Kitabı oku: «Abenteuer Tiefe»

Yazı tipi:

ABENTEUER
TIEFE

DIE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE DES MANNES, DER DIE TITANIC ENTDECKTE

ROBERT D. BALLARD

CHRISTOPHER DREW


IMPRESSUM

Verantwortlich: Susanne Caesar

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Susanne Döllner, Katharina Franke, Barbara Jilek, Marian Singer

Lektorat: Dr. Juliane Braun

Korrektorat: Constanze Lüdicke

Satz: satz & repro Grieb, München

Umschlagadaption: Nina Andritzky

Herstellung: Bettina Schippel

Printed in Slovenia by Florjancic

Unser komplettes Programm finden Sie unter

In diesem Buch wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und andere Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Reproduktionen, Speicherungen in Datenverarbeitungsanlagen oder Netzwerken, Wiedergabe auf elektronischen, fotomechanischen oder ähnlichen Wegen, Funk oder Vortrag, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Copyrightinhabers.

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Titel der englischen Originalausgabe: Into the Deep. A memoir from the man who found Titanic

Text Copyright © 2021 Odyssey Enterprises, Inc. All rights reserved.

Layout Innenteil: Nicole Miller

Deutsche Ausgabe veröffentlicht von NG Buchverlag GmbH, Infanteriestr. 11a, 80797 München. Lizenznehmer von National Geographic Partners, LLC

This edition is published by NG Buchverlag GmbH through licensing agreement with National Geographic Partners, LLC.

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-86690-781-2

eISBN 978-3-86690-810-9


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Für Barbara

INHALT

Prolog

Kapitel 1 | AUF DEN SPUREN VON NEMO

Kapitel 2 | SCHWEIZER TASCHENMESSER

Kapitel 3 | WEG IN DIE WISSENSCHAFT

Kapitel 4 | ZEIT FÜR NEUE LEHRBÜCHER

Kapitel 5 | DIE NAVY UND ICH

Kapitel 6 | GOTTE SEGNE DIESE SEELEN!

Kapitel 7 | ZEIT FÜR EINE BILANZ

Kapitel 8 | EINE ASCHENPUTTEL-GESCHICHTE

Kapitel 9 | AUSSER GEFECHT

Kapitel 10 | EINE NEUE PARTNERSCHAFT

Kapitel 11 | EIN NEUES SPIEL

Kapitel 12 | MISSION IM SCHWARZEN MEER

Kapitel 13 | NAHAUFNAHMEN DER VERGANGENHEIT

Kapitel 14 | ICH WERDE KAPITÄN NEMO

Kapitel 15 | WAS DIE NAUTILUS VERMOCHTE

Kapitel 16 | SELBSTFINDUNG

Kapitel 17 | DIE SUCHE NACH AMELIA

Epilog

Expeditionen, Publikationen & Medien

Dank

Quellenangaben

Register

Bildnachweise

Über die Autoren


PROLOG

Es war einer der Höhepunkte meines Lebens. Wir hatten am Meeresboden in fast vier Kilometern Tiefe im eisigen Wasser des Nordatlantiks das Wrack der Titanic gefunden und damit einen Medienrummel ausgelöst. Namhafte Nachrichtensprecher, Talkshow-Moderatoren und Journalisten überall auf der Welt rissen sich um ein Interview mit mir – dem Mann, der ein 73 Jahre altes Rätsel gelöst hatte; dem Entdecker des berühmtesten Schiffswracks der Welt. Erst als ich wieder in meinem Landhaus auf Cape Cod war, merkte ich, dass ich all das noch gar nicht mit meinen Eltern hatte teilen können.

Da klingelte das Telefon. Ein Anruf aus Kalifornien: meine Mutter. Seit meiner Kindheit war sie immer meine größte Unterstützerin gewesen. Sie hatte mir nach Stürzen aufgeholfen, mich in meinen Träumen bestärkt und die nötige Disziplin gelehrt, um Meeresforscher zu werden.

»Dein Vater, deine Schwester und ich haben alles mitbekommen«, sagte sie. »Alle Fernsehsender berichten und ständig klingelt das Telefon, weil sich Freunde und Verwandte bei uns melden.« Ich lehnte an der Küchentheke und ließ alles auf mich wirken. Dann änderte sich ihr Tonfall.

»Aber es ist doch zu schade«, sagte sie. »Von jetzt an wird sich niemand mehr an deinen Namen erinnern können, ohne gleich an diesen rostigen alten Kahn zu denken.«

»Dieser rostige alte Kahn.« Den Ausdruck habe ich bis heute im Ohr. Und wissen Sie was? Sie hatte recht – Mütter haben immer recht. Wer heute den Namen Bob Ballard hört, denkt sofort an »den Entdecker der Titanic«. Zweifellos war das ein einmaliges Erlebnis und eine Leistung, auf die ich stolz bin. Und dabei steckt doch hinter meiner Geschichte weit mehr als das:

Die Entdeckung neuer Existenzformen, wodurch unsere Definition von Leben auf der Erde – und vielleicht auch darüber hinaus – weiter gefasst werden musste.

Das Finden anderer versunkener Schiffe – Lusitania, Bismarck, Yorktown, PT-109 – und damit die Antwort auf viele Fragen über ihr Schicksal und das der Menschen, die mit ihnen versanken.

Das Nachzeichnen antiker Handelswege im Mittelmeer und im Schwarzen Meer, die Bergung wertvoller antiker Artefakte und die Bestätigung von Hypothesen über eine große Flut zu biblischen Zeiten.

Die Entwicklung von Robotern, die in der Lage sind, den Meeresboden rund um die Uhr zu durchkämmen. Und deren Videosignale bessere Einblicke ermöglichen als alles, was wir durch bemannte Tauchboote gewinnen können.

Die Einführung von Telepräsenz für Kinder aus aller Welt, die so das Gefühl bekommen, live vor Ort zu sein. Auch wenn sie nie zuvor ein Boot betreten oder offene Gewässer gesehen haben, können sie den Meeresboden erkunden und dabei Wissenschaftlern zuhören.

Es gibt so viele Geschichten – voller Abenteuer, Wagnisse, Nervenkitzel und Gefahren. Hinzu kommt meine eigene Selbstfindung: Ich lernte, das Versagen als größten Lehrmeister zu akzeptieren und mir ehrgeizige Ziele zu setzen, die mir bei der Realisierung meiner Träume halfen. Warum einer von vielen sein? Warum den Dreitausender besteigen, wenn niemand den Achttausender daneben in Angriff nimmt?

Vielleicht kennen auch Sie mich nur als den Entdecker »dieses rostigen alten Kahns«. Dann lassen Sie mich Ihnen jetzt den Rest erzählen.

KAPITEL 1
AUF DEN SPUREN VON NEMO

Ich war noch ein Kind und strotzte nur so vor Energie, als ich zum ersten Mal die Gezeitentümpel an der südkalifornischen Küste für mich entdeckte. Jeden Tag, wenn sich das Meer bei Ebbe zurückzieht, bleibt eine ganze Menagerie von gestrandeten Meerestieren in jedem Winkel und jeder Vertiefung zurück, die dann beim nächsten Gezeitenwechsel wieder fortgespült wird. Wie ein Schauspiel, bei dem alle zwölf Stunden die Besetzung ausgetauscht wird. Mal sehen wir Seeigel oder einen kleinen Oktopus, der versucht, sich vor uns zu verstecken, dann wieder eine Ansammlung von Schnecken und kleinen Fischen. Vielleicht auch eine Krabbe, die erbitterten Widerstand leistet, wenn man sie aufheben möchte, oder eine Seeanemone, die sich im sanften Spiel des Wassers verführerisch auf und ab wiegt.

Ich liebte es, an der Küste entlangzulaufen und dabei Muscheln oder auch mal eine von Seepocken bedeckte Fischerkugel aufzuheben – bis heute sammle ich gern Strandgut. In der Grundschule überlegte ich mir, wie ich einen Kleiderbügel so zurechtbiegen könnte, um Rasiermessermuscheln aus dem Sand zu fischen. Ich brannte darauf zu entdecken, wie weiter entfernte Strandabschnitte aussehen könnten – vielleicht wartete ja schon hinter der nächsten Landspitze etwas Geheimnisvolles auf mich.

Bei einem Strandausflug mit meinem Vater und meinem älteren Bruder Richard fand ich im zarten Alter von zwei Jahren das erste Mal Geschmack am Meer – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit großen Augen bestaunten wir den Ozean, als sei es das Tollste, was wir je gesehen hätten, so erzählte Dad später. Und noch ehe er uns aufhalten konnte, stürzten wir uns auch schon kopfüber in die Brandung. In Sekundenschnelle hatten uns die Wellen herumgewirbelt; während Dad uns zurück auf den trockenen Sand schleifte, lernte ich so die erste Lektion, die das Meer für mich bereithielt.

Zu dieser Zeit ging man als Kind in Südkalifornien nur zum Essen und Schlafen ins Haus, und kaum war ich wieder zur Tür hinaus, konnte mich nichts und niemand mehr aufhalten. Ich war ein echtes Energiebündel, und wenn Richard und ich unsere Zeit nicht am Strand verbrachten, war ich draußen im Garten und setzte mich über alle möglichen Einschränkungen hinweg. Hinter dem Haus, in dem ich meine ersten Jahre verbrachte, befand sich ein Garten mit einem 1,80 Meter hohen Zaun und einem alten Hühnerstall. Eines Tages erhielt meine Mutter, die mich hinter dem Haus vermutete, den Anruf eines Lebensmittelhändlers aus der Nachbarschaft, der erklärte, ich sei gerade in seinem Laden aufgekreuzt. Ich wurde abgeführt, bekam den Hintern versohlt und landete wieder draußen im Garten. Bald rief der Händler erneut an, inzwischen etwas verärgert. Ich war schon wieder bei ihm. Es stellte sich heraus, dass ich in der Seitenwand des Hühnerstalls ein Astloch entdeckt hatte, über das ich aufs Dach und von dort aus über den Zaun klettern konnte.

Das nächste Mal plumpste ich dabei jedoch direkt in die Arme meiner Mutter, die mich bereits erwartete.

Aber so schnell gab ich nicht auf; ein anderes Mal baumelte ich, als sie mich entdeckte, an den Hosenträgern vom Zaun herab. Da band sie mich mit einem Seil am Wäscheständer fest. »Wie ein Hündchen«, jammerte ich. Ich war hyperkinetisch, so nannte man das damals. Meine Mutter unterstützte mich immer, doch manchmal verzweifelte sogar sie bei dem Versuch, mit mir Schritt zu halten. Ich erinnere mich noch, wie sie augenzwinkernd sagte: »Hätte ich zwei von deiner Sorte, dann würde ich euch beide ertränken.«

Es heißt, das Meer ruft nach dir. Melville und Conrad haben ganze Bücher darüber verfasst. Vielleicht waren es bei mir die ständig wechselnden Lebewesen in den Gezeitentümpeln oder der Klang und Geruch der Brandung, die mich anzogen. Ich weiß nur, dass meine Liebe zum Meer schon sehr früh begann und dass es mir – einem Jungen, der kaum still sitzen konnte – mit seiner hypnotischen Wirkung die Möglichkeit bot, zur Ruhe zu kommen.

Ich war das mittlere von drei Kindern. Richard, mein Bruder, war zwei Jahre älter und meine Schwester Nancy Ann vier Jahre jünger als ich. Richard und ich standen immer im Wettbewerb miteinander – worin unser Vater uns noch bestärkte. Aber während Richard schlicht genial war, fiel mir schon das Lesen schwer und ich fühlte mich in der Schule eingeengt. Ich lernte weniger durch Texte und Übungen als durch Anschauung und Praxis. Irgendwann zog mich ein mythischer Tiefseeforscher in seinen Bann und ich absolvierte ein Praktikum, das mir einen ersten Eindruck vom Leben an Bord eines wissenschaftlichen Forschungsschiffs erlaubte. Mit jedem dieser Schritte fühlte ich mich stärker zum Meer hingezogen. So war mein Lebensweg vorgezeichnet, noch bevor ich die Highschool abgeschlossen hatte.

—

ICH WURDE IN KANSAS GEBOREN – und weil man dadurch zwangsläufig als Landratte gilt, lachen die meisten, wenn ich ihnen erzähle, dass alle Meeresforscher von dort stammen. Ich kam während des Kriegs auf die Welt, knapp sieben Monate nach dem Angriff auf Pearl Harbor, kurz bevor mein Vater einen verantwortungsvollen Posten in einer Boeing-Fabrik in Wichita antrat, die B-29-Langstreckenbomber produzierte. Als ich zwei Jahre alt war, zogen wir für seine nächste Stelle in einen Vorort von Los Angeles und danach wohnten wir für kurze Zeit in der Mojave-Wüste, wo Dad mit Chuck Yeager und anderen tollkühnen Testpiloten zusammenarbeitete. Dort machten Richard und ich Erkundungstouren in der Wüste. Manchmal kletterten wir in Flugzeugwracks herum und spielten Pilot. Nachts gingen wir mit der Taschenlampe auf Vogelspinnenjagd, in der Gegend wimmelte es nur so von den giftigen Tieren. Das war sicher nicht ungefährlich – doch schon als Kind ließ ich es gern einfach drauf ankommen.

Dad war Testflugingenieur und saß mit im Flugzeug, wenn die Piloten sich auf die Jagd nach Geschwindigkeitsrekorden machten. Da die Arbeit gefährlich war, verschwieg er meiner Mutter die Details. Wenn sie anrief, während er in der Luft war, sagte man ihr nur, er sei gerade »oben« – und sie ging dann davon aus, dass es im zweiten Stock keine Telefone gab.

Als meine Mutter schließlich erfuhr, was »oben« wirklich bedeutete, bestand sie darauf, dass Dad kündigte und wir zurück nach Kansas zogen. Schweren Herzens willigte er ein, doch schon bald waren wir zurück in Kalifornien, und seit meinem sechsten bis kurz vor meinem elften Geburtstag wohnten wir in Pacific Beach, dem palmengesäumten Teil von San Diego nördlich der Mission Bay – wo ich dann meine Gezeitentümpel entdeckte. Von da an sollte ich nie wieder weit vom Ozean entfernt leben.

In vielerlei Hinsicht waren wir eine klassische Ozzie-and-Harriet-Familie, so wie in dieser amerikanischen Sitcom aus den 1950er-Jahren. Meine Mutter hieß sogar Harriet. Mein Vater hatte etwas Geheimnisvolles an sich und beim Abendessen lag neben Liebe immer auch ein Hauch von Anspannung in der Luft.

Über die frühen Jahre meines Vaters wussten wir nie viel, außer dass sein Vater, ein Polizist in Kansas, einen Kopfschuss erlitten hatte und verstorben war, als Dad fünf Jahre alt war. Als er zwölf war, starb seine Mutter und er wurde in den Zug nach Montana gesetzt, um fortan bei einer Tante und derem gefühlskalten Ehemann auf einer Ranch zu leben. Uns erzählte er nur, er sei als Cowboy aufgewachsen; mehr erfuhren wir über seine Kindheit nicht. Er hatte das College nach etwa einem Jahr abgebrochen – was er uns erst verriet, als wir selbst bereits aufs College gingen. Trotzdem hatte er einen Weg gefunden, Ingenieur zu werden, bis hin zum leitenden Ingenieur beim Flugzeughersteller North American Aviation, betraut mit dem Leitsystem der Minuteman-Interkontinentalraketen.

Für einen Jungen, der eigentlich schon abgeschrieben war, hatte er eine Menge erreicht, und unsere Familie bedeutete ihm alles. An den meisten Wochenenden machte er Ausflüge mit uns: zum Campen, Fischen oder einfach an den Strand. Jeden Sommer fuhren wir in die Sierra Nevada, um Forellen zu angeln, oder in die Monterey Bay, wo es Makrelen und weißen Thunfisch gab. Doch ehrlich gesagt hatte ich nicht viel Gelegenheit, Zeit mit ihm zu verbringen. Meinen Bruder nahm Dad mit ins Büro, um ihm die anderen Ingenieure vorzustellen, mich jedoch nie. Ich glaube heute, dass er in Richard etwas sah, was ihm selbst immer verwehrt geblieben war.

Sicher habe ich einen Teil meiner Entschlossenheit und Hartnäckigkeit von meinem Vater geerbt, doch insgesamt kam ich viel eher nach meiner Mutter. Sie war gesellig und lebensfroh, wir nannten sie eine Quasselstrippe. Sie war eine ausgezeichnete Schülerin gewesen, hatte aber keinen Collegeabschluss. Stattdessen heiratete sie meinen Vater und blieb zu Hause bei den Kindern. Sie war meine Beschützerin und setzte sich stets heldenhaft für mich ein. Wann immer ich stolperte, war sie sofort zur Stelle und bereit, mich in die Arme zu nehmen. Sie brachte emotionale Intelligenz und Menschlichkeit in die Familie.

Über ihren Hintergrund wusste ich deutlich mehr. Ihr deutscher Großvater hatte im Bürgerkrieg für die Nordstaaten gekämpft und sich dann in Kansas niedergelassen. Sie kam aus einer dieser grundsoliden Familien aus dem Mittleren Westen, von der ich viel über Disziplin und Lebensziele lernte. Meine Großmutter war eine tiefgläubige Lutheranerin. Als wir im Unterricht die Evolution durchnahmen, war ihr Kommentar: »Jetzt habe ich meinen Enkel an den Teufel verloren.« Sie steckte voller Weisheiten. »Wahrhaft groß ist, wer Bäume pflanzt, obwohl er weiß, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird«, sagte sie zu mir. Solche Gedanken regten mich zur Auseinandersetzung mit Dingen an, die weit größer waren als ich selbst. In unserer Familie fühlte ich mich immer schon den Frauen mehr verbunden als den Männern und meine Wurzeln in Kansas sind bis heute ein wichtiger Bestandteil meiner Identität.

Sobald ich dem Kleinkindalter endgültig entwachsen war, gestand mir Mom weitreichende Bewegungsfreiheit zu. »Sei einfach zu Hause, bevor es dunkel wird«, sagte sie – und weg war ich. Von San Diego aus konnte ich mit dem Rad zu einem Angelsteg fahren, an dem sich Weiße Umbern, Brandungsbarsche, Makrelen und Corbinas, mein liebster Speisefisch, tummelten. Mom setzte mich oft mit dem Auto an der La-Jolla-Bucht ab, wo ich den Tag mit Angeln und Schwimmen verbrachte. Gleich nördlich davon konnte ich den langen Steg der Scripps Institution of Oceanography ausmachen, des ältesten und größten Zentrums für Meeresforschung in den Vereinigten Staaten.

Von meiner Mutter ermutigt, baute ich schon bald den Fischfang zu einer Einkommensquelle aus. Dafür konstruierte ich eine Reuse aus Hühnerdraht und mein Freund Johnny Binkley und ich bestückten sie mit Brotstücken. Nach weniger als einer Stunde war unser Wagen voll frischer, noch zappelnder Stinte. Ich war freundlich zu den Leuten, als Händler ein Naturtalent und es machte mir Spaß, auf dem Heimweg von Tür zu Tür zu gehen und Fisch zu verkaufen – wobei ich stets darauf achtete, dass genug für unsere Familien übrig blieb.

Die Dynamik am heimischen Esstisch war kompliziert. Auf der einen Seite saßen Richard und mein Vater, die sich in ihrer Ernsthaftigkeit glichen wie ein Ei dem anderen; das Gegengewicht bildeten meine Mutter und ich, zwei Dauerquassler, und mittendrin saß Nancy Ann. Bis heute bin ich der Meinung, dass Richard der klügste Mensch ist, dem ich je begegnet bin – und das, obwohl ich mein Leben lang von klugen Menschen umgeben war. Ihm nachzueifern war alles andere als einfach. Immer glaubte ich, etwas beweisen zu müssen – dieses Gefühl hat mich mein ganzes Leben lang angetrieben. Bei Schulnoten ist zwischen einer Eins plus und einer Mischung aus Einsen und Zweien durchaus ein Unterschied. Die Lehrer, die schon Richard unterrichtet hatten, erwarteten von mir ebensolche Glanzleistungen und manche gingen hart mit mir ins Gericht, wenn ich das nicht erfüllte. In Sozialverhalten – damals die beschönigende Bezeichnung für Betragen – erhielt ich mittelmäßige Noten und Anmerkungen, ich müsse lernen, nicht dazwischenzureden und größere Selbstbeherrschung an den Tag zu legen.

Beim Lesen konnte ich schon in der Grundschule nicht mithalten. Doch was tun, wenn es einem einfach nicht gelingt, schneller zu lesen? Für jeden Text brauchte ich doppelt so lange. Richard war längst im Bett, während ich noch an meinen Hausaufgaben saß. Genauso war es mit dem Schreiben. Wenn wir Streit hatten, verlangte Dad, wir sollten aufschreiben, was uns nicht passte. Richard hatte in Nullkommanichts eine Seite oder mehr zu Papier gebracht, während ich mich mit einem einzigen Satz abquälte. Ich hasste diese Übung so sehr, dass ich mich oft mit meinem Bruder »außergerichtlich« einigte, nur um mir die Tortur zu ersparen. Meine Mutter arbeitete mit mir an meiner Selbstorganisation und Konzentrationsfähigkeit. Sie erklärte mir immer, dass mir Lesen und Schreiben deswegen so schwerfielen, weil ich während eines Umzugs eine Unterrichtseinheit über das Alphabet verpasst hatte. Das reichte mir als Erklärung. Okay, gut, sagte ich mir. Dann muss ich mich eben einfach mehr anstrengen.

Meine Schwester hatte gesundheitliche Probleme, die unser Familienleben massiv beeinflussten. Aufgrund einer Genmutation kam sie mit einem ungewöhnlich kleinen Unterkiefer zur Welt und konnte trotz dessen Rekonstruktion niemals sprechen. Auch schriftlich konnte sie sich nur rudimentär verständigen; sie war jedoch clever genug, um Sportteams im Blick zu behalten und nicht zuletzt die hochverzinsten Darlehen, die sie mir und Richard von ihrem Taschengeld gewährte. Meine Eltern zogen mit ihr von einem Facharzt zum nächsten. Um ihren Hirndruck zu senken, bohrte einer von ihnen ein Loch in ihren Schädel – die reinsten Voodoo-Methoden. Aber kein Arzt fand eine Erklärung, die Mischung von dem, was sie beherrschte oder eben nicht, war zu ungewöhnlich. Schließlich sprach mein Vater ein Machtwort: Wir würden es auf sich beruhen lassen und sie nicht länger mit Untersuchungen quälen. Er behandelte sie nie von oben herab und unsere Wochenendausflüge führten immer an Orte, die auch Nancy Spaß machten. Erst spät in ihrem Leben konnte ich mittels einer DNA-Analyse die Ursache ihrer Behinderung in Erfahrung bringen: Eine Mutation zum Zeitpunkt der Empfängnis hatte dazu geführt, dass sich zusätzliche Aminosäuren an ihr 15. Chromosom hefteten und so ihren Körper umprogrammierten.

Trotz ihrer Beeinträchtigungen wurde Nancy nie wütend und verlor fast nie ihr Lächeln. Zu sehen, was sie bewältigen musste, half mir, meine eigenen Unsicherheiten besser einzuordnen. Dann wurde mir auch klar, wie unbedeutend meine Probleme waren und dass ich keine Sekunde meines Lebens verschwenden wollte.

Auf der Suche nach Aufmerksamkeit von meinem Vater entwickelte ich mich zum Familienclown, zum Witzbold. Richard war eher introvertiert, also wurde ich zum drittklassigen Schauspieler und übernahm im Grundschultheater die Rolle des Peter Pan. Richard war auch nicht einfach nur Pfadfinder, sondern ein hochrangiger Eagle Scout und sammelte Abzeichen wie andere Briefmarken. Meine Interessen waren breiter gefächert; meine Hyperaktivität kanalisierte ich im Sport, durch Engagement in der Schülervertretung und als Verkäufer. Meine Mutter schickte mich mit Weihnachtsmännern aus Bastelschaum und Schwimmkerzen von Tür zu Tür zu meinen alten Stint-Kunden.

Als ich elf war, zogen wir in eine Vorstadt von Los Angeles, nach Downey. Nach wie vor hatte ich Schwierigkeiten mit dem Lesen – in meinem ersten Zeugnis dort erhielt ich eine Vier – und meine Eltern schickten mich nun jeden Tag zur Nachhilfe. Ein bisschen hat das schon geholfen, schätze ich. Trotzdem waren mir Kinofilme lieber als Bücher. Ich sehe heute noch, wie ich mich mit zwölf Jahren in den Kinosaal zwängte, um den neuesten Kassenschlager von Disney anzusehen – eine Verfilmung von Jules Vernes 20 000 Meilen unter dem Meer. Ich war vollkommen überwältigt.

In einer Szene stößt Kirk Douglas zufällig auf Kapitän Nemos Unterseeboot, die Nautilus, die scheinbar verlassen im offenen Wasser treibt. Er erkundet das Innere des eigenartig prunkvollen U-Boots und beobachtet durch ein Bullauge Taucher, die in einem Wald von Seetang eine Unterwasserbestattung vornehmen. Sie wandeln auf dem Meeresboden umher in ihren grandiosen Tauchanzügen. Bei diesem Anblick war es um mich geschehen.

So viel Zeit ich auch am Wasser verbracht hatte – nie war mir der Gedanke gekommen, dass da ein gewaltiger dreidimensionaler Raum unterhalb der Meeresoberfläche lag, in dem alle nur erdenklichen Arten von wundersamen Wesen lebten. Ich wollte Kapitän Nemo sein. Ich wollte auf dem Meeresboden umherwandeln! Meinen Eltern rechne ich hoch an, dass sie mich niemals auslachten, wenn ich davon sprach.

Meine schulischen Leistungen verbesserten sich allmählich. Jetzt hatte ich einen Traum und brauchte gute Noten, um ihn zu verwirklichen. Schlank und bald 1,88 Meter groß, war ich auch ein guter Sportler; ich spielte Fußball, Basketball und Tennis. Mein gesellschaftliches Leben fand in Klubs statt, die von der christlichen Jugendorganisation YMCA gefördert wurden und Namen trugen wie »die Kreuzritter« oder »die Westgoten«.

Es war eine schöne Zeit. In Downey gab es damals eines der allerersten McDonald’s-Restaurants. Ein Burger kostete fünfzehn Cent, eine Portion Pommes frites zehn Cent. Der Benzinpreis lag bei etwa sieben Cent pro Liter. Das amerikanische Jahrhundert war in vollem Gange und wer jung war und in Kalifornien lebte, profitierte davon. Dad kaufte einen zehn Meter langen Kabinenkreuzer aus Holz und taufte ihn Nancy Ann; fast jedes Sommerwochenende stachen wir damit in See.

Als ich in der Mittelstufe war, begann Richard sein Studium in Berkeley, Dads Firma verschaffte ihm ein Stipendium; sein Hauptfach war Physik. Allerdings erlitt er auf dem College einen schweren gesundheitlichen Schlag: Wegen einer Entzündung im Darm mussten ihm Teile davon entfernt werden. Zwar meisterte er trotzdem seinen Abschluss bravourös, doch deuteten sich hier schon Probleme an, mit denen er den Rest seines Lebens zu kämpfen haben würde.

Nun, da Richard aufs College ging, hatte Dad mehr Zeit für mich. Das fühlte sich großartig an. Er legte sich sogar mit meinem Deutschlehrer an: Auslöser war eine schlechte Note in Sozialverhalten, die mir eine Mitgliedschaft in der kalifornischen Stipendienorganisation CSF hätte verwehren können – und die war wichtig für meinen Lebenslauf. Außerdem veranlasste Dad einen Besuch bei Scripps, dem Meeresforschungszentrum, das ich beim Angeln in La Jolla schon aus der Ferne gesehen hatte.

—

DIE FORSCHUNGSEINRICHTUNGEN AM SCRIPPS-INSTITUT, das heute zur University of California gehört, erstrecken sich entlang der Küste vor der schäumenden Brandung des Pazifiks. Da mein Vater den Direktor, Roger Revelle, von einem seiner Militärprojekte kannte, erhielten wir eine VIP-Tour. Ich erzählte Dr. Revelle von meinem Traum, Meeresforscher zu werden. Er riet mir, zunächst ein Grundlagenstudium in einem naturwissenschaftlichen Fach – Mathematik, Chemie, Geologie oder Physik – abzuschließen und dann den Aufbaustudiengang Meeresforschung an einer Hochschule wie dem Scripps zu absolvieren. Ich war so begeistert, dass wir erneut hinfuhren, um auch den Dekan, Norris Rakestraw, kennenzulernen. Zu Hause dann bewarb ich mich für ein von der Wissenschaftsstiftung gefördertes Sommerprogramm am Scripps und mit einem Brief von Dr. Rakestraw erhielt ich die Einladung zur Teilnahme. Im Juni schließlich – es war der Sommer vor meinem letzten Jahr an der Highschool – fand ich mich am Institut ein, um als Nachwuchspraktikant an drei Exkursionen teilzunehmen. Meinen 17. Geburtstag feierte ich auf See. Zunächst trugen wir mit unserer Arbeit zu einer Studie bei, die untersuchte, warum Sardinen – unsterblich gemacht durch John Steinbecks Die Straße der Ölsardinen – vor der kalifornischen Küste verschwunden waren.

Meine erste offizielle Seefahrt – von meinen bis heute 157 – dauerte sechs Tage und war auf einem früheren Frachtschiff der U.S. Army. Um Strömungen zu kartieren, warfen wir sogenannte Treibflaschen ins Wasser. Die darin enthaltene Nachricht stellte jedem, der eine Flasche fand und einsendete, eine Belohnung in Aussicht. Neuankömmlingen spielte die bunt zusammengewürfelte Besatzung gern Streiche, wovon auch ich nicht verschont blieb. Einmal sollte ich die Larven und anderen Kleinlebewesen, die uns ins Netz gegangen waren, in den stickigen Maschinenraum bringen und in eine ganz bestimmte Flasche legen. Natürlich sagten sie mir nicht, dass die mit Formaldehyd gefüllt war – einem Konservierungsmittel, das so stechend riecht, dass es Erbrechen auslösen kann. Wie ich es schaffte, mein Mittagessen bei mir zu behalten, weiß ich nicht mehr, aber von da an war ich wachsam.

Meine zweite Seefahrt in diesem Sommer – an Bord des Forschungsschiffs R/V Orca, eines alten Schleppers der Navy – war deutlich abenteuerlicher. Wir sollten drei Wochen auf See verbringen und uns entlang der Küste hoch nach Oregon vorarbeiten. Sehr viel Zeit verbrachte ich festgeschnallt im »Heldeneimer«, wie der seitlich vom Schiff hängende offene Metallkorb direkt oberhalb der Wasseroberfläche genannt wurde. Während die Wellen über mir zusammenschlugen, befestigte ich eine Reihe von Flaschen an einem Draht, der ins Meer hinabgelassen wurde, um Wasserproben zu entnehmen und die Temperatur in verschiedenen Tiefen zu messen.

Wir hielten einen 24-Stunden-Betrieb aufrecht, indem jeder vier Stunden arbeitete und dann acht Stunden Zeit hatte, sich zu erholen, soweit möglich. Die Orca war klein und rollte in den Wellen unentwegt hin und her, dennoch machte mir das Ganze unglaublich viel Spaß. Besonders gern fing ich Weißen Thunfisch, was bei voller Fahrt schnell ein Kunststück werden kann. Ich war darin so gut, dass die Besatzung mir fortan keine Streiche mehr spielte.

In Santa Barbara dann wurden wir von Robert Norris begrüßt, einem Professor des örtlichen Campus der University of California, UC. Er war eine herausragende Persönlichkeit und seine Doktorarbeit am Scripps hatte Francis Shepard betreut, der »Urvater« der modernen Meeresgeologie. Als ich ihm von meinen Interessen erzählte, ermutigte er mich, ein Studium der Meeresgeologie an der UC Santa Barbara in Erwägung zu ziehen.

Bald schon waren wir wieder die Küste hinauf unterwegs. Wogenartige Wolken standen Spalier, während die Sonne im Meer versank, und in der gleichen Nacht zwang uns ein Sturm, an einem kleinen Hafen anzulegen. Da ich noch keinen Alkohol trinken durfte, blieb ich an Bord, während der Rest der Besatzung einen nächtlichen Landgang genoss. Sturzbetrunken wieder an Bord gerieten der Koch und der Windenführer in einen Streit, der in einer Schlägerei mündete. Der Koch verlor dabei seine Brille – mit Gläsern dick wie Flaschenböden – und er stolperte in die Kombüse. Als er wieder herauskam, fuchtelte er mit einem Fleischermesser herum und richtete es auf den Erstbesten, der ihm über den Weg lief – und das war zufälligerweise ich. Ich sprang auf den Esstisch und hangelte mich an den Rohren unter der Decke hoch, bis man ihn überwältigt hatte.

Als wir einige Hundert Meilen auf offener See waren, gerieten wir in einen Sturm, der für fast alle an Bord der mächtigste ihres Lebens war; der Wind kam in heftigen Böen und riesige Wellen brachen über dem Bug. Wir richteten das Schiff auf die Wellen aus und ritten jede Woge bis zum Gipfel, nur um wieder in ein Wellental zu fallen und uns erneut nach oben durchzukämpfen. Der Windenführer wurde durch den Wellengang aus seiner Koje geworfen und brach sich dabei die Hüfte. Wir konnten ihm nur Morphium gegen die Schmerzen verabreichen. In Richtung Küste abzudrehen war unmöglich – die Wellen hätten das Schiff überrollt – und so blieb uns nichts übrig, als die Augen offen zu halten und auf Hilfe zu warten. So verging ein Tag, dann der zweite.

Endlich entsandte die Küstenwache ein Boot. Während es sich näherte, beobachtete ich mit dem Fernglas, wie eine Monsterwelle seine Steuerbordseite mit solcher Kraft traf, dass das Boot um ein Haar gekentert wäre. »Oh Gott, schau …« – mehr bekam ich nicht heraus, bevor dieselbe Welle auch uns mit einer derartigen Wucht erwischte, dass um mich herum die Fenster auf der Brücke zersplitterten, mehrere Bullaugen auf dem Mannschaftsdeck barsten und ein weiteres Besatzungsmitglied verletzt wurde. Wir liefen wie wild herum, stopften Rettungswesten in jedes erkennbare Loch und bauten dann aus Matratzen einen provisorischen Damm um eine Öffnung zum Maschinenraum. Endlich beruhigte sich das Wetter, wir konnten umkehren und unseren Heimathafen ansteuern; doch das Schiff war so stark beschädigt, dass die Exkursion damit vorüber war.

Die Macht unseres Planeten Erde mitzuerleben löste Staunen und auch Demut in mir aus. An ein Gefühl von Angst kann ich mich jedoch nicht erinnern. Dieser Sturm lehrte mich, dass es Kräfte gab, die ich zu achten hatte. Ich konnte nicht einfach mit meiner Energie über alle Hindernisse hinwegrollen.

Als ich nach diesem Abenteuer wieder zu Hause ankam, erwarteten mich ein Heldenempfang und eine stürmische Umarmung von meiner Mutter. Das Abendessen verlief sehr angenehm, bis ich ganz unüberlegt jemanden bat, mir »die Scheißbutter« zu reichen. Stille im Esszimmer. Schließlich sagte meine Mutter, betont heiter: »Nun, offensichtlich wird mein Sohn allmählich zum gestandenen Seemann.«

—

DIE LETZTE SCRIPPS-EXKURSION wurde von Carl Hubbs geleitet, einem Inbegriff des zerstreuten Professors. Er hatte eine Feldstation errichtet, um das Meeresleben nahe Punta Banda auf der mexikanischen Halbinsel Niederkalifornien zu erforschen. Ich kletterte in seinen Pickup und wir machten uns auf in Richtung Grenze. Als wir uns einer Militärkontrollstelle näherten, blickte er mich an: »Du hast kein Visum, oder?« Ich wusste noch nicht einmal, was das war. In Mexiko war ich schon einmal gewesen, damals hatte ich nur meinen Führerschein dabei, doch um dort zu arbeiten, brauchte man ein Visum. Dr. Hubbs riss das Steuer herum und steuerte direkt in ein Feld, mähte eine Pflanzenreihe um und umging den Checkpoint. Ich war kurz davor, mich zu übergeben. Immerhin landeten wir nicht in einem mexikanischen Gefängnis.

Die Feldstation war dürftig ausgestattet und bestand nur aus ein paar Armeezelten auf einer felsigen Klippe, mit Blick auf eine Siedlung aus Strandhütten. Da die Zelte sich wie Öfen aufheizten, schliefen wir unter freiem Himmel. Die Arbeit war monoton und anstrengend. Ich stapfte umher und maß Windgeschwindigkeit und Wassertemperatur. Einmal zog ich los zum Angeln, um den alltäglichen Konservendosen zum Essen zu entgehen. Doch als ich mit meinem ersten Fang zurückkam, wurde er sofort von Dr. Hubbs beschlagnahmt und in Formaldehyd versenkt.

Kurze Zeit später musste Dr. Hubbs für eine andere Studie nach Alaska reisen und ließ mich in der Obhut von zwei frisch promovierten Scripps-Forschern zurück. Noch am selben Abend fuhren sie mit mir in die Stadt – um, wie sie sagten, sich endlich ein echtes Abendessen zu gönnen. Ehe ich mich versah, fand ich mich in der ersten Reihe eines mexikanischen Stripklubs wieder. Meine Begleiter waren vermutlich nicht unschuldig daran, dass irgendwann eine der Oben-ohne-Damen mit wackelndem Oberkörper auf mich zutanzte. Ich verfiel in Schockstarre. Na ja, ich war einfach ein argloser Junge, der einen ersten Eindruck davon erhaschte, wie es in der Welt da draußen wirklich zuging. Egal wie sehr sie sich auch bemühte – mein Blick blieb fest auf ihr Gesicht gerichtet, während die beiden anderen ihr einen Geldschein nach dem anderen in den Stringtanga steckten.

Noch etwas anderes brachten mir die beiden bei. Ich erzählte, dass ich im Hauptfach Meeresbiologie studieren wollte, genau wie sie, doch sie zerrissen meine Idee förmlich in der Luft: »Alles, nur nicht das!«, sagten sie. »Es gibt in diesem Gebiet einfach überhaupt keine Jobs.«

Das spukte noch in meinem Kopf herum, nachdem sie mich allein im Lager zurückgelassen hatten, um wieder nach San Diego zu fahren. Es herrschte schreckliche Hitze und ich kippte rund um die Uhr Wasser in mich hinein. Einmal auch aus einem offenen Fass, auf dem »Quellwasser« stand. Ich verlor das Bewusstsein, und als ich wieder zu mir kam, musste ich mich pausenlos übergeben. Phasenweise halluzinierte ich. Ich hatte Angst zu sterben; dann Angst, nicht zu sterben. Später stellte sich heraus, dass das Wasser nicht für Menschen gedacht war, sondern als Kühlwasser für den Jeep. Damit nicht genug, hatte ich mir auch noch einen Kaktusdorn in den Fuß gerammt, der sich dort entzündete.

Endlich kehrte Dr. Hubbs zurück. Er entfernte den Dorn aus meinem Fuß und brachte mich nach Hause. Als ich dort ankam, sagte ich: »Dad, ich will ganz bestimmt kein Meeresbiologe werden.«

Doch für irgendeine Universität und irgendein Hauptfach musste ich mich entscheiden. Unaufhaltsam kam die Collegezeit auf mich zu. Trotz all der schlechten Erlebnisse wusste ich, welche Zukunft mir vorschwebte. Ich wollte da draußen sein, im praktischen Einsatz, das Gebiet hinter der nächsten Landspitze erkunden, wissenschaftliche Leistung mit körperlicher Betätigung verbinden.

Ich wollte Kapitän Nemo sein. Nach Hollywood würde ich es vielleicht nicht schaffen; doch auf dem Meeresboden umherzuwandern, das war mein Ziel.

KAPITEL 2
SCHWEIZER TASCHENMESSER

Das College stand vor der Tür, und erst kurz zuvor waren wir nach Long Beach gezogen, in eines dieser klassisch-kalifornischen Häuser mit Halbgeschossen, die oft in Fernsehserien zu sehen waren, wenn es um die Sonnenseite des Lebens ging – mit Palmen und dem ganzen Drumherum. Ich weiß noch, wie ich am Küchentisch das Vorlesungsverzeichnis der University of California in Santa Barbara wälzte. Es war zweieinhalb Zentimeter dick.

Eifrig blätterte ich von Seite zu Seite, von Hauptfach zu Hauptfach, von Kurs zu Kurs. Das College kam mir vor wie ein einziges riesiges Bufett, und ich wollte mir nicht einen Bissen davon entgehen lassen.

Dass ich Meeresforscher werden wollte, wusste ich. Das war beschlossene Sache. Aber Meeresforschung war ein Aufbaustudiengang. Voraussetzung war eine solide Grundlage in einer der Naturwissenschaften. Wegen meiner Verbindungen zum Scripps und meiner Teilnahme an den Exkursionen war ich ziemlich zuversichtlich, später dort promovieren zu können. Also machte ich mich auf die Suche nach einem Hauptfach, das mich in eine perfekte Ausgangsposition dafür bringen würde. Dr. Revelle hatte mir empfohlen, Mathematik, Chemie, Physik oder Geologie zu studieren. Dann stieß ich auf etwas, das sich »Studium der Naturwissenschaften« nannte. Der Studiengang war ambitioniert. Aus den obigen vier Fächern waren zwei im Hauptfach, die anderen beiden im Nebenfach zu belegen und die Studiendauer betrug fünf Jahre. Vielleicht hätte ich es angesichts meiner Schwierigkeiten mit Texten und Prüfungen etwas langsamer angehen sollen. Im sprachlichen Teil des Eignungstests hatte ich nur 444 von 800 möglichen Punkten erzielt, im mathematischen Teil 538. Trotzdem war ich optimistisch, durch zusätzliche Sommerkurse sogar die Studiendauer auf viereinhalb Jahre verkürzen zu können. Das Studium war eine frisierte 450-PS-Version dessen, was Dr. Revelle vorgeschlagen hatte, und es würde ohne Zweifel Eindruck auf die Scripps-Jury machen – ganz zu schweigen von meinem Vater und meinem Bruder, der gerade im Turbogang sein Physikstudium in Berkeley absolvierte und auf die Promotion zusteuerte.

Also ging es ab an die UC Santa Barbara, deren Campus direkt oberhalb des Pazifiks lag und sich entlang traumhaft schöner Klippen und rund um eine eigene Lagune ausbreitete. Es verstand sich von selbst, dass ich mich einer Studentenverbindung anschließen würde, da mir die YMCA-Klubs so gut gefallen hatten. Für männliche Studenten waren zwei Jahre Mitgliedschaft im Ausbildungskorps für Reserveoffiziere (ROTC) verbindlich, und obwohl unser Campus an der Küste lag, konnte man den Dienst nicht bei der Navy, sondern ausschließlich bei der Army ableisten. Ich trat gerne bei, da ich in der Nähe von Militärstützpunkten groß geworden war und eine Verantwortung spürte, meinem Land zu dienen. Ein Basketballstipendium hatte ich zwar abgelehnt, weil mein Vater fürchtete, das könnte meinem Studium im Weg stehen, doch in der Mannschaft meines Jahrgangs spielte ich trotzdem. Nach der Schule und in den Ferien hatte ich gejobbt und ein bisschen Geld angespart, und eines Abends setzte sich mein Vater mit mir an den Küchentisch und ließ mich ein Budget aufstellen. Ich steigerte mich so sehr in die Planung hinein, dass ich Mom sogar nach der Zahl der Blätter auf einer Rolle Klopapier fragte, um meinen Bedarf zu ermitteln. Dad meinte, so genau müsste ich es nun auch wieder nicht nehmen.

In meinem ersten Semester schaffte ich in Chemie eine Eins, aber in Mathematik und Deutsch III konnte ich mich gerade noch so auf eine Drei retten. Während der Vorbereitung auf die Abschlussprüfung in Deutsch musste mir ein Weisheitszahn entfernt werden. Mitten beim Eingriff, so erzählte mir der Zahnarzt später, fing ich plötzlich an, seine Fragen auf Deutsch zu beantworten.

Als Hauptfächer wählte ich Geologie und Chemie – Geologie, weil Dr. Norris Meeresgeologe war, und Chemie wegen meiner Eins im ersten Kurs. Die Grundlagenkurse musste ich auch in Physik und Mathematik belegen.

In den meisten Fächern konnte ich mich mithilfe eines Tricks behaupten, den ich mir in meiner Highschool-Zeit beigebracht hatte: Ich machte gedanklich Fotos von meinen Aufzeichnungen und rief diese Bilder während der Prüfung wieder ab. Umso größer war der Schock, als ich in den Kursen zu Differenzialgleichungen und Organischer Chemie nur eine Vier bekam. Die Prüfungen bestanden zum Teil aus Textaufgaben und ich hatte Schwierigkeiten, mir eine begriffliche Vorstellung davon zu machen. Sobald die Wörter in meinem Kopf ankamen, zerbrachen sie einfach in 1000 Teile. Ich las sie aufs Neue, wieder und wieder, aber es war zwecklos.

Im Sommer darauf war ich für ein paar Ferienkurse eingeschrieben und arbeitete außerdem für die Ocean-Systems-Abteilung in der Firma meines Vaters, der North American Aviation. Nach Präsident John F. Kennedys Ankündigung eines bemannten Flugs zum Mond hatten Unternehmen wie North American, das heute zum Boeing-Konzern gehört, ihren Tätigkeitsbereich auf die Raumfahrt ausgedehnt und betrachteten zunehmend auch die Tiefsee als das nächste Gebiet, dessen Erkundung sich lohnen würde. Meine Aufgabe in diesem Sommer bestand darin, Hunderte von Karteikarten über die Geschichte von Tiefsee-Tauchbooten zusammenzustellen.

In meinem ersten Studienjahr wurde ich zum Jahrgangssprecher gewählt und schaffte es, ein Mädchen von klassisch-kalifornischer Schönheit und messerscharfem Verstand davon zu überzeugen, mit mir auszugehen. Ihr Name war Lana Rose. Gemeinsam gingen wir auf Verbindungsfeiern und Bälle, und einfach nur, weil ich derjenige war, mit dem sie ausging, gewann ich an Ansehen. Schon bald wollte ich sie voller Begeisterung meinen Eltern vorstellen. Leider kamen wir so spät zu Hause an, dass wir sie fürs erste Kennenlernen aus dem Bett werfen mussten. Doch sogar zu dieser späten Stunde erlagen alle ihrem Charme.

Es waren die frühen 1960er-Jahre und an den meisten Colleges wurden innenpolitische Debatten zunehmend hitzig geführt. Ich war in einem Eisenhower-Republikaner-Haushalt aufgewachsen und Santa Barbara war ein sehr konservatives Pflaster. Von JFKs Wirken in seinem Schloss Camelot in Washington bekam man nur wenig mit. Wir wussten, dass sich Collegestudenten in anderen Städten den Freedom Riders angeschlossen hatten, um sich für die Bürgerrechte im Süden des Landes einzusetzen. Doch von den tiefgehenden Erschütterungen, ausgelöst von den sozialen Unruhen, die schon bald jeden amerikanischen Campus in Aufruhr versetzen würden, war noch nichts zu spüren. Hier war nach wie vor die örtliche Gruppe der John Birch Society einflussreich, einer rechtsaußen-antikommunistischen Organisation. Ihre Mitglieder protestierten gegen einen Campusbesuch von Margaret Mead, der Anthropologin, deren Studien über Urkulturen einigen Rechten nicht in den Kram passten. Ich setzte mich in dieser Auseinandersetzung früh für das Recht auf freie Meinungsäußerung ein und schließlich konnte sie ihre Rede halten.

Das amerikanische Engagement in Vietnam war noch in einem frühen Stadium. Das Pentagon unterstützte Südvietnam, den Angriffen des Vietcong im Norden des Landes entgegenzutreten, indem es Berater entsandte. Allerdings zweifelte von den Offizieren, die unser ROTC-Programm leiteten, keiner daran, dass die Vereinigten Staaten letztlich Truppen dorthin entsenden würden. Richtig bewusst wurde mir das zu Beginn des dritten Studienjahrs, als ich mich entscheiden musste, ob ich Offizier der Army werden oder aus dem ROTC ausscheiden wollte – wobei dann die Gefahr bestand, nach dem Abschluss zum Militärdienst eingezogen zu werden.

Wenn die Pflicht ohnehin bald rufen würde, wollte ich ihr mit dem goldenen Streifen eines Offiziers oder dem Abzeichen eines einfachen Soldaten begegnen? Und vielleicht noch wichtiger: Hatte ich Talent für Menschenführung und fand ich Gefallen daran?

Das wollte ich herausfinden.

Offen gestanden: Das ROTC-Programm machte mir Spaß. Schon in Sportteams und bei den Pfadfindern hatte ich gern Uniform getragen – ich verband damit positive Eigenschaften wie Disziplin und Teamfähigkeit. Beim ROTC kleideten wir uns jeden Donnerstag vor dem Exerzieren in Khaki oder Wintergrün und verbrachten folglich die Mittwochabende damit, unsere Schuhe mit Spucke auf Hochglanz zu polieren. Außerdem war ich ein talentierter Schütze. Als ich noch ein Junge war, hatte mein Vater mir sein .22-Gewehr geschenkt, und es kam auch zum Einsatz – beim Besuch bei meinen Großeltern in den Hügeln um San Diego, wo die Walnussfarmer von einer Eichhörnchenplage belästigt wurden. Pro Schwanz erhielt ich 25 Cent, und da ich die Munition selbst bezahlte, musste jeder Schuss sitzen. Jahr für Jahr stieg ich in der ROTC-Hierarchie weiter auf. Im zweiten Studienjahr wurde ich mit dem Spitzenplatz unter den Kadetten ausgezeichnet, und nachdem ich mich entschieden hatte, dabeizubleiben und Offizier zu werden, wurde mir dieser Titel im Jahr darauf erneut verliehen.

Beim ROTC bekam ich auch ein Gefühl dafür, wie stark visuell orientiert ich bin. Offiziere der Air Force besuchten unsere Einheit mit einem Flugsimulator: Wir sollten sie informieren, sobald wir Hunderte Meter unter uns auf dem Boden einen Panzer ausmachen konnten. Kaum hatten sie den Simulator gestartet, sagte ich: »Da ist er.« Einer von ihnen meinte: »Verdammt, du hast recht!« Nachdem mir das wieder und wieder gelungen war, fragten sie mich, ob ich in die Air Force eintreten wollte.

Die wichtigere Prüfung erwartete mich im Sommer nach dem dritten Studienjahr, als ich sechs Wochen in Fort Lewis südlich von Tacoma im Bundesstaat Washington verbrachte, um an einem sogenannten Reaktionstraining für Führungskräfte der Army teilzunehmen. Im Prinzip ging es den Ausbildern darum, uns in Belastungssituationen aus dem Gleichgewicht zu bringen, um uns zu testen – und sie waren nicht zimperlich. So konnte einer von ihnen plötzlich sagen: »Sie sind tot!«, obwohl man alles richtig gemacht hatte. Man hatte dann einfach Pech gehabt und war von einer imaginären Mörsergranate erwischt worden. Einmal wurde tatsächlich ein Drill Sergeant getötet, als ein Kadett aus nächster Nähe versehentlich einen Schuss in seine Nierengegend abfeuerte. Wir benutzten Platzpatronen, doch aus so kurzer Entfernung können sogar die tödlich sein.

Wir wurden in Trupps aufgeteilt, die üblicherweise aus je vier Kadetten bestanden. Zwei Trupps bildeten eine Gruppe und vier Gruppen einen Zug. Jeden Abend wurde uns ein Rang für den nächsten Tag zugewiesen. Immer einer von uns leitete einen Trupp und erhielt eine Mission, und wenn die im Gange war, änderten die Ausbilder das Missionsziel oder »töteten« den Anführer – einfach nur um zu sehen, wie wir uns an die neue Situation anpassten. Dabei schrien sie einen ständig an. So wusste man rasch, ob man das alles schaffen würde. Irgendwann musste sich jeder fragen: Bin ich Anführer oder Mitläufer?

Eine der Missionen bestand darin, einen feindlichen Soldaten gefangen zu nehmen, während die eigene Gruppe sich durch bewaldetes Gelände auf die Frontlinie zubewegte. Dort befand sich ein Minenfeld zu unserer Linken, ein Minenfeld zur Rechten und eine Barriere aus NATO-Draht direkt vor uns. Der erste Kadett kam noch durch den Stacheldraht, doch dann, als sich der zweite am Hindernis befand, eröffnete der Feind das Feuer. Was tun? Die Gruppe war jetzt zweigeteilt. Wird der Anführer dem im Stacheldraht gefangenen Kameraden befehlen, sich flach hinzulegen, damit der Rest der Gruppe auf seinem Rücken das Hindernis passieren kann – auch wenn dieser eine dabei in den rasiermesserscharfen Draht gedrückt wird? Das wollte man mit diesem Test herausfinden. Der Grundgedanke war, den Feind zurückzudrängen, die Gruppe wieder zu vereinen und dann den Mann aus dem Draht zu befreien und seine Wunden zu versorgen, bevor die Mission fortgesetzt wurde.

Ein anderes Mal inspizierte der Drill Sergeant beim Morgenappell unsere Gesichter, ob wir eine »ordentliche Militärrasur« hatten, wie er das nannte. Er gab sich erst zufrieden, als wir uns so gründlich rasiert hatten, dass jeder kleine Schnittwunden im Gesicht hatte. Zur ersten Übung traten wir zwischen Zelten auf einem Feld an. Wir wurden angewiesen, Gasmasken aufzusetzen und in eines der Zelte zu gehen, wo aus einer Blechmülltonne Tränengas ausströmte. Man befahl uns, die Maske abzunehmen und Name, Rang sowie Kennziffer zu nennen. Sobald wir unsere Masken abgenommen hatten, fingen die Rasurverletzungen an zu brennen, als ob uns jemand Säure ins Gesicht geschüttet hätte. Manche schafften es gerade noch, Namen und Rang richtig zu sagen. Aber spätestens bei der Kennzahl verloren alle die Beherrschung und brachen in heftiges Husten aus.

Dann – vor dem Hintergrund des schneebedeckten Gipfels von Mount Rainier, im einsetzenden Regen – versammelten wir uns auf einer Metalltribüne und der Sergeant erklärte uns, was im Fall eines Nervengasangriffs zu tun war. Jeder von uns erhielt ein Röhrchen mit einer Nadel daran, die als Spritze mit dem Gegenmittel dienen sollte. »Stehen Sie auf«, hieß es, »lassen Sie Ihre Kampfanzüge bis zu den Knöcheln runter und setzen Sie sich wieder hin.«

»Jetzt nehmen Sie das Röhrchen fest in Ihre Hand und die Nadel zwischen Zeige- und Mittelfinger«, sagte der Sergeant. »Das Kommando lautet ›eins, zwei, rein damit‹, und auf ›rein damit‹ stoßen Sie die Nadel in Ihren Oberschenkel; etwas seitlich versetzt, damit Sie den Knochen nicht erwischen.«

Angespannt warteten wir auf das Kommando – mit der Hose an den Knöcheln und der Nadel in der Hand. »Eins, zwei, los!«, schrie der Sergeant, und alle stießen die Nadel in den Oberschenkel.

Der Sergeant sah uns böse an. »Ich habe nicht ›rein damit‹ gesagt«, knurrte er. »Also ziehen Sie sie wieder heraus; wir beginnen noch mal von vorn.«

Wir rissen die Nadeln heraus. Mit Regentropfen vermischtes Blut rann an unseren Beinen hinab. Ich konnte das Geräusch von Helmen hören, die auf die Metalltribüne krachten; einige Kadetten waren ohnmächtig geworden. Der Rest von uns hörte beim nächsten Mal genauer hin.

»Jetzt werde ich herumgehen und hinten auf das Röhrchen klopfen, um zu prüfen, ob die Nadel tatsächlich ganz eingedrungen ist«, sagte er. Nach dieser reizenden Einweisung und nach Abschluss seines schmerzhaften Klopftests wurden wir angewiesen, uns erneut in Formation aufzustellen.

Als Brigadekommandeur an diesem Tag musste ich die Züge beim Marsch über das Feld anführen. Dabei wurden wir aus heiterem Himmel von der Seite mit Gaskanistern beworfen, woraufhin die meisten Männer zu Boden fielen und einen Würgekrampf bekamen. Da ich an der Spitze marschierte, war ich vom Gas verschont geblieben; doch der Sergeant machte mir Beine, als ich vom Feld herunterkam. »Kadett Ballard! Wo sind Ihre Männer? Zurück aufs Feld! Und kommen Sie erst zurück, wenn jeder einzelne Ihrer Männer versorgt ist!« Wenig später lag ich genau wie meine Kameraden auf dem Boden und erbrach mich.

Im Laufe dieser sechs Wochen kämpften wir mit Bajonetten und robbten unter Stacheldraht entlang, während scharfe Schüsse über unsere Köpfe hinwegpfiffen. Ich wurde zu einem erfahrenen Gewehrschützen, erzielte 94 von 100 möglichen Punkten, und in Bezug auf körperliche Leistungsfähigkeit landete ich von 1400 Kadetten auf dem sechsten Platz. Außerdem gewann ich Erkenntnisse, die in gefährlichen Momenten später auf See von entscheidender Wichtigkeit für mich waren. Ich lernte, dass man erst im Ernstfall beurteilen kann, wie ein Mensch wirklich gestrickt ist – ob er sich davonmacht oder die Stellung hält. Einige verließ der Mut, wenn der Sergeant sie anbrüllte; andere flippten aus, wieder andere schmissen hin. Mir aber kam es in diesen Augenblicken höchster Anspannung so vor, als liefe alles in Zeitlupe ab. Ich wurde äußerst ruhig, beobachtete, dachte nach und versuchte zu begreifen. Ich lernte, dass Führung auch bedeutet, seine Leute um sich zu versammeln, wenn etwas schiefläuft.

Doch ebenso wurde mir beigebracht, dass ich jeden Deserteur sofort erschießen sollte, da ich sonst alle anderen mit verlieren könnte. Hätte ich das an der Front jemals getan? Wahrscheinlich. Hätte ich danach je wieder meinen Frieden gefunden? Wahrscheinlich nicht.

—

ICH WAR IM HÖHENFLUG, als ich aus Fort Lewis zurückkam. Im Spätsommer absolvierte ich ein paar Ferienkurse in Los Angeles an der UCLA. Ich traf Arthur Ashe, den späteren Wimbledonsieger, der nach Erhalt seines Tennisstipendiums frisch hier angekommen war – und ich schlug ihn sogar in einem Tennisturnier. Wieder zurück in Santa Barbara, wo das vierte Studienjahr anstand, lief alles hervorragend. Ich wurde stellvertretender Brigadekommandeur unserer ROTC-Einheit. Wenn nötig, konnte ich einen mürrischen Monolog halten wie ein grummeliger General oder auch in einer mitreißenden Ansprache alle zusammentrommeln. Menschenführung lag mir. Meine Fortgeschrittenenkurse in Geologie und Chemie genoss ich. Außerdem hatten Lana und ich uns verlobt und meine Bundesbrüder in der Verbindung beneideten mich darum.

Doch dann, im Frühjahr des darauffolgenden Jahres, verdüsterte sich alles. Aus heiterem Himmel ließ Lana mich sitzen. Ich war wie benommen und schämte mich. In jenem Sommer verbrachte ich sehr viel Zeit beim Gerätetauchen – häufig an der Küste von Big Sur, südlich der Monterey-Halbinsel. Meinem Vater erzählte ich, dass es mir dabei um wissenschaftliche Erkenntnis ging. Aber vermutlich spürte er, dass ich meine Gedanken in andere Bahnen lenken wollte, weit weg von Lana – und vielleicht auch von meiner Zukunft.

Für mein Aufbaustudium hatte ich fest das Scripps im Visier. Immer wieder redete ich mir ein, dass die eine schlechte Note sie nicht abhalten würde, mich in ihr Promotionsprogramm aufzunehmen. Schließlich hatte ich während der Highschool ein Praktikum dort gemacht und den Kontakt zu einigen der Funktionsträger gehalten. Da das Scripps Forschung für das Militär betrieb, war ich auch im Glauben, dass mein Aufenthalt in Fort Lewis und mein Titel als Ausgezeichneter Absolvent einer militärischen Ausbildung des ROTC dort auf Anerkennung stoßen würde.

Aber ganz im Hinterkopf war da auch schon ein kleines Fragezeichen. Als ich mein neuntes und letztes Semester an der UC Santa Barbara begann, lag mein Notendurchschnitt etwa bei 2,0. Nicht sonderlich gut für eine Bewerbung am Scripps, aber ich hoffte, mein interdisziplinärer Studiengang würde das wettmachen.

Zur Bewerbung fuhr ich hinunter nach La Jolla, um dort ein Aufnahmegespräch mit Fred Noel Spiess zu führen, dem Direktor des Labors für Meeresphysik am Scripps-Institut. Er hatte im Zweiten Weltkrieg 13 U-Boot-Patrouillen mitgemacht und überlebt, wofür er mit militärischen Ehrenmedaillen ausgezeichnet worden war. Er hatte einen Harvard-Abschluss als Master im Bereich Ingenieurwesen und war in Berkeley zum Doktor der Physik promoviert worden. Und er war ein respekteinflößender, herausragender Meeresforscher.

Ich hatte ihn nie zuvor getroffen und ging voll Begeisterung in unser Gespräch. Er hingegen war kalt und distanziert. Die Unterredung dauerte nicht sehr lang und ich erinnere mich, wie ich beim Hinausgehen dachte: »Oh je, ob daraus etwas wird?«

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und kam in einem Brief von Dr. Spiess. Man hatte mich abgelehnt.

Ich wusste, dass das passieren konnte. Trotzdem kam es mir jetzt vor, als würden alle meine Träume platzen. Verzweifelt stellte ich mich selbst infrage. »Ich bin einfach nicht zum Meeresforscher geschaffen«, dachte ich.

Schlimmer noch war der Gedanke, dass ich es anders hätte angehen können. Ich hatte mich für einen irrsinnig schweren Studiengang entschieden. Es war einfach zu viel. Der Sport, die Studentenvertretung, das Verbindungsleben, das ROTC. Ich war wie ein Schweizer Taschenmesser – in vielen Bereichen ziemlich gut, aber auf keinem Gebiet meisterhaft. Ich hätte mich einschließen und mehr lernen sollen.

Außerdem fand ich später heraus, dass die Empfehlungsschreiben, auf die ich gebaut hatte, scharfen Tadel enthielten. Mein Studienberater, Dr. Norris, nannte mich darin »umgänglich«, doch mit etwas zu starkem Interesse am »gesellschaftlichen Treiben«. Ein anderer Professor lobte meine »dynamische, aufgeschlossene Persönlichkeit« und betonte, wie überaus vielseitig ich war, von »ungewöhnlicher Begabung« – doch »nur bereit, so viel zu leisten wie nötig, um das Studium mit Prädikat abzuschließen, mehr jedoch nicht«.

Wahrscheinlich erzählte ich auch meinem Bruder von der Absage, doch zu diesem Zeitpunkt standen wir uns nicht mehr so nahe, als dass ich seinen Rat gesucht hätte. Außerdem war er inzwischen verheiratet und saß gerade in Berkeley an seiner Doktorarbeit im Bereich Teilchenphysik. Angesichts seiner Erfolge fühlte ich mich noch mehr wie ein Versager.

Die Flamme wurde ganz schwach. Alle schienen mir zu raten, hinzuschmeißen und stattdessen Verkäufer zu werden, ins Geschäftsleben einzusteigen oder Ähnliches. Mir war klar: Ich musste mich aufraffen, mich selbst so aufmuntern, wie ich es im Umgang mit der Truppe gelernt hatte. Im Angesicht der feindlichen Bedrohung weiter vorwärtsmarschieren. Ich dachte an mexikanische Boxer im Fernsehen, wie diese kleineren Kämpfer ihren Gegnern zu sagen schienen: »Du wirst dir noch in meinem Gesicht die Hand brechen.« Kaum hatten sie einen Schlag erlitten, rappelten sie sich schon wieder auf. Diese Eigenschaft bewundere ich an Menschen.

Also rappelte auch ich mich wieder auf.

—

MEINE LEIDENSCHAFT FÜR DAS MEER kehrte zurück und wie besessen begab ich mich auf die Suche nach neuen Optionen. Da ich nur Scripps vor Augen hatte, hatte ich keine Recherchen über andere Graduiertenprogramme angestellt. Meine Verlobte war verloren, mein Traum zerplatzt – ich wollte an einen Ort, wo ich niemanden kannte. Da fand ich heraus, dass die Universität von Hawaii in Manoa, einem Stadtteil von Honolulu, einen Masterstudiengang in Meeresforschung anbot und ihn bald um ein Doktorandenprogramm erweitern wollte. Das war zwar nicht Scripps, aber es verschaffte mir wieder eine Perspektive.

Ich musste so schnell nach Honolulu reisen, dass ich sogar die Abschlussfeier in Santa Barbara verpasste. Nachdem ich die Army um einen Aufschub vom aktiven Dienst gebeten hatte, machte ich mich auf die Suche nach einem Nebenjob. In seinem Unterstützungsschreiben war Dr. Norris vielleicht nicht als mein größter Fürsprecher aufgetreten, aber er erzählte mir doch von seinem Bruder Ken – einem UCLA-Professor, der im Sommer Wal- und Delfinforschung am Oceanic Institute östlich von Honolulu betrieb. An das Institut war der Sea Life Park angeschlossen, ein Aquarium mit Delfin- und Walshows. Ich lieh mir ein Moped, brauste dorthin und hatte kurz darauf gleich zwei Jobs in der Tasche: Ich sollte Delfine und Wale für die Touristenshows trainieren und Ken Norris im Sommer bei der Forschung unterstützen.

Die Sonne, die tropische Brise und das Herumtoben mit Delfinen entpuppten sich als großartige Mittel, um mich wieder aufzubauen. Delfine sind soziale Wesen. Sie genießen es, wenn man sie streichelt. Wir schrieben das Jahr 1965 und an einem Ort wie dem Sea Life Park kamen damals niemandem ernsthafte Zweifel, wenn es darum ging, den Tieren allerlei unterhaltsame Tricks beizubringen. In der Walfängerbucht paddelten hawaiianische Mädchen in Kanus im Becken herum und schwammen mit den Tieren. Im gläsernen Tümmlerschaubecken zeigten wir das Training und die Intelligenz der Delfine. Sie schwammen nicht einfach nur herum, machten Luftsprünge oder führten auf der Schwanzflosse stehend Hula-Tänze auf. Wir schafften es, ihre Fähigkeiten auf eine höhere Ebene zu heben.

Einem meiner Lieblinge – Keiki, einem Großen Tümmler – brachte ich bei, Schwimmringe in sein »Sparschwein« zu befördern, einen Fahrradkorb knapp unter der Wasseroberfläche. Danach sollte er die Ringe zu mir bringen. Ich gab ihm je einen Fisch für einen weißen, fünf Fische für einen roten und zehn für einen blauen Ring. Er begriff schnell und brachte mir fortan die blauen Ringe zuerst. Während der Show »verdiente« er sich diese Ringe, die er aber so lange in seinem »Sparschwein« aufbewahrte, bis er sie in Fische umtauschen konnte.

Es gab vier Auftritte am Tag, und so lernte ich, das Publikum einzuschätzen und durch improvisierte Einlagen bei Laune zu halten. Die Abende verbrachte ich mit den anderen Delfintrainern in Waikiki. Eine Trainerin war die Tochter eines lokalen Radiomoderators und dadurch genossen wir in unseren Stammrestaurants ein kleines bisschen PromiSonderstatus. Nach dem Essen besuchten wir oft die Auftritte von Don Ho, dem hawaiianischen Sänger, dem bald darauf mit seinem Lied Tiny Bubbles der landesweite Durchbruch gelingen sollte. Der Trick war, erst kurz vor dem Ende seiner letzten Show anzukommen, sodass wir nur noch einen Drink bestellen mussten statt der üblichen zwei.

Ich war wieder auf der Suche nach einer Partnerin. Ein hübsches, braunhaariges Mädchen, Marjorie Hargas, wohnte auf der anderen Straßenseite und kam eines Tages herüber, um sich vorzustellen. Sie hatte einen Teil ihrer Kindheit genau wie mein Vater in Montana verbracht und sich dann aufgemacht, allein die Welt zu erkunden; ihr erster Stopp war Hawaii. Ich fand das ziemlich mutig. Zusammen kurvten wir in meinem heiß geliebten 1958er Chevy-Impala-Cabriolet herum. Die Impalas waren in dem Jahr erstmals auf den Markt gekommen und seitdem wollte ich so einen besitzen. Diesen fand ich zum Schnäppchenpreis direkt in Honolulu, die Farbe war eine Art Lila, also nannten wir ihn »Die Traube«.

Als ich in jenem Winter über Weihnachten nach Hause kam und Mom erzählte, dass ich Margie weinend am Flughafen in Honolulu zurückgelassen hatte, schickten ihr meine Eltern ein Flugticket, damit sie mit uns feiern konnte. Damals heiratete man früher als heute. Auch wenn mich meine Eltern nicht unter Druck setzten, wusste ich doch, dass sie sich über eine Hochzeit freuen würden. Richard war seit drei Jahren verheiratet und sie hatten bereits einen Sohn. Margie einen Antrag zu machen kam mir also einfach richtig vor. Wir hatten Spaß zusammen und mein Idealbild einer Ehe war noch immer das, mit dem ich selbst aufgewachsen war. Ich kaufte einen Ring für sie, und als wir nach Hawaii zurückkehrten, waren wir verlobt.

AN DER UNIVERSITÄT LIEF ALLES NACH PLAN und meine Arbeit für Dr. Norris war faszinierend. Wir untersuchten, wie schnell Delfine schwimmen und warum sie in große Tiefen tauchen können, ohne Embolien zu erleiden so wie andere Säugetiere oder Menschen.

Ich wusste nicht, dass Delfintrainer des Instituts an einem streng geheimen Navy-Forschungsprojekt mitarbeiteten, bis mich eines Tages die Anfrage erreichte, Delfine zur Tötung feindlicher Taucher in Vietnam abzurichten. Offenbar entsandte der Vietcong nachts Schwimmer in die Bucht von Cam Ranh, um Sprengstoff an amerikanischen Versorgungsschiffen anzubringen. Da die Bucht voller Treibgut war, konnte man die Schwimmer nur schwer von anderen Sonarzielen unterscheiden. Man erhoffte sich von den Delfinen, dass sie die Taucher entdecken und ihre Trainer informieren würden. Die Trainer sollten dann einen Speer mit einem Gaskanister auf der Nase des Delfins befestigen. Das Tier würde zurückkehren und den Speer in die Brust des Tauchers rammen und ihn damit töten.

Mir erschien es nicht richtig, die Tiere dieser Situation auszusetzen, darum lehnte ich das Angebot höflich ab.

Wenig später hatte ich ein weiteres verstörendes Erlebnis in Bezug auf den Vietnamkrieg. Einer meiner Kameraden aus dem ROTC arbeitete inzwischen beim militärischen Nachrichtendienst und war auf Heimaturlaub, als ich mich mit ihm und einem Freund am Fort DeRussy, einem Militärstützpunkt am Waikiki-Strand, auf ein paar Drinks traf. Mehrmals fragte ich, was genau ihre Aufgabe in Vietnam sei, bis mein Freund schließlich sagte: »Das willst du gar nicht wissen.« Oh doch, beteuerte ich, weil ich wahrscheinlich selbst bald dort im Einsatz sein würde.

Einige Drinks später wurde er offener. »Na schön, ich sage dir, was dich erwartet«, sagte er. »Du nimmst drei frisch von der Patrouille aufgegriffene Vietcong mit auf einen Flug im Hubschrauber, wirfst zwei von ihnen raus und verhörst dann den dritten.«

In dieser Nacht tat ich kein Auge zu. Nie im Leben wollte ich mich an so etwas beteiligen. Gleich am nächsten Morgen ging ich zur Rekrutierungsstelle des Marinestützpunkts Pearl Harbor und füllte ein Formular aus, in dem ich einen Wechsel von der Army zur Navy beantragte, was jedem Ausgezeichneten Absolventen einer militärischen Ausbildung zustand. Dann flogen Margie und ich nach Kalifornien, um zu heiraten – und, wie ich dachte, um uns dort niederzulassen. Mein Chef während des Praktikums in der Firma meines Vaters – Andreas »Andy« Rechnitzer, eine Legende im Bereich der Tiefseeforschung – hatte mir eine Vollzeitstelle in meiner alten Heimat Long Beach angeboten, wo ich helfen sollte, ein Tiefsee-Tauchboot für die Ölindustrie zu entwerfen. Das Unternehmen war auch bereit, mir eine Promotion an der University of Southern California finanziell zu ermöglichen. Das Angebot erschien mir als perfekte Gelegenheit, wieder ein höheres Tempo anzuschlagen.

Wir hatten uns noch gar nicht richtig eingelebt, als ein paar Monate später das sprichwörtliche Schicksal an die Tür klopfte. Es kam in Form eines Vertreters der Navy, der mich über die Genehmigung meines Wechselantrags informierte. Bald schon wurde ich der Dienststelle für Meeresforschung am Standort Boston unterstellt, wo ich als Verbindungsoffizier für den Kontakt zu Meeresforschern verschiedener Hochschulen zuständig war, darunter der größte Rivale von Scripps auf dem Gebiet der Meeresforschung, die Woods Hole Oceanographic Institution auf Cape Cod.

Also kletterten Margie und ich in unseren gerade erst gekauften VW Käfer, klebten einen 1000-Dollar-Scheck unter das Armaturenbrett und machten uns auf die Reise von der Pazifik- an die Atlantikküste.

KAPITEL 3
WEG IN DIE WISSENSCHAFT

Als Margie und ich in Richtung Osten aufbrachen, erweiterte sich unser Horizont mit jedem Kilometer. Wir machten uns auf den Weg durch Wüsten und Steppenausläufer, waren nach zwölf Stunden in El Paso und dann, nach weiteren neun Stunden Fahrt durch verdorrte Landschaften, erreichten wir Dallas. Einmal hielten wir, um einen Schwarm Kanadagänse zu beobachten, die nordwärts zogen – genau wie wir. Im Rückblick auf ein Leben, das sich ganz der Erkundung des Planeten widmete, hält man es kaum für möglich: Ich war bis dahin noch nie östlich des Mississippi gewesen. Wir überquerten den Fluss bei Vicksburg und besuchten das Schlachtfeld aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg, wo General Grant die Konföderierten zur Kapitulation gezwungen hatte. Ich ging durch das Gelände und stellte mir den Kampf vor. Danach Atlanta – und dann Washington, hier wartete eine fantastische erste Besichtigung auf mich. Schließlich ging es hoch nach Boston und wir bekamen gleich einen Vorgeschmack dessen, was uns in Neuengland erwartete: ein stürmisches Schneegestöber im März. Am nächsten Morgen zog ich meine nagelneue blaue Navy-Uniform an und war bereit für meinen ersten Arbeitstag – und musste direkt wieder zurück in die Jeans, um den VW aus dem Schnee zu buddeln.

Der Start im Nordosten war alles andere als einfach für einen Strandgutsammler aus Südkalifornien und meine ersten Tage in der Dienststelle für Meeresforschung verliefen kaum besser. Mein Training in der Army hatte darauf abgezielt, mich zum Krieger zu machen; dann bekam ich eine großartige Stelle, die mir ermöglichte, Tauchboote zu entwerfen und gleichzeitig an meiner Promotion zu arbeiten. Meine Aktivierung durch die Navy bedeutete einen beträchtlichen Umweg und eine drastische Gehaltskürzung. Aber nun war ich eben hier. Ich dachte damals, ich würde einfach meine Pflicht erfüllen und dann nach Kalifornien zurückkehren.

Ein Teil meiner Arbeit bestand darin, die Verwendung von Fördermitteln an Forschungsinstitute zu überwachen – wirklich der reinste Papierkrieg. Ich war der Verbindungsoffizier für einige Hochschulen – darunter das MIT (Massachusetts Institute of Technology), die University of Rhode Island und die von New Hampshire. Der bei Weitem größte Empfänger von Zuschüssen in meinem Verantwortungsbereich war die Woods Hole Oceanographic Institution, etwa anderthalb Autostunden südlich von Boston.

Über Woods Hole wusste ich bis dahin nur sehr wenig. Ich hatte so lange von einer Stelle am Scripps-Institut geträumt, dass ich mich nie richtig mit seinem Rivalen an der Ostküste befasst hatte – obwohl sich auch dort zahlreiche Wissenschaftler den Ozeanen widmeten. Das WHOI, wie es genannt wurde, befand sich in einem kleinen Dorf in Neuengland, voll malerischer, schiefergedeckter Häuschen, während Scripps klassisch südkalifornisch war – mit rollender Brandung und dem ganzen Drumherum. In Meeresforscherkreisen ist das ein bisschen so wie im Baseball die Rivalität zwischen den New York Yankees und den Boston Red Sox. Schon nach kurzer Zeit war mir klar, dass ich sehr viel Zeit dort verbringen würde.

Da stand ich nun in meiner blauen Winteruniform inmitten all der Menschen in Outdoor-Freizeitbekleidung. Von der Water Street aus spazierte ich über die Zugbrücke, die den engen Kanal zwischen dem Nantucket Sound im Atlantik und dem Eel Pond überspannte – eine kleine Lagune, dominiert von der Captain-Kidd-Bar, einem urigen Meeresfrüchterestaurant. Und dann, während ich auf der Brücke stand und fröstelte, erregte mitten in der Lagune etwas meine Aufmerksamkeit.

Schmuck, weiß, sechseinhalb Meter lang, so lag es da: Alvin, ein Tauchboot mit Platz für drei Personen, die damit in einer Tiefe von bis zu 1800 Metern den Ozean erforschen konnten. Eigentum der Navy, betrieben allerdings vom Woods-Hole-Institut, lag es zur Durchführung irgendwelcher Tests in dem kleinen Hafen. Der Anblick des Boots und mein Gespür dafür, wozu es in der Lage war, fesselten mich sofort.

Alvin war das einzige von einem amerikanischen Meeresforschungsinstitut betriebene Tauchboot. Sogar Scripps besaß keines. Bis dahin wurden Erkundungen des Tiefseebodens von der Wasseroberfläche aus mithilfe von Sonargeräten und anderen Methoden der Ferndetektion durchgeführt. Ich begriff, dass Alvin Wissenschaftlern ermöglichte, selbst unter Wasser zu gehen, dort zu manövrieren und alles mit eigenen Augen zu beobachten. Das war ein Wasserfahrzeug ganz nach meinem Geschmack. Es hatte seine Bewährungsprobe bereits bestanden, denn durch seinen Einsatz konnte eine Wasserstoffbombe ausfindig gemacht werden, die ein Air-Force-Bomber während eines Zusammenstoßes in der Luft verloren hatte und die auf den Grund des Mittelmeers gesunken war. Die Vorstellung, in einem bemannten Tauchboot zu arbeiten, das für unmittelbare visuelle Beobachtung konzipiert war, faszinierte mich – genau diese Art Wissenschaft wollte ich betreiben.

Meine Vorstellungsrunde an jenem ersten Tag in Woods Hole geriet zu einem wahren Spießrutenlauf. Es war wie ein Treffen mit den Göttern. Als Erstes war der Direktor von Woods Hole, Paul Fye, an der Reihe. Als ich mich damit brüstete, schon für Scripps zur See gefahren zu sein, kniff er seine Augen zusammen: »Nun, es freut mich sehr, dass Sie es schließlich doch noch an das beste Meeresforschungsinstitut der Welt geschafft haben.«

Danach begrüßte mich Kenneth O. Emery, genannt K. O., ein Experte für Kontinentalschelfe und einer der meistverehrten Schüler von Francis Shepard, dem berühmten Meeresgeologen. Ich legte außerdem Wert darauf, Bill Rainnie kennenzulernen, einen ehemaligen U-Boot-Offizier, der die Abteilung für Tiefseetauchgänge betreute. Er entschied, wer Zugang zu Alvin bekam.

Sie alle hießen mich im Lauf der nächsten zwei Jahre in ihrem Woods-Hole-Kreis willkommen. Dr. Emery lud mich sogar ein, als Teil des wissenschaftlichen Teams auf Forschungsschiffen mit hinauszufahren, was mein Chef bei der Navy genehmigte. Ich fühlte mich wie ins Aufbaustudium zurückversetzt. Endlich konnte ich meinen Träumen nachgehen.

Von nun an gab ich alles und war hoch konzentriert. Der Besatzungsführer an Bord von Alvin – George Broderson, oder kurz Brody – gab mir den Spitznamen »Weißer Tornado«, weil ich immer federnden Schrittes in meiner weißen Sommeruniform durch Woods Hole brauste und so meinen Bewegungsdrang auslebte.

Ob man es nun Glück nennt oder wie auch immer – irgendwie war ich an den perfekten Ort für mich gelangt und man empfing mich dort mit offenen Armen, wie ein Familienmitglied.

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DURCH EINEN KONTAKT BEI MEINER NAVY-DIENSTSTELLE wurde ich Mitglied der Boston Sea Rovers, des prestigeträchtigsten Tauchklubs der Welt. Das war eine vielseitige, zähe Truppe von etwa 20 Männern, denen es nichts ausmachte, die Kälte des Nordatlantiks am eigenen Leib zu spüren. Jedes Wochenende während der Tauchsaison zogen wir uns die Ausrüstung über und sprangen ins kalte, dunkle Wasser, um nach Hummern zu tauchen und mit einer ganzen Kühltheke voll Köstlichkeiten wieder zum Vorschein zu kommen. Joe Hohmann, der mir in der Gruppe mit am nächsten stand, war so stark, dass er gleich zwei große Atemluftflaschen auf dem Rücken tragen konnte. Er fasste einfach mit der Hand in ein Loch und ließ sich dort von den Hummern beißen, um dann diese Zehn-Kilo-Dinger einfach so ans Tageslicht zu zerren. Zum Abschluss des Tages fuhren wir zu einer einsamen Insel, sammelten eine Tonne voll Moos und bereiteten dort über dem Feuer unseren Fang zu. Nach jedem Festmahl sprangen wir ein weiteres Mal ins Wasser, um die Butter vom Taucheranzug zu spülen.

An unserem alljährlichen Tagungswochenende läuteten wir den Freitagabend stets mit einer Cocktailparty in einem prachtvollen Restaurant ein, das wir »das Schloss« nannten. An den Samstagen hatten wir prominente Redner aus der Unterwasserwelt zu Gast wie etwa Jacques Piccard, der mit dem Bathyskaph Trieste bis auf 11 000 Meter Tiefe hinunter ins Challengertief getaucht war, die tiefste Stelle des Weltmeeres. Samstagabends wurden Filme über die Erkundung der Ozeane gezeigt. Frank Scalli, dem Moderator, wurde einmal von mehreren Mitgliedern ein riesiger Hummer überreicht, den sie unter dem tosenden Gelächter des Publikums wie einen Hund an der Leine über die Bühne führten. Jedes Jahr beschlossen wir das Wochenende mit einem Hummerauflauf bei Frank zu Hause. Er war Gerätetaucher und Vertreter der Firma U.S. Divers. Deren Inhaber war Jacques Cousteau, der der Welt durch Fernsehserien wie Geheimnisse des Meeres das Gerätetauchen und die Unterwasserforschung näherbrachte.

Wie sehr die Sea Rovers mein Leben beeinflussen sollten, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Ich sah, wie herausragende Redner uns mit farbenfrohen Unterwasserbildern förmlich in ihre Vorträge hineinzogen. Ich traf einige der besten Unterwasserfotografen und -filmer – Luis Marden und Bates Littlehales zum Beispiel, die für die National Geographic Society arbeiteten. Außerdem Melville Bell Grosvenor, von 1957 bis 1967 Präsident dieser Gesellschaft und Chefredakteur des Magazins National Geographic. Er war der Enkel von Alexander Graham Bell, dem Erfinder des Telefons und zweiten Präsidenten der National Geographic Society. Nicht zuletzt begegneten mir bei den Treffen der Sea Rovers die damals berühmtesten Persönlichkeiten der Unterwasserwelt: Al Giddings, der Kameramann, der später an Filmen wie Abyss – Abgrund des Todes und Titanic und vielen mehr mitarbeiten sollte; Rod und Valerie Taylor, bekannt für Filme, in denen sie auf Tuchfühlung mit Haien gingen; Harold Edgerton, ein MIT-Ingenieur, der mit Cousteau und anderen Unterwassertechnologien entwickelte; Eugenie Clark, eine Ichthyologin und Pionierin des Gerätetauchens, Spitzname »die Hai-Dame«; Paul Tzimoulis, ein früher Befürworter des Drucklufttauchens und Herausgeber der Zeitschrift Skin Diver; Joe MacInnis, bekannt für furchtlose Tauchgänge am Nordpol; Stan Waterman, Tauchpionier und Schöpfer von Unterwasserfilmen und Fernsehdokumentationen; schließlich Peter Gimbel, der zur Andrea Doria tauchte und Bilder von dem Wrack aufnahm. Auch Jacques Cousteau und sein Sohn Philippe gesellten sich oft zu uns.

Mit Interesse lauschte ich, wenn einige der Rovers davon schwärmten, wie gern sie mit ihren Geräten die Wracks von kleinen Schiffen und Sportbooten betauchten. Diese Vorstellung ließ mich fortan nicht mehr los. Wahrscheinlich wollte ich noch einen draufsetzen, denn Joe Hohmann erinnert sich, wie ich sogar damals, in den späten 1960er-Jahren, bereits davon sprach, die Titanic aufspüren zu wollen. »Meine Güte, was raucht oder trinkt dieser Typ bloß«, dachte Joe damals. Er hielt meine Ergüsse über die Suche nach der Titanic, wie er heute bekennt, für ein »Hirngespinst«.

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DANN STELLTE 1969 erneut die Navy mein Leben auf den Kopf.

Da der Vietnamkrieg ein Loch ins Budget des Pentagon gerissen hatte, sah sich die Navy zu Einsparungen gezwungen. Rangniedrige Offiziere in der Forschung wie ich wurden vor eine Wahl gestellt: Entweder verpflichteten wir uns zum Vollzeitdienst in der Navy, oder wir stiegen aus. Meinen Doktor zu machen war mir wichtig; aber ich brauchte auch eine Arbeit.

Ich werde Dr. Emery und Bill Rainnie ihre Unterstützung in dieser Zeit nie vergessen. Dr. Emery schlug vor, ich solle mich in das Doktorandenprogramm von Woods Holes einschreiben. Und als andere befanden, ich könne mich nicht in einen Studiengang einschreiben und zugleich am selben Institut arbeiten, veranlasste er, dass ich an die Graduate School of Oceanography der Universität von Rhode Island pendeln konnte, um dort meine Promotion abzuschließen. In der Zwischenzeit hatte mir Rainnie versichert, ich sei so redegewandt, dass er mich anstellen würde, um Alvins Dienste in der Gemeinde der Meeresforscher anzupreisen. Ich erinnere mich, wie er sagte: »Wenn es noch eine versunkene Wasserstoffbombe gibt, könnte die Suche danach uns genug Aufmerksamkeit verschaffen.« Und ich entgegnete ihm damals, wenn Alvin es schaffen würde, die Titanic aufzuspüren, dann würde sowieso jeder das Tauchboot nutzen wollen.

Also verließ ich die Navy und fand wieder zurück zur Meeresforschung. Primär ging es bei meiner Untersuchung um eine geologische Vermessung des Meeresgrunds im Golf von Maine. Die Theorie der Plattentektonik gewann zu der Zeit zunehmend an Sicherheit: die Vorstellung, dass die Erdoberfläche aus großen Platten besteht, die sich wie in einem riesigen, synchronen Ballett bewegen. Sie können sich auseinanderbewegen, wodurch neue Kruste entsteht; sie können sich auch aufeinander zu bewegen, wodurch alte Platten wieder ins Innere der Erde abtauchen; oder, wie heute an der San-Andreas-Verwerfung zu beobachten ist, sie schleifen aneinander vorbei und lösen dabei Erdbeben aus. Dieses Bild von dynamischen Veränderungen in der Erdkruste über Millionen von Jahren hinweg ist heute weithin akzeptiert, doch in der damaligen Zeit standen viele dieser Vorstellung noch skeptisch gegenüber. Mich selbst überzeugte die Theorie und ich hatte das Gefühl, dass meine Forschung dazu beitragen konnte, sie zu bestätigen – schließlich lag ihr Hauptaugenmerk auf dem Auseinanderdriften der Nordamerikanischen und der Eurasischen Platte unterhalb des Golfs von Maine und der daraus resultierenden Entstehung des Nordatlantiks.

Jeder, der den Weg in die Wissenschaft wählt, muss eine Menge lesen – in meinem Fall waren es Hunderte von wissenschaftlichen Artikeln, um mir das nötige Hintergrundwissen anzueignen und eine Vorstellung davon zu bekommen, worauf genau ich während meiner Expeditionen in den Golf von Maine achten sollte. Allerdings fiel mir die Lektüre nach wie vor schwer. In der Zulassungsprüfung für ein weiterführendes Studium schaffte ich es im mathematischen Teil unter die besten fünf Prozent, während ich im sprachlichen Teil nur 460 von 800 möglichen Punkten erzielte – etwa sechs von zehn Studenten schnitten hier besser ab als ich. Außerdem wusste ich, wie sehr Lärm meine Konzentration beeinträchtigt. Als ich mich daher im Frühjahr 1970 an meine Forschung machte, brauchte ich einen ruhigen Ort. Zum Glück gibt es Bibliotheken.

Das Haus, in dem Margie und ich wohnten, war klein. Unser Sohn Todd war eineinhalb und ein weiterer Sohn, Douglas, war unterwegs. Wir brauchten mehr Platz, konnten aber finanziell keine großen Sprünge machen. Im nahe gelegenen Hatchville, unweit von Falmouth in Massachusetts, entdeckte ich ein Farmhaus mit 16 Zimmern – eine Bruchbude aus dem 17. Jahrhundert und kurz vor dem Abriss. Es kostete nur 20 000 Dollar und ich konnte als Anzahlung 4000 leisten, die aus dem Entlassungsgeld der Navy stammten. Mir selbst kam das Haus vielversprechend vor und ich traute mir zu, es zu renovieren. Doch als meine Mutter es irgendwann zu Gesicht bekam, brachte sie nur hervor: »Das kann nicht dein Ernst sein.«

Da ich aber ein Ventil brauchte, um meine überschüssige Energie loszuwerden, kam mir der Umbau des Hauses, Raum für Raum, gerade recht. Ich verlegte alle Rohre und Kabel und übernahm den Trockenbau. Ich riss Wände ein und brach das alte Fundament des einstigen Kuhstalls ab. Ich pflanzte Obstbäume, um für günstige Nahrung zu sorgen. All das verhalf mir zu einer sehr disziplinierten Routine. Zunächst ging ich ins Arbeitszimmer, das ich mir über der Küche eingerichtet hatte, und las dort 45 Minuten lang wissenschaftliche Artikel. Dann folgten als Belohnung 15 Minuten Arbeit am Haus – ich riss zum Beispiel etwas mit dem Vorschlaghammer ein. Entscheidend war, dass ich die Pausenzeiten streng einhielt und mich umgehend wieder ans Lesen machte. Diese Abfolge – geistig, körperlich, geistig, körperlich – gefiel mir und ich praktiziere sie bis heute.

Ich arbeitete so hart, um über die Runden zu kommen, dass mir nur wenig Zeit für das soziale Leben blieb. Seit unserem Umzug nach Hatchville hatte ich kaum mehr Gelegenheit, mit meinen Kumpeln bei den Sea Rovers tauchen zu gehen. Meine einzigen Freunde waren meine Arbeitskollegen. Dass Woods Hole eine kleine, isolierte Gemeinschaft war, die zumeist aus Akademikern bestand, machte die Sache nicht einfacher. Auch die Ehepartner waren oft sehr gebildet. Margie selbst war nie aufs College gegangen und ich merkte, dass diese intellektuelle Atmosphäre sie einschüchterte und sie sich unwohl fühlte, wenn wir etwas mit diesen Paaren unternahmen.

Auch ich war nie zuvor in Gesellschaft so vieler berufstätiger Frauen gewesen. So klug meine Mutter auch war – sie war als Hausfrau zu Hause bei den Kindern geblieben, genau wie die meisten anderen Mütter ihrer Zeit. Allmählich wurde mir bewusst, dass mein Bruder und ich uns beide dafür entschieden hatten, Hausfrauen genau wie unsere Mutter zu heiraten. Zwar war Margies Unbehagen im Umgang mit den Leuten aus Woods Hole leicht beunruhigend, doch da ich so viel zu tun hatte, dachte ich nicht weiter darüber nach. Außerdem freundete Margie sich auch mit einigen Ortsansässigen an.

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FÜR MEINE PROMOTIONSFORSCHUNG fuhr ich auf den Golf von Maine hinaus – ein Becken, das entstanden war, als die Kontinentalplatten einst auseinanderdrifteten. Mein Ziel war, ein 3-D-Bild dieses inzwischen versunkenen Gebiets zu erstellen und auf diese Weise Daten zu erheben, mittels derer sich plattentektonische Vorgänge dokumentieren ließen. Alle 20 Sekunden feuerte ich einen Luftpulser ab, der den Meeresboden durchdrang. Die zurück an die Oberfläche reflektierten Druckwellen erlaubten uns, Bilder von den darunter verborgenen Strukturen zu erzeugen. Die ständigen Druckluftentladungen strapazierten die Nerven – vor allem derjenigen, die gerade schlafen wollten. Ein Besatzungsmitglied verlor irgendwann die Beherrschung und ging mit einem Messer auf mich los. Wer hätte gedacht, dass es in der Wissenschaft so brutal zugeht?

Gleichzeitig bewarb ich mich um staatliche Förderung, um Alvin mit zusätzlichen Instrumenten auszurüsten. Als ich meine Forschung aufnahm, lag das Boot im Trockendock. Es war geflutet worden und gesunken, nachdem einige Drahtseile gerissen waren; nun wurde es generalüberholt.

Landgeologen klettern einfach in ihren Geländewagen, fahren die Flanken eines Vulkans hinauf, und schon können sie durchs Lavafeld kurven. Auch ich bin ein Feldgeologe, nur eben unter Wasser, und ich wollte aus Alvin meinen ganz persönlichen Geländewagen für Fahrten auf dem Meeresboden machen, um auf Gestein einzuhämmern und Proben einzusammeln, die bei der Entschlüsselung der Geologie hilfreich sein konnten. Für das Entnehmen von Gesteinsproben wollte ich einen Bohrer mit Diamant-Bohrkrone anbringen und ich brauchte Akustiktransponder, um Alvins Bewegungen unter Wasser genauer nachverfolgen zu können. Durch solche Verbesserungen würden wir präzisere Daten bekommen und anderen Wissenschaftlern ermöglichen, die Entdeckungen zu überprüfen.

Tatsächlich erhielt ich nun, mit neuer Ausstattung und einem wieder zum Leben erweckten Alvin, interessante Ergebnisse. Nachdem ich vom Golf von Maine Gestein an die Oberfläche gebracht hatte, untersuchte ich dessen radioaktiven Zerfall und konnte es auf ein Alter von etwa 180 Millionen Jahren zurückdatieren, auf die Zeit der Öffnung des nördlichen Atlantiks. Diese Erkenntnisse stützten die Theorie der Plattentektonik – und zeigten, zu welcher Art von Wissenschaft mein kleiner Unterwasser-Geländewagen fähig war.

1971 schilderte Xavier Le Pichon, ein Meeresgeophysiker am CNEXO (dem Nationalen Zentrum für die Nutzung der Meere, einem französischen Regierungsinstitut), in einem Schreiben an Dr. Emery das Anliegen seines Teams, in der Grabensenke des Mittelatlantischen Rückens zu tauchen. Der Rücken ist Teil der längsten Gebirgskette der Erde und erstreckt sich fast ausnahmslos unter Wasser, in der Mitte des Atlantiks in Nord-Süd-Richtung, von der Arktis bis in den Süden Afrikas. Le Pichons Ziel war die Vermessung eines Gebiets von 150 Quadratkilometern Größe etwa 400 Seemeilen südwestlich der Azoren, von dem man annahm, dass es ein sogenanntes Spreading-Zentrum zwischen zwei divergenten tektonischen Platten sei. Ob wir glaubten, so seine Frage, dass man die Region mit Tauchbooten genauer vermessen könnte als mit Sonarfahrzeugen und Instrumenten, die Schiffe an der Wasseroberfläche ziehen? Und ob man auf diese Weise weitere Erkenntnisse gewinnen könnte, die die Theorie der Plattentektonik untermauern würden?

Für meine Begriffe ging es den Franzosen um einen Technologietransfer. Was Tiefseetauchgänge anging, so kam an Woods Hole niemand vorbei. Wir hatten Alvin und wir entwickelten gerade neue Technologien zur Positionsverfolgung. Die Franzosen wollten an dieses Wissen heran. Aber genau wie sie wollten auch wir mehr über die Geologie des Mittelatlantischen Rückens erfahren und ich war mir bewusst, dass eine derartige Expedition meinen großen Durchbruch bedeuten könnte.

Emery ließ mich eine Antwort verfassen, in der wir uns für das Projekt aussprachen. Jim Heirtzler, Vorsitzender der Abteilung für Geophysik und Geologie am Woods-Hole-Institut, übernahm die Leitung und wies mich an, für ein Treffen im Januar 1972 in Princeton eine Präsentation über die Einsatzmöglichkeiten von Alvin zu erstellen. Die Giganten der Geowissenschaften aus allen Teilen der Welt würden dort anwesend sein. Wenn alles gut verlief, würde sich die National Science Foundation den Franzosen anschließen und das Projekt mitfinanzieren.

Unter Meeresforschern haben Geophysiker den Ruf, große Denker zu sein, doch sie nutzten bis dahin nur hinter Überwasserschiffen hergezogene Sensoren, um den Meeresboden zu vermessen und sein magnetisches Profil zu bestimmen. Niemand war je hinabgetaucht und tatsächlich Zeuge davon geworden, wie frische Lava aus dem Erdinneren strömt und sich dort, wo sich die Platten trennen, neue Kruste bildet. Die großen Theoretiker brauchten empirische Wissenschaftler wie mich, um sicherzustellen, dass ihre Hypothesen auf Fakten fußten.

Da war ich nun, ein einfacher Doktorand und der Einzige in der Gruppe ohne Titel vor dem Namen, und sollte präsentieren, wie ich Alvin einsetzte, um diese Art von Beobachtungen einzuholen. Ich stand unten auf dem Parkett eines steil ansteigenden Hörsaals von Princeton und blickte hinauf in einen Himmel voller Titanen, von denen mir viele nicht eben freundlich gesinnt waren. Ich kam mir vor wie Daniel in der Löwengrube. Mit weichen Knien hielt ich meinen Vortrag. Frank Press, Geophysiker am MIT und späterer wissenschaftlicher Berater von Präsident Jimmy Carter, fragte mich direkt im Anschluss abschätzig, welchen maßgeblichen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn denn jemals ein Tauchboot ermöglicht hatte.

Jeder im Raum starrte auf mich herab, während mein Gehirn ratterte. Was konnte ich entgegnen? Viel Wissenschaft hatte Alvin ja noch nicht betrieben. Dann erhob sich Bruce Luyendyk – ein junger Geophysiker und wahrer Senkrechtstarter, der am Scripps promoviert hatte und nun für Woods Hole arbeitete. Er hatte eine freche Art und ich schätze ihn bis heute. Er blickte Press direkt an und erklärte ihm, dass er dafür nicht den Tauchbooten die Schuld geben könne. Die wissenschaftliche Gemeinde hatte noch nie versucht, sie in so großer Tiefe einzusetzen.

Beim Abendessen saß ich Maurice Ewing gegenüber, dem Gründer des Lamont-Doherty Earth Observatory, eines geowissenschaftlichen Forschungsinstituts an der Columbia University. Er hatte schon etwas getrunken, als er mit seinem Zeigefinger in meine Richtung deutete. Unter Umständen würde er das Projekt unterstützen, sagte er, bevor er hinzufügte: »Wenn Sie scheitern, dann schmelzen wir Ihr Tauchboot ein und machen aus dem Titan Büroklammern!« Er warf mir regelrecht den Fehdehandschuh hin.

Mein Ehrgeiz war geweckt. Wir kriegen das hin, dachte ich. Die Akademie der Wissenschaften war einverstanden und die Französisch-Amerikanische Mittelozeanische Unterseestudie, bekannt als Project FAMOUS, war geboren.

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DIE VORBEREITUNG AUF DAS FAMOUS-PROJEKT bedeutete nach meiner Promotionsforschung eine gewaltige Umstellung. Für mich war es ein Sprung vom Kontinentalrand in die Tiefsee. Ich hatte keine Erfahrung in der Tiefseeforschung, aber ich freute mich darauf. »Wenn sie uns tatsächlich mit unseren winzigen Tauchbooten in den Großen Graben tauchen lassen«, dachte ich, »wie sollen wir da unser Ziel verfehlen?« Wir würden die Vorreiter sein, die Allerersten, die in diese Welt hinabfuhren, um die Entstehung der Kruste zu beobachten und Teile der neu entstandenen Haut unserer Erde einzusammeln.

Die Franzosen sollten 1973 mit ihrem Bathyskaph, der Archimède, den Auftakt machen. Als einziger Amerikaner würde – wegen meiner Erfahrungen mit Alvin – ich sie begleiten. Dann sollte ich im darauffolgenden Jahr erneut hinausfahren, diesmal mit dem amerikanischen Team und mit Alvin, das gerade eine neue Titanhülle erhielt, die seine Tauchtiefe auf 3600 Meter verdoppeln würde – 800 Meter mehr als nötig, um die Grabensenke zu erreichen.

Abgesehen von der Wissenschaft war die Zusammenarbeit mit den Franzosen für mich nicht zuletzt deshalb großartig, weil sie mir Gelegenheit gab, nach Übersee zu reisen. Zur Organisation von Konferenzen flog ich nach Frankreich, wo ich mich mit Jean Francheteau, einem der Wissenschaftler, und Jean-Louis Michel, einem Ingenieur, näher anfreundete. Francheteau hatte am Scripps-Institut promoviert und dort seine Frau Marta, eine zauberhafte Amerikanerin, kennengelernt. Zwischen ihm und mir stimmte einfach die Chemie. Er war ein robuster, gut aussehender Mann mit lockigem Haar und großartigem Lachen – ein echter Kerl, auf seine französische Art. Außerdem ein absolut brillanter Kopf.

Er und Marta lebten in einem alten Bauernhaus in Brest im äußersten Westen Frankreichs, wo der Staat ein Meeresforschungszentrum betrieb. Während meines Aufenthalts wohnte ich bei ihnen und machte durch Jean auch Bekanntschaft mit Weinbergschnecken, landestypischen Käsesorten und Pasteten – kurz mit der feinen französischen Küche. Jean ging zu Fuß zur Arbeit, und als ich ihn begleitete, suchte er am Wegesrand nach Pilzen. Dank seiner kulinarischen Vorbereitung fühlte ich mich meinem Aufenthalt an Bord des französischen Forschungsschiffs gewachsen. Ich selbst war ja praktisch nur mit Fleisch und Kartoffeln groß geworden – doch auf einem französischen Schiff wurden Zunge und Innereien aufgetischt und es hieß: Friss oder stirb.

So fand ich mich im Sommer 1973 auf hoher See wieder. Ich trieb über dem Mittelatlantischen Rücken, während Le Pichon den ersten Tauchgang mit Archimède anführte. Dieses Tauchboot älterer Bauart ließ Alvin zwergenhaft erscheinen, war dafür aber deutlich schlechter zu manövrieren. Es fuhr wie ein Lastenaufzug einfach gerade hinab und wieder herauf. Ich beobachtete, wie der Projektleiter die Arbeit des ersten Tages beendete – im Wissen, dass tags darauf ich mit der Archimède an der Reihe sein würde.

Als ich an jenem Augustmorgen aufwachte, fühlte ich mich elend. Ich hatte mit Fieber und einer Halsentzündung zu kämpfen, wollte aber die Gelegenheit dieses Tages sicher nicht verpassen. Ich gurgelte mit warmem Salzwasser und machte mich bereit für den Tauchgang.

Zu dritt kletterten wir ins Innere der Archimède. Meine Begleiter, ein Marineoffizier und ein Ingenieur, waren beide Franzosen. Ihr gebrochenes Englisch war deutlich besser als mein Französisch, das nicht weit über »Bonjour!« hinausging. Der Bathyskaph schwamm aufgrund seiner riesigen Tanks, die mit Flugzeugbenzin gefüllt und deshalb leichter als Wasser waren. Zum Abtauchen füllte er seine Lufttanks mit Meerwasser und ließ etwas von dem Benzin ab.

Nun ging es nach unten. Bis zum Meeresboden dauerte es 90 Minuten, und dort bot sich uns dann ein wunderbarer Anblick. Ich sah mich um und sog alles in mich auf. Zu schwarzen, glasähnlichen Formen erstarrte Lava verlief symmetrisch in beiden Richtungen entlang der zentralen Achse der Grabensenke. Diese Landschaft bestand aus relativ neuer Erdkruste, das konnte man gar nicht übersehen. All die Einwände gegen die Theorie der Plattentektonik lösten sich einfach so auf. Der Beweis lag direkt vor unserem Sichtfenster.

Wir manövrierten langsam und entnahmen mit dem Greifarm der Archimède eine Gesteinsprobe. Dann passierte etwas Ungewöhnliches. Die Nase des Fahrzeugs kippte plötzlich nach unten, und ehe ich mich versah, stiegen wir mit Höchstgeschwindigkeit auf. Ich blickte auf die Instrumententafel. Die Anzeigenadel des Strommessers war abgefallen. Ein Stromausfall, dachte ich, und als dessen Folge hatten sich offenbar die elektromagnetischen Schieber der Ballastsilos geöffnet. Dadurch war etwas von dem schweren Eisenschrot freigesetzt worden, den die Archimède abwarf, um das Auftauchen einzuleiten. Während wir nach oben schossen, vernahm ich das Letzte, was man in dieser Situation hören will: »Au feu – Feuer!« Gleichzeitig stieg Rauch in meine Nase.

Meine Begleiter sprachen in schnellem Französisch mit den Leuten an der Oberfläche. Wir drehten die Sauerstoffzufuhr ins Innere der Tauchkugel ab und setzten unsere Sauerstoffmasken auf. Doch sogar mit Maske wurde mir schwindlig. »Vielleicht hyperventiliere ich«, war mein erster Gedanke. Ich konzentrierte mich auf meine Atmung, was mit angeschwollenem Rachen gar nicht so einfach war. Ich ließ bewusst Atemzüge aus, um meinen Sauerstoffspiegel zu senken, doch nach wie vor war ich benommen und mir war schwindlig. »Vielleicht stimmt etwas mit meinem Atemgerät nicht«, dachte ich und machte mich daran, es abzuziehen und zu untersuchen. Meine französischen Begleiter hielten das für eine Panikreaktion und pressten mir die Maske wieder ins Gesicht, sodass wir einige Augenblicke miteinander rangen. Dann sah ich im Blick des Piloten, dass es ihm dämmerte.

»Pardon, Bob«, sagte er, während er sich in die Höhe streckte, um das Ventil zu öffnen, das mich mit Sauerstoff versorgte. Das war bei einem Notfall eine seiner Aufgaben. In der allgemeinen Panik hatte er das vergessen, ebenso wie ich selbst.

Danach ging es mir wieder gut. Aber bei jedem späteren Treffen reckte sich der Pilot, sagte »Pardon, Bob« und tat so, als stelle er meinen Sauerstoff an. Lustig fand ich das nicht.

Alles in allem unternahmen die Franzosen während des ersten Teils des FAMOUS-Projekts sieben Tauchgänge. Wieder zu Hause, schloss ich mich ein und brachte in einem zehnmonatigen Endspurt meine Dissertation zum Abschluss: The Nature of Triassic Continental Rift Structures in the Gulf of Maine. Die Verteidigung der Doktorarbeit war ein weiterer Moment der Anspannung. Etliche Fakultätsangehörige stellten mir schwierige Fragen. Doch die harte Arbeit zahlte sich aus. Ich bestand. Ich hatte meinen Doktortitel in der Tasche und für den Rest meines Lebens konnte mir nie mehr jemand sagen, ich hätte nicht das Zeug dazu.

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GUT GELAUNT KLETTERTE AM 1. JULI 1974 ein Mann namens Dr. Ballard an Bord von Alvin. Seit ich meine mündliche Promotionsprüfung bestanden hatte, waren nur wenige Tage vergangen, und nun kehrten wir für die zweite Phase des FAMOUS-Projekts zurück an den Mittelatlantischen Rücken. Die Franzosen arbeiteten im nördlichen Teil der Grabensenke mit der Archimède und einem neuen, untertassenförmigen Tauchboot, der Cyana, während das amerikanische Team mit Alvin weiter südlich tauchen würde.

Behutsam, um keines der Instrumente zu treffen, ließen sich drei von uns in die kleine Tauchkugel hinabsinken, deren Durchmesser gerade mal zwei Meter betrug. Darüber hinaus war sie bis obenhin mit Anzeigefeldern und Technik vollgepackt. Es war, als kletterte man ins Innere einer Schweizer Uhr. Sobald alle eingestiegen waren, setzten wir uns mit angewinkelten Beinen auf den Boden und lehnten uns von innen an den Druckkörper, wo jeder von uns sein eigenes Fenster hatte. Da in der Enge des Raums unsere Beine kreuz und quer übereinanderlagen, wurde aus dem Tauchen schnell ein Gemeinschaftserlebnis und wir witzelten, dass wir vor dem Aussteigen zuerst unsere Beine entknoten müssten. Wegen meiner Körpergröße war das tatsächlich nur eine geringe Übertreibung. Mit Pullover und Sandwich machten wir es uns in der Kugel gemütlich – eine alte Tradition in Tauchbooten, um während der üblichen acht Stunden unter Wasser Kälte und Hunger zu trotzen.

Der Pilot ging vor Beginn des Tauchgangs die Checkliste durch. Solange Alvin an der Wasseroberfläche war, herrschten in der Kugel weit über 30 °C, doch während des Abstiegs kühlte sie zusehends ab. Nach Erhalt der Taucherlaubnis fluteten wir unsere Lufttanks mit Meerwasser, wodurch sie schwerer wurden und wir abtauchten. Der Abstieg war langsam, mit etwa 30 Metern pro Minute oder knapp zwei Stundenkilometern. Fast als stünde man still. Wir ließen uns einfach sinken – den Antrieb des Tauchboots nutzten wir für den Abstieg nicht, da wir die Energie der Batterien für das Manövrieren am Meeresgrund sparen wollten. Die Schwerkraft erledigte die Arbeit für uns, und bis wir auf 2800 Meter Tiefe hinabgesunken waren, dauerte es eineinhalb Stunden.

Oft werde ich gefragt, wie ich meine große Energie in diesem beengten Raum so lang unter Kontrolle halten kann. Ich konzentriere mich sehr stark, vor allem durch meinen Blick, der sich unablässig nach draußen richtet. Während des Abstiegs wird es dort zunehmend dunkler, und dann erzeuge ich die dreidimensionale Landschaft selbst in meinem Kopf – mithilfe der auf den Instrumenten angezeigten Werte. Am Grund angekommen, erhellt dann das Licht aus Alvins Scheinwerfern die Szenerie. Ich bin ganz gebannt.

Nach dem Abtauchen verstummen nach und nach alle Geräusche von draußen, nur der Klang unserer Bordinstrumente bleibt übrig, die im Chor zu uns singen. Das Sonar macht ein charakteristisches Sch-sch-sch-sch-bing-bing-Bing, das mit seiner Aufschlüsselung der Landschaft um uns herum variiert. Ab und zu erreicht uns auf dem Schallwellentelefon eine Stimme aus dem Schiff über uns.

Zunächst befinden wir uns noch in der oberen Schicht, die von Haien und Delfinen bevölkert ist. Ich nenne sie die Cousteau-Schicht – das ist der sonnendurchflutete Teil des Ozeans, der von Jacques Cousteau in seinen Fernsehsendungen gezeigt wurde. Cousteau verbrachte die meiste Zeit in dieser seichteren Zone, und wir sagen immer, dass wir ihm auf unserem Weg zur Arbeit zuwinken.

Bald darauf bietet sich uns in der nächsten Region ein Anblick, den wir den umgekehrten Schneesturm nennen: Partikel von toten Tieren aus der oberen sonnigen Zone sinken langsam zu Boden, wo sich die Überreste ansammeln und langsam eine Schicht aufbauen, etwa einen Zentimeter pro Jahrtausend. Da diese Partikel kaum etwas wiegen, entsteht der Eindruck von Schneefall, doch weil wir schneller sinken, als die Teilchen fallen, sieht es so aus, als steige der »Schnee« nach oben. Das ist unser einziges Indiz, dass wir in Bewegung sind.

Wenn wir auf unserem Abstieg die Dämmerungszone erreichen – in etwa 200 Metern Tiefe –, erlischt das Sonnenlicht allmählich. 100 Meter tiefer ist es bereits stockdunkel. Dann startet das Feuerwerk, die Biolumineszenz, weil die Bewegung des vorbeiziehenden Tauchboots Lebewesen aufschreckt und sie veranlasst zu leuchten. Unser Blick geht starr durch das Fenster hinaus auf diese schwach funkelnden Sterne und kaleidoskopischen, plötzlich aufscheinenden Lichter. Das Schauspiel entfaltet einen ganz besonderen Zauber und findet in großer Stille statt. Wir hängen unseren eigenen Gedanken nach, während wir durch diese ozeanischen Welten gleiten, in denen es mehr Lebewesen gibt als irgendwo sonst auf der Erde. Manchmal höre ich Musik, während ich diese Welt an mir vorbeiziehen lasse.

Bei unserem Abstieg durch die Dämmerungszone passieren wir auch die tiefe Echostreuschicht – eine Welt von seltsamen Wesen, die nachts zum Fressen aufsteigen und dann vor Sonnenaufgang wieder tiefer hinabtauchen, um nicht selbst gefressen zu werden. Diese Schicht erhielt ihren Namen, als ein zur Messung der Wassertiefe eingesetztes Echolot an Bord eines Schiffs falsche Werte lieferte, weil der Schallstrahl von den Milliarden Kleinstlebewesen hier reflektiert wurde.

Auf etwa 1000 Metern Tiefe gehen wir in die Mitternachtszone über, in der sich kaum noch irgendetwas abspielt. Wir fallen weiter und es fällt schwer, sich vorzustellen, dass wir gerade in eine Gebirgskette hinabsinken. Normalerweise muss man Gebirge ersteigen, nicht zu ihnen hinuntertauchen. Es ist etwa so, als würde man einen Rundflug in einem Ballon machen – nachts mit einer Taschenlampe in den Rocky Mountains. Manchmal hörte ich während den Tauchgängen John Denvers Lied Rocky Mountain High. Seine Stimme klang herrlich in unserer kleinen Kugel.

Sobald wir an dem Punkt angelangt sind, wo es nur noch wenig zu sehen gibt, widmen wir uns den mitgebrachten Briefen, deren Absender sich ein Souvenir aus der Tiefe wünschen. Wir wollen sie während des Tauchgangs beantworten, geben dabei unseren Namen an sowie den Breiten- und Längengrad, an dem wir uns jetzt gerade befinden – genau so, wie das Astronauten im Weltall machen. Für gewöhnlich schrieben wir etwa 20 dieser Briefe während eines Tauchgangs und versandten sie, wenn wir zurück an Land waren.

In dieser Tiefe muss man sich immer über den Wasserdruck bewusst sein. Wenn ein Leser dieses Buchs ungefähr auf Meereshöhe zu Hause auf der Veranda sitzt oder die Straße entlangläuft, lastet eine Atmosphäre Druck auf ihm, oder, anders formuliert, ein Kilo auf jedem Quadratzentimeter seines Körpers. Sobald man unter Wasser ist, kommt pro zehn Meter Tiefe eine weitere Atmosphäre Druck hinzu. Wenn wir uns also 1000 Meter tief unter Wasser befinden, drücken 100 Atmosphären – oder 100 Kilo – von außen auf jeden Zentimeter von Alvins Rumpf. In 2800 Metern Tiefe lastet mehr als eine Vierteltonne Druck auf jedem Quadratzentimeter – genug, um uns auf der Stelle zu töten, wenn etwas schiefläuft. Aber zum Glück beschützt uns der Druckkörper um uns herum vor dem nur einige Zentimeter entfernt drohenden Unheil.

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FAST SIEBEN WOCHEN LANG tauchten wir in diesem Sommer wieder und wieder mit Alvin hinab, verbrachten fünf Stunden in der Nähe des Grunds und kehrten an die Oberfläche zurück, um die Batterien erneut aufzuladen. Jedes Mal kam es uns wie ein Wunder vor, dort, wo sich die tektonischen Platten trennen, die neue Kruste zu sehen. Doch wir konnten es uns nicht leisten, einfach nur aus dem Fenster zu starren und nichts zu tun. Wir machten Fotos, sammelten Gesteinsproben und bündelten die gewonnenen Daten, um eine dreidimensionale Karte des Gebiets zu erstellen. Mit Ausnahme der Mittagspause – Pfeffersteak, Fleischwurst oder Erdnussbutter-Marmelade-Sandwichs – arbeiteten wir, sobald wir am Grund angekommen waren, fast ohne Unterbrechung. Eine wesentliche Entdeckung bestand darin, dass der Spalt, aus dem Lava zwischen den beiden tektonischen Platten hervorquoll, mit weniger als einem Kilometer Breite nur schmal war. Man konnte in einem einzigen Tauchgang von einer Krustenplatte zur gegenüberliegenden Schwesterplatte fahren.

Einmal jagte uns ein Erlebnis einen gehörigen Schrecken ein: Drei meiner Kollegen waren gerade am Meeresboden unterwegs, ich befand mich auf dem Oberflächenschiff und verfolgte ihre Fahrt auf einem Stück Papier, wo ein Gerät Alvins Bewegungen nachzeichnete. Wenn Alvin anhielt, um Gesteinsproben einzusammeln, wuchsen die Punkte, die seinen Standort markierten, zu einem Tintenfleck an. Bewegte sich das Boot erneut, ergab sich aus den Punkten wieder eine Linie.

Nach mehr als einer Stunde bemerkte ich, dass der Tintenfleck wuchs und wuchs und wuchs. »Normalerweise sollten sie nicht lang an dieser Stelle bleiben«, dachte ich. »Was ist da los?« Ich setzte mich an ein Telefon, das Schallwellen durchs Wasser übertrug, und rief Pilot Jack Donnelly unten im Boot an, um ihn ans Weiterfahren zu erinnern. Er sagte, dass sie es ja versuchten!

Sie versuchen es? Ich wurde hellhörig. Da auf einem Schiff in der Nähe Walter Sullivan, ein Reporter der New York Times, unsere Nachrichten mithörte, wollte die Besatzung nichts über ein mögliches Problem verraten. Doch irgendetwas hielt sie davon ab, sich wieder in Bewegung zu setzen. Wir mussten ein anderes U-Boot nach unten schicken, um ihnen zu helfen. Ich funkte meinen Ansprechpartner auf dem französischen Schiff an – Gérard Huet de Froberville, Kapitän der Archimède – und erkundigte mich nach seinem Befinden. Dann fragte ich ganz unschuldig, wann er wohl das nächste Mal auf Tauchstation gehen würde.

Auch er wurde hellhörig und begriff, worum es ging. Vielleicht würde er uns einfach einen Besuch abstatten, meinte er. Eine gute Idee, erwiderte ich.

Das französische Rettungsteam war gerade auf dem Weg zu uns, als das Telefon piepste. Der Pilot von Alvin war an der Leitung: Es gehe ihnen gut und sie würden ihre Erkundung nun fortsetzen.

Als sie wieder oben waren, erfuhr ich, warum der Tintenfleck immer größer geworden war. Wenn Vulkane ausbrechen, entstehen Erhebungen aus frischer Lava. Die Bewegung der Platten zieht die Lava auseinander und lässt Risse entstehen, die sich schließlich tief bis ins Innere einer Magmakammer erstrecken – ein mit geschmolzenem Gesteinsmaterial gefüllter Hohlraum unterhalb der Erdoberfläche. Irgendwann entleert sich die Kammer in einer Eruption. Die Besatzung hatte einen dieser Risse erforscht und er wirkte so breit, dass sie mit Alvin hineintauchten, um den Aufbau der Schichten im Inneren des Lavastroms in Augenschein zu nehmen.

Aber wenn ein Tauchboot nach unten fährt, dann nie nur hinunter, sondern immer zugleich vorwärts. Unsere Jungs waren also vorwärts und nach unten in die Spalte gefahren, ohne zu bedenken, dass sie zum Auftauchen ausreichend Freiraum über sich benötigten. Während sie in die Spalte hineinmanövrierten, war diese über ihnen immer enger geworden. Das Boot war in dem Riss stecken geblieben. Es saß fest.

Dass die Besatzungsmitglieder nicht den nassen Tod fanden, hatten sie einzig und allein der gläsernen Beschaffenheit der noch jungen Lava über ihnen zu verdanken. Mehr als eine Stunde lang stießen sie immer wieder von Neuem gegen die Decke, um den Raum über sich Schritt für Schritt zu vergrößern; so gelang es ihnen schließlich, sich aus der Engstelle zu befreien. Zurück an der Oberfläche, steckten Scherben der glasähnlichen Lava seitlich in Alvins Rumpf. Die Besatzung hatte unwissentlich ein paar Gesteinsproben gesammelt – und überlebt, um davon berichten zu können.

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UNGEACHTET ALLER BEINAHE-UNGLÜCKE war das FAMOUS-Projekt ein voller Erfolg. Die Amerikaner führten 17 Tauchgänge mit Alvin durch. Die Franzosen tauchten 27-mal mit der Archimède und der Cyana. Das ganze Projekt unterstrich eindrucksvoll das Potenzial von Tauchbooten in der Tiefsee. Sie ermöglichten Feldgeologen wie mir, sich die Hände schmutzig zu machen – sozusagen das Feld des Ozeans zu begehen.

Der Meeresboden dehnte sich aus; wir konnten es mit eigenen Augen sehen. Wir tauchten hinunter zu der Grenze seiner Entstehung, in den Schoß von Mutter Erde, und dokumentierten den Vorgang, der sich entlang des Mittelatlantischen Rückens abspielte. Das war der letzte Beweis für jene, die die Plattentektonik anzweifelten. Wir waren nun in der Lage, Tausende von Fotos sowie Gesteinsproben und unsere eigenen Beobachtungen ins Feld zu führen, um diese Theorie zu bestätigen. Die Skeptiker konnten nicht länger spotten und Alvin blieb die Schande erspart, zu Büroklammern verarbeitet zu werden.

Meine ersten Jahre in der Forschung umspannten 180 Millionen Jahre, von der Öffnung des Atlantiks im Golf von Maine bis zur Entstehung neuen Meeresbodens im Mittelatlantischen Rücken heute. Mit der Arbeit für meine Dissertation und dem FAMOUS-Projekt hatte ich meine ersten Schritte als Wissenschaftler gemacht. Und ich hatte richtig Fuß gefasst! Sicher ein ungewöhnlicher Start der wissenschaftlichen Laufbahn eines Meeresgeologen aus Kansas.

KAPITEL 4
ZEIT FÜR NEUE LEHRBÜCHER

Während meiner Arbeit am FAMOUS-Projekt hatte ich den Kontakt zu den Sea Rovers aufrechterhalten und mich sogar um die Organisation der Vorträge für die alljährliche Tagung gekümmert. Bei einem der Treffen erzählte ich Melville Grosvenor von unserer Forschung zur Plattentektonik und unseren Tauchgängen an der Grabensenke des Mittelatlantischen Rückens. Obwohl er inzwischen aus der Spitze der National Geographic Society ausgeschieden war, hatte sein Wort dort noch Gewicht und er sagte: »Warum schreiben Sie darüber nicht einfach einen Artikel für unser Magazin?« Er stellte mich den Redakteuren vor und im Mai 1975 erschien der Artikel: Dive Into the Great Rift. Ich war Teil der National-Geographic-Familie geworden – eine Verbindung, die ein Leben lang anhalten sollte – und froh über die Gelegenheit, Laien die Wissenschaft näherzubringen und meine Begeisterung für die Unterwasserforschung mit ihnen zu teilen.

Doch als ich kurz nach Erscheinen des Artikels im Woods-Hole-Institut auf dem Gang an einem Kollegen vorbeilief, machte der eine abfällige Bemerkung, weil ich in einer Publikumszeitschrift veröffentlicht hatte.

»Dann ist es dir anscheinend entgangen«, gab ich zurück, »dass wir über dasselbe Thema letztes Jahr schon in Nature geschrieben haben« – einer der weltweit angesehensten wissenschaftlichen Fachzeitschriften.

Ich war immer der Überzeugung, dass ein guter Wissenschaftler in der Lage sein muss, seine Forschungen jedem interessierten Zuhörer verständlich zu machen – ob nun einem Collegeabsolventen oder einem Fünftklässler. Allerdings vertrat man an den meisten Forschungseinrichtungen andere Meinungen. Dort ging es wissenschaftlichen Puristen einzig und allein um die Publikation in renommierten Zeitschriften, da das ihrer Reputation den meisten Glanz verlieh. Während meiner Promotion hatte ich selbst gelernt, dieses Spiel zu spielen, und jetzt, im Jahr 1975, stand ich sogar unter noch größerem Druck, wichtige Entdeckungen zu machen und sie in Fachzeitschriften zu veröffentlichen, denn ich brauchte eine Festanstellung und somit die Freiheit, mich wissenschaftlich genau den Dingen widmen zu können, die mich am meisten interessierten.

Ich war 33, und um meine Karriere als Wissenschaftler am Woods-Hole-Institut fortführen zu können, musste ich bis zu meinem 39. Lebensjahr eine Festanstellung erhalten. Das Programm des Instituts war glänzend und die Messlatte lag enorm hoch. Die meisten Wissenschaftler, die nach ihrer Promotion dort eine Stelle antraten, mussten irgendwann weiterziehen.

Ich hatte drei Jahre in der Navy verbracht, und ich war zwar in dieser Zeit auch zu Forschungarbeit gekommen, aber dennoch hatten mir die meisten meiner gleichaltrigen Fachkollegen etwas voraus. Trotz der Navy-Projekte ging die Haltung in Woods Hole in die Richtung von: »Pech gehabt! Das war Ihre Entscheidung.« Ich hatte nie eine Bevorzugung wegen meines Militärdiensts erwartet – aber eine Bestrafung sicher auch nicht. Also musste ich wirklich eine Schippe drauflegen. Ich weiß noch, wie ich dachte: »Oje, werde ich das wirklich schaffen?«

In das Jahr 1976 startete ich mit einer Tauchmission am Kaimangraben, die uns hinunter bis in Alvins neue maximale Tauchtiefe von 3600 Metern führte. Wir wollten ein Spreading-Zentrum zwischen zwei Platten im Karibischen Meer erforschen, wo die tiefsten damals bekannten Unterseevulkane liegen. Von der National Science Foundation hatte ich soeben meinen ersten Zuschuss als Projektleiter erhalten, um diese Platten zu erforschen, die aneinander vorbeigleiten wie jene an der San-Andreas-Verwerfung, wobei durch die entstehenden Hohlräume geschmolzene Lava austritt. Wir befanden uns in der ersten Phase einer mehrjährigen Untersuchung und mir leuchtete nicht ein, warum ich nicht sowohl Wissenschaftler als auch Entdecker sein konnte – für renommierte Zeitschriften schreiben und zugleich die Allgemeinheit an der Faszination meiner Erkundungen teilhaben lassen. Also lud ich Emory Kristof, Fotograf für National Geographic, und Walter Sullivan, Wissenschaftsjournalist der New York Times, ein, sich uns anzuschließen. Ich tauchte zusammen mit anderen Forschern in den Graben, machte Fotoaufnahmen und sammelte Gestein, das uns mehr über den Aufbau der Erdkruste verraten würde.

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INMITTEN DES PROJEKTS nahm ich allerdings eine kurze Auszeit für eine Unterwasser-Suchmission der anderen Sorte, die meine etwas traditioneller veranlagten Kollegen vermutlich auf die Palme brachte: Ich unterstützte National Geographic bei einem Artikel über das Ungeheuer von Loch Ness.

Als Emory Kristof vorschlug, ich solle mein wissenschaftliches Fachwissen zur Suche nach diesem sagenumwobenen Wesen einsetzen, dachte ich: »Warum eigentlich nicht?« Einiges sprach dafür. Ich hatte noch nie die schottischen Highlands gesehen – und nun ergab sich für Margie und mich die Gelegenheit, das nachzuholen, und man bezahlte mich noch dafür. Wir konnten das Geld aus diesem Projekt gerade gut gebrauchen. Und offen gesagt schadet es manchmal nicht, wenn man sich selbst nicht ganz so ernst nimmt – das redete ich mir jedenfalls ein. Also schlossen Emory und ich uns einer Gruppe von Tauchern an und setzten Sonar und Unterwasserfotografie ein, um uns ein Bild vom Grund des Sees zu machen. Zusätzlich brachten wir an einer speziell dafür angefertigten Vorrichtung Köder an, um das Ungeheuer ans Tageslicht zu locken.

Meine Überlegung war: Wenn es ein Ungeheuer von Loch Ness (im Singular) gab, dann musste es auch Ungeheuer von Loch Ness (im Plural) geben. Die erste Sichtung von »Nessie« ist aus dem Jahr 565 überliefert. Dann ist es wieder auf einem geheimnisvollen Foto aus den 1930er-Jahren zu sehen. Falls diese Tierart also über weit mehr als 1300 Jahre hinweg im Loch Ness überleben konnte, musste es in diesem Zeitraum mindestens 25 Nessies gegeben haben, um die Population aufrechtzuerhalten. Folglich sollten überall Nessie-Gerippe herumliegen, da Knochen sich – anders als in der Tiefsee – in Süßwasser nicht auflösen. Ich durchkämmte den Grund von Loch Ness mit einem Schleppnetz, doch zum Vorschein kamen nur Baumstämme und Dinge wie ein Schuh und ein Teekessel.

Ein interessantes Phänomen entdeckte ich allerdings: Wenn ich genau an der Längsachse des Sees entlangnavigierte, breitete sich die Heckwelle zu den felsigen Ufern auf beiden Seiten aus und prallte von dort zurück. Nachdem wir schon ein gutes Stück weitergefahren waren, trafen sich die zurückgeworfenen Wellen wieder in der Mitte und erzeugten eine stehende Welle aus zwei bis drei kleinen Hügeln, die erst nach ein paar Sekunden wieder verschwand. War es das, was die Leute gesehen hatten?

Als ich mich von den Highlands verabschiedete, hielt ich an einer Imbissbude am Straßenrand, um mir noch einen letzten »Monsterburger« zu bestellen. Zu Beginn unseres Abenteuers hatte ich mich schon einmal mit demselben Verkäufer unterhalten und er hatte mich angefleht, bloß nicht die örtliche Wirtschaft in den Ruin zu treiben, indem ich die Legende von Nessie widerlegte. Jetzt konnte ich ihn beruhigen. »Man kann gar nicht beweisen, dass es ein Tier nicht gibt«, sagte ich ihm, »wenn es dieses Tier überhaupt nie gegeben hat.« Die Reise war unterhaltsam gewesen und zum Abschluss besuchte uns noch ein Kamerateam der Fernsehsendung In Search Of…, in der Star Trek-Schauspieler Leonard Nimoy als Moderator mysteriöse Ereignisse in aller Welt untersuchte. Ich bin sicher, dass das bei meinen wissenschaftlichen Fachkollegen wieder besonders gut ankam.

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WENN AUS MEINER FESTANSTELLUNG ETWAS WERDEN SOLLTE, kam es jedoch darauf an, Dinge zu beweisen, und nicht, sie zu widerlegen. Durch die Erfolge des FAMOUS-Projekts und unserer ersten Reise zum Kaimangraben erkannten nun immer mehr Wissenschaftler den Wert unserer sehr visuell geprägten Herangehensweise an die Meeresforschung. Es gab einige Anfragen, ob ich mich nicht einer Expedition anschließen wollte – vorausgesetzt, ich brachte mein Handwerkszeug mit: nicht mehr nur Alvin, sondern auch Angus (das Akronym für: Acoustically Navigated Geological Underwater Survey, akustisch navigierte geologische Unterwasservermessung), einen Kameraschlitten, den wir an einem langen Schleppseil bis auf eine Tiefe von 6000 Metern ins Meer hinablassen konnten. Ursprünglich war er nur ein einfacher »Klotz am Kabel« – eine Schwarz-Weiß-Kamera, die zum Schutz in vulkanischem Gelände von einem Stahlrahmen umgeben war. Ich hatte sie um zwei größere Farbkameras erweitert und an den frischen Lavaströmen im Kaimangraben getestet, und jetzt konnte Angus Tausende von Fotos schießen, die wir entwickelten, sobald wir ihn wieder aufs Mutterschiff gehievt hatten. Darüber hinaus musste ich ein Team zusammenstellen; die Leitung übernahmen Cathy Offinger und Earl Young, die bei allen wichtigen Entdeckungen während meiner Zeit am Woods-Hole-Institut mit an Bord waren.

Es machte allmählich die Runde, dass ich gut mit dem Meeresboden auf Tuchfühlung gehen konnte. Anfang 1977 wurde ich eingeladen, ein Team aus Forschern von MIT, Stanford, Woods Hole und der Oregon State University zu verstärken und 200 Seemeilen nördlich der zu Ecuador gehörenden Galapagosinseln zu tauchen, wo einst Charles Darwin zu seinen bahnbrechenden Theorien über die Evolution inspiriert worden war. Der Forschungsleiter, Jack Corliss, hatte mich auf Tauchgängen im Kaimangraben begleitet und wollte unbedingt Alvin zur Erkundung des Galapagos-Rückens einsetzen, eines weiteren Risses in der Erdkruste. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern hatte er Sedimente und Gesteinsproben an den Flanken des Rückens gesammelt, deren Entstehung man sich nur durch heißes Wasser erklären konnte, das durch die obere Kruste des Meeresbodens zirkuliert und dann an die Oberfläche strömt. Das deutete darauf hin, dass sich die Platten hier schneller voneinander trennen als jene am Mittelatlantischen Rücken und dass mehr Hitze austritt. Folglich stellte sich die Frage: Kann es sein, dass es Schlote im Meeresboden gibt, durch die warme Quellen – oder sogar richtig heiße – aus dem Untergrund hervorsprudeln?

Ein Jahr zuvor hatte ein Team vom Scripps-Institut das in 2400 bis 2700 Metern Tiefe gelegene Gebiet mit dem Sonarfahrzeug Deep Tow untersucht und einige geringfügige Temperaturanomalien festgestellt. Da sich Deep Tow in viel größerem Abstand zum Meeresgrund bewegte als Angus, war es für qualitätvolle Bilder meistens zu weit entfernt. Ich wusste, dass wir mit Alvin hinuntertauchen konnten, um ganz genau hinzusehen, doch mein wahres Ass im Ärmel würde Angus sein – der fotografische Kundschafter, der ein viel größeres Gebiet als Alvin abdecken und auch dessen Tauchziele dirigieren konnte.

Zur Vorbereitung auf die Galapagos-Tauchgänge erweiterten wir Angus um ein Temperaturmessgerät; wenn sich ungewöhnliche Werte ergaben, wüssten wir sofort, welchen Gebieten wir besondere Aufmerksamkeit schenken sollten. Wir ließen Angus bis auf eine Höhe von vier Metern über dem Meeresboden hinab, schleppten den Schlitten dann ganz langsam, mit weniger als zwei Knoten Meile für Meile und nahmen so in einem zwölfstündigen Durchgang Tausende von Fotos auf. An einer Stelle sahen wir auf dem Registrierpapier einen Temperaturanstieg, der mehr als drei Minuten hindurch anhielt. Zweifellos war Angus hier durch wärmeres Wasser gefahren.

Sobald der Film entwickelt war, galt also unser Interesse vor allem den Aufnahmen aus diesen drei Minuten. Wir saßen da und gingen die Fotos durch, auf denen frische Lava, dann noch mehr Lava und herumliegende Felsbrocken zu sehen waren. Plötzlich, in der Zeitspanne dieses Temperaturanstiegs, wird das Wasser in den Aufnahmen trüb. Und dann sehen wir all diese Muscheln, groß und weiß, auf dem Felsgestein. Muscheln? Da unten darf es eigentlich keine Muscheln geben, nicht in einer Welt völliger Finsternis, wo es nur wenig Nahrung gibt und nur blanken Fels. Was ist da los?

Hin und wieder hatte ich schon Fische in der Tiefe gesehen, die sich von kleinen Häppchen organischen Materials ernähren, das aus der oberen sonnenhellen Wasserschicht nach unten sinkt. Hier aber handelte es sich augenscheinlich um etwas völlig anderes – ein Ökosystem, mit dessen Existenz niemand gerechnet hatte.

Jetzt wussten wir, wohin wir mit Alvin navigieren mussten.

Jack Corliss und Tjeerd Hendrik van Andel – ein Freund aus Stanford, genannt Jerry und ebenfalls Teilnehmer des FAMOUS-Projekts – übernahmen den ersten Tauchgang. Als die Muscheln in Sichtweite kamen, sprang die Temperaturanzeige von den üblichen 2,5 °C bis auf 16 °C. Das Wasser im Licht der Scheinwerfer färbte sich hellblau.

»Wir entnehmen gerade eine Probe von einer Hydrothermalquelle!«, rief Jack durch das Unterwassertelefon. Er und andere hatten diesen Ausdruck zwar in ihren theoretischen Schriften benutzt, doch nie zuvor hatte jemand eine gesehen – einen Riss im Meeresboden, durch den heißes, mineralstoffreiches Wasser aus dem Untergrund strömte.

Verblüfft, dass eine Kolonie von Muscheln hier überleben konnte, fügte Jack hinzu: »Sollte die Tiefsee nicht eigentlich eher wie eine Wüste aussehen?«

Und es wurde noch bizarrer. Im Lauf der nächsten fünf Wochen unternahmen wir 20 weitere Tauchgänge am Galapagos-Rücken und entdeckten andere Gebiete, die von Lebewesen nur so wimmelten – wie Oasen in der Tiefe.

Ein Gebiet war von großen braunen Muscheln bevölkert, ein anderes von blumenähnlichen Lebewesen und ein drittes von Kolonien riesiger Bartwürmer, die an Rosensträucher erinnerten. Da niemand von uns Biologe war, benannten wir sie einfach nach unseren Assoziationen: Spaghettiwürmer, die Löwenzahnfläche, der Garten Eden. Die Lebewesen sahen atemberaubend schön und exotisch aus. Wir stießen auf ganze Gemeinschaften von Arten und Nahrungsketten, von denen nicht einmal in Biologiebüchern zu lesen war. Aber warum fanden wir sie dann hier? Ohne das Licht und die Wärme der Sonne ist Leben in dieser komplexen Form doch nicht möglich? Nichts von alledem passte zu dem, was wir an Schule und Universität gelernt hatten.

Man spricht immer vom Heureka-Effekt, wenn sich ein Wissenschaftler plötzlich bewusst wird, dass er zu einer bedeutsamen Erkenntnis gelangt ist. In unserem Fall kam der erste Hinweis auf die Funktionsweise dieses seltsamen Ökosystems, als John Edmond, ein Chemiker vom MIT, eines Abends Wasserproben aus einer der Quellen öffnete. Ein Geruch nach faulen Eiern breitete sich im Schiff aus. Wir husteten und öffneten rasch die Fenster. Was für ein Gestank! Wir kannten ihn: Schwefelwasserstoff. Das Zeug kann einen umbringen, wenn man zu viel davon einatmet.

Als wir ein paar der Muscheln öffneten, die Alvin mit seinem Greifarm am Grund eingesammelt hatte, fanden wir keine graue Masse, wie wir sie von unseren Sandklaffmuscheln auf Cape Cod kannten, sondern blutrotes Fleisch. Es sah aus wie rohes Steak und blutete wie eine Schnittwunde. Die Muscheln hatten keine inneren Organe – nur dieses matschige Zeug.

Für eine biologische Untersuchung mussten wir einige der Tiere von der Reise mitbringen, doch wir hatten kaum Formaldehyd, um sie zu konservieren. Also improvisierten wir. Mit Ausnahme von Bier sollte eigentlich kein Alkohol an Bord sein – doch einige Besatzungsmitglieder besaßen in ihrer Kabine einen Geheimvorrat. Nun kamen Gin- und Wodkaflaschen zum Vorschein und wir konservierten damit unsere Funde.

Als Forscher an Land die Muscheln unter dem Mikroskop untersuchten, entdeckten sie in ihrem Inneren eine große Menge sehr primitiver Bakterien – möglicherweise eines Typs, der bereits zu einer Zeit entstanden war, als sich erstmals komplexere Lebensformen auf der Erde bildeten. Grob vereinfacht könnte man sagen, dass diese Bakterien früh im Evolutionsprozess eine Abmachung mit den Muscheln getroffen hatten, so wie: »Tu mir den Gefallen und lass mich in deinem Körper leben. Dann kannst du auch diesen giftigen Schwefelwasserstoff einatmen, der dich sonst töten würde – aber nicht, wenn wir ihn uns teilen.«

Das war ein ziemlich guter Deal. Die gängige Lehrmeinung besagte: ohne Sonnenlicht keine Fotosynthese und ohne Fotosynthese keine komplexen Ökosysteme. Falsch! Bis dahin hatte niemand von diesen ungewöhnlichen Bakterien und ihrer Bedeutung für einen zweiten chemischen Vorgang gewusst, in dem wir heute eine der Grundlagen für die Entstehung von Leben sehen: die Chemosynthese. Hier zeigte sich uns eine der Wiegen des Lebens auf unserem Planeten, an die niemand je zu denken gewagt hatte.

Einige Jahre später kehrte ich mit Biologen zum Galapagos-Rücken zurück, die bestätigten, dass die im Inneren der Muscheln und Bartwürmer lebenden Bakterien die Fähigkeit hatten, einen Vorgang analog zur Photosynthese zu betreiben – allerdings im Dunkeln. Dazu nutzen sie in der Quellflüssigkeit enthaltene Moleküle zur Gewinnung von Energie und wandeln sie um in Substanzen, die das Überleben der Tiere sichern. Das rote, matschige Innere der Muscheln und die roten Spitzen der Bartwürmer waren voll Hämoglobin, dem Grundbaustein des menschlichen Bluts. Der Sauerstoffanteil in der Quellflüssigkeit war gering – und nur, weil er vom Hämoglobin gespeichert wurde, konnten sich die riesigen Muscheln und anderen Lebewesen damit ausreichend versorgen. Die Biologen waren genauso überrascht wie wir, dass die Bakterien in einer derart widrigen Umgebung für das Überleben einer komplexen Lebensgemeinschaft sorgen konnten.

Inzwischen hat sich in der Wissenschaft die Erkenntnis verbreitet, dass diese Gemeinschaften entscheidende Hinweise auf die Entstehung irdischen Lebens liefern – und darauf, wie sich Leben auch auf anderen Planeten bilden könnte. Genau diese Entdeckung steckt hinter der Entscheidung der NASA, heute Projekte zur Erforschung der Jupiter- und Saturnmonde voranzutreiben. Unter ihrer mit Eis bedeckten Oberfläche liegen Ozeanwelten, die weit größer sind als unsere eigenen Meere – und möglicherweise bergen sie Lebensformen, die uns völlig unbekannt sind.

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NUR MONATE SPÄTER, im Juni 1977, kehrten mein Team und ich zurück an den Kaimangraben – die gigantische, von Guatemala bis nach Jamaica reichende Öffnung im Boden des Karibischen Meers –, um Lavaproben von den aktiven Vulkanen dort zu entnehmen. Tiefer als dort bin ich nie wieder getaucht – in einer Tiefe von mehr als 6000 Metern. Wir tauchten in der Trieste II, einem Bathyskaph der Navy, ähnlich der Archimède, dem französischen Tauchboot, das wir während des FAMOUS-Projekts genutzt hatten.

Der Auftakt zu dieser zweiten Expedition zum Kaimangraben ging allerdings daneben. Ich flog nach Panama, wo uns ein Schiff der Navy hinaus auf See bringen sollte. Erst auf der Gangway fiel mir auf, dass ich ein Kartenwerk der Navy mit vertraulichen Informationen im Flugzeug vergessen hatte. Ich winkte meinem Taxi, das gerade wendete, und in Windeseile rasten wir zum 34 Kilometer entfernten Flughafen zurück. Nachts hatte man dort allerdings keinen Zutritt. Es war zwar die Zeit vor dem 11. September, als die Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen noch nicht so streng waren, trotzdem patrouillierten am Eingang bewaffnete Soldaten. Ich aber hatte nur meine Karten im Kopf, da sie für die Expedition von entscheidender Bedeutung waren. Deshalb ließ ich die Soldaten einfach links liegen, verfluchte mich selbst dabei zur Tarnung lautstark auf Englisch und betrat schließlich das Flugzeug, in dem gerade die Putzkolonne zugange war. Da lagen meine Karten – unangetastet im Gepäckfach. Wieder 34 Kilometer Taxifahrt, die Gangway hoch, und ich war bereit für die Arbeit, mit den Karten in der Hand.

Die Trieste II hatte eine stolze Historie und war viele Male modifiziert und aufgerüstet worden. Sie hatte die Wrackteile eines Atom-U-Boots, der 1968 gesunkenen USS Scorpion, vermessen und fotografiert; 1972 hatte sie eine versunkene Satellitenausrüstung geborgen. Mit 20 Metern Länge und 88 Tonnen Gewicht war die Trieste II eine lange und schwere Röhre. Wie beim französischen Bathyskaph Archimède beruhte auch bei ihr die Auftriebskraft auf Tanks voll Flugzeugbenzin. 1977 war diese Technik bereits veraltet und wendigere Schiffe wie Alvin hatten sich weitgehend durchgesetzt. Doch dieses Schiff konnte uns in eine Tiefe von 6000 Meter bringen – 2400 Meter tiefer als Alvin.

Am Tag unseres letzten Tauchgangs war es während des fast sechs Stunden dauernden Abstiegs friedlich genug für ein langes Schläfchen. Als der Pilot ankündigte, dass wir uns nur noch 60 Meter über dem Grund befänden, blickte ich gerade aus unserem einzigen Sichtfenster. Plötzlich entdeckte ich die Seite einer Vulkanwand, die unter uns aufragte. Unser Grundsucher hatte, warum auch immer, nicht angeschlagen.

»Grund!«, schrie ich. »Ich sehe Grund!«

Der Pilot ließ sofort etwas von dem als Ballast geladenen Eisenschrot ab, um unsere Sinkrate zu reduzieren. Aber Bathyskaphe sind nicht von jetzt auf gleich zum Stillstand zu bringen. Und so grub sich unser Bug mit einem beängstigenden Schleifgeräusch in den Steilhang. Die Felswand revanchierte sich, indem sie einen Stahlträger in unserem Bug verbog.

Jetzt konnte ich erkennen, was geschehen war. Während der Bug unseres langen Schiffs die steil abfallende Wand gekreuzt hatte, ragte das Heck – wo sich unser Grundsucher befand – noch immer über den tieferen Teil des Meeresbodens hinaus.

Doch das war erst der Anfang. Als ich einen Blick aus dem winzigen Sichtfenster warf, schimmerte etwas Buntes im Wasser. Es sah aus wie eine Luftspiegelung. Dieser Effekt stellt sich immer dann ein, wenn man Benzin oder Öl mit Wasser vermischt – und genau das konnte ich gerade beobachten. Ich sah Flugzeugbenzin. Das konnte nur bedeuten, dass einer unserer Auftriebstanks Leck geschlagen war und wir gerade das Benzin verloren, von dem unsere sichere Heimreise zurück an die Oberfläche abhing.

Der Pilot ließ sofort all unseren Ballast fallen und brach die Tauchmission ab. Wir starteten unseren Aufstieg. Doch bis zur Oberfläche brauchten wir sechs Stunden und die Frage war: Wie schnell entwich das Benzin? Würden wir das gesamte Benzin verlieren, bevor wir die Oberfläche erreichten, und würde die Endstation unseres Tauchgangs der Meeresgrund werden? Wir wussten es nicht.

Gebannt starrten wir auf die LED-Anzeige, die unsere Steigrate angab. Doch von einer Berechnung zur nächsten variierten die angezeigten Werte stark. Verlangsamte sich unser Aufstieg oder nicht? Das schien davon abzuhängen, ob man Optimist oder Pessimist war.

Sechs Stunden lang sagte niemand auch nur ein Wort. Uns war klar, dass wir die Oberfläche aus eigener Kraft erreichen mussten. Die Rettung durch ein anderes Boot war völlig ausgeschlossen, denn wir waren zu tief. Endlich, als sich schon das Licht der Sonne im Wasser abzeichnete, hörten wir ein Geknatter aus der Ferne – ein Schlauchboot machte sich auf, uns an der Oberfläche in Empfang zu nehmen. Ich erinnere mich noch gut an diesen ersten Atemzug an der frischen Luft, als wir endlich unsere Köpfe aus der Luke stecken konnten.

Nach diesem Erlebnis kamen mir Zweifel: Warum mache ich das eigentlich?

Ich verlor nicht den Mut, das wäre zu viel gesagt, und ungeachtet der Risiken habe ich auch danach noch zahlreiche Fahrten in Tauchbooten unternommen. Doch in mir wuchs der Gedanke: »Warum russisches Roulette spielen? Es muss doch einen besseren Weg geben.«

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TATSÄCHLICH hatte ich schon wiederholt darüber nachgedacht, ob es nicht vielleicht einen besseren, sichereren Weg der Erforschung gab. Ich erinnere mich an einen Tauchgang mit Alvin, bei dem wir auf eine von Riesenbartwürmern umgebene Quelle stießen. Als ich kurz zu einem der Biologen, Holger Jannasch, hinüberblickte, stellte ich fest, dass seine Aufmerksamkeit gar nicht dem Sichtfenster galt, sondern dem Vier-Zoll-Monitor, der das Bild von Alvins Kamera übertrug. Ich konnte es kaum glauben. Musste überhaupt jemand hier unten sein oder auch nur auf dem Schiff an der Oberfläche? Konnten wir nicht Roboter bauen, um das alles aus der Ferne zu betreiben?

Diese Idee nahm in meinem Kopf allmählich Gestalt an. Vorerst aber bestand wenig Zweifel, dass es für meine Festanstellung das Beste war, wenn ich noch mehr über Hydrothermalquellen herausfinden würde – zum Beispiel wie man ihren Fundort feststellen könnte. Sehr wahrscheinlich traten sie entlang der Mittelozeanischen Rücken auf. Ich beschloss, mich auf die Entwicklung eines Modells zu konzentrieren, mit dem sich ihr Vorkommen bestimmen ließ.

1979 schlossen sich mein Team und ich einer Expedition unter Leitung des Scripps-Instituts an, die uns etwa 100 Seemeilen südlich der mexikanischen Halbinsel Niederkalifornien an den Ostpazifischen Rücken führte, der den Meeresboden des Pazifiks von Mexiko bis an den Übergang zum Indischen Ozean südlich von Australien durchkreuzt. Entlang dieses Rückens hatte ich schon ein Jahr zuvor mit französischen Wissenschaftlern des FAMOUS-Projekts unter der Leitung meines Freundes Jean Francheteau geforscht, der nun bei unserer Expedition ebenfalls mit an Bord war. Es machte mich nervös, dass diese Fahrt auf der Melville von Fred Spiess geleitet wurde, meinem ganz persönlichen Kapitän Ahab, der mir 14 Jahre zuvor den Zutritt zum Aufbaustudiengang verwehrt hatte. Allerdings bezweifelte ich, dass er sich an mich erinnerte, und sah keinen Grund, ihn daran zu erinnern.

Spiess und die meisten anderen Wissenschaftler an Bord forschten zu vulkanischer und seismischer Aktivität, während Jean und ich uns auf das Auffinden von Quellen konzentrierten. Allerdings gab es an Bord nur eine einzige Seilwinde, um Fahrzeuge ins Wasser hinabzulassen, und Spiess bestand darauf, dass sein Deep-Tow-Sonarfahrzeug den Vortritt erhielt. Angus war von einem starken, schützenden Stahlkäfig umgeben, wohingegen Deep Tow eher einem hochpräzisen Rennwagen glich und deutlich anfälliger für Schäden war. Als Spiess’ Team damit in eine unterseeische Felswand krachte, musste es zur Reparatur eingeholt werden.

Das verschaffte mir die Gelegenheit, Angus zu Wasser zu lassen – und es dauerte nicht lange, bis wir Spuren von Hydrothermalquellen fanden. Sie sahen allerdings anders aus als jene am Galapagos-Rücken. Das aus den Schloten entweichende Wasser wirkte trüber, beinahe wie schwarzer Rauch; also entsandten wir Alvin in die Tiefe, um die Quellen vor Ort zu untersuchen.

Dudley Foster steuerte Alvin in ein Dickicht von seltsamen, kaminartigen Strukturen. Einem der Schlote, der schwarze Wolken aus gelösten Mineralien ausspie, näherte er sich.

»Das Zeug schleudert es hier raus wie aus einer Lokomotive!«, rief Dudley hoch zu uns. Der »Rauch« glich wirklich dem einer mit Kohle betriebenen Dampfmaschine. Als Dudley an den Schlot heranfuhr, verzeichnete Alvins Messsonde knallheiße 33 °C – deutlich höher als die Temperaturen an den Galapagos-Quellen. Die Hitze war so groß, dass sie die Spitze von Alvins Thermometer zum Schmelzen brachte.

An diesem Abend sprachen Jean und ich über die Beschaffenheit dieser rauchenden Schlote. Zwei Jahre zuvor waren wir am Galapagos-Rücken auf ähnliche röhrenförmige Ablagerungen gestoßen – sie waren damals allerdings in Stücke zerbrochen, als ich mit Alvins Greifarm etwas davon einsammeln wollte. 1978 dann hatte auf einer von Jean und mir geleiteten Forschungsreise mit der Cyana ein mexikanischer Wissenschaftler etwas Vergleichbares gesehen und eine Probe entnommen, die schließlich als ein Sulfid identifiziert wurde, das reich an Zink, Kupfer, Blei, Silber und nicht zuletzt Gold war. Einen solchen Mineralstoff hatte man nie zuvor am Meeresboden gefunden. Und niemand hatte je eine Schornsteinlandschaft wie jene gesehen, die sich nun vor unseren Augen eröffnete. Die Szene wirkte, als stamme sie direkt aus der industriellen Revolution.

Tags darauf ließen Jean und ich zunächst ein Messgerät für deutlich höhere Temperaturen auf Alvin installieren und führten dann selbst einen weiteren Tauchgang zur selben Stelle durch. Wir mussten das Ganze einfach mit eigenen Augen sehen. Einige der Schlote waren 1,80 Meter groß und stießen riesige schwarze Rauchwolken aus. »Als würden sie direkt hinab in die Hölle führen«, sagte Jean.

Als wir uns einem aktiven Schlot näherten, erinnerte uns der Pilot daran, die Temperatur abzulesen. Zum Glück! Wir waren fassungslos, denn die Anzeige war bis auf 350 °C hinaufgeschossen – um ein Vielfaches über den Siedepunkt hinaus. Schnell traten wir den Rückzug an. Unser Druckkörper aus Titan hätte der Hitze zwar standgehalten, doch nur wenig näher, und unser Bullauge aus Plexiglas wäre zerborsten, was zu einer massiven und tödlichen Implosion geführt hätte. Unsere Berechnungen hatten zwar darauf hingedeutet, dass so heiße Flüssigkeiten in der Magmakammer einige Kilometer unterhalb des Meeresgrunds erzeugt werden konnten. Aber dass sie immer noch so heiß waren, wenn sie dann ins offene Meerwasser austraten, damit hatten wir nicht gerechnet. Und genau das war der Fall.

Auf darauffolgenden Durchgängen fand Angus weitere Raucher und wir wiesen Alvin den Weg dorthin, um sie in Augenschein zu nehmen. Kurz zuvor hatten wir ein automatisiertes akustisches Navigationssystem installiert, das von einer einzigen Person bedient werden konnte – Deep Tow hingegen war auf ein drei- bis vierköpfiges Navigationsteam angewiesen. In Bezug auf unsere Position in der langen Rivalität zwischen Scripps und Woods Hole hatten wir zu dieser Zeit ein ziemlich gutes Gefühl – was offensichtlich meinen Ehrgeiz befeuerte, denn ich bat Steve Gregg, der die Navigation von Angus betreute: »Wenn du Wache hältst, stell Musik an, mach etwas Popcorn und leg deine Füße auf den Computer.« Diese lockere Einstellung würde Spiess – einen ehemaligen Navy-Offizier, der sich strikt an die Vorschriften hielt – in den Wahnsinn treiben. Außerdem bemalten wir Angus für jeden Raucher, den er entdeckte, per Schablone mit einem kleinen Schlot – so wie US-Jagdflugzeuge im Zweiten Weltkrieg für jeden Abschuss eines japanischen Zero-Flugzeugs mit dem Bild einer aufgehenden Sonne versehen wurden.

Auf dieser Fahrt begleitete mich mein Vater. Eines Abends stand er gerade auf dem Oberdeck, als er hörte, wie Dr. Spiess auf dem darunterliegenden Deck heraustrat und einen lauten Seufzer tat, beinahe einen Schrei. Dieser zugeknöpfte Typ verlor nur selten die Fassung, doch offensichtlich hatte ich ihn an den Rand der Verzweiflung gebracht.

In nachfolgenden Tauchgängen entdeckte unser Team weitere Schlote, von denen manche fast neun Meter hoch waren. Wir nannten sie »Schwarze Raucher« oder »Weiße Raucher«, je nach Farbe ihres Ausstoßes. Ausnahmslos bestanden sie aus polymetallischen Sulfiden – den gleichen Mineralien, die man im Vorjahr in der Probe gefunden hatte. Als wir die Flüssigkeit genauer betrachteten, sahen wir, dass sie beim Verlassen der Schlotöffnung noch klar war. Doch sobald sie sich mit dem 4 °C kalten Wasser am Grund vermischte, wurde sie abgeschreckt und verfärbte sich durch die Ausfällung der gelösten Mineralien zu Mikrokristallen schlagartig schwarz. Nun hatten wir eine erste Vorstellung davon, wie diese kaminartigen Strukturen entstehen konnten. Zunächst schießt heiße Flüssigkeit durch einen neu entstandenen Riss im Fels und vermischt sich mit Meerwasser. Die Mineralien fällen aus und setzen sich am Rand der Öffnung ab, wodurch der Schlot immer weiter in die Höhe wächst, bis er irgendwann kopflastig wird und umkippt, nur um den Prozess von Neuem in Gang zu setzen. So entsteht schließlich ein großer, aus Mineralien bestehender Hügel mit Verbindungen zu vielen einzelnen Schloten, ein Gebilde, das an eine Orgel erinnert.

Unsere Entdeckung trug dazu bei, die Chemie des Meerwassers besser zu verstehen. Im Chemieunterricht lernt man den Wasserkreislauf kennen: Die Wärme der Sonne lässt Wasser aus den Weltmeeren verdunsten. Dieses reine Wasser sammelt sich in feuchten Wolken, aus denen es als Regen zur Erde fällt und durch Flüsse wieder zurück ins Meer fließt, wobei es chemische Stoffe aufnimmt. Schließlich verdunstet es wieder und der Kreislauf beginnt von vorn.

Doch die chemische Zusammensetzung von Fließgewässern und einem Eimer Seewasser unterscheidet sich merklich. Seltsamerweise verschwinden einige der ins Meer fließenden Stoffe einfach, während sich stattdessen andere Stoffe im Meerwasser nachweisen lassen. Doch wo liegt deren Ursprung?

Mit der Entdeckung dieser extrem heißen Schwarzen Raucher erkannten wir ein zweites, das gesamte Weltmeer umspannendes Kreislaufsystem, das seit Millionen von Jahren im Inneren des Meeresbodens zirkuliert. In den Sulfidablagerungen, aus denen die Schlote bestanden, fanden wir Kupfer, Blei, Silber, Zink und Gold – wertvolle Metalle in Mengen, die groß genug waren, um einen Unterwasser-Goldrausch auszulösen, der im Augenblick gerade erst an Fahrt gewinnt.

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PLATTENTEKTONIK, Hydrothermalquellen und Schwarze Raucher. In schneller Abfolge hatten wir – alle Wissenschaftler, die mit mir zusammen auf See waren, Franzosen und Amerikaner – dafür gesorgt, dass Teile der Geologie-, Biologie- und Chemielehrbücher, die uns durch unser Studium begleitet hatten, nun neu geschrieben werden mussten. Das FAMOUS-Projekt ließ unser Geologiebuch alt aussehen; die Entdeckung der Quellen unser Biologiebuch; der Fund der Raucher unser Chemiebuch. Es war der perfekte Dreierpack. Viele Wissenschaftler verstanden von der Theorie hinter den Entdeckungen und vom Ausmaß ihrer Bedeutung mehr als ich. Doch ich war in der glücklichen Position, über die richtige Ausrüstung zu verfügen und über die Fähigkeit, sie an den richtigen Orten einzusetzen. Ohne Angus’ Kameras sowie Alvins Sichtfenster, durch die Wissenschaftler in den Ozean blicken konnten, hätten wir niemals die Beweise selbst in Augenschein nehmen können.

Bald darauf nahm ich ein Angebot von Dr. van Andel an, 1979 bis 1980 ein akademisches Sabbatjahr in Stanford zu verbringen, wo ich an wissenschaftlichen Artikeln über unsere jüngsten Entdeckungen arbeiten konnte. Der Stichtag für meine Festanstellung rückte näher und ich war überzeugt, dass sie mir inzwischen auch zustand. In Woods Hole wurden Festanstellungen von einem Gremium externer Experten vergeben, doch als ich hörte, wer Mitglied des Ausschusses sein und über mein Schicksal entscheiden würde, war das wie ein Schlag in die Magengrube: einige meiner größten Rivalen, darunter – richtig geraten – Dr. Spiess. Gerade noch hatte ich ihn auf See herausgefordert und jetzt fühlte ich mich, als hätte ich ein Fadenkreuz direkt auf meiner Stirn.

Ich beschloss, Margie und unsere Jungs mit nach Kalifornien zu nehmen. Unser Haus in Hatchville würden wir vermieten. Falls mir die Festanstellung versagt bliebe, würden wir einfach an der Westküste bleiben – in dem Staat, in dem ich aufgewachsen war. Ich war lange nicht hier gewesen, doch die Angel- und Campingausflüge mit meinem Vater waren mir noch im Gedächtnis, und ich legte großen Wert darauf, mit Todd, inzwischen elf, und Dougie, bald neun Jahre alt, Ähnliches zu unternehmen. Außerdem trainierte ich Todds Basketballteam und wir hatten die Gelegenheit, einige Zeit zum Schwimmen und Angeln an unserem bevorzugten Urlaubsort zu verbringen: einer Hütte von Margies Vater am Whitefish Lake in Montana.

Dennoch musste ich eingestehen, dass sich meine Ehe zunehmend in einer Krise befand. Genau wie in Woods Hole zeigte Margie auch in Stanford kein Interesse an Unternehmungen mit meinen beruflichen Freunden oder an meinem Geistesleben. Gleichzeitig verfolgte ich aber die Scheidung meines Bruders, der inzwischen bei Apple in der Softwareentwicklung arbeitete. Und da ich sah, wie schwer diese Zeit für seine drei Kinder war, wollte ich mich um ein harmonisches Miteinander mit Margie bemühen – zumindest solange unsere Jungs noch zu Hause lebten.

Immer noch straften mich manche Akademiker mit Geringschätzung, da ich weiterhin für National Geographic schrieb. Ich hatte Magazinartikel über den Kaimangraben, die Oasen um die heißen Quellen sowie die Raucher veröffentlicht. Gerade arbeitete ich an meiner ersten Fernsehdokumentation für National Geographic Television und in meinen Ohren hörte ich schon die lautstarken Vorwürfe von einigen meiner Kollegen, das sei reine Angeberei. Doch gleichzeitig hatte ich große Artikel für Nature und Science mitverfasst, zwei der wichtigsten wissenschaftlichen Fachzeitschriften; zwei weitere Texte waren gerade in Arbeit, von denen einer schließlich den Newcomb-Cleveland-Preis für den besten in Science veröffentlichten Artikel des Jahres 1980 gewinnen würde. Mäkler spotteten, ich würde einfach ins Blaue hinein forschen, um zu sehen, was es alles so zu entdecken gab. In ihren Augen war das keine Wissenschaft – ich stolperte einfach nur über Dinge. »Wenn das so ist«, dachte ich, »dann lasst mich doch einfach weiterstolpern.«

Bei dieser Nervenbelastung fügte es sich glücklich, dass der Vorsitzende des Ausschusses, der über meine Festanstellung befand, Robert W. Morse war, ein früherer Unterabteilungsleiter für Forschung und Entwicklung bei der Navy und nun in hohem Amt am Woods-Hole-Institut. Nicht zuletzt war er mein Tennispartner. Von ihm erfuhr ich später, dass der Ausschuss schriftliche Einschätzungen von anderen Experten eingeholt hatte – darunter einige, die noch nie auch nur irgendein nettes Wort verloren hatten, egal über wen. Außerdem hatten sie sich an Wissenschaftler gewandt, die erst vor Kurzem mit mir zusammen auf dem Wasser gearbeitet hatten, darunter Jerry van Andel von Stanford, Harmon Craig vom Scripps und John Edmond vom MIT.

Letzten Endes wurde die Entscheidung in einer Abstimmung getroffen, und so versammelten sich alle Beteiligten am 14. Februar 1980 an einem Tisch. Ich selbst durfte nicht anwesend sein, doch Morse verriet mir später, dass Spiess, als er an der Reihe war, darüber schimpfte, wie sehr ich nach Aufmerksamkeit gierte.

Dann fragte Morse: »Wenn Ballard am Scripps wäre, würden Sie ihn fest anstellen?«

Spieß antwortete: »Jepp.«

Ich war unglaublich erleichtert. Endlich! Jetzt war ich festangestellter Wissenschaftler am Woods-Hole-Institut und durfte selbst entscheiden, wohin die Reise für mich und mein Team in Zukunft gehen sollte.

KAPITEL 5
DIE NAVY UND ICH

Wenn ich an einem Projekt arbeite, träume ich parallel immer schon vom nächsten – ich warte nur auf die richtige Gelegenheit. Wie Huckleberry Finn sitze ich am Flussufer vor den Schnüren, die zu den Schwimmern an meinen Angelruten führen. Ich weiß nie, wann der nächste große Fang anbeißt. Während ich also auf dem Weg zur Festanstellung in meine akademische Forschung vertieft war, dachte ich zeitgleich schon darüber nach, wie sich die Ozeane durch den Einsatz der neuesten Robotertechnik noch besser erkunden ließen. Und ich hielt noch immer an dem fest, was mein Freund von den Sea Rovers mehr als zehn Jahre zuvor als mein Hirngespinst bezeichnet hatte: die Suche nach der Titanic.

Die Titanic hatte sich im Frühjahr 1912 auf ihre Jungfernfahrt vom englischen Southampton nach New York begeben. Es war das prachtvollste Schiff seiner Zeit, knapp drei Fußballfelder lang und auch sonst in jeglicher Hinsicht spektakulär. Abgesehen von all den Kronleuchtern, erlesenen Speisen und Weinen standen Passagieren der Ersten Klasse neben ihrer Luxussuite ein Gymnastikraum, eine Squash-Anlage, ein Türkisches Bad sowie Rauch- und Schreibsalons zur Verfügung – all das für 4350 Dollar, heute wären das etwa 115 000 Dollar. Einige der wohlhabendsten Menschen Amerikas waren mit an Bord.

Doch aus dem Überfluss erwuchs Leichtsinn. Während das Schiff mehrere Hundert Seemeilen südöstlich von Neufundland durch den Nordatlantik dampfte, waren für Kapitän Edward J. Smith die Warnungen über in der Nähe gesichtete Eisberge offenbar kein Grund zur Beunruhigung. Am 14. April, spätabends, wurde hoch oben im Krähennest ein riesiger Eisberg direkt voraus entdeckt. Obwohl die Besatzung noch fieberhaft versuchte, die Kollision abzuwenden, schrammte die Steuerbordseite des Rumpfs unterhalb der Wasserlinie am Eis entlang. Die darunterliegenden Abteile wurden geflutet, womit das Schicksal des Schiffs besiegelt war; am 15. April um 2.20 Uhr morgens versank es schließlich im Wasser – nur zwei Stunden und 40 Minuten, nachdem die Katastrophe ihren Anfang genommen hatte.

Die Tragödie löste ein größeres Medienecho aus als alle anderen Schlagzeilen dieser Zeit. Mit ihr endete eine Ära des Wohlstands vor Anbruch des Ersten Weltkriegs und bis heute fasziniert sie die Menschen. Für Meeresforscher war die Entdeckung der Titanic wie für Alpinisten das Besteigen des Mount Everest – das Wrack stand auf jeder Liste an allererster Stelle, und gerade das machte den besonderen Reiz für mich aus. Niemand hatte je nach dem in bis zu 4000 Metern Tiefe liegenden Wrack gesucht. Anfang 1977 hatte mich eine Firma namens Big Events kontaktiert, die eine Suchaktion starten wollte. Durch sie lernte ich William H. Tantum kennen, den Präsidenten der Titanic Historical Society – einer Organisation, die sich der Erforschung von Schiff und Passagieren verschrieben hatte. Bill war ein feiner Kerl und großartiger Geschichtenerzähler. Wenn man ihm zuhörte, war das, als sei man tatsächlich mit ihm auf der Titanic. Er zeigte mir seine Sammlung von Büchern, Karten und Zeichnungen, und seine Leidenschaft war ansteckend. Von Big Events nahmen wir Abstand, als wir erfuhren, dass die Firma Briefbeschwerer aus Seilstücken des Schiffs vermarkten wollte, doch Bill und ich blieben in Kontakt und hielten nach anderen Möglichkeiten Ausschau.

Manche Funktionsträger in Woods Hole mahnten, die Realisierung eines derart publikumswirksamen Projekts sei einer ernsthaften Forschungseinrichtung unwürdig. Doch Paul Fye, der dem Ende seiner Amtszeit als Direktor entgegensah, war der Auffassung, dass die Ruhestätte der Titanic im Nordwestatlantik unser Institut dafür prädestinierte, die Suche danach anzuführen. Er wollte vermeiden, dass Scripps-Forscher aus Kalifornien vorbeikämen, um es dann sozusagen in unserem Hinterhof aufzuspüren. Ich konnte ihm nur entschieden beipflichten.

Im selben Jahr nahm ich Gespräche mit dem Aluminiumhersteller Alcoa über die Nutzung des Schiffs Seaprobe auf. Es war ursprünglich für Willard Bascom gebaut worden, einen Forscher, der damit das Schwarze Meer nach antiken Wracks absuchen wollte. Bascom vermutete, dass eine sauerstoffarme Wasserschicht unten in der Tiefe Schiffe aus Holz konserviert haben könnte, und ihm schwebte vor, einige davon zu heben. Angesichts der Spannungen während des Kalten Kriegs hatte er es jedoch nie bis aufs Schwarze Meer geschafft, sodass die Seaprobe nun ungenutzt im Hafen lag. Alcoa wollte dem Woods-Hole-Institut das Schiff als Spende überlassen.

Eigentlich war dies genau das richtige Schiff für eine Suche, von der viele sagten, dass wir dabei am Ende in die Röhre schauen würden. Denn es handelte sich im Wesentlichen um einen Ölbohrturm auf einem robusten Schiffsrumpf aus Aluminium. Das Schiff war dafür ausgerüstet, ein aus vielen Teilstücken zusammengesetztes Bohrrohr bis zum Meeresboden hinabzulassen, wobei an dem Rohr entweder Kameras oder ein riesiger Greifarm befestigt werden konnten. Im Grunde ähnelte es der Glomar Explorer, die die CIA kurz zuvor im Pazifik zur Bergung von Teilen eines Raketen-U-Boots der Sowjetunion eingesetzt hatte. Ich wollte die Titanic nicht bergen, sondern nur finden, und ein Gehäuse für Kameras und Sonar am untersten Rohr der Seaprobe würde mir die Gelegenheit geben, einige neu auf den Markt gekommene Geräte auszuprobieren.

»Alcoa soll das Schiff nach Woods Hole bringen und Sie fahren damit raus und absolvieren einen Durchgang«, sagte Dr. Fye. »Dann sehen wir, ob es etwas taugt.«

Sobald er grünes Licht gegeben hatte, begann ich die Ausrüstung auszuleihen – darunter ein Sonarsystem von Westinghouse und Unterwasserkameras von der Navy und einer Firma namens Benthos. Alles in allem waren wir im Begriff, ein Gehäuse mit Ausrüstung im Wert von 600 000 Dollar an der Spitze eines sehr langen Rohrs in die Tiefe baumeln zu lassen.

Im Oktober 1977 fuhren wir mit der Seaprobe auf den Atlantik hinaus. Die Monteure kamen am ersten Tag gut voran und ließen ein 18 Meter langes Rohr nach dem anderen vorsichtig ins Meer hinabgleiten. Bei Anbruch der Nacht hatten sie 50 solcher Teile aufeinandergesetzt und so unser Gehäuse mit den Sensoren auf eine Tiefe von 900 Meter hinuntergebracht – bis auf eine Rohrlänge an den Meeresgrund heran.

Die Monteure machten Feierabend und gingen zu Bett, während ich im Kontrollraum den ersten Durchlauf des Sonars vorbereitete. Plötzlich, um zwei Uhr morgens, ließ ein ohrenbetäubendes Krachen das ganze Schiff erzittern. Jeder rannte nach draußen, um zu sehen, was geschehen war. Irgendwo war eine Verbindung zwischen zwei Rohrstücken auseinandergebrochen. Ein riesiges Gegengewicht war von der Spitze des Bohrturms auf das über uns liegende Oberdeck gestürzt, während unten Rohre mit einem Gesamtgewicht von 30 Tonnen auf dem Meeresboden aufschlugen und dabei das Gehäuse mit all der Ausrüstung, die ich gerade erst ausgeliehen hatte, völlig zerstörten.

Wir begriffen schnell, wie das passieren konnte. Kurz vor unserer Fahrt hatten die Mitarbeiter der Bohrfirma nach einem Gehaltsstreit das Schiff verlassen und die unerfahrenen Ersatzleute wussten bei der Montage nicht, dass im letzten Abschnitt besonders dickwandige Rohre erforderlich waren. Nur so konnte die komplette Rohreinheit davor bewahrt werden, bei Bewegungen des Schiffs im Wasser zu verbiegen oder abzubrechen.

Weil es also am einen Ende an ein paar Dollar gefehlt hatte, war nun meine geliehene Ausrüstung im Wert von 600 000 Dollar dahin – genau wie jede Aussicht, die Seaprobe noch einmal zum Aufspüren der Titanic einzusetzen. Jetzt schauten wir im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre. Umso schlimmer, dass sich gerade eben Dr. Fye – mein Mentor, Freund und Beschützer – als Direktor des Woods-Hole-Instituts in den Ruhestand verabschiedet hatte. Ein Übergangsteam hatte die Geschäfte übernommen und war nicht gewillt, meinen kostspieligen Fehler auszubügeln.

»Das gibt Ärger, Ballard«, sagte einer von ihnen bei meiner Rückkehr. »Niemand hat Sie angewiesen, diesen ganzen Kram auszuleihen. Das war Ihre eigene Verantwortung – und auch die Rechnung werden Sie selbst übernehmen müssen.«

Ich hatte vielleicht vier Dollar in meiner Tasche und mein altes, teilweise renoviertes Farmhaus war nicht viel mehr wert als die 20 000 Dollar, die ich selbst dafür bezahlt hatte. Ich stand vor dem Ruin. Da kam mir, Gott sei Dank, Alcoa zu Hilfe. Die Versicherung des Unternehmens übernahm nicht nur die Schäden am Schiff, sondern auch die geliehene Ausrüstung.

Trotzdem war ein so eklatanter Fehlschlag niederschmetternd. Als der neue Direktor, John Steele, seinen Posten in Woods Hole antrat, untersagte er mir jeglichen weiteren Versuch, im Namen des Instituts auf die Suche nach der Titanic zu gehen. Steele war schottischer Meeresforscher und als Akademiker ein Purist. Er bestand darauf, dass ich mich auf gewöhnliche wissenschaftliche Forschung beschränkte.

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ICH WAR NIE VOR RISIKEN ZURÜCKGESCHRECKT und daran würde sich auch jetzt nichts ändern. Mein Unternehmerinstinkt kam in Schwung und ich fand einen Weg, meine »Mission Titanic« außerhalb der Arbeitszeit voranzutreiben. Ich tat mich mit ein paar Gleichgesinnten zusammen – Bill Tantum; Emory Kristof, dem National Geographic-Fotografen; Alan Ravenscroft, einem Filmemacher – und wir gründeten eine Firma, deren Ziel das Aufspüren der Titanic war. Wir führten Gespräche mit vermögenden Privatpersonen wie etwa Roy E. Disney Jr., dem Neffen von Walt Disney, doch allen kam unser Vorhaben zu riskant vor. Jack Grimm, ein texanischer Ölmillionär, bot uns die Zusammenarbeit an, doch er war publicitysüchtig und wirkte auf uns nicht unbedingt wie ein verlässlicher Partner.

Also arbeitete ich während meines Sabbatjahrs in Stanford auch daran, meine Vorstellungen vom idealen Ablauf bei Tiefsee-Suchaktionen genauer auszuarbeiten. Die Computerrevolution war ins Rollen gekommen und manche Wissenschaftler in Stanford arbeiteten eng mit Leuten wie Bill Gates und Steve Jobs zusammen; sogar im Innenhof direkt vor meinem Büro wurden Versuche mit Robotern durchgeführt. Für mein eigenes Feld der Untersuchungen stellte ich mir einen ähnlichen Paradigmenwechsel vor. Ich bewegte mich weg von bemannten Tauchbooten, die gefährlich waren und nur wenige Stunden am Stück unter Wasser verbringen konnten, und hin zu Unterwasserfahrzeugen, die von einem Mutterschiff aus betrieben wurden und so lange unten bleiben konnten wie nötig. Ich hatte sogar schon Namen für die Roboter, die mir vorschwebten: Jason und Argo, zu Ehren des Entdeckers aus der Sagenwelt und seines Schiffs, in dem er das Goldene Vlies zu sich in die Heimat gebracht hatte. Verglichen mit Alvin wären sie billiger im Betrieb und in der Lage, weit größere Gebiete zu vermessen – ein entscheidendes Kriterium angesichts der engen zeitlichen Beschränkungen, denen die meisten Meeresexpeditionen unterliegen. Ich malte mir auch aus, dass diese Systeme eines Tages in der Lage sein würden, via Satellit Fotos und Videos in alle Teile der Welt zu übertragen und somit Wissenschaftlern zu ermöglichen, von ihrem Büro aus mittels Telepräsenz an Entdeckungen teilzuhaben.

Aus meinen Erfahrungen mit Alvin hatte ich gelernt, dass sich eine neue Technologie erst 10 bis 15 Jahre hindurch bewähren muss, bevor sie allgemein anerkannt ist. Jetzt standen die Wissenschaftler Schlange für einen Tauchgang in Alvin und erzählten stolz ihren Freunden, sie hätten für die Wissenschaft ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Es war Zeit für mich, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Doch noch musste ich erst andere davon überzeugen, dass meine Ideen von ferngesteuerten Fahrzeugen Hand und Fuß hatten und es sich lohnte, sie zu fördern. Die National Science Foundation wies mich ab. Ich finde es immer reizend, wenn ich in solchen Einrichtungen zu hören bekomme: »Was Sie vorhaben, ist verrückt – im Gegensatz zu Ihrem letzten Einfall: Der war richtig gut.« Und ich entgegne: »Haben Sie denn schon vergessen, dass Sie den damals auch für verrückt hielten?«

Schließlich wandte ich mich an die Navy-Dienststelle für Meeresforschung, die der größte Geldgeber des Woods-Hole-Instituts war und mich in meiner wissenschaftlichen Laufbahn von Anfang an unterstützt hatte. Meinen aktuellen Förderantrag hatte ich erst kurz zuvor dort eingereicht, als Dr. Morse, der als Ausschussvorsitzender über meine Festanstellung befunden hatte, mich als Redner für eine Navy-Veranstaltung anfragte: eine internationale Konferenz für Seemächte am Naval War College in Newport, Rhode Island. Da ich noch immer Reserveoffizier der Navy war und auch gern öffentlich redete, sagte ich ohne zu zögern zu. Als der Termin im Juni 1981 vor der Tür stand, bat ich meine Sekretärin, Terry Nielson, um die Details. Sie sagte, mein Aufenthalt sei auf vier Tage angelegt. Vier ganze Tage, nur um mit ein paar Ingenieuren über Kraftwerke an Bord von Schiffen zu sprechen? Nein, sagte sie. Das ist etwas völlig anderes. Dort versammeln sich die ranghöchsten Admiräle aller Seestreitkräfte der freien Welt und diskutieren über die Demonstration militärischer Stärke auf See.

Präsident Reagan war noch nicht lange im Amt und schmiedete zusammen mit seinem ungestümen, jungen Marineminister John Lehman Pläne, um den Sowjets offensiver entgegenzutreten. Reagan hatte versprochen, die amerikanische Flotte von 450 auf 600 Schiffe aufzurüsten, und er und Lehman wollten die Sowjets glauben machen, unser militärisches Vermögen sei so groß, dass sie in einem Krieg niemals dagegen ankämpfen könnten. Lehman war einer der Redner auf dem Symposium. Außerdem sprach Admiral Thomas Hayward, der Leiter der Marineoperationen. Und wer war wohl der andere Hauptredner? Genau – ich.

»Oje«, dachte ich. »Was habe ich getan? Ich bin Meeresgeologe, kein Verteidigungsstratege!« Ich hatte Angst, mich zu blamieren. Aber irgendwann sagte ich mir: »Du besinnst dich jetzt auf das, was du am besten kannst, und dann gibst du dem Ganzen noch einen Navy-Touch.«

Durch meine Army-Ausbildung wusste ich, dass der alles entscheidende Faktor das Gelände war; es ging immer darum, das erhöht liegende Gebiet einzunehmen und sich dort zu verschanzen. Was war im Ozean das hoch liegende Gebiet? Zweifelsohne der Mittelozeanische Rücken, der den Planeten umgibt wie eine Baseballnaht und zu dem auch die Region unter dem Atlantik gehörte, die ich im FAMOUS-Projekt erkundet hatte. Gedankenverloren fing ich an zu träumen. Ich vermischte die beiden Konzepte miteinander und nach einem Abstecher in die Grafikabteilung des Woods-Hole-Instituts war ich bereit für meinen Vortrag.

Vor den Augen von Lehman und Hayward, die in der ersten Reihe saßen, legte ich mein Konzept für Kriegsführung in unterseeischem Gelände dar. Ich zeigte, wie sowjetische U-Boote, die sich auf die Ostküste der Vereinigten Staaten zubewegten, erst diese mächtige Unterwasser-Gebirgskette überqueren mussten. Eine Folie zeigte Gipfel und Aufschlüsse am Meeresgrund, die ich »SAM-Basen« nannte – eine Bezeichnung von Air Force und Army für landgestützte Flugabwehrraketen (surface-to-air missiles), die ich nutzte, um den Ehrgeiz meiner Zuhörer anzustacheln. Diese seebasierten Abschussbasen konnten mit Minen bestückt werden, die in der Lage waren, Torpedos auf sowjetische U-Boote abzufeuern, so schlug ich vor. Ich zeigte ihnen ein System von großen und kleinen U-Booten, die sich in den Felsspalten verstecken und die Torpedominen aus der Ferne starten konnten. Jeder im Raum war begeistert, als ich sagte, dass der Eindringling nicht einmal wissen würde, was ihn da getroffen hatte.

Abends traf ich Lehman bei einem Empfang und wir verstanden uns direkt prächtig. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie in Philadelphia – Neffe zweiten Grades von Grace Kelly, Filmstar und inzwischen Fürstin von Monaco –, doch er selbst war ein angriffslustiger, bodenständiger Kerl, der in der Reserve der Navy als Navigator auf Kampfflugzeugen gedient hatte. Wir wurden beide in diesem Jahr 39 und waren beide Anhänger von einschneidenden Veränderungen. Er erteilte den Admirälen bereits Befehle auf eine Weise, wie dies nur wenige Marineminister zuvor getan hatten.

Als ich Lehman zu einem gemeinsamen Tauchgang in Alvin einlud, sagte er begeistert zu. Auf der Heimfahrt dachte ich darüber nach, wie angenehm ich den erneuten Kontakt zur Navy empfunden hatte. Außerdem fragte ich mich, ob Lehman und Hayward mir wohl helfen könnten, die Entwicklung meiner ferngesteuerten Fahrzeuge zu finanzieren – und vielleicht sogar bei einem neuen Versuch in Sachen Titanic. Doch dafür musste noch eine Menge passieren.

—

AUF DEM TITANIC-SCHAUPLATZ war gleich das erste Hindernis das von Dr. Fye und mir am meisten gefürchtete: Konkurrenz. Jack Grimm, dem geltungsbedürftigen Ölmillionär, war es gelungen, Dr. Spiess vom Scripps und William Ryan, einen Meeresgeologen von der Columbia University, für sein Vorhaben zu gewinnen. Spiess und Ryan, ein eindrucksvolles Duo, machten sich erstmals 1980 auf die Suche nach dem Schiff, scheiterten allerdings an Ausrüstungsproblemen und schlechten Witterungsverhältnissen – und nicht zuletzt an Grimm selbst. Er hatte einen Affen darauf dressieren lassen, auf einer Karte den Punkt zu zeigen, wo er die Titanic vermutete, und wollte bei der Fahrt auch den Affen an Bord haben. Erst Spiess und Ryan hatten Grimm dazu gebracht, auf diesen Gag zu verzichten: »Entweder der Affe oder wir!«

Doch dann starteten Grimm, Spiess und Ryan einen zweiten Versuch. Voller Anspannung wartete ich das Ergebnis ab. Später erfuhr ich, dass sie viel Zeit darauf verwendet hatten, verschwommene Sonarziele aus dem Vorjahr genauer zu untersuchen sowie dem Verdacht nachzugehen, das Schiff könnte in einen riesigen Canyon gerutscht sein. Dann stürzte sich Grimm in den letzten Stunden der Expedition auf ein schemenhaftes Bild von etwas, das wie eine Schiffsschraube aussah, und verkündete öffentlich, er habe die Titanic gefunden. Als ich das hörte, brach es mir fast das Herz. Doch weder Spiess noch Ryan unterstützten die Theorie Grimms und seine Geschichte fiel bald in sich zusammen.

Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, dass Grimm für einen weiteren Anlauf noch glaubwürdig genug war, und doch erschien es mir nun umso dringlicher, die Finanzierung meiner Unterseeroboter auf die Beine zu stellen. Ich hatte das Gefühl, dass es meines ganzen Verkaufsgeschicks und meiner ganzen Beharrlichkeit bedurfte – und eines tieferen Eintauchens in die streng geheime Welt der Untersee-Kriegsführung –, um Funktionäre der Navy davon zu überzeugen, mich bei meinem Titanic-Traum zu unterstützen.

Später in diesem Sommer erhielt ich einen Anruf von Admiral Hayward, der mich ins Pentagon einlud, um seinem Stab meine Geländekriegspräsentation vorzustellen. Auch Vizeadmiral Ronald Thunman, der ranghöchste U-Boot-Offizier, bat um ein Gespräch mit mir. Das klang vielversprechend. Also bog ich in Ring E des Pentagons ein, den Gebäudeteil mit den schönsten Büros der höchsten Funktionäre, mit Teppichen und Fenstern und dem ganzen Drumherum. Das Büro von Thunman selbst glich allerdings eher einer Gefängniszelle – es lag in einem gesicherten Bereich und das Fenster in der Tür war vergittert. Thunman blickte nicht einmal auf, als die Tür hinter mir zufiel.

Dann fuhr er plötzlich aus seinem Stuhl hoch und schrie mich an: »Was zur Hölle wissen denn Sie schon vom U-Boot-Krieg?« Thunman war ein Hüne von einem Mann und es war, als züngelten Flammen aus seinem Mund. Ich ging auf Abstand, befreite mich aus meiner Schockstarre und dachte mir: »Das muss ich mir nicht bieten lassen. Ich war nicht derjenige, der dieses Treffen veranlasst hat.« Also ging ich zum Gegenangriff über.

»Was zur Hölle wissen Sie denn schon vom Meeresboden? Diese Karte an Ihrer Wand verrät Ihnen gar nichts«, sagte ich. »Nur, dass das Meer blau ist. Begreifen Sie denn nicht, dass sich dort die größte Gebirgskette der Erde befindet – von entscheidender Wichtigkeit für die Zukunft der Navy?« Ich fragte, ob ihm klar sei, dass entweder er dort U-Boote verstecken konnte – oder die Sowjets.

Am liebsten hätte ich ihm eine verpasst. Doch er lächelte nur seelenruhig: »Nehmen Sie Platz.« Auf diese plötzliche Veränderung konnte ich mir keinen Reim machen. Später erzählten mir seine Berater, dass er mich gerade einem der bekanntesten Initiationsriten der U-Boot-Flotte unterzogen hatte: dem Rickover-Test. Benannt nach Admiral Hyman G. Rickover, dem Vater des Atom-U-Boots. Wenn sich Offiziere für Thunmans Programm bewarben, testete er sie, indem er sie scharf zurechtwies oder gegen sich aufbrachte. Genau wie Rickover wollte er herausfinden, ob jemand genug Mumm hatte, sich zu wehren. Ich schätze, meinen Test habe ich bestanden.

Bei meinem nächsten Besuch im Pentagon traf ich mich mit Konteradmiral Leland Kollmorgen, der die Dienststelle für Meeresforschung leitete, wo mein Förderantrag lag – unbearbeitet. Ich zeigte ihm meine Geländekriegspräsentation. »Das war’s?«, fragte er, offenbar verwundert, dass der Leiter der Marineoperationen Interesse an einem derart verrückten Einfall zeigen konnte. Einer seiner Mitarbeiter, Gene Silva, erinnerte ihn an meinen Förderantag. Das verärgerte ihn anscheinend so sehr, dass er den Berater aus dem Raum schickte.

Gleich im Anschluss wurde ich zu einem Konferenzraum geleitet, wo eine größere Besprechung mit Admiral Hayward und einigen anderen Admirälen anberaumt war. Alle nahmen Haltung an, als er den Raum betrat. »Ich bin nicht genug bewandert, um die Bedeutung Ihrer Präsentation über unterseeischen Geländekrieg voll zu erfassen«, sagte Hayward zu mir. Dann wandte er sich an die anderen: »Hat einer von Ihnen schon mal über so ein Konzept nachgedacht?«

Ein Admiral nach dem anderen verneinte. Als Thunman an der Reihe war, nahm das Gespräch eine überraschende Wendung. »Nun, Sir«, sagte er, »Sie kennen ja unsere Spezialplattformen, die regelmäßig mit dem Grund in Berührung kommen.«

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