Kitabı oku: «Absolvo te!»
Clara Viebig
Absolvo te!
Roman
Saga
I
„Die Ratten, hu, die Ratten!“ schrie die schöne Frau Tiralla, als sie mit der Magd im Keller war. Sie wollten von dem eingemachten Kraut aus dem Fass in der Ecke zum Kochen heraufholen, die Magd hielt das Lämpchen, Frau Tiralla trug die irdene Schüssel. Aber nun liess sie diese mit einem gellenden Aufkreischen fallen und hob ihre Röcke so hoch, dass man ihre ganzen zierlichen Beine sah, die Füsse in den blanken Lederpantöffelchen, die buntgeringelten Strümpfe und die weissen Hosen mit der um die Kniee fallenden breiten Stickerei.
„Wo ist Ratte?!“ Die Magd lachte, dass man alle ihre breiten weissen Zähne sah. „Seh ich nicht Ratte. Hat sich nicht Ratte hier, Pani!“ Und dumm-verschmitzt blinzelte sie ihre Herrin von der Seite an. „Hat Pani wohl geträumt, is sich nichts Lebendiges in Keller, nur Pani und die Marianna. Kss, kss! Horch!“ Sie neigte für einen Augenblick lauschend den schwarzhaarigen Kopf, schüttelte ihn dann und lachte wieder. „Würden Ratten sonst trappeln — hört man nichts!“
Das Lämpchen hebend, leuchtete sie rundum. Huschende Schatten fielen auf die schwarzen, von Feuchtigkeit glitzernden Wände, zeigten die Sprünge und abgebröckelten Stellen im rohgefügten Mauerwerk und die tiefen Winkel, in denen dicke Spinnwebnester klebten. Es war der alte Keller eines alten Hauses, in dem die beiden Frauen standen, und ein ziemlich verwahrloster dazu. Er war nicht aufgeräumt. Wo das Sauerkrautfass stand, lagerten auch Torf und Kohlen, unordentlich durcheinander geworfen; zwischen den am Boden liegenden, noch vollen Weinflaschen trieben sich ebenso viele leere umher. Die Lattenregale, die einst bis zur halben Kellerhöhe an den Wänden hinauf gereicht hatten, waren zusammengebrochen zu einem Haufen faulenden Holzes; allerlei Gerümpel sielte sich zwischen den Kartoffeln, und zerbrochene Hacken, Besenstiele, Topfscherben ragten aus dem Sand hervor, in den man, um es so zu überwintern, hier und da nachlässig ein Bündel Suppengrün eingesteckt hatte. Ein fauliger Geruch erfüllte den nie gelüfteten Raum, der kein Fenster nach oben hatte, nur eine winzige, immer verschlossene Luke. Das Lämpchen brannte trübe, wie erstickt in der Moderluft; die beiden Gestalten, die derbe der Magd, die zierlichere der Herrin, waren von einem Flimmer dunstigen Nebels umzittert.
„Sind doch Ratten hier — siehst du — hörst du — hu!“ Wiederum laut aufkreischend und die funkelnden Augen in dem bleichen Gesicht weit aufreissend wie vor Entsetzen, packte Frau Tiralla den Arm ihrer Magd. „Da lief eine! Hu! Abscheuliches Tier!“ Sie schüttelte sich und sprang in die Höhe, als huschte ihr schon so ein langgeschwänztes Ungetüm unter die Röcke an ihren warmen Leib.
„Heilige Mutter!“ Die Magd, wie vom übertriebenen Entsetzen ihrer Herrin angesteckt, kreischte jetzt auch auf und liess das Lämpchen fallen, wie die andere vorher die Schüssel. Es klirrte in Scherben und erlosch; sie standen beide im Stockfinstern.
Die Herrin schrie nervös auf: „Frauenzimmer, dummes!“ und hob die Hand wie zum Schlage.
Die Magd, als sähe sie trotz der Dunkelheit die erhobene Hand, duckte sich und witschte zur Seite; bald hörte man ihr unterdrücktes Kichern in einem entfernten Winkel des Kellers. „Wenn Pani mich schlagen will — hihi — ich bleibe hier, hihi!“
„Dummheit — schlagen! Denk ich nicht daran,“ versicherte die Frau und versuchte einzulenken. „Komm nur her! Gib deine Hand!“
„O weh, Pani wird mich doch schlagen, nein, nein!“
„So gib deine Hand doch — sofort! Ich tue dir ja nichts, dummes Ding! He, Marianna, wo bist du?“
Die schöne Frau Tiralla schien jetzt von einer wirklichen Angst erfasst zu sein, von einer weit aufrichtigeren als vorhin. Ihre Stimme zitterte bang, ihre Brust hob und senkte sich rasch, sie wurde ganz kalt, und dann fühlte sie selber, wie ihr Kopf wieder brannte. Hu, war das dunkel hier — wie in der Grabesnacht! Es rieselte ihr eisig über den Rücken. Ah, war das schrecklich hier im Schwarzen, so ganz allein zu sein mit den Gedanken!
„Marianna,“ schrie sie hell auf, dass es von der Kellerwölbung widerhallte, „he, Marianna, wo bist du denn?!“
Keine Antwort.
„Marianna, ich werde dir auch meine seidene Schürze schenken, die dir so gefällt. Marianna, wo bist du nur?“
„Bin ich ja hier, bin ich ja nur zwei Schritt zur Seite getreten. Hier, Pani, hier!“ Die warme Hand der Magd umfasste die feuchtkalten, ganz geschwitzten Finger der Herrin. „Dass die Pani nicht anstosse,“ flüsterte sie geschmeidig.
So tappten sie beide Hand in Hand im Stockdunklen zur Kellertreppe.
„Gelobt sei Jesus Christus und seine Heilige Mutter Maria!“ lispelte Frau Tiralla, als sie die erste Stufe der schlüpfrigen Steintreppe unter ihren Füssen fühlte. Noch fünfzehn Stufen steil hinan, Gott sei Dank, dann war man oben! Dann hatte man wieder Licht. Und unten im Finstern blieben die finsteren Gedanken zurück! Jetzt, da sie bald oben war, fühlte sie kein Grauen mehr, kaum konnte sie sich eines Lächelns erwehren: da hatte sie aber der Marianna einmal ordentlich bange gemacht, nun glaubte die fest an Ratten. Darum wollte sie auch wegen der zerschlagenen Lampe nicht mit der Marianna zürnen. Jetzt hiess es, nur noch recht, recht viel von den Ratten reden und über sie klagen, damit bald alle sagten: ‚in Starydwór, in Anton Tirallas Haus, sind so viele Ratten, dass sie ihm über Bänke und Tische tanzen, dass sie ihm auf der Tenne den Weizen unterm Dreschflegel wegfressen, dass sie der Frau ihr schönes Kleid, das seidene, blaue, mit dem Spitzenbesatz, angefressen haben im Kleiderschrank.‘ Das würde gut sein — o ja, sehr gut!
Mit einem tiefen, erleichterten Aufseufzen presste Frau Tiralla die Hand des Mädchens: „Siehst du nun, du Ungläubige, dass da Ratten sind — oh, so viele!“
„Wenn Pani sagt: sind Ratten da, so sind Ratten da,“ sprach die Magd unterwürfig.
Frau Tiralla sah nicht das Lächeln, das dabei den breiten Mund unter dem Stumpfnäschen noch breiter zog, sah auch nicht den heimlichen, schlauen Strahl in den schmalen, tiefliegenden Augen aufblitzen.
Aha — die Magd lachte in sich hinein — hielt die Pani sie denn für so dumm?! Es sollten durchaus Ratten hier sein. Die Pani wünschte es, dass Ratten hier waren, die Pani wollte es glauben machen, dass Ratten hier waren — mochten Dümmere das glauben, sie, die Marianna Śroka, war viel zu schlau, ihr machte man nichts vor! Dabei hatte die Herrin wohl einen Grund, denn Ratten waren nicht da!
Aber der Herrin zum Munde redend und wie heimlich schaudernd, sprach sie, als sie oben ans Tageslicht traten: „Pani ist blass vor Schrecken. Psia krew, die abscheulichen Tiere! Sie werden uns noch fressen die Haare von Kopf!“
Frau Tiralla nickte. Und dann sagte sie: „Du kannst nachher zu mir in die Stube kommen, dass ich dir die Schürze gebe, die ich dir versprochen habe!“
„Und die Spitze,“ begehrte die Magd, „die Spitze, die mir die Pani neulich gezeigt hat. Ich werde sie an meine Schürze setzen!“
„Meine Spitze — an deine Schürze?!“ Frau Tirallas bleiches Gesicht wurde zornrot. „Bist du verrückt?“
„Ah, nur ein Endchen, ist sich ja nur kurzes Endchen! Was will die Frau mit kurzes Endchen anfangen, ist sich nicht Mühe wert aufzuheben!“ Und dann lachte die Magd ganz dreist laut heraus: „Werd ich dann sagen, hat mir Pani geschenkt, weil Ratten sonst doch auffressen. Ratten sind so viele — Ratten fressen alles hier!“
Es durchzuckte Frau Tiralla: die war ja so frech! Was ahnte die — was wusste die?!
Für ein paar Augenblicke sahen sich beide Frauen starr an, ohne ein Wort; es war, als wollten sie beide sich stumm bis auf den Grund der Seele erforschen. Dann lächelten sie beide zu gleicher Zeit, wie um sich gegenseitig zu beruhigen.
‚Die Pani kann sich ganz auf mich verlassen,‘ sagte das Lächeln der Magd. ‚Ich kann dumm sein, ich höre nichts, sehe nichts, weiss nichts, ganz wie die Pani will.‘
Und das Lächeln der Herrin sagte: ‚Die ist ja so dumm — nur keine Angst! Die merk nichts, die glaubt, was man ihr sagt; und merkt sie auch ’was, mit einer Schürze, mit einem Endchen Band, mit einem Schnippelchen Spitze, mit einem halben Gulden, wenn’s hoch kommt, ist die zu erkaufen!‘
„Marianna,“ sprach Frau Tiralla, „nun haben wir die Schüssel zerschlagen und kein Kraut zu Mittag!“
„Braucht Pani nicht sorgen!“ Die schwarzhaarige Dirne lachte, dass ihre schmalen, blitzenden Augen ganz hinter den starken Backenknochen verschwanden. „Werde ich noch einmal in Keller steigen mit andere Schüssel und Kapusta holen, ganz alleine, Pani braucht nicht Ratten fürchten. Und wenn er“ — sie winkte mit einem kurzen Kopfnicken hinüber zu der nächstliegenden Stubentür — „wenn er spricht: ‚warum Schüssel zerschlagen und Lämpchen zerschlagen?‘ werde ich sprechen: ‚ei, sprang Ratte über unsere Hand — gottverdammte Ratte — biss Pani in die Hand und mich in die Nase. Sind soviel Ratten in Keller hier, dass man nicht mehr hinabsteigen kann ohne Schaden!‘“
„Recht hast du!“ Frau Tiralla lächelte befriedigt. „Es ist ganz grässlich mit dem Ungeziefer in diesem alten Haus. Und Schwaben haben wir auch in der Küche und —“
„Sie bedecken abends die Wände,“ fiel die Magd eifrig ein. „Soll der Gospodarz nur kommen und sehen in meiner Küche nach, abends, wenn Licht ausgeblasen ist, wird er selber dann sprechen: ‚Hu!‘ An den Kopf fliegen sie einem, mitten ins Gesicht, gegen Nase, Augen, Ohren. Krabbeln sie hier, krabbeln sie da — hu!“ Mit einem gellenden Aufkreischen warf sie sich die Schürze über den Kopf.
„Psia krew, was für ein Lärmen! Frauenzimmer, verdammtes, kannst du nicht dein Maul fünf Augenblicke halten, nicht die paar Minuten, die ich schlafen will?!“
Die Stubentür war aufgerissen worden, mit zorniger Stimme schalt der Besitzer Tiralla auf seine Dienerin ein. Aber als er hinter der Magd seine Frau erblickte, wurde sein Ton milder, fast besorgt: „Was ist denn, was ist denn?“ Frau Tiralla hatte mit aufgeschrieen, wie in jähem Entsetzen. „Warum schreit ihr denn so? Mein Seelchen, warum schreist du, was ist denn geschehen, du bist ja ganz blass? Sage, Zoschchen, was ist dir geschehen?“
Man merkte dem grossen Mann mit dem starken Gliederbau und dem braunroten Gesicht die Besorgnis um seine Frau an. Mit einem heftigen Griff die heruntergerutschte Hose heraufziehend, denn Zoschchen mochte es gar nicht leiden, wenn er sich’s ein wenig bequem gemacht und die Hosenträger abgetan hatte — ‚Pfui, wie ein Bauer!‘ sagte sie dann — trat er ihr rasch näher. „Was ist denn geschehen, so sage doch!“
Die schwarzen Augen der Frau starrten ihn aus dem bleichen Gesicht an. „Heilige Mutter, wieder die Ratten,“ stammelte sie und griff um sich, als suche sie einen Halt.
Da lachte Herr Tiralla. „Ratten?! Aber, Frauchen! Ratten gibt’s überall, wo Schweine sind; warum nicht hier auf dem Hofe? Wenn’s weiter nichts ist!“ Er lachte gutmütig. „Ich dachte, ihr hättet die Kurze Pluckaa) gesehen oder unten im Keller den Babok, den schwarzen Mann. Warum sprachest du denn nicht: ‚Alle guten Geister loben Gott‘ — auch die Ratten wären davon entwichen!“
„Lästere nicht,“ sagte sie eisig. „Dass Gott dich strafe!“ Und als er sie schäkernd umfassen wollte, mit seiner riesigen behaarten Hand ihr unterm Kinn herfahren, wich sie zurück und brach in Tränen aus. Da sie, sich die Rechte vor die Augen haltend, mit der Linken an ihrem Kleid herumtastend, nicht gleich das Taschentuch fand, hielt sie nun ihr Schürzchen vor. Sie schluchzte heftig.
Vergebens suchte er ihr die Schürze vom Gesicht wegzuziehen; sie hielt sie fest vorgepresst. Ihre schlanken, für eine Landfrau merkwürdig wenig verarbeiteten Finger hatten eine eiserne Widerstandskraft.
Er war ganz bestürzt. „Seelchen, Täubchen! Aber Zoschchen, was hast du denn?“ Vergebens suchte er einen Blick in ihr Gesicht zu erhaschen. „Verdammtes Frauenzimmer, was grinsest du?“ brüllte er plötzlich die Magd an, die noch immer auf demselben Fleck stand und breit lachte. „Dass der Teufel dich hole, du, nur du allein hast die Herrin geärgert!“
„Nein, nein, Panje, ich nicht! Sind es die Ratten gewesen, kann ich beschwören. Mag der Gospodarz nur selber in Keller steigen, wird er sehen, wie sie laufen an Boden, wie sie springen an Wänden. Und in meiner Küche mag er die Schwaben sehen, hunderttausend, hunderttausend Millionen — werden sie noch fallen in Essen von Pan Tiralla. Wird der Herr ja sehen!“
„Untersteh dich!“ Tiralla hob die schwere Hand gegen die Magd, aber sie wich ihm so geschickt aus wie vorhin der Herrin. Es war so drollig, wie sie sich hinter die Herrin duckte, diese wie ein Bollwerk benutzend, dass der ungefüge Mann in ein dröhnendes Lachen ausbrach. „Brauchst nicht Furcht zu haben, dummes Ding,“ sagte er gutmütig, „ich schlage nicht. Weiss ich zwar, dass du ein Satansbraten bist, aber du wirst mir doch keinen Unrat in den Teller schöpfen!“
„Nein, nein,“ versicherte sie treuherzig, „werde ich nicht tun,“ und kam hinter der Herrin vor.
Er kniff sie mit seiner behaarten Hand in die feste Wange. Es tat weh, seine derben Finger hinterliessen erst eine weisse, dann eine brennendrote Druckstelle, aber sie liess es sich ruhig gefallen: nein, der Gospodarz war nicht böse! Eigentlich war er viel besser als seine Frau! Marianna dachte auf einmal, dass es doch schade um ihren Herrn sei. Und sie drängelte sich ein wenig an ihn heran und warf ihm unter halbgesenkten Lidern einen verheissungsvollen Blick zu — wenn der Alte nur wollte, sie würde schon wollen!
Aber Tiralla hatte nur Augen für seine Frau. Er bettelte weiter um einen Blick von ihr. Es hatte etwas Lächerliches, wie dieser starke und schon ergraute Mann um die zarte, zierliche Frau sich mühte. „Aber, Zosia, Zochna, Zosieczka, was hast du denn? Sieh mich an, meine Taube, weine doch nicht!“
Nun war es ihm gelungen, ihr die Schürze vom Gesicht zu ziehen, liebkosend wollte er seinen Mund ihrer Wange nähern, da fauchte sie ihn an, mit sprühenden Augen, wie eine gereizte Katze: „Du hast mir weh getan, au! Pfui, wie du riechst, nach Mist, nach Tabak, und nach Schnaps dazu! Du stinkst, du Bauer!“ Sie spie aus.
„Zoschchen,“ sagte er ganz traurig, „wie du sprichst! Nur einen kleinen, wirklich nur einen einzigen, ganz kleinen Schnaps habe ich heute getrunken, ich schwöre es dir bei der Heiligen Mutter und ihrem Sohne!“
„Beflecke die Heilige Mutter nicht, wenn du sie anrufst,“ sagte sie schneidend. „Lästere sie lieber, dass sie dich eher zur Hölle fahren lasse, wohin du gehörst. Ich werde dir keine Träne nachweinen. Das schwöre ich dir!“
„Was — was — habe ich dir getan?“ stammelte der Mann, ganz erschrocken. „Ich tat dir doch nichts. Ich habe dir Kleider gekauft, so viele du wolltest; ich habe dich zum Balle gefahren, so oft du wolltest; ich habe dich tanzen lassen, mit wem du wolltest; ich habe nie ‚nein‘ gesagt, wenn du sagtest ‚ja‘ — und nun sprichst du so hässlich zu mir?! Du bist krank, meine Liebe, ich werde zum Doktor schicken!“
„Ja, krank!“ Sie schluchzte heftig auf. „Du hast mich krank gemacht! Du, du, du!“ Sie ging auf ihn los, als wollte sie ihm mit ihren Nägeln ins Gesicht fahren. „Ich mag dich nicht — ich verabscheue dich — ich, ich hasse dich!“ Gellend schrie sie das, in den höchsten Tönen; ihre Augen brannten, die Fäuste ballte sie und stiess sie sich vor die eigene Brust, und dann griff sie sich mit allen zehn Fingern in ihre schön-geglätteten Haare und zerraufte sie. Ihre zierliche Gestalt zitterte und schwankte; und nun erbleichte sie so tief, als würde sie gleich in Ohnmacht sinken.
Die Magd riss die Augen auf: was fiel der ein?! War die dumm, war die dumm! Warum es denn dem Herrn ins Gesicht schreien, wenn der’s nicht so merkte?! Ei, nun gab sie es ihm aber deutlich: ‚Ich hasse dich‘ — und er, der Arme, den Gott trösten möge, was tat er? War’s zum Lachen oder zum Weinen?! Marianna Śroka wusste selber nicht, sollte sie denken: ‚o du grunddummer Esel‘, oder sollte sie wünschen: ‚hätte ich ihn doch zum Manne, oder wenigstens zum Liebsten‘! Denn gut war der Gospodarz, wirklich von Herzen gut; der würde sie nicht knapp halten, sie und ihre zwei Kinderchen. Die Frau war doch zu garstig, die Frau war, bei Gott, den guten Mann gar nicht wert!
Und in einem plötzlichen Umschwung ihrer Gefühle, die sie vordem mehr zur Herrin hingezogen hatten, neigte sich die Magd nun ihrem Herrn zu. Eine Schande war’s, wie die Frau ihn behandelte! Die musste ihn geradezu behext haben, dass er sich so ’was gefallen liess! Seinen grossen Lederpantoffel mit dem Holzabsatz sollte er lieber vom Fusse nehmen und ihr den auf den Kopf schlagen, dass ihr Hören und Sehen verging, als dass er so bettelte und barmte. Ja ja, natürlich, da war kein Zweifel daran, der Herr war verrufen; den grossen, dicken Mann hatte die kleine Frau behext — diese magere Ziege! Die war eine Mora, die sich verwandeln kann in eine Katze, oder eine, die auf dem Besenstiel durch den Schornstein fährt. Das müsste der Herr Propst wissen, der würde ihr schon das Handwerk legen! Oder nein, — noch besser — sie, die Marianna, nahm selber die Sache in die Hand. Dann hatte sie den Dank von Pan Tiralla ganz für sich allein. Sie würde den Zipfel ihres Hemdes nehmen und dem Behexten dreimal damit über die Stirn wischen, dann wich der Zauber von ihm. Und wer weiss, was dann geschah, ob er dann nicht doch die Frau aus dem Hause jagte, die immer so garstig zu ihm war, die sich in einem besonderen Zimmer bettete und ihm die Türe vor der Nase zuschlug?! Ei, sie, die Marianna, würde die Türe nicht zuschlagen. Hatte er denn nicht Knochen wie ein Ochse, war er denn nicht noch ein ganz ansehnlicher Mann? Wenn er auch strubblige, schon ergraute Haare hatte und ein wenig wässrige Augen, er konnte noch immer seinen Mann stellen. Und Geld hatte er, ei, so viel Geld! Der Magd klopfte das Herz vor Begehrlichkeit. Alle Läden in Gradewitz konnte man dafür auskaufen, die in Gnesen auch, und wer weiss, ob nicht sogar die in Posen. Es war ein Jammer, dass diese Frau, diese Hexe einmal all das Geld kriegen würde, wenn er tot war! Einen schielenden Seitenblick, der ihr hübsches, derbes Gesicht hässlich machte, warf die Magd auf ihre Herrin.
Frau Sophia Tiralla stand noch immer und weinte. Als lägen alle Leiden der Welt auf ihr, so schlaff liess sie die Schultern nach vorn hängen, so tief neigte sie den Kopf. Ihr Mann hatte seine vergeblichen Annäherungsversuche aufgegeben, er stand da wie begossen und liess in einem verwunderten, ratlosen Staunen seine fahlblauen, verschlafenen Augen von der Frau zu der Magd wandern und wieder von der Magd zur Frau.
„Wenn ich nur wüsste, Zoschchen,“ sagte er endlich kleinlaut — „bei Gott, ich habe dir doch nichts in den Weg gelegt! Was ist dir wohl für eine Laus über die Leber gelaufen?!“
Die Magd prustete laut heraus. Das kam ihr so unendlich komisch vor, sie konnte sich gar nicht fassen vor Vergnügen: eine Laus, haha, eine Laus! Sie stopfte sich die Faust in den Mund und biss darauf, um ihr Lachen zu unterdrücken.
Ein zorniger Blick der Herrin traf sie. „Was unterstehst du dich? An die Arbeit! Dalej, dalej!“
Die Magd erschrak. Ei, guckte die Herrin böse, wie kalter Stahl trat der Blick! „Auf den Hund den bösen Blick!“ murmelte Marianna heimlich und schützte ihr Gesicht mit dem Ärmel. Und dann dachte sie: au weh, nun gibt sie mir die Schürze nicht, die seidene Schürze! Es war am Ende doch besser, sich mit der Herrin zu verhalten, die war doch diejenige, die allein alles hier zu sagen hatte. Und so lispelte sie denn entschuldigend: „Muss Pani verzeihen, war so drollig, dass Gospodarz, grosser, dicker Gospodarz, sich vergleicht mit klein-winziger Laus! Konnt ich nicht helfen, musst ich lachen!“ Und sie lachte ein spitzbübisches Lachen, in das diesmal Frau Zosia mit einstimmte. Es war etwas Erbarmungsloses in dem Lachen der beiden Frauen.
Herr Tiralla hörte das nicht heraus; er war froh, dass seine Zosia wieder besserer Laune war. Als sei nichts vorgefallen, nahm er sie jetzt bei der Hand und zog sie in die Stube.
Und sie liess sich ziehen. Wenn er denn nicht merkte, dass sie ihn nicht mochte, trotz allem und allem nicht, es sogar nicht merkte, wenn sie es ihm ins Gesicht schrie, so sollte er’s denn fühlen. Er wollte es ja nicht anders! Ein grausames Lächeln hob für einen Moment ihre kurze Oberlippe, und doch schossen ihr gleich wieder die Tränen in die Augen. Ha, wie sie ihn hasste!
Als sie nun drinnen in der Stube bei ihm sass — er hatte sie auf seine Kniee ziehen wollen, aber sie war ihm geschickt entwichen und sass nun eingeklemmt zwischen Tisch und Wand, dass er nicht so bequem an sie konnte — jagten Gedanken mit fürchterlicher Schnelligkeit durch ihren Kopf. Gedanken, die sie schon oft ausgedacht hatte, und die doch immer von neuem ihr Herz erzittern machten. Ganz stumm sass sie da.
Er verlangte auch weiter keine Unterhaltung. Wenn sie nur da war, wenn er nur das Gefühl hatte: so, nun brauchte er nur den Arm auszustrecken, sie mit seiner starken Hand zu erfassen, zu sich heranzuziehen, sie zu tätscheln, wenn sie auch nicht wollte — am Ende war er doch stärker. Herr Tiralla hatte sich auf die Ofenbank geworfen, der Länge nach; kaum brachte er seine massigen Glieder auf der Bank unter. Sie ragten in Länge und Breite ein Stück über. Er seufzte: da war er nun schon heute morgen über seine Äcker gestampft und hatte gesehen, dass die Wintersaat gut stand, hatte auch gehört, dass die Dreschflegel in der Scheune fleissig im Takt klappten, hatte eine ganze Weile im Stall den wiederkäuenden Kühen zugeschaut und den zwei stattlichen Rossen einen liebkosenden Klaps mit der flachen Hand gegeben — ei, das war fürwahr ein Tagewerk gewesen! Nun hatte er auch die volle Berechtigung, sich ein wenig auszuruhen. Zudem war Schnee in der Luft, eine grosse, dicke, graue Stille draussen, da lag sich’s in der warmen Stube so behaglich, bis der Barschtsch und das Kraut und die Wurst kamen, und nach dem Mittagessen lag sich’s behaglich weiter, bis es wieder ’was zu essen gab oder bis es an der Zeit war, in das Dorf hinein in den Krug zu gehen. Dort traf er dann die Honoratioren, zuweilen sogar den Herrn Propst; der verschmähte es auch nicht, ab und zu mit ihnen ein Glas zu leeren und die Neuigkeiten zu besprechen, wenn er es auch nicht haben mochte, dass man nachher von seiner Anwesenheit erzählte. Ein ganz umgänglicher Mann, der Propst, und lange nicht so streng wie die Zosia! Herr Tiralla fühlte sich gut Freund mit ihm. Der würde ihm nicht Gottlosigkeit vorwerfen! Ei, die Zosia übertrieb es wirklich! Ging er denn nicht jeden Sonntag ins Hochamt und jeden Feiertag auch? Die Frühmesse konnte man wirklich nicht noch von ihm verlangen; musste er denn nicht ohnehin Winter und Sommer allzufrüh aus dem Bette? Und hatte er nicht seinen Heiligen in der Stube hängen, und war er nicht allzeit willfährig, zu geben, was die Kirche verlangte? Man braucht darum doch kein Duckmäuser zu sein; und wenn man eine hübsche Frau besitzt, will man doch auch etwas von ihr haben. Deswegen würde es ihr schwer werden, ihn beim Propst anzuschwärzen; der wusste doch auch recht gut, was einem gesunden Manne zukommt!
Herr Tiralla dehnte sich mächtig, und dann streckte er die Arme aus: „Komm ’mal her, mein Seelchen!“
„Was willst du?“
Sein Unternehmungsmut schwand sogleich, als er diesen eisigen Ton hörte. „Warum sprichst du nicht freundlicher zu mir?“ sagte er kleinlaut. „Ich will ja nichts von dir. Ich — ich möchte dich nur fragen, ob du dir ein neues Kleid wünschest zum Stefanstag? Oder wie wäre es mit einem Paar Ohrringe? Oder hättest du Lust auf einen neuen Pelz, wenn wir werden nach Posen fahren zum Gesindemarkt?“
„Ich brauche nichts,“ antwortete sie in gleich kaltem Ton.
„Denk nur darüber, es wird dir schon noch etwas einfallen,“ ermunterte er. „Sage nur! Für dich wird mir nichts zu teuer sein. Komm, kleines Frauchen, komm doch her!“ Wieder streckte er die Arme aus.
Aber sie rührte sich nicht.
„Willst du kein neues Kleid? Ich sah wunderschöne Stoffe in Gnesen. Rosenthal hat ausgestellt in seinem Schaufenster — ei wei, eine Pracht! Kirschrotes Tuch und schwarze Borten zum Besatz. Die Landrätin trägt so eines zum Sonntag. Zoschchen, möchtest du nicht das gleiche haben?“
Ihre Augen begannen zu funkeln. Neue Kleider, ein Kleid wie eine vornehme Dame! Eine Lust darauf kam sie an, aber nur für Momente; der Glanz in ihren Augen erlosch jäh: was sollte ihr das Kleid neben so einem Manne?! Energisch schüttelte sie den Kopf: „Ich will keins!“
So kam er nicht zum Ziel! Herr Tiralla, der sich so ungern erheben wollte, sah wohl ein, er würde aufstehen müssen und sich neben sie hinter den Tisch zwängen oder sie hervorziehen müssen mit Gewalt. Wenn sie dann schrie, das holde Täubchen: ‚Geh doch, lass mich, du Swintuch‘, dann musste er ihr den Mund mit einem Kusse verstopfen. Mit Gewalt!
Fluchend setzte Herr Tiralla den einen schweren Fuss zur Erde. Er war ärgerlich, dass er so aus seiner Ruhe gestört wurde; aber er konnte nicht widerstehen, sie war zu reizend. Stöhnend erhob er sich vollends
Sie sah es mit Schrecken. O, nun würde er wieder seine Arme um sie schlingen, diese Arme, weiss und fett, mit dem haarigen Flaum darauf, diese Arme, denen ihre Mutter sie ausgeliefert hatte, als sie noch jung und harmlos war und nur an die lieben Heiligen gedacht hatte und an den Herrn Jesus und keine Lust gefühlt hatte zu einem anderen Manne! Nun war sie nicht mehr jung und harmlos und — ein plötzlicher Einfall durchzuckte sie — ha, wenn sie ihn dafür herumkriegen würde, Gift zu kaufen?! Rattengift! Sie hatte schon oft davon angefangen, aber er hatte immer nicht gewollt; er glaubte nicht an die Ratten. Und wenn sie ihm auch über die Nase springen würden, er schaffte kein Gift ins Haus, es widerstrebte ihm. Sie aber bekam Gift für das Ungeziefer auf dem Hofe nur gegen einen Schein, unterzeichnet von des Besitzers Hand.
Es überlief sie. Sie schüttelte sich wie in Grausen: „O, die Ratten!“ Und dann stand sie zögernd auf. Noch einmal setzte sie sich wie unschlüssig nieder, fast schwer fiel sie zurück auf ihren Platz, aber dann gab sie sich einen Ruck. Sie stand rasch wieder auf, ging hin zu ihrem Mann und setzte sich auf seine Kniee.
Er war schier verdutzt über diese Wandlung. Aber dann war er glückselig: so nett war sie lange nicht gewesen! Sie kraute ihm den Kopf, und er lehnte seine Stirn gegen ihre weiche Brust und fühlte deren Wogen.
„Dein Herzchen klopft sehr!“
Sie sagte kurz: „Das glaube ich!“ Und dann küsste sie ihn auf den strubbligen Schädel und schmeichelte ihm: „Mein Alter, mein Lieber! Du willst mir ein Kleid kaufen, also wirklich ein neues Kleid?!“
Er nickte heftig; zu wohlig war’s ihm, um zu reden.
„Ich möchte wohl,“ fuhr sie fort und drückte seinen Kopf immer fester an ihre Brust, „ich möchte wohl so ein Kleid tragen, kirschrot mit schwarzen Borten, wie unsre Landrätin eines trägt. Wenn sie mich darin sehen würden zu Gradewitz, oder deine Bekannte in der Stadt, würden sie da nicht sprechen: ‚Wie gut die Tiralla das Rot kleidet?! Welch hübsche Frau hat doch der Anton Tiralla‘!“
Er schmunzelte.
„Aber weisst du, was nutzt es mir,“ fuhr sie fort — ihre Stimme sank und wurde ganz tonlos — „die Ratten würden es ja doch fressen!“
„Zum Teufel mit den Ratten! Lass sie!“ Ärgerlich fuhr er auf trotz seiner Zärtlichkeit; sie hatte ihn schon allzu oft und allzu sehr mit ihren Ratten gequält. „Die Teufel mögen dich holen, dich und deine ewigen Ratten!“ Gift kam ihm nun einmal nicht ins Haus; lieber tausend Ratten als ein Giftkorn! Wie leicht konnte da ein Unglück geschehen! Bei Gift hat der Böse die Hand im Spiele!
Aber mit Kraft drückte sie seinen Kopf wieder an ihre Brust zurück. Er musste da liegen bleiben; es war, als ob ihre Finger, die auf seinem Schädel hin und her spielten, ihn bannten.
Er lallte wie ein Kind: „Lass die Ratten — gib mir einen Kuss — da — da!“ Wies hinter sein rechtes Ohr, hinter sein linkes Ohr, dahin, dorthin, und sie kniff die Augen zu und drückte ihren Mund in seine Haare, durch die schon da und dort die wenig saubere Kopfhaut durchschimmerte.
Sie holte tief und zitternd Atem, als ringe sie nach Luft. Die zusammengekniffenen Augen riss sie weit auf und stierte auf einen Punkt, immer auf einen Punkt — es musste sein! Und dann sagte sie, indem ihr Gesicht, das er nicht sah, sich vor Widerwillen verzerrte, mit einer Stimme, die doch wie lauter Schmeicheln klang: „Lieber, möchtest du schlafen? So — lehne dich in meinen Arm! Mag die Marianna draussen alleine schaffen, ich bleibe bei dir. Ach, mein Lieber, ich fürchte mich so!“
Und sie schmiegte sich dichter an ihn, so dicht, dass ihr warmer Körper ihn förmlich umschlängelte. „Die Ratten — ach!“ Sie stiess einen zitternden Seufzer aus. „Die abscheulichen Ratten! Lieber, nicht wahr, wir werden Gift legen — Rattengift — aber bald — sonst sterbe ich vor Angst!“
II.
Der Hof des Besitzers Tiralla lag weit draussen vorm Dorf am Przykop, dem tiefen Grund, bei den grossen Kiefern. Starydwór war ein stattlicher Hof. Da waren viele in Starawieś, die Frau Tiralla beneideten. Die war doch ein blutarmes Mädel gewesen, die Tochter einer Lehrerswitwe, hatte nicht mal sechs Hemden und einen Wagen voll Hausrat gehabt, und nun hatte sie soviel Geld! Aber keiner, und wenn er ihr noch so übel gewollt, hätte ihr nachsagen können, dass sie ihrem Alten nicht treu gewesen wäre.
Der Besitzer Tiralla war schon bei guten Jahren gewesen, als er sie geheiratet hatte, und er war ein Witwer dazu mit einem grossen Jungen. Leicht mochte das für das junge Ding auch nicht gewesen sein, sagten die, die Frau Tiralla wohl wollten. Aber sie hatte sich gut geschickt, wenigstens wurde Herr Tiralla dick und fett und sagte es allen, die ihn gewarnt hatten, die Siebzehnjährige zu freien, seine Zosia sei das süsseste Weibchen unter der Sonne, und er fühle sich so mollig wie die Made im Speck. Und das sagte er noch, jetzt, nachdem sie schon bald fünfzehn Jahre miteinander verheiratet waren. Sie hatte es ihm angetan. Ihre grossen Augen, die wie dunkler Samt aus dem weissen Gesicht glänzten, führten ihn am Narrenseil; er konnte ihr nicht böse sein, wenn sie ihn oft auch noch so sehr kränkte. Und wenn er’s recht überlegte: war’s denn nicht am Ende gerade schön, dass sie so spröde und zurückhaltend war? Weiber, die sich ihm an den Hals warfen, hatte der Besitzer von Starydwór genug in seinem Leben kennen gelernt; selbst seiner ersten Frau, der verstorbenen Hanusia, konnte er nicht gleiche Keuschheit nachrühmen.
Und hübsch war seine Zosia! Es schmeichelte dem Alternden gewaltig, dass man niemals nur von ihr als von ‚Frau Tiralla‘ sprach, sondern immer nur von der ‚schönen Frau Tiralla‘. Wenn er mit ihr durch Gradewitz fuhr — er auf dem Vordersitz, sie hinten in der Britschka mit Schleier und Federboa — staunte alles, was auf der Gasse war. Aber selbst in Gnesen stürzten die Herren Offiziere, die im Hotel zu Mittag speisten, ans Fenster und drängelten sich und machten lange Hälse, nur um die schöne Frau Tiralla vorbeifahren zu sehen. Dann knallte Herr Tiralla mit der Peitsche und fühlte sich sehr stolz; die mochten ihn ’mal beneiden! Die wussten es ja nicht — kein Mensch wusste es — dass er manchen Abend, wenn er sich ihr nähern wollte, einen Stoss vor die Brust erhielt, so kräftig, dass man ihn der zarten Frau nimmermehr zugetraut hätte. Seine Zosia war nun einmal nicht für die Zärtlichkeit, damit tröstete er sich. Sie war aber doch eine liebe Frau, eine schöne Frau, ein herziges Weibchen, von dessen Hand ihm das Essen noch einmal so gut mundete und noch einmal so gut bekam. Und schön war sie noch wie am ersten Tag. Schöner vielleicht jetzt in den Dreissigen als damals, wo sie noch gar so dünn, gar so klein war, keine hundert Pfund schwer, so leicht, zum Auf-der-Handtragen!
Er hätte sie gern behängt, bunt und auffallend wie ein Schlittenpferd, aber sie hatte den Geschmack wie eine Dame. Das kam daher: sie hatte Bildung. Sie sprach deutsch, dass es nur so floss, und konnte es auch schreiben ohne einen einzigen Fehler. Sie kannte ganze lange Gedichte auswendig; sie wusste von Berlin zu reden, obgleich sie noch niemals dort gewesen war. Und das imponierte Herrn Tiralla gewaltig. Gnesen und Posen und Breslau waren zwar auch grosse Städte, aber Berlin, Berlin! Herr Tiralla staunte seine Frau an. Er selber kam sich ihr gegenüber sehr unwissend vor, obgleich er seinerzeit die Ackerbauschule zu Samter besucht und ganz gut verstanden hatte, aus seinen vom Vater ererbten fünfhundert Morgen etwas herauszuwirtschaften. Die Kinder, der Sohn aus erster Ehe, und dann die kleine Rosa brauchten einmal nicht ihr Brot bei fremden Leuten zu verdienen; vor allem aber würde seine geliebte Zosia, wenn er vor ihr sterben sollte, sichergestellt sein. Er hatte, wie er es vor der Hochzeit der Mutter, der Lehrerswitwe, zugeschworen hatte, bald nach der Hochzeit einen letzten Willen zu ihren Gunsten gerichtlich aufgesetzt.
Frau Lehrer Kluge hatte völlig befriedigt über ihr Werk die Augen schliessen können. Sie, die einstmals aus besseren Kreisen, aus Breslau stammend, sich die Jahre ihrer Ehe mit dem Posenschen Schulmeister in den erbärmlichsten polnischen Nestern hatte herumdrücken müssen, hatte ihrer hübschen Tochter durch ihre Klugheit und Umsicht dies glänzende Los bereitet. Frau Kluge hatte nie gelitten, dass die kleine Sophia mit den anderen Kindern auf der Gasse spielte. Zosia trug immer Strümpfe und Schuhe; dafür hungerte man insgeheim lieber. Und als Zosia grösser wurde und in den Religionsunterricht für die erste heilige Kommunion ging, wurde sie des Herrn Propsts erklärter Liebling. Frau Kluge war eine fromme Christin, vielleicht die allerfrömmste in Gradewitz; bei ihrer Schneiderei für die Besitzerfrauen, mit der sie sich und ihr Kind ernährte, pflegte sie immer leise betend die Lippen zu bewegen. Durch diese Schneiderei hatte sie auch des Besitzers Tiralla Frau kennen gelernt — vielleicht auch durch ihre Frömmigkeit. Denn war es nicht wie eine Gegengewährung von Jesus Christus selber, dass beim letzten Kleid, das sie der schwangeren Frau Hanusia machte, der Besitzer Tiralla mit in die Stube kam? Er hatte seine Frau vorgefahren, es war bitterkalt, darum stieg auch er ab und liess das Pferd allein draussen warten. Kaum konnte er durch die niedrige Tür, und die kleine Stube war ganz voll von ihm. Das junge Ding, das der Mutter beim Anprobieren die Stecknadeln zureichte, bekam eine Mark von ihm und einen Blick, vor dem es errötete und die schwarzen Augen niederschlug, ohne zu wissen warum.
Sophia Kluge war sittsam; kein junger Bursche aus der Nachbarschaft konnte sich ihrer Gunst rühmen. Sie wusste nicht einmal, warum sich die Burschen und Mädchen an den Feierabenden hinaus in die Felder stahlen, warum ihr weicher Gesang sehnsüchtig aufstieg zum besternten Himmel. Sophia mit den schwarzen Augen und dem weissen Gesicht, das keine Sonne, keine Landluft gebräunt hatte, denn sie sass immer bei der Mutter drinnen in der Stube, war fromm; so fromm, dass der Propst, ein noch junger Mann mit einem Gesicht wie Jesus Christus selber, sich eingehend mit ihr beschäftigte. Er hatte schon die Elfjährige zu sich kommen lassen in seine Studierstube, die selbst seine alte Haushälterin nur dreimal im Jahre betreten durfte. Dort sprach er dem Kinde von den Freuden der Engel und der bald Mannbaren von dem himmlischen Bräutigam. Er berauschte sich und sie an den Bildern des Himmels, an den Strömen der Liebe, die das Herz der Heiligen durchflutet hatten.
Frau Kluge war eitel auf diese Bevorzugung ihrer Tochter, aber über deren Seelenheil vergass sie doch das irdische Teil nicht. Sie hatte genug der Entbehrungen und Entsagungen in ihrem armen Leben auf sich nehmen müssen, um ihrer Tochter nicht auch schon ein Geniessen auf Erden zu wünschen. Es dünkte ihr wie ein Fingerzeig der Heiligen, dass Frau Tiralla, ehe sie noch das neugeschneiderte Kleid angezogen hatte, zu früh niederkam und starb. Nun war Herr Tiralla wieder ein Freier, und als er selber bei der Schneiderin erschien, um ihr den noch ausstehenden Schneiderlohn für das nicht mehr getragene Kleid der Seligen zu zahlen, merkte die gescheite Frau den wohlgefälligen Blick, den der Witwer auf die junge Schönheit warf. Frau Kluge kannte die Schönheit ihrer Tochter und wusste sie zu bewerten. Als Herr Tiralla sagte: „Ihre Tochter ist verdammt hübsch,“ sagte sie: „Ach, die ist ja noch so jung!“ Und als Herr Tiralla wiederum vorsprach: „Psia krew, ist das traurig auf so einem öden Hofe allein zu sitzen,“ sprach die Gescheite: „Herr Tiralla muss wieder heiraten. Es gibt Witwen und ältere Mädchen genug, die den Herrn Tiralla gern nehmen würden!“ Das reizte ihn. Er wollte nicht Witwen noch ältere Mädchen, der Jüngsten begehrte er.
Klagend und weinend war Sophia in die Propstei geeilt, als ihre Mutter zu ihr gesprochen hatte: ‚Herr Tiralla will dich heiraten, freue dich!‘ Nein, sie wollte ihn nicht, nein, sie wollte überhaupt nicht heiraten!
Jetzt noch, nach fünfzehn Jahren noch, wenn Frau Tiralla nachts nicht schlafen konnte, übermannte sie die Bitterkeit, wenn sie daran dachte, wie man an ihr gehandelt hatte. Beschworen hatte die Mutter sie, unter Tränen gebeten: ‚Wir sind dann aus aller Not‘ — und als sie noch immer verneinend den Kopf geschüttelt, hatte sie Ohrfeigen bekommen, rechts und links, wohin es traf, und den strengen Befehl: ‚Du wirst Herrn Tiralla heiraten.‘ Und ihr Freund, der Herr Propst? Ah! Frau Zosia sah sich wieder in der stillen Stube, in der sie so manches Mal mit heissen Wangen, mit verzückten Augen den Legenden der Heiligen gelauscht hatte, auf den Knieen liegen. Sie fühlte wieder den Saum der schwarzen Soutane in ihren Händen, den sie mit ihren Tränen benetzt hatte. Sie hatte geweint, sich gesträubt: ‚Nein, ich will nicht, Hochwürden, ich kann nicht!‘ Hatte ihr der Herr Propst denn nicht immer gesagt, sie förmlich beschworen, eine Jungfrau zu bleiben, ehelos zu bleiben, sich so einen Stuhl im Himmel zu sichern?! Seine Hände hatte sie geküsst: ‚Helfen Sie mir, raten Sie mir!‘ — da — sie wusste selber nicht, wie es über sie gekommen war — da war sie plötzlich aufgefahren von ihren Knieen, verwirrt und zitternd, war zur Tür gestürzt, ihr Antlitz verbergend in einem Aufruhr ungeahnter Gefühle, die im jähen Ansturm sie fast betäubten. Auf einmal war sie kein Kind mehr; sie war eine, die bebend, glühend, fiebernd vor Verlangen sich ihrer selbst nun bewusst geworden war. Wie selig war es doch, eine — seine Erwählte zu sein! Das Leben lang in dieser stillen Stube bei den Heiligen zu sitzen! In wirren Träumen sah die junge Sophia die Gestalt ihres himmlischen Freundes sich mit der des irdischen mischen — ei, wie fein war er, und so schön! Seine Hände waren wie Elfenbein, seine Wangen wie Samt! Und sein Kuss — — —! Statt seiner war Herr Tiralla gekommen. —
Frau Tiralla hatte in ihrer Bettkammer einen Betschemel stehen unter dem Bild des Herrn Jesus Christus, der sein flammendes Herz vor sich auf der Hand trägt. Der Propst ihrer Jugend war längst aus Starawieś fort — er hatte sich aus der Gegend versetzen lassen — aber sie betete noch immer viel. Als sie heute morgen, nachdem Herr Tiralla sich gestern in der Freude über ihre langentbehrte Zärtlichkeit einen Rausch angetrunken hatte, aus dem Bette stieg, galt ihr erster Blick dem Bilde da drüben. Sie bekreuzte sich, und dann glitt sie auf blossen Füssen zum Schemel hin, kniete nieder und betete lange.
Herr Tiralla hatte ihr’s fest zugesagt, als er gestern in ihrem Arme lag, dass er heute würde den Schein ausfüllen und anspannen lassen und nach Gnesen fahren und selber das Gift holen für die Ratten. Dass sie so ruhig sein konnte! Sie wunderte sich selber darüber. Wenn ihr Herz jetzt klopfte, so klopfte es nicht aus Furcht, nur aus Erwartung wie vor etwas Gutem, Freudigem, Langersehntem. Fünfzehn Jahre — Jesus Maria, fünfzehn lange Jahre! Ihre Lippen, die, während ihre Gedanken schon ihren Mann auf dem Wege nach Gnesen sahen, ihn in die Apotheke begleiteten, mit ihm wieder herauskamen, sich fortgesetzt leise bewegt und Gebetesworte gemurmelt hatten, pressten sich jetzt fest aufeinander. So war ihr Mund ein unerbittlicher. Sie vergass, dass sie betete. Wilde Verwünschungen wälzten sich in ihrem Innern empor, wilde Anklagen. Ihre Mutter, die sie verkauft hatte — ja, verkauft wie ein junges Kalb, warum es nicht beim richtigen Namen nennen? — war tot. Lange hatte Frau Kluge sich nicht daran erfreuen können, dass ihr das Häuschen, in dem sie sonst zur Miete gewohnt, selber gehört hatte, dass sie nun nicht mehr für die ewig nörgelnden Besitzerfrauen Kleider zu machen brauchte um jeden Preis. Lange hatte sie das nicht genossen, und das war ihr recht geschehen!
In den Augen der Tochter flammte es auf wie Befriedigung: alles, was die Mutter sich von Herrn Tiralla ausbedungen hatte als Entgelt für die Tochter, hatte sie hierlassen müssen. Nun moderte sie längst. Aber der andere Schuldige — der Käufer? Ei, Herr Tiralla war dick und fett, der sah noch lange nicht so aus, als ob er bald daliegen würde, wo die Würmer nagen!
„Jesus Christus! Heilige Mutter!“ Die Betende hob die Hände höher. Sie wusste nicht recht, wie sie in Worte kleiden sollte, um was sie einzig zu bitten hatte — es klang doch zu scheusslich, wenn sie nun beten würde: ‚Lass ihn sterben, er muss sterben!‘ Das wäre ja so, als würde sie sich vor die Mutter Gottes hinstellen, ganz bloss, und vor Jesus Christus dazu. Nein, das ging nicht an!
Ratlos liess sie die Hände sinken: wie denn nun?! Aber dann fiel ihr ein: was brauchte sie den Heiligen denn alles zu sagen?! Warum die Heiligen selber bemühen?! Wenn sie sich nur deren Beistand zusicherte, indem sie betete: ‚Heilige Maria, reine Jungfrau, o, bewirke es durch deine göttliche Kraft und durch die aller Heiligen, dass er auch wirklich fahre! Dass er es endlich hole, das Gift, das Rattengift!‘ Und dann wandte sie sich auch an Mariä Sohn: „Jesus Christus auf dem höchsten Thron neben deiner Hochheiligen Mutter Maria, lass ihn nicht umkehren auf seinem Wege! Dass er sich nur nicht eines anderen besinne auf der weiten Fahrt! Ich bitte euch, ich flehe euch an!“
Sie rang die Hände und weinte heisse Tränen; sie schlug an ihre Brust, so heftig, dass sie sich weh tat. All das, was sie gelitten hatte unter Herrn Tiralla, und was sie immer wieder leiden würde, er liess sie ja nicht und — nein, sie mochte ihn nun einmal nicht, ihr ekelte vor seinen begehrlichen Händen, ach, hätte sie doch in ein Kloster gehen können, wie wohl wäre ihr da! — all das stürmte jetzt mit Entsetzen wieder auf sie ein. So entsetzt war sie gewesen an ihrem Hochzeitsabend, als der freudenerregte, halbtrunkene Mann sie umfing, so entsetzt, als sie sich wider Willen Mutter fühlte, so entsetzt, als ihr die Madra das kleine lebendige Mädchen an die Brust legte. Sie hatte sich zusammengenommen, es gelitten, obgleich es sie wie ein Strom eiskalten Wassers durchrann, als sie das suchende Mündchen an ihrer Brust fühlte. Aber als dann Herr Tiralla erschien, sich vor das Bett hinstellte, in dem sie so schwach, so hinfällig, so preisgegeben lag, und vergnügt schmunzelte: ‚Psia krew, das haben wir gut gemacht!‘ — da hatte sie sich nicht mehr bezwingen können. Einen Schrei hatte sie ausgestossen, einen schwachen, klagenden und doch durchdringenden Schrei, und sich so aufgebäumt mit letzter Kraft, dass das kleine Mädchen an ihrer Brust zu wimmern anfing, zu winseln wie ein junges Kätzchen. Ganz erschrocken war die Madra herzugeeilt und hatte ein Kreuz geschlagen: ‚Alle guten Geister!‘ Sie mochte wohl denken, die Krasnoludki, die bösen Zwerge, wollten das Neugeborene rauben. Hastig hatte sie dem Kindchen ihren Rosenkranz um den Hals geschlungen und das Bett der Wöchnerin mit geweihtem Wasser besprengt. Die junge Mutter aber war in Tränen ausgebrochen, in nicht endenwollende, fassungslose Tränen — Danach war Frau Tiralla sehr krank gewesen, so krank, dass der besorgte Herr Tiralla nicht nur den Doktor aus Gradewitz kommen liess, sondern auch den Kreisphysikus aus Gnesen. Beide Ärzte versicherten aber, dass keine Gefahr vorhanden, dass die junge Frau nur sehr schwach und nervös sei. Das hatte Herr Tiralla nicht verstanden. —
Frau Tiralla stand jetzt auf von ihrem Gebet. Nun war es höchste Zeit, ihren Mann anzutreiben, dass er sich auf die Fahrt machte. Womöglich lag der noch im Bette! In einer gewissen zornigen Hast kleidete sie sich an. Heute frisierte sie ihr volles Haar nicht so sorgfältig wie sonst, ihre Hände zitterten, sie hatte Eile. Ihr lauschendes Ohr fing kein Räderrollen auf. Noch wurde der Wagen nicht aus dem Schuppen gezogen, bei Gott, er schlief wirklich noch!
Den Rock hastig überwerfend, die Bluse nicht zuknöpfend, lief sie auf den Ziegelflur, hinüber in das Zimmer, in das sie als zitternde Braut eingezogen war, in dem das kleine Mädchen geboren worden war. Bei Gott, da lag er noch in dem breiten Bett und schnarchte!
„Steh auf!“ Sie packte ihn bei den Schultern und rüttelte ihn.
Seine grauen Haare sträubten sich wie Borsten über der Stirn. Sie fand ihn abscheulich, wie sie ihn so betrachtete. Und wie roch es denn hier im Zimmer? Nach Trinken! All der hässliche Dunst ging von ihm aus!
Kein Mitleid machte ihren Blick weich. Kerzengerade stand sie an seinem Bett, funkelnden Auges mass sie ihn vom Scheitel bis zur Sohle — da würde er nun bald wieder liegen!
Ein jauchzender Schrei wollte sich ihrer Brust entringen. Sie biss sich auf die Lippen — still, still! Was sollte die Magd, die neugierige denken, wenn sie also frohlockte?! Aber sie packte ihn wieder mit erneuter Kraft und rüttelte ihn so stark, dass er auffuhr.
Mit noch gänzlich blöden Augen starrte Herr Tiralla drein: wer war da? Warum liess man ihm denn nicht seine Ruh? Er wollte noch schlafen.
„Steh auf,“ schrie sie ihn an, „du musst fahren! Es ist Zeit! Allerhöchste Zeit!“
„Wer muss fahren? Ich nicht!“ lallte er und fiel schlaftrunken zurück aufs Kissen.
Er war so schwer, dass sie ihn nicht heben konnte, ihr Rütteln half ihr nichts, vergebens war ihr Schreien ‚Steh auf‘. Da goss sie ihm zornig eiskaltes Wasser ins Gesicht. Das half.
Plötzlich ermuntert öffnete er die Augen. „Ah, Täubchen, kommst du? Zärtlich streckte er die Arme aus.
Sie schlug auf die nach ihr langenden Finger. „Lass die Torheiten,“ sagte sie kalt. Aber dann wurde ihr Ton wärmer: „Du hast mir versprochen, nach Gnesen zu fahren — denke daran, es ist Zeit!“
„Nach Gnesen — Gnesen?! werde ich nicht fahren — was soll ich da?!“ Er hatte nicht eine Ahnung mehr. Was er gestern im Rausche versprochen hatte, war heute vergessen.
Verzweifelt sah sie ein, dass sie heute von neuem beginnen müsse. Und sie setzte sich auf sein Bett. Und sie schlang, die Zähne zusammenbeissend, die Arme um ihn, und sie quälte ihn: „Du hast es mir versprochen, du wolltest doch nach der Apotheke fahren — die Ratten — wegen der Ratten — denke doch dran — die Ratten!“
„Was gehen mich Ratten an?!“ Er lachte dröhnend. „Solange nicht Ratten kommen in mein Bett, stören mich Ratten nicht!“ Er küsste sie schmatzend.
Mit geschlossenen Augen litt sie’s, sie war totenblass. Plötzlich entwand sie sich seinen Armen; die schwarzen Augen fest auf ihn gerichtet, sah sie ihn starr an. „Wenn du jetzt nicht nach Gnesen fährst,“ sprach sie langsam — ganz leise, aber man verstand jede Silbe doch deutlich — „werde ich in den Przykop laufen. Ich werde mich ertränken in dem tiefen Tümpel, der dort unter den Fichten steht. Ich kann nicht leben so länger mehr. Gehst du nicht, dann gehe ich!“
Er war verdutzt: was sagte sie denn das mit so seltsamer Betonung, was meinte sie damit? Unsinn! Aber dann entschloss er sich doch. Schimpfend und fluchend erhob er sich: psia krew, was für ein Unsinn war es doch, der paar Ratten wegen Gift ins Haus zu schaffen! Die schlug man doch leicht mit dem Knüttel tot! Er stellte ihr das vor: eine ganze Nacht wollte er gern unten im Keller auf die Rattenjagd gehen.
Aber sie beharrte bei ihrer Forderung. „Du hast es mir versprochen! Geschworen hast du es mir! Nie werde ich dir wieder glauben, wenn du so meineidig wirst. Nie werde ich dir wieder erlauben, nur meinen Finger zu berühren, wenn du so gering ein Versprechen achtest!“
„Nun wohl, ja, ja, ich gehe ja schon,“ sagte er endlich. Was waren denn da noch so viele Worte zu machen? Missmutig und übelgelaunt fuhr er in die Stiefel.
Sie half ihm; diensteifrig hielt sie ihm den Rock hin.
Aber als er schon seine Arme in die Ärmel gesteckt hatte, zog er sie noch einmal zurück: „Ich werde doch nicht fahren. Wozu? Wir werden Fallen stellen, ja ja! Rufe den Jendrek, der mag gehen, Fallen kaufen. Zwei, drei, so viele not tun. Gleich mag er sie holen aus Gradewitz. Rufe ihn!“
Sie rührte sich nicht: sie war so erschrocken, dass sie zitterte: sollte er ihr so noch in letzter Stunde entschlüpfen?
Er stampfte mit dem Fusse auf: ging sie denn noch nicht, musste er selber den Knecht rufen? Unwirsch trampelte er zur Tür.
Da stellte sie sich ihm in den Weg, da fiel sie ihm an die Brust, halb bewusstlos, gänzlich erschöpft. „Ich — ich werde — wenn du mir dieses zu Gefallen tust — werde ich — ich — dir auch zu Gefallen sein!“
Herr Tiralla fuhr nach Gnesen. Frau Tiralla hatte selber mitgeholfen, das Pferd anzuspannen. Sie hatte es dabei zärtlich geliebkost. Dem Knecht wurde heiss und kalt und begehrlich bei den Schmeichelworten, die das schöne Weibchen an den dummen Gaul verschwendete.
„Laufe, mein Pferdchen, laufe,“ sprach sie schmeichelnd dem Tiere ins Ohr. Und dann stützte sie sich schwach gegen die Stallwand; noch immer konnte sie kaum feststehen, noch immer bebten ihr die Kniee, noch immer flatterte ihr Herz wie ein getäuschter Vogel, dem man das Türchen zur Freiheit geöffnet und im Moment, da er ausfliegen will, doch wieder verschlossen hat. Ihr war erst erträglich zumut geworden, als Herr Tiralla, gestiefelt und gespornt, aus der Haustür getreten war. Und während der Knecht das Pferd noch beim Kopf hielt, dass es nicht anruckte, bis Herr Tiralla aufgestiegen war, trat sie dicht an den Wagen heran und reichte ihm die Hand hinauf: „Fahre wohl!“ Es war etwas von wirklicher Anteilnahme in ihrem Ton, und ihre Augen, die so gleichgültig blicken konnten, sahen ihn an wie mit einer Verheissung.
Schnalzend trieb er das Pferdchen an: „Huj, het!“ Dass er nur bald wieder daheim war! Ermunternd knallte er mit der langen Peitsche. Wenn ihr Herz nun mal daran hing, konnte er ihr ja auch gern zu Gefallen fahren, sie war doch ein süsses Weibchen, seine Zosia!
Frau Tiralla hatte ihrem Mann lange nachgeschaut; zum ersten Mal in fünfzehn Jahren fühlte sie etwas wie Zuneigung für ihn, wie Zuneigung und Dankbarkeit. Aufatmend ging sie dann ins Haus zurück.
Da war es ganz still, so leer, als hätte Herr Tiralla mit seiner lauten Stimme und seiner Breite nie hier gewohnt. Die Magd holte vom Feld aus der Miete Kartoffeln herein, die Knechte waren in der Scheune, Rózyczka in der Schule. Sie war ganz allein.
„Ah!“ Mit einem tiefen Seufzer hob die Frau die Arme und lief durch die Stube, als durchflattre sie den Raum. Wie wohl war ihr, ach, wie Wohl! So wohl war ihr seit Ewigkeiten nicht gewesen. Sie ging durch die grosse Stube und musterte sie. Hier, wo sein Bett stand, hier stellte sie ein Sofa hin — dies war ja der grösste und schönste Raum im Haus, sie würde eine Besuchsstube daraus machen. Oder wenn Mikolai seine drei Jahre herum hatte und vom Militär heimkam, mochte der sie haben; sie beanspruchte die Stube nicht, sie war mit ihrer Bettkammer ganz zufrieden!
Träumerisch setzte sie sich auf einen Stuhl am Fenster und blickte hinaus in die schneeverhangene Weite. Vom Dorf, das sie sonst durch die offenstehende Hoftür mit seinen tief eingesunkenen Hütten unter den moosbehangenen Strohdächern und den neuaufgeführten Backsteinmauern des stattlichen Kruges wie in einem Rahmen sehen konnte, war heute nichts zu erspähen; alles war zugeweht von treibenden Flocken. Ei, war das ein Gestöber, viel Schnee, dichter Schnee! Wenn das so anhielt, würde sich Herrn Tirallas Fahrt verzögern, so rasch konnte er dann nicht wieder nach Hause kehren. Horch, klang da nicht ein Glöckchen schon, das Glöckchen des Pferdchens, das sie selbst angeschirrt hatte?! Erschrocken fuhr sie auf: er würde doch des Gestöbers wegen nicht umdrehen, nicht etwa unverrichteter Sache wieder nach Hause zurückkehren?!
Sie hielt beide Hände auf das pochende Herz gepresst; den Kopf vorgestreckt, lauschte sie scharf, aber dann lächelte sie beruhigt: ach, das war ja gar kein Glöckchen draussen, das klang ihr hier, hier innen in beiden Ohren! Da fing es jetzt an, förmlich Sturm zu läuten. Eine jähe Glut schlug ihr plötzlich zu Kopf, sie musste sich mit beiden Händen an die Stirn fassen und sie stützen und halten. O weh, wie wurde ihr so ängstlich jetzt! Was hatte sie getan — was wollte sie noch tun?!
Mit verängstigten Augen sah sie sich um, die Stille, die Leere entsetzte sie auf einmal. Was sollte sie denn sagen, wenn nun der Sohn vom Militär kam?! Was sollte sie ihm vorerzählen von seinem Vater? Würde er ihr auch glauben? Würde er nicht gehen und mit Fingern auf sie zeigen: ‚Die da, die da hat’s getan!‘ O, was war das für eine grosse Angst! Woher nur auf einmal diese Gedanken kamen? Sie hatte sich doch vorher keine gemacht!
Aufspringend vom Fensterplatz stürzte die Einsame aus der Stube in die Küche; die Leere jagte sie, quälte, peinigte sie so, dass sie es drinnen in Herrn Tirallas Stube nicht mehr aushalten konnte. Aber auch in der Küche war es leer, die Magd noch immer nicht zurück. Fröstelnd kauerte sich Frau Tiralla beim Herd zusammen — wie weit war er nun wohl schon? War er nun wohl schon in Gnesen? Nein, nein, so rasch lief das Pferdchen nicht — doch, doch, es war wohl möglich, halte sie dem Pferdchen denn nicht Zucker gegeben und ihm mit liebkosender Hand den Hals geklopft? Das lief schon wacker. Und wenn er nun schon in Gnesen wäre, wenn er nun schon in der Apotheke gewesen wäre, wenn er es nun gar schon bei sich trüge, das Gift, das Rattengift?! Sie konnte sich nicht helfen, sie musste laut aufschreien vor Angst. Was hatte sie getan?!
„Ach, ach!“ Wimmernd stützte sie den Kopf. Aber sie hatte ja noch gar nichts getan, noch gar nichts verbrochen, was fürchtete sie sich denn so?!
Aber sie würde es tun!
Mit einer zuversichtlichen Gebärde richtete sie sich aus ihrer Versunkenheit auf und strich sich die Haare aus der Stirn: sie würde es tun, denn sie hatte ja darum gebetet. Es gab kein Zurück mehr; die Heiligen hatten es gehört. Hatte ihr denn der Herr Propst nicht damals, als sie noch klein war, immer gesagt: ‚Was du betest, wird erhört‘?! Nun war ihr Gebet schon vor dem höchsten Thron. Daran war nichts mehr zu ändern. Es sollte so sein. Hätten die Heiligen es nicht so gewollt, so wäre Herr Tiralla ja nicht nach Gnesen gefahren trotz all ihres Drängens, trotz all ihrer Liebkosungen!
Diese Gewissheit beruhigte sie. Sie fing an, in der Küche zu hantieren und in alle Ecken zu gucken, ob die Magd auch nicht wieder vom Essen beiseite geschafft hatte für irgend einen ihrer Liebhaber. Die war ja eine so leichtsinnige Person. Wahrlich, wenn man es nicht als Christenpflicht erachten würde, sie nicht in das Elend zurückzustossen, aus dem Herr Tiralla sie gezogen hatte, so müsste man sie aus dem Hause jagen, je eher, je lieber. Die hatte ja noch nicht genug mit den zwei Würmern, mit denen sie Gott weiss wer hatte sitzen lassen. Eigentlich war’s eine Schande, eine solche Dienstmagd im Hause zu haben!
Und doch war Frau Tiralla froh und atmete erleichtert auf, als Marianna jetzt mit einem Korb voll Kartoffeln in die Küche trat. Sie war glücklich, nicht mehr in der Leere so allein zu sein; sie vergass ganz zu schelten darüber, dass es nun schon Mittag läutete und die Kartoffeln noch nicht auf dem Herde kochten.
Die Magd hatte Herrn Tiralla abfahren sehen — nach Gnesen fuhr er, so hatte ihr der Jendrek gesagt — ei, was brauchte sie sich da zu sputen?! Mit der Pani würde sie schon fertig werden; wenn sie der nach dem Munde redete, dann war die schon still und zankte nicht. Was die bloss mit ihren Ratten hatte?! Gift sollte der Herr holen — durchaus — wie wäre sie denn sonst je so zärtlich gewesen?! Hatte sie, die Marianna, das nicht gestern an der Türe erlauscht? Ei, wie die ihm um den Bart gegangen war, gesponnen hatte sie wie ein Kätzchen, das sich auf dem Schösse zusammenringelt. Rattengift — o weh!
Es war der Magd gewesen, als müsse sie ihrem Herrn, da sie ihn heute davonfahren sah, nachrufen: ‚Halt, fahre nicht!‘ Aber sie hatte sich doch auf den Mund geschlagen: was ging sie’s denn an? Wenn er so ein Esel war — seine Schuld! Und dann hatte sie über dem Liebeln mit dem Jendrek hinter der Stallwand ganz den Herrn vergessen. Erst jetzt, als sie in der Küche die Herrin antraf, fiel ihr alles wieder ein.
„Der Herr ist ausgefahren,“ sprach Frau Tiralla. Und obgleich Marianna nicht fragte, setzte sie rasch hinzu: „Nach Gnesen!“ Und dann mit einem Erröten, das die Lüge ihr in die Wangen trieb: „Er will sich Winterstoffe ansehen, zum Anzug, bei Rosenthal!“
Die Magd sagte noch immer nichts, nickte nur und fing an, flink die Kartoffeln aus dem Korbe zu schälen.
„Er wird auch wohl in die Apotheke fahren um Rattengift!“ Frau Tiralla konnte nicht anders, das drängte sich ihr über die Lippen, ganz wider ihren Willen. Sie musste das sagen. Die Stummheit der Magd trieb ihr das heraus. Warum schwieg die so andauernd, was dachte die?! Ein Zittern befiel sie.
Die Magd hob den Kopf. „Da kann sich die Pani ja freuen!“ Sie seufzte und liess den Kopf wieder sinken: „Armes Herrchen!“
„Wieso — was meinst du? ‚Armes Herrchen‘ — warum sagtest du das?!“ Frau Tirallas Zittern wurde immer stärker.
„Ei, is sich denn nicht ‚armes Herrchen‘, bei solch abscheuliches Wetter fahren zu müssen? Wer weiss, wann wiederkommt armes Herrchen!“ Marianna lächelte.
War dieses Lächeln nun harmlos oder boshaft?! Frau Tiralla zerbrach sich den Kopf: nein, nein, die war doch ganz harmlos! Aber der Schrecken, der sie befallen hatte, wollte noch nicht weichen. Bei Gott, sie musste zusehen, sich mit der Magd zu verhalten! Und wenn die Liederliche ihr auch noch so zuwider war, sie musste gut Freund mit ihr sein! So ging sie denn, als die Magd, jetzt gänzlich verstummend, am Herd stand und immer in einem Topf rührte, in ihre Bettkammer und holte ein buntschottisches Tuch, das sie gern um ihre Schultern getragen hatte. „Da,“ sagte sie und legte es der noch immer am Herd Rührenden um, „es ist kalt, und ich sehe, du hast nichts, um dich zu wärmen!“
„Padam do nóg!“ Wie ein Blitz fuhr Marianna herum, bückte sich und küsste der Herrin Knie. „Ei, schönes Tuchchen, so schönes Tuchchen das! Alle Heiligen mögen es Pani vergelten! Möge sie gesegnet sein bis ans Ende ihrer Tage!“ Sie küsste auch das Tuch und tanzte mit ihm in der Küche herum. „Wie mir gut steht! Ei, ei! Und so weich ist, so warm! Ei, und so bunt!“ Strahlend wie ein beschenktes Kind, legte sie den Finger auf die bunten Farben und weidete sich daran.
Nein, von der hatte sie nichts zu befürchten! Frau Tiralla wurde plötzlich sehr guter Dinge. Nein, so alt war sie denn doch auch noch nicht und auch noch nicht so abgestumpft, um nicht begreifen zu können, wie ein armes junges Ding sich über ein buntes Tuch freut! Sie lachte mit der Glückseligen.
Unter Lachen und Spässen bereiteten sie das Mittagsmahl.
Als Rózyczka verspätet aus der Schule kam, sehr müde und überangestrengt vom Waten durch den Schnee, bereitete die Mutter, gut gelaunt, der Uberhungerten noch einen Extraschmaus: einen goldgelben Eierkuchen mit Himbeermus. Dann kochten sich beide Frauen einen starken Kaffee, stellten auch für Herrn Tiralla ein Töpfchen zurück und wärmten ihm das Bett aus mit heissen Steinen. Warm sollte er liegen nach kalter Fahrt.
III.
Rózyczka — Rosa war sie getauft, aber er nannte sie immer Rózyczka, Röschen — war ihres Vaters Lieblingskind. ‚Sein Ebenbild‘, wie Frau Tiralla sagte in einem seltsamen Ton. Ja, die Tochter hatte des Vaters blaue Augen, wenn auch nicht ganz so fahl und wässrig, auch seine Haare, die einstmals, ehe sie missfarben und grau wurden, so blondrot gewesen sein mochten; darum auch hatte die Mutter sich hundertmal abgewandt, wenn das kleine Mädchen auf ihren Schoss verlangt und mit täppisch liebkosenden Fingerchen ihre Wange zu streicheln begehrt hatte.
Aber heute abend war Frau Tiralla liebevoller gestimmt. Verwundert blickte das Mädchen auf, als es eine weiche Hand auf seinem Scheitel fühlte, und schmiegte sich dann sanft mit einem dankbar-glücklichen Aufleuchten der matten Augen an die Mutter.
Herr Tiralla war aus Gnesen heimgekehrt, und nun war es der Frau, als stünde ein Stern über ihrem Haus und wiese ihr hell den Weg, den sie zu gehen hatte. In ihr war eine längst nicht gekannte, befreiende Heiterkeit.
Wie eine Schachtel voller Bonbons, deren er ihr zuweilen aus der Stadt welche mit heimbrachte, so hatte ihr Herr Tiralla das Apothekerpaketchen präsentiert. Hübsch war es eingeschlagen in gestreiftes Seidenpapier und mit rotem Bändchen gebunden. Aber als sie das Schnürchen löste, da grinste auf der Schachtel ein Totenkopf sie an mit darunter gekreuzten Knochen, und ‚Gift‘ hatte sie gelesen und mit einem Aufschrei das Schächtelchen vor sich auf den Tisch fallen lassen.
„Siehst du, nun hast du auch Angst davor,“ sagte Herr Tiralla.
Ah, wie schlecht er sie kannte — sie und Angst?! „Wie macht man’s denn, wie macht man’s denn?“ fragte sie hastig.
Nun belehrte er sie. Er kam sich recht wichtig vor, denn der Apotheker hatte ihn ermahnt, ja recht vorsichtig zu sein. Keinem anderen Menschen würde er so etwas in die Hand geben, hatte der gesagt, selbst auf einen Giftschein hin nicht; nur ihm, dem wohlbekannten Besitzer Tiralla. Hier von diesen weissen Pülverchen, die so harmlos wie feiner Zucker aussahen, streute man auf Stückchen von rohem Fleisch und legte diese in die Ecken: keine Ratte im Keller blieb lebendig. Oder man konnte auch hier aus dem Dütchen von diesem Weizen streuen, dem man’s gar nicht ansah, dass es nicht ganz gewöhnlicher Weizen war, der nur ein wenig rötlicher schimmerte.
„Aber Vorsicht, meine Taube! Zoschchen, ich beschwöre dich, du musst mir versprechen bei deiner Seligkeit, recht vorsichtig zu sein!“ Von einem plötzlichen Angstgefühl befallen, wischte sich Herr Tiralla den Schweiss von der Stirn. Ihm war so heiss auf einmal, trotzdem der Schnee kalt auf seinem Pelzkragen lag und auf seiner Mütze. Er legte ab, warf die Oberkleider von sich und dehnte sich wie beklommen, während sie regungslos am Tische stand und mit glühenden Auge auf das Mitbringsel starrte.
„Was ist denn wirksamer,“ sagte sie ganz verträumt, „die Pulver oder der Weizen?“
„Beides, beides,“ versicherte er ängstlich. „Der Weizen ist schlimm, aber — Heilige Mutter! — von dem weissen Zeuge darf man nur lecken — ah, noch nicht einmal lecken darf man, kaum die Zungenspitze daran bringen, und man ist schon hin. Gift, schreckliches Gift ist’s, furchtbares Strychnin!“ Er schauderte. „Ach, dass ich auch so was ins Haus bringen musste! Der Teufel hat mich geritten. Her damit!“ Er riss es ihr unter den Augen weg und lief hin zum Ofen, in dem die flackernden Holzscheite knackten.
„Bist du verrückt?“ Sie sah seine Absicht: er wollte es verbrennen. Mit einem Sprung war sie ihm im Wege, riss ihm das Päckchen aus der Hand und verbarg es in ihre Tasche.
„Gib’s her, gib’s her!“ schrie er.
Sie lachte ihn aus und hielt ihre Hand fest auf der Tasche.
Da fing er an zu jammern: ach, ach, was hatte er angerichtet! Was war das für eine Dummheit von ihm gewesen, sich so etwas ins Haus zu schaffen! Keine ruhige Stunde hatte man jetzt mehr, ewig musste man denken, es könnte ein Unglück geschehen!
„Aber warum denn,“ sagte sie ruhig und heftete ihre schwarzen Augen fest auf ihn, „warum denn ein Unglück?“
„Ach, ach,“ jammerte er und hielt sich den Kopf.
Sie musste ihn trösten. Ihr Zureden beruhigte ihn; er war wie ein Kind. Zuletzt verlangte er, gestreichelt zu werden; auch das tat sie. Und dann wünschte er, ins Bett gebracht zu werden; er hatte wohl auch getrunken, obgleich er’s leugnete. Die Magd musste auch herbei und helfen; sie zog ihm die hohen Schaftstiefel ab, während er der Frau seinen schweren Kopf an die Schulter lehnte und sie ihn mit ihren Armen umschlingen musste.
Als sie ihn im Bette hatten, waren sie alle beide heiss und rot, so hatte er sie beide schäkernd gekniffen und sich absichtlich unbehilflich gemacht.
Dann liess er sich Rózyczka kommen. Er hatte sie heute den ganzen Tag nicht gesehen; sie war schon nach der Schule gewandert, als er noch geschnarcht hatte, und als er fortgefahren, war sie noch nicht wieder dagewesen. Nun verlangte ihn nach Zärtlichkeit. Das kannte die Kleine schon, dann musste sie sich auf sein Bett setzen und ihre dünnen Ärmchen um seinen Hals legen und ihre kühle Wange fest an sein Gesicht drücken. Dann flüsterte er mit ihr wie mit einer Liebsten und gab ihr hundert Schmeichelnamen. Er nannte sie sein Füchschen, sein Sternchen, sein Vögelchen, sein Sönnchen, seinen Augentrost, sein Balsamkraut, seinen Schutzengel, seinen Himmelsschlüssel, der ihm den Himmel aufschloss.
Und die Kleine lächelte und streichelte ihn mit ihren sanften Händen. Sie war ihm so gut; all das, was ihr die Mutter nicht gewährte, gab ihr der Vater. Und doch hatte sie auch für jene eine heimliche Liebe — sagten denn nicht alle Leute: ‚die schöne Frau Tiralla‘?! und trug ihr der Herr Lehrer, der doch sonst so barsch war, nicht öfters einen Gruss an die Mutter auf und sah ihr wohl gar Fehler nach und zog sie vor, eben weil sie die Tochter der schönen Frau Tiralla war?! Rózia wusste, dass sie nicht hübsch war, wenigstens fand sie sich selber nicht hübsch, wenn sie vorm Spiegel ihre rotblonden, krausen Zöpfe flocht. Schwarz wie Ebenholz und glatt wie Seide war das Haar der Mutter, und doppelt schön erschien ihr deren gelbliches Weiss mit dem Hauch von Rot auf den Wangen gegen die eigenen Sommersprossen. Die Halbwüchsige sehnte sich, schön zu sein, warum, das wusste sie selber nicht; es gab ihr eine gewisse Niedergeschlagenheit und Gedrücktheit, dass sie eben nicht schöner wurde, so inbrünstig sie auch darum betete. Alle Abend kniete sie vor ihrem Bett in der Kammer, die sie mit Marianna teilte, und hob die Hände und flehte und wusste selber nicht recht, um was alles.
Marianna war auch eine gläubige Christin, und oft, wenn sie schon lange im Bett lagen, erzählte sie dem aufgeregt lauschenden Kinde noch von allerlei Zeichen und Wundern, von Besprechungen und Heilungen, von all den merkwürdigen Begebenheiten, die sich da und dort in der Gegend zugetragen hatten.
Hatte nicht ein Besitzer, der Herr Kiebel, als er letzten Jahrmarkt von Wronke nach Obersitzko fuhr, hinter sich im Walde tuten hören, nicht weit vom neuen Judenkirchhof? ‚Tut, tut, tut!‘ Aber er war abgestiegen und hatte vor die zitternden Pferde und neben und hinter den Wagen — rund herum — lauter Kreuze mit dem Peitschenstiel in den Schnee gezeichnet, da war der Nachtjäger an ihm vorübergesaust mit ‚Tut, tut‘ und Gebell und schrecklichem Gejage. So stark war das Flattern seines Mantels gewesen, dass es Pan Kiëbelski beinahe vom Wagen heruntergeweht hätte; aber die Kreuze schützten den Frommen, der Nachtjäger musste weiter.
Und bei Ossówiec war ein Berg, auf dem hatten die Hexen im vergangenen Juni sich versammelt und würden es nun bald wieder im Dezember tun und beratschlagen, wo sie überall hinfahren wollten in Staub und Wind. Aber malte man an Türen und Wände ‚K M B‘, die Anfangsbuchstaben der heiligen drei Könige, so konnten sie nicht hinein, und dann konnte einem keine Hexe ’was in den Teller spucken. Oder aber man brauchte auch nur, ehe man ass und trank, bei sich zu sprechen: ‚Gesegne es Gott‘, dann schadete kein Hexenwerk, Gott hielt seine Hand über den Teller gereckt.
Gott Vater — wer fleissig zu ihm betete oder zu Jesus Christus, seinem Heiligen Sohne, oder zur Hochheiligen Mutter Maria, der brauchte auch den Teufel nicht zu fürchten, der vor vier Wochen in Latalice, nördlich von Gradewitz, dein Müller Kiërski, der immer fluchte und so fleissig trank, hinter seiner Scheune auf dem Mist in der Mitternacht beinahe den Hals umgedreht hätte. Ganz steif hatte er schon dagelegen und ganz blau im Gesicht; wenn nicht Sankt Petrus Hahn auf das Mühldach geflogen wäre und da dreimal gekräht hätte, sodass der Teufel vermeinte, der Haushahn krähe schon den Morgen an, so hätte man Müller Kiërski mit herumgedrehtem Kopfe, das Gesicht im Rücken, mausetot gefunden; seine Seele aber wäre schon in der Hölle gewesen.
Marianna glaubte fest daran, dass die Nachtgespenster auch hier in den Fichten schrieen, dass die Hexen in den Winden tanzten, die draussen fauchten; vor allem aber, dass der Teufel, der unten im Przykop wie ein Irrlicht umherlief, gern ins Haus hinein wollte, um sich eine Seele zu holen für seine Hölle. Aber auch, wenn sie selber nicht so fest an all dies geglaubt hätte, so wäre es ein Vergnügen für sie gewesen, dem zitternden Kinde, das längst aus seinem Bett in das ihre gekrochen war, und sich dicht an sie schmiegte, allerlei Seltsames zuzuwispern. Immer abenteuerlicher wurden die Erzählungen, immer schauriger. Die Stunde der Nacht, das Stöhnen des Windes, das Klagen der Käuzchen, die in den alten Fichten am tiefen Grund hockten, vor allem aber die Dunkelheit der Kammer, die Schneestille, die Abgeschiedenheit, befruchteten die Phantasie der Magd. Alles gewann ein Gesicht und belebte sich; in jedem Baum seufzte ein Wesen, aus jedem Stein sprach eine Stimme, unter jedem Acker rang ’was nach Luft, in jedem Tümpel lauerte etwas Zweige, die an die Scheiben klopften, waren die Finger Abgeschiedener, Sterne, die über’s Haus zogen, waren wandernde Seelen, und Wolken und Winde waren der Prophezeiungen voll. Als sie noch ein Kind gewesen war, so versicherte Marianna, und ins Korn gelaufen war, um Ähren zu raufen und sich von den roten Mohnblumen einen Kranz zu binden, da hatte der Zagak sie beinahe gegriffen, ein grosser Mann mit einem Knotenstock, mit einem zerlöcherten Hut auf seinem Kopf und mit Schuhen, aus denen die Zehen heraussahen. Wäre da nicht zufällig ein Bauer, ein frommes Lied singend, in der Nähe vorbeigefahren mit knarrenden Rädern, so hätte der Zagak nicht von ihr abgelassen. So war sie davongekommen mit dem blossen Schrecken und mit einem zerrissenen Rock. Ihr schauderte noch, wenn sie an den Zagak dachte — hu, hu! Gut, dass der Mann nicht hier herein ins warme Bett zu ihr konnte! In wollüstigem Schauer rüttelte sich die üppige Magd, und sie und das Kind schlossen sich enger aneinander.
Dann krampften sich Rózyczkas Fingerchen fest um Mariannas derbe Finger, und sie singen alle beide an zu beten aus Leibeskräften. Was blieb ihnen weiter übrig in Nacht und Einsamkeit, umgeben von bösen Geistern, die sich in der Finsternis überall hervorstahlen?! Sogar aus des Menschen Brust. Nur Beten rettete. Und sie beteten und beteten.
Dann liefen über Rózyczkas zartes Gesicht Schweisstropfen und Tränen, und ihre Glieder zuckten. Ach, wenn doch die Gottesmutter käme und sie unter ihren blauen Mantel nähme! Ihr war so bang, so weh. Der Kopf schmerzte sie, der Rücken und die Brust auch, der Hals wurde ihr eng, ordentlich schwer fiel ihr das Schlucken; wie Fieber brannte es ihr in den Augen.
„Heilige Maria, Gottesmutter!“ Die angstvollen Augen des Kindes, die kaum über das Deckbett wegsahen, so hoch hatten sie sich’s heraufgezogen, bohrten sich ins Dunkel. „Alle guten Geister loben Gott! Liebe Heilige Mutter, gegrüsst seist du, Maria“ — — — ah, da war sie ja, da stand sie ja im Dunkel und nickte!
Das Dunkel war auf einmal kein Dunkel mehr, und das Klopfen der Finger am Fenster und das Ächzen des Windes ums Haus verloren auf einmal das Schreckliche. Ei, wie lieb war die Gottesmutter, wie sanft, und so schön! Sie nahm das verängstigte Kind in ihren Schutz und lächelte ihm zu, bis seine brennenden Augen zufielen, bis ein herrlicher Traum, der noch kein fester Schlaf war, aber doch ein wohliges Hindämmern, seine Seele mit einem süssen Schreck erfüllte. —
Kein Wunder war es, dass Rózia Tiralla, als ihr Vater heute abend mitten im Schäkern mit ihr wieder zu jammern anhub: „O, was habe getan, o, o, die Angst! Keine ruhige Stunde habe ich mehr! Der Teufel hat bei so ’was die Hand im Spiele —“ sehr ernsthaft sagte: „Warum hast du Angst? Rufe die Gottesmutter an, die trägt einen blauen Mantel, darein wickelt sie dich. Ich habe auch oft Angst, aber dann habe ich keine Angst mehr. Soll ich sie rufen?“
„Ja ja!“ Herr Tiralla, der zu anderen Zeiten laut gelacht haben würde, nickte heute heftig. Und dann flüsterte er dem Kinde ins Ohr, so leise, dass seine Zosia, die am Tisch wie auf dem Sprunge stand und lauschte, nichts verstehen konnte: „Ich habe Angst, ich weiss nicht warum. Bete, bete!“
Rózia rutschte vom Bett herab, kniete nieder auf dem Rehfell davor und hob die zusammengelegten Hände zu ihrem blassen Mund. Sie betete inbrünstig. Es waren die alten, tausendmal gebeteten, mechanisch hergesagten Gebete, aber von ihren Lippen bekamen sie Feierlichkeit. Des Mädchens dünne Stimme wurde tiefer und klangvoller. Das rötliche Haar bauschte sich locker um die Schläfen, der Lampenschein fiel darauf; es war wie ein Strahlenkranz.
Frau Tiralla hob den Kopf und sah die Tochter an; sah sie an und stutzte, herausgerissen aus Gedanken, die sie durchstürmten mit einer solchen Unwiderstehlichkeit, dass sie schwach wurde, unfähig zu jedem Widerstand. Ei ja, da war Rózia und da Rózias Vater, aber ganz war Rózia doch nicht ihres Vaters Ebenbild — ah, die hatte auch ’was von ihr! Und Frau Tiralla fühlte sich wie mit Zauberkraft um zwanzig Jahre verjüngt, sah sich in ihres Propstes stiller Studierstube und vernahm wiederum die wunderbaren Dinge, mit denen er sie so unwiderstehlich an sich gefesselt hatte. Still hatte sie dabei gesessen, aber heiss war sie geworden und rot; noch jetzt fühlte sie, wie das Blut ihr damals zu Kopf geschossen war wie im Rausch.
Ach ja, die da, das Mädchen da, bei Gott, die musste Nonne werden! Das krause Haar, das im Lampenschein flimmerte, würden sie ihr abschneiden und unter den Brautschleier der Kirche tun; die Linnenbinde würde die Stirn bedecken und das Kinn. Nur das feine Näschen guckte hervor und die blauen Augen — ah, wie lieblich würde Rózia aussehen in der heiligen Tracht! Als Rose würde sie blühen in des Heilands Garten. Eine plötzliche Liebe für ihre Tochter erfasste Frau Tiralla, sie ging hin und legte ihre Hand auf des Mädchens Scheitel. —
Heute abend war Rózia glücklich. Ihre Mutter hatte zur guten Nacht sie gar geküsst, und ihr war dabei, als durchzucke sie eine Flamme. Heute mochte sie nicht Mariannas Geschichten hören, nach denen sie sonst immer verlangte. ‚Ich will nur beten,‘ sagte sie. Und sie betete, dass ihre Mutter ihr doch immer lächeln möge. Sie bewunderte sie ja so sehr, ihren schlanken Wuchs, ihr schönes Haar und ihre samtigen Augen. Niemand war so schön wie die Mutter, nur die Gottesmutter noch!
Während Rózia noch betete, fielen ihr schon die Augen zu, und im Eindämmern sah sie plötzlich die Gottesmutter am Bette stehen. Die hatte ganz genau dasselbe Gesicht wie die Mutter und trug auch dasselbe Kleid, einen dunkelblauen Rock und eine hellrot gestreifte Bluse. Und die Gottesmutter beugte sich über sie, so dicht, dass sie deren warmen Atem an ihrer Wange fühlte — die horchte wohl, ob sie schon schliefe. Dann richtete sich die Gottesmutter wieder auf und horchte hinüber nach dem Bette, in dem Marianna längst schnarchte, und dann ging sie leise zur Tür hinaus. O, wie schön, wie schön war doch die Gottesmutter! Mit lallenden Gebetsworten auf den Lippen schlief die Kleine fest ein.
Aber Marianna schlief nicht, wenn sie sich auch so gestellt hatte. Was hatte denn nur Frau Tiralla, dass sie bei nächtlicher Zeit durchs Haus wanderte?! Das Ohr des Landmädchens, das scharf war wie das des Waldtieres, hörte das leise Tappen treppauf, treppab — der Ruhelosen Umhergehen durch die Räume. Warum schlief die Herrin nicht? Und was hatte sie vorhin hier oben gewollt, hier oben bei ihnen in der Kammer?! Die trieb ’was um!
Als das Kind gleichmässig und tief atmete, setzte sich die Magd aufrecht im Bett und legte die Hand hinters Ohr: nun war die Frau in der Küche — psia krew! — was rappelte die denn so mit der Kaffeemühle? Oder war es die blecherne Dose, in der sie den Zucker verwahrten, mit der sie so klapperte?!
„Alle guten Geister!“ Marianna schlug ein Kreuz — sollte die da unten wohl dem Teufel zu Gefallen sein?! Gift hatte der Herr mitgebracht aus Gnesen — Rattengift! Die hurtigen Augen der Magd hatten die Schachtel wohl auf dem Tisch stehen sehen, die weisse Schachtel aus der Apotheke mit dem schwarzen Totenkopf darauf. Wenn die da unten nun dem Herrn ’was davon in den Kaffee mahlte oder unter den Streuzucker mischte, den er, ein ganzes Schälchen voll, in seine Tasse zu schütten liebte?! Heilige Mutter!
Ganz klein machte sich die Magd im Bett und zog sich das Deckbett bis über die Ohren. Sie wollte nichts sehen, sie wollte nichts hören. Was ging sie’s an?! Der Herr war gut, die Herrin war aber eigentlich auch gut, es war immerhin eine schwere Sache für einen armen Dienstboten, der noch dazu zwei Kinderchen auf dem Halse hatte, sich ganz auf die eine Seite zu schlagen. Es war besser, man verhielt sich nach beiden Seiten!
Aber obgleich Marianna zuletzt beide Zeigefinger in die Ohren steckte — das dicke Federbett genügte ihr noch nicht — so hörte sie das ruhelose Hin und Her doch. So ging’s bis gegens Morgengrauen, sie konnte darüber nicht schlafen. Das war ihr sonst kaum je passiert, dass sie eine Nacht nicht völlig verschnarcht hätte; heute krähte schon der Haushahn auf dem Mist, und die Kühe brüllten dumpf, als sie endlich eindruselte.
Sie hatte sich gründlich verschlafen; als sie nach ängstlichen Träumen auffuhr, stand Rózyczka schon vor dem Spiegelscherben und flocht ihre beiden Zöpfchen, und vom Hofe herauf klang schon Holzschuhgeklapper, und die Kette, an der Jendrek den Wassereimer aus dem Brunnen zog, klirrte.
„Jesus Maria!“ Ärgerlich fuhr Marianna aus dem Bett und herrschte die Kleine an: „Warum wecktest du mich nicht, du Kobold?“
„Gerade, jetzt gerade wollte ich es tun,“ entschuldigte sich Rózia, die in ihrem kurzen Unterröckchen und den blossen Schultern noch recht unentwickelt und dürftig aussah. „Gerade wollte ich dich anstossen!“
Aber man sah es Rózia an, sie hatte gar nicht daran gedacht, die Magd zu wecken, ihre Gedanken waren anderweitig in Anspruch genommen. Sie träumte eben weiter mit offenen Augen. Ach, wenn sie doch sagen dürfte, was sie geträumt hatte! Es war so schön gewesen! Die Gottesmutter hatte ihr das Jesuskind zu halten gegeben, und sie hatte das weiche, warme Körperchen an ihrer Brust gefühlt. Wie es sich anschmiegte! Selig lächelte die Halbwüchsige in den blinden, seifen-bespritzten Spiegelscherben hinein.
Marianna rannte ungewaschen, ungekämmt hinab in die Küche. O weh, da stand schon die Herrin, sauber frisiert und niedlich wie immer, am Herd! Hatte sie wohl gar schon den Kaffee gemacht?!
Frau Tiralla sprach: „Der Kaffee ist fertig, du kommst ja so spät!“ Aber sie schalt nicht über’s Verschlafen, sondern händigte der Magd das Tablettchen ein, darauf die Kaffeetasse stand, gross wie ein Kübel: „So, das trage ihm nun hinein. Gesüsst ist schon!“
Mit aufgerissenen Augen sah Marianna die Herrin an. Alle Verschlafenheit war plötzlich von ihr gewichen; alles, was sie heute Nacht sich ausgedacht hatte, fiel ihr auf einmal wieder ein. Sie stotterte etwas und stand noch, bis die Herrin lachend rief: „Aber so bringe es ihm doch, was stehst du so dümmlich?!“
„Nein, es konnte nicht sein, dass einer, der ’was Giftiges in den Kaffee getan hatte, so lachen konnte; Marianna war ziemlich beruhigt. Aber als sie das Tablett über den Ziegelflur trug, schlug sie zur Sicherheit doch lieber ein Kreuz darüber: „Gesegne es Gott!“ Nun schadete es nichts! Und als ihr der Kaffee warm und stark in die Nase duftete, konnte sie sich nicht enthalten, rasch einen Schluck zu tun. Sie war noch so nüchtern, was Warmes würde gut tun! Ei, und war der Kaffee mal stark; trotzdem er gesüsst war, schmeckte er noch so bitter — pfui! Aber gut war er doch! Noch einmal einen ordentlichen Schluck.
Da schrie innen Herr Tiralla: „Psia krew, Frauenzimmer verdammtes, du naschest wohl, dass ich meinen Kaffee nicht kriege!“ Ein Stiefel, von kundiger Hand geschleudert, flog durch die halbgeöffnete Tür der Marianna mitten vor die Schürze. Da schrie sie hell auf und liess das Tablett fallen; auf ihre Füsse, auf den Ziegelflur hinab floss der gesüsste Kaffee.
„Psia Krew!“ Ein zweiter Stiefel kam geflogen. Die Tür sprang nun vollends auf, und man sah Herrn Tiralla auf seinem Bettrand sitzen, im kurzem Hemd, und mit den blossen Beinen nach den Pantoffeln angeln, die unters Bett gerutscht waren.
Auf der Schwelle stand die Magd, ganz begossen.
Herr Tiralla brach in ein schallendes Gelächter aus. „Du bist ein Tolpatsch, du bist ein Ungeschick!“ schrie er und klatschte sich die Lenden. „Bei Gott, nie habe ich ein dümmeres Schicksel gesehen! Glotze mich nicht so dummlich an — na na, zu heulen brauchst du nicht gleich! Geh, hole neuen Kaffee!“
„Die Pani wird mich schlagen!“ schluchzte das Mädchen. „Hab ich Angst, o, hab ich grosse Angst!“
„Frau,“ rief Herr Tiralla, der besonders gut ausgeschlafen hatte, „Frau, das dumme Mondkalb hat den Kaffee vergossen — Zoschchen, schlage sie nicht!“
Schon war Frau Tiralla zur Stelle; sie wurde totenblass, als sie den gesüssten Kaffee am Boden rinnen sah wie ein braunes Bächlein, und wurde dann glühend rot.
Schon duckte sich die Magd: jetzt würde die Herrin losschlagen! Aber sie schlug nicht los. Sie erhob nicht einmal drohend die Hand, sie sagte nur: „Es hat nicht sollen sein. Mache ihm einen anderen Kaffee!“ Holte dann selber einen Lappen, wischte selber auf, las die Scherben zusammen und sagte kein Wort weiter.
Marianna war ganz verwirrt: noch nie hatte sie einer Herrschaft etwas zerschlagen, ohne dass sie dafür einen Denkzettel bekommen hätte — und heute nicht mal eine Ohrfeige, nicht mal die Androhung einer solchen! Marianna ging umher wie ein witternder Hund: hier ging ’was nicht mit rechten Dingen zu! Hier war es nicht geheuer! Sie belauerte die Herrin. Aber die sass drinnen in der Stube beim Fenster und las; der Herr war hinaus anfs Feld gegangen, einen Hasen wollte er schiessen. Und Rózyczka war in der Schule. Ach, hätte sie nur eine Menschenseele zum Reden gehabt!
Die Magd fühlte sich beklemmt, als drücke sie ein viel zu schweres Geheimnis. Aber sie fühlte sich auch in Wirklichkeit seltsam beklommen auf der Brust. Was war das nur?! Sie musste in einem fort hastig atmen wie unter einem schweren Druck und den Speichel, der ihr im Munde zusammenlief, konnte sie gar nicht herunterkriegen; die Kehle war ihr so enge. Eine plötzliche Angst fiel sie an. Und einen Durst hatte sie, einen Durst! Der Mund war ihr so trocken, wie ausgebrannt. Schwankend ging sie zum Wassereimer, sie wollte trinken, aber sie konnte nicht. Heilige Mutter, warum konnte sie denn auf einmal nicht schlucken?! Ein Zittern lief ihr durch den ganzen Körper, ein Zittern, so stark, dass sie sich hinsetzen musste, wo sie gerade stand, platt auf den Boden. O, wie war ihr schlecht, ganz entsetzlich schlecht! Es wurde ihr schwarz vor den Augen, nass wurde sie am ganzen Körper von Schweiss. Und jetzt konnte sie auf einmal gar nicht mehr atmen. Sie wollte schreien, um Hilfe rufen, auch das konnte sie nicht. Sie rang, um aufzukommen, aber sie war steif wie ein Brett; der Kopf sass ihr fest wie in Eisen. Ihre Fäuste ballten sich im Krampf. O blutiger Heiland, erbarme dich! Sollte sie sterben hier?! Wie weh tat ihr alles, alles so weh, Brust, Bauch, Arme, Beine!
In furchtbarer Hilflosigkeit lag die Magd am Boden, bis der Atem ihr wiederkam und sie sich stöhnend aufraffen und hinauswanken konnte aus der Küche hinters Haus. Da stand sie nun, sich mit einer Hand gegen die Hauswand stützend, und ein schreckliches Würgen, bei dem es ihr bitter in den Mund kam, grausig bitter, erschütterte sie so, dass sie sich kaum auf den Füssen erhielt.
Jendrek kam dazu. Er lachte sie aus, als er sie so dastehen sah: he, war sie denn heimlich zu Tanze gewesen? Erntefest war doch schon vorüber, und Heilige drei Könige war noch nicht da! Er höhnte: ei, ihr hatte es aber mal gut gemundet! Was hatte sie denn Leckeres gegessen und getrunken, dass sie zu voll davon war?!
Sie gab keine Antwort. Sie konnte nur ein wenig den Kopf heben und ihn seltsam anstarren mit Augen, in denen die Pupillen ganz riesig gross waren.
Da bekam er doch einen Schrecken — hu, sah die aus! — und anstatt ihr zu sagen, wie es ihn freue, dass sie auch einmal fühle, wie ihm des Montags immer zumute sei, packte er sie am Arm: „Fehlt dir ’was? Sage!“
Sie aber stöhnte und nickte schwach. Wie er vorhin gesprochen hatte: ‚Was hast du gegessen?‘ — ja ja, da hatte es ihren dumpfen Schädel durchfahren: ihr war ’was angetan, sie hatte ’was gegessen oder ge — —
Und: „Gift, Gift!“ schrie sie plötzlich gellend auf, warf sich zu Boden und wälzte sich heulend, dass der Knecht zehn Schritte zurückfuhr vor Schrecken.
Frau Tiralla musste innen im Haus das Schreien auch gehört haben, schon kam sie heraus. Sie lief hin zur Magd, und als diese noch immer grässlich schrie: „Gift, Gift!“ und sich, die Hände auf den Leib gepresst, wie eine Unsinnige wälzte, wurde sie selber so leichenblass, dass der Jendrek dachte, auch sie würde gleich umfallen. „Still, still,“ sprach Frau Tiralla hastig und drückte der Marianna die Hand auf den Mund. Als diese sich wehrte und dumpf weiter gurgelte: „Gift, Gift,“ sah sie um sich wie ein in die Enge getriebenes verängstigtes Tier.
Dem Jendrek wurde ganz angst vor den wirren Augen der Frau. „Werde ich laufen nach Gradewitz, Doktor holen,“ sagte er sehr verschüchtert.
„Nein,“ stiess die Frau heraus. Und dann, sich ermannend, schrie sie ihn an und hielt ihn am Kittelzipfel: „Bist du verrückt? Sie ist nur betrunken — nur betrunken — weiter nichts!“
„Bin ich nicht betrunken,“ heulte Marianna; und dann wurde sie wütend: „Der Esel, der Jendrek, spricht, ich sei betrunken. Soll er sich an eigene Nase ziehen. Hab ich nicht getrunken — nichts — keinen Tropfen nicht, kann ich schwören bei Gott!“ Marianna konnte jetzt auf einmal wieder sprechen. „Der Esel der! Hab ich nur Gift in Leibe — bin ich vergiftet — muss ich sterben — o, o!“
Der Knecht machte grosse Augen. Frau Tiralla sah, wie er aufhorchte; sie wurde so glühend rot, wie sie vordem blass gewesen war, Blässe und Röte jagten sich förmlich auf ihrem Gesicht. Gezwungen lachte sie kurz auf: „Unsinn — Gift — woher?! Du sprichst irre, mein Kind! Komm, so“ — sie half der Magd vom Boden auf — „so, stütze dich auf meinen Arm! Ist dir schon besser — ja, nicht wahr, es ist dir schon besser? Ich werde dich zu Bette bringen. Ich werde dir einen starken Tee kochen. Ich werde dir Wärmkruken machen. Und danach, wenn dir besser wird sein, werden wir sehen, ob dir von meinen Unterröcken einer wird passen, du musst wärmer gekleidet gehen!“ Sie befühlte das dünne Röckchen der Magd. „Sie hat ja nichts an! Sie hat sich erkältet! Ich werde schon sorgen. Dir ist jetzt besser, nicht wahr? Heilige Mutter! Marianna, so sage doch, dir ist schon besser?!
Marianna schüttelte verneinend den Kopf. Sie tat nun wieder sehr kläglich, verdrehte die Augen, stöhnte, wimmerte und hing sich so schwer an die Herrin, dass sie alle beide taumelten.
Jendrek musste zuspringen. Sie nahmen das Mädchen in die Mitte und schleiften es ins Haus hinein, die Treppe hinauf und ins Bett.
Der Knecht, als er sah, wie sich die Herrin um die Magd mühte, glotzte ganz starr: ‚Bei Gott, die war aber mal eine gute Frau!‘
Frau Tiralla rieb der Marianna die eiskalten Füsse und die Hände, und dazwischen fragte sie in einem fort: „Ist dir noch nicht besser? Ach Gott, dir ist doch schon besser, nicht wahr?!“
Es rührte den Knecht, wie die Gute sich ängstigte; man hörte es ja ihren Fragen an: ‚Ist dir schon besser, ist dir denn noch nicht besser?!‘ Da möchte man auch schon krank sein, dachte sich Jendrek und nahm sich vor, das nächste Mal am Montag auch so zu schreien und zu stöhnen: ‚Gift, Gift!‘ und sich auch so lang an den Boden zu legen und sich auch so zu wälzen. Es musste recht süss sein, wenn der Frau weiche Hände einen so streichelten — über die Backen, über die Stirn — wie sie jetzt der Marianna tat, und sie dabei fast weinte. Und wenn sie dann in die Küche rannte, was hast du was kannst du, und Tee brachte, gutes Warmes, eine ganze Tasse voll, und einem die an die Lippen hielt: ‚Trinke, mein Liebchen, trinke!‘
Aber Marianna mochte nicht trinken. Sie schlug der Herrin fast den Tee aus der Hand. Und als diese sanft zuredete: „Trinke, ei, so trinke doch, es wird dir gut tun,“ sagte sie patzig: „Werd ich mich hüten. Trink ich nicht!“ und kehrte sich ab, das Gesicht nach der Wand zu.
Ei, warum trank sie denn nicht so etwas Gutes?! Das hätte der Knecht gern gewusst.
Aber Frau Tiralla fragte nicht. Die Tasse klirrte in ihrer Hand; als sie vom Bette zurücktrat, zitterte sie so, dass sie sich hinsetzen musste auf den nächsten Schemel. Für einen Moment schloss sie die Lider ganz schwach. Aber dann riss sie sie auf, und die fragenden Blicke des Knechts bemerkend, sagte sie, wie entschuldigend, ihn dabei anschauend mit einem süssen, schüchternen Lächeln fast: „Ich bin nicht sehr stark. Mich greift es so an. O, der Schrecken!“
Als sie nun die Treppe hinabstiegen, die steil war und dunkel, tastete sie nach seinem Arm: „Führe mich, Jendrek! Ich kann nicht allein gehen. O, die arme Marianna!“
IV.
Der Winter war lang in Starydwór.
Und der Winter war immer diejenige Jahreszeit, die Frau Tiralla am wenigsten behagte, denn dann war Herr Tiralla fast den ganzen Tag zu Hause. Er wurde immer bequemer; nicht einmal auf die Jagd gehen wollte er jetzt mehr. „Wozu Hasen schiessen?“ sagte er. „Die kann ich ja billig kaufen, jeder Komornik schlägt mir einen tot. Ich bleibe lieber bei Zoschchen im Stübchen!“
Die schöne Frau Tiralla war mager geworden in diesem Winter. „Elfenhaft schlank,“ sagte Herr Schmielke, der Steuerbeamte. Es war abends im Krug, dass die vornehmsten Leute zusammenkamen und die wichtigsten Ereignisse besprachen. Und da nicht viele Ereignisse sich zutrugen in Starawieś, Gradewitz und Umgegend, sprachen sie über die Tiralla. Das taten sie öfters; denn den Männern war sie das Interessanteste in Starawieś, Gradewitz und Umgegend.
„Zum Donner, ist das Weibchen schön,“ sagte irgendeiner, und ein anderer setzte hinzu: „Ein Jammer, dass die der alte Esel hat!“
„Nichts zu machen,“ seufzte der Steuerbeamte, der bei der Garde in Potsdam gedient hatte und, sehr schneidig, gewohnt war, alles im ersten Anlauf zu nehmen. „Absolut nichts zu machen, meine Herren! Ich habe schon versucht — aber ehrlich gesagt — auch mich hat die Tiralla abblitzen lassen. Ja ja, die Tirallala!“ Er strich sich den Schnurrbart und legte sich auf seinem Stuhl ganz hintenüber, damit er so nebenan in die allgemeine Wirtsstube sehen und dem jungen Bauernmädchen zuzwinkern konnte, das, dumm und linkisch, dem Wirt hinterm Schenktisch half.
Lehrer Böhnke ärgerte sich: da kam dieser Berliner in die gutpolnische Gegend hereingeschneit und bildete sich ein, gleich die schönste Frau für sich zu gewinnen! Nein, für so einen war diese Rose nicht gewachsen, für so einen, ohne jede höhere Schulbildung, der nur hervorgegangen war aus dem Unteroffiziersstande. „Sprechen Sie doch nicht so laut, schreien Sie doch die Namen nicht so!“ Der Lehrer sprang auf und schloss die Tür nach der Schenkstube. Er ärgerte sich, dass sein bleiches Gesicht dunkelrot wurde. Ansehnlich freilich war dieser Schmielke, und man durfte es auch nicht ganz mit ihm verderben, er repräsentierte eben den preussischen Staat, aber — aber es war eine Frechheit von ihm, überhaupt nur an Frau Tiralla zu denken! An diese gebildete Frau, eines Lehrers Tochter! Eine kolossale Frechheit war es! Zum Lachen! Und er lachte gereizt.
„Ei, hier geht es ja recht fröhlich zu,“ sprach ganz überraschend eine Stimme von der Türe her. Das war der Herr Propst, der sie leise wieder geöffnet hatte und nun den Kopf mit den gesträubten weissen Haaren über der kantigen Stirn und den lebhaften braunen Augen hereinsteckte. „Wer ist denn alles da? Lehrer Behnka — dobri wieczor!“ Er nickte leichthin und ein wenig herablassend dem Lehrer zu, der respektvoll aufgesprungen war; dann begrüsste er sehr freundlich den Steuerbeamten, der zwei Finger vorn in seiner Uniform, hintenübergelehnt mit dem Stuhle kippelte.
„’n Abend,“ sagte Schmielke, der Steuerbeamte.
Sein Freund, der Postassistent Ziëntek aus Gradewitz, der sich hier in Starawieś besser amüsierte als dort, wo ihn jeder Mensch kannte, und der öfter noch abends spät angeradelt kam, ärgerte sich als guter Katholik im geheimen, wie sehr Schmielke, der Ketzer, es an sich herankommen liess. Er selber war aufgestanden wie der Lehrer, wenn auch nicht ganz so rasch, und schüttelte dem Herrn Propst die Hand.
Propst Szypulski war an den Tisch getreten; er sah ja, es waren lauter gute Bekannte, vor denen er sich nicht zu genieren brauchte. Es war ihm gar so einsam gewesen in dem engen Studierstübchen, das seine grosse, breite Gestalt kaum zu fassen vermochte. Immer lesen kann man doch nicht! Zu den Besitzern der Umgegend zu einem Spielchen Préférence zu fahren, war auch nicht möglich, denn die Wege waren jetzt weglos. Ach, es waren jetzt auch zu viele Deutsche unter den Angesessenen! Selbst nicht bis Gradewitz zum Amtsbruder, eine Stunde auf der Chaussee, konnte man jetzt gelangen. Am Ende, was hätte man denn dort auch gehabt? Im Gasthof am Markt konnte man doch nicht sitzen, da waren zu viele Augen. Aber hier, wer sah einen hier in der Schneenacht, wenn man, die Soutane hochgerafft, zum Kruge schritt? Höchstens ein paar dumme Bauern, die so tief knixend grüssten, als sei der Herr Propst der Herrgott selber. Und hier im Krug fand man doch Menschen, Menschen!
Propst Szypulski hatte wohl das Gefühl, dass es nicht ganz passend für ihn sei, im Kruge zu sitzen — seine Vorgesetzten würden es übel vermerkt haben. Aber trank er denn mehr, als er vertragen konnte? Kein Mensch hatte ihn je noch betrunken gesehen. Im Geist revidierte er einen Amtsbruder nach dem andern — wo war einer, der nicht auch Mensch gewesen wäre?! Und warum wurde man auf einen so entlegenen Posten geschickt?! Ländlich sittlich! In der Schneenacht der Wintertage, die kein Streiflicht erhellte — Zeitungen bekam man kaum zu Gesicht, ihre Lektüre war ja auch nur verderblich — in dieser monotonen Stille, die kein Pfiff einer Lokomotive belebte, denn weit jenseits Gradewitz ging die Eisenbahn, schliefen die Skrupel allmählich ein.
„Von was sprechen denn die Herren?“ fragte Propst Szypulski interessiert. Bald war er mitten drin im Gespräche über die Tiralla. Sie war sein Beichtkind. „Ein braves Frauchen, ein allerliebstes Frauchen,“ lobte er sie.
„Hochwürden,“ sagte der berittene Gendarm Krauz, der unten am Tische sass, und strich seinen martialischen, schon graumelierten Schnurrbart, „neulich hatte ich grossen Krach mit ihm, dem Tiralla. Die Frau hat mir leid getan. Man sollte sprechen, es ist nicht möglich, aber es ist mir angezeigt worden, und es ist so: der Tiralla lässt sich Hasen totschlagen von den Tagelöhnern! Es kommt ihm gar nicht darauf an, ob’s auf anderer Leute Acker ist. Ich bin ihm auf die Bude gerückt, er hat nicht mal abgeleugnet, gelacht hat er! Aber sie, die Frau, wurde blutrot, so schämte sie sich. ‚Eine Schande ist es‘, sagte sie und sah mich dabei an, die Augen voll Tränen. Und dann fuhr sie ihn ganz gehörig an: ‚Habe ich dir nicht immer gesagt: geh selber auf die Jagd?! Wenn du Hasenbraten essen willst, so schiesse sie! Sonst werfe ich sie vor die Küchentür, wenn du noch einmal bringst. Ich schwöre dir!‘“
„Bravo!“ schrieen alle am Tisch. Das war wieder ein famoses Stückchen von der Tiralla! Die Hand hätte sie nur noch heben sollen, ihm eins hinter die Löffel geben, dem Kerl! Sie waren so empört über Herrn Tiralla, als wüssten sie gar nicht, dass hierzuland, wo die Hasen, gewissermassen herrenlos, auf den meilenweiten, einsamen Äckern einem so mir nichts dir nichts über die Füsse springen, gar mancher einen totschlägt.
„Ja, sie ist schon eine prächtige Frau,“ sprach wohlgefällig der Propst.
Den jüngeren Leuten funkelten die Augen. Der Steuerbeamte, der Postassistent, der Lehrer waren noch nicht an die Dreissig. Der Förster, der neben dem Postassistenten sass, und Jokisch, der Inspektor vom Ansiedlungsgut am See, zählten auch mit, obgleich sie verheiratet waren; und der Gendarm, wenn er auch einen grauen Schnurrbart und eine schon beinahe erwachsene Tochter besass, war auch noch ein strammer Kerl. —
„Wusst’ ich schon mit den Hasen,“ sagte Förster Bilkowski und lachte.
„Das wussten Sie?“ Ganz weit riss der Gendarm die Augen auf.
„Nun, habt Euch nicht so! Wenn ich das alles zur Anzeige bringen wollte, was hier vorgeht“ — der Förster zuckte die Achseln — „nie würde ich fertig werden!“
„Aber man soll doch — man muss doch — ich bin verpflichtet!“ Entschlossen holte der Gendarm, der erst voriges Frühjahr hierher versetzt worden war, ein dickes Notizbuch heraus, das er vorn in der Brust trug, und zückte den Bleistift: „Ich schreibe alles auf. Toll war’s ja schon in Oberschlesien, aber hier scheint’s doch noch toller zu sein!“
„Ei nun, Sie werden sich noch gewöhnen,“ beruhigte der Förster. „Ist ganz nett hier. Ich möchte nicht sein wo anders mehr. Wurde mir anfangs auch schwer, besonders meiner Frau; hat sie mir in den Ohren gelegen genug. Aber nun höre ich nichts mehr und“ — er machte eine kleine Pause und lächelte halb verschmitzt, halb beschämt — „und sehe auch nur das, was ich sehen will. Was bleibt einem übrig?! Soll ich angehen gegen die grossen Herren, die doch machen, was sie wollen, oder soll ich mich totschlagen lassen, wenn die Bauern freveln in der königlichen Forst? Natürlich, ich laufe herzu, wenn ich’s knallen höre im Przykop — aber wenn sie nicht knallen, wenn sie nur den Knüttel nehmen, was dann?!“
Ja ja, er hatte recht, es war ein heilloses Geschäft, Förster zu sein! Darin waren sie alle einig. Der Gendarm konnte sich aber doch noch nicht zufrieden geben, dass der Bilkowski alles so unverfroren heraussagte. Aber Bilkowski klopfte ihm auf die Schulter: „Lieber, wir ziehen an einem Strang, warum soll ich nicht offen sprechen, hier, wo wir doch sind ganz unter uns?!“
Der Propst warf einen raschen Blick nach der offengebliebenen Schenkstubentür; dann flüsterte er dem Lehrer zu: „Zumachen!“
Böhnke beeilte sich, dem Wink zu folgen.
„Glauben Sie, dass die Tirallas kommen werden auf unsern Ball nach Gradewitz?“ fragte der junge Postassistent, und sein milchbärtiges Gesicht wurde rot wie das eines errötenden Mädchens. „Ich bin Festordner, ich würde einen Cotillon arrangieren mit Blumensträussen, wenn die Tirallas kämen. Wenn wir in Posen bestellen in einer grossen Handlung, kriegen wir schon Sträusschen von natürlichem Grün und Blumen auf Draht für fünfzig Pfennig pro Stück. Es würde sich sogar für einen solchen Auftrag lohnen, nach Berlin zu schreiben. Wenn man so ein Fest gibt, muss man doch auch etwas springen lassen!“
„Wann haben Sie es denn vor?“ Das Fest interessierte alle. Der kleine Assistent tat sehr wichtig. „Wie immer, Fastnachtabend; danach liegt man ja so wie so lange genug brach. Es wird grossartig werden, ich sage Ihnen, ganz grossartig! Hoffentlich kommt die Tiralla!“
„Na, warum soll sie denn nicht?!“ Schmielke nahm sich vor, sich jedenfalls beizeiten den Cotillon, der dem Tänzer auch das Recht gab, die Dame zu Tisch zu führen, mit der Tiralla zu sichern.
Diesen Vorsatz hatten sie alle; ein jeder von ihnen plante, so bald als irgend möglich einmal bei den Tirallas vorzusprechen. Das war denn doch ein anderes Vergnügen, diese Frau im Arme zu wiegen, als die Tochter vom Bäckermeister Stumpf, den dicken Trampel, oder das stupsnasige Dummerchen vom Stationsvorsteher Musiëlak, oder das Fräulein Stanislawa, das ganz niedlich war, dessen Vater aber, der Edle von Jagodziúski, auf der Bürgermeisterei als Schreiber beschäftigt wurde und jeden anpumpte. Oder hielt selbst die kleine Jadwiga mit den Sommersprossen, die einzige noch zu habende Tochter des reichen Mühlenbesitzers Hähnel, oder das blonde Mariechen von Schlächtermeister Rózycki, das gleich nach dem ersten Glase Bier heftig verliebt wurde, den Vergleich mit Zosia Tiralla aus?! Man liess die Balldamen von Gradewitz und Umgegend Revue passieren, einstimmig galt der Preis der schönen Tiralla.
„In der Tat, ein hübsches Frauchen,“ sagte Propst Szypulski.
„Haben Sie das auch bemerkt, Herr Propst?“ fragte naseweis Schmielke und zwinkerte dabei verschmitzt.
Empört fuhr der Lehrer zusammen: das war wieder einmal eine Unverschämtheit! Und auch Ziëntek räusperte sich verlegen: wie konnte Fritz nur so etwas sagen?!
Aber der Propst vermerkte es weiter nicht übel; er erwiderte das Zwinkern Schmielkes mit einem Lachen: ei, warum sollte er das denn nicht auch sehen? War er denn blind? Seine Augen wenigstens hatte er behalten, und wer durfte es ihm verdenken, wenn auch er sich an einer hübschen Kreatur erfreute?!
Lehrer Böhnke war innerlich starr über dies ungenierte Bekenntnis: wie konnte Hochwürden nur so etwas laut sagen?! Noch dazu vor Schmielke, dem Ketzer! Das wurde nun natürlich gleich weiter getragen und wieder ausgenutzt!
Aber die anderen amüsierten sich köstlich darüber. Ein allgemeines Hallo entstand. Inspektor Jokisch, der bis dahin kaum ein Wort gesprochen hatte — er hatte nur immer still vor sich hin getrunken — erhob sein Glas: „Unser Probosz soll leben! Wir haben den besten im ganzen Königreich — leben und leben lassen!“
Sie stiessen alle mit ihm an. Jokisch war sogar so unverschämt, dem Herrn Propst auf die Schulter zu schlagen: „Schade, dass Sie nicht mit beim Balle sein können, Probosz!“
„He, glauben Sie wohl, ich würde nicht tanzen können?“ sagte Szypulski und sah auf seine Kniestiefel nieder, die so hoch reichten und so fest anlagen wie bei einem Kavallerieosfizier. „Ich würde auch da noch meinen Mann stellen, das glauben Sie nur. Schade —“ er seufzte leicht — „aber es geht nicht!“
„Na, warum denn nicht?“ fragte Schmielke und lachte. „Der Jüngling sieht den Grund nicht ein!“
„Sie haben schöne Begriffe,“ platzte der Lehrer heraus; die Galle trat ihm ins Blut, er konnte nicht mehr an sich halten. „Sie scheinen ja in Deutschland nette Begriffe von uns hier zu haben! Nun natürlich — Sie Ketzer!“ Das klang sehr giftig. „Es mag schon sein, dass Ihre Herren Geistlichen sich so etwas gestatten!“
„Nun, nun!“ Propst Szypulski hob beschwichtigend die Hand; es war ihm höchst unangenehm, dass die Verschiedenheit des Bekenntnisses und der Nationalität aufs Tapet kamen. Welche Unschicklichkeit von diesem Böhnke, sich so mausig zu machen! Man musste miteinander leben, man musste miteinander auskommen. Das wurde ja auch von oben herab angestrebt! Hinter einem jovialen Lachen seine augenblickliche Verlegenheit verbergend, sagte Szypulski in die Stille hinein, die plötzlich eingetreten war, laut: „Trinken Sie Bitterwasser, Lehrer, nehmen Sie Glaubersalz, das wird Ihnen gut tun!“
Ein schallendes Gelächter belohnte diesen Witz.
Böhnke wurde bleich. Er biss sich auf die Lippen, er durfte ja nichts sagen. Aber er klammerte sich an seine Verachtung: wie sehr war er doch diesen allen hier an Bildung überlegen! Selbst dem Propst. Der war ja auch nur Bauerssohn, während er der Sohn eines Lehrers war. Oh, und er hatte Philologie studieren sollen, die höhere Karriere einschlagen! Aber auch so, mit der einfacheren Seminarbildung überragte er alle diese hier, das glaubte er ohne Selbstüberschätzung behaupten zu können.
Böhnke hielt sich stets für sich, hatte keine Freunde, war barsch gegen die Kinder, oft übel gelaunt; nur gegen die kleine Tiralla schlug er einen milderen Ton an. Die war auch ein ganz anderes Kind, viel feiner als die übrigen; der Tochter merkte man eben die Mutter an und deren gute Abstammung! Der Lehrer interessierte sich für diese Frau; es war nicht ihre Schönheit allein, die ihn reizte. Er fühlte sich ihr innerlich verbunden durch ihre Herkunft. Eine eifersüchtige Wut überkam ihn, wenn er jetzt diese ungebildeten Flegel kurzweg von ‚der Tiralla‘ sprechen hörte. Konnten sie nicht sagen ‚Frau Tiralla‘ oder ‚die Frau Besitzer Tiralla‘?! Es hätte sich so geschickt! Bleich und verbissen vor sich hinstierend nagte der Lehrer an seiner Unterlippe.
Die vorherige friedliche Unterhaltung wollte nicht recht mehr in Fluss kommen, ein Funke war ins Stroh gefallen. Jokisch und Schmielke fingen auf einmal einen Wortwechsel an. Jokisch, der schon zuviel getrunken hatte, begann plötzlich über die Tiralla loszuziehen: das war eine, der konnte man nicht über den Weg trauen! Er, der Tiralla, konnte einen wirklich dauern, ein ganz ehrlicher Kerl war er, aber betrogen, betrogen! „Meine Frau sagt auch“ —
„Na, Ihre Frau ist nur eifersüchtig,“ neckte Schmielke lachend. „Ja, ja, es mag nicht angenehm sein, die schöne Tirallala zur nächsten Nachbarin zu haben!“
„Was fällt Ihnen ein?“ brüllte der Halbtrunkene. „Sie wollen wohl sagen, ich hätte ’was mit der? Nicht rühr an, nicht mit der Feuerzange anzufassen!“ Er schrie sich in Empörung.
„Na, Ihre Frau hat Sie ja gut angelernt,“ bemerkte überlegen der Steuerbeamte.
„Angelernt? Angelernt?! Ich bin längst angelernt!“ brüllte der Inspektor dagegen. „Ich brauche nicht mehr zu lernen. Ich bin fünf Jahre Inspektor gewesen beim Grafen Bninski in Opalenitza, ich brauche nichts mehr zu lernen für Ihre lausige preussische Domäne hier, überhaupt in der Nachbarschaft“ — er spuckte auf den Boden — „in der —!“
Ein Schlag traf seinen Mund. Der Lehrer war aufgesprungen; alle Bildung hatte ihn verlassen. „Halten Sie das Maul!“ schrie er und stand dem betrunkenen Inspektor gegenüber wie ein Puthahn, den ein rotes Tuch gereizt hat. Er war nur ein schwächlicher Mensch, eine Handvoll gegen den breiten Landmann, aber seine Augen funkelten gefährlich.
In der Tat, das war stark von Jokisch! „Psia krew!“ entfuhr es dem Propst; und die anderen schrieen wild durcheinander: „Beweisen!“ Das sollte er nur erst mal beweisen, dass er die Tiralla so beklatschen durfte. Neugierig waren sie alle, sie brannten förmlich: was wusste er von ihr, was denn?! Es lieh ihr noch einen neuen, pikanten Reiz, dass einer so etwas von ihr wusste.
„Na, man los!“ sagte Schmielke behaglich.
Auch der Propst lächelte; er war es gewohnt, wenn zweie sich zankten, als gänzlich Unbeteiligter zuzuhören und zuletzt sie doch sich seinem Richterspruch beugen zu sehen.
„Weiss ich nichts,“ sagte der Trunkene plötzlich ernüchtert. Ei, was war er doch für ein Esel! So schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. Wenn er etwas auf sie sagte, würden sie da nicht alle vermuten, dass er sich bei ihr die Finger verbrannt hatte?! So wusste es keiner, dass er neulich bei einem Besuch in Starydwór, ganz entbrannt, sie im dunklen Ziegelflur hatte umfassen wollen und dafür eine derbe Ohrfeige erhalten hatte. Er verschanzte sich denn nun hinter seine Frau: „Meine Frau sagt, sie ist gar nicht wirtschaftlich! Meine Frau sagt, sie ist so hässlich gegen ihren Mann! Allein schläft sie in einem Zimmer!“
„Allein?! Was Sie nicht sagen! Ist’s wahr?“ Davon waren sie nun alle entzückt. Wieder funkelten ihnen die Augen: ei, nun ja, er war ja auch so ein hässlicher, alter Kerl!
„Meine Frau sagt, sie möchte ihn am liebsten vergiften! So sieht sie ihn an!“ Das war der höchste Trumpf, aber auch er erregte keinen Unwillen. Mit Blitzesschnelle durchflog einen jeden ein Plan, wie er sich wohl bei ihr anbringen könne.
Der Propst aber lächelte. „Sie sind Partei, Herr Jokisch, Partei! In Frau Tiralla ist kein Arg!“
„Gut, ja, gut ist sie,“ stimmte der Gendarm zu, „wirklich herzensgut. Komme ich da neulich aus dem Przykop, lungert das Mädel, die Magd vom Althof, vor dem Hoftor — ’ne dralle Person — Marianna Śroka — aber frech, frech! ‚Panje,‘ sagt sie zu mir und schleicht sich zu mir heran, ganz verstohlen, ‚Panje Krajutsch, da ist sich Mörderhaus!‘ und zeigt mit dem Finger auf das Haus der Tirallas und macht Augen — na, ganz verrückt! Sie lässt mich nicht locker. Nun war ich doch auch neugierig. Und ich musste ’reingehen ins Haus. Und da kommt auch schon die Frau aus der Stube. „Wo ist Herr Tiralla?“ frage ich, aber da ruft er auch schon von innen heraus: ‚Zoschchen, mein Liebchen, wer ist denn da? Nur herein, immer herein, hier ist gut sein im Stübchen!‘ Er war kreuzfidel. Da war alles ganz lustig, wenn auch die Śroka die Augen rollte und mir zuplinkte, ganz deutlich, wie: ‚Pass auf!‘ Na, so ein Weibsbild, die richtige Schlange! Und die Frau ist gleich dem Bauer, der so’ne Kreatur am Busen wärmte. Das ist eine Herrin! ‚Bitte‘ sagte sie und ‚danke‘, als die Śroka ’was aus dem Keller brachte. Aber so ist das Gesindel! Die Weibsperson hat’s da wie im Himmel, und doch schimpft sie. Ich sagte zur Tiralla: ‚Wie ist denn Ihre Magd?‘ — ich wollte sie darauf bringen — aber sie sagte: ‚O, sehr gut ist sie, sehr gut‘ und lobte sie sehr.“
„Ein schöner Zug,“ sprach der Propst.
Eine allgemeine Empörung kehrte sich gegen Jokisch: wie durfte er es wagen, nur ein Wort auf die Tiralla zu sagen, selbst wenn er betrunken war?! Nein, diesmal hatte der Behnka ganz recht: das ungewaschene Maul sollte der Jokisch halten, er war ein Pantoffelheld, ein Weiberklatsch-Nachträtscher! Die Junggesellen höhnten den Inspektor. Der kleine Ziëntek goss ihm seine Bierneige auf den Kopf, und als der Begossene sich prustend wehrte und laut fluchend um sich schlug, zogen sie den Stuhl unter ihm weg, dass er auf die bespieene Diele zu sitzen kam. Der Gendarm, der sonst überall auseinandertrieb, sah hier ruhig zu: das geschah dem ganz recht! Der Propst, der anfänglich etwas unsicher darein gesehen und nach der Tür geschaut hatte, ob auch keiner sie belausche, hielt sich die Seiten vor Lachen, als jetzt ein jeder sein Glas nahm, und, wie es Ziëntek vorgemacht, dem nun am Boden Sitzenden die Neige über den Kopf goss.
Es war aber doch an der Zeit, jetzt zu gehen! Der Propst erhob sich und verschwand so behutsam, wie er gekommen war; die laut durcheinander Schreienden, Zankenden und Lachenden bemerkten es kaum. — —
Lehrer Böhnke fühlte sich, als er durch die Schneenacht nach Hause stapfte, wie ein Held. Er war ihr Ritter! Dem ungebildeten Mistfinken hatte er es tüchtig heimgezahlt! Den ersten und den letzten Fusstritt hatte Jokisch von ihm erhalten, als sie in Gemeinschaft den schweren Mann zur Tür hinausbeförderten: „Werft ihn hinaus, den Verleumder!“ Diesmal hatten sie alle gemeinsame Sache gemacht, nur der Gendarm hatte sich im letzten Moment empfohlen; das machte er jedesmal so, wenn die Katzbalgerei in der Herrenstube anging: er hätte doch sonst die Ruhestörer aufnotieren müssen.
Über dem einsam dahinschreitenden Lehrer blitzten die Sterne; wie eine Glasglocke wölbte sich der kalte Nachthimmel über dem flachen Land. Die Sterne gaben Licht, man sah genau den Weg: die ganz menschenleere Dorfstrasse — breit war sie wie die breiteste Grossstadtstrasse, so breit, dass die Hütten zu ihren beiden Seiten doppelt niedrig erschienen. Böhnke ging unsicher. Er ging wie im Rausch, obgleich er nicht betrunken war. Er Pflegte nie zuviel zu trinken wie die anderen. Eine ehrgeizige Sehnsucht quälte ihn: diese Frau, diese Frau, die möchte er gewinnen! Sehr freundlich war Frau Tiralla zu ihm; er glaubte es bemerkt zu haben, dass auch sie sich ihm innerlich verwandt fühlte. Morgen würde er der Kleinen, die oft so ganz verträumt während des Unterrichts darein starrte und gar nicht wusste, von was die Rede war, einen Gruss an ihre Mutter auftragen und fragen lassen, ob Frau Tiralla etwa Lektüre wünsche in diesen öden Wintertagen? Sie habe unter seinen Büchern die Wahl. Durch wieviel Entbehrungen er sich diese auch angeschafft hatte, alle würde er ihr gerne leihen. Seit drei Jahren freilich — beinahe so lange er nun hier war — hatte sie schon einen Band geborgt — den würde er wohl nie mehr wiedersehen — aber das schadete nichts! Morgen würde er ihr wieder seine Bibliothek zur Verfügung stellen. Am besten in einem Briefchen, das er der Kleinen mitgab. Er schrieb eine schöne Handschrift, wie gestochen. Was schrieben die anderen hier doch für eine Klaue!
Der Ball in Gradewitz würde ihn auch eine ganze Menge kosten — knapp war er bei Gelde — aber was half es, hin musste er, und sollte er beim Juden borgen! Er hatte es ja insofern bequem: mahnte der Isidor Prochownik, so setzte er die Tochter gleich einen herunter — bis auf den untersten Platz sollte die Rebekka rutschen — liess der Alte ihn aber zufrieden, dann kam das Rebekkchen tüchtig herauf! Er lachte vor sich hin über diesen guten Gedanken; aber dann wurde er rot, obgleich ihn niemand sah. Nur der Sternenhimmel war über ihm und um ihn die ausgestorbene Ödenei des schlafenden Dorfes. Es war nicht recht, wenn er die Rebekka auf und ab rutschen liess je nach seinem Gefallen, das fühlte er; wie eine Scham vor sich selber kam’s über ihn. Aber dann ermannte er sich: ei, was machte es denn dem Mädel, das so schmierig, so dumm, so ganz und gar verkommen war, wenn es zu unterst sass?! Es kam gar nicht darauf an. Er, er musste auf den Ball!
In dieser Nacht träumte Böhnke von der schönen Frau Tiralla. Sie hatte ein seidenes Kleid an und hielt ihm einen Cotillonorden entgegen. Verlangend griff er danach; sie heftete ihm den Goldpapierstern auf die Brust, und dann nestelte sie an ihrer Brust — das seidene Kleid wich, und die weisse Brust schlug sich auf wie der Deckel eines Buches. ‚Lies darin,‘ sprach sie lächelnd, ‚wir verstehen uns ja!‘
Es war ein wirrer Traum, denn nachher kam noch allerlei tolles Zeug, dessen sich der junge Mann am andern Morgen nicht mehr entsinnen konnte.
Der Lehrer ging an diesem Morgen zur Schule wie ein Schüler, der das erste Gedicht an seine Geliebte in der Tasche trägt, voller Erwartung und Ungeduld, es ihr zukommen zu lassen. Er war, trotzdem er sich erst so spät niedergelegt hatte, zeitig aufgestanden und hatte zweimal ein Billettchen geschrieben an Frau Tiralla; das erste war ihm nicht gut genug geraten, darum schrieb er es zum zweiten Mal. Das sollte Rózia ihr überbringen. Aber als er in die Schulstube trat, suchten seine Blicke vergeblich das blasse, zerstreute Gesicht unter der bauschigen Haarmähne. Alle braunen, stumpfnasigen, verschmitzten Gesichter waren da, nur Rózia Tiralla fehlte. Das war ihm wie ein Fehlschlag. Heute war er noch viel barscher, noch viel ungeduldiger als sonst; die Antworten mussten auf die Fragen nur so fliegen, Schlag auf Schlag musste es gehen, sonst nahm er das erste beste Buch und feuerte es über die Bänke. Eine grosse Gereiztheit war in ihm, er konnte sie kaum bezwingen: warum, zum Teufel, kam das rothaarige Mädel gerade heute nicht?
Als am andern Tage Rosa Tiralla wieder fehlte und am übernächsten auch und keines der Kinder ihm zu sagen wusste warum, fasste er einen Entschluss. Er würde sich aufmachen nach Starydwór — das Mädchen musste krank sein, war es da nicht ganz angemessen, wenn er sich einmal selber nach seiner Schülerin umsah?!
Die Raben krächzten über ihm, als er den Weg durch die tiefverschneiten Felder suchte, der kaum zu erkennen war; eine schmale Spur nur hatte der Karren, der in aller Morgenfrühe die Milch von Starydwór nach Gradewitz fuhr, gelassen. Ihn schauderte, als er so durch die weisse Weite wanderte, die heute freilich nicht melancholischer war als zur Zeit, da die Rüben grünen und das Korn reift, die aber jetzt in ihrer gleichmässigen Farbe noch weiter und noch unbelebter erschien. Die Hasen, die an stehengebliebenen Strünken nagten, und die Raubvögel, die mit langsamem Flügelschlag den grossen Kiefern des Przykop zusegelten, belebten nicht die Einsamkeit; ihre träge Sorglosigkeit, die den Menschen ganz nahe herankommen liess, zeigte deutlich, wie wenig sie hier gestört wurden.
War seine Kleidung nicht genügend, dass ihn so fror? Böhnke befühlte sich — hu, war das eisig! Freilich, der Überzieher war sehr dünn, eigentlich nur ein Sommerüberzieher, aber er konnte doch heut nicht die Flauschjoppe anziehen, in der er alltags zur Schule ging! Er hatte seinen besten schwarzen Rock an und Glacéhandschuhe; seine Finger waren ganz starr. Er wäre gern Trab gelaufen, um sich warm zu machen, aber wie Bleiklumpen hängte es sich ihm an die Füsse. Als er die Bäume des Przykop in der Bodensenkung auftauchen sah, war’s ihm, als hielte ihn etwas zurück, als bliese der Wind ihm entgegen, als sollte er nicht hinkommen, durchaus nicht. Und sein Herz verlangte doch, bald in Starydwór zu sein.
Nach links hinüber lag das Ansiedlungsgut, der Brennereischornstein reckte sich wie ein Spargel — da residierte Jokisch. Nun, er würde bald ausresidiert haben! Wenn das Ganze erst parzelliert war und die Ansiedler anzogen, konnte er gehen. Gott sei’s gedankt! Böhnke fühlte eine unbestimmte Eifersucht; diese Nachbarschaft, jede Nachbarschaft dünkte ihn gefährlich. Und Jokisch war ein stattlicher Mensch, und dass auch er Frau Tiralla anziehend fand — wer sollte das nicht?! — das glaubte Böhnke trotz allem und allem deutlich genug herausgehört zu haben. Vielleicht gerade darum war er so gereizt auf sie!
Nun lief der Lehrer doch. Wer wollte ihn hindern, bald in Starydwór zu sein?! Da lag es!
Der alte Hof, der schon über hundert Jahre in Händen der Tirallas war, machte von weitem einen ganz stattlichen Eindruck. Vom Wohnhaus sah man nicht viel, das war niedrig, wie in den Boden gesunken; aber im Viereck ragten die mit neuen roten Ziegeln gedeckten Scheunen und Ställe, durch ihre nach aussen gekehrten, fensterlosen Rückwände zugleich die Mauer bildend, welche den Hof umschloss. Ein grosses Anwesen! Aber was nützte es ihr, wenn sie ihren Mann nicht liebte?!
Noch einmal sah der junge Mann prüfend an sich herunter, und den Schnee von seinen Hosen klopfend, trat er durchs offenstehende Hoftor, über dem die Gottesmutter hinter einem kleinen Gitterchen thronte. Ein Paar Hunde fuhren ihm kläffend an die Beine, aber er war nicht feige, wenn er auch kein Riese war. Ein Fusstritt scheuchte die Köter. Als er aufs Wohnhaus zuschritt, glotzte ihm, nebenan aus der Stalltür, ein feiernder Knecht nach.
Was wollte der Lehrer aus Starawieś hier?! Aha, der kam wohl auch, der Pani die Hand zu küssen?! Gestern, vorgestern waren schon welche dagewesen. Wie sie alle nach ihr liefen! Jendrek grinste breit: die hatten kein Glück! Für ihn hatte die Pani doch den freundlichsten Blick, und Speck gab sie ihm in der Küche und einen Extraschnaps jetzt jeden Tag. Dass Gott der Herr sie segne, die gute Seele!
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.