Kitabı oku: «Andere Häfen»
CHRISTOPHER ECKER

ANDERE HÄFEN
mitteldeutscher verlag
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Zum Geleit
Auf dem Boden
Für ein Lesebuch der Oberstufe
Als wer wir erwachen
Andere Häfen
Zwei Kätzchen
Kühles Glas
Das Museum zu Knossos
Magst du mich?
Das Auge der Sphinx
Die erste Geschichte
Im Keller des Uhrmachers
Vom Fagaröm
Auf glühenden Kohlen
Die letzten Jahre
Wir waren zum Abendessen eingeladen
Wieso ich überlebte
Die dritte Katze
Rückkehr zur Erde
Südwärts
In dunklen Brauntönen
Ochsengalle
Spiele und Türen
Dosenwerfen für Terra
Böhmische Gärten, abgeschminkte Clowns
Der Brennende Berg
Erfolg und Trost
Abschied
Mein bester Trick
Das Schild
Gebäude
Allerhöchste Eisenbahn
Der leere Spiegel
Fremdkontakt
Unter Wasser
Zugelaufen
Die Planke
Die Reparatur
Die Tür
Zitronenarm
Die Vermählung
Der Schacht
Die Wege
Im Treppenhaus
Die Krankheit
Letzte Durchsage
Schneebedeckte Sonnenuhren
Das eigentliche Erbe
Einen See zuschaufeln
Jenseits
Die Überkopf-Welt
Die Wand des Gästezimmers
Geistergerätschaften
Verlorenheit
Das Ende
Die nächste Nachricht
Die Meisen Alaskas
Existentialismus im Bilderbuch
Das Wesen der Buddha-Natur
Die letzte Seite der Geschichte
Vom Teilen der Beute
Wartet auf das Hermelin!
Vor der Versammlung
Le Cercle Rouge
Ashley
Bauopfer
Schokoladeneis
Alles zu Capgras
Morgen ist ein neuer Tag
Du in den Katakomben von Malta
Südamerika
Reste
Vom Trichter
Keine Geschichte
Die Viper
Doktor Cotard
Blutwurst aus Eigenblut
Invasionen
Die Kluft
Beinfrauen
Armrudernd am Zeilenende
Die Zukunft Böhmens
Geheimnisse und Zusammenhänge
Alte Blinde
Pregasina 1974
Raum und Werk
Ave atque vale
Pressestimmen
ZUM GELEIT
Das Badezimmerfenster war geschlossen. Er schüttelte amüsiert den Kopf. Natürlich war es geschlossen. Das hatte er eben doch schon kontrolliert. Der Geldbeutel steckte in der Gesäßtasche, das Handy in der Jackentasche, den Schlüssel hielt er in der Hand. Wasserkocher? Ausgeschaltet. Herd? Alles bestens. Wasserhahn in der Küche? Alles bestens. Er ging zurück ins Badezimmer: Fenster zu, Wasser aus, alles bestens. Wieso auch nicht? Das hatte er doch schon kontrolliert. Licht im Arbeitszimmer: aus, Computer: aus, Stereoanlage: aus. Er war für alles allein verantwortlich, da sie mit dem Kleinen zu ihren Eltern gezogen war. Er betrachtete sich im Badezimmerspiegel, versuchte sich an einem Lächeln, schnitt eine Grimasse, griff nach Geldbeutel und Handy, alles bestens. Er öffnete die Haustür, zog sie hinter sich zu, sperrte ab, prüfte zwei Mal, ob sie auch wirklich verschlossen war, sperrte wieder auf und ging ins Badezimmer. Er war für alles allein verantwortlich. Das stimmte. Der Herd war ausgeschaltet, er berührte sicherheitshalber die Platten, alle kalt, der Stecker des Wasserkochers war gezogen, er berührte ihn, alles bestens. Aber dass sie mit dem Kleinen zu ihren Eltern gezogen war, stimmte nicht. Er schaltete das Licht im Badezimmer an, nickte ernst und schaltete es wieder aus. Herzlich willkommen in meinem Erzählungsband Andere Häfen! Ich freue mich sehr, Sie an Bord zu wissen. Inhaltsverzeichnis ist hinten, auf Zitate wird nicht gesondert hingewiesen, der Stecker des Wasserkochers ist gezogen, der Herd ist aus – fangen wir an!
AUF DEM BODEN
Die Wohnungsabnahme nahm kein Ende. Unser Hund hatte sich auf den Balkon geflüchtet, wo er hechelnd in der Sonne lag, während sich die Wohnung von Minute zu Minute mehr mit Menschen füllte. Es waren bereits ein gutes Dutzend Vermieter anwesend und es trafen unaufhörlich weitere ein, wie mir meine Frau, die mit einem Tablett voller Häppchen verloren in der Menge stand, in einem Moment der Panik zuflüsterte. Bald war kein Durchkommen mehr möglich.
„Meine Herren“, versuchte ich mir Gehör zu verschaffen, „die Lackierung des Heizkörpers war schon beim Einzug schadhaft.“
Niemand beachtete mich. Soeben war ein neuer Schwung Vermieter eingetroffen und wurde von den Anwesenden, es mussten inzwischen mindestens fünfzig oder sechzig sein, lautstark begrüßt.
„Meine Herren“, rief ich, „der Spiegelschrank im Badezimmer …“
Jemand rempelte mich an, ich fuhr herum und sah, während ich mich bemühte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, den Arm meiner Frau mitsamt dem Tablett aus dem Leibermeer ragen. Der hochgereckte Arm zitterte, das Tablett neigte sich bedenklich in die Schräge, wieder wurde ich angerempelt. Diesmal von vorn. „Sie stehen uns im Weg“, sagten mehrere Vermieter im Chor. „Machen Sie Platz! Da ist eine Dame, die uns mit Schnittchen milde zu stimmen versucht. Doch uns milde stimmen zu wollen, ist sinnlos. Es bleibt unübersehbar: Die Wohnung ist in einem katastrophalen Zustand!“
Ich öffnete den Mund, um zu einer Rechtfertigung anzusetzen, doch da nahm mir ein klein gewachsener Herr den Mietvertrag aus der Hand und verschwand damit übertrieben armrudernd in der Menge, wo sich eine schmale Gasse geöffnet hatte, die sich hinter ihm wieder schloss wie ein aufrecht stehendes Lippenpaar. Im Gänsemarsch drängten Neuankömmlinge in die Wohnung. Man begrüßte sie mit Jubelrufen. Hände wurden geschüttelt, Schultern wurden beklopft. Um dem nicht abreißenden Strom der Neuankömmlinge Platz in der bis zum Bersten überfüllten Wohnung zu schaffen, wurden an den merkwürdigsten Stellen Türen zu Räumen geöffnet, die ich nie zuvor gesehen hatte. Jemand hielt meinen Kopf eine Weile von hinten fest, aber aus den Augenwinkeln sah ich, wie ein Vermieter auf den Rücken eines anderen kletterte, knapp unter der Decke die Tapete löste und ein rechteckiges Loch in der Wand freilegte, worin mehrere mit bräunlicher Flüssigkeit gefüllte Gläser standen.
„Meine Herren“, rief ich, „meine lieben Herren! Da gibt es einen kleineren Wasserschaden, das gebe ich gerne zu, aber dieses Loch in der Wand ist mir unbekannt. Wir haben, und ich bitte Sie, dies zur Kenntnis zu nehmen, mit diesem Loch nichts zu tun!“ Hilfesuchend sah ich mich nach meiner Frau um, doch die Leiberwalze drängte mich, wobei alle Vermieter Zischlaute ausstießen wie Ganter, die ihre Brut beschützen, aus dem Raum in eine hohe Halle, deren Leere jedoch nur für kurze Zeit wohltuend war, hatte sie sich doch in Windeseile mit Vermietern gefüllt. Ich hob den Blick zur stuckverzierten Decke des Saales und dachte halb befremdet, halb belustigt: Deshalb also die horrend hohen Heizkosten für eine Dreizimmerwohnung. An manchen Stellen war der Stuck schwarz von Ruß. Ein Korken glitt in unmittelbarer Nähe aus einem Flaschenhals. Mehr bekümmerte mich jedoch das ferne Hundegebell. Einige Vermieter lachten, Papier wurde zerrissen, jemand trug eine Wanne auf dem Kopf vorüber, aus der eine trübe, zähe, teigähnliche Masse auf den Boden schwappte.
„Die Dielen im Wohnzimmer“, insistierte ich, die Arme schwenkend wie ein Fluglotse, „waren im Fensterbereich schon beim Einzug abgewetzt und verkratzt. Der Boden müsste an dieser Stelle bloß abgeschliffen werden.“ Jemand rammte mir etwas in den Rücken. Ich drehte mich um, wollte den Rüpel zur Rede stellen, wurde aber zugleich von vielen Händen gepackt und zu Boden gezogen. Das Gesicht auf den Dielen, roch ich feuchtes, vermodertes Holz.
„Meine Herren“, schrie ich, „das ist doch keine Art!“ Ein Fuß setzte sich mir ins Genick, übte gleichmäßig anwachsenden Druck aus. Meine Schneidezähne gruben sich in butterweiche Bodendielen. Wirbel knackten, als ich mich dem Druck widersetzte. Schließlich gelang es mir, den Kopf in eine halbwegs erträgliche Lage zu bringen. Den Geräuschen nach zu schließen, traf gerade ein weiterer Schwung Vermieter ein. Lackierte Schuhe, Hosenbeine mit Bügelfalte, mehr sah ich nicht. Und als die Schuhe von allen Seiten immer näher auf mich zurückten, begriff ich, wie ich enden würde: auf dem verrotteten Boden eines mir gänzlich unbekannten Raums meiner verwüsteten Wohnung, zertrampelt von meinen eigenen Vermietern.
FÜR EIN LESEBUCH DER OBERSTUFE
In ihrem angeborenen Bedürfnis, sich nützlich zu machen, stößt man bisweilen auf die alten Götter. Einmal sah ich Prometheus, der auf dem Bahnsteig der Untergrundbahn für Ordnung sorgte. Etwas größer als ein Normalsterblicher ermahnte er Jugendliche, keine Zigarettenkippen auf die Gleise zu werfen, oder warnte eine Gruppe Rucksackreisender, sich nicht zu nahe an die Bahnsteigkante zu stellen. Hatte er das getan, drückte er sich mit katzenhaft gewölbtem Rücken an die gekachelte Wand, mit der er sogleich zu verschmelzen schien, als wäre die helfende Tätigkeit weit unter seiner Würde und schlimmer, als in Ketten am kaukasischen Fels auf die Wiederkehr des Adlers zu warten.
Dies oder Ähnliches erzählte ich gerade, wie ich mit leichtem Erstaunen feststellte, der jungen Frau, die sich an meinen Tisch gesetzt hatte, da alle übrigen Plätze in dem Café belegt waren. Draußen regnete es in Strömen.
„In Paris“, hörte ich mich weitersprechen, „flüchtete ich einmal vor einem Wolkenbruch unter die Markise eines Cafés und wie ich da zusammen mit anderen Passanten stand und in den Regen starrte, kam auf einmal ein Kellner mit einem Tablett aus dem Inneren des Cafés und servierte uns Gläser gekühlten Eiswassers.“
„Das war bestimmt einer der neuen Götter“, warf die junge Frau lächelnd ein.
„Oh, nein!“, sagte ich und berührte mit unendlicher Wehmut ihren bloßen Unterarm. „Dies war nur ein Kellner, der es gut mit uns meinte.“
Sie wollte etwas entgegnen, unterließ es aber, als sie sah, dass ich mit den Tränen kämpfte. Wir starrten beide aus dem Fenster in den Regen, der seit Tagen fiel, ein kühler Regen, als wäre es schon Herbst. Über uns drehten sich die Ventilatoren.
Unter den Gästen machte sich erst Unruhe breit, als ich aufstand und betont langsamen Schrittes das Café verließ. Und noch in der Drehtür wusste ich, dass mein größter Fehler der war, sie nicht gefragt zu haben, weshalb sie keine Angst vor mir hatte, oder sich, sofern sie Angst hatte, diese nicht anmerken ließ wie ein Kind, das sich mit einem Stöckchen einem schlafenden Hund nähert.
ALS WER WIR ERWACHEN
Es ist jedes Mal ungewiss, als wer wir erwachen. Erwacht Mama als Mama, Papa als Papa und Pauli als Pauli? Oder erwacht Mama als Papa oder Pauli? Oder ist der erwachte Papa in Wahrheit Mama oder Pauli? Und wer ist Pauli beim Erwachen, wenn er nicht er selbst ist? Gerne erwacht Pauli als Mama und lässt sich, wenn Papa und Pauli aus dem Haus sind, ein Schaumbad ein. Manchmal jedoch ist es auf Papas Arbeit auch spannend, vor allem, wenn etwas schiefgeht und alle ausgeschimpft werden müssen. Doch am liebsten erwacht Pauli als Pauli, obwohl er dann zur Schule muss und nie sicher sein kann, ob derjenige, der am Vortag als Pauli erwacht ist, die Hausaufgaben gemacht hat. Seltsam ist es, wenn zwei der drei als Mama und Papa erwachen, bevor Pauli zur Welt kam. Einer von beiden geht dann stets ins Kinderzimmer, um Pauli zu wecken, doch dort steht nur Mamas Hometrainer. Ist Pauli als einer der beiden erwacht, ist ihm die ganze Sache immer ein wenig unangenehm. An solchen Tagen meldet man sich als Papa am besten krank und bleibt bei Mama. Vielleicht lässt man sich gemeinsam ein Schaumbad ein und tut danach etwas, was es Monate später notwendig macht, den Hometrainer in den Keller zu verbannen. Einige Mal wurde Pauli als Mama wach und spürte in sich einen Pauli, der Papa war und sich hin und her warf. „Was hast du?“, fragte Papa, der Mama war. – „Nichts“, sagte Mama, die Pauli war, „das Kind strampelt wie verrückt.“ – „Du nennst es immer das Kind“, beschwerte sich Papa, „das ist doch unser kleiner Pauli!“ Dann füllte er den Flachmann und ging zur Arbeit. Eine Sache gibt es jedoch, die schlimmer als alles ist, nämlich, wenn einer der drei als Pauli erwacht und Mama und Papa sind schon lange tot und derjenige, der heute Pauli ist, schleppt sich ans Fenster und wartet auf den Kleinbus vom Fahrbaren Mittagstisch. Freitags gibt es Fisch, an den anderen Tagen bloß die übliche lauwarme Schonkost. Also ist es ein wenig Glück im Unglück, wenn man als alter Pauli an einem Freitag erwacht und das Essen rechtzeitig kommt, bevor man stirbt.
ANDERE HÄFEN
Im Hafen zu liegen und auf Ladung zu warten, die sich aufgrund von unverständlichen und schikanösen Zollbestimmungen kaum fünfzig Meter entfernt in einer mit Backsteinen ausgemauerten Grube unter Zeltplane türmte, war nichts Neues für uns. Unangenehm war jedoch die Witterung. Alle paar Stunden schickte ich die Mannschaft mit Hacken hinaus aufs Eis, um zu verhindern, dass das Schiff festfror, und wenn sie rotgesichtig ihre tauben Hände am Ofen der Kombüse wärmten, verfluchten sie mich und ihr Los, aber sie hatten, wie sie wahrscheinlich ahnten, keine andere Wahl.
Ich saß fast die ganze Zeit, in mehrere Mäntel und Decken gehüllt, in der Koje und fühlte mich wie ein auf den Rücken gefallener Taschenkrebs, was kein unvertrautes, wohl aber bei dieser Kälte ein schwer zu ertragendes Gefühl war. Bisweilen sah ich meine Eltern, die tadelnd in der Kajüte erschienen, um sie mit staksenden, vogelähnlichen Schritten zu durchmessen. Und einmal erschien ein alter Herr, in dem ich den Vater einer Frau vermutete, die ich vor Jahren verlassen hatte. Er stützte sich mit beiden Händen auf den Knauf seines Stockes und sah mich mehr neugierig als mitleidig an.
„Nun wartest du wieder“, sagte er, indem er seine Unterlippe wie ein Kind benagte, das erwartet, für das, was es sagt, getadelt zu werden.
„Sie werden die Fracht bald freigeben“, sagte ich.
„Es steht schlimm um dich, wenn du schon mit“, er gluckste, „Phantomen redest.“
Ich zuckte die Achseln und wiederholte, da ich dem Vorwurf nichts entgegenzusetzen wusste: „Sie werden die Fracht bald freigeben.“
Der Alte stieß mit dem Stock zornig auf die Planken und rief: „Niemals! Die Fracht, auf die du wartest, freizugeben, ist strengstens untersagt. Man lässt dich warten und nährt deine Hoffnung, aber selbst die Zöllnergehilfen wissen, dass dieses Schiff nie beladen werden darf. Und sie wissen das, weil kein Schiff im Hafen liegt. Deine Eltern versuchten sie vergeblich zu überzeugen, aber als sie schließlich von einem der leitenden Direktoren ans Fenster geführt wurden, mussten sogar sie zugeben, dass das Hafenbecken leer ist. Und wenn nicht einmal deine Verwandten dir helfen können, wer dann?“
Ich zog mir die Decke über den Kopf und lauschte dem dumpfen, mit einem Mal beruhigenden Geräusch der Hacken auf dem vorrückenden Eis. Was ist wichtig?, überlegte ich, bevor sich der Schlaf über mein Bewusstsein stülpte wie ein Kohleneimer. Die Fracht, die ausblieb und möglicherweise nie eintraf, war es jedenfalls nicht.
ZWEI KÄTZCHEN
Kurz bevor ich zum ersten Mal straffällig wurde, brachte mein Pflegevater zwei Kätzchen mit nach Hause. Er kam in die Küche, wo wir gerade zu Abend aßen, und stellte einen zugebundenen Leinensack auf den Tisch: Darin bewegte sich etwas Lebendiges.
„Was soll das?“, fragte meine Pflegemutter in dem Tonfall, den sie immer anschlug, wenn ihr etwas gegen den Strich ging. „Nimm das dreckige Zeug vom Tisch! Wir essen zu Abend.“
„Kätzchen“, erklärte mein Pflegevater, ohne sie anzusehen. „Ich hab’ den Jungs zwei kleine Kätzchen mitgebracht.“
„Die brauchen keine Kätzchen! Bring sie dahin, wo du sie herhast!“
Und so blieb der Sack ungeöffnet. Und so sahen wir nie die beiden kleinen Kätzchen. Wenige Minuten später kehrte mein Pflegevater zurück und hängte, ehe er sich zu uns an den Tisch setzte und sich ein Glas Wein einschenkte, den leeren Sack über die Lehne des freien Stuhls, auf dem bis vor wenigen Wochen Lina gesessen hatte. Wir aßen schweigend weiter. Mein Pflegevater hatte frische Kratzer auf beiden Handrücken. In der Nacht, als ich im Bett lag und meine Stiefbrüder schon schliefen, erfüllte mich plötzlich ein Gefühl, das ich anfangs nicht einordnen konnte. Aber kurz bevor ich einschlief, begriff ich, wie sehr es mich mit einer tiefen, düsteren Zufriedenheit erfüllte, dass die Kätzchen sich gewehrt hatten.
KÜHLES GLAS
Zu meinem Fünfzigsten erschien ein von verhaltenem Wohlwollen getragener Geburtstagsartikel in der hiesigen Lokalzeitung, etwa achtzig weitgehend kenntnisfreie Zeilen, die ein Porträtfoto verunstaltete, auf dem ich wie ein feister Hamster aussah. Am Tag danach rief sie zum ersten Mal an. Ich meldete mich, wie ich es seitdem nicht mehr tue, mit Vor- und Nachnamen, wartete eine Weile ab. Schließlich sagte eine Stimme, die ich einer jungen – und attraktiven – Frau zuordnete: „Ich wollte Ihre Stimme hören.“
Ich versuchte, die Sache von der humoristischen Seite zu nehmen, und erwiderte lachend: „Zumindest das ist Ihnen ja jetzt gelungen!“
„Was?“, fragte sie.
„Was?“, fragte ich zurück.
„Was“, sie schrie fast, „ist mir jetzt gelungen?“
Mir wurde bewusst, dass ich die Situation weder beherrschte noch durchschaute. Ich legte die Hand flach auf die Rauputztapete, dachte nach. „Nun“, begann ich großväterlich (und fühlte mich dabei wie der fette Hamster auf dem Foto in der Zeitung), „Sie sagten mir doch eben, Sie hätten meine Stimme hören wollen. Und ich … äh … wies Sie sodann lediglich darauf hin, dass Sie sie jetzt hören.“
Am anderen Ende der Leitung wurde leise geatmet. Dann nach einem Seufzer fragte die Frau mit leicht schneidendem Unterton: „Waren Sie 1994 mal mit einer Frau aus Trier befreundet? Bitte antworten Sie ehrlich!“
Ich unterbrach die Verbindung. 1994, nach einer Vernissage, war es, wie soll ich es ausdrücken, ohne den fürchterlichen Begriff „One-Night-Stand“ zu verwenden … also nach dieser Vernissage in Trier hatte ich die Nacht mit … was, fragte ich mich, wenn es sich bei der Anruferin um meine zwanzigjährige Tochter handelte, von deren Existenz ich bisher weder geahnt noch gewusst hatte?
Zwei Tage später rief sie wieder an. Und wieder eröffnete sie das Gespräch mit der Feststellung, sie habe meine Stimme hören wollen.
„Woher haben Sie diese Nummer?“, fragte ich.
„1994“, sagte sie. „Nach der Eröffnung Ihrer Ausstellung in Trier. Die Ausstellung, in der Sie zum ersten Mal Ihre Arbeiten aus Gips …“
Ich unterbrach die Verbindung, ging ins Wohnzimmer, schenkte mir einen Likör ein, dann einen weiteren und machte mich, nach einem Kontrollblick in beide Kinderzimmer, wieder an die Arbeit. Längst arbeitete ich nicht mehr mit Gips. Das war ein Irrweg! Sowieso ist alles Dreidimensionale ein Irrweg, weil kein Künstler versuchen sollte, die Natur zu übertreffen. Seit vielen Jahren zeichnete ich nur noch und auch das erschien mir inzwischen zu kompliziert. Mir schwebte eine Kunst vor, die sich in ihrer völligen Schlichtheit der Natur Untertan macht und sie so durch, nennen wir es mal, Bescheidenheit, übertrifft. Damals in Trier … ich wünschte, ich könnte alles, was damals passiert ist, ungeschehen machen!
Die folgenden Tage verliefen ohne Belästigung. Fast erleichtert fiel ich in den üblichen dumpf-betäubenden Trott zwischen Atelier und Kinderbelustigung zurück, aber am Samstagabend, als ich mich längst in Sicherheit wiegte, klingelte zu einer Unzeit das Telefon. Ich wusste sofort, dass sie es war.
„1994“, sagte sie.
„Was wollen Sie von mir?“, fragte ich und beinahe hätte ich entschuldigend hinzugefügt: „Damals in Trier war ich sehr betrunken gewesen.“
„1983“, sagte sie.
Ich ließ den Hörer sinken, merkte, dass mein Mund offen stand, hob den Hörer langsam ans Ohr. „Was meinen Sie mit 1983?“
Sie antwortete: „Eine Wohnung ohne fließendes Wasser über einer Autowerkstatt.“
Mir stockte der Atem. Das, worauf sie, und da gab es keinen Zweifel, anspielte, hatte ich nur einem einzigen Menschen erzählt und der war seit Jahren tot. Ich zog mit der Fingerkuppe die sich verzweigenden Grate des Rauputzes nach. Dann fragte ich mit einer Stimme, die seltsam hohl klang: „Wer sind Sie?“
„Schau’n Sie aus dem Esszimmerfenster!“, sagte die Frau.
Draußen, auf der anderen Straßenseite, unter einer Laterne, stand jemand. Ich setzte die Brille auf, die vor meiner Brust baumelte. Unten auf dem Bürgersteig stand eine ältere Frau. Eine Frau in meinem Alter. Sie sah zu mir hoch. Sah hoch zu einem dicken, erschrockenen Nagetier, das am erleuchteten Fenster stand. In der einen Hand hielt sie ein Mobiltelefon, in der anderen ein großes Küchenmesser. Ich vollführte eine beschwichtigende Geste. Doch schon legte die Frau die Klinge an ihre Kehle und zog sie mit einer raschen, fast triumphierenden Bewegung zur Seite. Ich hörte, wie ihr Handy aufs Pflaster schlug, dann unterbrach ich die Verbindung, als ob das zu diesem Zeitpunkt noch Sinn gehabt hätte. Mit einer Behutsamkeit, als würde ich ein Ei in kochendes Wasser senken, legte ich den Hörer hinter mir auf die Anrichte, nahm die Brille ab und presste die Stirn an das Glas der Fensterscheibe.
Oft vergisst man, wie angenehm kühl Glas sein kann.
DAS MUSEUM ZU KNOSSOS
Er hatte die Geschichte nie niedergeschrieben. Oh, wie gut hätte sie in den Band Der Garten der Pfade, die sich verzweigen gepasst! Diese Geschichte nicht niederzuschreiben, war für ihn, wie eine Wanderung zu einem reizvollen Ort so lange aufzuschieben, bis man auf einmal feststellen muss, dass es diesen Ort seit Ewigkeiten nicht mehr gibt. Trotzdem kam es ihm vor, als hätte er die Geschichte irgendwann einmal geschrieben, in einem Traum, einem anderen Leben, als ein anderer, der doch er selbst war. Motivisch hätte sie sich nahtlos und nicht ohne Eleganz zwischen Die Lotterie in Babylon (nichts als Zufall gestaltet unser Dasein) und Die Bibliothek von Babel (die Welt ist eine Bibliothek) eingefügt. Es ist hier leider nicht der Ort, über die Gründe zu spekulieren, weshalb er nie Das Museum zu Knossos schrieb, einen im sachlichen Ton gehaltenen Bericht über jenes riesige Museum, von dem schon der Bildhauer Apollodoros in einem Fragment berichtet. Das Museum, erfährt man dort, „stellte Verschiedenes mit dem Anspruch der Vollständigkeit aus“. Offenbar kennzeichneten Tontäfelchen die Exponate. Eines Tages jedoch beschloss ein Fürst oder eine Gruppe von Fürsten, die erklärenden Tontäfelchen zu entfernen, damit „das Staunen ohne Grenzen“ sei. Von nun an war für die Besucher nicht mehr ersichtlich, wie die Künstler hießen, die für die Ausstellungsstücke verantwortlich zeichneten. Und auch das, was die Kunstwerke darstellten, befand sich von nun an im Bereich der Mutmaßung. Dennoch erfreute sich das Museum eines großen Zustroms von Besuchern, die zum Teil von weither angereist kamen. So erwähnt Apollodoros beispielsweise einen König mit Haut wie Lavagestein oder einen Krieger mit einem Bart, der „als lodernde Flamme“ vom Kinn auf den Brustpanzer hing, „ohne das Metall zu schmelzen“. Wie es zu der zweiten großen Veränderung des Museums kam, ist hingegen ungewiss. Jedenfalls tauchten plötzlich zahlreiche neue Ausstellungsstücke auf, über die niemand zu sagen vermochte, ob sie der Fürst oder ein geheimes Konsortium angekauft oder ob sie einige der Wärter absichtlich oder unabsichtlich platziert hatten. Der Gang durch das Museum war, so Apollodoros, „wie vor der Sphinx zu stehen und sie reden zu hören“, womit er bildhaft ausdrückt, dass es für den Besucher nicht mehr klar begreiflich war, ob er überhaupt ein Exponat bewunderte, wenn er staunend vor etwas innehielt. Des ungeachtet erfreute sich das Museum zu Knossos auch weiterhin größter Beliebtheit. Wir wissen von Aristoteles, dass er sich erst nach einer Reise nach Kreta reif dazu fühlte, seine Gedanken vor Publikum zu äußern. Doch die Geschichte ist hiermit noch nicht zu Ende. Ob die Wärter mit ihren Familien in die Räume des Museums einzogen und dort offene Feuer entfachten, um die sie allabendlich saßen und sangen, ist ungewiss. Ungewiss ist auch, ob das Konsortium eines Tages tatsächlich beschloss, die Mauern einzureißen. Vermutlich war es eher so, wie es bei Raimundus Lullus heißt: Die Mauern des Museums stürzten ein, die Räume wurden endlos. Was war die Folge? Der Besucher des Museums konnte seitdem nie sicher sein, ob er sich noch im Museum befand und, weitaus bedeutender, ob das, vor dem er andächtig staunend verharrte, ein Exponat war oder „etwas anderes“ (Robert Louis Stevenson). Und Reiche vergingen, Paläste wurden zu Trümmern, zu Staub, den der Wind davontrieb, dann vergessen, aber das Museum blieb bestehen. Dachte er als alter Mann an die nie aufgeschriebene Geschichte, sah er stets den letzten Satz, sah ihn so deutlich vor Augen, als hätte er ihn seiner Sekretärin diktiert: An jenem Abend im Jahr 1939 stieg ich aus der Straßenbahn, flanierte in der Müßigkeit des Ortsfremden durch die Stadt und blieb sinnend vor etwas stehen, von dem ich nicht wusste, ob es ein Mülleimer oder eine Zierurne oder etwas anderes war.
MAGST DU MICH?
Die Wahl zum Präsidenten der Insel veränderte meinen Tagesablauf in einigen wenigen, entscheidenden Punkten. Kostümierte Lakaien weckten mich um 6.30 Uhr, wuschen mich mit in warme Kokosmilch getauchten Schwämmen, applaudierten bei der Verrichtung des Morgenstuhls (6.45 Uhr), parfümierten mich, kleideten mich an und reichten mir um 6.49 Uhr die Maske, hinter der ich mich ab 7.15 Uhr allmählich wohlzufühlen begann. Nach einem kleinen Frühstück am Schreibtisch brachte man mich in der Sänfte zum Richtplatz. Richten bis 10.30 Uhr. Kopulation. Regierungsgeschäfte am Schreibtisch. Reichhaltiges Mittagessen mit anschließendem Stuhlgang um 12.15. Danach lange Gespräche mit der Maske bis zum Sonnenuntergang.
„Bist du glücklich?“
„Ja“, sagte ich.
„Magst du mich?“, fragte die Maske.
„Natürlich“, sagte ich – aber was hätte ich denn anderes sagen sollen? Ich war doch Präsident der Insel! Abends trennten sich gegen 21.45 im Sommer und 22.45 Uhr im Winter unsere Wege. Ich las die Klassiker oder dilettierte in allegorischer Dichtung, und die Maske begann ihren Streifzug durch die übel beleumundeten Viertel der Hauptstadt, um in Kontakt zu meinen Untertanen zu bleiben.
Um Punkt 24 Uhr ging ich zu Bett.
DAS AUGE DER SPHINX
„Was sind wir?“, fragte er mit diesem überlegenen Lächeln, das seine Reden begleitete, sobald er sicher war, nicht mehr verstanden zu werden. Nichtsdestotrotz sahen wir ihn erwartungsvoll an, hörten wir ihn doch nach wie vor gerne sprechen und schätzten ihn für all das, was er glaubte, nicht zu sein – und dennoch für uns war. „Was sind wir denn anderes“, fuhr er lächelnd fort, „anderes“, wiederholte er, „als eine Sammlung von Eindrücken, ein Album voller Collagen, die man staunend betrachtet: Das weiche Polster, auf dem ich sitze. Das Abteil, aus dessen geöffnetem Fenster ich hinausschaue. Die Dackel auf dem Bahnsteig – oder sind das da draußen Ratten? Der Mann mit dem Bowler und dem Vogelgesicht. Die Silhouette des Mont-Saint-Michel am Horizont. Die bloßen Beine der Schlafenden, unter deren zu kurzen Rock man, wie ihr sicher selbst schon bemerkt habt, sehen kann. Meine Schuhe auf dem schraffierten Boden.“ – Wir warteten geduldig, dass er weitersprach, doch anstatt die Lektion fortzuführen, hob er die rechte Hand und spreizte die Finger. Dann ballte er die Hand zeitlupenlangsam zur Faust und schüttelte sie, als wollte er ein gefangenes Insekt benommen und fluchtunfähig machen. Erst dann entließ er uns mit einem Kopfnicken. Es war, wussten wir, höchste Zeit, ins Bett zu gehen und darauf zu warten, dass der Schlaf Seite um Seite des Albums umblätterte, dessen Bilder so stark mit Bedeutung aufgeladen waren, dass jedes Blatt aus sich selbst heraus zu leuchten schien.
DIE ERSTE GESCHICHTE
Am zweiten Tag auf dem Dach stießen wir auf einen anderen Trupp, eine Gruppe zerlumpter Frauen und Kinder, die im Schatten eines Schornsteins lagerte. Als sich Johann, der damals unser bester Späher und Fährtenleser war, den Lagernden näherte, hoben sie die Hände, als wollten sie einen bösen Zauber abwehren. Hinter mir drängten sich die Kinder zusammen wie aus dem Nest gefallene Vögel.
„Johann!“, rief ich. „Frag sie, wie lange sie schon unterwegs sind!“
„Sie reden nicht mit mir“, rief Johann über die Schulter. Er hatte uns den Rücken zugekehrt, die Fremden sahen ihn ausdruckslos an und streckten ihm die Handflächen entgegen. Nach einer Weile spuckte Johann zur Seite aus und kehrte zu uns zurück.
„Die Kinder sind müde“, klagte die Frau mit dem Kropf, die sich uns am späten Vormittag angeschlossen hatte.
„Gehen wir weiter!“, sagte ich, hob die Standarte und hörte, wie der Trupp sich hinter mir murrend in Bewegung setzte.
In den folgenden Tagen begegneten wir niemandem mehr auf unserem Marsch über die Dachschrägen und Betonflächen. Manchmal stießen unsere Vogeljäger auf die Reste von Lagerfeuern. Einmal fanden wir einen ausgeweideten Leichnam, der sich allerdings in einem so fortgeschrittenen Zustand der Verwesung befand, dass man nicht sagen konnte, ob die Verstümmelungen das Werk anderer Wanderer oder das der allgegenwärtigen Raben waren. Einige in unserem Trupp hatten bereits damals, was mich mit Sorge erfüllte, begonnen, die Raben um Hilfe zu bitten und ihnen, wenn sie glaubten, ich sähe es nicht, kleinere Opfergaben darzubringen. Als wir dem Trupp mit den zerlumpten Gestalten ein zweites und möglicherweise letztes Mal begegneten, hatten die Kinder, die uns begleiteten, ihrerseits Kinder bekommen. Johanns Ältester, der nach dessen Absturz das Amt des Spähers und Fährtenlesers innehatte, näherte sich den Gestalten, die im Sonnenlicht über das Ziegeldach verteilt lagen wie vom Himmel gefallene Seesterne, und streckte ihnen dabei abwehrend oder vielmehr beschwörend die Handflächen entgegen, wie es ihn die Raben gelehrt hatten.
IM KELLER DES UHRMACHERS
Es war einmal ein kleines Märchen, das lebte mit seinen Eltern in einem prächtigen Haus in der Hauptstadt des Reiches. Wie bei allen jungen Märchen war seine Handlung verworren: Es handelte, so viel war gewiss, von einer schönen Prinzessin, die sich in zahlreichen Prüfungen bewähren muss, um als Belohnung einen tapferen Prinzen zum Gemahl nehmen zu dürfen. Allerdings war die Art der einzelnen Prüfungen unklar (das Märchen war ja noch sehr klein) und der tapfere Prinz war nicht einmal aufgetreten. Aber die Zeit, wussten die Eltern des Märchens, würde alles zum Guten wenden, denn so war das immer schon gewesen. Das Haus, in dem das kleine Märchen lebte, hatte keine Fenster (so wohnen Märchen am liebsten, weil sie so ganz bei sich sind), doch aus einem Grund, den keiner kannte oder kennen wollte, gab es gleichwohl ein Zimmer mit einem Fenster zur Straße. Natürlich war die Tür dieses Zimmers stets verschlossen. Der Vater des Märchens, ein sehr strenges Märchen mit religiöser Moral, und seine Mutter, ein eher weitschweifiges Märchen voller unlogischer Wendungen und alberner Rätsel, liebten ihr Kind so sehr, dass sie ihm verboten hatten, den Raum mit dem Fenster zu betreten. Aber eines Tages, als die Eltern Mittagsschlaf hielten, nahm das kleine Märchen den Schlüssel vom Haken, schlich sich hinauf, öffnete die Tür und sah aus dem Fenster. Draußen kämpften zwei Bettelknaben um eine Rübe. Erst schubsten sie sich, dann schlug der eine den anderen nieder, entwand ihm die Rübe und schritt triumphierend von dannen, wobei er mit Genuss das Diebesgut verzehrte. Am nächsten Tag schlich sich das Märchen erneut hinauf, um aus dem Fenster zu schauen: Draußen fuhr gerade ein Karren vorbei, auf dem mehrere in Lumpen gekleidete Gestalten lagen. Sie schliefen nicht, begriff das Märchen plötzlich, sondern sie waren tot und der Schinder brachte sie zum Anger. „Was ist denn mit unserer Kleinen los?“, fragten sich die Eltern beim Tee. „Sie wirkt noch verworrener als sonst.“ Und Tag für Tag schlich sich das kleine Märchen von nun an zum Fenster und allmählich begann es sich zu verändern. Erst wuchs der schönen Prinzessin eine lange Nase, dann wurde sie dick und unförmig und schließlich war sie so hässlich, dass keiner sie mehr heiraten wollte. Nur ein entfernter Verwandter machte ihr noch den Hof, denn er war habgierig und wollte die Mitgift. Nach vielen weiteren Besuchen in dem verbotenen Raum mit dem Fenster zur Straße wurde die Prinzessin jähzornig und trat nach dem greisen Freier, der vor ihr kniete, und hatte nur Augen für den bösen Zauberer, der mit listigem Frettchenblick hinter dem Thron des Vaters hervorspähte. Und Tag für Tag schaute das kleine Märchen aus dem Fenster und schließlich wurde die Prinzessin sehr krank und lief lauthals Lieder singend, deren Texte allen Angst machten, durch das baufällige Schloss, in dem allerorten der Schimmel wucherte. Den Eltern blieb die Veränderung nicht unverborgen. „Was ist denn mit unserer Kleinen los?“, fragten sie sich beim Tee. „Findest du nicht auch, dass sie immer weniger wie ein echtes Märchen aussieht?“ Doch als die Eltern das kleine Märchen zur Rede stellen wollten, floh es mit dem Schlüssel die Treppe hinauf und sprang, als man an die Tür des verbotenen Raums klopfte, mit einem Satz hinunter auf die Straße, um nicht ausgeschimpft zu werden. Beim Sprung brach es sich beide Beine. Zum Glück kam ein betrunkener Uhrmacher vorbei, nahm es mit zu sich nach Hause, schiente notdürftig die Schenkel und kettete es im Keller an. Hier musste es Tag und Nacht schwerste Arbeiten verrichten: Kartoffeln schälen, Kessel polieren und noch vieles andere, worüber ich hier nicht sprechen möchte. Längst hatte das kleine Märchen keine erkennbare Handlung mehr. Eine fette, böse Frau (wohl die ehemalige schöne Prinzessin) prügelt sich mit einem fetten, bösen Mann (wohl der ehemalige tapfere Prinz) um eine gestohlene Rübe, ein dunkler Zauberer reitet auf seinem Mantel durch die kochende Zeit, ein Schloss oder eine Scheune stürzt ein, Blut strömt statt Wasser in den Flüssen des Reiches – und Kartoffeln wurden geschält und Kessel wurden poliert und noch vieles andere wurde getan, worüber ich hier nicht sprechen möchte. Fast jeden zweiten Abend war der Uhrmacher so betrunken, dass er zügellos auf das Märchen einprügelte und es wegen seiner schief und krumm zusammengewachsenen Beine verhöhnte, auf denen es sich kaum zum Wassereimer schleppen konnte. Und so vergingen die Jahre. Längst hatten die Eltern das Märchen vergessen – und noch schlimmer: Keiner wusste, dass es angekettet im Keller des Uhrmachers sein kärgliches Dasein fristete. Und weitere Jahre vergingen. Als der Uhrmacher sich endlich totgesoffen hatte, blieb das Märchen weiterhin angekettet im Keller und wurde von Tag zu Tag dünner und dünner. „Wäre ich doch bloß nicht aus dem Fenster gesprungen“, sagte es mit schwacher Stimme und rang die Hände, „dann wäre ich heute ein schönes Märchen und man würde mich erzählen, aber nun kennt mich keiner und es ist mein Schicksal, hier in diesem Kellerloch elendigst zu verhungern und zu verdursten. Ach, hätte ich doch nie aus dem Fenster geschaut!“ Kaum hatte es das gesagt, kam der Tod und breitete mit einem Lächeln seinen Mantel aus. Und so starb das Märchen. Aber hätte es jemand gelesen oder erzählt bekommen, es wäre ohnehin nicht mehr verstanden worden.
VOM FAGARÖM
Zu einem Zeitpunkt meines Lebens, als ich die Vergeblichkeit allen Strebens erkannt zu haben glaubte und mir redliche Mühe gab, mich mit diesem Gedanken anzufreunden, wodurch, ich verhehle es nicht, eine durchaus wohltuende Ruhe über mich kam, widerfuhr mir etwas, das, obwohl es die Vergeblichkeit, ja Nutzlosigkeit allen Strebens mehr als nur bestätigte, widerfuhr mir also etwas, das mich, meine Nachbarn und einige entfernte Bekannte, mit denen ich damals unregelmäßig zu korrespondieren pflegte, bis heute in eine dem Irrsinn nahe aufgepeitschte Unruhe stürzte. Dass die Wahrnehmung der Dinge durch unsere Sinne rein gar nichts mit den Dingen selbst zu tun hat, wie sie wirklich sind, ist eine Binsenweisheit, doch vergisst sie ein jeder allzu gerne, um ein betuliches, fast vergnügtes Leben in einer Dingwelt zu führen, die dadurch in eine Asservatenkammer verwandelt wird, inmitten der wir stehen und mal diesen, mal jenen Gegenstand aus den Regalen nehmen, um ihn prüfend zu begutachten. Das wusste ich und hatte mich, wie gesagt, damit (wie auch mit manchem anderen, über das zu sprechen hier nicht der rechte Ort ist) abgefunden, doch da stieß ich an einem sonnigen Märztag auf das Fagaröm und von nun an gab es einen Punkt in der Welt, der fest war, ein Ding, von dem ich guten Gewissens sagen konnte: Dieses Ding ist wirklich so, wie ich es mit meinen Sinnen wahrnehme. So und nicht anders! Ein Nebel, der entfernt einem vor vielen Jahren verstorbenen Studienfreund glich, offenbarte mir besagtes Objekt, zeigte es mir jedoch nur kurz und verschwand damit, nicht ohne einen erdigen Geruch nach Roter Bete im Hörsaal zurückzulassen, wo ich gerade über Raumzeit oder, ich bin mir nicht sicher, Zeitraum las. Im Grunde genommen verabscheue ich Banalitäten, und diese hastig hingeworfene Notiz vor meiner Abreise ähnelt verdächtig den Banalitäten, die ich normalerweise verabscheue, und wahrscheinlich hat sich, es ist eine gottverdammte, grässliche, ohne Rezept heillos zusammengerührte Scheiße dieses Leben, hat sich, verfluchte Kacke, hat sich also in meinem verfickten Leben niemals etwas geändert, nichts ändert sich jemals, auch wenn mir dieser, wie mir nun auffällt, grenzenlos blöde aussehende Gegenstand mitten in einer mitreißenden Vorlesung von einem meiner dümmsten und zudem seit Jahren mausetoten Studienkollegen dergestalt präsentiert wurde, als sollte ich vor diesem idiotischen Götzen aus einem Material, das nicht einmal irdisch war, jubilierend auf die Knie fallen. Ich breche nun wohl besser ab und gebe, um mich nicht gänzlich hirnverbrannt zu fühlen, an dieser Stelle ein Gespräch wieder, das ich vor kurzem mit dem Dekan führte, als wir uns in seinem Büro den einen oder anderen Cognac zu Gemüte führten.
„Nichtstun“, sagte er, „ist die schlimmste Form der Rache.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte ich.
„Nichts zu tun, zeigt mehr als alle denkbaren Taten die Geringschätzung, die man für jemanden empfindet, der einen einst gequält oder erniedrigt hat.“
„Finden Sie?“
„Nichtstun sagt: Du bist es nicht wert, Opfer meiner Rache zu sein. Ich hasse und verachte dich so sehr, dass ich nichts tun werde.“
„Aber dennoch wünschen Sie, dass derjenige, an dem Sie sich rächen wollen, weiß, dass Sie sich nicht rächen, um ihn dadurch zu strafen.“
„Das ist richtig.“
„Sehen Sie den Denkfehler?“
„Wir befinden uns nicht in einem Seminar über Logik, mein Bester.“
„Da mögen Sie recht haben, aber ich finde, dass es ein gutes Gefühl ist, wenn die, an denen man sich rächen will, wissen, wer sich an ihnen rächt.“
So weit, so gut. Aber, und jetzt merkt fein auf, warum ich mich an Euch räche, wisst Ihr nicht, ahnt Ihr nicht und werdet es nie erfahren.
AUF GLÜHENDEN KOHLEN
Natürlich hatten es mir meine Eltern verboten. Natürlich machte ich es trotzdem. Jürgens Eltern hatten es ihm auch verboten, aber auch ihn scherte das nicht die Bohne: Wir waren beste Freunde, saßen in der Grundschule nebeneinander und konnten uns nichts Aufregenderes vorstellen, als die Schlangenhöhle zu erkunden. In Schwarzenacker, dem Dörfchen, wo wir beide wohnten, befand sich im Wald hinter dem Römermuseum ein verzweigtes, sich über mehrere Ebenen erstreckendes Höhlensystem – die Schlangenhöhle. Hier hatten bereits die Römer den rötlichen Buntsandstein gebrochen, dessen Staub allen Besuchern Schuhe und Kleider färbte, verräterisch färbte, denn die Zugänge waren aus Sicherheitsgründen zugemauert. Beim Spielen im Wald hatten wir jedoch ein Loch im Hang entdeckt, kaum größer als ein Dachsgang und doch ein Schlupfloch, das uns mageren Zweitklässlern Einlass in das labyrinthische System gewährte. Da gab es Tunnel, kapellenartige Räume, Teiche, da gab es Kriechgänge, in denen man sich flach auf den Bauch pressen musste, und Röhren gab es da, die noch schmaler waren und hinab in tiefere Etagen führten, wo die Luft nach faulen Eiern roch. Eines Samstags kam Jürgen, dessen Eltern sich nicht sonderlich um ihn kümmerten, nach der Schule zu mir nach Hause, aß mit uns zu Mittag und danach zog es uns nach draußen. „Hast du die Kerzen?“, fragte ich. – „Klar!“, sagte Jürgen. – „Hast du die Streichhölzer?“, fragte ich. – „Klar!“, sagte er, denn seine Mutter rauchte, und schnurstracks ging es in den Wald zum Schlupfloch. An diesem Tag waren wir mutiger als sonst und erkundeten einen Bereich der Höhle, wohin wir uns nie zuvor gewagt hatten. Hinter einem absteigenden Stollen, in dem mehrere Ballen aufgerollten Stacheldrahts lagen, führte eine enge Röhre steil in die Tiefe. Jürgen kroch voraus, ich folgte ihm, die Nase an seinen Schuhsohlen. Das Licht der Kerzen erhellte den roten Boden, die mit nassem Moos bewachsenen Wände und eine von Meißelschlägen schartige Decke, aus der Wurzelfäden hingen wie Indianerhaare. Plötzlich begann Jürgen zu keuchen. „Was’n los?“, fragte ich. – „Asthma!“, kam die gepresste Antwort. Und kurz darauf ergänzte er: „Ich steck fest!“ Sein Atem rasselte eine Weile blechern und nach einem heftigen Zucken der Füße fuhr er fort: „Ich krieg kaum Luft!“ – „Dann nimm halt dein Zeugs!“, sagte ich. – „Würd ich ja, aber das ist in meinem Ranzen.“ – „Scheißdreck!“, entfuhr es mir, denn der lag zu Hause auf meinem Bett. Rasch schmiedeten wir einen Plan: Ich musste nach Hause rennen, mit dem Inhalator zurückkommen, dann würde Jürgen sofort zwei Sprühstöße nehmen und käme danach sicherlich wieder frei. „Wenn ich wieder atmen kann, ist alles in Ordnung“, japste er. Also kroch ich rückwärts aus der Röhre, verließ die Höhle, klopfte den roten Sand von meinen Kleidern und rannte durch den Wald nach Hause. Dort angekommen, zog ich im Flur die Schuhe aus und wollte gerade in mein Zimmer schleichen, doch wir hatten Besuch. „Schau mal, wer da ist!“, sagte Vater und ich musste ins Wohnzimmer und Tante Almut und Onkel Heiner die Hand geben. Mutter stellte einen frischen Teller auf den Tisch und verkündete: „Tante Almut hat Erdbeerkuchen mitgebracht!“ Und da jeder wusste, wie sehr ich Tante Almuts Erdbeerkuchen mochte, blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu den Erwachsenen zu setzen und ein Stück Kuchen zu essen. „Bist du krank?“, fragte Tante Almut. „Normalerweise isst du doch mindestens zwei! Und wieso ohne Sahne?“ Und schon hatte ich das zweite Stück auf dem Teller, dann das dritte. „Lernst du auch fleißig?“, fragte Onkel Heiner, kaum dass ich das dritte Stück Erdbeerkuchen aufgegessen hatte, und fing damit an, mich über die Schule auszuhorchen. Ob das Fräulein streng sei. Ob es nette Mädchen in meiner Klasse gebe. Wie viel denn sieben mal neun machten und, er lachte verschwörerisch, ob ein Kamel ein oder zwei Höcker habe. Auf einmal stand Vater, der kurz den Raum verlassen hatte, in der Wohnzimmertür und sah mich streng an. „Du warst in der Höhle!“ – „Nein“, log ich, aber da hielt er meine Schuhe hoch, die rot vom Sand waren, und brüllte: „Ins Bett! Sofort ab ins Bett! Ohne Nachtessen!“ Ich hatte nicht den Hauch einer Chance, denn rot waren die Schuhe, die er hielt, rot vom Sand der Schlangenhöhle. Also ging ich zu Bett. Erst weinte ich, dann las ich ein wenig. Irgendwann schlief ich ein. Am nächsten Tag war Sonntag und wir machten einen Ausflug in den Deutsch-Französischen Garten. Wir fuhren mit der Seilbahn. Wir fuhren Tretboot. Ich aß Spaghettieis und meine Eltern tranken Kaffee aus winzig kleinen Tassen. Abends schob ich Jürgens Ranzen unters Bett. Montags kam er nicht zur Schule und der Platz neben mir blieb frei. Natürlich wurden mir Fragen gestellt. An diesem Tag und an den Tagen danach, aber ich behauptete stets stur und steif, wir hätten im Wald „Cowboy und Indianer“ gespielt, Jürgen habe dann schlimme Probleme mit seinem Asthma gehabt und sei nach Hause gegangen. Einige Tage später vergrub ich seinen Ranzen an der Brombeerhecke bei den Bahngleisen. Ich war nie wieder in der Schlangenhöhle. Und heute? Heute trinke ich selbst Kaffee aus winzig kleinen Tassen, kenne keine Eisdiele, die noch Spaghettieis anbietet, und weiß mit Sicherheit nur dies: Einen besseren Erdbeerkuchen als den von Tante Almut habe ich nie wieder gegessen. Aber es war ja auch Sommer und die Erdbeeren waren frisch aus ihrem Garten.
DIE LETZTEN JAHRE
Er ist der Bruder des Küsters oder dessen Cousin – er weiß es nicht mehr genau, aber das ist auch nicht wichtig, war es vielleicht nie. Seit vielen Jahren führt er Besuchergruppen durch den Dom, führt sie die schneckenhausenge Stiege hinauf ins Dachgestühl, wo man die grauen, aus Backstein gemauerten Iglus der Gewölbe sieht, führt sie die Rampe hinab in den Keller, wo sich ein älteres Heiligtum befindet (das zu zeigen ihm untersagt ist), führt sie durch den Kreuzgang mit den verblassenden Rötelzeichnungen, die in schwungvollem, fast kühnem Strich das Leben Jesu’ illustrieren. „Hier sieht man die Anbetung der Heiligen Drei Könige“, will er gerade sagen, obwohl er weiß, wie falsch die Bezeichnung ist (denn es sind ja eigentlich die Könige, die anbeten), da erinnert er sich. „Erinnern“ ist das falsche Wort, denn es ist vielmehr, als würde ihn die Vergangenheit einhüllen, überspülen wie die anrollende Flut den steinigen Strand. Als Kind, „erinnerte“ er sich, hatte ihn sein Vater, der Restaurator war, einmal, ein einziges Mal, hinab in den Keller des Doms mitgenommen und ihm eine Luke an der Wand gezeigt, eine winzige Luke in Bodenhöhe. „Schau mal durch die Luke!“, sagte sein Vater mit einem Ernst, der den Knaben geängstigt hatte. Und dennoch klappte er den hölzernen Deckel der Luke hoch und sah aus großer Höhe, als flöge er, hinunter auf das spitze Dach des Doms. Wind blies ihm ins Haar. Vögel, deren Namen er damals noch nicht kannte, flogen kreischend vorbei, und als er den Kopf in den Keller zurückzog, wo es nach Mörtel und Mäusedreck roch, hörte er seinen Vater sagen: „Das wirst du nie begreifen.“ Die Erinnerung nahm ihm den Atem und einige Empfindliche aus der Reisegruppe tauschten Blicke, doch er hob tapfer die Antenne des Zeigestocks und sagte: „Hier sehen Sie die Anbetung der Heiligen Drei Könige …“ Von nun an verging kein Tag, an dem er nicht an die Luke dachte. Manchmal kam es ihm vor, als wäre sein ganzes Leben zum Denken an die Luke im Keller des Doms geronnen, ja als wäre sein ganzes Dasein die Luke selbst. Und so vergingen seine letzten beiden Jahre.
WIR WAREN ZUM ABENDESSEN EINGELADEN
Nichts hat einen Anfang. Nichts hat ein Ende. Und doch muss ich diese Geschichte irgendwann beginnen lassen. Vergessen Sie bitte nie, dass der Anfang willkürlich gewählt ist. Das, was in Geschichten erzählt wird – auch das ist etwas, das Sie nicht vergessen sollten! –, muss nicht wahr sein, könnte aber wahr sein oder es könnte zwar erfunden sein, aber auf eine verborgene Wahrheit hinweisen, die nicht ausgesprochen werden kann oder darf. Wir waren zum Abendessen eingeladen. Doch wir kamen zu spät und einige Gäste waren bereits ausgezogen. Eigentlich waren sie angezogen, doch uns kam es vor, als wären sie ausgezogen. Wir waren nicht zum Abendessen eingeladen. Die Tischplatte war aus flaschengrün eingefärbtem Glas und über den bloßen Beinen und Füßen der Nackten standen Schalen und Gläser mit Rotwein. Und als du die Rispe Johannisbeeren aus einer der Schalen nahmst, sah ich durch dich hindurch, sah durch dich und die flaschengrüne Tischplatte und die ganzen Gäste hindurch und sah, als blickte ich durch ein sich öffnendes Fenster, den Lkw, der sich schlaftrunken zur Seite neigte und auf die Gegenfahrbahn schlug, um Funken sprühend über den nassen Asphalt auf uns zuzurutschen. Wir waren zum Abendessen eingeladen. Ich wünschte, wir hätten abgesagt. „Wir können leider nicht kommen“, hätten wir lügen sollen. „Wir haben einen wichtigen Termin, der nicht zu verschieben ist.“ Und noch während wir das sagen, wird alles durchsichtig und flaschengrün. Manchmal wäre es schön, wenn etwas einen Anfang hätte. Wenn etwas einen Anfang hätte, das kein Ende hat. Geschichten müssen nicht wahr sein, aber manchmal sind sie es und ihr Ende ist es auch. Letztlich ist jede Geschichte, die man erzählt, dieselbe Geschichte (ein alter Mann erinnert sich, als Kind im Keller eines Doms eine Luke gesehen zu haben), die Kunst ist es jedoch, jede Geschichte anders als die vorherige aussehen zu lassen. Wir waren zum Abendessen eingeladen. Es war ein langweiliger Abend. „Da gehen wir nie mehr hin!“, sagtest du auf der Rückfahrt im Auto, die Füße auf dem Sitz, die Knie umschlungen mit deinen dünnen, bloßen, blau geäderten Armen. Es hatte zu regnen begonnen. Und hier lasse ich die Geschichte enden.
WIESO ICH ÜBERLEBTE
Am Abend vor der Schlacht saßen wir unter einem Baldachin vor dem Zelt des Generals und lauschten mehr oder weniger andächtig seinen Ausführungen. „Manchmal“, sagte er und genoss den vollen Klang seiner Stimme (er war vor dem Krieg Bühnenschauspieler gewesen), „lebt man wie ein Fahrradfahrer, der mit vor der Brust verschränkten Armen einen Hügel in eine malerische Senke hinabfährt.“ Er hob das Glas, hielt inne, dachte nach, den Blick nach innen gekehrt. „Das Wetter ist schön, der Wind, der die Haare des Radfahrers zaust, ist mild, ein Bach windet sich durch das Tal, Weiden, Ulmen, eine kleine Brücke überspannt das Flüsschen …“ Er leerte das Glas, setzte es ab, die Eiswürfel klirrten. Sofort trat aus dem Halbdunkel die Ordonanz und schenkte nach. „Aber an anderen Tagen“, fuhr der General nach einer Weile mit einem undeutbaren Lächeln fort, „lebt man wie ein ermatteter Schwimmer, den eine saugende Strömung aufs hohe Meer hinauszieht oder …“ Und hier konnte ich nicht mehr an mich halten und ergänzte in einem Anfall kühlen Übermuts: „… oder wie ein Soldat, der am Abend vor der Schlacht unter einem Baldachin vor dem Zelt des Generals sitzt und mehr oder weniger andächtig seinen Ausführungen lauscht.“
DIE DRITTE KATZE
Schon wenn du Sätze aneinanderfügst, beginnst du zu lügen. Denn es gibt keine Zusammenhänge. Letztendlich dürftest du nicht einmal Wörter benutzen. Noch nicht einmal grunzen dürftest du, um etwas auszudrücken, was in Wahrheit niemals ausdrückbar ist. Stell dir einen Spiegel vor, der nur Falsches zeigt. Und stell dir nun das Meer vor! Das Meer, das nicht denkt und wogt und die Wellen rollen an den Strand, rollen wieder und wieder heran und schleifen Steine und Muscheln glatt und sie schleifen und schleifen – und wieder siehst du Zusammenhänge, aber das sollst du doch nicht! Stell dir nun dich selbst als dich selbst vor … oder als das Ich selbst … oder als das Selbst selbst … verstehst du, was ich meine? Es ist, als würde man an einem Sonntag zur Mittagszeit durch eine Kleinstadt spazieren und überall röche es nach Braten. Oder als würde dich Vivien besuchen. Und du legst deinen Kopf an ihren Busen, im Haus deiner Eltern, und dabei weißt du genau, dass du träumst, weil du Vivien erst kennen gelernt hast, als du längst zu Hause ausgezogen warst. Aber dennoch ziehen dich Viviens Arme an ihre weiche, kalte Brust, es ist wie ein Traum, den ein Fiebernder träumt, der nie du war. Irgendwo klappert Besteck auf Porzellan, als ob das, was gegessen werden muss, schwer zu essen wäre. Was ist schwer zu essen? Zäher Braten? Glitschiges? Drei Katzen suchen dich heim. Die erste heißt „Angst“, die zweite heißt „Zweifel“, doch die dritte ist einfach bloß eine Katze. Wer kann weiterleben, wenn er weiß, dass diese dritte Katze die fürchterlichste von den dreien ist? Wer kann weitertrinken, wenn Vivien stöhnt?
RÜCKKEHR ZUR ERDE
Ein Forschungsschiff kehrt von einer Expedition zurück. Es gibt nur einen einzigen Überlebenden, den, sagen wir mal, Ersten Offizier. Er berichtet, die übrige Besatzung sei einem Außerirdischen zum Opfer gefallen, einem Gestaltwandler, den er selbst schließlich nach einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd durch alle Ebenen des Schiffs an der Hauptschleuse getötet habe. Allmählich stellt sich jedoch heraus, dass er selbst dieser Außerirdische ist, den getötet zu haben er vorgibt. Man könnte diese Geschichte anders erzählen. Der Erste Offizier wird im Kälteschlaf wahnsinnig und glaubt nun, der Gestaltwandler zu sein, den er aus der Schleuse ins All gestoßen hat. Oder er findet bei den Verhören auf der Erde heraus, dass seine Geschichte nicht stimmen kann und er nicht er selbst ist. Oder der Gestaltwandler, der als Erster Offizier zur Erde kam, erkennt, wirklich der Erste Offizier zu sein, der offenbar im Kälteschlaf wahnsinnig wurde oder noch immer im Kälteschlaf liegt und die erfolgreiche Rückkehr zur Erde lediglich vom Bordcomputer vorgegaukelt bekommt. Oder er stellt fest, dass die ganze Mannschaft zur Erde zurückgekehrt ist, wobei hierbei zu überlegen wäre, ob es sich wirklich um die Besatzung oder um eine Kohorte Gestaltwandler handelt. Eleganter wäre es, wenn der Erste Offizier bei den Verhören ahnen würde, dass etwas Grundsätzliches nicht stimmt, nie und nimmer stimmen kann. Und nach und nach ahnt auch der Leser, dass es in der Geschichte gar nicht um zukünftige Ereignisse geht, sondern um jemanden, der in einem Mietshaus wahnsinnig wird und seine Mitbewohner für die Mannschaft eines Forschungsschiffs hält, auf der ein Gestaltwandler sein Unwesen treibt, der – ja, das ist es! – möglicherweise er selbst ist. Oder – noch besser! – ein Schriftsteller, der des Geschichtenerzählens müde ist, verstrickt sich beim Schreiben heillos in den Möglichkeiten, die sich unerwartet vor ihm auftun wie Falltüren, so dass er gar keine Zeit zu begreifen hat, dass ein Gestaltwandler die Mannschaft dezimiert, den er sich ausgedacht hat.
SÜDWÄRTS
Nein, nicht schlecht geschrieben, sondern schlecht gelesen. Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Am schlimmsten ist wohl, dass wichtige Erlebnisse fahrlässig überflogen werden. Sie kennen doch sicherlich dieses blendende Gleißen, wenn umgeblättert wird, wenn zu rasch umgeblättert wird, und man kaum noch nachkommt, Sinn in den Geschehnissen zu erkennen, deren Häufung absurd wird, weil zu hastig weitergeblättert wird. Figuren tauchen so schnell auf, wie sie verschwinden, und ich lausche gerade wehmütig dem Wind in den Espen, dem Schwirren der Blätter und schon marschiere ich – die Waffe im Anschlag – durch einen Hinterhof. Die Ermittlungen machen Fortschritte, aber mir scheint, dass die Lösung des Falls erheblich näher wäre, hätte man sich die Mühe gemacht, meine Verhöre gründlicher zu lesen. Hat dieser Alte auf der Veranda nicht den entscheidenden Hinweis gegeben? „Da war dieses Mädchen“, sagte er – und verschwand im Gleißen. Ich komme erst wieder zu mir, als ich im Wagen südwärts fahre. Neben mir, sehe ich, sitzt mein Partner, er wirkt verkatert, hat einen Kranz auf dem Schoß, einen Kranz, wie man ihn auf Gräber legt. Aber denken Sie, ich könnte ihn fragen, wieso er den Kranz auf dem Schoß hat? Kaum sehe ich den Kranz, vergeht mein Partner, dessen Namen ich mir nie merken kann, mitsamt dem verdammten Kranz im Gleißen, und dabei ist der Fall denkbar unkompliziert. Eine mächtige Familie vertuscht etwas. Ich stehe unter der Dusche und kalt rinnt das Wasser über mein Gesicht. Männer treffen sich unter einer Brücke. Einer hat in einem Pappkarton etwas Unsägliches dabei. Ich spreche mit der Vernarbten. Sie raucht Kette und weiß mehr, als sie zugibt. „Wenn Sie so weitermachen“, sagt jemand, der offenbar mein Vorgesetzter ist, „dann – was ist das? Was geht hier vor?“ – „Es wird umgeblättert“, würde ich ihm gerne sagen, kann es aber nicht, denn es ist nicht vorgesehen, und wieder sitze ich mit meinem Partner auf dem Pier. Er hat Eheprobleme und redet und redet und wieder fahren wir zu einem Einsatz. Wieder Verhöre. Wieder stehe ich unter der Dusche. Wasser ist das Gegenteil von umblättern. Und wieder sitze ich an der Bar und sehe mich nach Frischfleisch um, nun ja … nun wird alles langsam, nun schläft mein Leben regelrecht ein – verstehen Sie? –, nun kommt, während ich eine weitere Kellnerin ins Motelzimmer mitnehme, Ruhe, kommt endlich die lang ersehnte Ruhe, und wir vögeln und das Gleißen bleibt aus, und ich muss weitervögeln, darf nicht aufhören, diese Frau, die ich nicht kenne und nicht kennen will, zu ficken, denn sobald ich aufhöre, füllt das Gleißen das Zimmer, dieses Gleißen, das mir für einen kurzen Moment der Offenbarung die Details zeigt, die Fliegenscheiße auf den Säbeln des Ventilators, die Brandmale auf der Überdecke, die überschminkten Mitesser auf den Nasenflügeln der Frau, den Titel des Buchs auf dem Nachttisch – und schon wird wieder umgeblättert.
IN DUNKLEN BRAUNTÖNEN
Um den Schülern die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft während der Industrialisierung zu verdeutlichen, erzähle ich gerne von den Schlafgängern, also denjenigen Menschen, die ein Bett für die Stunden mieteten, in denen der eigentliche Bettbesitzer arbeiten ging. Der eine hat Tagschicht, der andere hat Nachtschicht und das Bett ist somit immer belegt, immer warm. Gerne würde ich folgenden Film sehen. Ein Arbeiter vermietet das Bett in seiner Kammer an einen Schlafgänger. Eines Abends kommt er nach Hause und sein Bettmieter macht keine Anstalten aufzustehen. Der Arbeiter trinkt einen Krug Bier, den er sich aus der Wirtschaft mitgebracht hat, zieht den Mantel aus und kriecht zu dem anderen ins Bett. „Mach mal Platz!“, sagt er ruppig oder: „Rück mal ein Stück!“ Als er am nächsten Tag von der Arbeit kommt und erschöpft sein Bier in der dunklen Kammer trinkt, wird ihm bewusst, dass der Schlafgänger noch immer im Bett liegt. Er rutscht nicht zur Seite, als der Arbeiter zu ihm ins Bett kriecht und bewegt sich die ganze Nacht über nicht. Erst in den Morgenstunden kommt dem Arbeiter der Verdacht, dass der Schlafgänger gestorben ist. Erwähnte ich bereits, dass es Winter ist? Dass das Fenster blind von Eisblumen ist? Der Arbeiter pustet sich in die Hände, wirft den Mantel über und verlässt die Wohnung. Nun müsste erklärt werden, wieso er nichts tut, mit niemandem spricht, auch nicht mit der Zimmerwirtin, sondern sich Nacht für Nacht zu dem verwesenden Leichnam ins Bett legt. Tut er es aus Faulheit? Aus Trägheit? Weil er längst aufgegeben hat? Jedenfalls kriecht er Nacht für Nacht in ein Bett, das sich längst in einen Morast der Fäulnis verwandelt hat, in eine von Maden wimmelnde dickflüssige Soße, die auf den Boden schwappt, wenn man sich umdreht, und Fäden zieht, wenn man sie versehentlich mit der Hand oder der Wange berührt, eine puddingartige Substanz, die sich kaum mit dem Krug aus dem Bett schöpfen lässt. Der Film müsste Überlänge haben und in dunklen Brauntönen gehalten sein. Keine Musik! Und ganz wichtig: Der Hauptdarsteller sollte einem irgendwie bekannt vorkommen, ohne dass man genau sagen könnte, wo zuvor man ihn schon gesehen hat.
OCHSENGALLE
Müsste ich mit dem Schreiben Geld verdienen (was ich zum Glück nicht muss) oder hätte ich noch Spaß am Erzählen (alles ist erzählt, alles gesagt, wie Gestorbensein ist es, dieses Leben jenseits der Geschichten), würde ich einen historischen Kriminalroman schreiben, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Harz spielt. Perücken. Degen. Unterwegs zu Pferde. Es gibt noch Wölfe und Bären im Mittelgebirge. Rot, weiß, schwarzweiß, schwarz: Ein sich unbeobachtet wähnender Luchs scharrt mit der Vorderpfote erst Schnee, dann Erde über den halbverzehrten Hasen. Plötzlich hält er inne, dreht die Pinselohren in Richtung meines Verstecks hinter dem umgestürzten Baum und wittert mit halbgeöffnetem Maul. Den Helden, eine Art Geheimagent im Dienste eines mächtigen Landesfürsten, verschlägt es in den Harz. Menschen sind verschwunden. Hunderte. Und es werden von Tag zu Tag mehr. Er soll Ermittlungen in einer berühmten Bergwerksstadt durchführen, deren Namen allerdings nicht genannt wird. Ernsthaft interessieren mich hierbei zwei Details, die unbedingt untergebracht werden müssen. Erstens: Damals setzten die Bergwerksbesitzer dem Lampenöl Ochsengalle bei, damit ihnen die hungrigen Bergmänner nicht das Öl aus den Lampen soffen. Zweitens: Als Frühwarnsystem führte man unter Tage Käfige mit Kanarienvögeln mit sich, die sogenannten Harzer Roller, die bei mattem Wetter von der Stange fielen. Diesen Fachbegriff aus der Bergmannssprache würde ich leitmotivisch in den Roman einweben. Zu viel Kohlenmonoxid, zu wenig Atemluft oder giftige Gase: mattes Wetter. Ein Mädchen mit einem Holzkäfig sucht den Helden in seinem Nachtquartier auf. Vor einigen Tagen, bei einer eher lustlosen Recherche, verstörte mich die Art, wie der Gesang des Harzer Rollers beschrieben wird: Hohlrolle, Knorre, Pfeife und Hohlklingel. Mein Held jedenfalls erschrickt vor den fremdartigen Geräuschen, vor allem vor der Knorre, er zieht den Degen, doch es ist nur ein kleines, kaum fünfjähriges Mädchen, das da zu ihm in die Stube tritt. Sie trägt etwas wie eine Monstranz vor sich her, einen Holzkasten, und darin hohlrollt, knorrt, pfeift und hohlklingelt es zum Gotterbarmen! „Ihr dürft nicht hinabfahren“, sagt sie (dem Agenten fällt auf, dass ihre Haut blass wie ein Molchbauch ist). Jetzt ein Gespräch voller Missverständnisse, um Spannung zu erzeugen, dann ein lauter Knall. Laute Knalle funktionieren immer. Der Held stürzt ans Fenster, draußen richtet sich sein Kutscher auf, reibt sich den Kopf, sieht hoch zu seinem Herrn – und der Nebel der Unlust hüllt alles ein. Mögen andere diese Szene beenden. Ich will es nicht, muss es nicht. Der Kutscher ist eine derbe, liebenswürdige Figur. Ein Rückblick zeigt, wie er dem jugendlichen Helden das Reiten beibringt. Der Kutscher muss dem Leser ans Herz wachsen. Am Ende des Romans wird er sterben. So geht erzählen: Sympathien für jemanden erzeugen und ihn dann ins Gras beißen lassen. Ist das lauter? Darf man so unbarmherzig sein? Man muss es, aber ich will es nicht, diesmal nicht. Der Kutscher soll überleben, er wird auf dem Pferd seines Herrn davonreiten, denn er ist es, der uns alles erzählt, eine Geschichte, die er selbst kaum begreift und die ihm die Lust und die Kraft nimmt, weiterhin für den Fürsten oder überhaupt irgendjemanden zu arbeiten. Zu Beginn des Buchs sehen wir ihn ähnlich wie Nathaniel Bumppo mit Hector, seinem ausgestopften Hund, vor einem ärmlichen Häuschen sitzen. Ein Reisender tritt an den Gartenzaun, spricht ihn an. Das wäre in etwa die Rahmenhandlung. Der neugierige Reisende erweist sich als Agent des Landesfürsten oder eines anderen Herrschers oder des Bürgermeisters der Bergwerksstadt. Vielleicht täte ein wenig Vagheit dem Geschehen gut: Der Leser soll argwöhnen, dass die Fragen des Reisenden eine Spur zu genau sind, um kein Ziel zu verfolgen. Doch dazu mehr im Epilog des Romans. Der Held, den ich der Einfachheit halber (oder weil es Bezüge eröffnet) Andreasberg nennen würde, verbleibt, nachdem das Mädchen, das keine Schuhe trug, gegangen ist, nachdenklich im Zimmer der Herberge: Kniehose, ärmellose Weste, spitzenverziertes Hemd, der Justaucorps liegt auf dem Bett, darauf der Dreispitz. Andreasberg? Nein, er ist ein Adeliger. Das macht seine Position bei den Ermittlungen in der Stadt brisanter. Von Andreasberg spricht in den nächsten Tagen mit dem Grafen, der das Bergwerk besitzt, und wenig später, obwohl dieser es ihm strengstens untersagt hat, mit den Bergmännern selbst und deren Gattinnen, leise redenden, früh gealterten Frauen, die Kanarienvögel züchten. „Einmal kamen wir auf eine Lichtung und stießen auf zwei Kinder, die etwas brieten, was menschlich war.“ Nicht nur die Pest im 14. Jahrhundert, sondern auch der Dreißigjährige Krieg hat den Harz fast völlig entvölkert. Der Roman spielt in einer Region, die sich immer wieder mühsam aus dem Elend erheben musste. Es gilt, das abgedroschene Bild des Phönix, der aus der Asche steigt, zu vermeiden. Womöglich könnte der Held eine Predigt in der Dorfkirche hören, in der dieses Bild als Allegorie der Auferstehung dezent verwendet wird. „Es gibt Dinge“, sagt der Pfarrer und reibt sich mit den Fäusten die obszön glänzende Stirn, „die man nie hinterfragen sollte.“ Mein Held stellt den Fuß auf eine Kirchenbank und höhnt: „Ei, wovon reden Sie, Euer Ehren? Etwa von Hohlrolle, Knorre, Pfeife und Hohlklingel?“ Humor muss sein, darf sein, vor allem, wenn man auf dreihundert Seiten hinsteuert. „Keineswegs“, schnaubt (grunzt, ächzt – Romanreden halt) der Pfarrer. „Sodom und Gomorrha sind nicht unter Feuer und Schwefel begraben, sondern …“ Jetzt darf er nicht weitersprechen, weil sonst zu viel verraten würde. Ich kann ihn schlecht tot umfallen lassen, und störte ihn ein Gemeindemitglied in einer wichtigen Angelegenheit, wäre das unglaubwürdig (ich habe Coleridge den Typen aus Porlock nie abgenommen), also sollte es am besten knallen. Das funktioniert immer. Es knallte so laut, als ob der Himmel einstürzte, und von Andreasberg umfasste instinktiv den Griff des Degens, doch es war bloß, bloß – Nebel. Die Kleider aller Romanfiguren sind einheitlich zimtrot, zimtbraun, orangegelb oder in diesen Farben gescheckt und getigert. Eben wie das Gefieder dieser Kanarienvögel mit dem blöden Namen, bei dem man immer an Käse denkt. Daher muss ich höllisch aufpassen, wie und wann ich den echten Namen der Vögel fallen lasse, ohne mich dem Gelächter der Nichtwissenden preiszugeben, was immer die größte Gefahr dessen ist, der ernsthaft etwas erzählen will. Am besten unterschlage ich den Namen der Vögel. Es wird nur über Kanarienvögel geredet. „Und Ihr nehmt sie in die Stollen mit?“, fragt von Andreasberg. – „Ja“, sagt Joseph (besseren Namen ausdenken), „wenn sie von der Stange fallen, ist mattes Wetter.“ Und das ist natürlich der Romantitel: Mattes Wetter. Den Untertitel Wenn die Vögel von der Stange fallen verkneife ich mir lieber. Schreiben darf nie Spaß machen. Macht es Spaß, dann hassen sie dich und fallen mit Schuhen und Strümpfen über dich her, wie es im Saarland heißt. Es wird über Mühlsteine geredet. Wer spricht? Ein kurzatmiger Koloss mit puterrotem Gesicht: Oberbergrat Justasch. Mein Held vermag ihn nicht richtig einzuordnen, da er ihn von Aussehen und Redeweise an seinen früh verstorbenen Vater erinnert. Für die Recherchen würde ich drei bis vier Monate veranschlagen. Goethe. Heine. Mit Heimatkundlern telefonieren. Justasch hat die enervierende Eigenart, am Satzende die Stimme zu heben, so dass seine Sätze in die Höhe zu steigen scheinen. Unter der mit plumpen Schnitzereien verzierten Decke vermischen sie sich mit dem Qualm aus dem Ofen, aus den Pfeifen. „Hört, mein Freund! Ihr könntet zwischen gewaltige Mühlsteine geraten. Hier der Fürst. Dort der Graf. Und der Sohn des Bürgermeisters ist auch verschwunden. Hütet Euch am meisten vor dem Bürgermeister!“ Wie im Traum marschiert von Andreasberg zurück zur Herberge und vielleicht träumt er ja tatsächlich, durch eine oberharzische Bergstadt zu laufen, deren Holzhäuser auf die Hänge verteilt sind wie hingewürfelt. Die Straßen sind außergewöhnlich steil. Er gerät außer Atem, zündet sich aber dennoch eine Pfeife an. Ja, er ist Raucher, aber kein Trinker. Er schläft schlecht. Er liest die Vorsokratiker. Nur die Vorsokratiker. Zwei Tage später trifft er Glucke und Schockel, zwei Bergleute, die Ungeheuerliches zu vermelden haben. Aber Hans, der (man erinnere sich) Erzähler des Romans, ist in dieser Szene betrunken und versteht von dem Gespräch nur die Hälfte, vielleicht sogar gar nichts, es geht, so viel ist gewiss, um Ochsensgalle und ein Reich unter der Erde, das verführerischer ist als alles, was die Sonne bestrahlt. Und spätestens jetzt beginnt die Liebesgeschichte, die in einem Roman nicht fehlen darf, wenn er funktionieren soll. Wir hatten den Kampf mit einem Bären, die Flucht vor Wölfen, Spannung geben die undurchsichtigen, sich bekriegenden Interessengruppen, die unklaren Machtverhältnisse, fehlt nur noch eine junge Frau mit runden Armen, die den Helden an der Bedeutung seiner Mission zweifeln lässt. Ein Roman ist eine Kugel, in die alles hineingepackt wird, was einem wichtig scheint. Rollen muss sie, die Kugel, rollen, rollen, als ginge es eine schiefe Ebene hinab. Blond. Vorwitzig. Eine Magd. Oder besser (Konfliktpotenzial): die Tochter des Herbergswirts. Von Andreasberg sieht, wie sie sein Pferd striegelt, einen Rappen, weil ich das Wort mag, und das nasse Fell glänzt wie blaues Metall, als sie die Bürste führt, er tritt hinzu – was ist das? Er hinkt. Weshalb hinkt er? Ein Reitunfall in Kindertagen? Eine nicht verheilende Schusswunde? Ebenfalls irritiert mich, dass seine Stimme unangenehm hoch klingt. Ich werde sie für den Roman dämpfen müssen. „Lasse sie“, sagt er mit sonorer Stimme, „mein Pferd in Frieden!“ Später bereut er natürlich seine Härte und in mindestens fünf oder sechs Szenen nähern sich die beiden einander an, aber der Standesunterschied ist für ihn etwas, das seine Gefühle an die Grenze des Ertragbaren treibt. Nicht an die Grenze des Erzählbaren, denn er ist schwach oder die Liebe ist echt. „Es gäbe da einen Weg“, sagt sie, als sie noch immer keuchend neben ihm im Heu liegt, „aber dieser Weg wäre nicht hier oben!“ Oben? Die Lichtspeere, die ins Dunkel des Schobers stoßen, bringen die Haare an ihren sonnengebräunten Unterarmen zum Glänzen wie polierten Kupferdraht. „Was meinst du mit oben?“, fragt auch von Andreasberg, aber ehe sie näher ausführen kann, was sie offenbaren will, gibt es einen Knall beziehungsweise ein knallähnliches Ereignis, ausgelöst von Hans, der (ja, auch er hat seine Schwächen) hinter dem Heuballen hustet, der nun nicht länger als Versteck taugt, und sie refft die Kleider, um ihre Nacktheit zu verdecken und flieht auf Seite 150. „Verflucht noch eins!“, schreit von Andreasberg und ein rasches Umblättern versetzt ihn in die Sakristei. „Alles geschieht nach dem Verhängnis“, sagt er mit einer wegwerfenden Gebärde und der Pfarrer lacht dröhnend: „Oh, wie schön, dass es die Weisheit Heraklits ins Gebirge verschlägt!“ Mit einem Mal versteinernd, legt er von Andreasberg die Hand auf den Unterarm: „Mein Freund, ich brauche Euch nicht zu sagen, was der Weise aus Ephesos über die Menschen dachte?“ Und er zitiert aus dem Gedächtnis (wie ich es meistens tue): „Auch wenn sie etwas gehört haben, begreifen sie nichts, sind wie taub. Das Sprichwort bezeugt es ihnen; obgleich da, sind sie doch nicht da.“ Rasche Szenenwechsel und Atmosphäre täuschen über Probleme der Erzählperspektive hinweg. Schwalben fliegen wie Fledermäuse, nur nicht so zackig. Spätestens jetzt haben wir die wichtigsten Personen zusammen: den unzuverlässigen Erzähler, den Helden, den bösen Grafen, den Pfarrer, den Bürgermeister, der die Stadt wie ein absolutistischer König regiert, den Oberbergrat Justasch, den misstrauisch werdenden Wirt, den Arzt mit den langen, kalten Fingern und vor allem zahllose Bewohner der Stadt, die allesamt mehr wissen, als sie preiszugeben bereit sind. Abergläubisches Volk! Von Andreasberg kann es nicht fassen. Sie stellen, schreibt er beim schwankenden Licht der Kerze in sein Dossier, abends Speisen vor die Tür, als wollten sie mit diesen Opfern Dämonen besänftigen! Und schließlich fährt er mit seinem Kutscher zum ersten Mal in das Bergwerk ein, wo in den letzten Jahren Hunderte von Kumpeln verschwanden. Als lebten sie in einem Ammenmärchen, stellen sie Opfergaben vor die Schwelle, wie um Wichtelmänner oder Feen zu bestechen, die wahren Herren der Tiefe! Das Lampenöl ist mit Ochsengalle versetzt, die Kanarienvögel singen in den Holzkäfigen, und weit über den angeseilten Männern, dort droben im Licht, gibt es Bären und Wölfe und Luchse und Auerhähne, die trillern und wetzen (ornithologisch sollte zumindest alles seine Stimmigkeit haben). Und nun tritt der Roman seitenlang auf der Stelle. Nichts ereignet sich. Nichts wird herausgefunden. Die Liebesgeschichte geht schleppend voran, Rückblenden vertiefen das Verhältnis des Helden zu seinem Kutscher, der Pfarrer predigt und warnt und redet von Lazarus, Silber wird gefördert, Bären in den Wäldern, will ich das wirklich? Natürlich ist eine derartige Verzögerung der Handlung notwendig, aber sowas langweilt mich sehr. Ich rette mich in Ausritte, um die Farbschattierungen des Rappen im Sonnenlicht beschreiben zu können. Ich ergehe mich in unauffällig (am besten im Dialog) eingebrachten Informationen über das Bergbauwesen im Harz und bereite subtil das Finale vor: Mitte des 14. Jahrhunderts wurde der Harz fast völlig von der Pest entvölkert. Eine Seuche, vor der man sich, wie der Bürgermeister weiß, nur schützen konnte, indem man etwas tat, was noch nie zuvor ein Mensch getan hatte. So und nun nähern wir uns Seite 200. Ist man erst einmal so weit gekommen, dann ist es fast geschafft. Nun geht es abwärts, immer wieder hinein in die Stollen, wo der Druck des Gesteins in von Andreasbergs Ohren rauscht, und stetig geht es abwärts dem Romanende entgegen. Woher kommen, fragt sich von Andreasberg, die kostbaren Mineralien, die den Reichtum des Bürgermeisters und des Grafen sichern? Und weshalb hat man ausgerechnet mich auf diese Mission geschickt, obwohl der Fürst doch weiß – der Leser ahnt es längst: Als Kind wurde der Held verschüttet. In einer Höhle. Beim Spiel. Felsbrocken zertrümmerten sein Fußgelenk. Stimmen in der Schwärze. Das Gefühl, angehoben und fortgetragen zu werden. Seither: Angst im Dunkeln. Schlafprobleme. Geädertes Rot, rotweiß, weiß. Es ist Winter im Harz und es schneit unaufhörlich dicke Flocken, die einem ins Gesicht klatschen wie ein nasser Handschuh, und wieder wird in der warmen Stube ein Kleinod herumgereicht. Pyrargyrit, Dyskrasit, Pyrostilpnit, Calcit-Kristalle und noch so einiges mehr, was Wikipedia weiß. „Seht hier: Das ist ein Analcim. Wir nennen solche Kristalle“, heiseres Lachen, „Tautropfen.“ Schläge mit der Faust auf den Rücken klingen, als wäre man hohl. Eine Hülse. Eine Schote, in der das Ich verrottet. Der Freund der Magd verprügelt von Andreasberg und wird von Hans mit einem Paddel erschlagen. Nein, nur ohnmächtig ist er. Seht, er atmet noch! Ein Paddel? Nicht vielleicht eher ein Hackenstiel? Ich fühle mich so hilflos, Geliebter! Ach, wenn wir nur fortgehen könnten! Du kannst fortgehen, aber ich muss – so leid es mir tut – bleiben. Die Liebesgeschichte scheint verfahren, der Fall unlösbar, doch nun kommt das bleiche Mädchen wieder (ihr erneuter Auftritt kündigte sich an: ein geöffneter Fensterladen die Nacht zuvor, Fußspuren im vor der Tür ausgestreuten Mehl, leise huschende Bewegungen verloren sich in von Andreasbergs Träume) und streckt, symbolisch ausgedrückt, die Hand aus. Und wieder geht es unter Tage. In den Silberbergwerken gab es damals sogenannte Fahrwerke, von gigantischen Rädern betriebene Fahrstühle, welche die Bergleute in die Tiefe trugen (und hinauf), gigantische hölzerne Räder, die wirkten, als wären sie den Kerkerphantasien Piranesis entsprungen, der meine eigenen Alpträume bebildert. Von Andreasberg hinkt durch die Stollen und Kriechgänge voller lärmender Vögel (Hohlrolle, Knorre, Pfeife und Hohlklingel) und auf einmal öffnen sich vor ihm, als würde nach monatelanger Irrfahrt Land entdeckt, Hallen und Gewölbe im Stein. „Hier können wir bleiben“, sagt sie (entweder das Mädchen mit der Molchbauchhaut oder die Tochter des Herbergswirts, wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch lebt). Und er: „Wo sind wir hier?“ Und sie: „Mein Bruder wohnt hier und seine Familie. Mein Vater und meine Mutter (lange Rede, die alles erklärt: Als die Pest wütete, flüchteten viele Bergleute mit ihren Familien in die Tiefe und gründeten dort ein Reich, eine Stadt, mehr noch: eine Welt unter der Erdoberfläche) …“ Es knallt, damit die Lösung des Falls nicht zu offenkundig ist, denn das wäre zu plump und einen simplen Krimi würde ich nie schreiben wollen, und nun kommt das Finale, das eher ein visuelles ist: Von Andreasberg steht mit ausgestreckten Armen in einer Halle mit kristallbesetzten Wänden, erleuchtet von Glaskugeln voller Glühwürmchen, ein Erdreich, in dem es Häuser und Straßen gibt, und wo statt Schwalben Fledermäuse fliegen. Die Luft ist schal und riecht nach nassem Stein, doch da – und nun wird etwas Ungeheuerliches beschrieben, was uns tief hinein in Lovecraft’sche Gefilde treibt. Dennoch strebt alles auf einen guten Ausgang hin: Von Andreasberg wird den Auftrag ignorieren und mit seiner Geliebten oder dem blassen Mädchen, das er später heiraten wird, unter der Erde bleiben. „Es gibt Dinge“, sagt er, „die kehren das Unterste nach oben. Und gleichzeitig wird das Oberste nach unten gekehrt. Was ist richtig? Was ist falsch? Ich habe Bären getötet, Wölfe gejagt, und doch deucht es mir hier, wo die Vögel der Tiefe knorren und so weiter.“ Seite 300 erreicht. Und nun kommt – Sie ahnten es bereits? – kein finaler, ohrenbetäubender Knall, sondern das matte Wetter. War doch klar! War doch vorbereitet! Die Harzer Roller fallen von den Stangen, und während die erstickenden Bewohner des Erdreiches auf von Andreasberg zukriechen und so weiter und so fort. Vor allem zwei Fragen gäbe es abschließend noch zu klären, bevor ich mich an die Arbeit mache: Wie und weshalb kehrt Hans zurück, um uns das alles zu erzählen? Aber auch das bekäme ich sicherlich zufriedenstellend hin.
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