Kitabı oku: «Der Boden unter den Füssen»
Über dieses Buch
Lion, dem fast schon legendären Brückenbauer, ist eine Brücke eingestürzt. Das hat zwölf Leben gekostet, und auch wenn ihn keiner anklagt, einfach weitermachen will er nicht. Lieber unternimmt er ausgedehnte Wanderungen in seinem Garten, auf dass er sich selbst und auch unserer geschundenen Welt auf die Spur komme.
Und siehe, immer öfter erscheinen Menschen im Garten. Gleich zu Beginn ist da Andri, der schlitzohrige Nachbarjunge, der verkündet, seine Mutter sei verschwunden. Wo denn? Im Garten natürlich. Was aber will der Junge wirklich? Nun, Lion, immer schon ein bisschen in Andris Mutter verknallt, macht sich auf die Suche im Garten – und wundert sich schon bald nicht mehr, dass dieser mit jedem seiner Schritte größer wird. Sogar dann, wenn er mit seiner Partnerin und Ökobestsellerautorin am Gartentisch Wein trinkt. Dabei gerät auch die Zeit immer mehr aus den Fugen und saugt Lion hinein in das wahre Wesen und das Wunder der Natur. Bis er glaubt, den Boden unter den Füßen wiedergefunden zu haben.
Poetisch und frech zugleich, witzig und elegant entwirft «Der Boden unter den Füßen» nicht eine weitere Dystopie, sondern erzählt von einer Utopie, die Natur und Mensch wieder vereint. Alles wird gut. Ganz sicher.

Fotografie Ayşe Yavaş
Christoph Keller, 1963 in St. Gallen geboren, ist Autor zahlreicher preisgekrönter Romane, unter anderen «Gulp», «Ich hätte das Land gern flach» und «Der Beste Tänzer» über sein Leben mit der progressiven Muskelerkrankung Spinale Muskelatrophie. Zuletzt gab er auf Englisch die Anthologien «We’re On: A June Jordan Reader» (mit Jan Heller Levi), «Hip Hops: Poems about Beer» und «Russian Stories» heraus. Im Limmat Verlag ist «Der Stand der letzten Dinge» (gemeinsam mit Heinrich Kuhn) lieferbar. Christoph Keller lebt in St. Gallen.
Christoph Keller
Der Boden unter den Füßen
Eine Fantasie
Limmat Verlag
Zürich
Für Roman, Aleksandra & Ahmed
Niemand weiß, wo der Osten endet.
Jetzt, da alles gut wird, erscheinen die Menschen immer öfter im Garten. Sie tragen zu meiner Zerstreuung bei, und ständig erfahre ich etwas über die Welt.
Tatsächlich steht vor dem Holunder ein etwa neunjähriger Junge. Mir kommt er bekannt vor, doch genauso wahrscheinlich ist, dass ich ihn noch nie gesehen habe. Er steht vor dem Baum wie einer, der seinen Körper nicht begreift. Obwohl es dafür schon zu kühl ist, trägt er kurze Hosen und Sandalen. Immerhin hat er eine Mütze auf. Eine dunkelblaue Wollmütze. Man soll den Kopf warm behalten, das heizt den ganzen Körper. In seiner linken Armbeuge hält er einen roten Luftballon so fest gepresst, dass er bestimmt gleich platzen wird.
Der Holunder, auf den der Junge zeigt, ist in der Tat eine erstaunliche Pflanze. Nebeneinander wachsen drei Stämme aus dem Boden, erst kaum einen Fingerbreit voneinander, dann fächern sie aus. Es folgen zahlreiche armdicke Stammfortsätze, die in hölzerne Handgelenke münden, aus denen wiederum fingerdünne Äste sprießen. Das alles wird bis fast in die Krone von Efeu umrankt, als sei ein Künstler mit seinem Werk nicht zufrieden gewesen und habe Verbesserungen angebracht. Der Baum hat tatsächlich etwas Skulpturales, obwohl es gleichzeitig nichts Natürlicheres gibt als einen Baum, der wächst, wie es am besten für ihn ist. Irgendwo (ich ziehe oft auf der Suche nach Gartenideen durchs Internet) habe ich gelesen, mehrstämmige Bäume lägen wieder «voll im Trend»: Zwillinge oder, in der Baumsprache, Zwiesel, Drillinge beziehungsweise mehrgipflige Zwiesel wie mein Holunder.
Der Junge, der mittlerweile seinen Ballon fallen gelassen hat und ihn nun überraschend sanft mit seinem rechten Fuß im Gras hält, kann sich nicht entscheiden, auf welchen der Stämme er zeigen soll, fährt also mit seinem spindeligen Arm ständig zwischen ihnen hin und her. Es ist eine hektische Bewegung, die mich jedoch nicht nervös macht, eher hypnotisiert, teile ich doch seine Begeisterung. Der Junge aber wird unruhiger. Bestimmt fragt er sich, was es mit dem rätselhaften Baum auf sich hat. Holunder erwecken den Eindruck, es gebe einen Grund, weshalb sie stehen, wo sie eben stehen, weshalb sie auch wachsen sollten, wie sie eben wachsen, unabhängig vom jeweiligen Baumtrend.
Mir kommt vor, als sei der Baum schon immer hier gewesen, kann mich aber nicht erinnern, ob ich ihn vom Vorbesitzer des Gartens übernommen oder nicht doch selbst gepflanzt habe. Erst kürzlich haben Sarhat und ich ihn aus dem Hasel, der ihn bis zur Krone hinauf zugewachsen hat, freigeschnitten. Es war eine Zeremonie, die Haseläste fielen widerstandslos wie einsichtige Feinde. Holunder sind Grenzbäume. Dieser steht an der nördlichen Grenzlinie des Gartens. Holunder sind Schutzbäume. Sie warnen uns vor Eindringlingen, schützen uns notfalls vor ihnen. Der Junge scheint sich hier sicher zu fühlen.
Ich wusste nicht einmal mehr, dass dieser Holunder hier wächst, sage ich. Es ist nicht meine Gewohnheit, mit einem Eindringling das Gespräch zu suchen.
Aber es ist doch dein Garten, sagt der Junge. Seine Stimme klingt hell wie Vogelgezwitscher.
Ich habe mich so an ihn gewöhnt, dass ich immer weniger sehe, was mich umgibt. Schau, wie dicht der Hasel links und rechts steht.
Zu dicht, zwitschert er vorlaut.
Erinnerst du dich an den Wintersturm, den wir Ende April hatten?
Dieses Jahr?
Ja.
Nein. Der Junge schüttelt den Kopf.
Etwas stimmt hier nicht. Er verbirgt etwas.
Bist du nicht schlitteln gegangen?
Er antwortet nicht.
Keinen Schneemann gebaut? Deshalb weiß ich jetzt wieder, dass ich diesen Holunder im Garten habe, fahre ich fort.
Wegen des Schneesturms?
Ich nicke. Der Sturm tobte zwei Tage lang. Zwei Tage lang fiel ununterbrochen Schnee. Bist du sicher, dass du dich nicht erinnerst?
Natürlich.
Es schneite, bis mein alter Holunder unter der Last zusammenbrach. Es war nasser, schwerer Schnee.
Ich zeige in die Richtung der oberen Straße. Der gefällte Baum befand sich auch an der Nordgrenze, doch freistehend, auf abschüssigem Gelände gleich neben dem Gehweg, der am Schlafzimmer vorbeiführt und den wir auch benutzen, um zur Straße zu gelangen. Ein gutes Stück des Stamms liegt noch da, schau.
Der Junge schaut nicht.
Ich rede weiter. Wir haben nur jene Teile des Holunders entfernt, die in den Nachbargarten gestürzt sind. Ich wollte ihm diese Ehre erweisen, ihn so etwas besänftigen. Das Gewicht des Schnees hat ihn gebrochen und entwurzelt, und dennoch wachsen immer neue Äste aus ihm heraus. Auch die anderer Bäume. Eine Esche zum Beispiel. Siehst du? Und da ist ein Ahornast.
Der Junge schaut immer noch nicht.
Sarhat begreift das nicht, fahre ich fort. Er hätte den ganzen Stamm entsorgt. Weg damit. Er ist für mehr Ordnung als ich, der ich hier aufgewachsen bin. Dabei steckt noch so viel Leben in ihm.
In Sarhat?
Im Stamm.
Der Junge nickt. Und sagt: Du hast einfach zugeschaut, wie es den Baum vollgeschneit hat, bis er brach.
Von der oberen Straße – nirgendwo von der unteren – kann man in den Garten eindringen, vorausgesetzt, man weiß, wo sich die Lücken in der Buchenhecke befinden, und vorausgesetzt, man nimmt Kratzer in Kauf. Der Junge weist keine auf, nicht einmal an den nackten Unterschenkeln. Wie auch hätte er seinen Ballon heil durch die Hecke gebracht? Es gab hier einmal ein Gartentörchen. Das heißt, es gibt es immer noch, doch habe ich es wie den dreistämmigen Holunder zuwachsen lassen. Irgendwo versteckt es sich im Buchendickicht, bildet innerhalb des Gehölzes, um das ich mich auch kümmern sollte, eine weitere verborgene Skulptur. Gewachsenes Holz, bearbeitetes Holz. Gerne wüsste ich jetzt, aus was für einem Holz das Törchen gemacht ist.
Am besten ist es, den Garten durch das Haus zu betreten. Die Glastür im Eingang öffnet ins Freie, zwei weitere Türen finden sich in der Souterrainwohnung, die derzeit allerdings vermietet ist, sodass mir dieser Zugang nicht zur Verfügung steht. Diese Wohnung haben wir vor fünf Monaten an einen mürrischen, trolligen Kerl vermietet, der einmal Geodät gewesen sein will. Cora glaubt ihm, ich nicht. Sobald man an nichts denkt, spukt er herum, kündigt sich aber immerhin mit seinem Raucherhusten an, der mein Haus und seinen Körper wie trockener Donner schüttelt. Im Garten, in dem der Troll sich selten blicken lässt, verweht das verstörende Geräusch schneller als Rauch. Alles aber hinterlässt Spuren, Rauch beißenden Geruch, das Husten akustische Wellen im Trommelfell. Ich schätze sein Alter auf Mitte siebzig, Cora auf fünfzig.
So alt, wie er ist, lachte sie, nachdem wir ihn (auf ihr Drängen) endlich als Mieter akzeptierten, müsste sein Beruf noch Landvermesser heißen. Geodät klingt lächerlich wie ein Hilferuf. Jemand aber, der die Erde vermisst? So, wie es Cora sagte, hat es einen beruhigenden Nachklang.
Der Holunder (zurück zum Holunder) stand nicht zur Straße hin, sondern auf der Grenze zu unserem südöstlichen Nachbarn. Dort klafft nun eine vom Hasel zuvor fast zugewachsene Öffnung. Hasel ist schnell wie Unkraut, war aber in diesem Fall nicht schnell genug. Beide, der Junge und ich, schauen durch die Lücke, die der späte Freakwintersturm geschaffen hat. Wir sehen die weiß geschindelte Fassade des Nachbarhauses, die, schaue ich lange genug, wegen der dicken, schwarzen Fugen, welche die Schindeln zusammenhalten, zu flirren anfängt. Eines Tages werde ich länger schauen, so lange, bis sich eine Schindel um die andere von der Fassade löst und davonflattert wie ein Spatz, aufgescheucht von meinem Blick.
Im Nachbarhaus wohnt die Wirtswitwe, die sich seit dem Tod ihres Ehemanns und dem daraus folgenden Verlust ihres Restaurants weitgehend zurückgezogen hat. Manchmal erspähe ich sie hinter einem verschlossenen Fenster, und immer, wenn sie sich ertappt fühlt, reißt sie es auf und ruft mir etwas zu. Das unterscheidet sie wohltuend von jenen, die mich heimlich beobachten und sich auch dann nicht zurückziehen, wenn sie entdeckt sind.
Der Wirt war kein Verlust. Die Witwe bestätigt das, am liebsten bei einem Glas Wein. Ich lerne sie nun durch das entstandene Loch im Hasel besser kennen. Sie ist laut, ihre Sprache rüpelhaft, doch von zärtlicher Ehrlichkeit. Verlangt barsch durch die neue Grenzlücke von mir, meinen Kirschbaum zurückzuschneiden, er stehle ihr Sonne und damit manchen guten Augenblick, von denen sie nun wirklich nicht viele habe. Ich aber brauche nur bestimmt Nein zu sagen, schon zieht sie ihr Anliegen zurück. In Sachen Kirschbaum habe ich das auch getan, ihn beschützt, zumal mir die Vorstellung eines Kirschbaums als Sonnendieb gefällt.
Ihr Mann war weit grobschlächtiger als sie, seine Sprache ebenfalls rüpelhaft, jedoch frei von Zärtlichkeit. Ein wüster Säufer. Er kam, berufsbedingt, nach drei Uhr nachts nach Hause und knallte seine Autotür zu. Jedes Mal. Wie leise das auch zu bewerkstelligen war, hatte jeweils seine Frau vorgemacht, ihr leises Autotürenschließen ein vorwurfsvolles Echo des seinen. Nun hat sie mir schon mehrfach gestanden, wie peinlich ihr das Verhalten ihres Mannes gewesen sei, doch habe sie nichts ausrichten können, auf nichts habe er gehört, am wenigsten auf sie. Darauf (nach dem Autotürenzuknallen) steckte er sich eine Zigarette an, vielleicht als Triumphgeste.
Das war das Übelste an dieser sich nächtlich wiederholenden Geschichte, seine ihm nicht auszurottende Gewohnheit, vor seiner Haustür, egal bei welcher Witterung, noch eine zu rauchen. Mit dem Rauchen stieg das Gebrüll in ihm hoch. Sogleich schrie er los, manchmal schrie er seine Frau an, manchmal schrie er nur. Es ging immer um gewaltige Ungerechtigkeiten, die ihm angetan wurden. Der Staat mit seinen Auflagen, seine Gäste mit ihren Wünschen, seine Frau, die mit nichts zufrieden war. Jetzt war sie zumindest zufriedener, allein, ein bisschen einsam, ein bisschen verloren, doch, sagte sie mir einmal, selbst schon ein bisschen angeheitert von dem Wein, den ich mit ihr trank, zurückwünschen täte sie sich den Armin nicht. Sie heißt Ida. Ida Walser.
Ja, es ist wahr, ich habe zugeschaut, wie der Schnee den Baum allmählich geknickt hat, fahre ich fort und versuche, den Jungen mit meinem Blick zu durchdringen. Es hörte an jenen beiden späten Apriltagen des Jahres 2019 nicht mehr auf zu schneien. Fünfundsiebzig Zentimeter fielen. Das war zu viel für unseren armen Freund. Mir brach es fast das Herz, und als der Holunder dann eben brach, glaubte ich, ihn aufstöhnen zu hören. Dieser Baum hat mich beschützt, ich aber habe mich nicht um ihn gekümmert. Immerhin habe ich ihn nicht vergessen wie diesen hier, den dreistämmigen. Aber vielleicht macht das die Sache ja noch schlimmer. Ja, du hast recht, sage ich, ich hätte nur hinausgehen und den Schnee von den Ästen dieser gefährdeten Kreatur schütteln müssen. Wer seinen Schutzbaum nicht schützt, dem ist nicht zu helfen. Holunder sind Hexenbäume, und Hexen rachsüchtig. Wusstest du, dass man aus Holunderholz Hexenbesen macht? Holunder ist das flugtüchtigste Holz. Als ich Sarhat davon erzählte, hat er gelacht. Du hast doch noch andere Holunder. Sie sind überall im Garten.
Wer ist Sarhat?, fragt der Junge.
Ein Freund. Er hilft mir im Garten.
Ein Gärtner?
Das auch, sage ich. Ich bezahle ihn für seine Arbeit.
Dann ist er kein Freund, sagt der Junge.
Weshalb sagst du das?
Er zuckt mit den Achseln. Freunde bezahlt man nicht. Das sagt meine Mutter.
Manchmal reden wir auch nur, sage ich. Wir trinken Bier zusammen. Dann ist Sarhat mein Freund. Bier schmiedet Freundschaften. Auch wenn ich seine Zeit bezahle. Und das Bier. Aber er ist viel mehr wert als das, was ich ihm bezahle. So ist er zum Freund geworden. Vor allem, seit Sarhat angefangen hat, mir die anderen Holunder zu zeigen. Sobald er wieder einen entdeckt, kommt er angerannt, will, dass ich ihn mir sofort anschaue. Auch diesen dreistämmigen hier, den wir gemeinsam aus den Stauden geschnitten haben, hat er mir gezeigt. Es war gespenstisch, wie er vor unseren Augen aus dem Hasel enstanden ist. Und wunderbar. Bis es die drei Stämme waren, die du nun sehen kannst. Was für ein Dickicht das war, so viel totes Holz hing da drin, das kannst du dir gar nicht vorstellen.
Ich habe meine Eltern verloren, sagt der Junge.
Was? Hier?
Das weiß ich natürlich nicht.
Ich schaue mich dennoch um. Der Garten ist heute größer als üblich. Das mag daran liegen, dass in den vergangenen Tagen ungewöhnlich viele Blätter gefallen sind und die Bäume mehr Sicht freigeben. Es ist November, die Luft ist kühl, das Licht trügerisch klar. Auf der Südseite sind die Berge zu sehen. Deren Spitzen sind mit Schnee bedeckt. Dennoch streben die Wälder geradewegs auf diese Spitzen zu.
Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?
Heute Morgen.
Dann sind sie vielleicht lediglich zur Arbeit gegangen, und alles, was du tun musst, ist warten. Etwas Geduld haben.
Er geht nicht darauf ein.
Wo hast du sie das letzte Mal gesehen?
Der Junge zeigt am Holunder vorbei auf die Anhöhe, hinter der sich die obere Straße befindet. Wir beide schauen auf die Buchenhecke. Dass sich darin ein Gartentörchen verbirgt, weiß niemand, nicht einmal Cora. Dennoch stelle ich mir vor, dass der Junge es ahnt. Ich sehe ihn vor dem Törchen stehen. Es ist lange her, und er ist natürlich viel jünger. Er macht es auf, trotz des Widerstands der Hecke. Kurz steht das Törchen offen, dann schnappt es mit einem Knall, den wohl nur ich hören kann, wieder zu, und der Spuk ist vorbei. Dafür kann ich mich jetzt nicht daran erinnern, wie die Straße heißt. Die Straße, an der ich wohne? Das kann nicht sein. Auch dieser Zustand währt nicht lange. Schon kommt mir der Name wieder in den Sinn.
Auf der Straße hast du deine Eltern zum letzten Mal gesehen?
Der Junge nickt.
Und du meinst, sie sind im Garten?
Ich bin es, der ungeduldig wird.
Der Junge nickt erneut. Meine Mutter jedenfalls.
Heißt, sie ist sehr sportlich.
Ich weiß nicht, weshalb ich das sage. Man muss nicht sportlich sein, um durch die Hecke in den Garten einzudringen. Habe ich diese Bemerkung gemacht, weil ich an Corinna denke? Unsere Nachbarin, die in der Tat die Mutter des Jungen ist. Die ich mir wiederum, denke ich an sie, im weißen Tennistrikot durch unsere Hecke schlüpfend vorstelle? Dabei habe ich Corinna noch nie in einem weißen Tennistrikot oder überhaupt Tennis spielen gesehen. Ich habe sie überhaupt schon lange nicht mehr gesehen.
Meine Mutter füllt für andere Leute Papiere aus, sagt der Junge.
So kann man das sagen, sage ich.
Ich weiß jetzt, wer er ist. Hätte es gleich wissen können, als seine Mutter vor meinem inneren Auge im klischierten Tennistrikot erschienen ist. Wo sie sich langsam auflöst wie eine Erscheinung, die in zu viel Licht geraten ist. Corinna Bannwart-Spescha, eine Grenzbereichmillennial, in den frühen Achtzigerjahren geboren (schätze ich), Partnerin in einer Anwaltskanzlei, Sitz im Großen Rat, Mutter, ein paar Häuser weiter nördlich wohnend, in Nummer 38. In die ich mich ein bisschen verknallt habe.
Und dein Vater?, frage ich.
Hockt am liebsten vor seinem Computer. Oder schläft.
Er hat noch immer keine neue Arbeit gefunden?
Ich weiß, dass Reto Bannwart für eine Sicherheitsfirma gearbeitet hat. Hat nachts Fabrikareale vor Mardern und Globalisierungsgegnern geschützt. Dabei ist er aufs Trinken gekommen. Was er am Computer macht, will ich nicht wissen.
Oder schläft, vor seinem Computer, sagt der Junge.
Etwas klingt daran falsch. Ich zögere. Ich kann nicht entscheiden, ob mir der Junge zu viel oder zu wenig sagt. Ob er überhaupt ein Junge ist. Wieder versuche ich, ihn mit meinem Blick zu durchdringen, um seinem Wesen auf die Spur zu kommen, wieder gelingt es mir nicht.
Ich habe deine Eltern nicht gesehen. Nicht hier, nicht sonst wo, sage ich trotzig.
Als wäre plötzlich ich der neunjährige Knirps, der seine Eltern sucht. Meine sind längst verstorben, die Mutter zuerst. Beide an Herzversagen. Woran sonst. Weil sie sich das Leben zu sehr zu Herzen genommen haben. Geblieben ist mir ein Bruder, zurzeit ein Problem, das ich aber für lösbar halte.
Wann habe ich Corinna das letzte Mal gesehen? Es war an einem frühen Abend. Ich stand am Küchenfenster, von wo aus ich ein gutes Stück der oberen Straße überblicken kann. Sie hat ihr drahtiges Nervenmuskelpaket von Labradoodle spazieren geführt. Vermochte ihm locker zu folgen, sportlich eben. Ich habe erwogen, meinerseits den beiden zu folgen, den Gedanken aber nicht in die Tat umgesetzt. Mich hat sie nicht gesehen. Sie hat nicht einmal zu mir hochgeschaut, aber genau auf meiner Höhe ohne Grund die Leine von der rechten in die linke Hand gewechselt. Mehr nicht, und es ist lange her. Hin und wieder ruft sie mich an, um sich meiner Existenz zu versichern, ich sie nie. Unser Business wickeln wir schriftlich ab, dafür umso leidenschaftlicher. Viel Elektronisches, lieber noch Briefe oder auch einmal eine handgeschriebene Notiz, von Corinnas Hand drei Häuser weit westlich getragen und in meinem Briefkasten (nie in meine Hand) gelegt.
Mit Reto verbindet mich sonst nichts. Obwohl er es tut, hat er nichts von mir zu befürchten. Er ist mir so egal, dass ich mir nicht einmal wünsche, er trinke so viel, wie mir sein Sohn weismachen will. Dennoch erscheint er in meinem Kopf, teigig und träg, wie er nun einmal ist, trollig (auch er) und mit einer Stirnglatze, die er nun einmal hat. Er neigt zu heftigen Schweißausbrüchen, ich habe es im Garten einmal selbst miterleben müssen. Es war kühl, er saß im Schatten, sagte nichts, trank nichts, und doch quoll auf einmal Schweißwasser aus seinem Haaransatz hervor, rann seinen Hals hinunter in seine Kleidung, tropfte aber auch auf seine Schultern und Beine und goss so das Gras. Reto Bannwart, der lebende Rasensprenger.
Ich bezweifle, dass ich ihn auf der Straße erkennen würde. Er ist Corinnas einzige Lebensfehlentscheidung. Sie hätte mir früher begegnen sollen, was dann aber Cora verunmöglicht hätte. Ich liebe Cora über alles. Eine angenehmere Zwickmühle kann ich mir nicht vorstellen.
Habt ihr euren Hund noch?
Der Junge schüttelt den Kopf.
Das tut mir leid.
Sam ist auch in deinem Garten verschwunden. Auch Tiere gehen hier verloren.
Ich schüttle den Kopf.
Du irrst dich. Nichts geht hier verloren. Es ist genau umgekehrt. Im Garten tauchen die Menschen auf, wie du eben. Wie Gedanken. Tatsächlich kommt mir immer mehr in den Sinn.
Geh, sagt Andri (da!, da ist sein Name endlich!).
Geh, wiederholt er mit fester, nicht mehr vogelleichter Stimme. Du musst meine Eltern finden. Es ist dein Garten, also ist es deine Aufgabe. Ich weiß, wie du meiner Mutter hinterherschaust!, wirft er mir an den Kopf. Auch er ist in seine Mutter verknallt.
Ich werde mein Bestes tun, sage ich verunsichert. Was für ein seltsames Wesen dieser Andri ist. Ich unterdrücke den Wunsch, dem Neunjährigen einfach zu Füßen zu fallen. Ich, Lion, bin das seltsame Wesen.
Der Junge bückt sich nach seinem Luftballon, knetet ihn selbstvergessen, als wolle er ihn nun doch platzen lassen, lässt ihn dann aber los. Wir schauen ihm nach, wie er seine rote Spur in die größer werdende, weißblaue Leinwand des Horizonts legt.
Geh nicht auch noch verloren, sage ich.
Im fahl werdenden Sonnenlicht wirkt Andri transparent, als stehe er unter Wasser.
Fick dich, sagt er.
Was sagst du da?
Werd ich nicht, habe ich gesagt, zwitschert Andri und entfernt sich, ohne sich zu verabschieden.
Ich schaue ihm nach, die Windungen des Gartens nehmen ihn auf. Noch einmal taucht sein Kopf auf, noch einmal sehe ich den roten Ballon hoch am Himmel. Irgendwann wird Andri auf die Tür im hinteren Teil stoßen. Sie ist nie verriegelt.
Die Adda Valsömmi war eine simple Bogenbrücke, so häufig in unserem an entlegenen Tälern reichen Land anzutreffen, wie es in unseren Wildbächen einst Biberburgen waren. Nur drei Wochen nach der Eröffnung ist sie eingestürzt und hat neun Menschen «in den Tod gerissen», als sei sie eine Krake aus Beton und Stahl, die gerade noch packt, wen sie im Sturz zu packen kriegt, um beim Sterben nicht allein zu sein.
Neun Menschen in vier Autos. Ein rotes, zwei blaue, ein silbernes. Drei davon waren auf der Brücke, als sie kollabierte. Das vierte (das silberne), aus südlicher Richtung kommend, konnte nicht mehr rechtzeitig stoppen und fuhr in den plötzlichen Abgrund. Die vier Autos stürzten mit den neun Menschen, die sich in ihnen befanden, siebzig Meter in die Tiefe. Lisa, 9, Rita, 14, Jürgen, 22, Sigrid, 24, Giovanna, 37, Ricardo, 42, Slavo, 72, Olga, 77, Slawomir, 93. Ein Hund. Lisas Hund. Um sie herum fielen Betonbrocken und Stahlträger, rechts und links die vorzeitliche Kulisse von Felsen, Bäumen, Stauden, Bächen, vielleicht Gemsen und Murmeltieren, die all dem Stürzenden verwundert nachblickten, bevor sie mit verzögertem Schreck davonstoben. Ein absurdes Spektakel, in 3-D.
Rasch dann und heftig der Aufprall in der Sömmi. Die Wagen zerdrückt, die Insassen zerquetscht. Bäume, Felsen und Wasser blieben stumm. Drei dem ersten nachfallende Autos, das zweite auf das erste, das dritte auf das zweite und erste, das vierte in die Leere eines Felsens krachend. Bei solch physikalischem Wüten war an Überleben nicht zu denken.
Der Tod ist unrealistisch, dachte ich, als ich Fotos von der Katastrophe zu sehen bekam. Unnatürlich. Artifiziell. Ich dachte an eine Kunstinstallation, die plakativ und mit großem Aufwand dafür plädierte, es mögen Natur und Mensch behutsamer miteinander umgehen. Vielleicht würde es sich sogar der Tod anders überlegen. Vor allem aber dachte ich: Ja, Cora hat recht, wir bauen wirklich in alles die Zerstörung gleich mit ein.
Die Brücke brach in der Mitte auseinander, dort, wo die Belastung auf den Bogen das höchste Maß erreicht. Sie klappte in die Tiefe, öffnete sich nach unten, formte ein V und war weg. Der auch gleich einbrechende Bogen löste sich in seine Bestandteile auf, pfeilschnell folgten die Steher, es schlidderte die zweigeteilte Fahrbahn nach und löste sich noch im Sturz in ihre Fertigteile auf. Beiderseits dann hoch über der Sömmi die Straße, ausgefranst wie ein zerrissener Teppich aus Asphalt und Stahl. Am Ende fehlten der Brücke von ihren insgesamt zweiundsechzig Metern deren dreiundfünfzig.
Auf beiden Talseiten bremsten die nachfolgenden Fahrzeuge scharf. Die Fahrer gehorchten ihren Reflexen, der Unglaube kam danach. Es kam zu Auffahrunfällen, Blechschäden, Gehirnerschütterungen. Auf beiden Seiten leerte sich die Gegenfahrbahn sofort. Es wäre interessant herauszufinden, wer es als Letzter gerade noch über die einstürzende Brücke geschafft hatte. Niemand hielt an. Das deutet darauf hin, dass niemand bemerkte, was sich im Rückspiegel abspielte.
Während sich auf der einen Seite zwei kilometerlange Staus bildeten, leerten sich die Fahrbahnen auf der anderen. In den Stahlkabinen wird man sich über die rasche Veränderung der Verkehrslage gewundert haben. Die Meldung über das Unglück machte rasch die elektronische Runde, worauf ein Rucken durch die beiden Staus ging. Ohne weitere Zeit zu verlieren, wurden die Autos herumgerissen, trat man die Rückfahrt an. Der Umweg würde lange dauern, für einige Übernachtungen nach sich ziehen. In der nördlichen Richtung kam es zu einer Karambolage (ein gebrochener Arm, eine weitere Hirnerschütterung), die für weitere Verspätungen sorgen würde. Es dauerte drei Stunden, bis sich der Stau aufgelöst hatte und der kleine Faden, der im Verkehrsnetz nun fehlte, kompensiert wurde.
Die Unfallstelle wurde rasch gesichert. Es wurden Absperrungen aufgestellt, Sanitäter ließen sich in den Abgrund abseilen, während auf der kaputten Straße die Triage vergeblich auf Kundschaft wartete. Die Bergung der Überreste «kostete» zwei weitere Leben: Einer der Helikopter, der schließlich eingesetzt werden musste, geriet ins Trudeln, krachte ebenfalls in die Sömmi und musste auch geborgen werden.
Weshalb die Brücke eingestürzt ist, weiß keiner. Es könnte ein Berechnungsfehler unseres Ingenieurteams gewesen sein. Ein in ein Fertigteil eingebauter Konstruktionsfehler. Falsch gelesene, falsch umgesetzte Zahlen. Müdes Material. Fehlerhaft gemischter Beton. Überbelastung. Müde Arbeiter. Unter Druck errichtet: Ja, es muss immer schneller gehen, doch ist die Adda Valsömmi keine eitle Architektenbrücke, vielmehr die Routinearbeit eines routinierten Ingenieurbüros. Dieser Druck, wenn auch unerwünscht und ideentötend, hat nicht zum Einsturz geführt. Das Gleichgewicht, diese erhabene Größe meines Lehrers, des großen Schweizer Brückenbauers Christian Menn, hat gestimmt. Physikalisch und bildlich haben sich Balance, Harmonie und Ausgewogenheit die Waage gehalten. Hätten es müssen, heißt das, denn sie taten es ja bekanntlich eben nicht. Was also war es? Weshalb steht diese praktisch-elegante Brücke bereits nicht mehr?
Während der drei Wochen, während derer die Adda Valsömmi existiert hat, wurde wegen Reparaturarbeiten an einer anderen, nicht von uns konzipierten Brücke der Nordsüdverkehr über unsere neue umgeleitet, inklusive Schwerverkehr, und das während der Hochsaison. Ist es möglich, dass die stetig ansteigende Anzahl Touristen, die stetig schwerer werdenden Lastwagen, die verrückter werdenden Wetterverhältnisse unsere Valsömmi überfordert haben? Die Antwort lautet: Ja, es ist möglich. Allein in jenen drei Wochen kam es zu drei ungewöhnlichen Temperaturstürzen, die der Brücke allerdings nichts hätten anhaben dürfen.
Alles ist möglich, alles muss untersucht werden. Man wird zu einem Schluss kommen. Vielleicht kommt es zu Schuldzuweisungen, gar Entlassungen und Frühpensionierungen. Wenigstens waren wir bislang von Vorverurteilungen, wie es etwa unsere amerikanischen Freunde und auch unsere italienischen Nachbarn immer lieber praktizieren, verschont. Aber vielleicht sind diese Vorverurteilungen insgesamt gar nicht so übel, auch wenn sie oft genug den Falschen (oder den Richtigen zu hart) treffen? Denn immerhin ändert sich etwas, während es bei unseren Untersuchungen darum geht, das eine oder andere zu verbessern, insgesamt aber eben nichts zu verändern. Am System ändert sich nichts, wenn ein paar Rädchen ausgewechselt werden, es muss schon krachen im Gebälk.
Vorerst aber fährt nun auch der Verkehr, den unsere Brücke hätte absorbieren sollen, über jene reparierte und wieder in Betrieb genommene alte Brücke. Ob sie der Mehrbelastung gewachsen ist, wird sich zeigen. Es ist kein gutes Zeichen, wenn die Ingenieure hoffen.
Morgennebel nistet sich in meinem Kopf ein. Der Druck, der sich in mir breitmacht, ist leicht und beschwingt, das Dröhnen einer fernen Trommel. Schwindel wiegt mich wie Wind einen Ast. Im Sonnenlicht wird sichtbar, wie schmutzig die Bürofenster sind.
Fensterreinigen ist keine leichte Sache, zumal es sich um Doppelfenster handelt, die nicht mehr freigeben, was sich zwischen ihnen abspielt. Ich habe mir dieses Zwischenreich unbelebt vorgestellt, aber natürlich ist nichts unbelebt. Wo Luft eindringt, ist Feuchtigkeit, also Wasser, und wo Luft und Wasser zusammentreffen, ist Leben. Was auf Planeten zutrifft, gilt erst recht für den Innenraum von Doppelfenstern. Was dort entsteht, bleibt oft unsichtbar oder manifestiert sich als Fensterschmutz. Die Luft hinterlässt Spuren, ebenso die Feuchtigkeit. Ich mache etwas aus, was ein unsichtbarer Wurm hinterlassen haben könnte. Sporenspuren. Lebensschleim. In Zeitlupe weggewaschener Staub. Vielleicht auch Kotspuren. Beim Gedanken, zwischen den Scheiben hausten unsichtbare Lebewesen, die sichtbaren Kot ausscheiden, verstärken sich der Schwindel und auch der Druck in meinem Schädel.
An der Innenseite klebt eine vertrocknete Fliege beziehungsweise, was von ihr übriggeblieben ist: Blut, Fliegenkörperflüssigkeit, transparenter Teil eines Flügels. Also auch auf meiner Seite der Scheibe Leben, das sich ins Unsichtbare verflüchtigt, wie alles Leben. Hätte ich die Geduld dazu, könnte ich dabei zusehen (und dabei besser Sehen lernen): wie sich die Fliegenspuren in Zeitspuren, wie sich Zeit in etwas noch Unsichtbareres verwandelt. Stattdessen stelle ich mir Kolonien unsichtbarer Wesen vor, wie sie sich zwischen diesen Scheiben eingerichtet haben, wie sie wohnen, schlafen, miteinander umgehen, kommunizieren, wie sie essen, trinken, zeugen. Auf einmal vermeine ich, ihre Lieder zu hören, ihre Gedichte und ihre Klagen. Ich begreife, dass sie die Fliegenüberreste, die sie durch die Scheibe wahrnehmen, aber nicht berühren können, anbeten. Jäh sehe ich mich selber vor mir (mich in der Scheibe spiegelnd), wie ich hochgeschossen bin und die Fliege mit einem genauen Schlag getötet habe, wie ich darauf ins Bad gerannt bin, von einem ungewohnten Brechgefühl ereilt. Das hatte aber nichts mit der Fliege zu tun, es war der Vorbote eines Kieferhöhlenkatarrhs.
Natürlich sind die Scheiben von außen bei weitem schmutziger als von innen. Wind wirft, was immer er findet, an das Glas und hinterlässt Muster, die ich, wäre ich ein Künstler, fotografieren und als Lithografie drucken würde. Sporen, Blütenstaub, Fasern, Tannennadeln, Grashalme, Insekten, von der Sonne getrocknet, in Form gepresst, vom Regen wieder aufgeweicht, wieder getrocknet und neu geformt, immer wieder. Ein befreundeter Künstler bezeichnet sie als Naturkunstwerke, von der Natur erschaffene Kunstobjekte. Physik und Natur. Ohne menschliches Zutun, wobei dieser Gedanke letztlich nicht mehr greift, so sehr haben wir in alles eingegriffen. Brücken tauchen vor meinem inneren Auge auf, setzen Pylonen in unwegbaren Grund, wölben sich, strecken ihre Betonfühler von Abgrund zu Abgrund (darunter ein stürmischer Bergfluss), werfen Stahlseile aus, verbinden natürlich Getrenntes. Wie immer, wenn sich dieses Bild bei mir meldet, stürzt eine der Brücken ein. Wie immer schließe ich die Augen und wundere mich, dass ich dieses nun mein Leben definierendes Bild so einfach löschen kann. Dass ich tagelang existieren kann, ohne erneut an die von mir verursachte Katastrophe zu denken. Dass ich gar traumlos schlafen kann, lange und immer besser.
Seit mein Künstlerfreund (der immer wieder Brücken für seine Arbeit einsetzt) mit mir von den Naturkunstwerken gesprochen hat, betrachte ich das, was im Garten geschieht, anders. Dadurch ist für mich der Garten, den ich als selbstverständlich hingenommen habe, voll neuer Bedeutung, voll wachsender Spannung. Überall sehe ich jetzt beides, Natur und Kunst, Muster, Bilder eigentlich, die nur noch reproduziert und in Rahmen gefasst werden müssten: Das wäre dann unser Beitrag. Doch bin ich kein Künstler und habe mich auch nicht verkrochen, um einer zu werden. Ich lasse die auf die Wege gefallenen Blätter, Blüten und Nadeln liegen und schaue sie mir immer wieder an, sobald Regen, Wind und Sonne sie neu angeordnet haben.
Auch die Anordnung auf dem Gartentisch lasse ich in Ruhe. Ein Tannenzapfen hat beim Fall in eine Kaffeetasse (ich trinke meinen Kaffee schwarz) ein Actionpainting-Muster auf das weiße Tischtuch gespritzt. Ich schaue welken Blättern zu, die sich von Ästen lösen, zu Boden schweben und ihren Platz in einer Assemblage von Zapfen, Nadeln, Rossschneckenschleimspuren (und Rossschnecken!), späten Gänseblümchen und weiteren gefallenen Blättern im sich streckenden Gras finden. Ich schaue und schaue und sehe immer mehr. Seit ich den Garten so sehe, fällt es mir leichter, meinen Drang zu beherrschen, überall gleich wieder für Ordnung zu sorgen.
Andri aber geht mir nicht aus dem Kopf. Andri, der vorgibt, seine Eltern im Garten verloren zu haben, also mir die Schuld am Verschwinden von Corinna und Reto gibt. Hätte er «zuletzt im Garten gesehen» gesagt, würde ich seiner Aussage mehr vertrauen. Corinna war tatsächlich das eine oder andere Mal hier. Natürlich war sie es. Allerdings ist es schon lange her. (Wie lange, weiß ich nicht mehr.) Einmal mit Reto zum apéro riche (an einem milden Spätherbsttag), an dem auch Cora teilgenommen (mir gar bei der Vorbereitung geholfen) hat. Ein anderes Mal (das war im Sommer) durchstreiften sie und ich den Garten, sie mit einem Glas Prosecco in der Hand, während ich ihr mit meinem Wein überallhin folgte. Sie trug Jeans und eine weiße Bluse, aus der ich in der Erinnerung wohl die weiße Tennisausstattung gemacht habe, die sie doch im Leben nie tragen würde. Ihr sprungbereiter Labradoodle war dabei, Reto, wie gesagt, war es nicht. Nachtdienst. Betrunken. Beides.
Diesmal war Cora im Haus, arbeitete an einem ihrer Bücher und wollte nicht gestört werden, was Corinna während unseres Spaziergangs mit einem kühlen Wirklich? kommentierte. Corinna hat Cora diese Kleinigkeit nicht verziehen.
Meinen Entschluss, keine Brücken mehr zu bauen, habe ich gleich öffentlich bekanntgegeben. Ich habe es zuerst an den Beerdigungen der Opfer gesagt, an den privaten, in die ich mich eingeschlichen habe, wie auch an der öffentlichen, die in der Kantonshauptstadt Chur abgehalten wurde und an der eine erstaunlich große Zahl der Hinterbliebenen teilnahm. Den Tod offiziell machen hat noch immer etwas Beruhigendes.
Nicht nur dieses Versprechen, das man mir erst nicht glauben wollte, sondern für einen PR-Stunt hielt, habe ich gemacht: Ich habe meine Zunft wie auch das Land aufgefordert, meinem Beispiel zu folgen. Baut eine Weile keine neuen Brücken mehr, habe ich in der Arena des Schweizer Fernsehens in die Talkrunde geworfen. Und wenn es nur ein Jahr ist. Nutzt diese Zeit (und die freigewordenen Gelder), um über die Brücken zu gehen. Ich habe meinen ungewollten Kalauer gleich realisiert. Um über die Bücher zu gehen, korrigierte ich mich. Erst dann hat die verstörte Runde aufgelacht. Dann baut wieder neue Brücken, habe ich nachgesetzt. Oder vielleicht auch nicht. Oder weniger. Oder andere. Man muss ja nicht schon vorher wissen, zu welchem Ergebnis man kommen wird.
Ich gab all dies in derselben Sendung zum Besten, in der man mich und Leo schon des Öfteren gefeiert hat. Nun war ich eingeladen, um beschimpft zu werden, um der berechtigten Empörung eine Zielscheibe abzugeben. Zwölf Leben! Wie nur konnte das geschehen? Brücken stürzen in der Schweiz doch nicht ein! Das Beschimpfen aber lief nicht gut, denn ich fing gleich damit an, mich selber zu beschimpfen.
Trotz gezückter Messer sah sich die Runde in der Defensive. Wie beschimpft man einen, der sich nicht verteidigt, sich vielmehr selber anklagt und beschimpft? Also verteidigte man mich gegen mich. (Die Messer blieben gezückt.) Man sagte, man brauche meine Brücken doch. Ich, der ich das Zeug hätte, in die Fußstapfen des großen Christian Menn zu treten. Man könne unmöglich auf neue Brücken verzichten, nicht einmal ein Jahr lang. Und die eingestürzte müsse sofort wieder aufgebaut werden, alles andere sei undenkbar. So etwas geschehe nun einmal. Allerdings so gut wie nie. Statistisch gesehen sei dieses Unglück vernachlässigbar. Das letzte größere Brückenunglück habe sich in der Schweiz 1891 ereignet. Münchenstein, Eisenbahnbrücke, einundsiebzig Tote. Jemand hatte sich gut vorbereitet. Bei mir dann doch nur elf. Zwölf, warf ich ein und sagte, ich zähle den Hund mit. Fortschritt also. Statistisch gesehen werde ohnehin alles dauernd besser, auch wenn es sich leider nicht so anfühle.
Ich fasste nach. Schrieb ein Meinungsstück für die Neue Zürcher Zeitung, die es aber, dem Schweizer Brückenbau verpflichtet, nicht abdrucken wollte beziehungsweise mir mitteilte, ich sei polemisch, ob ich nicht weniger polemisch sein könne. Also zur Weltwoche. Das Organ der prinzipiell gegenteiligen Meinung veröffentlichte es mit Handkuss in seiner nächsten Ausgabe, ja, machte gleich (und ohne es mit mir abzusprechen) eine Titelgeschichte daraus, eine saloppe Weltgeschichte eingestürzter Brücken.
Darauf war ich doppelt geächtet: als naiver oder, je nachdem, zynischer Opportunist und als einer, der keine Brücken mehr bauen will. O seligmachende Metapher! Brückenbauer will kein «Brückenbauer» mehr sein. Was darfs denn sein, Mauern? Tatsächlich wurde ich das gefragt. Wer keine Brücken will, wenn auch nur für ein Jahr, der muss Mauern wollen. Im Zeitalter der Echokammern darf es nichts dazwischen geben. Die Sache explodierte, Brücken (und Mauern) wurden natürlich weiterhin gebaut, es wurde geschrieben und geredet, stets möglichst pointiert dafür oder radikal dagegen, während das Katastrophenrisiko täglich wuchs, national, global, und immer mehr Menschen starben, wenn auch nicht statistisch gesehen.
Natürlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Brückenbaumoratorium umgesetzt würde. So naiv bin ich nicht. Zynisch – ja, dessen habe ich mich schuldig gemacht. Mein Argument, diese relativ kleine Zerstörung als Zeichen zu verstehen, größere zu verhindern, indem wir eine Denkpause einlegten, uns ein Brücken-Time-out verordnen, wurde verlacht.
Das sei naiv.
Das ist zynisch, bellte ich vor laufenden Kameras.
Nach diesen Wortgefechten legte mir Leo, der bereits dabei war, den Auftrag für den Wiederaufbau der Adda Valsömmi zu ergattern (wer wäre dafür geeigneter?), nahe, mich temporär aus der Firma zurückzuziehen. Natürlich meinte er mit «temporär» permanent. Schneller, als eine Brücke einstürzen kann, wurde ich ausbezahlt, mit großzügigen Schecks und tränenreichen Beteuerungen, man würde mich vermissen, aus meinem Büro gewedelt.
Also auch hier eine Lüge. Ich meine meine, nicht die Leos. Mein Zwillingsbruder musste mich, den der Blick zum «Schweizer Antibrückenbauer» gekürt hatte (korrekter wäre «Nichtmehrbrückenbauer»), möglichst weit von nun seinem Büro entfernen.
Die Lüge, die ich meine, ist, meine Auszeit sei meine Idee gewesen, wie ich es überall, privat und in den Medien von mir gegeben habe. Dies mag im Nachhinein den Geschmack von Haarspalterei haben. Doch wie der Brückenbau, so ist auch die Wahrheit Präzisionsarbeit. Schraube für Schraube, Wort für Wort muss fest sitzen. Ein falsches, und alles stürzt ein.
Bevor ich Andris Mutter ausfindig machen kann, will ich im Haus für Ordnung sorgen. Seit ich mein Büro in meiner eigenen Firma geräumt habe, ist mir das ein Bedürfnis geworden. Geht es um die ungelösten Rätsel der Menschheit, bietet die Bürokratie noch immer den verlässlichsten Halt. Die Hausverwaltung also. Meine hat in letzter Zeit so viele Fehler gemacht, dass ihr nichts anderes übriggeblieben ist, als mir den Verwaltungsvertrag aufzukündigen.
Allzu oft musste ich sie mahnen, etwas nachzubessern. Jedes Mal gab es auf der Telefontastatur eine neue Option zu wählen. Jedes Mal dauerte es länger, bis ich jemanden erreichte, dabei handelt es sich bei der Ullmann Immobilien AG um eine «Boutiqueliegenschaftsverwaltung», die nur gerade aus fünf Mitarbeiterinnen (alles Frauen) besteht. Immer häufiger musste ich mich per Tastatur mit Kundennummer und meiner Telefonnummer, die doch auf dem Display erscheint, identifizieren. Dazu gesellte sich bald ein Codewort, jüngst auch noch ein PIN. Gelang es mir schließlich, mit jemandem zu sprechen, musste ich dieser Person meine der Firma hinlänglich bekannte Situation erneut erklären. Wer ich sei, was ich wolle. Welche Liegenschaft nun schon wieder, wie viele Wohnungseinheiten. Roboterstimmen, die trotz des Versuchs, akustisch etwas Diversität einzubringen, alle gleich klangen, die alle einen leicht ungeduldigen Unterton aufwiesen und die durchaus alle dieselbe, auf Roboterstimme gedrillte Person sein könnten.
Was ich zu beanstanden hatte, waren Selbstverständlichkeiten: dass in Mietinseraten die Wohnungsgröße, ebenso die Anzahl Zimmer korrekt angegeben wird. Dass die Wohnung, die ein Cheminée hat, nicht über eine Terrasse verfügt, während die Terrasse in jener Wohnung, die eine hat, unerwähnt bleibt. Dass sich eine Wohnung an einer Bushaltestelle befindet, eine andere – im selben Haus! – einen Kilometer von der nächsten Haltestelle entfernt ist. Beides ist falsch: fünfhundertfünfzig Meter sind es von meiner Liegenschaft bis zur nächsten Bushaltestelle. Die Wohnungsabnahmen liefen nicht reibungsfrei. Man vergaß das Auszugsprotokoll, übersah Mängel, die ich beseitigen musste. Geborstene Scheiben, rostbraunes Wasser in der Toilette. Kosten, die ich absorbieren musste. Und wie kann man ein zurückgelassenes Schlafsofa, eine zerfurchte Skigarnitur (im Wohnzimmer!), ein bildschirmloses Fernsehgerät oder einen toten, möglicherweise nach dem Auszug verendeten Papagei im Kinderzimmer übersehen?
Natürlich wurde im Kündigungsschreiben nicht auf die eigenen Fehler hingewiesen. Vielmehr hieß es dort: «Aufgrund der Reorganisation unserer Firmenstruktur und unseres Kapazitätsvolumens haben wir uns entschlossen, die Mandate, bei denen wir keinen Vollverwaltungsauftrag ausführen dürfen, per Jahresende zu kündigen.» Auch das stimmt nicht, die Firma hatte einen Vollverwaltungsauftrag. Nur ist sie ihm nicht nachgekommen. Immerhin hat mir meine Verwaltung die Mühe abgenommen, ihr das Mandat zu entziehen.
Kein Problem, würde Sarhat sagen. Corinna würde mir einen bunten Strauß lokaler Boutiqueverwaltungen übergeben, Cora mich in einem späteren Werk in einer exemplarischen Fußnote auftauchen lassen. Aus dem Internet ein paar regionale Büros zu fischen, einige Bekannte anzurufen, die vergleichbare Liegenschaften besitzen und sich, wie sich herausstellte, mit ähnlichen Belanglosigkeiten herumärgern, ist aber tatsächlich kein Problem. Unter diesen befand sich auch der einstige Partner meines ehemaligen Ingenieurbüros. Leo nahm den Anruf erwartungsgemäß nicht entgegen, sah er ja meinen Namen auf seinem Gerät aufleuchten. Immerhin kenne ich meinen Fastnamensvetter gut genug, um zu wissen, dass ich für den Rest des Tages durch sein Hirn flackern würde. Wenig später habe ich mit vier Hausverwaltungen Termine auf die kommende Woche vereinbart. Eine wird zu meiner Liegenschaft passen. Erledigt. Zurück zu Andri.
Ich wähle einige weitere Nummern, erreiche aber niemanden, der mir über den Verbleib von Andris Eltern einen Hinweis geben könnte. Tatsächlich gelingt es mir nicht, auch nur eine Person ans Telefon zu locken. Es klingelt und klingelt. Ich stelle mir leere, fensterlose Räume vor, in denen es klingelt. Mein andauerndes Klingeln wird lediglich von den Pfützen, die es hier geben könnte, gedämpft. Möbel gibt es hier keine. Vielleicht sind wir im zwölften Stockwerk, vielleicht unter der Erde. Es ist verlockend, so Zeit verstreichen zu lassen, klingelnd, wartend, stunden-, tagelang, bis die Räume anfangen zu verfallen, bis es tatsächlich Pfützen gibt, bis Frösche von einer zur nächsten springen, ich aber rede mir ein, dafür keine Zeit zu haben, und stecke mein Handy weg.
Meine Nachbarn physisch aufzuschrecken, ergibt keinen Sinn. Wer meinen Anruf nicht entgegennimmt, wird mir auch die Tür nicht aufmachen. Es wäre Aktivismus, brächte weder Andris Eltern nach Hause, noch würde es mein schlechtes Gewissen auf ein erträglicheres Maß reduzieren. Je schuldiger (oder nutzloser) sich einer fühlt, umso rastloser gestaltet er seinen Alltag. Das erklärt die dauerverstopften Straßen. Im Garten genügt ein Blick in den Himmel, wo die Jets ihre fantasielosen Muster hinterlassen. Mit Immobilität ist mehr erreicht. Willst du einen kühlen Kopf bewahren, bleib, wo du bist. Das ist ein Beitrag, den zu leisten ich nun bereit bin. Weiß ich schon nichts mit mir anzufangen, so verringere ich durch mein Bedürfnis nach Ruhe wenigstens meinen ökologischen Fußabdruck. Ich habe genug Schaden angerichtet.
Die Menschen sind ängstlicher geworden. Einbrüche, vor allem tagsüber, häufen sich, die Straßen leeren sich zu jeder Tageszeit, die Mauern werden höher, die Alarmsirenen schriller, die Nachbarn unsichtbarer: Sie sind weg oder verschanzen sich, darauf vertrauend, die allgegenwärtige Überwachungselektronik schütze sie. Wenn ich durch das Küchen- oder eins der Treppenhausfenster doch jemanden sehe, wirken sie gehetzt, gebückter, gedrungener, schleichen im Schutz der Zäune herum. Sie benehmen sich selbst wie Einbrecher, die durch ihre Häuser huschen, die ihre Nachbarn, von denen sie selbst misstrauisch beobachtet werden, als Einbrecher wahrnehmen. Unsere Angst macht uns zu leichter Beute. Geht es uns wirklich zu gut, wie manche meinen? Kann es sein, dass Andri, dieser neunmalkluge Neunjährige, der eine meiner Aussagen mit einem Fick-dich kommentiert hat, diesen Umstand zu seinen Gunsten ausnutzt?
Mit gezücktem Telefon sitze ich auf dem Küchenfenstersims. Nichts regt sich, weder in meiner Hand noch auf meiner Straße.
Seit einiger Zeit haben wir wieder Elstern und Eichhörnchen. Genauer: ein schwarzes Eichhörnchen, wie es hier früher viele gab. Die Elstern, wie auch die Raben, kommen paarweise. Meist höre ich sie erst nur, sie klappern mit ihren Krallen auf dem Blech des Daches, dann erst sehe ich ihren Schnabel, das Weiß der Brust, schon sind sie wieder weg. Auf einmal aber ist da eine zweite, gemeinsam stürzen sie sich ins Gras, auf für mich unsichtbare Würmer.
Das Eichhörnchen scheint allein zu sein. Vielleicht wurde es aus einem anderen Eichhörnchenterritorium verstoßen. Ich weiß nicht, wie es diese Tiere halten, biete diesem aber gern meine Nüsse an. Ich schaue ihm nach, wie es nervös den Rändern des Gartens entlangfegt. Im Schutz des Zauns, der uns vor Ida Walser und ihren scheuen Forderungen abgrenzt, rennt es, schleudert sich aus eigener Kraft vorwärts, den Bäumen entlang über die große Wiese, durchs kleine Wäldchen auf die Südseite. Ich folge ihm zum Nussbaum, dessen Früchte es sammelt und für den Winter vergräbt. Es ist die Jahreszeit dafür.
Cora, verstört wie ich, als wir von der Katastrophe vernahmen (in einem Online-Newsfeed, noch bevor mein Bruder anrief), schlug mir wie Leo ein Time-out vor. Nimm dich aus all dem raus, lass uns eine lange Reise machen. Luigis Angebot, wir könnten seine Villa in der Emilia Romagna jederzeit und für wie lange auch immer benutzen, steht noch. Ich kann mein Buch fertigschreiben, du kannst die Gedanken verjagen. Ich verwarf die Emilia-Romagna-Option vielleicht etwas zu barsch, doch kann ich den polternden Luigi nun einmal nicht ausstehen. Und kaum wüsste er, dass und wann wir in seiner «Villa» (tatsächlich ein abgehalftertes Einfamilienhaus aus den 1970er-Jahren am Rande des Städtchens, dessen Namen ich mir nie merken kann) sind, würde er uns mit seiner Auffassung mittelitalienischer ospitalità belästigen. Luigi wäre zugleich Gastgeber und Gast in seinem Haus. Mit dieser Doppelbenachteiligung könnte ich nicht umgehen.
Dann ziehen wir uns in den Garten zurück, bot Cora als Alternative an. Immerhin ist es ja gerade passenderweise Sommer, da lauert schon der November, den du so liebst und der wie geschaffen ist, um eben auf andere Gedanken zu kommen. Mir wird das auch guttun, und meinem Buch sowieso.
Noch nervt Cora meine Dauerpräsenz nicht, auch wenn ich ihr jedes Mal, wenn ich von einer meiner stets etwas länger währenden Wanderungen zurückkomme, wieder etwas veränderter erscheine.
Ja, sagt sie, du veränderst dich.
Nicht: Du hast dich verändert.
Als könne sie mir dabei zusehen. Tatsächlich begann sie mich zu beobachten. Unverhohlen, ohne es zu verbergen, und scharf, messerscharf, mit immer weniger Wohlwollen schnitten mir ihre Blicke in die Haut. Das ging damals los, ich weiß es, und ich weiß auch, dass mir Cora damals stumm vorwarf, wegen Corinna nirgendwo hingehen zu wollen. Dabei hätte ich mir Corinna gerade in der Emilia-Romagna-Szenerie bestens zusammenträumen können, unfreiwillig unterstützt von Cora, für die Luigis Bleibe eine Villa, der öffentliche, ungepflegte Tennisplatz dahinter dessen privates Refugium war.
War das nicht die Idee? Zumal deine – dass ich mich verändere? Wer Abstand sucht, der verändert sich. Du sagst das, als habe ich mich nicht zum Besseren verändert?
Du bist gelassener und hast auch interessantere Gedanken, sagte sie endlich.
Ich beließ es dabei, als sie bereits wieder verstummte. Mehr wollte ich nicht wissen. Wer sich verändert, verändert auch die anderen, doch für eine entfremdete Cora war ich noch nicht bereit. Noch wusste ich nicht, ob wir uns miteinander veränderten, parallel sozusagen in dieselbe Richtung, oder ob es zur Katastrophe kommen würde, weil sich das Material überdehnte, die Gelenke krachten, die Seile rissen und die Brücke schließlich einstürzte.
Mit Kleinigkeiten fängt es an. So wartet Cora zum Beispiel am Abend nicht mehr auf mich, arbeitet bei geschlossener Tür in ihrem Büro oder schläft bereits. Ich habe gehört, wie sie am Telefon einen Unikollegen angefragt hat, ein neues Kapitel durchzusehen, etwas, was bis anhin ich gemacht habe. (Ob es eine Ausnahme ist? Und welcher Kollege ist es? Das habe ich beim Belauschen nicht herausgekriegt, und fragen kann ich sie natürlich nicht.) Auch ist mir aufgefallen, dass Cora den Troll, dem sie lange kaum Beachtung geschenkt hat, nun häufiger erwähnt. Fängt sie an, ihn mir vorzuziehen? Dieser Frage möchte ich mich auch nicht stellen. Cora ist meine Liebe, mein Leben. Letztlich verdanke ich ihr, wer ich geworden bin. Und noch werde. Lieben heißt, mit Veränderungen Schritt zu halten. Ihr wird das nicht schwerfallen. Ich aber muss lernen, ihr mehr zu vertrauen, auch wenn ich mir nicht mehr sicher bin, ob sie mir vertrauen kann.
Prof. Dr. Cora Y. Curti lehrt philosophisches Recht an unserer Universität und verfasst provokative Essays, die weiterherum in Buchform für Aufsehen und Stirnrunzeln sorgen. Ihr jüngstes Buch, an dem sie mit überhitztem Motor arbeitet, heißt Mit der Natur und plädiert dafür, dass wir, wollen wir als Spezies überleben, von der biblischen Unterjochung der Natur und der Tiere und damit eben auch einer Vielzahl unserer Mitmenschen abkommen und uns auf eine Zusammenarbeit mit der Natur zurückbesinnen müssen, so wie es (dies das Vorbild, auf das sich Cora hauptsächlich bezieht) die Ureinwohner Amerikas einst gelebt haben. Nicht ein Zurück zur Natur, eben ein mit der Natur. Nicht keine Zivilisation, sondern weniger beziehungsweise eine kooperativere, keine, die in absehbarer Zeit alles abtöten, die Erde unbewohnbar machen wird. Ihr provokativstes Bild, mit dem sie bald schon auf das Buch aufmerksam machen will, ist eine Menschengruppe, die in einer Rakete ins All schießt, auf eine schwarze Mauer zu. Im Hintergrund unser Planet in Flammen. Mir ist das zu plakativ. Und es kommt noch schlimmer, denn angeführt wird das verlorene Häufchen von einem Elon-Musk-Typen. Ach herrje, Cora, habe ich gesagt. Lass wenigstens von diesem Klischee ab. Doch ihr Verleger weiß, wie man in unserer Aufschreikultur für einen Aufschrei sorgt. Es war ja seine Idee. Er hofft auf einen Tweetshitstorm und kann dabei auf die Mitwirkung von Musk selber zählen.
Was Cora will, bedeutet natürlich in erster Linie Verzicht, viel Verzicht, und Verzicht, das weiß keine besser als Dr. Cora Y. Curti, ist etwas, was die Menschen am wenigsten können. Sie bringt es auf den Punkt: Verzichten ist unmenschlich. Cora ist nicht naiv, ich bin es. Ich will es sein. Ich will mehr. Ich fordere ein sofortiges, unbegrenztes Zivilisationsmoratorium. Eine Dekade Stillstand, zehn Jahre nichts Neues, ein Jahrzehnt Nullwachstum. Realist mag ich in meinem neuen Leben nicht mehr sein. Ich fühle mich bereits ruhiger.
Ich befolgte Coras Rat, zog mich aus dem Büro zurück und ließ Leo dort im Stich. LLI. Die drei Buchstaben hatten einen guten Klang. Niemand weiß, dass unsere zwillingshaften Vornamen für den Firmennamen stehen. Lion und Leo, Ingenieurbüro. Wenige wissen, dass wir tatsächlich Zwillinge sind. (Corinna weiß es, Cora nicht.) Deshalb bin ich auch zuversichtlich, dass wir eines Tages wieder miteinander reden können. Leo, mein älterer Bruder (um etwa elf Minuten). Leo, dem gegenüber ich im Bedarfsfall gern den unbedarften, ratbedürftigen kleinen Bruder spiele (um elf Minuten und dreiundzwanzig Sekunden bin ich jünger, um genau zu sein). Ich gebe meinem Bruder Zeit. Das hat er verdient. Ich habe seine Mitschuld verdoppelt, indem ich meine eingestanden und die Konsequenz daraus gezogen habe, während er sich geschworen hat, noch bessere Arbeit zu leisten.
Wichtiger ist mir jetzt das Eichhörnchen. Ich beobachte es. Es hat etwas von Andri, ist nervös, macht mich nervös. Es weiß mehr, als es zu erkennen gibt. Ich stehe still in der grell brennenden Sonne und versteife mich. Acht Meter vom Nussbaum entfernt versteinere ich zur Statue. (Der Nussbaum muss getrimmt werden.) Verharre ich lange genug, wird das Eichhörnchen in mir keine Gefahr mehr sehen, und ich kann ihm bei der Nahrungssuche, oder was immer es vorhat, zusehen. Die Zeit dehnt sich, ich dehne mich mit. Mir wird schwindlig, mein Blick trübt sich vor Hitze, mein Tierchen aber sieht mich jetzt als Teil der Landschaft. Zielstrebig wühlt es, präzis und rechthaberisch, wie mir scheint, in der Erde herum, verliert aber seine angeborene Nervosität nicht. Diese hält es am Leben.
Jetzt schießt es hoch, die Vorderglieder von sich gestreckt, den Blick nach oben gerichtet, rast es auf mich zu. Schnellt ohne zu zögern an mir hoch, am linken Bein, über den Bauch und die Brust, prescht über mein Gesicht, kratzt meine Wange und Stirn blutig und bleibt abrupt auf meinem Kopf stehen. Ich rühre mich noch immer nicht. Ich warte und warte. Es klingelt in meinem fensterlosen Schädel, Pfützen bilden sich, ich habe Zeit, warte auf die Frösche. Noch immer stürzen Brücken ein. Wird das Eichhörnchen seine Krallen in meine Kopfhaut graben?, denke ich plötzlich. Diese Möglichkeit schreckt mich auf. Nicht nur mich, das Eichhörnchen springt (ich spüre den sich verstärkenden Druck der Krallen) von meinem Kopf in das ausladende Geäst der riesigen, hundertjährigen Scheinzypresse hinter mir.
Eine Weile noch spüre ich das Wiegen ihrer Äste, dann ist es wieder ruhig. Vorsichtig drehe ich mich um, schaue auf die Zypresse, dann am Baum vorbei zum Haus. Auf der Dachrinne hockt das Elsternpaar und schaut grinsend auf mich herunter.
Die Stille, nach der ich mich sehne, gibt es auch im Garten nicht. Auch nicht, seit die Flugzeuge wieder seltener geworden sind, weil die Flugschneise verlegt worden ist. Dafür ist der Schattenlärm der fernen Autobahn, der, je nach Windlage, den Weg doch hierher findet, wieder dichter geworden. Letzteres mag daran liegen, dass ich die Bäume am Südhang zu stark habe trimmen lassen. Bäume, selber die wunderbarsten Geräusche verursachend, sind der beste Lärmschutz. Aber auch ohne diese mechanischen Geräusche gibt es im Garten keine absolute Stille. Gute Stille braucht etwas Lärm, sie nährt sich von guter Störung. Was ich lernen will, ist, die Stille des Wachstums zu hören. Gerade jetzt raschelt es wieder lauter im Gehölz, ich glaube, Zirpen zu hören, obwohl es dafür nicht die Jahreszeit ist.
Ich erschrecke, wirble herum.
Schon lange bin ich hinter dir her, sagt Sarhat. Du hast nicht gehört.
Ich war in meine Geräusche vertieft.
Vorsichtig sein!, ruft er und grinst breit. Ich hätte dich killen können. Du weißt, ich habe verleumderischen Türkendolch immer dabei. Hör mit Augen, seh mit Ohren, verpasst er mir eine osmanisch klingende Weisheit. Recht aber hat er. Hören ergibt keinen Sinn, wenn man das Gehörte nicht einordnen kann. Wer in der Wildnis nicht richtig hört, ist auch schon tot, Beute eines Wildschweins oder eines Wolfsrudels geworden. Auch wenn ich solchen Gefahren hier noch nicht ausgesetzt bin, will ich vorbereitet sein.
Ich weiß nicht genau, woher Sarhat kommt, Kurdistan, aber wo genau? Irak, Türkei, Syrien, Iran? Wo gibt es noch Kurdengebiete? Ah ja, in Armenien. Er hat mir alle Länder aufgezählt, ich habe sie mir gemerkt, doch eben nicht, welches seines ist. Er ist seit zwanzig Jahren im Land, besitzt unseren Pass, spricht gebrochen unsere Sprache. Er passt sich uns an, aber oft versucht er auch, uns seine Gewohnheiten aufzudrücken. Kurdistan keine Grenzen, sagt Sarhat, wie Geschichte keine Anfang. Wir schon immer da. Dehnen uns aus, sind wieder klein. Aber schon wieder größer. Hin, her. Vor, zurück. Immer so. Klar ist aber, wir sind da. Immer. Ganz sicher. Wer dehnt, bleibt. Ist wie mit deinen Brücken.
Sarhat kommt tiefer aus dem Osten als ich. Er tut dem Garten gut. Er stammt aus einer Kleinstadt, die Samsat heißt. Samsat ist eine junge Stadt, die 1988 gegründet wurde, um die Bewohner von Samosata aufzunehmen, die in den 1960er-Jahren nach dem Bau eines Staudamms geflutet wurde. Wo Sarhat vor 1988 war, wo er seine Jugend verbracht hat, weiß ich wiederum nicht. Wer in Samosata geboren wurde, dem fehlt ein knappes Vierteljahrhundert, bevor er in der neuen Stadt Samsat angesiedelt wurde. Samosata war ursprünglich altgriechisch, Samsat ist türkisch.
Da haben wir es: Sarhat ist türkischer Kurde!
Sarhat, Samsat, Samosata.
Das weiß ich alles. Aber nicht, wo Sarhat hier bei uns wohnt. Er hat drei Kinder und ist verheiratet mit einer Frau, von der ich weiß, dass sie sehr religiös ist. Muslimin. Sarhat ist nicht sehr religiös, bezeichnet sich aber auch als Muslim. Muslim und praktizierender Alleskönner, sagt er, wenn er merkt, dass er einem Hiesigen mit dem Wort Muslim Angst eingejagt hat. Manchmal packt ihn der Schalk, und er will den Hiesigen Angst einjagen. Mit seinem deutschen Lieblingswort: Kopftuch. Dann springt er wie ein Kobold herum und schreit Kopftuch! Kopftuch! Kopftuch!, weil im zivilisierten Westen dieses Wort genügt, um die muslimische Weltverschwörung Wirklichkeit werden zu lassen.
Jemand hat die wilden Weinreben ausgerissen, sage ich. Den ganzen Zaun entlang. Warum nur?
Wo? Sarhat zögert. Weiß er etwas? In der Regel ist Sarhat über den Garten besser informiert als ich. Vielmehr anders. Seines ist ein praktisches Wissen, womit er natürlich weiterkommt als ich mit meinem metaphysischen Wunschwissen.
An Meiers Zaun, bei den großen Bäumen.
Scheinzypresse, Fichte, Birke, wirft er ein, als wisse ich die Namen der Bäume nicht selber. (Tatsächlich habe ich sie erst kürzlich gelernt.) Die Art, wie er sie aufzählt, hat etwas Besitzergreifendes. Sarhat kümmert sich um mindestens drei Gärten. Alle bezeichnet er als «seine». Daneben betreibt er eine Kebabbude irgendwo in Bahnhofsnähe, auch ein Catering, und zusätzlich nimmt er Reparaturaufträge an. Vor allem kümmert er sich um Gartenmaschinen. Was diese anbelangt, ist sein Eigentumsverständnis fließend. Immer wieder entdecke ich im Schuppen Geräte, die nicht hierher gehören, während ich andere vermisse. Meistens tauchen meine wieder auf. Diejenigen, die es nicht tun, werden durch das Bleiben fremder Geräte aufgewogen. Die Summe der Geräte im Schuppen bleibt sich in etwa gleich. Allerdings benutzt Sarhat, Organhändler für noch zu rettende Laubbläser, Rasenmäher, langstielige Rosenscheren, die Geräte seiner insgesamt vier Gärten auch als Ersatzteillager.
Mittlerweile stehen wir vor Meiers Zaun, um den sich bis vor wenigen Tagen noch die Weinreben gerankt haben. Die herbstfarbenenen Blätter sind dem abgeschabten Metallgrün des Maschendrahts gewichen.
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