Kitabı oku: «Teufelsgasse»
Christoph Lindenmeyer
Teufelsgasse
Roman

Impressum
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©2021 Verlag Anton Pustet
5020 Salzburg, Bergstraße 12
Sämtliche Rechte vorbehalten.
Umschlagfoto: ©Thomas Schauer/shutterstock.com
Autorenfoto S. 317: ©Jan Linnartz
Grafik, Satz und Produktion:Tanja Kühnel
Lektorat: Martina Schneider
eISBN 978-3-7025-8080-3
Auch als gedrucktes Buch erhältlich
ISBN 978-3-7025-0999-6
www.pustet.at
Meiner Tochter Mareike Malina gewidmet, die mir Mut machte, endlich mit dem Schreiben zu beginnen.
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
1
Es ist gut, einen freien Blick zu haben.
Auf die Welt. Auf die Nachbarn. Auch auf die Straßenkreuzung, 60 Meter vom Beobachtungsplatz entfernt. Ein zu enger Horizont schränkt die Wahrnehmung ein. Das Interesse. Das Denken.
Der Mann steht auf seinem Balkon. Tiefe Nacht.
Was sieht er?
Die Zahl der geparkten Autos hat rasant zugenommen. Früher gab es immer Parkmöglichkeiten auf beiden Straßenseiten. Ankommen, Lichter ausschalten. Aussteigen. Abschließen. Schnell in das Haus. Jetzt muss man oft dreimal um den Block fahren, bis sich in der Nebenstraße ein freier Parkplatz findet.
Die Farbe Weiß hat sich bei der Lackierung durchgesetzt. Als der Mann sich ein weißes Auto kaufen wollte, hatte ihm der Autohändler davon abgeraten. Weiß verkauft sich nicht, wenn Sie einmal den Wagen in Zahlung geben wollen. In Indien, das hatte der Mann vor Jahren festgestellt, waren alle Regierungsfahrzeuge weiß lackiert. Und davon gab es viele. Die Sonnenstrahlung ist auf dem Subkontinent stärker als bei ihm zu Hause. Das hatte er schnell verstanden. Jetzt aber entscheiden sich Käufer nicht mehr für schwarze Limousinen und SUVs, sondern für die besser reflektierende Farbe, obwohl Klimaanlagen in den meisten Fahrzeugen zur Serienausstattung zählen.
Die Dunkelheit der Nacht wird alle drei Fahrzeuge von hellen Flächen unterbrochen. Jedes vierte Auto ist weiß. Der Mann sieht genau hin. Seine Zählung ist richtig. Er sieht, dass die meisten Autofahrer jetzt, um diese Zeit, beim Abbiegen nicht blinken. Nachts sparen sie sich diese Mühe. Einige Autos auf den Parkstreifen halten einen zu großen Abstand. Der Mann ärgert sich darüber. Oft ist deshalb ein Stellplatz verschenkt, nur weil jemand nicht einparken konnte.
Was hört er?
Es ist still. Fast still. Von Freilassing drüben dringen immer wieder Rollgeräusche der Güterzüge zu ihm herauf, hörbar durch den Filter der Entfernung nur für den, der darauf achtet. Wie Morsesignale die Pressluft-Signalhörner der Rangierloks. Die Heizung des Seniorenheims gegenüber springt an. Der Kamin brummt dann wie ein weit entfernter Schiffsmotor. Dezent. Gleichmäßig. Ein leises Atmen. Aber das Geräusch ist immer da. Für ihn. Er horcht auf, wenn das Grundrauschen verstummt. Dann hat ein Thermostat die Atmung unterbrochen. Die Nacht transportiert in akustischen Scherben das Quietschen eines Güterzuges herüber, der in der Ferne eine Kurve nimmt. In einem der Außenviertel Salzburgs.
Jetzt läuten keine Kirchenglocken. Gegenüber im Seniorenheim sind nur wenige Fenster erleuchtet. Lange Zeit schallten Hilferufe einer demenzkranken alten Patientin aus einem der Fenster, die sich wie ein verlassenes Kind in ihrem Zimmer von allem Menschlichen vergessen fühlte. Irgendwann hatten die Schreie aufgehört. In der Morgendämmerung war der Kleintransporter eines Bestattungsunternehmers vorgefahren. Wenige Tage später waren neue Schreie zu hören.
Seit einigen Monaten werden fast täglich Verstorbene abgeholt. Mit der Bahre verlassen die dezent gekleideten grauen Männer inzwischen das Haus durch den Haupteingang. Früher fuhren die Bestatter noch am Hintereingang vor. Jetzt verstecken sie sich nicht mehr, sie kommen am helllichten Tag, die kommunalen Bestatter und die Angestellten der privaten Trauerhäuser. In solchen Augenblicken verlässt der Mann seinen Balkon. Sie sollen in Frieden ruhen und bedürfen nicht der Gaffer – die unbekannten Toten aus der Nachbarschaft, denkt der Mann. Öfter als in den letzten Jahren schleichen sich mit Blaulicht, aber ohne Martinshorn die Rettungswagen und der Notarzt durch die Straße zum Seniorenheim heran. Nein, sie fahren weiter. Ganz hinten in der Straße stehen zwei Wohnblöcke, die Stadt hat zahlreiche Wohnungen angemietet.
Was fühlt er?
Er tritt vom Geländer zurück. Er will nicht gesehen werden, obwohl es zu dieser nächtlichen Stunde kaum jemanden gibt, der ihn auf dem Balkon entdecken könnte.
Er ist zufrieden. Eine Kiste mit Frühlingsblumen für seinen Kleingarten steht im Flur. Im Kofferraum seines Autos warten zwei kiloschwere Säcke mit Gartenerde, ein Sack Pflanzendünger und zwei neue Gießkannen mit größerem Fassungsvermögen als seine bisherigen, dazu noch einige Spraydosen zur Schädlingsbekämpfung. Seine Gartengeräte hat er vor dem Winter im Gartenhaus sorgfältig eingepackt und in ein schmales Regal, gerade groß genug für den Raum, gelegt. Dort warten sie auf ihn, geschützt vor Rost. Eines neben dem anderen. Penibel parallel gelagert. Auch zwei Tüten mit Tonkügelchen und 10 Kilogramm Quarzsand hat der Mann gekauft, um die Blumentöpfe und das Beet mit den Sukkulenten in seinem Garten feucht zu halten. Seine Pflanzen mögen das. Blaue Hortensien wie sie entlang der Steinmauern in der Bretagne wachsen, Farne, winterfeste Kakteen und Clematis montana, die sich in jedem Jahr am Zaun entlangrankten. In den letzten beiden Jahren hatten sie nur dürftig geblüht, vor Kurzem aber hat er so viele Knospen wie nie zuvor an der Pflanze entdeckt.
Primeln kann jeder pflanzen, Narzissen, Tulpen, Stiefmütterchen und Fette Henne. Sein Garten soll von solchem Kleinwuchs, solchem Kleingeist, wie er in den Nachbar-Parzellen herrscht, verschont bleiben. Seine Holzhütte verzieren nicht wie nebenan Hirschgeweihe und das Gehörn von Gamsböcken. Gartenzwerge verabscheut er. Er hasst leidenschaftlich die Bambis aus Gips und die weißen Kopien der Davidstatue von Michelangelo.
In einer Ecke seiner Hütte lagert er einige Rollen Dachpappe. Nach jedem Winter rollt sich der Dachbelag auf, die Nägel sind verrostet. Ganze Stücke sind schon mit dem Eis herausgebrochen. In jedem Jahr muss er auf die Leiter steigen, das Dach neu mit der Pappe abdecken. Er hat Stahlnägel gekauft. Aber nach dem nächsten Winter wird er das Dach sicher wieder abdichten müssen. Es wäre nicht gut, wenn Feuchtigkeit in die Holzhütte eindringen könnte.
Seine Parzelle hat er nach den Gesetzen einer harmonischen Choreographie des Raums geplant und angelegt. Kein Kies, keine Betonsteine als Eingrenzung der Beete, kein Fahnenmast mit der österreichischen Flagge oder der des Landes Salzburg, nichts Rustikales.
Die schmalen Wege zwischen den Parzellen der Kleingärtner sind nach dem Watzmann benannt, nach Alpenrosen, nach dem Untersberg, dem Kapuzinerberg, dem Dachsteinmassiv, oder sie heißen Edelweißgasse, Alpenveilchenweg oder Maiglöckchenpfad.
Seine Parzelle aber liegt an der Teufelsgasse. Ihm gefällt der Name des Weges. Im Kaisergebirge gibt es gleich unterhalb des Prostkogels und der Prostalm auf knapp 1200 Metern Seehöhe, eine schmale Schlucht, passierbar nur im Sommer für Wanderer. Im Mai liegen in dieser Schlucht noch Schneereste auf feuchtem Laub. Er hat diese Teufelsgasse mehrfach durchquert, weil er die Almen des Kaisergebirges liebt. Er mag den leicht modrigen Geruch der faulenden Blätter dort. Er weiß, wo und wann die Gebirgsenziane blühen, die Schusternägel und die Orchideen. Einmal konnte er einen balzenden Auerhahn beobachten, aber als er vom pensionierten Dorfschullehrer gefragt wurde, ob er Auerhähne gesehen habe, schickte er ihn in ein anderes Wald- und Almgebiet, weil er nicht wollte, dass der kurzsichtige Schulmeister den Vogel abschoss. Teufelsgasse ist ein guter Name.
Er ist noch nie abergläubisch gewesen, dazu fehlt ihm jede Begabung, und er kennt auch nicht die geringste Anmutung metaphysischer oder religiöser Gefühle. Er hat sein Leben bisher sorgfältig durchmessen, es geplant, analysiert, darüber nachgedacht, seine Möglichkeiten, Begrenzungen und Verlockungen ausgelotet und im Übrigen seinem Verstand vertraut, der jeden Anflug von Angst oder übersinnlichen Perspektiven verbietet. Das hat sich bis heute nicht geändert.
Es ist spät. Bald beginnt die Morgendämmerung. Diesen Zwischenzustand liebt er mittlerweile. Da ist er allein mit sich, ungestört. Doch nicht, weil er sich dies so gewünscht hätte, sondern weil sich sein Alleinsein ereignet hat. Es war ihm zugestoßen. Es war über ihn gekommen wie eine Heimsuchung bei Nacht. Auch war er auf das Alleinsein nicht richtig vorbereitet gewesen. Es war damals eine Katastrophe. Jetzt hat er sich daran gewöhnt.
Gewiss doch: Es war absehbar, dass es auf ihn zukäme, einige Jahre schon, aber in dieser Zeit bedurfte es seines ganz starken Lebenswillens, um die Vorstufe des Alleinseins zu ertragen und anzunehmen. Dann war es so weit. Er musste sich daran gewöhnen, allein zu sein. Er erlaubte es sich nicht, am neuen, am radikal neuen Alleinsein zu zerbrechen. Der Mensch hat zwei Ebenen. Auf der einen bewegt er sich im Alltag, auf der anderen in seiner psychischen Dimension. Es gibt ein Über-Ich und ein Unter-Ich. Es ist ihm bisher gelungen, die Tür zwischen beiden Ebenen geschlossen zu halten. Eine logische Konsequenz seines starken Willens. Aber täglich öffnet er die Tür einen Spaltbreit. Und er schließt sie wieder. Ganz schnell. Was hinter der Tür verborgen ist, bleibt immer existent. Das Märchen von der Sehnsucht, das Geheimnis hinter verschlossenen Türen zu erforschen, gilt für ihn nicht. Nein, einsam fühlt er sich nicht. Er hat ja seinen Garten. Er liebt seinen Garten.
Er schaut noch einmal zur Straßenkreuzung. Ein Marder huscht vorbei. Ein langgezogener Schatten. Kein Geräusch. Kein Knistern. Kein Kratzen. Kaum gesichtet verschwindet er unter einem Auto. Ein Vogel zwitschert. Viel zu früh in dieser Nacht. Vielleicht hatte er einen Albtraum, aber der Mann weiß nicht, ob Vögel Albträume haben. Entweder ist der einzelne Vogel im Geäst durch ein anderes Tier gestört worden oder er kann den bald anbrechenden Morgen nicht abwarten. Bald suchen sie sich geeignete Nistplätze. Oft auch werden sie von Autos überfahren oder von den im bürgerlichen Viertel herumstreunenden Katzen gefangen. Das ist nicht in Ordnung, denkt der Mann, dass sich in unserem Viertel die Nachbarn erlauben, ihre Katzen frei herumlaufen zu lassen. Diese Raubtiere, diese fetten Haustiere mit ihrem Katzenhalsband, die nur scharf darauf sind, alles zu töten, was sich bewegt, alles, was lebt. Sie maunzen, wenn sie nachts einem Heimkehrer begegnen. Sie schmiegen sich an. Dabei sind sie, ihrer Veranlagung entsprechend, falsch und gefährlich. Für Katzenliebe hat der Mann nicht viel übrig. Aber er ist da nicht radikal. Der eine liebt seinen Dackel, der andere seine Katze. Sollen sie. Aber sie sollen ihre Lieblinge nicht allein herumstreunen lassen.
Der Mann schließt die Balkontür, behutsam und leise. Gegenüber im Seniorenheim fällt ein Rollladen wie ein Fallbeil. Dieses Geräusch ist brutal. Aber als ebenso brutal empfindet der Mann es, wenn morgens die Rollläden hochgezogen werden bis zum Anschlag. Da hört er den Knall. Wer sein Fenster so öffnet, dem fehlt jede Sensibilität, denkt er. Aber wahrscheinlich hören diese Leute den Knall nicht mehr, den sie zweimal am Tag erzeugen.
Er geht in sein Wohnzimmer. Schlafen kann er später. Er hat Zeit. Jetzt will er noch auf dem Garderobenschränkchen seine Stifte ordentlich in das Glas stecken: Grau neben Lila, dann Blau, Grün, Braun, Rot, Pink und Schwarz. Pink. Er ist sich nicht sicher, ob er die Nachbarschaft der Regenbogenfarben richtig zusammenstellt, aber so, wie er es macht, ergibt es einen Sinn für ihn.
In der Küche stellt er einen Teller für das Frühstück, eine Untertasse und eine Tasse für den Morgentee auf den Tisch. Dazu das Bambusbrett, das Brotmesser. Das Besteck natürlich. Butter und Zitrone wird er erst am Morgen aus dem Kühlschrank holen. Was nicht in der Geschirrspülmaschine Platz gefunden hat, hat er abgewaschen, abgetrocknet und weggeräumt. Wäre er morgen nicht mehr am Leben, dann könnte sich niemand über seinen Lebensstil beklagen. Er ist kein Messie. Verwahrlosung im Alter ist für ihn keine akzeptable Option. Ordnung ist das halbe Leben. Nein, denkt der Mann, sie ist das ganze Leben.
Als er aus dem Bad zurückkommt, um sein Bett aufzudecken, stellt er seine Hausschuhe am Fußende ab, einen neben dem anderen. Auch das Paar Schuhe vor dem Bett unterliegt den Gesetzmäßigkeiten jener Choreographie des Raums. Es geht doch nicht, dass der linke Schuh seine Spitze vorne hat und der andere hinten. Er schlägt die türkische Bettabdeckung zurück. Diese mit vielen eingenähten Spiegelscherben geschmückte indische Tagesdecke hatten sie einst nahe dem Suk in Istanbul gekauft, weil die Patchwork-Technik der einzelnen Textilquadrate und die tiefrot, orangegefärbte Ästhetik sie damals so angesprochen hatten. »Das ist lange her«, murmelt der Mann.
Wovor fürchtet er sich?
Seit er dem Alleinsein ausgesetzt ist, mag er es nicht, sich abends oder nachts in seinem Bett abzuliefern, in dieser Abwesenheit jeder anderen Lebensenergie. Sich der Dunkelheit, der Stille des Zimmers, dem Schweigen der Umwelt, der Nachbarn über ihm in der Dachterrassenwohnung und der erzwungenen Blindheit im unsichtbaren Raum seines Zimmers auszuliefern, das noch nicht Schlafzimmer ist, wenn das Licht erlischt. Nachts wird es zum Verließ.
Tagsüber ist es ein freundlicher Raum. Ein großes Fenster zum Innenhof mit Kiefern, Tannen, Büschen, Terrassen, einer Sitzbank für die Eltern neben einem Sandkasten, der nach der Havarie des Kernkraftwerks in Tschernobyl mit neuem Sand aufgefüllt wurde. Eine Abdeckung schützt vor Verunreinigung, aber oft ziehen die Eltern abends die Plane nicht über den Sandkasten.
Ein Weihnachtskaktus steht auf dem Fensterbrett, schläft, sieht wie tot aus, wächst dann aber plötzlich weiter, schläft, und blüht zu unerwarteten Zeiten. Er hatte nicht gehofft, diese Pflanze über die schweren Jahre hinweg zu erhalten, aber der Kaktus blieb. Treu. Langsam in seiner Reaktion auf die Pflege. Der Mann spricht manchmal mit seinen Pflanzen. Das kann ja nicht schaden. Und niemand weiß, ob die Pflanzen diese Zuwendung verstehen. Immer wieder überraschend antwortet der Weihnachtskaktus, wenn der Mann mit keiner Antwort mehr rechnet. Plötzlich eine Knospe, dann eine, zwei, viele weiße Blüten. Ein Wunder. Nicht nur in der Weihnachtszeit.
Der Mann kümmert sich um diesen Weihnachtskaktus, den er sich selbst nie gekauft hätte. Das war damals unvermeidlich, als sie darauf bestand, zur Sammlung ihrer Kakteen auch diesen zu erwerben. Er fand das in Ordnung. Auch kannte er damals noch nicht Cees Nootebooms Annäherungen an Kakteen und die Entdeckung ihrer unterschiedlichen Charaktere, ihre Personalität und ihren Zauber in seinem Garten hinter der Finca auf Menorca. Nur zufällig hat er in einer Buchhandlung den Band des großen Reiseschriftstellers mitgenommen. Kakteen sind widerborstig, störrisch, verweigernd, und sie sind voller Zuneigung, blühen, überraschen durch ihre Triebe und ihr unerwartetes Wachstum, machen eigentlich, was sie wollen. Sie sind wehrhaft und strecken sich dem Himmel entgegen, den der Schriftsteller nicht in seiner ganzen Spannbreite überblicken kann. Denn es gibt Nachbarhäuser, die den Blick versperren. Nooteboom saß, wie er schreibt, in seinem Garten und blickte zum nächtlichen Himmel auf. Da kam ihm die Idee, entsprechend dem Boden- und Pachtrecht ein Stück freien Himmels für sich zu verlangen. Grund und Boden senkrecht über ihm. Ein Stück garantierter freier Sicht auf den Himmel, entsprechend dem Grundriss seines eigenen Besitztums. Die Idee gefällt dem Mann. Ein Himmelsrecht neben dem Bodenrecht.
Anders als früher, als der Mann den Schlaf herbeisehnte, weicht er ihm jetzt aus, so lange, wie es ihm irgend möglich ist. Trinkt er zu viel, will er nicht torkeln, obwohl es keine Beobachter gibt. Er will die Selbstkontrolle behalten. Manchmal nickt er vor dem Fernseher ein, nicht lang, aber für ihn erschreckend in der Tiefe seiner Bewusstlosigkeit. Dann schüttelt sich der Mann, und er reißt sich zusammen, um sich nicht aufzugeben. Der Weihnachtskaktus zeigt eine neue Blüte, der Frühling kommt bald. Das wird ein Kaktus wohl spüren. Aber er hat sich gewaltig verspätet.
Für morgen ist alles vorbereitet.
Morgen ist ein neuer Tag. Die Nacht ist kurz. Jetzt wird der Mann wohl schlafen können. Er hat alles in Ordnung gebracht.
2
Es ist seltsam, wie selektiv die Wahrnehmungen der Menschen sind. Es gibt Leute, die noch nie auf das Getschilpe der Mauersegler geachtet haben, auf ihre rasanten Flugmanöver hoch über der Stadt. Auf ihre in die Wolken gezeichneten Schleifen, ihre Sturzflüge und ihr Sirren voller Lebensfreude. Ihn berührte es, wenn er in den ersten Maitagen noch vereinzelte Mauersegler entdeckte, die aus dem Süden über die Alpen gekommen waren. Jetzt war der Mai wirklich da, und Wolffs Seele spürte Freiheit und grenzenloses Glück. Bald würde sich der Himmel füllen mit den Vögeln, die während des Fluges schlafen können. Aber viele seiner Bekannten hatten sie noch nie wahrgenommen, bevor sie Wolff auf das Getümmel über den Dächern aufmerksam machte. Vielleicht können ältere Menschen die Frequenz der Glücksrufe auch nicht mehr hören.
Es war der 12. Mai, sein Handy zeigte die Uhrzeit an: 8.30 Uhr. München leuchtete an diesem Tag. So blau war der Himmel der nördlichsten Stadt Italiens nur an Föhntagen. Vor dem einstigen Krankenhaus an der Ecke zur Blutenburgstraße blühte der Baum: die linke Hälfte weiß, die rechte Hälfte rosa. Da waren wohl irgendwann Zweige aufgepfropft worden. Ein Baum, zwei Existenzformen. Jedes Jahr wartete Wolff auf dieses kleine Wunder.
Er hatte es nicht eilig, in seine Redaktion zu kommen. Sein Tagesprogramm stand fest: Besprechung mit den Programmassistentinnen, Redaktionskonferenz, Programmplanung mit den Kolleginnen und Kollegen in seiner Redaktion, Honorare für die gestrige Sendung festsetzen und veranlassen, Briefe unterschreiben, die er gestern verfasst und in das Redaktionssekretariat gelegt hatte, damit Kopien für die Ablage gemacht und in den Korrespondenzordnern intern oder extern abgelegt werden konnten. Drüben auf dem Gelände des Augustinerkellers warfen die Kastanienbäume erste Schatten auf Bänke und Tische. Wie so viele aus seinem Sender zur Mittagszeit würde auch er bald in diesem Biergarten sitzen. Für den Nachmittag hatte er, nach der täglichen kurzen Pause in der Kantine, einige Autorengespräche eingeplant. Und wenn sich die Dämmerung von Osten her heranschliche, wollte er sich an sein Manuskript für eine Moderation und einen Kommentar setzen. In dieser blauen Stunde, wenn das Licht heruntergedimmt und ganz weich wurde, während sich das Abendrot in den Westen zurückzog und dem Dunkelblau mit seinen dunstigen Grauschattierungen Platz machte, wenn sich die ersten Leuchtpunkte in der Silhouette der Stadt entzündeten, war Wolff besonders kreativ. Im Hochhaus wurde es stiller, die Telefonanrufe hörten auf. Er hätte aber auch nicht abgehoben, denn Wichtiges erreichte ihn ohnehin über eine im Haus verdeckte und nur seinen Vorgesetzten bekannte Nebenstellennummer. So also hatte Wolff seinen Tag geplant.
Stadteinwärts vor dem Hauptbahnhof leuchteten die Fenster in den 18 Stockwerken des Hochhauses, in dem viele Redaktionen, die Verwaltung, das Historische Archiv und andere Organisationseinheiten untergebracht waren. Wolff dachte an Nicolas Borns Roman »Die Fälschung«. Der Sendemast auf dem Hochhaus war kein Sendemast, sondern eine Empfangsantenne. Der symbolische Akt, ein Funkhaus mit einem Antennenmast auszustatten, schien ihm aber zum Charakter seiner öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt zu passen. Vor Jahren hatte er seine Kolleginnen und Kollegen des österreichischen Programms »Ö3« besucht. Die Redaktionen waren kreisförmig um die Sendestudios herum angelegt. Alles war transparent. »Sitzungen« fanden im Stehen statt, eindeutig orientiert am Vorbild der französischen Tageszeitung Le Monde. Auch musste am Mikrofon stehen, wer die Sendung moderierte. Die Redaktionen und Sendestudios waren in einem gesichtslosen Industriebau untergebracht, einem Kubus ohne jeden architektonischen Einfall, einem industriellen Zweckbau. Es hätte sich dort genauso gut ein Warenlager befinden können. Funkhäuser aber bedurften laut Wolffs Meinung in ihrer Architektur repräsentativer Signale. Da macht es ja nichts, dachte Wolff, wenn diese Signale eine Attrappe sind. Auf dem Dach eines Fernsehgebäudes in Berlin, gleich gegenüber dem alten Funkturm auf dem Messegelände, thronte ein Baukörper, der dem Tower eines Flughafens glich. Funkhäuser sollten sich nicht verstecken.
In den Sendestudios galt das Prinzip des Funktionalen: man konnte stehen oder sitzen, die Ablage für die Manuskripte konnte herunter- und hinaufgekurbelt werden. Mobilität war angesagt. Dynamik. Tempo. Die Bearbeitungszeit zwischen Input und Output der Informationen wurde immer kürzer. Niemand konnte sich dieser Entwicklung widersetzen, und die Sprache in Berichterstattung und Moderation wurde flüchtiger, fehlerhafter, gewöhnlicher, hin und wieder sogar infantil. Als würden sich Kinder beschweren: »Der Bundespräsident, der hat dies und das gesagt. Die Bundeskanzlerin, die hat … Mein Kollege war in Paris. Der hat dort …« Es wurde wenig Mühe darauf verwendet, originell und sorgfältig zu formulieren. Dieses Manko, dachte Wolff, wurde durch eine betriebsame Heiterkeit am Mikrofon überspielt, vom frühen Morgen bis in den späten Abend hinein. Das System macht high, dachte er. Vor allem die Moderatorinnen und Moderatoren der Morgenmagazine wirkten, als hätten sie sich gedopt. Er mochte das nicht. In den Verkehrsmeldungen wurde nicht mehr vor Pannenfahrzeugen auf einer Fahrspur der Autobahn gewarnt, sondern vor kaputten LKW.
Wolff hatte sich früher oft über die monatlichen Analysen eines vom Intendanten beauftragten Sprachpflegers in seinem Sender geärgert, der grammatikalisch stets korrekt Fehler katalogisierte und kommentierte, dabei aber nie Rücksicht auf die Umstände nahm, unter denen solche Livesendungen entstanden und ausgestrahlt wurden. Jetzt war Wolff selbst zum Beobachter der sprachlichen Trivialisierung geworden. Das war ihm unangenehm. Er verstand sich ja nicht als ewig Gestriger. Wenn er Kollegen traf, die längst im Ruhestand waren, hörte er sich ihre Klagen über die Verwahrlosung der Sprache am Mikrofon an und musste dabei lächeln.
Er nahm sich vor, heiter in den Arbeitstag zu gehen. Seinen morgendlichen Cappuccino hatte er wie so oft in einer seiner beiden Cappuccino-Oasen genossen. In München-Gern gab es einen Kaffee-, Wein- und Süßwarenladen, der sich finanziell nicht rechnete; sein Besitzer, von den Stammgästen liebevoll »der Philosoph« genannt, hatte mehr Interesse daran, in seiner Ruhestandszeit einen Ort für Kommunikation und Nachbarschaft anzubieten, als Profit zu erwirtschaften. Sein Laden glich einer Schatzkammer: übereinandergestapelte Kartons mit Waren, tiefhängende Tiffany-Leuchten, ein Regal, gefüllt mit Behältern für die unterschiedlichen Kaffeebohnen-Sorten, ein schmaler Tresen, meist vollgestellt mit Gläsern, Flaschen und Tassen. Man traf sich in einem Zeltvorbau, der bis nachts für Freunde geöffnet war, weil er auf privatem Grund lag. Und der Philosoph hatte Freunde, die ihm seit Jahren, manche seit Jahrzehnten, treu geblieben waren: einen Antiquitätenhändler, einen Versicherungsmakler, einen Klavierbauer, eine Bankerin, eine Journalistin, den Inhaber eines großen Sportartikelgeschäfts, einen ehemaligen leitenden Beamten des Personenschutzes für hohe Politiker, Anwälte, Ärzte und Menschen aus der Nachbarschaft. Auf der Terrasse kamen sie zusammen, über ihnen hingen Weinranken, die der Philosoph sorgfältig gepflanzt, beschnitten und gepflegt hatte. Nur die Buchsbäume waren von dem sich in den letzten Jahren massenhaft verbreitenden Zünsler vernichtet worden. Wolff saß, wann immer er Zeit hatte, beim Philosophen. Oft schwiegen beide, wenn sie allein waren. Ohne seinen breitkrempigen Hut hatte Wolff den Philosophen noch nie gesehen.
Die andere Cappuccino- und Wein-Oase lag am Kurfürstenplatz in Schwabing. Ein Laden, der nur exquisite Waren verkaufte, Nudeln aus Italien, Gewürze, Öl, Essig,
Cantuccini und anderes Gebäck, Schinken und Käse aus Parma und den Marken, und natürlich Weine, deren Hersteller der Ladeninhaber mehrmals im Jahr besuchte. Er kannte die Familien der Winzer und deren Geschichten, ihren Alltag wie ihre Rituale, ihre Rezepte und ihre Weinkeller. Es gab in den Regalen erlesene Rosé-Weine und Spumante Brut.
Wolff hatte sich im Lauf der letzten Jahre mit dem Ladeninhaber angefreundet. Man siezte sich und kam sich doch näher durch den Austausch von Buchempfehlungen, schließlich auch durch die gegenseitige Leihgabe von Kriminalromanen. Wolff besaß eine umfangreiche Bibliothek an Krimis. Anders als den Geschäftsmann interessierte ihn weniger die Action- und Thriller-Technik von Romanen als das Milieu, in dem das alltägliche Böse stattfand: in der Normandie, in der Provence, in Triest, in Venedig, in Spanien und in Schweden. Nur die Fülle an Regionalkrimis, fast ständig in den Bestseller-Listen, faszinierte ihn recht wenig: Käsespätzle-Narrative zum Beispiel befremdeten ihn. Sie waren ihm zu spießig. Wolff fuhr oft nach Schwabing, wo er eigentlich nichts zu suchen hatte, aber er schaute gern im Weinladen vorbei, kaufte hin und wieder mehrere Flaschen aus ökologischem Anbau in den Abruzzen, und wenn er zahlte, tippte sein Krimipartner den Endbetrag für Cappuccino und Wein automatisch ein. Wolff brachte die grünen Tragetaschen aus Papier regelmäßig zurück. »Sie müssen ja sparen«, sagte er, und »ich will die Tüten nicht wegwerfen«. Auch so kann Sympathie entstehen.
In der Weihnachtszeit wurde der Olivenbaum im Laden mit goldenen Kugeln geschmückt, später gab es auch Leuchtsterne an der Decke des Ladens, in dem der Inhaber tagsüber auch kleine Gerichte anbot. In den Regalen standen Flaschen mit signifikant gestaffelten Preisen; in den Holzkisten lagerten Weine, die sich Wolff nicht leisten konnte und auch nicht wollte.
Als Wolff, der sich nur Al nannte, weil ihn sein Vorname Alfred an den Nazi-Propagandisten Alfred Rosenberg erinnerte, weiter Richtung Funkhaus schlenderte, erschrak er. Diesem Maimorgen fehlte etwas. Wie hatte er das bisher gar nicht bemerken können? Diesem Maimorgen fehlte etwas ganz Entscheidendes. Am Himmel fehlten die Mauersegler. Wolff blieb abrupt stehen und suchte den Himmel über ihm sorgfältig ab. Nein, kein einziger Mauersegler war zu sehen, nirgends Getschilpe, kein Vogel schwirrte über den Dächern Münchens. Wie ein Schmerz durchzuckte ihn diese Leere am Himmel.
Wolff ging seit mehr als dreißig Jahren gerne in das Funkhaus. Früher war er mit seinem Auto gekommen, schließlich hatte er in der Tiefgarage einen reservierten Platz. Eines Morgens, er war nicht mehr weit entfernt vom Senderareal Richtung Tiefgarage, war die Straße stadteinwärts gesperrt. Feuerwehr, Polizei. Blaulichter. Auf dem Pflaster lag, unter Planen verborgen, ein Mensch. Er musste aus dem Fenster im siebten Stock des Studiobaus gesprungen sein. Grundsätzlich waren die Fenster im Studiobau nicht zu öffnen, aber eines stand offen. Tage später erfuhr Wolff, dass ein beliebter, immer gut gelaunter Archivar kurze Zeit nach seiner Ruhestandsversetzung in das Haus zurückgekehrt war, sich zu den WCs begeben, mit einem Nachschlüssel das Fenster geöffnet und sich von der Fensterbank einfach nach draußen hatte fallen lassen. Wolff hatte des Öfteren mit ihm zu tun gehabt und seinen pragmatischen Humor sehr geschätzt. Seit diesem Tag mied er diese Straße.
Guten Morgen. Guten Morgen. Wolff nickte den Kolleginnen am Empfang zu. Sie grüßten ihn freundlich zurück. Mit dem Aufzug fuhr er aufwärts in den 13. Stock des Hochhauses. Der Filterkaffee war schon aufgebrüht. Nichts sollte jetzt sein Morgenritual stören: die Sichtung der Post, die schnelle Lektüre der Leitartikel und Titelseiten von sechs Tageszeitungen, das Öffnen der eingegangenen Mails, der Bericht seiner beiden Programmassistentinnen über Terminverschiebungen und die Liste von internen wie externen Anrufen. Er hatte nicht mehr viel Zeit bis zum Beginn der Redaktionskonferenz um 10.30 Uhr.
Meist nahmen zwanzig bis dreißig Kolleginnen und Kollegen an der Konferenz teil, bei dünner Nachrichtenlage oder in Urlaubszeiten auch weniger. Vertreten waren alle Hörfunkprogramme und die meisten Redaktionen des Hörfunks. Man saß um einen überdimensionierten runden Tisch, der seit Jahrzehnten hier stand, so wie seit Jahrzehnten Originallithographien von Oskar Kokoschka an den Wänden des Sitzungszimmers hingen. Damals mussten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten noch Kunstwerke erwerben. Diese gesetzliche Auflage entsprach dem gesellschaftlichen und kulturellen Auftrag für Anstalten des öffentlichen Rechts. Wolff würde in einer Viertelstunde wieder auf der gepolsterten Fensterbank sitzen, leicht erhöht, so hatte er einen besseren Überblick über die Runde. Er mochte es nicht, wenn jemand hinter ihm saß. Er spürte dann die Blicke in seinem Nacken und sie irritierten ihn.
Da war es besser, selbst in der zweiten Reihe zu sitzen. Das Tageslicht hellte die Gesichter der anderen auf, sein Gesicht blieb im Schatten. Jahrzehnte schon saß er hier, er hatte Kolleginnen und Kollegen aus nahezu allen Redaktionen kommen und gehen sehen. Als in Griechenland die Obristen ihre Militärdiktatur eingerichtet hatten und das Land terrorisierten, beobachtete er einen griechischen Kollegen, der mit seinem Redaktionsteam die griechischen Sendungen des Ausländerprogramms gestaltete. Der Kollege wirkte stets gehetzt, immer auf dem Sprung, ein elegant gekleideter, gutaussehender Mann in den besten Jahren, blass im Gesicht. Hatte er, später als die anderen zur Konferenz gekommen, seine Themen für die Abendsendungen vorgestellt, eilte er auch schon wieder davon. Das griechische Regime hatte in ihm einen Feind erkannt, den es zu bekämpfen galt. Er war in höchstem Maß gefährdet. Nicht allen Beobachtern in Bayern gefiel, wie der Grieche ein Oppositionsradio gegen das Militärregime im öffentlich-rechtlichen Rundfunk betrieb. So hatte er an vielen Fronten gekämpft, gelegentlich auch im eigenen Sender: nicht militärisch gedacht, sondern im Sinn einer zivilen Courage. Wolff und der Grieche hatten sich immer sehr geschätzt, sie hatten ihren Draht zueinander gefunden, auch wenn sie sich meist nur flüchtig im Funkhaus begegnet waren. Er hatte doch tatsächlich dessen Namen vergessen.
Wolff wusste nicht, weshalb ihm gerade jetzt diese Geschichten einfielen.
Viele Jahre später, längst war der Spuk des Militärregimes beendet und sein Kollege wieder zurück in Griechenland, war er an einem Morgen vor seiner Haustüre in Athen erschossen worden. Wolff hatte diese Nachricht wie ein Blitz getroffen.
Er holte sich im Vorzimmer eine frische Tasse Kaffee.
Er erinnerte sich an andere Ereignisse in der Redaktionskonferenz. Damals hatte es eine sehr eigenartige, wenig praktizierte Tradition gegeben: Wenn ein besonderes Bonmot von einem der Teilnehmer in die Runde geschleudert wurde, reaktionsschnell und treffsicher, legte jeder einen Pfennig auf den Tisch vor dem Urheber: eine ehrenvolle Anerkennung seiner Schlagfertigkeit. Als er die Themen seiner Jugendredaktion vorgetragen hatte und sie gegen Einwände aus der Runde verteidigte, zischte der Chefredakteur ihm ein »Ihren Kopf möchte ich nicht haben!« entgegen, woraufhin Wolff wie aus der Pistole geschossen, ohne eine Sekunde nachzudenken, zurückgab: »Mut zur Schlichtheit, Herr Kollege!«. Das hatte ihm 34 Pfennige eingebracht.
Als unter dem Vorgänger des Chefredakteurs ein Disput mit dem Hörfunkdirektor darüber entstanden war, ob unter die deutsche Vergangenheit ein Schlussstrich gezogen werden müsse, um nicht ewig über die deutsche Schuld zu lamentieren, entwickelte sich daraus ein heftiger Streit am runden Tisch. Und als sich Direktor und Chefredakteur in immer eisigerem Ton ineinander verhakten, sagte der Chefredakteur plötzlich ganz leise: »Sie waren damals in der Legion Condor, ich in London im Widerstand.« Das war alles. Die Diskussion erstarb. Er stand auf, und mit ihm erhoben sich alle Kolleginnen und Kollegen und verließen den Raum.
Oder als ein freiberuflich tätiger Musikmoderator der Jugendredaktion in seiner Clubsendung einen Musiker mit seinem neuen Song »I am drinking my own sperm« vorstellte und ihn fragte »You did it?« und der ihm geantwortet hatte »I did it, truely!« war am Tag nach der Sendung die Hölle los gewesen in der Redaktionskonferenz. Alle diskutierten über Pornographie und Ethik, die Verantwortungslosigkeit der Redaktion und ihren öffentlich-rechtlichen Programmauftrag, bis der Chefredakteur ganz lakonisch in die Runde blickte: »Wer noch nie onaniert hat, hebe bitte seinen Arm.« Die Diskussion war beendet.
Niemand wusste, was sich in einer kommenden Redaktionskonferenz ereignen würde. Wolff bereitete sich deshalb immer sorgfältig auf diese halbe Stunde vor und überlegte sich, welche Widerstände gegen sensible Themen aus den von ihm geleiteten Redaktionen kommen könnten und wie er den Vorbehalten begegnen konnte. Fiel ihm kein gutes Argument ein, bat er die Redaktion, das Thema noch zurückzustellen.
Sein Telefon mit der verdeckten Nummer klingelte. Hörfunkdirektion. Guten Morgen Al, ich verbinde dich mit dem Chef: »Wir sitzen gerade zusammen«, teilte der Chef ihm mit leicht zitternder Stimme mit, wir haben eben beschlossen, dass du den Nachruf verfassen wirst. Du kanntest ihn gut, und du schaffst es, den Beitrag schnell bis zur Mittagssendung zu schreiben.
»Worum geht es?«, fragte Wolff. »Wovon sprichst du?«.
»Steiger ist tot.«
»Steiger? Was?«
»Ja! Er wurde heute Morgen tot in Salzburg vor seiner Zweitwohnung aufgefunden.«
»Mehr ist nicht bekannt?«
»Nein. Bis jetzt nicht. Also. Du schreibst? Okay? Ich lese dein Manuskript nachher dann gegen. Um 11.50 Uhr musst du den Nachruf sprechen. Du kannst ihn aber auch live in der Sendung lesen.«
»Okay!«, sagte Wolff, »ich schaue mal, wie ich klarkomme«. Er legte auf.
Innerhalb weniger Sekunden war seine Tagesplanung weggefegt. Steiger? Undenkbar. Das kann nicht wahr sein. Die Nachrichten haben nichts gemeldet.
Mich hat vorher auch niemand zu erreichen versucht. Steiger? Wahnsinn. Wolff schaute aus dem Fenster. Aber er konnte nichts erkennen. Ein paar Minuten saß er so, und er sah nicht, dass ein großer Raubvogel und eine Krähe einen Luftkampf in großer Höhe führten. Immer wieder stieß die Krähe von unten gegen den größeren Gegner vor, umkreiste ihn, stürzte sich auf ihn, bis der Raubvogel erst zögernd, dann endgültig abdrehte. Aber Wolff sah nichts. Er sah auch nicht, dass weit oberhalb des Zweikampfs der beiden Vögel ein vereinzelter Mauersegler in Ellipsen den Fönhimmel über München durchschnitt. Endlich, endlich war ein Mauersegler zurückgekommen. Anfang August würde er wieder in den Süden Europas aufbrechen oder nach Afrika.
3
Ich – Steiger.
Ich bin ein Mensch, der einen guten Job macht.
Nein, ich glaube das nicht, ich weiß es.
Chefredakteure müssen über ein eindeutiges Wertesystem verfügen, ohne Ideologie, ohne den Gedankenkrampf der linken Spinner, der Cannabis-Raucher, der Weltverbesserer, der mutlosen liberalen Romantiker, der Alt-68er und der Neu-68er.
Hinzu kommen die Gewerkschafter. Ich kann längst darauf wetten, wer von Ihnen als erster seinen Arm hebt, um die ewig-gleiche Negation gegenüber den von mir vertretenen Programmrichtlinien aufzusagen. In solchen Versammlungen kommt Todessehnsucht auf.
Wir sollten endlich darauf verzichten, in unseren Programmen Musik zu spielen, die meinen Hund zum Jaulen bringt. Weshalb auch so viele Neutöner in unserem Klassikprogramm statt Barockmusik oder auch – in Gottes Namen – Musik der Romantik, wobei ich die privat nicht hören will. Aber keiner hat den Mumm, diese Affenmusik zu stoppen.
Es ist schon notwendig, gelegentlich etwas grob mit den Woodstock-Haschern und den jungen Naiven umzugehen, damit sie endlich kapieren, dass ihnen der Rundfunk nicht gehört. Wir leben in Bayern, und in Bayern gibt es klare Regeln. Wir senden nicht, was uns gefällt: Wir senden, was dem Publikum gefällt.

Endlich war Steiger Chefredakteur und Leiter des Programmbereichs Politik, Wirtschaft und Aktuelles geworden. Das tat ihm gut. Nun könnte er eigentlich im aufrechten Gang durch die Flure im Funkhaus, im Bayerischen Parlament, in den Parteizentralen und in den Bierzelten gehen, aber er zog seinen Kopf immer noch zwischen seine Schultern, ganz so, als erwarte er einen Hieb auf sein kahlköpfiges Haupt. Der will geprügelt werden, hatte schon früher ein Kollege in einer Sitzung seiner Nachbarin zugeflüstert, der hat eine masochistische Prägung. Tatsächlich wurde Steiger in den Redaktionskonferenzen der Chefredaktion wie auch in den allgemeinen Konferenzen in den Debatten gröber, lauter, direkter attackiert als andere. Er rechnete sich dem um den Ministerpräsidenten gegründeten Verein für deutliche Aussprache zu.
Spitzte sich der Streit über Themen, Programmplätze für Sendungen und politische Entwicklungen im Freistaat Bayern zu, lebte Steiger auf. Er zog dann seinen Kopf noch tiefer ein – wie eine uralte Schildkröte, die mit wachen Augen aus einer halben Sicherheitsposition das Geschehen beobachtet, listig, misstrauisch, auf der Hut, aber ganz anders als junge Schildkröten, die vor jeder Gefahr ihren Kopf blitzschnell komplett in ihren Schutzpanzer zurückziehen.
Steiger fürchtete sich aber nicht. Er ging in Lauerstellung. Hatten sich in der Debatte sichtbare Lager gebildet und sich ineinander verhakt, bellte er dann meist zurück. Teilte aus. Stieß auch mal tumbe Parolen hervor. Er argumentierte selten, er behauptete. Die Welt ist kompliziert. Da bedarf sie solcher Klartext-Denker.
Dabei war er, wie Wolff schon früher festgestellt hatte, intelligent, gut informiert und dennoch Lichtjahre von jeder Intellektualität entfernt. Zudem war der Chefredakteur ein meisterhafter Netzwerker und Mitglied der »einzig-richtigen Partei in Bayern«, was ihn nicht hinderte, bei öffentlichen Auftritten über das Verfassungsgebot der Staats- und Parteienferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu schwadronieren und die Unabhängigkeit seines Senders gegenüber jeglichem Versuch einer Einflussnahme, komme sie von Parteien oder Interessensgruppen, heldenhaft zu verteidigen. Zu Wochenbeginn saß er aber wieder in der Parteizentrale. Man hatte sich dort ja viel zu sagen. Was spricht denn gegen einen Gedankenaustausch?

Ich – Steiger.
Ich weiß doch genau, dass die wichtigen Entscheidungen in der Rundfunkgebührenfrage und bei Personalbesetzungen für Führungsämter nicht im eigenen Haus, sondern in der Parteizentrale, in der Staatskanzlei und im Landtag getroffen werden. Da ist es doch völlig logisch, dass ich da lieber dabei bin, statt von außerhalb zuzusehen, was sich ereignen wird.
Mich nervt das Geschwätz von Parteiunabhängigkeit. Die Kolleginnen und Kollegen, die sich einer Parteimitgliedschaft verweigern, weil sie diese für Mitarbeitende im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ablehnen, sind die schlimmsten. Sie sind Partei, sie sind knallharte Opposition in der Fraktion der Parteilosen. Da ist mir sogar ein Sozialdemokrat lieber, weil der berechenbar ist. Weil er verlässlich ist in seiner Ohnmacht. Es sind ja nicht die Dümmsten, die das Parteibuch der SPD besitzen.
Ich halte viel davon, große Projekte mit der Politik abzustimmen. Wir sind für Bayern da, nicht gegen das Land. Wir stehen doch glänzend da im Freistaat. Das soll uns erst einmal jemand nachmachen. Es gibt allerdings schon ein wirkliches Problem: Ich bin nicht der einzige, der sich der einzig-richtigen Partei zugehörigfühlt. Auf meiner Ebene gibt es noch zwei andere, die ständig um den Ministerpräsidenten und sein Kabinett herumschwänzeln – bei Parteitagen, bei Pressekonferenzen, an denen sie teilnehmen, ohne selbst zu berichten. Da muss man aufpassen. Aber ich glaube, dass ich die besseren Connections habe. Kopf einziehen und abwarten. Ihr werdet schon sehen, wo Ihr bleibt.

Im letzten Jahr hatte der Ministerpräsident zugesagt, sich in der Redaktionskonferenz den Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus fast allen Redaktionen zu stellen. Die Tür des überfüllten Sitzungsraumes wurde geöffnet, und die Delegation trat ein. An der Spitze der Hörfunkdirektor, hinter ihm die massige Gestalt des Ministerpräsidenten, begleitet von seinem Persönlichen Referenten, der schwer an einem schwarzen Aktenkoffer trug. Neben ihm der Leiter der Pressestelle in der Staatskanzlei, blauer Zweireiher mit Weste, schließlich Chefredakteur Steiger. Heute hatte er sich für seinen Trachtenjanker entschieden, links unter dem Hirschhornemblem hatte er sich die Rosette des Bayerischen Verdienstordens eingeknöpft. Ihre weiß-blaue Auffächelung kontrastierte schroff mit den Grün-Rot-Leisten auf dem Stehkragen des hellgrauen Jankers, wies immerhin aber signifikant die Bedeutung des Chefredakteurs aus, der das Redaktionsgespräch moderieren sollte. Die Ordensrosette war weniger als optisches Signal für die Konferenz bestimmt als vielmehr für den Ministerpräsidenten und seine beiden Begleiter. Man war ja fast unter sich. Das galt es auch zu zeigen. Steiger knöpfte an jedem Morgen die Rosette des Verdienstordens in das Revers seines Tagessakkos, auch in karierte Jacken. Wenn für den Abend ein Empfang im Terminkalender vermerkt war, steckte der Chefredakteur die Rosette in den dunkelblauen Blazer. Der Orden war schließlich kein unverdientes Geschenk, sondern Ausweis für herausragende Leistungen, die er für den Staat und die Gesellschaft erbracht hatte.
Steiger zog seinen Kopf noch tiefer zwischen die Schultern, begrüßte die Gäste, verzichtete aber darauf, die anderen Führungskräfte des Hauses vorzustellen. Wer für ihn und die einzig-richtige Partei wichtig war, den hatte der Ministerpräsident schon in der Runde entdeckt und ihm oder ihr kaum merklich zugenickt. Wer auf der Fensterbank saß, musste noch enger zwischen seinen Nachbarn zusammenrutschen, weil Nachzügler kamen, für die es zunächst keinen Platz mehr zu geben schien. Die Luft im Sitzungszimmer wurde stickig, aber die Fenster durften nicht geöffnet werden. Darauf hatten die Sicherheitsbeamten, die vor der Tür warteten, zuvor ausdrücklich hingewiesen.
Die erste Frage in der Redaktionskonferenz stellte selbstverständlich der Chefredakteur. Der Hörfunkdirektor lehnte sich zurück, als ginge ihn die Veranstaltung nichts an. »Herr Ministerpräsident«, sagte Steiger, »können Sie zu Beginn, bevor wir die Fragerunde für die Redakteurinnen und Redakteure unseres Hauses eröffnen, vielleicht kurz ihren außenpolitischen Ansatz skizzieren? Sie sind ja bekannt dafür, einen anderen Weg zu verfolgen als die Bundesregierung …«
Der Ministerpräsident, dessen mächtiger Kopf direkt den Schultern zu entwachsen schien, pumpte sich auf, und er begann, seinen außenpolitischen Ansatz zu skizzieren, der ihn nachweislich von der völlig unfähigen Außenpolitik der Bundesregierung unterschied. Er dozierte, ohne eine Zwischenfrage zuzulassen, fast eine Stunde. Sein Ton wechselte zwischen einer sarkastischen, süffisanten und nicht frei von Selbstironie kolorierten Sprache und einem Stil der unterschwelligen Bedrohung und Einschüchterung, die all jenen galt, deren – falls überhaupt vorhandene – Intelligenz die Welterfahrung des Regierungschefs infrage stellen könnte.
Wir werden auf jeden Fall!
Sie sollen es bald begreifen!
Dann merkt es der letzte Depp im Land!
Wir in Bayern!
Geisteszwerge!
Ideologen und Verblendete!
Erkenntniskrüppel!
Verkümmerte Akademiker!
Kein Geschichtsbewusstsein!
Das Land säubern!
Zunehmend wurde die Unruhe in der Konferenz spürbar. Oskar Kokoschkas Lithographien an den Wänden des Sitzungszimmers boten kaum Ablenkung, es wurde Zeit, in die Redaktionen zurückzukehren, um die Mittagssendungen und die Produktionen des Nachmittags in den Studios vorzubereiten. Der Persönliche Referent des Ministerpräsidenten suchte in seinem Aktenkoffer einen Terminkalender. Er räusperte sich leise und flüsterte dem Regierungschef zu, möglichst zum Ende zu kommen. Die heutigen Termine in München und auch außerhalb der Landeshauptstadt waren bis weit in die Nacht hinein geplant, es wurde wirklich Zeit.
Steiger bedankte sich beinahe devot für das intensive Gespräch in der Redaktionskonferenz seines, nein: unseres Senders, erklärte, dass seine Kolleginnen und Kollegen endlich ihrer Arbeit nachkommen sollten, stand auf und rückte den Sessel des Ministerpräsidenten zurück, damit dieser seinen Platz verlassen konnte.

Ich – Steiger.
Ich fand es prima, als der Ministerpräsident seinen Persönlichen Referenten zusammenstauchte: Die Termine mache ich! Nicht Sie! Und zu mir sagte er: Ich komme noch mit in Ihr Büro. Ich muss mit Ihnen noch ein paar Personalien besprechen.
Ich bewundere heute noch den Ministerpräsidenten dafür, dass er über allen Terminen sein Lebensgefühl nicht vergaß. Wenn es ihm gefiel, dann saß er, und wenn er saß, dann saß er lang. Ich glaube, dass wir drei Flaschen Wein zusammen tranken. Es wurde 15 Uhr, es wurde 16 Uhr. Immer wieder steckte sein Persönlicher Referent den Kopf zur Tür herein und der Ministerpräsident verscheuchte ihn sofort: Absagen! Alles absagen! Da kann ein anderer hinfahren. Jetzt stören Sie nicht alle paar Minuten.
Wir waren uns in fast allem einig. Der Ministerpräsident war ausgezeichnet informiert über unser Haus und seine Führungskräfte, und ich schwöre, dass er dies alles wusste, bevor ich mich dazu äußerte. Irgendwann musste er doch ein wichtiges Telefongespräch führen, deshalb bot ich ihm den Sessel hinter meinem Schreibtisch an. Es war die Gelegenheit, endlich zur Toilette am Ende des Gangs zu eilen, dort aber standen die Männer seiner Sicherheitsgruppe und sagten: Die Toilette ist gesperrt: für den Ministerpräsidenten. Da musste ich denen erklären, dass ich als Chefredakteur sein Gastgeber sei, und dass ich auch sofort die Toilette wieder verlassen würde. Das akzeptierten sie. Aber beeilen Sie sich!
Als ich am Nachmittag den Ministerpräsidenten über die spiralförmige Treppe im denkmalgeschützten Empfangsgebäude des Funkhauses zum Haupteingang begleitete, entdeckten wir beide zeitgleich eine kleine Gruppe von Demonstranten auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es war uns völlig egal, wofür oder wogegen diese Arbeitsverweigerer am helllichten Tag demonstrierten. Der Ministerpräsident flüsterte mir zu: Mit einem MG wäre dieser Spuk ganz schnell beseitigt. Dummerweise flüsterte er so laut, dass der Redaktionsleiter der Außenpolitik diese Bemerkung hörte und später in infamer Weise verbreitete. Das ist doch ekelhaft.
Ich weiß schon, weshalb ich diesen jüngeren, keineswegs schlechten Redaktionsleiter auf seinem Karriereweg ausgebremst habe. Du musst nur brutal draufschlagen, dann kommen sie später winselnd angekrochen. Na ja, zur blauen Stunde kommt er oft in die Chefredaktion und trinkt mit mir eine Flasche Wein. Das muss ja möglich sein unter Kollegen.

Wenn sie saßen, dann saßen sie sehr lang.
Sie stritten. Sie lachten. Sie wurden laut und sie wurden grob. Danach öffneten sie eine neue Flasche. Im Kühlschrank Steigers lagerten fast immer Flaschen mit dem Frankenwein »Würzburger Stein« aus der Staatlichen Weinkellerei in Würzburg und einige Flaschen »Hambacher« aus der Pfalz – ein Weißwein, der so rein war, dass eine große Menge getrunken werden konnte, ohne dass jemals eine wahrnehmbare Einschränkung der Trinker durch den hohen Alkoholkonsum beobachtet wurde.
In diesen Stunden wurden Programmstrukturen eingerissen und neu entwickelt, Personalentscheidungen revidiert und Mitarbeiter degradiert, Führungspositionen aufgeteilt und gegenseitige Vorwürfe vorgebracht: Je lauter, desto ehrlicher. Steiger liebte es, wenn sein Gegenüber ihn anbrüllte. Er erwiderte wenig, weil ihm nichts einfiel, aber er registrierte genau – mit eingezogenem Kopf und dem Blick von unten –, wer bei ihm saß. Steiger hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant. Nur manchmal wusste er nicht, wofür ein solches Gedächtnis nützlich war. Aber wenn er mit seinen Parteifreunden zusammensaß, verstand er, dass Erinnerungsvermögen und präzise Wahrnehmung ideale Voraussetzungen dafür sind, in den politischen und medialen Netzwerken zu überleben. Und darüber hinaus: nützlich und erfolgreich zu sein. Zum Wohl des Staates, der Partei und zum eigenen Wohl.
4
Salzburg erwacht.
Der Mönchsberg und der Kapuzinerberg sind noch verhüllt vom kühlen Morgennebel, der einst weiße Verputz der Mauern auf der Festung sieht leicht angeschimmelt aus, wahrscheinlich dunkel vermoost, noch hat sich über der Altstadt der Dunst aus Feinstaub und Lichtreflexionen nicht verzogen; tagsüber ist er fast unsichtbar, obwohl er auf den Dächern und dem Kopfsteinpflaster lastet, aber man gewöhnt sich daran. Man sieht nicht mehr, was man nicht sehen will. Tagsüber ist das Licht nicht so fahl wie jetzt am Morgen.
Der Mann ist vor einer Stunde aufgestanden. Nach einem kurzen Frühstück hat er seinen Kleinwagen beladen. Heute will er Pflanzen, Grassamen, Erde und den etwas brüchigen Picknickkorb zu seinem Garten bringen. Der Tag ist frisch und neu und dunstig, und es gibt viel zu tun.
Vom Parkplatz aus, der für die Kleingarten-Vereinsmitglieder von Amicitia Salzburg e.V. reserviert ist, trägt er in zwei voluminösen IKEA-Tragetaschen seine Sachen in Richtung seines Schrebergartens. Er geht vorbei an dem kleinen Wertstoffhof, in dem Gartenabfälle deponiert werden dürfen. Dort kann jeder Kleingärtner gelbe Säcke mit dem »Bodenhilfsstoff« Rindenmulch aus reiner Nadelholzrinde erwerben – abgepackte Füllmenge: 130 Liter. Verwendung: Abdecken von Beeten, Pflanzflächen aller Art sowie als Wegbelag. Wirkung: Verringert Unkrautwuchs, schützt vor Austrocknung, ist humusbildend, speichert Wärme, mildert und schützt vor Erosion. Rindenmulch soll in einer Stärke von zehn Zentimetern auf die Flächen aufgetragen und gleichmäßig verteilt werden. Dass sich die Schritte darauf, anders als auf den Kieswegen, akustisch bis zur Geräuschlosigkeit verlieren, steht nicht auf der Packung, aber dem Mann ist auch diese Eigenschaft des Beet- und Bodenbelags wichtig. Lärm zerstört das Vogelgezwitscher. Manche Kleingärtner haben handtellergroße, vogelhausähnliche Schachteln erworben – sogenannte Zwitscherboxen –, die Frontseite in Holz oder aluminiumverkleidet, die jede Bewegung im Umkreis registrieren. Dann zwitschern die gespeicherten Vogelstimmen los. Die Apparate kosten fast 50 Euro. Es ist schwer, die auf einem Chip gespeicherten Vogelstimmen von dem lebendigen Zwitschern zu unterscheiden.
Der Mann geht durch die Watzmanngasse, die Edelweißgasse, die Rosengasse.
Einige Amicitia-Nachbarn haben Miniatur-Biotope angelegt. Beschützt von der Kunststoff-Folie am Teichgrund wächst Schilf, wachsen Gräser und Wasserpflanzen, sogar Seerosen. Im Sommer schwirren Libellen dicht über diesem See-Ersatz, hier und dort haben sich Molche, Frösche und Kröten niedergelassen, auch wenn der schlammige Grund viel zu dünn ist, um in ihm eingegraben den Winter zu überstehen.
Andere haben sich Brunnenattrappen hingestellt: aus Stein, Holz oder Metallbottiche. Einige haben sich für uralte Brunnenpumpen mit langen Hebelarmen entschieden, die aber kein Wasser mehr heraufpumpen, weil das Wasser nun aus der Leitung fließt. Wie Kaskaden hängen Blumentöpfe übereinander, oft mit Fuchsien bepflanzt, deren Blüten es nach unten drängt, sodass in der Fantasie rot-weiße Wasserfälle vorstellbar werden, und ihr Geplätscher, das an Hans Carossas Brunnen im Hof erinnert. Das immer wache Geplätscher nur vom alten Brunnen tönt.
Der Untersberg – obwohl im Dunst noch unsichtbar – ist ganz sicher auch in dieser frühen Morgenstunde da und steht wie seit Jahrtausenden herum, durchlöchert von Höhlensystemen, gefährlich für Bergsteiger, Hausberg der Salzburger. Vom Salzkammergut her weht inzwischen regelmäßig ein wärmerer Wind über der Salzach in die Stadt hinein. Etwas Fön wird den meisten Menschen guttun, jetzt ist es noch etwas klamm hier draußen. Es riecht nach frischem Gras und feuchter Erde. Der Mann hat gelesen, dass die Zitronenfalter mit einem Frostschutzsystem ausgestattet sind, das sie sogar leichten Nachtfrost ertragen lässt, aber noch sind sie nicht für ihren ersten Flug bereit.
Vor wenigen Tagen hat ein leichter Nachtfrost die blauen Hortensien mit ihren frischen Trieben welken lassen, inzwischen haben sich einige Blätter schwarz gefärbt. Der Mann stellt seine schweren Säcke ab, öffnet das hölzerne Gartentor und schneidet die angefrorenen Blätter ab, er beobachtet die winzigen grünen Pickel in den Hortensienstengeln. Vielleicht entstehen neue Triebe. Man braucht viel Geduld, denkt er, Gartenarbeit ist das Warten auf Entwicklung. Ich habe das inzwischen gelernt, denkt er.
Manche Kleingärtner umgrenzen ihren umhegten Boden mit höheren Drahtzäunen. Maschendraht, Jägerzaun und grüne Kunststoffzäune sind beliebt. Von seinem Gartennachbarn grenzt ihn nur ein kniehoher Holzzaun mit großen Abständen ab. Wegen der Igel, sagte der Nachbar.
Angeblich fressen die Igel die Population der Nacktschnecken. Die meisten sind rot-braun gefärbt, gelegentlich finden sich auch schwarze. Die Gartenfreunde haben sich sehr unterschiedliche Methoden angeeignet, um der Schneckenplage Herr zu werden. Ein Bekannter im Alpenrosenweg zerschneidet sie mit einem scharfen Messer. Ein anderer schwört darauf, die Nacktschnecken in Blechdosen zu sammeln und ordentlich Salz auf sie zu streuen. Am nächsten Morgen, wenn er den Deckel öffnet, existiert nur noch eine modrige Flüssigkeit, die er dann auf seinem Komposthaufen entsorgt. Es gibt noch andere Rezepte, mit der alljährlichen Schneckenplage umzugehen. Die Anpflanzung besonderer Kräuter, das Übergießen der Schnecken mit Bier, chemische Spezialmittel. Der Mann aber mag dies alles nicht. Auch Schnecken sind Natur, denkt er. Was können sie dafür, dass sie existieren? Mit einer kleinen Blechschaufel, die ein Kind in der Kleingartenanlage verloren hat, sammelt er die Nacktschnecken ein, schüttelt sie in eine Frischhaltebox, sucht nach Weinbergschnecken, groß und fett und markanter als die Nacktschnecken, füllt sie in eine andere Box und trägt sie zu einer kleinen Wiese, die außerhalb der Anlage liegt und seltsamerweise noch nicht als Baugrund ausgewiesen wurde. Sie werden wieder zurückfinden, die Schnecken, aber dafür brauchen sie viel Zeit. Das ist der ewige Kreislauf. So lange sie auf dem Weg mit ihrer Schleimspur sind, fressen sie seine Pflanzen nicht an. Und wenn sie doch früher zurückgefunden haben sollten, als er es berechnet hat, dann wird er sie wieder einsammeln und auf die Wiese zurücktragen. Den Weg in seinen Garten kennen sie dann schon. Und einige werden von den Igeln gefressen werden. Alles ist gut so.
Viele Nachbarn haben Insektenhotels aufgestellt, Bretterquadrate mit Bohrlöchern und Höhlen – die Wildbienen mögen das angeblich und auch die Holz- und Schlupfwespen. Ganz anders verhalten sich die Honigbienen, die von Blüte zu Blüte fliegen. Schwerarbeiter sind sie, und können oft kaum noch in ihren Bienenstock heimfinden, so sehr torkeln sie abends, wenn es kühl wird, mit ihrer Pollenlast nach Hause. Aber der Mann hat diese vermeintlich insektenfreundlichen Installationen aufmerksam untersucht. Sie alle schienen ihm unberührt von den Insekten zu sein. Sie haben ihre eigene Ordnung, denkt er, weshalb sollten sie diese Miniaturarchitekturen der Menschen annehmen? Jeder unregelmäßig aufgeschichtete Holzstoß ist ihnen lieber, er duftet nach Harz und Fichtenblüten, in den Rinden ist Platz, sich gegen Regen, Kälte und zu starke Sonneneinstrahlung zu schützen. Das hindert die Gartenfreunde im Kleingarten-Verein Amicitia Salzburg aber nicht daran, unter den Insekten-Hotels kleine Holzschilder anzubringen, die sie als nachhaltig und biologisch wertvoll ausweisen.
In diesem Jahr, so sieht es der Mann, haben sich die Primeln außerhalb seines Kleingartens, direkt am Zaun zur Teufelsgasse, weiter ausgebreitet. Auch die unterirdischen Netzwerke der Maiglöckchen haben ihn überlistet. Sie tragen die Farben des Gartens nach außen an den Wegrand. Eigentlich ist das nicht erlaubt. Vor wenigen Jahren wurde dies von der Aufsicht beanstandet; was draußen in den Kiesweg hineinwuchs, musste entfernt werden. Wo kämen wir denn hin, wenn das alle zulassen würden? Die Wege, die Gassen und Straßen der Gartenanlage glichen pflanzen- und keimfreien Zugängen zu den Parzellen. Selbst Zigarettenkippen, die in der Nähe eines Gartens gefunden wurden, musste der Kleingärtner einsammeln und in die Mülltonnen werfen. Bisher aber hatte sich niemand an den Primeln und den Maiglöckchen-Blättern gestoßen, die Zeiten waren anders und mit ihnen wurden die Regeln großzügiger als früher und weniger beachtet. Jede Blüte galt, wenn es sich nicht gerade um Geranien handelte, die für Nektar suchende Insekten nichts anboten, als besonders wertvoll. Mit dem Insektensterben durfte es ja nicht wie bisher weitergehen. In Bayern drüben hatte es die Initiative »Rettet die Bienen« sogar geschafft, dass ihre Forderungen in einen Gesetzentwurf der Staatsregierung aufgenommen worden waren: die Politik überholte das Bürgerengagement, adaptierte die Forderungen, setzte noch eins drauf und der Landtag stimmte dem Gesetzentwurf der Regierung zu. Man wusste dort sehr genau, woher der Wind bläst und wie er steht.
Der Mann weiß, dass zum Gießen das Wasser aus der Leitung zu hart ist. Mehrfach hat er die Werte gemessen und notiert. Eines Tages kaufte er einen Kunststofftank für Regenwasser, der einen Hektoliter fasste, montierte ihn hinter seiner Holzhütte, und legte von der Dachrinne der Hütte einen Ablauf direkt in den Tank. Seine Pflanzen gießt er seitdem mit dem weichen Regenwasser, das vor allem seinen Kakteen guttut. Einen Steingarten wie manche seiner Nachbarn hat er für seine Sukkulenten im Garten nicht angelegt. Im Humus Steine dafür aufzuhäufen und Kies aufzuschütten erscheint ihm pervers. Aber sollen die Nachbarn doch machen, was ihnen gefällt. Ihn stört das bis heute nicht.
Er schneidet überlange Triebe in der Hecke zurück, lüftet die Wurzelstöcke der Sommerfliederbüsche, die später ganze Heerscharen von Schmetterlingen anziehen, darunter Tagpfauenaugen und Admirale, Bläulinge und Kohlweißlinge, dann auch die Zitronenfalter und – wenn die Dämmerung kommt – die Flügelwesen der Nachtfalter: behaarte große und mottenähnliche kleine Insekten, die die Saugplätze der Tagesschmetterlinge einnehmen. Der Mann schaut dem Wechsel gerne zu. Bald ist es wieder so weit, denkt er, aber noch ist der Mai zu kühl.
Der Mann atmet die Morgenluft tief ein, es wird spürbar wärmer. Er hört das metallische Schleifen der O-Busse, die mit ihren Stromabnehmern die Zwischenräume der Oberleitungen an Kreuzungen überspringen müssen, ohne dass die Energiezufuhr unterbrochen wird. Vom Hauptbahnhof her weht das Quietschen von Eisenbahn-Waggons herüber, abgehackt sind – wie der Mann glaubt – Zwischentöne der Lautsprecheransagen von dort drüben zu hören. Die Stadt ist aufgewacht, sie lebt. Und nachher schieben sich wieder die Massen durch die Getreidegasse. Der Glockenschlag der Andräkirche bleibt verlässlich, nicht in seiner Gänze, aber im Stakkato einzelner Schläge dringt er bis in die Kleingartenanlage hinein. Es zieht ihn nicht in die Altstadt. Nicht mehr. Er fühlt sich als Fremder in den Gruppen der Touristen, die nichts sehen, aber alles fotografieren, um sich später zu Hause darüber zu wundern, was sie nicht in Wirklichkeit gesehen, sondern nur auf dem Screen festgehalten haben.
Es ist gut so, denkt der Mann. Lange genug bin ich dort drüben gesessen, und ich bin jeden Morgen dorthin gegangen, und jeden Abend von dort nach Hause. Tag für Tag. Immer wieder.
Er hat seinen Beruf geliebt. In vielen Jahren hatte er sich ein Selbstbewusstsein erarbeitet, das ihn vor den üblichen Ärgernissen am Arbeitsplatz schützte, ohne seine Freude zu mindern, jeden Morgen gern sein Amt zu betreten und es abends entspannt zu verlassen.
In seiner Jugend hat er sich eine merkwürdige Eigenschaft angewöhnt, sie ließe sich vielleicht sogar als Tick bezeichnen, der sich seit damals intensiviert hatte. Würde er danach gefragt, würde er dies wahrscheinlich sogar zugeben. Er hat sich an seine Eigenart gewöhnt und empfindet sie keineswegs als beunruhigend: Als Jugendlicher besuchte er sonntags den Gottesdienst, nicht weil er es wollte, aber der Kirchgang entsprach der Familientradition. Nicht jeden Sonntag, beileibe nicht, aber immer wieder sonntags, wenn sein Onkel Prediger in der evangelisch-lutherischen Kirche Augsburger Bekenntnisses war. Ihm zuliebe wurde dorthin gegangen, in die kleine Kirche in der Innenstadt, deren Fassade mit der rot-weiß-roten Plakette »Evang.-luth. Kirche A.B.« gekennzeichnet ist, damit jeder weiß, dass hier keine Messen zelebriert werden.
Mit den Predigten seines Onkels, der ganz sicher intellektuell wie seelsorgerlich über große und allgemein von seiner Gemeinde hoch geschätzte Talente verfügte, zudem ein sympathisch-liberaler Theologe war, hatte er als junger Mann wenig anfangen können. Sie waren zu lang. Sie betrafen ihn nicht. Gestik und Mimik des Predigers waren ihm vertraut. Er mochte ja seinen Onkel. Er fühlte sich zu ihm hingezogen, diskutierte auch gerne nach dem Gottesdienst im Pfarrhaus mit ihm, trank seinen ersten Cognac bei einem solchen Gespräch, rauchte auch einmal eine Zigarette dort, als er sechzehn Jahre alt war. Das darfst du jetzt, wenn du nicht süchtig wirst, hatte sein Onkel ihm gesagt. Aber mit den Predigten – das war eine ganz andere Sache.
So hatte der Mann angefangen, in seinem Kopf leere Flächen typografisch zu gestalten, die Umrisse der Fenster nachzuzeichnen und die Fenster zu zählen. Sah er im Fernsehen später die Buchstaben einer Bauchbinde, also die Texteinblendungen mit den Namen und Funktionen der jeweils auf dem Bildschirm gerade präsenten Personen, stichelte er die Zeichen wie bei einer Radierung nach. Leere Felder musste er mit seinen Linien bebildern. Niemand merkte dies, aber ihm wurde das Zuhören der Predigt und der Liturgie leichter, weil er in andere Linien- und Formstrukturen auswich. So war in ihm die Begabung gewachsen, die Choreografie jeder Bewegung im Raum vorzuzeichnen und darüber zu staunen, dass es so viele Menschen gab, die sich in den Räumen auf falschen Linien bewegten: uninspiriert, bar jeder Eleganz, unempfänglich für jede Harmonie beim Betreten von Plätzen, Straßen und Räumen.
Weil er immer die gleichen Gassen und Straßen gegangen war, morgens und abends, weil ihn die Geschäfte mit ihren Schaufenstern voller Mode und Verzweiflung abstießen (einmal hatte er sich in ein Sakko eines italienischen Markenherstellers verguckt, er hatte den Laden betreten und im ersten Stock das Sakko sofort gefunden, aber im Neonlicht des Ladens war die Schönheit der Jacke verschwunden), begann er, bestimmte Autotypen auf seinem Weg zu zählen. Heute Range Rover, 4 Stück. Morgen Fiat 500. 16 Stück. Volkswagen aller Wagentypen: 35. BMW: 12. Mercedes: 8. Als ihn das zu langweilen begann, zählte er Motorroller. Rote. Violette. Schwarze. Weiße. Metallisch-blaue. Da kam er auch auf stattliche Zahlen. Als ihn diese Zählerei nervte, leitete er seine akribische Beobachtungslust aufTrachtenhüte um. Die hohe Dichte an Trachtenhüten in der Innenstadt überanstrengte ihn fast. Grüne Hutbänder, rote Borten, Abzeichen, Edelweiß, Gamsbart, Pfauenfeder (nicht nur bei den Damen), Veteranenauszeichnungen, Jagdverbandsinsignien, Hirschhornovale, Bergführer-Embleme, Silbernadeln mit den Namen von Berggipfeln, Almhütten-Souvenirs. Als merkwürdig hatte es der Mann damals empfunden, dass der Salzburg-Verächter und an Salzburg leidende Thomas Bernhard in seinem Ohlsdorfer Vierseithof auch über solche rustikalen Kopfbedeckungen verfügte. Breite Krempen, vorne oft hochgerollt, hinten den Hals bedeckend, Schlapphüte filzschwer, als stammten sie aus dem Nachlass von Luis Trenker. Der Mann sah alles. Und er versuchte, die Trachtenhutdichte in der Innenstadt pro zehn Quadratmeter zu errechnen.
Später, und das war nicht so anstrengend, zählte der Mann die Autos nach Farben. Er wusste mehr über die Vorlieben potenzieller Autokäufer als so mancher Marktforscher, aber er behielt sein Wissen für sich, andere ging das nichts an. Seit Neuestem zählte er bei den Passanten schwarze Schuhpaare, echte Lederschuhe, weil er braune Schuhe nicht ausstehen konnte. Dunkler Anzug, braune Schuhe. Dunkelblaues Kostüm. Braune Slipper. Es war schrecklich. Aber der Schrecken war zählbar und dadurch zähmbar, und so addierte der Mann, was er sah.
»Guten Morgen! Alles okay?«
Zwei Zäune weiter taucht ein Nachbar auf, der wie der Mann seinen Vormittag im Garten verbringt.
»Bestens!«, sagt der Mann.
Der Nachbar hat einen roten Kopf, ganz ungewöhnlich am Morgen. Das fällt dem Mann sofort auf. Der Nachbar ist aufgeregt.
»Haben Sie gesehen, da ist ein Vermessungstrupp unterwegs! Was wollen die?«
»Ich habe die Orangemänner auch schon gesehen«, sagt der Mann. »Die stehen da schon seit einer Stunde in der Gegend herum. Der eine hält Stangen. Der andere schaut in ein Fernglas auf seinem Stativ. Der Dritte macht sich Notizen auf einem Klemmbrett mit vielen Formularen.«
»Ein ruhiger Job. Und immer an der frischen Luft.«
»Wir sind es auch!«, sagt der Mann.
»Was die da bei uns wollen?«
»Ich glaube, dass sie die Kanalisation neu vermessen. Die ist doch marode. Da werden vielleicht im nächsten Jahr neue Rohre verlegt.«
»Oder der Ausbau des Glasfasernetzes …«, sagte der Nachbar. »Die waren schon bei uns in der Straße.«
»Wir werden sehen«, sagt der Mann.
»Es ist kein gutes Zeichen, wenn die auftauchen!«
»Es wird nicht so heiß gegessen wie gekocht«, sagt der Mann.
»Haben Sie auch so viele Schnecken?«
»Na ja!«, antwortet der Mann. »Es ist wie es ist.«
Der Mönchsberg und der Kapuzinerberg leuchten jetzt frei von Dunst und Nebel im Morgenlicht, ein schmaler goldener Streifen. Es ist wärmer geworden. Die Konturen der Silhouetten von Häusern und Bergen zeichnen sich messerscharf unter dem Himmel ab, wie mit einer Graviernadel in den Horizont geritzt. Nichts lenkt das Morgenlicht ab. Der Himmel sieht ganz frisch aus, der Dunst hat sich verzogen.

Am nächsten Morgen steht der Kleintransporter mit dem gelben Blinklicht wieder vor der Kleingartenanlage des Vereins Amicitia Salzburg. Diesmal vermessen die drei Männer die Seitenlänge des Geländes, später die Rückseite. Wie ein Schwarm von Spatzen verbreitet sich die Nachricht von der Vermessung ihrer kleinen Welten unter den Kleingärtnern. Sie stehen in Gruppen zusammen, manche gestikulieren heftig, andere fassen sich an die Stirn. Einige schweigen.
Der Mann sucht keinen Blickkontakt. Er hält wenig vom Geschnatter der Nachbarn, die ihn an die Gänse auf dem Kapitol in Rom erinnern: Alarm! Alarm! Es ist doch gut möglich, dass der Grundstückseigentümer, die Stadt Salzburg, ihr an den Kleingartenverein verpachtetes Gelände in seinem Umfang neu berechnen lässt. Es gibt ja für Grund und Boden neue Berechnungsmodelle, das trifft jeden Eigentümer, das ist nichts Besonderes.
Zwei Kleingärtner prosten sich mit ihren Flaschen Stiegl-Bier zu. Ihm fällt auf, dass sie so früh am Morgen schon trinken. Bisher hat er das noch nicht beobachtet. Der eine wird laut. Er ballt seine Faust. Der andere klopft ihm auf die Schulter. Abwarten!, kann das bedeuten. Oder: Beruhige Dich! Der Mann versteht die Worte nicht. Draußen blinkt das Gelblicht auf dem Kleintransporter. Der Mann wird jetzt erst einmal die Schnecken einsammeln.
Früher hat es für die Bepflanzung der Gärten strenge Regeln gegeben. Es ist festgelegt gewesen, wie viele Quadratmeter für Blumen und Ziersträucher zu reservieren waren, wie viele für Gemüse und Gewürze und für die Rasenfläche, auf der Kinder spielen konnten, Vogeltränken standen oder Gartenzwerge, hin und wieder auch ein Bambi, eine Gämse oder ein Steinadler, aus einem Kunststoffmaterial gegossen und mit dunklen Farben bemalt. Über allem flatterten die rot-weiß-rote Fahne oder die Flagge Salzburgs. Der Mann bedarf solcher Identitätszeichen nicht. Er weiß doch, wo er lebt und was er liebt. Er braucht keine Fahnen, um Halt zu finden, ein Bekenntnis abzulegen oder einem Feind zu signalisieren, dass hier ein fremdes Territorium beginnt.
Seine Nachbarn weiteten die Rasenflächen aus. Jahr für Jahr vergrößerten sich die kurz geschnittenen grünen Areale, die Nutzflächen wurden immer kleiner. Aber auf dem blütenfreien Rasen stehen jetzt neue Hochbeete, günstig im Baumarkt erhältlich. Schneckensicher. Igelsicher. Schädlingssicher. Von wegen. Der Mann pflückt die ersten Schnecken von den Außenwänden des Hochbeets ab, das er sich schließlich auch, später als die anderen, angeschafft hat. Sie sind nicht zu überlisten. Nach zwei, drei Jahren haben sie oder ihre Nachkommen entdeckt, wie sie die lackierten Holzflächen erklimmen können, ganz langsam, beharrlich. Die getrockneten Schleimspuren glänzen im Morgenlicht. Der Salat ist nicht befallen. Die Kräuter lassen sie in Ruhe. 17 Schnecken zählt der Mann.
Unter den Efeublättern kleben sehr kleine Schnecken mit gelben Häusern. Auch sie können hier nicht bleiben. »Tut mir leid!«, sagt der Mann. Schneckenhaus nach Schneckenhaus löst er aus seiner Verklebung unter dem Efeu. Es sind 43 Stück. Auch heute trägt er die Schnecken in den Frischhalteboxen aus der Kleingartenanlage hinaus. Diese winzigen, knallgelben Schnecken kannte er früher nur als Fundstücke am Strand von Saint Simon im Finistére der Bretagne, am Ende der alten Welt. Stunde um Stunde hatten sie damals die kleinen leeren Schneckenhäuser gesammelt, sie in Glasbehälter eingefüllt, die heute noch in seinem Badezimmer stehen. Souvenirs? Vielleicht. Eher die Materialisierung von glücklichen Augenblicken an den Stränden, das Wasser war kalt, es war Ebbe, und die Zeit verlor sich im Suchen zwischen den Wasserlachen in der steifen Brise vom Atlantik her. Die kleinen und mittleren Steine lassen sich gut umdrehen, und unter ihnen sind Wunderwelten zu entdecken.
Draußen flackert das gelbe Blinklicht. Vielleicht ist für die Fernwärme eine neue Rohrverlegung geplant. So könnte es sein. Das wäre möglich.
5
Wolff schrieb.
Er hatte sich aus der Abteilung Archiv und Dokumentation biografische Daten über den Chefredakteur kommen lassen. Die Programmassistentin stellte ihm eine Tasse mit frischem Kaffee hin, sagte kein Wort und verließ sein Büro. Wolff neigte nicht zur Übertreibung. Aber die Nachricht vom Tod des Chefredakteurs ließ den Flurfunk, wie der Klatsch intern genannt wurde, abrupt verstummen, dieses Netzwerk für schnelle Informationen quer durch das Haus mit seinen offenen Redaktionstüren und dem schneckenförmigen Treppenhaus im Hauptgebäude. Es war ruhiger als sonst. Die Telefone läuteten nicht im gewohnten Rhythmus eines Arbeitstags. Wolff hatte knapp 30 Minuten, um den Nachruf zu verfassen. Dann würde er ihn vom Hörfunkdirektor gegenlesen lassen und in das Aufnahmestudio eilen. Im Haus der 1000 Uhren wurden Zeiträume exakt vermessen, und sie waren knapp kalkuliert. Wer zu spät in die Tonträgerbearbeitungsräume kam, Selbstfahrerstudio hin oder her, verlor den Termin, der nach 10 Minuten an andere vergeben wurde. Die Dispo machte da keine Ausnahmen. Der Nachruf sollte im Anschluss an die Mittagsnachrichten in zwei Programmen gesendet werden, die aktuellen Programme würden sich auf eine knapp formulierte Meldung beschränken, im Übrigen auf die Würdigung in den beiden anderen Wellen hinweisen.
Wolff, der seit seinem 16. Lebensjahr journalistisch arbeitete, noch als Schüler, später als Student, der seitdem auch gewusst hatte, dass er Journalist werden wollte, und der erst für eine Sonntagszeitung, dann für eine aktuelle Agentur und schließlich für die Lokal- und Feuilletonredaktion seiner Heimatzeitung geschrieben hatte, hatte von seinem späteren Chefredakteur einer Heidelberger liberalen Tageszeitung gelernt, dass gute Journalisten nicht über die ersten Zeilen ihres Beitrags nachdenken dürfen. »Sie sollen einfach anfangen!«, hatte damals der Chefredakteur zu ihm gesagt und er strich den ersten Absatz seiner Kritik über einen Vortragsabend des Professors Joseph Ratzinger. Dabei hatte Wolff sehr lange über dem Einstieg in seine Kritik gebrütet. Eine ganze Kanne Tee hatte er getrunken, bis er die ersten Zeilen niederschreiben konnte. »Und«, hatte der Chefredakteur gesagt, »Überschriften formulieren wir selbst«, und er strich die Headline, die Wolff nicht weniger beschäftigt hatte. Ja, es war so, und es stimmte auch: Beginne einfach zu schreiben, auch wenn du noch nicht weißt, wie du anfangen sollst. Nach 10 Zeilen weißt du es. Ist dein Text gut, dann schreib weiter. Ist er nicht gut, dann weißt du, wie du ihn jetzt schreiben musst. Wolff hatte diesen Rat beherzigt, sich an ihm in vielen Jahren abgearbeitet, jetzt aber war ihm das schnelle Schreiben zur Routine geworden.
»Fang an!«, flüsterte er vor sich hin. Und er fing an. Zwei Voraussetzungen aber mussten erfüllt sein: die Tür zum Vorzimmer schließen und eine Zigarette anzünden. Noch war das Rauchen im Funkhausareal erlaubt, aber Wolff hatte sich schon auf den drohenden Verzicht eingestellt, den ein hausinternes Rundschreiben angekündigt hatte. Vielleicht auch würde er mit dem Rauchen aufhören. Jetzt aber konnten die Rauchringe über dem Keyboard seines Computers noch sanft aufsteigen. Alles stimmte jetzt, und der Nachruf würde bald geschrieben sein.
Wolff würde sein Arbeitsverhältnis zu Steiger als ein Nicht-Verhältnis beschreiben. Sie beide waren sich mit Misstrauen, lauernd, einander taxierend begegnend, in den Konferenzen immer wieder im verbalen Clinch ineinander verhakt, und dafür gab es viele Gründe.

Ich – Steiger.
Es ist doch nicht in Ordnung, wie die Alt-68er sich in ihren Redaktionen aufführen. Sie sind vielleicht hochintelligent, das mag ja sein, aber sie betreiben völlig einseitig ihren Betroffenheitsjournalismus. Einseitig, verstehen Sie? Da kommen im Programm nur ihre ideologisch gleichgeschalteten sogenannten Experten zu Wort, sogenannte Schriftsteller, sogenannte Multiplikatoren, die nicht in der Lage sind, andere Meinungen zu akzeptieren.
Was hilft es denn, dass – der Parteienlandschaft im Freistaat entsprechend – die Führungsjobs mit Männern und Frauen besetzt sind, die der richtigen Partei angehören oder ihr sehr nahestehen? Die Programme werden in der Praxis von den Leuten an der Basis gemacht, nicht von denen, die in der Hierarchie aufgestiegen sind. Schon wie sie sich anziehen, diese Hascher: schwarzes Anarchisten-Outfit, Turnschuhe, keine Krawatten, keine Trachtenjanker, die Frauen in wallenden bodenlangen Kleidern oder in Jeans. Grauenvoll. Sie machen – das muss ich objektiv feststellen – spannende und glänzend gebaute Sendungen, aber sie sind einem Missionsjournalismus verpflichtet, den sie ganz raffiniert tarnen. Ich kenne ihre Absichten.
Letzte Woche gab es wieder ein Palaver mit den Salonlinken. Ich hätte in einem Kommentar die neue Partei der CSU-Rechtsabspaltung »Die Republikaner« ohne das Attribut »rechtsradikal« erwähnt, den Parteichef, übrigens einen früheren Fernsehkollegen, gar hoffähig gemacht. Völliger Unsinn. Der Mann kam aus der Partei des Ministerpräsidenten. Bei regelmäßigen Zusammentreffen mit dem Ministerpräsidenten und wenigen anderen Vertrauten, wo dann viel getrunken und Deutschland neu geordnet wurde, von Grund auf, weil es endlich Ordnung geben musste im Land, wurde entschieden, dass – so betrüblich der Fakt der Abspaltung war – einer neuen Partei auch eine Chance gegeben werden musste. Es ist ja nicht alles unvernünftig, was sie fordert. Ich habe in der Redaktionskonferenz eine dringende Empfehlung ausgesprochen, diese Partei und ihren Vorsitzenden nicht mit dem Begriff »rechtsradikal« zu diffamieren und im Klartext hinzugefügt, dass ich dringend rate, sich an diese Empfehlung zu halten. Da haben sie alle ganz dumm geschaut.
Diese Neolinken, die so wenig Geschichtsbewusstsein haben, dass sie nicht einmal das Kapital von Karl Marx gelesen haben, rannten dann gleich zu ihren Gesinnungsfreunden in den Zeitungsredaktionen, die mir sofort einen Skandal anhängen wollten, weil meine Empfehlung als Anweisung für die Nachrichtenredaktion verstanden wurde. Mein Gott, diese dünnheutigen Gutmenschen!
Dumm war die Angelegenheit nur, weil sich der Innenminister als Mitglied des Rundfunkrats einschaltete, zudem auch noch sein Generalsekretär. Beide erklärten, sie verstünden nicht, weshalb auf eine das Publikum über die Republikaner informierende Sprache verzichtet werden solle. Der Verfassungsschutz war bereits tätig, aber als die sogenannte Affäre durch die Printmedien ging, fanden Innenminister wie Generalsekretär die Empfehlung des Chefredakteurs »deplatziert und fatal«. Und der Chefredakteur war ich, schon damals. Da verstehe einer noch einmal die Politik.
Wie aufgescheuchte Hühner rannten die Neo-Linken durch das Haus. Ein freier Mitarbeiter protestierte gegen die Anweisung seiner Redaktion, den Begriff »rechtsradikal« in seiner Berichterstattung zu unterlassen, wenn er weiter beschäftigt werden wolle.
Ich habe dann öffentlich erklärt, dass wir die Empfehlung nur ausgesprochen hätten, weil wir die übrigen Parteien ja auch nicht kommentieren. Die Hörerinnen und Hörer wüssten ohnehin, was hinter den Republikanern steckt.
Das ist jetzt lange her. Aber die Sache ärgert mich bis heute. Nach links sind sie blind, diese ideologisch Verblendeten, und nach rechts schauen sie mit einem schärferen Blick als ein Steinadler.
Nur der Wolff hat damals in der Konferenz zu mir gesagt: Sie haben mir keine Anweisungen zu geben. Ganz ruhig, ohne jeden frechen Unterton.

Das Nichtverhältnis zu Gerald Steiger bedeutete für Al Wolff nicht, dass er nicht immer wieder die Nähe zum Chefredakteur gesucht hatte. Gerieten sie sich in den Konferenzen heftig in die Wolle, dann suchte Wolff am Nachmittag den Kontakt. In der Kantine setzte er sich zu ihm und sie redeten miteinander, als habe es den Vormittag nicht gegeben. Wolff war es wichtig, dass keine Verletzungen entstanden.
Bei einem Gangfest, einer jener legendären Geburtstags- oder Abschiedsfeiern im Flur und in den Räumen der jeweils einladenden Redaktion, als die ersten beiden Kollegen in den Stapel der Bierkästen gefallen waren, nicht mehr tritt- und sprachsicher, war Steiger auf Wolff zugekommen. Er hatte sich mit seinem Bierglas in der Hand dicht vor ihm aufgebaut. Er schwankte etwas, nahm einen langen und tiefen Zug aus seiner Zigarre und blies ihm den Rauch ins Gesicht: »Ich verstehe euer Programm zwar nicht, aber ihr seid schneidig!« Wolff hatte den Begriff »schneidig« seit Jahrzehnten nicht mehr gehört. Er begriff, dass ihm Steiger ein Kompliment machen wollte. »Vielen Dank«, gab Wolff zurück. Steiger legte seinen Arm um Wolffs Schulter und sagte: »Ich bin der Gerald«. Wolff zögerte. Dann stieß er mit seinem Bierseidel an und sagte: »Ich bin der Al!« Der Chefredakteur trank auf Bruderschaft, Wolff auf Kollegialität, ohne darüber zu reden. Am nächsten Vormittag diskutierten sie wieder kontrovers und leidenschaftlich, wobei erwähnt werden muss, dass Steiger immer dann, wenn die argumentative Schärfe kaum noch zu steigern war, die Waffen streckte und der Debatte mit einem »Unglaublich!« auswich.
Es dauerte Wochen, bis sich Wolff und Steiger auch öffentlich duzten. Wolff, der sich jetzt besonders darum bemühte, sympathische Eigenschaften bei seinem Chefredakteur zu entdecken, war es anfangs etwas peinlich. Denn jeder und jede in den Redaktionen wussten, dass sich die beiden Kontrahenten grundsätzlich unterschieden: in ihrem Verhalten, in ihrer Bildung, in ihrem Denken, in ihrer Kleidung, in ihrer Wortwahl und in ihren fachlichen Interessen. Aber Wolff spürte, dass der Chefredakteur, hinter seiner Grobheit versteckt, durchaus ein Faible für ihn hatte, und er empfand, wenn er sich anstrengte, ebenfalls ganz kleine Anfänge einer Sympathie. Das konnten manche nicht verstehen.
Wolff aber wusste, dass in einem Funkhaus nicht eine Versammlung grundsympathischer Menschen anzutreffen war, Freundschaften waren selten, Kollegialität war ausgeprägt, Flügelbildung logisch. Er wollte Menschen nicht verändern, das konnte er nicht und das stünde ihm auch nicht zu, aber er wollte kollegial gerade mit jenen Journalistinnen und Journalisten im Haus zusammenarbeiten, die sich wie er für das Medium Rundfunk begeisterten. Einige sagten von Wolff, er sei diplomatisch begabt. Fair und in seiner Haltung stark.
Dabei war Wolff immer schon ein Zweifler gewesen, ein Skeptiker, auch sich selbst gegenüber. Kam er aus einer Livesendung, die er moderierte, in den Regieraum, hätte er am liebsten die Sendung völlig neugestaltet. Er wusste in den ersten Jahren nicht, ob es gut war, was in den letzten beiden Stunden gesendet worden war. Aber wenn ihm andere gratulierten, nahm er die Komplimente gerne an. Am wichtigsten waren ihm die Rückmeldungen von den Studiotechnikern der Sendung. Dann empfand er eine Befreiung vom Druck. Mehr nicht.
Er verabschiedete sich, ging durch die langen Funkhausflure bis hinüber zum Hochhaus, nahm den Aufzug, fuhr in den 13. Stock, stieg aus, schloss die Tür zu seiner Redaktion auf und atmete erst einmal tief durch. Erst später würde sein Team noch einmal mit den Sendeunterlagen bei ihm vorbeischauen, und er würde ein Glas Wein anbieten. »Ja, die Sendung war okay«, sagte er, um nicht eine längere Manöverkritik zu ermöglichen. »Morgen«, sagte er, »morgen setzen wir uns zusammen.«
Wolff hatte immer anerkannt, dass Gerald Steiger seine Kommentare brilliant formulierte. Seine Beiträge, die ihm Steiger in einem Sammelband, herausgegeben im Selbstverlag, an einem späten Abend mit einer freundlichen Widmung überreicht hatte, folgten den Gesetzmäßigkeiten für Meinungsbeiträge: Reduktion komplexer Themen auf knappe Bilder, Vermeidung jeglicher Sowohl-als-auch-Beschreibungen der Fakten, Verzicht auf jede schwammige Position, deshalb klare Haltung. Kommentare bedürfen an deren Ende eines an das Publikum weitergegebenen Fragezeichens oder eines Ausrufezeichens. Nur dann stimmte die Struktur eines guten Kommentars.
Kommentare sind Anstiftung zum selbstständigen Denken des Publikums. Immer gelingt das natürlich nicht.
Als Steiger seinen 60. Geburtstag feierte, gratulierte ihm Al Wolff handschriftlich und schenkte ihm ein Exemplar der schmalen Autobiografie von Hanns Joachim Friedrichs, die der Autor, schon sterbenskrank, noch geschrieben hatte. »Überall dabei sein, nirgendwo dazugehören!« Das war eine der Leitlinien des moderierenden Chefredakteurs der ARD-Tagesthemen gewesen. »Sich nie mit einer Sache gemein machen, und sei es eine gute Sache!«. Darüber könnte gestritten werden. Auf seine Glückwunschkarte schrieb Wolff dem Chefredakteur: »Ich bewundere Ihre Kommentare, auch wenn sie immer die falsche Meinung vertreten.« Steiger hatte dieser Glückwunsch besonders amüsiert.
Wolff hatte nicht mehr viel Zeit.
Er schrieb seinen Nachruf weiter. Über den im ganzen Land bekannten Publizisten, der als junger Mann dem Team um den späteren Bundeskanzler und früheren Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard angehört hatte, ein Radiojournalist, der sich schon früh für eine soziale Marktwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland engagierte, sich für die Zurückhaltung des Staats gegenüber der Wirtschaft im eigenen Land und in Europa aussprach und danach viele Jahre in der alten Bundeshauptstadt Bonn als akkreditierter Journalist am Deutschen Bundestag für unterschiedliche Printmedien tätig war. Das war vor Wolffs Zeit in seinem Sender gewesen.
Er schrieb.
»Gerald Steigers Stimme, der sich als Journalist immer als Vermittler zwischen Wirtschaft und Gesellschaft, Parteien und Wählern, Europa und dem deutschen Föderalismus, Afrika und seiner bayerischen Heimat sah, ist verstummt. Wir sind entsetzt über seinen Tod. Seine unverwechselbare Stimme polarisierte oft. Er stand einer Partei ganz sicher näher als anderen, aber auch die anderen prüften seine Analysen und seinen scharfen Blick auf die politischen Entwicklungen bei uns und auf dem afrikanischen Kontinent, für den er sich seit seinen jungen Jahren immer leidenschaftlich engagiert hatte. Mag sein, dass er als Chefredakteur in seinen Reportagen und Kommentaren viele Menschen provozierte, die bei ihm die gebotene Distanz gegenüber Parteien und Regierung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vermissten. Zugleich beklagten sich Regierungspartei wie Staatsregierung immer wieder über die Unabhängigkeit dieses konservativen Journalisten, der sie nicht selten das Fürchten lehrte. Er hat es seinem Publikum nicht leicht gemacht, aber sein Publikum machte es ihm auch niemals leicht.«
Wolff hatte in Nachrufen nie gelogen. Es galt, Wahrheiten in eleganter Form auszusprechen, ohne verletzend zu sein. De mortuis nil nisi bene: Das kam für Wolff nicht infrage. Er schrieb nicht seinen ersten Nachruf. Er würde Wahrheiten niemals ausklammern, es kam nur darauf an, wie sie ausgesprochen wurden.
Weshalb auch sollte er seine distanzierte Nähe zu Steiger verraten: die Kollegialität, auch die wenigen fast freundschaftlichen Situationen, wenn die Weingläser zwischen ihnen standen und die blaue Stunde über München herabsank: Zwischen einem stramm Konservativen mit uneingestandener Sehnsucht nach Akzeptanz, gerade auch bei seinen Kolleginnen und Kollegen, und Wolff, dessen Skeptizismus von Tag zu Tag wuchs. Das System wurde ihm fremd und fremder. Er hatte viele Jahre lang nicht verstanden, weshalb Führungskräfte im Haus so oft klare Stellungnahmen vermieden, sich um Entscheidungen drückten und erst abwarteten, was sich ereignen würde, bevor sie sich eine eigene Meinung bildeten oder die der Vorgesetzten übernahmen. Er glaubte zunehmend die Prozesse einer déformation professionelle zu verstehen, die ihre Ursache im System hatten. Das System hatte eine Führungsstruktur nach dem Bild einer Pyramide. Je weiter man nach oben kam, desto schmaler wurde die Plattform. Und oben saß nur einer.
Vielen Führungskräften, so empfand es Wolff, fehlte der Mut, auf die Kreativität und Professionalität von Redaktionen zu setzen, ihnen zu vertrauen, sie arbeiten zu lassen. Stattdessen teilten sie jede auch nur im Ansatz entstehende Macht. Je stärker sie das Konkurrenzdenken zwischen den Abteilungen förderten, für umso ungefährdeter hielten sie ihre eigene Position. Es wurde zwar viel von lean management geschwätzt, aber Wolff empfand dies nur als Show, denn die Wirklichkeit war ganz anders. Es sei denn, man widersetzte sich ihr, was zwar möglich, aber keineswegs überall üblich war.
Wolff hielt diese Entwicklungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk für gefährlich und kontraproduktiv. Seit Jahrzehnten hatte er immer wieder bei Organisationsstrukturreformen beobachtet, dass journalistische Kompetenz und inhaltliche Kongruenz nicht zu starken Redaktionseinheiten führten. Im Gegenteil: Es galt das Prinzip der Zellteilung. So gab es etliche Redaktionen, die Programme für junge Leute anboten, mehr nebeneinander als miteinander, statt eine starke Redaktionsgruppe zu bilden, die zielgruppen- und wellengerecht attraktive Sendeformate entwickeln und realisieren konnten. Divide et impera! Wolff kannte die Sprüche, ihre Weisheit war ihm nicht unbekannt geblieben. In den Redaktionen saßen die kreativen Kolleginnen und Kollegen, in den Programmbereichen und Hauptabteilungen gab es zu viele Bedenkenträger. Wolff hatte nie erlebt, dass ihn ein Vorgesetzter je ermutigt hätte. Es gab immer etwas zu bedenken. Und Wolff sagte dann lakonisch: Wir haben bedacht. Und dann war es meist gut. Wenn das Echo auf die Sendung positiv war, gab es auch Lob. Aber meist hatten die Vorgesetzten das Programm gar nicht gehört. Manche hatten es auch hören lassen. Der Chefredakteur zum Beispiel von seinem Hund.
Noch 15 Minuten.
Das Manuskript ausdrucken, durchlesen, korrigieren. Einmal laut lesen. Dann in die Hörfunkdirektion. Der Schlusssatz fehlte noch.
Ein metallisches Geräusch auf der Fensterbank im 13. Stock des Hochhauses.
Ein Schatten. Der Fensterputzer. Mit zwei Eimern in den Händen geht er auf dem schmalen Sims vor den Eckfenstern, taucht plötzlich am Fenster von Wolffs Büro auf. Wolff wusste: Er wird sich gleich bei den Ösen zwischen den Fenstern einhaken. Ein Sicherheitssystem. Zwischen den Ösen, ausgeklinkt, läuft der Fensterputzer frei um die Ecke des 13. Stocks, in jeder Hand trägt er einen Eimer. Wolff ist nicht schwindelfrei. In einem Vortrag der Bayerischen Akademie für Wissenschaften, er war ganz bewusst dorthin gegangen, als er gelesen hatte, ein Professor der Schwindelambulanz des Großklinikums würde dort referieren, erfuhr Wolff: Wenn sich Schwindel einstellt, ist es gut, auswendig ein Gedicht aufzusagen, zu zählen oder den Blick auf den fernen Horizont zu richten. Es sei übrigens besser, auf dem Dach eines Hochhauses zu liegen als zu stehen.
Aber wer steht oder liegt schon gerne da oben?
Wolff musste jetzt sofort aufstehen. Er konnte nicht länger zum Fensterputzer schauen. Er verließ sein Büro und schlenderte den Gang entlang. Gerade noch hatte ihm seine Programmassistentin zugerufen:
»Sie müssen gleich ins Studio.«
»Ich weiß«, hatte Wolff ihr entgegnet.
Als die Fenster geputzt waren, der Schatten auf dem Außensims verschwunden war, kam Wolff zurück und schrieb seinen letzten Satz. Er sah nicht, dass inzwischen ein Pulk von Mauerseglern über den diesigen Himmel kreuzte. Er hörte nicht den Verkehr, dessen Geräusche, den Fallwinden des Hochhauses trotzend, normalerweise bis zu ihm heraufdrangen. Er dachte an Steiger und setzte den Punkt unter seinen letzten Satz.
Jetzt also zum Hörfunkdirektor.
»Okay! Sehr schön. Hätte ich nicht besser schreiben können. Aber beim Sprechen bitte kein Pathos!«
»Pathos ist mir fremd!«
Wolff stand auf und ging. Er schloss die Tür zum Vorzimmer behutsam.
Im Studio sprach er den Nachruf. Kein Versprecher. Für Schnitte wäre auch kaum Zeit geblieben. Er beobachtete sich von außen, als sei er in diesem Augenblick in zwei Wesen aufgespaltet. Routine. Was muss, das muss! Er unterschrieb die Aufzeichnung als sendefertig, ohne sie noch einmal zu hören. Was hätte er auch anders machen sollen?
Wolff verließ das Studio, fuhr mit dem Aufzug in das Erdgeschoß. In seine Redaktion wollte er nicht zurückgehen, deshalb betrat er die Drehtür am Haupteingang des Funkhauses, schob sie an und verließ das Gebäude. Er wischte sich mit dem Taschentuch kurz über die Augen.
Jetzt Stille.
Nur Stille.
Niemand sollte ihn jetzt ansprechen.
Er würde es nicht aushalten.
6
Fast hätte der Mann vergessen, dass er bei einem Pflanzencenter fünf Stück Hydrangea mac., blau mit jeweils vier bis sechs Dolden bestellt hat, die abends vom Lieferdienst vor seiner Haustüre abgestellt worden sind. Ein später Nachtfrost, so unerwartet wie unwillkommen, hat in seinem Garten die blauen Hortensien beschädigt, die frischen hellgrünen Blätter und Triebe waren am nächsten Morgen schwarz verfärbt. Nach zwei Tagen fielen die vertrockneten Spitzen ab. Er hat die Pflanzen zurückgeschnitten. Vielleicht treiben sie ja noch einmal aus.
Er geht zu seinem Auto und holt die fünf Pakete, sie sind nicht schwer. Er will die Hortensien gleich eingraben und wässern. Angeblich sind sie winterfest.
Die Aufregung in der Kleingartenanlage dauert an. Vor dem kleinen Wertstoffhof diskutieren die Leute, sie unterhalten sich über die Trennzäune hinweg. Wortfetzen wehen heran.
»Da muss etwas geschehen …«
»Der Vereinsvorsitzende sollte mal nachfragen …«
»Die Stadtverwaltung wird doch wissen …«
»Eine Eingabe machen …«
»Eine Resolution verfassen …«
»Vielleicht einen Anwalt einschalten …«
Der Mann beobachtet, wie die Ängste wachsen. Er sieht das Kopfschütteln, das Schulterzucken, den schleppenden Gang. Sein Pachtvertrag gibt ihm keinen Anlass zur Sorge. Er hat ja viele Jahre darauf gewartet, eine Parzelle in der Kleingartenanlage mieten zu können. Das Kleingedruckte hat er nicht gelesen. Die Anträge auf die Zulassung seiner Bewerbung waren hoch komplex. Es ist nicht leicht, einen Kleingarten zugeteilt zu bekommen, und die Wartezeiten sind überdies so lang, dass etliche Winter und Sommer vergehen, immer wieder Frühling und Herbst, sodass auch er dachte, der Stapel seiner Bewerbungsunterlagen sei in einem der vielen Verwaltungsbüros vergessen worden.
Bis eines Tages ein amtliches Schreiben im Briefkasten lag. Ihm wurde ein Kleingarten in der Anlage des Vereins Amicitia Salzburg zugeteilt, genauer: in Zeile der Teufelsgasse. Er möge sich persönlich melden, vorstellen und einen Einzahlungsbeleg mitbringen.
Wie sah der Garten aus?
Offensichtlich war er längere Zeit brach gelegen. Die Hecken waren nicht mehr geschnitten worden, die braunen Grasflecken nicht gemäht. Die Büsche verdorrten, die geteerte Dachpappe auf der Hütte schlug Wellen wie ein Teich im Fönsturm und hatte sich an einigen Stellen vom Dach gelöst, rostige Nägel standen frei. In den Herbststürmen hatte sich der Dachbelag von seiner Verankerung befreit. Die Löcher, von den Nägeln hineingehämmert, hatten sich vergrößert, sodass die Abdeckung des Daches über die Nagelköpfe gerutscht war und sich der Bewegung der Luftströmungen ohne Widerstand aussetzte.
Der Garten und die Hütte waren verkommen. Innen roch es muffig. In den Ecken hatte sich Schimmel angesetzt. Aber die Holzsubstanz schien noch stabil, die Bretter müssten abgeschliffen und neu lackiert werden, innen und vor allem auch außen, denn die Hütte hatte inzwischen einen grauen glanzlosen Belag auf ihren Holzflächen. Nur unten, dort wo die Hütte im eingegossenen Betonfundament verankert war, wiesen die Eckbalken eine schwarze Farbe auf: beim Abschleifen würde sich zeigen, ob sie nur an der Oberfläche durchfeuchtet waren oder ob der Mann sie austauschen müsste, wenn sich das überhaupt noch lohnte. Aber alles in allem wäre dies sein künftiger Garten. Ihm würde er seine Fantasie, seine Zeit, seine handwerklichen Fähigkeiten, seine Kraft, vor allem aber seine Liebe widmen. Dieser Garten hat Zukunft. Ich habe eine Zukunft, hatte der Mann damals gedacht.
Ein Nachbar aus der Watzmannstraße spricht ihn an. »Wie schön!«, sagt er, Sie haben blaue Hortensien gepflanzt. Passen Sie auf, die überstehen späte Frostnächte nicht.«
»Ich weiß«, sagt der Mann, »meine blauen Hortensien, die bisher hier standen, sind angefroren. Ich weiß nicht, ob sie sich noch erholen.«
Ob er sie bis auf den Stock heruntergeschnitten habe, fragt der Nachbar.
»Na klar«, sagt der Mann, »passt schon. Schauen Sie!«
Der Nachbar kommt näher. »Ich habe gehört«, sagt er, »dass die Gartenanlage aufgegeben werden soll. Meine Frau arbeitet in der Stadtverwaltung. Sie hat in einem Gespräch aufgeschnappt, dass vielleicht eine Wohnanlage für städtische Bedienstete hier entstehen soll: auf unserem Gelände. Das ist aber nicht gesichert. Man will ja nicht die Plagen heraufbeschwören, bevor die Heuschrecken wirklich einfallen.« Er lacht. »Wir werden ja sehen, was geschieht. Also: Kein Grund, um sich aufzuregen. Die meisten hier sind nervös geworden. Ältere Leute haben immer Angst. Ich sage immer: Vertraue Deinem Verstand, der ratio, dann fährst Du besser.
Setzen Sie die blauen Hortensien in neue Erde ein. Dazu brauchen Sie nicht viel. Die alte Erde können Sie ja auf den Kompost werfen. Man weiß ja nie, welche Schädlinge sich im Boden verbergen. Und, aber das wissen Sie: Streuen Sie gleich beim Wässern etwas Eisensulfat in die Erde, damit die blaue Farbe nicht verblasst.«
Der Mann bedankt sich bei seinem Nachbarn. Dann geht er in die Hütte.
Alle Bretter hat er abgeschliffen und grundiert und lackiert und poliert. Die Eckpfosten sind saniert, das Holz war nicht angefault. Das blind gewordene Kunststofffenster hat er durch ein besseres Material ersetzt, das Dach mit neuer Dachpappe gedeckt. Rostfreie Beilag-Scheiben mindern die Gefahr, dass sich der Dachbelag beim ersten Sturm von den Nägeln befreit und über geweitete Ösen vom Dach trennt. Die Idee mit den Beilag-Scheiben ist dem Mann gekommen, als er in seinem Keller zu Hause ein neues Regal aufbaute. Die vom Schimmel befallenen Ecken der Hütte hatte er mit einem Entfeuchter getrocknet, der mit seinem Gebläse einige Tage und Nächte in Betrieb blieb. Ein Freund hatte ihm das Gerät geliehen, das er selbst seit dem letzten Hochwasser in seiner Garage aufbewahrt hatte. Chemikalien wollte der Mann nicht einsetzen. Man weiß ja nicht, ob die Luft in der Hütte durch sie kontaminiert wird. Es gab ja immer wieder furchtbare Sachen zu lesen. Ich mache das nur ökologisch, sagte sich der Mann.
Es ist gut so.
Jetzt schon, während der Schnee noch auf den Berggipfeln ringsum liegt, blüht es im Garten, ganz leise, aber unübersehbar. Der Garten verfügt in seiner Miniaturgestalt über harmonische Linien. In einem Beet hat der Mann nur rot blühende Pflanzen eingesetzt, in einem anderen violette. Er liebt das Monochrome. Ganz hinten ein kleines Feld mit gelben Blüten, jetzt aber sieht er nur ihre Knospen. Warten will gelernt sein.
Fast ein Jahr hatte er in seinem neuen Garten gearbeitet. Vom frühen Morgen bis zum Abend. Die Erde umgegraben, sie mit Holzbrettern unter den Füßen glatt und fest getreten. Gesät. In die mit einer kleinen Schaufel freigelegten Vertiefungen Büsche und Tulpenzwiebeln und zwei Fliederstauden eingesetzt: weiß und lila. In seinem Elternhaus gab es riesige Fliederbüsche im Garten der Dienstwohnung. Sie blühten im Mai in Massen, sodass zum Geburtstag seines Vaters, im Sternzeichen des Stiers geboren, ganze Eimer mit Flieder im Treppenhaus standen. Den betörenden Duft hat der Mann nie vergessen. Wenn er sich an die frühen glücklichen Jahre erinnert, dann ist es der Duft des Flieders, der sich nie verflüchtigt. Die Kindheit roch wie Flieder und wie die Maiglöckchen, die seine Mutter aus ihrer Heimat mitgebracht und eingepflanzt hatte, und die Maiglöckchen hatten mit ihrem unterirdischen Wurzelwerk unter den Nadelbäumen große Flächen erobert. Es gab im Frühjahr nie einen Mangel an Blumen und Blüten. Zu seinem Geburtstag wünschte er sich, auch noch als Erwachsener, einen Strauß Vergißmeinnicht und einen Streuselkuchen. Später, als sie davon erfahren hatte, spendierte ihm seine Kollegin zum jährlichen Geburtstag im Juli ein ganzes Backblech mit Streuselkuchen. Den Vergißmeinnicht-Strauß kaufte er sich selbst auf dem Bauernmarkt. Natürlich hatte er Vergißmeinnicht direkt an dem niedrigen Zaun zum Nachbargarten gepflanzt. Die hellblauen, manchmal dunklen oder violett-gelben Blüten erinnerten ihn an die vergangene Zeit und ihre Traditionen und Freuden und Gewohnheiten. Viele seiner Altersgenossen waren stolz darauf, sich von ihrer Herkunft und deren Zwängen zu befreien, bei ihm war es anders. Er hatte sich schon als Jugendlicher frei gefühlt, aus der häuslichen Geborgenheit war er aufgebrochen in neue Erlebniswelten, die er seinen Eltern nicht mitteilte, damit sie sich nicht um ihn sorgten. Außerdem ginge sie nichts an, was er für sich entdeckte, ausprobierte, riskierte und verwarf. So kam er als Heranwachsender ohne allzu große Konflikte mit seinen Eltern aus, während sich seine Geschwister schwere Auseinandersetzungen mit ihnen leisteten. Vielleicht, so denkt der Mann noch heute, war und bin ich ein Einzelgänger, der nicht kommunizieren muss, was andere möglicherweise belastet.
In der Gartenanlage redet er gern mit Nachbarn, wenn sie ihn ansprechen. Er selbst sucht den Kontakt nicht. Er muss ihnen auch nicht sagen, wie hässlich er ihre aus schwerem Eichenholz geschnitzten Gartenmöbel findet, wie stillos ihre schmiedeeisernen Laternen oder die weiß lackierten Gartenleuchten sind, ihre Hollywoodschaukel aus dem Katalog des Versandhauses und ihre unausrottbaren karierten Tischdecken auf den Blechtischen. Wie beleidigend ihre Holzkohlen- oder Gas-Grillapparaturen für seine Augen und wie lächerlich die aus der String-Regal-Zeit übrig gebliebenen Silhouetten von Bambis, Berggipfeln und Tannenbäumen an der Außenwand ihrer Holzhütten sind, die sich mit ihren ausgefahrenen, meist gestreiften Markisen und den lose verlegten Steinplatten darunter sichtbar anstrengen, sich zu richtigen Gartenvillen zu entwickeln. Aber sie bleiben, was sie waren: kleine Holzhütten mit Gaskocher, oft einem Herrgottswinkel und Vorhängen an den Fenstern. Selbst halbhohe Stores hat der Mann schon entdeckt. Wenn es ihnen gefällt, dann ist es gut, denkt der Mann. Ich will es anders haben.
Wieder ein Abend. Wieder eine Nacht.
Der Mann steht auf seinem Balkon. Seit vielen Jahren steht dort auf einem Holzgestell, das ihm sein Nachbar zum Geburtstag gebaut und unter das Geländer eingepasst hat, mit Fächern für Blumentöpfe, Blumendünger, Müllsäcke, Gartenerde und die kleinen und größeren Gießkannen, ein großer Blumenkasten, in dem mindestens zehn verschiedene Farnarten wachsen, die sich ständig erneuern, in die Luft ausrollen und sich über die Ränder des Kastens ausbreiten wie ein künstlich eingefriedetes und in die Stadtlandschaft verpflanztes Stück Wald, das seine Begrenzung überwinden will. Der Mann achtet darauf, jeden Morgen die Erde nach den winzigen Farnrollen abzusuchen, aus denen später fächerartig und schattenwerfend große Pflanzen entstehen, er besprüht sie mit gesammeltem Regenwasser. Jeden Spätherbst holt er den Kasten mit den Farnen vom Balkon, er stellt ihn vor seine Wohnungstür in das Treppenhaus. Dort stört sich niemand im Vorbeigehen daran. Die Blätter werden während des Winters etwas blasser, die Erde trocknet schneller aus als in der frischen Luft, auch ist das Licht, das durch die Fenster hereinfällt, matt und schwach, aber die Farne kommen im Frühjahr wieder, schöner als je zuvor, dichter als im Vorjahr und in ihrem dunklen Grün unverzichtbar für einen, der auf seinem Balkon in der Dämmerung und bis in die späte Nacht hinein sitzt und steht und sich bewegt und sich freut, dass alles so lebendig ist, so frisch, so zukunftsoffen.
Aber in diesem Jahr sind die Pflanzen in einer einzigen Woche abgestorben. Er hat zunächst die braunen Farnblätter entfernt, das war ein paar Tage so, bis es nichts mehr zu entfernen gab. Die Erde war feucht, es gab keinen Grund, zu vertrocknen, aber die Farne starben ab. Jetzt hat der Mann den nackten Blumenkasten wieder auf den Balkon gestellt; die Erde wollte er nicht austauschen, weil er darauf hofft, dass im Boden noch Sporen der toten Farne enthalten sind. Und gestern hat er entdeckt, dass tatsächlich winzige neue Farne aus der Erde sprießen.
Es ist ganz still.
Selbst vom Hauptbahnhof und vom nahen Freilassing dringt kein Geräusch herüber. Die Züge fahren, wenn sie heute Nacht unterwegs sind, ohne jedes wahrnehmbare akustische Lebenszeichen. Ein Käuzchen ruft. Das ist selten in der Stadt. Der Mond steht über der Festung. Wenige Laternen dort oben glimmen im Mondschatten. Wie viele Menschen, unter ihnen auch Fürsterzbischöfe, saßen in den Verließen in Haft, isoliert von jedem Mondlicht, dem Flackern der Fixsterne und Planeten und abgeschirmt von den milden Geräuschen der Nacht? Oder der Klangkulisse des Tages mit Menschen und Hunden? Der Mann hatte sich intensiv mit der Geschichte seiner Heimat befasst. Er ist sich ziemlich sicher, dass die Massen an Touristen, die mit der Bergbahn hinauffahren oder die den Festungsberg zwischen dem Mönchsberg und dem Nonnberg zu Fuß erklimmen, wenig über die Nachtseite dieser Anhäufung von Kuppeln und Glockentürmen, barocken Hausfassaden und hochwassergefährdeten Kolonnaden wissen und wissen wollen. Aber es kümmert ihn nicht. Er weiß und er horcht in die Nacht.
Es ist seltsam. Nachts fahren Radler auf dem Gehweg.
Nachts sind viele Fahrräder unbeleuchtet.
Der Mann versteht nicht, weshalb sich diese Menschen der Gefahr aussetzen, von einem Autofahrer übersehen zu werden.
Nachts gilt die Vorrangregel »Rechts vor links« nicht. Wer spät nach Hause fährt, hat es eilig. Käme jemand von rechts, würde das Fahrzeug auf der Kreuzung durch die Scheinwerfer des Vorfahrtsberechtigten zu erkennen sein. Das ist meist so, aber manchmal auch nicht.
Dann flackert ganz plötzlich ein Blaulicht auf der Kreuzung.
In den letzten Tagen, so beobachtet es der Mann, sind mehr als zwölf Kleintransporter eines deutschen Unternehmens am späten Abend, oft auch nachts, in das ruhige Wohnviertel eingeschwärmt. Er hat von seinem Balkon aus eine Schriftfolie erkannt: Wir fahren für Amazon. Die Fahrer, die sich gegenseitig in die knappen Parkplätze einweisen, sprechen nicht Deutsch. Er nimmt an, dass sie im Auftrag von Großspediteuren tagsüber Sondertransporte übernehmen. Die Fahrer sind vielleicht im Hotel am Ende einer der Nebenstraßen untergebracht. Die weißen Kleintransporter sind die einzigen mobilen Fahrzeuge in diesen Tagen. Alle anderen Autos werden selten bewegt. Hier wohnen viele ältere Leute, sie fahren nicht mehr so oft und so viel wie die Jüngeren. Noch immer blockiert ein Kleinwagen zwei Stellplätze am Straßenrand. Vögel haben die Frontscheibe und die Seitenfenster verschmutzt. Am Scheibenwischer vergilbt ein Werbezettel.
Der Mann steht auf dem Balkon und überlegt, was morgen in seinem Garten zu tun ist. Er trinkt einen Rotwein. Viele Jahre hatte sie ihn gebeten: »Trinke nicht jeden Tag! Lege mal eine Pause ein! Du gewöhnst dich sonst noch daran!« Aber sie hatte ihm auch gesagt: »Kaufe nicht den billigen Rotwein. Wir haben genug Geld, dass du dir einen guten Rotwein leisten kannst.«
Nun ist dies alles vorbei. Er trinkt seinen Rotwein, denkt an sie, streift das Gewicht der Erinnerung bewusst ab. Das ist anstrengend. Und er hat ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Er ist allein, nicht einsam. Er hat sich daran gewöhnt, sich und seiner Trauer standzuhalten. Das ist möglich, natürlich nicht in jedem Augenblick. Es gibt schon einsame Stunden, aber er hat gelernt, sie anzunehmen.
Um diese späte Zeit sind nur noch Hundebesitzer unterwegs. Ihm war nicht bewusst, dass es so viele Hunde im Viertel gibt. An der Hauptstraße wachsen Supermärkte und Tankstellen, Outlet-Center und Discounter von Jahr zu Jahr in das Wohnviertel hinein, aber wenige Fußminuten hinter der Hauptstraße ruht sich seine Wohngegend in der Beschaulichkeit ihrer Gärten aus. Es ist interessant, dass inzwischen viele Hunde blinkende Dioden-Halsbänder tragen. So können sich Dackel und Golden-Retriever nicht mehr unter den Büschen verbergen, während ihre Halter rufen und rufen und rufen. Die Ära der Bobtails ist längst vorbei. Schäferhunde sind im Viertel ausgestorben. Die Wohnungen sind kleiner geworden, die Hundebesitzer haben sich den Verhältnissen angepasst.
Morgen werde ich recherchieren, denkt der Mann, was es mit dem Vermessungsteam rund um unser Kleingartengelände auf sich hat. Ich bin gut vernetzt, ich werde herausfinden, ob es Planungen gibt, die uns bedrohen. Ich glaube nicht daran, aber zu glauben ist wenig sinnvoll. Ich will es wissen. Denn die Hysterie der Gärtner ist schwer erträglich. Ein Gelblicht genügt, und sie geraten schon in Panik. Ein Blitz in Gelb, ein Angsteinbruch in Schwarz. Schwarz wie die Albträume der Kindheit.
Der Mond hat sich um die Ecke verzogen, über der Altstadt sind die Kassiopeia und der Orion flackernd im Dunst der Nacht zu erkennen; Beteigeuze, links oben im Orion, soll bald in sich zusammenfallen, explodieren und selbst am helllichten Tag wie eine kleine Sonne aufstrahlen, bevor er stirbt. Die Astronomen haben beobachtet, dass Beteigeuze immer dunkler wird. Ich werde das nicht mehr erleben, denkt der Mann. Morgen setze ich im Garten neue Ranunkel-Pflanzen und einige wenige Tulpenzwiebeln ein. Die Frischhaltebox ist mit einem Wurst- und einem Käsebrot gefüllt, den Kaffee wird er morgen Früh in die Thermoskanne gießen und die geschäumte Milch einfüllen, bis er den Verschluss kaum noch bis zum Anschlag drehen kann. Er achtet darauf, dass die Milch nicht überfließt, denn dann wird die Kanne verschmutzt. Er geht sorgfältig vor. Ordentlich war er bisher in seinem ganzen Leben. Jetzt noch einen Schluck vom Chianti Classico Reserva mit dem schwarzen Gallo auf dem Flaschenhals. Das ist kein schlechter Wein. Die österreichischen Weine mit den rot-weiß-roten Metallkappen trinkt er auch gern. Aber nach der Arbeit im Garten liebt er die etwas schwereren Weine, deren Anbaugebiete er gut kennt. Ist es nur Erinnerung? Er spürt manchmal die Sehnsucht, wieder dort zu sein. Aber er fürchtet sich davor, jetzt allein in der vertrauten und geliebten Region anzukommen, zwischen Siena und Vicenza, in der Toskana, in jener Landschaft, in die er jedes Mal ein Stück seiner Sehnsucht hineingepflanzt und zurückgelassen hat. Und er glaubt, dass er die Orte nicht mehr finden würde, in denen er seine Spuren hinterlassen hat.
Seit zwei Wochen hat der Mann seinen Fernseher nicht mehr eingeschaltet. Es ist sehr kühl geworden. Die Erde der Balkonpflanzen ist feucht. Alles stimmt, denkt der Mann. Jetzt ist es Zeit! Ich habe keine Angst vor der Nacht, ich habe Angst, mich in einem dunklen Zimmer abzugeben, nur um zu schlafen. Schlaf: Ich sehne mich nicht nach ihm.
Mitternacht ist längst vorbei. Es spielt keine Rolle für den Mann. Zeit ist für andere eine Rechnungseinheit ihrer Lebensperspektiven. Ihn fragt niemand, wann er zu Bett geht und wann er morgens aufsteht. Die Zeit bedrückt ihn nicht. Sie beschäftigt ihn überhaupt nicht. Dass sie sich bewegt, entdeckt er nur in seinem Garten – und in den Falten morgens in seinem Gesicht. Ihn interessiert es nicht mehr, ob die Zeit davongaloppiert oder ob sie träge wie Lava auf flachen Ebenen fließt. Das war früher anders, aber jetzt ist es so. Er hat gelernt, zu warten, zu beobachten, über seine Zeit selbst zu bestimmen. Im Garten nimmt er nur den Wechsel zwischen den Jahreszeiten wahr: Darauf kommt es an. Nicht auf den Kalender und nicht auf die Uhr.
7
Wenn sie durch die Gänge des Funkhauses eilte, schwänzelte ihre Handtasche, mit den kurzen Trageriemen über die linke Schulter gestreift, wie die Flosse eines Fisches, der einem feindlichen Verfolger entkommen will. Immer in Eile, immer dicht an den Wänden der Flure, nie gelassenen Schritts in der Mitte des Weges. Wie Radarwellen sandte sie, daran hatten sich alle gewöhnt, keckernde Laute vor sich her. Wolff erinnerte diese Keckertonfolge an die Warnlaute eines Schiffs vor einer Flussbiegung.
Sie war jeden Tag apart gekleidet, nicht ganz nach dem Geschmack Wolffs, aber dennoch überlegt. Ihre Sturmfrisur war hochtoupiert, die Farbe schillernd zwischen kastanienbraun und rostrot. Begegnete sie Kolleginnen oder Kollegen in den Gängen und Treppenhäusern, nickte sie ihnen flüchtig zu, als würde sie ein kurzes Hallo in unzumutbarer Weise festlegen.
Wolff wusste, dass seine Kollegin über eine polyglotte Begabung verfügte. Sie sprach fließend Italienisch, Englisch, Spanisch, Kroatisch, Russisch und konnte sich sogar in einer skandinavischen Sprache akzentfrei verständigen. Er hatte sie früher um ihre verbale Eleganz beneidet, mit der sie vor großen Liveübertragungen der Europäischen Rundfunkunion das Publikum vieler Sender begrüßte. Es galt für sie das Privileg, bei besonders schwierigen Moderationen die im Schichtdienst tätigen und weniger versierten Stationssprecherinnen und Stationssprecher zu ersetzen. Fest stand: Vor dem Mikrofon keckerte sie nie. Vorher, wenn sie das Studio betrat: Ja. Nachher, wenn sie das Studio verließ: Ja. Sie keckerte, wenn sie nicht vor dem Mikrofon saß. Live in der Sendung aber funktionierte sie als ausgebildete multilinguale Sprecherin.
Wolff hatte in einem Humanistischen Gymnasium das große Latinum und das Graecum erworben, im Englischunterricht wurde Shakespeare übersetzt. Der Teacher trug stets ein kariertes Sakko, aus dessen Seitentasche eine Ausgabe der »Times« hervorlugte. Später hatte die Klasse entdeckt, dass es sich immer um die identische, längst nicht mehr aktuelle Ausgabe handelte, die der Teacher wohl mehr als Accessoire verstand, ein Signal seines Livestyles. Leicht ausgefranst, das Papier schon angegilbt. Als Wolff mehr als eineinhalb Jahrzehnte später in Manhattan einen Rabbi angesprochen hatte, um ihn nach der richtigen Subway Richtung Long Island zu fragen, grammatikalisch korrekt im Shakespeare-Sound, blickte der Rabbi ihn über die Ränder seiner Brille an und antwortete kurz: »Mit mir können Sie auch Deutsch reden!« Wolff hatte das kurze Gespräch als Niederlage empfunden, auch wenn die inhaltliche Auskunft des schwarzgekleideten Mannes völlig korrekt und hilfreich gewesen war. Seitdem versuchte er, wo immer es möglich war, Gespräche in einer anderen Sprache zu umgehen. In seinem Studium hatte er im ersten Semester außerdem das Hebraicum gemacht. Nun besaß er Kenntnisse in drei alten Sprachen, tat sich aber schwer, sich in den USA nach Verkehrsverbindungen zu erkundigen.
Wolff las ein paar E-Mails aus dem Haus. Jemand hatte geschrieben: »Ich gebe zu, dass ich den Chefredakteur nicht besonders mochte. Das lag weniger an mir als an ihm und seiner gelegentlich saugroben Haltung uns gegenüber, durch die er uns wissen ließ, dass er eine andere Hierarchieposition einnahm. Ihr Nachruf aber hat mir gezeigt, dass Steiger offensichtlich doch noch andere Seiten hatte. Das hat mich sehr beeindruckt, und deshalb schreibe ich Ihnen. Vielen Dank und: Chapeau!«
Eine Kollegin meinte, ihm mitteilen zu müssen, dass er, Wolff, dafür bekannt gewesen sei, Steiger nicht besonders zu schätzen. Der Nachruf aber in beiden Programmen und im Intranet sei objektiv und dem Chefredakteur zugewandt geschrieben. Wolffs Text habe sie deshalb tief berührt.
Wolff löschte beide Nachrichten und noch zwölf andere, die sich auf seinen Nachruf bezogen. Er überlegte, ob er einer Kollegin, einem Kollegen geschrieben hätte, wenn der Nachruf von ihnen verfasst worden wäre. Er nickte kurz und wusste: Wahrscheinlich hätte er auch ein Feedback gegeben, so wie er das immer wieder tat, wenn er herausragende Produktionen gehört hatte. Der Tote hatte zwar nichts davon, aber Wolff tat die Anerkennung gut.
Jetzt war es an der Zeit, sich einen frischen Kaffee aus dem Vorzimmer zu holen. Als für die Redaktionen von der Inventarverwaltung Thermoskannen angeboten worden waren, hatte Wolff seinem Team unmissverständlich gesagt, dass Kaffee aus der Thermoskanne in seinem Umfeld niemals erlaubt sei. Mit Schaudern erinnerte er sich, als ihm der Hörfunkdirektor einmal eine Tasse Kaffee angeboten hatte, die Wolff kaum ablehnen konnte. Ihm lag daran, mit Vorgesetzten auf Augenhöhe zu reden; er stand nicht vor dem Schreibtisch, hinter dem sich der Chef verschanzt hatte, sondern setzte sich auf die Sitzgruppe. Der andere würde sich dann schon dazusetzen. So war es immer. Der Kaffee, aufgehellt mit fetter Sahne aus der Dose, war ungenießbar. Wolff schmeckte das Blech, die Rückstände eines Reinigungsmittels und die gelbe Sahne. Als sein Gesprächspartner kurz sein Büro verließ, um im Vorzimmer einen Auslandskorrespondenten zu begrüßen, der auf Verdacht kurz in der Direktion hereingeschaut hatte, kippte Wolff den Inhalt seiner Tasse in einen Blumentopf. Auch deshalb legte er Wert auf stets frisch gefilterten Kaffee, der nicht länger als eine halbe Stunde auf der Wärmeplatte stehen durfte. Statt Kaffeesahne wurde in seinem Büro frische Milch angeboten. Hin und wieder brachte Wolff von einer Kaffeerösterei auf dem Land ein Pfund Kaffeebohnen mit, viel länger als in den Kaffee-Großfabriken bei niedrigeren Temperaturen geröstet, sodass sich anders als bei den großen Markenproduzenten niemals ein bitterer Geschmack einstellte.
Es klopfte an der Tür des Sekretariats, als Wolff gerade seine Tasse gefüllt hatte. Die keckernde Tonfolge warnte ihn vor. Unter der Tür stand sie: die Kollegin mit der Handtasche, dieser Schwanzflosse am kurzen Trageriemen. Die Frisur wie immer hoch toupiert. Das Gesicht dick mit Makeup belegt.
»Haben Sie einen Augenblick Zeit?«
»Für Sie immer!«
Wolff bot ihr eine Tasse Kaffee und einen Platz in seiner Sitzecke an. Hellrote Ledersessel und ein Glastisch auf einem Chromgestell, Modell Mies van der Rohe. Diesen Tisch hatte Wolff vor Jahren im Lager der Inventarverwaltung entdeckt und darauf bestanden, ihn für sein Büro zu bekommen, anstatt sich neue Möbel aus dem Katalog auszusuchen. In seiner Position stand es ihm zu, sein Büro komplett neu auszustatten. Er hatte das Angebot abgelehnt. Man könne nicht am Programm sparen und dann eine neue Büroausstattung bestellen. Die vier alten Sessel hatte er mit rotem Leder beziehen lassen. Ihre Aufarbeitung war nicht teuer gewesen, es war sogar die billigste aller denkbaren Lösungen.
»Schrecklich, das mit Steiger!« sagte sie.
»Ja, das sehe ich auch so«, erwiderte Wolff und blickte aus dem Fenster.
Dann musterte er seine Besucherin, deren Redaktion in einem anderen Teil des Gebäudes untergebracht war. Wolff war dafür dankbar. Er hatte Vorbehalte ihr gegenüber. Er hätte ihr niemals ihre Professionalität abgesprochen, aber er mochte sie einfach nicht. In den Redaktionskonferenzen war sie unter den Redaktionsleitern immer die erste, die sich zu Wort meldete, um der Runde mitzuteilen, welchen Publikumserfolg ihr Redaktionsteam gestern mit seinen Sendungen gehabt habe. Dann ließ sie ihre Keckertonkaskade los, obwohl es keinen Grund zur Heiterkeit gab. Wenn für Sonderprogrammwochen Themenschwerpunkte erwogen und diskutiert wurden, war sie immer sofort bereit, das Thema mit ihrer Redaktion umzusetzen. Wolff kam das so vor, als bewerbe sie sich um ein Fleißbildchen, wie es in seiner Volksschule immer wieder ausgeteilt worden war: ein Hauchbildchen, rot oder blau oder grün, das sich einrollte, sobald es von warmem Atem gestreift wurde. Die dünnen Bildchen wurden gesammelt, geglättet und in den Pausen getauscht.
Von einer Sekunde auf die andere verstand Wolff zum ersten Mal, weshalb seine Besucherin so viel Makeup aufgelegt hatte. In ihrem Gesicht entdeckte er unter der Schicht Spuren von Neurodermitis. Ihre Hände waren feuerrot. Ständig in Bewegung wie Wasserpflanzen in der Dünung, als würden sie gleich das beinahe sichtbare Jucken der Haut wegzukratzen versuchen. Aber die Hände stoppten, bevor es dazu kam, und das Spiel begann von vorne. Es war seltsam und eigentlich traurig, dachte Wolff, dass es in diesem Sender so viele Menschen mit physischen und psychischen Problemen gab. Von seiner Gesprächspartnerin wusste er, dass sie jeden Morgen ein eigenes Kaffeegeschirr in ihre Redaktion mitbrachte, weil sie Angst hatte, von ihrem Team vergiftet zu werden. Übrigens keckerte sie in ihrer Redaktion, wie ihm berichtet wurde, grundsätzlich niemals.
Immerhin ließ sie jetzt die von Wolff servierte Tasse nicht unberührt stehen. »Sehr gut, der Kaffee«, sagte sie.
Ein anderer Kollege aus der Wissenschaftsredaktion hatte nächtelang seinen Vorgesetzten telefonisch aus dem Schlaf gerissen, weil vor seinem Haus andauernd schwarze Fahrzeuge mit Überwachungskameras stünden. In der Bildungsredaktion kollabierte ein Redakteur regelmäßig kurz vor Beginn öffentlicher Livesendungen, sodass sein geradezu väterlich besorgter Chef sich jedes Mal darauf vorbereitete, als Moderator einzuspringen.
Macht unser Sender die Menschen krank? Das fragte sich Wolff seit vielen Jahren. Oder zieht das Medium psychisch labile Menschen an? Suchen sie vielleicht in der Öffentlichkeit der Sendungen ein Selbstbewusstsein, das sie ohne Funktion in ihrer privaten Welt nicht haben? In den frühen Jahren konnten in der Kantine, die damals »Casino« genannt wurde, noch Schnäpse bestellt werden, Einzelgläser oder auch Flaschen, man konnte gleich trinken oder eine Flasche in die Redaktion mitnehmen. Später wurden harte Alkoholika nicht mehr angeboten. Dafür wurden Beauftragte für Alkoholkrankheiten benannt. Die Geschäftsleitung, der Personalchef, der Gesamtpersonalrat und die örtlichen Personalräte ließen sich regelmäßig Bericht erstatten.
Ist es doch das System, das uns hier alle krank macht? Wolff fand keine schlüssige Antwort auf seine Frage. Es gab mehr Krankenstände als in anderen Unternehmen. Das könnte am Termindruck, dem Stress der Livesendungen mit ihren täglichen Unwägbarkeiten und Überraschungen, der überall zunehmenden Bürokratie und den vielen Hindernissen liegen. Wolff beobachtete seit Jahren an sich selbst keine Krankheits- oder Stress-Symptome. Die Arbeit für das Medium Radio war seine Leidenschaft.
Da sitzt sie nun, dachte Wolff, und hier drinnen keckert sie nicht mehr. Welch ein Glück!
Von seiner Kollegin wusste er, dass sie, die fast täglich die Nähe zur »Obrigkeit« suchte, meist glänzend und vor allen anderen über Entwicklungen im Haus informiert war. Gelegentlich verbreitete sie Verschwörungstheorien, die sich aber bis auf einen einzigen Fall nicht erhärteten, wie sich Wolff erinnerte. Immer aber wusste sie vorab, wenn sich auf den obersten Etagen eine Lage zusammenbraute, die erst sehr viel später die Basis der Redaktionen erreichte. Eine Seherin! Das war sie wohl.
»Wie denken Sie über Steigers Tod?«, fragte sie unvermittelt.
Ihre Hände wanderten die Arme entlang bis zur Schulter, dann wieder zurück.
»Ich weiß nicht«, sagte Wolff. »Steiger hat in seinem Leben wohl mehr getrunken als er sollte, aber er wirkte immer vital, kerngesund, eher ein Kraftbursch als ein Pykniker.«
»Er ist ermordet worden!«, sagte seine Gesprächspartnerin sehr leise, aber mit Nachdruck.
»Wie bitte?«
Wolff war wie elektrisiert.
»Was sagen Sie da?«
»Ich sagte: Steiger ist ermordet worden. Aber fragen Sie mich nicht, woher ich das weiß!« Sie fügte an: »Lassen Sie mich aus dem Spiel. Aber ich dachte, Sie sollten das wissen!«
Sie stand auf. »Schauen Sie doch mal auf einen Kaffee bei mir vorbei«, sagte sie in der offenen Tür. »Am besten nachmittags. Da sind meine Freelancer alle unterwegs.«
Wolff bedankte sich mit versteinerter Miene.
Plötzlich sah er, wie der Wasserspiegel seines Aquariums schwankte. Er hatte das Abschiedsgeschenk seiner alten Redaktion nie geliebt, aber gepflegt. Er hasste es, an den freien Wochenenden das Aquarium zu reinigen, aber die Fische waren nun einmal da, und es widerte ihn an, immer wieder mit einem Netz tote Fische von der Wasseroberfläche abzuschöpfen und sie in die Toilette zu kippen.
Jetzt aber schwankte der Wasserspiegel deutlich sichtbar.
Im 13. Stock des Hochhauses.
Wolff sah genau hin.
Von Westen her zog eine Wetterfront auf. Ihre Kontur war scharf gezeichnet. Es würde stürmisch werden.
8
Man wird.
Man wird einen offenen Brief an die Stadtverwaltung schreiben.
Man wird Unterschriften sammeln.
Man wird eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen.
Man wird sich an das Gartenbauamt wenden.
Man wird sich an die Salzburger Nachrichten wenden.
Man wird das ORF-Studio Salzburg und die Privatradios in der Region verständigen.
Man wird.
Man muss auf jeden Fall Widerstand leisten.
Geradezu unangenehm sind dem Mann jetzt die heiser in die Luft ausgestoßenen Alarmrufe über die Gartenzäune hinweg, dieses Hineinsteigern in eine Bedrohung, von der nicht feststeht, ob sie wirklich über sie hereinbrechen wird. Es gab doch vor zwei Wochen nur die wenigen Tage, in der die Gärten vermessen wurden. Es weiß doch niemand ganz genau, welchem Zweck die Vermessung des Geländes dient.
Der Mann ist deshalb nicht nervös.
Am Nachmittag hält er es in seinem Garten nicht mehr aus. Der Aktionismus der Nachbarn verstört ihn, zudem hat er seine Arbeit abgeschlossen. Mehr als siebzig Knospen tragen seine Rosenbüsche, sie wachsen dem Licht entgegen, nur die Fuchsien werden sich sehr bald von der Sonne abkehren, ihre Blüten senken und dem Schatten unter den Blättern zuwachsen. Die vor dem Winter aufgetragenen Mulch- und Torfschichten hat er gelockert, geharkt und wieder festgetreten, sie entzogen dem Boden jetzt die Feuchtigkeit der letzten beiden Regenwochen. Er hat die Geräte in die Holzhütte geräumt, die letzten Blätterreste auf dem Komposthaufen verteilt. Jetzt wird er nach Hause fahren.
So groß, so übertrieben wie selten liegt der Mond über den Dächern. Seine Bahn folgt einer vorgegebenen Ellipse, und heute ist der Mond der Erde besonders nah. In der Dämmerung taucht er über den Häusern auf, strahlt durch die Baumkronen, blendet mit seiner aufdringlichen Präsenz. Jetzt zeichnet er Schatten auf den Balkon des Mannes. Die Nachtluft ist klar.
Der Mann steht am Geländer, er hört der Nacht in dieser Stadt zu, es muss schon sehr spät sein. Auf dem Gehweg fahrend nähert sich ein Auto, es hält an jedem zweiten Haus. Ein Mann steigt aus und wirft längere weiße Papierpakete in die Briefkästen. Die Zeitung von morgen ist da.
Seine Nachbarn im Haus haben ein Digitalabonnement gebucht. Kein Zeitungspapier in der Papiertonne, dabei hatte er schon angenommen, dass die Nachbarn keine Zeitung lesen. Der Mann liebt die gedruckte Zeitung. Er will nicht schon morgens auf einen Bildschirm oder sein Mobiltelefon starren. Mit digitalen News lassen sich auch keine Papiertüten für die Bioabfälle falten und mit ihnen ist es auch nicht möglich, feuchte Schuhe auszustopfen. Manchmal schneidet er Pressefotos und ausgesuchte Artikel aus, klebt sie in sein Arbeitsheft. Das hat er Bertolt Brecht abgeschaut, der sein Arbeitsjournal sorgfältig mit Fotos und Ausschnitten anreicherte, zwischen die handschriftlichen Einträge hineingeklebt, ein Berichtsheft über ein Leben in schweren Zeiten. Der Mann führt sein Arbeitsheft nur für sich. Niemandem hat er noch etwas mitzuteilen, wenn sich sein Leben einmal vollendet. Ach ja, denkt der Mann, das kann schlichter formuliert werden: Wenn ich tot bin.
Daran zu denken hat er keine Lust. Sein Garten feiert gerade, sehr langsam, sehr vorsichtig, seine jährliche Auferstehung. Dem Mann tut es weh, dass sie nicht mehr erlebt, was ihm inzwischen in diesem Garten geglückt ist – ihm, dem früher jeder grüne Daumen fehlte, der Pflanzen kaum voneinander unterscheiden konnte. Das war immer ihre Sache gewesen. Vielleicht wäre sie stolz darauf, was er inzwischen gelernt hat. Aber sie ist ja nicht da.
Der Mond rollt langsam Richtung Westen vor. Vorgestern und gestern ist ihm ein Gedicht durch den Kopf gegangen, ein Bild, ein Fragment, obwohl er keine poetische Begabung besitzt.
Ich will nicht,
dass du ein Stern unter Sternen bist,
die für mich so uralt sind wie ihr Licht an Jahren,
unerreichbar in den Myriaden, die ich kaum erkenne
und die ich nie erfassen werde.
Ich will nicht,
dass du ein Atom bist,
neben anderen, die ich nicht fühlen kann,
oder ein Bläuling, der sich von meinem Handrücken nicht in der Sonne löst.
Ich will nicht,
dass du ein Geist bist oder ein Kobold, der die Schranktüren öffnet
und das Geschirr aus den Regalen fallen lässt.
Ich will nicht,
dass du als sanfter Windhauch mein Gesicht berührst
oder als ein Farbenspiel am Fenster erscheinst, wie ich es vorher niemals sah.
Ich will doch nur, dass du geblieben wärst
und nicht so weit
von mir getrennt.
Aber ich fürchte,
dass du mich nicht hören kannst.
Weil du nicht mehr bist.
Nicht hier.
Der Mann hat während der Arbeit in seinem kleinen Garten und auch auf dem Hin- und Rückweg Zeile für Zeile in sich entdeckt, sie leise gesprochen und sich eingeprägt. Bevor er seinen Nachtplatz auf dem Balkon eingenommen hat, schrieb er die Verse in sein Arbeitsheft, las sie durch, wischte kurz mit einem Taschentuch seine Augen und schämte sich ein wenig für das Pathos seiner Verse, die ihn den ganzen Tag begleitet hatten. Nun hat er sie aufgeschrieben. Er wird das Gedicht niemandem zeigen. Es ist nur für ihn da und es ist gut so. Endlich hat er keine Zahlenkolonnen notiert. Das Arbeitsheft ist zugeklappt. Die Stadt ist nie so still wie kurz vor dem Morgen. Der Lärm in ihm selbst, spürt der Mann, ist verstummt.
Das Gedicht wird er so schnell nicht mehr lesen.

Wenige Tage später soll eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Kleingartenvereins Amicitia Salzburg stattfinden. Handzettel werden verteilt. Der Vereinsvorsitzende lässt ein Schreiben an alle Kleingärtner ausgeben:
Liebe Gartenfreunde,
ich darf Ihnen auf diesem Weg den augenblicklichen Stand unserer Gespräche mit den für unsere Kleingartenanlage Amicitia verantwortlichen Behörden mitteilen:
1. Unsere Anlage ist von der Stadt Salzburg an uns verpachtet. Das Grundstück ist eine Liegenschaft der Kommune.
2. Die gegenwärtige Wohnungsnot in Salzburg veranlasst den Magistrat unserer Stadt, alle Grundstücke im Gemeinschaftseigentum auf eine Verdichtung hin zu überprüfen, um gegebenenfalls eine Mischbebauung mit sozial geförderten Wohnungen über die gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften, mit Eigentumswohnungen und Gemeinschaftseinrichtungen wie Kleingewerbe und Supermärkten, Kindergärten und Senioreneinrichtungen zu realisieren.
3. Das Gelände des Kleingartenvereins Amicitia Salzburg kommt ebenso wie andere im Stadtbesitz befindliche Grundstücke in Betracht, auf eine mögliche Bebauung hin überprüft zu werden. Wir bitten dafür um Verständnis.
4. Bisher liegen keine Entscheidungen des Magistrats Salzburg vor. Wir bitten deshalb darum, in Ruhe die Vermessungen, Auswertungen, Beratungen und Beschlüsse abzuwarten und sich gegen jegliche Störung der öffentlichen Ordnung zu verwahren. Mit Nachdruck weist der Magistrat im Umlauf befindliche Gerüchte zurück, wonach in Salzburg in großem Umfang Grünflächen der Stadt grundsätzlich überbaut werden sollen.
Unterschrift, Mitglied der Stadtverwaltung
Abteilung Raumplanung und Baubehörde
Die Reaktion der Kleingärtner auf dieses Schreiben folgt jetzt natürlich einem Eskalationsgesetz, wie es der Mann erwartet hatte. Alle Mechanismen des ersten Schocks setzen in diesen Tagen ein: Trauer. Wut. Reaktion. Aktion. Für alle vier Verhaltensweisen kann er unter seinen Nachbarn Protagonisten ausmachen.
Ich weiß nicht, ob ich überhaupt in diesem Frühling noch pflanzen kann.
Ich weiß nicht, ob es sich lohnt, überhaupt noch einen einzigen Euro zu investieren.
Ich weiß nicht, warum wir uns das gefallen lassen müssen.
Ich weiß nicht, was wir gegen Vertragsbruch machen können.
Ich weiß überhaupt nicht, was jetzt noch Sinn hat.
Ich weiß, dass wir uns wehren müssen.
Ich weiß, dass wir die Pläne verhindern können.
Ich weiß, wie wir dem Magistrat einheizen können.
Ich weiß, dass wir alle zusammenstehen.
Ich weiß, dass wir Widerstand leisten müssen.
Ach ja, denkt der Mann. Die Angst fördert Fantasien. Sie weckt Ur-Instinkte. Wer allein ist, der schreit jetzt umso lauter. Aber wer hört dann schon zu? Wenn wir wirklich zusammenstehen, wächst trotzdem das Schweigen. Wer will schon ein Held, eine Heldin sein? Einige Nachbarn halten schon Ausschau nach Alternativen.
Der Mann wird morgen rote und schwarze Johannisbeeren-Stauden einpflanzen. Es ist höchste Zeit dafür. Der Flieder muss zurückgeschnitten werden. Seine Wurzelstöcke sind verholzt. Da kommt viel Arbeit auf ihn zu, die Stöcke von den verdorrten Wurzelsträngen zu befreien. Der Flieder muss atmen können. Er liebt diese Arbeit nicht, aber sie muss sein. Dabei hat er Angst, den Wurzelstock zu verletzen.
Die beiden Magnolienbäume zeigen in ihren Knospen schon eine rote Schattierung. Im letzten Jahr haben sie um diese Zeit geblüht. Heuer haben sie es nicht eilig. Nur langsam wird es wärmer. Jeden Tag sammelt der Mann angeschimmelte und feucht-schwarze Blätter von den Beeten und Rabatten seines Gartens, und er streut frische Erde auf die Wiese, in die sich die Feuchtigkeit des Winters hineingefressen hat.
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