Kitabı oku: «Marie Marne und das Tor zur Nacht»

Yazı tipi:

Christoph Werner

Für Elsa

1. Kapitel

Priscilla rennt durch die Stadt ihrer Kindheit. Die Straßen sind dunkel, still und menschenleer. Schneller! Schneller! Sonst entwischt es! Links eine lange Häuserzeile mit Erkern, Gauben und Giebeln, rechts ihre alte graue Schule, dahinter, schwarz und schweigend, der Park. Wenn es dort hinein läuft, hast du es verloren, Priscilla. Was wird es tun? Wohin wird es rennen? Da, nach links, es klettert an dem Regenrohr die Hauswand hinauf. Priscilla nimmt Anlauf und springt. Sie fliegt durch die Luft und landet auf dem Dach. Über ihr glüht der Mond hinter weißen Wolkenfetzen. Kaum steht sie, sieht sie es auf sich zukommen: schwarzes Fell, kleine weiße Zähne, grüne Augen. Jetzt schaut es sie an. Zu spät. Priscilla packt zu. Sie hält es am Hals, damit es sie nicht beißen kann. Sein kleines Herz pocht wild. Es schaut wütend nach links und rechts. „Lass mich los!“, krächzt es mit tonloser Stimme. „Sofort!“

„Sag mir, was geschehen wird!“, antwortet Priscilla.

„Ich weiß nichts!“ Seine kleinen Pfoten umklammern ihren Arm. „Ich bin kein Orakel, ich weiß nichts.“

„Lüg mich nicht an!“ Priscilla drückt zu. „Sag mir, was geschehen wird!“

Es bleckt die Zähne und versucht, sich zu befreien.

„Willst du wirklich dein Geheimnis mitnehmen?“, fragt Priscilla. „Da wärst du das erste Orakel der Traumwelt. Ich hab noch nie gehört, dass ein Orakel lieber stirbt, als zu sagen, was es weiß.“

„Erst wenn du mich loslässt.“

Priscilla lockert ihren Griff. „Rede!“, flüstert sie.

„Die ungeträumten Träume werden brennen“, krächzt das Orakel, „und nichts wird sein, wie es war …“

2. Kapitel

Drei Dinge hasste Marie Marne besonders: ein Match zu verlieren, sich nicht entscheiden zu können und Hannes, wenn er am Vater-Tochter-Tag keine Zeit für sie hatte. Seit zehn Minuten telefonierte er jetzt. Marie tippte mit dem Finger auf ihre Armbanduhr. Er zuckte mit den Schultern und sprach weiter. Verdammt, wie lange denn noch? Eigentlich hatten sie ins Kino gehen wollen. Das taten sie meistens am Vater-Tochter-Tag. Aber jetzt hatten alle Filme schon angefangen und statt vor dem Kino standen sie vor einer ADI-Filiale. Ein Auto hupte. An der Ampel drängten sich die Fußgänger. Obwohl sie noch auf Rot stand, rannten ein paar über die Straße, die hier den Boulevard zerschnitt.

„Papa!“, drängelte Marie. Endlich steckte er das Handy in die Jacketttasche.

„Tut mir leid, Liebes“, sagte er und lächelte. „Es war wichtig, sonst wäre ich nicht rangegangen.“

„Ich bin auch wichtig“, sagte Marie.

Hannes stöhnte. „Schatz …“

„Ich bin nicht dein Schatz.“

„Es dauert eine halbe Stunde“, sagte er, „vielleicht vierzig Minuten, dann tun wir, was immer du willst.“ Er streichelte ihr über die Schulter.

„Ich wollte ins Kino“, sagte Marie leise.

„Es gibt zur Zeit keinen Film mit guter Filmmusik“, antwortete er.

„Dann suchen wir den Film mal ausnahmsweise nicht nach der Musik aus.“ Marie kickte einen Stein weg, der vor ihr auf dem Fußweg lag.

„Jetzt mach es mir doch nicht so schwer.“ In Hannes’ Stimme schwang Verärgerung. „Meinen Geburtstag und der Termin am Dienstag, ohne den ADI-Traum schaffe ich das nicht. Wenn du willst, gehen wir danach shoppen.“

„Was?!“ Marie hob den Kopf. Hannes wollte sie kaufen, das war vielleicht das vierte Ding, das sie hasste, aber sie hasste es nicht an ihm, sondern an sich selbst. „Auf wessen Kosten?“, fragte sie.

„Na, auf wessen Kosten wohl? Auf meine natürlich.“

Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Also gut“, sagte sie.

„Oh nein, nein, nein, so kommst du mir nicht davon.“ Hannes tippte sich mit dem Finger auf die Wange. „Ich will einen Kuss, und du musst sagen: Toll, Papa, das ist viel besser als Kino.“

Marie ging langsam auf Hannes zu. Er beugte sich zu ihr hinunter und sie küsste ihn kurz auf die Wange. „Toll, Papa, das ist viel besser als Kino“, flüsterte sie, „Shoppen ohne Limit.“ Damit drehte sie sich um und lehnte sich neben der Eingangstür an die Wand der ADI-Filiale.

„Ohne Limit?“, rief ihr Vater. „Davon war nie die Rede.“

„Ich kann dich nicht hören“, sagte sie, „der Verkehr ist so laut.“ Hannes lachte. „Kommst du mit rein?“, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. Wenn sie draußen wartete, zwang ihn das, sich zu beeilen. Wenn sie mit reinging, konnte er sich Zeit lassen.

„Bitte“, bettelte er.

„Keine Chance“, antwortete sie.

Er stöhnte und ging allein. Marie blieb einen Moment stehen. Vor der Filiale einer Bank spielte ein bärtiger Mann Akkordeon. Es hörte sich erbärmlich an. Eine Frau zerrte ein weinendes Kind hinter sich her. Dann gab die Ampelschleuse wieder einen Menschenstrom frei. Marie drehte sich um und schaute sich die Schaufenster der ADI-Filiale an. Auf dem linken stand:

„Was Sie nicht verschlafen sollten:

Hochzeitsreisen

Urlaub

Wichtige Geschäftsreisen

College-Prüfungen

Die ersten Tage Ihres Kindes

Runde Geburtstage

Momente, in denen es auf Sie ankommt

Oder einfach Ihr Leben

Schlafen Sie nicht, wenn Sie müde sind, schlafen Sie,

wenn Sie Lust dazu haben!

All Day Industries – wir machen Träume wahr.“

Die Tür der Filiale öffnete sich und ein junger Mann schaute heraus. „Mitarbeiter in Ausbildung“ stand auf einem Schildchen am Revers seines dunkelblauen Anzuges.

„Hallo“, sagte er. „Ich heiße Jonas, bist du Marie?“

Marie nickte.

„Dein Vater schickt mich, ich soll dir die Zeit vertreiben.“ Er lächelte.

Marie sah ihn verdutzt an. Er war hübsch: jung, sportlich, blaue Augen, ein kleiner silberner Stecker im Ohr. Wie alt mochte er sein? Siebzehn? Als Dreizehnjährige hatte sie keine Ahnung, wie sie mit einem Siebzehnjährigen reden sollte. Sie kannte einfach nicht genügend siebzehnjährige Jungs, um das zu wissen. Genau genommen kannte sie überhaupt keinen siebzehnjährigen Jungen.

„Ich komme schon zurecht“, sagte sie leise.

„Dann warte ich hier mit dir“, antwortete Jonas. Er steckte sich eine Zigarette an.

„Warst du schon mal bei uns?“, fragte er und zeigte auf die Tür der ADI-Filiale.

Marie schüttelte den Kopf. „Nein, man darf doch erst mit achtzehn einen ADI-Traum haben“, sagte sie.

„Ich dachte, du hast deinen Vater vielleicht mal begleitet.“ Jonas blies geräuschvoll Rauch aus.

Dass er rauchte, imponierte Marie kein bisschen.

„Warum muss man eigentlich warten, bis man achtzehn ist?“, fragte sie, weil sie nicht wusste, was sie sonst hätte fragen sollen.

„Ein paar Kinder haben sich Wachheit gekauft“, antwortete Jonas, „ohne dass ihre Eltern es wussten. Sie sind nachts um die Häuser gezogen, während Mama und Papa schliefen. Das alles wäre nicht so schlimm gewesen, wenn unter den schlafenden Erziehungsberechtigten nicht ein Senator gewesen wäre. Er hat dafür gesorgt, dass All Day Industries die Geschäftsbedingungen ändern musste.“

„Aha“, sagt Marie.

Sie schwiegen. Was hatte sich Hannes nur dabei gedacht, ihr diesen Jonas herauszuschicken? Ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene raste vorbei. Marie hielt sich die Ohren zu. Als es wieder still war und die Pause unerträglich zu werden drohte, fragte sie: „Was macht mein Vater eigentlich gerade da drin?“

„Er liegt in einer Schlafkabine und schläft“, antwortete ADI-Jonas.

„Er schläft, um wach zu bleiben?“ Marie zog die Augenbrauen hoch.

„Ich habe ihm eine Schlafbrille aufgesetzt“, sagte Jonas und streifte die Asche seiner Zigarette ab. „Mit Hilfe dieser Brille hat er einen besonderen Traum, einen ADI-Traum. Wenn er dann aufwacht, wird er dreizehn Tage lang munter sein. Das ist sein ADI-Wert, dreizehn Tage.“

Marie nickte. In diesen dreizehn Tagen wird Hannes noch weniger Zeit haben als sonst, dachte sie. Immer, wenn er sich einen ADI-Traum kaufte, war das so. Er arbeitete dann Tag und Nacht. Wenn ihn Regine nicht ermahnte, Pausen einzulegen, sich massieren zu lassen oder spazieren zu gehen, dann wurde er nach wenigen Tagen unausstehlich.

„Möchtest du wissen, wie lange du wach bleiben wirst, wenn du später einmal einen ADI-Traum hast?“, fragte Jonas.

Marie musterte ihn. Tja, wollte sie das wissen? Eigentlich nicht, aber die Aussicht, hier noch länger herumzustehen und sich Fragen auszudenken, um keine peinlichen Pausen aufkommen zu lassen, war nicht sehr verlockend. Also nickte sie.

„Na dann“, Jonas warf seine Zigarette weg. „Bitte einzutreten.“ Er öffnete die Tür.

Gedämpftes Licht fiel durch die zugeklebten Schaufenster. Von irgendwoher hörte man leises Meeresrauschen. Um drei Couchtische saßen tuschelnde Mitarbeiter und ihre Kunden. Links führte eine elegante Treppe hinauf zu einer Galerie. ADI-Jonas zeigte auf einen seltsamen Stuhl, an dem eine Metallkappe angebracht war. Marie setzte sich. Die Kappe war kühl an der Stirn. Sie schloss kurz die Augen.

„Keine Angst, du spürst nichts.“ Er tippte etwas in einen Laptop, der auf einer Konsole neben dem Stuhl stand. Ein Drucker summte. Danach war es still. Als er nichts sagte, drehte Marie den Kopf. Er stand neben ihr und starrte mit gerunzelten Augenbrauen auf den kleinen Zettel. „Das kann nicht stimmen“, murmelte er wie zu sich selbst. Er ging wieder zu dem Computer und hackte auf die Tastatur ein. Dabei blieb sein Gesicht angespannt. „Das gibt’s doch nicht, das ist doch unmöglich!“ Er schüttelte den Kopf.

„Entschuldige, aber ich glaube, es ist irgendetwas nicht richtig gelaufen. Der ADI-Wert, der hier angezeigt wird, kann nicht stimmen. Könntest du mich kurz auf den Stuhl lassen?“ Mit diesen Worten nahm er ihr die Haube vom Kopf.

Marie stand auf und er setzte sich hin. Er sah sie nicht mehr an. Sie schien auf einmal nebensächlich für ihn zu sein. Warum? Es war doch egal, welchen ADI-Wert sie hatte, sie durfte die Schlafbrille ja doch nicht benutzen, ehe sie achtzehn Jahre alt war. Mit geübten Handgriffen setzte er sich selbst die Haube auf und zog die Computertastatur zu sich heran. Es summte und er riss den kleinen Zettel ab, der aus dem Drucker kam.

„Neun Tage“, murmelte er, „das ist mein ADI-Wert.“ Er stand auf und bat Marie, noch einmal Platz zu nehmen. Sie wiederholten die Prozedur und wieder blieb es still, nachdem der Drucker summend seinen kleinen Zettel beschrieben hatte.

„Was ist denn?“, fragte Marie nach einer Weile.

Jonas schüttelte ungläubig den Kopf. „Also laut unserer Anzeige hier hast du einen ADI-Wert von 113 Tagen. Das … das kann aber nicht stimmen. Einen solchen Wert hat noch nie jemand erreicht. Die meisten Menschen haben einen ADI-Wert von drei bis vierzehn Tagen. Es gibt ein paar, die haben einen ADI-Wert von 60, maximal 70 Tagen, aber 113? Das ist … wenn das stimmt, dann ist das eine Sensation.“ Er lachte unsicher. „Eigentlich würde ich sagen, das Gerät ist kaputt, aber meinen ADI-Wert hat es richtig angezeigt, neun Tage. Und da es für dich zweimal den gleichen Wert angezeigt hat …“

Er bearbeitete noch einmal die Tastatur. Dabei schüttelte er die ganze Zeit den Kopf. „Keine Fehlermeldung, das ist wirklich unfassbar.“

Marie rutschte auf dem Sessel hin und her. „Kann ich aufstehen?“, fragte sie genervt.

„Natürlich, entschuldige!“ Er nahm ihr die Haube ab und sah sie an. Aber er schien sie nicht zu sehen. Kein Lächeln, keine Reaktion. Dann entschuldigte er sich plötzlich und verschwand durch eine Tür unter der Treppe. Marie starrte ihm nach. Verdammt, was war los? Er ließ sie einfach stehen wie einen Ladenhüter.

3. Kapitel

Dr. Puck schaute hinab auf die winzigen Menschen, die zwischen den grellen Leuchtreklamen des Times Square wimmelten. Auf riesigen Monitoren zuckten im Sekundentakt Bilder. Sie glitten die Häuserwände hinauf, erloschen plötzlich, um kurz darauf wieder aufzuflammen. Die Autos zogen wie ein träger Lichtstrom zwischen den Theatern und Kinopalästen dahin. Weiter hinten hing der alte Mond wie eine antiquierte Glühlampe zwischen den schwarzen Glasfassaden der Bürotürme. Hier war nie Nacht. Deshalb hatte All Day Industries die Firmenzentrale nach New York verlegt.

Das Telefon klingelte. Er nahm den Hörer ab. „Schicken Sie ihn rein“, sagte er, ohne darauf zu warten, wen seine Sekretärin ankündigte. Es war kurz vor Mitternacht. Normalerweise war Dr. Puck um diese Zeit nicht mehr im Büro. Aber wenn es stimmte, wenn es wirklich stimmte …

Die Tür wurde geöffnet. Dr. Puck sah ihn hereinkommen. Weiße Haare unter dem schwarzen Hut, das wächserne Gesicht, die schlanke, große Gestalt. Es war Mr. Phisto. Was für ein alberner Name! Wie konnte man sich nur so nennen? Er machte zwei Schritte ins Zimmer, dann blieb er stehen. Er bewegte sich nicht, er sagte nichts, er stand einfach da und wartete, sein Spiegelbild in der großen Fensterfront, die der Tür gegenüber lag.

„Ich danke Ihnen, dass Sie um diese Uhrzeit noch gekommen sind“, sagte Dr. Puck und deutete auf einen Sessel, der vor seinem Schreibtisch stand.

Keine Reaktion. Mr. Phisto blieb stehen, mitten im Büro. Seine Augen waren unter der Krempe seines Hutes nicht zu sehen. Wie sehr Dr. Puck diese Respektlosigkeiten hasste, dieses ganze Getue mit dem schwarzen Hut und der geheimnisvollen Verschwiegenheit.

„Ich habe heute einen Anruf aus Deutschland bekommen“, sagte Dr. Puck und blieb in seinem Drehstuhl hinter seinem Schreibtisch sitzen. „In einer unserer Filialen dort hat ein Mitarbeiter einen außergewöhnlich hohen ADI-Wert gemessen.“

Keine Reaktion.

„113 Tage.“

Jetzt hob Mr. Phisto den Kopf. Für einen Moment sah man seine leuchtend grünen Augen aufblitzen.

„113 Tage?“, fragte er leise.

„Ja“, antwortete Dr. Puck.

„Das ist unmöglich.“

Dr. Puck nickte. „Wahrscheinlich ist es nicht möglich. Aber unser Mitarbeiter hat den Wert zweimal gemessen und das Gerät zwischendurch an sich selbst überprüft. Keine Fehlermeldung, kein Defekt.“

„Wer ist es?“ Mr. Phisto rührte sich noch immer nicht und hatte den Kopf wieder gesenkt.

„Ein Mädchen“, sagte Dr. Puck so beiläufig wie möglich. „Marie Marne, dreizehn Jahre alt.“

„Ein Mädchen?“ Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, verriet Mr. Phistos Stimme Fassungslosigkeit.

„Wenn sie wirklich einen so hohen Wert hat, muss sie über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen“, sagte Dr. Puck und machte eine Pause.

„Sie meinen, sie könnte es schaffen?“, fragte Mr. Phisto leise.

„Möglicherweise“, antwortete Dr. Puck.

„Sie ist ein Kind, sie weiß nichts.“

Mit einem Ruck stand Dr. Puck auf. „Genau darin könnte unsere Chance bestehen. Fliegen Sie hin, finden Sie heraus, welche Fähigkeiten die Kleine hat, und sorgen Sie dann dafür, dass sie uns hilft. Sie muss ja nicht wissen, worum es geht.“

„Gut“, sagte Mr. Phisto und drehte sich zur Tür.

„Und melden Sie sich regelmäßig“, rief Dr. Puck, „ich will über alles auf dem Laufenden gehalten werden!“

Mr. Phisto ging so leise, wie er gekommen war.

4. Kapitel

Wo blieben Jelena und Hanna? Gleich war es sechs Uhr. Nervös lief Marie in der Hotellobby hin und her. Sie achtete darauf, auf dem dicken orientalischen Teppich zu bleiben, der zwischen der Rezeption und den schweren Sesseln auf der anderen Seite der Lobby lag, denn auf dem grau-weißen Marmorfußboden machten ihre neuen Schuhe einen Höllenlärm. Draußen hinter den großen, bodentiefen Fenstern warteten ein paar Fotografen und sogar ein Fernsehteam. Papa hatte zu seinem fünfzigsten Geburtstag Schauspieler eingeladen, Produzenten, Leute von Film und Fernsehen, lauter Erwachsene, die sich in Anzügen, Abendkleidern und Absatzschuhen nicht komisch vorkamen. Ganz im Gegensatz zu Marie. Sicher war das Kleid hübsch, das ihre Mutter ausgesucht hatte. Braun und aus einem feinen, leicht glänzenden Stoff, aber würde sie sich jemals an die Schuhe, die Ohrringe und die Handtasche gewöhnen? Im Moment war das schwer vorstellbar.

Zum Glück hatte Papa ihr erlaubt, ihre beiden besten Freundinnen einzuladen, aber die verspäteten sich mal wieder. Dabei hatte Marie ihnen gesagt, sie müssten pünktlich sein. Sie betrachtete sich in einem der Spiegel, die an den beiden vergoldeten Säulen gleich am Eingang hingen. Ihr Mund, geschwungen wie der ihrer Mutter, glänzte leicht vom Lipgloss. Die großen braunen Augen, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, waren schwarz umrandet. Sie drehte den Kopf hin und her und begutachtete sich von vorn, von links und von rechts. Sie zog die Augenbrauen hoch und streckte sich die Zunge heraus. Dann wickelte sie eine ihrer blonden Locken um ihren Zeigefinger. Blonde Haare, braune Augen, das kam seltener vor als blonde Haare und blaue Augen. Deshalb mochte sie ihre Haare so sehr. Seit vier Jahren ließ sie sie wachsen. Nur die Spitzen durften abgeschnitten werden, wenn Marie zum Friseur ging.

„Du siehst toll aus, Marie!“, rief Frau Gallert hinter der Rezeption.

Marie zuckte zusammen. Wieso musste Hannes ausgerechnet in dem Hotel feiern, in dem sein Bruder arbeitete? Onkel Paul war hier der Chef, deshalb kannte Marie einige der Mitarbeiter, was sie heute als äußerst lästig empfand.

Ein Taxi hielt vor dem Eingang und die Fotografen hoben die Kameras. Die Beifahrertür öffnete sich und Jelena stieg aus. Das konnte doch nicht wahr sein! Jelena kam mit dem Taxi? Und wie sie aussah: Ihr Kleid saß tadellos, dazu passende Schuhe mit riesigen Absätzen, auf denen Marie nie hätte laufen können. Ihre Frisur war so außergewöhnlich, dass sie sie unmöglich selbst gemacht haben konnte, das Gleiche traf auf ihr Make-up zu. War das wirklich die Jelena, mit der Marie zusammen zur Grundschule gegangen war und mit der sie jetzt aufs Gymnasium ging? Die Jelena, mit der sie gemeinsam in den Urlaub gefahren war, mit der sie angefangen hatte, Tennis zu spielen, mit der sie, wann immer es ihr Training erlaubte, im Garten saß, Zeitungen durchblätterte, gemeinsam Hausaufgaben machte, in die Boutique ihrer Mutter fuhr, um Accessoires auszuprobieren? Marie betrachtete noch einmal ihr Spiegelbild. Sie fand, sie sah verkleidet aus, irgendwie unecht. Und so fühlte sie sich auch. Jelena dagegen schien es zu genießen, so als wäre dies ihr wahres Ich. Konnte das sein?

„Du siehst schick aus, Marie!“, flüsterte Jelena und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Was sollte das? Seit wann küssten sie sich zur Begrüßung?

„Du siehst auch schick aus“, antwortete Marie.

„Ja, nicht wahr? Ich finde das Kleid himmlisch. Papa hat es mir extra für heute gekauft.“ Jelena betrachtete sich im Spiegel und schien sehr zufrieden mit sich zu sein. „Wo müssen wir hin?“, fragte sie, ohne den Blick von ihrem Spiegelbild zu lassen.

„Auf die Dachterrasse“, sagte Marie. „Aber wir müssen noch auf Hanna warten.“

„Ich kann doch schon mal hochfahren und deinem Vater mein Geschenk geben.“ Jelena lächelte entzückend.

Marie nickte.

„Bis gleich!“, flüsterte Jelena ihr zu und stöckelte zum Fahrstuhl. Draußen waren ein paar Rufe zu hören und die Kameras surrten. Ein junger Mann in Jeans und Jackett stieg aus dem Taxi. Als er durch die Lobby kam, erkannte ihn Marie. Er war Schauspieler. Hannes hatte für einen seiner Filme die Musik geschrieben. Marie merkte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Oh je, hoffentlich fiel ihr während der Feier kein Glas um, stolperte sie nicht über ihre Beine, sagte sie nichts Dummes.

Endlich kam Hanna. Sie trug Jeans, ein buntes T-Shirt, darüber ein Jackett und zu all dem Turnschuhe. Sie sah aus wie immer, das Jackett mal ausgenommen. Irgendwie fand Marie das beruhigend, andererseits auch unpassend. Zumal Hanna klein und nicht gerade schlank war. Natürlich kaute sie Kaugummi und zur Begrüßung hob sie nur kurz die Hand und sagte: „Hey!“

Sie gingen zum Fahrstuhl und fuhren nach oben. „Warum hast du dich so verkleidet?“, fragte Hanna.

„Mein Vater wird heute fünfzig“, antwortete Marie.

„Na und?“

„Vielleicht hättest du auch noch mal darüber nachdenken sollen, ob Jeans und Turnschuhe das richtige Outfit sind.“ Noch während sie diesen Satz sagte, merkte Marie, dass er verletzend war. Zu spät. Sie hatte ihn gesagt. Hanna betrachtete sich im Spiegel.

„Jeans und Turnschuhe finde ich okay. Das Jackett ist doof.“ Sie zwinkerte Marie zu und beide mussten lachen. Zum Glück konnte man Hanna nicht so leicht aus der Fassung bringen. Hätte Marie den Satz zu Jelena gesagt, wäre die sicher sofort nach Hause gefahren.

Musik war zu hören, als sich die Fahrstuhltür öffnete. Eine Band spielte unter einem weißen Baldachin. Es gab ein großes Buffet und überall Sitzgelegenheiten: Liegestühle und Sofas und Sessel und Hollywoodschaukeln. Von der Terrasse aus hatte man einen fantastischen Blick auf die Stadt und den Fluss, der schwarz und träge das Häusermeer durchzog. Die grauen und roten Dächer lagen staubig und matt in der Abendsonne, es hatte seit Tagen nicht geregnet. Ein paar Tauben flogen, von irgendetwas aufgeschreckt, über eine der zahlreichen Brücken hin und verschwanden.

Marie drehte sich um: Fünfzig Gäste hatte Hannes eingeladen, fünfzig Gäste zu seinem fünfzigsten Geburtstag. Lauter selbstsichere, gut gekleidete Leute, die lachten, Sektgläser in der Hand hielten und rauchten. Da war Onkel Paul. Er überragte die meisten Gäste um einen halben Kopf, und als er lachte, konnte Marie seine tiefe Stimme trotz der Musik hören. Oma Luise kam ihr entgegen und umarmte sie.

„Da bist du ja endlich“, sagte sie. „Komm, dein Vater will die Gäste begrüßen.“

„Bin gleich zurück“, flüsterte Marie Hanna zu und ging zu ihrem Vater.

Hannes sah toll aus in dem Anzug, den er sich extra für diesen Anlass hatte machen lassen. Er legte einen Arm um Marie und einen um Regine, und Onkel Paul gab der Band ein Zeichen. Sie spielte einen Tusch und dann war es still. Alle sahen Hannes an, das heißt, sie sahen auch Marie an und sie merkte, dass Hannes aufgeregt war, deshalb war sie gleich noch aufgeregter. Sie hörte nicht viel von dem, was ihr Vater sagte. Nur dass die Gäste lachten und klatschten, bemerkte sie, und dass sich Hannes langsam entspannte und Onkel Paul auch etwas sagte und Oma Luise ganz glücklich aussah und schließlich alle zum Buffet gingen und die Band wieder zu spielen begann und die Sonne schien und Jelena sich mit einem Jungen unterhielt, der bestimmt fünf Jahre älter war als sie, und Hanna als Erste einen vollen Teller in der Hand hielt und die Stimmen immer lauter wurden und sie keinen Hunger hatte, nur Durst.

Nach dem Essen wurde getanzt. Marie stand neben Hanna und schaute auf die Stadt. Am Ufer des Flusses sah man die Lichter der Restaurants und Bars. Der Autostrom über die Brücken war noch stark, obwohl sich die Silhouette der Stadt schon scherenschnittartig gegen den Abendhimmel abzeichnete.

„Langweilt ihr euch?“ Marie drehte sich um. Ihr Vater stand hinter ihr.

„Nein, nein gar nicht“, antwortete sie.

Auch Hanna schüttelte den Kopf.

„Wenn ihr nach Hause wollt, sagt es, dann bestelle ich euch ein Taxi.“

Marie nickte. „Es gefällt uns“, sagte sie und schaute wieder auf die Stadt.

„Du solltest mal mit dem Geburtstagskind tanzen.“ Hannes küsste sie auf die Wange. Marie schaute sich um. Jelena drehte sich gerade und lachte ihren Partner an. Marie war ein bisschen eifersüchtig. Die ganze Zeit mit Hanna hier herumzustehen, war doch irgendwie traurig.

„Wo ist Mama?“, fragte sie.

„Tanzt mit deinem Onkel.“

Marie reckte den Kopf und wirklich, da tanzte Regine mit Onkel Paul. Sie sah wunderschön aus. Alles an ihr, ihre Handgelenke, ihr Hals, ihr Gesicht, war fein und zart, so als sei sie aus einem besonders kostbaren Stoff gemacht, den man nur den Meistern anvertraute und von dem kein Gramm verschwendet werden durfte. Marie hakte sich bei ihrem Vater unter und ließ sich auf die Tanzfläche führen.

5. Kapitel

Kunden, die gezwungen waren, sich einen ADI-Traum zu kaufen, hasste Jonas. So wie diese Frau, die vor ihm auf dem Sofa saß. Ihr ADI-Wert betrug nur fünf Tage, deshalb überlegte sie jetzt seit acht Minuten, ob sie den Vertrag unterschreiben sollte oder nicht. Zwischen ihren dünnen Fingern drehte sie die ganze Zeit den Stift, den Jonas ihr gegeben hatte. Dabei starrte sie durch ihre billige Brille vor sich hin und redete wie zu sich selbst: „Es ist aber wichtig, dass ich vierzehn Tage wach bleibe, solange dauert der Einsatz.“

„Dann müssen Sie noch zweimal herkommen“, sagte Jonas. Verdammt, die Alte ging ihm auf die Nerven. Es war kurz vor einundzwanzig Uhr und er wollte die Filiale schließen.

„Und Sie sind sicher, dass das Gerät nicht kaputt ist?“, fragte sie zum vierten oder fünften Mal.

„Ganz sicher“, antwortete Jonas.

„Aber das würde bedeuten, dass ich noch zweimal herkommen muss.“

„Ja, das bedeutet es.“ Jonas trommelte mit den Fingern auf die Glasplatte des Tisches. Er wollte, dass die Frau sich endlich entschied.

„Warum wird denn der Preis für einen ADI-Traum nicht nach Tagen berechnet? Das wäre doch gerechter.“ Sie drehte noch immer den Stift in der Hand.

„Hören Sie“, sagte Jonas. „Der Preis für einen ADI-Traum beträgt 260 Euro. Wenn Sie mehrere Träume kaufen, gibt es Rabatt. Steht alles hier drin.“ Er zeigte auf die Broschüre, die er der Frau schon vor zehn Minuten gegeben hatte. Einen Moment saß sie noch da, dann stand sie langsam auf.

„260 Euro?“, fragte sie. „Das heißt, die Hälfte dessen, was ich in den vierzehn Tagen verdiene, müsste ich dafür zahlen, dass ich den Job überhaupt machen kann. Sie sagen doch immer, Sie wollen, dass jeder Mensch selbst entscheiden kann, wann er schläft und wann nicht. Aber bei den Preisen gilt das nur für die Reichen oder für Leute mit einem hohen ADI-Wert.“

Jonas stöhnte. Halt die Klappe, dachte er. Wenn du es dir nicht leisten kannst, dann komm nicht her. Er stand auf, ging zur Tür und öffnete sie. „Tut mir leid“, sagte er kalt. „Unser Verfahren ist aufwendig und hat deshalb seinen Preis.“

Die Frau murmelte noch etwas, als sie an ihm vorbeiging, aber er hörte nicht mehr hin. Als sie endlich draußen war, atmete er geräuschvoll aus. Er drehte sich um und ging in Herrn Reiters Büro, um den Schlüssel für die Eingangstür zu holen. Als er zurückkam, stand ein Mann in der Filiale. Er war groß und hager und trug einen schwarzen Anzug und einen schwarzen Hut. Sein Haar war weiß und schulterlang.

„Wo hat sie gesessen?“, fragte er. Er sprach mit einem Akzent, osteuropäisch, wahrscheinlich russisch.

Jonas war so überrascht, dass er nur „Wer?“ fragen konnte. Etwas an diesem Mann war seltsam.

„Das Mädchen, Marie Marne. Sie haben doch ihren ADI-Wert gemessen, 113 Tage. In welchem Sessel?“

Jonas zeigte auf den Sessel. Der Mann ging durch die Filiale und legte seine schmalen, langen Hände auf die Lehne. Einen Moment blieb er so mit geschlossenen Augen stehen. Es sah aus, als ob er jemandem zuhörte. Aber wem? Dann untersuchte er die Haube und schaltete ohne zu fragen den Laptop an. Jonas wollte protestieren, aber der Mann legte seinen dünnen Zeigefinger an die Lippen und machte: „Pssst! Wieso haben Sie ihren ADI-Wert überhaupt gemessen?“, fragte er dann.

„Nur so zum Spaß“, Jonas merkte, dass er rot anlief. Der Mann sah es nicht, er war mit dem Laptop beschäftigt.

„Warum war sie überhaupt da?“

„Wer?“

Jetzt hob der Mann den Kopf. „Marie Marne“, sagte er scharf.

„Sie war mit ihrem Vater da, Hannes Marne.“

„Bringen Sie mir seinen Vertrag.“

Jonas kratzte sich am Kopf. Wer war dieser Kerl? Durfte er ihm den Vertrag zeigen? Vielleicht war es besser, seinen Ausbilder, Herrn Reiter, anzurufen? Normalerweise durfte Jonas als Lehrling gar nicht allein in der Filiale sein, aber heute hatten alle etwas Wichtiges vorgehabt und er hatte sich angeboten, allein hier zu bleiben. Er wollte sich einen ADI-Traum gönnen. Offiziell durfte er das nicht, denn er war noch nicht achtzehn, aber inoffiziell hatte er schon seit dem Beginn seiner Lehrzeit ADI-Träume. „Entschuldigung, ich habe Ihren Namen nicht verstanden?“

„Holen Sie den Vertrag, wenn Sie weiter bei All Day Industries arbeiten wollen. Und beeilen Sie sich“, sagte der Mann, ohne den Blick von dem Laptop abzuwenden. Jonas zögerte noch einen Moment, dann gehorchte er.

Dieser Mann gehörte zur Firma, daran bestand kein Zweifel. Wahrscheinlich kam er von ganz oben. Jedenfalls schien er daran gewöhnt zu sein, Befehle zu geben. In Herrn Reiters Büro brauchte Jonas nur ein paar Klicks am Computer, bis er Hannes Marnes Vertrag gefunden hatte. Während er ihn ausdruckte, fragte er sich, ob ihm dieser seltsame Mann irgendwie nutzen konnte? Wenn Jonas ihm gab, was er wollte, würde der ihn vielleicht weiterempfehlen? Jonas hatte nicht vor, sein Leben lang ein einfacher Filialangestellter zu bleiben. Er wollte bei den ganz großen Jungs mitmischen, bei denen, die er manchmal in den ADI-Lounges traf, wenn er sich dort massieren ließ.

„Hier ist der Vertrag“, sagte er leise.

Der Mann nahm ihn und blätterte ihn hastig durch. „War dieser Hannes Marne zum ersten Mal hier?“ fragte er.

„Nein, er ist Stammkunde“, antwortete Jonas schnell.

„Er hat heute Geburtstag. Seinen Fünfzigsten.“

„Ja“, sagte Jonas, „davon hat er mir erzählt, er wollte eine große Party geben.“

„Wo?“

„Keine Ahnung.“ Verdammt, wenn er das auch noch gewusst hätte, wäre dieser Typ beeindruckt gewesen.

„Finden Sie es heraus.“

Jonas ging schnell zu einem der Rechner, die in den Büros standen, und gab den Namen Hannes Marne ein. Der Mann schien berühmt zu sein. Es gab einen Haufen Einträge. Ziemlich weit unten wurde auf die Seite eines Hotels verwiesen. Es war das beste Hotel der Stadt. Noch während Jonas las, kam der Mann herein und schaute ihm über die Schulter.

„Vielleicht feiert er da“, sagte Jonas.

Er bekam keine Antwort. Der Mann ging so grußlos, wie er gekommen war. Verdammt, Jonas hatte es vermasselt. Er schloss gedankenversunken die Tür ab. Dann drehte er sich um und stieg langsam die Stufen zu den Schlafkabinen hinauf. Es war bestimmt besser, wenn er den Besuch dieses seltsamen Mannes zunächst für sich behielt. Ohne nachzudenken öffnete Jonas die mit weißem Leder gepolsterte Tür der sechsten Schlafkabine. Er benutze immer die sechste Schlafkabine, ohne zu wissen warum. Es gab Kunden, denen waren die Kabinen zu klein, Jonas fand es gemütlich, dass sie kaum größer als das Bett waren, auf das er sich jetzt legte. Man hörte nichts, denn auch die Wände waren mit weißem Leder gepolstert. Die Schlafbrille hing an einem Ständer neben dem Kopfkissen. Jonas nahm sie und setzte sie auf. Dann drückte er auf die Fernbedienung.

Bunte Lichter kreisten vor seinen Augen. Leise Musik war zu hören. Gleich würde er träumen. Es war ein gutes Gefühl, ADI-Mitarbeiter zu sein. Das hier war die Zukunft und Jonas bekam sie zum Nulltarif.

6. Kapitel

Marie hatte mit ihrem Vater getanzt, mit ihrer Mutter, mit Onkel Paul, mit Oma Luise und natürlich mit Jelena. Aber Jelena war aufgedreht und redete die ganze Zeit über Friedrich, der bei Papa eine Art Praktikum machte. Er war ein Musikgenie, hatte gerade die Abiturprüfungen hinter sich gebracht und schien es nicht komisch zu finden, mit einer Dreizehnjährigen zu tanzen. Jedenfalls forderte er Jelena sofort wieder auf, nachdem Marie sie freigegeben hatte. Hanna dagegen interessierte sich für nichts und niemanden. Sie warf gerade Oliven von der Dachterrasse auf ankommende Hotelgäste und fand das sehr lustig.

Dass ihre beiden Freundinnen sehr unterschiedlich waren, hatte Marie schon lange nicht mehr so deutlich empfunden. Sie schaute sich um, konnte aber niemanden aus der Familie entdecken. Langsam schlenderte sie einmal um die Tanzfläche herum, als sie ihre Mutter aus dem Fahrstuhl kommen sah. Ihr Gesicht war ernst und sie winkte Marie zu sich heran. Etwas stimmte nicht, das merkte Marie sofort.

„Wir müssen nach Hause“, sagte Regine. „Es ist etwas passiert.“

Marie erschrak. „Mit Oma?“, fragte sie.

„Nein, mit deinem Vater.“

„Was!? Wo ist er?“

„Unten in der Lobby. Paul und Luise sind bei ihm. Wir müssen gehen, hast du deine Handtasche?“

Marie hielt ihre Handtasche hoch. Regine nickte und rief den Fahrstuhl.

„Was ist denn passiert?“, fragte Marie und versuchte, ihre Panik zu unterdrücken.

„Wissen wir nicht“, sagte Regine leise. „Er spricht nicht mehr, sitzt einfach da und singt. Er scheint niemanden zu erkennen. Bete, dass es kein Schlaganfall ist.“

Marie wollte Hanna noch etwas zurufen, aber der Fahrstuhl kam und Regine stieg sofort ein. Als sie in der Lobby ausstiegen, war der Krankenwagen schon da. Hannes saß in einem Sessel. Vor ihm hockte die Notärztin. Sie leuchtete ihm mit einer Taschenlampe in die Augen. Es schien ihn nicht zu stören. Als sie näher kamen, hörte Marie ihren Vater summen. Er schaute niemanden an. Sie ging zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. Er reagierte nicht, weder auf die Berührung noch auf ihre Anwesenheit. Die Notärztin stand auf. „Er muss gründlich untersucht werden“, sagte sie. „Am besten wir fahren jetzt.“

„Ist es ein Schlaganfall?“, fragte Regine.

„Das kann ich nicht ausschließen“, antwortete die Ärztin, „aber ich glaube es nicht. Wir müssen ihn untersuchen.“

„Oma bringt dich nach Hause, Schatz“, sagte Regine.

Marie protestierte sofort. „Nein, ich komme mit, ich will nicht alleine mit Oma zu Hause sein. Ich komme mit.“

Regine überlegte einen Moment, dann nickte sie. Die Verabschiedung war kurz. Onkel Paul umarmte sie und sagte, sie sollten ihn sofort anrufen, sobald sie etwas wüssten. Oma Luise weinte ein bisschen. Die Ärztin und Regine griffen Hannes unter die Arme. Er stand sofort auf und folgte ihnen. Aber er schien nichts von dem wahrzunehmen, was um ihn herum geschah.

„Wieso war Papa denn hier unten?“, fragte Marie auf dem Weg zum Krankenwagen.

„Er hat sich hier unten mit einem Mann getroffen, hat die Rezeptionistin gesagt.“

„Was für ein Mann?“, fragte Marie.

Regine zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, sie konnte ihn nicht beschreiben.“

„Aber sie muss doch wissen, wie der Mann ausgesehen hat“, sagte Marie.

„Aber sie weiß es nicht“, schimpfte ihre Mutter, „sie kann ihn nicht beschreiben, keine Ahnung warum. Paul hat sie befragt und den würde sie ja wohl kaum anlügen, der ist immerhin ihr Chef.“

Die Ärztin bestand darauf, dass Hannes sich hinlegte. Er gehorchte. Auf der Fahrt in die Klinik beantwortete Regine tausend Fragen: Ob Hannes regelmäßig Medikamente oder Drogen nahm, ob er irgendeine chronische Krankheit hatte, ob er schon einmal einen epileptischen Anfall hatte, ob so etwas in seiner Familie schon einmal vorgekommen war und so weiter und so fort. Einmal lachte Hannes plötzlich und dann nickte er.

„Seltsam“, sagte die Ärztin leise, „so ein Fall ist mir noch nicht untergekommen.“

Diesen Satz sollten Regine und Marie in den folgenden Tagen noch oft hören. Jeder Arzt, dem Hannes vorgestellt wurde, sagte ihn am Ende seiner Untersuchung.

7. Kapitel

Es war am zweiten Sonntag, nachdem Hannes ins Krankenhaus gekommen war, als Marie gleich nach dem Aufwachen beschloss, zum Bäcker an der Ecke zu fahren und Brötchen zu kaufen. Sie zog sich an, nahm Kleingeld aus dem Portemonnaie ihrer Mutter und fuhr, ohne sich gewaschen zu haben, mit ihrem Fahrrad an den anderen Einfamilienhäusern vorbei bis vor zur Straße. Ein Hund lief ihr bellend hinter dem Zaun des Nachbargrundstückes nach, sonst war alles still. Die Straße lag verlassen in der Morgensonne.

Wenn nicht vorne an der Ecke, dort wo der kleine Bäckerladen war, eine Straßenbahn vorbeigedonnert wäre, hätte man sich kaum vorstellen können, in einer Großstadt zu sein. Einfamilienhaus reihte sich an Einfamilienhaus, Wintergärten, Garagen, saubere Auffahrten und etwas zu originelle Briefkästen. Dann plötzlich die vierspurige Straße, Ampeln, Läden, zugeparkte Gehwege und die Straßenbahnhaltestelle, von der Marie wochentags immer in die Schule fuhr. Sie stellte ihr Fahrrad ab und betrat den Laden. Es duftete herrlich nach frisch gebackenen Brötchen. Gerade als sie die gebrochen deutsch sprechende Verkäuferin gebeten hatte, ihr fünf Doppelte zu geben, sagte plötzlich jemand neben ihr: „Wenn du mit deinem Vater sprechen willst, komm heute allein in die Klinik.“

Marie ließ das Geld fallen und fuhr herum. Neben ihr stand ein dünner großer Mann in einem schwarzen Anzug mit einem schwarzen Cowboyhut auf dem Kopf. Er hatte lange weiße Haare, die unter dem Hut hervorschauten.

„Was?“, fragte sie. „Was haben Sie gerade über meinen Vater gesagt?“ Sie merkte, dass diese Frage laut und fordernd aus ihrem Mund kam, ohne dass sie das beabsichtigt hatte.

Der schwarz gekleidete Mann sah sie nur kurz an, nickte und ging dann, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Marie starrte ihm nach. „Ich will wissen, was Sie gerade über meinen Vater gesagt haben“, rief sie, aber der Mann drehte sich nicht einmal um.

Die Verkäuferin tippte auf den Zettel, auf den sie den Preis für die Brötchen geschrieben hatte. Marie sammelte das Geld auf dem Fußboden zusammen, legte es auf den Teller an der Kasse, nahm ihre Brötchen und rannte hinaus. Neben ihrem Fahrrad blieb sie stehen und sah sich um. Die Sonne schien ihr ins Gesicht, im Radio hatten sie 30 Grad vorausgesagt. Wo war der schwarz gekleidete Mann? Woher war er gekommen, und wieso hatte Marie ihn nicht bemerkt, als sie den Laden betreten hatte? Und wohin war er jetzt verschwunden? Noch einmal schaute sie links und rechts die Straße entlang, dann bestieg sie ihr Fahrrad und fuhr los.

Schon nach hundert Metern sah die Stadt nicht mehr städtisch, sondern dörflich aus. Marie hielt nach dem Mann Ausschau. Er konnte sein Auto irgendwo geparkt haben und damit weggefahren sein. Oder? Sie bremste und stieg vom Fahrrad. Ihr war gerade eingefallen, dass die Verkäuferin gar nicht auf den Mann reagiert hatte. Was, ja was, wenn er gar nicht dagewesen war? Was, wenn die Krankheit ihres Vaters, die niemand kannte, erblich oder ansteckend war? Vielleicht hatte es bei ihm auch so angefangen? Vielleicht hatte er am Anfang auch Menschen oder Dinge gesehen und gehört, die außer ihm niemand wahrnehmen konnte.

Im Weiterfahren probierte Marie ihr Gedächtnis aus und versuchte, sich an alles Mögliche zu erinnern: An ihre Geburtstage, an ihre Hausaufgaben, an die Ergebnisse ihrer letzten Punktspiele. All das fiel ihr nicht schwer, aber was bedeutete das schon?

Als sie nach Hause kam, stand die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern offen, ihre Mutter war also schon aufgestanden. Marie ging in die Küche und sah, dass Regine mit geröteten Augen am Tisch saß. Im Radio wurde irgendeine Messe übertragen. „Wir bitten dich, erhöre uns“, sagte die Gemeinde gerade. Marie wusste, dass sie ihrer Mutter nichts von dem Vorfall im Bäckerladen erzählen durfte. Seit Hannes in der Klinik lag, weinte Regine oft, sie sprach wenig und schlich, wenn sie zu Hause war, herum wie eine kranke Katze. Manchmal kam sie plötzlich ins Zimmer, gab Marie einen Kuss und ging wieder, einfach so, ohne etwas zu sagen.

Sie frühstückten stumm, während im Radio gesungen und gepredigt wurde. Nur einmal fragte ihre Mutter, ob Marie sich heute verabredet habe. Marie schüttelte den Kopf. Später räumte sie den Tisch ab und duschte im Bad unterm Dach, während ihre Mutter das im Parterre benutzte. In Jeans und einem weißen Leinenhemd kam Regine ins Wohnzimmer. Ihr langes braunes Haar war noch nass, sie hatte sich nicht geschminkt. „Komm“, sagte sie, mehr nicht, nur dieses eine Wort: „Komm.“

Sie gingen denselben Weg, den Marie eben mit dem Fahrrad gekommen war, bis zur Haltestelle und fuhren mit der Bahn in die Klinik. Die Fahrt dauerte eine halbe Stunde. Marie sah aus dem Fenster. Sie dachte an ihren Vater, obwohl sie das nicht wollte.

Sie dachte daran, dass er sie abends vor dem Schlafen immer angemalt hatte. Mit dem Finger war er ihr übers Gesicht gefahren und hatte so getan, als ob er sie anmalen würde, und sie hatte raten müssen, in was seine ausgedachten Farben sie verwandelt hatten. In eine Katze oder in einen Pirat oder in eine Hexe oder sonst etwas. Wie lange war das her? Wann hatte ihr Vater das letzte Mal an ihrem Bett gesessen? Wenn sie die Augen schloss, sah sie ihn zwischen Instrumenten und Mikrofonständern in seinem Tonstudio sitzen, versunken, mit geschlossenen Augen Gitarre spielend oder Klavier, die großen Kopfhörer auf dem Kopf. Oder im Technikraum, wo Hunderte von Lämpchen und Zeiger zuckten und eine verwirrende Anzahl von Reglern in unterschiedlichen Farben zu bedienen war. Hier in seinem Reich verbrachte er die meiste Zeit des Tages und oft auch die Nacht. Hier durfte er nicht gestört werden. Wenn Marie ihn besuchen wollte, musste sie warten, bis die grüne Lampe über der Tür anging, und die grüne Lampe über der Tür ging immer seltener an, seit ihr Vater vor vier Jahren den großen Durchbruch geschafft hatte.

Seitdem arbeitete er ununterbrochen. Nicht mehr nur für Filme, deren Premieren in kleinen Programmkinos liefen, sondern für große Produktionen, bei denen Fernsehkameras und dreißig Journalisten vor dem roten Teppich warteten. Anfangs fand Marie es toll, ihren Vater zu den Premieren zu begleiten, aber jetzt waren es so viele. Hannes komponierte ununterbrochen. ADI-Träume zu kaufen war für ihn zur Selbstverständlichkeit geworden. Regine hatte ihm verboten, zwei Träume hintereinander zu haben, sie hatte sogar mit der Scheidung gedroht, als er nicht auf sie hören wollte. Die beiden hatten sich oft gestritten in letzter Zeit. Und jetzt? Jetzt war Hannes noch weiter fort. Viel weiter, vielleicht unendlich weit. Marie wollte nicht darüber nachdenken, ob sie ihn jemals wieder in seinem Studio würde sitzen sehen. Sie wollte diesen Gedanken nicht in ihre Nähe lassen, obwohl er wie ein Nebel über allem hing, was sie dachte.

Die Klinik lag direkt an der Straßenbahnhaltestelle inmitten eines sehr schönen Parks. Wenn es keine Klinik gewesen wäre, hätte Marie diesen Ort gemocht. Hinter einem etwa zwei Meter hohen schmiedeeisernen Zaun führte eine Auffahrt einen Hügel hinauf. Dort oben war ein großes weißes Gebäude. In einem Zimmer dieses weißen Gebäudes saß seit acht Tagen Maries Vater und niemand konnte sagen, was ihm fehlte. Er konnte gehen und essen und singen und komisch lächeln, aber er sprach nicht, erkannte niemanden, konnte sich an nichts erinnern.

Marie lief lustlos die Stufen zum Haupteingang hinauf. Sie ließ die Arme baumeln und schaute zu Boden. Sie wollte die große Eingangshalle nicht sehen, nicht das blank gewienerte Parkett, nicht das kunstvoll gedrechselte Geländer an den breiten Stufen, die zu den Zimmern führten, nicht den großen Kronleuchter und nicht die freundlich nickenden Schwestern und Ärzte. Eigentlich wollte sie auch ihren Vater nicht sehen, nicht, solange er in dieser Klinik war.

Als sie in sein Zimmer kamen, drehte er sich nicht einmal zu ihnen um. Er saß auf dem Bett und schaute aus dem Fenster. Maries Mutter ging zu ihm, streichelte und küsste ihn. Marie blieb an der Tür stehen. Es war wie jedes Mal, wenn sie herkamen: Sobald sie ihren Vater sah, fing ihr Herz heftiger zu schlagen an. Es war unbelehrbar, dieses Herz, es wollte sich nicht daran gewöhnen, dass Hannes sie nicht erkannte. Dass er seine eigene Tochter nicht erkannte, seine Frau nicht, niemanden. Dass er nicht sprach, dass er wie abwesend war. Jedes Mal, wenn ihr Herz den ersten Freudensprung getan hatte, kam die Traurigkeit.

Sie wollte ihn umarmen und wegrennen, aber nichts von all dem tat sie. Sie blieb an der Tür stehen, bis ihre Mutter sie heranwinkte, dann ging sie zu ihm und sah ihn an und ihr Herz krampfte sich zusammen. Er war so anders, so weit weg, obwohl er doch hier auf dem Bett saß und sie ihn anfassen konnte. Ihre Mutter zog ihn sanft am Arm und er folgte ihr, ohne sie anzusehen. Marie lief hinterher. Sie gingen in den Garten. Es war kurz nach dem Mittagessen, die meisten Besucher kamen später.

Der Garten fiel sanft ab und endete an einer Mauer, hinter der die nächste Straße lag. Zuerst setzten sie sich auf eine Bank und schauten auf die Stadt. Wie viele Väter holten jetzt gerade das Auto aus der Garage oder die Fahrräder aus dem Keller? Wie viele glückliche Familien waren jetzt irgendwo da draußen unterwegs? Marie sah die Häuser, die Straßen, die Sonne, ein herrlicher Tag. Hannes fing wieder an, leise zu summen. Es war, als ob er ein Lied mitsang, das er hörte. Aber wo hörte er es? In seinem Kopf, im Weltall, wo? Hier war nirgendwo Musik, hier sang niemand außer den Vögeln in den Bäumen. Wo nur hörte er dieses Lied?

Maries Mutter stand auf und ging zu einem der Ärzte, einem Mann mit grauem Haar, der gerade in der Tür gestanden und ihr zugenickt hatte. Die Ärzte wussten nicht, was Hannes fehlte, sie hatten sein Gehirn fotografiert, sie hatten einen Haufen bunter Bilder gemacht und sie angeschaut, aber auf den Bildern war alles in Ordnung. Hannes’ Kopf war nicht kaputt. Es gab keine Erklärung. Das war vielleicht das Schlimmste, dass es keine Erklärung gab, dass niemand sagen konnte, was mit ihm los war. Wie lange würde er so bleiben? Für immer oder nur bis nächste Woche? Niemand wusste, ob er nicht vielleicht eines Morgens einfach aufstehen, sich schütteln und nach seiner Tochter und seiner Frau suchen würde. Am Anfang hatte Marie immer, wenn das Telefon klingelte, damit gerechnet, dass Hannes wieder normal war.

Jetzt sah sie ihn von der Seite an. Er summte und blickte auf die Stadt. Sie nahm vorsichtig seine Hand. Er ließ es geschehen. Eine Träne lief ihr über die Wange, sie konnte nichts dagegen tun. Als ihre Mutter zurückkam, ging Marie fort. Sie lief ziellos durch den Park. Einmal drehte sie sich um. Ihre Mutter redete mit Hannes, als ob er sie verstehen könnte. Die Ärzte hatten ihr gesagt, dass man nicht wissen könne, was Hannes verstand und was nicht. Aber Marie wusste, dass er nichts verstand. Die Ärzte wollten sie nur trösten, sie wollten darüber hinwegtäuschen, dass sie keine Ahnung hatten, was mit Hannes los war.

Marie ging zu einer der Bänke. Später am Tag würden diese Bänke alle besetzt sein, aber jetzt noch nicht. Sie setzte sich und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Hallo Marie, schön dass du gekommen bist“, sagte plötzlich jemand. Als sie den Kopf drehte, saß der Mann aus dem Bäckerladen neben ihr. Er trug immer noch den schwarzen Hut und den schwarzen Anzug und saß sehr gerade da, den Blick in die Ferne gerichtet. Wie hatte sie ihn übersehen können? Das war doch unmöglich.

„Darf ich mich vorstellen?“, fragte der Mann mit komischem Akzent und reichte ihr eine Visitenkarte. „Mr. Phisto“ stand in fein geschwungenen Buchstaben darauf und darunter: „Agent der Nacht“. Sie wusste nicht, was sie damit anfangen sollte. Agent der Nacht, was sollte das sein? War das ein Scherz?

„Verzeih, dass ich heute Morgen im Bäckerladen keine Zeit hatte für eine längere Unterhaltung, es war unhöflich, dich da einfach so stehen zu lassen.“

„Können die anderen Sie auch sehen oder nur ich?“, fragte Marie.

Mr. Phisto lächelte. Er stand auf, ging auf den Hauptweg, wo sich eine Krankenschwester gerade mit jemandem unterhielt, zog den Hut, redete und nickte ein paarmal. Die Krankenschwester lachte und dann sahen alle zu Marie herüber und lachten noch einmal. Marie kam sich ziemlich blöd vor. Wie hatte sie nur glauben können, dieser Mann sei ein Geist? Er verabschiedete sich und kam wieder zu der Bank zurück.

„Habe ich deine Frage damit beantwortet?“, fragte er, als er wieder neben ihr saß.

„Was wollen Sie?“, fragte Marie mürrisch.

Sie fand ihn merkwürdig. Seine blasse Haut, die grünen Augen und diese dünnen weißen Haare, die offensichtlich gefärbt waren. Dazu die große Nase und die schmalen Lippen. Und wie er sich gerade hielt und wie er flüsterte und dann der komische Akzent. Etwas mit ihm stimmte nicht, sie wusste nur nicht genau, was es war.

„Ich will dir die Möglichkeit geben, mit deinem Vater zu sprechen“, sagte Mr. Phisto.

„Mein Vater spricht nicht“, antwortete Marie.

„Im Moment nicht, aber heute Abend schon“, sagte Mr. Phisto. „Komm, wenn es dunkel wird, allein wieder hierher, dann werde ich dafür sorgen, dass du dich mit deinem Vater unterhalten kannst.“

„Wie wollen Sie das machen? Sie sind doch kein Arzt“, sagte Marie schnippisch.

„Hat einer der Ärzte hier deinem Vater bis jetzt geholfen?“, fragte Mr. Phisto.

Marie schüttelte den Kopf.

„Das liegt daran, dass dein Vater nicht krank ist.“

„Nicht?“ Marie schaute Mr. Phisto an. „Woher wissen Sie das?“

„Das darf ich nicht sagen.“

„Wieso denn nicht?“

Er tippte auf die Visitenkarte. „Ich bin ein Agent der Nacht, das bedeutet, dass es bestimmte Dinge gibt, über die ich nicht sprechen darf.“

Marie betrachtete die Visitenkarte und drehte sie in der Hand. Das war doch Blödsinn oder nicht? Agent der Nacht, was sollte das sein? CIA-Agenten, FBI-Agenten, die gab es jeden Tag im Fernsehen, aber Agent der Nacht? Welche Nacht war damit gemeint? Die Nacht, die auf jeden Tag folgte, oder eine andere? Oder war Nacht eine Abkürzung für irgendeine geheime Organisation?

„Warum soll ich heute Abend allein hierher kommen?“, fragte sie.

„Weil nur du deinem Vater helfen kannst.“

„Ich?“

„Die Ärzte können es nicht, das hast du ja schon bemerkt. Und jemand anderes wird sich nicht die Mühe machen, sich um deinen Vater zu kümmern. Du bist die Einzige, die ihm helfen kann. Und mich hat man hierher geschickt, damit ich dir sage, wie du das am besten machst. Also, bis heute Abend.“

Ohne ein weiteres Wort stand Mr. Phisto auf und ging. Marie ließ ihn nicht aus den Augen. Sie wollte wissen, ob er wieder auf geheimnisvolle Weise verschwand, aber diesmal ging er ganz gemächlich durch den Garten ins Haus.

Marie betrachtete noch einmal die Visitenkarte. Mr. Phisto, Agent der Nacht. Vielleicht war das alles ein Bluff und er wollte sie entführen? Ihre Eltern hatten Geld, das wusste sie. Wie viel es genau war, konnte sie nicht sagen, aber es war mehr, als die meisten Eltern ihrer Freundinnen hatten. Aber wenn er sie entführen wollte, war es dann nicht sehr plump, sie abends allein hierher zu bestellen? Und was, wenn es stimmte? Wenn wirklich nur sie ihrem Vater helfen konnte?

Sie sprang auf, sie musste es ihrer Mutter sagen, sie musste ihr sagen … sie musste ihr sagen … ja, was eigentlich? Dass sie heute Abend allein ins Krankenhaus kommen sollte, um mit ihrem Vater zu sprechen? Das würde Regine niemals erlauben.

Als Marie sich ihrer Mutter näherte, hörte sie, wie Regine auf ihren Vater einredete: leise und schnell, so als befürchte sie, belauscht zu werden. Und dabei hielt sie Hannes’ Hand umklammert wie eine Ertrinkende. Es ging nicht. Sie konnte ihrer Mutter nicht sagen, was sie gerade erlebt hatte. Damit riskierte sie, alles zu verderben. Was, wenn an der Sache etwas dran war? Was, wenn sie heute Abend tatsächlich mit ihrem Vater sprechen konnte? Dann durfte sie Regine nichts von Mr. Phisto verraten, sonst müsste sie zu Hause bleiben.

Sie machte kehrt und lief durch den Park, als müsse sie dringend irgendwohin. Langsam füllten sich die Bänke und Wege. Männer und Frauen, im Rollstuhl sitzend oder von ihren Angehörigen am Arm geführt, kamen ihr entgegen. Marie wich ihnen aus, bog ab, lief über die Wiese an der Mauer zur Straße entlang. Sie wollte allein sein, sich verkriechen, verstecken, vor allem wollte sie keine kranken Menschen sehen.

Der Nachmittag zog sich endlos hin. Marie spielte Tennismatches im Kopf, um sich abzulenken und nicht an diesen seltsamen Mr. Phisto denken zu müssen. Letztes Jahr hatte sie den fünften Platz bei den deutschen Meisterschaften der U14 Juniorinnen belegt. Dieses Jahr begannen die Meisterschaften erst Anfang Juli. Sie hatte also noch ein paar Wochen, um sich vorzubereiten.

Drei- bis viermal die Woche ging sie trainieren, danach Hausaufgaben, ein bisschen Fernsehen und ins Bett. An den Wochenenden die Mannschaftsturniere. Obwohl sie erst dreizehn war, spielte sie bereits in der Damenmannschaft. Dort nannten sie alle das Küken. Das gefiel ihr nicht, aber sie ertrug es, ohne zu murren.

Endlich winkte Regine sie heran. Sie brachten ihren Vater in sein Zimmer zurück und verabschiedeten sich von ihm. Marie fand diese Verabschiedungen quälend. Sie verstand nicht, wie ihre Mutter dabei so freundlich, so zuversichtlich bleiben konnte. Nichts hatte sich am Zustand ihres Vaters geändert, seit er hier war. Und wenn es immer so blieb? Vielleicht war Mr. Phisto doch die einzige Möglichkeit, ihm zu helfen? Was konnte schon passieren, wenn sie heute Abend hierher kam und tat, was er von ihr verlangte? Sie küsste ihren Vater und ging.

8. Kapitel

Zu Hause angekommen, setzte sich Marie vor den Fernseher. Durch die offene Tür konnte sie Regine sehen, wie sie Brot schnitt und den Tisch deckte. Beim Essen dann erzählte Regine, dass Hannes an einer Stelle gelacht hatte. Solche Geschichten erzählte sie oft, wenn sie aus der Klinik kam. Er hatte genickt oder gelacht oder sie auf eine besondere Weise angesehen. Marie schwieg. Die Ärzte hatten ihnen vorhergesagt, dass so etwas passieren würde. Aber es bedeutete nichts, das waren Einbildungen und Wunschvorstellungen, Regine wusste das. Trotzdem erzählte sie immer wieder davon. Marie kaute mit gesenktem Kopf. Sie wollte ihre Mutter nicht ansehen, sie wollte diese Geschichten nicht hören.

Nach dem Essen sagte Regine, sie sei müde und wolle sich ein bisschen hinlegen. Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer. Marie blieb in der Küche und grübelte, sie konnte nichts dagegen tun. Schließlich beschloss sie, ihrer Mutter doch alles zu erzählen. Sie sprang auf und lief ins Wohnzimmer. Ihre Mutter lag auf dem Sofa und schlief. Marie hörte sie atmen.

„Mama?“

Keine Antwort. Nur das Ticken der großen Wohnzimmeruhr. Marie beugte sich über ihre Mutter. Was sollte sie tun? Sie hasste es, nicht zu wissen, was sie tun sollte. In die Klinik fahren? Oder warten, bis ihre Mutter wieder aufwachte? Ein Ladizein – in etwa: lade den Zufall ein –, sie musste ein Ladizein stellen, das tat sie immer, wenn sie nicht weiter wusste. Wenn sie morgens zum Beispiel nicht sicher war, ob sie das weiße oder das blaue T-Shirt anziehen sollte, stellte sie während des Frühstücks ein Ladizein: Wenn das Lied endet, ehe der Toast fertig ist, ziehe ich das weiße T-Shirt an, wenn nicht, das blaue. Sie ging zurück in die Küche und stellte sich vor das Radio: Lief Musik, in dem Moment, in dem sie es anschaltete, hieß das, sie würde in die Klinik fahren, war ein Sprecher oder eine Sprecherin zu hören, wollte sie zu Hause bleiben. Sie schaltete an: Musik.

Ohne zu zögern ging sie in den Flur, zog sich an und lief aus dem Haus. Sie fuhr mit der Straßenbahn in die Klinik. Das alles war verrückt, vollkommen und ganz und gar verrückt. Wahrscheinlich war die Klinik jetzt geschlossen, und wenn nicht, dann doch die Tür zum Zimmer ihres Vaters. Wahrscheinlich schlief er längst. Was dann? Was, wenn Mr. Phisto nicht da war? Was, wenn er sich wirklich einen Scherz erlaubt hatte? Oder sie doch entführen wollte?

Die Straßenbeleuchtung war schon angeschaltet, als Marie vor der Klinik ausstieg und langsam auf das gusseiserne Tor zulief. Mr. Phisto stand in der Auffahrt. Seine schlanke Gestalt war schon von Weitem zu erkennen. Marie kam es so vor, als wäre es um ihn herum dunkler als im übrigen Teil der Straße. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie blieb stehen. Mr. Phisto kam ihr entgegen.

„Guten Abend“, sagte Marie leise.

„Guten Abend“, sagte Mr. Phisto. „Tu bitte genau, was ich dir sage, und stell keine Fragen.“

Sie nickte.

„Folge mir“, sagte er und lief los, ohne sich umzudrehen.

Marie gehorchte. Es gab keine andere Möglichkeit, herauszufinden, was all das zu bedeuten hatte. Sie liefen um das große Hauptgebäude herum zu einer Treppe. An deren Fuß blieb Mr. Phisto stehen. „Mach die Tür auf“, sagte er leise.

Marie drückte die Klinke herunter. Tatsächlich, die Tür war unverschlossen. Sie führte zu einem langen Gang, an dessen Ende sich eine weitere Treppe befand.

„Bleib dicht hinter mir“, sagte Mr. Phisto, ehe sie die Treppe hinaufstiegen. Da war die Eingangshalle, durch die Marie heute Nachmittag gelaufen war. Jetzt wusste sie, wie sie zum Zimmer ihres Vaters käme. Und doch blieb sie immer hinter Mr. Phisto. Alles war so still und dadurch ganz verändert. Wenn er stehen blieb, blieb sie auch stehen, wenn er weiterlief, lief sie auch weiter. So kamen sie in das Zimmer ihres Vaters, ohne bemerkt zu werden. Es war schon dämmrig. Er lag auf dem Bett und schlief. Marie hörte seinen gleichmäßigen Atem. Neben ihm auf dem Nachtschrank tickte ein Wecker.

„Leg dich neben ihn und schlaf“, sagte Mr. Phisto.

„Was!“, rief Marie.

„Wenn du mit deinem Vater reden willst, leg dich neben ihn und schlaf.“

„Aber wenn ich schlafe, wie soll ich da reden?“, fragte Marie.

„Du wirst träumen.“

„Träumen!?“ Ach je, das war es also, das war die ganze Geschichte, träumen?! Sie war furchtbar enttäuscht. Agent der Nacht, jetzt verstand sie die Anspielung.

„Sie haben gesagt, ich könnte mit meinem Vater reden, nicht von ihm träumen“, flüsterte sie.

„Du wirst mit ihm reden, im Traum“, sagte Mr. Phisto mit stoischer Ruhe. Offenbar hatte er mit Maries Reaktion gerechnet.

„Im Traum …“ Marie schüttelte den Kopf. „Sie haben gesagt, ich könnte meinem Vater helfen.“

„Und das wirst du auch, wenn du neben ihm schläfst.“

„Das ist doch Quatsch!“ Als sie das gesagt hatte, sah Mr. Phisto sie mit seinen grünen Augen an und sie senkte den Blick. Etwas an diesen grünen Augen war ihr unheimlich.

„Deine Entscheidung“, sagte er. „Ich gehe jetzt, tu, was du für richtig hältst.“ Er zog kurz den Hut und ging.

Was nun? Sie lauschte auf die Geräusche: der Wecker, der gleichmäßige Atem ihres Vaters, auf dem Gang ein paar Schritte. Marie schaute Hannes an. Sie war, seit er sich in der Klinik befand, nicht mehr mit ihm allein gewesen. Vorsichtig zog sie die Schuhe aus und legte sich neben ihn. Mit angehaltenem Atem drehte sie sich seinem Rücken zu. Seine Haare rochen wie immer. Sie legte ihm den Arm um die Hüfte. Jetzt erst spürte sie, wie schnell ihr Herz schlug. Sie war den Tränen nahe. Was geschah nur gerade mit ihr? Durch das angelehnte Fenster hörte sie das ferne Rauschen der Stadt. Das beruhigte sie ein bisschen. Sie schloss die Augen und schlief sofort ein. Jedenfalls konnte sie sich später nicht mehr daran erinnern, was passiert war, nachdem sie sich neben ihren Vater gelegt hatte.

Sie erwacht in einer riesigen, halb dunklen Halle, deren Gewölbehimmel nur zu ahnen ist, so lang sind die Säulen, auf denen er ruht. Auch das andere Ende der Halle ist nur zu ahnen, so viele Säulen stehen wie ein steinerner Wald nebeneinander. Durch die riesigen Fenster fällt ein eigentümlich kaltes Licht. Irgendetwas fliegt umher, handgroße Libellen oder Fledermäuse, große Nachtvögel und schwarze Schmetterlinge. Als Marie auf ihre Füße sieht, bemerkt sie, dass der Boden aus Glas oder Eis ist. Bizarre Fische schwimmen darunter. Ihre runden Augen glotzen sie an.

Und dann hört sie sie, die Musik ihres Vaters. Da wo Längs- und Querschiff sich treffen, sitzt er auf einem großen Stuhl und spielt Geige. Eigentlich kann er nicht Geige spielen, nur Klavier und Gitarre. Um ihn herum stehen seltsame Gestalten. Es sind Ärzte, Wahrsager, Clowns, Krankenschwestern und Verrückte in weißen Kitteln, Eisprinzessinnen und Orchestermusiker, Heiratsschwindler und Bauchtänzerinnen. In dem eigentümlichen Licht schimmern ihre Haare und Kleider silbern. Marie bleibt vor ihrem Vater stehen, ohne dass er es merkt. Es ist eine wundervolle Musik, die er spielt, eine Vater-Tochter-Musik, nur dafür ist sie gemacht, für nichts sonst. Als Hannes Marie sieht, setzt er den Bogen ab: „Marie!“ Er springt auf. „Endlich! Ich muss hier raus! Du musst mir helfen. Was ist heute für ein Tag?“

Marie fängt an zu weinen. Sie kann nichts dagegen tun. „Das ist ein Traum“, schluchzt sie. „Ich weiß es genau, das ist nicht wirklich.“

„Natürlich ist es ein Traum“, antwortet Hannes, „aber wie kann ich aufwachen? Ich habe mich geohrfeigt, ich habe geschrien, ich habe versucht, hier herauszukommen, aber nichts hat geholfen. Ich bin in diesem Traum gefangen. Keine Ahnung wie lange schon. Ich habe Dienstag ein paar wichtige Aufnahmen, großes Orchester, ich kann hier nicht länger rumsitzen.“

Marie starrt ihren Vater an. Soll sie ihm sagen, dass der Dienstag längst vorbei ist? Sie bringt es nicht übers Herz.

„Ich weiß nicht, wie das passieren konnte“, sagt Hannes, „du musst etwas tun. Sag deiner Mutter, sie muss mich irgendwie wecken, egal wie. Ich muss arbeiten, ich habe zu tun.“

Marie zeigt auf die Umstehenden. „Und die hier? Wer sind die? Können die auch nicht aufwachen?“

„Keine Ahnung, sie reden nicht“, antwortet Hannes, „ich weiß nicht einmal, ob sie mich verstehen.“

Marie geht zu einem Koch und schaut ihn an. Er erwidert ihren Blick nicht. Kurz entschlossen holt sie aus und gibt ihm eine Ohrfeige. Er reagiert nicht.

„Das ist zwecklos“, sagt Hannes. „Bitte, Liebes, hilf mir, allein schaffe ich es nicht.“

„Ich werde dich hier rausholen“, antwortet Marie, „ich kenne jemanden, der mir hilft …“

9. Kapitel

Zuerst hörte sie den Wecker ticken. Ihr linkes Bein lag über dem ihres Vaters. Durch das Fenster drang das erste Tageslicht. Die Vögel im Park zwitscherten so aufgeregt, als wäre es das erste Mal, dass sie die Sonne aufgehen sahen. Die Stadt war still, ein leises tiefes Rauschen war alles, was Marie hören konnte. Sie lag und schaute den Rücken ihres Vaters an. Noch konnte sie einige Melodiefetzen hören, die Hannes im Traum eben gespielt hatte, noch sah sie einige der Gestalten aus der großen Halle. Was war das für ein komischer Traum gewesen? So einen hatte sie noch nie gehabt, noch nie in ihrem ganzen Leben.

Es war schwer vorstellbar, dass er weniger real sein sollte als alles, was sie im Moment sah. Ihr Blick fiel auf das Waschbecken neben dem Schrank. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Sie glitt aus dem Bett, füllte den Zahnputzbecher mit Wasser und ging zurück zu ihrem Vater. Einen Moment zögerte sie, dann kippte sie das Wasser in sein Gesicht. Nichts. Keine Reaktion, kein Zucken, nicht einmal eine Änderung der Atemfrequenz. Er schlief weiter. Enttäuscht stellte Marie den Becher zurück. Mr. Phisto, sie musste ihn treffen, so schnell wie möglich. Er musste ihr sagen, was zu tun war.

Draußen waren Schritte zu hören. Sie schaute auf den Wecker. Es war zwanzig nach vier. In dreieinhalb Stunden musste sie in der Schule sein. Sie küsste ihren Vater auf die Schulter und öffnete leise die Tür. Der Flur lag im Halbdunkel. Kein Geräusch war zu hören. Sie schlich zurück zur großen Treppe und durch die Eingangshalle in den Garten. Es war angenehm kühl draußen, obwohl die Hitze des kommenden Tages schon zu spüren war. Wo war Mr. Phisto? Wieso hatte er nicht auf sie gewartet? Sie musste dringend mit ihm reden. Die erste Straßenbahn ratterte heran. Marie lief zur Haltestelle, und da stand er: Mr. Phisto. Wie immer hielt er sich sehr gerade. Er machte einen Schritt und wartete, in der Straßenbahntür stehend. Der Wagen war leer. Sie konnten sich setzen, wohin sie wollten. Mr. Phisto sah Marie an.

„Hast du mit deinem Vater gesprochen?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Marie. „Er ist in einem Traum gefangen. Er weiß nicht, wie er aufwachen soll. Keine Ahnung, wie so etwas möglich ist, aber ich weiß, dass es stimmt. Es ist doch so, oder? Deshalb wollten Sie, dass ich neben meinem Vater schlafe. Damit ich von ihm selber erfahre, was mit ihm los ist.“

Mr. Phisto schaute aus dem Fenster. „Wenn ich dir gesagt hätte, dass dein Vater schläft, hättest du mich für verrückt gehalten.“

„Vielleicht“, sagte Marie aufgeregt. Es fiel ihr schwer, sitzen zu bleiben. Am liebsten wäre sie in dem leeren Straßenbahnwagen hin und her gelaufen. „Aber was kann ich tun? Wie ihn wecken? Und wieso schläft er überhaupt solange? Sie haben gesagt, er ist nicht krank, aber was ist er dann?“

„Gefangen in einem Traum“, sagte Mr. Phisto.

„Aber wie ist das möglich?“, rief Marie.

„Das wissen wir nicht.“

„Wer ist wir?“ Sie fixierte ihn mit ihrem Blick. Sie wollte Antworten.

„Wissenschaftler, die unerklärliche Phänomene untersuchen“, antwortete Mr. Phisto, ohne sein Gesicht vom Fenster abzuwenden. „Ereignisse, Krankheiten, Vorgänge, die trotz moderner Methoden nicht verständlich sind. Sie bleiben rätselhaft oder im Dunkeln. Das ist der eine Grund, warum sich unsere Organisation ‚Nacht‘ nennt. Der andere: Wir arbeiten im Verborgenen. Da wir keiner Regierung angehören und privat finanziert werden, können wir manches tun, was Regierungsorganisationen nicht tun dürfen. Deinem Vater helfen zum Beispiel. Wollten wir warten, bis wir für unseren Lösungsansatz eine Genehmigung vom Gesundheitsministerium bekommen, würde das Jahre dauern. Wenn du also willst, dass wir dir helfen, dann bedeutet das absolute Verschwiegenheit. Zu niemandem ein Sterbenswort, sonst ziehen wir uns zurück und dein Vater wacht vielleicht nie mehr auf. Hast du das verstanden, Marie Marne?“

Marie nickte. Mr. Phisto sprach ruhig und gelassen und doch war er ihr unheimlich. Er strahlte eine ungeheure Entschlossenheit aus.

„Und?“, fragte sie. „Wie weiter? Wir müssen etwas tun, wir müssen meinen Vater aus diesem Traum befreien.“ Sie stand auf und lief unruhig hin und her.

Mr. Phisto schien das alles nicht zu beeindrucken. Er saß da, sehr gerade, ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. „Wir glauben, dass du deinen Vater aus diesem Traum befreien musst“, sagte er ruhig.

„Wieso glauben Sie das?“

„Weil es ähnliche Fälle gegeben hat, dein Vater ist nicht der Erste.“

„Was?!“ Marie blieb stehen. „Dann wissen sie, was zu tun ist?“

„Vielleicht.“

„Was? Was muss ich tun?“, rief sie. „Sagen Sie es! Egal wie schwer es ist, ich werde es schaffen.“

„Zuerst müssen wir herausfinden, ob der Fall deines Vaters Ähnlichkeiten mit den anderen Fällen hat.“ Mr. Phisto zog ein kleines schwarzes Notizbuch aus der Tasche. „Hat dein Vater schon einmal einen ADI-Traum gehabt?“, fragte er.

Marie nickte.

„Einen oder mehrere?“, fragte Mr. Phisto.

„Mehrere, er hat regelmäßig ADI-Träume.“

„Genau wie bei den anderen. Das heißt, wir müssen deinen ADI-Wert messen.“

Marie zog die Augenbrauen hoch. „Warum?“, fragte sie leise.

Mr. Phisto stand auf. „In allen ähnlichen Fällen gab es ein Familienmitglied, meist ein Kind, mit einem überdurchschnittlich hohen ADI-Wert. Hast du Geschwister?“

„Nein.“

„Dann können wir davon ausgehen, dass du diejenige bist, die einen hohen ADI-Wert hat.“

„Er liegt bei 113 Tagen“, stammelte Marie.

„Woher weißt du das?“, fragte Mr. Phisto und tat verwundert.

„Ich habe ihn messen lassen.“

Er nickte: „Donnerwetter! Das ist der höchste ADI-Wert, von dem ich je gehört habe.“

„Glauben Sie, dass ich daran schuld bin, dass mein Vater in diesem Traum gefangen ist?“

„Nein“, antwortete Mr. Phisto. „Es scheint eher eine Verkettung unglücklicher Umstände zu sein. Wir werden dich kontaktieren, sehr kurzfristig. Wenn du tust, was ich dir auftrage, wird dein Vater bald wieder aufwachen.“

„Wie bald?“, fragte Marie.

„In ein paar Tagen“, antwortete Mr. Phisto.

„Wirklich?!“

„Ich verspreche es.“ Mr. Phisto lächelte. Sein Mund verzog sich dabei zu einem schmalen Strich. Die Bahn hielt. Die Tür öffnete sich. „Denk an dein Versprechen, zu niemandem ein Wort. Sonst kann ich weder dir noch deinem Vater helfen.“

Marie nickte. „Versprochen“, sagte sie.

Mr. Phisto stieg aus. Dann fiel die Tür zu und die Bahn fuhr weiter. Die Stadt glitt vorbei, ohne dass Marie sie sah. Sie klammerte sich an die Haltestange neben der Tür. Hoffnung! Eine Welle der Hoffnung überflutete sie. Ein paar Tage! Nur noch ein paar Tage! Mr. Phisto hatte es versprochen. Das Rattern, ihr Herzschlag, sonst nichts. So stand sie und fuhr durch die noch leere Stadt. Natürlich waren schon Autos auf den Straßen, aber sie schienen keinen Lärm zu machen. Die umschaltenden Lichter der Ampeln waren wie eine geheimnisvolle Sprache, in der die Straßen sich lautlos miteinander unterhielten. Wie ferngesteuert stieg Marie aus, als die Bahn an ihrer Haltestelle hielt. Schritte auf dem Gehweg und in ihrem Kopf. In den Briefkästen die Zeitungen. Ein paar gurrende Tauben. Die kühle Morgenluft. Als sie nach Hause kam, lief sie zuerst ins Schlafzimmer ihrer Eltern, weil sie ihrer Mutter alles erzählen wollte, aber es war leer. Marie erschrak.

Erst jetzt stellte sie sich vor, was ihre Mutter gedacht haben musste, als sie wach geworden war und Maries Verschwinden bemerkt hatte. Aber ihre Mutter war nicht wach geworden. Marie fand sie, wie sie sie verlassen hatte, auf dem Sofa im Wohnzimmer liegend, die Hände unter dem Kopf. Die Terrassentür stand offen, das Licht in der Küche brannte, sogar das Radio dudelte noch leise vor sich hin. Alles war so, als wäre Marie gar nicht fort gewesen.

„Denk an dein Versprechen, zu niemandem ein Wort. Sonst kann ich weder dir noch deinem Vater helfen.“ Erst jetzt verstand Marie, was dieser Satz wirklich bedeutete. Sie durfte mit niemandem reden, nicht einmal mit ihrer Mutter. Mr. Phisto verlangte, dass sie alles für sich behielt. Wenn sie damit ihrem Vater half, dann musste es so sein. Ein paar Tage nur, nur ein paar Tage, dann war alles vorbei. Sie ging in ihr Zimmer und setzte sich an ihren Computer. „Hoher ADI-Wert“ tippte sie in die Suchmaschine. Ein paar Artikel und Foren wurden angezeigt, in denen etwas über All Day Industries zu lesen war. Zuerst waren da Verschwörungstheorien, die nachweisen wollten, dass All Day Industries für den amerikanischen Geheimdienst arbeitete. Dann las Marie Diskussionen darüber, ob das ADI-Verfahren ein Fluch oder ein Segen sei. Half es den Menschen, wenn sie selbst bestimmen konnten, wie oft und wann sie schliefen? Oder verletzte das Verfahren den natürlichen Lauf der Welt? Stimmte es, dass in hundert Jahren niemand mehr schlafen würde? Dass Menschen mit geringem Einkommen in Zukunft zwanzig Stunden am Tag arbeiten mussten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Die meisten Diskussionen wurden sehr emotional geführt und waren mit den für Internetforen üblichen Beschimpfungen verbunden.

Dann fand Marie die offizielle Web-Seite von All Day Industries. Sie klickte den Button „Die zehn am häufigsten gestellten Fragen“ an. Ein Mann und eine Frau erschienen.

„Möchten Sie, dass ich Ihre Fragen beantworte?“, fragte die Frau. Sie war blond, schlank und trug eine schicke Brille. Marie klickte auf den Mann. Daraufhin lächelte er und warf der Frau einen triumphierenden Blick zu. Er schnipste mit dem Finger und die Frau verschwand. Dann wartete er. Die Hände in die Hosentaschen seines tadellos sitzenden Anzuges gesteckt, trat er von einem Fuß auf den anderen. Das fand Marie lustig, deshalb ließ sie ihn warten. Auf der linken Seite waren zehn Fragen erschienen. Die erste lautete: Warum kann ich wach bleiben, obwohl ich keinerlei Medikamente eingenommen habe? Marie klickte auf die Frage. Der Mann schaute nach rechts, so als habe er gesehen, dass sie eine Frage angeklickt hatte und sagte: „Ah!“ Dann kam er ein Stück näher heran.

„Die Wissenschaftler von All Day Industries haben eine neue Energieform entdeckt“, sagte er verschwörerisch. „Da sich diese Energieform nur bei müden und schlafenden Menschen nachweisen ließ, wurde sie Schlafenergie genannt. Seltsam war nur, dass diese Schlafenergie abends nachweisbar war, morgens dagegen nicht. Sie schien im Schlaf irgendwie verbraucht zu werden. Es stellte sich heraus, dass unsere Träume sie verbrauchen. Wer träumen will, braucht Schlafenergie. Oder anders gesagt: Ohne Schlafenergie werden wir nicht müde, müssen wir nicht schlafen, träumen wir nicht. Darauf basiert das revolutionäre Verfahren von All Day Industries.“

Der Mann blieb wieder stehen und wartete. Er sah nach rechts, dorthin, wo die anderen Fragen angezeigt wurden. Marie ließ ihn zappeln, solange, bis er einmal laut gestöhnt hatte. Dann klickte sie eine andere Frage an: „Woher kommt die Schlafenergie und was hat es mit dem dunklen Meer auf sich?“

Wieder lächelte der Mann. Jetzt aber schnipste er mit dem Finger und ein Sessel erschien. Er setze sich und legte die Finger wichtigtuerisch aneinander. „Man weiß nicht genau, woher die Schlafenergie kommt“, begann er. „Eine Theorie besagt, dass wir Menschen selbst sie erzeugen. Eine andere geht davon aus, dass sie durch die Erdrotation entsteht. Aber genau belegen lässt sich beides nicht.“ Jetzt stand er auf. Als er noch einmal mit dem Finger schnipste, erschien hinter ihm ein Meeresstrand. Leises Rauschen drang aus den Lautsprechern von Maries Laptop. Der Himmel war dunkel und doch konnte man alles genau erkennen. „Auch wenn man nicht weiß, woher die Schlafenergie kommt“, sagte der Mann, „so haben die Wissenschaftler von All Day Industries doch ein Traumbild für die Quelle der Schlafenergie gefunden. Hier, aus diesem Meer kommen quasi all unsere Träume. Wie das möglich ist? Nun, den elektrischen Strom beispielsweise, der eine Glühlampe zum Leuchten bringt, kann man auch nicht sehen, das Licht der Glühlampe dagegen schon. Und so ist es auch mit der Schlafenergie. Sie selbst kann man nicht sehen, die Traumbilder, die sie produziert, dagegen schon. Deshalb war es möglich, das Traumbild für die Quelle der Schlafenergie zu finden, auch wenn man nicht genau weiß, woher sie kommt.“

Wieder wartete der Mann. Das dunkle Meer hinter ihm rauschte leise. Nach einem kurzen Moment bückte er sich und zog einen seiner Schuhe aus. Als sein nackter Fuß den Sand berührte, sagte er leise: „Herrlich!“ Marie wartete, bis er auch den zweiten Schuh ausgezogen hatte, dann klickte sie eine andere Frage an. „Warum muss ich während eines ADI-Traumes einen Gegenstand in das dunkle Meer werfen?“

Der Mann bückte sich und nahm seine Schuhe in die Hand. Langsam lief er am Strand des dunklen Meeres entlang. „In unseren Träumen steckt Schlafenergie“, sagte er und schaute Marie an. „Wenn wir von Menschen oder Tieren träumen, schwankt diese Schlafenergie stark. Bei allen Gegenständen aber, von denen wir träumen, ist sie unveränderlich.“ Jetzt tauchte vor dem Mann ein anderer Mann auf. In seiner Hand hielt er einen Stuhl. Er holte aus und warf den Stuhl ins Meer. Danach drehte er sich um und ging.

„Wenn ein Träumer einen Gegenstand aus seinem ADI-Traum in dieses dunkle Meer wirft“, sagte der Fragenbeantworter, „erzeugt er für eine bestimmte Zeit eine Art Kurzschluss. Die Schlafenergie fließt dann unverbraucht dahin zurück, woher sie gekommen ist. Deshalb bleibt man nach einem ADI-Traum wach, wird nicht müde, träumt nicht. Je nachdem, wie stark der Gegenstand mit Schlafenergie aufgeladen war, dauert die Kurzschlussverbindung vier bis vierzehn Tage. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Warum ein Mensch weniger Schlafenergie hat als ein anderer, weiß man noch nicht. Aber wie lange man nach einem ADI-Traum wach bleiben wird, das kann man messen lassen. Der sogenannte ADI-Wert, der in Tagen angezeigt wird, misst dabei die Schlafenergie, die sich in einem Menschen sammeln kann. Viel Schlafenergie, hoher ADI-Wert, wenig Schlafenergie, niedriger ADI-Wert.“ Der Mann schwieg und fing wieder zu warten an.

Weiter, sprich weiter, dachte Marie. Was ist mit den Menschen, die einen hohen ADI-Wert haben, die viel Schlafenergie ansammeln können? Nichts, der Mann setzte sich in den Sand und schaute auf das dunkle Meer hinaus. Marie überflog die anderen Fragen. Was kostet ein ADI-Traum? Worauf muss ich nach einem ADI-Traum besonders achten? Kann ich beliebig viele ADI-Träume hintereinander träumen? Nichts, keine Frage zu Menschen mit einem überdurchschnittlich hohen ADI-Wert. Sie gab das Stichwort in das kleine Suchfeld ein und drückte auf das Lupensymbol. „Leider konnte zu Ihrer Frage kein Treffer gefunden werden!“ Marie stockte. Wieso stand hier nichts über Leute mit einem überdurchschnittlich hohen ADI-Wert? Nicht einmal, dass es solche Leute gab. Wenn sie wirklich den höchsten ADI-Wert der Welt hatte, dann konnte sie sehr viel Schlafenergie ansammeln. Die brauchte man, um zu träumen. Aber warum träumte dann ihr Vater? Und wie konnte es ihm helfen, dass Marie den höchsten ADI-Wert hatte? Und wieso brachten die Ärzte ihren Vater nicht einfach in eine ADI-Filiale und setzten ihm die Schlafbrille auf? Mr. Phisto, sie musste ihn danach fragen. Egal, wie kompliziert das alles war, sie würde es verstehen.

Als ihr Blick auf die Uhr fiel, sah sie, dass sie bald in die Schule musste. Sie packte ihren Ranzen, duschte und schlich sich in die Küche, um sich ein Schulbrot zu machen. Während sie ein Glas Milch trank, versuchte sie sich noch einmal an ihren Traum zu erinnern, an die große Halle, die Musik ihres Vaters, aber all das war schon schwächer geworden, undeutlicher, wie ein in Sand gemaltes Bild, über das die Wellen lecken, wieder und wieder, bis alles glatt ist.

10. Kapitel

Als Marie zur Straßenbahnhaltestelle ging, hatte sich die Stadt verändert. Sie dröhnte, raste, wimmelte. Lieferwagen standen blinkend vor den Geschäften, Verladerampen wurden herunter und herauf gefahren, die Straßenbahn war so voll, dass Marie keinen Sitzplatz bekam, und die Ampeln hatten damit zu tun, die ungeduldigen Autoschlangen aufzuhalten. Natürlich war das jeden Morgen so, aber heute sah es Marie und ihr wurde ganz schwindelig davon.

Bis zur Schule brauchte sie fünfzehn Minuten oder fünf Stationen, dann musste sie fünfzig Meter zurückgehen, ehe sie durch das Tor in den Schulhof kam. „Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium“ stand über den beiden hohen Flügeltüren, die in die Eingangshalle und von dort über zwei geschwungene Treppen zu den Korridoren führten, von denen die Klassenzimmer abgingen. Zwischen den Treppen war ein Bild von Johann Sebastian Bach an die Wand gemalt worden, ein dicker, streng blickender Mann in einer blauen Jacke mit goldenen Knöpfen. Er hielt ein Notenblatt in der Hand und auf dem Kopf trug er eine komische Perücke. Diese Perücke war es wohl, die ihn für einige Schüler unwiderstehlich machte, weshalb er manchmal rote Haare trug, einen Vollbart oder eine Mütze, die ihm jemand angemalt hatte. Aber das dauerte nie lange, denn Herr Rinke, der Hausmeister, achtete auf das Bild wie auf die Nationalflagge. Er wischte es jedes Mal sofort wieder sauber, freilich nicht ohne zu fluchen und wütend vor sich hin zu zischeln. Er sprach oft davon, das Bild mit einer Videokamera überwachen zu lassen, aber alle Schüler wussten, dass das nie geschehen würde.

In den Pausen verkaufte Herr Rinke Milch in Tetrapacks aus seinem Aufenthaltsraum heraus, in dem er auch sein Werkzeug und seinen Spind hatte. Es war allgemein bekannt, dass Herr Rinke niemals lachte. Er gab allen das Gefühl, die Schule gehöre ihm persönlich. Jeden Schüler, egal welchen Alters und Geschlechts, hielt er für einen potenziellen Straftäter. Das Schlimmste aber war, dass Herrn Rinkes Nasenflügel eigentümlich nach oben gebogen waren und man deshalb die schwarzen Haarbüschel sah, die ihm in der Nase wuchsen. Das fanden die meisten Schüler schrecklich.

Marie jedoch kümmerte sich nicht um solche Details. Sie versuchte, Herrn Rinke möglichst nicht zu begegnen, und wenn sie an ihm vorbei musste, dann grüßte sie ihn. Anders als Jelena aber bemerkte sie nicht, dass er nie zurückgrüßte. Es war ihr egal, Jelena jedoch regte sich jedes Mal darüber auf.

Als Marie an diesem Montagmorgen in den Klassenraum kam, sagte Hanna kein Wort. „Was ist los?“, fragte Marie. Keine Antwort. „Na los, nun sag schon!“

„Nichts ist los“, antwortete Hanna und tat so, als suche sie etwas. „Ich rede nicht mehr mit der und mit allen, mit denen sie verkehrt.“ Hanna warf Jelena einen wütenden Blick zu.

„Was soll das heißen?“, fragte Marie.

„Lass mich einfach in Ruhe“, antwortete Hanna. Marie ging zu Jelena, konnte jedoch nicht herausfinden, worüber sich die beiden gestritten hatten. Der Streit zog sich den ganzen Tag hin, so sehr Marie sich auch bemühte, ihn zu schlichten. Nichts nervte sie mehr als Krieg zwischen ihren beiden besten Freundinnen.

Es war ein anstrengender, ein langweiliger, ein heißer Montag. Marie fühlte sich wieder einmal fremd in der Schule, fremd selbst zwischen ihren besten Freundinnen.

Deshalb war sie froh, als die Schule endlich vorbei war und sie über den Schulhof ein paar Straßen weiter in den Stadtpark zu ihrer Tennisanlage laufen konnte. Ihr Spind, die Duschen, die Tennisschuhe, Schweißband, Schläger, Bälle: Hier war ihre Welt, hier gehörte sie hin, hier fühlte sie sich sicher. Hier verstand sie, was vor sich ging. Dieses Spiel, für das man Technik, Ausdauer, Einfühlungsvermögen, Strategie und Kampfgeist benötigte, liebte Marie. Niemand hatte sie dazu überreden müssen, ihre Mutter nicht und nicht ihr Vater. Sie spielten beide nicht, sie verstanden nichts davon. Eines Tages hatte Marie ein paar Probestunden genommen, seitdem war es um sie geschehen. Allein auf dem Platz zu stehen und in Sekunden zu reagieren, Entscheidungen zu treffen, ihre Gegnerin einzuschätzen, vorauszusehen, was sie als Nächstes tun würde, und selbst etwas zu planen, was nicht vorhersehbar war, das gefiel ihr. Die Regeln standen fest, es gab einen Schiedsrichter und bei größeren Turnieren Linienrichter, die im Zweifelsfall entschieden. Alles war festgelegt und doch gab es innerhalb dieser Regeln unendlich viele Möglichkeiten zu gewinnen oder zu verlieren.

Es war heiß, die Sonne stand hoch, Marie trainierte ein wenig an der Ballwand. Ihr Körper jubelte, als sie den ersten Ball traf. Jeder Muskel, jede Sehne, jede Faser ihres Körpers jubelte, denn, weil es gestern kein Punktspiel gegeben hatte, hatte Marie am Wochenende nicht gespielt. Und dann kam er: Herr Ritter, ehemaliger Profispieler, Platz 81 der Weltrangliste, aber nie ein großes Turnier gewonnen. Eigentlich trainierte er nur die ältere Jugend, aber bei Marie machte er eine Ausnahme. Er redete nicht viel, versuchte nie, nett zu sein oder sich einzufühlen, so wie ihre frühere Trainerin Dunja. Er hatte oft schlechte Laune, dann jagte er Marie über den Platz und schimpfte mit ihr, wenn sie die Rückhand nicht mit genügend Topspin spielte oder am Netz nicht traf. Komischerweise mochte Marie ihn trotzdem. Oder gerade deshalb. Heute winkte er ihr nur kurz zu und zeigte auf einen der Plätze. Sie schlugen ein paar lange Bälle. Marie merkte sofort, dass er schlechte Laune hatte. Er donnerte einen ihrer Bälle so hart zurück, dass ihr fast der Schläger aus der Hand fiel. Dann winkte er sie ans Netz.

„Du hattest gestern kein Match?“, fragte er.

Marie schüttelte den Kopf. „Dann werden wir das heute nachholen. Für jedes Spiel, das du gewinnst, gibt es fünfzehn Minuten gratis Training. Für vier gewonnene Spiele also eine Gratistrainingsstunde. Okay?“

„Okay“, sagt Marie. Sie merkte, dass ihr die Begegnung mit Mr. Phisto, der Besuch im Krankenhaus und der heutige Schultag im Körper saßen und im Kopf, sie musste spielen, um all das loszuwerden.

Herr Ritter schlug auf und begann das Match mit einem Ass. Egal, Marie merkte, wie ihr Kampfgeist erwachte. Natürlich hatte sie gegen diesen Gegner keine Chance, aber gerade das machte sie frei. Schon ihr erstes Aufschlagspiel brachte sie durch. Sie ließ sich nicht einschüchtern. Ihr gelangen ein paar gute Passierschläge, als Herr Ritter ans Netz lief, und sogar ein paar Lobs. Dann, nach einem harten ersten Aufschlag, lief sie selbst ans Netz und schloss mit einem Volley ab. Sie merkte, dass Herr Ritter anfing, vorsichtiger zu spielen. Er gewann den ersten Satz mit sechs zu drei. Marie hatte ihm eine Dreiviertelstunde Gratistraining abgezwungen.

Sie trank Wasser, wischte ihr Griffband ab, lächelte und machte sich an den zweiten Satz. Herr Ritter spielte jetzt ein aggressives Grundlinienspiel. Er jagte sie hin und her, vor und zurück und machte sie so müde. Seine Beine waren doppelt so dick wie ihre, seine Arme auch. Er hatte einfach mehr Ausdauer. Und doch gab Marie nicht auf. Sie lief nach jedem Ball, sie verausgabte sich völlig. Sie brachte Herrn Ritter an den Rand der Verzweiflung, als sie zweimal hintereinander einen superkurzen Stoppball erlief.

Da draußen war die Stadt, da war ihr Vater, gefangen in einem Traum, da war ihre aus der Bahn geworfene Mutter, da war Mr. Phisto, von dem man nicht wissen konnte, was er wirklich wollte, ob er Freund oder Feind war. Aber hier, hier auf diesem umzäunten Feld, hier funktionierte Marie, hier gehorchte ihr Körper ihren Befehlen, hier sah sie voraus, wohin der Ball fliegen würde, hier konnte sie Richtung und Geschwindigkeit bestimmen. Herr Ritter fing zu fluchen an und schlug einmal sogar mit dem Schläger auf das Netz.

Er gewann den zweiten Satz knapp mit sechs zu vier. Fast zwei Stunden musste er Marie jetzt umsonst trainieren. Sie gratulierte ihm mit zitternden Händen und ging in die Umkleidekabine. Ihre Füße brannten, als sie die Schuhe auszog. Unter der Dusche liefen ihr ein paar Tränen übers Gesicht. Sie beachtete sie nicht. Das kam manchmal vor, wenn sie sich so verausgabt hatte. Dann vergoss sie ein paar Tränen, und erst danach fühlte sie sich leer, aber zufrieden.

In der Straßenbahn spürte sie die Erschöpfung, die sich langsam in ihrem Körper ausbreitete. Die Stirn an die Fensterscheibe gelehnt, sah sie die neben der Straßenbahn herfahrenden Autos, wie Fischschwärme, die einem Schiff folgten.

Zu Hause sah sie Onkel Pauls Auto in der Auffahrt. Sie lief in den Garten, da saß er und unterhielt sich mit ihrer Mutter. Er redete schneller und lauter als sonst. Seit Hannes in der Klinik war, kam er oft vorbei. Aber er wusste nicht, wie er Regine helfen konnte. Er hatte keine Frau und keine Kinder. Es ist alles meine Schuld, hatte er einmal gesagt, aber Regine hatte nur den Kopf geschüttelt. Nachdem Marie ihn umarmt und geküsst hatte, fragte sie: „Wie geht es dir?“

„Ich habe heute Nacht nach elf Tagen wieder geschlafen“, antwortete Onkel Paul. „Ich hatte mir vor Hannes’ Geburtstag das erste Mal auch einen ADI-Traum gekauft.“

„Ach ja?“ Marie nahm einen Keks und dachte an Mr. Phisto und den Traum ihres Vaters. „Wie war es, so lange wach zu sein?“, fragte sie mit vollem Mund.

Onkel Paul trank einen Schluck Kaffee. Er sah sie an und wiegte den Kopf hin und her. „Anfangs war es toll. Ich habe mich jung gefühlt, jung und unbesiegbar. Ich konnte telefonieren, arbeiten, reden, organisieren, alles, was ich gerne mache. Ich bin die ganze Zeit im Hotel gewesen.“ Er lachte und trank wieder Kaffee.

„Und dann?“, fragte Marie.

„Nach etwa 40 Stunden ist mir das erste Mal schwindelig geworden. Natürlich wusste ich, dass man Pausen machen muss, dass man sich massieren lassen oder meditieren kann und so weiter. Ich habe vorher alles darüber gelesen, es steht ja auch überall, aber ich hatte es trotzdem vergessen. Man achtet einfach nicht mehr auf die Zeit. Ich bin also los. Es war mitten in der Nacht. In einer ADI-Lounge habe ich mich massieren lassen und ein heißes Bad genommen und all das. Danach ging es mir wieder gut.“

„Und stimmt es“, fragte Marie, „dass man dort nachts die seltsamsten Leute trifft? Papa hat das immer erzählt.“

„Naja, sie waren nicht seltsamer als ich, würde ich sagen.“ Onkel Paul lachte noch einmal. „Einer hat mir erzählt, dass er seit 90 Tagen nicht geschlafen hat, weil er auf diese Weise seine Lebenszeit verlängern will. Keine Ahnung, ob das stimmt. Auf jeden Fall lässt man ziemlich viel Geld in diesen ADI-Lounges. Ich glaube, wenn man regelmäßig längere Zeit wach ist, kann Wachsein eine sehr kostspielige Angelegenheit sein.“

„Und weiter?“, fragte Marie.

„Was weiter?“

„Du hast gesagt, anfangs war es toll. Das heißt, später dann nicht mehr. Warum nicht?“

Onkel Paul schwieg einen Moment und sah Regine an. Er nahm noch einen Keks und kaute gedankenversunken darauf herum. „Wenn man nicht schläft, hat man sehr viel Zeit, sich Sorgen zu machen“, sagte er. „Die Sache mit Hannes hat mich nicht losgelassen. Ich habe gegrübelt und gegrübelt. Ich konnte nichts dagegen tun. Am Schluss habe ich das Ende meiner Wachzeit wirklich herbeigesehnt.“

„Also war es nicht so toll?“, fragte Marie.

„Nicht so richtig“, sagte Onkel Paul.

Sie schwiegen einen Moment. Marie fragte sich, wie es wäre, 113 Tage wach zu sein. Das war mehr als ein Vierteljahr. Nach dem, was Onkel Paul erzählt hatte, würde es für sie wahrscheinlich die Hölle sein. Sie rührte selbstvergessen in ihrem Tee. Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Als sie neben ihrem Vater geschlafen hatte, welchen Traum hatte sie da geträumt? War sie in seinem Traum gewesen oder er in ihrem? Und warum hatte Mr. Phisto darauf bestanden, dass sie in die Klinik kam? Warum hatte sie nicht zu Hause von ihrem Vater träumen können? Hatte das alles mit der Schlafenergie und ihrem hohen ADI-Wert zu tun? Sie musterte Onkel Paul. Von Berufs wegen wusste er vieles, und wenn er etwas nicht wusste, dann kannte er jemanden, der es wusste. Genau diese Tatsache wollte sie sich zunutze machen.

Als Regine in die Küche ging, um Milch zu holen, fragte Marie ihren Onkel: „Kennst du jemanden, der etwas über Träume weiß?“

„Nein, warum?“

„Schule“, log Marie, „das ist eine Aufgabe für die Schule.“

„Bis wann brauchst du es denn?“

„So schnell wie möglich.“

„Morgen habe ich Frühdienst. Ruf mich bis mittags um zwölf an, dann sage ich dir, wer der größte Traumspezialist der Stadt ist.“

So war Onkel Paul: Er stellte nicht tausend Fragen, suchte nicht tausend Ausflüchte, er lächelte kurz und dann tat er, was getan werden musste. Deshalb liebte Marie ihn so sehr.

Als er gegangen war, trugen Marie und Regine das Geschirr aus dem Garten in die Küche, ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Als sie aber das Geschirr abgestellt hatte, nahm Regine Marie in den Arm und sagte, sie wären alle im Moment ein bisschen durcheinander, dann küsste sie Marie auf die Stirn. Marie umarmte ihre Mutter und hielt sie fest. Dann ging sie in ihr Zimmer, ließ sich aufs Bett fallen und schlief sofort ein.

11. Kapitel

Am Morgen schreckte sie aus einem Traum hoch. Mr. Phisto, das war alles, woran sie sich erinnerte. Sie duschte länger als sonst und trödelte in der Küche. Das gestrige Match gegen Herrn Ritter steckte ihr noch in den Knochen und machte sie müde. Regine war schon in die Boutique gefahren, hatte aber das Frühstück für sie auf dem Tisch stehen lassen. Ein gekochtes Ei und Müsli. Auf dem Weg in die Schule hielt Marie nach Mr. Phisto Ausschau. Er hatte ihr versprochen, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Wo war er also? In ein paar Tagen sollte ihr Vater wieder wach sein. Was immer sie dafür tun musste, es wurde Zeit, dass sie damit anfing.

Entgegen ihren Erwartungen flog die Zeit dahin an diesem Tag. Das lag vor allem daran, dass sich Hanna und Jelena wieder versöhnt hatten. Weil es immer noch heiß war, kam zur Krönung in der großen Pause ein Eiswagen an den Schulhof gefahren und Hanna, die immer Geld und Hunger hatte, spendierte Jelena und Marie ein Eis.

„So viele Kugeln, wie ihr wollt“, sagte sie. Jelena wollte zwei, Marie auch, Hanna spendierte sich fünf. Zu dritt saßen sie und leckten ihr Eis, als Marie an Onkel Paul denken musste. Verdammt, wie hatte sie ihn nur vergessen können? Egal, sie musste ihn anrufen, und zwar schnell, denn erstens war die Pause gleich vorbei und zweitens war es schon nach zwölf. Wenn sie Onkel Paul also noch erwischen wollte, musste sie sich beeilen. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und stellte fest, dass der Akku leer war. Verdammt!

„Ich muss dringend telefonieren, hat jemand ein Handy?“

„Nö“, sagte Hanna und leckte selbstvergessen weiter.

„Karl hat eins“, sagte Jelena und zeigte auf den Schulhof. Und wirklich, da stand Karl und telefonierte. Er war ein Jahr älter als Marie, Jelena und Hanna und sah überdurchschnittlich gut aus. Das musste selbst Hanna zugeben, die fand, er habe etwas von Johnny Depp. Und wirklich, als Marie ihn jetzt etwas länger betrachtete, fand sie das auch. Sein Gesicht war fein geschnitten, er hatte eine besonders gerade Nase, sein Haar war schwarz und ein bisschen strubbelig. Anders als Johnny Depp aber hatte er blaue Augen. Schwarze Haare, blaue Augen, das kam seltener vor als schwarze Haare und braune Augen. Marie hatte braune Augen zu blonden Haaren. Ihre Augenfarbe passte zu seinen Haaren und seine Augenfarbe zu ihren.

„Kannst du ihn fragen, Jelena?“, bettelte Marie.

Jelena schüttelte den Kopf: „Ich kenne ihn zwar, aber fragen, nee.“

„Warum nicht?“, bohrte Marie.

„Aus dem gleichen Grund, aus dem du nicht fragen willst: Ich trau mich heute nicht.“

Verdammt, Jelena konnte manchmal so brutal ehrlich sein, dass einem nichts weiter übrig blieb, als selbst zu handeln. Also los, es musste sein, es gab keine andere Möglichkeit. Marie reichte Hanna ihr Eis. Die sah sie verwundert an, weil sie dachte, Marie wolle es nicht mehr essen, das konnte Hanna nicht verstehen. Dann ging Marie mit schnellen Schritten auf Karl zu, blieb abrupt vor ihm stehen, sodass Karl sie verdutzt ansah, und fragte ihn, ob sie sein Handy borgen dürfe. Ihre Frage klang genervt, als habe sie Karl schon gefragt, ob sie seine Schuhe, seinen Füller, seinen Ranzen, sein T-Shirt und sonst tausend Dinge borgen dürfe, und jedes Mal habe er nein gesagt. Nun fragte sie ihn eben nach dem Handy. Wahrscheinlich verstand er deshalb nicht gleich, was sie wollte.

„Das Handy“, sagte Marie halblaut.

Karl war so von ihrem Auftritt verwirrt, dass er ihr wortlos das Handy hinhielt. Marie nahm es ohne Kommentar, ging ein Stück beiseite und wählte. Die Nummer hatte sie im Kopf, sie war einfach. Das teuerste Hotel der Stadt hatte selbstverständlich eine leicht zu merkende Nummer. Als Onkel Paul Maries Stimme erkannte, lachte er.

„Du hast dir Zeit gelassen, ich habe eigentlich schon Feierabend. Also, machen wir es heute kurz, hier ist gerade mächtig was los. Es gibt einen Professor Monroe, er ist der größte Spezialist für Träume und alles, was damit zusammenhängt. Hast du was zu schreiben, ich geb dir die Adresse?“

„Nein, warte.“ Marie sah sich Hilfe suchend um. Der Einzige aber, der in ihrer Nähe stand und sie misstrauisch beobachtete, war Karl. „Kannst du was aufschreiben?“, fragte sie. Karl nickte, immer noch deutlich verwirrt.

Er kramte einen Bleistiftstummel aus der Hosentasche und einen zerknüllten Kassenzettel und sah Marie an zum Zeichen, dass er bereit war. Marie diktierte ihm die Adresse und sagte zu Onkel Paul, dass er der Größte sei. Onkel Paul lachte und erwiderte: „Pass auf dich auf, Marie, wir sehen uns bald.“ Er machte sich Sorgen um sie wegen Hannes.

Sie gab Karl das Handy wortlos zurück, so als habe er gewollt, dass sie damit telefonierte. Schließlich nahm sie ihm den Zettel aus der Hand und ging wieder zu ihren Freundinnen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, aber das schienen weder Jelena noch Hanna zu bemerken. Sie starrten sie an und das Eis lief ihnen über die Hände. Es war wirklich ein großartiger Tag.

Als Marie wieder in ihrem Klassenzimmer saß und ihr Hausaufgabenheft aufschlug, um zu schauen, was sie heute noch alles zu erledigen hatte, fand sie einen kleinen Zettel, der mit derselben geschwungenen Schrift beschrieben war wie die Visitenkarte, die Mr. Phisto ihr gegeben hatte. „Komm gleich nach der Schule in den Stadtpark. Mr. Phisto, Agent der Nacht.“

Marie sah sich um. Wie war dieser Zettel in ihr Hausaufgabenheft gekommen? War Mr. Phisto hier gewesen? Sie stand auf und schaute aus der Tür des Klassenzimmers in den Flur. Nur Schüler und Frau Leune, die Direktorin der Schule, waren zu sehen. Mr. Phisto musste den Zettel in der großen Pause dorthin gelegt haben. Eine andere Erklärung gab es nicht.

Nach dem Unterricht verabschiedete sie sich sofort von ihren beiden Freundinnen und lief in Richtung des Stadtparks. Es war Mittagszeit, auf den Wiesen spielten Jungs der Parallelklassen Fußball, Mütter mit ihren Kindern saßen auf Decken, Männer in Anzügen aßen gehend zu Mittag, Hunde sprangen umher, das übliche Stadtparkgewimmel. Marie stellte sich in den Schatten eines Baumes direkt am Ententeich und wartete. Sie beobachtete alles genau. Leute, die vorbeigingen, die auf der Wiese lagen, die Federball spielten, die Enten, die Hunde, einfach alles. Da, da kam er, immer noch mit dem schwarzen Hut und dem schwarzen Anzug. Marie lief schnell auf ihn zu, damit ihr Mr. Phisto nicht wieder entwischte. Diesmal musste er ihre Fragen beantworten. Sie begann zu rennen. Mr. Phisto drehte sich zu ihr um und winkte sie heran. Als sie ihn erreichte, fragte sie ohne Gruß: „Habe ich den Traum meines Vaters geträumt oder er meinen?“

Mr. Phisto starrte sie einen Moment lang mit seinen grünen Augen an. Er schien überrascht. „Du hast seinen Traum geträumt und jetzt musst du den Traum dieser Frau träumen.“ Er zeigte auf eine Frau in einem blauen Kostüm, die etwa sieben, acht Meter vor ihm ging.

„Was?“, keuchte Marie.

„Folge dieser Frau“, sagte Mr. Phisto noch einmal.

„Folgen und dann?“, fragte Marie.

„Leg dich neben sie, träume ihren Traum, finde eine Pfeife in ihrem Traum und lege sie an den Strand des dunklen Meeres! Geh!“

Marie wusste nicht, was sie denken sollte. Eine Pfeife? Was für eine Pfeife? Es dauerte einen Moment, bis sie verstand, was Mr. Phisto gerade gesagt hatte. Sie sollte träumen, den Traum dieser Frau. Konnte sie das? Konnte sie jeden x-beliebigen Traum träumen? War das nicht eine Sache der Familie?

„Wie soll ich das denn machen? Und was für eine Pfeife und wieso ans dunkle Meer?“, fragte sie. „Dazu muss man einen ADI-Traum träumen. Und ich bin noch nicht achtzehn und außerdem möchte ich nicht 113 Tage wach sein müssen.“

Mr. Phisto schüttelte energisch den Kopf. „Du sollst die Pfeife nicht ins dunkle Meer werfen, sondern an den Strand legen. Denk einfach in dem Traum der Frau an das dunkle Meer, dann wirst du auch hinkommen. Nur fest daran denken. Geh, na los!“

„Aber sie schläft nicht, wie soll ich da ihren Traum träumen?“, protestierte Marie.

„Du musst sie berühren. Nimm ihre Hand oder ihr Handgelenk. Du hast mehr Schlafenergie als jeder andere Mensch, du kannst jeden einschläfern, auch dich selbst. Jetzt mach schon, lauf ihr nach und finde eine Möglichkeit, ihren Traum zu träumen. Nur so kannst du deinem Vater helfen. Los!“

Verwirrt schaute sich Marie nach der Frau um. Sie war schon fast am Ende der Wiese angekommen. Maries Blick wanderte zwischen Mr. Phisto und der Frau in dem blauen Kostüm hin und her. Was sollte sie tun? Einerseits hatte sie viele Fragen, die sie Mr. Phisto gerne gestellt hätte, andererseits wollte sie ihrem Vater helfen und dazu durfte sie die Frau in dem blauen Kostüm nicht aus den Augen verlieren.

„Wenn du jetzt nicht gehst, ist es zu spät“, sagte Mr. Phisto.

Marie rannte los. Sie warf sich den Ranzen über die Schulter und lief und lief. Sie erreichte die Frau in dem blauen Kostüm am Ende des Parks. Ihre Schritte verlangsamend, folgte sie ihr eine Straße entlang, vorbei an großen Villen, prächtigen Gärten und hohen Zäunen. Der Asphalt flimmerte in der Mittagsglut. Irgendwo hörte man einen Rasensprenger, sonst nur das Geschrei aus dem nahen Stadtpark. Ein Motorrad fuhr dröhnend vorbei und in irgendeinem Garten bellte ein Hund. Die Frau ging bis zum Ende der Straße, blieb stehen, öffnete einen Briefkasten, nahm die Post heraus und verschwand hinter einem Zaun. Marie folgte ihr bis zu dem Gartentor, durch das sie gegangen war. Sie sah noch, wie die Frau die Eingangstür der Villa aufschloss und hineinging.

Was jetzt? Was sollte sie tun? Wie sollte sie den Traum dieser Frau träumen? Sie konnte doch nicht klingeln und sie fragen, ob sie neben ihr schlafen durfte. Aber wie sollte sie ins Haus kommen? Verstecken! Sie konnte sich irgendwo verstecken, im Garten vielleicht, und darauf warten, dass sich ihr eine Gelegenheit bot, unbemerkt ins Haus zu kommen. Das war ihre einzige Chance. Das würde aber zur Folge haben, dass sie erst mitten in der Nacht nach Hause käme. Regine würde sich große Sorgen machen und die Polizei rufen. Egal, um solche Details konnte sich Marie jetzt nicht kümmern. Auf der Straße war niemand zu sehen.

Sie öffnete die Gartentür und ging den Weg bis zum Haus. Der Schotter knirschte unter ihren Schuhen. Es kam ihr unglaublich laut vor. Die ganze Zeit sah sie sich nach allen Seiten um, konnte aber niemanden entdecken. Vor der reich verzierten Tür blieb sie kurz stehen. Was jetzt?

Rechts am Haus vorbei führte ein kleiner Weg. Vielleicht gab es hinterm Haus im Garten eine gute Möglichkeit, sich zu verstecken. Marie lief über eine Wiese, dann nahm sie den kleinen Weg, der zwischen Haus und Zaun am Nachbargrundstück entlang führte. Als sie den Garten hinterm Haus sah, sank jedoch ihr Mut. Rasen, ein kurz geschnittener, saftig grüner Rasen, in dessen Mitte ein blau gekachelter Swimmingpool eingelassen war, das war der Garten. Links und rechts Fliederbüsche und ein paar Tannen, doch wenn sich Marie dort versteckte, riskierte sie, von den Nachbarn bemerkt zu werden. Am Haus entdeckte sie eine Terrasse, deren große Glastür offen stand. Sie wartete und lauschte. Alles war still. Sollte sie es wagen? Sollte sie tatsächlich den Versuch unternehmen, sich im Haus zu versteckten? Im Keller vielleicht, jetzt sofort, solange alles still war?

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie langsam an der Wand des Hauses entlang vorwärts schlich. Oh Gott, wenn jetzt jemand kommt! Sie schaute durch die Glastür in ein großes Wohnzimmer. Vorne, der Glastür gegenüber, standen drei Ledersofas im Karree um einen Couchtisch, auf einem lag die Frau in dem blauen Kostüm. Als Marie sie sah, erschrak sie so sehr, dass sie beinah geschrien hätte. Im letzten Moment hielt sie sich selbst den Mund zu. Sie sah sich noch einmal um, ob man von den Nachbarhäusern aus auf die Terrasse sehen konnte. Langsam näherte sie sich der Terrassentür. Was war, wenn die Frau jetzt aufwachte? Dann musste Marie ihr Handgelenk packen. Aber wie sollte sie das anstellen?

Auf Zehenspitzen betrat sie das Wohnzimmer. Sie wagte kaum, den Blick zu heben. Ihr Herz drohte ihr aus der Brust zu springen. Sie hielt die Luft an. Wie sollte sie so schlafen? Undenkbar. Sie war viel zu aufgeregt. Ebenso gut hätte man einem Ertrinkenden den Befehl geben können zu schlafen.

Dann aber hörte sie den gleichmäßigen Atem der Frau in dem blauen Kostüm. Und dieser Atem war es, der sie sofort beruhigte. Sie legte sich auf den weichen Teppich. Stimmte es, konnte sie jeden Menschen einschläfern, auch sich selbst? Sie umfasste mit der rechten Hand ihr linkes Handgelenk. Geschah etwas? Wurde sie müde? Es schien zu funktionieren, denn sie konnte sich später nicht daran erinnern, wie sie eingeschlafen war.

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Yaş sınırı:
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270 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711448601
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Bookwire
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