Kitabı oku: «Zwischen Leben und Tod - 20 Jahre als Notarzt»

Yazı tipi:

Dr. med. Christoph Schenk

Zwischen Leben und Tod - 20 Jahre als Notarzt

Zwischen Leben und Tod - 20 Jahre als Notarzt

© 2018: Kehler-Schenk-Verlag

ISBN 13: 978-3-96111-940-0

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Cover: Dr. med. Christoph Schenk, Kira Hinsch

Lektorat: Tanja Kehler

Korrektorat: Katja Rahe, Renate Wieland

Impressum / V. i. S. d. P.:

Dr. med. Christoph Schenk

38275 Haverlah

Fragen, Lesungen, Kritik:

info@viva-la-reanimation.de

Alle Zeiten und Namen von Personen und Orten wurden vom Autor geändert. Ähnlichkeiten mit Namen von real existierenden Personen, Zeiten und Orten sind zufällig und nicht beabsichtigt und geben auf keinen Fall reale Personen und Orte wieder.

Dr. med. Christoph Schenk

Zwischen Leben und Tod

- 20 Jahre als Notarzt -


Inhaltsverzeichnis

Widmung 7

Danksagung 9

Vorwort 11

Vorwort „VIVA LA REANIMATION!“ 12

Engel 13

Bibi und Tina beim Rodeo 18

Oster-Überraschungs-Ei 24

Couch-Potato 30

Timo und Tarantula 36

Über den Wolken 40

Liebe und so’n Scheiß 48

Augen zu und durch 55

10 kleine Jägermeister 59

Mein rechter, rechter Platz ist frei 65

Let’s do it like they do on the Discovery Channel! 70

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss! 75

Agent 0-0-3,4 82

Tierliebe 86

Hab’ Flugzeuge in meinem Bauch 94

Einmal Scheiße, immer Scheiße 99

Jenni - fast allein zu Haus 105

Die letzte Fahrt 110

Das Kleingedruckte 115

Knockin’ on heaven’s door 122

Ein gebrauchter Tag 129

Kann nur besser werden! 137

Here comes the man in black! 144

Mach mal die Tür auf! 150

An apple a day 157

Über sieben Brücken musst Du geh’n 164

Morgengrauen 169

Weil ich Paris nun mal so mag 175

Dunkle Wolken 187

Under pressure 193

Schicksalsschläge 202

Über den Autor 208

Widmung

Für meine Söhne und TT.

Danksagung

Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen Lesern des ersten Teils von „VIVA LA REANIMATION!“. Der mich wahrhaft überwältigende Erfolg dieses Buches hat wesentlich zu meiner Motivation beigetragen, immer wieder das aufzuschreiben, was ich als Notarzt erlebe und was mich bis heute bewegt.

Weiter möchte ich meinen ärztlichen und nichtärztlichen Kollegen der verschiedenen Rettungsdienste danken. Ohne ihre Teamarbeit und ihre Ratschläge wären manche meiner „Fälle“ anders ausgegangen.

Auch danke ich den Mitarbeitern meines Verlages, die mir immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben.

Dem „Team“ MANDEL / MÜLLER und der Schleswig-Holstein-Zeitung danke ich ganz ausdrücklich für die freundliche Genehmigung die Gastgeschichte „Die letzte Fahrt“ hier veröffentlichen zu dürfen.

Ein herzliches Dankeschön geht auch an meine „Verfolger“ bei Facebook. Ihre „Likes“ motivieren, und Ihre Kommentare geben mir wertvolle Hilfestellung.

Ebenfalls möchte ich all jenen danken, die meine Lesungen besucht und durch ihre Fragen und Kommentare meine Sichtweise auf bestimmte Dinge im Rettungsdienstalltag erweitert haben.

Dem Team der „Notarztbörse“ gilt mein Dank für das erneute Vermitteln von „Honorarjobs“.

Mein herzlicher Dank geht natürlich auch an Katja Rahe und Renate Wieland für ihr gemeinsames Korrektorat.

Christoph Schenk

Zum Schluss danke ich TT für ihr Lektorat, ihr unendlich großes Herz und den kuscheligen Platz, den ich darin haben darf!

Ich liebe Dich! ♥ C.

Vorwort

Nachdem ja schon das Vorgängerbuch nie geplant war als ich Ende 2016 anfing die Erinnerungen an besondere „Fälle“ meiner Notarzttätigkeit für meinen Sohn Yaris aufzuschreiben, ist „Zwischen Leben und Tod“ nun für mich noch überraschender.

Aber: der „Stoff“ geht ja nicht aus! Täglich erleben wir „Fälle“, die man sich nicht ausdenken kann. Ereignisse, die nur das Leben und der Tod schreiben.

In diesem Buch habe ich versucht noch konsequenter medizinische Sachverhalte für jedermann verständlich darzustellen. In einzelnen Geschichten habe ich deshalb kursive Textpassagen eingefügt, in denen medizinische Hintergründe erläutert werden.

Ich wünsche gute Unterhaltung!

Christoph Schenk, Frühsommer 2018

Vorwort „VIVA LA REANIMATION!“

Liebe Leser!

Danke, dass Sie sich für dieses Buch interessieren.

Ich bin Unfallchirurg und seit 1996 Notarzt. Mein jüngerer Sohn fragt bis heute oft nach dem Dienst: „Papa, is’ was Spannendes passiert? Erzähl mal!“ – So kam ich auf die Idee, meine Erlebnisse für ihn aufzuschreiben.

Später habe ich diese Erlebnisberichte als Blog unter "www.the110.blog" und bei Facebook unter "e1ns-e1ns-null" veröffentlicht. Beinahe täglich erhielt ich dann Anfragen von Followern nach einem Buch. Bitte sehr, hier ist es.

Namen, Zeiten und Orte sind sämtlich geändert, etwaige Ähnlichkeiten also rein zufällig.

Steigen Sie zu mir in das Notarztauto und erleben Sie unseren täglichen Wahnsinn.

Willkommen im Blaulichtmilieu!

Christoph Schenk, Frühjahr 2017

Engel

Sommer 1986. Unter lautem Flapp-Flapp-Flapp der Rotorblätter erhebt sich der gelbe Hubschrauber. Nach 30 Metern senkrechtem Aufstieg neigt sich die Bo 105 nach vorn und hält Kurs genau gen Westen.

„Hausgeburt“, die knappe Mitteilung auf dem Fax, das uns in den Einsatz schickt.

Ich habe gerade das Physikum am Ende des zweiten Studienjahres bestanden. Das Ende meines Medizinstudiums ist also noch lange nicht in Sicht. Auf dem langen Weg bis zum dritten Staatsexamen sind jetzt mehrere Praktika im Krankenhaus vorgesehen. So verbringe ich heute meine dritte Woche in der Narkoseabteilung eines großen Stadtkrankenhauses in Süddeutschland. Nachdem ich zwei Wochen ahnungs- und hilflos im OP neben dem Narkosegerät stand, ist nun eine Woche Intensiv- und Notfallmedizin dran. Inklusive Rettungshubschrauber-Praktikum.

Nach nur sieben Minuten schweben wir über dem kleinen Dorf. Am gegenüberliegenden Dorfrand stehen wild winkende Menschen. Manfred, unser Pilot, landet in atemberaubendem Tempo auf einer sattgrünen Weide neben der Menschengruppe. Bei noch laufenden Rotoren steigen Notarzt Harry, Sani Olli und ich aus dem Hubschrauber aus. Nach wenigen Metern müssen wir über den Weidezaun klettern. Ein aufgeregter Mann nimmt uns in Empfang und läuft uns dann voran zum angrenzenden Fachwerkhaus.

„Unser Hausarzt Doktor Meier ist schon da. Meine Frau bekommt Zwillinge. Es ging plötzlich los. Eigentlich sollte die Geburt erst in gut drei Monaten sein!“

Ich kann mit dem schweren Notfall-Koffer Harry und Olli kaum folgen. Es geht ins Schlafzimmer der Familie. Der Hausarzt hält ein winziges, nacktes Bündel Mensch auf dem Arm und presst mit seinen bloßen Lippen Luft durch Nase und Mund in den kleinen Körper. Als er uns sieht, unterbricht er.

„Frau Schmidt ist in der 25. Schwangerschaftswoche mit Zwillingen. Vorhin hatte sie den Blasensprung und unmittelbar danach setzten sofort heftige Wehen ein. Es ging alles rasend schnell. Dieses Kind hier ist das Erstgeborene. Das zweite Kind hat sie vor kurzem geboren. Es liegt bei ihr. Die Kinder haben gute Herztöne!“

Der erfahrene Notarzt gibt erste Anweisungen.

„Olli! Manfred soll mit dem Hubschrauber sofort einen Kinder-Intensivmediziner aus der Kinderklinik holen.“

Der Sani lässt gleich alles stehen und liegen und rennt zum Heli zurück, um Manfred mit diesen Infos wieder in die Luft zu schicken.

Nun geht alles rasend schnell. Harry reißt den ersten Koffer auf, drückt mir den Kinderbeatmungsbeutel in die Hand, nimmt das Baby aus den Armen des Hausarztes und legt es sanft vor mir auf einen Sessel.

„Drück mit nur zwei Fingern 20-30 mal pro Minute Luft in das Kind. Und achte drauf, dass die Maske gut um Mund und Nase sitzt!“

Dann reicht er mir noch ein Päckchen mit Goldfolie.

„Wickel aber zuerst das Baby in die Wärmefolie ein!“

Mir zittern die Hände. Ich bin völlig überfordert. Hätte gerne zehn Arme, kann aber nicht mal mit zwei Armen irgendwas koordiniert erledigen. So kriege ich kaum die Packung mit der Folie auf. Letztlich öffne ich das Paket mit den Zähnen, entfalte das goldene Tuch und kremple es irgendwie um den kleinen nackten Menschen. Dann schnell die Beatmungsmaske auf sein blitzeblaues Gesicht und drücken, drücken, drücken.

Harry hat sich in der Zwischenzeit der Mutter und dem zweiten Winzling zugewendet. Das Kind hängt noch an der Nabelschnur. Zusammen mit dem Hausarzt wird das Baby in Sekunden abgenabelt. Und jetzt? Keine Goldfolie mehr da. Harry schickt den Vater der Zwillinge los, um Alufolie aus der Küche zu holen. Dann reißt er ein gutes Stück davon ab und wickelt darin das Kind ein, so dass nur noch der Kopf herausragt. Der Hausarzt kümmert sich im Weiteren um die Mutter.

Olli ist zurück. Hat die kleine Absaugpumpe in der Hand und reicht Harry den dazugehörigen Katheter. Vorsichtig schiebt er den dünnen Schlauch in Mund und Nase des zweiten Babys und saugt Schleim und Fruchtwasser aus den zarten Atemwegen.

Nichts. Keine Reaktion des Winzlings. Kein Husten. Kein Schreien. Harry legt das Baby auf das Bett, kniet sich vor es hin und beginnt sofort mit der Mund-zu-Nase-Beatmung. Unser Equipment ist nur für ein Kind ausgelegt.

Olli nimmt unser EKG und klebt dem Säugling, den ich beatme, die vier Elektroden auf die violette Brust. Piep. Piep. Piep. Im Affentempo rast das kleine Herz. EKG ab, hin zum zweiten Kind. Gleiches Vorgehen. Gleiches Ergebnis. Das Herz schlägt. Harry pustet mit seinem Mund, ich drücke auf den Beutel.

Der Vater läuft wie ein Tiger im Käfig hin und her und her und hin. Ich spüre seine Sorgen, seine Ängste. Ich konzentriere mich auf „mein“ Baby. Maske dicht? Stimmt die Beatmungsfrequenz? Reagiert der kleine Mensch?

So geht es ewig. Harry lässt sich vom Hausarzt beim Beatmen ablösen und kommt zu mir.

„Gut so, wie du es machst! Kannste noch oder soll ich dich ablösen?“

Ich kann noch. Bin wie getrieben. Muss noch können. Bin völlig fokussiert auf den Beatmungsbeutel, die Maske auf dem kleinen Gesicht, die zwei drückenden Finger meiner rechten Hand.

Wir sind jetzt sicher schon fast 30 Minuten hier. Da höre ich endlich den Hubschrauber im Landeanflug. Minuten später kommt der angeforderte Kinderarzt in den Raum. Ein einziger Gedanke schießt mir durch den Kopf: Jetzt wird ja dann alles gut!

Harry gibt dem Pädiater eine kurze Übergabe, beatmet dann sofort weiter. Der Kinderarzt greift in seine Kitteltasche, holt ein Stethoskop raus und geht zunächst zum Neugeborenen im Ehebett. Er öffnet die Alufolie, horcht gründlich auf den kleinen Brustkorb, während Harry weiter mit dem Mund Luft in das Kind presst. Dann bedeutet er Harry aufzuhören, schüttelt den Kopf und schließt die Alufolie über dem Kopf des Kindes.

Dann kommt er zu mir. Mir springt mein Herz aus dem Hals. Ich drücke und drücke und drücke auf den Beutel. Dieser kleine Mensch wird doch aber noch zu retten sein! Der Kinderarzt öffnet die Goldfolie, hört auf die Lungen des Babys, legt dann seine Hand auf meine Schulter, schaut mich an, schüttelt abermals den Kopf und bedeckt den Kopf des Kindes mit einem Zipfel der Goldfolie.

Es ist still.

Scheiße. Medizin kann doch nicht alles.

PS: Ende der Achtzigerjahre lag das Überleben von frühgeborenen Zwillingen in der 25. Schwangerschaftswoche unter optimalen, d.h. Krankenhaus-Bedingungen (!), bei unter 50%. Das Problem in diesem Fall war die fehlende Lungenreife.

Normalerweise dauert eine Schwangerschaft vierzig Wochen.

Bibi und Tina beim Rodeo

Frühsommer 2013 in Süddeutschland.

Silas fährt wie Sau. Nach acht Minuten mit Blaulicht auf der Kreisstraße durch die wellige Landschaft erreichen wir den Reiterhof. Mir ist kotzübel von der Raserei.

Gegen den Brechreiz ankämpfend schnappe ich mir das EKG-Gerät und die Medikamententasche aus dem Kofferraum des rot-weißen Passats und laufe in Richtung der mir zuwinkenden weiblichen Teenies. Silas schnappt sich den Rest und kommt dann hinterher.

Es könnte hier traumhaft sein: Strahlende Sonne, blauer Himmel, sattgrüne Flora und beschaulich grasende Pferde auf den Koppeln ringsum. Könnte! Wenn da nicht die aufgeregten Mädchen um mich herum wären, die mit einem Mix aus Klageweib-Gejammer und Justin-Biber-Gekreische diese Idylle stören.

Aus tausend kleinen Mündern prasseln Informationen auf mich ein:

„Bibi weint!“

„Bibi hat sich wehgetan!“

„Bibi kann sich nicht mehr bewegen!“

„Bibi hat sich in die Hose gemacht!“

„Bibi ist von Omi gefallen!“

Ich verstehe nicht. Bibi? Omi?

Ich versuche, mir einen Weg durch die Mädchenschar zu bahnen. Nach 50 Metern stehe ich auf dem Reitplatz und finde schließlich Bibi im Sand liegend. Sie ist vielleicht elf Jahre alt. Ihr Gesicht ist voller Sand, durch den sich ihre Tränen einen kleinen Bachlauf gespült haben. Neben ihr kniet eine junge Frau und hält ihre Hand.

„Hallo, was ist denn passiert?“

„Guten Tag! Ich bin Tina, die Reitlehrerin. Wir hatten unsere Nachmittagsreitstunde. Springtraining mit ganz kleinen Hindernissen. Omi, Bibis Pferd, hat vor einem Hindernis gebockt. Da ist die Kleine dann gestürzt und voll auf den Rücken gefallen. Seither kann sie ihre Beine nicht mehr fühlen und bewegen.“

Ich wende mich an das Mädchen.

„Bibi, ich untersuche dich jetzt schnell. Versuch, dich nicht zu bewegen. Danach bekommst du auch gleich was gegen die Schmerzen! Kannst du dich an alles erinnern? Ist dir schlecht? Haste einen Filmriss?“

„Mein Rücken tut so weh! Ich weiß genau, was passiert ist. Mir ist nicht schlecht.“

„Wir achten darauf, dass alle Kinder einen Helm tragen!“, ergänzt die Reitlehrerin.

„Wo hast du denn noch Schmerzen? Nur am Rücken?“

„Ja, nur da.“

Ich drehe mich um und bitte sie, an meinem Rücken zu zeigen, wo es an ihrem Rücken wehtut. Sie klopft mir auf die untere Brustwirbelsäule.

„Du bekommst jetzt erst mal einen Halskragen. Wir möchten deine Halswirbelsäule schützen. Beweg dich nicht!“

Silas und ich nehmen Bibi vorsichtig den Reithelm ab, dann hält der Sani Bibis Kopf und ich montiere den Plastikkragen.

„Silas, kümmer dich um die Verkabelung: EKG, Blutdruck, Sauerstoff im Blut!“

Jetzt sind auch die Jungs vom Rettungswagen da. Ich gebe ihnen rasch Informationen.

Schnell die Untersuchung fortsetzen. Bibis Pupillen sind ok. Der Reithelm hat den Kopf der Teenagerin offenbar vor Schlimmerem bewahrt. Brustkorb, Bauch und Becken scheinen ebenfalls unverletzt zu sein. Jetzt sehe ich, dass Bibi sich tatsächlich in die Hose gepinkelt hat.

„Hast du bemerkt, dass du dir in die Hose gemacht hast?“

„Hab ich? - Iiiii!“

„Ja. Die Hose ist nass.“

Ich betaste Bibis Beine. „Spürst du das?“

„Was?“

„Na, dass ich deine Beine anfasse!“

„Nee, habe nichts gemerkt.“

Ich kneife Bibi in den Oberschenkel. „Jetzt was gemerkt?“

„Nein. Nur mein Rücken tut so weh!“

Zwischendurch meldet sich Silas mit ersten Messwerten.

„Blutdruck und Puls sind ok.“

"Danke. Bestell den Hubschrauber!"

„Beweg mal das rechte Bein!“, fordere ich unsere Patientin auf.

Nichts passiert. Noch einmal ein Kommando an Bibi. „Versuch mit aller Kraft, das rechte Bein zu bewegen!“

„Ich versuche es doch. Es macht aber nicht, was ich will!“

„Dann jetzt das linke Bein!“

Auch hier passiert nichts.

„Mein Rücken tut so weh!“

Scheiße! Lähmung, Taubheit, Rückenschmerzen und Urinabgang nach Sturz. Querschnittslähmung! Ich habe keinen Röntgenblick, aber wahrscheinlich ist die Wirbelsäule gebrochen.

Wir müssen Gas geben, wenn schlimme Langzeitfolgen überhaupt noch vermieden werden können. Die geschädigten Anteile des Rückenmarks und der daraus entspringenden Nerven müssen schnellstmöglich operiert werden.

„Tropf, Ketanest und Dormicum! Dann auf die Schaufeltrage und im Auto auf die Vakuummatte!“

Die drei Sanis sind flott dabei und bereiten alles vor.

„Ich lege dir jetzt einen Tropf. Das tut ein bisschen weh. Aber dann kriegste gleich ein starkes Schmerzmittel!“

Zum Glück hat Bibi prächtige Adern auf ihrem Handrücken, so dass der Tropf schnell liegt. Anschließend spritze ich ihr erst ein Medikament, das sie in einen leichten Dämmerschlaf versetzt. Danach das Schmerzmittel. Ihre Gesichtszüge werden prompt entspannter.

Gemeinsam legen wir Bibi vorsichtig auf die Schaufeltrage. Anschließend tragen wir sie behutsam in den Rettungswagen. Dann geht‘s auf die Vakuummatratze. So ist die Wirbelsäule für den Transport stabil versorgt.

Langsam fahren wir mit dem Rettungswagen zum örtlichen Sportplatz, wo der Hubschrauber landen soll.

Zehn Minuten später fliegt Bibi im Eurocopter in die 50 Kilometer entfernte Unfallchirurgie.

PS: Ich habe zwei Monate später in der unfallchirurgischen Klinik angerufen, um mich nach dem weiteren Schicksal der jungen Patientin zu erkundigen. Bibis Beine blieben trotz schneller Operation gelähmt. Sie hatte schwere Brüche mehrerer Wirbelkörper am Übergang von der Brust- zur Lendenwirbelsäule, so dass die Rückenmarksnerven zerquetscht wurden. In einer neurologischen Reha-Klinik hat Bibi gelernt, mit einem Rollstuhl eine eingeschränkte Mobilität zurückzuerlangen.

PPS: Bibi hatte während ihrer Reitstunde zwar einen Helm, aber keinen Rückenprotektor getragen.

Oster-Überraschungs-Ei

Hilde ist in den letzten Jahren sehr vergesslich geworden. Zuletzt fand sie ihren Heimweg nicht, als sie vom Supermarkt kam. Den sonntäglichen Gottesdienst beim Bischof hat sie aber noch nie verpasst.

Wir sitzen gemütlich beim Frühstück in der Rettungswache. Heute mal richtig üppig: neben dem Üblichen, Brötchen, Wurst, Käse und Marmelade, gibt es heute Nürnberger Würstchen, Bacon, Obstsalat und Rühreier. Schließlich ist heute Ostersonntag!

Da piept es.

„Bewusstlose Person, St. Trinitatis-Kirche.“

Mit vollen Mündern steigen Ben und ich in den roten Q5. Ein schneller Blick in den Schminkspiegel. Noch Eigelb oder Nutella am Mund? Nichts, alles sauber. Blaulicht an und los. Wir müssen zwei Kilometer durch die Stadt fahren. Nach nur fünf Minuten erreichen wir die riesige Kirche.

Am Hauptportal erwartet uns ein in schwarz gekleideter Mann.

„Kommen Sie bitte, Frau Schmitz geht es nicht gut! Sie ist nach dem „Durch ihn und mit ihm“ vom Kniebänkchen aufgestanden und, zack, umgefallen.“

Als wir das Gotteshaus betreten, spricht die versammelte Gemeinde gerade das Vaterunser. In dicken Schwaden hängt Weihrauchnebel in der Luft. Neben der zweiten Bankreihe liegt Hilde. Zwei jüngere Frauen knien neben ihr und halten die kalten Hände der Seniorin.

Der liebe Gott hätte vermutlich nichts dagegen, wenn wir den Gottesdienst HIER stören würden. Ich bedeute den Sanis aber dennoch, Hilde lieber schnell in das nur wenige Meter entfernte Seitenschiff zu ziehen.

Hilde schaut mich aus großen Augen verwundert an.

„Guten Tag, wissen Sie, was passiert ist? Tut Ihnen was weh?“

„Wer sind Sie? Wo bin ich?“

„Wir sind vom Rettungsdienst. Sie sind während des Gottesdienstes ohnmächtig geworden. Tut Ihnen was weh?“, frage ich nochmal.

Hilde versucht sich zu bewegen. Mühsam testet die alte Dame sämtliche Gelenke und Knochen auf Beweglichkeit und Schmerz.

„Nein. Nichts. Was ist bloß mit mir los? Mir ist so schwindelig!“

„Meine Mutti ist plötzlich umgefallen. Einfach so. Sie hat sich für kurze Zeit gar nicht geregt!“, berichtet eine der beiden Frauen.

„Wir untersuchen Sie jetzt erstmal, messen Ihren Blutdruck und schreiben ein EKG. Haben Sie Zucker?“

Hilde scheint zu überlegen. Sie grübelt und grübelt und grübelt. Dann endlich: „Nein. Nur hohen Blutdruck. Aber dafür nehme ich ja immer meine Tablette!“

„Mutti muss einmal am Tag einen Betablocker einnehmen“, ergänzt die zweite Frau.

„Haben Sie noch andere Tabletten außer der für den Blutdruck?“

Hilde denkt wieder nach. „Ich muss noch drei Pillen einer anderen Sorte nehmen. Morgens, mittags und abends je eine. Für was die aber sind, weiß ich gerade nicht.“

„Mutti, das ist doch dein Schmerzmedikament.“

Und dann zu mir gewandt: „Wissen Sie, meine Mutter hat Osteoporose und starke Rückenschmerzen. Die Tabletten haben unserer Mutter aber in den letzten Tagen auch nicht mehr geholfen!“

Ich werfe einen schnellen Blick in Hildes Augen. Die Pupillen reagieren prompt auf das Licht meiner Taschenlampe.

Die Jungs haben die Seniorin an unseren Monitor angeschlossen und den Blutdruck gemessen.

„Der Druck ist 90 zu 50!“, sagt mir Ben noch mit dem Stethoskop in den Ohren. Ein bisschen niedrig, aber noch ok. Dann ein Blick auf das EKG. Das Herz schlägt ganz regelmäßig. Die EKG-Kurve ist wie im Lehrbuch. Aber viel zu langsam! Nur 45 Schläge pro Minute. Normal sind mehr als 60.

„Sinus-Bradykardie! Tropf vorbereiten und Atropin aufziehen. Außerdem die Schrittmacher-Elektroden bereithalten!“

Bei einer Sinus-Bradykardie zeigen sich im EKG reguläre Zacken und Kurven. Allerdings liegt der Herztakt unterhalb des Normalwertes von ca. 60 Aktionen pro Minute. Das führt dazu, dass auch das Gehirn zu wenig durchblutet wird. Schwindel oder Ohnmacht können die Folge sein. Verschiedene Ursachen können zugrunde liegen: Herzerkrankungen, Schilddrüsenunterfunktion, erhöhter Hirndruck, Medikamente und viele andere. Therapeutisch werden Mittel verabreicht, die die Herzfrequenz steigern, ähnlich wie Adrenalin. Falls das nichts nutzt, wird das Herz von außen mit einem elektrischen Schrittmacher angetrieben.

Hilde dämmert weg. Ihr fallen die Augen zu. Ich versuche sie zu wecken.

„Frau Schmitz, machen Sie mal die Augen auf!“, fordere ich die alte Dame auf. Mühsam hebt sie ihre Lider, um sie direkt anschließend wieder kraftlos sinken zu lassen.

„Der Tropf liegt. Läuft 1A!“, sagt Jan, einer der Sanis vom Rettungswagen, stolz.

Hildes Herz schlägt jetzt nur noch 40 Mal pro Minute.

„Der Blutzucker ist in Ordnung. 150.“

„Danke!“, entgegne ich Mike.

Unser Monitor gibt erneut Alarm. Jetzt fällt auch der Sauerstoffgehalt in Hildes Blut.

„Sauerstoffmaske. 10 Liter pro Minute!“

Mike, der andere Sani vom Rettungswagen, nickt.

„0,5 Milligramm Atropin. Bitte sehr!“

Ben reicht mir das Medikament, das Hildes Herz wieder in Wallung bringen soll. Gespannte Blicke auf das EKG. 40 Herzschläge pro Minute. Dann: 38 Schläge. 35.... Atropin hilft nicht. Nächster Versuch:

„0,5 Milligramm Alupent!“

Unser Monitor ist nun in ein Dauerpiepen übergegangen. Sauerstoffgehalt zu niedrig. Blutdruck zu schwach. Puls zu langsam. Piep. Piep. Piep. Die Kirchgänger sind von all dem offenbar unbeeindruckt.

„Der Herr gibt es. Der Herr nimmt es.“

Als Ben das Alupent aufgezogen hat, spritze ich es in Hildes Ader. Wieder gespannte Blicke auf das EKG. Unverändert. 35. 35. 35.

Dann, nach ungefähr 60 Sekunden, 45 Schläge pro Minute. Nochmal 30 Sekunden später: 52 Herzschläge.

„Nochmal den Blutdruck messen!“, bitte ich Jan.

Er drückt auf den Knopf am Monitor. Schon bläst sich die Manschette an Hildes Arm auf. Kurze Zeit später ein beruhigendes Ergebnis: Blutdruck 100 zu 80. Der Puls ist unverändert bei 50 bis 52 und Hilde hat die Augen wieder auf.

Wir legen unsere Patientin auf die Trage und bringen sie zum Rettungswagen. Als wir die Kirche verlassen, läuten die Glocken zum Auszug der Gemeinde. Eine letzte Information an Hildes Töchter: „Wir bringen Ihre Mutter ins Stadtkrankenhaus!“

PS: Stunden später meldet sich eine Tochter von Hilde in der Klinik. Sie erzählt, dass sie in Hildes Wohnung war, um ein paar Sachen für den Krankenhausaufenthalt ihrer Mutter zu packen. Als sie Hildes Medikamente zusammensuchte, fiel ihr auf, dass ihre Mutter wohl seit einigen Tagen die beiden Medikamente verwechselt hatte. Sie nahm zuletzt täglich nur eine Schmerztablette, aber dafür dreimal täglich den Betablocker. Das machte ihr Herz langsam und den Blutdruck niedrig. Als sie sich dann heute in der Kirche von dem Gebetskniebänkchen erheben wollte, führte das letztendlich zum Kreislaufkollaps.

Couch-Potato

Stuttgart im Herbst 1999. Um 16 Uhr piept es.

„Männlich, 40, unklare Situation, Verständigungsprobleme, Unfall?“

Jasmin guckt mich kopfschüttelnd an, schnappt sich dann ihre signalgelbe Jacke und wir laufen zum Notarztwagen. Blaulicht an. Los durch den beginnenden Berufsverkehr der Großstadt.

„1-82-1 von Leitstelle“, knarzt es aus dem Lautsprecher des Funkgerätes.

Ich nehme den Hörer an mein Ohr und antworte der Rettungsleitstelle.

„Hier 1-82-1!“

„Die Situation vor Ort ist unklar. Der aufgeregte Anrufer hatte einen osteuropäischen Akzent. War kaum zu verstehen. Der Patient heißt wohl Vitali Smirnikoff. Schaut mal, was da los ist. Die Polizei kommt auch!“

Nach acht Minuten erreichen wir gemeinsam mit dem Rettungswagen die triste Hochhaussiedlung. Ein riesiges Klingeltableau. Viele Schilder fehlen, andere sind unlesbar oder mehrfach überklebt. Auf einem ausgeblichenen Etikett erkenne ich noch die Buchstaben „Vitali Smir“ und klingele.

Bevor der Türsummer geht, springt unvermutet die Haustür auf. Ein Mann, vielleicht 25 Jahre alt, kommt wie gehetzt herausgelaufen. Er erschrickt, als er uns sieht, bleibt kurz stehen und sortiert sich. Rennt dann weiter und ist verschwunden.

Wir betreten irritiert das Haus und laufen in den zweiten Stock. Eine Wohnungstür steht offen.

„Sind wir hier richtig? Smirnikoff?“, rufe ich in den Wohnungsflur.

Die Antwort aus einem der hinteren Zimmer verstehe ich nicht, betrete dennoch die Wohnung. Auf dem Sofa des völlig verqualmten Wohnzimmers sitzt Vitali unter einem Madonnenbild. Er schwitzt. Vor ihm auf dem Wohnzimmertisch leere Flaschen und volle Aschenbecher. In seiner linken Hand hält er eine Zigarette, mit der rechten winkt er zur Begrüßung.

„Guten Tag, haben Sie uns angerufen?“

Keine Antwort.

„Was passiert? Unfall? Krank?“, versuche ich es erneut.

Vitali antwortet mit russischem Akzent: „Gutt. Gutt. Nix Prablem.“

„Darf ich Sie untersuchen?“, frage ich und zeige auf mein Stethoskop.

„Kein Prablem!“ Vitali nickt.

Jasmin und die beiden Jungs vom Rettungswagen knöpfen Vitalis Hemd auf und kleben die EKG-Elektroden auf seine Brust, wickeln dann die Druckmanschette um den Oberarm und stecken einen Fingersensor zur Bestimmung des Sauerstoffgehaltes im Blut auf den Zeigefinger. Vitali sitzt, unbeeindruckt weiter rauchend, bequem an das Rückenpolster gelehnt, auf dem Sofa. Die gemessenen Werte sind in Ordnung: Blutdruck 130 zu 80, Puls 90, Sättigung 96%.

Nun höre ich ihm die Lunge ab. Geht ja auch von vorne, wenn der Patient auf dem Sofa sitzt.

„Tief einatmen und Zigarette weg!“

Vitali hat eine unglaubliche Fahne. Ein unheiliger Mix aus Alkohol, schlechten Zähnen und kaltem Rauch. Ein schlimmer Nachteil, wenn man vorne abhört...

„Kein Prablem!“

Seine Lunge hört sich gut an. Ich weiß nicht, was wir hier sollen. Alle Werte ok, EKG und Lunge in Ordnung. Alles wirklich „kein Prablem!“ Vielleicht sind wir gar nicht in der richtigen Wohnung? Ich schaue die Sanis schulterzuckend an.

Da beugt sich Vitali im selben Augenblick zum Wohnzimmertisch vor, offenbar, um sich eine neue Zigarette aus der auf dem Tisch liegenden Packung zu nehmen.

Erst jetzt sehe ich einen riesigen dunkelroten Fleck am Rückenpolster des beigen Sofas. Schock!

„Was ist passiert? Da ist Blut am Sofa!“

„Kein Prablem!“

Schon lehnt sich Vitali wieder zurück an das Rückenpolster und verdeckt den Fleck.

„Bitte beugen Sie sich nach vorne.“

Vitali rührt sich nicht.

Jasmin tritt an ihn heran, ergreift beherzt seine Hände und zieht seinen Oberkörper nach vorn. Ich zerre das blutgetränkte Hemd aus der Jeans. Rechts neben der Brustwirbelsäule über den Rippen finde ich eine drei Zentimeter lange gelappte Schnittwunde, aus der sich stetig ein kleines Blutrinnsal entleert.

„Wie sind die Kreislaufwerte?“, frage ich Jasmin, die einen besseren Blick auf den Monitor hat.

„Alles in Ordnung! Unverändert!“

„Kein Prablem! Alles gutt!“, ergänzt Vitali grinsend.

„Macht einen luftdichten Verband drauf!“

Vitali will plötzlich aufstehen. Er ist so betrunken, dass er mehrere schaukelnde Anläufe nimmt, um vom Sofa hoch und auf die Beine zu kommen.

Als ich ihn auffordere, ruhig sitzen zu bleiben, hören wir ein "ZISCH".

Unser Patient kneift kurz die Augen zusammen. Sein Gesicht ist für eine Sekunde schmerzverzerrt. Dann grinst er wieder.

Ich hole schnell das Stethoskop aus meiner Jackentasche und halte es nochmal auf Vitalis rechten Brustkorb. Nichts zu hören. Kein Atemgeräusch. Im Seitenvergleich ist noch deutlicher: links normales Atemgeräusch, rechts nichts. Offenbar ist Vitalis rechte Lunge gerade zusammengefallen.

„Pneu! Sauerstoff und Thoraxdrainage!“

Unter Pneumothorax (oder kurz im Fachjargon „Pneu“) versteht man, dass Luft in den Zwischenraum zwischen Lunge und Brustkorb (Pleuraspalt) gelangt. Dieser Spalt ist normalerweise luftleer. Ein Flüssigkeitsfilm sorgt dafür, dass die Lunge von innen am Brustkorb „klebt“ und damit entfaltet ist (der gleiche Effekt, den ein Wassertropfen zwischen zwei Glasplatten erzielt). Gelangt nun aber Luft in den Pleuraspalt, weil das Gewebe verletzt wurde, reißt der haftende Flüssigkeitsfilm ab und die elastischen Strukturen der Lunge lassen diese zusammenschnurren, „kollabieren“. Der Lungenflügel steht nicht mehr zur Atmung zur Verfügung. Absolute Lebensgefahr! Die Therapie besteht in der Einlage eines Saugschlauches in den Brustkorb, mit dem die "falsche" Luft abgesaugt wird.

„Ich muss Ihnen einen Schlauch in den Brustkorb legen!“

„Der Sauerstoffgehalt im Blut fällt. Jetzt nur noch 89%!“, mahnt einer der Sanis.

Vitali kämpft beim Atmen. Er kriegt einfach nicht so viel Luft in seinen Körper, wie er will und benötigt.

„Prablem! Prablem!“, presst er aus blauen Lippen heraus.

Jasmin hat die Drainage vorbereitet.

„Machen! Machen! Prablem!“

Am seitlichen Brustkorb setze ich einen ca. fünf Zentimeter langen Hautschnitt, nachdem ich desinfiziert und ein Betäubungsmittel gespritzt habe. Dann drängt mein Zeigefinger die Weichteile zwischen den zwei Rippen auseinander, und ich führe mit der anderen Hand in das so entstandene Loch den etwa kleinfingerdicken Plastikschlauch in die rechte Brusthöhle. Noch schnell fixieren und ein steriler Verband. Jasmin schließt rasch die Saugeinheit an den Schlauch an.

Dreißig Minuten später liegt Vitali auf der unfallchirurgischen Intensivstation. Mit einem großen "Prablem".

PS: Offenbar hat Vitalis Sofa-Turnerei dazu geführt, dass sich die Ränder der Stichwunde so verschoben haben, dass Luft in den Brustkorb eindringen konnte, was zuvor noch nicht der Fall war. Immerhin war meine erste Untersuchung der Lunge unauffällig.

Timo und Tarantula

1997. Ich bin noch „Notarzt-Praktikant“, habe den Notarzt-Kurs erst vor kurzem absolviert. An meiner Seite ist Michael, Narkosearzt und Notfallmediziner seit hundert Jahren. Er ist heute mein Anleiter, lässt mich machen und greift nur dann ein, wenn ich gar nicht klarkomme.

„Krampfanfall, 10 Jahre, männlich“ steht auf unseren Alarmmeldern, als es am Vormittag piept.

Einmal quer durch die süddeutsche Großstadt bis zum schicken Einfamilienhaus in nobler Hanglage.

„Schnell, schnell, kommen Sie. Mein Sohn stirbt!“, empfängt uns Timos Mutter. Ruckzuck schnappen wir unsere Ausrüstung und folgen der Frau im Laufschritt.

„Was ist passiert?“, frage ich beim Betreten des Hauses.

„Timo ist schon seit einigen Tagen krank. Hat sich irgendeinen Magen-Darm-Virus in der Schule eingefangen. Ständig muss er brechen. Vor 20 Minuten hat er einen Zwieback gegessen, wollte dann aufstehen und ist einfach umgefallen. Seither krampft er.“

Als wir in die Küche kommen, sehe ich den Jungen zuckend auf dem Boden liegen. Ein Krampfanfall, wie ich ihn erschreckender noch nie gesehen habe: Sein Kopf ist starr nach links gedreht, seine Halswirbelsäule komplett überstreckt, der wirre Blick fixiert nach oben gerichtet, der Rücken zum Hohlkreuz geformt, seine Arme und Handgelenke maximal gebeugt und die Hände zu Fäusten geballt. Sein Gesicht ist im Krampf zu einer bösen Grimasse mit herausgestreckter Zunge entstellt.

„Ist Ihr Sohn Epileptiker? Hat er so was schon mal gehabt?“, frage ich die Mutter.

„Nein. Er war bisher immer gesund. Helfen Sie ihm doch!“

„Hat Ihr Sohn Fieber?“

Vielleicht ein einfacher Fieberkrampf? Dafür ist Timo eigentlich schon zu alt. Aber wer weiß?

„Nein. Ich habe heute Morgen die Temperatur gemessen. 36,6°C! Unternehmen Sie endlich was!“

Dann muss es wohl ein „normaler“ erster Krampfanfall sein. Dachte ich...

„Tropf legen, dann Valium gegen den epileptischen Anfall!“

Die Jungs vom RTW machen ihre Koffer auf und reichen mir das Material. Der erste und der zweite Versuch, einen Tropf zu legen, gehen voll in die Hose. Timos Arme schütteln so heftig, dass auch das Festhalten durch die Sanis nicht viel hilft und ich die Adern zersteche. Beim dritten Mal klappt es dann endlich. Der Tropf liegt. Mir steht der Schweiß auf der Stirn. Der Junge zuckt unentwegt.

"Um Gottes Willen, warum helfen Sie ihm denn nicht?"

„Jetzt das Valium!“

"Stopp!

Jetzt schreitet Michael ein.

„Warte mal. Der Junge hat Magen-Darm. Frag doch mal, ob er dagegen ein Medikament bekommt!“

„Hier, diese Tabletten hat er gegen das Erbrechen vom Kinderarzt“, kommt Timos Mutter meiner Frage zuvor und zeigt mir eine Packung MCP-Tabletten. Metoclopramid kenne ich in Tropfenform aus der Klinik. Die geben wir regelmäßig Patienten, denen nach einer Narkose schlecht ist.

„Und? Geht dir ein Licht auf?“, fragt Michael.

Ich schaue ihn fragend an. Bei mir bleibt es dunkel. Nein, kein Geistesblitz.

„Mensch, Mensch, ihr Chirurgen könnt auch nur operieren. Stichwort Parkinsonismus! Na, fällt der Groschen? Das ist eine typische Nebenwirkung von MCP. Besonders bei Kindern!“, sagt er grinsend und gibt mir eine Ampulle. Valium ist es nicht!

Der Parkinsonismus gehört wie verschiedene andere Erkrankungen in die Gruppe der „extrapyramidal-motorischen Störungen“, also Störungen der Bewegung, die ihren Ursprung weder im Großhirn noch im Rückenmark haben. Diesen Erkrankungen liegt die fehlende Wirkung des Botenstoffes Dopamin zugrunde, der im Gehirn Signale übermittelt und für geordnete Bewegungsabläufe sorgt. Fehlt Dopamin ganz oder teilweise (Morbus Parkinson) oder wird es an seiner wichtigen Wirkung gehindert (wie in diesem Fall durch das Medikament), kommt es zu den geschilderten unkontrollierbaren Bewegungen des ganzen Körpers. Im Notfall wird ein Medikament eingesetzt, das dämpfend auf Muskelbewegungen wirkt.

Der Sani reicht mir eine Spritze mit Akineton. Nachdem ich das Medikament langsam gespritzt habe, hört Timo innerhalb von zwei Minuten auf zu zittern und zu zucken. Entspannt liegt er da und lächelt mich an.

PS: Und was hat das alles mit der Spinne "Tarantula" zu tun? Bei der Vorbereitung dieser Story habe ich "Dyskinetisches Syndrom" (häufiges Synonym für "Parkinsonismus") gegoogelt. Die meisten Treffer lieferten, ACHTUNG, kein Scherz: Seiten über Vogelspinnen! Offenbar zeigen diese Tiere bei Befall mit bestimmten Milben u.a. genau die gleichen Symptome: unkontrolliertes Zittern und Krämpfe.

Über den Wolken

Süddeutschland 2001. Ein Rettungswagen hat gerade eine Schülerin in die chirurgische Ambulanz gebracht. Das Mädchen ist während des Sportunterrichtes umgeknickt und hat nun schlimme Schmerzen am Sprunggelenk. Ich stelle mich kurz vor und will gerade mit der Untersuchung beginnen, da piept es in meiner Kitteltasche:

„Schlaganfall, weiblich, 28, Flughafen.“

„Entschuldigung, ich muss weg. Mein Kollege kümmert sich gleich um dich!“

Ich rausche ab, tausche noch rasch meinen Kittel gegen die signalrote Jacke. Die weiße Hose und meine Clogs behalte ich an. Sicherheitsstiefel und Einsatzhose werden erst in zehn Jahren ein Thema sein...

Unten am Klinikeingang wartet „Salat-Andi“ im Notarztauto. Er hat den Spitznamen von seinen Kollegen erhalten, weil er sich seit einer Kur mit eingehender Ernährungsberatung nur noch von Rohkost ernährt.

„Hallo Salat-Andi, weißt du schon was Genaueres?“

Wir müssen beide lachen. Dann antwortet er:

„Wir sollen auf das Flug-Vorfeld. In einer Linienmaschine von Dubai nach Hamburg hat wohl eine junge Frau einen Schlaganfall erlitten. Das Flugzeug macht deshalb hier einen Not-Stop vor dem Weiterflug!“

Blaulicht an und los. Die Kohlfelder der Fildern fliegen an uns vorbei. Nach 12 Minuten stehen wir vor dem Gittertor. Ein Pförtner kommt angelaufen, öffnet uns und gibt Salat-Andi Anweisungen, wo wir uns melden sollen. Das schwarz-gelb-karierte „Follow-me“-Auto erwartet uns bereits zusammen mit dem Rettungswagen der Flughafen-Feuerwehr. Gemeinsam geht es bis zur Landebahn des Flughafens. Endlich hält das Einweisungsfahrzeug etwas abseits an. Hier ist weit und breit kein Flugzeug zu sehen. Auch nicht am Himmel. Der „Follow-me“-Fahrer kommt stattdessen zu uns.

„Die Boeing 737 wird um 11.38 Uhr erwartet. Alle anderen Starts und Landungen sind bis dahin gecancelled!“

Während wir noch warten, wird hinter uns die mobile Gangway angeliefert und in Stellung gebracht.

Punkt 11.38 Uhr: Touch down. Rauch der bremsenden Räder steigt auf.

Der riesige weiße Vogel rollt kurze Zeit später an uns vorbei und erreicht schließlich seine Parkposition. In Windeseile wird die Treppe im vorderen Bereich der Boeing montiert. Salat-Andi und ich laufen als Erste die Gangway hoch. Als wir oben ankommen, öffnet sich auch schon die Tür des Flugzeugs und eine Stewardess nimmt uns in Empfang.

„Bitte folgen Sie mir!“

Wir zwängen uns unter den neugierigen Blicken der anderen Passagiere mit unserer Ausrüstung durch den Mittelgang. Steffi sitzt in Reihe 10 direkt am Gang. Die Flugbegleiterin gibt uns einen kurzen Überblick.

„Die junge Dame hat uns verständigt, als wir gerade über den Alpen waren. Etwas stimme nicht mit ihr, ihr sei schlecht und schwindelig. Außerdem könne sie nicht mehr richtig sprechen. Aber sehen Sie doch selbst!“

Ach du Kacke! Steffi schaut mich komplett schief an. Eine sehr attraktive junge Frau. Eigentlich! Wenn denn nicht ihre linke Gesichtshälfte entstellt wäre: Ihre linke Wange ist im Gegensatz zur rechten ohne Spannung. Ihr linkes Auge tränt. Der linke Mundwinkel hängt herab. Die Stewardess wischt Steffi mit einem Taschentuch dort herauslaufende Spucke weg.

„Guten Tag, wir sind vom Rettungsdienst. Können Sie mich verstehen?“

Steffi nickt.

„Haben Sie Kopfschmerzen?“

„Nein, mir isch nur schwindelisch. Un schlescht!“, kämpft sie ihre Antwort mit kloßig näselnder Stimme heraus, die ich anfangs kaum verstehe. Hört sich verwaschen an...

Ein rascher Blick in Steffis blaue Augen zeigt mir normale Pupillen, die sich flott verengen, als ich mit der Lampe hineinleuchte.

Ich bitte Steffi, mir alles nachzumachen, was ich ihr nun vormache. Stirnrunzeln. Kann sie nicht. Augen zukneifen. Kann sie nicht. Wangen aufblasen. Kann sie nicht. Pfeifen. Kann sie nicht.

„Scheiße!“, denke ich, „Schlaganfall mit 28“.

Dann fordere ich Steffi auf, Arme und Beine so zu bewegen, wie ich es vormache. Das kann sie alles prima. Gottseidank! Kein kompletter Schlaganfall...

„Tatsächlich Apoplex?“, fragt mich Salat-Andi. Ich nicke.

Ein Schlaganfall (Apoplex) ist die Folge einer Durchblutungsstörung des Gehirns. Der entstehende Sauerstoffmangel führt in der betroffenen Hirnhälfte zu Nervenzellstörungen und im weiteren Verlauf zum Nervenzelltod. Bewegungen, die normalerweise von den jetzt geschädigten Hirnarealen gesteuert werden, können nicht mehr ausgeführt werden. Je nach Ausdehnung der Hirnschädigung finden sich z.B. „nur“ Lähmungen im Bereich des Gesichtes oder des Armes. In schwersten Fällen kann es zu einer vollständigen einseitigen Lähmung von Kopf bis Fuß kommen.

Die Ausfälle betreffen dabei immer die gegenüberliegende Körperhälfte, da die Nervenfasern auf ihrem Weg vom Hirn zur Peripherie kreuzen und die Seiten wechseln (im o.g. Fall Schaden in der rechte Gehirnhälfte >>> Ausfälle linke Gesichtshälfte).

Ich bitte die Sanis, unsere Patientin zu verkabeln und einige Werte zu messen.

„Zugang, Blutzucker, EKG und Blutdruck!“

Sie beginnen sofort mit ihrer Arbeit, was sich aber in Anbetracht der Enge des Flugzeuges sehr mühsam gestaltet. Multitasking geht nicht. Eins nach dem anderen.

Ich rede weiter mit Steffi.

„Haben Sie andere schwere Vorerkrankungen? Ich meine nicht Schnupfen oder so was!“

„Nein. Isch war immer geschund. Scheid vorgeschtern bin isch erkältet.“

„Nehmen Sie Medikamente?“

Steffi schüttelt den Kopf.

Die Jungs haben die ersten Werte. Blutzucker ok. Blutdruck ok. Puls und EKG ok.

„Wir bringen Sie jetzt rasch in die nächste neurologische Klinik! Bevor wir starten, spritze ich Ihnen noch ein Medikament gegen die Übelkeit!“

Die junge Patientin liegt kurze Zeit später im Rettungswagen. Mit Blaulicht geht es über die Schnellstraße in die Klinik.

Als wir auf der Schlaganfallstation ankommen, werden wir bereits erwartet. Salat-Andi hat offenbar ordentlich Druck gemacht, als er die junge Patientin in der Klinik telefonisch angekündigt hat. Ich gebe dem Neurologen einen knappen Überblick, berichte über den Not-Stopp des Flugzeuges und von den Tests, die ich mit Steffi gemacht habe. Dann frage ich, ob wir direkt zur Computertomografie des Kopfes durchstarten sollen.

Der Alt-Oberarzt schaut Steffi mit 100-jähriger Berufserfahrung an und sagt dann knapp:

„Abwarten! Sind die Ohren in Ordnung?“

Ich bin irritiert und denke mir: „So ein Schwachsinn. Die arme Frau hat einen Schlaganfall, und er redet von ihren Ohren?“ Ich antworte gleichwohl höflich: „Nein, wir haben keinen Ohrenspiegel im Rettungswagen.“

„Seit wann sind Sie erkältet?“, fragt er die Patientin. Steffi antwortet wie schon zuvor.

„Ist Ihre Nase dicht?“

Steffi nickt.

Der neurologische Silberrücken holt ein Otoskop, schiebt dessen Trichter vorsichtig in Steffis linkes Ohr, schaut nur wenige Sekunden hinein und fordert mich dann auf, auch hineinzusehen. Hinter dem Trommelfell schimmert es dunkelrot. Er grinst mich an und sagt dann sehr freundlich, fast väterlich, zu Steffi gewandt:

„Machen Sie sich keine Sorgen! Ihre Gesichtslähmungen sind bald wieder weg!“

Dann dreht er sich zu mir und sagt:

„Es stimmt schon: was häufig ist, ist häufig. Ein Schlaganfall ist deutlich häufiger bei hängendem Lid und schiefem Mundwinkel. Es gibt allerdings auch seltene Ursachen für bestimmte Symptome wie hier den Ausfall des Gesichtsnervs. Druckschaden ist das Stichwort, Herr Kollege!“

Ich stehe da wie ein kleiner Schuljunge...

PS: Was meinte der Oberarzt? Jeder, der mal einen fiesen, festsitzenden Schnupfen hatte, kennt das Gefühl von Druck auf den Ohren oder gar Ohrenschmerzen. Diese werden noch schlimmer, wenn man in die Berge fährt oder taucht.

Die Schmerzen resultieren aus einem fehlenden Druckausgleich zwischen Nasen-Rachen-Raum und Mittelohr, wenn der Verbindungskanal zwischen den beiden genannten Strukturen zugeschwollen ist. Kann dieser Druckausgleich nicht stattfinden, entsteht im Mittelohr ein dauerhafter Unter- oder Überdruck gegenüber dem Umgebungsdruck (z.B. beim Tauchen bzw. beim Fliegen, gerne auch bei Autofahrten mit größeren Höhenunterschieden). Das führt zum Anschwellen der Mittelohr-Schleimhaut verbunden mit Austritt von Blut und Gewebswasser und so zum weiteren Druckanstieg im Mittelohr.

Das Fatale daran: der Nervus facialis (Gesichtsnerv) nimmt seinen Weg durch das Mittelohr zu den Gesichtsmuskeln. Der winzig-dünne, sehr empfindliche Nerv kann einen Druckschaden bekommen, so dass er die elektrischen Impulse nicht mehr übertragen kann. So kann es zum Ausfall der Gesichtsmuskulatur kommen. Therapeutisch steht die Druckentlastung durch abschwellende Medikamente im Vordergrund.

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08 temmuz 2025
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