Kitabı oku: «Das - unerwünschte - Jagdverhalten des Hundes»
CLARISSA V. REINHARDT
DAS
UNERWÜNSCHTE
JAGDVERHALTEN
DES HUNDES


© 2005 Clarissa v. Reinhardt/animal learn Verlag, Bernau
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, Verbreitung und Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-936188-23-3
Lektorat: Andrea Clages
Fotos: Annette Gevatter, Anja Birke-Haardt,
Ulrike Hasenmaier-Reimer, Anne Lill Kvam,
Birgit Neumark, Gudrun Hundertmark,
Konrad Dolderer, M. Rohlf,
Dagmar Spörl, istockphoto
Illustrationen: Jürgen Zimmermann
Satz & Layout: Annette Gevatter, Riegel a. K.
animal learn Verlag, Am Anger 36, 83233 Bernau
email: animal.learn@t-online.de, www.animal-learn.de
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT
EINLEITUNG
• Die Handlungskette
• Das Töten/ Tötungsstrategien
• Selbstbelohnende Handlung
• Rassedispositionen
• Die Körpersprache/ das Ausdrucksverhalten des Hundes
• Die Sinne im Einsatz
DAS TRAINING
Grundlagen zum Training
• Die eigene Körpersprache
• Der richtige Einsatz der Stimme
• Die Motivation zum Jagen steht im Zusammenhang mit dem Appetenzverhalten
• Agieren statt reagieren
• Futterbelohnung
• Das Einbringen von Ablenkungsreizen
Kommunikatives Spazierengehen als Schlüssel zum Trainingserfolg
• Blickkontakte, Berührungen
• Gemeinsame Aktionen und Spielaufforderungen
• Einen Würstchenbaum finden
• Die Sandkiste
• Konzentrationsübungen für den Hundeführer
• Wann und wo spazieren gehen?
• Lernen Sie, die Umgebung aufmerksam zu beobachten
• Sie finden etwas!
• Der Hund findet etwas/ Beuteabgabe
Kommandos
• Ruhekommandos, Bewegungskommandos
• Abrufübungen
• „Zu mir“ – Herankommen mit Vorsitzen
• „Schau mal her“ – Herankommen ohne Vorsitzen
• „psssss“ – das kleine Geräusch
• Das Ausrichten
• Freifolge mit Richtungswechsel über „weiter“
• Kommentarloser Richtungswechsel – einfach mal umdrehen
• „Kehr um“
• „Auf den Weg“
• „Laaangsam“
• „Bleib“
• „Sitz“ auf Entfernung
• Selbstständiges Absitzen beim Anblick von Beute
• Fehlerquellen im Training...
Hilfsmittel im Training
• Die Leine
• Die Schleppleine
• Nasenarbeit – wird dann nicht alles noch viel schlimmer?
• ...und dann lassen Sie Ihren Hund noch lernen, balancieren und Probleme lösen
TRAININGSMETHODEN UND IHRE GRENZEN
• Reizstromgeräte
• Schwer bepackte Satteltaschen
• Schleppleine am Hund, an der ein großer schwerer Autoreifen hängt
• Master plus
• Lebenslänglich (Leine/ Schleppleine)
• Versteckspiele
• Dauerbeschäftigung
• Auslastung auf der Rennbahn
• Löschen/ Extinktion
• Gewöhnung
• Vermeidungstaktik
• Der Einsatz von Lithiumsalzen
• Das „Opfer“ wehrt sich
• Der Schuss mit dem Luftgewehr
GEDANKEN ZUM SCHLUSS
DANK
ÜBER DIE AUTORIN
LITERATURHINWEISE

VORWORT
Das Jagdverhalten unserer Haushunde ist zwar in der Regel von uns unerwünscht – daher auch der Titel dieses Buches – aber dennoch in seiner Komplexität faszinierend. Es wird durch Verhaltensweisen bestimmt, die
genetisch fixiert sind und im Laufe der Ontogenese abgerufen werden,
von der Natur gegebene Instinkte wachrufen,
durch Nachahmung erlernt und
durch Stimmungsübertragung beeinflusst werden,
häufig, aber wiederum nicht immer, an das Appetenzverhalten gekoppelt sind,
der Übung bedürfen und
schließlich auch mit individuellem Talent zu tun haben.

Auch wenn mir vollkommen klar ist, dass wir unseren Haushunden das Ausleben dieser Verhaltensweisen nicht erlauben können, finde ich es doch unglaublich interessant, mit welchen Fähigkeiten sie ausgestattet sind. Ihre Nasenleistung ist legendär, aber auch die anderen Sinne werden genutzt, um Beute aufzuspüren. Dann wird in Sekundenschnelle eine Strategie entwickelt und verfolgt, die dann letztendlich zum gewünschten Jagderfolg führt. Oder auch nicht, wenn das Beutetier entkommt, was den Hund aber nicht gleich aufgeben lässt.
Wenn wir ein geeignetes Trainingskonzept erstellen und erarbeiten wollen, um Hunde unterschiedlichster Veranlagung von diesem Verhalten abzuhalten, müssen wir sie zunächst wirklich verstehen. Wir müssen uns mit der Evolution der Kaniden, ihrem Wesen, ihrem Beuteverhalten, dem Einsatz ihrer Sinne, ihrem Ausdrucksverhalten, mit Rassekunde und vielem mehr auskennen, um im richtigen Augenblick korrigierend einzugreifen.
Dieses korrigierende Eingreifen darf niemals von Gewalt bestimmt sein. Das ist für mich nur in zweiter Linie eine Frage von Wirksamkeit oder eben Nicht-Wirksamkeit von aversiven Ausbildungsmethoden, auf die ich detailliert in dem Kapitel „Trainingsmethoden und ihre Grenzen“ eingehe. In erster Linie ist es für mich eine Frage der Fairness und Moral. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir einfach nicht das Recht haben, ein Tier für instinktgesteuertes, in evolutionären Prozessen genetisch fixiertes Verhalten zu strafen.
Stattdessen möchte ich Sie mit diesem Buch einladen, sich mit einem faszinierenden, komplexen, aber eben doch auch beeinflussbaren Verhalten unserer Haushunde zu beschäftigen und ein Trainingsprogramm kennen zu lernen, das vollständig auf den Einsatz von aversiven Reizen verzichtet, die Bindung zwischen Ihnen und Ihrem Hund stärkt und Ihnen beiden jede Menge Spaß macht.


Wie schon erwähnt, wird das Jagdverhalten von vielen Verhaltensweisen beeinflusst, viele davon sind genetisch fixiert und werden im Laufe der Ontogenese abgerufen. In der Regel geschieht dies dadurch, dass der Hund Reize wahrnimmt, die das entsprechende Verhalten auslösen. Bei diesen Auslösereizen handelt es sich immer um Dinge, die irgendwie in Bewegung sind, wie zum Beispiel ein vorbeifliegender Schmetterling, ein aufspringender Hase, ein vorbeilaufender Jogger oder auch nur ein Blatt, das vom Wind herumgewirbelt wird. All diese Dinge sind für den Hund weitgehend uninteressant, solange sie sich ruhig verhalten, also nicht loslaufen, rennen usw. Tun sie dies aber, reagiert er instinktiv, indem er ihnen hinterherläuft und versucht, sie zu fangen.
Deshalb benutzen Jäger, die ihre Hunde als Jagdhelfer ausbilden wollen, schon im Welpenalter die so genannte Reizangel. Das ist ein langer Stock, an dem an einem Bindfaden ein Stück Feder oder Fell eines Beutetieres hängt. Das wird an der Reizangel so vor dem Hund hin- und herbewegt, dass dieser sich dafür interessiert. Es entsteht ein „Spiel“, während dessen der Gegenstand hochgezogen wird, wieder niederfällt, seitlich ausbricht, davonspringt usw. Der Hund versucht, ihn zu fangen, und gelingt ihm das, wird er gelobt und belohnt.
Haben Sie aber einen Hund, der nicht jagdlich geführt werden soll, sollten Sie genau das tunlichst unterlassen. Das gilt aber nicht nur für eine Reizangel mit einem Stück Fell oder Leder daran, denn einen ganz ähnlichen Effekt erreichen Sie, wenn Sie dem Hund permanent einen Ball oder ein Stöckchen werfen, dem er nachjagt. Er lernt, der „fliehenden“ Beute hinterherzulaufen. Ich achte deshalb immer peinlich genau darauf, dass die bei mir im Training befindlichen Welpen und Junghunde nicht diese Art von Spiel spielen. Dies gilt insbesondere, wenn sie von der Rasse oder Mischung her schon beste Voraussetzungen für ein ausgeprägtes Jagdverhalten mitbringen. Es ist kein Problem, wenn der Hund mit Gegenständen spielt, sie herumträgt, sich selbst in die Luft wirft und wieder fängt und schließlich auf ihnen einschläft. Aber Beutespiele, bei denen der Hund übermäßig auf den Gegenstand fixiert wird, ihm nachjagt und sich dabei stimmungsmäßig aufheizt, sollten Sie stark begrenzen oder am besten ganz weglassen.


DAS ARBEITEN MIT DER REIZANGEL IST NUR DANN SINNVOLL, WENN DER HUND (WIE DIESER DEUTSCH-DRAHTHAAR-RÜDE) SPÄTER JAGDLICH GEFÜHRT WERDEN SOLL.
Auch andere Verhaltensweisen, die erst viel später mit Ernstbezug gezeigt werden, werden bereits in der Welpenzeit – und zwar schon ab der 6. Lebenswoche – spielerisch ausprobiert und perfektioniert.
Hierzu gehören
das Belauern/ Anschleichen,
das Fixieren,
der „Überfall“,
das Beißschütteln,
das Wegtragen und Bewachen der Beute.
Der junge Hund lernt aber nicht nur durch eigenständiges Ausprobieren, sondern auch durch Nachahmung von Verhaltensweisen, die er bei seiner Mutter oder anderen erwachsenen Tieren sieht. Deshalb sollten Sie besonders in der Welpen- und Junghundezeit sehr genau darauf achten, dass Ihr junger Hund nicht von einem älteren gezeigt bekommt „wo der Hase lang läuft“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst wenn Ihr Hund bisher noch nie irgendein Interesse am Wildern gezeigt hat, ja vielleicht sogar gar nicht oder kaum auf Beutetiere reagierte, selbst wenn diese direkt vor seiner Nase hochgingen, dürfen Sie die Gefahr der Stimmungsübertragung nicht unterschätzen. Haben Sie einen Hund in Begleitung, der Spurlaut gebend losprescht, wird der Ihre mit großer Wahrscheinlichkeit mitrennen. Falls dies nicht so ist, haben Sie einfach großes Glück, das Sie hoffentlich zu schätzen wissen. 
In freier Natur bringt die Hunde- oder Wolfsmutter den Welpen getötete Beutetiere oder größere Stücke von ihnen, an denen sie üben können, wie sie ihre Pfoten und Zähne am geschicktesten einsetzen, um sie zu halten und zu fressen. Später bringt sie auch lebendige Beute, die durchaus noch in der Lage ist, Fluchtversuche zu unternehmen, um den Welpen „Trainingsmaterial“ zu verschaffen. Das mag aus unserer Sicht grausam erscheinen, ist aber für das Überleben in freier Wildbahn enorm wichtig. Ein Hund (oder Wolf), der nicht gelernt hat, Beute zu fangen, zu halten und auch zu töten, wäre nicht überlebensfähig.





Vor ein paar Jahren kamen Kunden zu mir, die einen Hund mit besonderer Vorgeschichte übernommen hatten. Er hatte bis zum Alter von sechs Monaten in einem echten Rudel mit seinen Eltern und Geschwistern gelebt und auch mit ihnen gejagt, und zwar erfolgreich! Die ganze Hundefamilie verschwand stunden- oder auch tagelang in den Tiefen des Bayerischen Waldes und kam anschließend blutverschmiert, zufrieden und satt nach Hause zurück. Die Besitzer fanden es einfach aufregend, echtes Rudelverhalten zu beobachten und ließen ihnen deshalb alle Freiheiten. Natürlich blieben die Tiere auf ihren Streifzügen nicht unbemerkt, und es gab ganz erhebliche Probleme mit der Jägerschaft, die mit dem Abschuss der Hunde drohte. Nachdem sich die Besitzer wenig einsichtig zeigten, veranlasste der Amtsveterinär eine Beschlagnahme aller Tiere, die zunächst in einem Tierheim untergebracht und dann vermittelt wurden. So kamen meine Kunden zu einem dieser Hunde. Leider wurde ihnen bei der Vermittlung aber nicht gesagt, mit welch ausgeprägtem Jagdverhalten sie bei ihm zu rechnen hatten. Es war – vorsichtig ausgedrückt – eine Katastrophe. Der Hund war insgesamt sehr nett und freundlich und Menschen auch durchaus zugetan, denn er war ja nicht nur in der Wildnis aufgewachsen, sondern hatte von klein auf Kontakt mit ihnen gehabt. Auch im Ortsbereich war er noch recht gut zu führen und befolgte einfache Kommandos selbst bei hoher Ablenkung problemlos. Allerdings nur, solange es sich bei der Ablenkung nicht um Beute handelte. Kam er schließlich raus in die Natur, war womöglich noch ein Wald in der Nähe, war es vorbei mit Leinenführigkeit und Grundgehorsam. Er war die ganze Zeit auf Spurensuche, das kleinste Knacken im Unterholz versetzte ihn in Alarmbereitschaft, sichtete er ein noch so kleines Tier wie zum Beispiel ein Eichhörnchen, war er nicht mehr ansprechbar. Er jaulte auf, schrie regelrecht, sprang mit seinen 40 kg Körpergewicht in die Leine, stieg auf die Hinterbeine wie ein Pferd und war außer Rand und Band. Inzwischen ist er zehn Jahre alt und wird allmählich ruhiger. Ihn zu führen, ist aber nach wie vor keine leichte Aufgabe.
Kommen wir zurück zum Lernen durch Nachahmung. Wenn die Welpen etwa vier Wochen alt sind, beginnt das Muttertier, ihnen Verhaltensweisen vorzumachen. Zum Beispiel, indem sie sich mit einem Knochen vor ihnen hinlegt und diesen ausgiebig benagt. Schließlich steht sie auf und entfernt sich, lässt den Knochen aber liegen. Die Welpen, die sie zuvor beobachtet haben, versuchen nun, es ihr gleich zu tun. Durch Versuch und Irrtum (ein weiteres Lernprinzip) finden sie heraus, wie man den Knochen am besten benagt, und perfektionieren die Technik hierzu von Mal zu Mal.
Ähnlich verhält es sich beim Anpirschen und Belauern der Beute. Wenn aus den Welpen Jungtiere geworden sind, begleiten sie die Alten bei der Jagd. Wieder lernen sie durch vorheriges Zusehen und anschließende Nachahmung, durch Ausprobieren und Perfektionieren – und von Mal zu Mal werden sie besser.
Auch individuelles Talent spielt eine Rolle. Übrigens nicht nur in freier Wildbahn, sondern auch bei unseren Haushunden. Während der eine Hund sehr gut darin ist, gefundene Spuren ausdauernd zu verfolgen, ist ein anderer vielleicht weniger talentiert. Ein Jäger wird sich über ersteren freuen, ein ganz normaler Hundebesitzer über zweiteren...

DIE HANDLUNGSKETTE
Das Jagdverhalten besteht aus einer ganzen Kette von Verhaltensweisen. Zunächst muss Beute ausfindig gemacht werden, was wenige Minuten oder auch Stunden oder sogar Tage dauern kann. Das ist abhängig von der Größe des Jagdgebietes, der Populationsdichte der potentiellen Beutetiere, der Jahreszeit und Witterung und vielen weiteren Faktoren. Befindet sich schließlich Beute in unmittelbarer Nähe, wird die Orientierungshaltung eingenommen, bis schließlich Blickkontakt zu ihr hergestellt ist. Als Nächstes folgt das Anpirschen und, falls im Rudel ein großes Beutetier erlegt werden soll, das Einkreisen. Auch dieser Vorgang kann unter Umständen sehr lange dauern. Im Winter besteht eine Jagdstrategie von Wölfen darin, ein großes Beutetier wie einen Elch oder Bison ins Wasser zu treiben und stunden- oder tagelang nicht herauszulassen, bis das Tier so unterkühlt und erschöpft ist, dass es sich bei einem Angriff kaum noch wehren kann. Schließlich folgt der Teil der Handlungskette, der mit hohem Energieaufwand verbunden ist: das Hetzen der Beute, bis sie erreicht ist, um dann anzugreifen, sie zu packen und schließlich zu töten. Darauf folgt das Zerlegen und Konsumieren, ist die Beute groß genug, werden auch Stücke weggetragen und zur Vorratshaltung vergraben.
ÜBERSICHT DER HANDLUNGSKETTE
AUFFINDEN DER BEUTE
ORIENTIERUNGSHALTUNG
BLICKKONTAKT ZUR BEUTE
DAS ANPIRSCHEN/ EINKREISEN
HETZEN/ SCHEUCHEN
DER ANGRIFF (ZUPACKEN)
TÖTEN
ZERLEGEN
KONSUMIEREN UND/ ODER WEGTRAGEN UND VERGRABEN (VORRATSHALTUNG)


DAS TÖTEN/ TÖTUNGSSTRATEGIEN
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ein Beutetier zu töten. Für welche sich ein Hund oder Wolf entscheidet, hängt auch von seiner Größe ab.
KLEINE BEUTETIERE wie zum Beispiel Mäuse, Maulwürfe usw. werden durch den so genannten Mäusesprung getötet. Dabei springt der Hund oder Wolf mit Schwung von oben auf die Beute und bricht ihr dabei in der Regel das Genick oder die Wirbelsäule. Dann wird sie mit den Vorderläufen gehalten, in den Fang gesteckt und gefressen.
MITTELGROSSE BEUTETIERE wie zum Beispiel Hasen werden von oben im Genick gepackt und geschüttelt, auch hier tritt der Tod durch Genickbruch ein.
GROSSE BEUTETIERE wie zum Beispiel Elche, Hirsche usw. sind nur durch gemeinschaftliches Jagen im Rudel oder in der Gruppe zu töten. Die hierzu erforderlichen Jagdstrategien sind bei unseren Haushunden nur noch ansatzweise zu finden. Obgleich man sich manchmal wundert, mit welcher Präzision plötzlich mehrere Hunde instinktiv eine Links- und Rechtsflanke bilden, ein Beutetier einkreisen, Blickkontakt aufnehmen und dann synchron zum Angriff übergehen. Meistens fehlt ihnen hierfür, und insbesondere für das Ausführen der Endhandlung, nämlich des Zupackens und Tötens, aber die Erfahrung.


Mir wird häufig von Hunden berichtet, die ein Reh, einen Hasen oder das Meerschweinchen des Nachbarn gehetzt haben und schließlich nichts mit dem Tier anzufangen wussten, wenn sie es irgendwo in die Enge getrieben hatten. Aber verlassen kann man sich darauf natürlich nicht. Abgesehen davon, dass schon das Gehetztwerden einen ganz enormen Stress und große Angst beim gejagten Tier auslöst, was man niemals erlauben sollte. Im Sinne des Tierschutzes finde ich es immer sehr ärgerlich, wenn jemand seinen Hund einem Reh, einem Hasen oder einer Katze hinterherlaufen lässt und dies mit den Worten abtut: „Der kriegt’s ja eh’ nicht...“
SELBSTBELOHNENDE HANDLUNG
Hierbei ist auch wichtig zu bedenken, dass nicht nur das Erlegen, sondern auch schon das Hetzen der Beute zu den so genannten selbstbelohnenden Handlungen zählt. Mit anderen Worten: Solange man einem Hund erlaubt, den Tieren hinterherzujagen, wenn die Situation ungefährlich erscheint, wird man sein Verhalten niemals unter Kontrolle bringen, wenn man glaubt, heute solle es mal lieber nicht sein, weil der Jäger in der Nähe ist oder eine Straße zwischen dem Hund und dem Beutetier liegt. Die Adrenalinausschüttung während des Hetzens sorgt dafür, dass schon dieses Hetzen allein selbstbelohnend für den Hund ist, selbst wenn er die Beute gar nicht erreicht.
Deshalb ist das Jagen zwar auch abhängig vom Appetenzverhalten, aber nicht nur. Natürlich ist ein Hund, der wirklich hungrig ist, eher bereit, sich nach Beute umzuschauen, als einer, der zufrieden und satt in der Sonne liegt. Trotzdem werden Sie gut genährte, soeben gefütterte Hunde sehen, die ekstatisch einer Beute nachlaufen – weil eben schon das Hetzen an sich „den Kick“ gibt.
RASSEDISPOSITIONEN
Natürlich würde es den Rahmen dieses Buches sprengen, alle Rassen und ihre jeweiligen Eigenschaften vorzustellen. Ich möchte hier nur einige wichtige Punkte in Kurzform zusammenfassen, die für Sie wichtig sein können, um das Verhalten Ihres Hundes richtig einzuschätzen und entsprechend vorbereitet zu sein. Grundsätzlich würde ich Ihnen immer empfehlen, sich eingehend über eine Rasse zu informieren, deren Anschaffung Sie in Erwägung ziehen. Befragen Sie hierzu nicht nur Züchter, da diese häufig dazu neigen, die Vorteile der Rasse anzupreisen und die Nachteile zu verschweigen oder doch zumindest zu verharmlosen. Selbstverständlich gibt es auch Züchter, die wirklich eingehend informieren, doch leider ist dies noch nicht die Mehrheit, und deshalb kann es nicht schaden, auch noch im Internet zu recherchieren und vor allem mit Leuten zu sprechen, die mit einem solchen Hund zusammenleben. Eventuell kann es auch gut sein, einen Tierarzt nach seinen Erfahrungen zu befragen, denn viele Rassen neigen durch Überzüchtung zu bestimmten Krankheiten. Je gründlicher Sie sich informieren, desto besser.
Grundsätzlich können alle Hunde an Beute interessiert sein, aber bei einigen Rassen sind bestimmte Elemente aus dem Jagdverhalten züchterisch selektiert und hervorgehoben worden. Zum Beispiel bei den Retrievern das Beutetragen, bei den Vorstehhunden – wie der Name schon sagt – das Vorstehen vor der Beute, bei den Hütehunden das Belauern, Einkreisen und Vorantreiben.

EIN GOLDEN RETRIEVER IM ARBEITSEINSATZ IST EIN SELTENER ANBLICK GEWORDEN.

EIN JAGDHUND BEIM RASSETYPISCHEN VORSTEHEN MIT KONZENTRIERTEM BLICK AUF DIE BEUTE.



DAS FIXIEREN, ANSCHLEICHEN UND VORWÄRTSTREIBEN WURDE BEI DEN BORDER COLLIES ZÜCHTERISCH SELEKTIERT.

ES IST FAST SCHON IN VERGESSENHEIT GERATEN:

AUCH DIESE TERRIER WURDEN URSPRÜNGLICH FÜR DIE JAGD GEZÜCHTET UND BRINGEN AUCH HEUTE NOCH JEDE MENGE TALENT FÜR DIESE AUFGABE MIT.
Bei den Terriern wurde die so genannte Beuteaggression gefördert. Man wollte Hunde züchten, die klein, wendig und mit großem Mut an die Beute gingen. Allen voran ist hier sicher der Jagdterrier zu nennen, aber auch die anderen Terrier verfügen über ein erstaunliches Potential, mit dem die Besitzer nicht immer umzugehen wissen. Zur Zeit am schlimmsten betroffen sind die West Highland und Jack Russell Terrier, da sie wegen ihres netten Aussehens und ihrer angenehmen Größe vor allem im städtischen Bereich als Familienhunde sehr beliebt und weit verbreitet sind. Wenn der kleine Terrier dann aber mit seinem Temperament ständig am Gartenzaun kläfft und die ganze Nachbarschaft damit stört, die Katze auf den Baum jagt oder seine erlegte Maus gegen alles und jeden verteidigt, dann ist die Überraschung groß...
Dann gibt es Rassen, die ein besonders großes Laufbedürfnis haben, in der Regel sehr schnell sind und dementsprechend große Kreise ziehen. Wenn sich ein solcher Hund zum Beispiel 100 oder sogar 200 Meter weit von Ihnen wegbewegt, ist das in seiner Verständniswelt nicht weit! Er weiß genau, wie schnell er diese Strecke zurücklegen und innerhalb von Sekunden wieder vor Ihnen stehen kann. Würde ein Basset oder Dackel 200 Meter weit voraus laufen, wäre dies weit – für einen solchen Hund ist es das nicht. Zu diesen Rassen gehören nicht nur die Schlitten- und Windhunde, sondern auch die meisten Jagdhunde wie zum Beispiel Deutsch Kurzhaar, Langhaar und Drahthaar, alle Setter, und viele weitere. Einige der genannten Rassen sind Sprinter, die auf kurzen Strecken hohe Geschwindigkeiten erreichen, andere sind Ausdauerläufer auf lange Distanzen. Während der Trainingszeit sollte bei ihnen unbedingt darauf geachtet werden, dass sie genug Freilauf bekommen, denn sonst sind sie nicht ausgelastet, und es kann zu Problemverlagerungen kommen. Suchen Sie sich entweder eine Hundeschule mit großem eingezäunten Gelände oder fragen Sie bei einem Betriebsgelände oder Sportplatz, ob Sie den Hund gelegentlich dort laufen lassen dürfen, wenn sonst niemand dort ist. Meine Kunden haben damit fast immer gute Erfahrungen gemacht, wenn sie versprochen haben, eventuell abgesetzte Häufchen einzusammeln und sich mit einer kleinen Aufmerksamkeit wie ein paar Blumen, einer Packung Pralinen oder Ähnlichem bedankt haben.
Die Windhunde gehören außerdem zu den Sichtjägern, was bedeutet, dass sie tendenziell eher als andere Rassen auf sich bewegende Objekte, Menschen oder Tiere am Horizont reagieren – und haben sie sich erst in Bewegung gesetzt, sind sie innerhalb kürzester Zeit sehr schnell.
Schließlich gibt es Rassen, bei denen es einen großen Unterschied ausmacht, ob sie aus einer so genannten Leistungszucht stammen oder nicht. Leistungszucht bedeutet im jagdlichen Sinne, dass diese Hunde auch wirklich für die Jagd genutzt werden sollen und dass deren Eltern, Großeltern usw. auch am Wild arbeiten. So ist es ein erheblicher (!) Unterschied, ob Sie zum Beispiel einen Dackel, Beagle, Cockerspaniel, Setter oder Retriever von einem Jäger kaufen oder von einem Züchter, dessen Hunde seit Generationen nicht mehr im jagdlichen Einsatz sind.


LÄUFT EIN SOLCHER HUND 100 METER VORAUS, IST DIES IN SEINER VORSTELLUNGSWELT NICHT WEIT. ER WEISS GENAU, WIE SCHNELL ER DIESE STREcKE ZURÜCKLEGEN KÖNNTE, UM IN SEKUNDENSCHNELLE WIEDER BEI SEINEM MENSCHEN ZU SEIN.
Auch die Mischlinge seien noch kurz erwähnt. Ich werde oft gefragt, ob nicht ein Mischling der gesündeste, anhänglichste und auch jagdlich am wenigsten motivierteste Hund sei. Das ist so pauschal natürlich keinesfalls richtig. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie haben einen Mischling aus Beagle (der kann ganz besonders gut riechen) und Setter (der ist sehr lauffreudig und schnell), dann haben Sie einen Mischling aus zwei sehr begabten Jagdhunden – also nicht unbedingt ein Garant für einen geringen Jagdtrieb. Oder nehmen wir an, Sie haben einen Mischling aus Greyhound und Labrador – wieso sollte der weniger jagdlich interessiert, gesünder und anhänglicher sein als seine reinrassigen Eltern? Wenn Sie sich für einen Hund interessieren, der ein Mischling ist, lesen Sie einfach die Rassebeschreibungen der Elterntiere durch, soweit diese bekannt sind, und stellen Sie sich darauf ein, dass er von beiden etwas mitbringt. Wieviel wovon kann Ihnen niemand voraussagen, das werden Sie erfahren, wenn Sie mit dem Hund zusammenleben. Freunde von mir haben übrigens eine Mischung aus Terrier und Dackel – der überhaupt nicht jagdlich interessiert ist und bei Spaziergängen durch Wald und Flur gemütlich neben ihnen herschlurft. Tja, so ist das mit den Mischlingen... 
DIE KÖRPERSPRACHE/ DAS AUSDRUCKSVERHALTEN DES HUNDES
Das Ausdrucksverhalten von Hunden ist unendlich vielfältig und interessant. Die Kopf- und Rutenhaltung, die Stellung der Augen, der Ohren und des Fells, die Körperhaltung, der Blick – all das gilt es zu verstehen und in Beziehung zueinander zu setzen. Eine hoch aufgerichtete Körperhaltung mit intensivem Fokus der Augen auf ein bestimmtes Ziel kann nämlich interessiertes Beobachten (zum Beispiel eines Beutetieres) oder auch Fixieren eines Gegners sein – je nachdem, was anhand der Situation und der anderen Körpersignale zu sehen ist. Auch hier wäre wieder der Rahmen des Buches gesprengt, wenn das gesamte Ausdrucksverhalten des Hundes erklärt werden sollte. Wahrscheinlich braucht es sowieso Jahrzehnte des intensiven Zusammenlebens und Beobachtens, ehe man annähernd alles verstanden hat – vielleicht reicht ein Menschenleben auch gar nicht aus?!
Beschränken wir uns also auf ein paar wichtige Elemente des Ausdrucksverhaltens, auf die Sie achten sollten, um die Situation richtig zu deuten und möglichst effizient in sie eingreifen zu können.

DIESER HÜNDIN SIEHT MAN IHRE ERREGUNG DEUTLICH AN. DIE RUTE STEIL ERHOBEN, EINEN VORDERLAUF LEICHT ANGEWINKELT, DIE NASE ZIELGERICHTET WITTERND IN DER LUFT UND GLEICHZEITIG KONZENTRIERT SCHAUEND – DA KANN DAS BEUTETIER NICHT WEIT SEIN. HIER GILT ES, SCHNELLSTENS IN DIE SITUATION EINZUGREIFEN UND DEN HUND ANZULEINEN.

DER RIESENSCHNAUZER VASCO VERFOLGT MIT TIEF LIEGENDER NASE AUFGEREGT EINE SPUR. DIE HOCH ERHOBENE RUTE ZEIGT DEUTLICH SEINE KONZENTRIERTE ANSPANNUNG. DIESES ABLAUFEN EINER SPUR ERFOLGT MEISTENS BEI ZIEMLICH HOHEM TEMPO, UND MANCHE HUNDE STELLEN DABEI AUCH DAS DECKHAAR IM BEREICH DER SCHULTERBLÄTTER UND DES RÜCKENS AUF, WAS EIN WEITERES ZEICHEN DAFÜR IST, WIE AUFGEREGT SIE SIND.

DER JUNGE MAGYAR-VIZSLA-RÜDE FINDUS SCHAUT KONZENTRIERT AUF DEN BODEN VOR SICH. GLEICH WIRD ER ZUM SO GENANNTEN „MÄUSESPRUNG“ ANSETZEN ODER ENTHUSIASTISCH ANFANGEN ZU GRABEN. DURCH SEINE AUF DEN BODEN GERICHTETE AUFMERKSAMKEIT KÖNNEN WIR SICHER SEIN, DASS ES SICH UM EIN KLEINES BEUTETIER WIE ZUM BEISPIEL EINE MAUS ODER EINEN MAULWURF HANDELT.

DAS WÄLZEN IM GRAS KANN AUS UNTERSCHIEDLICHEN GRÜNDEN GEZEIGT WERDEN. EINIGE HUNDE LIEBEN ES EINFACH, SICH AM BODEN ZU SCHUBBERN, ANDERE TUN ES NUR DANN, WENN SIE DIE LOSUNG EINES POTENTIELLEN BEUTETIERES FINDEN.

STEHT EIN HUND MIT ANGEWINKELTEM VORDERLAUF VOR, VERMUTET ER ENTWEDER EIN BEUTETIER IN DER ANGEGEBENEN RICHTUNG, ODER ER HAT ES BEREITS GESEHEN. IN JEDEM FALL SOLLTE MAN IHN ANLEINEN UND ZUSEHEN, DASS SEINE KONZENTRATION AUF ANDERE DINGE ODER EREIGNISSE UMGELENKT WIRD.

HIER SEHEN WIR NOCHMALS DEN RIESENSCHNAUZER VASCO, DER MIT ANGESPANNTER KÖRPERHALTUNG INTERESSIERT AUF WITTERUNG GEHT. ALS DIESE AUFNAHME GEMACHT WURDE, WAREN SOWOHL SEINE BESITZERIN ALS AUCH ICH FROH, DASS ER GERADE ANGELEINT WAR, DENN WIE MAN AN DER GESPANNTEN LEINE SIEHT, HÄTTE ER NUR ALLZU GERN NACHGESEHEN, WAS SICH DORT IM GEBÜSCH VERBIRGT...

DIESE AFGHANENHÜNDIN PIRSCHT SICH VORSICHTIG HERAN. IHRE KÖRPERHALTUNG IST GEDUCKT, SIE BEWEGT SICH LANGSAM, BEINAHE IN ZEITLUPE. SIE IST NOCH JUNG UND UNERFAHREN UND WEISS NOCH NICHT RECHT, WAS SIE MIT DER SITUATION ANFANGEN SOLL. LÄSST MAN IHR DIE MÖGLICHKEIT ZUM ÜBEN, WIRD SIE SCHON BALD ÜBER MEHR ERFAHRUNG IM ERLEGEN VON KLEINEN BEUTETIEREN VERFÜGEN UND ENTSCHLOSSENER HANDELN.

EIN ANDERER JUNGER AFGHANE SCHEUCHT MÖWEN AM STRAND AUF. WINDHUNDE KÖNNEN SPITZENGESCHWINDIGKEITEN VON CA. 100 KM/H ERREICHEN, ALLERDINGS NUR ÜBER KURZE STRECKEN. EINEN GESUNDEN VOGEL ERWISCHEN SIE NATÜRLICH NICHT, WESHALB VIELE IHRER BESITZER DIESES AUFSCHEUCHEN TOLERIEREN.
DIE SINNE IM EINSATZ
Haben Sie schon einmal darauf geachtet, wie Ihr Hund seine Sinne einsetzt? Die meisten Menschen sind überrascht, wenn sie erfahren, dass der Hund zunächst seine Augen, dann die Ohren und erst dann seine stärkste Sinnesleistung, die Nase, benutzt, um Beute ausfindig zu machen. Dabei geht er zunächst auf Witterung, und nur wenn dies erfolglos bleibt, versucht er, eine Spur zu finden, der er nachgehen kann. Der Grund hierfür ist, dass der Hund immer versuchen wird, auf dem Weg zur Beute zu kommen, der den geringsten Arbeitsaufwand erfordert. Denn in freier Wildbahn geht es darum, die zur Verfügung stehende Energie möglichst effizient einzusetzen. Am wenigsten anstrengend ist es also, zunächst einmal nachzusehen, ob ein potentielles Beutetier zu erspähen ist. Auch der Einsatz der Ohren, um zum Beispiel ein Rascheln oder Knacken im Unterholz zu hören, erfordert keine übermäßige Anstrengung und nur wenig Energieverbrauch. Am meisten gefordert ist der Hund, wenn er konzentriert einer Spur folgt, und zwar insbesondere dann, wenn diese schon einige Stunden oder Tage alt ist und durch schwieriges Gelände führt.
Beobachten Sie Ihren Hund also sorgfältig. Wann haben Sie das Gefühl, dass er sich nach Beute orientiert? Genau jetzt wäre nämlich der richtige Zeitpunkt, ihn entweder anzuleinen oder mit einer Aufgabe zu beschäftigen. Welche Aufgaben das sein könnten und welche Kommandos Sie am sinnvollsten einsetzen können, lesen Sie im nächsten Kapitel über das Training.




In dem folgenden Teil des Buches stelle ich Ihnen das Training vor, mit dem ich seit vielen Jahren arbeite und mit dem ich bei den meisten Hunden zum gewünschten Trainingserfolg gekommen bin. Bei der Umsetzung gibt es einiges zu bedenken:
Das Trainingsprogramm besteht aus vielen einzelnen Elementen, die meiner Erfahrung nach nur in der Summe zum gewünschten Erfolg führen. Mit anderen Worten: Mit Nasenarbeit oder dem kommunikativen Spazierengehen allein werden Sie Ihren Hund nicht vom unerwünschten Jagdverhalten abbringen. Insbesondere nicht, wenn der Jagdtrieb stark ausgeprägt ist. Beachten Sie aber alle – oder zumindest die meisten – dieser Punkte, werden sich schnell die ersten Trainingserfolge einstellen.
Erwarten Sie von sich und Ihrem Hund keine Wunder! Dieses Training erfordert Einfühlungsvermögen, Geduld, Konsequenz, Voraussicht und letztendlich auch Erfahrung. All das ist nicht von heute auf morgen zu erreichen. Gehen Sie nicht zu verbissen an die Sache heran. Geben Sie sich und Ihrem Hund Zeit und haben Sie Spaß zusammen!
Stellen Sie sich darauf ein, dass es Rückschläge geben wird. Vor allem dann, wenn Sie nach den ersten kleinen Trainingserfolgen zu schnell zu leichtsinnig werden.
Führen Sie ein Trainingstagebuch. Wenn Sie genau aufschreiben, was wann trainiert wurde und wie der Hund darauf reagiert hat, finden Sie schneller die Fehlerquellen, wenn eine Übung mal nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat. Das Trainingstagebuch hat sich schon oft als wertvolle Hilfe erwiesen, wenn es darum ging, diese Fehlerquellen zu finden. Zusätzlich setze ich es gerne ein, wenn ein Hundebesitzer verzweifelt und glaubt, sein Hund mache gar keine Fortschritte, denn beim Rückwärtsblättern im Tagebuch wird in der Regel schnell klar, dass sich das Verhalten des Hundes sehr wohl schon verbessert hat.

GRUNDLAGEN ZUM TRAINING
DIE EIGENE KÖRPERSPRACHE
Wenn Sie mit Ihrem Hund unterwegs sind und auf Wild treffen, ist es wichtig, dass Sie ruhig bleiben und nicht über Ihre Körpersprache Spannung aufbauen. Wenn Sie zum Beispiel Rehe sichten und erschrocken zusammenfahren oder sofort die Leine ruckartig herannehmen, so wird dies für den Hund zum untrüglichen Zeichen dafür, dass Wild in der Nähe ist.
Das Gleiche gilt, wenn Sie in ständiger Erwartung, dass Beutetiere auftauchen könnten, ständig um sich schauend herumschleichen. Aus Sicht des Hundes verhalten Sie sich so, als seien Sie auf der Suche nach Beutetieren. Oft genug habe ich während des Trainings Hundeführer beobachtet, die unsicher und mit ständig suchendem Blick durch den Wald oder über die Felder liefen – und dabei genauestens von ihren Hunden beobachtet wurden. Sobald der Mensch dann stehen blieb oder angestrengt in eine Richtung schaute, wurde dies vom Hund registriert und sofort überprüft, ob irgendwo lohnenswerte Beute entdeckt wurde.
Ein weit verbreiteter Fehler ist es auch, dem Hund hinterherzurennen, nachdem er bereits durchgestartet ist. Der Hund kann das leicht missverstehen: „Oh, toll, mein Mensch rennt mit, wir jagen gemeinsam...“

EINE ENTSPANNTE KÖRPERHALTUNG UND RUHIGE AUSSTRAHLUNG VERMITTELN SOUVERÄNITÄT UND GELASSENHEIT, DIE SICH AUCH AUF DEN HUND ÜBERTRAGEN.
DER RICHTIGE EINSATZ DER STIMME
Der richtige Einsatz der Stimme ist enorm wichtig. Nicht ohne Grund sind die Wörter Stimme und Stimmung vom Wortstamm her verwandt. Über Ihre Stimme können Sie die unterschiedlichsten Stimmungen vermitteln – bewusst oder unbewusst. Also gilt auch hier: Wenn Sie ein Beutetier entdecken, rufen Sie den Hund nicht mit aufgeregter Stimme, werden Sie nicht hektisch, sondern bleiben Sie vollkommen ruhig und rufen Sie so ab, als sei gar nichts Besonderes.
Wenn Sie laut und eventuell noch mit sehr aufgebrachter Stimme rufen, signalisieren Sie Ihrem Hund nur die Außergewöhnlichkeit des Augenblicks. Sofort wird er sich umschauen, was denn so besonders ist.
NACHDEM DIESE HÜNDIN MIT RUHIGER UND LEISER STIMME ANGESPROCHEN WURDE, HORCHT SIE KONZENTRIERT UND AUFMERKSAM, WAS IHR MENSCH IHR SAGEN MÖCHTE.

Von Vorteil ist es hingegen, eine ruhige und dabei leise Stimme einzusetzen, wenn Sie die Aufmerksamkeit Ihres Hundes auf sich ziehen wollen. Das kommt daher, dass Hunde im genetisch fixierten Verhaltensrepertoire gespeichert haben, sehr konzentriert auf leise Töne zu achten. Weshalb? Weil sich Beutetiere in der Regel leise verhalten. Denken Sie an das Rascheln des Laubes, wenn eine Maus sich ihren Weg durch die Blätter sucht, das Knacken der Äste, wenn ein größeres Beutetier durch das Dickicht läuft, usw. Nun kommt das leise Geräusch von Ihnen, und das bedeutet, dass sich Ihr Hund konzentriert in Ihre Richtung orientieren wird. Probieren Sie es aus, Sie werden überrascht sein, wie gut es funktioniert. Wenn Ihr Hund ein Stück vor Ihnen läuft, erzeugen Sie mit Ihrer Stimme ein leises Geräusch, wie zum Beispiel einen Zischlaut. Wenn Ihr Hund sich erstaunt umschaut, um herauszufinden, woher dieses Geräusch kommt, loben Sie ihn und halten Sie ihm ein Leckerchen hin. Dann treten Sie auf einen kleinen Ast, so dass dieser knackt. Sobald Ihr Hund sich fragend umschaut, wer oder was dieses Geräusch verursacht hat, beziehen Sie ihn wieder durch das verbale Lob und anschließende Leckerchen auf sich. Dann rascheln Sie in einem von ihm unbemerkten Augenblick im Laub, machen wieder ein Geräusch wie einen kleinen Pfiff oder Ähnliches. Wann immer Ihr Hund sich fragend umschaut, woher dieser Ton nun wieder kam, beziehen Sie ihn durch das verbale Lob und das Leckerchen wieder auf sich. Schon bald haben Sie einen Hund, der bei jedem Geräusch erst mal zu Ihnen schaut.
Wichtig bei dieser Übung: Übertreiben Sie es nicht! Diese kleinen Geräusche müssen einen Überraschungseffekt haben und sollten deshalb nur selten auftreten. Trainieren Sie diesen Part zu oft, gewöhnt sich Ihr Hund daran, dass Sie halt immer irgendwelche Töne und Geräusche produzieren, und schaut sich nicht mehr fragend um, sondern geht seiner Wege.
DIE MOTIVATION ZUM JAGEN STEHT IM ZUSAMMENHANG MIT DEM APPETENZVERHALTEN
Da die Motivation zum Jagen auch vom Appetenzverhalten gesteuert wird, sollten Sie dafür sorgen, dass Ihr Hund nicht ständig hungrig ist. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass Sie ihn dick und rund füttern sollen, weil er immer etwas bekommt, wenn er signalisiert, Hunger zu haben. Und es heißt auch nicht, dass ein überfütterter, dicker Hund nicht wildert.
Ein Beispiel soll Ihnen verdeutlichen, was ich meine. Vor ein paar Jahren rief mich eine Bäuerin an und bat mich um Rat, weil Ihre Schäferhündin so furchtbar jage. Schon mehrfach hatte sie den Hühnerstall des Nachbarn praktisch leergeräumt, und es gab schon erheblichen Ärger sowohl mit dem Nachbarn als auch mit ihrem Mann deswegen, der sowieso gegen die Anschaffung des Hundes gewesen war. Ich fragte, wie oft sie das denn schon getan habe, und mir wurde geantwortet, in den letzten Wochen sei es acht (!) Mal vorgekommen. Anfangs habe sie nur ein oder zwei Hühner getötet, inzwischen töte sie alle, die herumliefen und die sie erwischen könne. Kaum habe der Nachbar neue Hühner in seinen Hof gesetzt, sei die Hündin auf der Pirsch. Sie überwinde dabei einen ziemlich hohen Zaun, und auch erhebliche Prügel würden sie nicht abhalten, es immer wieder – mit Erfolg! – zu versuchen. Es nütze nicht einmal, sie einzusperren, da sie immer wieder einen Weg nach draußen finde. In den Zeiten, in denen es keine Hühner gab, lief sie in den Wald und organisierte sich dort Nahrung, schon oft genug kam sie mit Beute im Fang zum Hof zurück.
Jetzt war mein Interesse geweckt, und ich entschloss mich zu einem Hausbesuch, um mir die Situation vor Ort anzusehen. Es schien mir doch sehr ungewöhnlich, dass die Hündin, die genau wusste, dass sie bei ihrer Rückkehr nichts Gutes von ihren Menschen zu erwarten hatte, mit der Beute im Fang zum Hof zurückkam, statt diese entweder einfach liegen zu lassen oder, falls sie Hunger hatte, draußen im Wald zu verzehren.
AUFGRUND IHRER GRÖSSE UND IHRES LEICHT AUSZULÖSENDEN FLUCHTVERHALTENS WERDEN HÜHNER VON DEN MEISTEN HUNDEN ALS BEUTETIERE ANGESEHEN.

Als ich am Hof ankam, wurde ich zu einem Zwinger geführt, in dem die Hündin eingesperrt worden war. Was ich sah, erklärte die Situation schnell und unmissverständlich: Ich sah eine sehr abgemagerte Hündin, die sechs Welpen hatte. Die Futterschüsseln waren alle leer, und auf meine Nachfrage und nach einigen Ausreden gaben die Bauern schließlich zu, die Hündin nur mangelhaft mit Futter zu versorgen. Deshalb musste sie auf die Jagd gehen und Nahrung heranschaffen, es ging um das Überleben ihrer Kinder!
Ich erklärte den Leuten, dass sie durch ihr Verhalten die Hündin regelrecht gezwungen hatten, Beute zu machen – sei es beim Nachbarn oder im Wald – und dass wir dieses Verhalten mit Sicherheit nicht in den Griff kriegen würden, solange sie nicht vernünftig gefüttert würde. Auf meine Nachfrage bestätigten mir die beiden auch, dass die Hündin nie zuvor gewildert hatte, sondern erst, seit sie die Welpen hat, was meine Theorie zusätzlich untermauerte, denn früher konnte sie überall im Hof herumlaufen und interessierte sich in keinster Weise für die Hühner des Nachbarn. Daraufhin entbrannte ein wildes Wortgefecht zwischen den Eheleuten über den Sinn und Unsinn der Hundehaltung, dass der „blöde Köter“ nur Ärger mache und Kosten verursache und dass es noch gar nicht sicher sei, ob man für die Welpen auch Käufer finden würde, es wohl das Beste sei, sie zu erschießen usw. usw. usw.
Aus all dem wurde mir vor allem eines klar: Sowohl die Hündin als auch ihre Welpen brauchten Hilfe. Ich malte den Leuten in den schillerndsten Farben aus, welch großer Ärger in der Nachbarschaft und überhaupt auf sie zukäme, wenn die Hündin den Hühnerstall wieder leer räumte – was sie sicher tun würde – und dass es sich hierfür doch nicht lohnen würde, einen Nachbarschaftskrieg vom Zaun zu brechen. Außerdem sei der Markt für Welpen gerade jetzt in Zeiten der Hundefeindlichkeit sehr schlecht, und Schäferhunde wolle schon gar keiner haben.
Die Geschichte endete damit, dass die Hündin und ihre Welpen mit mir kamen. Ich brachte sie bei Freunden im Gartenhäuschen unter, sie wurden anständig gefüttert, liebevoll umsorgt und konnten auf dem Rasen des gut eingezäunten Grundstücks toben. Als die Welpen alt genug waren, haben wir sie vermittelt. Die Schäferhündin erhielt einen neuen Namen, zog ins Haus um und blieb bei meinen Freunden. Ihr Jagdtrieb ist dank Training und vorausschauender und achtsamer Führung unter Kontrolle, es kam zu keinen Zwischenfällen mehr.
AGIEREN STATT REAGIEREN
Das Ende dieser Geschichte bringt uns gleich zu einem weiteren wichtigen Punkt, den Sie beachten sollten: Agieren Sie, statt zu reagieren. Das klingt einleuchtend und einfach, ist es aber nicht immer. Grundsätzlich ist sicher jedem klar, dass man den Hund möglichst schon in den Ansätzen des unerwünschten Jagdverhaltens stoppen oder ihn – noch besser – gar nicht erst in Situationen bringen sollte, in denen er die Gelegenheit bekommt, es auszuleben und somit weiter zu perfektionieren. Vergleichen Sie hierzu auch weiter unten den Abschnitt über das kommunikative Spazierengehen.
Allerdings ist es uns Menschen nicht immer möglich, potentielle Beutetiere zuerst wahrzunehmen und entsprechend in die Situation einzugreifen. Gehen wir auf die Umgebung konzentriert spazieren, so können wir eventuell schneller darin sein, das Reh oder den Hasen zu sehen. Aber beim Hören oder Riechen der Beute können wir beim besten Willen nicht mit den Sinnesleistungen unserer Hunde mithalten. Mit anderen Worten: Auch wenn wir sehr aufmerksam sind, wird es uns nicht immer gelingen, das Beutetier zuerst wahrzunehmen. Deshalb sollten Sie Ihren Hund in Gebieten, in denen mit dem Auftauchen von Wild, Katzen, Hühnern oder anderen Beutetieren zu rechnen ist, immer an der Leine führen.

DIESE KATZE SCHAUT KONZENTRIERT ZU EINEM HUND, DER IN EINIGER ENTFERNUNG ÜBER DIE WIESE LÄUFT. ZU RECHT, DENN DIE MEISTEN HUNDE JAGEN KATZEN, VOR ALLEM, WENN DIESE IN BEWEGUNG SIND.
FUTTERBELOHNUNG

Der richtige Einsatz der Futterbelohnung ist von entscheidender Bedeutung für den Trainingserfolg. Grundsätzlich gibt es einige wichtige Punkte zu beachten:
Die Futterbelohnung gibt es wirklich nur für richtig ausgeführte Handlungen. Es geht nicht darum, den Hund ständig mit irgendwelchen Leckerchen voll zu stopfen, weil er gerade so süß ist oder man nicht weiß, wie man sonst seine Aufmerksamkeit erlangen kann.
Wenn Sie eine Übung neu aufbauen, belohnen Sie jeden einzelnen Arbeitsschritt, bis der Hund den gesamten Ablauf verstanden hat. Dann belohnen Sie immer erst am Schluss der Handlung. Schließlich belohnen Sie in einem variablen (für den Hund nicht durchschaubaren) Muster mit Leckerchen, die anderen Male loben Sie ihn oder lassen ihn irgendetwas tun, was er gerade gern tun möchte. Man weiß aus der Verhaltensforschung, dass diese so genannte „intermittierende Belohnung“ die höchste Motivation auslöst. Übrigens nicht nur bei Hunden, sondern auch bei uns Menschen.
Auch hier soll wieder ein Beispiel erklären, wie es funktioniert. Ich habe mehrere Pferde, die in einem Stall eingemietet sind. Gelegentlich helfe ich der Inhaberin des Stalles bei irgendwelchen kleineren Arbeiten, und eines Tages legte sie mir als „Dankeschön“ ein Stück Schokolade in meinen Schrank. Ich fand es und freute mich natürlich sehr. Als ich am nächsten Tag in den Stall kam, hatte sie wieder ein Stück Schokolade für mich deponiert, diesmal war es an der Heugabel befestigt, mit der ich morgens das Futter für die Pferde verteile. Ich war überrascht und ganz gerührt von dieser netten Idee. Als ich am dritten Tag in den Stall kam, war ich schon in der freudigen Erwartung, dass vielleicht wieder irgendwo ein Stück Schokolade auf mich wartete, und tatsächlich fand ich es, diesmal kunstvoll an den Wasserhahn geknotet. So ging das einige Tage, bis ich schließlich mit dem Gedanken in den Stall fuhr, wo ich wohl heute etwas finden würde. Am sechsten oder siebten Tag, als ich mich gerade daran „gewöhnt“ hatte, immer irgendwo ein Stück Schokolade zu finden, fand ich keines mehr! Ich war zunächst etwas enttäuscht, fuhr am nächsten Tag aber mit um so mehr Spannung zum Stall, ob und, falls ja, wo ich heute etwas finden würde. In diese Gedanken vertieft, musste ich plötzlich sehr lachen. So funktioniert also intermittierende Belohnung dachte ich – wenn ich immer etwas bekomme, wird es bald zur Selbstverständlichkeit, wenn ich nie etwas bekomme, habe ich keinen Anreiz, weiterhin gute Leistung zu zeigen. Es ist wirklich genau wie bei den Hunden.
Wichtig: Wenn Sie sich im variablen Belohnungsschema befinden, sollten Sie bei den Gelegenheiten, bei denen es kein Leckerchen gibt, unbedingt loben, damit der Hund trotzdem weiß, dass er seine Sache gut gemacht hat.
Suchen Sie Leckerchen aus, die Ihr Hund wirklich gerne mag. Das ist nicht unbedingt das, was Sie glauben, was er mag. Fragen Sie ihn, was er wirklich möchte. Wie Sie das anstellen sollen? Ganz einfach. Nehmen Sie vier oder fünf verschiedene Dinge, von denen Sie glauben, dass Ihr Hund sie mag, zum Beispiel Wurst, Käse, Trockenfutter, ein Stück Pfannkuchen, ein paar Nudeln oder was auch immer. Bieten Sie dem Hund eine Sorte in der linken und eine andere in der rechten Hand an. Achten Sie darauf, welcher Hand er sich interessierter zuwendet, was er lieber möchte. So probieren Sie alle Sorten durch, bis Ihr Hund ein oder zwei ausgesucht hat, die er am liebsten mag. Diese benutzen Sie im Training.

Ich finde es immer sehr enttäuschend, wenn Hundebesitzer einfallslos beim Vorbereiten der Leckerchen sind und einfach etwas Trockenfutter in die Tasche stecken, um irgendetwas dabei zu haben. Wenn Sie jeden Tag Nudeln zu essen bekommen, und nun schenkt Ihnen jemand für eine gute Leistung, die Sie erbracht haben, Nudeln. Wie finden Sie das? Wären Ihnen Pralinen nicht lieber?! Und was von beiden würde Sie mehr motivieren...?!
Wenn Ihr Hund eine Übung besonders gut gemacht hat, geben Sie den „Jackpot“. Das bedeutet, dass er von seinen allerliebsten Leckerchen mehrere hintereinander bekommt – der Genuss also besonders lange anhält. Ich trainierte vor ein paar Wochen mit einer jungen Hündin in einem Waldgebiet, das sehr dicht mit Rehen, Dachsen, Füchsen und vielen weiteren Tieren bevölkert ist. Sie hatte bereits gelernt, sich auf Kommando hinzusetzen, wenn eines dieser Tiere auftauchte, aber an diesem Tag zeigte sie erstmalig, dass sie die Aufgabe grundsätzlich verstanden hatte: Als wir um eine Kurve bogen und dort Rehe auf einer Wiese sahen, setzte sie sich selbstständig hin und schaute zu uns herüber! Super, Jackpot!
Lassen Sie sich nicht von Leuten verunsichern, die der Meinung sind, der Hund solle gar keine Leckerchen bekommen, weil er schließlich für seine Menschen arbeiten solle und nicht für das Futter. Die Futtergabe ist eine ganz natürliche Form der Belohnung, denn auch in der freien Natur zeigen Hunde (oder ihre Vorfahren, die Wölfe) Handlungen, um an Nahrung zu kommen. Richtig eingesetzt ist sie von großem Nutzen, und ich habe absolut nicht den Anspruch an meinen Hund, dass er ausschließlich für mich arbeitet. Im Gegenteil, das würde ich fast schon als anmaßend empfinden. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was Menschen zu solchen Aussagen treibt. Ist es vielleicht der urinnerste Wunsch des Menschen, wenigstens von einem Lebewesen auf dieser Welt nur um seiner selbst Willen geliebt zu werden? Warum glauben wir, von unserem Hund etwas verlangen zu können, was wir in unseren Beziehungen nicht bereit zu geben sind? Auch wir lieben nicht bedingungslos. Leben Sie mit einem Menschen zusammen, der Ihnen keinerlei Vorteile verschafft, weder emotional, noch finanziell, noch vom Ansehen, noch sonst irgendwie? Wir alle sind doch auf der Suche nach unserem ganz persönlichen Vorteil – was gesellschaftlich akzeptiert und sicher auch in Ordnung ist. Ich möchte ganz sicher nicht mit einem Partner (sei der zwei- oder vierbeinig) zusammenleben, wenn mir das nichts bringt.
VERWENDEN SIE IM TRAINING LECKERCHEN, DIE IHR HUND GERNE MAG.

Die vielleicht interessanteste Variante dieses Themas ist die Bemerkung einiger Hundebesitzer: „Ja, der ist halt bestechlich“, wenn der Hund ein Leckerchen von mir angeboten bekommt und auch nimmt. Der Vorwurf der Bestechlichkeit ist ja nicht gerade ein Kompliment. Meine Gegenfrage ist dann in der Regel: „Wenn Sie den ganzen Monat arbeiten gehen und dann am Ende des Monats Ihr Gehalt bekommen, sind Sie dann bestechlich? Oder anders herum gefragt – wenn Sie den ganzen Monat arbeiten gehen, und Ihr Chef bietet Ihnen dafür Geld an, und Sie lehnen dies ab, beweisen Sie dann, einen besseren Charakter zu haben als Ihr Kollege, der sein Gehalt annimmt?“ Die Antwort ist meist: „Ja, wenn man es so sieht...“ Ja, so sehe ich das. Es ist völlig in Ordnung, wenn der Hund für gut erbrachte Leistungen eine angemessene Belohnung erhält.
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