Kitabı oku: «Rheinlandstöchter»
Clara Viebig
Rheinlandstöchter
Roman
Saga
Erstes Buch
1
„Nein, ich glaube ganz entschieden nicht, dass meine Nelda heiratet,“ sagte Frau Regierungsrätin Dallmer mit einem Seufzer und häkelte nervös hastig an dem feinen Hemdenspitzchen. „Ich werde wohl das Glück nicht haben,“ setzte ihre gedrückte Stimme noch leiser hinzu.
„Aber, verehrteste Rätin, warum denn nicht?“
„Du meine Zeit, es heiraten noch ganz andere — was für eine Idee!“
„Gott, sie ist ja noch jung und auch ganz hübsch!“
„Wie kommen Sie darauf, haben Sie etwa schon Erfahrungen gemacht?“
Ein ganzer Chorus von Stimmen stürmte auf Frau Regierungsrätin Dallmer ein, die auf dem Sofa, hinter dem mit Kaffeetassen und Kuchenkörben bedeckten Tisch sass.
Jetzt liess sie die Hände in den Schoss sinken.
„Lieber Gott, ich hab’s so im Gefühl — Nelda hat gar nicht das, was andere junge Mädchen haben. Wir haben zu wenig an ihr erzogen, mein guter Mann hat eben ganz andere Ansichten als ich. Und wenn ich nun denke, dass Dallmer so leidend ist und Nelda ohne Vermögen zurückbleibt! Was soll werden, wenn sie sich nicht verheiratet? Ach, es kostet mich manche schlaflose Nacht!“
Die kleine Frau duckte sich wie ein Vogel vor dem Sturm und hielt einen Augenblick die Hand vor die Augen. Der Chorus benutzte dies, um sich verständnisinnig zuzunicken.
„Teure Freundin,“ sprach Frau Oberkonsistorialrätin Zänglein würdevoll und legte die fleischige weisse Hand auf die Schulter der Zusammengesunkenen, „des Herrn Wege sind wunderbar, sein Ratschluss unerforschlich! Vertrauen Sie ihm, gehen Sie fleissig zur Kirche! Es ist, glaube ich, bei Ihnen nicht oft genug der Fall. Das ist eben das Kreuz der gemischten Ehen: entweder zerrt ein Teil den andern herum, oder sie sind beide lau. Ihre Nelda ist auch nicht Fisch noch Fleisch, obgleich sie protestantisch eingesegnet ist. — Am nächsten Sonntag hält mein Gatte die Hauptpredigt, ich werde Ihnen einen Platz in unserer Bank reservieren. Er, der die Lilien kleidet und die Vögel unterm Himmel speist,“ — das starr Schwarzseidene hob sich höher vom Sofa, die Stimme der Sprecherin bekam ganz den sonoren Kanzelton des geistlichen Gemahls, aber sie gelangte nicht zu Ende, sie schnappte ab wie eine verstimmte Orgel. Von jenseits des Tisches erhob sich das hohe Organ der Höheren-Töchter-Schulvorfteherin, des Fräulein Aurora Planke. Dieser allerhöchste Diskant machte jedwedes ringsum tot.
„Liebste, ich habe es immer gesagt, warum liessen Sie Nelda nicht die Selekta besuchen und das Examen gleich hinterher machen? Dann war sie gesichert. Lehrerin an einer höheren Schule, Gouvernante in feiner Familie zu sein, ist für eine Tochter aus unseren Ständen doch immer eine hübsche Perspektive. Ich begreife Sie nicht, verehrte Rätin! Dieses Warten auf den Mann! Die einzige Versorgung in der Ehe zu erblicken, hat für mich — nehmen Sie’s nicht übel — entschieden etwas Herabwürdigendes.“
Fräulein Aurora Planke richtete den flachen Oberkörper kerzengerade auf, ein ziegelfarbenes Rot stieg ihr in die Wangen bis hinauf unter die glattangeklebten Haare.
„Da könnte heute einer kommen und mir seine Hand und Gott weiss was bieten, ich sagte: Nein. Nein und nochmals Nein!“
Der Diskant steigerte sich, die Höhere-Töchter-Schulvorsteherin schlug sich auf die Stelle, die man Busen zu nennen pflegt; es klang, als ob eine Ente mit dem Flügel in seichtes Wasser platscht.
„Ich — wie stehe ich da in meiner Stellung?! Vollständig selbständig, habe niemanden zu fragen, brauche mich nicht an die Launen eines womöglich eifersüchtigen Gatten zu kehren; kein Kindergeschrei. Bin ich zum Kaffee bei guten Freundinnen“ — sie machte eine Schwenkung nach rechts, wo die Wirtin, Doktorin Schmidt, sass, — „habe ich keine Hast nach Haus, ich werde nicht mit kleinlicher Ungeduld erwartet. Ich bin eben frei. Wir brauchen keine Männer — wozu? Erheben wir uns doch über die Befriedigung niedriger animalischer Triebe, seien wir Menschen, wohlverstanden: höhere Wesen! Es ist etwas Ekelhaftes um diese Männer mit ihrer Brutalität — selbst die besten sollen die haben. Ja, meine Damen, obgleich die Mehrzahl von Ihnen verheiratet ist, Sie werden mir doch zugeben müssen, es ist etwas Herrliches um die Jungfräulichkeit. Ich heirate nie! Nie!“
Und mit diesem wohlberechneten Effekt schloss Aurora Planke ihre Jungfernrede.
Ein Gemurmel entstand, mehr widersprechend als beifällig.
„Das glaub ich,“ flüsterte die allerliebste Hauptmann Xylander ihrer Nachbarin zu, „die Trauben sind sauer!“ Und laut sagte sie: „Nun, ich bin sehr glücklich. Ich habe einen lieben Mann und liebe Kinder, ich bin so glücklich, wie ich es mir als Mädchen nicht habe träumen lassen. Sie können ja die Ehe gar nicht beurteilen, bestes Fräulein Planke; Sie reden wie der Blinde von der Farbe.“
Fast klang’s, als ob die Höhere-Töchter-Schulvorsteherin das Kosewort ‚Gans‘ unterdrückte, jedenfalls zogen sich ihre Mundwinkel verächtlich herab, das Ziegelrot der Wangen wurde Scharlach, eine scharfe Antwort war vorauszusehen. Da schob sich der dicke Kanzelton der Oberkonsistorialrätin wie ein Bollwerk zwischen die Parteien.
„Schon die Bibel sagt: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei! Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und er schuf sie, ein Männlein und ein Fräulein. Liebes Fräulein Planke, Sie haben noch keine Traurede von meinem Gatten gehört! Er traut bald; wissen Sie, die hübsche Agnes Röder mit dem Leutnant von Osten! Sie müssen kommen, ich schicke Ihnen ein Billettchen.“
„Was, Frau Oberkonsistorialrat, die kleine Röder heiratet so bald schon? Nein, macht die ein Glück! Den schönen und reichen von Osten! Noch dazu vom Garderegiment Königin!“ Eine wahre Aufregung bemächtigte sich der Tafelrunde.
Selbst Frau Regierungsrätin Dallmers nervös tätige Hände feierten, ihre matten Augen — Augen, die viel geweint — bekamen Glanz. „Ach, macht die ein Glück,“ echote sie nach.
„Ja, die Röder ist aber auch ein reizendes Wesen,“ meinte ehrlich Frau Doktor Schmidt, „ganz anders als Ihre Nelda; so etwas anmutig Mädchenhaftes, echt Weibliches! Wenn sie auf dem Ball sich auf den Arm ihres Tänzers lehnt und den Blick zu ihm erhebt, so weich, fast möchte ich sagen schmachtend — es ist rein zum Verlieben!“
In der Schule war sie eine dumme Pute,“ warf Fräulein Planke trocken ein. „Sie wird’s wohl auch geblieben sein — natürlich, wo wäre sie sonst auf den faden Leutnant hereingefallen! Ich habe noch kein gescheites Wort von ihr gehört!“
„Der Herr gibt’s den Seinen im Schlaf,“ orgelte Frau Zänglein. Sie legte wieder die fleischige Hand auf die Schulter der kleinen Rätin, die von der Breite des oberkonsistorialrätlichen Seidenkleides ganz in die Sofaecke gequetscht wurde. „Ihre Nelda sollte sich an der Weiblichkeit von Agnes Röder ein Beispiel nehmen; statt dessen lacht sie. Mein Milchen kam neulich ganz entsetzt aus dem Kränzchen nach Hause. ‚Denke dir, Mama‘, erzählte mir das gute Kind, ‚Nelda Dallmer sagte heut, ein Ball käme ihr vor wie ein Gänsemarkt; die Mütter sässen als Verkäuferinnen ringsum, und die Gänse, die am feistesten wären und am lautesten schnatterten, gingen am ersten ab.‘ O — o!“ Die Zänglein schlug die Augen gen Himmel und richtete sie dann strafend auf das niedergeschmetterte Opfer in der Sofaecke. „Sie sollten Ihrer Nelda solche Reden abgewöhnen, liebe Freundin! Sie passen schlecht für wohlerzogene Töchter. Übrigens hat Ihre Nelda unrecht, Agnes Röder ist weder feist, noch schnattert sie viel!“
„Ha ha — ha ha ha!“ Frau Hauptmann Xylander wollte sich totlachen. „Diese Geschichte von Fräulein Nelda muss ich meinem Mann erzählen. Wird der sich amüsieren! Er mag Fräulein Nelda so gern, er sagt immer, sie hat etwas Urwüchsiges; man ginge bei ihr wie durch einen tannenduftigen Wald, und plötzlich käme ein Windstoss daher und bliese einen fast um. Aber der erquickte. Ha, ha, nein, zu komisch!“
Mit wehmütig dankbarem Lächeln sah Rätin Dallmer die junge Frau an.
„Ich freue mich, dass Ihr Herr Gemahl Nelda leiden mag! Freilich, es wäre besser, wir hätten sie nicht jedes Jahr zum Bruder meines Mannes, dem Bürgermeister auf der Eifel, geschickt; da hat sie so viel ohne Aufsicht herumgetobt. Aber Dallmer hat ja immer seine eigenen Ideen — ach!“ Sie zuckte resigniert die Achseln.
„Lassen Sie’s gut sein, Frau Rätin!“ flüsterte die junge Frau und legte ihre warme Hand auf die kalten, rastlos häkelnden Finger. „Ich muss übrigens den Damen jetzt Adieu sagen,“ fuhr sie laut fort und stand auf, „so leid es mir tut! Mein Mann erwartet mich zeitig und mein Kleinster wird schon schreien. Guten Abend — angenehme Unterhaltung! Leben Sie wohl, vielen Dank für den hübschen Nachmittag!“
Knixen und Händeschütteln. Die ganze Tafelrunde war auf den Beinen.
„Schon so früh?“
„Ach, wie schade!“
„Vielen Dank für Ihren lieben Besuch, Empfehlung an den Herrn Gemahl!“
„Ich bitte Sie, ich habe nur zu danken!“
„Kommen Sie gut nach Haus!“
Alles schwirrte durcheinander. Noch einmal Händeschütteln, sogar ein paar Umarmungen.
Frau Hauptmann Xylander eilte zur Tür. Adieu, adieu! Ich bin sehr eilig!“
„Natürlich, bei fünfen!“ bemerkte Fräulein Planke.
Während man sich drinnen wieder setzte und das Dienstmädchen Vanillencrême mit Sandtorte und obligater Pomeranzenbowle präsentierte, klinkte Frau Hauptmann Xylander die Haustür hinter sich zu.
„Gott sei Dank,“ sagte sie energisch und liess sich von dem frischen Winterwind unter die Kapuze blasen. Man wusste eigentlich nicht, warum sie ‚Gott sei Dank‘ sagte, auch nicht, warum plötzlich ein mitleidiger Ausdruck in ihre heitern blauen Augen trat.
„Armes Ding,“ kam es von ihren Lippen, und dann schüttelte sie sich, als ob ihr ein Gruseln über den Leib ginge. Ihre Schritte beschleunigten sich, sie lief fast über den hartgefrorenen Schnee. Es war nicht wahr, ihr Mann erwartete sie gar nicht, aber eine plötzliche Sehnsucht nach ihm, nach ihren Kindern hatte sie überkommen inmitten des süssen Kuchengeruchs und bitteren Redens.
Die Schlossstrasse mit ihren erleuchteten Fenstern lag schon hinter ihr, nun durchquerte sie den dunklen Schlossplatz; noch eine kleine Strecke und sie war an der Rheinbrücke. Schwarz und massig tauchte gegenüber der Ehrenbreitstein auf, daneben, einen schwachen Lichterkranz am Fuss, der Asterstein. Da wohnten sie. Auf der Brücke wehte der Wind schärfer, sie hielt den Atem an und strebte eilig vorwärts. Nun war sie drüben.
Dunkel und einsam zog sich die Chaussee nach dem Vorort Pfaffendorf; auf der einen Seite die Höhen, auf der andern der Rhein, in weiten Zwischenräumen Villen und niedrige Häuschen. Es war glatt, beschwerlich zu gehen, dazu spärlicher Laternenschein, nur ab und zu eine kläglich flimmernde Laterne. Auch ein, zwei Grad kälter war’s hier, als in den Strassen der Stadt; aber das machte nichts, es war auf alle Fälle Winters und Sommers draussen gesünder, und die Wohnungen waren bedeutend billiger. Darum wohnten auch Xylanders hier, sie machten daraus kein Hehl; ein Hauptmann mit fünf kleinen Kindern, nur mit dem Kommissvermögen, kann nicht die geringsten Sprünge machen.
Auch Dallmers wohnten auf der Chaussee; jetzt eben kam die Frau Hauptmann an dem kleinen einstöckigen Haus vorüber. Sie konnte nicht umhin, sie blieb stehen und sah zu den Fenstern im oberen Stockwerk auf — da hatte der Regierungsrat sein Arbeitszimmer. Schrecklich, dass der arme Mann so hustete! Das Winterwetter und die zugige Brücke waren Gift für ihn.
Ob Nelda zu Hause war? Die junge Frau betrat das Vorgärtchen und spähte ins niedrige Parterrezimmer; ein voller vibrierender Ton drang eben durch die Scheiben an ihr Ohr. „Ah, sie singt,“ sagte die Lauscherin und liess die schon zum Klopfen erhobene Hand sinken, „ich will sie nicht stören.“ Und dann stahl sich Frau Hauptmann Xylander zum Gärtchen hinaus und erreichte im Laufschritt die Villa, in der sie den zweiten Stock inne hatten; die Sehnsucht nach den Kindern ward immer stärker.
Kaum klingelte sie, da stürmte es auch schon die Treppe herunter.
„Das ist die Mama! Mama — Mama!“ Ein blondköpfiger strammer Junge stürzte ihr entgegen, hinterdrein zwei ebenso blonde Mädchen.
„Mama, Lollo und Vicky sind so eklig: Sie spielen immer mit ihrem dreckigen Kochgeschirr und der kaputten Anna, sie wollen nie meine Pferde sein. Mama, du musst sie hauen!“
„Huh huh, der Wilhelm,“ heulten Lollo und Vicky, „er hat unserer Anna ein Bein ausgerissen, Mama, kuck emal!“
Mit wahrem Jammergeheul hielten sie der Mutter die Puppe entgegen und klammerten sich dann schutzsuchend an die Falten des mütterlichen Kleides.
„Mama, Mama, er haut uns!“
„Pst, pst, Kinder!“
Frau Hauptmann Xylander hielt sich lachend die Ohren zu; im Gefolge ihrer kleinen Horde trat sie ins Kinderzimmer. Eine nicht gerade balsamische Luft schlug ihr entgegen. Auf der Stuhllehne vor dem eisernen Ofen hingen mehrere Windeln zum Trocknen; im kleinsten Bettchen in der Reihe der übrigen, lag Friedrich, der jüngste Sprössling des Hauses, und kreischte in den höchsten Tönen. Karl, der zweitjüngste, sass zufrieden in seinem Stühlchen daneben; er hatte einen Schuh ausgezogen und benagte diesen eifrig.
„Mein Gott!“ Die Mutter eilte auf die Wiege zu. „Wo ist denn Settchen und wo Buschmann? Ich hatte doch befohlen, keiner sollte weggehen!“
„Och die!“ sagte Wilhelm altklug. „Settchen ist nach der Apotheke gerannt, sie holt Kamillentee; Fritz hätt’ Bauchschmerzen, sagt sie. Und wie das Settchen weg war, ist der Buschmann zu seinem Schatz gegangen — ‚nur mal eben‘ hat er gesagt — er kommt so jetzt wieder. Wir sollen so lang acht geben. Hü, hott! Lollo, Vicky, wollt ihr wohl?“
Mit Donnergepolter stürzte ein Stuhl um, wie die Wilden jagten sich die drei um den Tisch. Plötzlich einstimmiges Freudengeschrei: „Mama, kuck emal, der Karl! Der Karl isst Schuhbändel — hau, Schuhbändel!“
Die mit dem Jüngsten beschäftigte Mutter drehte sich erschrocken um. Auf dem Stühlchen sass Karl, der Phlegmatiker, im ganzen Gesicht wunderlich beschmiert; die eine dicke Patsche hielt den Schuh, die andere stopfte eben das letzte Ende des abgenagten Schuhbändels ins Mäulchen.
„Es schmeckt ihm,“ jubelten die Geschwister, während die Mutter angstvoll auf ihn losstürzte.
Jetzt ging draussen die Tür; Settchen kam mit Kamillentee gerannt, auch Buschmann, breitmäulig grinsend, polterte herein. Frau Hauptmann vergass das Schelten, sie war froh, dass Hilfe erschien. Den Schweiss von der Stirn wischend, legte sie endlich Kapuze und Mantel ab; ihr rundliches Gesicht mit den Grübchen in Wangen und Kinn war hochrot.
„Hat mein Mann gesagt, wann er nach Hause kommt?“ fragte sie das Mädchen.
„Der Herr Hauptmann is ja zu Haus,“ antwortete Settchen ganz beleidigt. „Jesses, wo wär ich dann weggegangen, wann der Herr Hauptmann nit zu Haus tät sein!“
„Zu Hause?!“ Die junge Frau war wie erstarrt. „Und den Lärm nicht gehört?!“
Sie eilte durch die beiden dunklen Nebenzimmer, aus der Türritze des dritten schimmerte Licht; leise öffnete sie.
Auf dem Schreibtisch brannte die grüne Studierlampe, Bücher und Hefte lagen aufgeschlagen, Pläne und Karten. Der Hauptmann der Artillerie, Paul Xylander, sass davor, aber er schrieb nicht; er stützte den Kopf in die Hand und blickte starr, mit weit offnen Augen vor sich hin. Die Hand, die den Kopf stützte, war schlank und blau geädert, das schwarze Haar an den Schläfen von leicht grauen Fäden durchzogen. Seine Haltung hatte etwas Lässiges, sie war nicht die eines schneidigen Soldaten, eher die eines Gelehrten, der viel über Büchern sitzt. Er war ja auch der Denker unter den Kameraden, ‚ein feiner Kopf‘, wie die Vorgesetzten sagten; der Generalstäbler in spe. Woran dachte er? Ein verträumter Glanz war in den Augen, ein weicher Zug um seinen Mund.
„Paul!“ sagte die junge Frau. Er hörte nicht.
„Paul!“ wiederholte sie lauter. Ihre helle Stimme hallte ordentlich erschreckend durch das stille, halbverdunkelte Zimmer, der glasklare Ton fuhr aufstöbernd in alle Winkel. „Paul!“
Er zuckte zusammen, einen Augenblick sah er sie wie geistesabwesend an, dann lächelte er und streckte die Arme nach ihr aus. „Du bist’s — ah!“
Mit einem fröhlichen Lachen bot sie ihm die glühende Wange zum Kuss.
„Du Träumer,“ scherzte sie und zupfte ihn am Ohr, „an was dachtest du? Beichte mal!“
„Ich?“ Seine Stimme hatte einen angenehmen Klang. „Lisabeth, ich dachte an dich!“
Er zog sie auf seinen Schoss und legte den einen Arm um ihren Leib, seine andere Hand schloss sich um ihre vollen, ein wenig verarbeiteten Finger.
„Meine fleissige Frau!“ flüsterte er zärtlich und hob ihre Hand in die Höhe. „Wie sie rauh ist und war mal so weich und hübsch! Sie hat sich zerschafft um meinetwillen — komm, ich will die braven Fingerchen küssen!“
Sein dunkler Schnurrbart drückte sich auf die Hand, die Frau liess es achtlos geschehen, ihre Blicke hafteten unverwandt auf seinen Schläfen.
„Mein Gott, Paul,“ sagte sie plötzlich, „du bist viel grauer geworden in letzter Zeit! Ich muss mir wirklich mal eine Stunde abmüssigen und dir die garstigen Haare ausziehen — es macht gar keinen guten Eindruck, wenn ein Hauptmann schon anfängt grau zu werden!“
Sie tippte mit dem Finger auf seinen Kopf; er wehrte lächelnd ab, das weiche Licht in seinem Auge war noch nicht erloschen.
„Meine Lisabeth, ja, die Jahre gehen!“ seufzte er leicht. „Unser Ältester ist bald zehn. Wie ich vorhin hier so allein sass, fiel mir die Feder aus der Hand; ich dachte zurück, wie ich dich kennen lernte, der junge Leutnant das blutjunge Mädchen — weisst du noch, Elisabeth, beim Walzer auf deinem ersten Ball war’s?! Du warst die Allergefeiertste; es schmeichelte mir kolossal, dass du im Kotillon zweimal einen Orden auf meine Brust stecktest.“
„Natürlich weiss ich’s —“ die Grübchen in ihren Wangen vertieften sich — „ich dachte mir gleich: den möchtest du heiraten!“
„Und weisst du,“ fuhr er ernster fort, „wie wir dann einmal miteinander durch den Wald gingen und hoch oben auf dem Aussichtspunkt allein standen und herunter sahen auf den Rhein und die Schiffe und die Häuser so winzig schienen und die Menschen ganz verschwanden? Um uns her nur die grosse Ruhe der Natur. Da drang etwas von dem göttlichen Funken in unsre Seele; wir verstummten, aber unsre Hände tasteten, bis sie sich fanden und hielten. Sag, Lisabeth, war’s nicht so?“
Er sah ihr in die Augen.
Sie erwiderte erstaunt seinen Blick und schüttelte dann vergnügt den Kopf.
„Keine Ahnung mehr! Hab ich ganz vergessen. Aber ich weiss, wie froh ich war, als du bei der Tante um mich anhieltest. Ich hatte keine Eltern mehr und keinen Pfennig, da war meine einzige Aussicht eine Heirat. Und nun noch dazu eine so gute Partie! Weisst du, Paul,“ plauderte sie weiter, „du hättest nur hören sollen, was die alte Jungfer, die Planke, schwätzte — heut auf dem Kaffee bei Frau Doktor Schmidt — huh, grässlich war’s! Ich hab ihr aber ordentlich eins drauf gegeben und gesagt, wie glücklich ich mit meinem lieben Mann und meinen Kindern bin.“
Sie küsste ihn.
„Und nicht wahr, da ich jetzt gerade so schön Zeit habe, siehst du mal mit mir die letzten Rechnungen durch? Und etwas mehr Wirtschaftsgeld gibst du mir auch für nächsten Monat! Die Mädchen brauchen Schuh und Wilhelm ein Paar neue Hosen, der alte Hosenboden geht nicht mehr zu flicken — nicht wahr, du gibst mir zwanzig Mark extra?!“
Er nickte freundlich, aber der Glanz in seinen Augen war fort. Er sah aus wie ein Ernüchterter.
2
Nelda Dallmer stand vom Piano auf, an dem sie gesessen hatte — die Mutter blieb immer lang auf solch einem Kaffee wie bei Frau Doktor Schmidt — aber halt, da ging doch die Gittertür am Vorgärtchen!
Ihr scharfes Ohr hatte knisternde Tritte vernommen, sie schob den Fenstervorhang zur Seite und schaute hinaus. Nichts zu sehen. Doch! Jetzt eilte eine weibliche Gestalt, kaum erkennbar, über die Chaussee. Das musste Frau Hauptmann Xylander sein, keine andere trug solch grellrote Kapuze!
„Gut, dass sie nicht herein gekommen ist,“ sagte das Mädchen laut und liess den Vorhang zufallen, „das hätte mir gefehlt!“
Sie schob den Stuhl vor den Tisch, auf dem ein halbfertiger Tüllrock lag, und fing an, unten herum eine Falbel festzunähen. Eine Weile nähte sie emsig, der blonde Kopf neigte sich tief über die Arbeit; die bescheidene Hängelampe goss ein mildes Licht darüber hin. Es war sehr still in der engen Stube. Eine Winterfliege glitt auf der Lehne des altmodischen grünen Sofas hin und her, der Regulator an der Wand tickte, Staubatome sanken lautlos auf die Visitenkarten in der Alabasterschale unterm Pfeilerspiegel. Die Nähende atmete gleichmässig; jetzt wurde der Atem plötzlich hastig, unruhig rückte sie hin und her. Als brenne der Rock, so liess sie ihn aus den Fingern fallen und reckte beide Arme hoch empor.
„Ha — — —!“ Sie dehnte sich. Ihre Blicke glitten durch das stille Zimmer mit seinen peinlich geordneten Möbeln, den schlohweissen Gardinen und dem buntgeblümten Sofateppich; mit einem Ausdruck des Unmutes liess sie die Arme sinken.
„Der verflixte Ball,“ murmelte sie und schob den Tüllrock achtlos weiter von sich. „Wenn ich nur nicht hinzugehen brauchte! Schön tanzen kann ich doch nicht. Ich mach mir auch gar nichts draus!“ Sie stemmte beide Ellenbogen auf den Tisch und legte den Kopf zwischen die Hände. „Ich wünschte, ich könnte einmal sein, wie ich wollte, mich ordentlich ausrennen und dann —!“ Sie stiess mit den Ellenbogen fest auf die Platte und presste die Lippen zusammen. So sass sie scheinbar regungslos, aber ihre Nasenflügel zitterten, und der Blick der grauen Augen hatte etwas Unterdrücktes, heimlich Brennendes.
Dumpf und hohl klang jetzt anhaltendes Husten durch die Zimmerdecke, mit einem Satz war sie auf den Füssen und zur Tür hinaus. Sie liess diese hinter sich offen und sprang eilig die Treppe hinan; oben, vor der Stube des Vaters, stand sie einen Augenblick still, ängstlich horchend. Wie er hustete! Leise öffnete sie, noch war es dunkel drinnen.
„Nelda, bist du’s?“ fragte eine heisere Stimme.
„Ja, Papa!“ Sie antwortete sehr heiter. „Kann ich dich ein bisschen besuchen? Wart, ich zünde Licht an!“
Das Streichhölzchen sprühte auf, die Lampe brannte und zeigte die durchaus einfache Einrichtung von Regierungsrat Dallmers Arbeitszimmer. Da war ein Stehpult, daneben ein kleines Tischchen mit Akten bedeckt; an der andern Wand ein Bücherregal, darüber in Lithographie Kaiser Wilhelm I., rechts von ihm Bismarck, links Moltke. An dem Fenster Häkelgardinen; vor dem lederbezogenen Sofa ein schmaler gestickter Teppich — karmoisinrote Rosenbuketts, blaulila Veilchengirlanden, giftgrüne Füllung. Das war alles.
Mit einem behaglichen „So“ kauerte sich Nelda auf dem gestickten Teppich nieder und legte die Arme auf den Schoss des Vaters. Der Regierungsrat hatte sich aufs Sofa gestreckt, er sah sehr müde und erschöpft aus; die Hand, mit der er jetzt zärtlich der Tochter die Haare aus der Stirn strich, war heiss und trocken.
„Papa, du hast wieder zu viel gearbeitet,“ sagte das Mädchen und haschte nach der Hand auf ihrem Scheitel. „Lass da liegen, Papa, es tut mir gut!“
Er liess die Hand auf dem blonden Kopf ruhen; sie schwiegen alle beide, bis Nelda plötzlich unvermittelt hervorstiess: „Nimm doch deinen Abschied, Papa; was quälst du dich? Ich mag gar nicht auf den Ball gehen. Wir wollen in die Berge ziehen, am liebsten nach Manderscheid, wo der Onkel wohnt. Es ist herrlich da! Wenn du den ganzen Tag im Wald bist und der Eifelwind dir um die Ohren saust, dann wirst du gesund, Papa, so wahr ich Nelda Dallmer heisse! Lass doch die Schinderei!“ fuhr sie heftig fort. „Siehst du, ich mag gar nicht auf den Ball gehen — nein, ich mag nicht!“ Sie warf den Kopf zurück. „Wenn ich mit dir in den Bergen herumstreifen könnte, das wär mir tausendmal lieber! Weisst du, Papa, wie ich noch ganz klein war und ihr Gesellschaft hattet, und ich mich unter unsern Küchentisch verkroch? Und als du mich da hervorholtest, weil ich drinnen ‚Händchen geben‘ sollte, schrie und strampelte ich — ‚ich wollte nicht bei die Affen‘ — haha, Papa, akkurat so ist mir’s heut noch!“
„Nelda, Nelda!“ Der Vater klopfte leise den Scheitel der Tochter. „Das ist ein harter Kopf!“
Zugleich lächelte er aber, und es war Stolz in seiner Stimme.
„Hab ich nicht recht, Papa?“ nickte sie.
„Freilich, ganz unrecht hast du nicht — doch erörtern wir das nicht weiter!“ Regierungsrat Dallmer hustete wieder. „Als ich jung war und kräftig, dachte ich auch so wie du, aber seitdem ich alt und marode bin, heule ich mit den Wölfen. Sieh zu, wie weit du kommst im Leben, Nelda! Den eignen Weg zu gehen, ist für eine Frau noch zehnmal schwerer als für einen Mann. Du wirst dir die Seele blutig stossen und zuletzt mit geknickten Flügeln unterliegen. Mir ist bange um dich, Nelda! Ich wünschte, ich lebte so lange, bis ich dich wohl versorgt weiss. Ich bin oft sehr müde“ — ein schmerzliches Lächeln huschte um seine schmalen Lippen — „aber ich darf es nicht sein. Wenn ich meine Stellung aufgebe, was sind wir dann? Gar nichts! Das Gehalt fällt weg, Vermögen keins — wie soll es mir dann gelingen, dich standesgemäss zu versorgen? Es muss sein! Sowie du dich verheiratest, quittiere ich den Dienst.“
„Sowie ich mich verheirate,“ wiederholte die Tochter mit eigentümlicher Betonung. Sie hatte sich so hastig aufgerichtet, dass die liebkosende Hand von ihrem Scheitel glitt; nun kniete sie auf den karmoisinroten Rosen und sah ihrem Vater unruhig forschend in die Augen, die Arme über der Brust gekreuzt.
„Ich bin nicht beliebt, Papa!“ sagte sie kurz und trocken. „Ausser dir hat mich kein Mensch lieb, und ich liebe auch ausser dir keinen so, wie ich lieben könnte!“ Ihre Augen flammten auf. „O, ich könnte lieben — ja!“ Sie biss die Zähne aufeinander und schüttelte den Kopf. „Doch sie sind mir alle egal — ja, das sind sie! Sie sind Puppen mit beweglichen Gliedern und beweglichen Zungen, aber das Herz liegt tot wie ein Klumpen in ihnen.“ Sie machte eine Pause und setzte tonlos hinzu: „Ich bin oft sehr unglücklich, Papa!“
Der Kopf sank ihr auf die Brust.
Über des Vaters Gesicht huschte ein leichtes Lächeln und verschwand dann unter dem Ausdruck besorgter Liebe.
„Mein Kind, das sind die Stimmungen der Jugend; solche Unglücksgefühle lassen sich tragen. Wer von uns hätte in seinen jungen Jahren nicht das gleiche gefühlt?! Das wogt in uns und kommt und geht, aber das gibt sich, das legt sich alles; man wird duldsam, die Ansprüche sind nicht mehr zu hoch gespannt. Liebes Kind, was verlangst du von den Menschen? Du verlangst zuviel. Sollen sie alle immer nur das Herz sprechen lassen? Das würde ein schönes Durcheinander auf der Welt geben. Nein, mein Kind,“ — er strich wieder mit der heissen Hand über ihr Haar — „schick du dich in die Welt, dann wird sie dir gefallen, und du wirst ihr auch gefallen. Es geht nicht anders,“ schloss er mit einem Seufzer.
„Das ist nicht dein Ernst,“ fuhr sie auf. „Du redest nur so. Kannst du das nett finden, wenn sie im Kränzchen immer nur von Herren sprechen, und was der gesagt hat und jener, und wieviel Geld er hat und was er für eine gute Partie ist?! Und dann necken sie sich gegenseitig — und legen sich Karten und kichern — und werden rot wie die Krebse und beneiden sich gegenseitig — es ist mir zu erbärmlich! Selbst Milchen Zänglein, die doch voll Frömmigkeit steckt zum Platzen, macht auch mit. Ich kann das nicht, ich mag das nicht! Ja, einen mal ordentlich lieb haben, so recht aus Herzensgrund, dass einem nichts zu viel wäre für ihn zu tun — gar nichts — ja das mag ich! Aber so an jedem herumschnuppern — pfui!“
„Nelda, Nelda, wenn dich die Mutter hörte! Sie ist so glücklich, wenn du mit den andern Mädchen verkehrst. Es sind doch auch nette darunter; sei nicht gleich so schroff!“
„Ach,“ murrte sie, „da muss man mit ihnen eingepfercht sitzen und könnte statt dessen in die Berge oder den Rhein entlang laufen, wo einem die Brust weit wird und bessere Gedanken kommen. Ba!“
Dallmer sah in das unglücklich verzogene Gesicht seiner Tochter und musste lachen, aber er wurde gleich wieder ernst. Ein Ausdruck von Pein trat in seine Augen.
„Kind, ich will dich nicht belügen,“ flüsterte die heisere Stimme, „mir ist das Getue eben so unangenehm wie dir, es gehört aber nun einmal zum Leben, du hast ohne das keine Existenzberechtigung. Ich habe es nun bald sechzig Jahre durchgemacht, da wirst du mit zwanzig doch nicht die Waffen strecken? Mir wird oft vorgeworfen, dass ich mich von der Welt zurückgezogen habe; nun, ich bin müde, ich habe die Entschuldigung meiner Kränklichkeit, aber du —?! Du musst! Du musst dich versorgen! Willst du dein Lebenlang in abhängiger Stellung vegetieren?“
„Warum habt ihr mich nichts lernen lassen?“ stiess sie hervor.
„O, denkst du’s dir verlockend, fremder Leute ungezogne Kinder zu hüten? Als Gesellschafterin die Ablagerungsstätte für jede schlechte Laune zu sein? Du bist nicht geschaffen dafür — oder meinst du?“
Sie schüttelte sich. „Grässlich, Papa!“
„Siehst du!“ Die bleichen Wangen Dallmers überzogen sich auf den Backenknochen mit einer hektischen Röte. „Du tätest mir auch leid. Also, Nelda, immer en avant! Mühe dich, ein bisschen liebenswürdig zu sein; vom nächsten Ball bringst du mir gewiss mehr Kotillonsträusse nach Haus als sonst.“
„Über den lumpigen einen von Hauptmann Xylander bring ich’s doch nicht!“ murmelte sie.
„Ich bleibe auf und sehe sie mir noch in der Nacht an.“ Der Vater hob mit dem Zeigefinger das Kinn der Tochter in die Höhe. „Du machst mir die Freude, Nelda, nicht wahr?“
Sie sah ihm fest in die Augen, ganz lange, ganz ernsthaft — da tönte plötzlich unten im Flur eine klagende Stimme.
„Mein Gott, wer hat die Stubentür sperrangelweit aufgelassen? Das ganze Zimmer ist ausgekältet. Laura, Laura, wo stecken Sie, haben Sie das denn nicht gemerkt? Es ist ja rein grässlich, all die Kohlen, das ganze Holz umsonst! Das ist wirklich zum Weinen!“
Die Verteidigungsrede der Magd war nicht zu verstehen, nur undeutliches Stimmengewirr schallte nach oben.
Jetzt knarrte die Treppe, die Tür ging auf. Frau Rätin Dallmer kam vom Kaffee. Mit kläglicher Miene stand sie auf der Schwelle, ihre zarte Gestalt verschwand fast in dem weiten Abendmantel, ihre Nase guckte spitz und weiss aus der dunklen Kapuze.
„Es ist doch schrecklich,“ jammerte sie, „kaum kommt man nach Haus, geht der Ärger los. Nelda, du hast wieder die Tür sperrangelweit offen gelassen! Wie konntest du? Ich sage ja —“
„Guten Abend, Lorchen!“ schnitt Dallmer ihr die Rede ab.
„Guten Abend, Mama!“ kam es kleinlaut von den Lippen der Tochter.
„Guten Abend, guten Abend,“ nickte Frau Dallmer hastig.
„Nun, wie hast du dich amüsiert, Mutterchen?“ fragte der Mann.
„Ach, ausgezeichnet!“ seufzte die Rätin und sank auf den nächsten Stuhl, Mantel und Kapuze lockernd.
„Was sind das für liebe Menschen! Nur die Planke ist verrückt, rein verrückt! Die passte gut zu Nelda mit ihren verschrobenen Ansichten. Wirklich ein Skandal, wie sie geredet hat! Aber mein Gott, ich hab ja gar keine Ehre, was über sie zu sagen, wenn die eigne Tochter —“
„Mutter, wie kannst du mich mit der Planke vergleichen?“ unterbrach sie Nelda brüsk. „Die schimpft auf die Männer, weil sie keinen kriegt, und hebt das weibliche Geschlecht in den Himmel — ich schimpfe ja gar nicht, ich hebe nur nicht in den Himmel. Sie sind mir alle Jacke wie Hose!“
„Um Gottes willen!“ Frau Dallmer rang die Hände. „Was sind das für unanständige Redensarten! Die Oberkonsistorialrätin hat ganz recht, wenn sie sich über Nelda aufhält und ihr Milchen am liebsten nicht mehr ins Kränzchen liesse; man muss sich schämen. Aber ihr lasst mich ja nie ausreden! An dir, Joseph, hab ich auch gar keine Unterstützung! Ich bin wirklich eine beklagenswerte Mutter!“
Sie schluchzte auf, und die Tränen begannen ihr über die Wangen zu rinnen.
Der blasse Mann auf dem Sofa rückte unruhig hin und her und machte Miene aufzustehen — da war Nelda schon bei der Mutter. Sie hatte bis dahin mit trotzigem Gesicht gestanden, die Brauen finster zusammengezogen; nun wurde sie glühend rot und kauerte vor der Weinenden nieder, wie vorher beim Vater.
„Mama, o sei wieder gut! Mama, es tut mir so schrecklich leid, dass du dich geärgert hast“ — sie drückte ihr Gesicht an das dünne grauseidne Kaffee-Staatsfähnchen — „lass doch die Zänglein reden! Und die Tür, das kam, weil ich den Papa husten hörte, da rannte ich schnell herauf. Meine goldige Mutter, sei wieder gut, weine nicht! Du sollst nicht weinen,“ rief sie lauter, mit dem Fuss aufstampfend.
„Ich weine ja gar nicht mehr.“
Frau Rätin trocknete ihre Tränen und machte ein ganz vergnügtes Gesicht.
„Nein, denkt euch, die hübsche Agnes Röder heiratet schon bald! Die Zänglein erzählte es, ihr Mann traut. Die Hochzeit muss ich sehen! Schade, Neldachen, dass du nicht eingeladen wirst; es wäre eine Gelegenheit. Übrigens, hast du deinen Tüllrock fertig? Kommt jetzt beide, es ist über neun, ihr habt noch kein Abendbrot — ich kann nichts mehr essen, bei der Doktorin war’s sehr gut. Nimm die Lampe, Kind, unten ist’s dunkel.“
Frau Dallmer trippelte eilig die Treppe hinunter. Vor der grossen, hagern Gestalt des Vaters schritt Nelda her, die Lampe mit kräftiger Hand hoch haltend. Der Schein fiel voll auf ihre weichen gesunden Wangen und spielte über die Stirn unter den widerspenstigen aschblonden Haarringeln.
Sie hatte ein tiefes Fältchen über der Nasenwurzel.
3
In der guten Stadt Koblenz donnerten die Karossen. Im Kasino war grosser Ball; Militär und höheres Beamtentum gaben das zweite diesjährige Winterfest.
Wenn ein Ort auch in die Vierzigtausend geht, sämtliche Einwohner nehmen an solch wichtigem Ereignis doch teil, wenn sie auch nur auf der Gasse gaffen und sich von den vorüberfahrenden Wagen mit Schmutz bespritzen lassen. In der Kasinostrasse, vorm Haupteingang, standen die Menschen dichtgedrängt.
„Hau, die is schön!“
„Kuck mal!“
„Die in Weiss! Und die in Rosa — ne, die is nit so schön!“
„Potztausend, is die fein!“
Bei jedem Wagen, der vorfuhr und sich seines Inhalts entledigte, ging die Kritik von neuem los. Wie eine Welle flutete der Schwarm der Neugierigen näher, vorwitzige Buben schlüpften bis ans Trittbrett und stellten Betrachtungen über die Grösse der atlasbeschuhten Füsse an, die sich da hinabschwangen.
Mütter hielten ihre vermummten Kleinen in die Höh:
„Kuckt, wat feine Damens!“
„Die sind glücklich!“ dachte manch armes junges Ding bei sich, das fröstelnd in der Gosse stand, mit begehrlich glänzenden Augen, die klammen Finger in die Schürze gewickelt.
Nelda Dallmer war durchaus nicht glücklich, als sie mit der Mutter über die dunkle Chaussee patschte. Tauwetter. Sämtliches Eis geschmolzen; von den kahlen Bäumen tropfte es nieder in Lachen und Rinnsale, dass sie aufspritzten.
Beide Damen waren hochgeschürzt, darüber weite Mäntel und Tücher um den Kopf; in den plumpen Gummistiefeln steckten die dünnen, weissbestrumpften Wädchen der Rätin und leuchteten gleich Wegweisern vor Nelda her. Missmutig schlenderte diese hinterdrein. Ach, der Ball — und bei solchem Wetter! Die Mutter hatte schon den ganzen Tag lamentiert über das Opfer, das sie der Tochter bringen musste, über die unausbleibliche Erkältung und so weiter, und doch hatte sie mit fiebernder Geschäftigkeit an dem Schlachtopfer herumgeputzt. Wie ein solches liess Nelda alles über sich ergehen.
Als sie fix und fertig, im weissen Tüllkleid, unten in der Wohnstube vorm Pfeilerspiegel stand, ging der Vater mit dem Lorgnon betrachtend um sie herum.
„Du siehst gut aus, mein Kind!“
„Ach ja,“ meinte die Frau Rätin, „hier zu Hause! Aber sind wir erst da, fällt sie doch sehr ab zwischen all den reizenden Erscheinungen. Du solltest wenigstens die Blumen nehmen, Nelda,“ — sie brachte ein paar unmögliche Kornblumen herzu — „das macht gleich lieblicher.“
„Ich danke, Mama!“ hatte das Mädchen kurz erwidert und das blitzblaue Gewinde beiseite geschoben.
„Warum denn nicht?“ Und nun hatte es einen kleinen Kampf gegeben, der damit endete, dass die Mutter mit roten Bäckchen, erhitzt, vorausstapfte, und die Tochter, bleich, mit zusammengepressten Lippen, folgte — ohne Blumen.
Die Damen Dallmer besuchten stets zu Fuss Bälle und Gesellschaften in der Stadt. Ein Wagen über die Brücke kostete hin und her, mit Warten und allem, gegen zehn Mark, das war denn doch zu teuer; und da man zum Vergnügen musste, ging man einfach. Xylanders machten’s ebenso; komisch, dass man sich nie unterwegs traf! Das war so eine unschuldige List der guten Rätin. Sie lauerte hinterm Fenster, bis Hauptmanns vorüber gewandert waren, und blies dann erst selbst zum Aufbruch. Es brauchte doch keiner vom andern zu wissen, dass er zu Fuss ging; man konnte ebensogut gefahren sein.
Es war schon ziemlich spät, als Dallmers am Kasino anlangten, die letzten Wagen rasselten eben vor. Auf der Treppe waren Teppiche gelegt, hellgrau, mit pompös roten Rändern; die schmutzigen Galoschen der beiden Fussgängerinnen liessen hässliche nasse Tappen darauf zurück.
Nun waren sie in der Damengarderobe. Heiss, vollgedrängt. Ein Gewirr von blauen, gelben, grünen, rosa Toiletten. Dazwischen Mütter in steifseidnen Kleidern, raschelnd, sich blähend wie aufgetakelte Fregatten. Erregte Väter, galante Gatten draussen wartend auf dem Gang; vor der Saaltür ein ganzer Trupp junger Männer — Offiziere, befrackte Herren — sie lassen die Ausstellungsobjekte Revue passieren.
„Du — wenig weiss!“ flüsterte Frau Dallmer der Tochter ins Ohr, als sie vorm Spiegel an ihr herumzupfte. „Sehr angenehm für dich! Warte, nein, halt! Hier die Haarnadel muss ich noch mal herausziehen — und was ist denn das? Mein Gott, du hast ja unten die Falbel ganz schief aufgenäht! Nein, so kannst du unmöglich gehen! Gott, Gott, ich habe es zu Hause bei der schlechten Beleuchtung gar nicht gesehen! Nadeln, Nadeln!“
„Lass nur, Mama, es ist ganz gut so!“ Nelda schüttelte gelassen die etwas zerdrückten Röcke. „Komm jetzt ’rein!“
Die beiden drängten sich durch.
„Ah, Frau Rätin! Guten Abend! Ohne den Herrn Gemahl? Und Fräulein Nelda, so strahlend! Ganz entzückend!“
„Nein, wie reizend, dass wir uns treffen!“ sagte beglück! die gute Dallmer und schüttelte Frau Doktor Schmidt die Hand. „Sind Oberkonsistorialrats auch schon hier?“
„Freilich, da stehen sie ja! Sehen Sie nur, wie sie die Töchter wieder gemustert hat — kaum glaublich! Milchen mit dem Rosenkranz über dem finnigen Gesicht, und Tonchen in Hartrosa bei ihren starken Farben!“
„Grässlich,“ stimmte Frau Rätin zu.
Eben kam die geistliche Dame angerauscht; ihre würder volle Gestalt prangte in Seide von einer unbeschreiblichen braunen Farbe, auf ihrem, mit mächtigen Flechten gezierten Haupt bäumten sich drei weisse Straussenfedern. Rechts und links trippelten Milchen und Tonchen in Blau und Rosa.
„Ah, meine teuren Freundinnen,“ — der sonore Kanzelton hatte etwas ungemein Schmelzendes — „seien Sie gegrüsst! Welche Fügung, dass wir uns schon hier treffen! Wir wollen uns nachher zusammensetzen. Ich spiele ja keinen Whist, es verträgt sich nicht mit unserm Stand — ach, man handelt schon gegen seine Überzeugung, dass man überhaupt hier ist! Aber —“ sie zuckte die Achseln und streifte Blau und Rosa mit einem mütterlich stolzen Blick — „was tut man nicht seinen Kindern zuliebe?!“
„Natürlich, natürlich! Nein, wie einzig Fräulein Milchen und Tonchen aussehen! Wie ein Frühlingstraum!“
Blau und Rosa knixten, verschämt errötend, und umschlangen dann Nelda.
„Ich bin schon zu drei Tänzen engagiert,“ wisperte Tonchen mit den Apfelbacken, und Milchen mit dem Finnengesicht musterte schnellen Blicks das weisse Kleid der Kränzchengenossin:
„Du hast nur Satin drunter, nicht? Ich habe Seide, das ist doch viel angenehmer.“ Und dann zwitscherten beide unisono: „Zu nett, dass wir uns gleich getroffen haben, liebste Nelda!“
„Ja, zu nett,“ war die eigentümlich betonte Antwort. Dann schritten alle drei, in lieblich schwesterlicher Eintracht, zur Garderobe hinaus.
Draussen auf dem Gang empfing der Herr Oberkonsistorialrat die Seinen; er reichte seiner Frau den Arm, Blau und Rosa schwebten vor den Eltern her. Die Gruppe an der Saaltür machte mit untertänigen Bücklingen Platz, aber Frau Zängleins scharfes Ohr fing doch eine nur hingehauchte Bemerkung auf. ‚Sie sieht aus, wie ein aufgezäumtes Schlachtross des Altertums‘ — ‚und die beiden Bunten wie die Läufer, die voran plänkeln‘, flüsterte eine zweite Stimme. Frau Oberkonsistorialrätin zuckte zusammen. Heute war ein entschiedener Pechtag, schon beim Aussteigen hatte ein Gassenjunge ‚dat Elefantenbein!‘ gerufen, und die Gaffer hatten gelacht.
„Unverschämt,“ murmelte sie und gab Blau und Rosa einen kleinen Puff in den Rücken. „Haltet euch nicht steif, nicht so wie Nelda Dallmer, die einen Ladestock im Rücken hat. Verneigt euch doch!“ Und Blau und Rosa verneigten sich.
Im Saal standen massenweis junge Damen an den Wänden herum, Tanzkarten in den Händen. Auf der Estrade stimmte die Militärkapelle ihre Instrumente.
Eine erwartungsvolle Stille schwebt über dem grossen, glänzend parkettierten Raum — die Stille vor dem Sturm. Eine Gaskrone und viele Kandelaber strahlen, ein leicht beklemmender Duft von Blumen und Parfüms schwebt in der Luft.
Über dem grossen Kronleuchter hockt etwas Seltsames; man sieht es nicht, aber man fühlt es. Es senkt sich von da oben herab in den Saal, es treibt die jungen Herren zu schwänzeln und zu tänzeln, die jungen Damen zu lächeln und zu äugeln, die biedern Elternpaare verbindliche Dinge zu sagen und im Herzen das Gegenteil zu fühlen. Es ist etwas Merkwürdiges, etwas Lauerndes wie auf der Jagd, was im Saal herumstreicht — gleich wird der Kapellmeister den Taktstock heben — schnedderedengdeng! huss! heissah! fass! Die Hatz geht los!
Nelda Dallmer stand ruhig an der einen Seitenwand, weiss und klar hob sie sich von ihrer bunten, unruhig trippelnden Umgebung ab. Was sich die Mädchen nicht alles zu sagen hatten! Sie waren plötzlich die intimsten Freundinnen, besonders wenn ein Herr sich näherte, einer mit klingenden Sporen und siegreichem Schnurrbart, oder ein befrackter, chapeau claque unterm Arm. Dann steckten sie die Köpfchen zusammen und tuschelten und kicherten und bebten wie Blumen vorm Sturmwind. Und die Herren der Schöpfung strichen herum, schlugen die Hacken zusammen, naschten hier ein wenig Honig und dort, setzten den schärfsten Klemmer auf die Nase und suchten die beste Ware aus. ‚Schwer reich‘ ging am reissendsten ab, dann ‚schön‘ und ‚tanzt gut‘; das übrige wurde verauktioniert.
Neldas Tanzkarte war noch nicht gefüllt. Ein paar Mal war schon der ängstliche Blick der Mutter fragend zu ihr herüber geflogen, sie hatte als Antwort gelächelt. Jetzt setzte die Musik ein, als sollte eine Kavalleriebrigade ins Feuer rücken, die Tänzer stürzten auf ihre Erkorenen los — ein Scharren, ein Beugen in den Knieen — heidi, fort ging’s!
„Darf ich bitten, Fräulein Nelda?“ Hauptmann Xylander hielt dem Mädchen seinen Arm hin. Er sagte nicht ‚gnädiges Fräulein‘; er kannte sie ja schon, als sie noch mit wehenden Zöpfen auf der Chaussee Seilchen sprang.
Der lange Hauptmann mit den kurzsichtigen Augen, um dessen Mund es oft so gutmütig sarkastisch zuckte, war kein grosser Tänzer vor dem Herrn; er stiess mit den Knieen und trat vorzugsweise gern auf fremde Füsse, doch war er Nelda lieber als der schneidigste Ballöwe. Er raspelte kein Süssholz, er sagte nie, was er nicht wirklich meinte. Er war Nelda sympathisch, und ihr jedesmaliges Kotillonbukett stammte entschieden von ihm; das war schon usus.
Mit einem freundlichen Nicken legte sie die Hand auf seinen Arm; sie tanzten davon, ein-, zweimal herum, dann suchten sie ein Plätzchen in einer Ecke.
„Fräulein Nelda,“ sagte Hauptmann Xylander, „machen Sie nicht so finstre Augen, es steht Ihnen nicht. Sehen Sie sich nur einmal die Jugend rund umher an! Ihre Freundinnen verstehen es alle besser, die Blicke spielen zu lassen.“
„Es sind nicht meine Freundinnen.“ Die Antwort klang herb. „Ich danke dafür.“
„Nun, nun, ich wollte Sie nicht beleidigen, pardon!“ Er machte eine leichte Verbeugung. „Wie konnte ich Sie auch mit den Gänschen auf dem Gänsemarkt vergleichen? Ha ha, Fräulein Nelda, der hübsche Vergleich ist mir zu Ohren gekommen. Sehen Sie, drüben schnattern ein paar recht lustig!“
Er wies mit den Augen auf die andre Saalseite, wo gerade Lena Röhling und Anselma von Koch in lebhaftester Unterhaltung mit ihren Tänzern begriffen waren.
Lena Röhling — Tochter eines Grossindustriellen, Vater machte in Eisenbahnschienen — war klein, dick, lachlustig, sehr begehrt; hätte nicht nötig gehabt, so zu kokettieren, wie sie es eben tat. Doch zweierlei Tuch, besonders wenn ein Adelswappen darauf klebte, war zu ausserordentlich einnehmend. Sie legte den Kopf auf die Seite und blinzelte von unten herauf den jungen Offizier an, schelmische Grübchen erschienen in Wangen und Kinn; man sagte, sie hätte Perlzähne, nun nutzte sie auch jede Gelegenheit sie zu zeigen. Jetzt kicherte sie hell auf, hielt sich mit dem Fächer die Augen zu und hob neckisch drohend das Fingerchen.
Anselma von Koch, die Freundin der kleinen Dicken, machte es anders. Als Tochter des Kommandierenden war sie stets von Leutnants umlagert, die bunten Jacken verdrängten jedes befrackte Individuum aus ihrem Strahlenkreise, aber die moderne junge Dame hatte praktischen Sinn; sie zog das Reelle vor. Heut hatte ihr ein günstiger Wind — ‚Fügung‘ würde die Oberkonsistorialrätin sagen — den kürzlich nach Koblenz versetzten Landrat schon zum ersten Tanz in die Arme getrieben. Hübscher Mann, wenn auch nicht ganz jung, und sehr wohlhabend; sie nagelte ihn gleich ordentlich fest. Es wurde ihr nicht schwer, sie war ein schönes Mädchen mit voller Büste und Wespentaille, dazu hatte sie prachtvolle, blaue Augen und etwas Sieghaftes im Ton. Die Sache konnte sich machen.
Den Leutnants wurde angst, sie massen den unverschämten Zivilisten mit durchbohrenden Blicken und schlugen die Hacken zusammen, dass die Sporen klirrten. „Gnä’ges Fräulein, befehlen Extratour?“ „Gnä’ges Fräulein — ä — ä — so ungnädig heute abend?!“ Es verfing nicht, die Leutnants blitzten ab, Anselma von Koch blieb bei dem einmal für gut Befundenen.
Nelda Dallmer musste laut lachen, und Hauptmann Xylander stimmte mit ein. Eine Weile lachten sie, dann hob das Mädchen, plötzlich ernst werdend, die Augen zu dem Partner, kluge Augen von einem weichen Grau unter dunklen Brauen.
„Tanzen wir, ich werde sonst wieder boshaft, und ich hasse mich, wenn ich boshaft bin.“
„Wie Sie befehlen.“
Sie machten noch eine Tour. Mitten im Drehen fragte Xylander:
„Warum sind Sie boshaft? Wenn Sie nicht wollen, müssten Sie doch so viel Gewalt über sich haben — wie?“
Sie murmelte etwas Unverständliches. „Gewalt über mich? O!“ Die Hand auf seinem Ärmel zuckte. „Ich habe keine Gewalt über mich,“ stiess sie hervor. „Ich könnte manchmal alles zusammenschlagen, mich selbst mit — grässlich — ich kann’s nicht ändern — manchmal könnt ich auch lieb sein — dann muss ich jedes Kind auf der Chaussee küssen — albern — ich kann’s auch nicht ändern! Nein, ich habe keine Gewalt über mich — o nein!“
Sie tanzte beschleunigt fort, fast wild und riss ihn mit; sie kamen aus dem Takt. Gut, dass die Musik mit einem Pankenschlag endete.
Kleine Pause. Die Konversation im Saal wurde lebhafter. Geschwirr, Rauschen von Schleppen, Lachen, Scharren; man konnte sein eigenes Wort nicht verstehen.
Xylander warf verstohlen einen Blick auf Neldas Tanzkarte — gerade der erste Walzer nicht besetzt, wie unangenehm für das Mädchen!
„Soll ich Sie zu meiner Frau führen? Elisabeth würde sich so freuen mit Ihnen zu plaudern. Sie sind erhitzt, Fräulein Nelda, es wäre besser, Sie pausierten den nächsten Tanz. Bitte, tun Sie es!“
Sie lächelte und sah ihm gerade in die Augen.
„Wie nett Sie sind! Aber verstellen Sie sich nicht. Ich bin nicht erhitzt — und wenn auch! Es ist Ihnen unangenehm, dass ich den nächsten Tanz schimmle. Mir nicht. Aber bitte, bringen Sie mich zu Ihrer Frau!“
Frau Elisabeth Xylander war sehr vergnügt, sie ging so gern auf den Ball, trotz ihrer fünfe. Mit sorgloser Fröhlichkeit, wie eine Siebzehnjährige, gab sie sich dem Wiegen des Tanzes hin. Heute war’s freilich ein heisser Tag gewesen — grosse Wäsche, selbst Buschmann musste dabei helfen — Frau Hauptmann hatte allein die Kinder zu hüten, das Essen zu kochen, und wie immer alles im ungeeignetsten Moment kommt, so war es auch heute gewesen. Wilhelm kehrte mit einer Beule aus der Schule zurüss, dick wie ein Hühnerei; Lollo und Vicky zankten, gingen mit Stöcken auf einander los und zerschlugen den Spiegel über der Kommode. Während die Mutter auf der Diele kniete und die Trümmer zusammen las, kam Karl angekrochen und zerschnitt sich an einem Scherben das Fingerchen. Grosse Heulszene mit Rutenstreichen und so weiter. Heiss und abgehetzt war Frau Elisabeth im letzten Augenblick in den Ballstaat geschlüpft. Der war schon geraume Zeit immer der gleiche, ein weissseidenes Kleid, je nach Bedürfnis zurecht gemacht; allzuviel hatte sie ja überhaupt nicht dem Vergnügen des Tanzes huldigen können, von wegen der fünfe.
Nun stand sie aber, freundlich wie ein Sonnentag, im hell erleuchteten Ballsaal. Die rundlichen Schultern sahen weiss und appetitlich aus dem Festgewand, an der Brust trug sie ein Sträusschen roter Winterbeeren und ein paar Efeublätter — die Kinder hatten’s im Garten zusammengelesen.
„Gut, dass du kommst, Paul,“ rief sie lachend, noch atemlos von der letzten Tour, ihrem Mann entgegen, „und wie schön, dass du Fräulein Nelda mitbringst!“ Herzlich streckte sie dem jungen Mädchen die Hand entgegen. „Hier, Ramer ist wieder in seiner schwärzesten Laune, es will mir nicht gelingen, ihn aufzuheitern. Vielleicht glückt’s unserm losen Züngelchen da besser!“
Sie griff scherzend nach Neldas Ohrläppchen und zwickte es.
„Kommen Sie, Kind, lassen Sie sich miteinander bekannt machen. Paul, stelle mal vor!“
„Gestatten Sie — Premierleutnant Ferdinand von Ramer, mein langjähriger Freund und jüngerer Kamerad vom Kadettenhaus her, jetzt zu meiner grossen Freude hierher versetzt — Fräulein Nelda Dallmer, unsere Nachbarin auf der Chaussee!“
Nelda verneigte sich; sie sah, wie die Augen des fremden Offiziers gleichgültig aufblickten und sich sofort wieder zu Boden senkten. Auf einmal schoss es ihr durch den Kopf — Ramer, Ramer — wo hatte sie den Namen doch schon gehört? Richtig, vor drei, vier Jahren hatte er in sämtlichen Zeitungen gestanden, da regte dieser abscheuliche Spielerprozess alle Gemüter auf. War das etwa der Sohn von jenem berüchtigten Ramer oder sonst ein Verwandter? Sie sah den Fremden mit einem gewissen Interesse an. Er hatte sich halb abgewendet und liess Frau Elisabeth auf sich einreden; er sah nicht mehr jugendlich genug für einen Premier aus, obgleich sein Gesicht hübsch war und seine Haltung eine tadellose.
Xylander trat dicht an Nelda heran und flüsterte, seinen Schnurrbart drehend, hinter der vorgehaltenen Hand: „Sie kennen doch die böse Geschichte? Habe ihn heute zum ersten Mal herausgelotst — armer Kerl, famoser Mensch — seien Sie ein bisschen nett zu ihm, Fräulein Nelda, er hat’s nötig!“ Laut setzte er hinzu: „Empfehle mich den Herrschaften. Du verplauderst wohl den nächsten Tanz mit Fräulein Nelda, Lisabeth? Habe selbst noch eine Pflichttour abzumachen — o je!“ Und mit einem komischen Seufzer chassierte der lange Hauptmann durch den Saal auf ein verblühtes ältliches Mädchen zu, das ihm aufleuchtenden Blicks entgegensah.
Die drei schauten ihm nach. „Wie gut Paul ist,“ sagte der Fremde plötzlich, „noch immer der alte liebenswürdige Mensch!“
„Ja, das ist er,“ nickte Frau Elisabeth stolz, doch mischte sich ein Teilchen Unzufriedenheit in ihren Ton. „Wenn er nur nicht immer so unpraktisch wäre! Selbst mit dem Tanzen ist es so, an die Schönen und Begehrten macht er sich nicht, immer nur, was da so herumsitzt.“ Sie bewegte die Hand bezeichnend nach der verblühten Dame hin. „Ich predige ihm oft, aber er nimmt immer das, was kein andrer mag!“
„Ja, mit mir hat er auch getanzt. Sehen Sie, Frau Hauptmann, und noch hinter zwei Tänzen steht sein Name!“ Nelda hielt der Verblüfften ruhig ihre Tanzkarte hin.
„Aber — aber — Kind — Sie — wie können Sie nur denken?!“ stammelte Frau Elisabeth in tödlicher Verlegenheit.
„O, das macht gar nichts,“ lachte Nelda, „ich nehme es nicht übel. Wenn ich einen so netten Mann hätte wie Sie, wäre mir auch das Allerbeste nur gerade gut genug für ihn. Aber es geht ja im Leben nicht immer nach Wunsch. Ich wäre auch lieber wo anders, als hier!“ Überrascht sah der Fremde auf, sie merkte es nicht. „Finden wir uns beide drein und nichts für ungut!“ Sie hielt der Verlegenen die Hand hin.
Frau Elisabeth war es ganz heiss geworden; ein Glück, dass jetzt ein Herr vom Regiment auf sie zukam und um den nächsten Walzer bat.
„Ich wollte — ich sollte — mein Mann wünschte — nein, nein, ich danke!“
„Aber, gnädige Frau, Sie, als vorzüglichste Walzertänzerin, werden doch nicht pausieren? Ich bitte, ich bitte dringend!“
Die junge Frau schwankte — eben hob der Kapellmeister den Taktstock, die ersten Töne der ‚schönen blauen Donau‘ wiegten durch den Saal — sie sah auf Nelda.
„Natürlich wird die Frau Hauptmann tanzen,“ sagte diese.
Der schweigsame Leutnant von Ramer fuhr wie aus einem Traum auf. „Vielleicht nehmen gnädiges Fräulein inzwischen mit mir vorlieb?“ Er machte Nelda eine tiefe Verbeugung. Sekundenlang sah sie in ein paar schwermütige Augen von unbestimmter Farbe, die mit einer gewissen Bewunderung auf ihr ruhten. Wider ihren Willen errötete sie; sie fühlte es, sie ärgerte sich darüber, und die Glut stieg ihr noch tiefer, bis hinab in den Ausschnitt des weissen Kleides.
Sie stand regungslos und neigte nur zustimmend den Kopf; schon wirbelten die ersten Paare vorüber, auch Frau Elisabeth walzte selig davon. Mit einer wunderlich gemischten Empfindung von Dankbarkeit und Mitleid legte Nelda Dallmer ihre Rechte in die Hand Leutnant von Ramers — eine nervös zuckende heisse Hand, sie fühlte es bis in die Fingerspitzen.
Nie hatte Nelda Dallmer gut Walzer getanzt, heut konnte sie ihn; sie tanzte mit erwachender Lust.
4
Ferdinand von Ramer und Paul Xylander kannten sich von Jugend an. Sie waren im Kadettenkorps zusammen gewesen; wenn auch der ältere Xylander dem anderen um mehrere Klassen vorauf war, gemeinsames Turnen, gemeinsame Spiele und Spaziergänge hatten sie doch mit einander bekannt gemacht.
Nach Jahren traf man sich in der gleichen Garnison wieder, der eine als Sekond-, der andre als Premierleutnant. Dem liebenswürdig-herzlichen Wesen Xylanders war schwer zu widerstehen, selbst Ramer, der allezeit Zurückhaltende, fühlte sich lebhaft angezogen. Man frischte Kindheitserinnerungen auf, man lachte über längst Vergangenes, man erzählte von diesem alten Lehrer und jenem; es war gerade kein warmes, intimes Zusammensein, dazu neigte der Jüngere nicht, aber es war eine gegenseitige Achtung, ein aufrichtiges Wohlwollen, was man im Leben so allgemein Freundschaft nennt.
Sie kamen dann auseinander; Xylander wurde versetzt, heiratete, wurde dahin und dorthin geworfen, lebte als Hauptmann in Koblenz und hörte kaum mehr von dem früheren Kameraden. Immer hatte er schreiben wollen, eigne Freuden, eigne Sorgen nahmen ihn in Anspruch; da gelangte eine Kunde an sein Ohr, die ihn tief erschütterte.
Ramers Vater war Militär, ein Mann von Meriten, die Brust voller Orden; er lebte als Kommandant von Hannover auf einer Art Ruheposten, aber immerhin in einer Stellung, die die Blicke auf sich zog. Wenn der alte Herr mit dem eisgrauen Schnurrbart, das schöne, noch frische Gesicht in vornehmer Ruhe, seinen Morgenritt durch die Promenaden der Stadt machte, zogen die Bürger ehrfurchtsvoll den Hut. Er grüsste freundlich mit leutseligem Lächeln; er war beliebt bei jung und alt.
Kein Diner ohne den alten Ramer; er führte stets die Hausfrau zu Tisch, die schönsten Mädchen gaukelten mit kindlicher Schmeichelei um ihn herum. Papa Ramer, Papachen Ramer, ach, das reizende Papachen! Sie küssten die zierlichen Fingerspitzen und warfen ihm die schmelzendsten Blicke zu.
Der Kommandant machte ein sehr angenehmes Haus. Wie er’s fertig brachte, ohne persönliches Vermögen, war freilich unklar; nun, er musste es doch können. Die drei Töchter hatten sich verheiratet, sie waren nicht besonders hübsch; allen dreien musste er Zulage geben, sonst wäre nichts aus den Partien geworden. Der Sohn als Leutnant brauchte doch auch etwas — aber wen ging’s was an? Haus, Dienerschaft, Reitpferde, alles elegant; den dunklen Gerüchten, die plötzlich auftauchten, um ebenso plötzlich zu verschwinden, schenkte kein Mensch Glauben.
Da brach es eines Tages herein mit Donnergekrach, dass den guten Bewohnern von Hannover die Ohren gellten und die schönen Bewundrerinnen des ‚reizenden Papachens‘ entsetzt in alle Winde flatterten. Die Polizei hob eine Spielhölle auf im Haus der berühmten und berüchtigten Stadtschönheit, Madame Adrienne Gwiazdowska.
Dies exotische Gewächs war, Gott weiss woher erschienen, fuhr in eigner Equipage, schmachtend hingegossen, täglich durch die Strassen, mit ihren grossen schwarzen Augenrädern und Similibrillanten einen Haufen Verehrer an sich lockend. Manchen war diese ‚Dame aus der Fremde‘ bald verdächtig; man munkelte und wusste doch nichts Bestimmtes. An einem späten Abend stieg der Polizeichef selbst, mit der nötigen Begleitung, die teppichbelegten Stufen zu Madame Adriennes Wohnung hinauf, schob die erbleichenden Diener zur Seite und überraschte die Spielgesellschaft in flagranti, neben der schönen Exotischen im zärtlichsten Einverständnis — den hochgeehrten allbeliebten Kommandanten von Ramer!
Ein Entsetzensschrei, eine Panik sondergleichen. Die Spannung aller Kreise ging ins Unglaubliche. Von Tag zu Tag entrollten sich schwärzere Bilder, wunderbare Dinge gelangten plötzlich in die Öffentlichkeit; Personen, deren Unantastbarkeit über allen Zweifel erhaben gewesen, wurden mit hineingezogen, die Zeitungsschreiber allerorten hatten überwältigenden Stoff. Majestät mischte sich persönlich ein. In dem eleganten Haushalt des Herrn Kommandanten wurde alles versiegelt; man munkelte von unterschlagenen Geldern, Kassendefekten. Die arme Frau von Ramer, die stets schüchtern und gedrückt neben dem glänzenderen Gatten dahingelebt hatte, brachte man in eine Irrenanstalt. Mit einem markerschütternden Getöse brach der ganze stolze Bau von Ehre, Reputation, Wohlanständigkeit zusammen. Was blieb dem ‚reizenden Papachen‘, dem unglücklichen Menschen übrig —?! Nur der Mut der Verzweiflung, der die Pistole in die gekrallten Finger drückt und mit eisig kaltem Flüstern ins Ohr raunt: „Schiess — schiess!“ Kommandant von Ramer schoss sich tot. Er hinterliess seinen Kindern nichts als ein Gefühl unauslöschlicher Schande — seinem Sohn einen gebrandmarkten Namen. Majestät waren sehr gnädig. Als Leutnant von Ramer in bitterster Verzweiflung seinen Abschied einreichte, kam ein huldvolles Handschreiben:
‚Es sei ferne von uns, den Sohn für den Vater verantwortlich zu machen. Wir wünschen nicht, einen braven Offizier unsrer Armee zu verlieren.“
O diese Huld — und doch diese Pein! Tage, die dahinschlichen! Nächte, Nächte, die das verstörte Gemüt an die Grenze des Wahnsinns hetzten!
Er griff nicht zur Todeswaffe, wie die Kameraden fürchteten, die sorglich alles aus dem Wege räumten; er rang sich durch. Aber ein innerstes Verzagen blieb, eine unauslöschliche Bitterkeit, ein krankhaftes Sichverschliessen. Am liebsten hätte sich Ramer in einen Winkel verkrochen, den nie ein Lichtstrahl trifft; alles, jedes tat ihm weh, das gutgemeinte Mitgefühl, die zarte Rücksichtnahme der Kameraden — ah, was hatten sie, was wollten sie, warum taten sie behutsam wie mit einem Kranken?! Misstrauen packte ihn. Er fühlte sich getroffen von jeder harmlosen Bemerkung, er zuckte zusammen, wenn ein Fremder ihm gegenübertrat und er seinen Namen nennen musste — den schrecklichen, schmachvollen Namen. Der Name war sein Fluch; es ging ihm ein Zittern mitten durchs Herz, wenn jemand ‚Ramer‘ sagte. Die fixe Idee setzte sich in ihm fest: du bist ein Gebrandmarkter, du hast zu verzichten auf alle Freuden von Leben und Liebe. Nur nicht den Namen fortpflanzen, nur nicht noch andere mit hineinziehen in die unauslöschliche Schande — allein, zu Ende!
Ferdinand von Ramer stand seit wenigen Wochen in der Garnison Koblenz. Mit offenen Armen hatte ihn sein alter Kamerad Xylander empfangen. Bald nach der Katastrophe hatte ihm dieser einen wahrhaft freundschaftlichen Brief geschrieben, Ramer hatte sich nicht entschliessen können, zu antworten; diese Versäumnis tat der Herzlichkeit des Wiedersehens keinen Abbruch.
„Willkommen, alter Junge!“ hatte der Hauptmann gesagt. „Siehst du, hier ist meine Frau, hier sind meine Kinder, komm zu uns, so oft du magst! Und nun, lieber Freund, musst du wieder heraus in die Welt; es geht nicht anders!“
Paul Xylander konnte trefflich zureden mit seiner angenehmen Stimme; es war noch gerade wie früher, der Jüngere mochte und konnte sich den ruhigen, herzlichen Worten nicht verschliessen. Keine sechs Wochen waren verstrichen und Leutnant von Ramer besuchte den Kasinoball. Schwer war es ihm angekommen, er tat’s dem Freund zuliebe; aber ein Gefühl grenzenloser Vereinsamung überkam ihn inmitten des Trubels. Da war keins unter diesen lachenden, kokettierenden Geschöpfen, das ihn hätte erheitern können; sie waren auch gar nicht begierig darnach. Leutnant von Ramer — Ramer — puh! Nur das Mädchen mit den klaren Augen und der freimütigen Sprache nötigte ihm einiges Interesse ab. Diese Nelda Dallmer! Bei jedem Tanz holte er sie zu einer Extratour, er klammerte sich in seiner Vereinsamung an sie wie ein Ertrinkender an den Strohhalm; als es zu Tisch ging, war sie seine Dame.
Frau Rätin Dallmer war nicht zufrieden mit dem erklärten Herrn ihrer Tochter, sie winkte sie heimlich beiseite. „Nelda,“ flüsterte sie, „lass den Menschen etwas abfallen! Ist ja gar keine Partie — ich bitte dich, und dann dieser Name! Alle sprechen sie schon darüber. Ich finde es direkt unverschämt, sich mit dem Namen in die Gesellschaft zu drängen. Alle sagen —“
„Wer sagt?“ unterbrach Nelda laut und hart, eine glühende Blutwelle schoss ihr ins Gesicht. „Deine Frau Zänglein und Konsorten!“
„Pst, pst, Nelda, nicht so laut — um Gottes willen!“
Ohne weiteres Wort, mit einem Zucken der Schultern, wandte sich das Mädchen ab und schritt quer über den Saal auf Leutnant von Ramer zu, der mit untergeschlagenen Armen finster dastand. Sie legte ihm die Hand auf den Ärmel:
„Bitte, wollen wir jetzt zu Tisch gehen?“ Dabei lächelte sie ihn freundlich an.
Frau Dallmer war ausser sich; sie gebärdete sich wie eine Henne, die Enteneier ausgebrütet hat und der nun die Brut auf dem Wasser schwimmt, anstatt sich unter die schützenden Flügel zu ducken. Sie rannte unruhig hin und her, ihr armes kleines Gesicht trug einen verängstigten Ausdruck, der schlecht zu dem Seidenfähnchen, der Spitzenhaube, dem Lichtglanz und der Musik passte.
„Beste,“ raunte ihr die Oberkonsistorialrätin zu, „leiden Sie es doch nicht, dass Ihre Nelda sich so ausschliesslich dem einen Herrn widmet. Das fällt auf!“
„Mama!“ Milchen kam gelaufen und schmiegte mit zarter Kindlichkeit ihr Finnengesicht an die stattliche Wange der Mutter. „Denke, wie entzückend! Herr Emil Bovenhagen hat mich zum Souper engagiert!“ Sie kicherte verschämt in sich hinein.
„Ah — ah!“
Die Stimme der Oberkonsistorialrätin erstarb in eitel Wonne; der armen Dallmer gab es einen Stich durchs Herz. Bovenhagen war der reichste Hüttenwerkbesitzer im Lahntal — diese Partie! Und den sollte Milchen mit dem Finnengesicht ergattern und ihre Nelda leer ausgehen?! Wie gern hätte die kleine Rätin geweint, aber das durfte sie doch nicht; sie rappelte sich auf und zwang sich zu einem Lächeln.
Es ging schon auf Mitternacht. Das Scharren und Stühlerücken hatte endlich aufgehört, man sass gemütlich beim Souper. Der Wein löste den Herren die Zungen, die jungen Damen hatten glänzende Augen; Neckereien und Komplimente flogen über den Tisch. Was bei nüchternem Tageslicht eine fade Bemerkung war, hier wurde es zum Witz. Ballsaalbeleuchtung, Ballsaalatmosphäre!
Die schöne Anselma von Koch hatte einen ganzen Hofstaat um sich; sie verteilte jetzt die Blitze ihrer grossen Augen gerechter, ihr Landrat hatte plötzlich eine Schwenkung nach rechts gemacht, wo die allerliebste kleine Röhling sass. Fräulein Anselma mass beide, den sicher Geglaubten wie die teure Freundin, mit spöttischem Lächeln. „Metall zieht Metall an,“ lächelte sie boshaft und senkte die langen Wimpern ihrer strahlenden Augen sanft auf die Wange.
„Göttlich! Famos!“
Die Leutnants erstickten fast vor Lachen und massen doch den Zivilisten mit neidischen Blicken: erst die anerkannteste Schönheit weggeschnappt, und nun auch den kleinen Goldfisch gekapert! Die Herren vom zweierlei Tuch waren nicht dumm, sie wussten sich ganz gut die plötzliche Liebenswürdigkeit der schönen Koch zu erklären.
Das war ein Courmachen, Gelächter, Gläserklingen, Schwadronieren sondergleichen.
Nelda Dallmer und ihr Herr hatten lange keinen Platz gefunden; überall hockten die Cliquen beisammen oder die Plätze waren für gute Freunde belegt. Ramer hatte gar keine Art sich Geltung zu verschaffen, mit einer stummen Verbeugung trat er jedes Mal zurück. Nelda blickte starr vor sich hin; vor ihren Augen schwamm ein zorniges Rot, sie sah nichts, sie fühlte nur eine glühende Empörung in sich aufwallen. Trotzig kehrte sie sich ab, da — es zupfte sie jemand, eine freundliche Stimme sagte heiter: „Nelda — du — wollt ihr nicht hier Platz nehmen? Hier sind gerade noch zwei Stühle!“
Wie einen warmen Hauch fühlte Nelda die freundliche Stimme; sie sah sich um — richtig, da waren noch zwei Stühle!
„Wie ich mich freue,“ sagte Agnes Röder herzlich, „erlaube, dass ich dir meinen Bräutigam vorstelle! Ah, richtig, ihr kennt euch ja wohl schon, das ist schön! Nicht wahr, Carlo, ich habe dir doch oft aus der Schule von Nelda Dallmer erzählt? Sie war immer so drollig!“
Der Bräutigam in der tadellosen Gardeuniform verbeugte sich artig:
„Ah, sehr erfreut, gnädiges Fräulein, ausserordentlich erfreut! Heute so voll hier, dass man gar nicht alle Bekannten findet. Darf ich bitten, Platz zu nehmen — gestatten!“
Herr von Osten hatte Manieren; da der andere gar keine Anstalten traf, sich vorzustellen, musste er doch — eigentlich lächerlich, er, Garde! — dem von der Linie!
„Von Osten.“
„Von Ramer,“ murmelte der andre.
Man setzte sich; die beiden Mädchen nebeneinander, die Herren zu den Seiten.
„Weisst du,“ plauderte die kleine Braut, „der reine Zufall, dass hier noch Platz war. Wir hatten uns mit der Cousine von Carlo und ihrem Mann verabredet, nun weiss ich nicht, wo sie geblieben sind. Ich freue mich viel mehr, dass du hier sitzest,“ flüsterte sie. „Es ist dir doch recht, wenn wir uns noch ‚du‘ nennen?“
„Ja!“
Nelda blickte verwirrt auf das zarte Geschöpfchen an ihrer Seite. War das die Agnes Röder von früher? Merkwürdig, wie die sich verändert hatte! Ob das die Liebe machte?
Nelda hatte die einstmalige Schulgenossin lange nicht gesehen. Zwei Jahre war Agnes in einer hochfeinen Pension Brüssels gewesen, kaum zurückgekehrt und eben in der Gesellschaft aufgetaucht, verlobte sie sich. Das ging Schlag auf Schlag; man sprach sogar von anderen Bewerbern, die schon abgewiesen worden wären. Röders waren dann verreist, erst mit dem Brautpaar an die Riviera, zuletzt mit der Tochter allein nach Paris, um den ‚Trousseau‘ anzuschaffen; ganz Koblenz sprach von der Pracht. Agnes Röder war immer hübsch gewesen, aber hübsch wie die süssen Frätzchen auf Broschen und Dosen in den Schaufenstern, so ein sanftes Madonnengesichtchen mit nichtssagendem Lächeln und ewiger Freundlichkeit, das Ideal aller Welt.
‚Agnes Röder — engelhaft — höchste Weiblichkeit‘ — wie oft waren diese Worte an Neldas Ohr vorübergeglitten. ‚Schaf‘ hatte sie kurz und bündig das Weiblichkeitsideal tituliert.
Eine tiefe Röte stieg ihr in die Wangen, ihr ehrliches Herz schämte sich der spottenden Bemerkungen über das ‚kleine Schaf im goldenen Stall‘. Es war Wärme in ihrem Ton, als sie, der neben ihr Sitzenden des Gesicht voll zuwendend, sagte:
„Nett von dir, Agnes, dass du dich meiner freundlich erinnerst! Ich habe es eigentlich nicht um dich verdient.“
„Ach was — lass doch die kleinen Neckereien! Ich weiss wohl, du hast dich immer ein bisschen über mich lustig gemacht, aber das tut nichts. Ich habe dich immer lieber leiden mögen, als all die andern in der Schule; ich hätte gern mit dir verkehrt, aber ich dachte, du möchtest nicht. Aber nun besuchst du mich mal, nicht wahr?“ Sie drückte Nelda die Hand.
„Jetzt in deinem Glück wirst du keine Zeit haben, du heiratest ja bald.“
„O, nein, nein, ich habe Zeit; du musst kommen! Nicht wahr, Carlo,“ wandte sie sich eifrig an ihren Bräutigam, „es wäre reizend, wenn Nelda uns besuchte?“
„Natürlich! Ausserordentlich erfreut, sehr angenehm, grosser Vorzug!“
„Siehst du, wie er sich freut!“ Und sich näher zu Nelda beugend, flüsterte Agnes Röder: „Ist er nicht schön? Und so gut und klug und liebenswürdig!“ Ein zärtliches Lächeln verklärte ihr reizendes Gesicht. „Ich bin zu glücklich!“
Sie schob ihren Arm in den der andern und drückte diesen leise.
„Weil ich glücklich bin, möchte ich auch alle Welt glücklich machen, ich bin so voll von Liebe. Magst du mich denn ein bisschen leiden, ja?“
Ihre schönen braunen Augen suchten mit schüchterner Bitte Neldas Blick. In einer plötzlichen Aufwallung beugte diese den Kopf und drückte einen raschen Kuss auf die rosige Wange der kleinen Braut.
Ramer hatte stumm gesessen, jetzt wandte sich Nelda ihm zu, und seine Züge belebten sich. Es sprach sich gut mit Fräulein Dallmer. Ihre Augen sahen ihn verständnisinnig an, sie zogen ihm förmlich die Worte von den Lippen. Er sagte mehr, als er sagen wollte. Was er noch nie getan, er berührte sein Unglück, wenn auch nur flüchtig, wie etwas als bekannt Vorausgesetztes; aber man hörte seinem Ton die Erregung an. Es war ihm ordentlich Bedürfnis, einmal aus sich heraus zu gehen und dabei das Kommen und Gehen der Farbe auf dem Mädchengesicht zu beobachten, dem teilnahmsvollen Klang ihrer Stimme zu lauschen.
Ein seltsames Gespräch für einen Ballsaal. Rund umher strahlende Gesichter — Blicke, die wie zugespitzte Pfeile fliegen — Lachen, Kokettieren ohne Ende — dazwischen die zwei, scheinbar ganz abgeschieden von der Fröhlichkeit.
Und doch war Nelda froh. Als das Brautpaar mit ihr anstiess, lachte sie: „Auf Ihr Glück — auf dein Glück, Agnes! Profit!“
„Auf dein Glück!“ erwiderte die Braut.
„Kommen Sie, Herr von Ramer, darauf stossen wir auch einmal an!“ Nelda rief es übermütig und hob rasch ihr Glas an das seine. Ihre Blicke begegneten sich — ein heftiger Ruck — kling klang — zerbrochen, der dünne Stiel durchgeknickt. Auf dem Tische lagen Scherben, und der Wein floss über das weisse Tuch. Wie unangenehm! Gut, dass Frau Rätin im Nebensaal speiste.
Die Tafel wurde aufgehoben, man schwärmte zum Kotillon aus. Nelda Dallmer und Leutnant von Ramer tanzten auch den zusammen. — — —
So ging das herrliche Fest zu Ende. In der Garderobe dasselbe Bild wie zu Anfang: rauschende Mütter, wispernde Töchter, segelnde Fregatten, geschwellt vom Gefühl des Triumphs. Aber das Gespräch der Mütter nicht mehr so flüssig, bleischwer senkte sich die Abspannung herab. Die Haare der Töchter nicht mehr so lieblich geordnet; mit gelöstem Lockengekräusel, verschwitzten, glühenden Gesichtern, zerdrückten Kleidern glichen sie Mänaden.
Es zog furchtbar auf der Schiffsbrücke. Die dunklen Wellen des Stroms wurden vom Wind gepeitscht; am Himmel jagten sich Wolken, für Augenblicke schimmerte ein klägliches Mondlicht vor, aber es wurde gleich wieder verdeckt von neuen schwarzen Ballen. Vereinzelte Regentropfen klatschten gegen die Scheiben der flackernden Laternen.
Frau Rätin Dallmer liess sich von Hauptmann Xylander führen; die Chausseenachbarn hatten sich nach Schluss des Balles zusammengefunden. Ängstlich klammerte sie sich an den stützenden Arm, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen; sie sah und hörte nicht. An ihrer andern Seite stapfte mutig Frau Elisabeth; sie hatte grossmütig auf den Arm ihres Mannes verzichtet, war trotz des schlechten Wetters bester Stimmung und plauderte munter von Toiletten, Courmachereien und allem möglichen.
Hinterher wanderten noch zwei Gestalten; Nelda und ihr Tänzer vom heutigen Abend, Leutnant von Ramer. Er hatte um den Vorzug gebeten, sich den Damen anschliessen zu dürfen, er wohnte auch drüben, unweit der Brücke. Drunten auf der Strasse, entfernt vom Ballgetriebe und Späherblicken, war Frau Rätin gnädiger; schliesslich war’s doch immer nett, wenn die Tochter verehrt wurde, und angenehm, den Heimweg unter doppeltem Schutz zu machen.
Es war schon spät — zwei Uhr — das Leben vollständig erloschen. In der Häuserreihe längs des Rheins, selbst in den grossen Hotels am Landungsplatz, keine Beleuchtung mehr; oben auf dem Ehrenbreitstein noch ein einsames Licht, wie ein schwach schimmernder Stern glomm es nieder. Dunkel schaukelte die Rheinflut; die zwei, drei Laternen an den Pfählen warfen zitternde Kringel darüber hin. Ein Sausen war in der Luft, ein Rauschen im Wasser, die Brückenbohlen schütterten leicht.
„Wenn wir jetzt versänken,“ sagte Nelda plötzlich.
„Um Sie wäre es schade, um mich nicht!“ Ramers Stimme hatte einen bitteren Tonfall.
Sie blieben beide stehen, lehnten sich übers Geländer und schauten hinab. Das Wasser ging hoch. Eine bange Kühle stieg von unten herauf und machte Nelda erschauern; sie hatte den Mantel gelockert, damit er den kleinen Kamelienstrauss an ihrer Brust nicht zerdrückte, nun zog sie ihn fester um sich.
„Geht es Ihnen auch so wie mir?“ fragte die Stimme ihres Begleiters. „Wenn Sie am Wasser stehen und hineinsehen, packt Sie da nicht auch die Lust hinab zu springen und sich im Untergehen willenlos treiben zu lassen, Gott weiss wohin?“
„Nein, das kenne ich nicht,“ — sie wandte ihm das Gesicht zu — „da müsste ich sehr unglücklich sein. So unglücklich, wie ich es mir jetzt gar nicht denken kann. Ich will nicht untergehen ohne Kampf, ich würde mich wehren, ja, bis zum Letzten. Nur nicht so kraftlos versinken! Ach“ — sie lockerte den Mantel wieder und warf den Kopf zurück, mit geblähten Nasenflügeln sog sie die frische Luft ein — „so unglücklich ist niemand, dass er ganz und gar die Courage zu verlieren braucht!“
„So — meinen Sie? — — — Ich bin so unglücklich!“ Heraus war’s. Er hätte das Wort gern zurückgerufen, lautgesprochen kam’s ihm übertrieben vor. Lächerlich, einem jungen wildfremden Mädchen seine Gefühle anzuvertrauen! Es war gegen jede Form.
Sie sah ihn an, ein grenzenloses Mitleid überkam sie; ein Mitleid mit Unverstandenem, mit ihm, mit der ganzen Welt. Ihr Herz klopfte rascher, ohne Bedenken streckte sie die Hand aus dem Mantel und fasste nach der seinen.
„Sie dürfen nicht so unglücklich sein — nein, nein!“ Gesteigerte Erregung klang aus ihrer Stimme; der Tanz, die Musik, die einsame Nacht, die Übermüdung machten sich geltend, sie wusste selbst nicht, was ihr so unbedacht über die Lippen glitt:
„Ich kann’s nicht gut anhören!“
Er führte ihre Hand an seinen Mund, dann liess er sie fallen. — — —
„Nelda, Nelda! Herr von Ramer! Schneller, schneller!“
Wie ein Trompetenstoss klang die helle Stimme der Frau Hauptmann durch die Nacht. Die beiden Nachzügler setzten sich in Trab, stillschweigend liefen sie nebeneinander her, am Brückenende holten sie die andern ein.
„Nicht so langsam,“ flüsterte Paul Xylander verstohlen an Neldas Seite, „die Mama ist ärgerlich!“
Lächelnd zwinkerte das junge Mädchen dem guten Freund zu, ein Wort war nicht möglich, denn Frau Rätin fasste jetzt ziemlich energisch das Handgelenk ihrer Tochter: „Komm hierher, Nelda!“ Sie war wieder ungnädig.
Die schmutzige Chaussee patschte unter ihren Füssen; es wurde wenig mehr gesprochen, jeder hatte zu achten, wohin er trat. Endlich war die Tür des Dallmerschen Hauses erreicht. „Mein Gott, der Papa ist noch wach?“ Nelda wies hinauf zum Zimmer des Vaters, wo noch Licht schimmerte. „Der gute Papa, er wacht für mich!“ Sie klingelten, das Licht im Fenster verschwand, durch die Stille hörte man innen die Stiege knarren.
„Jetzt kommt er!“
„Gute Nacht, gute Nacht, meine Herrschaften, lassen Sie sich’s wohl bekommen!“
„Gleichfalls! Gute Nacht, gnädige Frau! Gute Nacht, Fräulein Nelda, lassen Sie sich bald bei uns sehen — gemütlich, ohne Ansage!“
Allgemeines Händeschütteln und Empfehlen.
„Gute Nacht,“ sagte Nelda, und ihre Hand ruhte einen Augenblick länger in der des jungen Mannes.
‚Nettes, kluges Mädchen,‘ dachte Leutnant Ramer, als er allein die Chaussee nach Ehrenbreitstein zurückschritt. ‚Aber selbst wenn sie mir noch tausendmal besser gefiele, als sie mir gefällt — für mich ist ja alles ausgeschlossen — für immer!‘
Regierungsrat Dallmer hatte lange auf seine Damen gewartet; blass und übernächtig stand er im Flur vor ihnen, die Lampe in der wachsbleichen Hand, mit den vortretenden blauen Adern. Er hüstelte.
„Nun, mein Kind, wie war’s?“
Statt der Tochter antwortete die Mutter, sie brach in einen Strom von Klagen aus. Alle hätten es gesagt — ganz abscheulich, der Mutter zum Trotz! Ein Kreuz, mit Nelda auf den Ball zu gehen! Und so weiter, und so weiter. Nelda stand in Mantel und Kapuze und liess alles ruhig über sich ergehen, sie hörte gar nicht, was da gesagt wurde.
Jetzt trat sie auf den Vater zu und schlang beide Arme um seinen Hals.
„Papa, diesmal ist’s doch ein Fortschritt,“ lachte sie fröhlich, „ich habe zwei Kotillonbuketts. Das eine von Xylander, das andre — riech mal!“
Sie nahm das kleine Sträusschen, eine rote Kamelie und wenige Veilchen, von der Brust und hielt es ihm entgegen.
„Schön, nicht wahr? Und nun gut’ Nacht, ich bin todmüde!“
Sie küsste den Vater wiederholt und strich der Mutter über die Wange.
„Solch eine grässliche Tochter! Arme Mama!“ Mit Lachen sprang sie die Treppe hinan, vom obersten Flur tönte bald ihr hüpfender Schritt.
„Sie ist vergnügt,“ sagte Dallmer zufrieden und lauschte.
„Du mein Gott,“ seufzte die Frau, „ich möchte wissen, warum? Wieder gar keine Aussichten! Aber sie ist selbst schuld daran, ein Mädchen ohne Vermögen muss doppelt entgegenkommend sein. Das arme Kind!“
Mit einem Seufzer schritt die Rätin ihrem Mann voraus in die Schlafstube.
5
Zwischen Nelda Dallmer und Agnes Röder hatte sich eine Freundschaft entwickelt. Zu andren Zeiten wäre Nelda nicht so dafür geneigt gewesen, jetzt war sie weicher und erschauerte zuweilen in einem Gefühl grosser innerer Einsamkeit.
Frau Rätin war glückselig über den Verkehr der beiden Mädchen; sie geriet ganz in Verzückung über ‚Agnes, das süsse Geschöpf‘. „Ach wenn unsre Nelda nur viertels so wäre,“ seufzte sie ihrem Mann vor. Auch der kränkelnde müde Rat lächelte, wenn die zierliche Gestalt der kleinen Röder in der Tür auftauchte, ihr Plaudern glitt wie Vogelgezwitscher an seinem Ohr vorbei.
Und Nelda? Nicht dass sie gerade tief-innere Berührungspunkte mit Agnes gehabt hätte — wo sollten die auf einmal herkommen? — sie war nur gern mit ihr zusammen und war nicht unzufrieden, dass ein sehr vorteilhaftes Kommando Herrn von Osten nach der Residenz berief, infolgedessen die Hochzeit erst zu Ostern sein konnte. Der Bräutigam war geradezu ausser sich über den Aufschub.
„Du glaubst nicht, wie er mich geküsst hat,“ flüsterte Agnes, als sie bei Nelda in deren einfachem Giebelstübchen sass. Osten war am Morgen abgereist, mit verweinten Augen hatte sich die verlassene Braut zur Freundin geflüchtet.
„O, wie hat er mich geküsst!“
Eine tiefe Röte breitete sich über ihre Wangen, sie schlug die Augen nieder und hielt beide Hände auf die unruhig atmende Brust gedrückt.
„Ich muss es dir sagen, einem Menschen muss ich’s sagen, vor meiner Mama schäm ich mich. Siehst du, so hat er mich geküsst!“
Sie näherte ihre weichen Kinderlippen Neldas Mund und drückte sie darauf. „Nein, noch nicht loslassen — so — so — —! O Nelda, Nelda!“
Sie brach in Tränen aus und kauerte vor der Freundin nieder, beide Arme um deren Leib schlingend. „Ich muss immer dran denken, Nelda, ich fühl’s immer hier auf den Lippen. So hat er mich früher nie geküsst! Sag, was war das? Bleibt’s nun immer so? Wird er mich immer so küssen?“ Ihre Augen fragten ängstlich. „Nelda, ach es ist so was Schreckliches darin und doch eine Seligkeit!“ Sie schauerte zusammen. „Du bist zwei Jahre älter als ich und viel klüger, sag mir doch, glaubst du, dass man einen Menschen lieb haben kann, so — so — so zum Vergehen, weisst du? Es drängt einen zu ihm hin, man möchte — ach Gott, man schämt sich ordentlich vor sich selber!“ Sie löste die Arme vom Leib der Freundin und hielt sich die Hände vors Gesicht.
„Ich schäme mich,“ sagte sie leise.
Nelda sah zu der Knieenden nieder, ihr Blick hatte etwas Zerstreutes; wie eine Vision glitt auf einmal Leutnant Ramers Gesicht an ihr vorüber, ihr Herz begann zu klopfen.
„Warum schämst du dich?“ fragte sie langsam. „In der Liebe darf das nicht sein. Wenn man liebt — pah — da gibt man eben alles hin. Ich würde es tun, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich will dir was sagen, Agnes, du bist noch sehr jung, erst achtzehn, und ich werde schon einundzwanzig. Du bist immer so behütet gewesen, du denkst gleich, es ist was Unrechtes, wenn dein Herz mal nicht so wohlerzogen klopft, wie es gewöhnlich unter sämtlichen Korsetts höherer Töchter tut. Freu dich doch, dass du so empfinden kannst! Ah, ich würde stolz sein, wenn ich so sehr liebte, dass ich alles drüber vergessen könnte! Weisst du“ — Nelda sprang vom Stuhl auf und reckte ihre kräftige Gestalt, sie stand grade vorm Fenster, und das scheidende Tageslicht umgab ihren Kopf mit einem hellen Schimmer, — „ich beneide dich! Ich beneide alle, die lieben! Neulich gingen wir unten am Rhein, da sass ein Mann auf einem Stein und hatte ein Mädchen auf dem Schoss; sie waren zärtlich miteinander. ‚Pfui,‘ sagte Mama, ‚es ist wirklich greulich! Küssen sich da am hellichten Tag auf der Strasse, sind vielleicht noch gar nicht mal verheiratet!‘ Herrjeh, ich fand’s nicht so schrecklich! Ich möcht mich nicht grade auf der Strasse küssen, aber es ist doch nichts Unrechtes, wenn sich zwei Menschen lieb haben?!“
„Ich verstehe dich gar nicht.“
Agnes hatte sich von den Knieen erhoben und sass nun auf dem Stuhl, sah sehr erstaunt aus und ein klein wenig scheu.
„Mein Gott, wie du so redest! Ich habe immer geglaubt, du machst dir nichts aus den Herren; du bist so gar nicht entgegenkommend, und du spottest immer über die andren Mädchen. Sei mir nicht böse,“ setzte sie schüchtern hinzu, „aber die denken vielleicht auch so und wollen sich gern verheiraten!“
„Ja, verheiraten — das ist’s eben! Heiraten, um sich zu versorgen, um die beste Partie zu machen! Was stellen sie nicht alles drum an — ba, es ist eklig! Heiraten — ja! Aber lieben, lieben — —?! Frag mal die zehnte, ob sie den Mann liebt, dem sie am Hals hängt! Was ich lieben nenne, sicher nicht.“
„Aber, Nelda, es gibt doch so viel nette Mädchen!“
„Ach, sei mir nur still mit den Frauenzimmern, die sich wie eine Ware ausstellen lassen! Den ersten besten nehmen sie und sind zufrieden. Weisst du, das ist gemein. Ha, ich bin manchmal ganz wütend!“
Sie stampfte mit dem Fuss, und heisses Rot war ihr in die Wangen gestiegen.
„Aber Nelda“ — die kleine Braut schüttelte immerfort den Kopf — „ich begreife gar nicht, wie du dich so ereifern kannst! Von so was spricht man doch überhaupt gar nicht, es ist doch nun mal so; wenn man es nicht mitmacht, wird man eben eine alte Jungfer, und das ist doch unangenehm. Mein Carlo sagt — nein, nein, ich will nichts hören“ — sie hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu, als die andre erwidern wollte — „sei nur still!“
„Ich bin schon still.“
Nelda zog die Brauen zusammen, am liebsten hätte sie ungeduldig ‚Schaf‘ gesagt, aber sie bezwang sich. Die braunen Augen der kleinen Braut sahen sie bittend an.
„Liebe Nelda, sei doch nicht gleich so heftig und brauche keine so groben Ausdrücke. Wenn du nicht über all das dumme Zeug nachdächtest, wärst du viel vergnügter — man kann die Welt doch nicht ändern. Ach, wo nun mein Carlo sein mag?! Wie wird er an mich denken! Nicht wahr, du meinst doch auch, er ist der schönste, der beste und der bedeutendste von allen? Glaube mir nur, wenn ich auch nicht so bin wie du, lieben kann ich doch schrecklich. Ich müsste sterben, wenn ich meinen Carlo nicht bekäme. Nein, das ertrüge ich nicht!“
Agnes weinte, der Gedanke war schon schrecklich, die Tränen liefen ihr über die rosigen Bäckchen, leicht und flüssig wie einem Kinde; sie weinte, ohne das Gesicht zu verziehen, es sah ordentlich hübsch aus.
„Ach, Nelda, mir ist das Herz heut so schwer!“
Sie streckte die Arme nach der Freundin aus und schmiegte den Kopf an deren Brust.
Nelda strich ihr über das wellige braune Haar, aber sprach nicht. So blieben sie eine ganze Weile. Es wurde dämmerig, die kleinere Gestalt auf dem Stuhl war schon im Dunkel verschwommen; auf Neldas erhobnem Gesicht lag noch ein fahler Schein, sie starrte vor sich hin. Ihre Augen erhielten einen verträumten Glanz, ihre Hand strich nur noch mechanisch über das weiche Haar der Freundin. Sie dachte der grossen Liebe nach. Und wieder glitt durch das Dunkel die Gestalt ihres Tänzers vom letzten Ball. Sie bemitleidete ihn grenzenlos und — ob sie wohl mal mit Agnes von ihm sprechen sollte?! — —
„Wo seid ihr? Nelda! Fräulein Agnes!“
Die beiden Mädchen schreckten zusammen.
„Ja, Mama!“ Nelda eilte zur Tür. „Wir sind hier, sollen wir kommen?“
„Der Wagen für Fräulein Agnes ist da!“ zeterte die Rätin von unten. „Was, ihr seid noch im Dunkeln? Entschuldigen Sie nur, Fräulein Agnes, fallen Sie nicht auf der Treppe! Nelda, dass du nicht mal dran denkst, eine Lampe zu holen! Hier sind Ihre Sachen, liebes Fräulein Agnes, das Jäckchen und der Hut. Nein, wie reizend Ihnen der Rembrandt steht! Schade, dass Sie Ihr Herr Bräutigam jetzt nicht sieht!“
Die kleine Braut seufzte und liess den Kopf hängen.
„Ach ja, Sie goldenes Herz!“ Frau Rätin umarmte die junge Dame liebevoll. „Sie haben so viel Gefühl, so die rechte Weiblichkeit. Möchte Nelda doch die von Ihnen lernen!“
Nelda gab der Freundin das Geleit vor die Haustür. Mit ihren kräftigen Armen hob sie die leichte Gestalt fast in den Wagen, dann schwang sie sich selbst aufs Trittbrett und drückte ihr, von einem plötzlichen Mutwillen erfasst, einen brennenden Kuss auf den Mund.
„Bild dir ein, dein Bräutigam war’s,“ flüsterte sie lachend.
„O wie du küssen kannst — mein Gott, Nelda!“
„Ja, das liegt nun mal so drin. Adieu, Agnes!“
Sie sprang zurück, die Equipage rollte davon und verschwand bald in der Dämmerung.
Nelda stand noch vor der Haustür; es war ihr nicht kan, im Gegenteil, der Wind wehte lau vom Rhein her und spielte mit dem Haar an ihren Schläfen. Schattenhaft hoben sich die Berge vom Abendhimmel; noch waren die Büsche an ihrem Fuss ganz kahl, an den Chausseebäumen keine treibenden Blattknospen, und doch war schon Frühling in der Luft. Die Dämmerung hatte ein weicheres Grau, der Rhein rauschte, von geschmolzenem Eis und Schnee geschwellt.
Nelda hatte die Hände in die Schürze gewickelt und trat von einem Fuss auf den anderen. Sie mochte noch nicht hineingehen, es hielt sie etwas hier draussen fest wie mit Klammern, eine unwiderstehliche Lust. Es kam ja auch kein Mensch vorbei, die Chaussee so still. Da — Schritte!
Aus dem Grau löste sich eine Gestalt und kam näher, jetzt schimmerten goldene Uniformknöpfe. Nelda stutzte — wer war das? Eine jähe Hitze schlug ihr ins Gesicht.
Der achtlos Vorüberschreitende blieb plötzlich stehen, ein leises: „Guten Abend, Herr von Ramer,“ hatte sein Ohr getroffen.
„Ah — mein gnädiges Fräulein!“
Er fasste die ausgestreckte Hand des Mädchens und verbeugte sich:
„Wie befinden Sie sich, gnädiges Fräulein? Ich habe zwar nicht verfehlt, mich bei Xylanders zu erkundigen, wie Ihnen der Ball bekommen ist — seitdem sind aber sechs Wochen vergangen. Ich hatte nicht den Vorzug, Sie wieder zu sehen!“
Also er hatte sich nach ihr erkundigt! „O, es geht mir gut. Und Ihnen?“
Sie sah ihn forschend an, dabei lag eine so offne Freude auf ihrem Gesicht, dass er unwillkürlich lächeln musste.
„Ich bin dem Geschick sehr dankbar, das mich jetzt hier über die Chaussee führte! Ich bin zu Xylanders geladen, soll den heutigen Abend dort verbringen. Gehen gnädiges Fräulein nicht auch manchmal hin? Ich denke, Sie sind mit Frau Elisabeth befreundet?“
Nelda gab keine Antwort auf die Frage, sie sagte wie aus einem Traum heraus:
„Nein, wie ich mich freue, Sie zu sehen!“
Er schwieg verdutzt, ihre Freimütigkeit war erstaunlich — aber mit einer alltäglichen Höflichkeitsphrase darauf antworten? Nein! So schwieg er.
Sie gingen langsam wenige Schritte auf und nieder. Er sah sie verstohlen von der Seite an: sie hatte doch etwas ungemein Frisches und Nettes, etwas so wohltuend Ungekünsteltes! Mit unwillkürlichem Bedauern glitt es ihm über die Lippen:
„Schade, dass Sie heute abend nicht bei Xylanders sind! Schade!“
„O,“ — sie lachte fröhlich — „wenn ich will, kann ich ’rüber kommen! Bei Xylanders kann ich auch ungeladen erscheinen, sie haben mich oft genug dazu aufgefordert; ich tu es nur selten, das ist’s. Aber wenn’s Ihnen angenehm ist — natürlich komme ich! Ich will es nur meiner Mutter sagen.“ Ein augenblickliches Bedenken liess sie innehalten. „Ah was, sie muss es erlauben!“
„Also auf Wiedersehn?“
Er hielt ihr die Hand hin, sie schlug ein.
„Auf Wiedersehn!“
Mit einem Nicken sprang sie ins Haus.
Während Ferdinand von Ramer mit einem gewissen angenehmen Gefühl der Erwartung die Schelle an Hauptmann Xylanders Tür zog, platzte Nelda in die Küche, wo Frau Rätin auf dem weissgescheuerten Tisch unterm Fenster Wäsche legte.
„Mama, ich geh heut abend zu Xylanders. Ja, lass mich gehen?!“
„Was fällt dir ein? Jetzt auf einmal zu Xylanders?! Nein, du musst nachher mit mir die grossen Stücke recken, die Laura hat keine Zeit. Du weisst, morgen fängt der Hausputz an, sie will sich vorher alles beiseite räumen!“
„Aber ich — ach Mama, lass mich doch gehn! Ich bitte dich, liebe gute Mama, lass mich doch gehn!“
Frau Dallmer war ganz erstaunt. Ihre Nelda so bitten —?!
„Na meinetwegen,“ sagte sie schwach. „Wenn ich nur wüsste, wie du auf einmal die Idee mit Xylanders kriegst! War einer direkt hier und hat dich aufgefordert? Das wäre was andres!“
Es schwebte Nelda auf der Zunge, ‚Ja‘ zu sagen, aber sie schämte sich der Lüge. Eine ganze Lüge wär’s zwar nicht gewesen, aber —. So schüttelte sie den Kopf.
„Es war keiner direkt hier, aber ich möchte doch gern — bitte, lass mich!“
„Ach Gott, was soll ich machen?! — So — — so greulich verzogen!“ Die kleine Frau hatte eben ein grosses Tischtuch vor und zerrte daran aus Leibeskräften.
„Dem Papa wird’s auch nicht angenehm sein, du solltest ihm heut abend vorlesen. Ja, meinetwegen lauf nur! Aber — Nelda, Nelda!“ Die Tochter war schon zur Küche hinaus. „Binde deinen grossen Spitzenkragen um, es könnte doch jemand da sein. Hörst du?!“
Nelda stand vor dem schmalen Spiegel in ihrer Stube und legte den Spitzenkragen über ihr einfaches Kleid. Er stand ihr gut. Der Spiegel zeigte ihr gerötete Wangen und belebte Augen; aus den Spitzen des Kragens hob sich der Hals schlank und weiss. Nelda starrte sich an — war sie das? Stand hier vorm Spiegel und putzte sich, einem Mann zu gefallen?! Was taten die andern Mädchen denn Schlimmeres?
„Nein!“ Sie riss den Kragen vom Hals und schlenderte ihn in den Kommodenschub, dann löschte sie hastig das Licht und rannte im Dunkeln die Treppe hinunter.
Zu ihrem Vater guckte sie einen Augenblick hinein, es brannte noch keine Lampe in der Stube. Der Rat war angegriffen und ruhte, dazu brauchte er kein Licht. ‚Sünde, das teure Petroleum so zu verkokeln,‘ pflegte Frau Rätin zu sagen.
„Papa, bist du böse, wenn ich zu Xylanders gehe?“
„O bewahre, amüsiere dich, mein Kind!“
Sie lief auf ihn zu und drückte ihre frischen Lippen auf seine heisse Stirn.
„Mein guter Papa — du bist sehr warm — adieu, adieu!“
Sie war so flüchtig, in Gedanken schon halb fort.
„Ah, Nelda! Welche Überraschung!“
Frau Hauptmann Xylander öffnete selbst, eine Schüssel Heringssalat in der Hand, sie wollte eben damit in die Essstube gehn. „Ah!“ Frau Elisabeth war aufrichtig erfreut, nur schoss ihr gleich durch den Kopf: ‚Da reichen die Eier nicht, ich muss noch zwei kochen lassen; Nelda hat guten Appetit.‘
„Aber nun legen Sie ab! Das ist wirklich lieb von Ihnen! Wie oft habe ich schon umsonst gebeten. Nein, ich bin ganz erstaunt! So — herein mit Ihnen! Paul, Herr von Ramer, wen bringe ich da?“ Die lebhafte Frau drehte das Mädchen um und um. „Nun sage, Paul, bist du nicht ganz verwundert?“
Nelda war eigentümlich berührt — dieses Erstaunen?! Hatte Ramer sie nicht angemeldet?
Nein. Hauptmann Xylander war ebenso überrascht wie seine Frau, nur betonte er’s nicht so; er zeigte bloss seine Freude.
„Wie hübsch, Fräulein Nelda, dass Sie uns das Vergnügen machen!“
Er hielt ihre Hand etwas länger, als gewöhnlicher Brauch, und sah das Mädchen wohlgefällig an. „Sie kommen so selten, verzeihen Sie daher unsere Überraschung!“
Nelda lachte, aber ihr Lachen hatte etwas Gezwungenes — warum hatte Leutnant Ramer nichts von ihr gesagt? War ihm das unangenehm gewesen?
Sie mass ihn mit einem eindringlichen Blick. Er machte eine tadellose Verbeugung.
„Sehr erfreut, mein gnädiges Fräulein! Habe lange nicht den Vorzug gehabt!“
„Lange — —?!“ Es sprudelte in Nelda heftig auf; fast wider Willen fuhr es ihr heraus: „Es ist doch höchstens eine halbe Stunde her! Sie wussten ja, dass ich kommen würde, Herr von Ramer, warum haben Sie Xylanders nichts davon gesagt?!“
Eine augenblickliche Stille folgte den Worten, das Ehepaar sah sich ganz verwirrt an. Keiner antwortete. Eine verlegene Pause.
Über des Mädchens Gesicht flog Röte um Röte; sie zürnte Ramer, zürnte sich selber — wie laut und hässlich waren eben die Worte im Zimmer verklungen! Wäre sie doch lieber nicht gekommen! Das eigene Benehmen schien ihr plötzlich unpassend, verletzend; sie war dem fremden Menschen nachgelaufen, und er fand’s nicht einmal der Mühe wert, ihrer zu erwähnen? Blitzschnell flog ihr Blick zu ihm hinüber, da stand er und kaute an seinem Schnurrbart; man sah ihm das Missbehagen an, er war ganz blass. Nun begegneten sich ihre Augen.
„Ich bitte um Entschuldigung,“ murmelte sie plötzlich und streckte ihre Hand nach ihm aus. Ihre Wirte fest ansehend, fuhr sie mit Hast fort:
„Vor einer halben Stunde traf ich Herrn von Ramer vor unserer Tür, wir sprachen miteinander, er ging hierher; ich bekam auch Lust, ich sagte, ich würde kommen, ich wollte gern. Es war sehr taktvoll von ihm, nichts zu erwähnen; ich habe mich taktlos benommen, ich bitte, verzeihen Sie!“
Sie senkte den Kopf.
„Mein Gott, das ist ja urkomisch!“ Frau Elisabeth lachte und lachte in einem fort; sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte.
Der Hauptmann, dessen Augen einen scharf beobachtenden Blick angenommen hatten, fasste des Mädchens Hand und schüttelte sie herzlich. Auf seinen Zügen lag etwas, das an Bewunderung grenzte.
„Bravo, Fräulein Nelda, das ist ehrlich, das ist recht! Immer mit der Wahrheit heraus, wenn’s auch manchmal komisch aussieht! Da, Elisabeth,“ — er schob seine Frau näher heran — „küsse unsre ehrliche junge Freundin, ich darf’s ja leider nicht!“
Mit einer komischen Gebärde wischte er sich den Mund.
Nelda sah ihn dankbar an und erwiderte den Kuss der Frau Hauptmann.
„O, ich bin froh,“ sagte sie dann aufatmend, „so froh!“
Ihr Blick flog leuchtend durchs Zimmer.
„Und nun zu Tisch, meine Herrschaften, en avant! Die lukullischsten Genüsse warten unser: Heringssalat, Eier, Schinken, etwas undefinierbares Kaltes vom Mittag und ein famoser Edamer, den ich selbst erstanden habe. Was will man mehr? Also, darf ich bitten?“
Xylander reichte, fröhlich lachend, Nelda den Arm; die beiden andern folgten ins Nebenzimmer.
Die kleine Hängelampe warf ein mildes Licht über den runden Tisch, Frau Elisabeth goss Tee ein; es war sehr gemütlich. Wilhelm war als Ältester bevorzugt worden, an der ‚Gosellschaft‘, wie Lollo und Vicky sagten, teilzunehmen. Die beiden Schwestern waren darob sehr gekränkt, lagen in den Betten und schliefen nicht; man hörte ihr Geheul schwach bis hierher. Der Junge war merkwürdig artig, er ass schweigend, und seine grossen runden Kinderaugen folgten jedem Bissen, den Nelda in den Mund steckte.
„Wie sie heulen,“ sagte er plötzlich verächtlich und legte sein Butterbrot hin. „Heulst du auch manchmal?“
Er starrte Nelda fragend an.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nie!“
Sie war sich bewusst, dass sie log, denn im selben Augenblick schoss es ihr feucht in die Augen. Was war das nur?! Ihr war heute abend ganz seltsam zumut, so erregt, so traurig, so glücklich. Es kam ihr so schön hier vor — der weisse Tisch, die milde Lampe, die geschäftige Frau, die roten Kinderwangen, das gute Freundesgesicht ihr zur Rechten. Und jene andren Augen! Sie fühlte, dass sie oft auf ihr ruhten mit einem verstohlen langen Blick. Es durchschauerte sie.
„Du lügst!“ kreischte Wilhelm und strampelte vor Vergnügen mit den Beinen. „Du hast ja was Nasses in dem einen Aug — und nu haste’s auch im andern! Du heulst doch, du heulst doch!“
„Junge, Ruhe!“ Des Vaters Hand klopfte derb auf den übermütigen Mund. Frau Elisabeth war ganz starr über die ungewohnte Energie ihres Mannes. Wilhelm gab keinen Laut mehr von sich, nur die runden Augen wurden noch runder. —
Man unterhielt sich gut, wie man sich eben nur bei kleinen freundschaftlichen Zusammenkünften zu unterhalten pflegt. Die beiden Herren erzählten mancherlei von ihrem früheren Beisammensein, das heisst, Xylander erzählte, und auf sein: ‚Wie war’s doch, weisst du noch?‘ gab der andre Bescheid.
Ferdinand von Ramer war kein gesprächiger Mensch; er hatte eine Art, die Lippen zusammen zu pressen, als seien die Worte kostbar wie Gold. Was er sagte, war nicht oberflächlich und mit einem kleinen Hauch von Resignation, den er sich angewöhnt hatte. Nelda gefiel es. Es mahnte sie wie eine geheime Klage; sie dachte immerfort an das Gespräch auf der Brücke in jener Ballnacht. Der arme Mann!
Ihr Herz war weit offen, wie eine freie Halde, über die der Wind streichen kann von Ost und West; ein gefährliches Mitleid setzte sich darinnen fest.
Mit vorgeneigtem Kopf und geröteten Wangen lauschte sie.
‚Wie unrecht man dem Mädchen doch tut,‘ dachte Xylander. ‚Die ist nicht kalt — o nein!‘
Mit einer gewissen liebevollen Besorgnis sah er auf ihren blonden Kopf. Sie hatte ihn halb zu Ramer gewendet, der eben sprach. Nun hob sie die gesenkten Lider, ein Blick traf den Sprecher, ein Blick von einer Hingabe, von einer rückhaltlosen Anteilnahme, dass sich der Hauptmann auf die Lippen biss. Halt, aufgepasst!
Er schaute zu seiner Frau hinüber — ob die was merkte? Nein, die sass arglos, rosig, zufrieden hinter ihrer Teekanne; die dachte nur an ihre Kinder, an ihren Mann, an sich. Damit hatte sie genug zu tun.
Xylander räusperte sich. Die beiden neben ihm waren ganz vertieft.
„Ich denke, wir haben jetzt die Mahlzeit beendet. Kommen Sie, Fräulein Nelda!“
„Ah so!“ Sie fuhr auf. „Gesegnete Mahlzeit!“
„Gesegnete Mahlzeit!“
Man schüttelte sich die Hände; Xylander fühlte, wie kalt des Mädchens Finger waren, dabei glühten ihre Wangen.
Lisabeth, nicht wahr, wenn du jetzt Wilhelm fortführst, nimmst du Fräulein Nelda mal mit zu den Kindern? Sie muss doch unsre schlafenden Rangen bewundern. Ich rauche mit Ramer eine Zigarre nebenan.“
„So, mein Junge, nun setze dich behaglich. Hier hast du Zigarren — zehn Pfennige das Stück — extrafeine rauche ich nicht, bekommen auch gar nicht. So!“
Der Hauptmann schob dem Freund Zigarrenkasten und Feuerzeug hin, dann setzte er sich ihm gegenüber an den kleinen Tisch und drehte die Lampe höher, dass der volle Schein auf den andern fiel.
„Rauchst du denn nicht, Paul?“
„Nein, danke!“
„Nicht? Dann hätte ich’s auch lassen sollen, und wir wären bei den Damen geblieben!“
„O — — —! Meine Frau muss den Jungen ins Bett bringen, sie tut das immer persönlich, und Nelda hat die Kinder sehr gern. Übrigens, nettes Mädchen — nicht wahr?“
Paul Xylander hätte über sich selbst lachen mögen, er sass da, wie ein Fischer und lauerte auf den Fisch, der ihm ins Garn gehen sollte.
Leutnant Ramer hatte mit seiner Zigarre zu schaffen.
„Nettes Mädchen, was?“ wiederholte der Hauptmann.
Ramer rauchte eifrig weiter. Keine Antwort.
„Ich dachte, sie würde dir sehr gefallen — so frisch, so natürlich! Nicht wahr?“
„Hm!“ Der Gefragte verzog keine Miene, seine tiefliegenden, in sich gekehrten Augen folgten starr den duftigen Ringen, die er blies.
Xylander nahm einen mächtigen Anlauf. „Also sie gefällt dir nicht?“ sagte er kühn. „Da habe ich mich aber mal getäuscht! Auf dem Ball im Kasino glaubte ich, du machtest ihr den Hof.“
„Ich — den Hof?!“ Ramer legte plötzlich die Zigarre hin. „Ich mache nie den Hof. Du weisst, bei meinen Aussichten, in meiner Lage, wäre das geradezu ein Verbrechen.“
„Mein Gott, ein Verbrechen?! Nimm’s nicht so pathetisch, alter Junge! Man kann doch einem netten Mädchen den Hof machen, schliesslich —“
„Aber nicht der da,“ unterbrach der andre heftig. „Fräulein Dallmer ist zu schade dazu!“ Er seufzte. „Viel zu schade!“
„Da hast du recht!“
Xylander wurde plötzlich ernst, lehnte sich in den Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „Ich will dir mal was sagen, Ferdinand, ich bin neugierig, was aus ihr wird! Vermögen hat sie keins; wenn der Vater die Augen zutut, wird nicht viel da sein. Schwieriger Charakter ist sie, weder schlechtweg schön noch liebenswürdig, so leicht wird sie sich nicht verheiraten. ‚Kein gangbares Artikelchen, kein gangbares Artikelchen‘, wie Siegbert Hirsch auf der Firmung sagt. Ich mache mir manchmal direkt Sorge um sie!“
„Du scheinst dich ja sehr für sie zu interessieren?!“
„Du etwa nicht?“
Beide Freunde starrten sich einen Augenblick an, dann legte der Jüngere die ausgestreckte Hand auf den Tisch.
„Schlag ein, Paul, du bist doch noch der alte: gut, liebenswürdig, besorgt! Denkst du, ich hätte es nicht gemerkt, worauf deine Reden zielen? Sei ohne Sorge, da wird nichts zwischen Fräulein Dallmer und mir. Wenn mein Unglück auch nicht wäre! Solch eine Leutnantsverlobung ohne das nötige Kommissvermögen ist das Grässlichste unter der Sonne. Nebenbei,“ — er lachte bitter — „für mich ist ja selbst diese aussichtslose Quälerei noch ein zu hohes Glück. Alles aus!“
Er stützte den Arm auf den Tisch und beschattete die Augen mit der Hand.
Eine Weile war’s ganz still im Zimmer. Xylander schwieg; was sollte er sagen? Es tat ihm leid, aber doch fiel es ihm wie ein Stein von der Seele. Da war nichts zwischen beiden, Gott sei Dank! Ramers verbohrte Idee von der eignen Ehrlosigkeit war eine gute Wand vor dem Herzen — und Nelda?! Nun, die war ein verständiges Mädchen; der gab man einen zarten Wink, das genügte, und die Sache hatte ein Ende, noch ehe sie recht angefangen.
„Hör mal, Ferdinand, du musst es ihr sagen, so deine Ansichten klar machen — hübsch verblümt natürlich — sie ist klug, sie versteht schon. Es wäre ein Jammer, wenn die Feuer finge und es wäre nachher nichts!“
„Ja, das habe ich mir auch schon gesagt. Natürlich werde ich ihr meine Ansichten auseinandersetzen. Merkwürdig, dass sie gerade an mir Geschmack finden sollte — merkwürdig, aber es ist so!“
Das letzte murmelte Ferdinand von Ramer vor sich hin und zwirbelte zerstreut seinen Schnurrbart. Es war nicht gerade geschmeichelte Eitelkeit, die in ihm aufstieg, aber doch ein nah verwandtes Gefühl.
Warum konnte nicht alles anders sein?!
Er liess die Hand so schwer auf den Tisch fallen, dass der andere zusammenfuhr.
„Bist du nervös, Paul? Haha! Ja, das Leben ist dazu angetan, einen nervös zu machen! Du kannst ja nicht mitreden, aber unsereiner — ha!“ Er zog die Schultern in die Höhe und dehnte sich, als ob er den Brustkasten sprengen wollte. „Das beste wäre, man schösse sich eine Kugel durch den Kopf, dann hätte der verfluchte Name Ruh, und alles was drum und dran hängt!“
„Aber ich bitte dich, Ferdinand, wie —“
Ramer fuhr auf.
„Still, Paul, sage mir nichts! Du musst dich nicht selbst belügen; würdest an meiner Stelle ja ebenso fühlen, denkst nur: muss dem armen Kerl, dem Ramer, doch gut zureden, am Ende bildet er sich dann ein, die Welt hält seinen Vater für einen Ehrenmann, kein Mensch sieht den Flecken auf seinem Wappenschild. Donner und Doria, ich will euer Mitleid nicht! Es ist mir verhasst! Lasst mich doch in meiner dunklen Ecke, was quält ihr mich?“
Er sprang auf und stiess unwirsch den Stuhl zurück.
„Kein Mensch quält dich, du quälst dich selber! Aber jetzt ruhig; die Damen kommen! St! Aha, meine Damen, endlich!“
Die Tür hatte sich geöffnet, hinter Frau Elisabeth erschien Nelda, beide mit erhitzten Gesichtern; das Mädchen ganz zerzaust.
„Nein, hat die mit den Kindern getollt,“ rief die Frau Hauptmann noch ganz atemlos, „das war was für die Wildfänge! Wie sie Nelda zugerichtet haben — schrecklich!“ Sie zupfte an dem Mädchen herum und steckte den halbgelösten Haarknoten fester. „Verzeihen Sie nur, Kind, aber Sie waren selbst dran schuld!“
„Es hat mir Freude gemacht.“ Nelda lachte und nickte den Herren mit strahlenden Augen zu. „Es war himmlisch! Frau Hauptmann, Sie find zu beneiden! Sie auch, Herr Hauptmann! Was gäb ich drum, wenn ich zu Haus so ein zappelndes kleines weisses Ding hätte! Ich würde den ganzen Tag verspielen!“ Ihr Gesicht glühte; mit dem wirren Haar und den halbgeöffneten roten Lippen sah sie sehr hübsch aus. „Es war zu lieb, die Strampelbeinchen festzuhalten und die warmen Bäckchen zu küssen. Mögen Sie auch gern Kinder leiden, Herr von Ramer?“
„Nein — o jawohl, sehr, gewiss — wie Sie befehlen, gnädiges Fräulein!“
Er hatte ihre Frage gar nicht richtig verstanden, seine Gedanken schweiften weit ab. Da stand das Mädchen mit wirrem Haar, roten Wangen, solch kleines, weisses, zappelndes Ding auf dem Arm — — — schade, die hätte einen glücklich machen können! Ein grenzenloses Mitleid mit sich selbst überkam ihn.
„Ach, schon zehn Uhr?!“
Die Kuckucksuhr im Nebenzimmer rief zehn helle Schläge, Nelda sprang erschrocken auf.
„Da muss ich nach Haus!“
„Wenn Sie gestatten,“ — Leutnant von Ramer erhob sich eilig — „begleite ich Sie, gnädiges Fräulein!“
„Bleib du doch noch,“ rief Xylander. „Ich bringe Fräulein Dallmer die paar Schritt und bin gleich wieder zurück!“
„Nein, nein, für mich ist’s auch Zeit! Lass mich doch,“ flüsterte Ramer dem Freund zu, „es ist ganz gut, ich werde ihr die Situation klarlegen!“ —
Hinter dem jungen Paar schloss sich die Tür des Xylanderschen Hauses. Sie schritten über die einsame Chaussee. Sie gingen sehr langsam. Es war ja noch nicht spät, aber hier draussen alles wie ausgestorben. Ein lauer Windzug strich durch die Nacht, ein warm treibender Hauch war darin, der an Frühling mahnte. Schloss man die Augen und liess die Luft um die Schläfe fächeln, konnte man wähnen, die Büsche am Weg zeigten schüchternes Grün und gleich würde Amselruf ertönen und Froschgequarr aus dem Graben.
Nelda fühlte Frühlingsahnung; sie sagte sich nicht: viel zu früh! Sie liess die unbehandschuhten Hände von der milden Luft bestreichen, das leichte Kopftuch hing ihr halb im Nacken, den Regenmantel hatte sie nicht zugeknöpft. Sie sagte nichts; ihr Gesicht schimmerte weiss im Sternenlicht, die Lippen hielt sie lächelnd geöffnet. Sie sah so froh aus, so jung. Ihr Begleiter schaute sie von der Seite an; sie musste wohl seinen Blick fühlen, denn sie drehte ihm auf einmal das volle Gesicht zu.
„Nun, ist’s nicht schön? Sind Sie froh?!“
Er vermied ihren Blick und starrte auf seine Stiefelspitzen nieder.
„Ich verreise morgen!“
Die Antwort war merkwürdig unvermittelt.
„Sie verreisen?! Ach, wohin denn?“
„Zu meiner Mutter. Sie ist in Sinzdorf bei Bonn.“
„So — also nach Sinzdorf! Wohnt Ihre Frau Mutter da?“
„Sie ist da in der Irrenanstalt.“
„O mein Gott!“
Es war Nelda herausgefahren mit einem tiefen Schrecken, ihr fröhliches Gesicht wurde plötzlich ernst.
„Ja,“ sagte er eintönig, wie man eine gut gelernte Lektion hersagt. „Sie hat das Unglück, das über unsre Familie hereingebrochen ist, nicht ertragen. Ich setze voraus, gnädiges Fräulein, dass auch Ihnen nicht unbekannt ist, was sich die Spatzen auf den Dächern zupfeifen. Mein Vater war — es ift zu schrecklich für den Sohn, das harte Wort auszusprechen — ein Ehrloser. Wissen Sie, was das heisst?! Er hat uns nichts hinterlassen als einen Namen, den zu tragen ein Fluch ist. Die Menschen weisen mit Fingern auf diesen Namen, und wo sie’s nicht tun — aus Mitleid! — wenden sie sich weg und zucken die Achseln. Noch schlimmer! Meine Mutter hat es nicht ertragen, ihr Verstand ist darüber in die Brüche gegangen. Da sitzt sie in Sinzdorf und denkt, sie sei die Kaiserin von Deutschland, putzt sich und behängt ihren armen Leib mit Lappen und hält den Kopf hoch, damit ja die Krone nicht herunterfalle. Meine arme bescheidene Mutter! Sie lacht und lacht — die Wärterinnen tun ihr den Gefallen und reden sie ‚Majestät‘ an — sie ist dann sehr huldvoll und knixt und lacht und lacht und knixt —“
„Hören Sie auf!“
Nelda krampfte ihre Hand um die seine und zwang ihn so, still zu stehn. „Sagen Sie’s nicht so eintönig, nicht so furchtbar! Ich — ich kann es nicht hören!“ Ihre Lippen zuckten.
Er stöhnte auf. „O, das ist noch nicht das Schlimmste!“
Er riss sich los von ihrer Hand und eilte beschleunigten Schrittes weiter, seine Stimme war nicht mehr tonlos, sondern leidenschaftlich erregt.
„Sie ist tot für die Welt. Aber ich, ich muss darin leben! Zwischen Kameraden sein, deren Ehre keinen Fleck hat! Ich muss den Namen tragen, den —! Ich darf an nichts denken, was einen anderen glücklich macht. Karriere, Familie, Liebe, Braut, Frau — — alles aus!“
Seine Stimme sank, bis sie tonlos war wie zu Anfang; es hatte ihn doch übermannt. Er hatte es ihr sagen wollen, schonungslos, aber ruhig; nun hatte er etwas heraufbeschworen, was ihn selbst aus der Fassung brachte, er war nicht mehr Herr über sich. Er fühlte, wie seine Stimme versagte und sein Herz pochte. Es flimmerte ihm vor den Blicken.
Neldas Augen waren fest auf ihn gerichtet, gross und schwimmend; nun löste sich langsam eine Träne nach der andern unter ihren Wimpern.
„Sie weinen —?! Fräulein Nelda!“
Sie blieb stehen, er hielt ihre Hände; ein seltsames Wohlgefühl lief ihm durch die Glieder.
„Armer — armer —!“ Sie schluchzte laut.
„Sie weinen um mich?!“ Unwillkürlich flüsterte er. „Sie liebes gutes Mädchen, ich danke Ihnen! So kann ich doch sagen,“ setzte er noch leiser hinzu, „es hat auch einmal jemand um mich geweint! — — — Fräulein Nelda, weinen Sie wirklich um mich?“
„Ja, um Sie!“
Sie hob das tränenüberströmte Gesicht mit einem innigen Ausdruck zu ihm auf. „Sie tun mir so schrecklich leid! Wenn ich Ihnen doch helfen könnte! Ach, ich bin so traurig! Ich muss die ganze Nacht daran denken und noch viel, viel länger! Es ist zu schrecklich — Ihre arme Mutter — und Sie! O was gäb ich drum, könnt ich Ihnen helfen!“
„Fräulein Nelda!“
Er konnte nicht anders, er musste ihre Hände an die Lippen führen, eine Hand nach der andren. Ihre Tränen taten ihm so wohl, wie der Regen einem verkümmerten Saatfeld. Freilich war’s ihm, als sagte ihm die innere Stimme: du hast deine Sache nicht gut gemacht, warum hast du ihr eigentlich all das erzählt? Nicht um ihre Tränen fliessen zu machen und ihr dann die Hände zu küssen und auf der einsamen Chaussee still zu stehen und in überströmende Mädchenaugen zu blicken. Du wolltest doch sagen: geh weg! Und du sagst: komm her! — — —
Ramer schreckte zusammen und liess die Hände des Mädchens fahren, eine undeutliche Entschuldigung murmelnd. Er sah sich um.
„Pardon, gnädiges Fräulein, wir sind zu weit gegangen! An Ihrem Hause sind wir längst vorüber, wir müssen umkehren.“
„Ach so!“ Sie lächelte ihn an, noch Tränen in den Wimpern.
Sie schritten zurück, aber jetzt rascher; sie sprachen auch nicht mehr miteinander, der Wind war ihnen nun entgegen und fächelte schärfer Neldas heisses Gesicht. Sie weinte nicht mehr, im Gegenteil, ein glücklicher erwartungsvoller Glanz lag auf ihren Zügen.
„Gute Nacht,“ sagte sie lächelnd an der Haustür. „Gute Nacht — auf Wiedersehn!“
„Gute Nacht!“
Er verbeugte sich tief, ohne ihre Hand zu nehmen, dann trat er zurück.
Einen Augenblick hielt sie noch zögernd die Klinke — sie horchte auf seine sich entfernenden Schritte. Nun waren sie verklungen. „Auf Wiedersehen,“ murmelte Nelda, kaum die Lippen bewegend; dann schloss sie die Tür.
Drinnen im Flur war eine erbärmliche Beleuchtung. Auf der untersten Treppenstufe stand die kleine Küchenlampe, tief niedergeschraubt, und verbreitete einen durchdringenden Petroleumgeruch. Die Eltern schienen bereits zu Bett, ebenso die Magd. War’s denn schon so spät?! Nelda nahm die Lampe und stieg die Treppe hinauf.
Eben jetzt öffnete sich im ersten Stock die Schlafzimmertür, und Frau Dallmers kleines vergrämtes Gesicht mit dem spitzen Näschen unter der weissen Nachtmütze guckte heraus.
„Nelda, bist du’s? Wir sind schon zu Bett gegangen, der Papa fühlte sich heut abend so schwach. Auch die Lena schläft, sie hat morgen die grosse Scheuerei. War’s hübsch bei Xylanders? Was habt ihr gegessen? Hast du die Haustür auch zugeschlossen?“
„Es war sehr hübsch, Mama!“
„Hast du die Haustür auch wirklich ordentlich zugemacht?“
„Ja, ja!“
„Und lass die Lampe nicht so lang mehr brennen, das Petroleum ist haarsträubend teuer, dreissig Pfennig das Liter. Hörst du? Tu nicht, als ob wir’s so könnten! Ach Gott ja, wenn du — war sonst niemand bei Xylanders, kein Bekannter von ihm?“
„Gute Nacht, Mama!“
Hastig stieg Nelda die zweite Treppe hinan; sie antwortete nicht mehr, ihr Herz klopfte. Oben in ihrem Giebelstübchen setzte sie die Lampe auf den kleinen Tisch am Bett und liess sich schwer auf den Stuhl daneben fallen. Wie im Traum streifte sie das Kleid ab und zog die Nadeln aus dem Haar; lang und dicht fiel es ihr um die nackten Schultern. Zerstreut zog sie das Ende einer Strähne durch die Finger, ihre Augen starrten wie gebannt in den flimmernden Lichtkreis der kleinen Lampe. An was dachte sie? Sie wusste es selbst nicht. Es wogte in ihr auf und ab, es sprühte Tropfen und zog wirbelnde Kreise, wie Wasser, in das man jäh einen Stein geworfen hat.
So sass sie lange.
Dann trat sie vor den Spiegel und blickte unbeweglich mit weitgeöffneten Augen hinein.
„Bin ich das?“ fragte sie langsam und laut, und eine glühende Blutwelle schoss ihr in die Wangen. Sie schloss die Augen halb und lächelte. „Ich glaube, er mag mich — ja, ja!“ Sie nickte dem Bild im Spiegel zu. „Ja du, sa!“
Ein plötzliches Knistern in der Zimmerecke liess sie zusammenfahren; zwischen Tapete und Mauer rieselte nur Mörtel herunter, aber sie erschrak. „Dummheit!“ Mit einem Ruck schleuderte sie die Röcke von sich und sprang ins Bett. Da sass sie halbaufgerichtet und flocht das lange Haar in einen Zopf für die Nacht; sie sah aus wie ein Kind mit der hängenden Flechte und den schlanken Armen. Sie verschränkte sie hinterm Kopf und lag dann regungslos ausgestreckt. Eine Stunde verging, die Lampe schwelte, der Docht begann zu verkohlen; mit grossen verträumten Augen blickte sie auf einen Punkt. Die weisse Brust hob und senkte sich in kräftigen Atemzügen; es war Nelda unendlich wohl.
Mit einein hässlich qualmenden Dunst erlosch die Lampe. Sie merkte es nicht. Sie lag mit offnen Augen im Dunkeln; endlich wurden ihr die Lider schwer, ihre Gedanken verwirrten sich.
„Ob er wohl — an — mich — denkt — — armer — — Sinzdorf — morgen — auf Wiedersehn — auf W — —“
Die Zunge gehorchte nicht mehr, der Traum kam und jagte bunte Bilderreihen vorüber. Und alles wob sich um eine Gestalt.
6
Leutnant von Ramer war in schlechter Laune aufgemacht. Er hatte die Nacht wenig geschlafen — die materiellen Genüsse gestern bei Xylanders konnten unmöglich die Schuld tragen — erst gegen Morgen war eine bleischwere Ruhe über ihn gekommen. Nun musste er aufstehen, der Zug nach Sinzdorf ging um zehn. Unmutig fuhr er den Burschen an, der die Läden öffnete.
„Der Herr Leitnant müssen nu uffrehn!“ Der biedre Gottlieb Schmitz trappste mit knarrenden Stiefeln über die Diele. „Et is schon e so spät!“
„Ja, ja — trampeln Sie nicht so, Schmitz! Es ist grässlich!“
„Zu Befehl, Herr Leitnant!“
Auf den Spitzen seiner ungeheuren Rindsledernen wie eine Sylphide schwebend, mühte sich der Biedere zur Tür hinaus. Er kannte den Ton — ja, das war immer so, wenn der Herr Leutnant nach Sinzdorf machte! Da musst er wohl einen Schatz haben, der untreu war!
„Opla!“ sagte Schmitz, als er in der Wohnstube das Spiritusflämmchen unter der Kaffeemaschine anzündete. „Gottlieb, mein Junge, ärger du dich nit, wann dein Leitnant schlechter Laun is; drück als en Aug zu! Ke Wunder, er hat en untreuen Schatz! O Jesses!“
Ein untreuer Schatz war für Gottlieb Schmitz das Furchtbarste auf der Welt. Seit Hauptmann Xylanders Settchen ihm nach achttägiger Bekanntschaft die Treue gebrochen und dem langen Flügelmann von der Kompagnie die frische Wurst von zu Hause zugewendet hatte, kannte er sich mit untreuen Schätzen aus. Er hatte jeder Weiblichkeit abgeschworen.
„So.“ Er blies die Flamme aus und tat einen derben Zug aus der Kaffeekanne. „Heiss, äwer jud! Nu kann er kommen! Ja, wann ich nit wär! En Mutter sorgt nit besser for ihr Kind!“
Ganz gerührt goss er noch einen Schwurr Wasser in die Kanne; es reichte sonst nicht mehr für zwei Tassen.
Leutnant von Ramer sass im Bonner Schnellzug, in Zivil. Neben ihm lagen eine Düte und ein kleiner Veilchenstrauss, sorgfältig in Seidenpapier gehüllt. ‚Dat Präsent for den Schatz‘, würde Gottlieb Schmitz sagen. Die Blumen waren für keine Geliebte; der Sohn brachte sie der Mutter. So geschah es jedes Mal; im Frühjahr waren es Veilchen, im Sommer Rosen, im Herbst leuchtende Astern. Und jedesmal steckte die unglückliche Frau die feine Nase in die Blumen, kicherte und reichte dann mit huldvoller Gebärde dem Spender die Hand zum Kuss: ‚Wir geruhen sie anzunehmen. Wir danken!‘
So würde es auch heute sein. Ramer seufzte, als er allein im Coupé sass; mit einem müden gleichgültigen Blick schaute er durchs Fenster auf das wechselnde Landschaftsbild. Da floss der Rhein, breit und gleitend. Drüben an den Berghängen noch kein Grün, grauer Duft über Ufer und Strom. Noch ahnte man nichts von Lenzherrlichkeit und Sommerpracht — und wenn auch, es war ja alles gleich!
Der Zug fuhr langsamer, die dunklen runden Türme und alten Mauern von Andernach tauchten auf. Da war der Bahnhof — der Schaffner riss die Tür auf und schob eine Dame nebst einem kleinen Mädchen ins Coupé. „Fertig, abfahren!“ Ein schriller Pfiff.
Ärgerlich zuckte Ramer zusammen; das fehlte noch, Kinder! Er rückte ganz in seine Ecke und legte die eine Hand über die Augen, die andre liess er schlaff herunterhängen. — Was war das für ein Leben! Schrecklicher als der Galeerensklave es führt, der, in Ketten geschmiedet, täglich dieselbe Zwangsarbeit tut. War er nicht auch ein Sklave? War die Pflicht zu leben — so zu leben — nicht schwerer als die Galeerenarbeit eines halbvertierten Geschöpfes?!
Ein unsagbar bitteres Gefühl beklemmte ihm die Brust, er schmeckte die Galle auf der Zunge. Warum war er denn auserlesen zu allem Missgeschick? Und was hatte die arme Frau in Sinzdorf verbrochen, dass sie hinter Schloss und Riegel in geistiger Nacht sass? Ihr Leben war untadelig gewesen, ein stetes Opfer für Mann und Kinder — gut, sanft, fromm — und das der Lohn?! Gott —! Wenn es einen Gott gibt, so ist er blind oder er schläft!
Ramer biss die Zähne aufeinander, er hätte eine wilde Anklage hinausschleudern mögen — pah, auch das nicht der Mühe wert; alles aus! Er wusste nicht, dass er schwer seufzte, er war versunken in düsterm Brüten. Plötzlich zuckte er zusammen. Etwas Weiches, Warmes streifte seine Hand, zwischen den Fingern fühlte er Blumenstengel. Er fuhr auf.
„Entschuldigen Sie nur, o bitte, entschuldigen Sie,“ stammelte die ihm gegenübersitzende Dame. „Mariechen, was fällt dir ein? Komm sofort hierher!“
Ramer wusste nicht, wie ihm geschah; in der Hand hielt er ein paar abgeschnittene Blumen, an sein Knie lehnte sich das kleine Mädchen und sah ihm mit grossen Augen merkwürdig ernsthaft ins Gesicht.
„Bist du traurig?“ sagte das Kind mitleidig. „Sei nicht traurig! Mariechen schenkt dir alle Blumen von der Grossmama. Mariechen will dir auch einen Kuss geben!“
Sie streckte die Ärmchen furchtlos nach dem fremden Mann aus — o, das waren Nelda Dallmers ernste graue Augen! Auch solch blondes Haar! Ehe die verlegne Mutter wehren konnte, hob Ramer die Kleine auf den Schoss. Er küsste nicht ihr Gesichtchen, aber er streifte den wollnen Fausthandschuh von der kleinen Hand und küsste dies Händchen, wie er Nelda Dallmers Hand geküsst hatte.
Die junge Frau hatte ihre Fassung wiedergefunden, ein halb schelmisches, halb verlegenes Lächeln stand ihr allerliebst. „Mariechen denkt gleich, wenn jemand so dasitzt, wie Sie eben dasassen, er sei traurig; das tut ihr dann so leid und sie möchte ihm was zuliebe tun. Sie ist ein drolliges Kind. Komm hierher, Mariechen, du belästigst den Herrn!“
„Bitte, gnädige Frau!“ Er verbeugte sich und stellte die Kleine auf den Boden. „Sieh hier, deine Blumen! Ich danke dir vielmals, aber die musst du wieder nehmen, ich habe je selbst welche.“
Das Kind schüttelte den Kopf, dass ihm die wirren Locken in die Stirn fielen.
„Das tut sie nicht. Behalten Sie die Blumen doch,“ bat die junge Frau freundlich. „Sie sind von meiner Mutter, an ihrem Fenster gezogen — wir waren bei ihr zu Besuch — beim Abschied schnitt sie mir die schönsten ab. Sie bringen Glück!“
Ramer erwiderte nichts mehr, stumm wickelte er die Blumen zu seinen Veilchen und nickte der Kleinen zu. Sie sass ihm jetzt gegenüber, ihre sprechenden Augen wandten sich nicht von ihm; es war ihm ordentlich unangenehm. Er musste immerfort an Nelda Dallmer denken — so hatte die gewiss als Kind ausgesehen. Und in beiden der gleiche Trieb, hier im Kind schon Weib, dort im Weib noch Kind! Ein Verlangen stieg plötzlich in Ramer auf, das Kindergesicht da gegenüber zu küssen. Nein, nicht das Kindergesicht, Neldas Gesicht! Er schloss die Augen — lieber nichts mehr sehen.
Endlich wieder eine Station, Mutter und Kind stiegen aus. Die Kleine lächelte freundlich und winkte mit dem Händchen. Dann waren sie fort. Noch einmal schimmerte das rote Mützchen auf dem Perron. Der Zug schnaubte weiter.
Etwa zwei Stunden später schritt Ramer hinter einer Wärterin über den langen Gang im zweiten Stockwerk der grossen Irrenanstalt zu Sinzdorf. Auf dem doppelten Läufer von Kokosfaser verfingen sich die Tritte unhörbar; es hatte etwas Unheimliches, dieses Nichthören des eignen Schritts. Lautlos glitt die Führerin voran.
Eine Stille ringsum, die den Atem beklemmt, die etwas Fürchterlichem vorangeht. Plötzlich ein Schrei.
Und nun ein Lachen.
Ein Lachen, grell, tierisch, schauerlich in seinen hohlen Lauten.
Ramer blieb unwillkürlich stehen, der Fuss war ihm wie an den Boden geschmiedet. Die Führerin wandte sich nach ihm um.
„Kommen Sie nur,“ sagte sie gleichgültig, „das is Nummer elf. Die hat mal wieder ihren Raptus.“
„Ich bitte Sie, Frau Müller,“ — Ramer hörte, wie dumpf die eigne Stimme war — „ist das eine Dame? Was fehlt der Unglücklichen?“
Die grosse stämmige Person mit der blühenden Gesichtsfarbe und den Grübchen in den Backen zuckte die Achseln.
„Ja, da is nix bei zu machen! Wissen Sie, Herr Leutnant“ — sie trat dem jungen Mann näher und tuschelte geheimnisvoll — „Nummer elf is ein Fräulein ‚von‘. Ja, ganz vornehm und steinreich — hübsch muss se auch gewesen sein! Ich sag Ihnen, Haare hat se, um sich zweimal drin einzuwickeln, aber wenn se den Raptus kriegt, reisst se sich Hände voll aus. Sie sagen, sie hätt en unglückliche Liebe gehabt; die Familie hat die Heirat nit zugegeben, da is se verrückt geworden, und se haben se hier eingesperrt. Se bild’t sich ein, se hat en Kind gekriegt, das schleppt se nu immer im Arm herum und singt und wiegt und küsst es. Wenn se so is, dann is se als ganz gut; aber wenn se ein Mannsbild zu sehen kriegt, den Herrn Doktor oder sonst jemand — o je, dann spektakelt se was! Se können sich nit vor ihr retten, se hängt sich ihnen an den Hals und wird zudringlich. Ne, man sollt et nit glauben, dass se mal en anständige Dam’ gewesen is! Herr Leutnant, da könnt man Stückelcher erzählen — haha!“ Frau Müller lachte. „Hören Sie, wie se kreischt? Sie werden se gleich in die Zwangsjack stechen — da, sehn Sie!“
Aus Nummer elf erklang ein grelles Glockensignal; nach wenigen Minuten kamen zwei Wärterinnen, starke, sehnige Gestalten, den Gang heraufgestürzt. Die eine trug eine leinene Jacke auf dem Arm mit unnatürlich langen, nachschleppenden Ärmeln. Nun verschwanden beide in Nummer elf.
Ramer schreckte zusammen und fuhr mit beiden Händen an die Ohren: das war kein Gekreisch mehr, nein, ein Geheul, wildes, viehisches Gebrüll! „Um Gottes willen!“ Er fühlte, wie ihm der Schweiss ausbrach und kalte Schauer über den Rücken rieselten.
„O, da sind wir dran gewöhnt,“ sagte seine Führerin ganz behaglich. „Jetzt schreit se sich aus, und wenn se nachher nit mehr kann, is se still. Aber kommen Sie jetzt zu der Frau Mama, Herr Leutnant!“
Sie ging voran, unsichern Schritts folgte er, die Kniee zitterten ihm. Der Gang war endlos; Tür auf Tür, Nummer nach Nummer. Noch immer das Geheul — jetzt Gott sei Dank nichts mehr zu hören! Hier war es ruhiger.
„Wie geht es meiner Mutter, Frau Müller?“
„O danke, recht gut! Ne, das is en liebe Dam’. Wenn se all’ so wären, wär man hier im Paradies! Ne, wirklich so nett und auch ganz gesund, die kann uns beide noch überdauern, Herr Leutnant! — — — So, da wären wir!“ Sie steckte den Schlüssel ins Schloss der letzten Tür und klopfte dann. „Se freut sich so, wenn man vorher klopft!“
Sie traten ein
Das Fenster war vergittert, doch fiel das Licht freundlich in die Stube, auf das flache Bett in der Ecke mit dem grünen Schirm davor, auf die Chaiselongue, auf den kleinen Tisch und die wenigen Stühle. Die grau tapezierten Wände blickten kahl und nüchtern; kein Spiegel, kein Bild.
Am Fenster sass Frau Constanze von Ramer. Sie war mit peinlicher Sorgfalt gekleidet, die spärlichen Falten des einfachen Wollkleides waren so sorgfältig ausgebreitet, als spreite sich schwerer Damast oder Brokat. Sie sass kerzengerade und hielt den Kopf mit der kleinen Spitzenhaube über dem grauen Scheitel aufrecht. Beim Öffnen der Tür wendete sie sich langsam, so steif und hölzern, als drehe sich ein Automat.
„So, Madam,“ — die Wärterin stiess ihren Begleiter mit dem Ellenbogen und zwinkerte ihm zu — „hier is Ihr Sohn! Sagen Se mal guten Tag, Madam!“
„Was — Madam —?!“
Gereizt fuhr die Frau am Fenster auf; ihre unstet flackernden Pupillen bekamen plötzlich einen starren Blick, ihr eben noch sanfter Mund verzog sich hochmütig.
„Was unterstehen Sie sich?“ kreischte sie in den höchsten Tönen. „Madam — ich bin keine Madam! Wissen Sie nicht, dass ich die Kaiserin von Deutschland bin? Auf die Kniee — auf die Kniee!“
Ihre zarte Gestalt zitterte vor Wut, ihre Lippen verzerrten sich, sie krallte die ausgestreckten Hände.
Ramer prallte entsetzt zurück.
Die Wärterin blieb gelassen stehen, sie knixte nur mehrmals hintereinander und gab ihrer Stimme einen kriechend unterwürfigen Klang.
„Majestät, verzeihen Se, allerhöchste Majestät, ich habe mich ja versprochen — no natürlich: Majestät, allergnädigste Majestät!“
„Ah — ah!“ Die Kranke war sofort ruhig, ein geschmeicheltes Lächeln glättete ihr wutverzerrtes Gesicht. „Das wollte ich ihr auch raten! Wir wollen diesmal gnädig sein — gnädig sein,“ setzte sie in völlig verändertem Ton hinzu. „Aber weisst du auch, dass ich dich köpfen lassen kann, ja, köpfen lassen kann?“ Sie lachte kindisch. „Eins, — zwei, — drei, — da fliegt der Kopf herunter! Siehst du, wie er in den Sand kullert? Die Leute schreien hurra! Oder,“ — sie machte ein lange Pause, ihr Sprechen wurde ein Flüstern, wichtig, vertraulich, sie riss die Augen weit auf und liess sie scheu im Zimmer umherrollen — „oder soll ich dich erschiessen lassen — erschiessen lassen?! Hier in den Kopf!“ Sie fuhr mit beiden Händen an die Schläfen. „Er hat sich erschossen! Huh, erschossen — schossen — schossen —!“
Sie wiederholte lallend die letzten Silben und schüttelte sich dabei, als würfe sie ein innerer Krampf hin und her.
Ramer lehnte sich dumpf stöhnend gegen die Tür; er glaubte es nicht mehr anhören zu können, er musste fortstürzen, nie wiederkehren, — und doch war es seine Mutter, die da wahnsinnig schwatzte.
„Huh erschossen — huh huh — erschossen!“ Dumpf hallten die leeren Wände wieder. Es war nicht mehr zu ertragen.
„Majestät!“ Die stämmige Wärterin legte der Unglücklichen die Hand auf den Mund und schob sie mit Gewalt auf ihren Sitz zurück.
„Huh — huh — erschossen — schossen — —“
„Still!“ Frau Müllers Druck wurde ziemlich unsanft. „Keine Fisematenten, Majestät! Sie wissen doch, sonst gibt’s was!“ Sie erhob drohend den Finger.
Die Wahnsinnige duckte sich geschwind.
„Keine Fisematenten, nein, nein,“ sagte sie ängstlich. „Wir sind gut, wir sind gnädig,“ — sie erhob schon wieder steil den Kopf — „wir verleihen Ihnen den schwarzen Adlerorden mit Eichenlaub, am Bande um den Hals zu tragen!“
„No, das is ja schön, da dank ich. Aber nu kucken Se mal, hier is ja Ihr Sohn, der is weit hergekommen, der will Sie besuchen!“
Frau Müller gab dem jungen Mann einen Wink, näherzutreten.
„Kucken Se, hier is er!“
„Ah!“ Frau Constanze von Ramer erhob sich feierlich, fasste ihr Kleid mit zwei Fingern und machte eine tiefe abgemessene Verbeugung. „Der Kronprinz! Seien Sie gegrüsst!“
Sie reichte ihm voller Hoheit die Hand zum Kuss. Mit einer unbeschreiblichen Pein im Herzen ergriff er sie. So standen sie eine Weile und starrten sich an; angstvoll forschten die Augen des Sohnes im Gesicht der Mutter. Sie kannte ihn nicht, keine Spur; leer, fremd war der Blick der einst so liebevollen Augen.
„Mutter! Kennst du mich nicht, Mutter?“
Seine Stimme verging fast vor Erregung, Tränen der Verzweiflung füllten seine Kehle; er schluchzte auf, ein gepresstes, trockenes Schluchzen.
„Wie er sich freut!“ kicherte die Kranke.
Sie fuhr ihm mit den feuchtkalten Fingern durch die Haare.
„Seine Majestät, der Kaiser und König sind verreist — fort — fort!“
Sie winkte mit der Hand. „Wohin — ich weiss es nicht. Weisst du es?“ Sie drängte ihr Gesicht dicht an das seine und bohrte den stieren Blick in seine Züge.
„Du weisst es auch nicht, weisst es nicht — o — o!“ Mit einem Wehlaut wich sie zurück. „Er ist fort, weit fort! Nun zeigen sie mit Fingern auf uns — sie werfen uns mit Steinen — sie reissen dir deinen Rock ab — nein, nein!“
Mit jammerndem Aufschrei fuhr sie von neuem auf den Sohn los und umklammerte ihn mit beiden Armen.
„Sie sollen dir nichts tun, ich will es nicht haben! Da!“ Sie riss das Spitzenhäubchen vom Kopf und schleuderte es zur Erde. „Da habt ihr meine Krone! — — — Weine nicht, weine nicht, mein Junge! Mein kleiner Ferdinand — ei, ei!“ Sie schmiegte ihre Wange an ihn und spitzte den Mund zum Kuss. „So ein lieber, kleiner Junge, warum wird er denn weinen? Er liegt ja in seinem schönen Bett — seine Mama ist bei ihm — ei ei — eia popeia!“
„Mutter!“
Es war der markerschütternde Aufschrei eines gequälten Herzens, der jetzt durch die Stube gellte. Der Sohn taumelte zurück an die Wand, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend.
Die Wärterin, die bis dahin teilnahmlos umhergewirtschaftet hatte, schaute auf.
„Hm, hm. Da“ — sie langte nach der beiseite geworfenen Düte und dem Veilchenstrauss — „da, Majestät, das hat Ihnen der Herr Leutnant mitgebracht. Nu freuen Se sich aber, gelt?“
Die Wahnsinnige klatschte in die Hände und lachte vergnügt; mit gierigen Fingern riss sie die Düte auf und stopfte hastig ein Stück Kuchen nach dem andern in den Mund. Mitten im Kauen hielt sie inne und zeigte nach der Wand: „Was will der fremde Mann da? Fort! fort!“ Die Düte ängstlich an sich drückend, kauerte sie sich ganz in der Fensternische zusammen. „Er soll weg — da — der — weg, weg!“
„Aber“ — Frau Müller zog die sich Sträubende aus der Ecke — „es is ja der Herr Leutnant, Ihr Sohn! Majestät, ä was, sein Se doch nicht so doll!“
„Nein, nein!“ Die Kranke wimmerte wie ein Kind. „Den kenne ich nicht — der nimmt mir alles. Weg, weg! Er soll gehn!“
„Mutter, ich bin es? Liebe Mutter — ich, Ferdinand, dein Sohn!“
„Nein, weg — nein!“ Sie versteckte sich zitternd hinter die Wärterin.
Diese flüsterte:
„Gehn Se nur, Herr Leutnant! Ja, gehn Se, se is jetzt sehr aufgeregt, da is nix bei zu machen!“
Wie ein Trunkener schwankte der Sohn zum Zimmer hinaus, an der Tür wandte er sich noch einmal um.
Da war das vergitterte Fenster, hellbeleuchtet der zusammengekrümmte Körper der Mutter und die stämmige Gestalt der Wärterin mit dem groben fühllosen Gesicht. Seine Veilchen lagen am Boden verstreut, dazwischen die Blumen des freundlichen Kindes — sie hatten kein Glück gebracht.
7
Über den Rhein wehen laue Lüfte, der Ehrenbreitstein glänzt goldgelb im Sonnenschein. In den Wällen am Asterstein und drüben an der Karthause blühen die Veilchen, blau, massenhaft; der süsse Geruch steigt der Schildwache, die droben dröhnend auf und ab schreitet, in die Nase. Der Gewehrlauf blitzt in der hellen Luft. Wohin der Blick schweift, alles klar, heiter, freundlich. Der graue Klumpen der inneren Stadt mit den schwarzblauen Schiefertürmen, die Firmung, der Markt, die Löhrstrasse, der Entenpfuhl — alles sieht verklärt aus. Und draussen um die Villen im Glacis blühen schon Pfirsichbäume, und die Stachelbeerbüsche umspinnen sich mit erstem Grün. In den Rheinanlagen flöten die Amseln. Wer eine neue Toilette hat, führt sie spazieren. Frühlingszauber — Osterglocken.
Fräulein Aurora Planke sass in ihrer Jungfernwohnung, herb blickend, süss säuerlich wie ein Einmachetopf Essigpflaumen. Es war wunderhübsch still und ruhig um sie, die Stube so aufgeräumt und sauber, der Gedanke an Staub schon Blasphemie. Man sah, hier trippelten keine Kinderfüsse, auch kein Zigarrenrauch vergraute die weissen Mullgardinen. Alles tadellos.
Tadellos auch die herbe Jungfrau im schwarzen Wollkleid mit dem blendend weissen Umschlagkrägelchen und den weissen Manschetten. Wie Pythia auf dem Dreifuss sass sie auf dem gestickten Sessel vor ihrem Nähtisch; hinter sich hatte sie eine Efeuwand, aber der Efeu war künstlich — vor sich ein Vogelbauer, aber das gelbe Tierchen darin war ausgestopft. Bewahre, nur kein lebendiges, das warf ja Schmutz durch die Stäbe!
Auf Fräulein Auroras hoher Stirn lagerte eine Wolke des Unmuts. Heute war Agnes Röders Hochzeit — sie lauschte.
„Wenn er nicht bald kommt, muss ich weg; die Oberkonsistorialrätin hat mir ihren Kirchenstuhl offeriert. Schon spät!“ Sie lauschte wieder, unruhig, gespannt. — Da — draussen klingelte es endlich, ein ungeschickter Tritt stolperte über den Flur. Jetzt klopfte es.
„Herein!“ flötete Aurora, ihre Stimme hatte etwas Holdseliges.
Die Tür ging auf, über die Schwelle schob sich linkisch ein junger Mensch. Der Rock war fadenscheinig, um das blasse jugendliche Gesicht hing das semmelblonde Haar lang und straff, sanft in der Mitte gescheitelt. Er wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Man witterte den Pfarramtskandidaten in spe auf zwanzig Schritt.
Fräulein Aurora streckte die Hand aus und lächelte.
„Nun, lieber Heinrich?!“
Er wagte es, nach einem tiefen Diener, stotternd die Hand zu fassen.
„Ich — ich wollte — mir erlauben — meiner hochverehrten Gönnerin — ein gesegnetes Osterfest zu wünschen!“
„Danke, danke! Nehmen Sie Platz! Wo waren Sie denn so lange?“ Es lag ein sanfter Vorwurf in den Worten. „Ich habe Sie längst erwartet. Nun ruft mich leider die Pflicht zur Kirche, eine frühere Schülerin von mir macht heute Hochzeit; viel zu jung, viel zu jung! Bei diesen Kinderehen, was kommt da heraus? Überhaupt, wie ich darüber denke!“ Sie zuckte die mageren Schultern und drehte die Augen gen Himmel. „Freilich, es gibt Ausnahmen,“ setzte sie einlenkend hinzu und strich dem jungen Menschen die Haare aus der Stirn, „aber selten, höchst selten! Lieber Heinrich, kommen Sie heut abend wieder und trinken Sie den Tee bei mir; es ruht sich gut nach stürmischem Tag im wohlumfriedeten Hafen.“ Sie seufzte.
Der junge Mensch sah sie verwundert mit den runden blassblauen Augen an, ein gutmütiges Lächeln zog ihm übers Gesicht. Was seine hochverehrte Gönnerin nur meinte? Der Tag war doch nicht stürmisch, im Gegenteil herrlich schön, und ein Spaziergang mit den andern Seminaristen, nebst anschliessendem Tänzchen in Capellen, wäre eigentlich der Teestunde bei Fräulein Aurora Planke vorzuziehen gewesen. Aber Fräulein Planke zahlte seine Studiengelder. Sie gewährte ihm Mittel für Wohnung und Kleidung, sie hielt ihre Hand schützend über den Elternlosen; war die Hand auch knochig, es war doch immerhin eine Hand. Er unterdrückte den Seufzer, der in ihm aufsteigen wollte.
„Lieber Heinrich,“ flötete Aurora und zog aus ihrer Tasche ein kleines Päckchen, „hier, nehmen Sie, das hat der Osterhase für Sie gebracht!“ Er fühlte zwischen seinen Fingern ein paar harte, in Papier gewickelte Taler. „Nun, was meinen Sie, wird es reichen, um sich dann und wann ein kleines Extravergnügen zu gestatten? Wohlverstanden, im höheren sittlichen Sinne!“
„O Sie sind sehr gütig!“
Der blasse Mensch rutschte vor Verlegenheit auf dem Stuhl hin und her; man sah’s ihm an, er war sich unklar, sollte er Auroras Hand an die Lippen drücken oder nicht. Die knochige Rechte näherte sich immer mehr seinem Munde, sie kam nah, ganz nah — jetzt — er wurde dunkelrot, mit einem plötzlichen Entschluss ergriff er sie und schüttelte sie herzhaft.
„Wenn das meine Mutter wüsste, wie gut Sie zu mir sind, Fräulein Planke! Ich danke, ich danke. Sie tun so viel an mir, mehr als die eigenen Verwandten, und sind doch nur meiner seligen Mutter Jugendfreundin. Sie sind selbst wie meine Mutter!“
Er schluckte ganz gerührt, und seine kurzsichtigen Augen zwinkerten.
Aurora zuckte zusammen, als habe sie jemand auf ein schmerzendes Hühnerauge getreten.
„Schwester, Schwester — sagen Sie Schwester, lieber Heinrich! Mein Gott, wenn ich so zurückdenke, ich war noch ein kleines Mädchen, als Ihre Mutter schon heiratete! Sie war mindestens zehn Jahre älter als ich — aber die Neigung, die gleicht den Unterschied der Jahre aus. Ich fühle mich Ihnen wie eine Schwester, mein lieber Heinrich!“
Nun drückte sich die knochige Rechte wirklich an seinen Mund. Fräulein Aurora seufzte. So blieben sie regungslos eine ganze Weile, während heller Frühlingsschein von draussen hereinflutete, die scharfen Züge der höheren Schulvorsteherin noch schärfer erscheinen liess und unbarmherzig die Krähenfüsse um Mund und Augenwinkel beleuchtete. Der liebe Heinrich wagte nicht sich zu rühren, da — ein Glockenton von fern! Fräulein Aurora erwachte wie aus einem Traum.
„Sie läuten schon, wie ärgerlich! Ich darf nicht fehlen, ich muss eilen. Bitte, lieber Heinrich, helfen Sie mir in die Mantille! Also auf Wiedersehen heute abend; nicht zu spät, lieber Heinrich! Ich erwarte Sie so früh wie möglich — auf Wiedersehn, lieber Heinrich!“ — — —
Agnes Röder war katholisch, Leutnant von Osten protestantisch. Aber was macht der Unterschied der Religion bei zwei liebenden Herzen?! Ohne Zögern hatte Agnes gleich eingewilligt, sich in der protestantischen Kirche trauen zu lassen; den Eltern war es schwerer geworden, aber sie gaben nach. Die Ostens waren altpreussischer Adel, und die Stellung des Bräutigams erheischte Rücksichten. Mit verweinten Augen und hochrotem Kopf war Mama Röder mehr als einmal aus der Messe nach Hause gekommen. Auch sah man den Kaplan Dengler von der Florinskirche öfter die Freitreppe des Röderschen Hauses hinaufschreiten; seine dünne schwarze Gestalt schob sich wie ein Schatten vor die leuchtende Freiherrnkrone des Ostenschen Wappens. Aber umsonst waren die Tränen der geängstigten Katholikin, die Ermahnungen des Geistlichen, errötend und lächelnd hatte Agnes erklärt: „Was mein geliebter Carlo will, ist auch mein Wunsch!“ Und auf die peinliche Frage: „Welcher Religion sollen deine Kinder sein?“ hatte sie, noch tiefer errötend, ebenso lächelnd erwidert: „Carlos natürlich!“
Leutnant von Osten hatte sich entzückt den Schnurrbart gestrichen: wirklich pyramidales Glück! Seine kleine Braut war ein Ideal. Sie war ordentlich poetisch, als sie, sich an ihn lehnend, verschämt flüsterte:
„Mein Carlo! Wo du hingehst, will ich auch hingehen. Dein Volk ist mein Volk, dein Gott mein Gott!“
Sie hatten sich dann zärtlich in die Augen geblickt und lange die Hände gehalten. Das war ein Glück!
Mama Röder vergass ihren geistlichen Berater und ihre Gewissenspein, Papa Röder schmunzelte über das ganze behäbige Gesicht: einen Freiherrn zum Schwiegersohn, schön, jung, reich, das waren Aussichten! Und Gott sei Dank, man hatte die Gewissheit, die Tochter nicht des Geldes wegen geheiratet zu sehen!
So war der grosse Tag endlich herangekommen, der Himmel wolkenlos, strahlend blau. In die Schlosskirche strömte es. Feiertag, schönes Wetter, die bequeme Stunde: zwei Uhr — und dann, was würde es zu sehen geben! Blumen, Toiletten, Luxus, Glanz.
Die ganze Mädchenwelt der höheren Kreise war eingeladen. Anselma von Koch, Lena Röhling, Milchen und Tonchen Zänglein, noch ein paar flotte Offizierstöchter und zwei steinreiche Cousinen Röder waren Brautjungfern; sie würden sich ausgezeichnet neben den sporenklirrenden eleganten Kavalieren ausnehmen. Viele Hoffnungen waren in die funkelnagelneuen Hochzeitstoiletten hineinphantasiert worden; sollten die sich erfüllen, gab’s mindestens ebensoviel neue Hochzeiten binnen nächstem, als Brautführerpaare da waren.
‚Wenn die Hoffnung nicht wär’, wenn die Hoffnung nicht war’‘! Ganz recht, nur dass die Hoffnungen verschieden aussehen. Hier wickelten sie sich alle in lange weisse Schleier und trugen Myrtenkränze
*
Nelda Dallmer hatte auch Hoffnungen.
Zwei Monate waren verstrichen seit jenem Abend bei Xylanders, an dem Leutnant von Ramer ihr beim Nachhausegehen so energisch die Aussichtslosigkeit seiner Zukunft vordemonstriert hatte. Sie hatten sich seitdem oft und viel getroffen — war es Zufall, war es Absicht? In einer kleinen Stadt stossen die Leute leicht aufeinander, wenn sie sich nicht gerade absichtlich aus dem Wege gehen; und das taten die beiden nicht.
Mit den linderen Lüften erwachte die Lust zum Spazierengehen. Ramer schritt öfters am Dallmerschen Hause vorüber ins Freie; und an besonders schönen Tagen machte der Regierungsrat, auf den Arm seiner Tochter gestützt, eine Promenade die Chaussee weiter hinaus. Das erste Mal, als sie sich begegneten, schritten sie stumm grüssend an einander vorbei. Das zweite Mal trafen sie sich in einem kleinen Seitentälchen des Rheins unter eben knospenden Büschen, da blieben sie stehen.
Der Pfad war schmal, ein Ausweichen nicht möglich; Nelda machte die Herren miteinander bekannt, man merkte ihr die Lust an, mit der sie es tat. Ihre Augen strahlten vor Freude auf. Wie sie in dem einfachen Kleid dastand, die ersten bescheidnen Frühlingsblumen in der Hand, frisches gesundes Rot auf den Wangen, erschien sie dem Manne begehrenswert. Nicht zum Besitzenmüssen, nicht zum Erkämpfen allem zum Trotz — nein, zum Daranfreuen, zum angenehmen, erquickenden Gruss an jedem Tag.
‚Und warum soll ich nicht?‘ dachte Ferdinand von Ramer. ‚Soll ich mir selbst diese unschuldige Freude versagen? Sie kennt ja meine Aussichten, und sie ist ein vernünftiges Mädchen!‘
Dallmers machten nicht im geringsten ein Haus, des Regierungsrats Kränklichkeit entschuldigte das. Zu vermeiden war’s aber nicht, dass Leutnant von Ramer eines Tages Besuch machte, lediglich um sich nach dem Befinden des Hausherrn zu erkundigen; er hatte diesen während mehrerer Tage auf dem Spaziergang vermisst.
„O, nur eine leichte Grippe, eine ganz leichte Grippe,“ hüstelte Dallmer.
Sie sassen in der Studierstube, oben im ersten Stock; trotz der leichten Dämmerung fielen dem Besucher die hektische Röte, die glänzenden Augen des Rats auf. Sie unterhielten sich gut miteinander, Politik bildete das Hauptgespräch. Ramer hatte für einen Offizier ein ziemlich klares Urteil, wie es den Menschen eigen ist, die nicht als Herdentier, sondern ein wenig abseits, für sich allein leben. Dallmer freute sich, das Echo seiner Gesinnung zu finden. Die brennendsten Tagesfragen, die Stichworte flogen hin und her. Derweilen lehnte Nelda am Fenster. Sie hatte sich zurückgezogen. Es war kein Gespräch für ein junges Mädchen — mit zwanzig Jahren lassen die Fragen der Politik recht kühl — aber sie neigte doch den Kopf vor und liess kein Wort ungehört vorüberstreifen. Mochte Deutschland untergehn, alles über den Haufen fallen — in diesem Augenblick wäre es ihr nichts gewesen. Wenn er nur da sass, gegenüber dem Vater, und ein so angeregtes, heitres Gesicht machte wie sonst nie!
„Ein sehr netter Mensch,“ sagte Regierungsrat Dallmer zu seiner Frau, als diese zwei Stunden später aus ihrem Bostonkränzchen nach Hause kam.
„Mein Gott, was will der hier?!“
„Aber Lorchen, muss er denn gleich was wollen? Ich habe mich vorzüglich mit ihm unterhalten; er hat eine selbständige Meinung und vertritt sie auch, das ist etwas wert in der Welt.“
„Ja, Papa, wenn der Leithammel ‚Bäh‘ schreit, schreien sie sonst auch alle ‚Bäh‘!“ Nelda war ganz übermütig und lachte ausgelassen.
„Nelda, Nelda!“ Frau Rätin setzte sofort im Klageton ein. „Diese entsetzliche Ausdrucksweise! Hörst du so etwas von einer deiner Altersgenossinnen? Ich hatte schon gehofft, du liessest es jetzt, du warst in letzter Zeit etwas weiblicher.
„Geh jetzt mal gleich hinunter und sieh, was die Laura tut. — Und ich sage dir, Dallmer, mir ist das gar nicht angenehm, dass der Leutnant hier Besuch gemacht hat — wozu?! Du sitzest immer in deiner Stube bei den Akten, du siehst von Gott und der Welt nichts, du solltest aber mal im Kaffee hören! Ein junger Mann macht unaufgefordert in einer Familie Besuch, wo ein junges Mädchen ist, ohne dass er Absichten hat! Und er hat ja nichts, rein nichts! Die Schmidt sagt, für die geisteskranke Mutter in Endenich bezahlen die Verwandten. Was das kosten mag! Und die Zänglein sagt — — na!“ Sie schüttelte den Kopf und hob das spitze Näschen in die Luft, als wittre sie Unheil; ihre Stimme erhielt den tragischen Ton einer Sibylle: „Ich sage dir, Dallmer, mir ist es sehr unangenehm — und nicht mal einen anständigen Namen! O — o! Könnte es nun nicht anders sein?! Nie etwas Angenehmes!“
„Nun höre aber auf, Lorchen,“ sagte der Regierungsrat fast gereizt, „das sind die reinen Hirngespinste. Davon kann ja gar keine Rede sein, dazu ist der Mensch viel zu verständig und Nelda auch!
Viel zu verständig —?! Nelda liess die Tür hinter sich zuklappen — sie hatte bis dahin lauschend auf der Schwelle gestanden — es gab ihr einen Stich durchs Herz. Aber als sie die Treppe hinunterschritt, warf sie trotzig den Kopf in den Nacken.
„Warum denn nicht? Nun gerade!“
Dachte Nelda Dallmer noch an jenes ‚viel zu verständig‘, als jetzt Orgelklänge sie umbrausten und sie, als erste der Brautjungfern, dicht am Altar hinter der Freundin stand?! Die Leute waren erstaunt über ihr Erscheinen; man hatte eigentlich gar nicht an Nelda Dallmer gedacht.
Durch die bunten Kirchenfenster flutete ein warmer Lichtstrom. Er tänzelte über die teppichbelegten Quadrate des Steinbodens, über die hohen Lorbeer- und Myrtenbüsche, über die Blumensträusse in den Händen der jungen Damen, über die leuchtende Glatze des hochwürdigen Oberkonsistorialrats Zänglein und über den weissen Schleier der Braut. Der warme Strahl legte sich auf Nelda Dallmers Haar, dass es goldig glänzte.
‚Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Buch Ruth, Kapitel I, Vers 17.‘
Das war der Trautext, die junge Braut hatte ihn selbst gewählt. Schauer auf Schauer überlief Neldas Rücken; sie hörte nicht den salbungsvollen Ton, nicht die blühenden Floskeln des Kanzelredners, vor ihre Augen trat die Gestalt der treuen Moabitin, greifbar, lebendig. Die biblische Landschaft verwandelte sich in wohlbekannte Gefilde, der Rhein floss, die Häuser lagen diesseits und jenseits. Die Moabitin verschwand — es war die eigne Gestalt, die dort wanderte. Sie sah sich selbst, Nelda Dallmer, im schlichtesten Kleid — Menschen hasteten vorüber ohne Gruss — sie ging mit zuversichtlichem Schritt, sie lächelte. Und neben ihr wanderte einer — sie ergriff seine Hand, sie sah ihn an mit dem Blick höchster Liebe: „Wo du hingehst, will ich auch hingehen; wo du bleibst, bleibe ich auch!“ — — —
„Und so tretet nun hinaus ins Leben, ihr Neuvermählten!“ schloss eben Oberkonsistorialrat Zänglein. „Tritt hinaus, du holdselige Braut, an der Seite des Erwählten, des herrlichen Gatten! Tretet hinaus in den blühenden Paradiesgarten, den Gott der Allmächtige für euch geschaffen hat! Ihr werdet darinnen wandeln, Hand in Hand, rein wie die Engel. Eure Liebe wird sein wie der köstliche Demant, der, je mehr man ihn schleift, in desto wunderbareren Strahlen spielt. Tretet hinaus im Sonnenglanz eures Glücks! Und der Segen Gottes, die Gemeinschaft der Heiligen sei mit euch — Amen!“
Oberkonsistorialrat Zänglein hatte gut gesprochen; er wusste das, die Wirkung seiner Traureden kannte er ganz genau. Er hatte deren drei Arten: eine für die wenig Begüterten, eine andere für die Bemittelteren, und die dritte — nune, die war hier am Platz.
Die Frau Oberkonsistorialrätin, auf dem Ehrenplatz inmitten der Geladenen, atmete befriedigt. Es war eine allgemeine Ergriffenheit. Für eine Weile hörte man nichts als das Rauschen der Seidenkleider, das Räuspern der Herren, das dumpfe Schnauben in die Taschentücher. Ein mächtiger Eindruck.
Nelda Dallmer war sehr bleich geworden. Sie wendete für einen Augenblick den Kopf vom Altar ab, ihre Blicke überflogen suchend die Kirche — ob er hier war? Er hatte davon gesprochen, sich die Trauung anzusehen. Für ihn nur hatte sie sich mit besondrer Sorgfalt gekleidet, für ihn nur den Veilchenstrauss an die Brust gesteckt, für ihn flatterte jetzt plötzlich das jähe Rot über ihre Wangen. Sie presste ihr Riesenbukett fester in den Händen — sie konnte ihn nicht sehen. Wenn er jetzt hier war, ob er das gleiche empfand wie sie? Ob es seine Seele auch mit Macht zu der andren Seele drängte? Ob es ihn auch so inbrünstig verlangte, Hand in Hand zu schlingen und Auge in Auge zu senken?!
Ein zitternder glücklicher Seufzer drängte sich über ihre Lippen; sie fühlte, wie ihr das Herz in der Brust zuckte und das Blut in den Fingerspitzen prickelte. Sie schämte sich dessen nicht. Da war kein unreiner Gedanke in ihr. Aber so vor dem Altar stehen können, sein vor Gott und den Menschen, das müsste eine Seligkeit sein, so gross, so überschwenglich, um daran zu sterben!
Wo du hingehst, will ich auch hingehn.
Dein Volk sei mein Volk,
Dein Gott mein Gott!
Es überlief sie.
8
Das Hochzeitsdiner neigte sich dem Ende zu. Getoastet und getrunken war genug worden, die schwersten Weine, zuletzt nur Pommery Gréno extra dry. Kein Wunder, dass nach und nach eine allgemeine Erschöpfung sich geltend machte. Der Zunge, die bis zur Neige den Becher des Vergnügens gekostet hat, schmeckt der Rest schal. Einige ältere Herren sahen recht verschlafen aus, ihre Augen waren winzig klein geworden. Die Jugend, Anselma von Koch als Königin an der Spitze, hatte auf dem gestrigen Polterabend bis in die Nacht hinein getanzt; auch sie war müde. Die Mütter hielten sich noch am besten.
Nelda Dallmer sass neben einem indifferenten Herrn, ihrem Brautführer, es wollte keine Unterhaltung in Fluss kommen; sie war still, er schlang doppelte Portionen von Austern und getrüffelter Gänseleber hinunter. Und doch langweilte sich Nelda nicht, ihre Gedanken waren beschäftigt; sie woben sich ein ganzes Gespinst von lustigen Sommerfäden und trugen es fröhlich zu Neste, wie die Schwalben am Gesims überm Kirchenportal. Sie sass dem Brautpaar schräg gegenüber. Sie sah, wie Osten unterm Tisch die Hand der Braut unausgesetzt festhielt; sie musste sehen, wie seine Blicke, je länger die Tafel währte, immer brennender und ungeduldiger wurden. Sie sah, wie Agnes erglühte unter seinem Flüstern, welch schüchterne Seligkeit sich in ihren Mienen spiegelte. Nelda trank hastig ihr Glas aus, ein brennender Durst quälte sie. Der Indifferente schenkte rasch wieder voll, das war sein einziger Beitrag zu ihrer Unterhaltung.
Endlich verschwand die Braut, nach einer Weile der Bräutigam. Man stand von der Tafel auf, trat in Gruppen zusammen oder drückte sich vereinzelt umher. Die abgespannten Väter redeten von Aufbruch. Die nimmersatte Jugend von einem Tänzchen. Die ausdauernden Mütter von dem jungen Paar — ob sie wohl glücklich werden?!
Nelda schlüpfte unbemerkt zur Tür hinaus, wie sie es Agnes versprochen hatte.
„Ich muss dich noch einmal allein haben, geliebte Nelda,“ hatte die kleine Braut gebeten, „niemand steht mir so nah wie du! Es wird mir furchtbar schwer werden, dir adieu zu sagen, du einzige, geliebte Nelda,“ hatte sie enthusiastisch unter Küssen hinzugefügt.
Nun pochte Nelda an der Freundin Mädchenstübchen.
„Herein!“
In dem blumengeschmückten Nest stand die Braut und liess sich von der Jungfer das elegante Reisekleid überstreifen.
„Ah, Nelda, du?! Hast du ihn gesehen? Ist er schon fertig? Kommt er gleich? Ist der Wagen da? Dass Carlo nur ja nicht auf mich warten muss! Rasch, Trautchen, rasch!“ Sie zitterte vor Ungeduld, das Mädchen mühte sich hastiger. „Aber seien Sie doch nicht so ungeschickt! Trautchen, rasch, eilen Sie sich!“
„Ich bin’s nur,“ sagte Nelda. „Der Wagen ist noch nicht da, und Herr von Osten ist eben erst von Tisch weggegangen. Du hast noch viel Zeit.“
„Nein, nein, liebste Nelda — wo ist denn mein Hut, mein Schleier? Rasch, suchen Sie, Trautchen! Liebe Nelda, ich habe so Angst, wir kommen zu spät zur Bahn. Meine Handschuh! Nun noch der Abschied von Papa und Mama! Es wäre schrecklich, wenn wir den Zug versäumten!“
„Ich will dir gern adieu sagen, Agnes!“
„Gleich, gleich — Trautchen, den Mantel! Meine liebe, gute Nelda!“ Ein flüchtiges Umschliessen, ein rascher Kuss. „Verzeih, ich bin so unruhig, so aufgeregt, mein Kopf ist — ah, es klopft! Herein!“
Herr und Frau Röder traten in die Stube.
„Mein teures Kind!“ Die gute Mutter zerfloss in Tränen, auch in Papa Röders Augen schimmerte es feucht. „Nimm unsern Segen mit — komm gesund wieder — werde glücklich — lass dir’s —.“ Die elterliche Rührung erstickte fernere Worte. Die Tochter tunkte aus einer Umarmung in die andere; jetzt kamen auch ihr die Tränen. „Da —“ sie erhob horchend den Kopf von der Schulter der Mutter — „da ist er!“
Draussen wurden Schritte laut, es pochte leise; Ostens gedämpfte Stimme fragte:
„Bist du fertig? Der Wagen ist da! Geliebtes Herz, komm!“
„Ja, ja!“ Agnes machte sich hastig los. „Adieu, adieu, ihr alle!“ Sie riss die Tür aus. „Da bin ich!“
Er schlang seinen Arm um sie und trug sie, mehr als er sie führte, die Treppe hinunter. Die Eltern drängten sich hinterdrein, dann das Mädchen mit kleinen Gepäckstücken und Reisedecken. Zuletzt kam Nelda, sie folgte langsam.
Unten noch einmal Lebewohl. Agnes erwiderte mechanisch sie Küsse, dann hob sie der Gatte in den Wagen.
„Adieu, adieu, geliebte Kinder! Glückliche Reise, kommt gesund wieder!“
„Adieu, adieu!“
Es klang wie ein Jubelruf, das junge Paar winkte noch, Kopf an Kopf geschmiegt, zum Fenster hinaus, lächelnd, glückstrahlend.
Nelda schaute dem Wagen nach, bis er um die Ecke verschwunden war. Wenn schon Agnes, die Liebenswürdige, Rücksichtsvolle, so ganz der andern vergass, welch allgewaltige Macht musste die Liebe sein!
‚Dein Volk ist mein Volk, dein Gott mein Gott.‘ — —
Es summte Nelda in den Ohren, es stieg ihr heiss zu Kopf; sie hatte hastig und viel getrunken, jetzt fühlte sie es.
Sie war mit der getreuen Laura auf dem Heimweg. Es war noch nicht ganz dunkel, als sie der Brücke zuschritten; die Frühlingsdämmerung währt lang. Laura rannte.
„Wie geht es Papa?“ fragte Nelda. „Hustet er noch so wie heut mittag?“
„O jemmich,“ seufzte die biedre Magd, „ganz grässlich! Ich bin als bang, mit unsem guten Herr Rat gibt et noch emal ebbes Schlimmes. Heut nachmittag war der Medezinrat da, un jetz muss ich noch nach der Apthek in Ehrenbreitstein!“
„Und was hat der Doktor gesagt?“ Nelda war fast atemlos, es überfiel sie plötzlich eine grosse Angst. „Ist’s was Schlimmes?“ stiess sie hervor.
„Och ne, ne, en Erkältung. Aber der Herr Rat soll sich schonen und nit so viel arbeiten. — Sagen Se mal, Fräuleinchen, nix for ungut,“ fuhr die treue Seele vertraulich fort, „könnten Se sich nit bald einen anschaffen und sich verheiraten? Dann braucht der Herr Rat nit mehr so viel in die Aktens zu schreiben. Die Madam hat mer’t erzählt, er tut et nur, bis Sie versorgt sind.“
„Laura!“ Nelda hob abwehrend die Hand. „Was fällt Ihnen ein?!“
Der Ton war ungeduldig, schmerzlich und verletzt zugleich.
Erschrocken schwieg die Magd. Am Ende der Brücke fragte sie verlegen:
„Fräulein, Fräuleinchen, sind Se noch bös? Ich mein et ja so gut, ich hab Se doch gekannt, wie Se so klein waren!“
Sie wies einen Fuss hoch über den Boden.
„Nein, Laura, ich bin Ihnen nicht bös! Aber wissen Sie was? Gehen Sie jetzt nach der Apotheke in Ehrenbreitstein, ich laufe vor nach Haus. Ich kann ganz gut allein gehn, es ist noch nicht spät. Vor was soll ich mich fürchten?“
Ferdinand von Ramer war in der Kirche gewesen; ganz an der Seite, von einem dicken Pfeiler gedeckt, hatte er der Trauung beigewohnt. Er hatte auch Nelda Dallmer gesehen. Gleich hinter der zierlichen, ganz in Duft und Schleier gehüllten Braut stand sie. Ihre schlanke, kräftige Gestalt überragte die meisten Damen. Sie trug dasselbe weisse Kleid wie damals auf dem Ball, er kannte es wieder an seiner Einfachheit; aber diesmal hatte sie Veilchen an der Brust, und der herbe Zug um ihren Mund fehlte.
Er musste vor sich hinlächeln — wie genau er dieses Mädchengesicht kannte! Oft in der Nacht, wenn er wachend lag, sah er es aus dem Dunkel tauchen. Er wusste ganz genau, wie es in ihren Augen aufleuchtete, wenn er ihr begegnete; wie ihre Brauen sich zusammenschoben, wenn sie schieden. Er freute sich immer auf den Wechsel in ihren Mienen; ihr Gesicht war ihm wie ein liebes Buch, das man gern liest, das man gar nicht aus der Hand legen nag.
Ramer hörte herzlich wenig von der Traurede, er beobachtete Nelda Dallmer. Jetzt stand sie im vollen Sonnenflimmer, überstrahlt von Licht; ihr weisses Kleid leuchtete wie Schnee, ihr Haar schimmerte golden. Demütig hielt sie den Kopf gesenkt; das war ihm so neu an ihr, das rührte ihn. War sie nur andächtig, oder an was dachte sie? Da — jetzt hob sie den Kopf! Er erschrak fast. Sie drehte sich halb um, gross und suchend glitten ihre Augen durch die Kirche. Wen suchte sie — ihn?! Nur einen Augenblick, aber es hatte ihn durchfahren, unwillkürlich drückte er sich tiefer hinter die Säule. Er sah den Ausdruck der Enttäuschung auf ihrem Gesicht.
Den ganzen Nachmittag hatte er an diesen suchenden Blick denken müssen. Einsam sass er in seinem Zimmer und starrte durchs Fenster auf die Gasse. Hinaus mochte er nicht, in Scharen zogen die Spaziergänger vorüber. Mädchen, Arm in Arm, bebändert und geputzt; Mann und Weib, die Jüngsten am Rockschoss; Liebespaare, junge Burschen, Soldaten mit ihren Schätzen. Alles wallfahrtete ins Freie.
Da ist kein Weg unbelaufen. Die Täler hallen vom Schreien der Buben, aus jedem armseligen Wirtshaus dudelt Tanzmusik, über die einsameren Bergpfade wandeln Verliebte, oder Kinder suchen Himmelsschlüssel und frühe Maikräuter. Dazu Osterglocken überall! Nichts für ihn.
Trübselig sass er in der Stube; er nahm ein Buch zur Hand, aber er stierte über die Seiten weg. Draussen lachende Menschen. Er fühlte sich grenzenlos allein.
Langsam, langsam stieg eine Sehnsucht in ihm auf. Er gedachte der Knabenzeit, in der ihm die Mutter bunte Ostereier versteckt und er sie jubelnd mit den Schwestern gesucht hatte. Alles vorüber — alle voneinander gerissen, die sich einst mitsammen gefreut! Gut, dass ihn niemand sah. In weicher, sehnsüchtiger Stimmung stützte er den Kopf und träumte mit offenen Augen. Bilder der Vergangenheit zogen an ihm vorüber, und in ihm wuchs ein Verlangen — ja doch, ein Verlangen — nach was?!
Mit einem Seufzer stand er endlich auf. Draussen war es still geworden, Nebelschleier webten schon überm Rhein. Es war Zeit, sich aufzumachen, Xylanders hatten freundlich gebeten, den heutigen Abend bei ihnen zu verbringen. Wie eine leise Melodie summte es ihm in den Ohren: ‚Du wirst dabei an Dallmers Haus vorübergehen — du wirst sehen, ob Licht in den Fenstern ist — vielleicht ist sie zurück vom Fest — vielleicht kommt sie gerade!‘ —
Träumerisch schritt Ramer dahin. Er hatte den schmalen kiesigen Weg unterhalb der Chaussee, den sogenannten Leinpfad, gewählt, der war ganz einsam; oben kam halbtrunknes Volk. Der Pfad führte dicht am Rhein, die Weidenbüsche hingen über, das Wasser plätscherte so eigen. Nichts war mehr klar zu erkennen, alles vom Abendduft bezogen, verschwommen in den Linien. Verschwiegen, geheimnisvoll.
Er ging sehr langsam. Mitunter schnellte sein Fuss einen kleinen Rheinkiesel vor sich her; er starrte gedankenlos nach, bis das Steinchen im grossen Bogen ins Wasser hüpfte — das plätscherte auf, dann wieder gleich das stille, monotone Glucksen. Von der Chaussee herüber klang Gejohle und ein Kreischen von Weiberstimmen, hier unten war niemand — da — ein schneller Tritt! Hinter ihm kam jemand. Nun ein Hüpfen, ein Knirschen von Kies, ein hastiges Atmen. Er drehte sich um.
Durch die Dämmerung sah er ein Paar Augen strahlen — ein helles Gesicht, eine schlanke Gestalt im dunklen Mantel — ein grosses Erfreutsein kam plötzlich über ihn.
„Fräulein Dallmer! Nelda, Fräulein Nelda?!“
„Ja,“ antwortete ihre sonore Stimme merkwürdig gedämpft. Eine scheue Beklommenheit kämpfte darin mit unterdrücktem Jubel. „Ich sah Sie vor mir gehen, ich habe Sie gleich erkannt. Guten Abend, wie geht es Ihnen? Fröhliche Ostern!“ Impulsiv streckte sie ihm beide Hände entgegen. Eine wohlige Wärme rieselte in die seinen über und flutete mächtig von ihr zu ihm.
„Ich freue mich!“ Er liess ihre Hände nicht los. „Ich war sehr einsam heute!“
Es fiel ihm gar nicht ein zu fragen: so spät Sie hier allein? Er war zufrieden, dass sie da war; was ging ihn augenblicklich alles andre an?
„Ich komme von Agnes Röders Hochzeit, unser Mädchen ist in die Apotheke nach Ehrenbreitstein. Papa ist gar nicht wohl, ich laufe darum vor nach Haus!“
„Ich begleite Sie.“
„O, das ist schön!“
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