer abklären.

Bericht der Bozner Quästur über Rudolf Enseling: „Übergabe von Geldern, die in Deutschland gesammelt wurden“.
Ein weiterer Gesprächspartner von „V-6414“ in Südtirol ist der Bozner Geschäftsmann Emil Gutweniger. Auch er ist ein alter Bekannter von Hartmann Lauterbacher. Gutweniger ist wie Otto Casagrande in der Jugendbewegung des VKS tätig und wird zum Gebietsgeldverwalter der HJ in Tirol ernannt.41 Nach dem Krieg eröffnet Emil Gutweniger unter den Bozner Lauben das erste Spielwarengeschäft in Südtirol. Hartmann Lauterbacher schreibt über Gutweniger an seinen Vorgesetzen in Pullach: „Ein Mann, der V-6414 gegenüber schon einmal Andeutungen über Hintergründe gemacht hat.“42
Die dritte Südtiroler Quelle von „V-6414“ ist uns bereits aus dem ersten Band dieses Werkes bekannt: Pater Franz Pobitzer.43 Der Franziskanerpater, mit bürgerlichem Namen Oswald Pobitzer (1908–1974), von dem die CIA bereits 1952 in einem Bericht schreibt, „shows interest in intelligence matters“, scheint gleich mit mehreren Nachrichtendiensten auf Tuchfühlung zu sein. Karl Cerff beschreibt ihn, als „den geistlichen Betreuer der Inhaftierten und der betroffenen Familien“. Dass man Franz Pobitzer in Pullach bereits kennt, geht aus einer Notiz auf einem Bericht von Karl Cerff vom Oktober 1961 hervor, in dem „V-6461“ „Pater Dr. Franz Pobitzer, Bozen“ als Quelle angibt. Der BND-Sachbearbeiter macht hinter dem Namen ein Sternchen mit der Anmerkung: „Wird sich weiterhin um Aufklärung kommunistischer Hintergründe bemühen und 6414 gegebenenfalls davon unterrichten.“44
Aber auch der oben zitierte Verweis der Bozner Quästur auf das „Kulturwerk für Südtirol“ ist im Zusammenhang mit Karl Cerff richtig. Der HIAG-Sprecher gehört nämlich zum Leitungsgremium Baden-Württemberg, dieses 1957 in München gegründeten Hilfsvereins für Südtirol. „V-6414“ liefert jahrelang Insider-Informationen auch aus diesem Kreis. So etwa im Frühjahr 1962 über die Jahrestagung des Kulturwerks in Karlsruhe.45
Die Spur in den Osten

Anschlag der Burschenschafter in einem Bus in Rom (September 1961): Alarmstufe Rot für den BND.
Werden die Anschläge in Südtirol vom Osten gesteuert? Das ist eine zentrale Frage, der Reinhard Gehlen und der BND jahrelang nachgehen. Mit einer Gegenspionage-Aktion in Wien will man hier Klarheit schaffen. Gleichzeitig kommt es kurz nach der Feuernacht in Rom zu einer brisanten Verhaftung: ein BAS-Mann, der für den BND tätig ist. Dies könnte zu einer diplomatischen Krise führen, denn es wäre für die italienischen Behörden der Beweis des lang gehegten Verdachtes, dass Deutschland hinter den Anschlägen in Südtirol steckt.
Genau zu dem Zeitpunkt, an dem in Europas Hauptstädten die Studentenrevolte explodiert, geht der General, der über zwei Jahrzehnte lang den deutschen Geheimdienst verkörpert hat, in Rente. Anfang Mai 1968 wird Reinhard Gehlen als Präsident des „Bundesnachrichtendienstes“ (BND) abgelöst und tritt in den Ruhestand. Gehlen arbeitet danach formal noch ein Jahr lang als Berater für seinen Nachfolger Gerhard Wessel, doch de facto kommt es zu einem Bruch zwischen dem Gründervater des BND und seinem Dienst.
Zwei Jahre lang schreibt Reinhard Gehlen danach an seinen Memoiren. 1971 erscheint das Buch mit dem schlichten Titel „Der Dienst“. Was als große Sensation angekündigt ist, erweist sich als sehr mittelmäßiges und eher langweiliges Werk. Der große Geheimnistuer bleibt seinem Ruf treu und plaudert in seinen Lebenserinnerungen rein gar nichts über die Geheimdienstarbeit aus.1 Das Buch erlaubt aber einen Einblick in Gehlens Gedankenwelt, die man getrost als etwas verschroben beschreiben kann. Gehlens Koordinaten sind geprägt von seiner militärischen Ausbildung, den Kriegsjahren und einem fast bis zum Fanatismus reichenden Anti-Kommunismus. „Ich betrachte den Kommunismus als eine tödliche Gefahr und lehne sein Gedankengebäude vollkommen ab“, fasst der BND-Gründer in seinen Lebenserinnerungen jene ideologische Auffassung prägnant zusammen, die sein privates und berufliches Leben prägt.2
Reinhard Gehlens nachrichtendienstliche Karriere beginnt, als er am 1. April 1942 zum Chef der Abteilung „Fremde Heere Ost“ (FHO) ernannt wird. Der neuberufene Oberst ist damit für die militärische Aufklärung an der gesamten Ostfront zuständig. Drei Jahre lang baut Gehlen die FHO zu einem Spionageapparat gegen die Sowjetunion auf. Diese Arbeit wird auch zum Leitmotiv seines Lebens. In der Nachkriegszeit sind es diese Informationen und das FHO-Archiv über vermeintliche kommunistische Aktivitäten, die den General für die Amerikaner so wertvoll machen, dass sie Reinhard Gehlen den Aufbau eines deutschen Nachkriegsgeheimdienstes finanzieren. Die „Organisation Gehlen“ (Org.), zuerst vom Militärgeheimdienst, dann ab 1949 von der „Central Intelligence Agency“ (CIA) kontrolliert und geleitet, ist für die USA ein wichtiges und willkommenes Werkzeug im aufkommenden Kalten Krieg. Der Kampf gegen den kommunistischen Feind schweißt die Gegner von einst zusammen.
Innerhalb der Gestapo und der militärischen Abwehr hatte man bereits Ende der 1930er-Jahre einen Begriff erfunden, mit dem die Nationalsozialisten ein vermeintliches Netz aus kommunistischen Spionen definierten, das sich über ganz Europa erstrecken sollte: die „Rote Kapelle“. Nicht nur die von Admiral Wilhelm Canaris geleitete Abwehr, also des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht, sondern auch die Gestapo und Gehlens FHO sahen in der Jagd auf die „Rote Kapelle“ eine ihrer zentralen Aufgaben. Obwohl man heute weiß, dass die „Rote Kapelle“ in Wirklichkeit eine Chimäre war, geht die Jagd auf das vermeintliche kommunistische Netzwerk auch in den Nachkriegsjahren unvermindert weiter. Reinhard Gehlen und viele seiner leitenden Mitarbeiter sind überzeugt, dass die Kommunisten den Westen unterwandern wollen. Dieser fanatische Antikommunismus aus den Kriegsjahren lebt in den Köpfen der meisten Mitarbeiter im deutschen Nachrichtendienst nach 1945 fort. Es ist eine Haltung, die alle Bereiche des BND durchdringt. Der Berliner Historiker Gerhard Sälter hat in seinem 2016 erschienenen Buch „Phantome des Kalten Krieges“ detailliert nachgezeichnet, wie man bis Anfang der 1970er-Jahre innerhalb des BND bewusst das Feindbild „Rote Kapelle“ am Leben erhalten und mit viel Aufwand gejagt hat.3
Exemplarisch zum Vorschein kommt diese Haltung auch in den bisher freigegebenen Akten des BND zu Südtirol. Die Frage, ob die Südtirol-Attentate vom Osten gesteuert werden und es kommunistische Hintermänner gibt, die den Südtirol-Konflikt ausnutzen wollen, um im westlichen Verteidigungsbündnis einen Unruheherd zu schaffen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Beschäftigung Pullachs mit Südtirol.
Nach Kenntnisnahme vernichten!
Zwischen Dezember 1962 und Juni 1963 kommt es im sowjetischen Sektor in Berlin zu mehreren Sprengstoffanschlägen. Nach kleineren Anschlägen an der Mauer folgt am 28. Dezember 1962 an der Ecke Zimmer-/Lidenstraße eine größere Explosion, die nicht nur einen Schaden an der Mauer verursacht, sondern auch über 1.500 Fensterscheiben in der Umgebung zu Bruch gehen lässt. Zwei Tage später explodieren Sprengladungen im Ausstellungsraum des Hauses der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft und gleichzeitig auf einem öffentlichen Parkplatz an der Wadzeckstraße. Bei einer dritten Sprengladung, die am Präsidium der Volkspolizei hinterlegt wird, versagt der Zeitzünder.
Die DDR-Behörden rechnen die Anschläge von Beginn an einer „revanchistischen Terrorgruppe“ aus dem Westen zu. Dass sie damit richtig liegen, machen die Ermittlungen der bundesdeutschen Polizei und ein dramatischer Vorfall deutlich, der sich wenige Wochen später ereignet. Am 10. März 1963 detoniert in einer Wohnung in Berlin-Wilmersdorf eine Sprengladung. Dabei stirbt der 23-jährige Student Hans-Jürgen Bischoff. Zwei Frauen werden schwer verletzt. Die Ermittlungen ergeben, dass Bischoff beim Scharfmachen einer Sprengladung verunglückt ist. Im Keller findet die Polizei ein ganzes Sprengstoff- und Waffenarsenal.

Östliche Steuerung der Südtirol-Attentate: Reinhard Gehlen („106 pers.“) gibt Marschrichtung vor.
Laut ersten Ermittlungen des Bundeskriminalamtes (BKA) stammen die bei Bischoff gefundenen Zünder und Zündschnüre sowie der Sprengstoff aus Österreich. Die polizeilichen Ermittlungen ergeben ein klares Bild: Hans-Jürgen Bischoff ist Mitglied der Berliner Burschenschaft Vandalia-Teutonia und war über den rechtsgerichteten „Bund Heimattreuer Jugend“ (BHJ) mit dem Kreis um Norbert Burger in Berührung gekommen. Das BKA kann den Weg der bei Bischoff gefundenen Zünder genau rekonstruieren. Sie waren von Leuten des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) − unter ihnen Peter Kienesberger − im Herbst 1962 in Österreich gestohlen und über Norbert Burger und deutsch-österreichische Burschenschafterkreise nach Berlin gebracht worden.
Schon im Frühjahr 1962 hatte man auf einem BHJ-Pfingstlager in Heilbronn einen gemeinsamen Aktionsplan beschlossen. Unter dem Signum „Berlin hilft Südtirol – Südtirol hilft Berlin“ wird eine Art rechtsradikales Joint Venture geschlossen. Zwischen 1962 und 1965 beteiligen sich über diese Schiene zwei Dutzend deutsche Burschenschafter an BAS-Attentaten in Italien. Die Anschläge vom Oktober 1962, bei denen der Bahnhofsangestellte Gaspare Erzen in Verona stirbt und weitere 20 Personen verletzt werden, sind nur der Auftakt. Im Gegenzug werden BAS-Leute in Berlin aktiv. So ist etwa Peter Kienesberger im Frühjahr 1963 an den Maueranschlägen in Berlin direkt beteiligt.4
Mitten in der Anschlagsserie schreibt Reinhard Gehlen einen persönlichen Brief an Heinrich Albertz (1915−1993), den regierenden Bürgermeister Berlins:
Von meinem Berliner Beauftragten bin ich über die Besprechung vom 28.3. unterrichtet worden. Mich hat das bisherige Ermittlungsergebnis über die Sprengstoffanschläge in Berlin an der Mauer außerordentlich interessiert. Insbesondere die Feststellung, dass einzelne Spuren über München zu Kreisen in Südtirol geführt hätten. Es wird in diesem Zusammenhang für Sie von Interesse sein, dass bei uns Hinweise dazu vorliegen, dass die Sprengstoffanschläge der rechtsradikalen Kreise in Südtirol wohl größtenteils von sowjetischer Seite gesteuert werden, meist ohne dass die tätigen rechtsradikalen Kreise sich dessen bewusst sind. Es ist in diesem Zusammenhang der Versuch gemacht worden, dem italienischen Dienst Material mit Daten und Personenangaben zuzuspielen, das die Urheberschaft an den Südtiroler Sprengstoffanschlägen dem BND zuschieben sollte. Erfreulicherweise erhielten wir aufgrund der Zusammenarbeit diese Unterlagen sofort, so dass wir nachweisen konnten, dass die Angaben falsch waren und ein großer Teil der wenigen Personen überhaupt nicht existiert.
Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang auch noch bedeutsam, dass einige Zeit vor dem ersten Maueranschlag bei uns eine Meldung aus der Ostzone anlief, dass der Osten solche Maueranschläge inszenieren würde, um die Situation zu verschärfen. Es ist aber noch nicht gelungen, durch eine zweite Meldung dieser Art eine Bestätigung und nähere Einzelheiten zu erlangen. Ich glaube, dass man mit allen Mitteln versuchen sollte, die Dinge weiter zu klären. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diesen Brief nach Kenntnisnahme vernichten würden. Sollten Sie uns einmal wieder besuchen, könnte dieses Thema näher erörtert werden.5
Es ist die typische Paranoia der Geheimdienste, die in den letzten Zeilen dieses Briefs zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig zeigt sich in diesem Schreiben aber auch die Grundüberzeugung des BND-Präsidenten und seines Dienstes, dass der Osten bei den Südtirol-Attentaten mitmischt.
In Pullach ist allen von Anfang an klar, dass die Beschäftigung mit Südtirol eine Gratwanderung ist. Denn der BND ist offiziell der deutsche Auslandsnachrichtendienst. Formal zuständig für die Aufklärung der Vorgänge in Deutschland, die mit dem Südtirol-Terrorismus zusammenhängen, sind das „Bundesamt für Verfassungsschutz“ (BfV) und das Bundeskriminalamt (BKA). In einem weiteren Vermerk zur Südtirol-Frage hält Reinhard Gehlen wenig später deshalb auch fest:
Obwohl sachlich innerhalb der BRD unzuständig, hat der BND wegen des außenpolitischen Gewichts der Südtirol-Frage und auch aus Gründen der Sicherung auslandsnachrichtendienstlicher Verbindungen nach Italien sich bemüht, den Komplex Südtirol zu klären.6
Wie wir bereits gesehen haben, hat der BND eine Vielzahl von Zuträgern, Informanten und Agenten, die zu Südtirol berichten und auch auf den BAS angesetzt sind. Gehlen & Co haben damit detaillierte Kenntnisse von der Entwicklung der Südtirol-Krise. Im Herbst 1964 fasst der Bereichsleiter im „Strategischen Dienst“ Hans Georg Langemann (DN „Lückrath“) den Kenntnisstand des BND zu Südtirol zusammen. Der Übersichtsbericht, der an Reinhard Gehlen persönlich geht, wird auch an das Bonner BND-Büro (106/XX) geschickt. Das deutet darauf hin, dass der Bericht auch für Teile der deutschen Bundesregierung bestimmt ist.
Die Analyse „Lückraths“ gibt den Wissensstand und die Überzeugungen zu Südtirol im Herbst 1964 prägnant wieder:
Nach hier vorliegenden Erkenntnissen sind die am Anfang der Auseinandersetzungen um Südtirol durchgeführten Sabotagehandlungen zunächst von der Regierung in Wien zumindest toleriert worden. Das traf insbesondere auf Einzelfälle zu, in denen Offiziere des Bundesheeres durch Schulung oder Bereitstellung von Handfeuerwaffen und Sprengmaterial aktiven Einfluss auf die Geschehnisse nahmen. Schon bald stellte sich aber heraus, dass die am Anfang wohl mehr als unblutige Demonstration gedachten Sabotagehandlungen in Größenordnung, Einsatzrichtung und Intensität der Einflussnahme offizieller oder offiziöser Stellen Österreichs entglitten. Diese Stellen hielten sich deswegen in der Zukunft auch zurück.
Auf dem Höhepunkt der Attentatswelle im Sommer 1961 wurde GS-mäßig [GS = Gegenspionage – Anm. d. Autors] festgestellt, dass eine entscheidende Einflussnahme durch rechtsradikale Kreise äußerlich eingetreten war, dass darüber hinaus in Einzelfällen auch Agenten des ND der ČSSR und der SBZ [ND = Nachrichtendienst, SBZ = Sowjetische Besatzungszone – Anm. d. Autors] zum Zwecke der Anstiftung und Diversion im Einsatzgebiet aufgetreten waren. Auch deuten Anzeichen dahin, dass seitens der KPI [Kommunistische Partei Italiens – Anm. d. Autors] in die Auseinandersetzung aktiv eingegriffen wurde. Ganz allgemein bleibt aber festzuhalten, dass die Einsätze in ihrer Mehrheit durch den rechtsradikalen „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) und seine Untergrundorganisationen getragen wurden. Ferner, dass der BAS von Österreich aus operierte und samt und sonders von Österreichern angeführt wurde.
Es unterliegt aber weiterhin keinem Zweifel, dass die vielfach ideal betonten rechtsextremistischen Zirkel innerhalb des BAS, deren Fäden in die faschistische Internationale, aber auch in „wilde“ freimaurerische Gruppen in Spanien, Belgien, Schweden und Italien liefen, einer starken Unterwanderung und Infiltration durch die Sowjets und ihre Satelliten ausgesetzt waren und noch sind. […]
Nachdem sich in den Verhandlungen zwischen Italien und Österreich zwischenzeitlich Verhärtungen ergeben hatten, die eine politische Lösung der Südtirol-Frage zeitweise fraglich erscheinen ließen, ergaben die neuerlichen Sondierungen zwischen Kreisky und Saragat, die im September 1964 zu den Genfer Verhandlungen führten, ein relativ gutes Kompromissklima, auch seitens der Italiener.
Unbestätigten Meldungen zufolge habe dabei die gemeinsame sozialistische Orientierung beider Minister eine Rolle gespielt. Zur Störung dieser Lage wurden sodann in jüngster Zeit die bekannten Sabotagehandlungen wieder aufgenommen, und zwar zunächst sichtlich als Werk Einzelner, oder ganz kleiner Extremistengruppen.
Die in ihrem Umfange, aber auch in ihrer Brutalität unverhältnismäßig scharfe Reaktion der Carabinieri und teilweise auch der Alpini haben zu einer so tiefgreifenden Verschärfung der Lage geführt, dass es heute fraglich erscheint, ob die Terrorhandlungen ihren vereinzelten Charakter beibehalten werden oder ob mit einem neuen und umfassenden Anschwellen der Sabotageakte zu rechnen ist. Diese Frage ist umso gewichtiger, als die anfänglichen Terrorakte von der Südtiroler Bevölkerung fast einheitlich abgelehnt wurden, diese Stimmung aber ebenso radikal umgeschlagen ist. Hierzu hat sicherlich auch der noch ungeklärte Tod von Luis Amplatz, geb. 28.8.26 in Bozen, und die Verwundung von Georg Klotz, geb. 11.9.19 in Passeier, und das in diesem Zusammenhang sehr mysteriöse Verhalten der italienischen Sicherheitstruppen beigetragen.
Es bedarf aber auch hier nicht der Hervorhebung, dass die zu. Ziff. 1 genannten Kräfte wiederum bemüht sind, nicht nur das Südtiroler Verhandlungsklima zu stören, sondern vor allen Dingen in Italien eine neue antideutsche Welle hervorzurufen.7
Obwohl „Lückrath“ die großen Leitlinien beschreibt, verschweigt der Leiter des Bereichs „Sicherheit/Gegenspionage“ in dieser Darstellung ganz bewusst die aktive und operative Rolle des BND in Sachen Südtirol. Denn nicht nur aus dem Büro von Reinhard Gehlen wird der deutsche Nachrichtendienst in Sachen BAS und Südtirol tätig.
Das Wiener Handelskontor
Im Juli 1961, sieben Wochen nach der sogenannten Feuernacht, informiert Kurt Weiß alias „Winterstein“ seinen Vorgesetzen Reinhard Gehlen über das geplante Vorgehen und die Taktik des „Befreiungsausschusses Südtirol“. In der „Vortragsnotiz“ an den BND-Präsidenten heißt es:
Der Befreiungsausschuss hat für seinen Kampf vier Phasen vorgesehen:
1. Phase: Aufrüttelung der Weltöffentlichkeit durch die Sprengung des Reiterstandbildes in Waidbruck;
2. Phase: Sprengung von Überlandleitungen zur Schädigung der italienischen Industrie;
3. Phase: Sprengung von Bahnlinien in Italien.
Während in den ersten drei Phasen Menschenopfer vermieden werden sollten, sah die
4. Phase: Sprengungen von militärischen Anlagen ohne Schonung von Menschenleben vor.
In Anbetracht der erfolgten Verhaftungen ist es sehr fraglich, ob die vierte Phase noch durchgeführt werden kann. Der Befreiungsausschuss will daher vorerst die Phase 3a einfügen: Weiterführung der bisherigen Aktionen zur Entlastung der Verhafteten. Es soll damit bewiesen werden, dass die Verhafteten, insbesondere Sepp Kerschbaumer und Georg Pircher, nicht die Initiatoren der Anschläge waren.
Kerschbaumer wird als Andreas-Hofer-Typ charakterisiert, während Pircher durch sein Herzleiden wahrscheinlich „weich“ geworden sei und Namen preisgegeben habe.
Die Italiener haben daraufhin der österreichischen Regierung eine Namensliste übergeben, so dass Österreich nunmehr gezwungen wird, gegen die Freiheitskämpfer vorzugehen. Die österreichische Staatspolizei hat bereits entsprechende Anweisung erhalten. Die Angehörigen des BAS in Österreich treffen Vorkehrungen, um „untertauchen“ zu können.8
Die Informationen für diese Meldung kommen von einer Quelle innerhalb des BAS. Geführt wird dieser Informant von einem BND-Mitarbeiter, der für die Wiener Außenstelle des deutschen Nachrichtendienstes arbeitet. Bereits in der Org. hatte Reinhard Gehlen über ein Dutzend Außenstellen in Deutschland, aber auch verdeckte Niederlassungen in mehreren europäischen Ländern eingerichtet. Mit dem Übergang der Org. in den Staatsdienst und die Gründung des BND wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt, deren Aufgabe es ist, diesen Außenbereich grundlegend zu reformieren. So ändern zum 1. April 1958 alle BND-Außenstellen ihren Namen. Wurden vorher Tarnziffern verwendet, so setzt man jetzt auf die Wirtschaft als Tarnung.
Pullach gründet überall Scheinfirmen, unter deren Deckmantel die Mitarbeiter tätig sind. Es handelt sich um Unternehmen, die im Handelsregister eingetragen sind und die auch Steuern zahlen, die in Wirklichkeit aber BND-Außenstellen sind. Die Firmenlegende dient der Deckung der eigenen Mitarbeiter. So entstehen die „Transfer OHG“, die „Mittelland AG“, das „Inkasso-Institut“, die „Firma Ehlert“, die „Reproduktionsgenossenschaft“ (RPG), der „Ortlerverlag“ oder das „Büro Baumeister“.9
Dass man diese Tarnung genauso auch im Ausland umsetzt, zeigt das Beispiel Johannes „Giovanni“ Gehlen und Rom. Am 12. November 1958 wird vor einem römischen Notar die Firma „Asfaro GmbH“ gegründet. Der Unternehmensname ist mit viel Fantasie gewählt und steht als Abkürzung für „Archivio Studi di Fisica Applicata e Ricerche Oceanografiche“. Diese Legende ist perfekt auf den studierten Physiker Giovanni Gehlen zugeschnitten. Offiziell gehörte die Asfaro GmbH zu 83 Prozent Agda Paulson, der Ehefrau des BND-Statthalters. Die restlichen 17 Prozent hält der römische Chemiker Manfredo Mingazzini. Bereits am 5. Februar 1959 ernennt der Verwaltungsrat Giovanni Gehlen zum Alleinverwalter, ausgestattet mit allen Befugnissen. Die Asfaro GmbH erwirbt 1959 die Wohnung in der Via Oddone di Cluny Nr. 8, in der die verdeckte BND-Residentur in Rom untergebracht ist.10
Auch die Wiener Außenstelle des BND wird als Unternehmen getarnt. Die BND-Mitarbeiter operieren ab 1958 in der österreichischen Bundeshauptstadt unter dem Dach der „Handelskontor Ex- und Import GmbH“. Geleitet wird die Wiener Außenstelle in diesen Jahren von Kurt Randel-Semper (DN „Rahne“), einem Münchner Obersten, der im Zweiten Weltkrieg eine Nachrichtengruppe der Luftwaffe geführt hat. Einer der hauptamtlichen Mitarbeiter ist Werner Friedrich Macho (* 1924). Der geborene Kremser, Mitglied der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ im Rang eines SS-Unterscharführers, liefert als „V-14 402“ und unter dem Decknamen „Weikert“ auch immer wieder Meldungen über Südtirol und den BAS.
Die Außenstelle in Wien gilt als eine der BND-Residenturen, in der es von ehemaligen SS- und SD-Männern nur so wimmelt. Das liegt an dem Mann, der die Außenstelle aufgebaut hat. Rupert Mandl (* 1910), SS-Hauptsturmführer, Leiter einer Außenstelle des „Reichsicherheitsamtes“ (RSHA) in Wien, tritt bereits 1947 der Org. bei. Mandl leitet als „V-14 000“ unter dem Decknamen „Mayer“ jahrelang die Spionage gegen Ungarn und wirbt für die Wiener Außenstelle vor allem Kriegskameraden aus dem SD und der SS an.
Am 13. November 1959 tritt ein neuer Mitarbeiter seinen Dienst in der „Handelskontor GmbH“ an. Der BND-Mitarbeiter, der in Pullach unter der Verwaltungsnummer „V-14 791“ und dem Decknamen „Wieland“ geführt wird, ist als „Forscher und Verbindungsführer für politische und wirtschaftliche Verbindungen“ tätig. Das Operationsgebiet von „V-14 791“ ist ganz Österreich, sein Dienstsitz Wien.
BND-Außenstellenleiter Rupert Mandl: Schart in Wien vor allem SS- und SD-Kameraden um sich.
Ein Forscher ist im BND-Jargon ein BND-Mann, der neue Informanten für den deutschen Nachrichtendienst auskundschaftet und auch anwirbt. Der Verbindungsführer führt dann die angeworbenen BND-Mitarbeiter. Anfang Dezember 1960 wird der „Forschungsbereich“ von „V-14 791“ noch einmal von seinem Dienstgeber genauer spezifiziert. Der BND-Mann operiert nun vor allem in „Studentenkreisen in Richtung Donauraum“.11
Hinter dem Decknamen „Wieland“ und der Nummer „V-14 791“ verbirgt sich Rudolf Wihan. Der Wiener Rudolf Wihan (1910–1983) tritt bereits Anfang 1931 der NSDAP bei, später der SS und dem SD. Wihan arbeitet anfänglich vor allem als Propagandafachmann. Er engagiert sich im Nationalsozialistischen Studentenbund und übernimmt die Leitung der Presse- und Propagandaabteilung der Bereichsführung Südost des Reichsstudentenwerks. 1939 leitet er als SS-Obersturmführer kurzzeitig die sogenannte „Bücherverwertungsstelle Wien“, in der Hunderttausende Bücher verwaltet werden, die die Nazis geraubt haben.12 Ab 1943 ist er als persönlicher Referent des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD in Italien Wilhelm Harster tätig, über den im nächsten Kapitel noch ausführlicher berichtet werden wird. Zuerst in Genua und dann in Verona stationiert, arbeitet Wihan für den SD in der Abteilung III, dem Nachrichtendienst.13
Nach dem Krieg lebt Rudolf Wihan in Wien und kehrt dorthin zurück, wo er als junger Mann sozialisiert worden ist: in die Burschenschafterkreise. Die Wiener Burschenschaft Aldania ist eine der ersten schlagenden Verbindungen, die 1946 in Wien wieder aktiv werden. Die Aldania beginnt in den ersten Nachkriegsjahren auch die sogenannten Alten Herren, zum Großteil belastete NS-Funktionsträger, zu sammeln. Rudolf Wihan mischt dabei an vorderster Front mit.
1953 schließen sich die akademischen Burschenschaften Österreichs zum Allgemeinen Delegierten Convent (ADC) zusammen. Der Dachverband wird 1959 in Deutsche Burschenschaft in Österreich (DÖB) umbenannt. Mitte der 1950er-Jahre ist Rudolf Wihan Vorsitzender des ADC.14
Es ist dieses rechtskonservative bis rechtsextremistische Terrain, das Wihan spätestens ab 1959 als „V–14 791“ für den BND bearbeitet. Dabei kommt der Mitarbeiter des deutschen Nachrichtendienstes unweigerlich mit dem Thema Südtirol in Berührung und auch mit Norbert Burger, der jahrelang seine Mitstreiter im sogenannten Südtiroler Freiheitskampf aus den Burschenschaften rekrutiert. Norbert Burger wird zwischen 1955 und 1961 in nahezu sämtliche bedeutenden Ämter gewählt oder nominiert, die der ADC oder die DÖB zu vergeben haben. Dabei kommen sich Burger und Wihan persönlich näher. Der spätere Gründer der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei (NDP) dürfte so auch mitbekommen haben, dass der Wiener Burschenschafter für den deutschen Nachrichtendienst arbeitet. Auch das geht aus den Pullacher Akten hervor. So berichtet Herbert Lucht, alias „V-3020“ im September 1963 über angebliche „Kontakte des BAS zu Journalisten und Agenten“. In der Meldung heißt es:
Hingegen hält man Verbindung mit einem ebenfalls als Journalist getarnten „Gehlen-Agenten“ in Wien, namens Wihan. Dr. Burger hat ihm erst in letzter Zeit geschrieben und ihn gebeten, die offenbar vom BND ausgestreuten Verdächtigungen im Zusammenhang mit den Kommunisten richtigzustellen.15
Doch Norbert Burger ist nicht der einzige Kontakt Wihans in Österreichs Burschenschafterkreisen. „Wieland“ hat auch ein weiteres, prominentes BAS-Mitglied an der Angel.
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