Kitabı oku: «Hinter dem Schein die Wahrheit»
FRAUEN IM SINN

Verlag Krug & Schadenberg
Literatur deutschsprachiger und internationaler
Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,
historische Romane, Erzählungen)
Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen
rund um das lesbische Leben
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Claudia Breitsprecher
Hinter dem Schein die Wahrheit
Roman
K+S digital
Inhalt
Freitag, 14. November 2014, 17.12 Uhr
Freitag, 14. November 2014, 19.01 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 3.23 Uhr
Herbst 1972
Samstag, 15. November 2014, 8.02 Uhr
Weihnachten 1972
Samstag, 15. November 2014, 8.37 Uhr
Juni 1978
Samstag, 15. November 2014, 9.41 Uhr
November 1979
Samstag, 15. November 2014, 10.04 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 11.12 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 11.38 Uhr
Mai 1980
Samstag, 15. November 2014, 11.39 Uhr
April 1982
Samstag, 15. November 2014, 12.19 Uhr
Frühjahr 1982
Samstag, 15. November 2014, 12.48 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 13.07 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 14.05 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 14.40 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 14.41 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 15.05 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 15.33 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 17.51 Uhr
Samstag, 15. November 2014, 20.20 Uhr
Sonntag, 16. November 2014, 7.58 Uhr
Sonntag, 16. November 2014, 10.26 Uhr
Sonntag, 16. November 2014, 10.51 Uhr
Mittwoch, 26. November 2014
Danksagung
Die Autorin
Freitag, 14. November 2014, 17.12 Uhr
Er hielt die Augen fest geschlossen, biss die Zähne zusammen und spannte die Muskeln an, so fest er konnte. Als es endlich vorbei war, hörte er, wie die Jungs johlend davonliefen, wie ihre Rufe sich entfernten, leiser wurden und immer leiser. Er lag gekrümmt auf der Seite und atmete in den kalten Boden hinein, hielt sich noch immer die Arme schützend um den Kopf und stöhnte vor Schmerz. So eine Scheiße! Langsam öffnete er die Augen, das Blut rann von der Braue zur Nasenwurzel hin, vermischte sich dort mit seinen Tränen, lief weiter, tropfte ins novembermatte Gras. Am liebsten wollte er zusammen mit der Flüssigkeit in der Erde versickern. O Mann, Jacob, was bist du für ein Idiot, beschimpfte er sich selbst und lauschte. Als die anderen nicht mehr zu hören waren, rappelte er sich auf, hockte auf dem Boden und wischte sich mit dem Halstuch das Gesicht trocken. Er spürte in seinen Körper hinein. Die Unterlippe tat höllisch weh, wo eine Faust sie getroffen hatte, aber die Zähne waren noch fest. Die Platzwunde über dem Auge pulsierte. Wenigstens schienen die Knochen heil geblieben zu sein, obwohl – was hatte dieses Stechen in seiner linken Seite zu bedeuten? Vielleicht war doch eine Rippe gebrochen? Ein Wunder wäre das ja nicht, so wie sie auf ihn eingetreten hatten, als er schon am Boden lag. Er betrachtete das blutige Halstuch. Warum bloß, warum? Wollten sie ihn einschüchtern, weil er von den Pillen wusste, mit denen sie dealten? Hatten sie selbst welche eingeschmissen oder waren sie einfach scharf darauf, einen wie ihn zu verprügeln? Die blöde Schwuchtel. Den Schwanzlutscher.
Er schloss die Augen wieder, spürte die Schwere im Herzen, wollte nicht denken, wollte sich nicht erinnern, aber die Bilder kamen und setzten ihm zu.
Die letzten Schulstunden der Woche waren geschafft, die feuchte Luft roch nach Schweiß, Duschgel und Deo. Er hatte getrödelt, weil auch Philipp nach dem Sportunterricht immer lange brauchte, und nun waren nur noch sie beide im Umkleideraum. Jacob musterte Philipp verstohlen, die schmalen Hüften in den engen Jeans, den nackten Oberkörper, das Spiel seiner Muskeln, als er sich die streichholzkurzen Haare trocken rieb. Plötzlich drehte Philipp sich um, als spürte er, dass er beobachtet wurde. Jacob wandte sich ab, aber es war zu spät. Philipp hatte ihn ertappt und baute sich dicht vor ihm auf.
»Na, was ist, willst du mich ficken?«, fragte Philipp und sah ihn herausfordernd an.
Jacob sackten beinahe die Knie weg. Sprachlos stolperte er einen Schritt rückwärts.
Philipp grinste hämisch. »Ich kann das ja mal den anderen erzählen. Das wird sicher ein Spaß.«
Jacob schüttelte den Kopf. Er musste sofort etwas erwidern, irgendetwas, damit sich diese Idee nicht in Philipps Kopf ausbreitete. Und er musste cool bleiben dabei, durfte sich bloß nicht anmerken lassen, wie erschrocken er war.
»Was geht denn bei dir ab?«, brachte er mühsam hervor und merkte selbst, wie wenig überzeugend er klang. So ging das nicht, da musste er mächtig zulegen. »Du spinnst doch! Hast wohl selbst von den Dingern genascht, die du sonst auf dem Schulhof vertickst.« Er deutete auf Philipps Lederjacke. »Meinst du, ich weiß nicht, was da drin ist? Wie wär’s, wenn ich darüber mal rede.«
Ja, das war schon besser. Nun verging Philipp das Lachen, es gefror förmlich auf seinem Gesicht. Jacob sah es erleichtert, er hatte einen Treffer gelandet. Eigentlich wollte er nicht drohen, er wollte auch keinen Stress mit Philipp, ganz im Gegenteil. Aber dass Philipp ihn outete, konnte er auf keinen Fall riskieren. Betont lässig schwang er sich den Rucksack über die Schulter, stieß Philipp im Vorbeigehen an und verließ den Umkleideraum in der Hoffnung, dass die Sache damit erledigt war.
Aber dann erhielt er diese Nachricht, als er zu Hause über seinen Schularbeiten brütete. Komm um fünf zum Weiher, hatte Philipp geschrieben. Lass uns reden. Und: Eigentlich find ich dich ja auch ganz süß.
Er presste das Tuch gegen die aufgeplatzte Augenbraue, und die Scham breitete sich in ihm aus wie ein schleichendes Gift. Was hatte er sich denn eingebildet? Wie hatte er nur darauf hereinfallen können und glauben, was da stand? Hätte er bloß auf seine innere Stimme gehört, die Alarm geschlagen hatte, die voll auf Abwehr gegangen war. Schließlich passte die Nachricht nicht zu Philipp. Er war nicht schwul. Eigentlich war er nicht einmal nett. Er war ein fieser Macho mit einer großen Klappe. Ein Fußballspieler. Jacob hasste Fußball, und trotzdem ging er seit Monaten immer wieder zum Sportplatz, wenn die A-Jugend spielte. Das war doch alles völlig bescheuert. Er begriff ja selber nicht, warum er sich ausgerechnet in Philipp …
Er seufzte. Eigentlich find ich dich ja auch ganz süß. Eine üble Falle hatten sie ihm gestellt, und er war hineinspaziert wie in Trance. Welche Wahl hatte man denn, wenn auch nur der Hauch einer Chance bestand? Da konnte die innere Stimme warnen, so viel sie wollte. Das Herz hörte eben schlecht, wenn es so wild vor sich hin pochte.
Ein Blick in den Spiegel. Gel ins Haar. In Windeseile mit dem Rennrad die Hauptstraße entlang und aus dem Dorf hinaus. Ein Auto hupte ausdauernd, als er quer über die Straße in den Wald abbog, ohne es vorher anzuzeigen. Gerade noch pünktlich kam er am Weiher an, stapfte über die unebene Wiese, die von Wildschweinen umgepflügt worden war. Philipp erwartete ihn schon, und sie waren so allein, wie Jacob es sich immer erträumt hatte. Die Lichtung lag im Dämmerlicht, aus dem Wasser stieg der Abendnebel in die nasskalte Luft. Jacob strahlte, aber Philipp lächelte nur, lächelte auf eine fremde Weise, hart und kalt. Das Misstrauen keimte auf und wurde Gewissheit. Hier stimmte etwas nicht.
»Glaubst du wirklich, du kannst mir drohen?« Philipp winkte mit dem Arm in Richtung der Büsche, und seine beiden Kumpel vom TSV Eschenreuth traten heraus. Die zwei wohnten nicht im Dorf, Jacob kannte sie nur vom Fußballplatz, Nummer sechs und Nummer acht, wenn er sich richtig erinnerte. Jetzt gesellten sie sich an die Seite ihres Torwarts, und Jacob begriff, was kommen würde, war schon besiegt, bevor sie begannen, auf ihn einzuprügeln.
Fuck! Er warf das Halstuch auf den Boden und befühlte die Braue; ein dickes Ei, aber wenigstens blutete die Wunde nicht mehr. Sein linkes Auge war zugeschwollen, mit dem rechten schaute er sich um. Inzwischen war es schon ziemlich dunkel. Er musste hier weg, bevor der Wald auch noch das letzte Licht des Tages schluckte.
Na los, steh auf, sagte er zu sich selbst. Das hier ist ein Kaff. Ein halbes Jahr noch, dann bist du achtzehn. Im nächsten Sommer hast du das Abi in der Tasche und kannst hier weg. In die Stadt, so wie Annette damals, als sie kaum älter war als er. Oder so wie Paps. Wenn Mama einverstanden gewesen wäre, dass sie alle bei Paps in Prag lebten, wäre das gar nicht passiert. Dann ginge er dort zur Schule und nicht auf dieses öde Gymnasium, in das er mit dem Schulbus gebracht wurde wie alle anderen aus dem Dorf. Auch Philipp. Wie sollte das denn werden in der nächsten Woche? Das ging doch nicht!
Er stand vorsichtig auf. Die linke Seite fühlte sich an, als stäche jemand im Sekundentakt mit einer Mistgabel gegen seinen Brustkorb. Er sah hinüber zu seinem Rad, das er am Wegesrand gegen eine Birke gelehnt hatte. Er würde sich nicht darauf halten können. Also zu Fuß den weiten Weg nach Hause. Wie viele Schritte waren denn zwei Kilometer? Viel zu viele mit diesem Schmerz.
Vielleicht sollte er Holger anrufen, überlegte Jacob. Auf Holger war doch Verlass, der alte Freund seiner Mutter würde ihn bestimmt mit dem Moped abholen. Auf einem Moped würde Jacob sich halten können, und Holger würde ihn nicht mit Fragen nerven und auch nicht im Dorf herumtratschen, was geschehen war. Vielleicht wäre es auch nicht schlecht, ihn in der Nähe zu haben, wenn die Mutter von ihrer letzten Kundin nach Hause kam, wenn sie ihn sah und die Wahrheit ans Licht musste.
Seine Mutter, oje. Wie sollte er ihr das beibringen? Das hatte er doch völlig anders geplant.
Er fasste in seine Jackentaschen. Das Portemonnaie war da und auch sein Schlüsselbund, aber wo war das Handy? Er fasste tiefer hinein und fand es nicht, prüfte die Innentasche – nichts. Das Blut schoss ihm heiß durch die Adern. War das Handy herausgefallen oder …?
Hektisch suchte er die umgewühlte Wiese ab, seine Finger ertasteten feuchte Blätter und verwittertes Holz, einen Kronkorken, einen Regenwurm, aber sein Handy nicht. Er suchte weiter und weiter, tastete, fluchte. Nahm das blutverschmierte Halstuch hoch, aber auch darunter kam das Handy nicht zum Vorschein. Er schleuderte das Tuch wieder weg.
O nein, nicht das Handy, dieses teure Teil mit dem schnellen Internet und dem großen Speicher! All seine Musik. All seine Bilder und Videos. DAS Video. Wenn sie ihm das Handy geklaut hatten, hätten sie ihn eigentlich auch gleich totschlagen können. Es war eingeschaltet, und sie würden nicht lange brauchen, um den Pin-Code zu erraten. Philipps Geburtsdatum. Keine sehr originelle Idee, aber wer hätte denn ahnen können, dass ausgerechnet Philipp mit seinen Freunden ihm das Ding wegschnappen würde. Vier Ziffern, dann konnten sie alles aufrufen. ALLES. Dabei hatte er das Video doch nur für seine Eltern aufgenommen. Eines Tages wollte er es ihnen schicken. Irgendwann, wenn er sich stark genug fühlte und seine Mutter in guter Verfassung war. Er konnte es ihr nicht ins Gesicht sagen. Nicht den ersten Moment erleben, wenn sie es erfuhr, von Angesicht zu Angesicht. Seine eigene Rede. Mama, Paps, ich will euch was sagen …
Er versuchte, sich zu beruhigen. Vielleicht ahnten sie es ja längst. Und außerdem hatten sie nichts gegen Schwule. Immerhin war seine Mutter mit Annette befreundet, und das schon beinahe ihr ganzes Leben lang. Er hätte wenigstens Annette schon einweihen sollen, um eine Verbündete zu haben, wenn es darauf ankam. Aber gerade das hatte er eben nicht gewollt. Erst seine Eltern, danach alle anderen. So hatte er es sich gewünscht für die Zeit, in der er endlich den Mut fand. Denn Mut gehörte nun einmal dazu.
Mama, Paps, ich will euch was sagen … Die halbe Schule war in seinem Adressbuch, die Oma, der Opa, alle Leute, die er kannte. Wie sollte er es aushalten, zu Hause zu sitzen wie auf einer Zeitbombe, die jeden Moment hochgehen konnte? Das Tuscheln im Dorf. Das Gucken und Drucksen. Mamas Kundinnen, ihre Freundinnen, ihre Eltern. Das würde sie nicht durchstehen. Sie war ja schon ausgeflippt, als er sich das Nasenpiercing hatte stechen lassen, ohne sie um Erlaubnis zu fragen. Dieser eisige Blick. Das lange quälende Schweigen. Und natürlich wieder Tabletten. Sie regte sich doch schon auf, wenn Paps in Jogginghosen zur Tankstelle ging, um die Zeitung zu holen. Das war ja zu gewöhnlich. Das gehörte sich nicht.
Er suchte weiter und immer weiter, aber das Handy war nicht da. Hilfe, schrie etwas in seinem Inneren, und er wollte fliehen vor dem, was sich da anbahnte, stolperte über die Lichtung zum Weg hinauf. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Einfach weg, irgendwohin, wo niemand ihn finden würde und wo es das Video nicht gab. War es denn nicht genug, dass sie ihn halbtot geschlagen hatten? Halbtot, jawohl, so fühlte er sich. Und eben deshalb käme er nicht weit. Allein zum nächsten Bahnhof waren es zwölf Kilometer, und am Freitagabend fuhr kein Bus mehr. Mamas Auto stand vor der Tür, aber wenn er unbegleitet damit fuhr und die Polizei ihn erwischte, gäbe es noch mehr Ärger. Wo sollte er bloß hin, bis die Beulen abgeschwollen und die Wunden verheilt sein würden? Bis er sicher sein konnte, dass keiner der Jungs das Video verschickte.
Götzls Hof. Aus dem Nichts kam ihm der Kuhstall des Bauern in den Sinn, der einen fantastischen Heuboden hatte. Wie oft war er dort gewesen, hatte Strohballen übereinander getürmt, um durch die Dachluke auf sein Zuhause auf der anderen Straßenseite hinunterzuschauen. Spiel nicht dort, hatte die Mutter ihn ermahnt, als er noch ein Kind gewesen war. Der Götzl ist ein Säufer. Glaubte sie denn, dass er immer tat, was sie sagte? In all den Jahren war der Kuhstall mit dem Heuboden darüber sein eigenes Reich gewesen. Unbemerkt vom Rest der Welt hatte er ein Volk aus Kühen, Mäusen und Ratten regiert, während niemand ihn vermisste. Manchmal hatte er seine Playmobil-Ritter ruhmreiche Taten vollbringen lassen. Die Figuren lagen sicher noch immer in dem alten Versteck. Die Playmobil-Ritter, zweite Generation. Heimlich hatte er sie auf dem Heuboden deponiert. Und heimlich musste er jetzt selbst dorthin gelangen.
Er zog sich die Kapuze auf den Kopf, als er aus dem Wald trat und an der Straße entlang zurück ins Dorf ging. Jeder Schritt tat weh, aber er musste sich beeilen. Falls er jetzt wenigstens ein bisschen Glück hatte und vor seiner Mutter zu Hause war, konnte er noch Proviant holen. Und vor allem das Notebook. Bestimmt reichte das WLAN bis hinüber zu Götzls Hof, und wenn nicht, konnte er den Stick nehmen, um ins Netz zu gehen und nachzuschauen, ob das Video irgendwo auftauchte. Bei der Vorstellung wurde ihm schwindelig. Shit! Hätte er Mama und Paps doch einfach alles gesagt. Er blieb stehen und seufzte. Einfach war ja Unsinn. Einfach war es eben nicht.
Gerade als er zu Hause ankam, begann es zu regnen. Er blickte auf und registrierte, dass keines der Fenster im Haus erleuchtet und seine Mutter weit und breit nicht zu sehen war. Erleichtert schloss er auf, schaltete das Licht im Flur ein, betrachtete sich selbst im Garderobenspiegel und erschrak. Das linke Auge sah krass aus, die Unterlippe verkrustet von geronnenem Blut. Der helle Wahnsinn, dachte er, Klitschkos Gegner nach dem K.o. Ging das von selber wieder weg oder musste er doch zum Arzt?
Mit einem Ruck löste er sich von seinem Spiegelbild, zog sich am Treppengeländer hoch und biss die Zähne zusammen, senkte den Blick und sah, dass aus dem Profil seiner Schuhe schwarze Klumpen auf die Fliesen rieselten, aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Er ging in sein Zimmer. Das Notebook lag auf dem Schreibtisch. Er nahm die Schulsachen aus dem Rucksack, um Platz zu schaffen. Jetzt war er froh, dass er immer das Kabel benutzte, wenn er zu Hause arbeitete. Der Akku musste vollständig geladen sein. Jacob verstaute das Notebook im Rucksack und stieg die Treppe vorsichtig wieder hinunter; bloß keine Erschütterungen. Im Kühlschrank fand er eine volle Flasche Wasser und den Rest der Quiche vom Mittagessen. Er packte beides ein, bog ins Wohnzimmer ab, nahm auch die Äpfel und Bananen aus der Kristallschale mit. Eine überreife Birne ließ er liegen.
Wieder im Flur, hielt er inne. Musste er nicht wenigstens eine Nachricht hinterlassen? Er betrachtete den Notizblock auf der Kommode in der Diele. Wie üblich lagen die beiden Kugelschreiber parallel zu seiner Kante bereit – der blaue für gewöhnliche Notizen, der rote für besonders dringliche Mitteilungen, deren Beachtung keinerlei Aufschub duldete. Er nahm den roten Stift in die Hand und dachte nach. Was sollte er denn schreiben? Hallo Mama, ich bin völlig ramponiert, ich muss mich verkriechen, es wird Aufregung geben? Er legte den Stift wieder hin. Nein, keine Nachricht heute.
Behutsam schob er sich den Rucksack über die Schulter, holte eine alte Decke aus der Abstellkammer und machte sich auf den Weg.
Viel schwerer als früher fiel es ihm, die Stalltür zu öffnen. Die Kühe muhten laut, als er eintrat, liefen durcheinander, die einen zu den Futtertrögen, die anderen Richtung Melkstand, sie wateten in ihrem eigenen Dreck. O Mann, wechselte denn der Götzl jetzt nicht mal mehr das Stroh aus? So hatte es hier doch damals nicht gestunken. Jacob legte eine Hand vor Mund und Nase, aber dennoch nahm eine quälende Übelkeit ihn mit jedem Atemzug stärker in Besitz. Götzls grauweiße Katze lief auf ihn zu, strich ihm um die Beine. Unmöglich, sich zu bücken, um sie zu streicheln. Mit dem Fuß schob er sie sachte beiseite und schleppte sich vorwärts, erblickte die Leiter, die zum Heuboden hinaufführte, schaute nach oben. War das immer schon so hoch gewesen? Umständlich klemmte er sich die Decke unters Kinn, umfasste die Leiter mit beiden Händen. Komm schon, du schaffst das, feuerte er sich an, als er die erste Sprosse erklomm. Wieder stach ihm der Schmerz in die linke Seite. Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen, und nun war es nicht mehr aufzuhalten. Er ließ die Decke fallen, eilte so schnell es ging zum nächsten Futtertrog und erbrach sich hinein. Das Würgen war ekelhaft, und doch kam es ihm richtig vor. Die Sache mit Philipp, die Schläge und Tritte am Weiher, das gestohlene Handy; zum Kotzen war das alles, raus damit, zum Kotzen das ganze Leben in diesem Nest, raus, raus, igitt.
Als nichts mehr aus seinem Magen nach oben drängte, schlurfte er zum Wasserhahn und drehte ihn auf, spülte sich den Mund aus und schaufelte sich das kühle Nass ins Gesicht. Ja, jetzt war es besser. Jetzt würde er den Gestank ertragen können, und die Leiter würde zu schaffen sein. Sprosse für Sprosse und mit Bedacht. Als er oben angekommen war, ließ er sich ins Stroh sinken, schob sich die Decke unter den Kopf und sah Sterne. Dann wurde es dunkel.
Freitag, 14. November 2014, 19.01 Uhr
Karin schloss die Wohnungstür auf und schaltete das Licht in der Diele ein. Wie sah denn der Fußboden aus! Hatte Jacob einen Trupp Bauarbeiter zu sich ins Zimmer eingeladen oder was hatte all dieser Dreck zu bedeuten? Sie rief nach ihm und erhielt keine Antwort. Hatte der Junge das angerichtet und war dann noch mal fortgegangen? Sie streifte die Stiefeletten von den Füßen und stellte sie auf der Fußmatte ab. So geht das, Freundchen, ganz einfach. Hieß es nicht, mit siebzehn seien die schlimmsten Symptome der Pubertät allmählich vorbei? Dann musste Jacob in dieser Hinsicht wohl ein Spätentwickler sein. Anscheinend konnte er das Provozieren noch immer nicht lassen. Sie schaute auf das leere oberste Blatt des Notizblocks. Na bitte, auch das noch. Keine Nachricht, wo er war, wann er nach Hause kommen würde, ob er zu Abend gegessen hatte. Sie stellte den Musterkoffer und die Handtasche auf der Kommode ab, zog den Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe, holte das Handkehrset aus dem Schrank hinter der Küchentür.
Sie sollte das nicht tun. Wenn er diese Schweinerei veranstaltet hatte, sollte er sie gefälligst auch selbst beseitigen. Aber andererseits hatte sie auch keine Lust, mit anzusehen, wie Sand und Erdklumpen sich überall im Haus verteilten. Du liebe Güte, war er denn an diesem trüben Tag im Wald gewesen?
Sie kehrte den Schmutz zusammen und zog sich um, brachte die Liste mit den Bestellungen ins Arbeitszimmer im Obergeschoss und betrachtete sie zufrieden. Der Herbst war eine gute Jahreszeit, um Kosmetik zu verkaufen. Wenn die Gesichter blass wurden, die Kälte die Haut spröde werden ließ und die Feiertage vor der Tür standen, brachten sich all die Tuben und Dosen und Flakons leicht an die Frau. Gönnen Sie sich ruhig mal was, sagte sie zu ihren Kundinnen. Das hatte sie in der Schulung der Firma gelernt. Es half tatsächlich; ein Augenzwinkern, ein verschwörerischer Unterton, und schon war wieder ein Bestellzettel ausgefüllt. Die Arbeit für heute war getan. Jetzt hatte sie Hunger, aber wo blieb der Junge?
Sie ging in die Diele zurück, holte ihr Handy aus der Handtasche und wählte seine Nummer. Es klingelte einmal, zweimal, hörte auf.
»Hallo – Jacob?«, sagte sie in die Stille hinein. »Jacob?«, noch einmal. Keine Antwort.
Aber da war doch jemand dran!
»Was soll das? Jacob, jetzt melde dich schon.« Sie betrachtete das Display. Zumindest auf ihrer Seite war das Netz stabil. Sie lauschte. »Jacob, hörst du mich?«
Kicherte da jemand? Sie bekam eine Gänsehaut, drückte das Gespräch weg und rieb sich die Oberarme. Was war denn bloß los? Sie ging in die Küche, und während sie zwei Scheiben Brot abschnitt, ließ sie den Tag Revue passieren. Sie hatten zusammen gefrühstückt, ein paar eilige Happen, dann war er wie immer losgerannt, um den Schulbus noch zu erwischen. Keine besonderen Vorkommnisse also, auch beim Mittagessen nicht. Vielleicht war er ein bisschen schweigsam gewesen, aber auch das war nichts Neues. Jedenfalls erzählte er ihr gewöhnlich nicht, was er erlebte, was er dachte, vorhatte, tat. Längst hatte sie aufgehört zu fragen. Es stand eben nicht mehr so toll zwischen ihnen. Wann hatte das eigentlich angefangen? Und ginge es wieder vorbei?
Sie nahm die Halbfettmargarine aus dem Kühlschrank. Wurst oder Käse, überlegte sie und stutzte. Moment mal, wo war denn der Teller mit der Quiche? Hatte Jacob doch schon gegessen? Aber sie hatte ihm gesagt, dass sie die Quiche für den nächsten Tag aufheben wollte. Sie konnte am Samstag nicht kochen. Das Weinregal im Keller war dran und auch die Terrasse. Hielt er sich jetzt nicht einmal mehr an ihre Absprachen? Sie schloss die Kühlschranktür und setzte sich an den Tisch. Langsam wurde ihr das unheimlich. Jacob war ein Griesgram im Umgang mit ihr, aber bis jetzt hatte sie sich auf ihn verlassen können. Ob Holger etwas wusste? Sie rief ihn an.
Aber Holger wusste nichts. Sie ging in Jacobs Zimmer und fand das übliche Durcheinander vor. Sogar die Schulsachen lagen auf dem Boden verstreut und …
Der Schreck traf sie in der Magengrube, als sie die leere Fläche auf dem Schreibtisch bemerkte, auf der normalerweise das Notebook stand. Früher hatte er es manchmal mitgenommen, wenn er unterwegs gewesen war, aber seit er das Smartphone besaß, war das Notebook immer zu Hause geblieben. Sie rieb sich den Bauch. Das Notebook weg. Die Quiche weg. Und keine Nachricht. Sie ging ins Bad. Seine Zahnbürste war da, der Kulturbeutel auch. Wieder die Treppe nach unten. Sie entdeckte den Schmutz auf dem Teppich im Wohnzimmer. Schritte bis zum Tisch und wieder zurück. Die Obstschale war beinahe leer, nur eine überreife Birne lag noch darin.
Ich will eine Erklärung, jetzt sofort, dachte sie und wählte erneut seine Nummer. Wieder diese komische Stille am anderen Ende. Und keine Antwort auf ihre Fragen. Aber da atmete jemand, das hörte sie genau.
Sie ging zur Abstellkammer und holte den Staubsauger heraus. Das Gröbste konnte sie damit erledigen, aber der feuchte Schmutz würde auf jeden Fall Spuren hinterlassen. Das ging zu weit, die konnte Jacob selbst beseitigen, sobald er zu Hause war. Bevor sie die Tür der Abstellkammer wieder schloss, schaute sie noch einmal hinein. Irgendetwas war anders als sonst. Diese Lücke auf der Ablage, war die immer schon da gewesen? Der Karton mit dem Weihnachtsschmuck stand an seinem Platz, die Picknicktasche auch, und die Sitzkissen für die Gartenstühle lagen, wo sie hingehörten. Aber wo war die Decke?
Ihr Herz schlug schneller. Wo war ihre alte Lieblingsdecke für die Badeausflüge zum Weiher? Ganz sicher hatte sie die Decke nicht weggeworfen, auch wenn sie nach all den Jahren vom häufigen Waschen schon verschlissen war. So viele Erinnerungen zeigten sich jedes Mal, wenn sie mit der Hand darüberstrich. Ihre Lizzy hatte auf dieser Decke gelegen und Annette und Holger auch. Pavel hatte sich bei ihrem ersten Rendezvous auf dieser Decke ausgestreckt. Und Jacob war als Baby darauf herumgekrabbelt. Hatte er sie etwa mitgenommen? Warum? Und wohin?
Sie zog ihre Gartenschuhe an, öffnete die Wohnungstür und eilte zum Carport. Jacobs Fahrrad war nicht da. Wenn er mit dem Fahrrad unterwegs war, konnte er ja nicht weit sein, es sei denn, er war zum Bahnhof geradelt.
Sie ging zurück ins Haus. Ob sie bei ihren Eltern nachfragen sollte? Gewöhnlich machte Jacob einen großen Bogen um sie, und bis zu ihnen würde er nicht mit dem Rad fahren müssen. Aber vielleicht hatten sie ihn auf der Straße getroffen, vielleicht hatte er ihnen etwas gesagt, das sie ihr ausrichten sollten. Sie nahm das Telefon von der Ladestation im Wohnzimmer und wog es in der Hand. Weißt du nicht, wo dein Sohn ist?, würde ihre Mutter fragen. Und ihr Vater? Wenn du zu Hause gewesen wärst, wüsstest du Bescheid. Sie verzog das Gesicht und legte das Telefon auf den Tisch. Es begann zu kribbeln unter der Haut, einmal mehr. Sie atmete flach, atmete schnell, schloss die Augen und hielt sich die Hände vors Gesicht, aber sie konnte sich nicht beruhigen. Sie ging in die Küche, holte den Blister aus der Dose oben links im Regal und drückte eine Tablette heraus. Die verlässlich Tröstende. So nett war der Nachmittag mit ihren Kundinnen gewesen, sie hätte nicht gedacht, heute noch eine zu benötigen. Sie schraubte die Wasserflasche auf, goss ein Glas halbvoll, legte sich die Tablette auf die Zunge, trank und schluckte.
Gleich. Gleich würde es gut sein. Gut für ein paar Stunden. Sie seufzte und entspannte sich. Jetzt konnte sie den Teppich absaugen.
Sie aß allein. Und sie aß wenig. Die Nachrichten im ersten Programm liefen an ihr vorbei, der Krimi langweilte sie, das Buch war zu schwierig an diesem Abend. Sie konnte sich einfach nicht konzentrieren. Stunde um Stunde wartete sie im Wohnzimmer, kauerte im Halbdunkel der gedimmten Stehlampe und starrte die Wände an, die kupferfarben gemusterte Strukturtapete, die sie ausgesucht hatte und die niemand mochte außer ihr. Aber das war egal. Es war ja ohnehin ihr Haus. Sie war es, die es sauber hielt. Sie war es, die es bewohnte. Die anderen waren nur Durchreisende. Pavel war im Grunde schon weg, und auch Jacob würde bald gehen. Sicher würde er sich davonmachen, so schnell er konnte. Vielleicht war er schon fort. Noch einmal probierte sie, ihn zu erreichen. Jetzt war die Mailbox an.
Ihre Augen hatten sich an das Dämmerlicht gewöhnt. Die Falten der Gardine zeichneten sich dreidimensional vor dem Fenster ab, und sie konnte die Konturen der Gegenstände auf dem Couchtisch erkennen; die Kristallschale mit der überreifen Birne darin, das Telefon, das halbgefüllte Wasserglas und die gebundene Ausgabe der Buddenbrooks mit dem Lesezeichen weit hinten zwischen den Seiten. Der in Öl gebannte Schoner hatte die Segel gebläht. Seit einer Ewigkeit schon durchquerte er die Meere über dem Fernseher. Sie hatte das Bild seit Jahren nicht beachtet, aber während sie wartete, kam Leben in die See und auf das Schiff. Winzige Matrosen kletterten in den Masten herum, hielten Ausschau nach Land oder eilten über das Deck. Der Kapitän stand am Bug und sah dem Ziel seiner Reise entgegen. Er hielt die Hände auf dem Rücken gefaltet und schnippte die Daumen gegeneinander. Ein ungeduldiger Mann.
Eigentlich mochte sie keine Segelschiffe. Ihr wurde stets übel auf See vom Schwanken und Schaukeln, und der Gedanke, allein vom Wind getrieben zu werden, war ihr eine Qual. Und doch, das Bild war ein Geschenk ihrer Eltern. Sie hatten es bei der Vernissage eines einheimischen Künstlers auf Sylt gekauft, kurz nachdem Jacob zur Welt gekommen war. Ihr Vater hatte es selbst angebracht, ihre Mutter hatte ihm Dübel und Bohrmaschine gereicht und zufrieden genickt, als es hing. Ein schöner Platz.
Je später es wurde und je stiller auf den Straßen, desto tiefer sank sie in den Sessel, schob die Armbanduhr wieder und wieder in den Lichtkegel der Stehlampe. Angestrengt lauschte sie. Das Brummen des Kühlschranks in der Küche drang ebenso zu ihr durch wie die Tür, die im Nachbarhaus klappte, und der startende Motor eines Autos irgendwo im Dorf. Schließlich verstummten auch die letzten Geräusche. Noch einmal die Uhr. Sie zeigte Viertel nach drei, und Karin ahnte, dass es niemanden gab, bei dem Jacob um diese Zeit noch sein konnte. Die Wirkung der Tablette ließ nach. Sie dachte daran, eine zweite zu nehmen, aber sie hatte sich versprochen, sparsam damit umzugehen. Schließlich warnte der Beipackzettel vor zu häufigem Gebrauch. Und sie wollte sich an die Regeln halten.
Mit der linken Hand umklammerte sie das Gelenk ihrer rechten, grub die Nägel ins Fleisch. Regeln. Ihr ganzes Leben lang hatte sie Rosenkränze gebetet und ihr Zimmer aufgeräumt, hatte gelernt, die Gabel von der falschen in die richtige Hand zu wechseln, hatte die Zahnspange mehr als vier Jahre getragen, Grünkohl erst gekauft, wenn er Frost bekommen hatte, und Zimtsterne erst im Advent. Jeden Winter hatte sie den Gehweg vor dem Haus gestreut, kaum dass die ersten Schneeflocken zur Erde gerieselt waren, hatte die Elternabende in Jacobs Schule besucht und den Mitgliedsbeitrag für den Gymnastikverein stets pünktlich überwiesen. Und doch, am Ende hatte immer nur dieses eine Wort gestanden.
DURCHGEFALLEN.
Sie hatte es ignoriert. Sie hatte es fortgeschoben. Sie hatte es für lächerlich befunden und wieder und wieder das Gegenteil zu beweisen versucht. Sie hatte es in Schach gehalten, aber insgeheim wusste sie, dass es sich noch immer tief in ihrem Inneren verborgen hielt. Es wartete stets auf seine Chance und kroch bei der erstbesten Gelegenheit aus seinem Versteck wie die Made aus verdorbenem Fleisch. Es lauerte beständig, und jetzt drängte es mit Macht hervor. DURCHGEFALLEN, pulsierte es in ihren Adern. DURCHGEFALLEN, stand auf der Tapete, und DURCHGEFALLEN, dröhnte es ihr in den Ohren, als kein Schlüssel sich im Schloss drehen wollte. Das Wort. Es schlug ihr in den Magen, gegen die Brust und verteilte Kopfnüsse. Sie schlang die Arme um ihren Schädel und schloss die Augen. Es half nicht. DURCHGEFALLEN, noch einmal. Das Wort donnerte in ihr und um sie herum, dann drückte es ihr die Kehle zu, bis sie zu ersticken glaubte.
Sie sprang auf, sah sich Hilfe suchend um, erblickte die Schale auf dem Tisch. DURCHGEFALLEN. Das Wort lag neben der Birne, die schon zu faulen begann, wo es sie berührte. Sie hastete vor, griff zu und schleuderte die Schale gegen die Wand. Das Kristall zerbarst in einem Scherbenregen, die Birne rollte zu ihr zurück, aber der Druck auf ihre Kehle verminderte sich. Sie schmiss auch das Glas und die Buddenbrooks. Wasser spritzte durch den Raum, das Buch polterte zu Boden. Nun griff sie das Telefon und holte erneut zum Wurf aus. Aber das Wort war schon geflohen. Sie hielt inne und sammelte sich, spürte, wie der Puls ihr im Hals hämmerte, und hörte das Rauschen in den Ohren. Alles, alles, nur nicht mehr das Wort.
Ihr Herz beruhigte sich nur langsam. Sie betrachtete die Tasten des Telefons, erinnerte sich an das letzte Mal, als sie Pavel wegen Jacob angerufen hatte.
In Prag wäre das nicht passiert. Warum seid ihr nicht hier?
Pavel war nicht wie ihr Vater. Er würde es nicht aussprechen, und doch lägen seine Worte wie ein Surren in der Leitung. Das würde sie jetzt nicht auch noch ertragen. Es surrte schon genug in ihrem Kopf. Aber sie musste mit jemandem reden, auch wenn es mitten in der Nacht war. Noch einmal Holger anrufen? Oder doch lieber Annette? Immerhin war sie Jacobs Patentante und gewöhnlich viel besser über alles informiert, was ihn betraf. Bei ihr war er nicht wortkarg, wenn sie ins Dorf kam. Es wurmte Karin gewaltig, aber jetzt war nicht die Zeit für solch einen Ärger. Vielleicht wusste Annette ja wirklich mehr als sie.
Sie drückte die Kurzwahltaste für Annettes Nummer und wartete. Als eine verschlafene Stimme am anderen Ende der Leitung in den Hörer nuschelte, traten ihr die Tränen in die Augen. Das hier war nicht auszuhalten.
Es aussprechen.
Jacob.
Verschwunden.
Samstag, 15. November 2014, 3.23 Uhr
Annette schrak aus dem Tiefschlaf hoch, als das Telefon klingelte. Sie öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit hinein. Wer rief denn so früh am Morgen an, um Himmels willen! Oder war es etwa noch mitten in der Nacht? Sie blinzelte auf den Wecker. Tatsächlich erst kurz vor halb vier. War etwas mit ihrem Vater? Ein neuerlicher Herzinfarkt vielleicht?
Sie hangelte nach dem Telefon, das neben ihrem Bett auf dem Fußboden lag. Das Display zeigte die Nummer der Buceks. Sie nahm das Gespräch an und murmelte ein müdes Hallo.
»Jacob muss etwas passiert sein – er ist weg«, hörte sie Karin sagen. Ihre Stimme klang gepresst. Nicht einmal für eine Begrüßung hatte sie sich Zeit genommen.
Annette rieb sich den Schlaf aus den Augen, schaltete die Leselampe ein, die sie erst vor dreieinhalb Stunden ausgeschaltet hatte. Bildbände lagen aufgeschlagen um sie herum, ihr Bleistift klemmte in der Spalte zwischen Matratze und Bettgestell, und die Spiralbindung des Notizblocks drückte gegen ihre Hüfte. »Weg? Wie meinst du das? Was ist los?«
»Ich habe keine Ahnung.« Nur ein Wispern.
Annette war plötzlich hellwach, schob die Decke zur Seite und stand auf, presste das Telefon fest ans Ohr.
»Schsch«, machte sie und hob beschwichtigend die freie Hand, als könnte Karin sie sehen. »Keine Angst, keine Sorge.« Sie kramte das Handy aus ihrer Tasche und sah nach, aber sie hatte keine Nachricht von Jacob und auch keinen Anruf verpasst.
»Sag mir, was das zu bedeuten hat«, jammerte Karin ihr ins Ohr. »Bitte, ich verstehe es nicht. Was soll ich denn machen?«
»Jetzt beruhige dich erst mal. Es ist Wochenende. Und er ist schließlich kein Kind mehr. Vielleicht war er auf einer Party und übernachtet bei einem Freund.«
»Bestimmt nicht. Jacob geht nicht auf Partys. Und wenn ausnahmsweise doch mal, dann hätte er mir Bescheid gesagt.«
»Vielleicht hat er ja auch jemanden kennengelernt. Ich glaube nicht, dass er seine Mutter anruft, wenn er gerade angenehm beschäftigt ist.«
»Nein, da ist auch noch was anderes. Ich habe immer wieder versucht, ihn zu erreichen. Es ist jemand an sein Handy gegangen, aber er hat sich nicht gemeldet. Und später war die Mailbox an.«
»Hast du eine Nachricht hinterlassen?«
»Nein. Wie käme ich mir denn da vor? Ich lasse mich doch von meinem Sohn nicht zum Besten halten.«
Annette runzelte die Stirn. Jetzt redete Karin wie ihre eigene Mutter. Plötzlich diese Strenge im Ton – hörte denn das nie auf? »Warte mal kurz«, sagte sie und legte das Telefon beiseite, wählte mit ihrem eigenen Handy Jacobs Nummer und wartete die Ansage am anderen Ende der Leitung ab. »Jacob, wenn du das hier hörst, dann melde dich mal, ja? So bald wie möglich – es ist wichtig.«
Sie beendete das Gespräch und nahm den anderen Hörer wieder auf. »Was ist eigentlich mit Pavel? Hast du ihn gefragt, ob er was weiß?« Vielleicht war Jacob ja zu seinem Vater gefahren, überlegte sie.
»Nein«, antwortete Karin knapp und trotzig.
»Also hör mal, was machst du die Pferde scheu, das wäre ja wohl die erste …«
»Jacob ist nicht in Prag. Das wüsste ich. Er hat kein Waschzeug dabei.«
»Kein Waschzeug? Na, dein Mann hätte ja wohl eine Zahnbürste und ein Handtuch für seinen Sohn. Frag doch mal nach.«
»Das kann ich nicht, es ist mitten in der Nacht.«
»Ach, tatsächlich«, sagte Annette in ironischem Ton. »Meinst du, bei mir ist es Mittag?« Einmal mehr spürte sie den alten Zwiespalt, wusste genau, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit füreinander da waren, noch immer und trotz allem. War das nun immerwährende Freundschaft, Nähe und Vertrautheit? Oder bloß noch ein Reflex? Am anderen Ende der Leitung blieb es lange stumm, dann war ein Schniefen zu hören.
»Ach, Karin«, sagte sie nun sanfter und fragte sich, wann sie zum letzten Mal erlebt hatte, dass ihre alte Freundin weinte. Es musste vor einer Ewigkeit gewesen sein. »Geh doch bei Holger vorbei, besprich dich mit ihm. Er wird dir zuhören.« Warum machte Karin es immer so kompliziert? Es waren keine zehn Minuten zu Fuß von ihrem Haus bis zum Sportplatz, neben dem Holgers Wohnung lag. Weshalb kam sie nicht von selbst auf diese Idee?
»Ich kann doch um diese Zeit nicht im Dorf herumspazieren. Wenn jemand …«
Annette wartete, aber Karin sprach den Satz nicht zu Ende. »Dich sieht, willst du sagen, ja? Du rufst hier an, weil Jacob nicht da ist, bist völlig aufgelöst, aber trotzdem scherst du dich um das Gerede der Leute. Immer und immer wieder.« Ein uralter Groll stieg in ihr auf.
»Ich habe bereits mit Holger telefoniert«, sagte Karin sachlich. »Er weiß auch nicht, wo Jacob sein könnte.«
»Na schön, aber du wärst nicht allein. Und morgen früh klärt sich bestimmt alles auf.«
»Nein, das glaube ich nicht.« Jetzt weinte Karin wieder, ihre Stimme klang brüchig. »Es ist bestimmt etwas passiert. Kannst du nicht herkommen?«
Annette hörte die Tränen und hörte die Angst. Unwillig brummte sie in den Hörer. Eigentlich musste sie das ganze Wochenende arbeiten. Der Bericht über Geogia O’Keeffe anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung zu ihren Ehren musste am kommenden Dienstag fertig sein. Die Redaktion kannte kein Erbarmen, wenn es um die Abgabefristen der Texte ging, selbst die Bilder für den Beitrag hatte sie noch nicht ausgewählt. Sie konnte es sich nicht erlauben, den Auftrag zu vermasseln, und das Honorar war auch schon lange verplant.
»Nein, das geht nicht«, sagte sie und spürte selbst, wie wenig überzeugend sie klang.
»Bitte!«, flehte Karin jämmerlich. »Bitte komm her.«
Annette seufzte, und der Druck auf ihr Gewissen verscheuchte jedes ihrer Argumente. »Na gut, ich komme«, sagte sie widerwillig, beendete das Gespräch und schlurfte leise fluchend ins Bad.
Die Strecke kannte sie genau, Berlin – Eschenreuth, vierhundert Kilometer nach Süden, kein allzu weiter Weg und doch jedes Mal die Reise in eine völlig andere Welt, dorthin, wo die Hügel, die Häuser und die Straßen alte Geschichten flüsterten. Wo die Blicke der früheren Nachbarn sich noch heute verfinsterten, wenn sie auf der Straße rauchte, so wie schon vor vierunddreißig Jahren, als sie sechzehn war. Wo die Männer kein Treffen der Reservistenkameradschaft versäumten und die Frauen nach der Messe das Mittagessen kochten, sobald sie nach Hause kamen. Alle Frauen. Auch Karin. Annette wäre am liebsten auf der Stelle umgedreht, als sie daran dachte. Sie fuhr nicht mehr oft nach Eschenreuth, seit ihre Mutter gestorben und ihr Vater zu Rosis Familie nach Nürnberg gezogen war. Ihre Schwester hatte alles geregelt, das Elternhaus über der Backstube, in die ihr Vater jeden Morgen um drei hinuntergestiegen war, gehörte wie auch der Laden mit dem Café längst einer jungen Familie, und diese Leute waren die einzigen Menschen im Dorf, die Annette nicht kannten. Alle anderen wussten genau Bescheid über das Vogl-Mädchen, das so jung schon ausgeflogen war. Ausgeflogen in eine eingemauerte Stadt mitten in der Ostzone. Keinen Mann hatte das Vogl-Mädchen, aber es wurde gemunkelt über diese andere Sache, über die man gar nicht wirklich munkeln konnte, weil es dafür keine Worte gab in Eschenreuth. Wohl aber rümpfte man die Nase oder riss schon mal Witze oder beides, je nach Laune und Tagesform. Doch wenn sie durch den Ort ging, hoben die alten Männer die Hüte an und die Frauen nickten sacht. Ihr Vater hatte für sie alle das tägliche Brot gebacken, die wenigen kleinen Pensionen mit frischen Semmeln versorgt und den Leuten manche Hochzeitstorte kreiert. Ihre Mutter war stets freundlich gewesen, wenn sie im Laden bediente oder im Café die Bestellungen aufnahm, immer gut gelaunt, immer flott und niemals krank. Ja, man grüßte das Vogl-Mädchen, wenn es wieder angeflogen kam, mal zu Ostern, mal im Sommer, mal zur Weihnachtszeit. Kam sie am Dorfplatz vorbei, betrachtete man sie wie ein seltenes Gewächs, eine fleischfressende Pflanze vielleicht, und sie krallte die Hände fest um das Steuer des Wagens, als sie es sich vorstellte.
Nach zweieinhalb Stunden auf der Autobahn rutschte die Tankanzeige in den roten Bereich. Es passte ihr nicht, die Fahrt unterbrechen zu müssen, aber sie hatte keine Wahl und setzte den Blinker, als die Ausfahrt zum Rasthof in Sicht kam. Erst als das Benzin durch den Zapfhahn lief, spürte sie, wie müde sie war, und sie stellte sich vor, wie Grit den Kopf schütteln würde und wie sie erfüllt wäre von bitterem Spott. Sie hatte Grit vertröstet wegen der Story über Georgia O’Keeffe. Einmal mehr keine Zeit wegen der Arbeit. Dagegen war nichts einzuwenden, und Grit hatte nichts eingewandt. Wie sollte sie ihr nun den plötzlichen Aufbruch erklären? Ein Notfall, gewiss. Aber irgendein Fall war es immer, wenn es um Karin ging, ein Ausnahmefall manchmal, ein spontaner Einfall hin und wieder, ein Rückfall zumeist. Was willst du da noch?, fragte Grit in eifersüchtigem Ton, und Annette konnte ihr keine Antwort darauf geben. Einst war dieses Dorf ihr erschienen wie das tote Ende der Galaxis, und so war sie losgezogen ins Zentrum der Milchstraße, die von Mauern umgeben war. Von einer Sonne zur nächsten war sie gedüst, eine aufregende Zeit, wunderbar, grausam und dann wieder schön. Die Sonnen waren hell gewesen und heiß, aber dann hatten sie sich aufgebläht und waren verglüht, eine nach der anderen. Supernova. Sternenstaub. Und das Dorf mit all seinen Menschen war immer noch da. Hier hatte sie laufen gelernt. Lesen gelernt. Lieben gelernt. Jaja, auch das.
Als sie das Benzin bezahlt hatte, verspürte sie ein dringendes Verlangen nach heißem Kaffee, fuhr ein paar Meter weiter und balancierte kurz darauf ihr Tablett zu einem Tisch am Fenster des Restaurants. Durch die regennassen Scheiben betrachtete sie das monotone Grau des herbstlichen Himmels in der Morgendämmerung. Sie zog den Deckel von einem winzigen Sahnetöpfchen und gab seinen Inhalt in den Becher, ließ eine zweite Portion folgen und rührte um. Sie trank einen kleinen Schluck, aber der Kaffee war noch viel zu bitter. So ging sie noch einmal zur Selbstbedienungstheke und griff erneut in den Korb mit der Sahne. Die Kassiererin, eine junge Frau mit einer langen blonden Mähne und einem Pferdegesicht, unterbrach die gelangweilte Prüfung ihrer Fingernägel und schaute auf. Es lag etwas Tadelndes in ihrem Blick. Ein Becher Kaffee und drei Portionen Sahne. Unmäßigkeit hieß das Wort, das ihr aus den Augen stach. Warum verwendeten sie auch diesen Plastikmüll, dachte Annette, nahm den Korb in die eine Hand und wühlte mit der anderen darin, nahm Töpfchen für Töpfchen heraus und betrachtete die Bilder auf den Deckeln. Die Loreley legte sie ebenso zurück wie St. Bartholomä, aber Schloss Neuschwanstein wählte sie aus und den Hamburger Hafen, Nummer vier und fünf, die sie sicher nicht benötigte. Sie stellte den Korb zurück und lächelte die Kassiererin an. Das Pferd blähte die Nüstern.
Das Restaurant lag noch im Schlaf, aus dem Radio rieselte ein Hit des vergangenen Sommers aus unsichtbaren Lautsprechern in den Raum. Der Parkplatz war beinahe leer, nur ein Mercedes-Transporter stand unweit ihres eigenen Wagens, eines saphirblauen Renault Clio, den der Regen gewaschen hatte. Bodenbeläge – Verlegung und Vertrieb, Herbert Müller, stand auf dem Lieferfahrzeug. Vermutlich war das der Mann, der unweit von ihr mit einem Spielautomaten beschäftigt war. Zusammengesunken kauerte er auf dem Barhocker, das obere Ende seines Hinterns lugte über den Rand der Arbeitshose. In der linken Hand hielt er einen Becher von der Sorte, wie er auch vor Annette stand, mit der rechten schob er in unregelmäßigen Abständen Münzen in einen Schlitz. Seine Augen spiegelten sich im blankpolierten Glas des Automaten, verfolgten gebannt das Blinken der Lichter, schnelle und langsame Sequenzen, untermalt von einem elektronisch verzerrten Ding-Dong, das abwechselnd in schneller Folge Spannung verhieß oder abfallend ein Bedauern zum Ausdruck brachte. Schade, leider nicht gewonnen. Die nächste Münze, bitte.
Sie beobachtete, wie der Mann das Portemonnaie öffnete, dann wandte sie sich ihrem Frühstück zu. Sie hatte sich das vielversprechendste Brötchen ausgesucht, aber auch das erwies sich als Reinfall. Dem pappigen Teig fehlte Salz, die Butter war viel zu dick aufgetragen, und bei näherer Betrachtung musste sie erkennen, dass der Käse sich an den Rändern schon nach oben bog, während er in der Mitte wabbelig war, aufgeweicht von der Tomatenscheibe, die dem traurigen Häppchen als Dekoration dienen sollte und ihm doch nur den Rest gab.
Das Brötchen schmeckte nicht. Nichts schmeckte ihr nach dieser viel zu kurzen Nacht. Jacob weg. Sollte sie sich nun sorgen, wie Karin es tat, oder sollte sie ärgerlich werden, weil der Junge mit seinem Verschwinden alles durcheinanderwirbelte? Es war schon merkwürdig, dass er nicht einmal ihr etwas gesagt oder geschrieben hatte. Waren ihre Besuche bei den Buceks zu selten geworden? Sie erinnerte sich, wie es gewesen war, als er mit einer schlimmen Grippe niederlag, ein blasses trauriges Kind in einem riesigen Federbett, die Augen fiebrig und feucht. Meine Playmobil-Ritter sind weg, hatte er gejammert, und sie hatte ihm zu seinem nächsten Geburtstag neue besorgt. Von Sascha hatte Jacob ihr erzählt, seinem Lieblingsonkel, diesem Aussteiger, wie die Leute im Dorf ihn nannten. Sascha macht bunte Lederschuhe in Spanien, hatte er geflüstert. Aber sag es nicht weiter. Vertrauen war schön, aber es konnte einen auch in die Zwickmühle bringen. Wann immer sie aus dem Kinderzimmer kam, hatte Karin sie verletzt angesehen. Warum verrätst du mir nicht, was er dir erzählt? Warum verrätst du mich? Stumme Fragen, doch Annette war standhaft geblieben. Schließlich hatte sie Jacob ihr Indianerehrenwort gegeben, und Indianerehrenwörter brach man nicht.
Aber nun war Jacob kein Kind mehr. Inzwischen spürte sie, dass er sich auch vor ihr verschloss, oder lag es nur an der Pubertät? Vielleicht hatte sie ihn in letzter Zeit zu wenig beachtet. All die Ereignisse, über die sie schrieb und die ihre Aufmerksamkeit forderten, Konzerte und Varietés, Vernissagen und Finissagen, Lesungen, Filmpremieren und Theaterabende, dazu all die privaten Verabredungen. Und Grit. In Berlin fand ihr Leben statt – ein Leben, von dem Jacob nicht viel mitbekam. Seine Nachrichten waren nur wenige von all jenen, die ihren elektronischen Briefkasten überschwemmten. Es blieb nicht viel Raum für einen Teenager. Dabei war es gerade mit einem Jugendlichen wie mit allem anderen auch. Man musste sich ihm ganz widmen oder gar nicht. Alles andere war Wischiwaschi, alles andere schadete nur.
Sie betrachtete den letzten Happen in ihrer Hand und seufzte. Sie sollte viel langsamer essen, sollte sich noch ein Brötchen kaufen und noch eines, egal, wie es schmeckte. Sie sollte sich einen riesigen Salat auftürmen, sich Rühreier von den Warmhalteplatten aufladen und das komplette Buffet in aller Ruhe verspeisen, nur um nicht dieser Ungewissheit entgegenfahren zu müssen. Was würde sein, wenn Karin recht behielte und wirklich etwas passiert war? Sie spürte es in jeder Zelle ihres Körpers. Nichts Gutes kam da auf sie zu.
Hier war es doch gemütlich mit dem Pferd an der Kasse und mit Herbert Müller oder wer es auch war, der da sein Geld verschleuderte. Der Automat vor ihm blinkte nun wilder. Eine Sirene jubelte. Herbert Müller stellte den Becher auf einen zweiten Hocker neben sich und verdeckte mit der frei gewordenen Hand das Geschehen hinter dem Glas, während er mit der anderen im Rhythmus der Töne einen roten Knopf betätigte. Er drückte und presste, rutschte vor und zurück, vor und zurück. Der Hocker kippelte, aber er achtete nicht darauf. Mit dem Kopf nickte er zum Tuten und Blinken und Drücken, schwarzgraue Locken vibrierten auf seinem Kopf. Eine Lichtsäule erhob sich auf dem Apparat, stieg über seine Hand hinaus, kletterte höher, immer höher, und schließlich sprang der Mann auf. Seine Finger drückten nicht länger, sondern hackten jetzt ein auf das Gerät. Aber plötzlich verloren sie den Takt. Nur eine Winzigkeit zu früh waren sie dran, das Zehntel einer Sekunde. Der Automat heulte auf und die Säule stürzte ab. Zahlen, Asse und das herausfordernde Zwinkern einer vollbusigen Blondine in knappem rotem Kleid erloschen. Herbert Müller starrte auf das leere Fach, in das sein Gewinn hätte prasseln sollen, und ließ die Schultern sinken. Dann trottete er zur Kasse, um einen Schein zu wechseln.
Er will den Jackpot, unbedingt, dachte sie. Das Geld brauchte er vermutlich nicht, doch er gäbe wohl alles für den einen Moment, in dem das Klirren zahlloser Münzen ihn glauben lassen konnte, das Schicksal meine es gut mit ihm. Der Mann vergaß den bitteren Kaffee, vergaß die Bodenbeläge und auch die Kundschaft, die ihn zweifellos irgendwo erwartete. Er wusste, dass er nur verlieren konnte, aber es kümmerte ihn nicht, wenn vor ihm die Lichter tanzten. Vielleicht hatte er irgendwann einmal gewonnen, und der eine Augenblick, in dem Sehnsucht und Wahrheit eins gewesen waren, bedeutete ihm mehr als alles andere. Die Freude. Das Glück. Ja, sie verstand.
Das Lied war zu Ende. Stattdessen drangen nun die Schlagzeilen des Tages aus dem Radio. Es war eine junge weibliche Stimme, die sie verkündete. Sie sprach über die Steuerhinterziehung eines deutschen Spitzenmanagers, den wachsenden Einfluss der Terroristen im Irak und einen Autounfall mit einem Toten und zwei Schwerverletzten, aber nicht eine Sekunde lang vergaß die Sprecherin das mühsam trainierte Lächeln in der Stimme durch den Äther zu schicken. Sie schäkerte ins Mikrophon, als hätte sie nicht alle Tassen im Schrank. Annette erhob sich, nahm das Tablett und stellte es auf die Ablage für das schmutzige Geschirr, nur Schloss Neuschwanstein und den Hamburger Hafen ließ sie in ihre Tasche gleiten, als das Pferd noch einmal zu ihr herübersah.
Auf dem kurzen Weg zum Auto zündete sie sich eine Zigarette an. Der Regen hatte nachgelassen. Vereinzelte Tropfen fielen auf ihr kastanienbraunes kurzes Haar, das zu bändigen sie sich niemals Mühe gegeben hatte. Andere lassen viel Geld beim Friseur, um so auszusehen, hatte Grit gesagt, als sie das erste Mal morgens neben ihr aufgewacht war. Annette zog ihr Handy aus der Jackentasche, betrachtete das Bild der Geliebten im Display und schrieb ihr eine knappe Nachricht.
Musste überraschend zu Karin. Notfall. Melde mich später. Kuss.
Einfach Senden. Wie praktisch. Das schlechte Gewissen fraß sie an wie ein Schwarm Piranhas. Sie sog den letzten Zug der Zigarette tief ein. Das Nikotin drang in ihre Blutbahn und entspannte sie. Zwei Stunden Fahrt lagen noch vor ihr. Karin erwartete sie, und vielleicht war am Morgen auch Holger bei ihr. Dann würden sie wieder zusammen sein wie schon so oft, wie schon immer. Sie stieg ein und fuhr langsam über den Parkplatz, bevor sie sich in den spärlichen Verkehr einfädelte. Wie die Rücklichter des Wagens vor ihr leuchteten die Erinnerungen sie an.
Herbst 1972
Der September hatte es in diesem Jahr aber wirklich in sich. Zuerst holte eine Deutsche bei den Olympischen Spielen in München die Goldmedaille im Hochsprung. Sie hieß Ulrike Meinhof oder Meyfarth oder so ähnlich, und kaum hatten alle bei der Nationalhymne strammgestanden, wurden ein paar andere Sportler zuerst gefangen genommen und dann getötet. Die Spiele gingen aber trotzdem weiter. Außerdem schimpften die Leute in der Bäckerei über einen, der andauernd im Fernsehen war und Willy Brandt hieß. Annette hatte Rosi gefragt, was es damit auf sich hatte, aber ihre Schwester wusste es auch nicht so genau, obwohl sie ziemlich erwachsen tat, seit sie nach den Sommerferien auf das Gymnasium in der Stadt gewechselt war. Rosi ging nun morgens nicht mehr gemeinsam mit ihr den Weg zur Schule am Dorfplatz, aber dafür wurde ein neues Mädchen in ihre Klasse aufgenommen, als das dritte Unterrichtsjahr begann, und das hatte etwas für sich, weil sie eine neue Passagierin brauchten. Seit Rosi nicht mehr mit ihnen verreiste, war der Flugverkehr auf dem Schulhof vollständig zum Erliegen gekommen. Annette fand, es könne nicht schaden, sich die Zugereiste einmal näher anzusehen. Holger aber war strikt dagegen. Anstatt wie gewöhnlich mit einem Stock in den Händen rittlings auf dem bodennahen Ast der Kastanie zu sitzen und Kurs auf Honolulu zu nehmen, trottete er mit hängenden Schultern zu eben jenem Baum hinüber und ließ seinen massigen Körper im Cockpit niedersinken, ohne auch nur die geringsten Vorbereitungen für den Start zu treffen. Durch die dicken Gläser seiner Hornbrille starrte er missmutig vor sich hin und mampfte seine immer gleiche Brotzeit, eine zentimeterdick bestrichene Leberwurstschnitte und eine Brezel.
Sie schmollte. Das gesamte erste Schuljahr hatte sie gebraucht, einen Piloten aus Holger zu machen. Irgendwie hatte sie diesen schüchternen Jungen, den sonst niemand zu mögen schien, ins Herz geschlossen. Sie hatte schnell gemerkt, was für ein perfektes Flugzeug der alte Kastanienbaum mit dem bodennahen Ast abgab, aber es konnten nun einmal nur Männer Piloten sein. Es hatte sie Berge von Butterkeksen aus der Bäckerei und außerdem noch von ihrem Taschengeld gekaufte Gummischlangen gekostet, ihn zu überreden. Allmählich war Holger aufgetaut, war er ihr bester Freund geworden, und der Baum hatte sich tatsächlich in ein Flugzeug verwandelt. Nun aber trauerte Holger Rosi hinterher.
Annette sammelte die ersten Kastanien der Saison vom Boden auf. Falls sie doch noch flogen, wollte die Bordverpflegung vorbereitet sein. Nur wem sollte sie das Essen servieren? Es fehlte ein Passagier, und die anderen Kinder kamen dafür nicht in Frage.
Der und Pilot?
Der kann ja nicht mal die Landebahn direkt vor seiner Nase sehen.
In den Sitz passt er auch nicht mit seinem dicken Hintern.
Igitt, wie der stinkt! Thomas war neben Holger getreten und hatte geschnuppert, einen angewiderten Ton ausgestoßen und sich die Nase zugehalten. Lautes Lachen ringsumher.
Nein, mit den anderen Kindern aus dem Dorf würden sie nirgendwohin fliegen. Sie setzte sich neben Holger und drehte eine Kastanie zwischen den Fingern. Er müffelte wirklich ziemlich heftig, aber er konnte doch nichts dafür. Die kleine Wohnung, in der er mit seiner Oma lebte, lag direkt über der Reinigung der Kurklinik, in der sie auch arbeitete. Die Dämpfe waberten die Stiege hinauf, krochen durch die zugigen Ritzen der Wohnungstür und drangen in Möbel, Teppiche und Kleider. Manchmal erschien es Annette, als drängen sie selbst in Holgers Haut. Sie hatte sich schon nach wenigen Besuchen bei ihm zu Hause an den Geruch gewöhnt. Und Rosi hatte er nie gestört.
Na, Käpt’n Baumgartner, fliegen wir?, hatte Rosi immer gefragt und Holger den Arm um die Schultern gelegt. Seine Wangen röteten sich fleckig in solchen Momenten, und er ging in Position, um über Funk die Starterlaubnis einzuholen, während Rosi Platz nahm, die üppig um ihren Kopf wallenden Locken zurückstrich und sich anschnallte. Aber jetzt war Rosi fort und die Maschine blieb seit Wochen am Boden.
»Wollt ihr mal meinen Spagat sehen?«
Annette zuckte zusammen, denn die Neue hatte sich von hinten angeschlichen. Nun aber trat Karin Schmitz vor, hob beide Arme seitlich an und streckte sie bis in die Fingerspitzen, während sie zu Boden glitt. Es sah so leicht aus, wie sie dahinfloss im orange geblümten Sommerkleid. Ihr ganzer Körper war angespannt, und doch hatte sie ein Lächeln auf den Lippen.
»Tut das nicht weh?« Annette sprang vom Ast und tat es ihr vorsichtig nach. Als sie ein Reißen in den Innenseiten ihrer Schenkel spürte, hielt sie inne und blieb breitbeinig stehen.
Holger hatte seine Mahlzeit beendet. Er knüllte das Butterbrotpapier zusammen und vergrub es gemeinsam mit den Händen tief in den Taschen seiner Jeans, die trotz seines fülligen Körpers viel zu weit für ihn waren und nur von einem Gürtel am Platz gehalten wurden.
»Das interessiert keinen«, brummelte er und schaute an Karin vorbei.
Wie gemein er war – das passte gar nicht zu ihm. Gemein waren sonst die anderen Kinder. Sie nannten ihn Stinker und Fettwanst, und Thomas hatte sogar noch ein anderes Schimpfwort benutzt. Er nannte ihn Bastard, und das hatte er bestimmt zu Hause aufgeschnappt. Sie wusste nicht, was das bedeutete und hatte in Rosis Duden nachgeschlagen: fr. (Mischling; uneheliches Kind), stand da. Holger erzählte sie nichts davon. Sie war seine einzige Freundin, verbrachte jede freie Minute mit ihm, aber anders als Rosi hatte sie ihm nie den Arm um die Schultern gelegt und wegen ihr bekam er auch kein fleckig gerötetes Gesicht. Sie verstanden sich einfach gut, auch wenn es ihr manchmal auf die Nerven ging, dass er ständig von ihrer Schwester sprach.
»Rosi ist unser Passagier«, protestierte er auch, wenn sie ihm erzählte, was sie über das neue Mädchen herausgefunden hatte. Familie Schmitz war aus der Stadt gekommen und in das Haus neben der Kurklinik gezogen, das so lange leer gestanden hatte. Im Dorf nannte man es stets ›die Villa‹. Es hatte einen kleinen Garten zur Straße und einen riesigen nach hinten hinaus, der gleich an den Kurpark grenzte. Die Familie kannte niemanden in Eschenreuth. Manchmal sah Annette zwei kleine Jungs im Garten herumtoben, Karins jüngere Brüder, die Zwillinge sein mussten, so ähnlich sahen sie sich. Karin tobte nie im Garten der Villa, sie hatte anderes zu tun. Viermal in der Woche fuhr ihre Mutter sie in die Stadt zum Ballettunterricht, kaufte unterdessen ein und nahm sie wieder mit zurück. Die Hinfahrt, die Zeit zwischendurch und die Rückfahrt zusammengerechnet, waren sie vier Stunden fort. Darüber sprach man in Eschenreuth, weil sie in dieser Zeit die Aufwartefrau auf die Jungen aufpassen ließ. Niemand in der ganzen Gegend hatte je eine Aufwartefrau gehabt, vielleicht der Geschäftsführer der Pharmafabrik, die hinter den Hügeln lag, aber der wohnte weit weg am Starnberger See.
Irgendwie war Karins Mutter eine komische Frau. Annette war nicht entgangen, dass Karin die schönste Federmappe hatte und den größten Ranzen, dass sie jeden Tag einen anderen Pullover trug und Bücher las, die nicht aus der Gemeindebibliothek kamen. Aber nie hatte Karin einen Lutscher oder ein Stück Schokolade dabei. Annette hätte ihr gern einmal etwas geschenkt, eines von den Nonnenhörnchen vielleicht, für die ihr Vater im ganzen Landkreis gerühmt wurde, weil er den Teig so wunderbar locker hinbekam. Aber Karin rührte nichts Süßes an, und Holger würde es ärgern. Je öfter Karin zu ihnen kam, desto mehr schimpfte er über sie. Wenn sie sich vor der Schule im Handspiegel betrachtete und den Sitz ihrer strohblonden Zöpfe korrigierte, nannte er sie eitel. Wenn sie vom Ballett erzählte oder eine ihrer Übungen zum Besten gab, meinte er, es sei Angeberei. Und wenn sie kurz vor Unterrichtsbeginn ihre Zahnspange aus dem Mund nahm und sie gegen einen zuckerfreien Kaugummistreifen tauschte, um ihn beim Eintreten der Lehrerin schon wegzuwerfen, maulte er wieder, weil es in seinen Augen Verschwendung war. Am meisten aber hasste er es, wie Karin redete. Annette fand, dass sie einfach nur ein lispelndes Zahnspangenhochdeutsch sprach, aber Holger fand es geziert. Wenn es um Karin ging, hörte er sich genauso streng an wie seine Oma. Er benutzte sogar dieselben Worte.
Hochmut kommt vor dem Fall.
Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden.
Und dann fing er wieder von Rosi an.
Die Tage wurden kürzer, der Nebel hielt sich bis zum Mittag zwischen den Wipfeln der Bäume. Allerheiligen kam und Allerseelen, der Volkstrauertag und der Totensonntag, der zweite Advent und der erste Bodenfrost. Karin kam inzwischen nicht mehr zur Kastanie. Auf dem Schulhof blieb sie allein, ließ einen Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüften kreisen oder spielte mit ihrem Jo-Jo. Und die Düsen des Jets blieben weiter still.
Annette saß immer grimmiger neben Holger auf dem Ast; sie hatte keine Lust, nur herumzuhocken, und sie mochte auch nicht mehr zusehen, wie er diese Leberwurstschnitten in sich hineinstopfte. Mit jedem neuen Schultag wurden die Pausen trister. Bis zu jenem denkwürdigen Morgen nach dem dritten Advent.
Der weiße Mercedes hielt direkt vor der Schule. Karins Mutter stieg aus, eilte um den Wagen herum und öffnete die hintere Tür. Zwei dünne Beine schoben sich langsam aus dem Auto hervor. Das rechte steckte bis zum Knie in einem roten Stiefel. Das linke ebenso weit in Gips.
Karin nahm die Krücken von ihrer Mutter entgegen und humpelte los, den Blick zu Boden gerichtet. Eine Traube aus Kindern bildete sich am Schultor. Drei Wochen war es schon wieder her, dass der Junge aus der Vierten nach einer Rauferei mit einer Platzwunde am Kopf ins Krankenhaus gebracht werden musste. Seither hatte es keine Aufregungen mehr gegeben. Und nun ein Gipsbein am Montag. Das konnte eine tolle Woche werden!
Umgeknickt sei sie, böse umgeknickt. Karins Mutter verkündete es so laut, dass alle in der Menge es hören konnten. Beim Ballett sei es passiert, am Sonntag nach der Messe. Karin habe mit ein paar anderen Mädchen aus ihrer Gruppe für eine Kinderaufführung geübt, Der Nussknacker am Weihnachtstag. Nach einem Sprung sei sie unglücklich aufgekommen, furchtbar unglücklich. Ihr Vater habe den Bänderriss sofort diagnostiziert, sei mit ihr in seine Behandlungsräume in der orthopädischen Abteilung der Kurklinik gefahren und habe den Fuß eingegipst. Mindestens sechs Wochen würde sie nicht trainieren können. Und Weihnachten ginge sie an Krücken. Karins Mutter strich ihrer Tochter über den Kopf, wo ein sehr gerader Scheitel ihr zu Zöpfen gebändigtes Haar exakt teilte. Karin hob die Lider noch immer nicht. Die Menge sammelte sich enger um sie. Fräulein Egge sprach ein paar tröstende Worte. Jemand bückte sich zu Karins Gips hinunter und klopfte gegen die harte Schale. Eine Stimme aus dem Hintergrund fragte: »Darf ich was draufmalen?«
Annette wollte wissen, was Holger von dieser Sache hielt, aber er sagte kein einziges Wort dazu, schwieg, bis die Schulglocke die erste Stunde einläutete, schwieg in der kleinen Pause und auch um halb zehn im Cockpit.
»Was hast du denn?«, fragte sie ihn und nahm ihre Semmel aus der Butterbrotdose. »Sei doch zufrieden. Du hast doch immer gesagt: Hochmut kommt vor dem Fall.« Sie imitierte seinen missbilligenden Ton. »Hast recht behalten.«
Tatsächlich verstand sie ihn nicht. Die ganze Zeit über hatte er kein gutes Haar an Karin gelassen, hatte sich nicht dafür interessiert, wo sie war und was sie tat, und jetzt sah er ihr mit einer derart verwunderten Miene nach, als hätte er noch nie ein Gipsbein gesehen. Und durch das Unverständnis in seinem Blick schimmerte Mitgefühl. Wahrscheinlich war das auch wieder so etwas, das er von seiner Oma lernte und das Annette nie begriff: Der Pfarrer erklärte in der Kirche, was man nicht tun durfte. Wenn man doch etwas tat, das verboten war, guckten alle böse und es konnte sein, dass Gott sich eine gemeine Strafe ausdachte, irgendwas wie Masern oder eine Fünf im Diktat oder ein Stromausfall, gerade wenn Bonanza anfing. Jedenfalls wurde man traurig, und je trauriger man war, desto besser. Dann kamen die anderen Kinder, um zu trösten, und auch der Pfarrer war versöhnt. Traurig zu sein war eigentlich das Tollste, was einem passieren konnte. Sogar Holger schimpfte nun nicht mehr über Karin. Er sprach mit vollem Mund.
»Gestern Nachmittag hab ich sie gesehen. Vor ihrem Haus.« Er kaute ein bisschen und schluckte, weil er wohl selbst merkte, dass er kaum zu verstehen war. »Ich bin auf dem Weg vom Wald nach Hause bei ihr vorbeigeradelt. Es war schon fast dunkel.«
»Ja, und?« Es begann zu regnen. Sie zog sich die Kapuze auf den Kopf.
Er tat es ihr gleich. »Sie hat keinen Gips gehabt.«
Annette umfasste ihre Semmel fester. Ein paar Krümel rieselten zu Boden. »Bist du sicher?«
Holger nickte. »Sie hatte ein Band zwischen zwei Bäume gespannt und hat Gummitwist gespielt. Alleine. Und ihre Füße waren in Ordnung.«
Sie schürzte die Lippen und dachte nach. Das war aber sehr merkwürdig. Warum sagte Karins Mutter, es sei am Mittag schon passiert? Und beim Ballett? Das konnte ja wohl nicht stimmen. Vielleicht war sie beim Gummitwist umgeknickt. Wollte Karins Mutter nicht, dass Karin Gummitwist spielte? Durfte das niemand wissen? Gehörte am Ende auch Gummitwist in die lange Liste der Dinge, die für Mädchen verboten waren? Das wäre neu.
Sie schaute auf die Uhr, die über dem Eingangsportal der Schule hing. Es war noch genug Zeit. »Komm«, sagte sie zu Holger, sprang auf und ging auf dieses seltsame Mädchen zu.
Wie ein Storch stand Karin auf dem gesunden Bein, hielt das eingegipste angewinkelt in der Luft. Annette bemerkte, wie schwer es ihr fiel, ihren Apfel zu essen, ohne die Krücken loszulassen.
»Soll ich die mal nehmen«, sagte sie daher und griff danach. Zuerst schüttelte Karin den Kopf, aber als der Apfel ihr beinahe aus der Hand rutschte, ließ sie die Krücken los.
»Ganz schön blöd, was?« Annette humpelte versuchsweise um sie herum. »Ist bestimmt ziemlich dick geworden, oder? Nur gut, dass dein Vater Arzt ist.«
Karin kniff die Lippen zusammen.
»Was machst du denn jetzt, wenn du nicht zum Ballett kannst?«, versuchte es Holger. Er war viel freundlicher zu ihr als sonst, aber Karin sah aus, als würde sie nur mühsam ihre Tränen zurückhalten.
»Jedenfalls wird es jetzt nichts mit dem Nussknacker«, sagte sie traurig. »Dabei ist es doch mein Lieblingsballett.« Sie warf das Kerngehäuse des Apfels ins Gebüsch und streckte die Hände aus, um die Krücken zurückzunehmen.
Annette gab sie ihr. »Ist es wirklich beim Ballett passiert?«
Karin sah sie endlich an. Ein bisschen erschrocken, wie es schien. »Ja.« Auch ihre Antwort fiel merkwürdig knapp aus.
»Gestern Mittag?«, fragte Holger.
Karin nickte schwach.
»Ich hab dich beim Gummitwist gesehen.«
Karin zuckte zusammen. »Wann?«, fragte sie in schrillem Ton.
Holger stemmte die Fäuste in die Seiten. »Weißt du nicht, wann du Gummitwist gespielt hast?«
Karin drehte sich um und humpelte davon, ohne zu antworten. Holger stutzte, dann wischte er mit der flachen Hand vor seinem Gesicht herum, um Annette zu signalisieren, was er davon hielt.
Annette kratzte sich am Kopf. Irgendetwas stimmte hier nicht, dachte sie gerade, als Karin sich plötzlich umdrehte und zurückkam.
»Bitte sagt den anderen nichts davon.«
Annette war hin- und hergerissen. Karin bat so flehentlich, dass es unfair sein würde, ihre Notlage auszunutzen. Aber sie tat auch so wahnsinnig geheimnisvoll. »Nur wenn du uns erzählst, was wirklich passiert ist«, sagte sie daher und stieß Holger an, der von einem Bein auf das andere trat. Vermutlich dachte er schon wieder an seine Oma. Klopfet an, so wird euch aufgetan, würde sie sagen. Annette wusste, er müsste eigentlich bedingungslos tun, worum Karin ihn bat, aber sie war sicher, dass auch er wissen wollte, was wirklich passiert war.
»Du musst es erzählen«, verlangte schließlich auch er.
Karin schluckte. Die Pause war fast zu Ende. »Aber ihr müsst es unbedingt für euch behalten.«
Holger nickte, und Annette hob drei Finger. »Ich schwöre.«
Es klingelte. Die anderen Kinder schlenderten grummelnd auf das Schulhaus zu. Karin wartete mit ihrer Antwort, bis sie weg waren.
»Ich … Ich bin erst gestern Abend umgeknickt«, stammelte sie flüsternd. »Es … ist nicht beim Ballett passiert. Ich bin … aus dem Fenster in den Garten gesprungen.«
»Aus dem Fenster gesprungen?« Holger sprach lauter.
»Psst!« Annette legte einen Finger an die Lippen und trat dichter an Karin heran, die ihre Hände so fest um die Griffe der Krücken gelegt hatte, dass die Knöchel weiß hervortraten.
»Hab ich schon öfter gemacht. Es ist ja nicht hoch. Aber gestern bin ich auf so einer blöden Wurzel gelandet.«
»Warum machst du denn so was?« Holger tippte sich mit dem Finger an die Stirn.
Annette warf ihm einen bösen Blick zu. Wenn man im Verhör etwas herausbekommen wollte, durfte man sich nicht anmerken lassen, was man von einer Sache hielt. So jedenfalls machte es Der Kommissar.
»Wir müssen rein.« Karin hatte es plötzlich sehr eilig.
Annette hielt sich neben ihr. »Jetzt mal wirklich – warum?«
»Nur so.«
»Nur so?« Sie waren schon an der Tür. Fräulein Egge trieb sie an.
Karin drängte ins Klassenzimmer. »Nur so!«
In den folgenden zwei Stunden meldete sich Holger kein einziges Mal, sondern zeichnete stattdessen in seinem Matheheft herum. Er konnte gut zeichnen. Wie beiläufig wischte der Füllfederhalter kreuz und quer über die Karos, und von ihrem Platz neben ihm aus beobachtete Annette, wie nach und nach ein Bild entstand. Es zeigte ein Mädchen im Tutu mit Zöpfen und einem Gips am Fuß. Es tanzte über eine hell erleuchtete Bühne.
Als es zur nächsten großen Pause klingelte, hatte es aufgehört zu regnen. Annette wollte so schnell wie möglich nach draußen, aber Holger zupfte sie am Ärmel und steuerte auf Karin zu. Als er bei ihr war, zog sie ein Buch aus ihrem Ranzen und schlug es auf. Das kleine Gespenst.
»Wollen wir nach Afrika fliegen?«, fragte er Karin so leise, dass Annette Mühe hatte, ihn zu verstehen.
Karin schaute auf, zögerte kurz, schüttelte den Kopf.
»Aber wir haben eine völlig neue Maschine!« flötete Annette begeistert.
»Und das Essen an Bord ist auch super.« Holger trat dichter an Karin heran. Sie schnupperte und wich zurück.
Annette beeilte sich, ihrem Freund zur Seite zu springen. »Ja klar, Schweinsbraten und, äh, Kaugummiknödel.«
»Kaugummiknödel?« Karins Mundwinkel zuckten.
Annette witterte die Chance. Sie lehnte sich über den Tisch und sah ihr direkt in die Augen. »Und es gibt Cola dazu«, schmeichelte sie.
»Ich darf keine Cola trinken.« Karin rutschte auf ihrem Stuhl herum, klappte das Buch zu. »Und der Baumstamm ist nass.«
Holger holte seinen Anorak und schwenkte ihn. »Hier! Kannst dich draufsetzen. Und unsere Cola ist gesund. Vitamin-Cola, weißt du?”
Endlich erhob sich Karin und ergriff die Krücken. »Sind die Sitze denn auch bequem?«
Sie waren schon über der Sahara, als das Unwetter über sie hereinbrach. Holger konnte den Steuerknüppel kaum halten, und Annette musste das Servieren einstellen, nachdem sie in der Kabine hin und her geschleudert worden war. Ein Luftloch folgte dem anderen. Annette schrie, und Holger brüllte ins Funkgerät: »Mayday, mayday, hallo Tower, kann mich einer hören?«
Der Wüstensand wirbelte gegen die Tragflächen, Blitze zuckten links und rechts, die Maschine taumelte im Wind, aber trotz der tödlichen Gefahr beobachtete Annette, was Karin tat. Sie saß ganz still, als es begann. Lange Minuten blieb sie völlig ungerührt. An ihrem Sitz schien das Inferno vorbeizugehen. Allmählich aber rüttelte der Hurrikan auch Karin durch. Unmerklich zuerst, aber bald schon heftiger, und als das Klingeln die Pause beendete und die nächste furchterregende Böe das Flugzeug von Backbord her traf, schmiss es sie fast aus dem Sitz. Sie klammerte sich an unsichtbaren Lehnen fest und drückte sich tiefer in den Kastanienastsessel. Als der Stoß überstanden war, schlug sie die Hände vors Gesicht und jammerte gedehnt: »Hey, Frääuulein, ich muss koootzen.«
Annette riss die Augen weit auf. Holger prustete los. Um die halbe Welt waren sie mit Rosi geflogen, aber so etwas hatte sie nie gesagt.
Samstag, 15. November 2014, 8.02 Uhr
Lächerlich war das, und wie peinlich erst. Wie hatte sie sich nur so gehen lassen können, fragte sich Karin und ging nervös in der Küche auf und ab. Ein Augenblick der Schwäche, und alles fiel auseinander. Als ob Jammern da etwas nützte. Weinerlichkeit war doch sonst nicht ihre Art. Sie griff nach der Dose oben links im Küchenregal. Die verlässlich Tröstende schob sie beiseite. Wer konnte wissen, was in den nächsten Stunden noch auf sie zukam. Aber gegen ein bisschen was von dem Pflanzlichen war nichts einzuwenden. Und ein kleiner Muntermacher konnte auch nicht schaden. Der Tag brach an, ein neuer Tag, den es zu bewältigen galt. Bestimmt käme ihre Mutter, das tat sie ja samstags immer und würde es auch heute tun. Auch Annette musste bald ankommen. Und Jacob war noch immer nicht zu erreichen. Inzwischen hatte sie ihm doch noch auf die Mailbox gesprochen, wie sah es denn aus, wenn nur Annette es tat. Sollte sie Pavel nun anrufen? Nein, das konnte noch warten. Sie musste sich erst einmal sammeln und die Ordnung wiederherstellen.
Ihre Pläne konnte sie allerdings vergessen. Dabei war das Weinregal schon überfällig. Sie hatte es aufgeschoben, so lange es ging, weil es so beschwerlich war, jede einzelne Flasche herauszunehmen, abzustauben und mit dem Etikett nach oben wieder an ihren Platz zu legen. Aber jetzt ließ es sich nicht länger vermeiden. Und dann das Laub. Der Wind trieb die Blätter so schnell vom Rasen hinter dem Haus auf die Terrasse, dass sie mit dem Harken gar nicht nachkam. In der Woche hatte sie dafür keine Zeit. Montags musste sie die Betten frisch beziehen, die Bettwäsche waschen und die Küche putzen. Dienstags bügelte sie die Bettwäsche, kaufte ein und fuhr den Wagen in die Waschanlage. Mittwochs wusch sie die Kleidung, und während die Maschine arbeitete, polierte sie das große Bad im Erdgeschoss und das kleinere oben. Danach blieb immer noch Zeit, sich zwei, drei Paar Schuhen zu widmen. Donnerstags bügelte sie die Kleidung und wischte und saugte im Obergeschoss Staub. Jacob ließ sie nur ungern in sein Zimmer, aber das, was er Saubermachen nannte, hatte diese Bezeichnung nun wirklich nicht verdient. Da musste sie ja doch immer noch mal hinterher. Freitags war das Erdgeschoss dran. Das Esszimmer war allerdings nicht jede Woche nötig, wo sie es doch schon vor Jahren abgeschlossen hatte. Du liebe Güte, Sauce Hollandaise auf dem Fußboden in der Spargelzeit, Salatdressing im Sommer und Pilzragout im Herbst. Wenn sie nicht anständig essen konnten, mussten sie es eben in der Küche tun. Den guten Teppich ließ sie sich jedenfalls nicht ruinieren, und wenn sie das Esszimmer auslassen konnte, schaffte sie am Freitag sogar noch die Einkäufe für das Wochenende sowie alle Arzt- und Apotheken-, Bank- und Friseurbesuche. Natürlich musste sie auch kochen, außer wenn etwas übriggeblieben war. Das kam aber nur vor, wenn sie es aus Mangel an Zeit so plante. Wer mochte denn schon aufgewärmtes Essen? Für die Bestellungen ihrer Kundinnen, die Auslieferung der Kosmetika und die Abrechnungen plante sie dreimal in der Woche zwei Stunden vor dem Abendbrot ein. Mittwochs ging sie zur Gymnastik und am ersten Samstag im Monat zum gemeinsamen Frühstück des Leseclubs. Das Turnen war gut gegen Verspannungen und die Kontakte gut fürs Geschäft. Auch ohne Kalender verlor sie nie den Überblick. Es hatte sie lange Jahre des Probierens gekostet, die Erledigung ihrer Pflichten so zu optimieren, dass es möglich war, einfach einen Zettel, auf dem schon alles eingetragen war, für jede neue Woche zu kopieren. Nur die Spalte für den Samstag blieb in der Vorlage leer für das, was je nach Jahreszeit nur ab und zu getan werden musste: Fenster putzen, Marmelade einkochen, Ostereier bemalen, Stollen backen, Wintermäntel mit Schutzfolie versehen, die Knöpfe an den Sommerblusen auf Festigkeit überprüfen, Jacobs Hosen umnähen, Jacobs Hosen auslassen, Gartenmöbel raus, Gartenmöbel rein oder eben den Keller in Ordnung bringen. Hinter jede Aufgabe, die sie bewältigte, setzte sie schwungvoll ein Häkchen. Waren alle Punkte geschafft, wanderte das Blatt in den Papierkorb und sie holte ein neues für die kommende Woche heraus.
Heute würde es keine Häkchen geben. Es hatte sie den Rest der Nacht gekostet, den Teppich im Wohnzimmer wieder einigermaßen sauber zu kriegen, die Scherben zusammenzukehren und die Stellen zu trocknen, die das versprengte Wasser hinterlassen hatte. Den Fleck von der angefaulten Birne hatte sie noch immer nicht herausbekommen. Aber jetzt musste sie erst mal das Bett in Annettes Zimmer beziehen.
Annettes Zimmer. War es nicht Jacob, der angefangen hatte, es so zu nennen? Wieso Gästezimmer?, hatte er gefragt. Nur Annette schläft dort. Sie hatte ihm recht geben müssen. Pavels Eltern waren tot, seine Schwester lebte in Übersee. Und ihre Brüder? Sascha war nur ein einziges Mal aus Spanien gekommen – zu Jacobs Taufe. Und Christian blieb mit seiner Familie nicht über Nacht. Sie hatten es ja auch nicht weit nach Hause. Und wenn Christian was trank, fuhr auch mal seine Frau.
Sie holte Bettwäsche aus dem Schrank und ärgerte sich erneut über ihren nächtlichen Ausbruch. Sie hätte Annette nicht anrufen sollen. Immer stand sie Jacob bei, immer wusste sie alles besser. Sagte Karin, er sei schmächtig, meinte Annette, er sei zart. Nannte sie ihn einen Zappelphilipp, fand Annette ihn agil. Wollte sie, dass er zur Beichte ging, fiel Annette ihr in den Rücken. Er kann es doch auch mir sagen, wenn er was angestellt hat. Sie war es, die ihm das Gel geschenkt hatte, das er sich seither in die Haare schmierte. Sie hatte ihm beigestanden, als er mit diesem Stecker in der Nase ankam. Aus der Ferne, am Telefon. Was hast du denn, ist doch schick. Und seit Annette ihm das Foto von dem Tattoo auf ihrem Oberarm geschickt hatte, sprach auch Jacob davon, eines haben zu wollen. Natürlich würde sie ihm niemals erlauben, sich Farbe unter die Haut ritzen zu lassen, aber was sollte sie tun, wenn er achtzehn war?
Sie hielt inne und ließ das Kopfkissen sinken. Wenn sie das nächste Mal die Maiglöckchen im Garten schnitt, um sie ihm auf den Geburtstagstisch zu stellen, war er dem Gesetz nach erwachsen, und es gab keinen Zettel, auf dem geschrieben stand, was dann aus ihm werden würde. Er war so eigen geworden und still, mied die wenigen Partys, zu denen er eingeladen wurde, trat keinem Verein bei und ging neuerdings nicht einmal mehr in die Kirche. Seine Freunde waren irgendwelche Profilbilder im Internet, und noch nie hatte er ein Mädchen mit nach Hause gebracht. Nach seiner Zukunft gefragt, zauberte er stets eine neue Antwort aus dem Hut. Keine war je ernst gemeint, keine war beständig.
Sie wandte sich wieder dem Kissen zu, ließ es im Bezug verschwinden, zog den Reißverschluss zu, schüttelte es auf und strich es glatt. Sie hatte die Bettwäsche extra für Annette gekauft, hatte sie ohne zu zögern bestellt, als sie auf die Abbildung im Katalog gestoßen war. Sie mochte Annettes Geschmack nicht, aber sie kannte ihn. Graue Bettwäsche. Wie kann man graue Bettwäsche mögen, hatte sie Annette einst gefragt. Unsere Mütter haben alles versucht, damit die Bettwäsche weiß bleibt und mit der Zeit nicht grau wird. Annette hatte gelächelt und genickt, als sie antwortete. Eben.
Jetzt lächelte auch Karin. Ihrer alten Freundin etwas Gutes zu tun, war wie ein Automatismus, dessen Sinn zu hinterfragen sie längst aufgegeben hatte. Es war einfach so. Sie stritten und sie quälten sich. Und dann kauften sie einander Geschenke. Die Bettwäsche war noch völlig unbenutzt. Annette war lange nicht nach Eschenreuth gekommen, nur telefoniert hatten sie, gemailt und sich Postkarten geschrieben. Ja, Postkarten aus dem Urlaub oder zum Geburtstag, richtig altmodisch und bunt. Wenn nur der Anlass ihres Besuches nicht so besorgniserregend wäre. Wo konnte Jacob denn bloß sein?
Sie musste Holger noch einmal anrufen und ihn bitten, sich im Dorf umzuhören. Es war unauffälliger, wenn er es tat. Von Holger erwartete ja niemand, dass er wusste, wo Jacob war. Sie aber war seine Mutter, bei ihr sah die Sache schon anders aus. Ja, sie würde Holger bitten, den Jungen für sie zu suchen. Aber wo sollte er damit anfangen? Jetzt war es bedauerlich, dass sie Jacob den Hund verweigert hatte, den er immer hatte haben wollen. Ein Hund hätte sie vielleicht zu ihm geführt. Pavel hatte zugestimmt, aber sie hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Ein Hund brachte Dreck ins Haus. Ein Hund machte Arbeit. Man musste ihn impfen und entwurmen lassen, das Fell auf Zeckenbefall prüfen und die Haare vom Autositz bürsten, wenn man vom Tierarzt kam. Aber das war nicht das Schlimmste. Ein Hund buddelte alles wieder aus. Er schnüffelte und scharrte und legte alles frei – alte Knochen und vergrabene Erinnerungen. Nein, ein Hund kam nicht in Frage.
Nicht für sie.
Weihnachten 1972
Am Vormittag des ersten Feiertages roch es im Haus nach Gänsebraten. Karin lag ausgestreckt auf dem wuchtigen schwarzen Ledersofa im Wohnzimmer und wartete darauf, dass der Film über Paolo Bortoluzzi begann, auf den sie sich schon seit Tagen freute. Wenn das Jucken der Haut an ihrer linken Wade unerträglich wurde, richtete sie sich auf, schob ein Lineal unter den Gips und versuchte, die Stelle zu erreichen, die sie am schlimmsten peinigte. Andächtig stocherte und kratzte sie, bis die Qual nachließ. Das Lineal ging schon leichter unter den Gips als noch vor einer Woche, der Muskel wurde dünner. Zum Glück war ihre Mutter zu beschäftigt, um das zu bemerken. Geschirr klapperte in der Küche, heißes Fett zischte so laut, dass Karin sich selbst vom Sofa aus vorstellen konnte, wie es im Ofen brutzelte. Dabei hatte ihre Mutter die Tür hinter sich geschlossen, hatte sich verschanzt, um nicht gestört zu werden, während sie stundenlang mit Äpfeln, Maronen und Rotkohl, Schüsseln und Töpfen hantierte. Ihre Mutter hatte nicht einmal Zeit für den Film, und das war gut so, denn sie würde sicher wieder jede der Bewegungen des Tänzers kommentieren und sie gleichzeitig ermahnen, sich anzustrengen, jeden Tag, jede Woche, immer. Nein, das brauchte sie jetzt wirklich nicht. Sollte ihre Mutter ruhig in der Küche bleiben.
Sie sah auf die Uhr. Nur ein paar Minuten noch, dann musste es losgehen, und wenn es zu Ende war, kam der Vater aus der Klinik und sie konnten endlich essen. Ihr knurrte der Magen, sie hatte doch nur wenig gefrühstückt, um für den Festtagsbraten Platz zu lassen. Und dann duftete es auch noch so lecker! Bald, dachte sie und richtete den Blick auf den Fernseher. Bald würde der Vater die Gans bei Tisch zerlegen und die Stücke auf alle Teller verteilen. Dann bekam sie ihr Häppchen vom mageren Fleisch und vielleicht sogar, wenn nicht allzu viel Fett darunter glitzerte, auch ein winziges Läppchen von der knusprigen Haut, die sie so gerne aß und doch nicht essen durfte. Jetzt, wo das Training ausfiel, musste sie noch mehr aufpassen, dass sie nichts ansetzte. Richtig böse war die Mutter geworden, als sie den Gips gesehen hatte. Das wird dich weit zurückwerfen. Da wirst du hart arbeiten müssen, um das wieder aufzuholen. Sie hatte Karin tagelang kaum angesehen und nur das Nötigste mit ihr gesprochen. Tu das nie wieder!, hatte die Mutter geschimpft und nicht ein einziges Mal danach gefragt, warum sie überhaupt aus dem Fenster gesprungen war. Keine Fragen, keine Antworten. Karin seufzte. Das Schweigen hatte sich so fest um ihr Herz gelegt wie der Gips um ihr Bein.
Der Film ließ noch immer auf sich warten, und sie sah aus dem Fenster. Es schneite nun schon seit Stunden. Dicke Flocken segelten auf die Äste des Walnussbaumes, auf die Himbeersträucher und den Sandkasten, der nach ihrem Einzug für die Zwillinge eingefasst worden war. Sie fielen geräuschlos aus einem fahlgrauen Himmel, schwebten zur Erde, wie sie selbst in diesem Augenblick über die Bühne hätte schweben sollen. Sie schlug mit dem Lineal auf den Gips, schaute wieder hinaus.
Auch Lizzy war im Garten, und Karin reckte den Kopf, um sie besser sehen zu können. Schwanzwedelnd sprang die Hündin um Sascha und Christian herum und schnappte nach den Schneebällen, mit denen sie sich bewarfen. Wie schön war es gewesen, am Morgen aufzuwachen und Lizzy vor dem Bett liegen zu sehen. Es war nicht nur ein Traum gewesen. Karin war aufgestanden und hatte Lizzy gefüttert, war sich richtig groß vorgekommen, als sie die Fleischbrocken in den Napf gegeben hatte. Später waren sie zusammen aus dem Haus gegangen. Lizzy jagte gleich davon, aber als die Hündin bemerkte, dass Karin ihr mit dem Gips nicht so schnell folgen konnte, kam sie zurück und blieb an ihrer Seite. Es gab keinen Zweifel, Lizzy gehörte zu ihr, und das fühlte sich wunderbar an. Vielleicht konnte sie ihr erzählen, was sonst keiner wissen sollte, wenn sie gemeinsam durch die Gegend streiften und niemand bei ihnen war. Sie lächelte in sich hinein, denn mit einem Mal spürte sie, dass Lizzy viel mehr sein würde als der Trost für den Umzug aufs Land, als der sie gedacht war.
Hier auf dem Land kannst du einen Hund haben, wenn du willst, sagte der Vater, aber eigentlich wäre sie viel lieber in der Stadt geblieben. Dort kannte sie die Straßen, die Geschäfte und die Kinder aus der Nachbarschaft. Zum Ballettunterricht hatte sie laufen können. Natürlich war die Wohnung im dritten Stock ein bisschen enger geworden, seit die Zwillinge zur Welt gekommen waren, aber das war doch nicht schlimm. Wer brauchte schon ein Esszimmer? Auch die Mutter schien zufrieden gewesen zu sein, und der Vater hatte eine eigene Praxis gehabt mit einem beeindruckenden Schild an der Tür. Dr. med. Wiegand Schmitz. Orthopäde.
Warum nur waren sie in dieses Dorf gezogen?
Weil Papa in der Kurklinik mehr Geld verdient und wir in einem schönen Haus wohnen können. Ihre Mutter erklärte es ihr. Sie sagte auch, es mache ihr nichts aus, sie zum Ballettunterricht zu fahren. Manchmal blieb sie und sah zu, und wenn das Training zu Ende war, kommentierte sie auf der Heimfahrt all die kleinen Fehler, die sie bemerkt hatte. Die Schrittfolgen, die Haltung, die Sprünge, das muss dir in Fleisch und Blut übergehen. Das ist eine Frage der Konzentration. Und deiner inneren Haltung. Mit Nachdruck sagte es die Mutter, predigte es, peitschte es ihr ein. Karin hörte zu und hörte weg, und wenn sie ins Dorf einfuhren, wo die anderen Kinder auf der Straße herumstromerten, wünschte sie sich tatsächlich einen Hund. Einen flauschigen Welpen, der unbeholfen auf sie zu tapsen würde, um sich von ihr auf den Schoß heben und den weichen Bauch kraulen zu lassen, der eher fiepte als bellte und mit schwarzen Knopfaugen alles Neue gierig aufsog, der mit seiner feuchten kleinen Zunge über ihre Finger schlabberte. Ein lustiger Rabauke sollte es sein, und sie würde den anderen Kindern erlauben, ihn zu streicheln, wenn sie nett zu ihr waren.
Heiligabend kam, die Messe und das Krippenspiel, in dem Holger ein dicker Hirte mit fleckig geröteten Wangen war. Im Wohnzimmer leuchteten die Lichter am Baum mit seinem Tannengeruch, vor dem sie das Gedicht aufsagte. Um seinen Stamm herum lagen die Geschenke: glitzernde Ohrringe, ein moderner Allesschneider und die in der Schule gebastelten Strohsterne für die Mutter; der Trockenrasierer, drei Paar Arztsocken und das getuschte Bild für den Vater; die Schlitten, ein Feuerwehrauto, eine Kiste voller Bauklötze und zwei Paar Stiefel für die Zwillinge; ein neues Nachthemd und Die kleine Hexe für sie. Einen Augenblick nur betrachtete sie das Buch, dann ließ sie es in den Schoß sinken und suchte den Platz unter den geschmückten Zweigen verstohlen ab. Das konnte doch nicht alles sein?
Der Vater ging hinaus. Er wolle den Nachbarn ein Frohes Fest wünschen, sagte er, und die Mutter wunderte sich nicht über seinen plötzlichen Einfall so kurz nach der Bescherung. Sie ermahnte Sascha, nicht alle Plätzchen auf einmal zu essen, während Christian die Bauklötze auf dem Fußboden verstreute und aus der Stereoanlage die Stimme von René Kollo erklang. Stille Nacht.
Es dauerte nicht lange, bis der Vater zurückkam. Und er führte sie herein: Princess of Achill Island.
»Ein Irish Red Setter, fünf Jahre alt und gut ausgebildet«, sagte ihr Vater. Die Hündin reichte ihm bis über das Knie. Karin dachte, ihr Fell sei rotbraun, aber ihr Vater nannte es mahagonifarben. Und es hatte einen weißen Brustfleck.
»Es ist genauso wie bei den Menschen«, sagte er, während er Princess of Achill Island durch das Wohnzimmer führte. »Weiß ist zulässig, ganz anders als Schwarz. Schwarz verstößt gegen die Reinheit der Rasse.«
Die Mutter warf ihm diesen merkwürdigen Blick zu, den Karin schon kannte. Es war der Sag-so-was-nicht-vor-den-Kindern-das-soll-man-ja-nicht-sagen-aber-eigentlich-störtes-mich-nicht-Blick. Ihr Vater schien das auch zu wissen. Er lachte triumphierend, bevor er wieder ins Schwärmen geriet. Aus einem untadeligen Wurf stamme das Tier und habe hervorragende Papiere. »Steh!«, befahl er, und sie stand. »Sitz!«, zischte er, und es klang wie das ›Schmitz‹, wenn er jemandem seinen Namen sagte, ihn anschließend buchstabierte: mit Theodor Zacharias.
Die Hündin saß auf den Hinterbeinen, aber der Vater zog sie gleich wieder hoch. Langsam schritt er mit ihr auf den Ledersessel zu, in den Karin sich hineingedrückt hatte.
Ihr Vater grinste. »Sie hat einer Patientin gehört. Rheumatoide Arthritis, ziemlich schwerer Fall. Sie kommt kaum noch vor die Tür, und das Tier braucht viel Auslauf. Sie musste es weggeben. Was für eine Gelegenheit!« Nun feixte er und zählte die Vorzüge der Rasse auf. »Drahtig, agil und athletisch, schlank und kräftig. Diese Hunde sind zur Jagd geeignet und ausgesprochen gehorsam. Und dabei sehr anhänglich an den Herrn.«
Als beide bei Karin ankamen, blieb die Hündin stehen. Karins Vater ging in die Hocke, hob mit der rechten Hand die Schnauze des Tieres an und mit der linken den Schwanz.
»Schau her, wie aristokratisch sie ist und wie wohlproportioniert!«
Er streckte den Körper der Hündin, und Princess of Achill Island ließ es über sich ergehen. Stocksteif stand sie im Griff des Vaters. Mit den Händen zeichnete er die Form ihres Schädels nach, ertastete die Wölbung des Brustkorbs und maß die Länge ihrer Rute. Auch die Festigkeit der Sehnen prüfte er und die Stärke ihrer muskulösen Lenden. Ganz versonnen sah er dabei aus, und das war kein Wunder, denn er war ja ein Experte auf diesem Gebiet. Auch bei ihr testete er immer wieder die Festigkeit der Muskulatur des Rückens und des Bauches, der Arme und der Beine, vergewisserte sich der Lockerheit der Bänder und der Rundung der Hüften, und er tat es genauso gewissenhaft wie bei all den Kindern in den orthopädischen Turngruppen, die er leitete. Es war nun einmal sein Beruf. Er prüfte genau. Er prüfte gern.
Manchmal fand sie, er prüfte zu sehr.
Sie glitt vom Sofa und setzte sich auf den Boden, was mit dem Gips ziemlich umständlich war. Ihr Vater ließ die Hündin los. Die gut Erzogene mit den tadellosen Papieren bewegte sich nicht. Erst jetzt sah Karin, dass das Tier zitterte.
Princess of Achill Island war nicht das, was sie sich vorgestellt hatte. Ob sie Papiere hatte, war Karin egal, und die Farbe des Fells war auch nicht wichtig. Aber sie war so groß, so erwachsen, so fertig. Ihr Gang war nicht tapsig, und sie schleckte auch Karins Finger nicht ab. Sie fiepte nicht, und es war fraglich, ob sie jemals bellte. Karin hob die Hand, strich zögernd über das glänzende Fell. Ihr Vater wich zurück, und im selben Moment schlich die Hündin einen winzigen Schritt auf sie zu, beschnupperte ihr Kleid und ihre Zöpfe. Karin nahm ihren Kopf zwischen die Hände und sah ihr in die unruhigen Augen.
Sie hatte eine Hündin zu Weihnachten bekommen, eine Dame, die zu ihr passte. Princess of Achill Island. Der Name hörte sich komisch an. Es war ein vornehmer Name, wie er in Märchenbüchern stand, die von Königshäusern handelten, von ihrem Glanz und Glück. Vielleicht war das gelogen. Schon lange beschlich sie dieser Verdacht, denn ihr Vater nannte sie seine Prinzessin, wenn er sich an sie drückte. Princess of Achill Island. Sie legte der Hündin die Arme um den Hals und atmete ihren Duft.
Von nun an war sie Lizzy.
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