Kitabı oku: «Bildung auf Augenhöhe»

Christoph Schmitt
Bildung auf Augenhöhe
Streitschrift für eine Erneuerung des Gymnasiums
ISBN Print: 978-3-03905-921-8
ISBN E-Book: 978-3-03905-961-4
Gestaltung und Satz: tiff.any GmbH, Berlin
1. Auflage 2013
Alle Rechte vorbehalten
© 2013 hep verlag ag, Bern
www.hep-verlag.com
Inhalt
Vorwort, oder Worum es in diesem Buch geht
Kapitel 1: Von der Bulimie zum Lernen – Eine Annäherung
Das Gymnasium: Lehren statt Lernen
Quantität vor Qualität, oder Nur viel Wissen ist gutes Wissen
Die Umkehr der Vorzeichen: Vom Lehren zum Lernen
Kapitel 2: Der blinde Fleck der gymnasialen Bildung
Ein Blick in den gymnasialen Alltag
Viel lernen ist nicht das Problem, sondern blindes Lernen
Über die Bedeutung der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden
Die Reziprozität der Beziehung als Schlüssel gelingender Lernprozesse
Die Angst der Schule und ihrer Lehrer vor Bewertung
Warum der Mensch hinter dem Schüler in der Schule eigentlich gar nicht vorkommt
Kapitel 3: Lernen und Bildung und Wissen. Versuch einer Verhältnisbestimmung
Wie Bildung und Lernen zusammengehören
Bildung als eine ausgezeichnete Form des Lernens
Bildung und Sozialisation: eine fatale Verwechslung
Die Mär von der Wissensvermittlung
Gut informiert ist nicht dasselbe wie gut gebildet
Die Lernenden als Menschen sichtbar machen und wahrnehmen
Kapitel 4: Erste Alternative: Aufmerksamkeit, oder Bedeutung ist der Anfang von allem
Störungen erfordern unsere Aufmerksamkeit
Was Bedeutung hat, hat meine Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeit ist nur »im Fluss«
Aufmerksamkeit schaffen durch authentische Begegnungen
Lernende scheitern nicht am Stoff, sondern am Unterricht
Wie Aufmerksamkeit und Bedeutung im Unterricht konkret werden
Kapitel 5: Zweite Alternative: Das Verstehen als Ziel aller Bildung
Hast du verstanden? Annäherung an das Phänomen des Verstehens
Der Zusammenhang von Bildung und Verstehen
Kapitel 6: Dritte Alternative: Gesprächskultur auf Augenhöhe als Königsweg gymnasialer Bildung
Der Mensch: pausenlos ins Gespräch verwickelt
Das Gespräch als die Erfindung von Wirklichkeit und als Weg, mich selbst zu verstehen
Die gymnasiale Gesprächskultur: Macht zwischen allen Zeilen
Das Gymnasium kommt ins Gespräch – Vorschläge für die Bildung einer gymnasialen Gesprächskultur
Kapitel 7: Erster Ausblick: Identität und Geschichte als Referenzpunkte gymnasialer Bildung
Was Identitätsbildung für junge Menschen heute bedeutet und von ihnen fordert
Eine Identität haben bedeutet, eine eigene Geschichte erfinden zu können
Erzählte Geschichte verbrieft Identität, oder Wir müssen nicht zuerst »etwas wissen«, um jemand zu sein, wir müssen zuerst jemand werden, um etwas wissen zu können
Kapitel 8: Zweiter Ausblick: Veränderungen wahrnehmen und gestalten
Veränderungen sind vorbei, wenn ich sie erkenne
Veränderungen kann ich beeinflussen, aber nicht bestimmen
Welchen Einfluss haben Lehrende auf das Lernen der Lernenden?
Vorschläge für eine Lernpraxis, die für Veränderungen sensibel wird
Literatur
Vorwort, oder Worum es in diesem Buch geht
»Ihr sagt, ihr wollt alle nur unser Bestes. Aber ihr bekommt es nicht.«
Konstantin Wecker
Seit einiger Zeit macht eine neue Wortschöpfung die Runde: Bulimiepädagogik. Auf sarkastische Weise bringt der Begriff zum Ausdruck, was viele Lernende an höheren Schulen und Hochschulen als Normalfall erleben: das Auswendiglernen von Stoff – um ihn bei der Prüfung wieder herauszuwürgen. Der Gewinn: im besten Fall eine gute Note. Unzählige Studien beklagen diesen Umstand und eigentlich ist er ein offenes Geheimnis. Es gäbe eine Menge erprobter und nachhaltiger Alternativen, die finden aber nur sehr selten den Weg ins Gymnasium. Hier werden noch immer mehrheitlich direktiv-mechanistische Formen der »Wissensvermittlung« praktiziert; die Beziehung von Bildung und Sozialisation bleibt ein Tabu, ebenso die Reziprozität im Bewerten und Beurteilen. Auch hält sich der Irrglaube hartnäckig, dass alles, was mit Lernen zu tun hat, »quantifiziert« werden kann. Der Unterricht am Gymnasium ist und bleibt vertaktet, Lehrerinnen und Lehrer bleiben im Normalfall die Einzelkämpfer, die sie immer waren, und die Fächer beharren auf ihrer Autonomie statt sich grundsätzlich für Kooperationen zu öffnen.
Der erste Teil des vorliegenden Buchs ist eine offene, aber nicht schonungslose Analyse dieser Altlasten. Die Tatsache, dass am Gymnasium dem Lehren nach wie vor viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als dem Lernen, hat fatale Konsequenzen. Ich zeige auf, welche das sind und erkläre, weshalb lebendiges und nachhaltiges Lernen eine ebensolche Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden voraussetzt. Außerdem wende ich mich in diesem Teil des Buches der tiefsitzenden Angst der Lehrpersonen vor der Beurteilung ihrer Arbeit zu. Es kommen Schülerinnen und Schüler zu Wort, die ihre Erfahrungen zur Verfügung stellen.
Im zweiten Teil stelle ich erprobte Alternativen für eine neue gymnasiale Lernkultur vor. Gymnasien können eine »Kultur der Aufmerksamkeit« entwickeln, in der Lernende fähig werden, sich selbst zu bilden. Ich untersuche das Phänomen des Verstehens und zeige auf, unter welchen Bedingungen sich Schülerinnen und Schüler auf das beschriebene »Wagnis des Verstehens« einlassen. Im Anschluss skizziere ich eine neue Form der Gesprächskultur, welche ganzheitliche und nachhaltige Bildungsprozesse in Gang bringen kann.
Ich möchte mit dieser »Streitschrift« der Diskussion um ein überholtes Bildungsmodell neue Schubkraft verleihen und alternative Wege aufzeigen. »Bildung auf Augenhöhe« versteht sich als ein Plädoyer für eine Kultur der Achtsamkeit. Junge Menschen können lernen, ihre eigene Geschichte zu erzählen und wieder zu erzählen. Im Erzählen finden und erkennen Sie neue Formen des Menschseins, die im postmodernen Grundrauschen der Beliebigkeit Akzente des Humanen setzen.
Entstanden ist dieses Buch vor allem auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen als Gymnasiallehrer. Unterstützt und herausgefordert wurde ich dabei von den Schülerinnen und Schülern. Zahlreiche eindrückliche Begegnungen mit jungen Menschen lehrten mich außerordentlich viel über deren Lernen – und über mich selbst, über meinen Beruf. Wichtig waren auch meine eigene Reflexionsarbeit in Supervision und Coaching sowie der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich seit vielen Jahren erfolgreich und fruchtbar zusammenarbeite.
Besonders herausfordernd und eigentlicher Anlass für dieses Buch waren und sind aber die unzähligen Widersprüche und Diskrepanzen innerhalb des gymnasialen Systems, die sich meines Erachtens allesamt auf einen Grundwiderspruch zurückführen lassen: Auf der einen Seite hat uns die Forschung der vergangenen Jahrzehnte bahnbrechende Einsichten in das Wesen des menschlichen Lernens gebracht. Systemisch-konstruktivistische Zugänge zu Bildung, Lernen und Lernsystemen erlauben uns heute faszinierende Erkenntnisse und Schlussfolgerungen für die Gestaltung schulischer Lern- und Bildungsprozesse. Dem steht auf der anderen Seite eine nicht nachlassende Hartnäckigkeit gegenüber, mit der sich das Gymnasium als Bildungssystem solchen Erkenntnissen und den damit verbundenen Chancen verschließt. Mehr noch: Die Qualität und die Nachhaltigkeit gymnasialen Bildungshandelns sind nach wie vor mehrheitlich dem Zufall überlassen, weil sich das System selbst konsequent und erfolgreich gegen den Einsatz alternativer Kriterien wehrt. Die Beharrlichkeit, mit der diese trotzige Resistenz aufrechterhalten wird, hat mich stutzig gemacht. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, den Unterricht einmal genauer in den Blick zu nehmen. Ausgerechnet das schulische Kerngeschäft bleibt dem öffentlichen Auge normalerweise verborgen – außer an Elternbesuchstagen und bei Hospitationen, und bei diesen Gelegenheiten wird ja bekanntlich ein wenig festlicher aufgetischt.
Mein eigenes Unterrichtskonzept setzt auf die systemisch-konstruktivistische Pädagogik und ist projektorientiert angelegt (vgl. hierzu die entsprechenden Autorinnen und Autoren im Literaturverzeichnis). So ein Konzept lebt von der regelmäßigen und konsequenten Reflexion – gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern. Deshalb lade ich die Lernenden mindestens einmal im Schuljahr dazu ein, über die Qualität ihrer Lernprozesse zu reflektieren. Die Methoden dazu entleihe ich der qualitativen Sozialforschung und passe sie von Jahr zu Jahr an. Die Jugendlichen lassen sich je länger, desto ernsthafter darauf ein, weil sie spüren, dass ihre Meinung tatsächlich zählt und positive Folgen hat. Sie können einerseits erkennen, dass ihre Rückmeldungen Anlass für die Reflexion und Gestaltung meiner Arbeit als Lehrer sind und sie mit ihrem Feedback deshalb auch ihren Nachfolgerinnen und Nachfolgern etwas zugutetun können. Außerdem finden sie sich in einer aktiven Rolle wieder, wenn es um die Planung und Umsetzung ihrer Lern- und Bildungsprozesse geht. Ich lade die Jugendlichen ein, über das zu berichten, was sie im Unterricht erleben, genießen und vermissen, was sie herausfordert und beklemmt, was sie weiterbringt und was sie blockiert. Daraus ist über die Jahre ein Dialog entstanden, der über Fächer und Jahrgänge hinausgeht und der so manchen Kollegen und so manche Kollegin neugierig gemacht hat. Sie möchten wissen, was uns die Lernenden über eine gute Schule zu erzählen haben.
Dieses Buch wurde auch durch Auseinandersetzung mit innovativen Ansätzen des Lernens möglich, mit denen ich mich als Lehrbeauftragter für die fachdidaktischen Studien an der Universität Luzern und als ausgebildeter Coach/Supervisor beschäftige – sei es in Form von Theorien oder in Form zahlloser spannender und kreativer Gespräche mit Studierenden, Klientinnen und Klienten, Kolleginnen und Kollegen.
Mein besonderer Dank gilt jenen, die sich die Mühe gemacht haben, das Manuskript dieses Buches im Vorfeld kritisch zu lesen und zu hinterfragen. Dabei denke ich vor allem an Heidi Pfäffli, Roman Ambühl und Jürg Bläuer. Besonders herzlich bedanke ich mich bei Noah Arnold1, der durch sein intensives Mitlesen und Einmischen die Perspektive eines Maturanden (Abiturienten) eingebracht hat. Die daraus entstandenen Diskussionen hatten einen überaus klärenden Einfluss auf das nun vorliegende Buch. Nicht zuletzt ist es mir ein Bedürfnis, dem hep verlag und seinem Verleger Peter Egger zu danken für den Mut, dieses heiße Eisen anzufassen.
1 Noah Arnold hat eine beeindruckende und prämierte Maturaarbeit über Altersdemenz verfasst mit dem Titel »Der rote Faden. Im Leben nicht verloren gehen«. Sie wurde 2012 im db-Verlag Horw/Luzern publiziert.
Kapitel 1:
Von der Bulimie zum Lernen – Eine Annäherung
Wer sich an der Volkshochschule für einen Kurs »Einführung in den Buddhismus« anmeldet, erwartet – unter Umständen zu Recht – gut aufbereitetes Wissen über diese Religion vermittelt zu bekommen. Wenn am Gymnasium das Thema »Buddhismus« dran ist, geht es aber in erster Linie um etwas anderes. Hier haben Lehrpersonen nicht einfach die Aufgabe, ihre Schülerinnen und Schüler über den Buddhismus zu informieren oder sie in diese Religion einzuführen. Es ist auch nicht die Aufgabe einer Gymnasiallehrperson, ihren Schülerinnen und Schülern Mathematik beizubringen, sie physikalische und andere Gesetze auswendig lernen zu lassen oder sie auf das einzuschwören, was Goethe nun tatsächlich sagen wollte, als er dieses oder jenes Gedicht schrieb. Gymnasiale Bildung muss vielmehr darauf abzielen, dass die Schülerinnen und Schüler jene Kompetenzen entwickeln, durch die sie sich Themenwelten und andere Kulturgüter selbst erschließen können. Mit zunehmender Selbstständigkeit und Nachhaltigkeit sollen sie an Selbst- und Weltverfügung gewinnen, ihre Selbst- und Sozialkompetenzen entwickeln, kurz: sich bilden2. Das Ziel gymnasialer Bildung ist, dass Schülerinnen und Schüler fähig werden zu lernen, und zwar nicht »etwas« – sondern das Lernen selbst. Diese Formulierung ist weit davon entfernt, einem »Stricken ohne Wolle« das Wort zu reden, sprich den Unterrichtsstoff an den Rand oder sogar über ihn hinaus zu drängen. Der Lernbegriff, den ich in diesem Buch entfalte, geht allerdings mit Lerninhalten und Unterrichtsstoffen komplett anders um und weist ihnen einen völlig anderen Platz in der Bildungsbiografie eines jungen Menschen zu. In meinem Verständnis von Lernen ist das Ziel jeder schulischen Auseinandersetzung mit Wissensinhalten deren De- und Rekonstruktion und nicht länger deren unhinterfragtes und unverstandenes Aneignen und Wiedergeben (vgl. hierzu äußerst erhellend Reich 2010, 118-145). »Lernen« ist der rote Faden, der sich durch das Leben eines Menschen zieht, und das Gymnasium hätte die Aufgabe, diesen Prozess so zu organisieren und zu gestalten, dass Schülerinnen und Schüler eine lebendige und dynamische Beziehung zu diesem menschlichen Grundphänomen entwickeln. In Wirklichkeit halten gymnasiale Überzeugungen und Praktiken des Unterrichtens junge Menschen nach wie vor davon ab, lebendige und nachhaltige, selbst gesteuerte Formen des Lernens zu entwickeln. Gymnasien sind noch immer Weltmeister, wenn es darum geht, jungen Menschen das Lernen zu vermiesen. Warum und auf welche Weise dies bis heute geschieht und wie die Alternativen aussehen könnten, darum geht es in diesem Buch.
Im Gymnasium bilden sich während vieler Jahre die persönlichen Vorstellungen junger Menschen über das heraus, was Lernen ist. Sie entwickeln in diesen Jahren Einstellungen zum Phänomen des Lernens, die sie ein Leben lang begleiten werden und die ihre Beziehung zum Lernen prägen. Und weil man ihnen das, was sie im Gymnasium täglich tun, als »Lernen« verkauft, glauben sie irgendwann auch, dass das, was sie da tun, »Lernen« sei. Wenn dann alternative Formen des Lernens ins Spiel kommen, irritiert das zuerst einmal, wie die folgenden Rückmeldungen aus einer siebten Klassenstufe verdeutlichen:
»Ich habe in diesem Fach vor allem gelernt, dass man die guten Noten nicht nur mit Lernen macht, sondern man muss das Thema auch wirklich verstehen und logisches Denken anwenden.«
»Die Prüfungen waren wirklich schwierig, vor allem weil ich vorher immer nur Prüfungen hatte mit Auswendiglernen. Wir mussten nie denken. Das war sehr anders, aber nicht unmöglich. Ich habe gelernt, alles zu verstehen und dass Auswendiglernen nicht viel nützt in diesem Fach.«
»Ich habe gelernt, dass Wissen nicht nur durch Aufpassen in der Schule kommt, sondern auch vom Lernen, Verstehen und von Organisation. Am Anfang konnte ich nicht gut mit den Prüfungen umgehen, aber dann habe ich verstanden, dass man bei diesen Prüfungen viel verstehen muss.«
Hier liegt ein Hund begraben. Für viele Gymnasiastinnen und Gymnasiasten bedeutet »lernen« auswendig lernen, es bedeutet überwiegend bulimieartiges Einwerfen und unverdautes Ausspucken von Informationen. Von den Wissensinhalten, die in den Lehrplänen festgehalten sind und im Unterricht vermittelt werden sollen, bleibt nach Jahren, ja meist schon nach ein paar Monaten oder Tagen so gut wie nichts mehr übrig – jedenfalls kein annähernd kohärentes Wissen. »Lange vor der Schwelle zum kognitiven und lebenspraktischen Transfer versagt die Schule bei der Herstellung von Nachhaltigkeit. Und deswegen kann natürlich auch von Kumulation und Ganzheitlichkeit nicht die Rede sein. […] Das nachhaltige Wissensresiduum beträgt im Durchschnitt höchstens 1 Prozent des von den Lehrplänen intendierten Lehrstoffes« (Städtler 2010, S. 37). Für die Schüler reicht es deshalb völlig aus, so Thomas Städtler, »dass das Wissen kurzfristig reproduziert wird, wobei für die [höchste, d. Verf.] Note 1 meist großes, ja bisweilen absurd hohes Faktenwissen und operationales Können nötig sind, danach aber kann man es sofort wieder vergessen. Ja, man tut als Schüler sogar gut daran, ansonsten müsste einem angesichts der Stoffmassen der Lehrpläne mit der Zeit geradezu schwindlig werden!« (a. a. O., S. 39). Und der Autor resümiert: »So gut wie das gesamte schulische Lernen ist Bulimie-Lernen. Nach den Prüfungen wird das meiste sofort vergessen. Das nachhaltige Wissensresiduum ist minimal. […] Jedoch verbleibt auch keine Essenz, im Gegenteil: Gerade das Elementare und Fundamentale geht verloren in einer Überfülle von Faktenwissen. Es verbleiben nur Wissensfetzen, mit denen man manchmal Eindruck schinden und manche täuschen kann, die aber bei ganz direkten Fragen, gemäß dem Minimax-Prinzip, sofort in ihrem Elend erkennbar werden« (ebd.).
Von dieser Erfahrung berichten mir Gymnasialschülerinnen und Gymnasialschüler häufig. Ein Schüler der Klassenstufe 11 beschreibt sie in seinem Feedback am Ende des Semesters so:
Die herkömmlichen Unterrichtsmethoden führten dazu, »dass man fast einschläft, während die Lehrperson vorne ›vorgekautes Wissen ausspuckt‹, welches wir dann für die Prüfung auswendig lernen müssen/dürfen/sollen. Für mich ist bei einem solchen Lernprozess der Lernerfolg sehr gering, da man dann nach dem ›Rauskotzen‹ (Prüfung) sowieso wieder alles vergisst.«
Dabei melden bereits Jugendliche der jüngeren Jahrgangsstufen eindeutig zurück, was sie beim lebendigen Lernen unterstützt und was nicht:
»Was mir wirklich hilft beim Lernen im Unterricht ist, dass es nicht ums Auswendigüben geht, sondern um das Verstehen.« (Klassenstufe 7)
»Was ich besonders gut fand, war, dass wir hier nicht Sachen zum Auswendiglernen gehabt haben, sondern zum Verstehen.« (Klassenstufe 8)
»Die Tests gehen nicht darum, alles auswendig zu lernen, sondern auch vom Material was man hat, zu reflektieren! Das war neu für mich, und ich fand es auch gut so.« (Klassenstufe 8)
Der Philosoph Peter Sloterdijk bringt die Erfahrung vieler Gymnasialschülerinnen und -schüler in einem Interview so auf den Punkt: »Die Schule ist ein Herd der Langeweile und wird von Berufslangweilern betrieben, die die kindliche Intelligenz verleimen, verkleben und beleidigen. Viele erholen sich nie davon.« Die Schlussfolgerung, die er daraus zieht, lautet: »Wir müssen mit dem schädlichsten aller alteuropäischen Konzepte brechen: mit der Vorstellung der Übertragung von Wissen. Diese Vorstellung des Einflößens ist systemtheoretisch falsch, sie ist moralisch falsch« (Sloterdijk 2001).
Und in einem Interview mit Reinhard Kahl stellt der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Edelstein eine entsprechende Hypothese dazu auf: »Lehrende« haben kaum professionelles, reflexives Wissen, nicht mal gute Hypothesen darüber, was Lernen für die Lernenden bedeutet. Folglich präsentieren sie ständig Fakten, statt Schülern das Lernen beizubringen. Bei allem, was wir heute über die Bildungslandschaft zwischen Pisa und Erfurt diskutieren, wird das größte Problem vorsichtig und scheu ausgespart. Das sind die Lehrer. Wir haben keine professionellen Lehrer. Sie sind über Fachwissen Professionalisierte, nicht über Professionswissen. Und genau das ist falsch. Natürlich sollen Lehrer in ihren Fächern kompetent sein. Es ist aber irrelevant, ob sie gute Physiker oder Historiker im universitären Sinne sind. Sie müssten hervorragende Physiker, Historiker oder Philologen sein im Blick auf diese Mediationstätigkeit, im Blick auf die Ermöglichung von Lernen. Sie können als Fachleute des Fachwissens nichts zu dessen Mehrung beitragen. Aber sie können das Wissen darüber vermehren, wie Lernen verläuft. Ihre diagnostische Inkompetenz ist freilich unglaublich« (Edelstein/Kahl 2003, S. 26).
Das Gymnasium: Lehren statt Lernen
Warum tut sich das Gymnasium schwer mit der Förderung eines eigenständigen und selbstständigen Lernens? Glaubt man den pointierten Stellungnahmen von Städtler, Sloterdijk, Edelstein und manch anderem, dann sind das Gymnasium und sein Lehrpersonal vor allem nicht in der Lage, Bildungsprozesse aus der Perspektive des Lernens zu betrachten. Das Lernen wird im Gymnasium vom Lehren aus in den Blick genommen. Unterricht »vermittelt« den Lernenden lediglich »etwas«, was sie dann »zu wissen« haben. Was dabei in den Lernenden vorgeht, das wird in der gymnasialen Praxis anscheinend selten bis nie reflektiert. Das Lernen von Individuen und Klassen ist so gut wie nie ein Thema in der Organisation eines Gymnasiums. Warum auch, schließlich findet das Lernen ja, genau besehen, gar nicht in der Schule statt. »Gelernt« wird aus gymnasialer Sicht vor allem beim Erledigen von Hausaufgaben und bei der Vorbereitung auf Prüfungen, also außerhalb der Schule. Innerhalb wird gelehrt. So der Alltag. Ich plädiere mit meinen Überlegungen für einen Blickwechsel, zu dem mich die Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler in den letzten sieben Jahren bewegt haben:
»Sie nehmen mit ihrer Unterrichtsform stärker Bezug auf das eigenständige Arbeiten der Schüler. Das finde ich natürlich gut, muss aber sagen, dass diese Unterrichtsart an dieser Schule, als einziger Lehrer, leider nicht umsetzbar ist. Zu stark befinden wir uns in der gewöhnlichen Unterrichtsform.« (Klassenstufe 12)
»Für mich war es anfangs schwierig, mich an den neuen Unterrichtsstil zu gewöhnen. In den meisten anderen Fächern diskutiert man relativ selten, und auch die Selbstständigkeit wird wenig gefördert, was bei ihnen ganz anders war.« (Klassenstufe 12)
»Weil die ganze Klasse den Unterricht gestaltete, war es sehr abwechslungsreich. Durch diese Vielfalt konnte ich sehr viel schon im Moment lernen und aufnehmen.« (Klassenstufe 9)
»Ich habe gelernt, dass ich sehr gut in der Gruppe lernen kann. Ich fand es sehr gut, sich in der Gruppe auszutauschen. Auch die Ideen für eine Präsentation herauszuarbeiten. […] Auch habe ich gelernt, dass ich nicht jeder Internetquelle vertrauen soll, weil ich manchmal differenzierte Aussagen gefunden habe. Und dass ich vor allem nicht Wikipedia vertrauen soll. Das habe ich daran gemerkt, dass ich zuerst Wikipedia gelesen habe, was wahrscheinlich jeder machen würde, und dass ich dann den Artikel zum Thema las, und ich es einfach nicht kapierte, weil immer drum rum geredet wurde. Dann habe ich aber auf mehreren Seiten Übereinstimmendes gefunden, sodass ich mir sicher war, dass es stimmt, was ich dann vortrage. […] Ich fand diese Präsentationen [gemeint sind Unterrichtslektionen, die von Schülerinnen und Schülern in eigener Verantwortung vorbereitet und durchgeführt werden, d. Verf.] sehr gut, denn ich finde es manchmal etwas schwer, wenn ein Lehrer etwas sagt und denkt, dass alle es sofort verstehen. Dadurch, dass wir, also die Schüler, den Lehrer spielten, war es einfacher, es zu verstehen, denn ich denke, dass die Schüler auch das präsentieren, was sie wissen, und Schüler erklären es auch so, dass die Lernenden die Sachen auch leicht verstehen können. Deshalb finde ich diese Methode sehr gut.« (Klassenstufe 9)
»Insgesamt finde ich, dass diese ›Lernform‹, die wir mit diesem Projekt angewendet haben, extrem hilft, das wirklich Relevante an der ganzen Lernerei herauszufiltern und man auch alleine Stärken entwickeln kann.« (Klassenstufe 9)
»Ich habe gemerkt, dass es von der Idee zur Umsetzung ein sehr langer und schwerer Weg ist, welchen man ohne eine gute Planung und exakte Ausführung nicht erfolgreich meistern kann.« (Klassenstufe 9)
»Es war allgemein sehr interessant, es wurde auch immer so vermittelt, dass man zuerst selbst nachdenken muss, um überhaupt an die ›wirklichen‹ Infos heranzukommen. So habe ich es eigentlich auch verstanden. […] Ich habe mich auch selbst irgendwie besser kennengelernt. […] Dieses Fach bzw. diese Lektionen sind so gemacht, dass man nur durch eigenständiges Nachdenken zu zum Beispiel Lösungen kommt. Indem man alles nur über eigenständiges Nachdenken kriegt, versteht man dies danach auch gut.« (Klassenstufe 7)
Eine Schlussfolgerung aus diesen und unzähligen ähnlichen Rückmeldungen lautet: Der Fokus gymnasialer Bildung muss in Zukunft auf dem Lernen und seinen Bedingungen liegen. Lehrpersonen müssen sich zu Fachleuten bezüglich des Lernens weiterbilden. Wobei im Verlauf meiner Ausführungen klar wird, welche Vorstellungen mich im Zusammenhang mit dem Begriff des »Lernens« leiten. Ganz grundsätzlich weiß ich mich dem subjektwissenschaftlichen Verständnis des Lernbegriffes bei Klaus Holzkamp verpflichtet, das für mich eine hohe Plausibilität hat und mein Professionsverständnis nachhaltig prägt (vgl. Holzkamp 1995).
In der fachlichen und der didaktischen Ausbildung von Lehrpersonen liegt der Schwerpunkt nach wie vor auf der Lehre – in formaler ebenso wie in inhaltlicher Hinsicht. Der Stoff entscheidet. Vor allem seine Menge. Je mehr, umso besser. Auch in Prüfungssituationen, sei es im Zusammenhang mit der Zulassung zum Lehrberuf oder im Klassenzimmer, orientiert sich die Qualität von Lern- und Bildungsprozessen nahezu ausschließlich an dem, was gelehrt wird – manchmal gerade noch daran, wie gelehrt wird. Es wird darauf geachtet, ob und wieweit das Lernen der Lernenden dem Lehren der Lehrenden entspricht oder nicht, aber selten umgekehrt. Klaus Holzkamp spricht in diesem Zusammenhang vom Lehrlernkurzschluss, der der Organisation schulischen Lernens zugrunde liege. Gemeint ist die Annahme, »dass man mit einem bestimmten Lehraufwand (abzüglich ›natürlicher‹ Begabungsunterschiede) einen bestimmten Lerneffekt zwangsläufig erzeugen kann« (Holzkamp 1992, S. 97). Die Folge dieses Kurzschlusses ist, dass man »offiziell immer nur von Lehrplänen, Unterrichtszielen, Erziehungsaufgaben« spricht und dem Irrtum erliegt, man hätte »den dadurch bedingten Lerneffekt stets zwangsläufig mitgemeint« (ebd.). Vor diesem Hintergrund bringt die Lehrerausbildung noch immer mehrheitlich Lehrpersonen hervor, die in der Unterrichtspraxis vor allem darauf achten, was »man« lehrt (und was nicht) und wie »man« lehrt (und wie nicht). Wie und was Lernende dabei lernen (und was nicht), das kommt viel zu wenig in den Blick und orientiert sich in jedem Fall an der Lehre und ihren Zielen. Es gilt noch immer unangefochten eine der dienstältesten Bildungslügen, dass Lernen eine zwangsläufige Folge des Lehrens sei. Das unausrottbare Gerücht lautet: Wenn eine Lehrperson mit dem Lehren beginnt, dann beginnen Lernende zu lernen. Dieses Gerücht basiert auf einer Lüge, die sich deswegen so hartnäckig hält, weil sich das gymnasiale System damit selbst anlügt. Und wenn es eine Art der Lüge gibt, der man besonders schwer auf die Schliche kommt, dann ist es die Selbstlüge. Eine Forderung an dieser Stelle lautet also: Das Gymnasium als Bildungssystem muss dringend eine alternative Vorstellung davon entwickeln, was Lernen ist. Es muss die Funktionen seiner Lehrpersonen und Lernprozesse neu denken und das Phänomen »Unterricht« radikal umbauen. Ebenso muss sich in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen und Schulleitungen und in der Beurteilung der Schul- und Unterrichtsqualität Grundlegendes ändern, immer mit dem Ziel, den Fokus schulischen Handelns auf das Lernen zu richten.
Quantität vor Qualität, oder Nur viel Wissen ist gutes Wissen
Im herkömmlichen gymnasialen Unterrichtsmodell müssen Jugendliche vor allem darauf achten, dass sie den Anschluss nicht verlieren an das, was der Lehrer oder die Lehrerin »vermittelt«. Es geht darum, möglichst viel von diesem »Wissen« mit nach Hause zu nehmen, um es dort zu »lernen«. Zu diesem Zweck müssen sich die Jugendlichen geschickte Packstrategien ausdenken, durch die sie möglichst viel von dem, was ihnen in den unterschiedlichen Fächern »vermittelt« wird, in ihren kleinen Koffer kriegen. Lernen ist hier Logistik: Wie bekomme ich in möglichst wenig Zeit möglichst viel in meinen Kopf, und wie sorge ich dafür, dass es bis zur entsprechenden Prüfung drin bleibt, ohne in der Zwischenzeit von anderen Wissensinhalten verdrängt zu werden? Dieses völlig verkürzte Wissensmodell prägt noch immer in hohem Maße die Vorstellungen auf allen Ebenen des Gymnasialwesens, und es ist ein nach wie vor (un-)heimliches Leitziel des gesamten Bildungshandelns bis in die Universitäten hinein. Wissen ist in diesen Vorstellungswelten ein »Was«, es ist eine Art Substanz, die auf geheimnisvolle Weise »gelernt«, also transportiert werden kann. »Lernen« meint in diesem Kontext das Entwickeln mehr oder weniger effektiver Techniken, mit deren Hilfe das Anhäufen solcher Wissensberge besser gelingen soll. An dieser Problematik ändert auch das Modell des »selbst organisierten Lernens« (»SOL«) so lange nichts, als es den Lernenden lediglich erklärt, dass und wie sie ihr Lernen ab jetzt selbst zu organisieren hätten, ohne zuerst einmal geklärt zu haben, dass sich Lernen nicht in Informationslogistik erschöpft.
Das Gymnasium implantiert in die Köpfe der Schülerinnen und Schüler ein Vorstellungsmodell von Lernen, in dem Wissen als Inhalt und Stoff verstanden wird, den man sich aneignet. In diesem Modell ist die Frage »Hast du für die Prüfung genug gelernt?« rein quantitativ gemeint. »Man« lernt viel oder wenig für eine Prüfung, und das »viel« und das »wenig« bezieht sich nicht auf das Lernen selbst, sondern auf die Mengen, um die es bei diesem Lernen geht. Lernen ist Logistik. Das erlebe ich zum Beispiel im Schulbus, wenn die Schülerinnen und Schüler über ihren Notizen sitzen und versuchen, sich in den letzten Minuten vor der Prüfung irgendetwas irgendwie »zu merken«. Nach dieser Vorstellung von Lernen »falsch« zu lernen, bedeutet lediglich, dass »man« noch nicht die richtige Methode gefunden hat, um sich möglichst viel von dem Zeug so in die Birne zu drücken, dass es bei der Prüfung in der richtigen Form wieder rauskommt. Das, so berichtet mir die Mehrheit aller Gymnasialschülerinnen und -schüler, ist ihr Lernalltag. »Etwas wissen« heißt am Gymnasium »etwas im Rahmen einer Prüfung wiedergeben können«. Das ist der Kontext gymnasialen Lernens. Nicht wenige Lehrpersonen begründen den Wert dieser Lernstrategien primär mit dem »Argument«: »Uns hat das seinerzeit auch nicht geschadet, und siehe, aus uns ist auch etwas geworden.« »Richtig«, möchte man dann sagen. »Ein Gymnasiallehrer ist aus dir geworden, der das System der Bulimie-Pädagogik reproduziert.«
Natürlich wird in diesem Kontext auch Persönlichkeitsbildung betrieben, und natürlich bereiten wir die Lernenden durch diese Praxis auf die Zukunft an den Universitäten vor. Selbstverständlich lernen sie sogar sehr viel fürs Leben, wenn wir sie in Lernprozesse verwickeln, in denen es für sie einzig darauf ankommt herauszufinden, wie der Lehrer es gerne hat und hört, was er für wichtig und richtig hält, von wo bis wo eine Aufgabe noch richtig oder schon falsch gelöst ist, wie viel Lösungsweg in welchem Umfang in die Benotung einfließt, welche Worte und Sätze er hören will, damit er zufrieden ist und die Schülerin eine entsprechende Note bekommt. Lernende werden durch dieses Setting recht genau auf eine Universität vorbereitet, die oftmals nicht anders vorgeht. »Genug geleistet« meint nämlich in dieser Denkform eine Menge und keine Qualität – auch und gerade im gymnasialen Lehrerberuf: Wie viele Prüfungen hast du vorbereitet, schreiben lassen und korrigiert diese Woche? Wie viele Stunden hast du für die Vorbereitung des Schuljahres, der Unterrichtseinheit, der Lektion verbracht? Wie viel deiner Arbeitszeit wurde in diesem Monat durch Administrationsaufwand geschluckt? Es geht um Mengen. Wolf Lotter hat dieses Phänomen als kulturellen Anachronismus beschrieben (Lotter 2008), der sich einem längst überholten Leistungsbegriff verdankt. Denn es sind ja in Wirklichkeit nicht die schiere Menge und der bloße Aufwand, die ein Lernen erfolgreich machen. Es ist ja auch nicht der Umfang der Speisekarte, der etwas über die Qualität eines Restaurants sagt. Die Überzeugung, dass »mehr Leistung« eine Qualitätsaussage sei, ist das eigentliche Problem, ebenso wie die Vorstellung, dass dieses »Mehr« identisch sei mit »besser«. Auch das Gymnasium ist ein System, das durchgehend auf Quantitäten basiert. Man geht ganz selbstverständlich davon aus, dass das, was Lernende tun, wenn sie lernen, zum Zwecke der Messung in Quantitäten erfasst werden muss und auch kann. Der Psychologe und Lerntheoretiker Klaus Holzkamp hat diese Vorstellungen in seiner brillanten Polemik »Die Fiktion administrativer Planbarkeit schulischer Lernprozesse« entlarvt (Holzkamp 1992).
Auch wenn die Rede auf die Qualität eines Gymnasiums kommt, setzt man gerne bei der Anzahl versetzter Schüler und bestandener Reifeprüfungen an und berechnet, wie viele von ihnen ein Studium aufnehmen und zu Ende bringen – und mit welchen Noten und in welcher Zeit. Deshalb ist das gute Gymnasium nach wie vor das reibungslose Gymnasium, in dem die Organisation gut funktioniert, Stundentafeln und -pläne in Ordnung gebracht werden, Pensenberechnungen und Lohnabrechnungen stimmen, Terminpläne, Anträge und Auswertungsformulare, Weiterbildungsaufwendungen und Stellvertretungspläne korrekt und fristgerecht ausgefüllt und eingereicht werden. Auch im Unterricht erfolgen Bewertung und Beurteilung anhand von Quantität: wie oft sich jemand – aus der Sicht der Lehrperson – wie intensiv am Unterricht beteiligt, welche Noten jemand schreibt, wie oft jemand fehlt, negativ auffällt oder positiv – selbstverständlich aus der Sicht der Lehrperson –, wie oft der Unterricht aus welchen Gründen auch immer ausfällt oder nicht. Guter Unterricht ist oftmals schon einer, der nicht ausfällt. Das sind die ausschließlich quantitativen Kontexte, anhand deren die Qualität von Schule gemessen wird. Was dabei im strengen Sinne von Qualitätskontrolle an einem Gymnasium nicht in den Blick gerät, und zwar konsequent, ist die Qualität selbst. Inklusive der Qualität der Unterrichtsgestaltung und der Lernprozesse.
Die Umkehr der Vorzeichen: Vom Lehren zum Lernen
Wenn aber das Lernen der Jugendlichen gegenüber dem Lehren der Lehrpersonen den Vorzug erhält, dann kommt umgehend die Qualität des Unterrichts in den Blick und damit die Frage nach der Qualität der Prozesse, in denen junge Menschen am Gymnasium lernen. Das ändert natürlich nichts an der Bedeutung der Lerninhalte, des »Stoffes«, um den sich heute nach wie vor alles dreht. Dieser bildet selbstredend ein wichtiges Moment des Lernens. Aber er ist nach einer Umkehr der Vorzeichen nicht mehr der unangefochtene »Herrscher über Gymnasien«.
Wenn das Gymnasium das Lehren dem Lernen unterordnet, nimmt der Stoff noch immer einen der oberen Plätze auf der Prioritätenliste ein, aber er bildet nicht mehr den Rahmen. Lernen am Gymnasium würde dann nicht mehr um des Stoffes willen erfolgen. »Stoff« wäre in der Schule dazu da, Lernen zu ermöglichen, zu qualifizieren und zu fördern. Wenn Lernprozesse am Gymnasium von diesem Anspruch her qualifiziert würden, dann wären sämtliche Lerninhalte funktional abzustimmen: »Schulisch erworbenes Wissen bewährt sich nicht, indem es auf spätere Berufs- und Lebenssituationen angewendet wird, sondern dann, wenn es die Chancen verbessert, neue Anforderungen situationsadäquat unter Berücksichtigung von Werten, Zwecken und Zielen zu interpretieren, und das zur Bewältigung der Anforderungen notwendige Um- und Neulernen erleichtert« (Deutsches PISA-Konsortium 2001, S. 30). Wissensinhalte (»Stoff«) sind für das Lernen der Jugendlichen nur brauchbar, wenn sie den Prozess des Lernens qualifizieren, nicht umgekehrt. Schulisches Lernen und Lehren hat also nicht irgendwelche Inhalte in die Hefte und Köpfe junger Menschen zu befördern. Der Stoff ist dazu da, dass sich junge Menschen klar beschreibbare Kompetenzen aneignen, mit deren Hilfe sie sich selbst und die komplex codierte Welt erschließen.
Das Wissensübertragungsmodell, das die Qualität von Bildung an der Menge des Stoffes bemisst, den eine Schülerin »beherrschen können soll«, entspringt der irrigen und längst widerlegten Vorstellung, dass es menschliche Lernprozesse mit Substanzen zu tun haben, die im Verlauf dieser Prozesse von A nach B transportiert werden. In dieser Vorstellung eignet sich ein Schüler oder eine Schülerin den Stoff in Form einer Substanz an, häuft Wissen an wie andere Geld oder Getreide. Lernprozesse verkommen in diesem Modell zu Versuchen, sich das Wissen und die vorgegebenen Zusammenhänge irgendwie zu merken. Allerdings findet das außerhalb des Unterrichts statt, weil dieser ja streng sachorientiert, will heißen, am Lehrer und seinem Material orientiert ist. »Viele Schüler […] klagen darüber, dass sie Inhalte und Prozesse des Lernens in der Schule als sinnlos erleben. […] Die wirkungsvollste und vor allem nachhaltigste Strategie gegen diese Schulverdrossenheit dürfte das didaktische Umsteuern von gedächtnisorientiertem zu verständnisintensivem Lernen sein, die Abkehr von der Bevorratung mit deklarativem Wissen, die Zuwendung zum Erwerb intentionalen, anwendungsfähigen Wissens, der Aufbau handlungsbezogener Kompetenzen« (Nipkow 2004, S. 68).
Um die Qualität gymnasialer Lernprozesse in den Blick zu bekommen, müssen wir zuerst nach Merkmalen suchen, die uns diese Qualität zu beschreiben und zu erfassen helfen. Solche »Standards« sind im modernen Bildungswesen auf der Seite der Lernenden mithilfe von Bildungsstandards, Bildungszielen und Kompetenzen formuliert, auf der Seite der Lehrenden mithilfe der »Lehrerexpertise« (vgl. Gläser-Zikuda/Seifried 2008; Reimann/Rapp 2008). Dennoch ist, wenn im Rahmen gymnasialer Bildung die tatsächliche Qualität in den Blick genommen wird, meist nur von den Schülerinnen und Schülern und ihren Leistungen die Rede. Was die Jugendlichen in welchem Umfang in sich aufnehmen können sollen und welche Kompetenzen sie an den Tag legen können, das ist hochreflektiert und klar formuliert. Welche Art von Schule und Unterricht dem entsprechen muss, das ist hingegen nicht annähernd so deutlich artikuliert. Wie lässt sich diese Art von »Schulqualität« beschreiben? Wo liegen hierfür die Referenzpunkte? Mithilfe welcher Begriffe lässt sich erfassen, wie ein Unterricht funktioniert, der die Lernenden und ihr Lernen in den Mittelpunkt des Interesses stellt? Carina Fuchs hat mit ihrem Entwurf eines »selbstwirksamen Lernens« eine belastbare und praktizierbare Antwort auf solche Fragen gegeben (Fuchs 2005). Welche Aufgaben den Lehrenden zukommen, wenn sie nicht lehren, sondern ihre Schülerinnen und Schüler als Lerncoaches zu persönlichen Lernerfolgen anstiften, das hat Fuchs in einer weiteren Publikation anschaulich konkretisiert (Fuchs 2006).
Für mich selbst bieten sich dazu folgende Kriterien an: Die Qualität gymnasialer – wie aller schulischen – Lernprozesse hat erstens etwas zu tun mit den Bedingungen, unter denen sie stattfinden sollen und können. Die Atmosphäre, in der Lernen sich vollzieht, bestimmt nämlich maßgeblich über die Qualität und die Nachhaltigkeit dieses Lernens. Dann hängt das Gelingen lebendiger und nachhaltiger Lernprozesse stark davon ab, ob Lehrende wie Lernende verstehen, wie sie an die dafür nötige Aufmerksamkeit (vgl. Kapitel 4, »Erste Alternative«) herankommen ohne sie mit Konzentration zu verwechseln. Drittens gelingen Lernprozesse umso eher, je differenzierter die Beteiligten sich um das Phänomen des Verstehens (vgl. Kapitel 5, »Zweite Alternative«) bemühen. Hier geht es um die Frage, welche menschlichen Grundbedürfnisse hinter diesem Begriff stecken und wann ein Mensch wirklich verstanden hat, statt einfach nur Verständnis zu simulieren. Und nicht zuletzt muss sich ein Perspektivenwechsel im gymnasialen Bildungswesen um eine tief greifende Reform der Beziehungs- und Gesprächskultur kümmern (vgl. Kapitel 6, »Dritte Alternative«).
Ich werde im zweiten Teil dieses Buches mithilfe dieser Phänomene beschreiben, was gymnasiale Lernprozesse als Bildungsprozesse qualifizieren kann. Ich gehe der Frage nach, was es braucht, um gymnasiale Lernprozesse bildungsgerecht zu gestalten – noch vor aller Technik und Methodik, und ich werde die Frage klären, vor welchen Herausforderungen Lernende stehen, wenn sie sich mit der Aufgabe ihrer Bildung konfrontiert sehen. Dabei geht es auch um die Frage, wie das Gymnasium sich selbst und seinen Auftrag neu interpretieren muss, damit es den Herausforderungen einer »Bildung auf Augenhöhe« gerecht werden kann, die an die Stelle der anachronistisch gewordenen Bulimie-Pädagogik treten muss. Ich bin froh, wenn ich am Ende einen Weg aufgezeigt habe, wie sich gymnasiales Lernen aus seinem Prokrustesbett befreien kann – oder weniger martialisch formuliert: wie es aus seinem Dornröschenschlaf aufwachen kann, auch wenn der Prinz vorläufig ausbleibt.
2 Diese Anforderungen an schulische Bildungsprozesse sind an prominenten Stellen klar formuliert: In der Einführung zur ersten PISA-Studie (vgl. PISA 2000, S. 15-68) bzw. exemplarisch für etliche Bemühungen in neuerer Zeit in den Anliegen und Zielen des Bildungsplans der Schulen in Baden-Württemberg, die auf dem Landesbildungsserver unter www.bildung-staerkt-menschen.de vorgestellt werden. Für die Schweizer Gymnasien vgl. die Bildungsziele, die in Kapitel drei dieses Buches im Abschnitt »Warum der Mensch hinter dem Schüler in der Schule eigentlich gar nicht vorkommt« vorgestellt werden.
Kapitel 2:
Der blinde Fleck der gymnasialen Bildung
Ein Blick in den gymnasialen Alltag
Der Kultursektor »Bildung« ist so gut untersucht wie kaum ein anderer. Nicht zuletzt aufgrund der letzten Reform der Reform seiner Reform. Und obwohl eigentlich alles gesagt und analysiert ist, funktioniert es nicht wirklich mit der Bildung. Wo ist der blinde Fleck? Die Lernenden wollen einfach nicht selbstständiger werden, sie können noch immer nicht zufriedenstellend mit Texten umgehen, haben noch immer nicht hinreichend gelernt, ihr Lernen zu organisieren und zu regulieren, und vor allem: Sie lernen auch bezüglich der Inhalte nicht wirklich nachhaltig. Das meiste, was sie sich in mühevoller Arbeit und auf Prüfungen hin in den Kopf quetschen, macht Tage später bereits neuen Informationsmassen Platz, in jedem Fach aufs Neue. Die Frage, was ihnen das alles für ihr Leben bringt, bleibt sehr vielen nach eigenen Aussagen schleierhaft. Lernende lernen am Gymnasium nach wie vor zu selten und zu wenig, was es mit dem Phänomen der Bedeutung auf sich hat. Sie lernen am Gymnasium vor allem sogenannte Fakten.
Lernende lernen am Gymnasium nicht, eigene Entscheidungen zu treffen bezüglich möglicher Bedeutungen, die sich in dem unendlichen Kosmos an Informationen verbergen. Sie lernen nicht, Zusammenhänge und Bedeutungen zu entdecken oder herzustellen und damit notwendige Hierarchien zu generieren anhand der schier unerschöpflichen Möglichkeiten, was heute gewusst werden kann. Selbst in den Fächern, in denen es vor allem um Zusammenhänge geht, werden Lernende sehr selten auf den Weg geschickt, um diese Zusammenhänge zu entdecken. Vielmehr bleiben ihnen diese in den meisten Fällen verschlossen und schleierhaft. Stattdessen werden »Inhalte« als ganze Informationspakete »gelernt« und wiedergegeben. Für »das andere«, das Entdecken und Versuchen, für Trial and Error, haben Schülerinnen und Schüler keine Zeit, weil das System des Gymnasiums ihnen diese Zeit nicht gibt. In der Folge lernen die Jugendlichen auch nicht, wie sie sich zum Kosmos des Wissens in Beziehung setzen können oder gar wollen. Das müssen sie auch gar nicht, denn das, was – aus welchen Gründen auch immer – »wichtig« ist und zusammengehört, ist innerhalb des Gymnasiums längst entschieden durch den Unterrichtskontext, und der wird durch die Lehrpersonen autoritativ repräsentiert.
In diesem System lernen Jugendliche vor allem eines nicht: »sich bei der Frage auszukennen, worin Wissen und Verstehen bestehen und wie weit sie reichen« (Bieri 2007). Sie werden nicht darin gefördert, Belege für ihre Überzeugungen anzubringen oder über die Verlässlichkeit der Prinzipien nachzudenken, mit denen man von den Belegen zu den Behauptungen kommt, denn für ihre Lehrpersonen ist es einfach zu mühsam, jedes Schuljahr aufs Neue die Zeugen zu spielen, wenn ihre Schülerinnen und Schüler sich anschicken, das Rad neu zu erfinden. Aber genau das wäre eine ihrer Hauptaufgaben. Die Lernenden werden auch nicht auf die Suche geschickt nach dem Wesen guter Argumente und nach dem, was diese von der trügerischen Sophisterei unterscheidet, denn das steht entweder dem Lehrer schon ins Gesicht geschrieben, oder es steht im Lehrplan. Sie müssen nicht lernen zu argumentieren (das wäre ja auch viel zu zeitintensiv), sie müssen »wissen«, welche Formen der Argumentation es gibt und wer die erfunden hat. Und erst recht müssen sie nicht untersuchen, welche Formen des Verstehens es überhaupt gibt und was die typischen Hindernisse auf den verschlungenen Wegen des Verstehens sind. Außerdem erleben sie über eine ganze Gymnasialkarriere hinweg als das größte Hindernis immer noch sich selbst und ihre Begrenztheit im Nachfahren vorgestanzten Denkens – im Angesicht von Lehrpersonen, die anscheinend so viel mehr und besser wissen, als sie je wissen werden können (oder wollen?). Auch werden sie nicht dazu angeleitet, »zwischen bloß rhetorischen Fassaden und echten Gedanken zu unterscheiden« (Bieri 2007), weil ihnen diese Unterscheidungen ja als immer schon getroffene lediglich zur nachahmenden Einübung vorgelegt werden.
»Draußen in der Welt« geht es anders zu und her. Dort stehen die Bedeutungen im freien Wettbewerb um menschliche Ressourcen wie Aufmerksamkeit und Geld. Jungen Menschen wird in ihrer perfekt durchmedialisierten Lebenswelt pausenlos gezeigt und erzählt, wie sie zu sein haben und was sie zu haben wollen. Dieser unreflektierte Bilder- und Erzählstrom transportiert pausenlos Welt- und Menschenbilder, Vorstellungen vom »guten Leben« und davon, was es heißt, ein richtiger Mann und eine richtige Frau zu sein und wie Menschen miteinander umzugehen haben und wie nicht. »Draußen« werden also auf hochprofessionelle Weise Bilder und Vorstellungen »richtigen Lebens« verabreicht, die die Kompetenz der Unterscheidung, der Beurteilung und der Bedeutungsfindung mehr denn je einfordern und sie deshalb zu einem zentralen Bestandteil gymnasialer Bildung werden lassen müssten, damit junge Menschen lernen, sich als mündige und aufgeklärte Menschen selbstständig darin zu bewegen. Stattdessen beschränkt sich das Gymnasium »drinnen« auf das Vermitteln von Informationen zum Zwecke des Aufrechterhaltens überholter Vorstellungen von Bildung und von Macht. Es geht nämlich im Gymnasium gegen alle Bekenntnisse nicht um die Bildung junger Menschen, sondern vor allem um den (Selbst-)Erhalt eines Systems.
Natürlich geht es (in) jedem System zuerst einmal um den Selbsterhalt. Auch Familien, Aktiengesellschaften und Landesregierungen handeln in erster Linie aus dem Motiv des Selbsterhalts heraus. Die Qualität dessen, was dabei herauskommt, hängt allerdings maßgeblich davon ab, ob sich ein System dieser Zusammenhänge bewusst werden kann. Gibt es innerhalb des »Systems Gymnasium« einen Mindestgrad an Selbstreflexion und die Bereitschaft zum Umgang mit kreativen Störungen, sprich: Ist das Gymnasium offen genug, um sich der Automatismen bewusst zu werden, die mit dem funktionalen Selbsterhalt verbunden sind? Gelingt es ihm, aus dieser Offenheit heraus eine gewisse Reflexivität zu entwickeln und diese wiederum für Selbstlerneffekte zu nutzen? Oder werden sämtliche Ressourcen dafür verbraucht, die bestehenden Abläufe zu sichern? Die Frage lautet also: Ist das jeweilige (Schul-)System in der Lage, sein eigenes Handeln auf seine Chancen und Risiken hin zu durchschauen und sich diesbezüglich zukunftsoffen und lebendig zu gestalten? Sind Gymnasien Orte, an denen Zukunft ermöglicht wird – oder kommt die sowieso und trotz der Schule? Oft höre ich nämlich bis heute den Satz: Egal, was die Schule tut und was nicht, hängen geblieben ist immer irgendwas. Aus den jungen Leuten ist noch immer etwas geworden. Also warum regen wir uns auf?
Vielleicht deshalb, weil Gymnasien nach wie vor resistent sind gegenüber Formen von Entwicklung, die bei der Qualität der Lern- und Bildungsprozesse ansetzen. Schülerinnen und Schüler beschreiben in ihren Feedbacks regelmäßig, dass es schon nützlich sei, ein Semester lang ganz »anders« zu arbeiten, zum selbstständigen Denken und Organisieren herausgefordert zu werden, als Arbeitsgruppe Projektarbeiten vom Anfang bis zum Ende durchführen zu müssen, sich der Herausforderung anspruchsvoller Präsentations-Situationen zu stellen:
»Die selbstständige Arbeit war für mich positiv wie auch neu und herausfordernd. In keinem anderen Fach mussten wir so viel selbstständig arbeiten.«
»Wir konnten sehr frei arbeiten. Wir mussten Selbstverantwortung übernehmen. Dies war einerseits eine große Herausforderung, jedoch fand ich dies sehr gut. Wir mussten sehr selbstständig arbeiten und selber die Zeit einteilen usw. Dies war eine neue Erfahrung, die ich machen konnte.« (Stimmen aus zwei unterschiedlichen Klassen der achten Klassenstufe)
Die Jugendlichen schreiben in ihren Reflexionen aber auch, wie schwer es für sie ist, sich auf diese Prozesse einzulassen, weil das Gymnasium im »Normalfall« ganz anders mit ihnen verfährt:
»Ihre Arbeitsform ist für uns Schüler sehr fördernd und anspruchsvoll, denn wir müssen, wenn wir in den Unterricht kommen, völlig umschalten. Und wenn wir aus dem Schulzimmer gehen, kommt gerade der extremste Frontalunterricht, welcher jegliches eigene Selberdenken übergeht. Das Problem ist einfach, wie oft gesagt, dass wir in einem täglichen Trott stecken, und ich persönlich finde nicht, dass wir die Möglichkeit haben, etwas zu verändern. Andere Lehrpersonen sind nicht offen für den Dialog, geschweige denn, Änderungsvorschläge zu akzeptieren bzw. umzusetzen. Und solange dies nicht geschieht, bleibt ihre ›neue‹ Arbeitsform schwer für mich, denn Sie fordern das Denken an den Prüfungen meist in einem größeren Rahmen. In Ihrem Unterricht beginne ich, zuerst in meiner eigenen Welt zu denken, und beziehe es noch nicht auf die Meinung von anderen. Alles in allem gesehen, bin ich eigentlich gerne in den Unterricht gekommen, weil es etwas anderes ist und auch weil es herausfordernd ist.« (Klassenstufe 11)
»Weiter gebracht hat mich das Arbeiten. In Gruppen zu arbeiten, bringt einem viel, um zu sehen, wie die anderen es meistern würden. Man wird geschickter bei einzelnen Fragen, und man geht mehr in die Tiefe. Mich haben vor allem die Tests herausgefordert, weil man sich nicht daran gewöhnt war, solche kreativen Tests zu schreiben. Mit kreativ meine ich: Man füllt nicht nur etwas aus oder beantwortet Fragen, sondern man gestaltet es selber. Mir sind eben die Tests am Anfang schwergefallen. Ich habe es gemeistert.« (Klassenstufe 7)
»Bei den Tests hatte ich am Anfang ein bisschen Mühe, weil sie so anders waren. Da war ich ein bisschen überfordert. Es war eine andere Art von Tests und nicht einfach mit Fragen und Antworten, sondern viel mehr mit Denken und Überlegen.« (Klassenstufe 7)
Solche Reflexionen sind keine Seltenheit und sie zeigen, dass das selbstständige Arbeiten als eine entscheidende Kompetenz von Schülerinnen und Schülern am Gymnasium zu wenig gefördert wird. Dennoch erkennen die Lernenden den Wert solcher Formen, wenn sie auf entsprechende Arbeitsphasen zurückblicken:
»Ein selbst erarbeiteter Vortrag hat mich viel mehr zum Lernen gebracht, als ein klassischer Unterricht es hätte machen können. Auch anderen bei ihren Vorträgen zuzuhören, war für mich sehr lehrreich. Auch unser Thema, die Verfahren und Methoden unserer Arbeit selber auszuwählen und zu gestalten, fand ich sehr motivierend. Somit war ich überhaupt interessiert, etwas zu lernen.« (Klassenstufe 11)
Wenn Lernende hingegen zu Protokoll geben, was sie unter »Lernen« verstehen, dann muss ich häufig zwischen den Zeilen lesen. Hier vier Rückmeldungen aus der Klassenstufe 8:
»Ich finde das besser, dass wir lernten, wie alles zusammenhängt, als dass wir nur einzelne Fakten lernten und nichts damit anfangen können. Ich bearbeite solche Themen gerne in der ganzen Klasse. Ich merke, dass ich dann viel mehr Aufmerksamkeit auf das Thema habe und mir mehr behalten kann.«
»Ich fand die Arbeitsform, wie das Wissen übermittelt wurde, sehr spannend. Ich merkte, dass ich leichter lerne, wenn wir den Stoff nicht mit Auswendiglernen oder Abfragen lernen mussten, sondern auf andere Art. Die Arbeitsform hat mich weitergebracht, weil ich jetzt weiß, dass es auch andere Methoden gibt, Wissen zu übermitteln und anderen Leuten etwas beizubringen.«
»Manchmal war es schwierig oder auch mühsam. Aber man lernt meiner Meinung nach mehr, wenn man den Stoff selbstständiger lernt, als wie bei anderen Lehrern so viel wie möglich in kurzer Zeit durch Arbeitsblätter in den Kopf bringen.«
»Ich weiß nicht, was mich zum Lernen anregen sollte. […] In Ihrem Unterricht, also besser, für Ihren Unterricht muss man nicht lernen. […] Wenn ich in anderen Fächern lernen muss, bleibt das Gelernte ein paar Tage hängen und verfliegt dann wieder. Bei Ihrem Unterricht bleibt das, was ich mir selber erarbeitet (gemacht) habe, für IMMER hängen.«
Diese Beispiele verdeutlichen, dass Schülerinnen und Schüler im Normalfall mit dem Begriff des »Lernens« alles andere in Verbindung bringen als einen Zuwachs an Selbst- und Weltverfügung beziehungsweise eine Aneignung von Kompetenzen. Entweder man »lernt«, oder man kommt mit sich und der Sache weiter.
Die Empfehlungen, die in den letzten Jahren in allen Bereichen der Bildungslandschaft aus den Ergebnissen von lokalen, nationalen und internationalen Studien heraus entwickelt wurden, wiederholen regelmäßig dieselben Schlussfolgerungen – angefangen bei PISA 2000: Während Lehrende lehren, lernen Lernende nach wie vor zu wenig – und zwar nicht bezogen auf die Quantitäten, sondern bezogen auf das Lernen selbst als einer spezifischen Handlungsform. Lernende lernen nicht nichts, aber sie lernen nicht – in einem Sinne, der dem Wort als Fachbegriff gerecht werden würde. Schüler lernen das Lernen nicht, und sie entwickeln auch keine wirkliche Freude daran. Schulisches Lernen ist für Lernende häufig noch immer das Gegenteil von dem, was Freude macht, das Gegenteil von dem, was man von sich aus in Angriff nimmt. Dennoch realisieren Schülerinnen und Schüler sehr wohl, unter welchen Bedingungen sie einem lebendigen Lernen eher auf die Spur kommen:
»Ich finde, dass der Unterricht toll aufgebaut ist, da man viel über Themen diskutiert und so auch den Schulstoff besser aufnimmt. Man beschäftigt sich so viel intensiver mit dem Thema, und so wird es auch interessant. Im Schulzimmer ist die Stimmung auch anders als in anderen Fächern, man hat nicht so das Gefühl, dass man dem Lehrer ›unterworfen‹ ist, sondern dass man einfach mit der Klasse und einer erwachsenen Person über Themen redet. So macht es auch viel mehr Spaß zuzuhören, und man kann sich besser konzentrieren, als wenn ein Lehrer vor der Klasse steht und stundenlang einfach nur erzählt. Mit dieser Unterrichtsform beginnt man sich auch für das Besprochene zu interessieren. Die Zusammenfassungen auf der Wandtafel, die wir auf ein Blatt übertragen müssen, helfen, wenn man etwas repetieren will.« (Klassenstufe 7)
»Vor diesem Semester habe ich mir eigentlich viel weniger Gedanken über die Schule, über das Zur-Schule-Gehen gemacht. Ich ging einfach, weil ich es musste, und ich lernte alles einen Abend vor der Prüfung. Jetzt, nach diesem Semester, lerne ich viel bewusster und packe einige Aufgaben anders an.« (Klassenstufe 9)
»Man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen, ist jedoch ziemlich frei, und ich glaube, deswegen ist mir dieses Fach leichter gefallen, und ich habe Spaß dabei gehabt. […] Es war eine Herausforderung, aber sie war willkommen. […] Mir ist es ziemlich leichtgefallen. Man musste präsent sein, zuhören, mitdenken, nachdenken, dann hatte man (bzw. ich) gute Chancen, eine gute Note zu erhalten. Vereinfacht hat mir dieses Fach, dass das meiste nicht richtig oder falsch war, sondern es immer situationsabhängig war. Das Wichtigste war: denken, verarbeiten, verstehen […] gute Noten schreiben :D […] Man konnte Ihnen Fragen stellen, und mit Ihren Antworten war nicht nur die Frage beantwortet, es hat ›Klick‹ gemacht und man hatte die ›entscheidende Idee‹.« (Klassenstufe 8)
Viel lernen ist nicht das Problem, sondern blindes Lernen
Offensichtlich ist es nicht die Fülle an Material und Informationen, die den Lernenden Probleme bereitet, sondern deren Zusammenhanglosigkeit und die Forderung, den Stoff blind in sich hineinzustopfen. Die Kritik konservativer Bildungshysteriker, die regelmäßig diagnostizieren, es würde zu wenig (Stoff) gelernt und man müsse verstärkt das Auswendiglernen fordern, wirkt vor diesem Hintergrund zynisch. Es geht gerade nicht um Mengen, sondern um die Frage, welchen Stellenwert diese in einem Bildungsprozess einnehmen sollten und welchen nicht. Natürlich muss jeder junge Mensch sich auskennen in Kernbereichen kulturellen Wissens. Er und sie brauchen ganz klar eine substanzielle Basis, bloß: Woher nehmen wir gegenwärtig das Wissen darüber, was in die Kernbereiche von Kulturwissen hineingehört und was davon ein junger Mensch in welchen Lebenskontexten effektiv einsetzen kann? Die Antworten auf diese Fragen werden auch dadurch schwerer, dass sich Lehr- und Bildungspläne je nach politischer und weltanschaulicher Färbung der Länder und Schulen massiv unterscheiden. National-konservative Bildungsmacher stricken gänzlich andere Lehrpläne zusammen als liberale oder links-grüne. Allein diese bildungspolitische Willkür müsste einen doch hellhörig machen, denn sie zeigt recht deutlich, dass inhaltliche Bildungskataloge nicht die entscheidenden (wenngleich unverzichtbare) Referenzgrößen für erfolgreiches Bildungshandeln sind.
Es gilt aber auch, dass es, bezogen auf die kulturellen Herausforderungen der Zukunft, nahezu keine Aussicht mehr auf eine Einigung darüber geben wird, welches »Kulturwissen« zu einem Kernbestand welcher »Kultur« auch immer gehören soll. Wenn man einen Blick in die kulturellen Debatten wirft, dann ist nicht einmal mehr klar, was der Begriff und die Sache der »Kultur« »eigentlich« bedeuten soll (vgl. exemplarisch Baecker 2012) – gerade im Angesicht der um sich greifenden Tendenzen, die reale kulturelle Komplexität der Gegenwart aus religiösen, nationalistischen oder ökonomischen Motiven heraus auf handliche Phrasen und Parolen zu reduzieren. Die Lösungen für den Umgang mit diesen Herausforderungen stehen nirgends geschrieben, sie müssen in einem institutionalisierten, professionellen und interkulturellen Diskurs ständig neu erarbeitet werden. Diesen Diskurs aktiv mitzugestalten, muss eines der zentralen gymnasialen Bildungsziele für junge Menschen werden. Überschreiben würde ich dieses Projekt gerne mit dem Satz eines Jungen aus einer siebten Klasse: »Nun aber habe ich verstanden, dass man verstehen muss, um zu wissen.«
Wissen entsteht ja ausschließlich in einer lebendigen Auseinandersetzung, durch Begegnungen mit Fremdem und aus der daraus erwachsenden Neugierde. Wissen ist nicht etwas, was zu Begegnung und Neugierde (und Abwägen, Diskutieren, Vergleichen, Differenzieren, Argumentieren und Begründen) noch irgendwie hinzukommt oder dem gar vorausgeht. Wissen entsteht in und aus diesen Prozessen und entwickelt sich ständig weiter. Dass diese kreativen Auseinandersetzungen in der Schule vor allem über den »Stoff« und über die bereitgestellten Wissensinhalte in Gang kommen, versteht sich von selbst. Es ist nicht »der Stoff als solcher«, der Lernen mühsam macht. Es ist die Art der Auseinandersetzung, die von mir verlangt wird. Dieselben Jugendlichen, die erhebliche Mühe mit einem auf das Auswendiglernen von Vokabeln und Regeln basierenden Fremdsprachenunterricht bekunden, bereiten sich nämlich andererseits jedes Jahr von Neuem monatelang in Theater- und Musicalprojekten durch Auswendiglernen von Text, Tanz und Noten auf die Darbietung kultureller Höhepunkte ihres jugendlichen Lebens vor. Am Auswendiglernen und dessen Unbeliebtheit kann es also nicht liegen, wenn gewisse Fächer von den Jugendlichen als Quälerei erlebt werden. Es liegt wohl eher daran, dass sie die Bedeutung nicht erkennen können. Sie können den Sinn dessen, was sie zu lernen gezwungen sind, und wie sie es tun müssen, nicht erkennen. Offenbar kann gymnasialer Unterricht zu oft die nötigen Plausibilitäten nicht schaffen, die eine Schülerin oder ein Schüler braucht, um sich in ein Thema hineinzuknien. Es liegt also nicht am ungeliebten Auswendiglernen, aber auch nicht an den Ablenkungen durch die »bösen Medien«, an zu viel Freizeitstress und an unbekümmerten Eltern. Es hat in erster Linie mit einem überholten und anachronistischen Lernsetting zu tun, das nicht sehen kann, wie es selbst die Probleme produziert, unter denen es dann leidet. Solange man die entsprechenden Zusammenhänge jedoch nicht sehen kann, bleiben diese natürlich ausgeblendet, und man führt Ursachen an, die alle außerhalb der Schule zu liegen scheinen. Das nennt man einen klassischen blinden Fleck.
Jimmy Wales, der Mitbegründer von Wikipedia, äußert sich dazu im ZEIT-Magazin vom 11. Dezember 2008 wie folgt: »Frontalunterricht durch Lehrer, die Stoffe nach vorgeschriebenen Plänen in die Hirne unserer Kinder hämmern, hat mit der Art, wie junge Menschen heute lernen, nichts mehr zu tun. Sie werden die Welt zunehmend selbst entdecken und dabei ihren eigenen Interessen folgen.« Und für den Bereich der Universitäten träumt er hiervon: »Prüfungen wird es immer geben, aber die Lehre an den Universitäten wird sich wandeln. Professoren werden zu Mentoren, die die Entwicklung ihrer Studenten begleiten. Unsere Wissensvermittlung wird kundenorientierter werden. Zum Glück« (Wales 2008). Ein längst implementiertes und nachhaltiges Mentorenmodell für die universitäre Bildung hat Birger P. Priddat an der Universität Witten/Herdecke entwickelt (Priddat 2002). Dieses Modell zeichnet sich in erster Linie durch ein verändertes Selbstverständnis der Lehrenden aus.
Und in einem der unzähligen Leserbriefe, die im Umfeld eines Rankings der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich Anfang 2009 publiziert wurden, lese ich: »Statt Millionen in weitere Studien zu stecken, sollten wir Methoden entwickeln, die das Lernen individualisieren. Den Stoff wie zu Gotthelfs Zeiten an die Wandtafel zu schreiben oder – noch schlimmer – im Minutentakt auf Folien zu präsentieren, ist ineffizient und für die Studierenden demotivierend. In einigen Jahren werden interaktive Lernumgebungen, animierte Lernsequenzen, computergestützte Simulationen und eine Vielzahl korrekter Wikis den Alltag der Studierenden prägen« (Werner Maurer, Tages-Anzeiger vom 23. Januar 2009).
Für mich lautet eine ganz wesentliche Antwort auf die Frage, warum wir regelmäßig zu lesen bekommen, was Studienanfänger immer noch nicht können: Das gymnasiale Schulsystem hat es noch immer nicht geschafft hat, die Modelle der Osterhasendidaktik (der Lehrer versteckt das Wissen, die Lernenden suchen es) und der Bulimie-Pädagogik hinter sich zu lassen und durch ein zeitgemäßes Bildungsverständnis und alternative Lernformen zu ersetzen. Das fällt vor allem deswegen so schwer, weil hinter dieser »Kultur« nicht nur ein Menschen-, sondern ein Weltbild steht, eine bestimmte Vorstellung davon, was Wissen ist, wie mit Wissen umgegangen wird, und es hat eine Menge damit zu tun, wie die Lehrenden von heute ihr eigenes Schülerdasein erlebt haben, und damit, dass sie dieses in den allermeisten Fällen nie wirklich reflektieren und kritisch verarbeiten konnten. Mit den Worten des Gehirnforschers Gerald Hüther: »Die Generation der Eltern, Lehrer und Kultusbeamten, ›die an den negativen Erfahrungen ihrer eigenen Schulzeit noch immer leiden‹, so Hüther, könne sich unglücklicherweise gar nicht vorstellen, dass ihre Kinder gerne in eine Schule gingen, wo sie keinen Lehrplan und ›weder Angst vor Lehrern noch vor Lernkontrollen‹ hätten« (Jasner 2012, S. 89 f).
Der »blinde Fleck« ist nichts anderes als eine verhängnisvolle Form des Nichtwissens. Obwohl durch unzählige Studien, Untersuchungen, Analysen und Publikationen längst bekannt ist und also gewusst werden kann, welches die Herausforderungen sind, vor denen das Gymnasium heute steht, fasst dieses Wissen innerhalb des »Systems Gymnasium« nicht Fuß. Die Gymnasien, ihre Schulleitungen und viele ihrer Lehrpersonen »wissen trotz Wissen« nicht, wie sie aus dem Teufelskreis ihrer traditionellen Bulimie-Pädagogik herausfinden können. Das liegt am Kernproblem des Gymnasiums, dass es mit Wissen nicht anders umgehen kann als über eine Art der Vermittlung, die unfruchtbar bleibt, die hauptsächlich der Selektion dient und dem Aufrechterhalten einer überholten Struktur. Das meiste, was im Kontext von Lehrer-, Schul- und Unterrichtsentwicklung angeboten wird, kommt ja auch wieder nur in Form von »Wissensvermittlung« daher und nicht als ein Angebot zur Entwicklung von Kompetenzen. Der blinde Fleck ist also nicht allein deswegen so lästig, weil er einen daran hindert, etwas Bestimmtes zu sehen. Das wirklich Teuflische an ihm ist ja, dass er sich selbst so unauffindbar verstecken kann. Wie es aussieht, muss das Gymnasium sein traditionelles Selbstverständnis als »Wissensvermittlungsanstalt« radikal in Frage stellen, damit es überhaupt erst einmal sehen kann, woran es krankt.
Und die Jugendlichen? Die wollen und brauchen einen Abschluss, also tun sie gut daran, die von uns für sie gesteckten Ziele zu erreichen beziehungsweise wenigstens so zu tun, als ob – und da liegt der Hund begraben. Es ist der Hund, den wir am Gymnasium mit mehr oder weniger didaktischer Liebesmüh zum Jagen tragen. Aber warum sollten Jugendliche einen Jagdinstinkt (»Interesse und Motivation«) entwickeln, wenn der Tisch so oder so gedeckt ist und das Essen serviert? Die Ziele stehen fest, die Wege dorthin auch, denn guter Unterricht ist im herkömmlichen gymnasialen Kontext ein gut organisierter Unterricht, ist gut geplanter Unterricht, ist inhaltlich vorgegebener Unterricht, ist eben Unterricht. Die Pädagogin Gabriele Miller schrieb dazu vor etwas mehr als zwanzig Jahren: »Im Übrigen ist die Schule als solche ›zum Weglaufen‹, aber sie ist der einzige Ort, um zu jenen Papieren zu kommen, die Karriere und Erfolg versprechen; darüber hinaus spielt der Kanon der Lehrinhalte keine Rolle. Also wird die Schule mit stoischer Gleichgültigkeit (dann und wann auch mit handfesten Aggressionen) durchgestanden« (Miller 1993).
Über die Bedeutung der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden
Die Beziehung zwischen Lehrpersonen und Lernenden ist ein ganz entscheidender Faktor, der sich auf das Vorankommen der Schülerinnen und Schüler auf ihrem Bildungsweg förderlich oder hemmend auswirken kann. Zwar wird diese Beziehung gerade am Gymnasium selten thematisiert und noch seltener reflektiert. Wenn ich hingegen den Jugendlichen die Frage stelle, wodurch ich für sie und ihr Lernen nützlich werden konnte, erzählen sie in ihren Antworten eine Menge über ihre Bedürfnisse und darüber, was sie sich von einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung erwarten:
Da geht es um die Augenhöhe: »Für mich war der Lehrer ›kein‹ Lehrer. Nicht von der Qualifikation oder so, sondern so, wie er den Unterricht gestaltet hat, war er mehr wie ein Leiter. Er war immer am Ball und war verantwortlich für unseren Weg. Er gestaltete den Unterricht so, dass immer eine Diskussion entstand und somit immer etwas hängen bleibt.« (Klassenstufe 7) »Ich habe das meiste durch Sie verstanden, weil Sie auch viel mit und nicht zu uns gesprochen haben.« (Klassenstufe 7) »Ihre herausfordernde Art ist nicht jedermanns Sache, aber ich mag es, dass Sie Wert auf andere Meinungen legen und dass wir sagen dürfen, was wir fühlen und denken.« (Klassenstufe 7)
Es geht um Klarheit und Sicherheit: »Sie haben immer sehr klare Bedingungen gestellt. Das ist gut für uns, denn dann wissen wir, was wir tun müssen.« (Klassenstufe 7)
Es geht um Gerechtigkeit im Umgang: »Ich denke auch, dass sie zu allen sozial sind, d.h., ich habe das Gefühl, dass Sie wollen, dass jeder das versteht, was Sie sagen.« (Klassenstufe 7)
Es geht um Impulse beim Testen und Einüben neuer Lerntechniken: »Sie waren sehr hilfreich beim Kennenlernen von neuen und ungewohnten Arbeitsweisen.« (Klassenstufe 8) »Sie können uns Sachen einfach beibringen, Sie machen uns selbstständig.« (Klassenstufe 7)
Es geht um Respekt und Achtung: »Ich fand Sie hilfreich, weil Sie uns immer wieder gezeigt haben, dass man sich nicht aufgeben sollte. Ich fand es gut, dass Sie uns Vertrauen geschenkt haben.« (Klassenstufe 8) »Positiv ist auch, dass Sie ›mit‹ uns arbeiten und Wünsche annehmen und uns gegenüber Respekt zeigen.« (Klassenstufe 8)
Es geht um Herausforderung und Ansporn: »Sie haben uns in jeder Lektion gefördert und gefordert. Wir mussten uns anstrengen, um mitdenken zu können, und wir taten das auch gerne. Wir lernten alle besser denken und vor allem sorgfältigeres Denken. Denken hilft uns in jeder Lebenssituation und in jedem Schulfach.« (Klassestufe 8)
Eine Kindergartenleiterin sagte vor geraumer Zeit zu mir: »Ihr am Gymnasium erreicht eure Bildungsziele nicht, weil ihr eure Schüler nicht erreicht.« Und in einem Dialog mit sich selbst lässt der französische Schriftsteller und Lehrer Daniel Pennac noch einmal den Jugendlichen, der er einmal war, zu Wort kommen, und richtet sich mit deutlichen Worten an sein »heutiges Ich«: »Ihr Lehrer seid alle gleich! Was euch fehlt, sind Lehrveranstaltungen über Unwissenheit. Ihr müsst eine Unmenge Prüfungen über eure Kenntnisse ablegen, während eure wichtigste Fähigkeit darin bestehen sollte, euch den Zustand dessen vorzustellen, der nicht über euer Wissen verfügt! […] Das große Handicap der Lehrer bestünde demnach in ihrer Unfähigkeit, sich selber als jemanden vorzustellen, der nicht über das Wissen verfügt, über das sie verfügen. Egal, wie schwer es ihnen fiel, die Kenntnisse zu erwerben, die sie heute besitzen, sobald diese Teil ihrer selbst geworden sind, betrachten sie sie als etwas, das einem von allein einleuchtet […], sie können sich nicht mehr vorstellen, wie vollkommen fremdartig diese Kenntnisse für jemanden sind, der auf diesem Gebiet im Zustand der Unwissenheit lebt« (Pennac 2009, S. 71 f.). Hier ist die Rede von einem Kernelement der Lehrer-Schüler-Beziehung, das lebendige und expansive Lernprozesse bei jungen Menschen erst möglich macht: die Fähigkeit, sich in die Situation eines lernenden Menschen hineinzuversetzen.
Als ich vor etwas mehr als sieben Jahren als Lehrperson am Gymnasium zu arbeiten begann, hatte ich große Probleme damit, die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern zu verstehen und mich in dieses Setting einzufinden. Hatte ich zuvor in der Beratung mit Kundinnen und Kunden »auf Augenhöhe« zu tun, war ich nun Tag für Tag in eine Kultur von Kommunikationsprozessen verwickelt, die ich bisher so noch nicht erlebt hatte. Die Art und Weise, wie mir die Lernenden begegneten, wie sie auf meine direkte und offene Art reagierten, auf meine Angebote zu selbstständigem Arbeiten, auf meine Einladungen, das eigene nicht nur instrumentelle, sondern das kreative, innovative und investigative Denken zuzulassen, und meine Versuche, mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren, das alles schien sie massiv zu überfordern, weil sie es nicht kennen. So schrieb mir erst jetzt wieder ein 13-jähriger Junge am Ende des Schuljahres über sein Verhältnis zu mir als Fachlehrer:
»Ich konnte mit einem Lehrer diskutieren, ein anderer hätte bereits abgebrochen und wäre weitergefahren.« (Klassenstufe 7)
Erst nachdem ich am Ende meines ersten Schuljahres über zweihundert qualifizierte Feedbacks von Schülerinnen und Schüler vor mir liegen hatte, konnte ich mir erklären, was da los ist. Die Aussagen der Lernenden ließen in ihrer Fülle die Vermutung zu, dass die sogenannte Lehrer-Schüler-Beziehung am Gymnasium ein Konstrukt ist, das sich von allen anderen professionellen Beziehungen außerhalb der Schule vor allem darin unterscheidet, dass sie wesentlich künstlich ist und nicht auf normalen zwischenmenschlichen Funktionen basiert. Vielmehr scheinen sich die Gespräche, die Menschen in der Schule miteinander führen, von allen anderen Gesprächsformen in kulturellen Kontexten außerhalb der Schule grundsätzlich zu unterscheiden.
Noch immer scheint zum Beispiel die Mehrzahl der Lehrpersonen zu fordern, dass sich Schülerinnen und Schüler aller Klassenstufen per Handzeichen melden, wenn sie einen verbalen Beitrag am Unterrichtsgeschehen leisten möchten. Lehrpersonen erteilen das Wort und entziehen es. Sie versuchen dadurch offensichtlich, eine Führungsfunktion auszuüben, aus der sich eine gewisse Disziplin ergeben soll. In Wahrheit führt das dazu, dass Schülerinnen und Schüler genau dadurch lernen, nicht aufeinander und auf den Verlauf eines Unterrichtsprozesses zu achten. Stattdessen lernen sie, dass dafür ihre Vorgesetzten, ihre »Häuptlinge« an der Tafel zuständig sind, die ihnen oder eben ihnen nicht das Wort erteilen. Dieses »Aufstrecken« war etwas vom Ersten, was ich konsequent abgeschafft habe. Entsprechend häufig taucht es in den Rückmeldungen der Lernenden auf – als große Umgewöhnung, aber auch als Chance:
»Das Reden ohne Strecken ist eine sehr gute Methode, alle sich beteiligen zu lassen, weil es viele Lehrer gibt, die nur bestimmte Schüler reden lassen!« (Klassenstufe 9)
In einem Setting, in dem nur bestimmte Menschen reden dürfen, erhalten selbstständige Wortbeiträge a priori den Charakter von »Störungen«, seien diese ausgesprochen oder nicht. Dabei gehört es doch zur Grundausstattung jeder dialogischen Kompetenz, dass ich lerne, einem Gespräch, einem Dialog, einem Diskurs so aufmerksam zu folgen, dass ich meine Beiträge gut und rücksichtsvoll platzieren kann, ohne dabei den Gesprächsverlauf aus den Augen zu verlieren. In zwei Feedbacks aus einer neunten Klassenstufe ist dazu zu lesen:
»Ebenfalls merkte ich, dass wir, wenn wir nicht [auf-]strecken müssen, eigentlich eine viel ruhigere Klasse sind. Wir hören einander auch besser zu, das fand ich immer sehr positiv im Unterricht.«
»Ich fand es sehr gut, dass man nicht [auf-]strecken musste. Dadurch musste man auf die anderen mehr eingehen und ihnen zuhören! Dadurch ist auch eine richtige Diskussion entstanden.«
Und aus einer siebten Klassenstufe kommt folgende Rückmeldung:
»Es war auch cool, dass man nicht strecken sollte, denn man redet zu Hause ja auch einfach und streckt nicht. Obwohl man einfach reden kann, ist es kein Durcheinander.«
Und aus einer achten Klassenstufe:
»Das mit einfach reden, ohne zu strecken, finde ich gut, weil man da lernt, wann einer fertig geredet hat, und Rücksicht nimmt, nicht einfach dreinredet.«
Wenn ich als Lehrperson meinen Unterricht durch Aufrufen und Handzeichen »dirigiere«, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn außerhalb dieser künstlichen Situation des frontal gesteuerten Meldewesens, zum Beispiel in Gruppenarbeiten, nach kurzer Zeit ein zügelloses Durcheinander entsteht, in dem keiner auf die andere hört und wild durcheinander geredet wird, wenn das Ganze ziemlich rasch aus dem Ruder läuft, wenn Jugendliche bis kurz vor der Matura die Anliegen und Chancen von »Lernen im Team« trotz unzähliger sogenannter »Gruppenarbeiten« nicht wirklich verstanden oder für sich genutzt haben. Das ist übrigens auch oft der Grund, warum Lehrpersonen am Gymnasium von echten Gruppenarbeiten Abstand nehmen. Dabei sehen sie nicht, dass ihr Unterricht die Hauptursache für das Chaos ist, das sie befürchten. Wenn Jugendliche nicht lernen, sich in einfachen, aber durchaus geführten und moderierten Gesprächssituationen am Gespräch selbst und dessen Verlauf zu orientieren, wie sollten sie dann lernen, selbstständig und professionell Gespräche, Dialoge oder gar Diskurse zu führen?
Ein schwerwiegender Nebeneffekt dieser »heimlichen Dressur« liegt darin, dass Jugendliche dadurch »lernen, nicht zu lernen«. Weil sie sich auf die frontal organisierte Informationslogistik einstellen, sind für sie alternative Lern- und Arbeitsformen nicht plausibel. So lese ich in einem Schülerfeedback aus der Klassenstufe 8:
»Ich selber habe große Schritte in der Selbstständigkeit und in selbstständigem Arbeiten/Nachforschen gemacht. Sie als Lehrer waren allerdings nicht sehr präsent, was uns gezwungen hat, selbst Antworten und Lösungen auf Probleme zu suchen. Das kommt bei Schülern nicht gut an, da es sie zur Arbeit zwingt, aber rückblickend gesehen, hat mir das sehr weitergeholfen.«
In einer elften Klassenstufe klingt es so:
»Der Unterricht hat mich selber sehr zum Denken angeregt. Man wurde stets dazu aufgefordert, eine eigene Meinung zu haben und diese auch zu verstehen. Im Moment ist das manchmal anstrengend, aber ich finde es sehr gut, dass das so gemacht wird, weil das sonst an dieser Schule zu wenig gefördert wird. Weshalb es auch als anstrengend empfunden wird.«
Wenn Schülerinnen und Schüler mit Modellen selbstständigen Teilnehmens und damit Denkens konfrontiert werden, dann leiden sie zuerst einmal unter dieser »neuen Offenheit« und an den vielen Möglichkeiten, die damit verbunden sind. Zwar leiden sie unter dem klassischen Modell auch, weil es von ihnen massenhaftes und unverdautes Wiedergeben von Informationen verlangt, aber sie können dann wenigstens den Aufwand und den Einsatz exakt abschätzen. Sie haben die Sicherheit, von wo bis wo sie sich »engagieren« müssen und wann das Leiden ein Ende hat – um in ein anderes Leiden zu münden.
Diese Problematik zieht sich übrigens bis hinein in die Prüfungen und Klausuren. Das klassische System, das sich vor allem im (mehr oder weniger geschickten) Abfragen von Informationen bewegt, ist den Lernenden vertraut und gibt ihnen vor allem deshalb Sicherheit, weil sie »wissen, was verlangt wird«, und weil über weite Strecken das »Richtig-falsch-Schema« zur Anwendung kommen kann. Hingegen melden nahezu alle Lernenden in ihren schriftlichen Feedbacks zurück, dass sie mindestens am Anfang große Probleme mit jenen »Prüfungen« haben, die im Rahmen selbstständig organisierter Lernprozesse nicht nach Wissen fragen, sondern den Einsatz von Kompetenzen prüfen. Das ist umso tragischer, als es sich dabei ja um Kompetenzen handelt, die sie benötigen, um mit Wissen umzugehen: es sich zu verschaffen, es in seine Bestandteile zu zerlegen, es zu verknüpfen, Zusammenhänge und Hintergründe zu erforschen und neue Kontexte zu generieren. Das fällt nahezu allen Lernenden außerordentlich schwer, weil sie es am Gymnasium nicht lernen. Dennoch schätzen sie einen sanften Übergang zu neuen Formen des Arbeitens und realisieren die Unterschiede recht genau:
»Die große Selbstverantwortung, welche uns von Ihnen übergeben wurde, war für mich neu. Wir konnten noch nie den Unterricht so aktiv selber mitgestalten. Jedoch möchte ich betonen: MITgestalten und nicht gestalten, denn für uns als etwas unaufmerksame Klasse wäre die völlige Gestaltungskontrolle über den Unterricht ein zu großes Gefahrenpotenzial.« (Klassenstufe 11)
Eine lesenswerte Einführung in den Themenbereich »Prüfen und Bewerten im Rahmen offener Formen des Lehrens und Lernens« bietet übrigens Bohl 2009.
Die Reziprozität der Beziehung als Schlüssel gelingender Lernprozesse
Eine oft gestellte, aber selten befriedigend beantwortete Frage ist die, wie die Qualität von Unterricht mit der Person der Lehrerin und des Lehrers zusammenhängt. Hängt ein gelingender Unterricht von den Einstellungen und charakterlichen Fähigkeiten einer Lehrperson ab – ähnlich wie in therapeutischen Settings? Nicht selten ist auch die Rede von »geborenen Lehrern«, von sogenannten »Talenten«, und davon, dass das entscheidende am Lehrerberuf ja gar nicht gelernt werden kann. Diese und ähnliche Vorstellungen und Klischees bedürfen meines Erachtens mindestens der Unterscheidung zwischen der Person eines Lehrers beziehungsweise einer Lehrerin und seinen oder ihren Kompetenzen als Lehrperson. Natürlich braucht gelingendes Lehrersein personale und soziale Kompetenzen. In pädagogischen, therapeutischen und beratenden Settings hängt der Erfolg des professionellen Handelns maßgeblich von diesen beiden Kompetenzen ab. Angehörige der entsprechenden Berufe übernehmen stellen- und zeitweise große Verantwortung für die Entwicklung ihrer Klientinnen und Klienten. Diese Verantwortung manifestiert sich vor allem darin, dass wir Lehrende unsere Klientinnen und Klienten aus ihrer Abhängigkeit von uns »Profis« in eine zunehmende Unabhängigkeit hinein (zu) begleiten (hätten). Theoretisch. Es ist unsere Aufgabe, mit den Lernenden zusammen Kompetenzen zu entwickeln, die ihnen einen »zunehmenden Zuwachs« an Selbst- und Welterschließung ermöglichen. Solche Prozesse spielen sich allesamt innerhalb professioneller Beziehungen zwischen den Beteiligten ab. In einer Schlagzeile formuliert: Gelingende Lernprozesse hängen vor allem von der Gestaltung der Beziehungen ab, die Lehrende und Lernende miteinander pflegen. Aber nach vielen Versuchen, das tatsächliche »Verhältnis« zwischen Lehrern und Schülern zu begreifen, nach unzähligen schriftlichen Feedbacks und Diskussionen mit Lernenden, nach so mancher »Kneipenlektion« am Ende eines Semesters und nach Gesprächen mit Ex-Maturandinnen und Ex-Maturanden bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei dem, was sich zwischen einzelnen Lernenden, einer Klasse und den Lehrpersonen abspielt, im Normalfall gar nicht um eine Beziehung im eigentlichen Sinne handelt, sondern um eine Simulation von Beziehung.
Ganz wesentliche Aspekte, die wir auch bei professionellen Beziehungen zwischen Menschen voraussetzen, kommen nämlich in einer gymnasialen Lehrer-Schüler-Beziehung gar nicht vor. Das erste Merkmal, das zur Gänze fehlt, ist die Reziprozität, die Gegenseitigkeit. Das wiederum schlägt sich in einem der wichtigsten Bereiche nieder, der das gesamte gymnasiale System trägt und nach wie vor sein Fundament bildet: im Beurteilen und Bewerten.
Zensur, Klausur, Korrektur. Und immer nur in eine Richtung
Nirgendwo sonst in meiner Welt ist Reziprozität – im Sinne einer Gegenseitigkeit – so konsequent ausgeschaltet wie im gymnasialen Beurteilungssystem. Nirgendwo sonst ist die Gegenseitigkeit des Beurteilens so verneint, so prinzipiell nicht vorgesehen wie hier. Vielleicht bilden sich ja deshalb immer wieder Foren im Internet, in denen Jugendliche Lehrpersonen und ihren Unterricht bewerten. In der Schule beurteilen Lehrer die Schüler, nicht umgekehrt. Lehrer tun eigentlich in jeder Phase und in jedem Moment ihres Arbeitens nichts anderes, als Schüler zu beurteilen (und darüber hinaus auch andere Lehrer und Fächer, die Schulleitung, die Bildungspolitik, die letzte schulinterne Weiterbildung, das schreckliche neue Lehrmittel, das Mensaessen und die regionale Tageszeitung), aber nicht annähernd sich selbst und die Qualität ihrer Arbeit – nach Kriterien, die diesen Namen verdienen. Selbst dann, wenn Lehrpersonen Unterricht vorbereiten oder auswerten, auch wenn Beurteilung nicht im Vordergrund steht, steht sie prägend im Hintergrund. Das Ziel ist: Beurteilung. Aber immer nur in eine Richtung. Über jedes durch das Setting bedingte Maß an Beurteilung hinaus (Lehrer müssen ihre Schüler ja beurteilen, es ist notwendig) ist das, was Beziehung recht eigentlich ausmacht, nämlich die Gegenseitigkeit, im Gymnasium systemisch ausgeschaltet – und das, obwohl man sehr genau weiß, wie entscheidend die Beziehung zwischen einer Lehrperson und ihren Klientinnen und Klienten für die Qualität des Lernens ist. Auch alle pädagogischen Theorien von Rang betonen, dass die Lehrer-Schüler-Beziehung eine ganz unverzichtbare Voraussetzung für das Lernen der Lernenden sei und dass die Qualität dieses Lernens (»was Lernende lernen und was nicht«) vor allem von der Qualität dieser Beziehung abhängt.
Wenn nun in der Lehrer-Schüler-Beziehung gerade in Bezug auf Beurteilung und Selektion keine Gegenseitigkeit sein darf, wenn Reziprozität, Transparenz in der Kommunikation und eine Kultur der gegenseitigen, artikulierten Wertschätzung qua System ausgeschaltet bleiben: wie wird dann das Lernen der Lernenden aussehen? So, wie es in der Realität aussieht: immer nur in eine Richtung gehend und eben nicht beidseitig hinterfragend oder forschend und schon gar nicht reziprok kritisch. Wenn ich in Gesprächen mit Lehrpersonen des Gymnasiums Unverständnis und Kopfschütteln hervorrufen möchte, dann muss ich das Gespräch auf die Möglichkeit und den Nutzen einer regelmäßigen, professionell durchgeführten und gegenseitigen Beurteilung von Lehrenden und Lernenden bringen.
Dabei sind das ja Kernelemente eines jeden Bildungsprozesses: beurteilen, bewerten, einschätzen, verbessern. Und wer Lernende in geeigneter Form dazu einlädt, ihre Einschätzung über die erlebten Fähigkeiten einer Lehrperson und deren Entwicklungspotenzial aus ihrer Sicht kundzutun, der oder die kann Bauklötze staunen, zu welch differenzierten und wertschätzenden Aussagen die Jugendlichen fähig sind. Ich lege großen Wert auf die Rückmeldungen der Lernenden, denn sie sind es ja, die mich Tag für Tag erleben (und manchmal erleiden), die meine Stärken und Schwächen erkennen und intuitiv wie reflexiv realisieren, wo ich noch etwas aus mir herausholen kann, das sie in ihrem Lernen noch besser unterstützt. Damit mache ich von Jahr zu Jahr immer bessere Erfahrungen. Außerdem schafft diese Gegenseitigkeit an wertschätzenden Rückmeldungen eine wichtige Vertrauensbasis, auf der die Zusammenarbeit mehr und mehr an Qualität gewinnt.
Dennoch ist diese Gegenseitigkeit am Gymnasium qua Design und System aus den Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden und den Lernprozessen ausgeschlossen – und damit aus dem Bildungsprozess selbst verbannt. Es herrscht im Normalfall eine Form der »Unerreichbarkeit« in ganz einfachen zwischenmenschlichen Aspekten. Lehrpersonen können sich in jedem Moment und ohne Angabe von Gründen hinter diverse Autoritätsansprüche zurückziehen, sie können Dialoge einfordern und abbrechen, wann immer sie wollen, sie können Monologe halten, die Lernenden mit Texten zuschütten, denen sie die eigene Deutung (kraft ihrer Deutungshoheit) hinterherschicken. Sie unterbrechen Vorträge und Präsentationen, um sachliche Fehler klarzustellen (anstatt diese Probleme auf höflichere und nachhaltigere Weise zu lösen), sie können aufrufen und abklemmen, wen und wann immer sie wollen, und sie tun das alles auch – Tag für Tag. Aber Dialoge und Diskurse, die diesen Namen verdienen, leben, wenn sie von Grund auf gelernt werden sollen, vor allem davon, dass Meinungen, Positionen und Argumente gegenseitig in einer wertschätzenden Art beurteilt und zurückgemeldet werden können. Sie leben von einer Kultur der gegenseitigen Beurteilung, die positive Folgen für den Dialog hat und die Lust schürt, ihn auszubauen und fortzuführen. Genau deshalb leben sie aus der Reziprozität. Wo Einschätzungen und Bewertungen nur einseitig erfolgen, wird der Dialog nicht erlernt, weil er nicht stattfindet. Dass dies im Gymnasium der Normalfall ist, erkenne ich daran, wie schwer es Lernenden zuerst einmal fällt, das Angebot reziproker Beurteilungen wirklich an- und ernst zu nehmen, und wie lange es dauert, bis sie es als einen Teil der Lern- und Bildungskultur verstehen und selbstverständlich nutzen. Sollen aber Dialog- und Diskursfähigkeit im Gymnasium wirklich gelernt werden, dann braucht es dazu eine Kultur und eine Form, die diese Lernprozesse ermöglicht und die sie über das persönliche Engagement von Lehrpersonen hinaus garantiert. Diese Form beziehungsweise Kultur ist das Gespräch (vgl. Kapitel 6, »Dritte Alternative«).
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