Kitabı oku: «Das Rubikon-Papier»

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Christoph Güsken

Das Rubikon-Papier

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es den Herrn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.

Gen 6,5-7

Der alte Mann keuchte, während er lief. In seinen Gliedern machte sich Erschöpfung bemerkbar, das war nach vier Kilometern Strecke ganz normal. Ich habe es nicht mehr nötig, mir etwas zu beweisen, dachte er. Lange Zeit habe ich mir etwas darauf eingebildet, dass die Presse über mich schreibt, wie gut ich mich für mein Alter gehalten habe. Dass ich für einen alten Knacker verdammt fit aussehe. Aus rei­ner Eitelkeit habe ich damals angefangen zu joggen.

Trotz der Müdigkeit fühlte Benno von Zabern sich großartig, wäh­rend er die kalte, frische Nachmittagsluft einatmete. Joggen war für ihn kein Sport, sondern eine Form der Meditation. Vier Schritte lang ein­atmen, vier Schritte lang ausatmen. Immer abwechselnd, immer wie­der. Die Welt um ihn herum vergessen, Spaziergänger und Hundebes­itzer, den See, den er umrundete, den Schotterweg, auf dem er lief. Erinnerungen, Ideen und Assoziationen reihten sich wie von selbst in seinen Gedankenfluss ein. Blockaden lösten sich, und Banales trennte sich von Wichtigem. Oft hatte er das Gefühl, wenn er nur lange genug joggte, würde sich sein Leben wie von selbst ordnen, ohne dass er et­was dazu beitragen musste.

Eine schöne Illusion. Sein Leben würde sich nicht von selbst ord­nen, auch wenn er selbst alle seine Mühe darauf verwendete, es würde ihm nicht mehr gelingen. Dafür war es zu spät. Ich kann froh sein, ging es von Zabern durch den Kopf, während er einem entgegenkom­menden Radfahrer auswich, dass es mir wenigstens vergönnt war, ei­nen unge­schönten Blick auf das Chaos zu werfen. Jahre, Jahrzehnte lang habe ich mir in der Rolle des unbequemen Analysten gefallen. Als mir die Augen geöffnet wurden, sah ich im selben Moment, dass ich mir auf nichts etwas einbilden kann. Nicht einmal darauf, reinen Tisch ge­macht zu haben, denn das wird die Dinge nicht mehr ins Lot bringen. Die ganze Zeit war ich mir darüber bewusst, dass ich mir selbst etwas vormache, doch ich habe es eben gern getan. Es war be­quem und brachte mir Ansehen ein.

Der alte Mann verließ den See und bog nach links auf einen Weg ab, der an der Gartenseite seines Grundstücks vorbeiführte. Es war ein großes Grundstück in einer sündhaft teueren Lage, Innenstadt und Parklandschaft in einem. So etwas konnten sich nur wenige leisten. Er gehörte zu ihnen.

Von Zabern musste grinsen. Sich etwas vorzumachen, zahlte sich aus. Nicht nur jetzt, sondern auch später. Vielleicht war das Haus samt Grundstück schon bald nicht mehr viel wert, doch heutzutage konnte man sich selbst aus der Hölle freikaufen, wenn man nur über das nöti­ge Kleingeld verfügte. Die berühmte Volksweisheit, der zufolge ein To­tenhemd keine Taschen hatte, war widerlegt.

Der Jogger verfiel in Schrittempo und stoppte vor seiner Gartentür. Er überquerte den Rasen in Richtung Terrasse. Wenigstens hatte er rei­nen Tisch gemacht. Das war es eigentlich, was seine gute Stimmung aus­machte, nicht nur die Endorfine, die das Joggen freigesetzt hatte. Nach außen hin schien er sich dem Ende seines Lebens zu nähern. Und doch hielt er die Chance eines Neuanfangs in den Händen. Ob­wohl er es nicht verdient hatte.

Am Ende zählt immer nur, was du nicht verdient hast. Das hatte er ir­gendwo gelesen.

Die Terrassentür stand offen. So weit von Zabern sich erinnerte, hatte er sie verschlossen, als er vor einer halben Stunde das Haus ver­lassen hatte. Er blieb stehen und machte ein paar Dehn- und Streck­übungen. Und wenn es das letzte Mal gewesen ist, dass ich diese Stre­cke gelau­fen bin?, fragte er sich. Er war kein Dummkopf und hatte diese Mög­lichkeit von Anfang an in Betracht gezogen.

Benno von Zabern beugte sich vor, um mit seinen Fingern die Zehens­pitzen zu berühren. Richtete sich wieder auf und nahm einen tie­fen Atemzug. Er verwarf den düsteren Gedanken und betrat das Haus. Erst würde er eine Dusche nehmen und danach in aller Ruhe seinen Brief fertigstellen.

Im Arbeitszimmer befand sich ein Mann. Er trug eine braune Leder­jac­ke und stand, dem Ankömmling den Rücken zukehrend, über den Schreibtisch gebeugt.

Von Zabern trat auf ihn zu und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie sich eine zweite Person aus dem Schatten der Tür löste. Also doch, dachte er.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes, meine Herren?“, erkundigte er sich.

Der Mann am Schreibtisch drehte sich zu ihm um. Er war sehr groß, kräftig gebaut und trug eine spiegelnde Sonnenbrille, was sei­nem Ge­sichtsausdruck etwas Hartes und Unpersönliches gab.

In der Hand hielt er eine Waffe, auf dessen Lauf ein Schalldämpfer ge­schraubt war.

2. Kapitel

Kerkhoff sah auf seine Uhr, schon zum x-ten Mal. Fünfundzwanzig Minuten. So lange wartete er jetzt schon auf seine Verabredung. Er griff nach der leeren Kaffeetasse vor ihm auf dem Tisch und drehte sie in der Hand, was die Kellnerin dazu veranlasste herbeizueilen.

„Darf‘s noch etwas sein?”

Kerkhoff verneinte dankend, erwägte aller­dings für einen Moment, ob er nicht von Kaffee auf Bier umsteigen soll­te. Er ent­schied sich dage­gen.

Dabei sah es ja nicht so aus, als würde aus dem Interview etwas wer­den. Irgendwie hatte er sich das schon gedacht, er war schließlich nicht neu in seinem Geschäft. Kerkhoff hatte schon viele Große aus Po­l­itik und Wirtschaft um ein Interview gebeten und immer gern ge­wartet, wenn man ihn hatte warten lassen. Dafür hatte er sogar Ver­ständnis. Prominente lebten von dem Gefühl, bedeutend zu sein. Dass man sie um ein Interview bat, zeugte von ihrer Bedeutung, aber auch dass man dafür Wartezeit in Kauf nahm. Je mehr, desto bedeutender.

In diesem Fall jedoch sagte ihm sein journalistischer Instinkt, dass er vergeblich wartete.

Dr. Jörg Eichendorf, Abgeordneter des Europapar­laments, würde nicht kommen. Also warum nicht ein Bier bestellen und den Fall abhaken? Es von der positiven Seite sehen: Das hier war Hamburg von seiner schönsten Seite. Heutzutage hatte man nicht oft einen solchen blauen Himmel, der den bevorstehenden Frühling gera­dezu schmeckbar machte. Und an einem solchen Tag saß er in einem lauschigen Café und sah hinaus zu den Landungsbrücken, auf denen sich ameisen­gleich Touristen tummelten. Im Grunde genommen war das nämlich ein gutes Zeichen. Eichendorf ging einem Interview aus dem Weg, als ahnte er, dass unangenehme Fragen auf ihn warteten - das bedeutete doch, dass er, Kerkhoff, auf dem richtigen Weg war. Dass er mit seinen Vermutungen richtig lag. Und das war erstmal das Wichtigste. Wenn der Mann denkt, mich abwimmeln zu können, in­dem er mich einfach versetzt, dann ist er schief gewickelt.

Kerkhoff war vielleicht kein Athlet, aber ein Stehauf-Männchen. Einer, der viel Erfahrung damit hatte, zu Boden zu gehen. Eine echte K.O.-Erfahrung war Gold wert. Strahlenden Siegertypen fehlte sie meistens, deshalb verschwanden sie auch in der Versenkung, sobald es irgendjemandem gelang, sie einmal ins Wanken zu bringen. Kerkhoff dagegen gab niemals auf. Sich immer wieder aufzurappeln, machte den eigentlichen Kämpfer aus. Und dazu gehörte auch, das Gequat­sche anderer Leute nicht besonders ernst zu nehmen, vor allem dann, wenn sie ihn damit nur von den eigenen Zielen abbringen wollten.

„Viele Leute messen einen Journalisten an dem Aufsehen, das seine Story hervorruft“, hatte einer seiner ehemaligen Chefs ihm gepredigt. „Wollen unbedingt die Meldung des Jahrhunderts herausbringen – neueste Enthüllungen über das schwarze Loch, den Yeti oder die Marsmenschen. Du bist zu alt für so etwas.“

Kerkhoff wusste es besser. „Hast du dir schon einmal klargemacht, dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir Menschen die einzige In­telligenz in diesem riesigen Weltall sind, so gut wie bei Null liegt?“

„Don Quichotte ist auch in die Geschichte eingegangen, weil er davon überzeugt war, gegen Ritter zu kämpfen. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um Windmühlen handelte.“

„Abwarten“, sagte Kerkhoff.

Das sagte er meistens. Abwarten. In seinen dunklen Stunden kam es ihm oft so vor, dass dies das Motto seines Lebens war. Und dass er eines Tages genauso wie der berühmte Mann aus La Mancha enden würde, nämlich als Witz der Weltgeschichte. An solchen Tagen geneh­migte er sich meistens einen zu viel oder mehrere. Das machte ihn ab­geklärter und versetzte ihn in die Lage, über seinen eigenen be­schränkten Horizont hinauszusehen, über morgen und sogar übermor­gen hinaus, und meistens schwindelte ihn, wie schnell die Zeit, die noch vor ihm lag, schrumpfte. Wenn seine große Chance nicht bald kam, würde sie ihn gar nicht mehr antreffen, und es würde dabei blei­ben, dass er sein ganzes Leben mit dem Warten an einer Bushaltestelle verbracht hatte. Und all die Leute, die sich rechtzeitig mit dem mage­ren Durchschnitt beschieden hatten, würden triumphieren.

Eine Frau betrat das Café und Kerkhoff starrte auf ihre Beine, die halbdurchsichtige Strümpfe sehr vorteilhaft zur Geltung brachten. Dann stoppte die Frau plötzlich und setzte sich ungefragt an seinen Tisch.

Kerkhoff war überrumpelt. „Kennen wir uns?”, fragte er.

Die Frau widmete sich erst der Kellnerin und bestellte einen schwar­zen Kaffee, dann erst setzte sie ihre Sonnenbrille ab. „Grit van Basten”, sagte sie mit einem niederländischen Akzent. „Ich bin Dr. Ei­chendorfs Assistentin. Sie sind von der Presse?”

„Rudolf Kerkhoff”, sagte Kerkhoff. „Aber woher wussten Sie …”

Frau van Basten überging die Frage. „Hat das von Ihnen geplante In­terview so etwas wie einen inhaltlichen Schwerpunkt?”

„Nun ja”, entschloss sich Kerkhoff zu einer direkten Antwort, „den gibt es in der Tat. Ich wüsste gern etwas über Dr. Eichendorfs zahlrei­che Verbindungen zur Raumfahrtindustrie.”

Die Assistentin nahm ihren Kaffee in Empfang. Sie runzelte die Stirn. „Raumfahrtindustrie? Welche Verbindungen soll es da geben?”

„Genau darüber möchte ich ja gern mit Dr. Eichendorf sprechen. Und über Arca Nostra.”

„Würden Sie mir das bitte erklären?”

Kerkhoff verlor allmählich die Geduld. „Warum sollte ich das tun? Ich habe den langen Weg hierher gemacht, damit Dr. Eichendorf es mir er­klärt. Und ich verstehe, ehrlich gesagt, nicht ganz, wieso er sei­ne Se­kre­tärin schickt, um mir damit …”

„Assistentin.”

In dem Moment wusste Kerkhoff, dass er verspielt hatte. „Also gut”, sagte er. „Assistentin.”

„Und ich hatte, ehrlich gesagt, für ein Interview mit dem Spiegel ein etwas höheres Niveau erwartet.”

„Na ja, Spiegel ...”

Frau van Basten musterte ihn mit unverhohlenem Misstrauen. „Sie sind doch vom Spiegel?”

„Ja, das kann man so sagen.”

„Also sind Sie es nicht?

„Im Prinzip schon. Sehen Sie, ich habe früher für den Spiegel das eine oder andere gemacht. Seit einigen Jahren bin als ich Blogger tätig und vertrete eine große Öffentlichkeit, die gern auch und ganz beson­ders über Vorgänge informiert werden will, die hinter den Kulissen ab­lau­fen, wie zum Beispiel -”

Grit van Basten knallte die Tasse auf den Unterteller. „Das reicht mir. Es tut mir leid, aber für so etwas habe ich schlicht keine Zeit. Gu­ten Tag.” Sie zog einen Geldschein aus ihrem Portmonee, ließ ihn auf den Tisch fallen und erhob sich. Wenige Sekunden später hatte sie das Ca­fé verlassen.

Kerkhoff bestellte sich jetzt doch ein Bier. Er ließ das kurze Ge­spräch Revue passieren und kam zu dem Schluss, dass es auch nicht viel ge­ändert hätte, wenn er Frau van Basten nicht Sekretärin genannt hätte. Im Großen und Ganzen war er zufrieden. Eichendorf selbst hätte seine Fragen auch nicht beantwortet. Niemand plaudert Dinge aus, von de­nen niemand wissen soll. Aber wenn man wie ich lange genug die­sen Job macht, dann weiß man, dass man die Leichen im Keller nicht fin­det, wenn man einfach so die Treppe hinunter stürmt. Und dass es in jedem Teppich mehr als ein Loch gibt, durch das man manchmal einen Blick auf die Dinge erhaschen kann, die unter ihn ge­kehrt werden.

Als er sich auf den Weg machte, war es schon früher Nachmittag. Er trat hinaus auf den Bürgersteig, atmete die Luft ein, die wieder nach Regen schmeckte. Als er zwischen zwei geparkten Autos auf die Stra­ße trat, um sie zu überqueren, nahm er mit halbem Ohr ein Ge­räusch wahr. Es klang wie das Aufheulen eines Motors. Eine winzige Sekun­de später quietschten in unmittelbarer Nähe durchdrehende Reifen.

Und dann raste etwas auf ihn zu.

3. Kapitel

Das Handy klingelte.

Dünn und aufdringlich piepsend verunglimpfte es ein Thema von Jo­hann Sebastian Bach, einem genialen Komponisten, der das Glück ge­habt hatte, lange vor der Erfindung der Telekommunikation zu ster­ben.

Hauptkommissar Nils Andersen hasste Mobiltelefone, in seinen Augen waren sie die Plage des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Die Mensch­heit glaubte sich im Rausch vollkommener und allgegenwärti­ger Kom­munikation. Spätere Generationen dagegen würden vom Un­ter­gang der Privatsphäre sprechen.

„Ich bin‘s, Tatjana. Hast du Zeit?”

Sie hatten sich vor kurzem getrennt. Tatjana nannte ihn, wenn sie mit anderen sprach, ihren Ex. Er fand, dass sie nicht seine Ex war. Für den Moment konnte man nur sagen, dass sie nicht zusammenlebten.

„Wie man‘s nimmt”, sagte er. „Wir sind auf dem Weg zu einem Tat­ort.”

„Es geht um Luise. Kann sie für ein paar Tage zu dir zu Besuch kom­men?”

„Warum jetzt?”, entfuhr ihm. Schnell korrigierte er sich: „Natürlich, gern. Jederzeit. Ich verstehe nur nicht, warum, schließlich wollte sie bisher nie …”

„Da solltest du sie fragen.” Tatjana wartete.

„Also gut”, sagte er. „Wann?”

„Wie wär‘s mit heute Abend? Und am Mittwoch wolltest du doch so­wieso zum Abendessen kommen. Elmar freut sich schon darauf, dass ihr euch endlich kennenlernt.”

Das war ihr Neuer. Elmar Stieleke. Dozent an der Uni, Kandidat der Linken für ein Landtagsmandat. Was ihre Lebenspartner anging, ging es für Tatjana klar nach oben: erst der Bulle, dann ein Linksintel­lek­tu­eller. Wie gern hätte er Tatjana die Freude gemacht und gesagt, dass die Freude ganz auf seiner Seite sei. „Also gut”, sagte er, „dann am Donnerstag.”

„Wir kochen auch was Leckeres, versprochen.”

Andersen unterbrach die Verbindung und steckte das Smartfone ein. „Das war Tatjana”, sagte er.

Hauptkommissar Frank Grunwald war zwei Jahre jünger als Ander­sen. Eingefleischter Single, der eine ganze Legion von Frauen seine Ex nannte. Andersen kannte ihn schon etliche Jahre als einen Mann, der heimlich dem Prototyp des US-amerikanischen Cop nacheiferte, was wahrscheinlich seinen Erfolg bei den Frauen ausmachte. Heim­lich - weil er gleichzeitig für Filme schwärmte, in denen mutige Kom­missare gegen die da oben und ihre Machenschaften vorgingen, und sich als Kämpfer für die kleinen Leute sah.

Es regnete in Strömen. Andersen machte eine Bemerkung über das lausige Wetter und schaltete die Scheibenwischer einen Gang schnel­ler.

„Angeblich soll es ab nächste Woche besser werden“. Grunwald deu­tete nach links. „Musst du da nicht abbiegen?“

„Keine Ahnung.“ Andersen setzte den Blinker. „In dieser Nobelge­gend kenne ich mich nicht aus.“

Sie bogen in eine Allee ein, die an der nördlichen Seite des Sees ent­lang führte. Schließlich hielten sie vor einer der Villen, deren Grund­stücke direkt an die Grünanlage grenzte, die den See umgab.

Das Haus war weiß getüncht und trug ein Dach aus blankgeputzten blauen Ziegeln. Aufgrund seiner enormen Breite wirkte es wie ein Flachbau, obwohl es zweistöckig war. Den Vorgarten beherrschte ein mannshoher Granitklumpen, der an einen Grabstein erinnerte. Die Haus­tür stand offen.

„Nicht besonders schön, aber ein Palast“, kommentierte Andersen.

„Benno von Zabern“, erklärte Grunwald. „So heißt der Ermordete. Einer der wenigen Promis in unserer Stadt. Er hat Bücher geschrieben und Fernsehsendungen moderiert.“

„Sowas hätte ich auch machen sollen statt Bulle.“ Andersen trat ein und kollidierte mit Lingen, einem Beamten der Schutzpolizei.

„Folgt mir, Kollegen“, sagte der junge Mann.

Durch einen breiten Flur gelangten die beiden Hauptkommissare in ein großes Wohnzimmer, das wie der Leseraum einer Bibliothek wirk­te. Hunderte von Büchern füllten die Regale, die bis zur Decke reich­ten. Der Schreibtisch stand mitten im Raum, mit Blick aus dem Fens­ter über den leicht abschüssigen Rasen zum See hinunter. Seine Schub­laden waren herausgerissen worden und ihr Inhalt, lose Blätter, Disketten und Büroklammern auf dem Boden verteilt. Einen halben Meter von dem Chaos entfernt lag der Tote, ein schlanker Mann, schätzungsweise Mitte sechzig. Er trug Turnschuhe, eine blaue Jog­ginghose und ein kurzärmliges Sweatshirt. Unter den Achseln konnte man Schwitzflecken erkennen.

„Man hat ihn aus nächster Nähe erschossen“, erklärte Dr. Künzel, die Gerichtsmedizinerin, die neben dem Toten stand. Sie deutete auf ein kleines, sauberes Einschussloch in der Stirn des Ermordeten. „Demnach müsste sich der Täter ungefähr dort am Schreibtisch befun­den haben.“ Sie lächelte gestresst. „Aber erst mal guten Abend, die Herrschaften.“

Sowohl Grunwald also auch Andersen waren lange genug bei der Kri­po, um sich mit wenigen Blicken einen Überblick über die Lage ver­schaffen zu können.

„Tja, das nennt man wohl eine Standardsituation“, meinte Ander­sen. „Dieser Mann ...“

„Dr. Benno von Zabern“, sufflierte Grunwald.

Andersen trat zum großen Fenster, wo ein Kollege von der Spuren­si­cherung ein kreisrundes Loch in der Scheibe auf Spuren untersuchte.

„Von Zabern kehrte vom Joggen nach Hause zurück und überrasch­te den oder die Einbrecher auf frischer Tat. Vielleicht bedrängte er ihn, das würde erklären, dass er ihm so nahe kam. Und dass der Täter in Pa­nik geriet und schoss.“

„Wer hat ihn gefunden?“, erkundigte sich Grunwald.

„Nelli Holm, seine Lebensgefährtin“, antwortete Lingen. „Sie ist oben im Schlafzimmer. Ziemlich fertig.“

„Bringen Sie mich zu ihr.“

Während Hauptkommissar Grunwald dem Polizisten zur Treppe folgte, nahm Andersen den Tatort weiter in Augenschein. Einbruch, dachte er, ist die nächstliegende Möglichkeit. Zweite Möglichkeit: Je­mand möchte, dass wir es für einen Einbruch halten.

Um herauszufinden, mit welcher der beiden Möglichkeiten man es zu tun hatte, war es hilfreich, die Unordnung im Raum einer genauen Un­tersuchung zu unterziehen. Es gab nämlich kleine, verräterische De­tails, anhand derer man eine wirkliche von einer nur vorgetäuschten Un­ordnung unterscheiden konnte. Die vorgetäuschte war meist umfas­sender, aber wahlloser. Der Einbrecher hätte beispielsweise reihenwei­se Bücher aus den Regalen ziehen können, um den Eindruck von hek­tischem Chaos zu verstärken. Doch selbst die unteren Böden waren un­angetastet, Bücher standen säuberlich Rücken an Rücken.

Der Täter hatte sich hauptsächlich auf den Schreibtisch konzen­triert. Auf der Platte lag alles wild durcheinander, die Schreibtischlam­pe war umgestürzt und auf einen Aschenbecher gefallen, der seinen Inhalt überall verstreut hatte.

Wie hatte der Schreibtisch wohl ausgesehen, bevor man ihn in ein Cha­os verwandelt hatte? Vorsichtig räumte Andersen den Papierwust mit dem Ärmel zur Seite und legte einen Schreibblock frei. Meine Kleine, stand dort, mit Kugelschreiber geschrieben, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll. Vielleicht aber ist es auch gar nicht mehr nö­tig. Trotzdem werde ich versuchen, dir zu erklären -

Ein angefangener Brief.

Lingen war wieder zurück und trat neben den Hauptkommissar. „Es sind noch mehr Zimmer im Haus durchwühlt worden“, sagte er. „Im Schlafzimmer hat der Täter eine Vitrine aufgebrochen.“

„Fehlt etwas?“

„Es sieht so aus. Die Vitrine scheint Schmuck enthalten zu haben, je­denfalls steht eine leere Schatulle darin. Wir warten aber noch dar­auf, dass Frau Holm wieder ansprechbar ist und nähere Angaben ma­chen kann.“

„Ein Einbruch macht Sinn.“ Andersen nickte und kratzte sich am Kopf. „Das Haus macht schließlich nicht den Eindruck, als könnte man hier nur wertlose Klunker abräumen.“

Lingen deutete auf den Computer. „Wir fanden das Gerät einge­schaltet vor. Der Ermordete scheint daran gearbeitet zu haben, bevor er zum Jog­gen aufbrach.“

Das leise singende Geräusch des Lüfters, der die Festplatte kühlte, hat­te Andersen bei den vielen Hintergrundgeräuschen bis jetzt nicht wahrgenommen. Er bewegte die Maus, worauf der Monitor zum Le­ben erwachte und ein Verzeichnis anzeigte, in dem sich nur eine Datei befand: Rubikon. „Wollen wir doch mal sehen“, sagte Andersen und wollte das Dokument anklicken. Nichts geschah. Der Bildschirm war eingefroren.

„Sehen Sie das Verzeichnis?“, sagte Lingen. „Wechseldatenträger E. Die Datei befindet sich wahrscheinlich auf einem USB-Stick.“

Andersen überprüfte alle PC-Eingänge. „Wo ist das Ding geblie­ben?“

Drei CDs lagen auf dem Schreibtisch vertreut. Der Kommissar sam­melte sie auf und drückte sie Lingen in die Hand. „Würden Sie mir den Gefallen tun herauszufinden, ob sich die Datei auf einer von ihnen befindet?“

„Da ist noch etwas“, sagte der Polizeibeamte. „Eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Wir fanden das Gerät unter dem Chaos auf dem Schreibtisch.“ Der junge Mann bückte sich, hob es vom Boden auf und drückte einen Knopf.

Es piepste.

„Rudi Kerkhoff hier, der Journalist. Sie erklärten sich freundlicher­weise bereit, mir ein Interview zu geben. Leider stecke ich im Stau und schaffe es nicht, um sechzehn Uhr bei Ihnen zu sein. Wäre Ihnen eine halbe Stunde später recht? Wenn nicht, können Sie mich über Handy erreichen. Ich gebe Ihnen meine Nummer ...“

„Frau Holm benachrichtigte uns um siebzehn Uhr vierunddreißig“, sagte Lingen. „Als dieser Anruf kam, war Herr von Zabern vermutlich joggen.“

Dr. Künzel näherte sich. „Ich bin soweit fertig. Alles nähere wie üblich in meinem Bericht.“

„Sechzehn Uhr dreißig“, sagte Andersen. „Was glauben Sie, Dok­tor, käme das als Tatzeit in Frage?“

Die Rechtsmedizinerin nickte. „Wie gesagt, bis jetzt gibt’s nur Ver­mutungen. Aber sechzehn Uhr dreißig ist eine ziemlich gute Vermu­tung.“ Sie winkte mit einer Zigarette, die sie noch nicht angezündet hatte. „Schönes Wochenende, die Herren. Und ziehen Sie sich warm an. Es soll recht frostig werden.“

Andersen nickte zufrieden. Er ließ die Nachricht noch einmal lau­fen und notierte die Nummer auf dem Zettel. „Kerkhoff, der Journa­list“, sagte er. „Es könnte lohnenswert sein, diesen Herrn kennenzuler­nen.“

Frank Grunwald kam die Treppe herunter und betrat das Wohnzim­mer hinter den Kollegen, die gerade anrückten, um die Leiche abzu­trans­por­tieren.

„Wie geht’s Frau Holm?“, erkundigte sich Andersen.

„Schon besser“, meinte Grunwald. „Sie hat sich schon umgesehen, ob etwas gestohlen wurde.“

„Und?“

„Die Vitrine im Schlafzimmer enthielt eine Schatulle mit einem Col­lier und Ohrringen.“

„Das ist doch schon was.“

„Frau Holm sagt allerdings, dass die Stücke nicht sehr viel Geld brin­gen werden. Es sind Erinnerungstücke, die vorwiegend einen ide­ellen Wert haben.“

„Trotzdem“, sagte Andersen. „Damit sieht die Sache schon rund aus.“

„Sie sind wertvoll für mich, weil Benno sie mir schenkte, als wir uns kennenlernten“, erklärte die Frau, die hinter Hauptkommissar Grun­wald das Zimmer betrat.

Nelli Holm war kräftig gebaut, hatte ein rundes Gesicht und stroh­far­benes lockiges Haar. Sie trug Jeans und einen Wollpulli. Andersen war einen Moment irritiert, aber nicht, weil von Zabern mit einer Frau zu­sammengelebt hatte, die seine Tochter sein konnte. Sein erster Ein­druck war vielmehr, dass diese Frau nicht in ein nobles Haus wie die­ses gehörte, mit seinen Marmorböden und den Legionen von Büchern. Frau Holm schien ihm eher der Typ zu sein, der sich auf einem Bau­ernhof wohlfühlte, naturverbunden und ohne modische Mätzchen.

Er trat auf sie zu. „Hauptkommissar Andersen“, stellte er sich vor. „Bei den meisten Einbrüchen nehmen die Diebe alles mit, das irgend­wie nach Schmuck aussieht. Das ist nichts Ungewöhnliches. Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie eine Liste der gestohlenen Stücke erstellen und uns Fotos an die Hand geben könnten, auf denen sie zu sehen sind.“

„Benno wurde ermordet“, sagte die junge Frau mit monotoner Stim­me. „Aber nicht von Einbrechern, die nur auf Schmuck aus wa­ren.“­

„Vieles deutet darauf hin, dass Ihr Mann gerade im falschen Mo­ment nach Hause zurückgekehrt ist“, sagte Grunwald verständnisvoll. „Dass er wegen eines dummen Zufalls sein Leben verlor, fällt schwer zu ak­zeptieren.“

„Nein“, beharrte Nelli. „So war es nicht.“

„Haben Sie einen bestimmten Verdacht?“, erkundigte sich Ander­sen.

Mit einer Geste umfasste sie das Arbeitszimmer und die Bücherre­gale. „Lesen Sie seine Bücher. Sehen Sie sich seine Fernsehsendungen an. Benno war ein Mann, der gekämpft hat. Er hatte ein Ziel vor Au­gen und war sich immer bewusst, dass er Leuten in die Quere kam. Sie sich zum Feind machte.“

„Wer waren denn seine Feinde?“

„Er legte sich mit der Industrie an, mit Politikern, mit großen Kon­zernen. Vielen von denen war er ein Dorn im Auge.“

„Die Politiker? Oder die Konzerne?“, fragte Grunwald nach. Ein spöt­ti­scher Unterton hatte sich in seine Stimme geschlichen. „Wer von ih­nen hat Ihrer Meinung nach Ihren Mann ermordet?“

Nelli schüttelte trotzig den Kopf.

„Gibt es einen akuten Anlass für Ihren Verdacht?“

„Anlässe gab es immer. Benno war sich im Klaren, dass eines Ta­ges so etwas passieren könnte.“ Sie wandte sich ab und zog ein Ta­schen­tuch.

„Wir werden Sie jetzt erst mal in Ruhe lassen“, versprach Ander­sen, der Grunwald einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, und berührte Frau Holm an der Schulter. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, melden Sie sich bitte bei uns.“

„Und vergessen Sie die Fotos nicht“, mahnte Grunwald. „Die könnten uns zu den Tätern führen.“

4. Kapitel

„Du hältst nicht viel von ihren mysteriösen Andeutungen, was?“, erkundigte sich Grunwald, während sie zum Präsidium zurückfuhren.

„Sie kann sagen, was sie will, aber das ist ein Raubmord wie aus dem Lehrbuch.“ Andersen schüttelte den Kopf. „Mir ist schleierhaft, wie man sich einen solchen Palast leistet und auf die Alarmanlage ver­zich­tet.“

„Frau Holm wird das Interesse der Presse nutzen, ihre Version zu ver­breiten.“

„Für Nelli Holm ist ihr Lebensgefährte ein zu bedeutender Mann, als dass er bei einem banalen Einbruch ums Leben kommen könnte“, meinte Andersen. „Es muss ein Märtyrertod sein. Untergegangen für eine Sache, für die er immer an vorderster Front gestanden hat. Er­mordet von Handlangern des Systems, so in der Art.“

Grunwald nickte. „Sie strickt an der Legende vom mutigen Wis­sen­schaftler, der den ignoranten Politikern die Stirn bietet. Dabei war er al­les andere. Ein Fernsehclown, der sich in jede Talkshow schleifen ließ, um dort Allgemeinplätze über das Wetter abzusondern.”

„Du weißt ja ganz gut über ihn Bescheid.”

„Ach was. Ich hab nur ab und zu die Glotze an. - Übrigens meinte sie, dass von Zabern neulich mit einer Umweltaktivistin im Fernsehen an­einandergeraten sei, die ihm beinahe an die Gurgel gegangen sei.“

Andersen verzog das Gesicht. „Diese Frau ist bei von Zabern ein­ge­brochen, um ihn zu ermorden – das ist ihre Theorie?“, fragte er. „Und dann hat sie obendrein auch noch die Klunker mitgehen lassen? In einer Talkshow unterschiedlicher Meinung zu sein, ist normal. Des­halb bringt man niemanden um.“

„Ich frage mich allerdings, warum der Schreibtisch durchwühlt wur­de.“

„Was hattest du denn erwartet?“, spottete Andersen. „Dass die Ein­brecher ihn aufräumen würden?“

„Ich meine, wenn jemand Wertgegenstände sucht, Schmuck, golde­ne Uhren oder Bargeld, warum widmet er sich so ausgiebig dem Schreib­tisch?“

„Und dann diese Datei ...“

„Welche Datei?”

„Der Compter zeigte eine Datei namens Rubikon an.”

„Und?”

„Das war‘s schon. Die Datei war auf einem Stick. Der Stick ist ver­schwunden. Und der Rechner abgestürzt.”

„Du hast also keine Ahnung, was das für eine Datei ist.”

„Nicht die geringste.”

„Na toll.”

Andersen bremste ab und stoppte. Sie standen im Stau, der Regen pras­selte. Die Belüftung tat ihr Bestes, damit die Scheiben nicht be­schlugen. „Was machen denn deine Urlaubspläne?”, fragte er.

„Na ja, du kennst ja Undine.”

Andersen hörte den Namen zum ersten Mal. Grunwalds Partnerin­nen wechselten in einem atemberaubenden Tempo. Es hatte keinen Sinn, sich Namen zu merken.

„Sie möchte unbedingt wohin, wo es warm ist. Also nicht nur ein biss­chen, sondern mindestens 30 Grad im Schatten. Und sie hat Flug­angst.”

„Dann wünsche ich viel Spaß bei der Suche.” Andersen nahm jetzt doch einen Lappen, um die Scheibe frei zu bekommen. Das da drau­ßen war nicht nur Regen; er meinte auch Schneeflocken dazwischen auszumachen. Wär hätte das gedacht? Und das nennt man jetzt Juni.

Er fragte sich, ob die Sache mit Tatjana anders verlaufen wäre, wenn er nicht damals auch schon mit Frank Grunwald zusammengear­beitet hätte. Sie mochte ihn nicht, nannte ihn einen Matscho, der nicht er­wachsen geworden sei. Keine Kinder, keine Familie, alle drei Mona­te eine neue Frau. Auf Andersen hatte er einen schlechten Einfluss, fand sie.

Aber nein, das mit Frank war nur vorgeschoben. In Wirklichkeit hatte es nur einen Trennungsgrund gegeben: Elmar, das intellektuelle Genie. Er hatte mit Kindern und Familie ebensowenig am Hut wie Frank. Die Politik war sein Ding. Als Prof der Politikwissenschaften erklärte er den Studierenden die Welt und wie man sie radikal verän­derte. Of­fen­bar war er einer dieser Typen, die zu allem etwas zu sagen hatten, was viele, besonders Frauen, dazu verleitete zu glauben, dass er alles wis­se. - Und Tatjana? Sie erkannte einen Matscho nicht mal, wenn sie mit ihm liiert war, nur weil er kein goldenes Kettchen um den Hals trug und sie nicht Kindchen oder Kleines nannte. Ausschlag­gebend für eine Alt-Hausbesetzerin wie sie war, dass Elmar politisch aktiv war und das bedeutete, für eine Sache zu kämpfen und nicht nur seinen Job zu machen. Nicht so wie Andersen, der für Politik nichts übrig hatte.

„Elmar ist einer, der nicht nur daherredet“, hatte sie erklärt, „er will in die Politik, um Dinge zu verändern. So etwas erfordert Mut.“

„Er lebt gut von seinem Professorengehalt und freut sich auf einen Schreibtisch in Düsseldorf, und du tust so, als würde er täglich dem Tod ins Auge sehen.“

„Dass du das so siehst, wundert mich nicht. Weil es dir völlig egal ist, ob du mit deiner Arbeit irgendetwas verändern kannst.“

Vielleicht war es ein gutes Zeichen, dass Luise dem linken Famili­en­idyll nun den Rücken kehrte und zu ihm flüchtete. Wenn es denn eine Flucht war. Aber Tatjanas Weltbild von der emanzipierten, streit­baren Mutter auf der einen und dem egoistischen, eigenbrödlerischen Vater auf der anderen Seite konnte ja nicht ewig gelten. Seit langem freute auch er sich heute zum ersten Mal wieder auf die Zeit nach Dienst­schluss. Er freute sich auf Luise.

5. Kapitel

Sie ist wieder einmal zu spät dran. Viel zu spät. Die Veranstaltung im Stadion hat längst begonnen. Marla lässt den kurzen Security-Check über sich er­gehen, rennt durch den Gang, dann eine Treppe hinauf und tritt wieder ins Freie, lässt ihren Blick über die Ränge des Stadions schweifen. Alle Plätze sind besetzt. Ein Meer aus Gesichtern. Und Li­ane kann sie nicht entdecken. Dabei ist sie ganz bestimmt hier und hat lange genug auf ihre Kommilitonin gewartet. Also gut, das ge­schieht ihr recht. Vielleicht sollte sie einfach wieder gehen. Wahl­kampfver­an­stal­tungen sind noch nie ihr Fall gewesen. Und die von Rechtspo­pulis­ten schon gar nicht.

Aber gerade deshalb Flagge zeigen - damit hat Liane sie zu dieser Ak­ti­on überredet. Dieser Mensch redet von Europa, und wir sind Stipen­diaten des von-Zabern-Kollegs. Wir dürfen ihm nicht kampflos die Büh­ne überlassen. Also schön, dann hat sie sich überreden lassen, mit einer Handvoll anderer Studentinnen ihres Jahrgangs ins Stadion zu gehen und ein Transparent hochzuhalten. Nur jetzt kann sie es nir­gends entde­cken. Vielleicht sind die anderen Frauen auch zu spät ge­kommen ...

Das von-Zabern-Kolleg ist ein Institut der Kindermann-Stiftung, eine Bildungseinrichtung, die sich dem europäischen Gedanken verschrie­ben hat. Europäische Geschichte, europäische Traditionen und Errun­genschaften wie Demokratie, Menschenrechte, kulturelle Vielfalt. Die Abschlussarbeit - für Marla fällt sie dieses Jahr an - muss sich natür­lich irgendeinem europäischen Thema widmen.

„Hey, kannst du mal zur Seite gehen?”, beschwert sich jemand hinter ihr. „Du stehst im Weg.”

Marla räumt das Feld, tritt zurück auf den Gang, der zwischen den Rängen nach oben führt.

Applaus brandet auf. Marla dreht sich wieder um und wirft einen Blick auf den Redner, für den eine Tribüne mitten in der Arena er­richtet wurde. Armin Roland steht mit erhobenen Ar­men da und wartet das Ende des Applauses ab. Er wirkt wie ein Diri­gent. Ein Mann um die dreißig, der sich der Wirkung seiner attrakti­ven Erscheinung be­wusst ist. Schlank, glatt rasiert, in in einem creme­farbenen Anzug, der leger wirkt, aber auch nicht unseriös. Der ideale Schwiegersohn. Ein junges Gesicht in der überalterten Politik, das Veränderung und Auf­bruch verspricht.

Dabei weist er die Bezeich­nung Politiker bei jeder Gelegenheit kokett zurück. Er sei kein Politi­ker, sondern ein normaler Bürger, der eine Vi­si­on habe und etwas ver­ändern wolle. Und ebenso seien seine Anhän­ger keine politische Par­tei, sondern eine Bewegung. Die Bewegung Abendland!.

Der Applaus ebbt ab.

Rolands sonore, eindringliche Stimme schallt durch das Stadion. Man hört ihr an, dass der Redner in seinem Ele­ment ist. Trotzdem versteht man ihn nicht so gut, weil das Mikrofon einen Hall erzeugt und die Wiedergabe verzerrt. Einmal mehr be­kräftigt der Redner leiden­schaft­lich, dass er nicht nach Politikerart Verspre­chun­gen machen will. Er habe nichts zu ver­sprechen. Aber er verachte diejeingen, die immer alles kleinredeten und nichts unternähmen. Die keinerlei Probleme damit hätten, Ver­sprechen zu machen, die sie niemals zu halten ge­dächten. Während man ihm vorwerfe, Angst zu schüren. Dass er nicht lache: „Wenn das Boot überfüllt ist, zu kentern droht und am Horizont ein Sturm auf­zieht, ist dann etwa der, der vorsichtsalber Schwimmwe­sten verteilt, einer, der Angst schürt? Der das Unwetter herbeiredet? - Dabei ist es nicht meine Absicht, Schwimmwesten zu verteilen. Ich ru­fe euch alle auf, es nicht dazu kommen zu lassen, dass das Boot zu kentern droht, wenn ein Sturm aufzieht.”

Applaus.

Marla Lubitsch meint, Liane entdeckt zu haben, läuft ein paar Trep­penstufen hinunter, bis sie merkt, dass sie sich geirrt hat. Beifälliges Lachen schallt über die Ränge - Roland muss einen Scherz gemacht haben, den sie nicht mitbekommen hat. Jetzt legt er noch nach. Ge­lächter. Roland ist keiner, der den Leuten Angst macht; er bringt sie zum Lachen.

Sie ist jetzt beinahe ganz oben angekommen. Leider wird das Gedrän­gel hier nicht weniger, im Gegenteil: Sogar die Stehplätze sind knapp. Marla weicht aus bis zum äußersten Rand, hier kann sie unbedrängt stehen und hat das Geschehen im Auge. Unmittelbar hinter ihr ragt ei­ner der Masten in den Himmel, die das Flutlicht tragen. Und dann glaubt sie, hinter sich etwas gehört zu haben. Ein Zischen.

„Los, weg da!”, kommt es dann etwas lauter, als sie schon denkt, sich verhört zu haben. „Runter mit dem Kopf!”

Sie dreht sich um.

Da ist niemand. Bleibt, wo sie ist, aber geht vor­sichtshalber in die Ho­cke. Aber das ist keine angenehme Haltung, au­ßerdem kann sie jetzt nicht mehr viel von dem sehen, was da unten ge­schieht. Also richtet sie sich nach einer Weile wieder auf.

„Runter, hab ich gesagt!”

Unmittelbar darauf verspürt sie einen Schlag von hinten gegen ihre Schulter, der sie zu Boden wirft. Sie verliert das Bewusstsein.

6. Kapitel

„Na, wie war das Date mit deiner Tochter?“, erkundigte sich Frank am nächsten Morgen, als er gegen zehn Uhr in Andersens Büro kam. „Seid ihr aus essen gewesen?”

„Na ja, nicht direkt“, murrte Andersen. „Wäre bei dem lausigen Wetter auch kein Spaß gewesen.“

„Na und? Was habt ihr stattdessen gemacht?“

„Sie hat angerufen, dass sie mit einer Freundin verabredet ist. Und ich hab vor der Glotze gepennt. Ein Abend wie jeder andere.“

„Na, das wird schon wieder.“ Grunwald grinste aufmunternd und we­delte mit zwei Din-A4-Blättern. „Das solltest du dir ansehen. Dage­gen sind Frau Holms Mutmaßungen so klar und präzise wie der Satz des Py­thagoras.“

Es handelte sich um den Ausdruck eines Artikels aus einer Internet-Zeitschrift namens www.news-on-line.de.

Fragen, die keiner stellen will.

Am Montag, den 24. Juni, wurde Dr. Benno von Zabern in seinem Haus tot aufgefunden. Bislang hüllt sich die Kriminalpolizei in Schwei­gen, was die näheren Umstände der Tat angeht. Doch man darf damit rechnen, dass wir schon morgen, spätestens übermorgen erfah­ren werden, dass es sich um einen tragischen Unfall handelt. Oder um einen Einbruch mit Todesfolge.

Warum das so ist? Weil niemand ein Interesse daran hat, näher nach­zufragen und an dem zu rühren, was hinter diesem Mord steht.

Von Zabern war uns allen ein Begriff als unnachgiebiger Kritiker des allgemeinen Dogmas vom weltweiten Wachs­tum. Außerdem mach­te er sich gegen Umweltvergehen aller Art stark, wie etwa das Abhol­zen des Regenwaldes und die Ölbohrungen im Wattenmeer.

Doch war er außerdem noch einer Sache auf der Spur, die der Öf­fent­lichkeit - aus welchen Gründen auch immer - bis heute vorenthal­ten wird. Und das Wissen von dieser Sache kostete ihn das Leben.

Seit Jahren unterhalten gewisse Kreise des weltweiten militärisch-in­dustriellen Komplexes Kontakte zu einer außerirdischen Intelligenz. Seit Jahren starten Raumschiffe von der Erde in Richtung Mars, und seit Jahren landen marsianische Schiffe auf der Erde. Die Start- und Landeplätze werden natürlich geheimgehalten. Zeugen werden zum Schweigen gebracht oder verschwinden auf rätselhafte Weise.

Was steckt hinter dem Schweigen? Militärische Inter­essen? Die Tat­sache, dass ein solches Top-secret-Projekt Unsummen von Geld ver­schlingt, die irgendwie an den Parlamenten vorbeigeschleust wer­den?Wer finanziert das Vorhaben und mit welchem Ziel?

Dass es Starts oder Landungen überhaupt gibt, wird von allen offi­zi­ellen Stellen als Ufoquatsch abgetan, als hanebüchener Unsinn, und alle, die nachfragen, für geisteskrank erklärt. Man verweist darauf, dass die bemannte Raumfahrt seit Jahren eingestellt wurde, bis auf die üblichen Mond- und Erdumkreisungen, die exklusive Reiseverant­stalter inzwischen in ihr Programm aufgenommen haben. Das EXTI­REC (Extraterrestrical Intelligence Research Center, www.exti­rec.com) bestreitet dies jedoch nachdrücklich. Zudem ist es erst einen knappen Monat her, dass sich im schottischen Hochland etwa hundert Kilometer westlich von Inverness ein mysteriöser Absturz ereignete. Es gab Zeugen, doch die wurden eingeschüchtert. Alle Spuren wurden über Nacht beseitigt. Jetzt brauchte man nur noch zu dementieren und alles hatte nie stattgefunden.

Von Zabern, einer der letzten großen Aufklärer unserer Zeit, hat sich daran gewagt, einige dieser Geheimnisse zu lüften und ein Buch da­rüber zu veröffentlichen. Dies bezahlte er mit seinem Leben. Sein Tod ist tragisch, doch allemal Beweis genug dafür, dass er nicht im Trüben herumfischte oder sich mit banalen Ufo-Fantasien abgab, die man heutzutage dutzendweise in Illustrierten ...

„Das darf ja wohl nicht wahr sein.“ Andersen las nicht weiter. „Solch haarsträubender Blödsinn ist mir seit Jahren nicht untergekom­men.“ Angewidert warf er die Blätter auf den Schreibtisch.

Grunwald nickte. „Ich habe den Artikel ausgedruckt wegen des Na­mens, der darunter steht.“

Andersen griff noch einmal nach dem zweiten Blatt. „R. Kerkhoff“, las er.

„Das ist der Mann, der auf von Zaberns Anrufbeantworter gespro­chen hat.“

„Ich frage mich, wozu der ein Interview mit von Zabern machen woll­te, wo er doch sowieso schon alles weiß.“ Andersen grinste. „Am bes­ten rufe ich Frau Holm an und frage sie, was sie von der Möglich­keit hält, dass Marsmenschen ihren Mann ermordeten.“

Das Telefon klingelte. Andersen nahm ab.

„Frau Holm für Sie“, teilte ihm die Zentrale mit.

Andersen warf seinem Kollegen einen Blick zu. „Wenn man vom Teu­fel spricht ... - Was kann ich für Sie tun, Frau Holm?“

„Es wurde eingebrochen.“

„Das wissen wir bereits.“

„Sie verstehen mich nicht. Ich meine, dass diese Nacht eingebro­chen wurde.“

„Noch einmal?“

„Ja. Jemand hat sich Zugang durch die Seitentür der Garage ver­schafft und ist so ins Haus gelangt.“

„Hat er etwas gestohlen?“

„Ich weiß, dass Sie mir nicht glauben, Herr Kommissar. Derjenige, der Benno ermordete, wollte nichts stehlen. Er hat nach etwas ge­sucht.“

***

Hauptkommissar Andersen gehörte nicht zu den Menschen, die sich oft in etwas ver­rannten. So wie andere gab er nicht gern Fehler zu oder nahm eine Meinung zurück, wenn sie sich als falsch erwies. Doch es schien ihm leichter zu gelingen als den meisten. Manche be­neideten ihn um diese Eigenart, anderen galt er deshalb als windiger Typ. Für Andersen selbst stand fest, dass die Fähigkeit, Fehler zu ma­chen und sie einzu­gestehen, einen nicht unerheblichen Anteil an sei­nem beruflichen Fortkommen hatte. Gerade wenn man über Talent und einen guten In­stinkt verfügte, durfte man nicht in die Attitüde des Superbullen ver­fallen, dessen untrügliche Spürnase immer richtig lag. Wer eine Sack­gasse betrat und den Rückweg aus Ehrengründen aus­schloss, war ein Dummkopf. Viele Kollegen würden das niemals be­greifen.

So wie es aussah, hatte er den Mordfall von Zabern falsch beurteilt. Hatte noch gestern alles nach einem Raubmord ausgesehen, so war diese Theorie heute nicht mehr viel wert. Es kam nicht vor, dass an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im selben Haus eingebrochen wur­de, schon gar nicht, wenn das erste Mal mit einem Mord geendet hat­te. Das Fehlen der Schmuckschatulle hatte Andersen voreilig über­zeugt, denn er hatte nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass der Täter keinen Einbruch vorgetäuscht, sondern tatsächlich einen be­gangen hatte, um von dem abzulenken, was sich hinter dem Mord ver­barg. Vielleicht hätte er dann auch Frank Grunwalds Bemerkung über das Chaos auf dem Schreibtisch nicht mit einer flapsigen Bemerkung abgetan.

Dieses Mal fuhr er allein zum Tatort. Unterwegs rief er Lingen an und erfuhr, dass dessen Suche nach der mysteriösen Datei, die der Monitor angezeigt hatte, leider vergeblich gewesen war. Das Dokument befand sich auf keiner der CDs, die am Tatort gefunden worden waren.

Zwei Kollegen der Spurensicherung, die er in von Zaberns Haus antraf, informierten ihn über den Stand der Dinge: Der neuerliche Ein­bruch hatte zwischen neun und zehn Uhr stattgefunden, während Nelli einen Arztbesuch machte. Da die Beamten verschiedene Abdrücke ge­funden hatten - einen von einem Stiefel und einen von einem Schuh - gingen sie von zwei Tätern aus. Diese waren durch die Garage gekom­men und dann ins Wohnzimmer eingedrungen, das erst Stunden zuvor von der Kripo versiegelt worden war.

Gut die Hälfte der Bücher war dieses Mal aus den Regalen gerissen worden und lag über den Boden verstreut.

„Also haben sie gestern nicht gefunden, was sie suchten“, meinte der Hauptkommissar.

Nachdem die Kollegen sich verabschiedet hatten, wandte er sich an Nelli Holm, die auf der Couch saß und die Arme um ihre Knie ge­schlungen hatte.

Sie sah erschöpft aus.

„Haben Sie irgendeine Idee, was diese Leute gesucht haben könn­ten?“

Nelli starrte vor sich hin und schüttelte den Kopf.

„Diese Männer haben nicht nur einen Menschen getötet“, erläuterte Andersen, „sondern sind außerdem ein hohes Risiko eingegangen, in­dem sie ein zweites Mal in das Haus eindrangen. Was auch immer sie suchten, es muss für sie von enormem Wert sein.“

„Ich kann Ihnen nicht mehr sagen als gestern, Herr Kommissar.“

„Woran arbeitete Dr. von Zabern gerade?“

Nelli sah auf. „Zur Zeit saß er soviel ich weiß an einer kritischen Würdigung des Kyotoprotokolls. Außerdem sammelte er Material für eine Autobiografie.“

„Sagt Ihnen die Bezeichnung Rubikon etwas?“

„Nein, nichts.“

„Gestern zeigte der Monitor seines Computers eine Datei an, die sich nicht auf der Festplatte befand, sondern wahrscheinlich auf einem USB-Stick. Der war allerdings nicht auffindbar.“

„Das wundert mich nicht.“

„Warum nicht?“

„Benno hätte niemals einen Stick im Rechner stecken lassen, wenn er eine Pause machte. Er bildete sich ein, dass er dann zu heiß werden könnte. Ich habe ihm oft genug gesagt, dass das Unsinn ist, aber er war nicht davon abzubringen.“

„Sie meinen also, er könnte den Stick herausgenommen haben, be­vor er zum Joggen das Haus verließ?“

Nelli nickte.

„Wo könnte er ihn aufbewahrt haben?“

„Er legte seine Datenträger gewöhnlich auf den Schreibtisch, soviel ich weiß.“

Andersen schüttelte den Kopf. „Dort haben wir alles überprüft. Au­ßerdem haben die Täter dort mit Sicherheit auch zuerst gesucht.“

Frau Holm wies mit dem Arm auf die oberen Bücherregale, die noch unangetastet waren. „Er hatte die Angewohnheit, Briefe oder Geld­scheine in Bücher zu stecken und sie dort zu vergessen“, sagte sie. „Wenn er sie dann Monate später zufällig wiederentdeckte, war er selbst überrascht. Da zeigt sich mal wieder, dass Lesen eine spannende Sache ist, sagte er.“

„Also gut“, meinte Andersen. „Dann werden wir uns die oberen Rei­hen vornehmen.“

„Vielleicht waren die Mörder aber auch hinter etwas anderem her.“

„Möglich.“ Er lächelte. „Aber da wir noch nichts anderes haben, ge­hen wir doch einmal von der Annahme aus, sie hätten diesen Stick ge­sucht. Was immer sich darauf befand, es durfte nicht in falsche Hän­de geraten. Da ihr erster Versuch, sie an sich zu bringen, scheiterte, blieb ihnen nichts anderes übrig, als noch einmal zurückzukommen und wei­terzusuchen.“ Mit der linken Hand strich er sich über das Kinn. „Die Frage ist: Haben sie sie beim zweiten Anlauf gefunden?“

Nelli Holm antwortete nicht. Immer noch starrte sie mit einem lee­ren Blick vor sich hin, der Andersen verriet, dass sie seinen Gedanken überhaupt nicht folgte.

„Da ist noch etwas“, fügte er hinzu. „Können Sie sich etwas vor­stel­len, was Dr. von Zabern auf der Seele lag? Etwas, das er gern mit Ih­nen klären wollte und dafür die schriftliche Form wählte?“

Frau Holm sah ihn fragend an.

Andersen trat zum Schreibtisch und suchte das Blatt Papier hervor. „Meine Kleine“, las er laut, „ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll. Vielleicht aber ist es auch gar nicht mehr nötig. Trotzdem werde ich versuchen, dir zu erklären .... Diesen Brief hatte er angefangen. Viel­leicht wollte er ihn fertigstellen, nachdem er vom Joggen zurückkam.“

Nelli schüttelte den Kopf. „Ich kann mir nicht denken, was er meint. Und er hat mich nie meine Kleine genannt.“

„Der Brief ist auch nicht an dich gerichtet, sondern an mich“, er­klärte eine andere Frau, die in diesem Moment das Zimmer betrat. Sie war schmal und zierlich und hatte langes, dunkles Haar. Das genaue Gegenstück zu Nelli Holm. Andersen schätzte sie auf Anfang dreißig.

„Anne?“, wunderte sich Nelli. „Wie bist du hereingekommen?“

„Mit dem Schlüssel.“ Die Frau warf Nelli einen auffällig kühlen Bick zu. „Das ist immer noch mein Zuhause.“

„Es ist meines“, widersprach Nelli. „Und das deines Vaters.“

„Sie sind die Tochter des Ermordeten?“, fragte Andersen überfüssi­gerweise.

„Nelli war so freundlich, mich von Papas Tod zu informieren.“ Anne streckte die Hand nach dem Brief aus, und Andersen überließ ihn ihr. „Haben Sie schon einen Verdacht, wer ihn getötet haben könn­te?“

„Leider noch nichts konkretes. Frau Holm glaubt, dass der Mord im Zusammenhang mit seiner Arbeit zu sehen ist.“

„Sicher.“ Anne warf mit einer Kopfbewegung ihr Haar zurück. „Sie will, dass alles einen Sinn ergibt. Deshalb möchte sie, dass er für eine Sache gestorben ist. Dabei gibt es keine Sache, die irgendeinem Tod einen Sinn gibt.“

„Du sagst das so, als mache mir diese Tragödie nichts aus“, be­schwerte sich Nelli. „Dabei weißt du genau, dass das nicht nicht wahr ist! Ich habe der Polizei lediglich gesagt, dass Benno ein streitbarer Mann war.“

„Mit wem hat er sich in der letzten Zeit angelegt?“, fragte der Haupt­kommissar.

„Von konservativer Seite hat es sogar Morddrohungen gegeben, doch das ist jetzt schon ein paar Jahre her.“

Anne von Zabern schien dem Gespräch nicht weiter zu folgen. Sie nahm auf einer Sessellehne Platz, schlug die Beine übereinander und studierte das Papier in ihrer Hand, als handele es sich um einen seiten­langen Brief und nicht um ein kurzes Fragment.

Nelli erhob sich, trat ans Fenster und sah in den parkähnlichen Gar­ten hinaus, der durch den Regenschleier grau und ungemütlich wirkte.

„Wie haben Sie Herrn von Zabern kennengelernt?“, fragte Ander­sen.

Nelli drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Fensterscheibe. „Ist das für Sie wichtig?“

„Zu diesem Zeitpunkt ist leider schwer einzugrenzen, was wichtig ist und was nicht.“ Andersen lächelte versöhnlich. „Wenn Sie nicht wollen, brauchen Sie es mir nicht zu erzählen.“

„Seit etlichen Jahren bin ich Mitarbeiterin von Attack. Das ist eine Or­ganisation, die sich überall auf der Welt gegen die unmenschlichen Fol­gen der Globalisierung wehrt. Ich besuchte den Weltwirtschaftsgip­fel in Genua, wo wir Protestaktionen inszenierten und demonstrierten. Die Sicher­heits­kräfte gingen damals mit unge­wöhnlicher Härte gegen uns vor. Viele Jugendliche wurden ver­letzt. Ich hatte ein Riesenglück. Ein Polizeibeamter stellte mich in einer Sackgasse und hob seinen Gum­miknüppel gegen mich. Von hinten trat ein Mann auf ihn zu, riss ihm den Knüppel aus der Hand und schleu­derte ihn über eine Mauer. Der Bulle war so perplex, dass er überhaupt nicht reagierte.“

„Und dieser Mann war Dr. von Zabern?“

„Er nahm gar nicht an den Demonstrationen teil. Dafür sei er in­zwi­schen zu alt, meinte er.“ Nellis Gesichtsausdruck wurde schwär­merisch, während sie sich erinnerte. „Benno wollte nur ein paar Sze­nen auf Video festhalten für eine TV-Dokumentation. Wir haben uns damals nur kurz gesehen, auf einen Kaffee sozusagen. Aber ich be­suchte ihn später hier, als ich in Münster ein Studium begann. Und dann ging es mit uns los.“

„Wussten Sie, was er beruflich machte?“

„Natürlich. Schließlich war er eine Instanz in der ökologischen Be­wegung und ging voll in seiner Arbeit auf. Ich bewunderte ihn. Das tue ich noch heute.“ Sie wandte ihr Gesicht zur Fensterscheibe.

„Meinem Kollegen gegenüber erwähnten Sie gestern ein Fernseh­streitgespräch, in dessen Verlauf es zu einer Auseinandersetzung kam.“

Frau Holm schneuzte in ein Taschentuch. Andersen hatte das Ge­fühl, dass das Reden über die Vergangenheit ihre Stimmung besserte.

„Die Frau, die ihn attackiert hat“, fuhr sie fort, „war eine Spreche­rin der Regenwaldpiraten. Das ist eine radikalökologische Gruppie­rung. Gerüchten zufolge verüben sie hin und wieder Anschläge, aller­dings nur gegen Sachen. Die Gruppe unterhält ein Koordinationsbüro hier in der Stadt.“

Andersen hatte Block und Kugelschreiber hervorgezogen. Während er sich Notizen machte, verließ Nelli den Raum. „Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.“

Andersen hörte sie die Treppe hinaufgehen.

Anne nutzte die Gelegenheit, ihr Schweigen zu brechen. „Es stimmt, was sie sagt“, meinte sie. „Papa ist in seiner Arbeit vollkom­men auf­ge­gangen.“ Was Nelli in schwärmerischer Bewunderung geäu­ßert hat­te, klang aus ihrem Mund wie ein Vorwurf. „Sie bedeutete al­les für ihn.“

„Sie wollen sagen, ein Kind hatte wenig Platz in seinem Leben, nicht wahr?“

Anne presste die Lippen zusammen. „Das wäre noch übertrieben.“

„Aber Nelli hatte einen?“

„Sie war ein Teil seiner Arbeit. Jedenfalls lange Zeit.“

„Und danach?“

Die junge Frau wedelte mit dem Blatt Papier. „Ich glaube, dass er da­rauf in diesem Brief zu sprechen kommen wollte. Papa war anders in der letzten Zeit. Ich hatte das Gefühl, dass ihm vieles klar geworden war und er sein Leben ändern wollte. Ich vermute, er hatte vor, ihr mitzuteilen, dass er sich nach langer Zeit besser mit Rosa versteht.“

„Rosa?“

„Meine Mutter. Sie leben schon lange getrennt, doch seit einiger Zeit haben sie sich wieder regelmäßig getroffen.“

„Demnach wäre der Brief doch nicht an Sie gerichtet, sondern an Nel­li?“

Die junge Frau nickte. „Ich habe mich wohl getäuscht.“

„Glauben Sie, dass Ihr Vater Nelli verlassen wollte?“

Annes Mund wurde zum Strich. „Meine Stiefmutter ist drei Jahre jün­ger als ich. Eine Zeit lang mag das seinen Reiz gehabt haben, doch ir­gendwann wurde selbst Papa klar, dass das für eine Familie kein sta­bi­ler Zustand sein kann.“

Nelli kehrte zurück. Im Arm hielt sie einen Stapel Videokassetten. „Das sind Ausschnitte aus seiner Arbeit, Fernsehsendungen, Reden und Vorlesungen, die er gehalten hat“, sagte sie. „Sie können sich so vielleicht besser ein Bild machen.“

„Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Dr. von Zabern beschreiben?“, fragte Andersen, während er das Material an sich nahm.

Nelli Holm warf Anne einen lauernden Blick zu. „Ich wüsste nicht, was -“, setzte sie an.

In diesem Moment klingelte es an der Haustür.

Frau Holm ging, um zu öffnen.

Der Ankömmling hatte eine hohe männliche Stimme. Er schien Nelli sein Beileid auszusprechen. „Ich habe es aus den Nachrichten er­fah­ren“, sagte der Mann. „Zuerst wollte ich es nicht glauben.“

Ein kleiner, dicklicher Mann betrat den Raum. Andersen schätzte sein Alter auf sechzig Jahre. Er hatte ein rundes Gesicht, eine Glatze und einen säuberlich gestutzten Backenbart, der altmodisch wirkte. Auffällig waren seine überaus wachen Augen, mit denen er Andersen nicht unfreundlich, aber neugierig musterte, nachdem er Anne mit ei­nem Nicken begrüßt hatte.

„Andersen, Kripo Münster“, beantwortete der Hauptkommissar die nicht gestellte Frage. „Ich bearbeite den Fall.“

„Mackenstedt“, stellte sich der Dicke vor. „Ich bin - war ein guter Freund des Ermordeten.“

„Darf ich fragen, wie lange Sie sich kannten?“

„Nun, seit etlichen Jahren. Wir haben so manche Sache gemeinsam auf die Beine gestellt.“ Mackenstedt schüttelte den Kopf. „Und jetzt das ...“

„Sie haben also beruflich zusammengearbeitet?“

„Nicht im eigentlichen Sinne. Von Hause aus bin ich Geologe, wäh­rend Benno Klimatologe ist. Verzeihen Sie: war. In gewisser Wei­se kann man sagen, dass wir uns ergänzt haben.“

„Inwiefern?“

„Damals veröffentlichte ich ein Buch, in dem ich einige seiner Grundthesen widerlegte. Benno lud mich in seine Sendung ein und wir stritten um die Wahrheit. Daraus entstand ein Dauerdisput, der für uns beide sehr gewinnbringend war.“

„Können Sie sich ein Mordmotiv vorstellen, das mit seiner Arbeit zu tun hat?“

„Deutet denn etwas darauf hin?“ Mackenstedt runzelte die Stirn. „Im Radio war von Einbruch die Rede.“

Andersen nickte. „Die Täter haben Schmuck gestohlen, um davon ab­zulenken, dass sie etwas ganz Bestimmtes gesucht haben. Vielleicht et­was, das sie identifizieren könnte. Möglicherweise wurde Herr von Zabern deswegen auch ermordet.“

„Sie denken daran, dass Benno ermordet wurde, weil er mit seinem Wissen für jemanden eine Bedrohung darstellte?“

„Wäre das Ihrer Meinung nach denkbar?“

„Sicher war Benno nicht der Typ, der einen Bogen um ein Thema machte, wenn es sich als heißes Eisen entpuppte. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, woran er momentan arbeitete.“

„Hatte er Feinde?“

„Feinde!“ Mackenstedt breitete ratlos die Arme aus. „Dieser Mann war Wissenschaftler. Da hast du keine Feinde. Gegner vielleicht, Wi­dersacher. Sie haben eine andere Meinung als du, verreißen dich in Fachzeitschriften oder beschimpfen dich in einer Fernsehsendung. Aber sie dringen nicht in dein Haus ein und schießen dich nieder.“

„Also gut“, meinte Andersen. „Nennen wir sie Gegner oder Wider­sacher. Wer käme da in Frage?“

Der Mann mit dem gepflegten Bart schüttelte den Kopf. „Wie ge­sagt, ich sah ihn zu selten, um darüber auf dem Laufenden zu sein, mit wem er sich angelegt haben könnte. Abgesehen davon letzter Zeit käme ich natürlich in Frage.“ Er lächelte. „Ich war wohl sein ärgster Widersa­cher.“

7. Kapitel

Kerkhoff hatte das Gefühl, dass ihn jemand beschattete. Wie oft war ihm der dunkelblaue Kleintransporter schon aufgefallen? Ein Ford Tran­sit oder irgendein japanisches Fabrikat, er kannte sich damit nicht aus. Sicher gab es von denen Tausende. Kein Wunder, dass sie einem ständig an der Ferse klebten.

Seit ihn dieser Wagen in Hamburg auf‘s Korn genommen hatte, ließ sich nicht mehr leugnen, dass er irgendjemandem mit seiner Re­cher­che gehörig auf die Füße trat. Ich sehe Gespenster! Schluss damit, dachte er. Die Nacht ist lang und anstrengend genug gewesen, da sieht man eben Gespenster. Kerkhoff hatte einem Zug durch die Kneipen unternommen, der bis in den Morgen gedauert hatte. Jedesmal, wenn er sich entschlossen hatte, endlich nach Hause zu fahren, hatte es draußen in Strömen gegossen, also hatte er notgedrungen den Auf­bruch aufgeschoben. Am Morgen hatte er zu nichts anderem mehr ge­taugt, als ins Bett zu fallen. Doch dann war er so gegen neun noch auf einen Sprung bei einem Freund vorbeigeschneit, um ihm das Mit­bring­sel seiner letzten Reise zu überreichen, eine Flasche echten Scotch Whisky, den er am Flughafen von Edinborough erstanden hatte. Natürlich hatte er dann noch auf ein oder zwei Gläser bleiben müssen.

Wenn man es genau nahm, durfte er, so voll wie er war, gar nicht fah­ren. Wenn man es genau nahm. Doch was das Radfahren betraf, nahm Kerkhoff es mit der Promillegrenze nicht genau. Soweit er se­hen konn­te, war er der einzige weit und breit, der in der Affenkälte nach Hau­se strampelte, also wen gefährdete er schon, wenn er ein bisschen zuviel intus hatte?

Kerkhoffs Wohnung lag auf der Rückseite des Bahnhofs, im dritten Stock eines renovierungsbedürftigen Wohnhauses. Der Journalist be­wohnte die fünf Zimmer schon seit über zehn Jahren. Damals, als er sie gemietet hatte, war er noch mit Millie zusammengewesen und davon ausgegangen, dass sie bald mehr Platz gebrauchen konnten. Das war Schnee von gestern.

Auf der anderen Straßenseite parkte noch einer dieser blauen Lie­ferwagen. Sie entwickelten sich allmählich zu einer Plage.

Der Journalist stapfte die knarzende Holztreppe hinauf und blieb wie angewurzelt vor seiner Wohnung stehen. Die Tür stand offen. Spuren am Türrahmen zeugten davon, dass jemand ein Stämmeisen angesetzt und die Tür mit roher Gewalt aufgehebelt hatte.

Kerkhoff trat näher.

Im Wohnzimmer herrschte heilloses Chaos. Schubladen waren her­aus­gerissen, die Polster der Couch mit einem Messer aufgeschlitzt. Der Fernseher umgestürzt. Kerkhoff stieg über zwei umgestürzte Blu­men­töpfe auf dem Boden und schlich auf Zehenspitzen weiter zum Ar­beits­zimmer, das auf der anderen Seite des Flurs lag. Machte zwei vorsichtige Schritte hinein. Die gleiche Unordnung. Auf dem Boden lag der Monitor seines PCs.

Kerkhoff war im Begriff, noch einen dritten Schritt zu machen, um nach seinem Diskettenarchiv zu sehen. Doch er überlegte es sich an­ders, als er im Fenster sein Spiegelbild entdeckte und direkt dahinter, im Schatten der Tür, eine Gestalt. Blitzschnell reagierte er, schlüpfte zurück in den Flur und knallte dabei die Tür mit aller Kraft gegen die Wand, genau dahin, wo er den Mann vermutete.

Er hörte ein unterdrücktes Stöhnen und rannte im selben Moment los. Verließ die Wohnung, lief die Treppe hinunter.

Kurz bevor er den ersten Stock erreichte, hielt er keuchend inne und lauschte. Jemand kam von unten herauf. Sie waren zu zweit! Ein Geräusch von oben sagte ihm, dass der Kerl aus seiner Wohnung die Verfolgung aufgenommen hatte.

Kerkhoff begann zu schwitzen. Blitzschnell besann er sich des letz­ten Auswegs, den er hin und wieder nutzte, wenn er es vermeiden wollte, ungebetenen Gästen zu begegnen, zum Beispiel Leuten, denen er Geld schuldete.

Fünf Treppenstufen abwärts gelangte er an ein Fenster. Er öffnete es, schwang sich über die Fensterbank auf ein Vordach. Über einen Mau­ervorsprung balancierend gelangte er auf eine Garage, von wo er sich in den Innenhof hinunterlassen konnte.

Mit pfeifendem Atem gelangte er an die Kante des Flachdachs. Scheiße, dachte er, das wird ja von Mal zu Mal höher. Ich bin zu alt für sowas. Er nahm Maß und versuchte, irgendwo zwischen den Müll­tonnen auf dem Boden zu landen ...

8. Kapitel

Für zwölf Uhr fünfzehn war eine Dienstbesprechung anberaumt, doch sie verzögerte sich um eine gute halbe Stunde.

Andersen wollte die Zeit nutzen, um den Journalisten anzurufen, der von Zabern hatte interviewen wollen. Doch obwohl er sicher war, dass er den Zettel mit der Nummer auf seinem Schreibtisch abgelegt hatte, fand er ihn nicht wieder. Schließlich gab er auf.

Um viertel vor eins waren alle am Fall beteiligten Kollegen bis auf Haupt­kommissar Grunwald eingetroffen. Andersen berichtete von sei­nem Besuch bei Nelli Holm, der Lebensgefährtin des Ermordeten, und seinem Gespräch mit Dr. Mackenstedt, der sich als Weggefährte und sein ärgster Widersacher bezeichnet hatte. Damit meinte er allerdings, erläuterte Andersen, dass die beiden über Jahre rein wissenschaftlich als Gegenspieler auftraten, um sich öffentlich zu positionieren. Sie hat­ten eine gemeinsame Fernsehsendung mit dem Titel Welt im Wan­del – Chance oder Niedergang, in der Mackenstedt von Zabern als Untergangsprophet geißelte, während der seinen Gegenspieler der Schön­färberei bezichtigte.

Die routinegemäße Befragung der Nachbarn war noch nicht abge­schlossen. Bisher hatte sie nichts Brauchbares ergeben, bis auf die Aussage einer älteren Dame, die schräg gegenüber wohnte. Sie gab an, einen ‚jungen Halbstarken’ bemerkt zu haben, langhaarig mit Le­derjacke. Er habe sich am Montag nachmittag kurz vor fünf von von Zaberns Grundstück aus zu seinem Wagen geschlichen, den er abseits geparkt hatte, obwohl direkt vor dem Haus Parkplätze frei gewesen seien. Unterwegs habe er sich mehrmals nach allen Seiten umgeschaut und sei ihr sehr verdächtig vorgekommen.

Was den Verbleib der mysteriösen Datei namens Rubikon betraf, gab es keinen Fortschritt. Ein Kollege mit altsprachlichem Hintergrund wies allerdings daraufhin, dass Rubikon ein winziges Flüsschen sei, das in Italien zwischen Ravenna und Rimini in die Adria fließe und in der Antike die Grenze zwischen Rom und seiner Provinz Gallia Cis­al­pina gewesen sei.

Wegen des großen Medieninteresses wurde im Anschluss an die Be­sprechung eine Pressekonferenz abgehalten, in der sich die Kolle­gen der Mordkommission dafür zu rechtfertigen hatten, warum sie nach gut einer Woche Ermittlungen immer noch keine konkrete Spur ver­folgten.

***

Frank Grunwald betrat erst zehn Minuten nach dem Ende der Kon­fe­renz Andersens Büro. „Tut mir leid“, entschuldigte er sich. „Hab im Stau gestanden.” Er grinste verschwörerisch. „Aber dafür konnte ich ein paar Dinge erfahren. Über unseren Ermordeten.”

Die beiden Kripobeamten begaben sich in die Kantine, Andersen holte für sich und seinen Kollegen einen dünnen Kaffee aus dem Au­toma­ten, Grunwald gönnte sich zusätzlich noch ein Mohnstriezel aus der Glas­vitrine. Dann ging‘s zurück in Andersens Büro. „Ich hab ges­tern Abend zufällig Iris getroffen.”

Andersen sah ihn fragend an.

„Meine Ex. Du kennst sie auch, wir sind schon mal zusammen aus­gegangen, glaub ich jedenfalls. Ist aber eine Weile her.”

„Moment, ich dachte, Silvana wäre deine Ex.”

„Ist sie auch. Aber die kam viel später.”

„Na schön”, sagte Andersen. „Tut mir leid, dass ich die Reihenfolge nicht so richtig im Kopf behalte. Also was hat Iris dir erzählt?”

„Sie ist Radiomoderatorin - na, dämmert‘s jetzt? Und sie kennt von Zabern, weil sie ihn mal zu Gast im Studio hatte. Und dann, später, haben sie noch zusammen einen Kaffee getrunken.”

„Wie lange ist das her?”

„Keine Ahnung. Über ein Jahr bestimmt. Jedenfalls beschreibt sie von Zabern als sehr eitel und von sich überzeugt. Außerdem sei er ein Wen­dehals.”

„Ein Wendehals?”

„Jemand, der gern und ohne große Probleme die Seiten wechselt. Frü­her hat er sich in der außerparlamentarischen Opposition einen Na­men gemacht und sich in Naturschutzorganisationen engagiert, dann hat man ihn für‘s Fernsehen entdeckt. Die Karriere ging steil nach oben, die ehernen Grundsätze und Prinzipien verschwanden in der Schub­la­de. Von Zabern war Everybodys Darling und machte den Wet­teronkel im Fernsehen.” Grunwald stellte den leeren Teller auf dem Schreib­tisch zwi­schen den Papierstapeln und leckte sich die klebrigen Finger ab. „Na ja, und dann kam doch wieder was von dem alten Revo­luzzer zum Vorschein: Der Mann schrieb ein oder zwei Bücher über den Kli­ma­wan­del. Seine Fernsehprominenz sorgte dafür, dass sie Bestseller wur­den. Und er avancierte dann zu einer Art Klimaexper­ten.”

„Dann könnte seine Gattin also doch richtig liegen mit ihrem Ver­dacht, dass er sich irgendwo einen Feind gemacht hatte?”

„Iris kann das jedenfalls nicht bestätigen. Was nichts heißen will. Ge­rüchteweise hat sie übrigens gehört, dass von Zabern sich in letzter Zeit eher mit konservativen Kreisen gemein gemacht hätte. Du kennst ja die Abendland!-Bewegung.”

Andersen verzog das Gesicht. „Roland und seine europäischen Patrio­ten - was wollte er denn bei denen?”

„Tja, als echter Wendehals hast du immer ein feines Gespür dafür, wo­her politisch der Wind weht.”

„Also, das passt jetzt überhaupt nicht zu dem, was Nellie Holm von ihm erzählt hat. Außerdem war von Zabern ein Intellektueller. Armin Ro­land, der ist doch eher was für den Pöbel, oder nicht?”

„Immerhin gibt es viele, die in ihm den neuen Kanzler gesehen ha­ben.”

„Gesehen haben? Was soll das heißen?”

„Hast du es noch nicht gehört? Es kam in den Nachrichten.”

„Was denn?”

„Roland wurde Opfer eines Attentats. Während einer Kundgebung hat man auf ihn geschossen.”

„Er ist also tot?”

„Keine Ahnung. Jedenfalls wurde das noch nicht bestätigt. Nur dass er verletzt wurde.”

Es klopfte. Ein Mann steckte den Kopf zur Tür herein. An seiner Schlä­fe klaffte eine blutige Schramme.

„Falls Sie ein Attentat melden wollen”, flachste Grunwald, „dafür sind wir nicht zuständig.”

Der Mann machte ein begriffsstutziges Gesicht. „Entschuldigen Sie“, sagte er. „Ich wollte zu Hauptkommissar Andresen.“

„Andersen“, sagte Andersen.

„Mein Name ist Kerkhoff. Man sagte mir, dass Sie den Fall Dr. von Zabern bearbeiten.“

Andersen erhob sich und wies auf den freigewordenen Stuhl. „Tre­ten Sie näher. Das ist mein Kollege, Hauptkommissar Grunwald. Wir ha­ben Sie schon sehnlichst erwartet, Herr Kerkhoff.“

Der Mann, der eintrat, trug eine speckige Lederjacke. Obwohl er auf die fünfzig zugehen musste und sein Haar von vielen grauen Strähnen durchzogen war, erinnerte seine Frisur an die der Kriegs­dienstver­wei­gerer in den siebziger Jahren. Dazu passte eine Nickel­bril­le mit kreis­run­den Gläsern. „Rudi Kerkhoff“, stellte er sich zum zweiten Mal vor. „Ich bin Blogger und recherchiere sozusagen in Ihrem Mordfall.“

„Was meinen Sie mit ‚sozusagen’?“, erkundigte sich Andersen freund­lich.

„Nun, ich nehme einmal an“, Kerkhoff warf Grunwald, der hinter ihm stand, einen unsicheren Blick zu, „Sie ermitteln den Mörder Dr. von Zaberns. Und ich sehe diesen Vorfall in einem, sagen wir einmal, grö­ßeren Zusammenhang.“

„Wie interessant. Sie meinen Ufos, nicht wahr?“

„Mir ist klar, dass Sie das für einen Witz halten.“ Dem Blogger war die Routine im Umgang mit Spott anzumerken. „Aber wenn es wirk­lich nur das wäre, wie ist es dann zu erklären, dass man mich plötzlich verfolgt? Dass man meine Wohnung durchwühlt und mein Leben be­droht?“ Er befühlte die Wunde an seiner Stirn.

„Wie ist das passiert?“, erkundigte sich Grunwald.

„Ich konnte gerade noch von einem Garagendach springen, sonst hät­ten die mich gehabt. Leider bin ich auf einem der Müllcontainer auf­ge­kommen.“

„Uns interessiert vorrangig, was Sie über den Tod von Zaberns wis­sen“, sagte Andersen. „Was Sie bei ihm zu suchen hatten.“

„Ich war nicht dort. Wir hatten uns für ein Interview verabredet, aber das kam nicht zustande. Ich war zu spät und überall waren Ihre Beamten. Da wollte ich mich dann nicht mehr einmischen.“

„Und was sagen Sie dazu, dass Sie am Tatort gesehen wurden?“

Kerkhoff strich sich über sein unrasiertes Kinn. Er sah Grunwald fra­gend an, der bestätigend nickte.

„Also gut, Kommissar. Ich bin dagewesen, weil ich dachte, ich würde Dr. von Zabern noch antreffen, obwohl ich zu spät war. Aber da war er schon tot.“

„Und was dann?“

„Der Mörder war noch da und muss zunächst die Flucht ergriffen ha­ben. Doch später hat er sich an meine Fersen geheftet, wahrschein­lich glaubt er, dass ich etwas in Erfahrung gebracht habe.“

„Haben Sie das denn?“

„Wie sollte ich, Kommissar? Als niemand öffnete, kam ich über die Ter­rasse und fand von Zabern tot im Arbeitszimmer. Da habe ich ge­macht, dass ich weg kam.“

„Sie kamen nicht auf die Idee, uns zu verständigen?“

„Leider nein, Herr Kommissar. Im Nachhinein bedauere ich das na­türlich.“

„Natürlich. Sie haben nicht zufällig einen USB-Stick mitgenommen? Oder einen anderen Datenträger?“

Kerkhoff machte ein geradezu schockiertes Gesicht. „Ich weiß, dass es nicht richtig war, sich davonzustehlen. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich Beweismaterial unterschlagen würde.“

„Zuerst haben Sie auch behauptet, nicht am Tatort gewesen zu sein“, gab Grunwald zu bedenken.

„Ich möchte noch einmal auf den größeren Zusammenhang zu sprechen kommen“, sagte Andersen. „Sie wollen der Welt beweisen, dass es Ufos gibt, richtig?“

„Ich will gar nichts beweisen, sondern herausbekommen, warum man es verheimlicht. Erst vor einer Woche war ich in den schottischen High­lands, wo so ein Ding abgestürzt ist.“

Andersen nickte. „So stand es in Ihrem Artikel zu lesen.“

„Ich weiß, Sie halten alles für Humbug. Aber als ich einen EU-Parla­men­tarier be­fragen wollte, der mit der Sache zu tun hat, hat man mich mit dem Auto aufs Korn genommen, um ein Haar hätte man mich er­wischt. Das habe ich mir nicht einge­bil­det.“

„Warum wollten Sie Dr. von Zabern interviewen? Er ist Klimafor­scher und hat nicht das Geringste mit fliegenden Untertassen zu tun.“

Kerkhoffs Hand fuhr in seine Jackeninnentasche und zog mit einem ein­zigen Griff ein Foto he­raus.

Andersen nahm es entgegen und sah zwei Männer, die in die Ka­mera lächelten. Einer der beiden trug weiße Hose und Jackett, in dem an­de­rem, in Bermudashorts und T-Shirt, erkannte der Hauptkommis­sar Dr. von Zabern, wenn er auch noch wesentlich jün­ger war. Im Hin­ter­grund befand sich etwas, das wie eine antike Aus­grabungsstätte aus­sah.

„Das ist Kevin Mansfield, ein britischer Historiker“, erklärte Kerk­hoff und deutete auf den Mann neben von Zabern. „Die beiden Män­ner ste­hen direkt vor der Tempelanlage von Hagar Qim auf Malta. Sie ist über 5000 Jahre alt. Über die Erbauer weiß man bis heute so gut wie nichts. Machen Sie sich klar, dass das alles schon stand, als die Che­ops­pyramide noch nicht einmal geplant war. Dr. Mansfield hat aber inzwischen den klaren Beweis erbracht, dass die technischen Mög­lichkeiten der Jungsteinzeit bei weitem nicht ausreichten, um ei­nen solchen Gebäudekomplex zu errichten.“

„Verstehe“, meinte Andersen. „Jetzt werden Sie mir außerdem er­klä­ren, dass man die eigentliche Form des Bauwerks sowieso nur aus der Luft erkennen kann.“

„Es ist ein Lorbeerblatt“, nickte der Journalist, ohne auf die Häme ein­zugehen. „Oder ein extraterrestrisches Symbol. Tatsache ist, dass sich die Symmetrie nur in einer Ansicht aus großer Höhe erschließt.“

„Und darüber wollten Sie Dr. von Zabern befragen?“

„Dieses Foto brachte mich auf die Idee, dass er sich möglicherwei­se mit außerirdischer Intelli­genz beschäftigt. Deshalb bat ich ihn um ein Interview und er willigte ein.“

„Er erklärte sich bereit“, fragte Andersen ungläubig, „mit Ihnen über diese Dinge zu sprechen?“

„Höchste Zeit, dass alles auf den Tisch kommt. Alles ohne Ausnah­me. Das sagte er wörtlich.“

„Einmal angenommen, Sie liegen richtig mit Ihrem Verdacht“, sag­te Hauptkommissar Grunwald. „Warum, glauben Sie, will man ver­heimlichen, dass es so etwas gibt? Ein echtes Ufo, das wäre doch die Sensation.“

Kerkhoff zuckte mit den Schultern. „Aus Furcht, dass es eine Panik auslösen könnte? Oder weil es um das Geschäft des Jahrtausend geht? Ich habe keine Ahnung.“ Mit dem Ärmel wischte er sich den Schweiß von der Stirn und vermischte ihn dabei mit dem Blut aus seiner Wun­de. „Investigativer Journalismus, meine Herren, gibt sich nicht mit windigen Vermutungen zufrieden. Er will Antworten, deshalb stellt er Fragen.“

„Ich besorge Ihnen ein Pflaster, dann können Sie das verbinden“, sagte Andersen.

9. Kapitel

Alles deutet darauf hin, dass Gott, als er die Welt erschuf - insbe­son­dere die Erde und alles, was auf ihr kreucht und fleucht - einen großen Modellversuch im Sinn hatte. Er hatte herausgefunden, dass nirgend­wo im grenzenlosen All eine solche Flora und Fauna gedeihen konnte. Entweder war es eiszeitlich kalt wie auf dem Mars oder ko­chendheiß wie auf der Venus. Man brauchte eine Durchschnittstempe­ratur von fünfzehn Grad Celsius, damit überhaupt etwas gedeihen konnte.

Also entschloss er sich, seine geliebten Setzlinge in einem Treib­haus heranzuzüchten.

Dazu versah er die Erde mit einer Art Glasdach aus atmosphäri­schem Wasserdampf, der sie vor schädlicher Sonnenstrahlung schütz­te und die Sonnenwärme speicherte.

Die Natur gedieh und brachte den Menschen hervor. Der vermehr­te sich rasend schnell und bildete eine hochtechnisierte Zivilisation, die auf Mengen und Abermengen fossiler Brennstoffe angewiesen war. Die Temperaturen im Treibhaus stiegen, das Leben wurde unangeneh­mer: der Schnee schmolz, das Wasser überflutete die Küsten. Der Mo­dellversuch scheiterte kläglich.

Gott hatte wohl nicht bedacht, dass seine einzigartige Schöpfung so et­was wie den Homo Sapiens hervorbringen würde, das war die einzi­ge Schwachstelle in seinem Projekt. Doch heutzutage gehen wir davon aus, dass es keinen Gott gibt. Die Frage ist also: Wer führt die­ses Treib­hausexperiment durch und zu welchem Zweck?

B. von Zabern in Spruch und Widerspruch.

Am Nachmittag verbrachte Andersen viel Zeit damit, die Heizung in seinem Büro zum Heizen zu bewegen, statt ein störendes glucksen­des Geräusch von sich zu geben. Schließlich resignierte er, nahm das Ma­te­rial, das ihm Nelli Holm zur Verfügung gestellt hatte und zog in den Besprechungsraum um, wo es nicht nur einen funktionierenden Heiz­körper, sondern auch einen Videorekorder gab.

Nelli Holms Sammlung umfasste circa zwanzig Videocassetten, eine Handvoll DVDs, dazu eine dicke Mappe mit gesammelten Zei­tungs­aus­schnitten, Würdigungen und Redetexten. Eine beeindrucken­de Men­ge. Es schien, als hätte Nelli sich auf den Tag vorbereitet, an dem sie als Hinterbliebene des großen Benno von Zabern die Presse mit lückenlosem Material für die Nachrufe versorgte.

Andersen hatte keine rechte Vorstellung davon, was er sich ansehen wollte, und machte sich nicht lange die Mühe, die krakelige Hand­schrift auf den Etiketten zu entziffern. Wahllos legte er eine Cassette ein und sah von Zabern in einer Gesprächsrunde, nach seinem Ausse­hen zu urteilen handelte es sich um einen relativ jungen Mit­schnitt. Das zweite Video zeigte den Wissenschaftler gut zehn Jahre jünger, wie er vor einem großen Auditorium eine Rede hielt, allerdings auf Englisch. Andersen spulte vor und landete bei einer zwanzigminü­tigen Dokumentation über die Vita des Wissenschaftlers. Benno von Za­bern, Jahrgang 46, ging 1968 gegen den Vietnam-Krieg auf die Straße, später machte er eine steile Karriere als Wissenschaftler. Er ge­hörte dem Club of Rome an, der 1972 den vielbeachteten Sachstands­bericht über die Grenzen des Wachstums veröffentlichte. Von Zabern errregte internationales Aufsehen mit dem kapitalismuskritischen Bestseller fünf vor zwölf und wurde kurz darauf vom Fernsehen ent­deckt. In den folgenden Jahrzehnten moderierte er zahlreiche Wissen­schaftssendun­gen, die Nelli nahezu vollständig auf Video aufgezeich­net hatte.

An­dersen verschaffte sich nur einen oberflächlichen Über­blick: Reden über das Wetter, ein Magazin, das vor über zwanzig Jah­ren ausge­strahlt worden war, Spruch und Widerspruch, eine kontrover­se Talk­show mit prominenten Gästen und Welt im Wandel - Chance oder Nie­dergang. Andersen lernte das Fernsehgesicht eines eloquen­ten und gutaussehenden Mannes kennen, der mal ein souveräner Ge­sprächsleiter, mal wendiger Studiogast war. Von Zabern konnte char­mant sein, aber auch knallhart, und bei Bedarf legte er eine geradezu abstoßende Arroganz an den Tag. In jeder Situation schien er Herr der Lage zu sein, ein Mensch, der gewohnt war, auf Widerspruch zu sto­ßen und dies sogar genoss.

Wer war der private von Zabern, der sich hinter all diesen Attitüden verbarg? Anne, seiner Tochter, zufolge hatte die Arbeit für ihn an ers­ter Stelle gestanden. War er einer dieser Medienmenschen gewesen, die mit den Jahren des Erfolgs die eigene Persönlichkeit mit dem künstlich geschürten Bildschirm-Image verwechselt hatten?

Seit Anfang der achtziger Jahre war von Zabern mehr und mehr zu einem Guru der Friedens- und Umweltbewegung avanciert. Ein Atten­tat, das 1985 auf ihn verübt wurde und ihn nur leicht verletzte, ver­stärkte sein Image als weltweite Identifikationsfigur. Fotos dokumen­tierten von Zaberns Prominenz: Er war an der Seite des Papstes zu se­hen, schüttelte auf dem Gipfel der G8-Staaten in Genua die Hand des britischen Premierministers. In einem Zeitungsinterview versicherte er, angesprochen auf seinen inzwischen legendären Bestseller, dass man den klimatischen Zustand der Welt zu sehr verharmlose, wenn man von fünf vor zwölf rede. „Die korrekte Uhrzeit ist zwanzig nach zwölf oder sogar noch später, doch dazu muss man sich klarmachen, dass der Handlungsspielraum der Regierungen heutzutage im Ver­gleich zu damals sehr stark eingeschränkt ist. Internationale Konzerne bestimmen weitgehend die Politik und auch die werden nicht von Men­schen, sondern von langfristigen Strategien zur Gewinnmaximie­rung geleitet. Die Globalisierung verdammt die Menschheit quasi da­zu, die Hände in den Schoß zu legen.“

„Das macht die Sache also um so dramatischer?“

„Ich würde sagen: um so tragischer. Für Dramatik ist es zu spät.“

Der Hauptkommissar schob erneut ein Video ein. Dieses Mal warn­te ein in die Jahre gekommener, abgeklärter Benno von Zabern in ei­nem Interview vor Schwarzmalerei. Der Jahrhundertwinter, der in Nordeu­ropa Tausende von Opfern gefordert habe, mache jedoch auf ein­drucks­volle und drastische Weise deutlich, dass es, was die Not­wen­digkeit von entschlossenen Gegenmaßnahmen betreffe, fünf vor zwölf sei.

Erst fünf vor, dann zwanzig nach, dann wieder fünf vor. Offenbar, dachte Andersen, ist seine Uhr manchmal vor- und machmal rück­wärts gegangen. Ein Blick auf die eigene Uhr sagte ihm, dass der Fei­erabend nicht mehr weit war.

Er sah sich noch einmal die erste Cassette an, da sie einen späten Fernsehauftritt von Zaberns dokumentierte. Wie ein kurz nach dem Start eingeblendetes Datum verriet, war diese Aufzeichnung erst drei Wochen alt.

Außer der Moderatorin und von Zabern gab es noch drei andere Stu­diogäste: einen Sozialwissenschaftler der Wilhelmsuniversität Mün­ster, einen Vertreter der Landesregierung und eine Umweltaktivis­tin der Regenwaldpiraten. Die Runde setzte sich über die Frage Öko­logie in der Politik – kein Thema? auseinander. Andersen beobachtete von Zabern, der sich entspannt in seinen Sessel zurücklehnte und der Dis­kussion wie von weitem zu folgen schien, und wartete gespannt auf den Streit, der laut Nelli zwischen ihm und der Aktivistin ent­flammt war.

Leider erwies sich das Video als fehlerhaft. Sekunden bevor sich von Zabern in die Diskussion einmischte, versagte der Ton. Der Wis­sen­schaftler gestikulierte, die Kamera zoomte ganz nahe an ihn heran. Von Zabern hatte ein rotes Gesicht und eine Ader an seiner Schläfe trat hervor. Der Uniprofessor neben ihm musterte ihn besorgt, gerade­zu perplex, dann begann die Gegenattacke der Umweltschützerin, die von Zabern mit verschränkten Armen, aber immer noch schwer at­mend, über sich ergehen ließ.

Mit einem Ruck blieb das Videoband stecken. Das Bild ver­schwand.

„Na gut“, meinte Andersen und schaltete das Gerät aus. „Dann also Feierabend.“

***

Er hatte das Gefühl, wieder einen Nachmittag verschwendet zu ha­ben. Trotz der ermüdenden Flut von Fernsehbildern konnte er sich im­mer noch keine rechte Vorstellung vom Ermordeten machen. Andersen brauchte sie aber, um ermitteln zu können. Darüberhinaus spielte es eine Rolle für ihn, ob das Mordopfer ihm sympathisch war. Nicht dass er seine Arbeit nur dann tun konnte, wenn das der Fall war. Es funkti­o­nierte auch, wenn er ihn unsympathisch fand. Doch die Frage, ob oder ob nicht, musste entschieden sein. Und was Dr. von Zabern be­traf, so schien ein ganzer Berg Videocassetten nicht zu reichen, sie zu beantworten.

Dennoch, da war etwas, dessen Andersen erst im Nachhinein ge­wahr wurde. Ein kleiner Makel im ansonsten rundum makellos ge­schönten TV-Image des Wissenschaftlers. Der Hauptkommissar rief sich wieder die Szene ohne Ton in Erinnerung: Von Zabern mit hoch­rotem Kopf, gestikulierend. Wo war der smarte Moderator, der locker plaudernde Gesprächspartner, der niemals die Kontrolle verlor, so wie er sich in ausnahmslos allen anderen Fernsehmitschnitten präsentiert hatte? Was hatte von Zabern so erregt, dass er aus sich herausgegan­gen war?

Es konnte nicht schaden, wenn Andersen sich mit einem der Stu­dio­gäste unterhielt.

10. Kapitel

Er genoss es, am Abend nicht in eine leere Wohnung zurückzukeh­ren. Nachdem er sich kurz zuvor per Handy vergewissert hatte, dass seine Tochter zu Hause war, hatte er an einem Schnellimbiss gestoppt und Pommes und Currywurst für zwei besorgt. Beim Betreten der Woh­nung winkte er mit den duftenden Päckchen: „Abendessen ist fer­tig!“

Luise saß vor dem Fernseher. Sie steckte ihren Kopf hinter der Ses­sellehne hervor, schnüffelte und machte kein begeistertes Gesicht: „Was gibt es denn?“

„Pommes mit Currywurst. War früher mal deine Lieblingsspeise.“

„Das ist lange her, Papa.“

Andersen war mit dem Auspacken beschäftigt. „Aber du kannst dich gerade noch dran erinnern, was?“

„Seit einem Jahr esse ich kein Fleisch mehr.“

„Warum denn das, zum Teufel?“

Luise kam in die Küche, nahm eine Wasserflasche aus dem Kühl­schrank und goss sich ein. „Ökologisch gesehen ist es Verschwen­dung“, erläuterte sie. „Wenn du überlegst, wieviel tausend Quadratme­ter Ackerland man nutzen könnte, um die Nahrungsknappheit zu lin­dern. Aber die gehen für Futtermittel drauf, nur damit eine kleine pri­vilegierte Minderheit ein Steak auf dem Teller hat.“

„Das heißt also, du magst Currywurst, hältst es aber für gerecht, auf sie zu verzichten?“

Luise deutete auf die zerschnippelten Wurststücke in der Papp­schachtel, die in roter Soße schwammen. „Diese Art Fleisch ist außer­dem ein großes gesundheitliches Risiko.“ Mit dem Glas in der Hand machte sie sich wieder auf den Weg zu seinem Sessel.

„Meinetwegen!“, rief Andersen ihr nach. „Dann nimm du die Pom­mes frites! Kannst zwei Portionen haben, ich mache mich über den Rest her.“

„Tut mir Leid, Papa. Aber von dem Zeug wird mir immer schlecht.“

Andersen spürte Ärger in sich aufsteigen. Kaum zu glauben, da hat man seine Tochter zu Besuch und sobald sie den Mund aufmacht, hört man Tatjana mit ihrem verkniffenen Hang zum ökologisch korrekten Benehmen. Kein Fleisch, niemals Pommes. Sie hatte wirklich ganze Arbeit geleistet.

„Du hast den von Zabern-Fall übernommen?“, erkundigte sich Lui­se.

Andersen schob sich ein Stück Currywurst in den Mund und ging ins Wohnzimmer. „Woher weißt du denn das jetzt wieder?“

„Kam im Fernsehen. Ist bestimmt eine spannende Sache.“

„Warum glaubst du das?“

„Na, da wird so manche schmutzige Wäsche ans Tageslicht kom­men. Der Mann hat sich doch immer mit den Konzernen angelegt.“

„Ja, ja, und die haben ihn dann ermorden lassen“, sagte Andersen höhnisch. „Das habe ich schon gehört.“

Luise starrte auf den Bildschirm – die Nachrichten präsentierten Bil­der von der verheerenden Flut in Norditalien und kündigten neue Re­genfälle an. „Von Zabern war nicht so wie die meisten alten“, mein­te sie, „die nur hohles Zeug dreschen und mit der Meute kläffen, um Kar­riere zu machen.“

Andersen hätte sich eigentlich denken können, dass Luises Mutter von Zabern als Heiligen verehrte. „Immerhin solltest du nicht verges­sen“ sagte er, „dass ihm seine Masche viel Geld und Prestige einge­bracht hat. Ist das etwa keine Karriere?“

„Für dich ist das vielleicht eine Masche. Aber ich würde sagen, dass er an etwas geglaubt hat.“

„Du meinst, er hat keine Pommes mit Currywurst gegessen so wie du?“ Noch während er sprach, ärgerte sich Andersen über seine infan­tile Bemerkung.

„Er hat wenigstens dafür gekämpft, dass der Riesenschlamassel nicht passiert, mit dem wir es heute zu tun haben.“

„Welchen Schlamassel?“

„Erdbeben, Zunamis, Vulkanausbrüche, die ganze Scheiße ...“ Lui­se deutete auf den Fernsehbildschirm. „Man braucht ja nur die Glotze ein­zuschalten.“

Dort war das italienische Hochwasser aber nicht mehr Thema, son­dern das Inland mit seiner Dauerregierungskrise. Gespräche zwischen den Vertretern der ehemals großen Parteien waren wieder einmal ge­schei­tert. Man gab sich gegenseitig die Schuld daran und nannte es untrag­bar, dass ein Land von solchem ökonomischen wie politischen Ge­wicht nicht entschlossen regiert werde. Der Wähler sehne sich nach einem Wandel und nicht nach dem ewigen Weiter so.

Und jetzt trat auch noch Armin Roland, der Chef der neuen Samm­lungs­bewegung Abendland!, vor die Kamera. Auch er nannte den ge­genwärtigen Zu­stand unverantwortlich, untragbar und dem Bürger nicht vermittelbar. Forderte ein Umdenken und vor allem ein Um­handeln. Betonte, dass es jetzt nötiger denn je sei, europäisch zu denken und zu handeln. Nur so könne diese abendländische Kultur, die so viel Großartiges hervor­gebracht habe, in Zukunft überleben.

„Wusstest du übrigens, dass dieser Mann ein Freund von Zaberns war?”

Luise schüttelte ungläubig den Kopf. „Wer sagt das?”

„Ich hab so was leuten hören. Wenn du den Mann fragst, der kann bestimmt Vulkane daran hindern auszubrechen.”

Roland äußerte sich mittlerweile zu allem, nicht nur zu politischen Themen. Was die Medien anging, war er praktisch allgegenwärtig, ein Star. Ein wohltuender Kontrast zum altbackenen Auftritt der bekann­ten Politiker, die seit Jahrzehnten mit der gleichen Miene das Gleiche versprachen. Sie mochten vor jemanden wie Roland warnen, die Ge­fahr des Populismus beschwören, aber wer hörte ihnen schon noch zu?

„Na und? Wenigstens will er, dass sich was ändert. Das ist die Haupt­sache. Diese Wetterextreme sind doch die Quittung dafür, dass wir ein­fach immer so weiter machen.“

„Wir? Wen zum Teufel meinst du mit wir?“

„Die Konzerne und die Industrieländer.“

„Verstehe. Das waren schließlich auch die, die in von Zaberns Haus ein­gebrochen sind und ihn erschossen haben?“

Das Telefon klingelte.

Andersen nahm ab und nannte seinen Namen, wobei ihm bewusst wur­de, wie sehr ihn die alberne Diskussion erregt hatte.

„Frank hier“, sagte Grunwald am anderen Ende. „Tut mir leid, ich will nicht stören.“

„Schon passiert. Hast du denn noch etwas herausgefunden?“

„Nee. Leider hat sich nicht die Spur einer Spur ergeben. Auch wenn seine Angehörigen ihn für Robin Hood halten, war von Zabern nur so eine Art Umweltschützer für die Glotze. Weit und breit kein Mordmo­tiv in Sicht.“

„Ich hab auch noch nichts.”

„Was sagst du zu der Zeitungsnotiz?“

„Die mit den Ufos?“

„Nein. Die ich dir auf den Schreibtisch gelegt habe. Moment ... Da ist sie ja! Entschuldigung, ich habe sie aus Versehen mit nach Haus ge­nom­men.“ Es raschelte, als Grunwald das Papier entfaltete. „Hier steht was davon, dass von Zabern einmal Opfer eines Attentats wur­de.“

„Das ist mir nichts Neues.“

„Ein alter Mann und ein dreijähriges Kind wurden damals verletzt. Weißt du auch, wer die Schüsse auf ihn abgab?“

„Jetzt mach’s nicht so spannend.“

„Eine gewisse Rosa Feininger. Seine Exfrau.“

„Das ist interessant“, gab Andersen zu. „Soweit ich mit erinnere, ist das aber schon lange her.“

„Gut dreißig Jahre.“

„Dann können wir das wir wahrscheinlich vergessen. Welches Mo­tiv hatte sie?“

„In dem Artikel stand nur, dass sie psychisch labil war. Nach der Tat wurde sie in eine Anstalt eingewiesen.“

„Und die Therapie war anscheinend erfolgreich.“

„Davon stand nichts in der Zeitung.“

„Tatsache ist jedenfalls, dass diese Frau wieder Kontakt zu von Zabern hatte. Wenn man seiner Tochter glauben will, dann wollten die beiden sogar einen Neuanfang machen.“

11. Kapitel

Als Marla Besuch bekommt, ist sie schon den dritten Tag im Kran­ken­haus. Sie hat nur einen leichten Streifschuss an der linken Schulter und eine Prellung, die vom Sturz herrührt. Inzwischen fühlt sich sich schon viel besser, geht auf dem Gang auf und ab und kann wahr­schein­lich - wenn sich alles weiter gut entwickelt - schon in zwei Ta­gen ent­lassen werden.

Liane und Marla sind Freundinnen, seit sie sich am von-Zabern-Kol­leg kennengelernt haben. Liane Dickensen ist ein Jahr jünger und eine Jahrgangsstufe unter Marla. Sie sind ein ziemlich ungleiches Paar: Mar­la, der Büchermensch, die wenig Aufwand für ihr Äuße­res treibt, und Liane, der Männer­magnet. Marla kommte es oft so vor, als ver­fü­ge Liane einen permanenten Stamm von Verehrern, die sich in einer Art Warte­schleife befinden, aus der sie hin und wieder einen auswählt, dafür einen anderen dorthin wieder zurückstellt. Ihre leicht überdrehte und euphorische Stimmung lässt Marla vermuten, dass gerade wieder so ein Wechsel stattgefunden hat.

„Wenn ich dir den Namen sage, glaubst du mir nicht.”

„Warum sollte ich nicht? Jetzt mach doch nicht so ein Geheimnis da­raus.”

Liane ziert sich noch, aber es wirkt nicht echt; dazu brennt sie zu sehr darauf, den Namen ihres neuen Lovers zu nennen. „Also gut, viel­leicht glaubst du mir ja. Aber du würdest vielleicht schockiert sein.”

„Lass mich raten: Du hast dich in einen Dschihadisten verliebt?”

„Blödsinn! Und abgesehen davon - sieh dich doch an - wer weiß denn, ob du schon Aufregung ertragen kannst?”

„Weißt du, wie du dich anhörst? Als wärest du die Schöne und hät­test gerade dein erstes Date mit dem Biest hinter dir.” Marla bietet ihr eine von den Pralinen an, die Lianes Mitbringsel sind, aber die lehnt ab.

„Damit liegst du vielleicht gar nicht so falsch”, meint sie geheimnis­voll.

Marla nimmt sich selbst zwei Pralinen. Sie schwingt sich aus dem Bett und tritt ans Fenster. Aus dem fünfzehnten Stock hat man einen Panoramablick über die ganze Stadt, allerdings gibt es wenig zum ge­nießen, denn es ist diesig und wolkenverhangen. „Das ist doch al­bern”, sagt sie. „Aber behalt‘s nur für dich, ich will‘s gar nicht wissen. Hauptsache, du hast viel Spaß mit deinem neu­en Lover.”

„Sag mal”, fragt Liane, „an was kannst du dich eigentlich noch erin­nern?”

„An nicht viel. Ich weiß noch, dass ich auf der Tribüne herumgeirrt bin, auf der Suche nach euch. Roland schwang unten seine Rede und ich stand überall im Weg. Dann war ich irgendwann ganz oben und hatte wenigstens einen Stehplatz ganz am Rand. Tja, das war‘s auch schon: Dann kam irgendwas von hinten angeschossen und hat mich umgehauen.”

„Von dem, was weiter passierte, hast du gar nichts mitbekommen?”

„Wie denn? Es hätte mich doch fast erwischt. Ich kann von Glück sagen …”

„Also gut: Die Schüsse galten ja Roland. Es war ein Attentat. Die Leute ha­ben gekreischt und auf den Rängen machte sich Panik breit. Zum Glück war Roland sofort wieder da und hat es hingekriegt, dass die Leute sich ein bisschen beruhigt haben. Ich denke mal, damit hat er das Schlimmste verhin­dert.”

„Und wo warst du?”

„Wir haben es ziemlich gut nach draußen geschafft. Und dann hab ich gesehen, wie sie dich rausgetragen haben. Unten auf dem Vorplatz war ein Helikopter gelandet. Es war ganz schön dramatisch …”

„Doch, warte mal - an ein paar Sachen kann ich mich doch noch er­innen. Unmittelbar bevor ich k.o. gegangen bin …”

Liane, die eigentlich grundsätzlich auf Süßigkeiten verzichten will, nimmt sich jetzt doch eine Praline. „Jedenfalls war dann plötzlich auch Roland da. Er war total besorgt wegen dir, richtig hektisch. Woll­te von den Sanitätern unbedingt wissen, wie es um dich steht, und hat sich erst beruhigt, als sie ihm versicherten, dass du durchkommst.”

„Wie schmeichelhaft.”

„Doch, ehrlich. Er ist gar nicht so ein Politikertyp - arrogant und hoch­nä­sig, wie er oft dargestellt wird.”

Marla nickt. Dann entfaltet sich ein vielsagendes Grinsen in ihrem Gesicht. „Ach, ist er nicht?”

„Nein. Er ist eigentlich ganz nett.”

„Das ist alles?”

„Was meinst du?”

„Dass er eigentlich ganz nett ist.”

„Nein. Okay, er ist richtig nett.”

Marla starrt ihre Freundin an. Dann schüttelt sie den Kopf. „Das glau­be ich nicht. Sag, dass das nicht stimmt.”

„Das was nicht stimmt?”

„Du bist nicht mit ihm zusammen, oder?”

„Siehst du, ich hab dir gesagt, du wirst schockiert sein.”

„Armin Roland! Ich fasse es nicht. Wir gehen hin, um seine Veran­staltung ein bisschen zu stören, und jetzt seid ihr zusammen!”

„Hör zu, Marla, erstens weiß ich doch noch gar nicht, ob das was mit uns wird. Es ist einfach passiert, verstehst du? Manche Dinge las­sen sich eben nicht berechnen. Sie passieren.”

„Verstehe. Wie ging es weiter? Er hat dich am Tag drauf angerufen und sich bei dir nach mir erkundigt. Und dann vorgeschlagen, ob ihr nicht zusammen essengehen wollt.”

„Na ja, es war nicht ganz so.”

„Sondern?”

„Aber ungefähr schon.”

„Und dann ergab eines das andere.”

Die Tür öffnet sich, eine Schwester bringt Kaffee und ein Stück Apfelkuchen und stellt beides auf den Tisch. Sie fragt Liane, ob sie auch eine Tasse will, aber die winkt ab.

„Ich hätte dir das nicht erzählen sollen”, sagt sie, nachdem sich die Tür wieder geschlossen hat.

„Stimmt, hättest du nicht.” Marla nickt, dann lacht sie und umarmt ihre Freundin. „Doch, natürlich, so etwas will ich immer wissen, jedes Detail. Aber versprich mir, dass du auf dich aufpasst.”

„Versprochen. Vertrau mir.” Liane greift zu ihrem Smartphone und lässt das Display aufleuchten. „Tut mir leid, aber ich muss leider wieder los. Vielleicht schaffe ich es morgen noch mal zu kommen.”

„Wenn ich dann überhaupt noch hier bin.” Marla hält Liane, die schon zum Abschied winkt, doch noch einmal auf: „Das war es nämlich.”

„Was?”

„Als ich da oben stand, habe ich etwas gehört. Eine Stimme.”

„Was denn für eine Stimme?”

„Sie hat gesagt, Kopf runter oder sowas.”

„Der Mann, der geschossen hat.”

„Ja. Aber das ist doch komisch: ein Attentäter, der sein Opfer warnt, bevor er schießt?”

„Du warst ja nicht sein Opfer.”

„Stimmt auch wieder.” Marla winkt zurück. „Also dann, lass dich mal wieder sehen.”

12. Kapitel

Es war weniger als ein halbes Jahr her, dass Tatjana ihre Sachen ge­packt hatte und zusammen mit Luise zu Elmar gezogen war. Es war ihre Entscheidung gewesen, eine ziemlich abrupte, die An­der­sen da­mals völlig überrumpelt hatte, ebenso wie die Tatsache, dass Elmar Stieleke ihr Anlass war. Und dass sie in ihm ihre gemeinsame Zukunft sah. Andersen hatte mit allen Mitteln versucht, sie umzustimmen auf seine typische fordernde Art und Weise, die seine Aussichten auf Er­folg sicher noch vermindert hatten. Inzwischen sah er all das, was ge­schehen war - gezwungenermaßen, nicht etwa freiwillig - aus einer gewissen Distanz und musste sich mittlerweile widerwillig eingeste­hen, dass Elmar vielleicht der Anlass, aber nicht der Grund für ihre Trennung war. Andersen hatte die Jahre Revue passieren lassen, die ständigen Scharmützel und Kräche zwischen Tatjana und ihm, und fand sich mehr und mehr mit dem Gedanken ab, dass Tatjana und er - bei aller Wertschätzung, die sie immer noch füreinander empfinden mochten - einfach zu verschieden waren, um eine har­mo­nische Bezie­hung zu führen, und das vom ersten Tag an. Nur dass es eine lange Zeit gegeben hatte, in der keiner von beiden sich das eingestehen wollte.

Als er am Mittwochabend zum verabredeten Abendessen vor Elmars Haus vorfuhr, mischten sich in ihm widersprüchliche Gefühle: Eifer­sucht, verletzter Stolz und freudige Erwartung auf ein Wiedersehen; als wage er sich in Feindesland und würde gleichzeitig nach Hause kom­men.

Elmar Stieleke bewohnte ein großes, über hundert Jahre altes Stadt­haus, energetisch vollsaniert und auf dem neuesten Stand, mitten in ei­nem alten verwilderten Garten, in dem es Obstbäume gab und einen kleine, geschützten Bereich für Küchenkräuter. Luise war einver­stan­den gewesen mitzukommen, hatte dann aber im letzten Moment eine Verabredung mit ihrer Freun­din vorgezogen. Tatjana begrüßte Ander­sen an der Tür mit einer knap­pen Umarmung, nahm die obligatorische Flasche Wein entgegen und führte ihn in ein riesiges Wohn-Ess-Ar­beits­zim­mer, das fast die gesam­te Fläche des Erdgeschosses einnahm - Stieleke erzählte immer gern davon: Er hatte von so et­was schon lange geträumt und als er dieses Haus ge­kauft hatte, aus drei Zimmern eines gemacht.

Elmar begrüßte ihn mit Handschlag. Er war acht Jahre jünger als An­dersen, was man ihm aber nicht sofort ansah: Er war schmal, fast schmächtig, hatte graue Strähnen im Haar und ein kantiges Ge­sicht, was, wie er oft spaßhaft bemerkte, auf zu ausgiebiges Denken und zu viel Lachen zurückzu­füh­ren war, in Wirk­lichkeit aber davon zeugte, dass er lange Jahre exzessiv geraucht und erst vor nicht allzu lan­ger Zeit damit aufgehört hatte.

„Der Herr Kommissar”, sagte er und legte seinem Gast die Hand auf die Schulter. „Schön, dass du uns wieder mal beehrst. Fühl dich wie zu Hause.”

Der Tisch war schon gedeckt. Es gab irgendetwas mehrgängiges Vege­tarisches - wohl oder übel musste Andersen eingestehen, dass Tatjana es ungeachtet ihrer geradezu dogmatischen Meinungen über gesundes Essen hinbekam, ein echtes Festmahl zu bereiten.

Elmar war bemüht entspannt, begrüßte Andersen scherzeshalber mit ‚Herr Kommissar‘ und bot ihm etwas zu trinken an. Das Essen war aus­gezeichnet und verlief ohne die von Andersen befürchteten langen Ge­sprächspausen. Was damit zu tun hatte, dass Elmar Stieleke gern und viel redete.

Was mit der Zeit bei Andersen für wachsenden Unmut sorgte. Er löf­fel­te seine Suppe und aß seinen Salat, während der Do­zent für Politik­wissenschaften artikulierte und gestikulierte, und ange­sichts der Wort­gewandtheit seines Gastgebers wurde ihm die eigene Wortkargheit ge­radezu wie ein Spiegel vorgehalten. Und Tatjanas auf­merksamer Ge­sichts­ausdruck machte nur zu deutlich, wie sehr sie an ihrem neuen Par­tner schätzte, was sie bei ihm, Andersen, wohl immer vermisst hat­te.

Wieso bin ich überhaupt hergekommen?, fragte sich Andersen. Das war noch vor dem Dessert.

Natürlich war der Anschlag auf den großen Charismatiker der Abend­land!-Bewe­gung auch Thema. Tatjana zeigte sich erleichtert: Immer­hin sei damit die vielgeäußerte Befürchtung vom Tisch, dass Roland die historische Schwäche der sogenannten Volksparteien ausnutzen und sich selbst als ‚starker Mann‘ an die Macht boxen könnte, vom Tisch. Aber Stieleke wiedersprach in typischer Intellektu­el­len-Manier: „Dazu kann ich nur auf ein Buch verweisen, das ein geschätzter Kol­lege von mir geschrie­ben hat, Dr. Elias Ferguson: Kritik des Tyrannen­mordes.” Er sprach kauend und gestikulierte mit seiner Gabel, die gerade einen Bissen zum Mund beförderte. „Er will nach­weisen, dass ein At­ten­tat nicht nur das Ende einer Karriere sein kann, sondern auch ihr Anfang. Entweder du gehst drauf oder stehst am Ende unangefoch­ten da. Das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli ging schief. Hitler hat nicht nur überlebt, sondern galt plötzlich als unver­wundbar. Man kann von Glück sagen, dass der Krieg zu diesem Zeit­punkt schon verloren war. Das Attentat auf Julius Caesar gelang; aber was, wenn er es über­lebt hätte? Die heutige Welt sähe sicher an­ders aus. Ferguson bringt eine ganze Reihe von Beispielen dafür, dass ein Anschlag auf das Le­ben eines Mächtigen diesen um so mäch­tiger ge­macht hat.”

„Wenn es ihn nicht getötet hat”, sagte Tatjana.

„Genau.”

„Soll das etwa heißen, dass Stauffenberg für Hitler gearbeitet hat?”

„Nein, natürlich nicht. Das wäre doch auch viel zu einfach. Und Ge­schichte ist ein kompliziertes Gebilde.”

Andersen beobachtete die beiden und hatte kein gutes Gefühl dabei, wie sehr Tatjana an Elmars Lippen hing. Wie sie bewunderte, wie er sich positionierte. Was ist das für eine Beziehung?, dachte er mit wach­sendem Ärger. Die von zwei Liebenden oder die eines Gurus zu seinem Groupie?

Und dann wandte sich Elmar plötzlich an ihn. „Aber jetzt erzählt du doch mal: Was macht deine Mordermittlung?”

Andersen reagierte zugeknöpft. Es hörte sich für nicht so an, als ob Stieleke aus wirklichem Interes­se gefragt hatte, sondern weil er seiner Verpflichtung als Gastgeber genügen wollte, mit dem Gast Konver­sa­tio­n zu pflegen. „Da ist nicht viel zu erzählen”, sagte er. „Aber haupt­säch­lich deshalb, weil es immer ungklug ist, zu viel über eine laufende Er­mittlung zu plaudern.”

„Klar”, sagte Elmar. „Wahrscheinlich auch, weil ihr noch nicht so viel habt, worüber man plaudern könn­te.”

„Das auch.”

„Benno von Zabern.” Elmar nickte nachdenklich, während er das Messer zur Hand nahm und ein Ba­guette mit Kräuterbutter bestrich. „Eine Ikone der Umweltbewegung.”

Klar, dass die beiden in ihrer linksintellektuellen Blase seine Fans sind, dachte Andersen. „Viele hal­ten ihn auch für einen Wendehals”, sag­te er deshalb. „Sie werfen ihm vor, dass er früher Ideale hatte, die er später für seine Popularität verkauft hat.”

„Stimmt”, meinte Tatjana zu Andersens Genugtuung, „davon habe ich auch gehört. Dass er dem App­laus nicht widerstehen konnte.”

„Na ja, wer kann das schon”, sagte Stieleke. „Immerhin gilt er als einer der Autoren des Rubikon-Papiers.”

Natürlich war es dem Hauptkommissar nicht recht, einen weiteren Kurz­vortrag zu provozieren, aber hier musste er einfach fragen: „Weißt du etwas darüber?”

Stieleke zuckte mit den Achseln. „Offengestanden habe ich keine Ah­nung, ob es sich hier nicht um ein literarisches Phantom handelt. Um­weltbewegungen in aller Welt haben behauptet, dass man das Papier aus dem Verkehr gezogen hätte, weil es zu radikal ist. Andere bestrei­ten, dass es es jemals gegeben hat.”

„Und wieso dieser Titel?”

„Ehrlich gesagt, Nils, kann ich dir darüber genauso wenig sagen wie du über deine Ermittlung. Es ist eben Spekulation. Der Rubikon steht für etwas, das nicht rückgängig zu machen ist. Caesar über­schritt den Ru­bikon und besiegelte damit das Schicksal der römischen Republik.”

„Nur dass dieses Pamphlet nichts mit Politik zu tun hat?”

„Haben soll. Es befasst sich mit dem Weltklima. Aber, wie gesagt, ich neige eher dazu, denen zuzustimmen, die das ganze für eine Legende halten.”

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9783754179727
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