Kitabı oku: «Mörderisches Vogtland»

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Petra Steps (Hrsg.)

Mörderisches Vogtland

11 Krimis und 125 Freizeittipps

Zum Buch

Kriminelles Vogtland Das Vogtland befindet sich im Grenzgebiet der drei deutschen Freistaaten – im Osten lauert Sachsen, im Süden Bayern und im Westen Thüringen. Dazu kommt die gemeinsame Grenze mit dem Nachbarland Tschechien. So viele Grenzen ziehen bekanntlich Kriminelle an. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass im Vogtland ungeachtet seiner idyllischen Landschaft gestohlen, geraubt, betrogen und gemordet wird. In den elf Kurzkrimis der sechs Autoren geht es im gesamten Gebiet kriminell spannend zu. Sei es in Morgenröthe-Rautenkranz, der Heimat des ersten Deutschen, der ins All geflogen ist – Sigmund Jähn, oder in Plauen, in Hof, in Zeulenroda oder in Netzschkau, wo die größte Ziegelsteinbrücke der Welt thront. Denn auch in diesem Freizeitplaner kommen die regionalen Tipps nicht zu kurz.

Petra Steps, Jahrgang 1959, ist waschechte Vogtländerin, jedoch im Kuckucksnest Zwickau geboren, Diplomphilosophin, Hochschullehrerin, Journalistin, Herausgeberin, Autorin, Ehefrau, Mutter und Oma. Sie ist (Mit-)Herausgeberin von Krimianthologien und Autorin bzw. Mitautorin von Reisebüchern, veröffentlicht Beiträge in Regionalia sowie Krimianthologien und gibt Schreib-Workshops. Für den Förderverein Schloss Netzschkau e.V. veranstaltet sie die KrimiLiteraturTage Vogtland (www.krimi-literatur-tage.de). In der vorliegenden Anthologie wird sie von Roland Spranger, Jahrgang 1963, unterstützt. Er arbeitet neben seiner Autorentätigkeit als Betreuer in Wohnprojekten für geistig Behinderte und ist Glauser-Preisträger in der Sparte Bester Kriminalroman.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Neuausgabe 2021

Lektorat: Sven Lang

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Tama66 / Pixabay.com

ISBN 978-3-8392-7030-1

Inhalt

Zum Buch

Impressum

Buddy passt auf

Roland Spranger

Rosa muss weg

Petra Steps

Tod in Klein Sibirien

Maren Schwarz

Snuff-Mobbing

Manfred Köhler

Büchsenfieber

Christoph Krumbiegel

Der Kilometermillionär

Gunnar Schuberth

Schießbefehl

Roland Spranger

Nie mehr dieses Niveau

Petra Steps

Auf des Messers Schneide

Maren Schwarz

Flutopfer

Manfred Köhler

Plauener Spitzel

Christoph Krumbiegel

Danksagung

Die beteiligten Autoren des Krimistammtischs Vogtland

Lesen Sie weiter …

Buddy passt auf
Roland Spranger

Ich heiße Buddy und hasse Katzen.

Liegt vielleicht an meiner feinen Nase.

Katzen hinterlassen einen ekelerregenden Geruch.

Als ich jünger war, bin ich sofort auf dieses stinkende Katzending aus der Nachbarschaft zugeschossen, sobald ich es gewittert habe. Ich musste mir ein paar Mal eine blutige Nase holen, bevor ich kapiert habe, mit welchen hinterfotzigen Methoden der alte Kater kämpft. Mittlerweile ertrage ich seinen Gestank mit Würde. Ich beachte ihn überhaupt nicht mehr. Egal, wie provozierend er sich auch in unseren Garten legt. Einmal hat er meinen Futternapf leer gefressen. Das war schon grenzwertig.

Ich kann nicht verstehen, warum die Menschen diese Fellwanzen verehren. Paul Klee malte sie nicht nur ständig, sondern hatte einen weißen Angorakater. Eine unglaubliche Geschmacksverirrung. Von Leonardo da Vinci ist ein Studienblatt erhalten, auf dem sich eine Vielzahl von Katzenskizzen zu einem Katzenmob vereint. Unfassbar, dass sich ein Universalgenie zu so was herablässt. Heutzutage ist es schlimmer denn je: Überall Katzen, die über ein Klavier laufen. Im Internet sind Hunde deutlich unterrepräsentiert. Am schlimmsten sind die Katzenkrimis, die mein Frauchen hört. Gelesen von einem Schauspieler, den sie mag. Ich kann ihn nicht leiden. Er hat so eine Miezenstimme. Leider verhindert meine Anatomie, dass ich mir die Ohren zuhalten kann. Und natürlich dringt mein Hörvermögen in Regionen vor, in denen die Ohren meiner Besitzer längst Gnade walten lassen. Menschen sind ja irgendwie unterentwickelt. Nur so lässt sich erklären, dass sie außer uns Hunden auch Katzen domestiziert haben. Die Ägypter waren ganz verrückt nach ihnen, aber die haben auch die Pyramiden gebaut. Die Pharaonen waren von Haus aus durchgeknallt. Zu viel Inzest. Gibt es auch bei Hunden. Das Endprodukt heißt dann Möpse. Bemitleidenswerte Geschöpfe, die kaum Luft bekommen. Schlechter Atem bei Hunden ist in Ordnung, aber wenigstens die Atmung sollte funktionieren. Falls es doch mal mit einem durchgeht, und die Nachbarskatze über mehrere Gartenzäune verfolgt werden muss. Wider besseres Wissen. Das nennt man Instinkt. Leben mit Instinkt ist lästig. Vor allem als gebildeter Hund.

Man wird schnell depressiv.

Tatsächlich hatte ich dringend Erholung nötig, als Herrchen und Frauchen mit mir zum Wellness-Urlaub fuhren. Thüringer Vogtland. Bio-Seehotel Zeulenroda 1 . Tierfreundliches Hotel. Wunderschönes Ambiente. Und das Essen war super. Herrchen hat mir manchmal heimlich ein Stück Wild oder Filet unter dem Tisch zugesteckt. Frauchen ist dagegen, deshalb musste es unauffällig geschehen, aber ich weiß mittlerweile, wie ich mich setzen muss, damit Britta es nicht bemerkt. Mein Frauchen heißt nämlich Britta. Mein Herrchen heißt Karsten. Mir hat es auch Spaß gemacht, in den verglasten Fahrstühlen zu fahren und die Hotelgäste vom fünften Stock aus anzubellen, aber am liebsten habe ich mich im Sand des Strands gewälzt, der unterhalb des Hotels extra für mich angelegt worden war. Ein Erlebnis.

Am ersten Tag machten wir noch voll auf Familie und umrundeten die Talsperre auf dem Wanderweg 2 .

Am zweiten Tag teilten wir uns auf und verfolgten unterschiedliche Interessen. Während Herrchen und ich in einer winzigen Jolle über den Stausee segelten, ging Frauchen im Hotel zur Wellness-Behandlung und zum Yoga-Kurs. Sie wird leicht seekrank. Dann riecht sie so sauer. Gewöhnungsbedürftig. Deshalb bin ich froh, wenn sie bei den Segeltörns nicht dabei ist. Ich hingegen liebe es, vorne im Boot zu stehen und die Wellen anzubellen. Die Wellen sind kein leichter Gegner. Sie geben nicht so schnell auf. Mein Herrchen lacht dann. Manchmal sagt er auch »Platz!« – aber meistens lacht er.

Als wir nach dem Segeln Frauchen an der Hotelbar trafen, begrüßte ich sie schwanzwedelnd. Während sie mich hinter den Ohren kraulte, war sie nicht ganz bei der Sache. Sie war verschwitzt. Und ehrlich gesagt – wie soll ich es formulieren? – sie roch ein wenig so, als wäre sie mit einem anderen Herrchen zusammen gewesen. Trotz des Duschbads. Mein Herrchen schien sich an ihrem Geruch nicht zu stören. Wie immer, wenn er nett sein wollte, zeigte er ihr seine Zähne und stieß sein Glas an ihres.

Am nächsten Morgen durfte ich auf den Rücksitz des Autos springen. Ich fahr gerne Auto. Die Vibrationen sorgen bei mir für Tiefenentspannung. Außerdem freute ich mich auf eine kleine Burg-Tour. Ich mag Burgen, Schlösser und Ruinen. Meistens findet sich eine Wendeltreppe, über die man wie blöd im Kreis rauf und runter rennen und dabei bellen kann.

Die Osterburg 3 in Weida hat einen tollen Turm. Wie ihn kleine Kinder mit Bausteinen bauen, zum Beispiel Karstens Neffe: Immer einen schmaleren Klotz auf einen dickeren. Ich reiß die total gerne ein. Wenn man es oft genug macht, weint das Kind und Herrchen geht mit mir Gassi. Den Turm in Weida konnte ich nicht einreißen. Nur anbellen.

In Greiz gibt es gleich drei Schlösser. Das Untere Schloss und das Sommerpalais machen Hunden nicht so viel Spaß, aber mein Frauchen kam wegen der Architektur gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Karsten legte einen Arm um Britta. Er mag es, wenn sie begeistert ist. Schon der Weg zum Oberen Schloss machte mehr Spaß 4 . Man kann als Hund Ebene für Ebene vorausrennen und dann wieder zu Herrchen und Frauchen umkehren und dann wieder voraus auf die Aussichtsplattformen. Ich mochte die Aussicht: Von oben bellte ich die Stadt an; einmal hab ich sogar geheult wie ein Wolf.

Das mache ich nur selten, nur wenn alles passt.

Während des Aufstiegs kamen wir an malerischen Metallträgern vorbei, die den Schlossberg abstützen, weil das Gestein schon ein wenig brüchig ist. An den Metallträgern konnte ich schön das Bein heben. Zuerst zögerte ich ein wenig, weil Karsten im Urlaub immer einen Fotoapparat dabeihat. Ich lasse mich beim Pinkeln nicht gerne fotografieren, aber egal: Ich hob trotzdem das Bein. In­stinkt. Da fiel mir das andere Herrchen auf, das sich oben mit einer Stange an der Burgmauer zu schaffen machte. Die Witterung verriet mir, dass der Mensch Jagd machte. Menschen, die Jagd machen, sind selten, seit sie domestiziert sind. Ich bellte mein Herrchen an. Er lachte. Wie immer begriff er nichts. Im Gegensatz zum Frauchen, das unauffällig ein paar Schritte nach hinten zurücklegte. Dann machte ich etwas, das ich wirklich verabscheue: Ich schaltete in den Lassie-Modus. Ich sprang das Herrchen an. Er taumelte zurück. Die paar Meter mussten reichen. Karsten fiel auf den Rücken. Während ich ihm auf der Brust stand, sah ich zu, wie ein Felsbrocken knapp an uns vorbeirollte. Danach: Streicheln. Irgendwas ins Ohr flüstern, das mit Belohnung und Rinderleber zu tun hatte. Menschen, die sich an einen drücken. Das Frauchen auch. Ich hasse Lassie. Ihre Filme sind noch peinlicher als jeder Katzenkrimi.

Immerhin bekam ich an diesem Abend tatsächlich Rinderleber.

Am nächsten Tag hatte Frauchen Migräne und war zu nichts fähig. Deshalb ging Herrchen ins Erlebnisbad Waikiki 5 . Schon im Eingangsbereich Palmen. Bunte Farben. Eine Frau mit einer Blumenkette um den Hals an der Kasse. Hinter einem großen Fenster plantschten Kinder unter einem Wasserfall.

Frauchen nahm mich mit zurück ins Hotel. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl. Es machte wieder Spaß, dabei zuzusehen, wie die Leute kleiner wurden, aber dann stoppten wir im falschen Stockwerk. Zuerst wollte ich gar nicht aus dem Fahrstuhl, denn ich hatte den Fehler sofort bemerkt.

Britta zog an der Leine.

»Blödes Vieh«, zischte sie.

Das war nicht sehr nett.

Wir gingen durch den verkehrten Gang zu einem falschen Zimmer. Frauchen klopfte.

Der Mann, der am Vortag Jagd auf Karsten gemacht hatte, öffnete die Tür. Er zeigte seine Zähne.

Im Zimmer ging alles ganz schnell. Ich würde auch keine Kleidung tragen mögen. Sie schleckten sich ab. Bissen sich vorsichtig. Sie wurden wild. Frauchen schrie laut: »Oooliiii!«

Zwischendurch machten sie es auch wie Hunde. Bei Menschen finde ich das unpassend. Dann roch sie wieder nach ihm.

Als wir Herrchen am Erlebnisbad abholten, spielte ihm seine Witterung wieder mal einen Streich. Er zeigte seine Zähne. Der Gestank, den der andere Rüde in Frauchen hinterlassen hatte, blieb unbemerkt.

Gleich danach standen Britta und Karsten Arm in Arm vor dem überdimensionierten Rathaus von Zeulenroda 6 . Es ist zu groß, sogar für die Krone der Schöpfung, aber die Herrchen und Frauchen dieser Welt wollen, dass etwas bleibt. Instinkt. Ich heb ja auch das Bein, wenn alle zuschauen.

Menschen sind so unterbemittelt. Die einfachsten Dinge kriegen sie nicht mit. Ich würde mein Herrchen beschützen müssen. Wirklich: Ich hab keine Lust auf die Lassie-Nummer, aber die Menschen erwarten sie einfach, wenn sie einen Hund haben. Das nervt. Ich trottete zum Karpfenpfeifer-Brunnen 7 auf dem großen Platz vor dem Rathaus. Ich weiß schon, dass die Karpfen nicht echt sind. Sie sind aus Metall. Es kann nicht schaden, dass ich mich dämlicher stelle, als ich bin. Gehört zu den Überlebensregeln eines Undercover-Agenten.

Zurück im Bio-Seehotel wurde mir in der Hotelbar Wasser in einem sehr sauberen Metallnapf vorgesetzt, während für Karsten ein Bier gezapft und für Britta ein Caipirinha gemixt wurde. Ich war mit dem Wasser zufrieden. Ich musste nüchtern bleiben. Mein Herrchen und die Situation im Auge behalten. Auf einer Party hatte ich mal ein Glas mit einem irischen Whiskey leer geschleckt. Sehr lecker. Brennt gar nicht so stark auf der Zunge, aber danach hatte ich Probleme, meine vier Gliedmaßen in die richtige Reihenfolge zu bringen. Whiskey überfordert jeden, der mehr als zwei Beine hat.

Herrchen und Frauchen prosteten sich zu, als hätten sie das schönste Herrchen-und-Frauchen-Verhältnis der Welt. Nach einer Weile verzogen sie sich auf die Sonnenterrasse und rauchten. Mit mir an der Leine. Sie ließen sich die untergehende Sonne ins Gesicht scheinen, aber mich konnte die ganze verlogene Romantik natürlich nicht blenden. Aufmerksam behielt ich die Bar durch die Panoramascheiben im Auge. Tatsächlich kam Oooliiii an den Tresen und bestellte einen Sex on the Beach beim Barkeeper. Kaum hatte der sich umgedreht, um den Cocktail zu mixen, entleerte Oooliiii eine kleine Ampulle mit einer klaren Flüssigkeit in Karstens Bier.

Ich konnte mich genau erinnern, als jemand das letzte Mal eine klare Flüssigkeit in etwas geschüttet hatte – und zwar Frauchen in meinen Futternapf. Danach hatte ich ein paar Erinnerungslücken, aber irgendwann war ich kastriert beim Tierarzt aufgewacht. Klare Flüssigkeit in einer Ampulle konnte nichts Gutes bedeuten.

Für den Sex on the Beach bedankte sich Oooliiii und zeigte seine Zähne. Dann ging er zu einem Sessel, von dem er einen guten Blick auf die Bar hatte.

Nachdem Karsten und Britta ausgeraucht hatten, gingen beide wieder mit mir zu den Getränken. Als sie sich zuprosteten, sprang ich mit vollem Körpereinsatz hoch. Herrchen fiel das Glas aus der Hand. Überall Scherben. Ich bewegte mich nicht vom Fleck, um mir nicht die Pfoten aufzuschneiden, bis auch der letzte Splitter aufgekehrt war. Das Frauchen sah mich die ganze Zeit wütend an. Karsten schob einen bunten Papierlappen über die Theke und bekam ein neues Bier. Er lachte.

Während das Herrchen in die Sauna ging, machte sich Frauchen mit mir auf den Nacht-Gassi-Gang. Unten am Strand traf sie Oooliiii.

Ich tat unbeteiligt und wälzte mich im Sand.

»Der Hund muss weg«, sagte Oooliiii. »Er beschützt deinen Mann.«

»So ein Blödsinn«, antwortete Britta. »Das ist nur ein Hund. Der kann nicht denken. Außerdem würde Karsten sofort abreisen, wenn ihm etwas passierte. Dann hätten wir gar keine Gelegenheit mehr.«

Danach machten mein Frauchen und der Oooliiii-Rüde Sex on the Beach. Sie saß auf ihm. Ekelhaft. Würden Hunde nie machen. Geht auch gar nicht. Anatomisch gesehen. Zurück im Hotelzimmer roch Herrchen wieder mal nichts. Menschen sind echt zu bedauern.

Am nächsten Morgen brachen wir zu einer Sightseeingtour auf. Mit dem Auto fuhren wir nach Wünschendorf. Im Garten der St.-Veit-Pfarrkirche 8 führte der Küster gerade Reparaturen durch. Deshalb traute ich mich nicht, an einen der bemoosten Grabsteine zu pinkeln. Ich hielt es zurück, bis wir an der alten überdachten Holzbrücke 9 waren. Bei Holz kann ich nicht anders. Ich hob das Bein. Frauchen verdrehte wieder die Augen, während Herrchen lachte.

Danach ging es weiter zum Kloster Mildenfurth 10 . Leider abgesperrt. Ein paar Gerüste waren aufgebaut. Sie sollten den Eindruck vermitteln, dass wirklich Restaurierungsarbeiten stattfanden. Herrchen und Frauchen bekamen Zugang, nachdem sie einen Künstler angesprochen hatten, der in unmittelbarer Nachbarschaft nicht nur sein Atelier, sondern auch den Hauptschlüssel zum Kloster hatte. Er führte uns in ein Gewölbe, in dem die langen Finger seiner Skulpturen aus der Dunkelheit tasteten. Verlorene Kinder. Menschen mit Tierköpfen. Maskierte Gestalten. Gruselig. Ich bellte wie verrückt. Es machte einen Heidenspaß.

Anschließend durften wir den Klostergarten besichtigen. Überall Skulpturen. Immerhin waren auch Hunde dabei. Sehr große Hunde. Der Künstler mochte mich. Seine Dogge war irgendwann gestorben.

»Aber in so ein Umfeld gehört ein Hund«, sagte er und kraulte mich hinter den Ohren. Dabei war ich einen Moment unachtsam. Ein dicker Stein schlug direkt neben meinem Herrchen auf. Kreidebleich drehte er sich um.

»Deshalb lasse ich normalerweise niemanden herein«, sagte der Künstler. »Es kann sich jederzeit ein Stein lösen. Kein Geld für die Restaurierung. Eine Schande. Die Menschen sind nicht mehr an Kultur interessiert, sondern nur noch an glatten Straßen.«

Ich war wütend auf mich selbst, weil ich nicht aufgepasst hatte. Bellend rannte ich zu der geöffneten Tür des Klosters. Die Treppe hoch. Bis zu der Tür, hinter der ich Oooliiii wittern konnte. Das Herrchen nahm mich an die Leine. Ich war ich widerspenstig. Bremste mit den Pfoten. Bis ich begriff, dass Karsten wieder mal das andere Männchen nicht riechen konnte. Dabei stank es nach Oooliiiis Anwesenheit. Nach der Präsenz des Bösen. Natürlich hätte ich noch ewig die Tür ankläffen können, aber auf diese erniedrigende Lassie-Nummer hatte ich wirklich keine Lust.

Während ich die Treppe nach unten sprang, wurde mir klar, dass ich langsam begann, das Spiel zu bestimmen. Oooliiii fiel nichts mehr Neues ein. Vermutlich war Plan A der Felsen in Greiz. Und Plan B das Gift im Bier. Jetzt griff er auf alte Ideen zurück. Er improvisierte. Wurde leichtsinnig.

Wir fuhren zur Burgruine Reichenfels 11 . Idyllisch gelegen mit einem Baum-Lehrpfad. Hundeparadies mit der Möglichkeit, an verschiedene Baumarten zu pinkeln. Unterhalb der Burg gab es einen Steinbruch. Ich konnte mir zusammenreimen, was das bedeutete: Diesmal würde kein Stein von oben kommen, sondern Karsten sollte in die Tiefe stürzen.

Aber diesmal würde ich so aufmerksam sein, wie man es vom besten Freund des Menschen erwartete. Und Herrchen half mir dabei: Er nahm mich von der Leine. Während er mit Frauchen Hand in Hand den steilen Zugang zur Ruine hochging, büchste ich aus. Unbemerkt. Britta und Karsten waren mit der Idylle beschäftigt. Den Bäumen. Dem Licht. Der Ruhe. Wir Hunde sind nicht so romantisch veranlagt. Ich folgte dem Geruch. Oooliiiis Geruch. Ich kam zu einem Holzzaun, an dem ein Warnschild befestigt war:

›Betreten verboten! Lebensgefahr!‹

Mit einem Satz sprang ich über den Zaun.

Oooliiii versteckte sich hinter einem Baum.

»Mistvieh«, zischte er. »Was willst du hier?«

Leider kann ich nicht reden. Sonst hätte ich was Cooles gesagt. »Yippie-ya-yeah, Schweinebacke!« beispielsweise.

Ich sprang Oooliiii an. Einen wunderbaren Moment lang war er sehr erstaunt, taumelte, machte einen Schritt zurück und stürzte in die Tiefe – während ich sicher auf allen vieren vor dem Abgrund aufkam. Ihm hinterher sah. Er schrie nicht einmal wirklich. Nur ein Geräusch, als hatte er sich verschluckt.

Ich lief zurück zu Herrchen und Frauchen.

Beide begrüßten mich freudig, als ich ihnen auf der Brücke zur Ruine entgegenkam.

»Wo bist du denn gewesen?«, fragte Herrchen lachend.

Während wir an dem Holzzaun vorbeigingen, blieb Frauchen etwas zurück und warf ihr Smartphone über die Latten. Deutlich sichtbar lag es auf dem kurzen Weg, der zum Steinbruch führte.

Übertrieben laut stöhnte sie auf: »Mein Gott!«

Karsten drehte sich um. »Was ist denn?«

»Mein Smartphone ist weg.«

Sie begannen es zu suchen. Karsten entdeckte es hinter dem Holzzaun.

»Steig nicht drüber«, sagte Britta. »Da steht Lebensgefahr.«

Karsten kletterte über den Zaun und brachte ihr das Smartphone zurück. Unbeschadet. Beides: Gerät und Herrchen. Ich war stolz auf mich.

Frauchen starrte ungläubig. Mit offenem Mund. Sie checkte ihr Telefon. Keine Nachricht.

Auf dem Weg zum Parkplatz kamen wir an einem Rasenlabyrinth vorbei. Labyrinthe sind ein weit verbreitetes, uraltes magisches Symbol für einen langen, verschlungenen Weg zu einem bestimmten, schwer zu erreichenden Ziel. Der Weg symbolisiert den Lebensweg eines Menschen. Oder eines Hundes.

Das Reichenfelser Labyrinth hat einen Durchmesser von zehn Metern, aber beim Begehen legt man einen Weg von zweihundert Metern zurück. Das Herrchen und ich sind einfach quer drüber getollt. Gesprungen. Gerannt. Waren nicht achtsam. Hatten Spaß. Waren am Leben. Mit einer Katze kann man so was nicht machen.

Am Abend bekam ich einen Knochen. Ich hatte ihn mir verdient.

Ich heiße Buddy und passe auf.

Freizeittipps:

1 Bio-Seehotel Zeulenroda: Vier-Sterne-Hotel mit Seeblick und eigenem Strand, das sich umweltbewusstes und klimaneutrales Handeln auf die Fahnen geschrieben hat. Trotzdem kommt der Wohlfühlfaktor nicht zu kurz: Das Haus bietet spannende Arrangements sowohl für Tagungen als auch für den Familienurlaub. Passend zum ganzheitlichen Ansatz steht Wellness gleichberechtigt neben kulinarischen Angeboten. Direkt am See gibt es einen Biergarten. Und natürlich (ganz wichtig): Hunde sind willkommen!

2 Talsperren-Weg Zeulenroda: Leichte, aber relativ lange Wanderung (25 Kilometer) rund um das Zeulenrodaer Meer. Die Talsperre gehörte zu einem System von vier Talsperren, das die Trinkwasserversorgung für Ostthüringen sicherte. Am 1. September 2012 wurde der Trinkwasserstatus aufgehoben. Seitdem entsteht dort ein Naherholungsgebiet mit verschiedenen Angeboten. Der Rundwanderweg verläuft gemütlich und eben durch dichten Wald, über Felder und direkt am Seeufer entlang. Für Abwechslung und schöne Ausblicke ist gesorgt.

3 Osterburg Weida: Mit 54 Metern ist der sehr eigentümliche Turm der Osterburg der dritthöchste erhaltene Bergfried Deutschlands (lässt sich gut anbellen). Eine Gedenktafel in der Burganlage erinnert daran, dass hier die Südgrenze des skandinavischen Inlandseises während des Quartärs verlief. Weida gilt als die Wiege des Vogtlandes. Der jährliche Weidsche Kuchenmarkt ist ein Marktfest mit hoher Anziehungskraft.

4 Schlösser in Greiz: Mehr darüber im Beitrag Snuff-Mobbing von Manfred Köhler.

5 Badewelt Waikiki Zeulenroda: Wasserfreizeitparadies mit Südseeflair, Strand-Cocktails und vielen Attraktionen in tropischer Umgebung.

6 Rathaus Zeulenroda: Der klassizistische Bau ist für eine Stadt von der Größe Zeulenrodas … nun, sagen wir mal: Sehr imposant! Angeblich fand sogar Goethe das Gebäude beeindruckend. Auf dem Turm des Rathauses befindet sich eine Themis-Statue (die griechische Göttin der Gerechtigkeit), die von den Einheimischen ›Gette‹ genannt wird.

7 Karpfenpfeifer-Brunnen Zeulenroda: Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus zeugt der Karpfenpfeifer-Brunnen von der bekanntesten Sage der Stadt, nach der die Zeulenrodaer Bürger auf die wenig schmackhaften Karpfen der Herren von Greiz gepfiffen haben. Die Fische des Karpfenpfeifer-Brunnens lassen sich übrigens wunderbar anbellen.

8 Pfarrkirche St. Veit Wünschendorf: Die über 1000-jährige Pfarrkirche St. Veit gehört zu den ältesten Kirchen Thüringens. In der Grünanlage um die Kirche kann der Besucher zwischen alten Gräbern seiner Melancholie nachgehen oder einen schönen Blick ins Elstertal genießen.

9 Wünschendorfer Holzbrücke: Die überdachte, ca. 73 Meter lange Holzbrücke über die Weiße Elster wurde 1786 gebaut. Eine erste Anlage geht bereits bis in das 13. Jahrhundert zurück.

10 Kloster Mildenfurth Wünschendorf: Das Kloster Mildenfurth gilt als eines der ältesten Klöster des Vogtlandes und war einst ein beliebter Wallfahrtsort. Leider ist das Kloster in einem renovierungsbedürftigen Zustand. Direkt daneben befindet sich das Atelier des renommierten Künstlers Volkmar Kühn. Mit seinen beseelten Skulpturen im Klostergarten und im Bauch des Klosters hat er ein bizarres Reich geschaffen, das zu Expeditionen einlädt. Mein Herrchen war begeistert. Leider finden sich auch Katzen als Skulpturen und leibhaftig (!) auf dem Gelände.

11 Burgruine Reichenfels (Hohenleuben, Ortsteil Reichenfels): Romantische Ruine mit schöner Aussicht in die vogtländische Landschaft. Ein Museum auf dem Gelände beheimatet unter anderem die älteste und mit rund 35.000 Bänden umfassendste wissenschaftliche Bibliothek heimatgeschichtlicher Literatur des gesamten deutschsprachigen Raumes. Außerdem wartet auf die Besucher das Rasenlabyrinth (besonders gut geeignet zur Paar-Therapie).

Rosa muss weg
Petra Steps

Für Alex war gerade eine Welt zusammengebrochen. Er musste untertauchen, weil er seinen Auftrag nicht erfüllt hatte. Dabei hatte er ein halbes Jahr nichts anderes getan, als sich mit Kartoffeln und der Vogtländischen Kartoffelprinzessin Rosa I. zu beschäftigen, um sie rechtzeitig verschwinden zu lassen. »Schaff mir diese Rosa weg«, hatte ihm der Boss damals am Telefon gesagt. Spätestens beim Treffen der Majestäten im Mai in Rehau sollte sie verschwunden sein. Von ›für immer‹ war keine Rede gewesen. Dafür hätte das Honorarangebot auch gar zu lausig ausgesehen. Überhaupt hatte sich sein Auftraggeber sehr bedeckt gehalten und sich nur auf einen Befehl von höchster Stelle berufen. Jetzt war Alex diese »höchste Stelle« auf den Pelz gerückt. Und sie sprach ein verdächtiges Deutsch mit russischem Akzent. Ihm schwante ganz langsam, worauf er sich eingelassen hatte. Zwar stammte er selbst aus Russland, hatte jedoch das Land als Kind verlassen und war in Deutschland heimisch geworden. Oder das, was man hier heimisch nannte. Die Schule hatte er mit Ach und Krach geschafft, nach einer Lehrstelle vergeblich gesucht. Seit Jahren schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Mitunter waren das auch schmutzige Jobs wie der Auftrag um diese verdammte Kartoffel-Show. Nach einem halben Jahr Arbeit hatte er gedacht, dass endlich der dicke Umschlag mit der Erfolgsprämie eintreffen würde. So lange hatten ihm die Auftraggeber Zeit gelassen. Statt der Kohle hatte er gestern eine Morddrohung im Briefkasten gefunden. Der Anrufbeantworter hatte die Nachhaltigkeit dieser beunruhigenden Gebärde dokumentiert. Und Rosa war tot.

Alex dachte nach. Irgendetwas musste er bei dem Auftrag falsch verstanden haben, nur was?

Ende November hatte er angefangen, sich mit der Kartoffel, ihren Hoheiten und dem Vogtland zu beschäftigen. Dabei war ihm schnell klar geworden, welchen Stellenwert die tolle Knolle bei den als zänkisches Bergvolk verschrienen Vogtländern hatte. Die Vogtländer – ein Völkchen im Vierländereck Sachsen/Thüringen/Bayern und Böhmen, das nur zögerlich seine Gemeinsamkeiten begriff. Die Kartoffel war ein verbindendes Element, denn als der Alte Fritz den Kartoffelanbau per Dekret verordnet hatte, futterten die Vogtländer längst Kartoffelsuppe und grüne Klöße. Sie waren eine ganz besondere Symbiose eingegangen, die Vogtländer und ihre Erdäpfel. Das hatte Alex bei seinen Recherchen erfahren, denn ohne gründliche Vorbereitung ging er niemals an einen Auftrag.

Er hatte das Internet nach Informationen zu Rosa durchforstet. In schillernden Farben war ihre Wahl zur ersten Kartoffelprinzessin des Vogtlandes beschrieben worden. Die junge Frau war nach dem Studium in ihre Heimat zurückgekehrt und hatte in einer Agrargenossenschaft mit Kartoffelanbau zu arbeiten begonnen. Ihr Wirkungskreis lag in der Nähe des Vogtländischen Knollensteiges 12 , den die Mitglieder des Vogtländischen Knollenrings als lehrreichen Wanderweg zwischen Hundsgrün und Tirschendorf angelegt hatten.

Um die Kartoffelprinzessin kennenzulernen, hatte sich Alex für die über acht Kilometer lange Wanderung angemeldet und war an einem Samstagmorgen extra mit der Vogtlandbahn nach Hundsgrün gefahren. Er hätte sie auch ohne ihr gold-weißes Kleid mit schwarz-gelber Schärpe erkannt. Dafür hatte ihr rotgoldenes Haar gesorgt, das wie brennendes Kartoffelkraut in der Abendsonne leuchtete. Inzwischen wusste er, dass die anderen Hoheiten mit ihren blonden Fäden oder den braunen Pferdeschwänzen langweilig aussahen im Vergleich zur Herrin der Knolle aus dem Vogtland. Damals hatte er aufpassen müssen, dass er sich nicht in sie verliebte, denn so etwas war bei Jobs wie diesem grundsätzlich tabu.

Eine frühere Schulfreundin hatte er zur Kartoffel- und Weinverkostung der besonderen Art in Gündels Kulturstall 13 eingeladen, weil die Prinzessin dort einen ihrer legendären Auftritte hatte. Das war schwer genug bei einer kabarettistischen Veranstaltung, die mit so viel Begeisterung gestaltet wurde. Sie hatte es trotzdem geschafft, durch ihr brillantes Wissen gepaart mit natürlichem Charme. Wegen seiner weiblichen Begleitung war Alex unter den anwesenden Paaren kaum aufgefallen. Eigentlich waren Kartoffeln mit Quark oder Leberwurst und Wein so gar nicht sein Ding, aber er hatte sich im umgebauten Kuhstall wohlgefühlt und es den anderen Gästen gleichgetan. Drei Stunden hatte das Programm gedauert, bei dem die Hausband Vinotheker Kartoffeln und Wein besang oder besprach. Bei der Führung des Hausherrn durch den Weinkeller war Alex wie zufällig mit der Prinzessin ins Gespräch gekommen. Er war sicher, dass Rosa ihn nicht wiedererkennen würde, wegen der Dunkelheit im Gewölbekeller. Und wenn, dann würde er sich etwas einfallen lassen.

Im zweiten Schritt seiner Vorbereitungen hatte er sich um die anderen Hoheiten gekümmert, zumindest virtuell. Er hatte Kartoffelprinzessinnen in Westfalen und im Odenwald gefunden, in Niedersachsen und im Münsterland, in Rotenburg und im Kartoffeldorf Heichelheim bei Weimar. Es gab die Rheinische Kartoffelkönigin und die Bayrische, die Genthiner Hoheit und die Wolfsburger. Einige Regionen hatten gleich beides – Prinzessin und Königin. Und nun sollte es in Rehau die Jubiläums-Wahl der gesamtdeutschen Hoheiten geben. Die Bestimmung des Austragungsortes kam nicht von ungefähr. Im Rehauer Ortsteil Pilgramsreuth 14 soll Hans Rogler 1647 die ersten Kartoffeln im Vogtland angebaut haben. Ein Denkmal gleich neben der Kirche erinnert daran. Alex hatte im Winter eine Recherchetour unternommen. Dabei hatte er sich die beiden Figuren mit dem Kartoffelkorb gut angeschaut. Die Frau buckelt auf den Knien im Acker und liest die Kartoffeln in den Korb. Der Mann steht hinter ihr, auf einen Stock oder ein Grabegerät gestützt. Der große Interpretationsspielraum hatte ihn noch während der Rückfahrt beschäftigt. Alex hatte gelesen, dass der vogtländische Kartoffelanbau sogar noch älter sein könnte, als es die Jahreszahl auf dem Denkmal vermuten ließ. Es hieß, dass der Pilgramsreuther Bauer sein Saatgut aus Roßbach im Ascher Ländchen mitgebracht haben soll, also aus dem böhmischen Zipfel des Vogtlandes. Alex hatte gestaunt, was die Kartoffel im Vogtland lange vor dem Kartoffelbefehl von Friedrich dem Großen im Jahre 1756 für eine Bedeutung hatte. Tatsächlich hatten die Vogtländer als Erste in Deutschland den feldmäßigen Anbau der Kartoffel betrieben und nicht die Preußen, wie es landläufig hieß! Mehr als 100 Jahre früher. Griegeniffte, also Grüne Klöße, Bambes, eine Art Kartoffelpuffer und Kartoffelkuchen frisch aus der Röhre halfen schon gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, die Hungersnot zu lindern. Clever waren sie, diese Vogtländer, fand Alex. 2012 hatten die Rehauer dem Alten Fritz posthum ihren Ehrenpreis ›Goldene Kartoffel‹ verliehen und damit für Wirbel in ganz Deutschland gesorgt. Dass der Geehrte nicht persönlich erscheinen konnte, war nebensächlich. Es wurde in allen Gazetten über die Vogtländer als Kartoffelpioniere geschrieben, Fernseh- und Rundfunkreporter hatten über das Ereignis berichtet, nur das zählte.

Sein Wissen sollte Alex helfen, als es im Mai ernst wurde. Die Aufgabe war für ihn klar umrissen. Rosa I. sollte weg und den Titel der Deutschen Hoheit nicht erringen. Zum Glück war der Winter mild gewesen, als Alex sich schon einmal in Rehau und Umgebung umgeschaut hatte. Der Große Kornberg 15 hatte wegen des gut sichtbaren Gipfels mit dem ehemaligen Aufklärungsturm der Bundeswehr sein Interesse geweckt. Als er dorthin gefahren war, hatte Schnee gelegen. Alex hatte einen Weg gesucht, auf dem er möglichst nah an den Berg herankommen konnte. Sein Smartphone hatte ihm Auskunft gegeben und den Zugang über Dörflas bei Kirchenlamitz empfohlen. Dort hatte er vergeblich nach einem Parkplatz Ausschau gehalten und seinen Wagen in einer Seitenstraße abgestellt, ehe er den mit einem roten Viereck und einem N markierten Nordweg des Fichtelgebirgsvereins 16 eingeschlagen hatte. Bei der Beschreibung hatte er etwas von einer Ruine namens Hirschstein gelesen. Er hatte erkunden wollen, ob sich die Ruine als Versteck für Rosa eignete. Bei ziemlich miesem Wetter hatte er den Aufstieg durch den Wald begonnen. Der Karte am Fuße des Berges fehlten die Entfernungsangaben. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er einen Pfeil gefunden, der die Richtung zu den Zigeunersteinen zeigte. Ehe er sich die Frage nach der politischen Korrektheit des Namens stellen konnte, hatte er den Wackelstein 17 entdeckt, neben dem ein dünner Baumstamm lag. Alex kannte Wackelsteine von anderen Orten. Meist waren dort Schilder angebracht, die das Phänomen erklären und Tipps für die Technik zum Bewegen des Steins gaben. Das hatte er hier vermisst. Überhaupt hatte er die Nase voll von dem Fußmarsch, denn eine Ruine, die so weit von der öffentlichen Straße entfernt war, eignete sich kaum als Versteck. Wie hätte er Rosa dorthin bringen sollen, ohne sich verdächtig zu machen? Er war zum Auto zurückgegangen und hatte eine andere Zufahrt zum Berg gesucht.

Unterwegs in Richtung Schönwald war ihm ein Schild mit der Aufschrift Schloss Sophienreuth 18 aufgefallen. Von Weitem war ihm das Gebäude leer erschienen, doch auf dem Weg hatte er ein altes Konzert-Plakat erblickt. Er konnte also nicht sicher sein, dass er im Mai hier allein war. Deshalb war er weitergefahren. Nach kurzer Zeit hatte er bemerkt, wie sein Magen knurrte. Im Örtchen Grünhaid hatte er direkt an der Straße zwei Gaststätten, eine Freizeitanlage und einen Campingplatz 19 entdeckt. Überrascht war er von dem Ferienschiff mitten im Binnenland, das man für seinen Aufenthalt mieten konnte. Er hatte sein Auto auf den Parkplatz gelenkt und sich in das Restaurant auf der gegenüberliegenden Seite begeben. Ein Schnitzel mit Pommes und ein leichtes Weizen später war er weitergefahren, um nahe dem leider geschlossenen Gasthaus Vorsuchhütte am Kornberg zu parken. Beim Mittagstisch hatte er gehört, dass der Aufstieg auf dieser Seite des Großen Kornbergs wesentlich kürzer war, vor allem wenn man die neu geschaffene Skipiste 20 benutzte. An der Kornberghütt’n gleich neben der Piste hatte er sich ein Heißgetränk geholt und beschlossen, die Gegend im Frühjahr weiter zu erkunden. Auf dem Rückweg war ihm die etwas abseits gelegene Unterkunft der Bergwacht Rehau aufgefallen. Dabei hatte er die erste zündende Idee, seit er in der Gegend unterwegs war. Im Mai würde es hier keinen Schnee und keinen Liftbetrieb mehr geben. Die Bergwacht dürfte also keinen Dienst mehr schieben. Er hatte die GPS-Koordinaten der Hütte in seinem Smartphone gespeichert und vergnügt die Heimreise angetreten. Die verbleibende Zeit bis zum Hoheitstreffen im Mai nutzte er für umfangreiche Recherchen und ein paar Begegnungen mit Rosa im Rahmen von größeren Events, bei denen sie ihn möglichst nicht wahrnehmen sollte.

Als er Anfang April nach Rehau zurückgekehrt war, startete er sofort zu einem ersten Rundgang durch die Altstadt. Er wollte die Stadt und das Umfeld recht genau kennen, bevor die Kartoffel-Hoheiten das Terrain in Besitz nehmen und ihre Wettbewerbsaufgaben erfüllen würden. Hatte er auf der Autobahn noch nichts mit dem Schild ›Rehau Modellstadt Bayerns‹ 21 anzufangen gewusst, so war ihm hier schnell klar geworden, dass die Straßen und Plätze ein Ergebnis von Entwürfen auf dem Reißbrett waren. Am Maxplatz befanden sich mehrere Tafeln, die von den großen Stadtbränden berichteten. Nach dem letzten Stadtbrand 1817 war die Stadt neu angelegt worden, was man mit Kenntnis des Stadtplanes genau nachvollziehen konnte. Alex hatte in Erwartung üppiger Spesen im besten Haus am Platz übernachtet, um sich am nächsten Tag auf Museumstour zu begeben. Nach dem Gewaltakt mit Besichtigung der Museen am Maxplatz, der Mechanischen Werkstätte am Angergässchen 22 und des Kunsthauses samt Skulpturengarten 23 hatte er den Abend bei fränkischem Bier und Rehauer Bratwürsten mit Sauerkraut verbracht. Er war früh zu Bett gegangen, denn sein Programm für den nächsten Tag war gespickt mit mehreren Stationen, die er abfahren oder ablaufen wollte.

Sein Weg hatte ihn erneut zum Großen Kornberg geführt. Dort angekommen, hatte er den Aufstieg über die Piste genommen und war so zur Schönburgwarte auf dem Gipfel gelangt. Von der Plattform des Turmes aus war sein Blick zuerst am Horizont entlang und dann ins Tal geschweift. Seine Winterentdeckung war ihm als Versteck für die Kartoffelprinzessin aus dem Vogtland immer noch brauchbar erschienen. Nun musste er nur noch die Rehauer Kartoffeltage abwarten und im passenden Moment zuschlagen. Die Stadt war bereits mit Werbung überhäuft. Überall lagen Faltblätter und hingen Plakate. Jeder wollte irgendwie dabei sein. Am Morgen hatte er sich an der Information im Mehrgenerationenhaus am Maxplatz nach dem Programm der Kartoffeltage und der Hoheiten erkundigt und einen kurzen Ablaufplan erhalten. Höhepunkt des Festes sollte der Samstagabend mit dem großen Fest und der Auszeichnung der Hoheiten sein, doch der würde ohne Rosa stattfinden. Dessen war er ganz sicher. Bis zu seinem großen Auftritt waren es noch knapp sechs Wochen. Die hatte er zu Hause oder mit kleineren Aufträgen verbracht.

Alex war bereits zwei Tage vor den Hoheiten in Rehau angereist und hatte sich die wichtigsten Stationen der Kartoffel-Rallye angeschaut. Einige kannte er schon von seiner Recherchetour. Der Volontärin des Organisationsbüros hatte er bei einer Piña Colada Einzelheiten zu den Aufgaben entlockt. Er konnte kaum fassen, wie einfach das gewesen war. Mit ein paar billigen Komplimenten hatte er sie an die Bar des Hotels eingeladen, als er sie nach einer Besprechung zu den Hotelbuchungen allein in der Lobby gesehen hatte. »Ich warte auf unseren Teamleiter. Wir wollen noch ein paar Dinge für die Wahl der Königin besprechen«, hatte sie ihm bereitwillig erzählt, nachdem er sich zu ihr gesetzt hatte. Der Teamleiter verspätete sich, dafür sprudelten die Neuigkeiten wie aus einer Quelle, und Alex musste sie nur aufsaugen. »Stell dir vor, die müssen ganz blöde Aufgaben erledigen, mit Kunst und so. Was das mit den hässlich braunen Knollen zu tun hat, weiß ich nicht, aber ich esse eh keine Kartoffeln. Und Bilder oder gar Schriftsteller interessieren mich überhaupt nicht. Mein Freund, der fährt eine Harley…«, quasselte sie weiter und nahm die Nachfragen von Alex kaum wahr.

Ein bisschen sehr blond, dachte sich der und hatte nach einem Glas genug von der hirnlosen Schönheit.

An den folgenden Tagen waren die Prinzessinnen und Königinnen nach und nach in Rehau angekommen und hatten sich mit dem Ort und ihren Aufgaben vertraut gemacht. Manche Dinge waren einfach lächerlich, aber bei solchen Veranstaltungen normal. Anfangs war jede Hoheit auf sich selbst gestellt. Dann standen sogenannte kollektivbildende Maßnahmen im Mittelpunkt des Treibens. Zum Abschluss sollten die Hoheiten auf einer interaktiven Karte Standorte des Kartoffelanbaus mit belastbaren Jahreszahlen und Namen eintragen. Das hatte etwas Pennälerhaftes.

Alex hatte Rosa einen ganzen Tag lang so unauffällig wie möglich verfolgt. Die Hoheiten sollten mithilfe ausgewählter Rehauer aus den von zu Hause mitgebrachten Kartoffelrezepten etwas kreieren. Sie musste den Küchenchef vom Mehrgenerationenhaus am Maxplatz nicht lange zum Mitmachen überreden. Die Rehauer Kochkünstler waren durch das Orgbüro unterrichtet und kannten die Anforderungen besser als die Themenadligen, die gerade Neuland betreten hatten. Als der Küchenchef gehört hatte, dass Rosa nahe der Rehauer Partnerstadt Oelsnitz wohnte und arbeitete, sagte er sofort zu. Neben vogtländischer Kartoffelsuppe und Rouladen mit grünen Klößen gehörten Quarkkeulchen als Dessert zu ihrem Drei-Gänge-Menü, das wie die Kreationen der anderen Hoheiten gemeinsam verkostet und bewertet wurde. Zuvor hatte Rosa im Kunsthaus eine Ausstellung mit konstruktiver Kunst besichtigt. Laut Aufgabenstellung war dort ein Kunstwerk auszuwählen, das die Kandidaten in einer schriftlich fixierten Interpretation mit der runden Knolle verbinden sollten. Rosa hatte eine Installation aus verschiedenen geometrischen Figuren ausgewählt und ihnen den Weg der Kartoffel ausgehend von der Entdeckung in Südamerika bis zum heutigen Anbau in fast ganz Deutschland zugeordnet. Mit der konkreten und visuellen Poesie im Kunsthaus hatte der nächste Auftrag nicht unmittelbar zu tun. Rosa vermutete jedoch, dass die Jury durch das Museum oder das Wort Poesie inspiriert worden war. Ein Kartoffelgedicht sollte geschrieben werden, möglichst eins, das man als Liedtext verwenden konnte. Das Dichten lag Rosa nicht so. Die Kartoffel in eigene Verse zu pressen, war ihr deshalb gründlich misslungen. Es war eher ein ›Reim dich oder ich fress dich‹-Gedicht entstanden. »Kartoffeln haben alle gern, egal ob nah oder fern. Die Mama kocht die tolle Knolle, der Papa futtert sich den Bauch ganz volle …« Siegverdächtig klang das nicht, aber die Aufgabe war erfüllt. Im Jugendzentrum sollte sie mindestens sechs Kinder und Jugendliche gleichzeitig mit dem Thema Kartoffel beschäftigen. Dafür hatte sie ein paar Kartoffeln, Pinsel, Stofffarbe und weiße T-Shirts geordert. Sie ließ die Teilnehmer Kartoffelstempel schnitzen und die Shirts damit bedrucken. Alle hatten ihren Spaß. Dann wurden gemeinsam Begriffe gesucht, die mit Kartoffeln in Verbindung standen. Alex hatte unauffällig zugehört, wie die Einheimischen Rosa Worte zuriefen, die sie notierte. Am Ende hatte sie die stattliche Anzahl von 317 Wörtern in ihrem Notizbuch stehen. Das musste erst einmal jemand nachmachen! Bratkartoffeln, Salzkartoffeln, Pellkartoffeln, Kartoffelkönig, Kartoffelhaus, Kartoffelkäfer, Kartoffelacker, Kartoffelsorte, Kartoffelturm … Es gab so viele Kartoffelwörter! Auch ein paar sinnlose Begriffe wie Kartoffelbraut oder Kartoffelreichtum waren dabei. Der Begriff Reichtum hatte Alex wieder an den Grund seiner Anwesenheit erinnert.

Es war bereits dunkel gewesen, als Rosa nach dem abendlichen Treffen der Hoheiten zu ihrer Unterkunft laufen wollte. Sie hatte ihr Zimmer etwas außerhalb gebucht und für den niedrigen Preis lieber ein paar Minuten Fußmarsch auf sich genommen.

Alex hatte in einer Seitenstraße auf die Prinzessin gewartet und ihr einen in Chloroform getränkten Lappen ins Gesicht gedrückt. Es dauerte nicht lange, bis Rosa bewusstlos in seine Arme gesunken war. Er nahm das Fliegengewicht auf den Arm und ging damit die paar Schritte bis zum Auto. Dort setzte er Rosa behutsam auf den Beifahrersitz, schnallte sie an, erneuerte den Chloroformlappen und fuhr mit ihr zur Bergwacht am Kornberg. Bei seinem letzten Besuch hatte er sich auf der Rückseite Zugang verschafft und den Zweitschlüssel mitgehen lassen. Ein paar Lebensmittel hatte er bei seinem Kontrollgang vor zwei Tagen vorsichtshalber hier gelagert. Die Fesseln und den Knebel legte er Rosa ziemlich locker an, denn er wollte sie nur vorübergehend aus dem Verkehr ziehen und nicht umbringen.

Der Ausflug und das Fest am Samstagabend hatten wie von ihm geplant ohne Rosa stattgefunden. Ihr Verschwinden war erst nach der Tour in den Ortsteil Pilgramsreuth aufgefallen. Mitarbeiter des Organisationsbüros hatten sich im Hotel umgehört und erfahren, dass die Kartoffelhoheit ihr Bett in der letzten Nacht nicht benutzt hatte. Rosa war weg, ihr Handy ausgeschaltet. Die Show war ohne sie weitergegangen. Alex hatte sich darauf verlassen, dass sie innerhalb kurzer Zeit am Kornberg gefunden werden würde. Seinen Auftrag glaubte er erledigt, denn die Wahl der Deutschen Kartoffelkönigin konnte Rosa nicht mehr beeinflussen. Das Vogtland hatte wieder einmal verloren. Alex auch, nur wusste er das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Als er das Hotel verließ, wartete der nächste Gast bereits darauf, dass sein Zimmer frei wurde. Er gehörte zur Journalistenmeute, die deutschlandweit über ein besonderes Ereignis berichtete. Nach der Morddrohung hatte Alex Rosa und Pilgramsreuth in die Internetsuchmaschine eingegeben. Fassungslos hatte er auf die vielen Einträge geblickt. Er hatte mehrere Meldungen gelesen und sich den Rest zusammengereimt. Inzwischen schwante ihm etwas.

Am Tag nach der Krönung hatten sich die Hoheiten erneut auf Pilgramsreuther Flur begeben. Dort wurde das Legen der Kartoffelsorte Rosa mit einem zünftigen Frühschoppen gefeiert. Die Sorte mit der roten Schale und dem weißen Fleisch liebten die Bauern wegen des hohen Ertrags. Trotzdem sollte sie von den Äckern verschwinden. Das Unternehmen Knollo Knollanum hatte viel Geld investiert, um vorhandene Saatkartoffeln aufzukaufen und zu vernichten. Der Kartoffel-Mogul wollte eine Neuzüchtung auf den Markt bringen, an der er etliche Jahre experimentiert hatte. Viele Bauern waren bereits auf seine vollmundigen Versprechen hereingefallen und hatten Rosa fast freiwillig aus ihrem Anbauprogramm verbannt, andere gegen gewisse Geschenke. Nur die Pilgramsreuther hatten sich gegen ihn aufgelehnt, als er Rosa aus dem Katalog gestrichen hatte.

Das alles musste Alex irgendwie entgangen sein. Dafür dauerte es nicht lange, bis Knollo Knollanum den Irrtum seines Kartoffelkillers bemerkt hatte. Statt einer Bezahlung ließ er ihm Morddrohungen schicken. Bei seinen Nachforschungen hatte Alex auch erfahren, was seiner Kartoffelprinzessin widerfahren war. Rosa I. wurde nach drei Tagen in ihrem Gefängnis auf Zeit gefunden. Ihr Tod war der Aufmacher des Lokalblattes. Auch die überregionalen Zeitungen berichteten vom Schicksal der Vogtländerin. Was mit Rosa geschehen war, konnte sich Alex nicht erklären. Die Presse hatte keine Einzelheiten veröffentlicht. Das deutete auf ein Gewaltverbrechen hin. Entweder hatte sie sich saudumm angestellt, oder es gab den großen Unbekannten. ›Es kann nur jemand dort gewesen sein und sie umgebracht haben‹, redete er sich immer wieder ein, denn er hatte sie ja nur vorübergehend aus dem Verkehr ziehen wollen. Alex hatte seinen Auftraggebern nach reiflicher Überlegung ein Angebot gemacht und um eine zweite Chance gebeten, während die Kartoffelsorte Rosa den Siegeszug auf den Feldern um Rehau antrat und seine Beteuerungen lächerlich erscheinen ließ. Das große Geschäft von Knollo Knollanum war erst einmal gescheitert – am Zusammenhalt der Vogtländer in Oberfranken. Gescheitert war auch der Hobbykriminelle Alex, dessen Leiche an einem Saalewehr hängen geblieben war und erst im Hochsommer gefunden wurde.

Freizeittipps:

12 Vogtländischer Knollensteig: Der Vogtländische Knollensteig ist ein 8,1 Kilometer langer Kartoffellehrpfad, der vom Verein Vogtländischer Knollenring e. V. betreut wird. Er befindet sich im Vogtlandkreis zwischen den Ortschaften Hundsgrün und Tirschendorf. Auf 16 Tafeln erfährt der Besucher Wissenswertes über die Kartoffel und den Anbau im Vogtland.

13 Gündels Kulturstall: Im Reichenbacher Ortsteil Rotschau hat Familie Gündel einen Familienhof. Für die Inhaber steht alles im Zeichen der Kartoffel. Sie bauen ungezählte Sorten an und sichern damit die Erhaltung. Die traditionelle Kartoffelernte wie in Omas Zeiten sowie die Kartoffel- und Weinverkostungen der besonderen Art haben Kultcharakter. Im Kartoffelshop gibt es verschiedene Sorten zu kaufen. Beiträge des Kartoffel-TV auf der Website informieren über das aktuelle Geschehen. Gündels trifft man bei allen möglichen Aktivitäten rund um die Kartoffel, auch auf der Grünen Woche.

14 Pilgramsreuth: Pilgramsreuth ist ein beschaulicher Ortsteil von Rehau, der als Ursprung der vogtländischen Kartoffel gilt. Ein Denkmal im Kirchhof erinnert an den ersten Kartoffelbauern Hans Rogler, dessen Name in Verbindung mit dem Kartoffelanbau im Jahr 1647 schriftlich belegt ist. Die evangelisch-lutherische Pfarrkirche vereint gotische Fresken mit barocken Malereien und spätgotischen Holzfiguren.

15 Großer Kornberg: 827 Meter hoher Granitberg im Nordwesten des Fichtelgebirges unweit von Rehau, erkennbar durch den Aufklärungsturm der Bundeswehr aus der Zeit des Kalten Krieges. Wer die 114 Stufen der Schönburgwarte hochsteigt, kann bei entsprechendem Wetter eine wunderbare Aussicht genießen.

16 Wanderwege des Fichtelgebirgsvereins – Der Nordweg: Der Nordweg führt auf 65 Kilometer Länge von Kulmbach in Richtung Selb/Staatsgrenze zu Tschechien. Der hier beschriebene Teil verläuft von Niederlamitz/Dörflas über die Zigeunersteine und den Wackelstein zur Ruine Hirschstein und von dort weiter auf den Gipfel des Großen Kornbergs. Der Abstieg erfolgt über die gegenüberliegende Seite in Richtung Vorsuchhütte–Brunn.

17 Wackelstein: Wackelsteine sind Felsblöcke, die auf steinernem Grund aufliegen und sich mit wenig Muskelkraft bewegen lassen. Sie entstehen durch die Wollsackverwitterung, eine chemische und physikalische Zersetzung. Der Wackelstein am Kornberg ist aus Granit und etwa 250 Tonnen schwer.

18 Schloss Sophienreuth: Das Schloss wurde 1777 erbaut und ab 1871 durch den königlich-sächsischen Kammerherrn Armin auf Planitz bei Zwickau (Sachsen) umgestaltet. Nach einem Brand 1919 erfolgte der Wiederaufbau mit Erweiterung. Das Schloss kann in der Regel nicht besichtigt werden. Zum Komplex gehören zum Teil restaurierte Wirtschafts- und Nebengebäude sowie eine denkmalgeschützte Allee aus der Zeit um 1780. Um das Schloss führt ein Wanderweg von Rehau durch das Perlenbachtal nach Sophienreuth und über das Tännigstal und Fohrenreuth zurück.

19 Grünhaid: Ortsteil von Schönwald, direkt an der B 93 zwischen Rehau und Selb, mit dem Gasthof Turm inklusive Campingplatz samt Ferienschiff und Spielpark (teilweise Indoor). Der Spielplatz ist für Hotel-, Campingplatz- und Restaurantgäste kostenlos.

20 Skizentrum/Trail-Netz Großer Kornberg: 2012 neu gebauter Ski-Lift mit Flutlichtanlage, zwei Abfahrtsstrecken über 700 Meter und 17 Prozent Gefälle, der gleich unterhalb des Aussichtsturms Schönburgwarte beginnt. Dazu Kleinskilift mit Übungshang sowie gespurte Loipen. Anspruchsvolles Mountainbike-Gebiet – manchmal nicht ganz ungefährlich für Wanderer. Über den Kornberg verläuft die Grenze der Landkreise Hof und Wunsiedel/Fichtelgebirge. Der Berg befindet sich also nicht komplett im Vogtland, was Ausflügler jedoch nicht stören dürfte.

21 Modellstadt Rehau: Nach dem großen Stadtbrand 1817 im Folgejahr wiederaufgebaute Stadt. Baukonduktor Baumann entwickelte dafür am Reißbrett einen Plan nach neuesten städtebaulichen Erkenntnissen. Die Rehauer profitieren noch heute von der großzügig angelegten Innenstadt mit breiten Straßen, großen Plätzen, viel Grün.

22 Museen und Ausstellungen in Rehau: Museum am Maxplatz mit umfangreicher stadtgeschichtlicher Sammlung, Ascher und Schlesischer Heimatstube, Rossbacher Weberstube und dem Ascher Archiv. Die Mechanische Werkstätte Gelius erinnert an die Geschichte der Metallbearbeitung ab 1871. Hier lernte Dr. h. c. Hans Vogt (1890 bis 1979), einer der Erfinder des heute noch gebräuchlichen Lichttonverfahrens für Tonfilme.

23 Kunsthaus Rehau: Das Kunsthaus mit dem Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie und dem Archiv Eugen Gomringer gehört der Stadt Rehau. Es ist im früheren Schulhaus untergebracht. Ein gepflegter Skulpturenpark lädt zum Spaziergang ein.

Tod in Klein Sibirien
Maren Schwarz

Hätte sich Norbert Reichenberg an diesem Januartag einen Moment Zeit genommen, um auf die mahnende Stimme in seinem Kopf zu hören, wäre vielleicht alles anders gekommen. Stattdessen beschloss er seine Bedenken auf dieselbe Art zu ignorieren wie seine Skrupel. Dabei konnte Norbert sich eigentlich glücklich schätzen. Er besaß alles, was sich ein Mann wünschte: Einen gut bezahlten Job, eine liebevolle Ehefrau und zwei reizende Kinder. Und doch gab es da etwas, was ihn all das aufs Spiel setzen ließ. Es war der Reiz des Unbekannten. Jener ultimative Nervenkitzel, wie man ihn nur in Extremsituationen erlebte. Das dabei freigesetzte Adrenalin ließ ihn zu Hochtouren auflaufen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Ein Gefühl, das Norbert zum ersten Mal beim Bungeesprung von der Europabrücke erfahren hatte. So lebendig hatte er sich nie zuvor gefühlt. In diesem euphorischen Zustand war ihm Stefanie über den Weg gelaufen. Stefanie, die wie er die Gefahr liebte. Für die es keine Tabus gab und die ihm den besten Sex seines Lebens beschert hatte. Statt die Sache als einmaligen Ausrutscher zu betrachten, verliehen die seither an Stefanies Seite bestandenen Abenteuer seinem Leben einen völlig neuen Sinn. Diesmal wollten sie sich in einer abgelegenen Waldhütte treffen. Es war Stefanies Idee gewesen. Und Norbert hatte ihr zugestimmt. Auch wenn die damit verbundene Herausforderung nicht gerade das war, was er sich vorgestellt hatte. Was sollte bei einer Skitour schon Aufregendes passieren? Er hatte sich nur darauf eingelassen, weil ihm nichts Besseres eingefallen war. Zumal sie von Wildwasserpaddeln bis hin zum Wüstentrekking nahezu alles ausprobiert hatten. Das zu toppen, war nicht leicht.

Dabei sollte sich zeigen, dass das Wetter durchaus noch zur Herausforderung werden sollte. Als Norbert Reichenberg mit aufgedrehtem Gebläse von zu Hause losfuhr, lag die Außentemperatur bei minus 27 Grad. Der Wetterbericht warnte vor umfangreichen arktischen Luftmassen. Bei solchem Wetter schickte man normalerweise keinen Hund vor die Tür. Der Meinung war auch der Tankstellenangestellte, der gegen 18 Uhr im tschechischen Kraslice 24 sein Geld entgegennahm. Er sei seit mehreren Stunden der einzige Kunde, der sich bei diesem Wetter heraustraue, hatte er ihm in gebrochenem Deutsch zu verstehen gegeben. Doch Norbert ignorierte den besorgten Tonfall in seiner Stimme mit dem lapidaren Hinweis, dass so ein bisschen Kälte noch niemandem geschadet habe. Inzwischen hatte er den deutsch-tschechischen Grenzübergang passiert. Heute wollte Norbert nicht in die Rundkirche ›Zum Friedefürsten‹ 25 , wie bei seinem letzten Aufenthalt hier, als er mit seiner Frau das Weihnachtsoratorium gehört hatte. Nein, seine Absicht war ganz und gar nicht fromm. Nachdem er den Kreisverkehr auf Klingenthaler Seite hinter sich gelassen hatte, streifte sein Blick das Navi und seine Miene verdüsterte sich.

Ausgerechnet heute musste es ihn im Stich lassen. Zum Glück lag im Handschuhfach ein alter Straßenatlas. Doch sich anhand der Karten zu orientieren, war für Norbert, der sich bislang stets auf sein Navi verlassen hatte, gar nicht so einfach und deshalb auch gründlich schiefgegangen. Er war falsch abgebogen. Es dauerte eine Weile, bis er den Irrtum bemerkte. Statt der Hauptstraße in Richtung Aschberg mit seinem Wanderaussichtsturm 26 zu folgen, war er nach links zur Vogtlandschanze 27 gefahren, die er nur aus dem Fernsehen kannte. War er hier wirklich richtig? Hätte er nicht in Mühlleithen an Skilift und Sommerrodelbahn 28 vorbeifahren müssen? Als er ein paar Kilometer weiter das Ortseingangsschild von Muldenberg passierte, dem weit über seine Grenzen hinaus bekannten Flößerdorf 29 , wusste er, dass er sich verfahren hatte. Einen Moment lang erwog Norbert umzukehren. Ein Blick in die Karte zeigte ihm, dass er einen Umweg gefahren war. Doch der ließ sich wettmachen, indem er der Straße nach Hammerbrücke folgte. Der darauffolgende Ort hieß Jägersgrün. Von dort aus war es nur noch ein Katzensprung bis nach Rautenkranz. In der Frischhütte mit ihrer Bowlingbahn 30 hatte er einmal ein Wochenende mit seiner Clique verbracht. Befand sich in den Wäldern dazwischen nicht auch der Waldpark Grünheide 31 ? Obwohl es ein paar Jahre her war, konnte Norbert sich noch gut an das in der Nähe des Vogtlandsees 32 gelegene Kinder- und Jugenderholungszentrum erinnern. Es musste an die fünf Jahre her gewesen sein, dass sein Sohn in den Sommerferien an einem Fußballcamp in besagtem Waldpark teilgenommen hatte.

In diesem Moment tauchte vor Norbert das Ortseingangsschild von Rautenkranz auf. Dem Geburtsort von Sigmund Jähn, der am 26. August 1978 als erster Deutscher ins All gestartet war. Bevor Norbert den Kreisverkehr in Richtung Morgenröthe verließ, erhaschte er einen Blick auf das neue Gebäude der Deutschen Raumfahrtausstellung 33 . Kurz darauf kamen die ersten Häuser von Morgenröthe in sein Blickfeld. Der Ort lag abgeschieden im Tal der Großen Pyra und war bekannt durch die ehemalige Glockengießerei 34 . Das Industriedenkmal kannte er, doch heute konnte er es nicht sehen. Je weiter er vorankam, desto enger und unpassierbarer wurde die Straße, an deren Rändern sich der Schnee türmte. Es hatte die letzten Tage fast ununterbrochen gestürmt und geschneit. Inzwischen hatte sich der Schneefall zwar gelegt, dafür war es bitterkalt. Laut Wettervorhersage stand die kälteste Nacht des Winters bevor. Mittlerweile hatte Norbert die etwas weiter südlich im gleichen Tal gelegene Siedlung Sachsengrund 35 mit ihren malerischen Häusern erreicht. Endlich war Skifahren angesagt. Norbert stellte seinen Jeep an der Gaststätte Weidmannsheil ab. Als er die Autotür öffnete, schlug ihm ein Schwall arktische Luft entgegen. Die Kälte traf sein Gesicht wie eine Ohrfeige und trieb ihm Tränen in die Augen. Das war ja noch frostiger, als er befürchtet hatte. Schnell schloss er die Tür. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Sache abzublasen. Norbert hatte den Gedanken noch gar nicht zu Ende gedacht, als er ihn auch schon verwarf und sich einen Ruck gab. Das bisschen Kälte würde er die letzten Meter auch noch überstehen. Selbst das man Sachsengrund auch als Klein Sibirien bezeichnete, konnte ihn nicht mehr zurückhalten.

Ein Blick auf die Uhr am Armaturenbrett zeigte ihm, dass es kurz nach 19 Uhr war. Bevor Norbert ausstieg, studierte er nochmals die Karte, die Stefanie ihm zugemailt hatte. Eine dünne Linie schlängelte sich bergauf, zu einem mit Bleistift markierten Punkt, an dem sich die Hütte befand: schätzungsweise fünf bis sechs Kilometer von seinem jetzigen Standort entfernt. Eine Entfernung, die er jeden Morgen vor dem Frühstück lief. Das sollte zu schaffen sein. Er würde sich einfach die Skier anschnallen und loslaufen. Hauptsache, er blieb in Bewegung. Die Kälte, die sich durch seine mit Fleece gefütterte Kleidung fraß, trieb ihn zur Eile an. Er öffnete den Kofferraum, um die Langlaufskier herauszuholen. Während Norberts Atem in der eisigen Luft zu kleinen Wölkchen kondensierte, dachte er an ein prasselndes Kaminfeuer, an die Wärme einer Sauna, an gutes Essen und ein Glas Wein. Wie aufs Stichwort begann sein Magen zu knurren. Es war Stunden her, seit er etwas gegessen hatte. Ein Fehler, wie ihm jetzt bewusst wurde. Einen wehmütigen Augenblick lang sah er hinüber zu den hellerleuchteten Scheiben der nahe gelegenen Gaststätte. Das Essen würde warten müssen, bis er bei Stefanie war.

Als er beim Anlegen der Skier für einen Moment die Handschuhe auszog, biss ihn die Kälte in die Finger. Die Berührung mit dem Metall der Bindung jagte Gänsehaut über seinen Körper. Obwohl er gleich danach wieder seine Handschuhe anzog, bemerkte er ein leichtes Taubheitsgefühl in seinen Fingern. Da musste er jetzt durch, dachte er, während er nach einer Biegung talaufwärts einem geräumten Waldweg folgte. Ein schweißtreibender Aufwärtssprint sorgte dafür, dass wieder Blut in seine Finger gepumpt wurde und ihm der Schweiß das Brustbein und den Rücken hinunterrann. Eine Zeit lang kam er gut voran. So gut, dass er die nächste Serpentine abzukürzen beschloss, indem er direkt den bewaldeten Hang hinaufstieg. Während er sich durch den tiefen weichen Schnee vorankämpfte, erschien der Vollmond am Himmel und übergoss die Landschaft mit silbrigem Licht. Norbert dachte, dass es eine ideale Nacht zum Skilaufen war. Obwohl er sich zwischendurch immer wieder an der Karte zu orientieren versuchte, war er mittlerweile längst nicht mehr sicher, ob er sich noch auf dem richtigen Weg befand. Als er einen steilen Abhang hinunterfuhr, passierte es. Seine Skispitze berührte einen eingeschneiten Baumstamm. Norbert segelte mit dem Kopf voran durch die Luft und landete bäuchlings im Schnee. Für eine Weile lag er reglos da. Um ihn herum herrschte Totenstille, lediglich unterbrochen vom Pulsieren des Blutes in seinen Ohren. Sein Knöchel schmerzte und er hatte sich den Kopf angeschlagen. Am Schlimmsten jedoch war, dass sein rechter Ski beim Aufprall in die Brüche gegangen war. Schnee hatte sich unter seinen Schal geschoben und war aufgrund seiner Körperwärme geschmolzen. Nun rann ihm das Wasser über Nacken und Rücken. Augenblicklich begriff Norbert, dass er vor einem Problem stand. Wie sollte er ohne Skier durch den Meterdicken Schnee vorankommen? Für jeden anderen wäre das der Moment gewesen, zurückzukehren. Nur für Norbert nicht. Schließlich war es doch genau das, weswegen sie hergekommen waren. Er und Stefanie. Der Gedanke an seine Geliebte beschleunigte seinen Pulsschlag und pumpte Adrenalin durch seine Adern. Er musste daran denken, wie sie ihn in der Hütte erwarten würde. Im Kamin würde ein Feuer brennen und es würde nach Glühwein duften. Vielleicht gab es sogar ein Bärenfell, auf dem sie es treiben konnten. Die Vorstellung jagte ihm einen wohligen Schauer über den Rücken.

Vergessen waren die unangenehmen Begleitumstände. Wenn es nicht anders ging, würde er eben zu Fuß weitergehen. Schon der erste Schritt ließ ihn bis zu den Knien im Schnee einsinken. Ein Blick auf die Karte zeigte, dass es ihn viel Kraft kosten würde, zur Hütte zu gelangen. Wenn seine Berechnungen stimmten, hatte er noch mehr als die Hälfte des Weges vor sich. Dazwischen weit und breit nichts als Wald. Für einen kurzen Moment erwog Norbert, Stefanie anzurufen und ihr von seinem Missgeschick zu erzählen. Doch dann verwarf er den Gedanken. Zumal er sich nicht vorstellen konnte, dass er hier draußen Empfang für sein Handy hatte. Als er auf das Display blickte, wurde seine Vermutung bestätigt. Zum ersten Mal befielen ihn Bedenken, ob er unbeschadet aus der Situation herauskäme. Vielleicht sollte er besser umkehren? Am Ende siegte sein Kampfgeist. Stefanie würde ihm das nie verzeihen, wenn er jetzt zum Auto zurückgehen würde. Er zweifelte keinen Moment daran, dass sie in der Hütte auf ihn warten würde, um ihn nach Kräften für seine Strapazen zu entschädigen.

Inzwischen hatte die Kälte seinen müden Körper und seine schweißgetränkte Kleidung durchdrungen. Du darfst nicht schlappmachen, ermahnte er sich. Doch die Anstrengung kehrte sich jetzt gegen ihn. Die durch seine Bewegung geweiteten Kapillaren leiteten die Wärme seines Körpers über die Haut ab, und seine feuchte Kleidung wiederum gab sie rasch an die nächtliche Umgebung ab. Die Folge war, dass seine Körpertemperatur binnen weniger Minuten rapide sank. Seine Nacken- und Schultermuskeln spannten sich an und er begann zu zittern. Hände und Füße fingen vor Kälte an zu schmerzen. Obwohl sich Norbert durchaus der Gefahr bewusst war, in der er sich befand, kämpfte er sich mit verbissener Miene Meter um Meter durch den Schnee in Richtung Hütte. Das Laufen fiel ihm immer schwerer. Mit jedem weiteren Schritt nahm das Bewusstsein zu, dass es ein Fehler war, in dieser kalten Nacht draußen herumzulaufen. Schon längst hatte er keinen Blick mehr für die Schönheit der von gleißendem Mondlicht überfluteten Landschaft.

Zu spät begriff er, dass es falsch gewesen war, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Was waren Wildwasserfahrten, Bungeejumping oder ein Fallschirmsprung im Gegensatz zu dem hier? Norbert verfluchte seinen Leichtsinn, der ihn in diese Situation gebracht hatte. Er hätte besser auf den Wetterbericht hören und ihr Treffen absagen sollen. Allerdings war das leichter gesagt als getan. Schließlich wollte er Stefanie unbedingt sehen. Sie waren wie zwei Süchtige auf der Suche nach immer neuen Herausforderungen. Es war die Gefahr, die sie reizte. Deshalb waren sie jetzt hier. Nur dass Stefanie klüger gewesen war als er. Sie war bereits am frühen Morgen aufgebrochen. Zu einer Zeit, als sie das Tageslicht auf ihrer Seite hatte. Er hingegen war erst losgezogen, als es draußen bereits zu dämmern begann. Noch dazu in ein ihm völlig unbekanntes Gebiet. Und das bei der Kälte!

Obwohl Norbert einsah, dass er den Trip hätte besser planen sollen, ignorierte er die Stimme in seinem Kopf, die ihn zur sofortigen Umkehr mahnte. Statt ihr zu folgen, blieb er unentschlossen stehen und zog die Karte zurate. Er warf noch mal einen Blick drauf und schätzte ab, welchen Weg er nun einschlagen würde: Zurück zum warmen Auto oder weiter zur Hütte. Norbert rang mit sich. Inzwischen zitterte sein ganzer Körper, was dazu führte, dass er nicht mehr klar denken konnte. Sonst hätte er womöglich kehrtgemacht, um seiner eigenen Spur zurück zu folgen. So jedoch entschied er sich fürs Weiterlaufen. Wobei Herumirren passender gewesen wäre. Seine Muskeln waren kalt und verhärtet. Jeder Schritt wurde zur Herausforderung. Längst hatten Stefanie und ihr nackter Körper ihre Reize verloren. Er sehnte sich nur noch danach, endlich ins Warme zu kommen. Es verging eine weitere Stunde, die Norbert wie eine gefühlte Ewigkeit vorkam. Er war jetzt in dem Stadium, indem die ersten Ausfallerscheinungen einsetzten. Norbert hatte keinerlei Zeitgefühl. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es nach Mitternacht war. Er fragte sich, ob Stefanie schon nach ihm suchte. Würde sie ihn vermissen und sich um ihn sorgen? Es gelang ihm nicht, den Gedanken zu Ende zu führen. Kurz darauf schaute er wieder auf die Uhr. Er konnte sich die Ziffern nicht merken. Voller Verzweiflung ließ er sich in den Schnee fallen. Nur um sich gleich wieder aufzurappeln.

Komm schon, du schaffst das, sprach er sich Mut zu, während er auf allen vieren weiterkroch. Immer wieder sank er ein. Seine Körperwärme verlor sich im weichen Schnee, der ihn umfing. Inzwischen hatte er die Grenze zur mittelgradigen Unterkühlung unterschritten. Die Pumpleistung seines Herzens betrug jetzt nicht einmal mehr zwei Drittel der Normalleistung. Doch Halt! Was war das? Hatte da nicht jemand nach ihm gerufen? Er hob den Kopf, um zu lauschen. Aber das Ganze war nur eine Halluzination, hervorgerufen durch den Sauerstoffmangel.

Norbert versuchte, sich aufzurappeln, tappte ein paar Schritte durch den Schnee. Er konnte spüren, wie seine Kräfte mit jedem Meter schwanden, den er sich stolpernd vorankämpfte. Als er wieder einmal stürzte, kroch er nur noch vorwärts. Es gelang ihm, sich Meter um Meter vorwärtszuschieben. Auch wenn er dabei immer wieder auf dem Schnee zusammenbrach und einsank. Sein Kopf glich einer zentnerschweren Last. Nicht nachlassen, befahl er sich, sonst bist du erledigt. Plötzlich sah er die Hütte. Seine letzten Kräfte mobilisierend, rappelte er sich hoch und taumelte auf die Tür zu. Doch die war abgeschlossen. Verzweifelt rüttelte er an der Klinke. Keiner da. Und das aus gutem Grund. Nur dass Norbert das nicht wissen konnte. Dazu hätte ihn Stefanies Mail erreichen müssen, in der sie das Treffen in allerletzter Minute abgesagt hatte. Ihre Nachricht war von seiner Frau abgefangen und gelöscht worden. Es hatte nur eines Tastendruckes bedurft.

Norbert würde nie erfahren, dass seine Frau von seinen Seitensprüngen wusste. Sie hatte nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, um ihm seine Untreue heimzuzahlen. Eine Gelegenheit wie diese. Es hatte sie zwar einiges an Zeit und Mühe gekostet, das Passwort seines Computers zu knacken. Doch der Aufwand hatte sich gelohnt. Durch die Mails, die Norbert mit Stefanie gewechselt hatte, war sie stets auf dem aktuellen Stand. Ihre anfänglichen Skrupel, ihrem Ehemann nachzuschnüffeln, hatte sie längst abgelegt. Zu tief saß die Schmach. Während Norbert ums Überleben kämpfte, zertrümmerte seine Frau in aller Seelenruhe die Festplatte seines Computers. Nur keine Spuren hinterlassen. Sie hatte nie daran gezweifelt, dass ihr Plan aufgehen würde. Denn so wie sie Norbert kannte, konnte ihn nichts und niemand davon abhalten, seinen einmal gefassten Plan zu ändern. Sie wusste, dass er springen würde, wenn seine Geliebte nach ihm rief. Und sie sollte recht behalten. Ganz im Gegenteil zu Norbert: Der lag im Schnee vor der Hütte und verstand die Welt nicht mehr. Erschöpft schloss er die Augen. Als er sie wieder öffnete, befand er sich in der Hütte vor dem Kamin. Das Feuer verbreitete eine wohlige Wärme. Zuerst war es angenehm, dann heiß. Irgendwann versengte die Hitze sein Fleisch und seine Kleidung fing Feuer. Bei minus 30 Grad riss sich Norbert in einem verzweifelten Anfall die Anziehsachen vom Leib. Sein ganzer Körper stand in Flammen. In einem letzten Moment geistiger Klarheit erkannte er, dass da gar kein Kamin war. Er lag allein in der bitteren Kälte, von der Taille aufwärts nackt im eisigen Schnee vor der Hütte. Diesmal hast du die Gefahr unterschätzt, war sein letzter Gedanke, bevor er das Bewusstsein für immer verlor. Zwei Tage später fand der Revierförster seine tiefgefrorene Leiche.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
212 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783839270301
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