Kitabı oku: «Fantastische Fragmente»

Yazı tipi:

Impressum

Über das Buch:

Mirianda - Die Offenbarung der Heilerin

Die Geschichte enthält u.a. folgende sensible Inhalte:

Prolog

Ankunft der Heilerin Saragunde

Geburtstagsmorgen

Soranas Vermächtnis

Saragundes Offenbarung

Miriandas Reise

Im Schatten der vieltausendjährigen Ibe

Epilog

Über die Autorin:

Der einsamste aller Engel

Der folgende Text erwähnt/thematisiert

Tharel

Sofiel

Über die Autorin:

Luna von San Trijato

Die Geschichte enthält u.a. folgende sensible Inhalte:

Prolog

Aylin, Tochter

Aylin, Protegé

Aylin, Beraterin

Aylin, Parlamentsmitglied

Aylin, Luna Immaja

Über die Autorin:

Impressum neobooks

Sylvia Tornau | Sharlene Anders | Claudi Feldhaus

Fantastische Fragmente

Von Amuletten, Todesengeln und Übermenschen

Impressum

© 2021

Sylvia Tornau | Sharlene Anders | Claudi Feldhaus

https://www.tatmoor.de

https://www.instagram.com/weltwirker

https://www.kakaobuttermandel.de

Sylvia Tornau | Sharlene Anders | Claudi Feldhaus

c/o Der Kleinste Buchladen

Reinsberger Dorf

Am Weinberg 1

99938 Plaue

2. Auflage 2021

Buchsatz: Claudi Feldhaus

Coverdesign: Andrea Witte

ISBN: 978-3-753171-28-9

Hinweise zu sensiblen Inhalten befinden sich zu Beginn der jeweiligen Geschichten.

Über das Buch:

Drei Autorinnen treffen sich zu einem Kaffee. Sie reden über ihre Arbeit. Das Gespräch führt zu drei Romanen, die zum Teil schon veröffentlicht sind.

Sylvia Tornau: „Seraphina – Auf der anderen Seite“, ein dunkles Märchen

Sharlene Anders: „weltwirker“, ein phantastisches, transmediales Story-Universum

Claudi Feldhaus: „Zimazans“, eine dystopische Romantasy.

Zu jedem dieser Romane gibt es eine bisher unveröffentlichte Vorgeschichte. An diesem Abend entsteht die Idee zu der vorliegenden Anthologie Fantastische Fragmente.

Eine Königstochter begibt sich auf die Reise, aus Gegensätzen ein Ganzes zu schaffen und ihr verzaubertes Königreich zu erlösen.

Ein einsamer Engel sucht die verbotene Nähe desjenigen, der ihn berührte wie niemand zuvor.

Eine Frau mit lahmen Flügeln macht sich auf den Weg, die Mächtigste ihres Metropols zu werden.

Drei Geschichten unterschiedlich in Stil und Sprache, verbunden durch das Genre Dark Fantasy und durch ihre Themen Verrat, Liebe und der Suche nach dem eigenen Platz im Leben.

Mirianda - Die Offenbarung der Heilerin

Eine Vorgeschichte zu

Seraphina - Auf der anderen Seite

von Sylvia Tornau

Lektorat: Kristina Russ

Für:

Lene, Momo und alle, die meine Geschichten gern lesen.

Die Geschichte enthält u.a. folgende sensible Inhalte:

Erwähnung/Thematisierung:

Genozid und Krieg, Sexismus,

körperliche Gewalt,

sexualisierte Gewalt,

gewalttätige Morde, Blut,

romantische Liebe, heterosexuelle Küsse

Prolog

Einst versank das blühende Wardistan durch die Magie des künftigen Königs, des Zauberers Halamor, in Finsternis und Elend. Seither leben die Menschen im Dämmerlicht und sterben in großer Zahl vor ihrer Zeit. Die Sonne ward zu einer Legende, welche den Kindern zur Nacht erzählt wird. Keine Magie neben seiner duldend, sorgte König Halamor für die Vernichtung sämtlicher magiebehafteter Clans. Nur eine Magierin überlebte das Massaker.

Alle zwölf Monate stellt sich König Halamor im Thronsaal seines Palastes den Bitten des Volkes. Sie kommen in Scharen, denn groß ist die Not. Die einen ersuchen den Erlass von Steuern, weil die Ernte seit Jahren nicht gedeihet. Andere erbitten eine Arznei für ihre leidenden Angehörigen. Spät am Nachmittag erhebt sich der König. Die Audienz ist beendet. Ohne zu murren, löst sich die Reihe der Bittenden auf. Einzig ein Hutzelweib tritt auf den Herrscher zu, verstellt ihm den Weg. Halamor rümpft beim Anblick der zerlumpten Alten die Nase, doch ihr unerschrockener Blick weicht dem seinen nicht aus.

»Was willst du?«, knurrt er, das Beben des Zorns in seiner Stimme kaum verhehlend, gepaart mit einem Funken Neugier.

So lange schon hatte niemand mehr gewagt, sich ihm in den Weg zu stellen. Mit einer Handbewegung bedeutet er den Wachen, sich zurückzuhalten. »Ich will einen Handel mit dir«, antwortet die Alte. »Ich bin die Heilerin Saragunde, die Letzte vom Geschlecht der Merowinger. Einst waren wir ein mächtiges Magiervolk, doch all die Meinen ließest du vernichten. Aus Machtgier, weil du keine andere Magie neben deiner duldest!«

Halamors Gesicht färbt sich rot an. Voller Wucht schleudert er seinen Weinkelch zu Boden. »Für diese Unverfrorenheit wirst du sterben!«, brüllt er.

Die Heilerin lächelt. Mit einer fließenden Handbewegung öffnet sie ihren schwarzen Umhang. Ein leuchtendes Strahlen umschmeichelt ihre Silhouette. Wie ein Schleier, zart aus weißem Licht gewebt, leuchtet Saragundes Aura. Die sie Umstehenden weichen erschrocken zurück, drängen aus dem Thronsaal hinaus.

Halamor blinzelt überrascht. »Hexe!« Seine Worte klingen eher nach dem Quaken eines Frosches statt denen eines Magiers. »Du wagst es ...«

»Schweig!« Saragundes Stimme hallt durch den Raum. »Ich schlage dir einen Handel vor. Ich bin es leid mich vor dir zu verstecken. Mein Leben in Sicherheit und dafür bekommst du den ersehnten Thronfolger! Töte mich und dein Geschlecht ist dem Untergang verdammt! So wurde es von meinen Ahnen prophezeit.«

Halamor erblasst.

»Deine Lenden sind stark, doch das Gift deiner Magie tötet deine Frucht in jedem Weib. Keine besitzt die Stärke, dir ein Kind zu gebären. Ich helfe dir, ein starkes Weib zu finden. Ein schönes Weib. Die Schönste unter der Sonne! Der Preis ist meine Freiheit. Du lässt mich in Würde altern!« Mit ihrem Blick hält sie den seinen fest. Halamor windet sich. Je mehr er versucht, sich ihrem Zauber zu entziehen, desto heller strahlt die vor ihm stehende Frau, zieht ihn in ihren Bann. Seine Augen verengen sich zu dünnen Schlitzen, die Mundwinkel sinken schlaff herab. Sein Mienenspiel wechselt von Wut zu Angst, zu Resignation. Er senkt den Blick.

»Du weißt, ich spreche die Wahrheit. Wenn du nicht findest, was du suchst, töte mich. Doch findest du, was du begehrst, wirst du die weiße Magie der Heilerin brauchen!«

»Hier gibt es genug Heilerinnen!«, erwidert der König trotzig.

Saragunde stöhnt gespielt gequält auf. »Keine mit meinen Fähigkeiten!« Sie schließt ihren Umhang und verdeckt ihre strahlende Aura. Wieder steht das alte Hutzelweib vor Halamor. Mit dem Schwinden ihres Lichtes kehrt die Dämmerung zurück. Den König schaudert. Er erhebt sich, streckt seine Glieder. Lange überlegt er. Läuft in großen Schritten im Raum auf und ab. Bleibt abrupt vor der Alten stehen, schüttelt den Kopf, lächelt verschlagen.

»Bleib! Doch wisse: Wenn mir nicht gefällt, was du bietest, wirst du sterben.«

Ankunft der Heilerin Saragunde

Laut lamentierend kreist ein Krähenschwarm über dem Schloss. Eine einzelne Krähe löst sich aus der Formation, stürzt mit wildem Gekreisch gen Boden. Öffnet mitten im Sturz die Flügel, fängt sich, schwebt in der Luft und landet sanft auf der Schulter eines in schwarze Lumpen gehüllten Weibes.

»Jaja«, brummelt sie zur Begrüßung und hievt sich mit langsamen Bewegungen von ihrem Reittier, einem in die Jahre gekommenen Esel. Kaum stehen ihre Füße auf festem Boden, fingert sie mit arthritischen Händen an den Reitgurten. Befreit das Grautier von seinem Geschirr. Streicht ihm über den Kopf. Das Tier schnaubt leise.

»Leb wohl Schöner«, flüstert die Alte und gibt dem Esel einen sanften Schlag auf die Flanke. Der Graue bockt auf, schüttelt sich, trabt los. Nach wenigen Metern verfällt er in einen gemächlichen Schritt. Sie sieht ihm hinterher, bis er im Grün des Olivenhains entschwindet. Einmal noch schreit er ein heiseres I-ha zum Abschied. Das Weib seufzt. Löst den Blick vom staubigen Weg, auf dem der Esel entschwunden ist. Richtet die zerlumpten Kleider. Die Krähe zupft am schwarzen Umhang, drängt zur Eile.

Ein rauchiger Husten schüttelt das Weib, der Atem rasselt. Sie beugt den Körper nach vorn, stützt die Arme auf die Schenkel. Tief atmet sie ein und aus, ein und aus. Ihre Atemzüge beruhigen sich, das Rasseln wird schwächer. Sie hält die Augen geschlossen, das Gesicht entspannt sich. Der gebogene Schnabel der Krähe zwickt das Weib am Ohr, reißt sie aus der Versunkenheit. Sie nickt, lächelt. Fährt mit dem Finger leicht über das Gefieder des Tieres. Sie räuspert sich und richtet sich auf. Läuft in kurzen Schritten auf das Schlosstor zu und klopft energisch. Die Krähe flattert auf, hackt mit raschen Schnabelstößen gegen das Tor.

Tock-tock-tock.

Ein zahnloser Wächter öffnet das Späher-Fenster. »Wer stört?«, fragt er mit harscher Stimme. Weicht vor der Krähe zurück, die nach seinem Gesicht hackt.

»Saragunde, die Heilerin. König Halamor und Prinzessin Mirianda erwarten mich«, antwortet das Weib so kraftvoll, dass der Torhüter suchend hinter sie sieht. Doch außer der Alten ist da niemand.

»Pfeif dein Federvieh zurück«, herrscht er sie an.

Als würde sie seinem Befehl gehorchen, landet die Krähe auf dem ausgestreckten Arm der Heilerin. Der Blick des Wächters wandert an der Gestalt des Weibes von unten nach oben. Mit einem Grinsen zieht er den Rotz aus der Nase hoch, zielt und spuckt direkt neben ihre staubigen Schuhe. Sie weicht nicht zurück, zuckt nicht einmal. Er schließt das Fenster. Mit einem rostigen Quietschen öffnet sich das Tor.

Ungeachtet ihrer äußerlichen Gebrechlichkeit wischt Saragunde mit flinken Fingern ihre Kleidung glatt und richtet sich zu stattlicher Größe auf. Der schwarze Umhang, vom Staub befreit, zeigt auserlesene verwobene Blütenmuster und Runen. Auf diesem Untergrund wirkt selbst die Krähe auf der Schulter der Heilerin majestätisch und edel.

Würdevoll tritt Saragunde einen Schritt auf den Wächter zu. Er weicht zurück, senkt den Blick. Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Keine seiner Bewegungen entgeht ihr. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielt ihren Mund. Innerlich triumphiert sie, äußerlich wirkt sie kühl und bedrohlich. Trotz ihres stattlichen Alters und ungeachtet all ihrer Gebrechen beherrscht sie ihn noch immer, diesen äußerst nützlichen Blendzauber.

Ohne sie anzusehen, weist der Torhüter mit dem Arm Richtung Garten. Mit erhobenem Kopf und kraftvollen Gang läuft sie an ihm vorüber. Ihr Umhang streift ihn am Arm. Kalt. Ihn schaudert. Die Krähe lässt den Wächter nicht aus den Augen. Mit fünf Schritten ist Saragunde an ihm vorbei. Seine Schultern sinken entspannt nach unten und er atmet hörbar aus. »Hexe«, murmelt er.

Sie dreht sich nicht um. Ihr stummes Lachen wäre zu verräterisch. In jüngeren Jahren hätte sie ihn ob dieser Beleidigung in einen Stein verwandelt, heute aber haushaltet sie mit ihrer Energie. Sich über die Häme dieses Wichts zu ärgern und ihn zu erschrecken würde nur ihre Kräfte schmälern.

Geburtstagsmorgen

Sonnenstrahlen kitzeln in Miriandas Nase. Sie hüpft Stufe um Stufe die alten Treppen von der Terrasse hinab in den Garten. Der herbe Korianderduft vermengt mit dem betörenden Duft der Stockrosen, die Wärme der Sonne auf der Haut, all das verleiht ihr die Kraft, jeden Morgen in die Düsternis des Speisesaales einzutauchen. Dieser Saal, mit all den prunkverzierten Möbeln, dem Gold der Leuchter und dem kalten Marmorboden ist ihr zuwider. Am meisten aber hasst sie die Stille in diesem Raum. Was für ein Gegensatz zu dem Summen und Surren, all dem Lebendigen eines Gartens. Heute liegt eine heitere Ruhe über dem Schloss. Mit dem heutigen Tag ist Mirianda, Tochter des Königs Halamor von Wardistan, volljährig. Sie ist siebzehn Jahre alt. Erwachsen.

Vor der Tür zum Speisesaal stoppt sie. Fährt sich mit der Hand durch das lockige Haar, glättet, was sich glätten lässt. Sie zupft ihren Rock zurecht, nimmt Haltung ein und drückt die Tür auf. König Halamor steht mit dem Rücken zu ihr mitten im Raum. Die sorgfältig zurechtgelegten Vorstellungen von der Würde der künftigen Königin fallen von ihr ab. In kindlicher Vorfreude stürmt sie auf ihren Vater zu, der sich mit finsterer Miene zu ihr umdreht. Mit ausgestrecktem Arm hält er sie davon ab, ihn zu umarmen. Mirianda stoppt ihren Lauf. Um Atem ringend deutet sie einen Knicks an.

»Du bist spät!«, knurrt er, »Du weißt, wie ich es hasse, zu warten!«

Sie lächelt. Nein, ihr Halamor hat keine Mühe, seinem Gesicht einen Anschein von Groll zu geben. Mirianda verstört es nicht. Sie ist mit diesem Anblick aufgewachsen. Sie liebt diesen grimmigen alten Mann, der nur in ihren Augen ein alter Mann ist. Für sie ist er ihr Vater. Für alle anderen ist er der große Zauberer, der König von Wardistan. Ein Herrscher, der sein Land mit eiserner Faust und unbeugsamen Willen regiert. So munkeln es die Dienerinnen in den Fluren des Schlosses, nicht ahnend, dass die Königstochter sie belauscht.

Halamor setzt sich an die Tafel und sieht seine Tochter an.

»Guten Morgen Vater!« Sie spielt das Spiel der Erwachsenen, welches sie schon so oft übte. »Habt Ihr gut geruht?« Sie lächelt ihn an und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn.

Ein Hauch unterdrückter Freude erhellt sein Gesicht. »Mirianda!« Mit einem kraftvollen Ruck zieht Halamor sie auf seinen Schoß.

»Aber Vater!« Sie stemmt sich mit beiden Händen gegen seine Brust. »Ich bin kein Kind mehr! Ich bin jetzt eine Frau!« Kichernd schlingt sie ihre Arme um seinen Hals.

»Herzlichen Glückwunsch zum Siebzehnten«, flüstert er in ihr Ohr. Gibt ihr einen Kuss auf das Haar und reicht ihr einen mit Smaragden verzierten Armreif. »Ein würdiger Schmuck für eine Königstochter!«

Miriandas Finger streichen über die leuchtend grünen Steine und das kühle Silber. Sie umarmt Halamor erneut.

»Danke Vater«, sagt sie, steht auf und tritt vor das überlebensgroße Gemälde einer zartgliedrigen, kraftvollen und eindrucksvollen Frau mit symmetrischen Gesichtszügen. Das Bild, so vertraut wie die Möbelstücke im Saal. Allen Tand und Prunk würde sie eintauschen für das Abbild ihrer Mutter. Seit jeher hält sie Zwiesprache mit ihr. Diese gütigen Augen voll dunkler Sehnsucht. Oder ist es ihre eigene Sehnsucht, die sie darin erkennt? Mit jedem Jahr ähnelt sie diesem Bildnis mehr. Mirianda streicht zart mit den Fingerkuppen über das schmale Gesicht. In ihrer kindlichen Fantasie stellte sie sich vor, die Mutter würde nach Zimt und Koriander riechen, mit einem Hauch von Orange. »Ach wenn Sorana nur einmal mit mir sprechen könnte, mich umarmen, mir mit ihren schlanken Händen übers Haar streichen. Allen Schmuck aus deinen Schatzkammern würde ich geben für ein Wort von ihr, für eine Berührung.« Mirianda presst einen Kuss auf zwei ihrer Finger und drückt diese auf die vom Farbauftrag raue Wange der Mutter. »Alles was ich von ihr habe, ist dieses Bild. Warum redest du nicht mit mir über sie Vater?«

Halamor schweigt. Seine ohnehin dunklen Augen färben sich schwarz. »Sorana ist tot!«, antwortet er mit belegter Stimme. »Sie starb bei deiner Geburt. Dies wird für immer der Tag sein, an dem mir das Schönste genommen und das Beste geschenkt wurde.« Mit finsterer Miene starrt er das Gemälde an. »Es ist schlimm genug für mich, dass du ihr Jahr für Jahr ähnlicher wirst.«

Mirianda dreht sich zu Halamor um, sieht ihm in die Augen, seinen Blick mit dem ihren haltend. »Ich weiß Vater!« Ihre Stimme kippt ins Mädchenhafte. »Aber du weißt, wie weich ihre Haut war. Wie sie roch. Wie kennst den Klang ihrer Worte. Ich weiß nicht einmal, wie ihr euch kennengelernt habt?«, drängt es aus ihr heraus.

»Nicht!« Halamors Stimme duldet keinen Widerspruch. Abrupt dreht er sich zum Tisch. Mit einem Kopfnicken bedeutet er dem Pagen, dass er die Speisen auftragen möge.

Mirianda wischt sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht und setzt sich ebenfalls an den Tisch. Des Vaters Kühle verfliegt so schnell, wie sie gekommen war. Sanft legt er seine Hand auf die ihre. »Lass uns essen. Mit vollem Magen streitet es sich besser.«

Statt des üblichen Haferbreis stellt der Page Reis mit Mandelmilch und Zimt, Kirschen und Weißbrot auf den Tisch. Dazu Aalpastete und übel riechenden Käse, den der König an Festtagen bevorzugt. Neben der Pfannkuchen-Torte mit Spinat fehlt auch Miriandas Lieblingsgericht nicht, junge Bohnen in Milch gekocht. Statt eines Bechers Wasser steht ein nach Holunder und Geranie duftender Wein auf dem Tisch. Tochter und Vater sprechen ein Tischgebet. Sie lächeln einander zu und widmen sich schweigend den herrlichen Speisen.

Alles ist verzehrt, der Tisch ist abgeräumt. Mirianda schiebt ihren Stuhl zurück.

»Warte!«, bittet Halamor und sieht sie nachdenklich an. Er räuspert sich. »Ich habe dir einen Gast eingeladen.«

Miriandas Augen weiten sich vor Überraschung. Ihre Augenbraue zittert leicht.

»Es ist die Heilerin, die deiner Mutter bei deiner Geburt zur Seite stand.«

Mirianda springt mit einem spitzen Schrei von ihrem Stuhl auf. »Vater!« Auffordernd zieht sie ihn hoch, fällt ihm um den Hals. Von ihrem Ungestüm überfordert, erstarrt er in ihrer Umarmung.

»Wo?«, fragt sie, »Wo ist sie?«

Mit dem Kopf nickt er Richtung Garten. Mirianda reißt sich los von ihm. Rennt zur Tür. Stoppt, dreht sich noch einmal zu ihm um. »Danke, Vater. Danke!«

Halamor steht wie angewurzelt. Die Arme erhoben, wie in der Umarmung erstarrt. Jegliche Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen. All seine Kraft und Würde scheint von ihm abgefallen. Mit hängenden Schultern dreht er sich schwerfällig um und lässt sich auf seinen Stuhl fallen. Mit der Hand winkt er dem Pagen. »Mehr Wein!«, befiehlt er. »Mehr Wein!«

Soranas Vermächtnis

Mirianda eilt die Stufen in den Garten hinab. Beachtet weder die Rosen und wilden Orchideen noch den Sommerflieder. Ihr Blick fixiert die schwarz gekleidete Frau, die mit geschlossenen Augen vor dem herb nach Rosmarin und Salbei duftenden Kräuterbeet steht. Schwer atmend, mit vom Laufen geröteten Wangen, stoppt sie vor der Alten. »Willkommen!«, grüßt sie atemlos.

Die Heilerin öffnet die Augen. Mustert Mirianda mit durchdringendem Blick. Eine Energie silbrig, kalt und gleißend, bohrt sich in sie hinein. Tastet ihren Körper Faser für Faser ab. Verbindet sich mit der tief in Miriandas Seele schlummernden Kraft. Die feinen Härchen auf ihrer Haut stellen sich auf wie kleine Fühler. Wie aus weiter Ferne hört sie eine Melodie, fremd und doch vertraut. Ein längst in ihr wohnendes Wissen regt sich wie ein schlafendes Tier, kurz vor dem Erwachen. Ein tiefes Grollen steigt aus Miriandas Körper empor, löst sich auf in einem heftigen Rülpser. Beschämt senkt sie den Blick. Die Magie des Augenblicks verpufft. Die Betagte lacht leise. Mirianda stimmt befreit in das Lachen ein. »Herzlich Willkommen!«, wiederholt Mirianda ihre Begrüßung und reicht der Alten die Hand.

»Sei gegrüßt, Tochter der Sorana! Ich bin die Heilerin Saragunde, die Letzte vom Geschlecht der Merowinger, Vertraute deiner Mutter und Überbringerin ihrer Botschaft.« Mit diesen Worten deutet sie eine Verbeugung an, öffnet für einen Moment ihren Umhang. Ihr vom Leben gezeichnetes Gesicht leuchtet heller als tausend Kerzen und ihre gestrenge Miene wird weich. Erstaunt folgt Miriandas Blick dem ausgestreckten Arm der Heilerin, der gen Himmel weist. Ein kleines Loch in der Wolkendecke reißt auf. Ein Stück belebendes Blau wird sichtbar. Eine Farbe von einer Klarheit, wie sie das in der ewigen Dämmerung aufgewachsene Mädchen nie zuvor sah. Die Wolken ziehen schnell darüber, verschließen, was sich für einen kostbaren Augenblick zeigte. Mirianda steht da, mit geöffnetem Mund und starrt zum Himmel hinauf. Ein leises Krächzen lenkt ihre Aufmerksamkeit wieder zurück. Eine Krähe hockt auf der Schulter Saragundes, putzt mit spitzem Schnabel ihr glänzendes Gefieder.

Die Heilerin schließt ihren Umhang. »Gesegnet seiest du Mirianda, für jetzt und auf immer!« Mit diesen Worten fließt ein schimmerndes Nebellicht aus ihrem Mund, legt sich wie ein zartes Band um die Frauen.

Mirianda hört sich selbst antworten: »Gesegnet seiest du Saragunde, für jetzt und auf immer!«

Der silbrige Schleier wird mit jedem Atemzug durchlässiger. Legt sich wie ein lebendiger Stoff über ihre Haut und dringt in ihre Poren ein, löst sich in ihr auf. Voller Freude, leicht und im Wesen mit Saragunde verbunden atmet sie befreit auf.

Sie folgen dem von Frühlingssternen gesäumten Weg, bis zum mit Blumengirlanden festlich geschmückten Gartenpavillon. In der Ferne türmen sich dunkle Wolken, begleitet von einem dumpfen Grollen. Ein Schwarm der schwarz Gefiederten kreist über ihnen am Himmel. Die Vögel schlagen aufgeregt mit den Flügeln, krächzen in wildem Crescendo. Die Krähe auf Saragundes Schulter tippelt erregt hin und her. Die Heilerin greift sich das Tier, murmelt ein paar unverständliche Worte, küsst es auf den Schnabel. »Flieg mein Liebster. Flieg. Die Zeit ist nah!« Sie öffnet die Hände. Der Gefiederte schwebt noch einen Augenblick über ihren Köpfen, entfernt sich und verschwindet im Schwarm seiner lärmenden Artgenossen.

Die beiden Frauen setzen sich im Pavillon einander gegenüber auf die mit weichen Kissen bezogenen Hochstühle. Saragunde nickt Mirianda aufmunternd zu. Diese rutscht auf ihrem Stuhl nach vorn. »Bitte, erzähl mir von Sorana. Wie war meine Mutter? Habt ihr euch gut gekannt? Hat sie sich auf mich gefreut? War sie wirklich die Schönste aller Frauen, so wie Halamor es behauptet? Hast du…«

Mit einer abwehrenden Handbewegung stoppt Saragunde Miriandas Redeschwall. Sie gießt sich aus der Tonkaraffe ein wenig Wasser in den Glaskelch, nimmt einen Schluck. Richtet sich auf und atmet dreimal tief ein und aus. »Ich werde berichten, was ich zu berichten habe. Du aber darfst mich nicht unterbrechen. Ich spüre, ich habe nicht mehr viel Zeit. Die Ahnen kreisen über unseren Köpfen, auch sie spüren es. Was ich dir zu sagen habe, wird deine Welt, dein Leben verändern. Ich habe es deiner Mutter auf dem Sterbebett versprochen. Ich muss dir alles erzählen, damit ich in Ruhe sterben kann. Wirst du mich reden lassen, ohne mich zu unterbrechen?«, fragt sie und sucht Miriandas Blick.

Deren Wangen sind gerötet, ununterbrochen knetet sie ihre Hände. Sie schluckt heftig, nickt zustimmend.

»Du tust gut daran«, seufzt Saragunde. »Ich verspreche dir, so lange ein Hauch Leben in mir ist, werde ich dir berichten.« Noch einmal schickt sie einen Blick gen Himmel. Beobachtet die über ihnen krakeelenden Tiere. Schüttelt den Kopf, lacht auf, versinkt für einen Augenblick in das Zwiegespräch mit den Gefiederten. Die Krähen durchbrechen ihren Kreis und verteilen sich auf den Zweigen der umstehenden Bäume. Saragunde lächelt zufrieden. Sie wendet sich Mirianda zu und erzählt.

Lange vor deiner Geburt bat Amarun, der einstige König Wardistans, den Zauberer Halamor, ihm zu helfen. Obwohl der König aufgrund vergangener Kriege die Magie so sehr fürchtete, dass er sein Land der Kirche und der heiligen Inquisition unterstellte, sah er nirgendwo einen anderen Ausweg. Weil alle Gebete zu Gott ihm und seinen Untertanen nicht halfen, blieb die Schwarze Kunst Halamors seine letzte Hoffnung. Seit Monden hatte die Erde keinen Regen gesehen. Die Flüsse trockneten aus, das Land verdorrte und das gemeine Volk litt unter der Dürre. König Amarun bot dem Zauberer, zur Abgeltung seiner Dienste, unbegrenzten Zutritt zur Bibliothek der geheimen Bücher. Die meisten der nicht Magiebegabten jener Zeit fürchteten deren Macht. Die Menschen unterschieden nicht mehr zwischen heller und dunkler Magie und so sperrten sie jedes Zauberbuch weg, dessen sie habhaft wurden. Dieses gesammelte, uralte Wissen lagerte bewacht und gesichert in den Katakomben unterhalb des Königsschlosses.

Halamor entstammte einer Nebenlinie des Herrschergeblüts. Von Kindesbeinen an lebte der arme Anverwandte am Hof des Königs.

Amarun nahm ihn auf, gewährte ihm dieselbe Bildung, die er seinem Sohn zukommen ließ. Trotz des Wissens, dass in den Adern des Zöglings eine machtvolle Magie heranwuchs, vertraute er ihm und stellte er ihn unter seinen persönlichen Schutz.

Doch der Junge dankte es ihm nicht. Er neidete dem Königssohn die Königswürde. Trachtete insgeheim nach dem, was ihm qua Geburt nicht zustand. In seinen frühen Jahren schon beschloss Halamor, der Mächtigste aller irdischen Zauberer zu werden. Er verbarg diesen Wunsch lange tief in sich. Er war sich gewiss, seine Zeit würde kommen. Die Bitte des Amaruns war für ihn wie ein Fingerzeig Gottes. Halamor versprach, dem verzweifelten Herrscher zu helfen. Weil seine Magie für so eine große Aufgabe nicht ausgeprägt sei, erbat er sofortigen Zugang zur Bibliothek der geheimen Bücher. Der König, in seiner Not und im Vertrauen auf Halamors Ergebenheit, gewährte ihm diesen Wunsch unter der Bedingung, dass der am Königshof weilende Großinquisitor Haradan, jeden von Halamors Schritten begleite. Der junge Zauberer willigte ein.

Mithilfe eines Denkzaubers lernte er schnell. Er las die Seite eines Buches nur flüchtig und schon war das Wissen in seinem Kopf gespeichert.

In den langen Tagen und Nächten, die sie in den Katakomben mit dem Studium der Bücher verbrachten, erkannten der Halamor und der Haradan ihre Seelenverwandtschaft. Der Inquisitor, ein von Neid zerfressener Priester, über keinerlei Magie verfügend, verschrieb sich der Ausrottung alles Magischen und sicherte sich dafür den Segen von Papst und König. Das Streben nach irdischer Macht bildete den teuflischen Nährboden ihres Bündnisses.

Nur wenige Wochen später vollführten die beiden in Anwesenheit von König Amaruns und dessen Gefolge das Ritual der Wetterwende. Seiner jugendlichen Aufregung geschuldet verwechselte der Zauberer die Kräuter für das Verbrennungsopfer. Es gelang ihm, an jenem Tag den Regen herbeizurufen, die Wolkendecke über Wardistan blieb bis heute verschlossen. Den Dauerregen besänftigte Halamor, die ewige Dämmerung wurde im Lauf der Jahre zum Wahrzeichen seiner Macht. Amarun zeigte sich anfangs dankbar. Er schenkte dem Jungen Ländereien und dauerhaft unbegrenzten Zugang zu den Büchern. Mit der Zeit aber, aufgrund des fehlenden Sonnenlichts, kamen ihm Zweifel an der Redlichkeit Halamors. Lange gelang es Haradan, die Vorbehalte des Königs zu besänftigen.

Im fünften Jahr der Dämmerung bezichtigte Amarun den Zauberer frevelhafter Absichten. In einem Anflug höchster Wut und mit dem Ausbrechen dunkelster Magie tötete der Zögling König Amarun und all seine Anverwandten. Der Beauftragte des Papstes, Inquisitor Haradan, krönte kurze Zeit später den Zauberer Halamor zum rechtmäßigen Herrscher. Doch das Land war wegen der langen Dürre und des fehlenden Sonnenlichts verarmt. Nichts wuchs auf den einst üppigen Feldern. Alle Vorräte waren verbraucht. Aus den Menschen ließen sich keine Schätze pressen. So rüstete König Halamor seine Truppen und brachte, weit über die Grenzen von Wardistan hinaus, Angst und Schrecken in die Welt. Er brandschatzte in der Grenzregion, raubte die schönsten Frauen. Im anhaltenden Dämmerlicht verloren sie alle ihre Schönheit und nicht wenige von ihnen das Leben. Keine gebar ihm ein Kind. Der mächtigste Zauberer der Welt verfügte dank seiner Raubzüge über großen Reichtum. Kein Sprössling zierte seinen Hof. Ein Herrscher ohne Thronfolger ist wie ein König ohne Land.

Mirianda rutscht auf ihrem Stuhl hin und her, doch bei Saragundes den letzten Worten hält sie es nicht auf ihrem Platz. Sie springt mit zornesrotem Kopf auf »So dankst du ihm seine Güte? Er hat dich hierher zu mir gebracht!«

»Schweig!«, ruft die Heilerin mit rasselnder Stimme. Sie wirft ihren Umhang von den Schultern und hebt die Arme gen Himmel. Sie wächst in die Höhe. Alles Schwache und Kranke fällt von ihr ab. Vor Mirianda steht eine hochgewachsene Frau, die langen weißen Haare flattern im Wind, Flügeln gleich. Die Krähen um sie herum krächzen und trippeln aufgeregt auf ihren Plätzen. Saragundes linker Arm kreist zweimal langsam durch Luft, dann fällt er wie ein Stein zurück. Die geballte Faust landet in der geöffneten rechten Hand. Die Krähen verstummen, alles verstummt. Kein Vogelgezwitscher, kein Bienensummen, kein Käferbrummen. Für einen Augenblick steht die Welt still.

Miriandas Mund öffnet sich, ob der merklichen Wandlung der Heilerin, doch nicht ein Laut ist zu hören. Saragundes Haut schimmert sanft in den Farben des Regenbogens. Das helle Leuchten umschließt Mirianda, besänftigt ihren Zorn.

»Setz dich und lausche!«, fordert Saragunde mit weicher Stimme. Diese greift Halt suchend hinter sich, lässt sich auf den Stuhl fallen. Die Heilerin löst eine zartgliedrige Kette mit einem blau schimmernden Anhänger von ihrem Hals. Ein einflügliger Drache mit einem Rubinauge. Im weit geöffneten Maul trägt er ein Zepter aus feurig roter Koralle. »Dies ist deine Hälfte des Amuletts deiner Mutter. Sie gab es mir, damit ich es für dich bewahre. Möge es dich auf deinem Weg begleiten, dich mit seiner Macht schützen und dich in finsteren Zeiten lehren, das Richtige zu tun.«

Zittrig greift Mirianda nach dem Drachenamulett. Das Erbe Soranas. Zum ersten Mal berührt ihre Haut etwas, was der Mutter gehörte. Ein wildes Feuer durchströmt ihren Körper. Sie hält den Atem an. Folgt dem Impuls, die Kette von sich zu werfen, doch Saragunde umschließt Miriandas Hand mit ihren Fingern. »Nicht!«, sagt sie. »Das Amulett will dich kennenlernen. Du spürst die Energie deiner Ahnen, sie erkunden dich, Pore für Pore. Sie sind dir wohlgesonnen.«

Mirianda sitzt wie erstarrt auf der Kante ihres Stuhls. Die Heilerin nimmt ihr das Amulett aus der Hand, beugt sich vor und legt es ihr um den Hals. »Du musst es gut hüten! Gib es niemandem, außer deiner Erstgeborenen. Ihre Aufgabe wird es sein, das fehlende Teil mit deinem Teil zu vereinen. In höchster Not wird die Kraft des Drachen deine Familie und dein Volk retten.«

Miriandas Haut kribbelt. An der Stelle über ihrem Herz, an der das Amulett sie berührt, breitet sich ein Leuchten aus. Durchströmt ihrem gesamten Körper, bis sie von innen herausleuchtet. »Es ist magisch!«, sagt sie ihre strahlenden Hände betrachtend. »Vater duldet keine Magie im Schloss.« Mirianda schüttelt den Kopf, als wäre dieser Gedanke ein lästiges Insekt.

»Es ist magisch!«, bestätigt Saragunde. »Dem Amulett haftet die Lebenskraft deiner Mutter an, verbindet sich mit der deinen. Deine innere Sonne erwacht. Eines Tages wird deine Tochter seine wahre Magie freisetzen. Aber bis dahin fällt noch viel Wasser vom Himmel herunter und du wirst uns alle von Halamors Knechtschaft erlösen!«

Mirianda öffnet den Mund. Fragen brennen in ihr. Doch bevor ein Wort den Weg auf ihre Lippen findet, spricht die Heilerin weiter. »Ein Geschenk habe ich noch für dich, nur fürchte ich, dieses wird dir nicht gefallen.« Saragundes klauenartige Hände greifen nach ihr. Das sich ausbreitende Strahlen der Heilerin, verbindet sich mit dem Leuchten von Miriandas Haut. Die Heilerin Saragunde löst sich vor Mirianda in Luft auf.

»Bis zum heutigen Tag habe ich all meine Kräfte aufgespart, um dir meine Erinnerungen zu schenken. Was du jetzt siehst, wirst du nur einmal sehen.« Mirianda hört das Lächeln in Saragundes Stimme. Einem Windhauch ähnlich streift die sanfte Berührung der Heilerin ihre Haut, auch wenn sie die Hände der anderen nicht länger erkennt. Tränen fließen.

»So viel hängt von dir ab, Kind. Die Hoffnungen Wardistans liegen auf dir. Enttäusche sie nicht! Enttäusche deine Mutter nicht!«

Noch einmal umschmeichelt ein Windhauch Miriandas Gesicht, sanft wie ein Kuss fährt er über ihre Stirn. Mit ihrem letzten Atemzug setzt Saragunde ihre Erinnerungen frei.

Saragundes Offenbarung

Wie in einem Traum zieht das Leben der Heilerin an Mirianda vorüber. Sie sieht blühende Rapsfelder, Sonnenlicht. Riecht das Holz brennender Häuser. Der Himmel verdunkelt sich. Auf einem Hügel steht Halamor und zeichnet rätselhafte Kreise. Männer mit wilden Bärten, bewaffnet mit Schwertern und Äxten, erschlagen Kinder, Frauen, Alte. Die Beschwörungen der Dorfbewohner prallen an Halamors Magie ab, verpuffen. Sein Lachen dröhnt in Miriandas Ohren. Staunend beobachtet sie, wie die Getöteten sich in Krähen verwandeln, einige Kreise über dem Ort ziehen, bevor sie laut kreischend in der Dämmerung entschwinden.

Die Bilder vor Miriandas Augen werden schneller. Überlappen sich. Sie zeigen Saragunde in gleißendes Licht gehüllt im Thronsaal vor König Halamor stehend. Sonnenhelle Felder in Frühlingsblüte wechseln zu blutiger Erde. Stumm schreiende Frauen und Kinder. Tote, überall Tote. Männer in der Uniform Wardistans morden, brandschatzen und rauben, dazwischen Halamor und Haradan in glänzender Rüstung, stets mit gezückten Schwertern oder einen Morgenstern schwingend. Die Erinnerungen fließen immer weiter, immer schneller. Bis sie sich inmitten eines wüsten Festes verlangsamen.

Mirianda hört die Stimmen der Feiernden, die Musik. Sie findet sich mitten im Geschehen wieder. Eine der Frauen tanzt mit geschlossenen Augen auf sie zu. Sie versucht auszuweichen, aber zu spät. Der Arm der Tänzerin ragt durch sie hindurch. Mirianda greift haltsuchend hinter sich, nach einer reich gedeckten Tafel mit kross gebratenen Fleischstücken, dampfendem Fladenbrot und riesigen Obstschalen, doch sie stolpert, fällt hin. Steht verwirrt wieder auf. Traut ihren Sinnen nicht mehr. Um sich zu vergewissern, greift sie nach einem Stück Brot, bekommt es nicht zu fassen. Die beringte Hand eines Mannes packt durch sie hindurch eine Karaffe Wein vom Tisch.

Ich bin für sie unsichtbar und doch mitten unter ihnen. Ich bin in Saragundes Erinnerung!

Mirianda schiebt den Gedanken zur Seite. Dreht sich langsam einmal um sich selbst. Sie ist den Kriegern Wardistans so nah. Sie ist die stumme Zeugin aus einer anderen Zeit. Oberflächlich betrachtet sieht alles nach einem Fest aus, doch ist die Atmosphäre eher rau und bedrohlich.

Die Gesichter der Männer, gierig und trunken. Die der sich anmutig bewegenden Tänzerinnen wirken maskenhaft, wie erstarrt.

Halamor erhebt sich von einem bunt bestickten Kissen. Er winkt den Musikern, seinen johlenden Mannen und den Frauen, niemand missachtet sein Kommando. Mirianda schließt sich dem Zug an. Lärmend ziehen die Menschen durch die Flure des Schlosses, bis der König erneut die Hand hebt. Alle halten in ihren Bewegungen inne, die Musik verstummt. »Königin Sorana«, flüstern die Tänzerinnen.

Mirianda drängt sich weiter nach vorn.

Mutter! Ich werde gleich Mutter sehen! Abrupt bleibt sie mit vor Schreck geweiteten Augen stehen.

Die Königin empfängt Halamor im Ornat einer Kämpferin vor der Tür zu ihren Kammern. Bewaffnet mit Schwert und Axt. Ihre Haut strahlt und erfüllt alles und jeden mit einem gleißenden Licht.

Nur ihn nicht! Heiß und kalt durchläuft die Angst Miriandas Körper. Sie will sich schützend vor ihre Mutter Sorana stellen, sie vor dem Vater beschützen.

Der König lacht höhnisch. »Du wagst es, dich mir zu widersetzen?«

»Du wagst es, in mein Land und mein Schloss einzudringen?«, faucht Sorana, hebt das Schwert zum Angriff. Mit all ihrer Wut schlägt sie auf ihn ein.

Viele schmerzhafte Wunden erträgt er, bevor es ihm gelingt, sie zu schänden. Obwohl alle zusehen, lässt er nicht von ihr. Halamor wird von seiner Gier überwältigt. Im Blut des Kampfes macht er sich Sorana untertan. Das von der Königin ausgehende Strahlen erlischt und weicht einem graublauen Dämmerschein.

Mirianda hält den Atem an. Schließt ihre Augen. Vergessen. Das ist nicht wahr! Alles in ihr schmerzt. Sie drückt die Handflächen gegen den Schädel. Schreit, laut. Niemand hört ihren Schrei. Was sie gesehen hat, ist die Wahrheit. Sie weigert sich, wehrt sich, doch es ist so ihrer Mutter widerfahren. Die Bilder sind eingebrannt in sie. Sind jetzt auch ihre Erinnerungen. Sie weint. Setzt sich inmitten des Getümmels. Hebt den Kopf erst wieder, als es um sie herum leiser wird. Das Geschehen gleicht nun einem lebendig gewordenen Gemälde.

Hinsehen! Sieh hin!

Mirianda erhebt sich schwerfällig, beobachtet aus sicherer Entfernung.

Vor Soranas Augen lässt der König drei der ihr treu ergebenen Untertanen von seinen Kriegern vierteilen. Bevor sich die Schlächter dem vierten Mann nähern, hebt Sorana die Hand und stimmt der Hochzeit mit Halamor zu. Sie überreicht ihm Krone und Zepter. In einer schnellen Zeremonie ernennt der König seinen Gefährten, den Inquisitor Haradan zum Lohn für seine treuen Dienste, zu seinem Lehnsmann über das Mittelreich.

Miriandas Tränen der Trauer und der Wut versiegen, weichen der eisigen Hand des Zorns. Ein schützender Nebel hüllt das Geschehen ein. Distanziert, wie aus weiter Ferne beobachtet sie Soranas Weigerung, mit Halamor im Schloss zu leben. Sie sieht den sich stetig wölbenden Bauch ihrer Mutter, die Wachen vor dem Gewölbe. Saragunde umsorgt die Entkräftete mit Licht und Wärme, aus der Quelle der ihr eigenen Magie. Sie reicht Heilkräuter und Speisen.

Ein lauter Schrei Soranas rüttelt Mirianda aus der Erstarrung. Saragunde eilt an das Bett der Königin. Streicht mit der Hand über den gewölbten Bauch. »Es ist bald so weit«, bestätigt sie deren fragenden Blick. Die Heilerin dreht sich um, doch Sorana packt sie fest am Handgelenk. »Du bist mir in den letzten Monden zu einer engen Freundin geworden. Außer dir habe ich keine Vertrauten. Meine Kraft schwindet, ich werde den morgigen Tag nicht erleben. Ich lege das Schicksal des Mittelreiches und das Schicksal meiner ungeborenen Tochter in deine Hände.«

Sorana nimmt ein Amulett von ihrem Hals und überreicht es Saragunde. »Dies ist das einzig Wertvolle, das Halamor mir ließ. Ich schloss all meine Sonnenkraft darin ein und verbarg so seine wahre Macht vor ihm. Es ist die Quelle der heiligen Kraft meines Volkes. Auf keinen Fall darf es in seine dunklen Hände geraten, sonst ist unsere Welt dem Licht für immer verloren.« Sorana trinkt einen Schluck aus dem Kelch, den Saragunde ihr reicht. »Du bist eine Magierin aus dem Volk der Merowinger. Deiner Lichtmagie wird es sich anvertrauen. Teile es und seine Macht wird bewahrt sein, bis zu dem Tag an dem sich alles entscheidet. Überbringe eine Hälfte an meine Tochter, am Tag ihrer Volljährigkeit. Sobald sie es trägt, wird mein Licht auf sie übergehen. Verkünde ihr die Prophezeiung, die du in meinen letzten Minuten hören wirst. Den anderen Teil bringe in die Anderwelt.«

Saragunde holt tief Atem, doch Sorana schüttelt kaum merklich den Kopf. »Ihr Merowinger besitzt wie kein anderes Volk die Gabe, in die Anderwelt zu reisen. Finde dort ein Kind, dessen Seele rein ist und dessen Herz, überwuchert von der Blume des Schmerzes, sich nach dem Licht der Liebe verzehrt. Hinterlasse diesem Kind ein Tor, auf dass es den Weg in unsere Welt findet, wenn es an der Zeit ist. Mit der Sehnsucht dieses Kindes aus der Anderwelt und mithilfe des Amuletts meiner Ahnen, wird am Tag der Entscheidung das Licht in unsere Welt zurückkehren.« Sorana sucht Saragundes Blick. »Schwörst du es?«, fragt sie flehend.

»Ich schwöre bei allem, was meinen Ahnen heilig ist«, antwortet die Heilerin und greift ehrfürchtig nach dem Amulett.

In dieser Nacht gebiert die Königin. Saragunde legt der Geschwächten den Säugling auf den nackten Bauch. Im Augenblick, in dem sich die Wärme von Mutter und Kind verbindet, löst sich Soranas Aura. Hüllt sich, einem Schutzmantel gleich, um den knittrigen Körper des Mädchens und um die Heilerin, bis sie im Inneren des Neugeborenen eingeschlossen ist. Mit einer Stimme, fern, wie aus einer anderen Sphäre, verkündet die Königin: »Du bist Mirianda, Tochter Halamors des Dunklen und Tochter Soranas, der im Licht Geborenen. Möge die Kraft meiner Liebe dich und die deinen nie verlassen. Aus Gegensätzen schaffe ein Ganzes. Ist wieder vereint, was Halamor trennte, wird seine Macht gebrochen sein!«

Mit diesen Worten verlöscht das Licht. Soranas von der Dunkelheit geschwächtes Herz hört auf zu schlagen. Behutsam nimmt Saragunde Mirianda auf, hebt sie hoch über ihren Kopf, zeigt sie den Dienerinnen. »Ihr hörtet, was die Königin sprach. Dieses Kind wird uns von Halamors Dunkelheit befreien. Schützen wir es mit unseren Körpern und mit unserem Schweigen!«, fordert sie die sie umringenden Frauen auf. »Ein Wort von dem, was ihr hier erlebt und gehört, und eure Kinder mögen zu Staub zerfallen!«, zischt Saragunde.

Die Heilerin badet und wickelt den Säugling und bringt ihn zum König. Sie überreicht ihm das lebendige Bündel. »Sorana ist verstorben, aber vorher gab sie deinem Kind den Namen Mirianda.«

Halamor sieht sie mit finsterem Blick an. »Verschwinde aus meinem Schloss!«, befiehlt er.

Saragunde lacht hart. »Ich werde gehen. Doch einmal noch werden wir uns wiedersehen.«

Seine Adern an den Schläfen färben sich dunkel und pulsieren.

»An Miriandas siebzehnten Geburtstag werde ich zurückkehren, um ihr die Wünsche ihrer Mutter zu überbringen.«

Halamor springt auf, den Zeigefinger der Schwerthand drohend auf die Heilerin gerichtet. »Nie wieder wirst du dieses Schloss betreten, oder du bist des Todes«, brüllt er sie an.

Ein wissendes Lächeln huscht über Saragundes Gesicht. »Indem ich deiner Tochter mit meiner Magie ins Leben verhalf, hast du dich an mich gebunden. Soranas letzte Atemzüge galten einem Schutzzauber für deine Tochter, in den sie mich einschloss. Brichst du ihn, wird dein Geschlecht mit dir untergehen.« Mit diesen Worten wendet sie ihm den Rücken zu und verlässt das Schloss.

Miriandas Reise

Miriandas Gesicht ist tränennass. Ihr Körper ist vom Erlebten wie betäubt. Lautes Gekreische holt sie aus ihrer Erstarrung in die Gegenwart zurück. Einen letzten Blick erhascht sie auf Saragundes Traumgestalt, die einem vergehenden Regenbogen gleich, in der Dämmerung entschwindet.

Noch immer hockt Mirianda auf dem Sessel im Pavillon. Auf dem Tisch steht unberührt die Karaffe mit Wasser. Die Heilerin ist verschwunden. Nur ihr Umhang liegt leer auf dem Kissen ihres Stuhls. Der Himmel ist schwarz und drohend. Hunderte Krähen verdunkeln ihn, laut kreischend ziehen sie ihre Kreise.

Mirianda nimmt den Umhang auf den Schoß. Sie streicht mit den Fingern über das kühle Metall an ihrer Brust. Saragunde war kein Traumgespinst. Sie friert. Was sie wie im Traum sah und hörte, ist die Wahrheit. Das Amulett ist dafür ebenso Beweis, wie ihre im Dämmerlicht hell schimmernde Haut. Ihr geliebter Vater Halamor ist ein Magier, ein Weltverdunkler, ein Krieger und ein Menschenschinder. Er war der Schänder ihrer Mutter. Er war schuld an ihrem Tod. Eine ungekannte Kälte kriecht durch Miriandas Körper, breitet sich aus. Sie hebt den Blick gen Himmel. Nicht die Krähen irritieren sie. Es ist die fehlende Helligkeit. Die Dämmerung nicht mehr eine weitere Schandtat des Königs, seine erste vielleicht. Doch es gibt eine Welt hinter den Wolken. Jetzt kennt sie die Sonne. Ihre Mutter war Königin Sorana, die im Licht Geborene.

Mirianda verlässt den Pavillon, steigt Stufe um Stufe zum Schloss empor. In den Fenstern sucht sie nach der Gestalt des Vaters. Er zeigt sich nicht. Kurz entschlossen wirft Mirianda sich den Umhang der Heilerin über. In der Ferne hört sie das heisere Krächzen der Krähen. Die Tochter des Königs schleicht an ihrem siebzehnten Geburtstag, um Jahre gealtert, aus dem väterlichen Schloss. Nur einmal dreht sie sich um, wirft einen Blick auf sein Turmzimmer. In ihrem Gesicht spiegeln sich Trauer und Angst. Ein greller Lichtblitz erhellt den Himmel über dem Turm, in dessen Fenster sie den Schatten des Halamors erkennt.

Drei Tage und Nächte läuft Mirianda, ohne innezuhalten. Keiner Menschenseele begegnet sie. Sie meidet die Siedlungen der Menschen. Die Gefahr erkannt zu werden ist groß. Sie kennt ihren Weg nicht, noch ihr Ziel. Sie folgt dem Schwarm der Schwarzgefiederten, der sie seit jenem Tag im Pavillon begleitet. Bis auf die einsilbigen Unterhaltungen mit einer Krähe, die sich mutig auf ihrer Schulter niederlässt und in der sie den Geist Saragundes erahnt, spricht sie kein Wort. Versunken in ihre düsteren Gedanken läuft sie Schritt um Schritt. Am dritten Tag sinkt sie erschöpft am Ufer eines Sees zu Boden, trinkt gierig von dem klaren Wasser, legt sich nieder und schläft ein. Im Traum hört sie fernes Gewisper. Wirft sich ruhelos von einer Seite auf die andere, doch die Stimmen kommen immer näher.

Blinzelnd öffnet Mirianda die Augen und sieht sich umringt von fünf moosbewachsenen Gestalten. »Warum stört ihr meinen Schlaf?«, fragt sie.

»Wir wollen nicht stören«, antworten die Wesen im Chor, wie aus einem Mund. »Wir sind die Mingowen, die Moosigen. Wir fanden dich im Schlaf der Erschöpfung am Rande des dunklen Sees. In den Wäldern hörten wir die Häscher Halamors nahen, deshalb brachten wir dich in Sicherheit.«

»Wo ist in Sicherheit?«, fragt Mirianda, sich unauffällig umsehend.

»Im Schloss von König Erdschwer.« Die Umstehenden wackeln mit den moosigen Köpfen. »Hier im Inneren der Erde leben wir seit Anbruch der großen Dämmerung.« Die Mingower versinken in düsterem Schweigen.

»Ach papperlapapp«, ruft eine Mingowin aus, der das Moos wie ein Bart im Gesicht zu wachsen scheint. »Was stehen wir hier rum und reden und reden und das arme Kind verhungert!« Energisch erhebt sie sich.

»Aber ihr wisst doch gar nicht, wer ich bin?«, wehrt sie ab.

»Pah, das weiß doch jedes Kind« lacht die Moosige. »Die Prophezeiung besagt, das Mirianda, Tochter der Sorana und des Halamor, aus Gegensätzen ein Ganzes schaffen wird und wieder vereint, was Halamor einst trennte. Und Kind, glaub mir, seit Beginn der Dämmerung haben wir nie wieder einen Menschen so hell leuchten sehen wie dich.«

Die Mingowen lachen.

»Mir für meinen Teil genügt das«, fügt die Moosige forsch hinzu.

»Wir kennen und wir wissen«, murmeln die anderen Mingowen und verneigen sich vor Mirianda.

»Schluss jetzt!«, poltert die Moosige. »Wir gehen ins Schloss, das Abendmahl wartet.« Mit diesen Worten ergreift sie Miriandas Hand und bedeutet ihr, aufzustehen. Mirianda gehorcht. Sie laufen durch von Fackeln beleuchtete Gänge. Wände aus purem Gold, dessen weicher Glanz das Licht reflektiert und so die Räume heller scheinen lässt. Getrieben von Hunger und Neugier vergisst sie, dass sie hunderte Klafter tief ins Innere der Erde läuft. Unzählige Biegungen später erreichen sie einen taghell erleuchteten Saal. Mirianda kneift die Augen zusammen. Sie folgt mit dem Blick den Stimmen der Mingowen. Munter schwatzend lassen sie sich an einer reich gedeckten Tafel nieder. An der Stirnseite sitzt ein stattlicher Mann. Dunkle Locken und ein schwarzer Bart umrahmen sein Gesicht.

»Ihr müsst König Erdschwer sein«, entfährt es ihr. Seine freundlichen und sanften Gesichtszüge ziehen sie an. Mit einer einladenden Geste fordert er sie auf, neben ihm Platz zu nehmen. Schweigend essen Erdschwer und Mirianda, einander unauffällige Blicke zuwerfend und scheinbar den Gesprächen der Anwesenden lauschend. Wie aus weiter Ferne hört sie die Moosige.

»Das Feuer ist entfacht, der Wein entkorkt, möge der Funke springen.« Mit diesen Worten beugt sie sich vor und flüstert Mirianda zu »Falls Ihr unsere Hilfe benötigt, wir sind Euch stets zu Diensten.« Sie verbeugt sich vor Erdschwer und verlässt im Kreis der ihren den Raum.

Die vielen Eindrücke der vergangenen Tage, das Licht im Saal, die Wärme des Holzfeuers und die fast greifbare Zuneigung, mit der Erdschwer sie betrachtet, verwirren Mirianda. Nie saß sie mit einem Fremden allein am Kamin. Nie war sie einem ihr Unbekannten so nah. Das Feuer knackt und wirft züngelnde Schatten an die Wand. Die leise Stimme des Königs bricht das Schweigen.

»Vor langer Zeit, als es in Wardistan noch Sonnenlicht gab, arbeiteten die Menschen hart, um dem Boden seine Früchte zu entlocken. Das Leben war schwer und mühevoll, und dennoch feierten wir Feste, freuten uns über Geburten und trauerten, wenn einer der unseren uns für immer verließ.« Erdschwer seufzt. »Als Halamor die Dunkelheit rief, war alles vorbei. Was du hier siehst, ist ein Abglanz unseres Lebens unter der Sonne. Sobald die Mingowen mir sagten, wen sie schlafend am dunklen See fanden, wollte ich dich auf der Stelle in den tiefsten Kerker werfen.« Erdschwer sieht ihr direkt in die Augen. Sie hält seinem Blick stand. »Doch die Mingowen erinnerten mich an die Prophezeiung von der strahlenden Jungfrau, die das Licht der Sonne in sich trägt und uns alle befreien wird.«

Mirianda schließt die Augen und lauscht den Worten des Königs. All das Leid und die Hoffnungslosigkeit, die Halamor über das Land brachte, lasten in diesem Augenblick auf ihren Schultern. »Was soll ich tun?«, flüstert sie.

»Dein Vater ist krank vor Sehnsucht nach dir. Sein Schmerz lässt Wardistan Tag für Tag dunkler werden. Finde einen Weg. Bring uns die Sonne zurück!« Schatten der Trauer vibrieren in Erdschwers Stimme.

Kummer presst Miriandas Brust zusammen. Sie schluchzt. »Ich verspreche es bei meinem Leben. Ich werde den Weg finden«. Tränen tropfen auf ihre Hände. Sie zittert. Erdschwer legt behutsam seine Arme um sie. So hocken sie lange und halten einander fest. Zwei beladene Seelen, keinen Ausweg wissend. Ihre Augen schließen sich vor Müdigkeit. »Du musst gehen«, flüstert er ihr zu.

»Kann ich nicht bei dir bleiben«, fragt Mirianda. Erdschwer schüttelt bedauernd den Kopf. »Die Nacht neigt sich dem Ende entgegen. Ein Erdenmensch, der vor Tagesanbruch den Weg an die Oberfläche nicht schafft, verwandelt sich in einen Mingowen, ein Wesen der Nacht. All unsere Hoffnung und meine Liebe sind mit dir. Mirianda, nur als Mensch kannst du uns retten!« Mit diesen Worten verabschiedet sich der König von ihr, doch sein sehnsuchtsvoller Blick sagt: »Bleib!«

Ohne Miriandas Antwort abzuwarten, verschwindet Erdschwer durch eine kaum wahrnehmbare Tür in der Wand. Etwas zupft an ihrem Arm. Die Moosige ist unbemerkt neben sie getreten. »Es ist Zeit!«, fordert sie Mirianda auf. Ergreift ihre Hand und führt sie auf denselben verschlungenen Wegen aus dem Schloss, auf denen sie es betreten hat. Schweigend laufen die beiden durch die vom Gold erleuchteten Gänge. Die Moosige summt eine sich immer wiederholende Melodie, von der Mirianda noch schläfriger wird. Auf einem Feld, unter einer alten Eiche, halten sie. Es bedarf keiner Aufforderung. Sie legt sich mit geschlossenen Augen in das wispernde Gras. Die Stimme der Moosigen klingt weit entfernt und doch nah genug, dass Mirianda ihre Worte versteht. »Dies ist der heilige Baum, das Herz Wardistans. Hier fanden wir vor langer Zeit König Erdschwer in den Armen seines Bruders König Windleicht. Beide sterbenskrank, von Halamors Fluch getroffen. Dies wäre ihr Grab geworden, hätten wir sie nicht voneinander getrennt. Der eine kann nur in den Tiefen der Erde, der andere nur in den Höhen der Lüfte überleben. Auf der Erde leben können sie nur kurze Zeit, einander festhaltend. Doch schnell schwinden auf diese Art ihre Lebensgeister. Finde König Windleicht! Füge zusammen, was Halamor getrennt!«

Wo? Die Frage wabert durch ihren müden Kopf.

Über der Dämmerung antwortet die sanfte Stimme. Jetzt aber schlaf! Leise summt die Moosige wieder die fremde Melodie, mit der sie sich langsam aus Miriandas Gedanken zurückzieht.

Am Morgen erwacht Mirianda unter dem ausladenden Dach der alten Eiche. Nach dem Besuch in König Erdschwers goldener Schattenwelt erscheint ihr das Dämmerlicht Wardistans dunkler als je zuvor.

Aus dem nahe gelegenen Wald sind Schritte zu hören. Äste knacken unter schweren Stiefeln. »Ein Licht« hört sie eine knurrige Stimme rufen. »Es bewegt sich!«

»Wenn das mal nicht unser Prinzesschen ist«, antwortet eine andere Männerstimme.

»Halamor wird es uns lohnen«, ruft ein Dritter.

»Gold, Vieh und Weiber«, grölt ein Vierter.

Mirianda wirft sich hastig Saragundes Umhang über. Das Leuchten verschwindet. Sie sucht mit den Augen ein Versteck. Das Gras ist zu niedrig, das wogende Weizenfeld zu viele Schritte entfernt. Sie wendet den Blick nach oben. Das Blätterdach der Eiche ragt weit in die Wolken hinein. Sie knotet ihre Röcke zusammen, sodass sie den Beinkleidern von Männern ähneln. Ihre Schuhe steckt sie in den Ausschnitt ihres Kleides. Jetzt kommen ihr die Spiele ihrer Kindertage zugute. Oft hatte sie sich auf den Bäumen im Garten vor den Rufen der Zofen versteckt. Eichhörnchenflink klettert sie empor. Mit einer Hand berührt sie schon die Wolken, da dringen die Stimmen der Männer zu ihr herauf. Mirianda hält inne. Wagt einen Blick nach unten.

Sie laufen suchend um den Baum herum. »Verfluchtes Weib« hört sie den mit der knurrigen Stimme murren. »Die Hexe hat sich in Luft aufgelöst!« Lautes Gekreisch übertönt das Geräusch der knackenden Äste unter ihren Füßen.

»Verdammtes Miestvieh« brüllt einer der Männer.

In diesem Augenblick durchbricht Mirianda die Grenze zwischen Erde und Himmel. Eingehüllt in den Wolkennebel, bemerkt sie eine Erschütterung des Baumes. Sie fürchtet, die Männer haben sie entdeckt und folgen ihr. Sie klammert sie sich an die dünner werdenden Äste. Der Wind zerrt an ihren Haaren, heftig und kühl. Die Furcht lässt Mirianda erlahmen. Zwei Meter über ihr ein kräftiger Ast. Mit letzter Kraft zieht sich nach oben. Angekommen kauert sie sich zusammen. Schlingt Arme und Beine um den Stamm des Baumes. Auf jedes Geräusch lauschend, sinkt sie allmählich in einen Schlummerzustand zwischen Wachen und Schlafen.

Im Traum hört sie leises Flügelschlagen und heiseres Krächzen. Über alle dem klingt das Lied der Moosigen. Mit ausgebreiteten Armen schwebt sie, einem Vogel gleich, durch die Lüfte. Immer höher und höher, bis sie erwacht. Mirianda öffnet die Augen, berauscht von diesem Traumflug und gestärkt von der Musik. Doch statt des rutschigen Asts steht sie festen Boden. Kühl und glatt belebt er ihre nackten Fußsohlen. Um sie herum ist es windstill. Wohin sie den Blick auch wendet, sie schaut in den Himmel, so strahlend blau, wie sie ihn nur von den Gemälden in Erdschwers Schloss und aus Saragundes Erinnerungen kennt. Weit unter ihr die geschlossene Wolkendecke. Sie hockt sich auf den Boden, tastet und klopft, staunt. Hoch über den Wolken steht sie in einem Raum aus Glas.

»Willkommen in meinem Palast, Mirianda, Tochter der Lichtgeborenen und des Dunklen!« Die silberhelle Stimme reißt sie aus ihren Gedanken. Sie wirbelt herum, springt auf. Ein Gesicht, umrahmt von hellen Locken, mit markanter Nase lächelt sie an. Ein Mann, so durchscheinend wie sein Palast aus Glas. Ein Blick in seine Augen, lapisblau, lässt sie alle eben noch drängenden Fragen vergessen. Eine nie gekannte Wärme durchströmt sie, auf ihrem Antlitz zeigt sich ein strahlendes Lächeln.

»Schön, dass Euch gefällt, was Ihr seht, denn auch mir gefällt, was ich sehe!« Der Unbekannte deutet eine Verbeugung an. Mirianda errötet.

»König Windleicht«, stellt er sich vor. Galant bietet er ihr seinen lichtschimmernden Arm. Führt sie in einen Saal, von Sonnenlicht durchflutet. Geblendet bedeckt sie ihre Augen mit den Händen.

»Wie unbedacht von mir« schilt sich der König. »Ich vergaß, dass Ihr noch nie der Sonne wahren Glanz saht.« Windleicht klatscht. An den Wänden fallen seidene Tücher herab. Durch das zarte Gewebe hindurch starrt Mirianda hinaus. Erst jetzt erfasst sie das Farbenspiel, den Tanz der Sonnenarme. Die Sinne geöffnet, nimmt sie das Licht in sich auf. Es umschmeichelt ihre Haut. Wärme durchflutet sie. Ihr ist so leicht und froh zumute, alle Last und Verantwortung fällt von ihr ab.

Ein leises Räuspern holt sie zurück in den Palast. Im gedämpften Licht verbeugen sich drei geflügelte Gestalten mit silbrigen Haaren vor ihr, in Kleidern, so fein wie Spinnweben. »Das sind meine treuen Gefährten vom Stamm der Winaer« stellt Windleicht die Wesen vor. »Meine Beschützer. Unzählige Male retteten sie mir das Leben, wenn ich von Sehnsucht nach meinem Bruder und meiner Heimat getrieben kopfüber gen Erde stürzte. Mit ihren Mündern formen sie keinen Ton. Doch wenn Euer Geist rein ist, könnt Ihr sie hören.«

Mirianda und Windleicht setzen sich auf gläserne Stühle. Sie sprechen nicht, sehen einander nur unverwandt an. In ihrem Kopf summt eine leise Melodie, ähnlich der, der Moosigen, nur feiner und klarer im Klang. Einladend winden sich die Töne durch Miriandas Kopf und Körper.

Woher kennt ihr diese Melodie, fragt Mirianda.

Es ist das Lied des Ursprungs, der Liebe, des Schattens und des Lichts, antwortet ein dreistimmiger Chor. Einst kannten es alle Bewohner unserer Welt. Doch Dunkelheit verwirrte ihre Sinne, so haben sie seine Macht vergessen.

Wer wird sie erinnern?, fragt Mirianda. Ihr lebt hier oben in den Lüften und die Mingower tief verborgen im Inneren der Erde.

Wir wissen, singt der Chor. Du wirst einen, was getrennt. Du wirst dieses Lied in die Welt tragen.

Was wurde getrennt? Wie kann ich es einen?, drängt Mirianda.

So viele Fragen, antwortet der Chor, die vieltausendjährige Ibe im mittleren Wardistan. Sie ist der Schlüssel. Bist du dort, so wirst du wissen. Die Stimmen in Miriandas Kopf verklingen.

König Windleicht legt seine seidige Hand auf die ihre. Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Mirianda erwidert es und versinkt im Blau seiner Augen. Sie lässt sich fallen in die Tiefe dieser Verbindung ohne Berührung. Sie vergisst die Welt. Vergisst ihren Vater, ihre Mutter, vergisst für einen Moment die Begegnungen mit Saragunde und König Erdschwer. In Windleichts Gegenwart gibt es weder Tag noch Nacht. Ganz erfüllt ist sie und unbeschwert. Leicht und froh. Sie lachen und ihre unschuldigen Küsse gleichen dem sanften Streicheln eines Blütenblattes auf ihrer Haut.

Als die Sonne den siebten Kreis um den Palast vollbringt, verdunkelt sich der Blick des Königs und die Verbindung zwischen ihnen schwindet.

Es ist an der Zeit, warnt der Chor der Winaer.

Ein quälender Schmerz breitet sich auf Miriandas Haut aus, die sich im Spiel mit Windleicht hell und durchscheinend zeigt. Er verblasst, wie unter einem Schatten der auf ihn gefallen. Ihre Hände lösen sich voneinander.

»Gern würde ich Euch bei mir halten, Euch auf meinen Flügeln tragen« flüstert er ihr zu. »Doch unsere Welt ist verloren, wenn ich Euch an mich binde.« Windleicht und Mirianda umarmen einander ein letztes Mal. Verabschieden sich mit einem scheuen Kuss.

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