Kitabı oku: «Lieber Barack: Die außergewöhnliche Partnerschaft zwischen Angela Merkel und Barack Obama»

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Inhalt

Impressum 2

Anmerkungen der Autorin 3

Einführung 10

Kapitel 1: „Unsere Lebenswege“ 20

Kapitel 2: „Ich übernehme die Verantwortung“ 40

Kapitel 3: „Wilde Spekulationen“ 56

Kapitel 4: „Eine Änderung der Sichtweise“ 70

Kapitel 5: „Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ 82

Kapitel 6: „Lieber Barack“ 97

Kapitel 7: „Wir müssen Geschichte schreiben“ 123

Kapitel 8: „Das Überwachen von Freunden – das ist unakzeptabel“ 139

Kapitel 9: „Wir müssen Schwierigkeiten überwinden“ 151

Kapitel 10: „Freie Völker stehen zusammen“ 168

Kapitel 11: „Grüß Gott“ 184

Kapitel 12: „Auf der richtigen Seite der Geschichte“ 199

Kapitel 13: „Demokratie lebt vom Wechsel“ 221

Fazit: „Wir können uns nicht hinter einer Wand verstecken“ 240

Nachwort: „Ich möchte kooperieren“ 253

Danksagung 276

Quellen 280

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-828-9

ISBN e-book: 978-3-99107-829-6

Lektorat: Katja Wetzel

Übersetzerin: Désirée Karge

Umschlagfoto: siehe letzte Seite

Umschlaggestaltung: Vincienzo Cabrera

Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Anmerkungen der Autorin

Ich stamme aus einer Familie politischer Aktivisten, die sich schon immer für das Weltgeschehen interessierte: Meine Urgroßmutter marschierte mit den Suffragetten, mein Großvater war Gewerkschaftsvertreter in einer Werkzeug- und Farbenfabrik und meine Mutter war eine talentierte Linguistin, die auf drei unterschiedlichen Kontinenten Französisch unterrichtete und dem Aufruf von John F. Kennedy folgte, dem Peace Corps beizutreten. In dieser Zeit unterrichtete sie im Ausland Englisch, bis sie schwer an Malaria erkrankte und wieder zurück in die USA zog.

Eines der ersten Ereignisse, an die ich mich erinnern konnte, war die Geiselnahme im Irak. Ich war gerade mal sieben Jahre alt und die damalige Berichterstattung in den Nachrichten unterbrach meine samstagmorgendliche Cartoon-Show im Fernsehen. Von da an verfolgte ich die Entwicklung so gut ich es eben als kleines Kind konnte – und ging sogar so weit, dass ich ein Jahr später, als man die Geiseln entließ, in der Schule eine Krankheit simulierte, nur damit ich die Nachrichten darüber zu Hause verfolgen konnte.

Als ich älter wurde, blieb ich dem Interesse an Politik und internationalen Angelegenheiten weiterhin treu. Zum ersten Mal wurde ich als Teenager politisch aktiv: ich protestierte gegen Gesetze, die die Selbstbestimmung der Frauen einschränkten, ich leitete an meiner High-School Anti-Zensur-Kampagnen und machte in meinem Abschlussjahr ein Praktikum bei einem Abgeordneten des Repräsentantenhauses. Mit 17 Jahren verfolgte und bejubelte ich von meinem Haus in Michigan aus den histrosichen Moment, als die Berliner Mauer fiel.

Schon lange bevor ich im Jahr 2017 nach Deutschland zog, war ich von den Deutschen und der deutschen Kultur fasziniert. Das lag hauptsächlich an meinem Onkel, der während meiner Kindheit die meiste Zeit in Deutschland stationiert war. Er lernte dort auch eine deutsche Frau kennen, sie heirateten und hatten zwei Kinder. Im August 1990, das war der Sommer vor meinem Abschlussjahr an der High-School, besuchte ich ihn zum ersten Mal gemeinsam mit meiner Mutter, meinem Stiefvater und meiner damals besten Freundin. Ich habe mich sofort in dieses Land verliebt und nahm mir fest vor, eines Tages dort zu leben. Die Berliner Mauer war zu jenem Zeitpunkt zwar schon über ein Jahr lang „gefallen“, aber viele Abschnitte davon standen noch und waren intakt. Von daher klopfte ich mir damals ein weißes Stück Beton aus einer dieser Abschnitte heraus. Es war gerade mal so groß, dass es in meine Handfläche passte und gehört heute noch zu den wertvollsten Dingen, die ich besitze.

Als ich mich in Berlin umschaute, bemerkte ich den starken Kontrast zwischen dem Ost- und dem West-Teil. Natürlich gab es keine Mauer mehr und Berlin war nun eine vereinte Stadt. Aber obwohl ich nur ein siebzehnjähriges Mädchen war, sah ich den großen Unterschied zwischen dem ehemaligen sowjetischen Teil, mit seinen heruntergekommenen Gebäuden, verwahrlosten Grundstücken und mit seiner mangelnden Geschäftigkeit – und dem florierenden, freien West-Berlin. Diese Erfahrung hat mir die Augen geöffnet: in diesem Moment war mir klar, wie wichtig es ist, in einer freien Gesellschaft zu leben und es wurde mir bewusst, dass Demokratie und Freiheit nicht für selbstverständlich erachtet werden sollten. Obwohl wir nur ein paar Tage in Berlin verbrachten, wusste ich, dass ich eines Tages wiederkommen würde. Und ich fragte mich damals auch, ob es dann immer noch einen so großen Unterschied zwischen Ost und West geben würde.

Während meiner Universitätszeit studierte ich Geschichte und Public Policy und war weiterhin in meiner Freizeit politisch aktiv. Ich hatte Glück, dass die Michigan State University als einer der Veranstaltungsorte für die 1992 Präsidentschaftsdebatten ausgewählt wurde, denn dort hatte ich die Gelegenheit, als neunzehnjährige Studentin ganz kurz Bill Clinton zu treffen. Im darauffolgenden Jahr hatte ich so viel Zeit mit politischen Aktivitäten verbracht, dass mir der Ortsverband der Demokraten den „Geraldine Rapaport Award“ verlieh. Das ist eine jährliche Auszeichnung für den engagiertesten, ehrenamtlich arbeitenden Jung-Demokraten. Zwei Jahre später erwirkte der Bürgermeister von Lansing einen Stadtratsbeschluss, der – einmalig und nur in jenem Jahr – einen „Claudia Clark Tag“ vorsah, um mein politisches Engagement während meiner Studienzeit zu würdigen.

Nach meinem Studium arbeitete ich zunächst US-weit als Mitarbeiterin bei politischen Kampagnen für progressive Kandidaten und progressive Politik. Schließlich blieb ich in der San Francisco Bay Area hängen. Wie viele andere wurde auch ich eine begeisterte Anhängerin von Barack Obama. Ich arbeitete ehrenamtlich für seine Kampagne und verfolgte seine Karriere. Jedoch blieb meine Begeisterung für Deutschland und auch der Wunsch, eines Tages dort zu leben, lag mir weiterhin am Herzen.

Ich wurde im zarten Alter von fünf Jahren zur Feministin. Nachdem ich meiner Mutter sagte, ich würde Krankenschwester und nicht Ärztin werden wollen – schließlich sei Krankenschwester ein Beruf für Mädchen und der Arzt-Beruf für Jungen – kaufte sie mir das Buch „Mütter auf der Arbeit“. Als Frauenrechtlerin verfolgte ich sehr genau den Werdegang von Angela Merkel. Ich bewunderte ihr duales Arbeitsleben: ihre Karriere als Wissenschaftlerin und als Politikerin. Persönlich bin ich in Mathematik und den Naturwissenschaften fürchterlich. Ich hatte damals in der High-School sogar meinen Physiklehrer davon überzeugen wollen, dass es Folter wäre, jemanden zum Physikunterricht zu zwingen und dies somit gegen die Verfassung Verstöße. Trotzdem, und sicherlich auch aufgrund meiner eigenen Defizite, bewundere ich Frauen, die in traditionell von Männern dominierten Berufen erfolgreich sind. Und aufgrund der Tatsache, dass Kanzlerin Angela Merkel einen Doktortitel in Physik hat, respektierte ich sie noch viel mehr. Wenn ich Merkels Kombination von wissenschaftlicher Ausbildung und politischen Leistungen in Betracht ziehe, dann gibt es nur wenige Menschen, die ich noch mehr bewundere – obwohl Merkels Politik oft konservativer ist als meine eigenen politischen Anschauungen.

Als ich im November 2016 die letzte gemeinsame Pressekonferenz von Obama und Merkel sah, war ich sofort davon berührt, wie sichtbar betroffen Merkel reagierte, als ein Reporter sie auf dieses letzte offizielle Treffen ansprach. In den Tagen zuvor und auch nach dieser Pressekonferenz entging es mir nicht, dass in den Medien viel über die starke Beziehung der beiden Staatsoberhäupter zueinander berichtet wurde. Journalisten zitierten häufig Merkels zärtlich klingendes „Dear Barack“ und der Business Insider brachte eine Geschichte über die beiden mit dem Titel „16 Fotos die zeigen, wie sehr Obama und Merkel sich vermissen werden“. Die Chemie zwischen den beiden ist also auch anderen aufgefallen.

Diese Bilder behielt ich die ganze Zeit über in meinem Kopf und holte sie erst wieder hervor, als Angela Merkel im März 2017 zum ersten Mal Präsident Trump in Washington D.C einen Staatsbesuch abstattete. Ich sah, wie Trump sich weigerte, Angela Merkel die Hand zu schütteln und mir fiel auf, in welch starkem Kontrast dazu die Interaktion mit Trumps Vorgänger stand. In diesem Moment realisierte ich, dass Merkel und Obama eine bemerkenswerte Beziehung hatten – eine, die eine spezielle Anerkennung verdiente und die irgendwie verewigt werden sollte.

Ich erinnerte mich daran, dass es bereits Bücher über die Beziehung zwischen dem US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt und dem britischen Premierminister Winston Churchill gab und sah viele Parallelen zwischen den zwei Paaren. In beiden Fällen waren es Staatsführer alliierter Länder, die unterschiedlichen Parteien angehörten, in turbulenten Zeiten regierten und trotzdem in der Lage waren, eine starke Beziehung zueinander zu entwickeln. Dies war der Moment, an dem ich entschied, dass ein Buch über die Freundschaft von Obama und Merkel ein Projekt wäre, das sich lohnen würde anzugehen. Noch unentschlossen darüber, ob so ein Buch tatsächlich einen Wert darstellen würde, begann ich mit der Recherche – eine mühsame Aufgabe für jemanden, der bis dato gerade Mal eine 100-Seiten lange Diplomarbeit verfasst hatte. Mir war auch bewusst, dass ich eine unbekannte Autorin war und ich es wagte, ein massives Sachliteratur-Projekt anzugehen, bei dem es um zwei der mächtigsten Staatsführer der Welt ging.

Während ich noch darüber nachdachte, ob ich für diese Aufgabe wirklich bereit oder gar qualifiziert war, erfuhr ich im April 2017, dass Obama für seine erste Auslandsreise nach seinem Amtsende nach Berlin fahren würde, um sich mit Kanzlerin Merkel zu treffen und um auf dem 500. Jahrestag des Evangelischen Kirchentages eine Rede zu halten. Schließlich war ich überzeugt: Obamas erste offizielle Auslandsreise als Privatperson galt Deutschland und Merkel. Dies zeigte mir, dass ihre Beziehung wirklich stark genug war, um Zeit und Energie in ein derart ehrgeiziges Projekt zu stecken.

Das Timing dafür war fast perfekt. Im Herbst 2016 hatten mein Mann und ich aus den unterschiedlichsten Gründen realisiert, dass unser „eventueller“ Umzug nach Deutschland eher früher als später stattfinden würde. Als mein Mann im Mai 2017 einen Job in Bayern angeboten bekam, sagte er begeistert zu. Ich war aufgeregt, ein neues Leben anzufangen, aber war mir meiner mangelnden Deutschkenntnisse bewusst. Von daher wollte ich etwas Produktives tun, das jedoch nicht mit meinem Sprachkurs in Konflikt stehen würde. Ich recherchierte und kam dann zu dem Entschluss, dass es genug Interesse an so einem Buch gäbe und es sich lohnen würde, es zu schreiben.

Kaum ein Jahr später und nur sechs Monate nach unserem Umzug, legte ich von der anderen Seite des Atlantiks aus ein 250 Seiten starkes Manuskript bei einer von zwei Editorinnen sowie einer Übersetzerin vor. Und so begann ein Prozess, von dem ich bis dato keine Ahnung hatte: wie veröffentlicht man ein Buch.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, was dieses Buch behandelt und was nicht. Obwohl es natürlich um zwei Politiker geht, ist es nicht schlechthin ein „politisches Buch“. Es werden Politik und politische Maßnahmen diskutiert, aber nur in Bezug darauf, wie diese die Partnerschaft und Freundschaft der beiden Staatsführer beeinflussten. Man muss nicht mit all ihren politischen Ideen – oder Teilen davon – übereinstimmen, um etwas Wertvolles aus diesem Buch zu ziehen.

Als Historikerin habe ich gelernt, dass berühmte Leute – seien es Politiker, Schauspieler oder Sportler – vor allem eines sind: Menschen. Sie machen Fehler und sie glauben oder machen etwas, was komplett entgegen dem steht, was wir von ihnen wollen oder erwarten. Obwohl ich Merkel und Obama sehr mag und respektiere, haben beide Entscheidungen getroffen oder eine Politik vertreten, die im Gegensatz zu meinen eigenen Vorstellungen steht. Trotzdem finde ich die Lebensgeschichte und den Führungsstil dieser beiden Individuen bemerkenswert und die Beziehung, die sie zueinander aufgebaut haben, schlichtweg außergewöhnlich.

Als ich dieses Projekt anging, hat mir jemand gesagt, dass ein gutes Sachbuch drei Dinge tun sollte: unterhalten, informieren und inspirieren. Ich hoffe, dass ich diese drei Ziele erreicht habe, egal, ob man nun Obamas und/oder Merkels Politik unterstützt oder nicht. Um ehrlich zu sein, war das Kriterium „Unterhaltung“ die größte Herausforderung. Zwischen der Weltwirtschaftskrise und Putins illegaler Annektierung der Ukraine standen Obama und Merkel harten Zeiten gegenüber und es war sicherlich kein Spaß. Wenn sich dabei jedoch trotzdem lustige Kommentare oder Ereignisse ergaben, so habe ich diese natürlich festgehalten.

Es erwies sich leichter, das Kriterium „Information“ umzusetzen. Wenn der Leser nach dieser Lektüre etwas Neues aus dem professionellen oder privaten Leben von Obama oder Merkel erfahren hat oder ein politisches Ereignis besser versteht, dann habe ich meinen Auftrag erfüllt.

Das letzte Kriterium, nämlich dass dieses Buch eine Inspiration sein soll, ist mir am wichtigsten. Sowohl Deutschland als auch die USA haben Flecken in ihrer Geschichte. Wenn der Aufbau einer starken Beziehung zwischen dem ersten afro-amerikanischen Präsidenten der USA und der ersten Kanzlerin Deutschlands – Menschen aus zwei Ländern, die sich in zwei langen Kriegen bitterlich bekämpften – keine Hoffnung und Inspiration auf das gibt, was möglich ist, dann weiß ich wirklich nicht, was dies jemals leisten kann.

Ich muss zugeben, dass mein entscheidender Aha-Moment in meinem Leben nicht so aufregend war, wie die Grundsatzrede im Jahr 2004 von Senator Barack Obama auf der Parteiversammlung der Demokraten, oder wie für Angela Merkel der Fall der Berliner Mauer. Trotzdem sollte ich damals noch nicht wissen, dass meine Faszination von der letzten Pressekonferenz mit Obama und Merkel nach den US-Wahlen 2016 genau der Moment war, der mich inspirieren würde.

Der Slogan von Präsident Obamas Wahlkampagne verkündete mit dem Motto „Yes we can“/„Ja, wir können es“ Hoffnung. Nach vielen Jahren, in denen ich Blut und Wasser schwitzte, Tränen flossen, mich Migränen quälten, und noch mehr Tränen und noch mehr Migränen kamen, ist dieses Buch nun mein Beitrag zur Inspiration, die Obama einer ganzen Generation mit auf dem Weg gegeben hat.

Einführung

Autorität, Prestige und Respekt – alle diese Eigenschaften machen das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht nur für viele Politiker zu einem Traumberuf. Doch diese wichtige Rolle, nämlich als einer der Hauptakteure auf der politischen Weltbühne zu agieren, ist auch gleichzeitig eine Einsame. Der Secret Service und der Press Corp des Weißen Hauses beobachten jeden Schritt und so etwas wie Normalität und Alltag muss derjenige an den Nagel hängen, sobald er oder sie offiziell für das US-Präsidentschaftsamt kandidiert. Es ist ein Amt, das bisher nur wenige bekleidet haben und nur wenige wirklich verstehen. Präsident Truman hat die Einsamkeit des Oval Office wie folgt beschrieben: „[…] wenn du einen Freund in Washington möchtest, dann schaff dir einen Hund an.“1

Um mit ihrer Isolation vielleicht besser zurechtzukommen, haben US-Präsidenten in der Vergangenheit immer wieder Freundschaften zu politischen Kollegen aus dem Ausland aufgebaut: Franklin Delano Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill gehörten zu den Ersten, die so eine Beziehung im Zweiten Weltkrieg pflegten, dann waren es Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980ern, und jetzt kürzlich Präsident Barack Obama und die deutsche Kanzlerin Dr. Angela Merkel.

Im Gegensatz zu Roosevelt und Churchill oder Reagan und Thatcher, die bereits nach ihren ersten offiziellen Treffen zu engen Freunden wurden, entstand die Freundschaft zwischen Obama und Merkel erst im Laufe seiner ersten Amtszeit. Als im Juli 2008 Präsidentschaftskandidat Obama nach Berlin reiste und vor dem deutschen Volk eine Rede halten wollte, bemühte sich sein Wahlkampf-Team um eine dafür besonders geeignete Kulisse – dem Brandenburger Tor, symbolisiert es doch, wie der Westen den Kalten Krieg überwinden konnte. Aber Kanzlerin Merkel, die damals von Obama weniger fasziniert war als ihre deutschen Mitbürger, erklärte sich damit nicht einverstanden. Stattdessen organisierte Obamas Team eine Kundgebung am Fuße der Berliner Siegessäule, zu der mehr als 200 000 Menschen kamen.

Experten waren damals der Meinung, dass Merkels Absage an Obama eine derart starke Spannung erzeugte, von der sich die beiden möglicherweise niemals erholen würden. Die Presse schrieb, dass Merkel und ihr Team Obama für „empfindlich“2 hielten, während Obamas Mitarbeiter die Kanzlerin als „schwierig“3 beschrieben. Dies war das erste, aber nicht das letzte Mal, dass die Presse ihre Beziehung fehlinterpretieren würde. Während ihrer acht Jahre andauernden Arbeitsbeziehung entwickelte sich ihre Partnerschaft von extremer Besorgnis zu einer Beziehung tiefen Respekts und Verehrung zueinander. So schreibt Obamas ehemaliger außenpolitischer Berater Ben Rhodes in seiner Autobiografie The World As It Is: A Memoir of the Obama White House, dass Merkel bei ihrem letzten Abschied von Obama eine Träne im Auge gehabt habe4 und dass Obamas letztes Telefonat an ein ausländisches Staatsoberhaupt der deutschen Kanzlerin galt.5

Neben den unterschiedlichen Persönlichkeiten und Unterschieden in der Kultur gab es auch politische und ideologische Differenzen. Merkel gehört der Christlichen Demokratischen Union (CDU) an, einer deutschen mitte-rechts Partei, während Obama ein Mitglied der United States Democratic Party ist, einer mitte-links Partei. Die amerikanischen Demokraten – und insbesondere Obama – vertraten jedoch deutlich progressivere Ansichten als Merkels CDU.

Als Obama 2008 gewählt wurde, gehörte zu seinem politischen Erbe in den USA die größte Finanzkrise seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er. Obama und Merkel hatten gegensätzliche Ideen wie diese Krise und die damaligen Finanzprobleme in Griechenland und in anderen europäischen Staaten zu bewältigen seien. Beide für ihren Pragmatismus bekannte Staatsführer waren sich jedoch der historischen Bedeutung der Beziehung ihrer beiden Länder bewusst. Zudem realisierten sie, dass es in ihrem eigenen Interesse lag, möglichst gut miteinander auszukommen.

Man braucht nur „Merkel und Obama“ als Suchbegriff im Internet einzugeben und schon werden automatisch Begriffe wie „Romanze“ oder „Partnerschaft“ vorgeschlagen. Im Vorfeld der letzten gemeinsamen Pressekonferenz der beiden Politiker am 17. November 2016 brachten die Medien Schlagzeilen wie „Obama landet in Berlin zur Verabschiedung seiner engsten Verbündeten Merkel“ in der China Daily6 und „16 rührende Fotos von Barack Obamas und Angela Merkels Freundschaft“ erschienen im Business Insider.7 Zudem erhielt die Beziehung der beiden Staatsoberhäupter sehr häufig die Aufmerksamkeit von der Boulevard presse, den sozialen Medien und der Popkultur: Die im amerikanischen Fernsehen seit vielen Jahren etablierte Comedy Show Saturday Night Live und Deutschlands satirische Heute Show brachten viele Sketche, welche die ungewöhnlich gute Freundschaft der beiden Politiker parodierten.

Als der amerikanische Präsident Barack Obama und die deutsche Kanzlerin zum letzten Mal das Podium in Berlin im November 2016 teilten, hat ihre gegenseitige Zuneigung weder die Presse noch die restliche Welt überrascht. Auf die Frage einer Journalistin zu Obamas bevorstehender Abreise antwortete die Kanzlerin sichtlich gerührt: „[…] jetzt fällt mir der Abschied schwer. Na klar, wenn man mit jemandem gut zusammengearbeitet hat, dann fällt der Abschied auch schwer. Aber wir sind auch alle Politiker und Demokratie lebt vom Wechsel. Insofern ist es in Amerika und in der Verfassung vorgegeben – acht Jahre, und dann kommt ein neuer Präsident. […] Wenn wir uns persönlich begegnen wollen, schließt das ja der freie Reiseverkehr, den wir hier Gott sei Dank in allen Teilen Deutschlands haben, nicht aus. Und von daher sind wir ja nicht aus der Welt!“8 Als Merkel diese letzten Worte äußerte, schwenkten plötzlich die Kameras der Journalisten zu Präsident Obama, der rechts von ihr stand, und mit seiner Hand einen Telefonanruf gestikulierte – um damit anzudeuten, dass er und Merkel ihre Beziehung auch nach seiner Arbeit im Weißen Haus aufrechterhalten würden. Der Lärm der Kameras, die diesen besonderen Moment einfangen wollten, war ohrenbetäubend. Dieses besondere Foto sollte später um die ganze Welt gehen, bewies es doch die ungewöhnliche Freundschaft der beiden zueinander. So resümierte auch Frankreichs bekannte Zeitung Le Monde mit der Schlagzeile „Dans ses adieux à l’Europe, Obama loue Merkel,,partenaire extraordinaire‘“, oder „Obama lobt Merkel als,außergewöhnliche Partnerin’ bei seinem Abschied von Europa.”9 Das Foto ist Zeitzeuge einer besonderen Freundschaft und Partnerschaft zwischen den beiden – etwas, was die Öffentlichkeit im Verlauf ihrer achtjährigen Arbeitsbeziehung erwarte hatte.

Wenn man den Zeitpunkt wählen sollte, an dem die Freundschaft der beiden Politiker ihren eigentlichen Anfang nahm, dann war es die Vergabe der Presidential Medal of Freedom am 9. Juni 2011 in Washington, DC: Angela Merkel sollte hier eine der höchsten Auszeichnungen erhalten, die der Präsident in den USA an einen Zivilisten vergeben kann und die selten ein Nicht-Amerikaner bekommt. Bei diesem Anlass geschah es, dass sich die beiden Staatsoberhäupter plötzlich mit „Angela“ und „Barack“ ansprachen und ihre Beziehung sich ganz öffentlich zu einer partnerschaftlichen Freundschaft umwandelte. Seitdem wählte Merkel in ihrer Anrede für den Präsidenten immer häufiger bei offiziellen Anlässen das persönliche „Du“ statt das formale „Sie“ und bezeichnete ihn als „lieber Barack“ oder „dear Barack“. Umgekehrt sprach Obama von der Kanzlerin als einen seiner besten Freunde auf der internationalen Bühne. Diese Protokolländerung blieb bei den Medien, den Beratern und auch der Weltöffentlichkeit nicht unbemerkt.

Genau wie Roosevelt und Churchill über Angelegenheiten wie die Kolonisation stritten und Reagan und Thatcher über die Politik in Argentinien argumentierten, so hatten auch Obama und Merkel ihre Differenzen – vor allem als Merkel und die Deutschen erfuhren, dass die USA das persönliche Handy der Kanzlerin verwanzt hatten. Im Laufe der Jahre waren sich die beiden noch viele Male uneins, von der Politik in Libyen und der Ukraine bis hin zu unterschiedlichen Maßnahmen zur Belebung der Weltwirtschaft. Wichtig bei diesen Differenzen ist jedoch, dass die beiden Staatsoberhäupter trotzdem ihre Freundschaft und Partnerschaft aufrechterhielten und über die Zeit sogar noch stärken konnten.

Während ihrer achtjährigen Zusammenarbeit verlieh Obama der Kanzlerin die Ehre, als erstes deutsches Regierungsoberhaupt vor dem versammelten Kongress der Vereinigten Staaten zu sprechen. und als nur zweiter deutscher Staatsbürger mit der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet zu werden.

Auf der anderen Seite des Atlantiks war Obama der erste US-Präsident, der das Konzentrationslager Buchenwald besuchte. Zudem war er der erste US-Präsident, der jemals die Hannover Messe eröffnete. Letztlich erteilte die Kanzlerin Obama die Erlaubnis, vor dem Brandenburger Tor zu sprechen und stand dabei direkt neben ihm. All diese Ereignisse fanden zusätzlich zu den traditionellen Gipfeltreffen, Konferenzen und Besprechungen statt, zu denen sich die Regierungschefs der freien Welt normalerweise treffen. Als Obama beim Besuch in Buchenwald eine weiße Rose auf die Gedenktafel legte oder die beiden sich beim Staatsdinner in Washington zu Ehren von Merkel zuprosteten – sie standen Schulter an Schulter. Stets bekundeten ihre Worte, ihre Körpersprache und ihre Haltung eine gegenseitige Zuneigung und großen Respekt.

Dieses Buch untersucht, wie zwei Hauptakteure der politischen Weltbühne, die sich anfänglich sehr skeptisch gegenüberstanden, zu guten Freunden und engen Vertrauten wurden. Obamas außenpolitischer Berater Ben Rhodes schreibt in seinem Buch The World As It Is: „[…] Es gab keine ausländische Führungspersönlichkeit, die er mehr verehrte. Sie war genauso pragmatisch wie er, an Fakten orientiert, der internationalen Ordnung verschrieben und bedächtig in ihrer eigenen Entscheidungsfindung.“10 Das amerikanische Magazin Politico berichtete, dass die Kanzlerin Obamas Ansprechpartnerin war. Immer wenn eine schwierige Entscheidung anstand, verlangte er von seinen Mitarbeitern, Frau Merkel ausfindig zu machen.11

Über die Jahre entwickelten die Politiker eine freundschaftliche, lockere Beziehung, besserwisserische Konkurrenz inklusive: So berichten Mitarbeiter, dass die beiden Staatschefs jeweils die ersten Minuten einer Video-Konferenz oder eines Telefonats stets damit verbrachten, sich gegenseitig damit zu übertrumpfen, wer sich mehr Zeit mit dem Lesen des Tagesprotokolls nahm.12 Betrachtet man die Hürden, die beide nehmen mussten, und ihre Meinungsverschiedenheiten, dann spricht die Tatsache, dass sie über lange Zeit gute Freunde und loyale Partner waren Bände über die Stärke ihrer Freundschaft, ihre Bewunderung füreinander und den hohen Respekt, den sie voreinander und vor der jeweiligen Nationen des anderen hatten.

Doch was hat es mit der offensichtlichen Chemie auf sich, welche die beiden verband und damals die Weltöffentlichkeit faszinierte? Stefan Kornelius beschreibt in seinem Buch Angela Merkel: The Chancellor and Her World, dass Obama als Privatmensch ganz anders war als der extrovertierte, charismatische Politiker, den er in der Öffentlichkeit darstellte. Außerhalb des Oval Office wirkte Obama sehr introvertiert und auf seine Ehefrau und Familie fokussiert. In den frühen Jahren seiner Amtszeit hatten Staatsoberhäupter wie der britische Premierminister Gordon Brown oder der französische Präsident Nicolas Sarkozy große Probleme, zu Obama eine persönliche Beziehung aufzubauen und fragten sich, ob der „schwierige, kalte und unnahbare“ Charakter des US-Präsidenten als persönlicher Angriff zu werten sei.13 Sarkozy konnte damals nicht wissen, dass sich Obama bereits eine Meinung über seine Kollegen gebildet hatte. So schrieb Obama in seinem Buch A Promised Land, dass er zwar Sarkozys frühe und enthousiastische Unterstützung für ihn und seinen Wahlkampf zu schätzen wusste, er jedoch realisierte, dass Merkel diejenige war, an die er sich wenden würde, denn „[…]es war nicht schwer zu sagen, wer sich von den beiden als zuverlässigerer Partner herausstellen würde.“14

Kevin Liptak, ein damaliger CNN-Producer im Weißen Haus, schrieb in seinem Artikel „Wie Obama und Merkel lernten einander zu mögen“, dass die Verbindung von Obama zu Merkel etwas sehr Ungewöhnliches für den Präsidenten war, nämlich „eine aufrichtige, internationale Freundschaft, die beide zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen wussten.“15

Zieht man in Betracht, dass die beiden einen schwierigen Start hatten und auch ihre politische Gesinnung unterschiedlich war, so schien der Aufbau einer starken Partnerschaft oder gar herzlichen Freundschaft fast unwahrscheinlich. Hierzu beobachtete Autor Stefan Kornelius: „Es ist richtig zu sagen, dass menschliche Faktoren sogar die Beziehung zwischen Staatsoberhäuptern beeinflussen können und dass sich Merkel und Obama ähnlicher sind, als sie es zugeben würden.“16 In der Tat waren beide politische Außenseiter, die es geschafft haben, zu einer Position mit unglaublich viel Macht aufzusteigen. Beide verfolgen eine ähnliche Strategie bei der Lösung von Problemen. Angela Merkel, eine promovierte Physikerin, nutzt dabei ihren wissenschaftlichen Hintergrund als Basis, stellt also Fakten und Daten zusammen, die dann von ihr studiert und bewertet werden – etwas, das der US-Präsident laut Auskunft seiner Mitarbeiter sehr schätzte. Ähnlich wie Merkel zögerte er bei der Entscheidungsfindung, sobald mögliche Konsequenzen abzusehen waren.17 Darüber hinaus galten beide Politiker als realistisch, analytisch und objektiv.18

Doch ihre sich ähnelnden Persönlichkeiten und Herangehensweisen vermögen die besondere Natur ihrer Beziehung nur unzureichend zu erklären. Grundwerte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, die sowohl die USA als auch Deutschland anerkennen, spielten ebenfalls eine signifikante Rolle. Merkel, die als Kind im ehemaligen Ostdeutschland aufwuchs, glaubt fest daran, dass Deutschland seinen Status als freie Nation und sie persönlich ihre Position als Kanzlerin den Vereinigten Staaten zu verdanken hat. Daher ist stark davon auszugehen, dass Merkel vor dem Hintergrund als erste deutsche, aus der DDR-stammende Kanzlerin, der Beziehung zu den USA eine größere Bedeutung zumaß, als ihre Vorgänger es taten. Aufgrund Merkels positiver Einstellung und Dankbarkeit gegenüber den Vereinigten Staaten gab es möglicherweise für sie einen stärkeren Anlass für eine gute Kontaktpflege als für ihre europäischen Politiker-Kollegen.

Obama hingegen hat häufig gesagt, wie sehr er Merkel dafür bewundere, wie gut sie ihr schweres Los zu meistern wusste und zu der Person wurde, die sie heute ist. Ohne Frage begegneten sich die beiden Politiker stets mit viel Respekt, der sicherlich auch in der geschichtlichen Bedeutung der beiden Länder zueinander begründet liegt – aber nicht nur: Angela Merkel war das erste deutsche Staatsoberhaupt, das aus der ehemaligen DDR stammt und zudem die erste Frau in dieser wichtigen Rolle; und Barack Obama war der erste Schwarze, der jemals in das Amt des US-Präsidenten gewählt wurde. Obama sagte es zuerst, aber später dann auch Merkel: „[…] Unsere Lebensgeschichten stehen im Einklang mit dieser Gesinnung. Es ist offensichtlich, dass keiner von uns genauso aussieht wie unsere jeweiligen Vorgänger. Aber die Tatsache, dass wir hier als Präsident der Vereinigten Staaten und als Kanzlerin von einem vereinten Deutschland zusammenstehen, zeugt von Fortschritt und Freiheit, die in unserer Welt möglich sind.“19

Warum soll nun hier die Geschichte der beiden erzählt werden? Biografien über Obama und Merkel gibt es zuhauf, auch wurden schon viele Bücher über die Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und den USA geschrieben. Dieses Buch beinhaltet jedoch ihre Arbeitsbeziehung und ihre besondere Freundschaft zueinander. Vor dem Hintergrund einer sich immer schneller verändernden Welt scheint diese Analyse aktuell und dringlich.

Mit der Formation von Allianzen wie der NATO und Partnerschaften wie der EU ist die Zeit nach dem Zeiten Weltkrieg weitestgehend eine vom Frieden gekennzeichnete. Einen großen Weltkrieg hat es bisher nicht gegeben und politische Partnerschaften wie die zwischen Thatcher und Reagan sowie Obama und Merkel haben eine signifikante Rolle dabei gespielt, den Frieden und die Harmonie innerhalb Europas und den Vereinigten Staaten aufrecht zu erhalten. Jedoch ersetzt heutzutage der rapide Anstieg von radikalen Ideologien und terroristischen Aktivitäten immer häufiger die traditionelle Kriegsführung. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 haben sich die Aktivitäten terroristischer Gruppen verstärkt. Das hat zur Folge, dass sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in ganz Europa nationalistische und ausländerfeindliche Bewegungen an Momentum gewannen.

Die im Juni 2016 stattgefundene Brexit-Abstimmung, bei der sich die Bürger in Großbritannien für den Ausstieg aus der EU entschieden, und der Wahlsieg von Donald Trump sind auf beiden Seiten des Atlantiks Belege dieses neuen Wertewandels. Außerdem zogen 2017 in Frankreich und in den Niederlanden rechte Präsidentschaftskandidaten in den Wahlkampf, wenn auch mit erfolglosen Kampagnen. In Polen verzeichnet Antisemitismus den höchsten Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs und erst kürzlich wählte Österreich einen Kanzler mit einer ausländerfeindlichen und nationalistischen Einstellung. Waren es früher die als notwendig angesehenen Allianzen zwischen Staatsführern und ihren Ländern, die Grenzen zu sichern wussten, so fällt heute diese Rolle in die Hände einer nationalistischen und isolationistischen Philosophie. Während Organisationen wie die NATO in den Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkrieges für die Erhaltung des Friedens von zentraler Bedeutung waren, spielten die politischen Beziehungen zwischen Staatsführern wie Barack Obama und Angela Merkel eine ebenso wichtige Rolle.

Jüngst hat die Administration von Donald Trump die amerikanische Botschaft in Israel nach Jerusalem verlegt und damit einen weltweiten Sturm der Entrüstung entfacht. Auch Deutschland lehnte diese Maßnahme ab. So erklärte der damalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel: „Deutschland kann nicht länger nur auf die Politik der USA reagieren, sondern muss seinen eigenen Standpunkt schaffen […] sogar nachdem Trump das Weiße Haus verlässt, wird die Beziehung zu den USA nicht mehr die gleiche sein.“20 In Anbetracht dieser drastischen Veränderungen bei der Außenpolitik und ihren Akteuren ist es wichtig, die Bedeutsamkeit von Allianzen zwischen Ländern und ihren Staatsführern zu untersuchen und sich ihrer bewusst zu werden.

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Im Vergleich zu den in der Vergangenheit geführten Kriegen und militärischen Angriffen geht es bei den heute drohenden Gefahren um weit mehr als nur dem bloßen Einmarsch in ein Land und das Überschreiten von Staatsgrenzen: Heute geht es um Angriffe auf die Werte, für die Amerika und seine Verbündeten stehen. Zudem können Terroranschläge durch die Allgegenwärtigkeit von Internet und sozialen Medien von überall und jedem geplant werden. Es ist daher besonders jetzt wichtig, dass Länder in gutem Kontakt zueinanderstehen und ihre Regierungschefs sich nicht entfremden. Die Unfähigkeit, mit seinen politischen Partnern auszukommen und Informationen der jeweiligen Geheimdienste zu teilen, ist nicht nur gefährlich für die eigene Sicherheit, sondern möglicherweise auch für die der restlichen Welt. Zudem nimmt die Globalisierung ständig zu und Themen wie der Klimawandel oder Wirtschaftskrisen gehen nicht nur ein oder zwei Länder an, sondern beeinflussen jede Nation. Um sich diesen Realitäten zu stellen ist es wichtiger denn je, dass Staatsführer und Länder Partnerschaften aufbauen und zusammenarbeiten.

Kapitel 1: „Unsere Lebenswege“

Nichts illustriert den Unterschied zwischen den freien westlichen Staaten und den kommunistischen Staaten während des Kalten Krieges besser als der Bau der Berliner Mauer im August 1961. Als das kommunistische Regime in Ostdeutschland den „antifaschistischen Schutzwall“ rechtfertigte, war Angela Kasner gerade 7 Jahre alt geworden. Später gab sie an, dass der Mauerbau die erste Erinnerung an ein wichtiges politisches Ereignis gewesen sei.

An jenem historischen Sonntagmorgen, dem 13. August 1961, machte sich Familie Kasner gerade auf den Weg zum Gottesdienst. „Mein Vater predigte an jenem Sonntag. Die Atmosphäre in der Kirche war fürchterlich,“ erinnert sich Angela Merkel, „ich werde das nie vergessen. Menschen haben geweint, meine Mutter auch. […] Das ganze Land wurde plötzlich zu einem Gefängnis. Sämtliche Grenzen wurden mit Stacheldraht und Kontrolltürmen verstärkt und ganz Westberlin war plötzlich von einer 155 Kilometer langen, vier Meter hohen Mauer umgeben.“1

Weil die Vereinigten Staaten und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg so starke Verbündete waren, lehnten die Amerikaner die Handlungen der kommunistischen Regierung stark ab. Im Laufe der Jahre haben die US-Bürger und die US-Regierung mehrere Maßnahmen getroffen, um ihre Solidarität zu ihren transatlantischen Freunden zu zeigen.

In den 27 Jahren, in denen es eine innerdeutsche Grenze gab, haben sich ganz gewöhnliche US-Bürger und amerikanische Politiker regelmäßig für Demokratie und Einheit in Deutschland eingesetzt: So haben z. B. amerikanische Bürger 1960 als Symbol der Solidarität eine „Freiheitsglocke“ getreu der historischen „Liberty Bell“ nach Berlin geschickt. Noch deutlicher machte es der ehemalige US-Präsident John F. Kennedy mit seiner ergreifenden „Ich bin ein Berliner“-Rede vor dem Brandenburger Tor 1961. Hier erklärte er vor tausenden Berlinern: „Diejenigen, die den Unterschied zwischen der freien und kommunistischen Welt nicht kennen, sollen nach Berlin kommen.“2 Ein ähnlich emotionales Plädoyer machte Präsident Ronald Reagan 1988, als er mit dem russischen Staatschef Michail Gorbatschow gemeinsam vor der Berliner Mauer stand und forderte: „Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder.“3 Eineinhalb Jahre später, nachdem er diese berühmten Worte sprach, erlebten Millionen Ostdeutsche zum ersten Mal, was Freiheit bedeutete. Und zum ersten Mal nach 27 Jahren war die Berliner Mauer kein unüberwindbares Hindernis mehr.

Niemand hat von diesen Ereignissen mehr profitiert als die damals 35-jährige Angela Merkel. Der Fall der Berliner Mauer ebnete ihr den Weg von der unbekannten Physikerin aus dem Osten zum ersten weiblichen Staatsoberhaupt Deutschlands und gleichzeitig zur ersten Kanzlerin des vereinten und freien Deutschlands. Im Laufe von Merkels politischem Aufstieg entstand für sie ein ganz besonderes Image von den USA – nämlich das von einem Land, das mit dem Kalten Krieg verbunden ist und ihrem Deutschland, das durch eine grausame Grenze geteilt war, Hilfe und Unterstützung bot. Sie war überzeugt, dass Amerika einen großen Einfluss auf ihre persönliche Freiheit und ultimativ auf ihren eigenen Erfolg hatte. Daher bildeten für Angela Merkel transatlantische Beziehungen die zentrale Grundlage der deutschen Außenpolitik.4 Diese Denkweise half ihr, eine Beziehung mit sämtlichen amerikanischen Präsidenten aufzubauen, mit denen sie in ihrer Amtszeit zusammenarbeiten sollte.

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Angela Dorothea Kasner wurde am 17. Juli 1954 in Hamburg geboren. Ihr Vater, Horst Kasner, war damals Pfarrer und kam im selben Jahr dem Wunsch der evangelischen Kirche nach, mit seiner Familie aus dem freien Westdeutschland in den von den Kommunisten kontrollierten Osten zu ziehen, um den dortigen Mangel an evangelischen Pastoren auszugleichen. Kasner ließ seine Frau Herlind, die damals mit Angela im siebten Monat schwanger war, zunächst in Hamburg zurück und sollte seine Tochter zum ersten Mal sehen, als Herlind mit der acht Wochen alten Angela in ihrem neuen Zuhause im Osten ankam.5

Hans Otto Wölber, einer von Kasners älteren Pastoren-Kollegen in Hamburg und späterer Bischof für den Sprengel Hamburg, riet dem jungen Kasner zu diesem Schritt. Da Kasner ursprünglich aus dem Osten Deutschlands stammte, war dieser leicht zu überzeugen – aber scherzte, dass „… diejenigen, die in den Osten reisten, ganz normale ‚kommunistische Idioten‘ sind.“6 Seine Motivation hatte jedoch religiöse Gründe: „Ich würde überall auf der Welt die Worte Gottes predigen, selbst in Afrika.“7 Es war ohne Frage eine kontroverse Entscheidung und eine, die er später bereute.8

In der neuen Heimat angekommen leitete Angelas Vater ein Seminar für kirchliche Dienste sowie eine Einrichtung für geistig Behinderte. Ihre Mutter, eine studierte Lehrerin für Latein und Englisch, kümmerte sich um die Familie. Angela, ihr jüngerer Bruder und ihre jüngere Schwester wuchsen in Templin auf, einer von Landwirtschaft geprägten Kleinstadt, ungefähr 80 km nördlich von Berlin. Obwohl Angelas Mutter lediglich den Haushalt führte – die Ostregierung hatte ihr die Arbeit als Sprachlehrerin untersagt –, lebte die Familie ein angenehmes Mittelklasse-Leben und hatte sogar zwei Autos, was für damalige Verhältnisse geradezu luxuriös war.9

Pastor Kasner war mit den Prinzipien der sozialistischen Lehre zwar einverstanden, allerdings war er vehement dagegen, in welcher Form die kommunistische Regierung sie damals implementierte. Zu den vielen Restriktionen, welche die ostdeutsche Regierung ihrem Volk auferlegte, gehörte das Verbot, in der Öffentlichkeit politische Diskussionen zu führen. Zudem spionierte das Regime seine eigenen Bürger aus und es wurde auf jeden geschossen, der aus dem Land fliehen wollte. In seinem Priesterseminar hielt er oft politische Veranstaltungen und beim Abendessen der Kasners gab es hitzige Diskussionen.10

Angelas Mutter Herlind wuchs während der Nazi-Ära auf und bestand darauf, dass ihre Kinder vor der Propaganda der Ost-Regierung geschützt werden sollten. Sobald die Kinder von der Schule nach Hause kamen, hielt Herlind daher zunächst eine Art Tages-Nachbesprechung ab; die Kinder mussten sie über alles Gelernte informieren, wobei Herlind dann die Fakten richtigstellte. Angela sagte später über diese zweistündigen Sitzungen mit ihrer Mutter, dass es eine Zeit der „Widerworte“11 war, die Herlind dazu nutzte, um die „Gehirnwäsche“ der von der Regierung kontrollierten Schule möglichst gering zu halten.

Obwohl die Bürger in Ostdeutschland mehr Freiheiten als die Menschen in anderen kommunistisch regierten Staaten genossen, hatten dort Mitarbeiter der Kirchen und ihre Familien im Vergleich zu anderen DDR-Bürgern besonders mit Verfolgung und Diskriminierungen zu kämpfen. Pastor Kasner und seine Familie waren dem kommunistischen Regime alles andere als willkommen. Seine Verbindung zur Kirche in Kombination mit seinen westdeutschen Wurzeln löste bei der Stasi, der ostdeutschen Geheimpolizei, Verdacht aus, sodass alle seine Unternehmungen in einer Akte dokumentiert wurden.12 Die Tatsache, dass Angela als Teenager ihren Glauben mit einer Konfirmation in der evangelischen Kirche feierte, statt mit der für das DDR-Regime üblichen „Jugendweihe“, verstärkte nur den Verdacht der Stasi. Aufgrund dieser besonderen Situation meldeten ihre Eltern sie 1968 für die Freie Deutsche Jugend (FDJ) an, der staatlichen Jugendorganisation der DDR. Dieser Beitritt warf später Fragen auf. Doch der einzige Grund für Angelas Eltern, diese Mitgliedschaft gutzuheißen, war eine damit verbundene Garantie auf einen Studienplatz. Denn in der DDR wurde Schülern häufig der Zugang zu Universitäten verweigert, wenn diese nicht Mitglieder der FDJ waren.13

Die Teilnahme daran stellte sich als wichtig heraus, denn Merkel gab später in einem Artikel von George Packer für The New Yorker zu, dass ihre Mitgliedschaft bei der FDJ „siebzig Prozent Opportunismus“ war.14 Merkels Eltern waren eindeutig mit den Maßnahmen der kommunistischen Diktatur nicht einverstanden. Aber sie verstanden, dass es der Kinder wegen notwendig war, zumindest so zu tun, als ob man sich an die Regeln der Regierung halten würde – eine wichtige und nützliche Fähigkeit, vorallem für erfolgreiche Führungspersönlichkeiten oder Politiker.

Schon früh zeigte sich, dass Angela eine besondere Begabung für Mathematik und Russisch hatte. Politikwissenschaftler Matthew Qvortrup schrieb in seinem Buch Angela Merkel: Europe’s Most Influential Leader, dass Angelas Eltern sie dazu ermutigten, Russisch zu lernen – „nicht nur, weil sie und damit auch ihre Familie guten Willen zum Regime zeige, sondern sich dadurch auch die Möglichkeit ergab, berühmte Autoren wie Leo Tolstoi zu lesen.“15 Ein ehemaliger Mathematiklehrer sagte über Angela, dass sie „die begabteste“ Schülerin war, die er jemals unterrichtet habe. Und auch ihr Russisch war so gut, dass sie sich im Alter von 14 Jahren für die Russisch-Olympiade qualifizierte.16 Offensichtlich hatte Angela ihr Talent für Sprachen von ihrer Mutter vererbt bekommen – ein Können, das sich später im Laufe ihre Karriere als Politikerin noch als praktisch erweisen sollte.

Obwohl es noch einige Jahre dauern sollte, ehe Angela sich für Politik interessierte, so haben doch die vielen politischen Diskussionen in ihrem Elternhaus ihre Studienwahl entscheidend beeinflusst: „Ich wollte Physik studieren, weil das ostdeutsche Regime die Grundrechenarten und physikalischen Gesetze nicht einfach abschaffen konnte.“17 Gerade mal 19 Jahre alt, überraschte Angela ihre Eltern damit, Physik an der Karl-Marx-Universität in Leipzig zu studieren. Ihr wurde Templin zu eng. „Ich wollte von zu Hause weg und vor allem raus aus dieser Kleinstadt.“18

Die Beziehung zu ihrem Vater war damals nicht leicht und Pastor Kasner fing an, seine Entscheidung zu bereuen, mit seiner Familie in den Osten umgesiedelt zu sein. Wie Matthew Qvortrup berichtete, hatte Kasner immer hart gearbeitet und Angela hatte als Kind nicht viel von ihrem Vater gehabt. Angela erinnerte sich in einem späteren Interview: „Arbeit und Freizeit waren nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Und manchmal denke ich, dass die Verantwortung gegenüber seiner Familie oft seiner vielen Arbeit zum Opfer fiel.“19

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Kurz bevor die kommunistische Regierung die Berliner Mauer errichtete und das Leben der damals siebenjährigen Angela für immer veränderte, wurde Barack Hussein Obama II am 4. August 1961 in Honolulu auf Hawaii geboren. Sein Vater, Barack Obama Senior, gehörte dem Volk der Luo an und stammte aus Allegro, einem Dorf in Kenia. Er lernte 1960 seine zukünftige Ehefrau Stanley „Ann“ kennen, während beide die University of Hawaii besuchten.20 Als Ann und Barack Senior heirateten, war die Eheschließung zwischen unterschiedlichen Rassen in mehr als der Hälfte der US-Bundesstaaten eine Straftat. In seiner Autobiografie Dreams from My Father erklärte Obama seine Verwunderung darüber, dass seine Großeltern ihrer Tochter damals überhaupt die Erlaubnis gegeben hatten, einen Mann mit einer anderen Hautfarbe zu heiraten.21 Die Ehe hielt jedoch nicht sehr lange und wurde 1964 bereits geschieden. Sein Vater kehrte zurück nach Kenia, wo er später erneut heiratete. Obama sah seinen Vater nur noch einmal danach, nämlich als er die Familie zu Weihnachten 1971 auf Hawaii besuchte. Sein Vater verstarb bei einem tragischen Autounfall in Kenia 1982, als Obama gerade 21 Jahre alt war.22 Die große Abwesenheit seines Vaters in seinem Leben bewegte Obama dazu, auf der Suche nach seiner Herkunft und Familie zu sein. Die Antworten, die er bei dieser Mission fand, sollten den Grundstein für seine spätere Karriere bilden.

Obwohl die Eltern von Obama erst im März 1964 offiziell geschieden wurden, trennte sich das Paar bereits 1962, als Obamas Vater nach Harvard zog, um dort seinen Master-Studiengang in Wirtschaft zu beenden.23 Gleich nach der Scheidung 1964 heiratete Obamas Mutter Lolo Soetoro, einen Geologen, der aus Indonesien stammte. Drei Jahre später zog die Familie nach Indonesien und lebte dort in der Hauptstadt Jakarta. Obamas Stiefvater arbeitete als Tunnel- und Straßenvermesser für die Armee und seine Mutter unterrichtete Englisch an der amerikanischen Botschaft.24 Obama zufolge hat Lolo ihn zwar wie einen Sohn behandelt, aber er blieb distanziert. „Er hat nicht viel geredet, doch war es immer recht einfach, mit ihm zusammen zu sein. Gegenüber seiner Familie und seinen Freunden hat er mich stets als seinen Sohn vorgestellt, wobei er mir niemals mehr als nüchterne Ratschläge erteilte oder vorgab, dass unsere Beziehung mehr war als das.“25 Es gab zwar unterschiedliche Gründe, doch auch Obama hatte genau wie Angela eine ähnlich angespannte Beziehung zu den Vaterfiguren in seinem Leben.

Obamas Mutter schätzte die Güte und Freundlichkeit, die Lolo ihrem Sohn gegenüber zeigte, doch sie fühlte sich in ihrer neuen Heimat nicht wohl und oft einsam. Um sich davon abzulenken, konzentrierte sich Ann auf die Ausbildung ihres Sohnes. Die Familie hatte nicht genug Geld, um Obama an eine internationale Privatschule zu schicken. Daher ergänzte sie seinen Schulunterricht in Indonesien mit Materialien einer amerikanischen Fernschule. Während ihrer Zeit in Indonesien realisierte Ann, dass Obamas „wirkliches Leben irgendwo anders ist“26 und vermutete, dass die besten Chancen dafür zu Hause in den Staaten zu finden seien. Von daher begann sie, ihrem Sohn an fünf Tagen die Woche von 4 Uhr bis 7 Uhr morgens Englischunterricht zu geben.27 Ähnlich wie Angelas Eltern ihre Tochter ermutigten, sich mit Russisch zu beschäftigen, um ihr Leben im kommunistischen Ostdeutschland zu vereinfachen, so war Obamas Mutter davon überzeugt, dass er gute Englischkenntnisse für seinen Erfolg in den Staaten brauchte. Und während Angelas Eltern versuchten, den Lehren der kommunistischen Diktatur mit ihrer eigenen Überzeugung zu konterkarieren, so versuchte Obamas Mutter der rassenspezifischen Stereotypisierung in der amerikanischen Gesellschaft entgegenzuwirken.

Obama erklärte später, dass seine Mutter davon überzeugt war, dass jegliche Form von Bigotterie falsch sei und jeder Mensch als einzigartiges Individuum behandelt werden solle, unabhängig von seiner Rasse.28 Sie kaufte ihm regelmäßig Bücher, Zeitschriften und Aufnahmen von wichtigen Anführern der Bürgerrechtsbewegung, einschließlich Martin Luther King Jr. und Mahalia Jackson.29 Weil seine Mutter und Großeltern ihn vor sämtlichen Konfrontationen in Bezug auf Rasse schützten, gab er später zu, dass er als Kind nicht wahrnahm, „[…] dass mein Vater anders aussah als alle anderen um mich herum – dass er schwarz war wie Pech und meine Mutter weiß wie Milch habe ich kaum registriert.“30 Ann war sich der Hürden bewusst, die ein schwarzes Kind in einem weißen Amerika zu bewältigen hatte und wollte ihren Teil dazu beitragen, ihren Sohn vor Fehlinformationen und falschen Rassen-Stereotypen zu schützen.

Im Sommer 1971, nach Abschluss der vierten Klasse, ging Obama zurück nach Honolulu, um dort mit seinen Großeltern mütterlicherseits zu leben und um die renommierte Privatschule Punahou zu besuchen. Diese hochangesehene Schule – die Beste auf Hawaii und eine der ältesten Privatschulen westlich des Mississippis – befand sich 10 Minuten zu Fuß entfernt von der kleinen Wohnung seiner Großeltern.31 Die ersten drei Jahre lebte Obama in dieser kleinen Wohnung, in der auch noch seine Mutter und seine Halbschwester Maya Soetoro wohnten. Aber 1975 zogen die beiden zurück nach Indonesien, während Obama bei seinen Großeltern blieb, um die Schule zu beenden. Seine Mutter verbrachte die folgenden zwanzig Jahre in Indonesien, ließ sich von Lolo 1980 scheiden und erhielt ihren Doktortitel in Anthropologie 1992, ehe sie drei Jahre später auf Hawaii an einer gynäkologischen Krebserkrankung verstarb. Es ist tragisch, dass gerade sie, die Obama so viele Jahre lang gefördert und unterstützt hatte, nicht mehr miterleben konnte, wie ihr ältester Sohn der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten wurde.

Obama beendete 1979 die Highschool und zog nach Pasadena, einem Vorort von Los Angeles, um das Occidental College zu besuchen, eine kleine, auf Geisteswissenschaften spezialisierte Privatuniversität. Nach zwei Jahren entschied sich Obama, in einer größeren Stadt zu wohnen; er zog nach New York City und schrieb sich 1981 in die Columbia University ein. Sein Studium der Politikwissenschaften beendete er zwei Jahre später mit einem Bachelor-Abschluss in der Tasche und arbeitete für die kommenden zwei Jahre als Manager für Bürger-Projekte, Finanzforscher und Autor.

Mit seinem Umzug nach Chicago, Illinois, im Juni 1985 wechselte er auch sein berufliches Umfeld: Er arbeitete als Gemeinde-Organisator für eine kirchliche Organisation namens The Developing Communities Project, um das Leben der Menschen in acht katholischen Gemeinden in Roseland, West Pullman und Riverdale an Chicagos South Side zu verbessern. Während seiner dreijährigen Arbeitszeit rief er ein Berufsvorbereitungs-Programm ins Leben, Vorbereitungskurse für den Besuch von Colleges und eine Mieterschutzorganisation.32 Allerdings fehlte ihm in Chicago Identität; er fühlte sich leer und beschrieb seine Situation als „einer Sprache entzogen, einer Arbeit entzogen, sogar der Fixierung auf Rasse entzogen, an die ich mich gewöhnt hatte und die mich zwang, in mein Inneres zu sehen, wo ich aber nur eine große Leere fand.“33 Auf Anraten seiner Kollegen reiste Obama im Sommer 1988 nach Kenia, um dort sein inneres Vakuum zu füllen und auch, um mit seinem Vater ins Reine zu kommen. Die Begegnungen mit seinem Vater und seiner Familie in Afrika sollten die Grundlage für Obamas Autobiografie Dreams from My Father werden.

Als Obama im Herbst 1988 wieder in die Staaten zurückkehrte, schrieb er sich als Jura-Student an der Harvard Law School ein. Nach Chicago kam er jedoch in den folgenden Jahren während der Sommermonate immer wieder zurück, um bei der Anwaltskanzlei Sidley Austin als Praktikant zu arbeiten. 1989 wurde ihm dort eine Mentorin zugewiesen: Michelle LaVaughn Robinson. Am 17. Januar 1964 in Chicago, Illinois geboren und aufgewachsen, absolvierte Michelle 1985 die Princeton University cum laude mit einem Abschluss in Soziologie und besuchte anschließend die Harvard Law School, die sie 1988 beendete. Ihre Beziehung zu Obama entwickelte sich im Laufe jenes Sommers und begann mit einem geschäftlichen Mittagessen und einer Gemeindeveranstaltung, auf der Obama sie zu beeindrucken wusste.

Der Harvard Law Review, eine von Jura-Studenten der Harvard Universität herausgegebene Zeitschrift, wählte Obama 1990 als ersten Schwarzen in ihr Herausgeber-Team. Dies weckte die Aufmerksamkeit der amerikanischen Medien und Obama erhielt daraufhin einen Publikations-Vertrag. Obama nutzte diese Gelegenheit und schrieb für den Harvard Law Review Essays über die Erlebnisse in Afrika, die später die Basis für seine Autobiografie Dreams from My Father wurden.

Obama absolvierte Harvard 1991 und ging zurück nach Chicago. Dort unterrichtete er von 1992 an Verfassungsrecht an der University of Chicago Law School. 2004 wurde er Mitglied der Anwaltskanzlei Davis, Miner, Barnhill & Galland, einer aus 13 Anwälten bestehenden Firma, die auf Bürgerrechts-Prozesse und Stadtteil-Entwicklung spezialisiert war.

Was sein Privatleben betraf, so heirateten Michelle und Barack im Oktober 1992. Aus ihrer Ehe gingen zwei Töchter hervor: Malia Ann (geboren 1998) und Natasha (genannt „Sasha“, geboren 2001). An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Michelle Obama mit gleich zwei Abschlüssen von US-Elite-Universitäten eine der am besten ausgebildeten First Ladies in der Geschichte der Vereinigten Staaten war. Als Ehemann einer tüchtigen Anwältin, Sohn einer akademisch-geprägten Mutter und Enkelsohn einer geachteten Matriarchin – Madelyn Dunham, sie verstarb nur einen Tag vor seiner Wahl – war Obama von der Anwesenheit intelligenter und gebildeter Frauen offensichtlich alles andere als eingeschüchtert; ein Umstand, der ebenfalls den Respekt und die Chemie zwischen ihm und Angela Merkel erklären könnte.

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Angela traf Ulrich Merkel, ihren ersten Ehemann, während des Studiums. Sein Nachname sollte später einer der wichtigsten auf der weltpolitischen Bühne werden. Matthew Qvortrup schreibt in seinem Buch, dass Ulrich seine zukünftige Frau zum ersten Mal in einer Bar sah, wo sie hinter dem Tresen arbeitete. Ihre Beziehung begann, nachdem die beiden 1972 im Rahmen einer studentischen Veranstaltung nach Leningrad reisten. Beide erinnerten sich an ihre gemeinsame Zeit in Leipzig als „sorgenfrei“. Im Rahmen ihrer eingeschränkten Reisefreiheit fuhren sie in Urlaub und gingen in ihrer Freizeit ins Kino oder Theater. Die beiden zogen 1976 in eine kleine Wohnung mit zwei anderen Paaren und teilten sich mit ihnen die Küche und das Badezimmer.34 Ulrich und Angela heirateten im September 1977.

Sowohl Angela als auch Ulrich arbeiteten an der renommierten Akademie der Wissenschaft der DDR in Berlin, der damals wichtigsten Forschungseinrichtung in Ostdeutschland. Ulrich wirkte als Assistent am Zentralen Institut für Optik und Angela als Assistentin an der Physikalischen Chemie. Beide waren sehr auf ihre Karriere konzentriert, sodass ihre Beziehung darüber zerbrach und nach vier Jahren Ehe Angela unerwartet ihren Mann verließ. Ulrich beschrieb die Umstände wie folgt: „Eines Tages packte sie plötzlich ihre Koffer und ging aus unserer gemeinsamen Wohnung. Sie hat alle Vor- und Nachteile genau analysiert und alle Konsequenzen in Betracht gezogen. Wir haben uns in Freundschaft getrennt. Wir waren beide finanziell unabhängig. Es gab nicht so viele Dinge, die wir zwischen uns aufteilen mussten.“35

Merkel konnte auf eine erfolgreiche Karriere als Quantenphysikerin blicken und hatte viele wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Jedoch realisierte sie, dass eine wissenschaftliche Laufbahn nicht das war, was sie sich für ihr Leben vorgestellt hatte: „Die Aussicht war nicht sehr reizvoll, für die kommenden 25 Jahre Forschung mit einem kleinen Budget zu betreiben.“36 Doch glücklicherweise begann sich die Welt, so wie sie sie bisher kannte, langsam zu verändern und es sollten sich bald Möglichkeiten ergeben, mit denen sie ihre wahre Berufung finden würde.

Obwohl es unter der politischen Oberfläche der Ost-Berliner Regierung bereits rumorte, sollte es die missverstandene Arbeitsanweisung eines Parteisprechers sein, welche die Berliner Mauer vorzeitig zum Einsturz brachte – etwas, mit dem niemand gerechnet hatte: Der Sprecher verkündete am Abend des 9. November 1989, dass ostdeutsche Bürger von nun an ohne besondere Papiere problemlos in den Westen reisen könnten. Als Resultat fiel die Mauer und veränderte über Nacht für Millionen von Menschen ihr Leben.

In seiner BBC-Dokumentation von 2013 The Making of Merkel berichtet Filmemacher Andrew Marr, dass Merkel an jenem Abend ihrem üblichen Donnerstag-Ritual frönte – ein Saunabesuch mit Kollegen und anschließendem Bier.37 Doch ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Fall der Mauer dauerte nicht lange. Sie war gerade mal 35 Jahre alt, also noch „jung genug, dass ein Neubeginn mit einer neuen Karriere möglich war,“38 kommentierte ein ehemaliger Freund und Kollege.

Der Sprung von der Physikerin zur Politikerin schien zwar unwahrscheinlich, aber er war laut Filmemacher Marr durchaus möglich: „Sie wollte ihre Macht nutzen – vor dem Fall der Mauer war es die Macht über Moleküle, danach wollte sie ihre Macht auf eine größere Bühne bringen.“39 Angela Merkel war in einer Familie aufgewachsen, in der Politik immer eine große Rolle gespielt hatte und der Samen für ein Interesse daran wurde vielleicht unbewusst schon früh ausgesät. Als plötzlich alle Beschränkungen verschwanden und Merkel offen über Politik sprechen konnte, schien sie ihre wahre Berufung gefunden zu haben.

Merkel begann ihre politische Karriere bei dem Demokratischen Aufbruch (DA), einer politischen mitte-rechts Organisation. Nach eigenen Angaben ist sie einfach in das Büro der DA hineingegangen und fragte, ob sie helfen könnte. Die westdeutsche Regierung hatte zu jenem Zeitpunkt der DA dutzende Computer gespendet, die aus ihren Kartons herausgenommen und angeschlossen werden mussten. Dies wurde Merkels Aufgabe, über die sie später sagte, dass ihr die wissenschaftliche Ausbildung gut zupasskam, um sich mit dem politischen Prozess vertraut zu machen. In einem Interview von 2004 beschreibt Merkel diese Reformation als „Zauber eines neuen Anfangs. Man wird nie wieder so etwas Schönes erleben dürfen.“40

Merkels politische Karriere sollte sich bald in einem beispiellosen Tempo beschleunigen. Hatte sie gerade erst Kartons ausgepackt, so wurde ihr nur sechs Monate später eine Position im deutschen Kabinett angeboten. Die große Preisfrage, so Dokumentarfilmer Marr, ist daher: Wie gelang es Merkel, von einem normalen Mitglied der ostdeutschen Gesellschaft in kurzer Zeit zu einer führenden Politikerin Deutschlands zu werden? Für Marr gibt es nur eine logische Antwort: Sie war die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort.41

Im März 1990 wurden in Ostdeutschland die ersten freien Volkskammerwahlen abgehalten. Hierbei ging der konservative Politiker Lothar de Maizière als Wahlsieger hervor und ernannte Angela Merkel zur Sprecherin seiner neuen Regierung – der ersten und letzten frei- gewählten in der DDR. Sehr zur Überraschung vieler trat Merkel jedoch im April 1990 der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU) bei. Der damalige Parteivorsitzende war Helmut Kohl, zugleich Bundeskanzler und Anführer der Wiedervereinigungsbewegung in Westdeutschland. Bei der ersten Bundestagswahl nach der Wiedervereinigung im Dezember 1990 wählten die Bürger in der Region Vorpommern-Rügen Angela Merkel in den Bundestag und die Deutschen wählten Helmut Kohl zum ersten Kanzler des vereinten Deutschlands.

Kohl wollte für sein Kabinett eine Frau und jemanden aus der ehemaligen DDR. Merkel erfüllte gleich beide Voraussetzungen und Kohl ernannte sie zur Ministerin für Frauen und Jugend. Kohl wurde ihr Mentor, nannte sie oft „mein Mädchen“ und stellte sie auch so vor. 1994 beförderte Kohl Merkel zur Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, was ihr eine größere internationale Sichtbarkeit gab und zudem eine geeignete Plattform war, ihre politische Karriere weiter auszubauen. In dieser Zeit war sie für die Organisation der UN-Klimakonferenz in Berlin zuständig, dessen Ergebnis das sogenannte „Berliner Mandat“ war – ein erstes Versprechen der beteiligten Länder, die Emission der Treibhausgase zu reduzieren.42 Merkel war klar, dass sie ihre politische Karriere Helmut Kohl zu verdanken hatte, aber sie wusste auch, dass sie sich von „dem Dicken“ – so wie der korpulente Kanzler in Regierungskreisen genannt wurde – abnabeln muss. Sie drückte es diplomatisch aus: „Ich wusste, dass ich darum kämpfen musste, als Individuum gesehen zu werden. Nicht nur in den Augen von Helmut Kohl, aber in den Augen anderer Leute. Die Menschen hatten bereits eine vorbestimmte Meinung über mich; eine Quotenfrau von links. All das hat mich sehr geärgert.“43

Merkel sollte bald nicht nur Kohl gegenüber beweisen, dass sie eine echte Bereicherung für sein Kabinett und die Administration war: Als Kohl 1998 die Bundestagswahlen verlor und die oppositionelle Sozial Demokratische Partei Deutschlands (SPD) mit ihrem Parteiführer Gerhard Schröder an die Macht kam, wurde sie von der CDU zur neuen Generalsekretärin gewählt. Nur ein Jahr später kam die CDU-Spendenaffäre: Die Partei von Kohl hatte über Jahre hinweg Gelder von Parteifreunden erhalten, diese Summen oder die Spender jedoch nicht veröffentlicht. Kohl weigerte sich, Namen zu nennen, denn schließlich habe er den Spendern sein Ehrenwort gegeben, sie würden anonym bleiben. Die meisten Mitglieder der CDU wollten den Skandal stillschweigend unter den Teppich kehren, aber Merkel hatte eine andere Meinung dazu, oder, wie einige später behaupteten, konkrete Zukunftspläne: Mit einem vernichtenden Leitartikel, der am 22. Dezember 1999 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien, forderte sie den Rücktritt von Kohl und ermutigte ihre Partei, ohne ihn vorwärtszugehen: „Denn nur auf einem wahren Fundament kann ein richtiges historisches Bild entstehen. Nur auf einem wahren Fundament kann die Zukunft aufgebaut werden. Diese Erkenntnis muss Helmut Kohl, muss die CDU für sich annehmen. Und nur so wird es der Partei im Übrigen auch gelingen, nicht immer bei jeder neuen Nachricht über eine angebliche Spende angreifbar zu werden.“44

Diese Worte waren politischer Sprengstoff und für Merkel hagelte es Kritik: Für viele war ihr Schritt zu opportunistisch oder gar machiavellistisch. Andere sahen mit diesem Artikel eine Frau, die zu viele Male unterschätzt und unterminiert wurde, und die als kompetente Politikerin ihre eigenen Ziele und Bestrebungen verfolgt. Doch alle waren sich einig: Dieser Artikel markierte einen Wendepunkt in Merkels Karriere – der, mit dem sie sich für die Stelle als Kanzlerin positionierte.

Merkels Beitritt zur CDU hatte von Anfang Verwunderung ausgelöst. Nicht nur besaß die Partei starke patriarchale Züge, ihre Hochburgen lagen im konservativen Westen und Süden Deutschlands, das überwiegend katholische Wurzeln hatte. Merkel jedoch war Protestantin und stammte aus Norddeutschland. Zudem eckte sie mit ihrem Lebensstil an – eine 45-jährige, geschiedene Frau, die mit ihrem ebenfalls geschiedenen Freund zusammenwohnte – und für viele in der Partei kein gutes Beispiel war. Darauf angesprochen gab Merkel zurück, sie sei bereits einmal verheiratet gewesen und wäre nun vorsichtig, nichts zu überstürzen.45

Trotzdem wurden ihr immer wieder Fragen über ihr Privatleben gestellt – Fragen, von denen Autor Matthew Qvortrup behauptet, die ein Mann niemals hätte beantworten müssen. So stellte Merkel immer wieder klar: „Nein, ich habe nicht entschieden, dass ich keine Kinder haben wollte. Als ich in die Politik ging, war ich 35, und jetzt kommt es nicht mehr in Frage.“46 Angela Merkel war jedoch eine wichtige Persönlichkeit in einer konservativen Partei, die an die Werte Kinder, Küche und Kirche appellierte. Mit einer aufgeklärteren Sichtweise über die Frauenrolle aufgewachsen und zudem eine Karrierefrau, fand Merkel es schwer, ständig mit derartigen Fragen bombardiert zu werden – vor allem, da sie diese für irrelevant hielt. Merkel sah jedoch ein, dass sie – wenn sie auf der politischen Bühne Deutschlands eine Hauptrolle spielen wollte – sich dieser Besorgnis zuwenden musste.

Von daher gaben Angela Merkel und Professor Joachim Sauer dem gesellschaftlichen Druck nach und sie gaben sich selbst das Ja-Wort: Am 28. Dezember 1998 heirateten die beiden im allerengsten Familienkreis.47 Man kann sagen, dass Merkels Heirat und die Bindung an soziale Normen einhergeht mit dem, was ihre Eltern ihr damals zu Ostzeiten vermittelt hatten: Dass man manchmal so tun muss, als ob man mitmachen oder den Prinzipien folgen würde; allein schon, damit das eigene Leben besser wird.

Opportunismus und Pragmatismus gehören zu den bewundernswertesten Eigenschaften von Merkel. Es ist diese Kombination, die sie die politischen Ränge hat erklimmen lassen. Der Rechtsgelehrte Guido Calabresi beschrieb Merkel so: „Sie geht in keinen Kampf, den sie nicht gewinnen kann. […] Es gibt da ein paar Leute, die ihr im Weg waren und die jetzt in ihren Gräbern liegen.“48 Kohl war der Erste von vielen Politikern – in Deutschland und weltweit – die Merkel komplett unterschätzten. Auch Gerhard Schröder, Parteivorsitzender der SPD und Bundeskanzler von 1998 bis 2005, hat sie in der Öffentlichkeit als „bemitleidenswert“49 bezeichnet. Merkels großer Tag sollte noch kommen.

Nach der Spendenaffäre legten sowohl Kohl als auch sein Nachfolger Wolfgang Schäuble ihre Ämter nieder und Merkel wurde am 10. April 2000 als erste Frau zur CDU-Parteivorsitzenden gewählt. Zwar hatte Merkel Ambitionen, bei den darauffolgenden Wahlen zum Bundestag 2002 als Kanzlerkandidatin ins Rennen zu gehen, doch fehlte ihr die Unterstützung der meisten Ministerpräsidenten und anderen Parteiführern. Im gleichen Jahr, zusätzlich zu ihrer Rolle als Parteivorsitzende, wurde sie Oppositionsführerin im Bundestag.

Am 30. Mai 2005 stellte die CDU/CSU Angela Merkel als Gegenkandidatin zum amtierenden Kanzler Gerhard Schröder auf. Als es wenige Monate später, am 18. September 2005, zu den Bundestagswahlen kam, sollte Merkel basierend auf Umfragen als klare Siegerin hervorgehen. Doch das Ergebnis war knapp: Die CDU/CSU kam auf 35,2 % der Zweitstimmen und die SPD lag mit nur einem Prozentpunkt, also 34,2 % darunter, sodass sich beide Parteien in der Nacht zum Wahlsieger erklärten. Aber weder die Wunsch-Koalition bestehend aus SPD und Grüne noch die CDU-CSU-Koalition hatte genug Sitze für die Mehrheit im Bundestag.

Nach dreiwöchigen Verhandlungen erreichten SPD und CDU jedoch ein Abkommen, bei dem Merkel die Kanzlerposition und die SPD 16 Positionen im Kabinett erhalten sollte. Merkel wurde von dem neuen Bundestag mit 397 Ja- zu 214 Nein-Stimmen gewählt. Am Morgen des 22. November 2005 um 11 Uhr 52 wurde Dr. Angela Dorothea Merkel vor dem Deutschen Bundestag als neue Kanzlerin vereidigt. In diesem historischen Moment war Angela Merkel die erste Frau in dieser Position, die zudem aus Ostdeutschland kam, und mit nur 51 Jahren auch die jüngste Amtsträgerin.50

* * *

Obamas politische Karriere begann 1996, als ihn die Bürger von Chicagos South Side in den Senat von Illinois wählten. In seiner Amtszeit unterstützte er Gesetze, die Arbeitern mit niedrigem Einkommen größere Steuerfreibeträge zusicherten, er verhandelte Reformen im Sozialwesen und setzte sich für mehr Subventionen für Kinderbetreuung ein. Bis 2002 wirkte Obama im Senat für den Bundesstaat Illinois. Dann musste er seinen ersten Fehlschlag einstecken, als er 2002 gegen den demokratischen US-Kongressabgeordneten Bobby Rush antrat, der bereits seit vier Legislaturperioden dieses Amt innehatte. Die Niederlage fiel sehr knapp aus und Obama fühlte sich gedemütigt, doch bereits im August 2002 trieb er Gelder ein, stellte ein Wahlkampf-Team zusammen und kündigte seine Kandidatur für den US-Senat offiziell im Januar 2003 an.51

So richtig aufmerksam wurde man auf Obama, als er den Eröffnungsvortrag zur Democratic National Convention, der Parteiversammlung der amerikanischen Demokraten, im Juli 2004 in Boston hielt. In seiner später als „Audacity of Hope“ oder „Die Kühnheit der Hoffnung“ bekannt gewordenen Rede argumentierte Obama mit viel Leidenschaft: „[…] es gibt kein liberales Amerika und kein konservatives Amerika – es gibt die Vereinigten Staaten von Amerika. Es gibt kein schwarzes Amerika und kein weißes Amerika und kein Latino-Amerika oder asiatisches Amerika – es gibt die Vereinigten Staaten von Amerika.“52 Nur kaum vier Monate später wurde er mit einem erdrutschartigen Wahlsieg in den US-Senat gewählt.

Aufgrund seiner bewegenden Rede mehrfach dazu aufgefordert, bewarb sich Obama schließlich am 10. Februar 2007 für das US-Präsidentschaftsamt. Er kündigte seine Kandidatur vor dem symbolträchtigen Old State Capitol an, dem Regierungsgebäude in Springfield, Illinois, in dem Präsident Lincoln 1858 seine historische „House Divided“-Rede gehalten hatte. Obama, der erste schwarze Präsidentschaftskandidat, plädierte in seiner Ankündigung für ein schnelles Kriegsende im Irak, für mehr Energieunabhängigkeit und Reformen im Gesundheitswesen.53

Ähnlich wie Merkel oft nach ihrem Privatleben gefragt wurde – hauptsächlich über ihre Entscheidung zur Heirat und zur Kinderlosigkeit – musste sich Obama häufig zu den Themen Rasse oder ethnische Herkunft äußern. Dabei hat Obama diese kritischen Punkte während seines Wahlkampfes nie gescheut, er hat sie aber auch nie in den Vordergrund gestellt – bis Reverend Jeremiah Wright, er war Pastor in der Kirche, die Obama und seine Familie seit 20 Jahren besuchte, im März 2008 einen rassistischen Kommentar machte. Die Medien reagierten darauf heftig und „drohten Obamas Kampagne zum Entgleisen zu bringen,”54 berichteten E.J. Dionne und Joy Reid, Herausgeber von Obamas gesammelten Redewerken. Reverend Wright war der Meinung, dass die Vereinigten Staaten die Terroranschläge vom 11. September mit ihrem eigenen „Terrorismus“ selbst verursacht hätten und behauptete, dass schwarze Amerikaner lieber „Gott verdamme Amerika“ singen sollten, statt „Gott segne Amerika“, denn sie würden in einem Land leben, das seine Bürger nicht wie Menschen behandelte.55 Obamas Antwort auf diese Krise war eine Rede mit dem Titel „A More Perfect Union“, oder „Eine perfektere Union“, die er am 18. März 2008 im National Constitution Center in Philadelphia hielt.56

In dieser inspirierenden Rede entschuldigte sich Obama nicht für die Sünden der amerikanischen Vergangenheit. Stattdessen wies er darauf hin, dass er es nur der Einmaligkeit und Großartigkeit seines Landes zu verdanken habe, dass jemand mit seiner Herkunft überhaupt die Chance hatte, sich für das Amt des Präsidenten zu bewerben: „Ich bin der Sohn eines schwarzen Mannes aus Kenia und einer weißen Frau aus Kansas […] Ich habe eine der besten Schulen Amerikas besucht und ich habe in einem der ärmsten Länder der Welt gelebt. Ich bin mit einer schwarzen Amerikanerin verheiratet, die das Blut der Sklaven und Sklavenbesitzer trägt. Ich habe Brüder, Schwestern, Nichten, Neffen, Onkel und Cousinen jeglicher Rasse und mit jeder Hautfarbe verteilt über drei Kontinente. Und solange ich lebe, werde ich nie vergessen, dass meine Lebensgeschichte in keinem anderen Land der Welt möglich ist.“57

Er verkündete leidenschaftlich, dass eines seiner Hauptwahlkampfziele sei, den Amerikanern dabei zu helfen, eine tolerantere, gerechtere und wohlhabendere Nation zu werden – unabhängig von Rasse, ethnischer Herkunft oder nationalem Ursprung. Obama sprach an, dass er von einigen Gruppen als „zu schwarz“ kritisiert wurde, während andere Gruppen ihn als „nicht schwarz genug“ fanden. Dabei gäbe es doch trotz der vielen Differenzen in Amerika eine Sache, die allen wichtig sei, nämlich eine sichere Zukunft für Kinder und Enkelkinder. Darauf sollten die Menschen achten, und nicht nur auf die Unterschiede schauen. Er betonte, dass die Menschen aus der afro-amerikanischen Gesellschaft die Herausforderungen der Vergangenheit annehmen müssen, doch ohne dabei selbst zum Opfer zu werden.58

Obama realisierte auch, dass Rassismus und der Kampf um Gleichberechtigung tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt sind und dass eine einzige Wahl nicht alles ändern kann, sondern nur ein Schritt von vielen Schritten ist, die in den nächsten Jahren zu gehen sind. Auf charismatische Weise beschrieb er, dass Rassengleichheit nur dann eintreten wird, sobald die Träume und Hoffnungen von einer Gruppe nicht zu Lasten einer anderen Gruppe gehen. Wenn Investitionen im Sozialwesen für jeden Amerikaner gleichermaßen stattfänden, dann würde schlussendlich das ganze Land davon profitieren.59

Sowohl bei den Vorwahlen als auch bei den Hauptwahlen konnte Obamas Kampagne immer neue Rekorde an Wahlspenden verbuchen. Am 19. Juni 2008 war Obama der erste Präsidentschaftskandidat in der Geschichte der USA, der freiwillig auf öffentliche Wahlkampfgelder verzichtete – sie werden in den USA seit 1976 vergeben. Noch im gleichen Jahr, am 4. November 2008, wurde Barack Obama zum ersten afroamerikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt, sowohl vom Volk durch das „Popular Vote“ also auch von den Wahlmännern. Dabei ging er als klarer Sieger hervor: Von den Wahlmännern erhielt er 365 Stimmen im Vergleich zu seinem republikanischen Gegenkandidaten, dem Senior-Senator John McCain aus Arizona, der 173 Stimmen bekam. Auch das Volk sprach klare Worte: 52,9 % der Bevölkerung stimmte für Obama, nur 45,7 % für McCain. Nach diesem phänomenalen Wahlsieg wurde Barack Hussain Obama II am 20. Januar 2009 um die Mittagszeit zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt.

Obwohl Obama die politische Karriereleiter nicht ganz so schnell erklomm wie Angela Merkel, so war sein Aufstieg durchaus beeindruckend. Zumal er, anders als Merkel, in seiner historischen Wahl als überwältigender Sieger hervorging. Die Rekordsummen an Spendengeldern, die während seiner Kampagne zusammenkamen, in Kombination mit seiner beispiellosen Agenda, zeigten, dass die Amerikaner bereit waren, einem jungen, relativ unbekannten Senator unabhängig von seiner Hautfarbe – oder vielleicht gerade wegen seiner Hautfarbe – eine Chance zu geben. Mit seinen Reden und Wahlversprechen hatte es Obama mit Leichtigkeit geschafft, das amerikanische Volk für sich zu gewinnen. Es würde jedoch noch ein beschwerlicher Weg für ihn werden, die Beziehungen zwischen den USA und seinen Verbündeten in Europa, insbesondere Deutschland, wieder zusammenzuflicken.

Diese Partnerschaften standen zwar auf wackeligem Boden, doch eines war sicher: Obama und Merkel hatten nichts mit ihren jeweiligen Vorgängern gemein. Obama drückte es so gegenüber seiner deutschen Kollegin aus, als er in einer Rede über die Fortschritte im 21. Jahrhunderts sprach und über die ungewöhnlichen historischen und persönlichen Umstände, die beide Politiker auf ihre Rolle im Öffentlichen Dienst vorbereitet hatten: „Kriege können enden. Gegner können zu Verbündeten werden. Mauern können fallen. Zu guter Letzt können Länder sich wieder vereinigen und frei sein. Frau Bundeskanzlerin, unsere Lebenswege stehen in diesem Geiste.“

Kapitel 2: „Ich übernehme die Verantwortung“

Januar – April 2009

Als der Deutsche Bundestag im November 2005 die neue Kanzlerin Merkel einschwor, hatte auf der anderen Seite des Atlantiks George W. Bush gerade zum zweiten Mal in Folge die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland war zu diesem Zeitpunkt getrübt – das erste Mal seit dem Kalten Krieg – da die Bush-Regierung 2003 in den Irak einmarschierte. Obwohl viele europäische Politiker in Bush „Satans Vertreter auf Erden“1 sahen, ging Merkel mit ihrem US-Kollegen nicht ganz so hart ins Gericht.

Sie hatte aber schon eine andere Meinung über das Gefangenenlager Guantanamo und keine Probleme, diese publik zu machen: In einem Interview mit Der Spiegel erklärte sie, dass es zwar eine Notwendigkeit für das Bekämpfen des Terrorismus gäbe, sie Bushs militärische Vorgehensweise jedoch ablehne: „Eine Institution wie Guantanamo kann und darf langfristig nicht operieren. Es müssen andere Wege gefunden werden, mit den Gefangenen umzugehen.“2

Aufgrund seiner vom Isolationismus bestimmten Politik waren weltweit viele Politiker froh, dass die Ära Bush 2009 zu Ende war. Sie hofften, dass Barack Obama die Beziehungen, die Bush zerstört hatte, reparieren könnte. Merkel sah das ein wenig anders, denn sie und Bush hatten eine gute Arbeitsbeziehung. Sie gab sogar zu, dass sie ihn vermissen würde.3 Dabei darf man nicht vergessen, dass Merkel im kommunistischen Ostdeutschland aufgewachsen ist. Daher empfand sie den Vereinigten Staaten gegenüber stets Dankbarkeit und sah möglicherweise den ehemaligen Präsidenten durch eine leicht rosarot gefärbte Brille. Dass die Politik von Bush nicht nur ihre europäischen Kollegen verstimmte, sondern auch ihre Mitbürger, entging der Kanzlerin sicherlich nicht.

Ihr war klar, dass sie eine Gratwanderung machen musste, denn die Deutschen waren von Barack Obama begeistert und sie selbst hatte Bedenken. So schrieben Ralf Beste, Dirk Kurbjuweit, Christian Schwägerl und Alexander Szandar in einem Spiegel-Artikel: „[…] 85 % der Deutschen würden auch Obama gewählt haben. Kaum ein anderes Thema genießt einen ähnlichen Konsens.“4 Ein Teil von Obamas Faszination ist möglicherweise auf die Hoffnung zurückzuführen, die er mit seinem Wahlkampf verbreitet hatte, und die Aussicht, dass Obama die von Bush geschwächten Beziehungen zu den USA wieder stärken könnte. Im Laufe seiner Präsidentschaft entwickelte Obama eine echte Zuneigung für die Deutschen, was ihnen nicht entging und das Gefühl der Hoffnung nur bestärkte. Dass die Deutschen den Präsidenten verehrten war ansteckend – und sollte schlussendlich auch die Kanzlerin befallen.

Nach Obamas Vereidigung am 20. Januar 2009 gab Merkel ein Interview für Spiegel Online, in dem sie die historische Bedeutung seines Wahlsieges hervorhob und betonte, dass seine Funktion als erster schwarzer Präsident „eine große Stunde für Amerika ist, was viele Möglichkeiten bietet.”5 Ohne seinen Vorgänger überhaupt zu erwähnen, verteilte sie hier Seitenhiebe an Bush und seine Politik und hoffte, dass Obama einen anderen Ansatz haben würde, um die komplexen Probleme dieser Welt zu lösen – einen, der auf Kollaboration und den Dialog mit anderen baut.

Die deutsche Kanzlerin wählte ihre Worte sehr diplomatisch. Aus persönlicher Sicht hatte sie eine gute Beziehung zu Bush, aber auf professioneller Ebene war sie sich der Herausforderungen bewusst, die sich aus einigen seiner politischen Maßnahmen ergaben. Von daher gelang es ihr, die Verhängnisse der Bush Administration zu diskutieren, ohne dabei seinen Namen zu nennen und ihn öffentlich bloß zu stellen. Merkel zählte ganz einfach heiße Themen auf wie Afghanistan, Iran und die Beziehung zu Russland, die dringend Aufmerksamkeit bedurften, und verdeutlichte: „Ich hoffe, dass unsere Kooperation dadurch gekennzeichnet sein wird, dass wir einander zuhören und darauf basiert, dass ein einziges Land alleine die Probleme dieser Welt nicht lösen kann, sondern wir es nur gemeinsam tun können.“6

Merkel gab zu, dass die Situation in Afghanistan zukünftig problematisch sein würde und bot für diese Region nichtmilitärische Unterstützung an. Sie machte jedoch klar, dass sie nicht von ihrem Standpunkt abweichen würde, keine militärischen Truppen zu schicken: „Wir haben dieser Entscheidung unsere Kapazitäten und Fähigkeiten zugrunde gelegt – nicht wer Präsident ist.“7 Obwohl es damals Spekulationen der Medien und anderer Politiker gab, dass Obama auf mehr militärische Unterstützung seitens seiner europäischen Verbündeten pochen würde, war das nicht der Fall.

Ein später veröffentlichtes Spiegel-Interview vom 2. Februar 2009 diskutierte die scheinbare Gleichgültigkeit der Kanzlerin gegenüber dem neu gewählten Präsidenten und den Konflikt der beiden Staatsführer in Bezug auf den Verbleib der Guantanamo-Insassen. „Es gibt nicht die kleinste Spur von Enthusiasmus für den Mann, auf dessen Schultern momentan die Hoffnung der ganzen Welt ruht. Merkel ist nicht darauf vorbereitet, den Amerikanern bei ihrem ersten konkreten transatlantischen Anliegen schnell entgegenzukommen, nämlich der Aufnahme von Häftlingen aus Guantanamo.“8 Dafür, dass Merkel in dieser Angelegenheit eine derart starke Meinung besaß, hätte man aus der Perspektive der USA ihre Unterstützung bei der Schließung der Anstalt durchaus erwarten können.

Präsident Obama und Kanzlerin Merkel hatten ihr erstes offizielles Telefongespräch in der letzten Woche im Januar 2009. Während ihrer 25-minütigen Unterhaltung sprachen sie über brisante Themen wie die Wirtschaftskrise, Iran und Afghanistan. In einem Spiegel-Artikel war später darüber zu lesen, dass Obama jede Möglichkeit genutzt habe, der Kanzlerin zu verdeutlichen, dass er sie nicht mit Forderungen bombardieren, sondern sie stattdessen überzeugen wolle.9 Merkel berichtete später ihrem Stab, dass Obama während des Telefonats nicht eine einzige Forderung gestellt habe – noch nicht einmal die nach mehr Truppen für Afghanistan. Zudem gäbe es zwei neue Bestandteile: Obamas Ton und seine Pausen zwischen seinen Sätzen. Im Gegensatz zur vorherigen Administration, die dazu tendierte, nur Ansprüche an die Verbündeten zu stellen, habe Obama auch zugehört. „Das Weiße Haus von Barack Obama ist ein Haus mit zwei Knöpfen, und nicht nur eines mit einem ‚Versenden-Knopf‘“, sagte Jackson Janes, ein vom Spiegel befragter Deutschland-Experte an der Johns-Hopkins-Universität in Washington. „Amerika möchte nicht mehr länger das Stinktier auf der Gartenparty sein.“10

Die Kunst des Zuhörens im Gegensatz zum bloßen Stellen von Forderungen sollte Obama noch häufig im Verlauf seiner Präsidentschaft an den Tag legen und eine Eigenschaft sein, die Merkel sehr schätzen und respektieren würde. Trotz ihrer höflichen Gespräche miteinander waren beide Politiker zunächst sehr zögerlich, wie sie einander einschätzen sollten. Merkel befürchtete, dass die große Begeisterung der Deutschen nichts weiter wäre als „ein allzu hastiger Ausdruck der Verehrung für den neuen Präsidenten, der – so sagen es die Leute – einfach besser sein muss als sein Vorgänger.“11 Sie vertrat in puncto Obama eine „Abwarten-und-Tee-trinken“-Haltung. Gegenüber der damaligen Außenministerin Hillary Clinton beschrieb Journalist und politischer Berater Sidney Blumenthal Merkels Skepsis wie folgt: „[…] sie mag nicht das atmospährische Umfeld, das mit dem Obama-Phänomen einhergeht; das steht komplett im Gegensatz zu ihrer Vorstellung von Politik und wie man sich allgemein benimmt. Sie würde eine Beziehung mit Ihnen begrüßen, die sich mehr auf Dialoge aufbaut.“12

Auf der anderen Seite des Atlantiks hatten der amerikanische Präsident und sein Stab eine ähnlich zurückhaltende Meinung über die Kanzlerin. Merkels ablehnende Antwort in Bezug auf Obamas Rede vor dem Brandenburger Tor verstärkte zunächst seine Skepsis. Zudem wurde laut Spiegel ihre Absage, den Präsidenten in Washington nach seiner Amtseinführung zu besuchen, von Obamas Mitarbeitern als „taktlos und unhöflich“ angesehen.13 Auch lehnte Obamas Administration die von Deutschland durchgeführte „Scheckbuch-Diplomatie“ ab: Die Bundesregierung hatte 50 Millionen Euro für einen Treuhandfond bewilligt, der zum Aufbau und zur Ausbildung einer afghanischen Armee genutzt werden sollte – statt selber Truppen in den Süden Afghanistans zu schicken; etwas, was die Amerikaner als „einen Freikauf aus der Verantwortung ansahen.“14

Doch war zu jenem Zeitpunkt die Wirtschaftskrise der größte Streitpunkt. Merkel hatte bei ihren Kollegen den Ruf, alles immer auf die lange Bank zu schieben, weil sie eine Situation überanalysierte. Viele Politiker, sowohl innerhalb als auch außerhalb Deutschlands, empfanden diese Art von „Verschleppung“ als sehr lästig. Die Wirtschaftskrise war genauso eine Situation. Vertreter in Washington glaubten, dass Merkels Mangel an politischer und wirtschaftlicher Kompetenz diese Verzögerungen auslöste, was das Problem nur noch verschlimmerte. Hier sei anzumerken, dass Obama in der Anfangsphase in diesem Punkt die gleiche Meinung wie seine europäischen Kollegen vertrat. Doch in den folgenden Jahren sollte es gerade jener analytischer Entscheidungsprozess sein, den beide bevorzugten und etwas werden, was Obama an Merkel am meisten schätzen würde.

Die große Rezession begann im Dezember 2007, als der zu einem Wert von 8 Billionen Dollar aufgeblasene amerikanische Immobilienmarkt plötzlich zusammenbrach. Die wirtschaftlichen Folgen waren nicht nur für die USA desaströs, sondern auch für die restliche Welt. Vor der Katastrophe lag die Arbeitslosenquote in den USA bei bescheidenen 4,9 Prozent; doch bis zum Oktober 2009 stieg die Zahl auf 10,1 Prozent.15 Diese Werte waren ähnlich in Europa, wobei Spanien von der Arbeitslosigkeit mit 18,7 Prozent und 37 Prozent bei den Jugendlichen am härtesten betroffen war.16 Trotz der weltweit spürbaren Folgen der Rezession, blieb der Euro stabil, wobei Deutschland hier eine entscheidende Rolle spielte.

Trotzdem versuchte die deutsche Regierung mehrere Wochen lang im Vorfeld des G20- Gipfels, die „Charter for Sustainable Economic Activity“ zu verabschieden. Hierbei ging es darum, die Verschuldung von Staaten einzuschränken: Länder dürfen sich nur so stark verschulden, wenn gewährleistet ist, dass sie sich finanziell wieder erholen können. Deutschland und Frankreich kämpften für strengere wirtschaftliche Regulierungen. Insbesondere die europäischen Politiker forderten eine Überwachung der Banken auf europäischer Ebene, erweiterte Hedgefonds-Regulierungen und für Banken eine größere Summe an Eigenkapital. Die Regulierung von Hedgefonds und Steuern wurde zum größten Streitpunkt zwischen den Amerikanern und Europäern. Obwohl die Amerikaner zögerlich in Bezug auf die vorgeschlagenen Reformen blieben, erwartete die deutsche Regierung, dass Obama sich der Finanzreform des G20-Gipfels anschloss.

Bereits vor dem G20-Gipfel in London trafen sich mehrere führende EU-Politiker in Brüssel, um an einer Strategie zur Bewältigung der Finanzkrise zu arbeiten. Dies ging auf Merkel zurück, die darauf bestand, dass die EU mit einer gemeinsamen Stimme sprechen sollte. Die Gruppe kam zu der Entscheidung, dass es keine weiteren Finanzhilfen geben sollte, und dass die EU eine Führungsrolle in der Reform der Weltfinanzmärkte einnehmen wollte.17

Die EU-Politiker waren in hartnäckiger Opposition zu weiteren Konjunkturprogrammen und zunehmend über die Position der USA beunruhigt – insbesondere nachdem sie erfuhren, dass Obamas Finanzminister die Empfehlungen des International Monetary Fund (IMF) unterstützte; hiernach sollten alle Nationen 2 % ihres Bruttoinlandproduktes in ein Stimulus-Paket einzahlen.18 Die Regulierung der Hedgefonds und die Steuern wurden zur größten Streitfrage zwischen den Amerikanern und den Europäern. Denn die Amerikaner waren der Meinung, dass Gelder durch die Förderprogramme einen besseren und nachhaltigeren Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisten würden als bloße Regulierungen.

Einem durchgesickerten Dokument zufolge, das für US-Außenministerin Hillary Clinton bestimmt war, hatte Merkel „tiefe Befürchtungen, dass die Obama-Regierung sich auf einem katastrophalen Wirtschaftskurs befindet.“19

Im Vorfeld des bevorstehenden G-20-Gipfels in London gab die deutsche Kanzlerin ein exklusives Interview für die New York Times, das den auffälligen Titel trug „Merkel ist bereit, Obama zu treffen, um ihm dann zu widerstehen.”20 Diese Schlagzeile dokumentierte Merkels große Befürchtungen gegenüber dem neuen Präsidenten. Während des einstündigen Interviews unterstrich Merkel ihre Position, dass sie nicht vorhabe, die Europäische Zentralbank dahingehend zu ermutigen, der Federal Reserve zu folgen und mehr Geld in das System zu pumpen. Auch würde sie es nicht zulassen, dass Deutschland weitere Gelder in wirtschaftliche Hilfspakete einzahlt. Sie sagte in ihrer Abschlussbemerkung, sie erwarte von Obama, dass er zu seinen Versprechungen stehe – nämlich, die amerikanische Staatsverschuldung zu kontrollieren, so wie es seine inländischen Konjunkturmaßnahmen vorsahen.21

Obwohl die Amerikaner den vorgeschlagenen Maßnahmen gegenüber zögerlich blieben, erwartete die deutsche Regierung, dass sich Obama der Wirtschaftsreform-Bewegung auf dem bevorstehenden G-20-Gipfel in London am 20. April 2009 anschloss. Viele von Merkels unsprünglichen Bedenken dem neuen Präsidenten gegenüber stützten sich darauf, dass dieser zu viel rede und – so befürchtete sie – nicht in der Lage sei, seine Versprechen zu halten. Ihre in der New York Times genannten Abschlussbemerkungen demonstrierten diese Zögerlichkeit gegenüber Obama. Jetzt hatte sie ihre „Abwarten-und-Tee-trinken“-Haltung gegenüber dem US-Präsidenten an den Tag gelegt. Keine Frage, Merkel und Obama waren unterschiedlicher Meinung, wie die Wirtschaftskrise angegangen werden sollte. Aber Merkel war weder auf Obamas Demut vorbereitet, mit der er der Situation begegnen sollte, noch auf seine Bereitschaft darauf hinzuarbeiten, dass es in Zukunft solche Krisen nicht mehr geben würde.

* * *

Als sich die politische Weltspitze im April 2009 in London traf, gab es von Anfang an zwei Fraktionen: Die Vereinigten Staaten und Großbritannien gegen Frankreich und Deutschland. Sowohl der britische Premierminister Brown als auch Präsident Obama haben wiederholt angedeutet, dass Regulierungen und Steueroasen eine nebengeordnete Rolle im Stimulus-Paket spielen sollten, während Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy das Gegenteil forderten. Beide weigerten sich, weiterhin Gelder ohne Absicherungen zur Verfügung zu stellen; wie z. B. strengere Regulierungen, die eine erneute Krise verhindern würden. In einer gemeinsamen Pressekonferenz von Merkel und Sarkozy stellten beide Politiker klar, dass sie in dieser Situation am gleichen Strang ziehen würden. Wie der Spiegel berichtete, erklärte Nicholas Sarkozy: „In Bezug auf die Regulierung der Finanzmärkte gibt es keinen Platz für Verhandlungen.“22 Merkel bekräftigte ihren französischen Kollegen als sie hinzufügte: „Für Deutschland und Frankreich stehen die Regulierungen nicht zur Debatte. Wer das nicht versteht, der ebnet den Weg zur nächsten Finanzkrise.“23 Die Zeitschrift charakterisierte das Treffen der beiden mit „Sarkozy und Merkel gingen auf die Barrikaden.“24 Dies beschrieb die anfängliche Stimmung auf dem Gipfel recht gut, doch im Verlaufe der Tagung gab es viele Diskussionen, bei denen die Politiker niemals den Zweck des Treffens aus den Augen verloren – eine finanzielle Lösung zu finden, welche die Wirtschaft stimulieren und eine erneute schwere Rezession verhindern würde.

Dem Spiegel-Artikel zufolge war die Anspannung unter den Politkern in London derart hoch, die Diskussionen hitzig und die Anschuldigungen verleumderisch, dass man sich wunderte, dass nach dem Gipfel alle noch miteinander redeten. Zum Beispiel verteidigte sich die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner laut Spiegel gegenüber Kanzlerin Merkel in einer angeblichen Meinungsverschiedenheit über Hilfe in Afrika mit den Worten: „Was Merkel sagt, hört sich so an, als möchte ich afrikanischen Ländern nicht helfen. Sollte ich diesen Eindruck vermitteln, dann entschuldige ich mich dafür. Ich verstehe, wie die Dinge hier ablaufen. Änderungen werden in der letzten Minute gemacht. Wir können so nicht arbeiten. Und, übrigens“, mit Blick auf Merkel gerichtet, „ich bin nicht mehr böse“.25

Eine Lösung zu finden erwies sich als so starke Herausforderung, dass selbst Politiker, die normalerweise die gleiche Meinung vertraten, über die Art und Weise stritten, wie man nun am effektivsten das Problem angehen sollte. So zum Beispiel waren sich Premierminister Brown und Präsident Sarkozy darüber einig, dass eine Liste von Banken, die sich weigerten, den in London erwirkten Richtlinien zu folgen, veröffentlicht werden sollte – aber das Wie wurde zum Streitpunkt. Brown argumentierte, dass diese Namen schon über die OECD (Organization Economic Cooperation and Development) publik gemacht wurden, während Sarkozy darauf bestand, dass alle Banken im Abschlussbericht des Gipfels genannt werden sollten. Brown versuchte ihn zu beruhigen: „Nicolas, denke daran, auf was wir uns geeinigt hatten. Die Ära des Bankgeheimnisses ist vorbei.“26 Offensichtliches Fazit dieser Auseinandersetzungen ist jedoch, dass trotz der Uneinigkeit darüber, wie man nun das Ziel erreiche, alle G-20-Teilnehmer die gleiche Vision teilten – es muss das getan werden, was notwendig ist, um die Wirtschaft in ihren Ländern und für ihre Menschen zu stimulieren.

Nach stundenlangen Verhandlungen, vielen Differenzen und noch mehr Kompromissen konnten sich die politischen Akteure der Weltbühne darauf einigen, wie die größte Wirtschaftskrise seit 1930 zu meistern sei: Schlussendlich verpflichteten sich die Länder, neue Regelungen in ihren Finanzmärkten einzuführen, Steuerparadiese abzuschaffen und Kredite an ärmere Länder zu vergeben. Die deutschen Beiträge würden hierbei aus den Tresoren der Bundesbank stammen, statt aus den einzelnen Bundeshaushalten. Auch einigte man sich auf die Einführung einer neuen Kontrollinstanz, dem Financial Stability Board (FSB). Sarkozy war ebenfalls zufrieden, weil sich im G20-Abschlussbericht eine Liste von Steueroasen befand.27

Die in London erreichten Ergebnisse waren sicherlich nicht perfekt. So gab es zum Beispiel keine Lösung für das Angehen des immer größer werdenden Unterschieds zwischen Nationen mit großer Konsumentenverschuldung, wie in den USA, und Nationen wie Japan und Deutschland mit hohem Exportüberschuss.28 Ein Spiegel-online-Artikel fasste den Gipfel so zusammen: „Die G20-Teilnehmer haben es geschafft, einen offenen Konflikt zu vermeiden, aber ihre Uneinigkeit hat bestehende wirtschaftliche Unterschiede noch vergrößert. Die Welt, die wir in London sahen, war eine Welt im Wandel. Es war nicht mehr die alte Welt, aber auch noch keine neue Welt, die in der Lage ist, übereinstimmend zu denken.“29

Unter all den Übereinkünften und Zugeständnissen kam wohl das bedeutendste Entgegenkommen von Präsident Obama: Gegen Ende des Gipfels, als sich Merkel, Brown, Sarkozy und andere G20-Politiker immer noch die Köpfe heißredeten, blieb Obama ungewöhnlich still. Er beendete sein Schweigen jedoch, als der italienische Premierminister Silvio Berlusconi dem neugewählten Präsidenten direkt in die Augen schaute und anmerkte, dass die Wirtschaftskrise seinen Ursprung in den USA habe und Obama somit eine Verpflichtung habe, eine Lösung zu finden.30 Sehr zur Überraschung aller Beteiligten im Raum, insbesondere Merkel, antwortete Obama: „Was mein italienischer Freund sagt, ist richtig. Die Krise begann in den USA. Ich übernehme dafür die Verantwortung, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht Präsident war.“31

Es ist durchaus möglich, dass Obamas Kommentar als das wichtigste Zugeständnis eines Weltpolitikers der Neuzeit in die Geschichtsbücher eingehen wird. Dem Spiegel nach machte sich Obama die größte Finanzkrise seit 100 Jahren zu eigen. Er gab zu, dass sicherlich auch andere Länder für die Krise verantwortlich waren, aber dass der Großteil der entstandenen Probleme auf Amerika mit seiner schier unendlichen Gier nach Profit zurückgehe. Obamas Fähigkeit, dieser Krise die Stirn zu bieten, statt Verantwortung zu scheuen, galt als starkes Signal der Hoffnung für die anderen G20-Staaten, die nun erwarteten, dass er Maßnahmen implementieren würde, die eine zukünftige Weltwirtschaftskrise verhindern.

Merkel rief darauf sofort ihren Finanzminister an und informierte ihn über Obamas Bekenntnis.32 Obwohl es noch eine Weile dauern sollte, ehe Merkel ihre Vorbehalte gegenüber Obama komplett ablegte, so war dieses Eingeständnis die Basis für ihre Beziehung, die sich später entwickeln sollte.

Gegen Ende des Gipfels hatte Obama für seine Kollegen noch ein paar Tipps für den Umgang mit den Medien parat: „Den Journalisten die Ergebnisse des Gipfels nicht unter Wert zu verkaufen, ihnen nicht die Uneinigkeit zu zeigen, die sie so gerne sehen würden, sondern Selbstbewusstsein auszustrahlen.“33

In einem Spiegel-Artikel reflektierte die Kanzlerin besonnen die Ereignisse in London – Obamas Ratschlag im Hinterkopf behaltend – mit den Worten „ein sehr, sehr guter Kompromiss“ wurde erreicht, ein fast sogar,historischer Kompromiss‘.34 Tatsächlich hatten die Resultate des Londoner Gipfels die Welt vor einem kompletten Desaster gerettet.

* * *

Gleich im Anschluss an den G20-Gipfel in London trafen sich Obama und Merkel mit anderen Politikern im Rahmen des 60-jährigen Bestehens der NATO. Die Konferenz begann gleich am nächsten Tag und fand am 3. und 4. April 2009 in Baden-Baden und im französischen Straßburg statt. In Baden-Baden gab es das erste bilaterale Treffen mit anschließender gemeinsamer Pressekonferenz.

Gemäß dem Protokoll für den Besuch eines ausländischen Würdenträgers, wurden der amerikanische Präsident und First Lady Michelle mit vollen militärischen Ehren empfangen. Dieser Besuch lockte viele Menschen auf die Straßen, die den Präsidenten und die Kanzlerin begrüßten. Sie riefen begeistert „Obama“ und schwenkten deutsche und amerikanische Fahnen. Die zwei Staatsführer posierten mit ihren Ehepartnern für das offizielle Pressefoto und schüttelten den Schaulustigen die Hände. Dies entspricht in jeder Hinsicht dem, was zu erwarten ist, wenn ein Staatsoberhaupt einer verbündeten Nation zu Besuch kommt – insbesondere für jemanden so populärem wie dem amerikanischen Präsidenten.

Der Ehemann der Bundeskanzlerin, Professor Sauer, nahm ebenfalls an der Zeremonie teil. Dies sprach von der Bedeutung dieses Ereignisses, denn normalerweise blieb er den öffentlichen Veranstaltungen seiner Frau fern – selbst bei der Vereidigung seiner Frau zur ersten deutschen Bundeskanzlerin hatte er sich nicht einmal freigenommen.35 Weil Sauer das öffentliche Rampenlicht mied und er Merkel lediglich zu den Bayreuther Festspielen begleitete, nannte ihn die deutsche Boulevardpresse das ‚Phantom der Oper‘.36 Wie bei vielen „ersten Malen“ in der Beziehung zwischen Merkel und Obama, war es das erste Mal, dass Professor Sauer einen öffentlichen Auftritt im Rahmen einer Veranstaltung mit dem US-Präsidenten hatte, es sollte aber nicht der Letzte sein.

Nach dem Militärempfang und dem Bad in der Menge auf der Straße hielten Merkel und Obama eine gemeinsame 30-minütige Pressekonferenz, bei der beide eine Erklärung abgaben und sich den Fragen der Presse stellten. Die Begeisterung und Sympathie der Deutschen für den amerikanischen Präsidenten gingen an der Kanzlerin nicht unbemerkt vorbei. Ihre einleitenden Worte sollten das reflektieren: „[…] wir möchten Sie wirklich sehr herzlich willkommen heißen. Ich denke, dass Sie gesehen haben, dass die Presse Sie auch sehr herzlich willkommen geheißen hat; und Sie haben ja auch die Leute entlang des Weges gesehen, die mit ihren kleinen Fähnchen stundenlang auf Sie gewartet haben; und wir freuen uns, dass Sie da sind.“37

Nach dieser Begrüßung fasste sie die Themen zusammen, über die sie und Obama in ihrem privaten Meeting diskutiert hatten. Dabei ging es hauptsächlich um Afghanistan und die Ergebnisse vom G20-Gipfel. Als sie den andauernden Konflikt in Afghanistan ansprach, unterstrich Merkel die weitere Unterstützung aus Deutschland in dieser Angelegenheit und „Verantwortung“ für eine Lösung. In Bezug auf den G20-Gipfel in London sprach sie von einem produktiven Treffen, weil „[…] auch die Vereinigten Staaten ihre Kooperationsbereitschaft demonstrierten […] Ich denke, dass es unsere gemeinsame Aufgabe ist, Allianzen in diesem Moment der Kooperation zu formen, da diese transatlantische Beziehung uns helfen kann, die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise zu bewältigen.“38

Zwischen den Zeilen ist hier zu erkennen, dass Merkel die von Obama auf dem G20-Gipfel gemachten Zugeständnisse würdigt. Die Kanzlerin berichtete von der Wichtigkeit und der langen Freundschaft und Partnerschaft der beiden Länder und hoffte, Obamas Versprechen, die getrübte Beziehung zwischen Deutschland und den USA wiederherzustellen, sei aufrichtig. Obwohl ihr Lob über die Freundschaft und die Beziehung zu Amerika offen und ehrlich war, schien ihr Kommentar über den Präsidenten eher höflich und deutlich reserviert. Sie schien immer noch skeptisch, aber das Eis fing langsam an zu schmelzen.

Während Obamas zehnminütiger Ansprache berichtete er von unangenehmen Nachrichten, von denen er kurz zuvor erfuhr: Eine aktuelle Statistik aus den USA zeigte den Verlust von 663 000 Arbeitsplätzen im Vergleich zum Vormonat, was die Arbeitslosenquote auf 8,5 % katapultierte – die höchste Zahl in den letzten 25 Jahren. Insgesamt haben 5,1 Millionen Amerikaner seit Beginn der Finanzkrise ihre Arbeit verloren.39 Trotz der Schwere dieses Themas, gelang es dem Präsidenten, die Situation ein wenig aufzuhellen: Auf die Frage eines Reporters in Bezug auf die Wirtschaft antwortete Obama: „[…] die USA will der größte Verbrauchermarkt bleiben und wir werden sicherstellen, dass er offen bleibt […] Es ist nicht die Schuld der Deutschen, dass sie gute Produkte herstellen, welche die Vereinigten Staaten kaufen möchten; und wir müssen sicherstellen, dass wir Produkte herstellen, die die Deutschen kaufen wollen.“40 An dieser Stelle brach die sonst eher reservierte Kanzlerin in kurzes Gelächter aus.

In seinem Statement sprach Obama auch über die NATO und erkannte an, dass es das erfolgreichste Staatenbündnis in der modernen Geschichte sei, aber fügte hinzu: „Wenn die NATO alles wird, dann ist sie nichts.“41 Zudem bedankte er sich bei Merkel und den Deutschen für die Unterstützung der Aktivitäten in Afghanistan: „Sie haben gerade gehört wie Kanzlerin Merkel betonte, dass das, was die NATO in ihrem Kern so effektiv gemacht hatte, auf dem Prinzip von Artikel 5 beruhte – wenn ein Verbündeter angegriffen wird, dann kommen alle Verbündeten zusammen, um sich dem Problem zu stellen […] Das ist das Wesen einer erfolgreichen Allianz.“42

Es gab auf beiden Seiten des Atlantiks Spekulationen, dass Obama in Bezug auf Afghanistan nach mehr Ressourcen fragen würde und dass es dazu von den europäischen Alliierten Widerstand geben würde. Aber sowohl in Merkels als auch Obamas Kommentaren war nichts über einen möglichen Konflikt über Truppen in Afghanistan zu spüren. Merkel, als Verbündete und NATO-Mitglied, war sich darüber bewusst, dass Deutschland die amerikanische Mission dort so gut wie möglich zu unterstützen hatte.

Obama und Merkel unterschieden sich von Anfang an in einer Sache: nämlich wie sie mit den Fragen von Journalisten auf Pressekonferenzen umgingen. Merkel gab normalerweise kurze und präzise Antworten. Obama hingegen besaß die Rhetorik eines typischen amerikanischen Politikers, nämlich um den heißen Brei herumzureden und alles andere als die gestellte Frage zu beantworten. Seine Antworten waren normalerweise recht lang und detailreich und enthielten allerlei Zahlen und Daten. Obama, der sich dieses Talents bewusst war, genoss diese besonderen Momente der Pressekonferenz. Ein deutscher Reporter hakte nach: „Was bedeutet das konkret für die Europäer und für die NATO?“43, worauf Obama sagte: „Ich glaube, das ist ein Hinweis darauf, dass meine Antworten zu lang waren. Also werde ich diese jetzt kürzer geben.“44

Etwas, was in den späteren Pressekonferenzen und anderen Auftritten immer offensichtlicher wurde, war die Zuneigung der beiden Politiker füreinander und das Verteilen von Komplimenten. Von Anfang an bezeichnete Obama Angela Merkel als seine „Freundin“, ein Kompliment, das Merkel erst später zurückgab: „Ich möchte Merkel für ihre Führung, ihre Freundschaft danken […] Ich habe recht viel Zeit mit Merkel verbracht und ich bin weiterhin von ihrer Weisheit, Führungskraft und ihrem Fleiß in Bezug auf das Verfolgen der Interessen ihres Volkes beeindruckt.“45

Hierzu kommentierte der Wissenschaftler für deutsche Geschichte Hans W. Gatzke: „Amerikaner sind eher bereit, das Wort Freundschaft zu benutzen als die meisten Deutschen.“46 Auch die Journalistin Lisa Schwesig bietet eine Erklärung mit Bezug auf typisch deutschen Umgangsformen: „Das Verteilen von Komplimenten deckt sich nicht unbedingt mit dem Wesen der Deutschen […] Die Deutschen lernen, demütig zu sein und sich nicht zu entblößen.“ Außerdem, so Schwesig, könnten Komplimente missverstanden werden und ergänzt: „Viele befürchten, dass sie jemanden mit einem Kompliment kränken oder zu nahetreten.”47 Es ist daher nicht verwunderlich, dass Obama seine Freundschaft gegenüber Merkel offener zum Ausdruck brachte.

Nach ihrem gemeinsamen Auftreten in Baden-Baden hatten Merkel und Obama gleich danach erneut Gelegenheit auf dem NATO-Gipfeltreffen in Straßburg zusammenzuarbeiten. Die Spannungen zwischen den beiden Politikern, so die Experten, waren immer noch groß. Doch Obama intervenierte im Namen von Merkel und half somit, ein politisches Desaster zu verhindern: 27 NATO-Mitglieder waren bereit, den Dänen Fogh Rasmussen als neuen NATO-Generalsekretär des transatlantischen Militärbündnisses zu wählen. Doch die Wahl muss aufgrund der Statuten einstimmig ausfallen und die Türkei weigerte sich, dem Nominierten ihre Stimme zu geben. Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan begründete seine Entscheidung damit, dass 2005 in einer dänischen Zeitung ein politischer Cartoon über den Propheten Mohammed veröffentlicht wurde und Rasmussen daher für diese Position nicht infrage käme. In einer für sie eher unüblichen Aktion hatte Angela Merkel am Freitagnachmittag bereits angekündigt, dass Fogh Rasmussen später am Abend zum neuen NATO-Chef ernannt werden sollte. Am Samstag wurde jedoch immer noch über die Nominierung verhandelt und als Gastgeberin des Gipfels wäre ein Dissens für Merkel zur politischen Pleite geworden. Doch Obama griff am Samstag zum Telefon, sprach mit Erdoğan und sagte ihm gewisse Garantien zu – einschließlich Top-NATO-Positionen für die Türkei und den in Dänemark lebenden kurdischen Berichterstatter Roj RV. Dieser kommentierte in einem späteren Spiegel-Artikel: „Der US-Präsident, dessen ursprüngliches Ziel das Beschwichtigen der transatlantischen Beziehungen war, wirkt manchmal wie ein Eheberater.“48

Obwohl Obama hier einschritt und Merkel vor einer Blamage in ihrem eigenen Land und international bewahrte, so hüllte sich die Kanzlerin Obama gegenüber in Schweigen. Es gab ein Foto mit ihr, lächelnd neben dem französischen Präsidenten Sarkozy auf dem Titelblatt von Der Spiegel, aber keinerlei öffentliche Anerkennung oder gar Dankbarkeit gegenüber Obama. Vielleicht gehörte dieses „Übersehen“ zum Verhaltensprotokoll deutscher Politiker und war nicht unbedingt als Unfreundlichkeit seitens Merkel zu werten.

Dass die Kanzlerin Bedenken gegenüber dem neuen Präsidenten hatte, insbesondere zum Thema Weltwirtschaftskrise, deutete Merkel bereits in ihrem Interview mit der New York Times vor dem G20-Gipfel an. Doch ihre Bedenken sollten sich mit Obamas überraschenden Zugeständnissen in London sowie seiner Bereitschaft, die Verantwortung für die Finanzmisere zu übernehmen, immer mehr zerstreuen. Auch sein persönlicher Anruf bei Präsident Erdoğan wusste einen desaströsen Ausgang des NATO-Gipfels zu verhindern und zeigte der Kanzlerin, dass Obamas Versprechungen durchaus Substanz hatten. Dies schuf eine aussichtsreiche Grundlage für die Arbeitsbeziehung von Obama und Merkel, die aber in den folgenden Monaten getestet werden sollte.

Kapitel 3: „Wilde Spekulationen“

Juni 2009

Anlässlich des 65. Jahrestages zur Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 2009 befand sich Präsident Obama auch zu Besuch in Deutschland. Er war gerade zwischen zwei Meetings, einem in Ägypten, dem anderen in der Normandie. Während seines Aufenthalts in Kairo hielt Obama seine inspirierende „New Beginning“-Rede an der Universität Kairo. Dabei sprach er über bestimmte politische Maßnahmen, die er bei seinem bevorstehenden Treffen mit Merkel aufgreifen wollte, insbesondere die Notwendigkeit für ein Zweistaatensystem für Israel und Palästina und das Thema Atomwaffen im Iran. Er argumentierte sehr leidenschaftlich für einen Neubeginn zwischen den Muslimen weltweit und den Vereinigten Staaten: „Ein [Neubeginn]basierend auf gegenseitigem Interesse und gegenseitigem Respekt und einer basierend auf der Wahrheit, dass Amerika und der Islam nicht exklusiv sind und nicht miteinander konkurrieren müssen. Sie überlappen sich und teilen die gleichen gemeinsamen Prinzipien – die Prinzipien von Gerechtigkeit und Fortschritt, Toleranz und Menschenwürde.“1

Obama war klar, dass eine Rede nicht das jahrelange Misstrauen auslöschen würde, aber er forderte die Menschen auf „einander zuzuhören, zu respektieren und voneinander zu lernen, um eine gemeinsame Grundlage zu finden.“2

In seinen Anmerkungen erinnerte Obama seine Zuhörer daran, dass die Vereinigten Staaten und Israel aufgrund ihrer historischen und kulturellen Beziehungen eine untrennbare Verbindung hätten. Vor dem Hintergrund des jahrelang bestehenden Antisemitismus verstand Obama auch den Wunsch der Juden nach einem eigenen Heimatland.3 Gleichzeitig betonte der Präsident die Wichtigkeit der Diplomatie und ermutigte die Menschen, den Konflikt von beiden Seiten aus zu betrachten. Er erklärte den Israelis, dass eine Ignoranz gegenüber den vielen Palästinensern, die seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern lebten, ebenfalls ein moralisches Dilemma darstelle. Obama argumentierte, dass die einzig sinnvolle Lösung zu dieser jahrzehntelangen Krise ein Zweistaatensystem wäre, in dem sowohl Palästinenser als auch Israelis in Frieden und Sicherheit miteinander leben könnten.4

Von diesem Kompromiss würden nicht nur die beteiligten Völker profitieren, sondern auch die Vereinigten Staaten und die restliche Welt.5 Mit Nachdruck wies Obama darauf hin, dass die USA den Frieden nicht aufoktroyieren kann, er aber für die notwendige Unterstützung sorgen würde, damit beide Gruppen ihre Ziele erreichen.6 Dabei umriss er eine Reihe von Maßnahmen, die beide angehen sollten, damit Verbesserungen eher früher als später eintreten.7 Obama schlug vor, dass die Palästinenser von Gewalt absehen sollten und die Israelis damit aufhören müssten, den Palästinensern ein Recht auf einen eigenen Staat abzusprechen.8 Der Präsident gestand, dass die Israelis, wenn man mit ihnen privat unter vier Augen sprach, die Notwendigkeit eines palästinensischen Staates durchaus verstanden. Obama schlug daher vor: „Es ist an der Zeit, dass wir das machen, von dem alle wissen, dass es das Richtige ist.“9

Der Konflikt zwischen zwischen Israel und Palästina war nicht der einzige Brennpunkt im Mittleren Osten. Obama war klar, dass er auf die Befürchtungen der Öffentlichkeit eingehen musste, der Iran sei im Besitz nunklearer Waffen. Obama brachte daher das Thema in einem historischen Zusammenhang zur Sprache. Er gab zu, dass die Vereinigten Staaten und der Iran eine eher schwache Beziehung zueinander hätten, weil zu Zeiten des Kalten Krieges die USA beim Sturz der demokratisch gewählten iranischen Regierung involviert war. Obama stellte jedoch klar, dass die Vereinigten Staaten und der Iran in die Zukunft, statt in die Vergangenheit blicken sollten. Er sprach über sein Ziel: Eine atomwaffenfreie Welt zu schaffen, weil „keine einzelne Nation bestimmen soll, welche Nationen nukleare Waffen besitzen dürften“.10

* * *

Einen Tag nach seiner Ansprache in Kairo reiste Obama nach Deutschland. Thema seiner Kurzreise war der Besuch von historisch signifikanten Schauplätzen des Zweiten Weltkrieges, zu dem auch ein Abstecher nach Dresden gehörte, einschließlich einer Führung durch das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Stadt Dresden zum Ziel verheerender Bombenangriffe, die von den britischen und amerikanischen Streitkräften durchgeführt wurden. Über 25 000 Menschen kamen bei diesen Luftangriffen ums Leben.11 Aufgrund seiner großen Beliebtheit organisierte Dresden auf dem historischen Marktplatz eine 2-tägige Feier. Die damalige Bürgermeisterin, Helma Orosz, sprach von Obamas Besuch als „bedeutsames Ereignis“12, das in die Geschichtsbücher der Stadt eingehen würde.

Während die Bürger Dresdens sich über die Anwesenheit des amerikanischen Präsidenten freuten, löste seine Städtewahl – traditionell wäre ein offizieller Staatsbesuch in der Landeshauptstadt Berlin angebracht – eine Kontroverse auf beiden Seiten des Atlantiks aus: Kritiker in Deutschland interpretierten diese Entscheidung als Affront gegenüber Merkel, denn sie machten die Kanzlerin dafür verantwortlich, dass sich die Beziehung zu den USA seit Obamas Amtsantritt verschlechtert hätte.13 Auch in Washington gab es Schelte: Einer von Obamas schärfsten Kritikern, der konservative Blog Power Line, brachte die Schlagzeile: „Dresden: Die nächste Station bei Obamas Entschuldigungs-Reise“ und bemängelte, dass der Präsident mit seinem Aufenthalt in Dresden die unschönen Momente der amerikanischen Geschichte hervorhob.14

Trotz der kritischen Worte an beiden Fronten, nutzten die beiden Staatsführer ihre gemeinsame Zeit. Neben Gesprächen standen auf ihrer Agenda der Besuch der Frauenkirche, eine Tour der Gedenkstätte Buchenwald sowie eine gemeinsame Pressekonferenz.

Zunächst besuchten die beiden Staatsführer Dresdens berühmte Frauenkirche, die während der Bombenangriffe 1945 fast komplett ausbrannte und nach der Wende in den 1990er-Jahren wiederaufgebaut wurde. Diese Kirchentour bot Gelegenheit für die Politiker, die sich zu diesem Zeitpunkt noch fremd waren, einander in einem relativ informellen Rahmen zu begegnen – abseits der Herausforderungen, welche die Formalitäten eines traditionellen Staatsbesuchs sonst mit sich bringen.

Dann gab es eine Besprechung der beiden Staatsführer, gefolgt von einer gemeinsamen Pressekonferenz. Diese hatte das übliche Format: Beide Politiker hielten eine kurze Ansprache und beantworteten anschließend Fragen aus dem Pressekorps. Scheinbar von den Spekulationen um Obamas Absage an Berlin unbeeindruckt, hieß die Kanzlerin den Präsidenten willkommen und dankte ihm für seinen Besuch: „Es ist sehr schön, dass der amerikanische Präsident Barack Obama zuerst nach Dresden kommt. Dresden ist eine Stadt von hoher Symbolkraft, zerstört während des Zweiten Weltkrieges, dann wiederaufgebaut. […] Die Menschen in den neuen Bundesländern freuen sich sehr, dass der Besuch hier stattfindet; denn das ist auch ein Stück Anerkennung für die Leistung, die in den 20 Jahren nach dem Mauerfall erbracht wurde.“15

Sollte Merkel tatsächlich darüber enttäuscht oder gar beleidigt gewesen sein, dass Obama nicht nach Berlin gekommen ist, dann hat sie es sich zumindest nicht öffentlich anmerken lassen. Auch empfand sie es als unnötig, auf die kleinkarierten Kommentare der Medien einzugehen. Vielmehr wollte sie die Chance ergreifen, Obama den Fortschritt zu zeigen, den ihr Land seit Ende des Zweiten Weltkrieges gemacht hatte – einen Fortschritt, der zum großen Teil aufgrund der guten Beziehungen zwischen den USA und Deutschland möglich war.

Nach ihren Willkommensworten listete die Kanzlerin die Themen auf, die sie mit Obama besprochen hatte und erwähnte sowohl Konsens als auch Dissens. Dabei war aus ihren Bemerkungen dem Präsidenten gegenüber ein immer größer werdender Respekt herauszuhören. Dementsprechend nahm sie Bezug auf Obamas Rede in Kairo vom Vortag: „Präsident Barack Obama hat gestern eine bedeutende Rede in Kairo gehalten, die der Ausgang für viele politische Aktivitäten sein kann, insbesondere im Hinblick auf den Friedensprozess im Mittleren und Nahen Osten. […] Ich habe für die Bundesrepublik Deutschland erklärt, dass wir mit dem, was wir an Erfahrungen, an Kenntnissen und an Möglichkeiten haben, in diesem Friedensprozess hilfreich sein wollen. Wir brauchen eine Zweistaatenlösung. […] Alles, was Deutschland tun kann, wird es tun, um diesen Prozess konstruktiv und möglichst erfolgreich zu begleiten.“16

Merkels Worte waren in zweierlei Hinsicht wichtig: Sie signalisierte, dass sie mit seiner Ansicht vertraut war und dass die USA und Deutschland in dieser besonderen politischen Angelegenheit an einem Strang ziehen würden. Die Tatsache, dass Merkel über „die Bundesrepublik Deutschland“ sprach – also den vollen, offiziellen Namen wählte, statt schlicht „Deutschland“ sagte – zeigte sicherlich auch die Dringlichkeit, mit der sie dieses Problem lösen wollte.

In Bezug auf die Verhandlungen mit dem Iran über das Atomprogramm versprach die Kanzlerin, sie würde nicht nur mit den Vereinigten Staaten eng zusammenarbeiten, sondern auch mit allen anderen Verbündeten, um eine befriedigende Lösung zu finden. „Deutschland möchte mit seinen Kontakten und seinen Expertisen also auch hier wieder seinen Beitrag leisten.“17

Merkel sprach auch das kontroverse Thema Weltmärkte an. In ihrer pragmatischen Art wies sie auf eine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Politikern hin: „Auch die Vereinigten Staaten arbeiten an einem sehr ehrgeizigen Plan. Wir werden die Dinge vor allen Dingen auch beobachten.“18 Merkel erwähnte die Notwendigkeit der Länder, den auf dem G20-Gipfel vereinbarten politischen Maßnahmen nachzukommen und war erleichtert, dass sowohl die USA als auch Europa diese umsetzen wollten. Ihr Statement über die Finanzkrise war wichtig, denn zwischen den Zeilen ist hier ihre Besorgnis über Obamas Plan herauszuhören. Sie schien kurz davor, ihn zu kritisieren – ganz anders als noch vor ein paar Monaten in ihrem New York Times-Interview zum G20-Gipfel, „Widerstehe Obama“.

Ehe Merkel ihrem Amtskollegen das Wort übergab, wies sie darauf hin, wie wichtig eine amerikanische Beteiligung für die Erlassung von Klimaschutzgesetzen sei. Während sie die Zuhörer an die bevorstehende Klimakonferenz in Kopenhagen erinnerte, die später im Jahr stattfinden sollte, stieß sie die USA direkt mit der Nase darauf und betonte, dass die Vereinigten Staaten ihren Beitrag leisten müssen: „Wir wissen, dass dies politisch ein sehr dickes Brett ist, das man bohren muss; wir kennen das auch aus den Diskussionen, die wir hier zu Hause haben, und verfolgen die Gesetzgebung sehr intensiv.“19

Der Mangel an Klimaschutzgesetzen war ein Streitpunkt zwischen Merkel und der Administration von Obama. Mit ihren Bemerkungen spielte sie darauf an, dass ein teilnahmsloser US-Kongress keine Entschuldigung dafür sei, keine Gesetze zu verabschieden, die von einer derart globalen Wichtigkeit wären. Sie wolle beobachten, was die Vereinigten Staaten in Bezug auf Maßnahmen zum Klimaschutz vorhaben.

In seiner gewohnt charmanten Art begann Obama seine Rede, indem er sich bei der Kanzlerin und bei den Deutschen für ihre Gastfreundschaft bedankte und Bewunderung über die „schöne und historisch-signifikante Stadt Dresden“20 aussprach. Wie wichtig ihm die Freundschaft zu Deutschland war, formulierte er so: „Deutschland ist ein enger Freund und kritischer Partner für die Vereinigten Staaten; und ich glaube, dass Freundschaft nicht nur für unsere zwei Länder essenziell sein wird, sondern für die Welt, wenn wir Fortschritte bei den wichtigen Themen machen wollen, mit denen wir konfrontiert sind – seien es die nationale Sicherheit, wirtschaftliche Aspekte oder Aspekte, die den ganzen Globus betreffen, wie der Klimawandel.“21

Auch Obama fasste das Treffen zusammen und äußerte sich zur Wirtschaftskrise wie folgt: „Ich denke, dass auf beiden Seiten des Atlantiks bereits Fortschritte zur Stabilisierung der Wirtschaft gemacht wurden, aber wir sind damit noch lange nicht fertig. […] Wir arbeiten fleißig daran, die finanziellen Regulierungsmaßnahmen auszubauen, sodass eine derartige Krise nicht noch einmal passiert; und die Koordination zwischen Europa und den Vereinigten Staaten wird bei einer verstärkten Regulierung der Finanzmärke wichtig werden. Wir versichern, dass wir dabei keinen Protektionismus betreiben werden. Und, so wie es alle tun um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, werden auch wir sicherstellen, dass die Grenzen offen sind und sich Firmen zwischen den USA und Europa frei hin und her bewegen können, um dabei Waren und Dienstleistungen in dem jeweiligen Land anzubieten.“22

Als Obama die aktuellen Sicherheitsfragen ansprach, betonte er die Wichtigkeit der NATO und wie wertvoll Deutschland als Partnerland seit jeher wäre.23 Er fügte hinzu, dass das Verhindern von Terroranschlägen eine kollektive Verpflichtung aller NATO-Partner war und betonte, dass diese Verpflichtung weiterhin bestehen bleiben müsste. Auch als der Präsident über das Verhindern eines nuklearen Wettlaufs mit dem Iran und die Zweistaatenlösung sprach, betonte er, dass diese Ziele nur mithilfe anderer Nationen erreicht werden könnten.

Obama beendete seine Rede, indem er Merkel gegenüber seine Bewunderung zum Ausdruck brachte und sie abermals als „Freundin“ bezeichnete: „Es ist ein großes Vergnügen, erneut hier mit meiner Freundin zu sein, die ich gerne für intelligente Analysen aufsuche und mit der ich Klartext reden kann.“24 Obwohl Merkel immer noch nicht dazu in der Lage war, offen über ihre persönliche Beziehung oder ihre Gefühle gegenüber Obama zu sprechen, machte Obama keinen Hehl aus seiner Affinität zur Kanzlerin – und das nun schon zum zweiten Mal und öffentlich.

Aus den nachfolgenden Fragen der Presse war jedoch Skepsis darüber herauszuhören, ob Obamas Kommentare tatsächlich aufrichtig oder nur „Show“ für die Medien waren. Denn mit der ersten an den Präsidenten gerichteten Frage ging es um „wilde Spekulationen“ in Bezug auf seinen Kurzbesuch in Deutschland und sein angeblich angespanntes Verhältnis zur Kanzlerin. Hierbei waren die Kameras auf Angela Merkel gerichtet, deren ernster Gesichtsausdruck sich plötzlich entspannte und ein kleines Lächeln trug. Obama beteuerte, es wären tatsächlich nur „wilde Spekulationen“, und schließlich wären auch simple Faktoren wie Reiseplanung oder sehr enge Zeitpläne zu berücksichtigen.25 Oder, anders ausgedrückt, die Presse würde zu viel in seinen Kurzbesuch hineininterpretieren.

Mit den nun folgenden Worten sollte er weltweite Aufmerksamkeit erhalten und diejenigen amüsieren, die zu jenem Zeitpunkt präsent waren: Obama sagte der Presse, sie solle aufhören, über Probleme zu reden, die nicht existieren. Dann hob er den Journalisten zugewandt seinen Zeigefinger und forderte: „Also, bitte aufhören, alle von Ihnen. Ich weiß, dass Sie etwas finden müssen, worüber Sie berichten können. Aber wir haben genug Probleme und brauchen nicht noch hausgemachte.“26 Leider waren die Kameras in jenem Moment auf Obama gerichtet, sodass man Merkels Reaktion nicht sehen konnte. Das Lachen des Publikums war jedoch überwältigend.

Die Kanzlerin wartete bis Obama mit seiner Antwort fertig war, um dann mit Nachdruck zu kommentieren: „Erlauben Sie bitte, wenn ich einmal sagen darf, dass es sehr viel Spaß macht, mit dem amerikanischen Präsidenten zu arbeiten, weil sehr ernste, tiefe analytische Diskussionen uns oftmals zur gleichen Schlussfolgerung bringen. Und ich denke, dass wir das in London bewiesen haben, wir haben das auch in den Meetings davor bewiesen. Ich denke, das ist ein Teil unserer Aufgabe, nicht wahr, dass wir unsere Ansichten austauschen, auch andere Ansichten, die man vielleicht hat. Und wo immer es nötig ist, kommen wir zu einer gemeinsamen Lösung. Von daher freue ich mich auf eine zukünftige Zusammenarbeit.”27 Dies war ein kühnes Statement von einer sonst doch eher reservierten Kanzlerin. Ihre Worte ließen erkennen, dass nun auch sie Hoffnung in ihn setzte, so wie viele ihrer deutschen Mitbürger auch. Sie hat lange genug mit Obama gearbeitet um zu erkennen, dass hinter seinen Worten tatsächlich Taten standen.

Als ein Reporter das heikle Thema Guantanamo aufbrachte – Obama hatte versprochen, bei seinem Wahlsieg das Lager einzustellen – bestätigte der Präsident die Komplexität der Angelegenheit und dass er mit Merkel und anderen europäischen Politikern in Bezug auf die Schließung gesprochen habe. Obama stellte klar, dass die Kanzlerin hierbei keinerlei Einsatzbereitschaft zeigte, er jedoch auch keine von ihr verlangt habe. Obama fügt hinzu: „Die Kanzlerin ist sehr offen, mit uns darüber zu diskutieren […] ich bin über Offenheit sehr dankbar, nicht nur über Merkels, sondern auch über die Tatsache, dass andere europäische Länder mit uns zusammenzuarbeiten wollen. […] Ich schätze die konstruktive Art, mit der Merkel dieses Thema angeht.“28

Als die Kanzlerin diese Frage beantwortete, gab sie zu, dass Deutschland, und insbesondere ihre Regierung, sehr stark die Schließung befürworte und dass Verhandlungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten stattfinden. Die Schließung dieser Einrichtung war ein Punkt, auf den sich Obama und Merkel von Beginn an einigen konnten. Auch dominierte diese Angelegenheit viele Diskussionen in der Anfangszeit, aber leider musste sie wegen fehlender Unterstützung seitens des US-Kongresses auf spätere Treffen vertagt werden. Merkel bekräftigte: „Ich bin sehr davon überzeugt, dass wir eine gemeinsame Lösung finden werden.“29

Bei einer anderen Pressefrage ging es um die andauernde Krise zwischen den Israelis und Palästinensern im Mittleren Osten. Hier bekräftigte Obama, dass insbesondere nach einer jahrelangen Sackgasse die Hilfe aller Nationen wichtig sei und betonte dabei die Rolle von Merkel im Verhandlungsprozess: „Ich schätze sehr die Bereitschaft von Kanzlerin Merkel, Prestige und Ressourcen der deutschen Regierung hinter die gleiche Sache zu stellen. Ich denke, dass die gesamte internationale Gemeinschaft eine Verantwortung darüber hat, diesen Parteien dabei zu helfen, einen hart erkämpften Frieden zu erreichen, was letztlich im Sinne der Sicherheitsinteressen aller ist.“30

Bei ihrer Antwort ergriff Merkel die Gelegenheit, dem Präsidenten zu danken. Sie erklärte, dass Obamas Worte und Taten eine neue Dringlichkeit in dieser Angelegenheit zeigten – eine Sache, von der sich die vorherige Administration abgewandt hatte. „Ich glaube jetzt, dass mit der neuen amerikanischen Regierung, mit Präsident Obama, eine einzigartige Gelegenheit existiert.“31Sie stimmte dem zu, dass Israel und Palästina bereit sein müssten, die von Obama umschriebenen Schritte zu gehen. Wenn dies passiere, dann könnten sich beide Nationen sowohl auf die Unterstützung Deutschlands als auch der USA verlassen.32 In Bezug auf Israel hegte Merkel Schuldgefühle über die Dinge, die den Juden während des Holocausts angetan wurden. Die Juden zu schützen war daher ein wichtiger Bestandteil ihrer Agenda.33 Sie war fest davon überzeugt, dass ein Zweistaatensystem die sicherste Lösung für beide Länder war, um friedlich nebeneinander zu leben. Der Schutz von Frieden und die Sicherheit Israels gehörten zu den Eckpfeilern von Merkels Außenpolitik. Die Tatsache, dass auch Obama bereits sehr früh in seiner Amtszeit diese Angelegenheit als Top-Priorität behandelte, könnte ebenfalls dazu beigetragen haben, dass sich eine gute Beziehung zwischen Obama und Merkel entwickelte.

Von einem Reporter auf seinen bevorstehenden Besuch im Konzentrationslager Buchenwald angesprochen, erklärte der Präsident dies geschähe im Zusammenhang mit seiner Kurzreise in die Normandie, wo er den 65. Jahrestag der Landung der alliierten Truppen würdigte. Zudem hätte er noch nie ein Konzentrationslager besucht. Obama hatte ganz speziell Buchenwald gewählt, da sein Großonkel Charles Payne zu den Truppen gehörte, die damals das Lager befreiten.34 Als Merkel das Wort ergriff, betonte sie, dass es viele Politiker abgelehnt hätten, einen so grausamen Ort der deutschen Geschichte überhaupt aufzusuchen. Sie hingegen unterstütze den Besuchswunsch des Präsidenten und nannte dies eine Ehre: „Ich bin sehr davon ergriffen, einen amerikanischen Präsidenten, in diesem Fall Barack Obama, als Besucher in Buchenwald zu sehen. Er hat von seinem persönlichen Bezug dazu gesprochen. Sehen Sie, Buchenwald ist eines dieser schrecklichen Konzentrationslager, die von amerikanischen Truppen befreit wurden.“35 Merkels Worte zeigten, dass sie sich der Bedeutung von Obamas Buchenwald-Besuch bewusst war – nicht nur in Bezug auf den Präsidenten persönlich, sondern auch auf die diplomatische Beziehung der beiden Länder zueinander.

Zum Abschluss der Pressekonferenz gaben sich beide Politiker die Hand, lächelten einander an und schienen sichtlich entspannter als noch 40 Minuten vor dem Treffen. Merkel war zwar noch nicht so weit, Obama als einen „Freund“ zu bezeichnen, aber sie zeigte zum ersten Mal sehr offen Respekt für den neuen Präsidenten.

* * *

Im Anschluss an die Pressekonferenz begleitete Merkel den Präsidenten bei der gut 200 km langen Fahrt von Dresden zur Gedenkstätte Buchenwald. Merkel, die zuvor einen knalligen gelbgrünen Blazer trug, wechselte hierfür ihre Garderobe und erschien in einem schwarzen Hosenanzug, der die Dunkelheit desjenigen Ortes demonstrierten sollte, der als Nächstes auf ihrer Agenda stand. Zwei ehemalige Buchenwald-Häftlinge, Elie Wiesel und Bertrand Herz, begleiteten die beiden Staatsführer. Es war ein historisches Ereignis, zumal Präsident Obama der erste amerikanische Präsident war, der ein ehemaliges Konzentrationslager besuchte und zudem eine persönliche Verbindung damit hatte. Er wollte die schrecklichen Dinge aus nächster Nähe sehen, über die sein Großonkel gesprochen hatte, als dieser als junger Soldat im April 1945 Buchenwald sowie ein zu Buchenwald gehöriges Außenlager in Ohrdruf befreite.

Die Zeitschrift Der Spiegel kommentierte das Ereignis mit „Es ist März-Wetter im Juni“36, eine wahrlich gut gewählte Metapher für den Besuch eines Ortes mit solch düsterer Vergangenheit. Vor Beginn der Tour legten Obama, Merkel, Wiesel und Herz eine weiße Rose auf eine Gedenktafel zu Ehren der 50 000 Menschen, die hier ihr Leben ließen. Anschließend sprachen Merkel, Obama und Wiesel über den Horror in Buchenwald und seine historische Bedeutung. Merkel war sichtlich berührt. Sie erklärte, dass die Deutschen die Pflicht und Verantwortung hätten, an einer Welt frei von Xenophobie, Rassismus, Anti-Semitismus und rechtsradikalem Extremismus zu arbeiten, um zu verhindern, dass sich die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges wiederholten.37 Ähnlich wie Präsident Obama die Verantwortung über die Finanzkrise auf dem Londoner G20-Gipfel übernahm, bekannte sich Merkel zu der Brutalität des Zweiten Weltkrieges. „Dieser Appell der Überlebenden fordert eine Verantwortung, mit der wir Deutschen uns unserer Geschichte stellen müssen.“38 Merkel endete abschließend damit, sich nicht nur bei Obama für seinen Besuch zu bedanken, sondern auch ihre Dankbarkeit gegenüber den Vereinigten Staaten für die jahrelange Hilfe auszudrücken: „Wir Deutschen werden nicht vergessen, dass wir die Chance zum Neuanfang, zu Frieden und Freiheit nach dem Krieg der Entschlossenheit, dem Einsatz und ja, auch dem Blutzoll der Vereinigten Staaten und all derer zu verdanken haben, die an ihrer Seite als Alliierte oder Widerstandskämpfer standen.“39

Auch Präsident Obama war sichtlich berührt, als er zu seiner Rede ansetzte. Er bekundete, dass „dieser Ort im Laufe der Zeit nichts von seinem Horror verloren hat.“40 Gedenkstätten wie Buchenwald würden die Menschen daran erinnern, sich nicht in einer falschen Behaglichkeit zu wiegen, dass das Leiden anderer nicht auch ihr Problem sei. Zudem erinnere Buchwald an die Verpflichtung, sich denjenigen zu widersetzen, die andere für ihre eigenen Interessen unterjochen.41 Merkels Körpersprache zeigte bei Obamas Worten sichtliches Unbehagen. Die Kanzlerin, die direkt neben dem Präsidenten stand, verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Ihre Arme und Hände waren unruhig und es liefen Tränen aus ihren Augen.

Obama wies auf die enorme Widerstandskraft der Gefangengen hin. Dem Publikum zugewandt erklärte er, dass die Häftlinge, die hier auf diesem Gelände so viele Jahre gelitten hatten, sich nicht vorstellen konnten, dass es später einmal ein Museum und ein Denkmal geben würde und dass die Turmuhr für immer 3 Uhr 15 anzeigen würde – dem Moment der Befreiung, für alle zukünftigen Generationen sichtbar.42 Er fügte hinzu: „[…], dass man damals noch nicht wissen konnte, dass Israel einmal aus dem zerstörerischen Holocaust emporsteigen und ein starkes, beständiges Bündnis zwischen dieser großen Nation und meiner eigenen entstehen würde. Und sie konnten nicht wissen, dass eines Tages ein amerikanischer Präsident diesen Ort besuchen und über sie sprechen würde und dass er dabei Seite an Seite mit der deutschen Kanzlerin in einem Deutschland stehen würde, das jetzt eine lebendige Demokratie und wertvoller Verbündeter Amerikas ist.“43

Obamas für ihn untypische, strenge, aber emotionale Haltung reflektierte seine Dankbarkeit, in Solidarität neben der Staatsführerin einer Nation zu stehen, die ein ehemaliger Widersacher war. Obama teilte mit Merkel die Ansicht, dass es eine Verpflichtung gegenüber den Überlebenden sei zu versichern, dass so etwas nicht noch einmal geschehen würde. Er argumentierte: „Es liegt an uns, der Ungerechtigkeit, Intoleranz und Gleichgültigkeit zu widerstehen […] und sicherzustellen, dass diejenigen, die wir hier verloren haben, nicht umsonst starben. Es liegt an uns, diesen Glauben zu rehabilitieren. Es liegt an uns, dies zu bezeugen; all diejenigen zu erinnern, die überlebten und die umkamen, und sie nicht als Opfer zu erinnern, sondern als Individuen, die genau wie wir hofften und liebten und träumten.“44

Zum Schluss dankte er Merkel dafür, die Verantwortung für eines der dunkelsten Kapitel der modernen Geschichte zu übernehmen: „Ich möchte meinen besonderen Dank Merkel und dem deutschen Volk aussprechen, da es nicht leicht ist, auf diese Weise in die Vergangenheit zu schauen, sie anzuerkennen und etwas daraus zu machen; den Entschluss, dass sie sich gegen Taten wie diese stellen werden, damit so etwas nicht nochmal passiert.“45

Der Besuch des Konzentrationslagers hatte sicherlich einen anderen Charakter als ein traditioneller Staatbesuch in Berlin, aber er war ohne Frage gleichermaßen lehrreich und informativ für beide Staatsführer. Aus persönlicher Sicht konnte Obama direkt die Eindrücke von jenem Ort mitnehmen, der seinem Großonkel über viele Jahre ein Ort des Horrors gewesen war. Aus professioneller Sicht sah Obama mehr von dem „Mensch“ Angela Merkel, da sie ihre Vorbehalte nun abgelegt hatte und sich im Gegensatz zu ihrem sonst sehr reservierten Charakter auch von ihrer emotionalen Seite zeigte. Zudem hatte Obama die Gelegenheit anhand ihrer Worte und Taten die Charakterzüge zu erleben, die er so sehr an ihr bewunderte – nämlich ihre Ehrlichkeit und ihre Stärke.

Ähnlich wie Obama sich auf dem Gipfel in London für die Rezession verantwortlich zeigte, machte sich Merkel die Grausamkeiten des Holocausts zu eigen. Auch für Merkel war dieses Treffen ein Schlüsselerlebnis. Wie bereits erwähnt, hatte sie zu Beginn arge Bedenken gegenüber dem Präsidenten – er würde nur reden und nicht handeln. Jedoch ließ seine Bereitschaft bzw. sein Insistieren, nach Buchenwald zu gehen, ihre Befürchtungen zunichtewerden.

Wenn aus diesem Besuch eines deutlich wurde, dann war es die Tatsache, dass auch ohne eines traditionellen Staatsbesuchs Allianzen erneut bekräftigt, politische Maßnahmen diskutiert und Partnerschaften gestärkt werden können. Oder anders formuliert: Zwei bereitwillige Parteien sind wichtiger als Orte und Traditionen.

Kapitel 4: „Eine Änderung der Sichtweise“

Juni 2009

Der erste offizielle Besuch der Bundeskanzlerin in Washington D.C. seit Obamas Vereidigung als US-Präsident war am 26. Juni 2009. Bereits davor gab es in den Medien diverse Berichte über die Meinungsverschiedenheiten der beiden Staatsführer, insbesondere in Bezug auf den Klimawandel, Afghanistan und die Wirtschaftskrise. In einem Artikel in Spiegel Online von Anfang Juni äußerte Merkel ihre Skepsis gegenüber den Maßnahmen, die von der US-Zentralbank implementiert wurden, und sagte vor einem Publikum in Berlin, sie plädiere für eine „rationale Wirtschaftspolitik“.1 Ihre Kollegen innerhalb und außerhalb der EU verstanden dies als Ablehnung gegenüber ausschweifenden Stimulus-Paketen seitens der Regierung und insofern als direkte Kritik gegenüber der Politik, die Obama unterstützt hatte.

Falls die Medien oder die Öffentlichkeit jedoch ein kontroverses Treffen zwischen Obama und Merkel erwartet hatten, so wurden sie enttäuscht. Denn in der darauffolgenden Pressekonferenz war immer mehr von der Freundschaft der beiden Staatsoberhäupter zu spüren, mit einem Präsidenten, der Merkel lobte und einer Kanzlerin, die diese Komplimente zurückgab.2

Bei ihren Treffen wurde es zunehmend üblich und fast schon erwartet, dass Obama in der sich anschließenden Pressekonferenz gleich zu Beginn seine Verehrung für die Kanzlerin zum Ausdruck bringen würde. Dabei betonte er vor allem ihre Führungsqualitäten, ihre Offenheit und Intelligenz sowie ihren pragmatischen Ansatz, „die Dinge zu erledigen.“3 Im Anfangsstadium ihrer Arbeitsbeziehung, als es galt zu lernen miteinander auszukommen, stand in ihren öffentlichen Erklärungen die Stärke der Partnerschaft zwischen ihren Ländern im Fokus. Dieses Treffen in Washington war keine Ausnahme. Von daher stellte der Präsident die Wichtigkeit der Beziehung zwischen den USA und Deutschland heraus, als er sagte: „Der Besuch der Kanzlerin ist das jüngste Kapitel in der langen Partnerschaft zwischen unseren beiden Ländern; der Dienst, den unsere Männer und Frauen in Uniform Seite an Seite gemeinsam während des Kalten Krieges leisteten und auch heute noch in Afghanistan absolvieren, die Innovation, mit der unsere Unternehmer unsere Wirtschaft unterstützen, und die Freundschaft und das Vertrauen zwischen unseren Völkern ist unzerstörbar.“4

Der Präsident wies daraufhin, dass die Zusammenarbeit zwischen Nationen wichtig sei im Gegensatz zu isoliertem Handeln: „Kanzlerin Merkel teilt meine Auffassung, dass keine Nation alleine die Herausforderungen unserer Zeit meistern kann. Heute haben wir erneut bestätigt, dass die Vereinigten Staaten und Deutschland, einer unserer engsten Verbündeten und unverzichtbarer Partner, weiterhin gemeinsam eine führende Rolle bei den unterschiedlichsten Herausforderungen einnehmen werden.“5

Als Obama die kontrovers diskutierte Finanzkrise anschnitt, betonte er die Lösungen, die für Merkel wichtig waren, nämlich die finanziellen Regulierungen zu verschärfen und das Vermeiden von Protektionismus. Auch sprach er Merkel seine Anerkennung aus, sich für eine Finanzreform einzusetzen.6 Obama fand hier nicht nur bewundernde Worte für die Kanzlerin; er versicherte ihr und dem deutschen Volk, dass das Amerika unter seiner Regierung die Verbindung der beiden Staaten zueinander schätze und er die Isolationspolitik seines Vorgängers rückgängig machen wollte.

Neben der Wirtschaftskrise sollten zudem die Herausforderungen der globalen Klimaveränderungen angesprochen werden. Deutschland und andere EU-Staaten hatten sich zum Ziel gesetzt, ihre CO2-Emissionen bis 2020 beziehend auf ihre Werte von 1990 um 20 Prozent zu senken. Zudem ließ die EU verlauten, dass „dieses Ziel auf 30 % erhöht werden könnte, wenn andere Hauptverursacher sich ihnen anschließen würden.“7 Obwohl UN-Wissenschaftler betonten, dass bei Industrienationen ein Rückgang von 25 bis 40 Prozent dringend nötig wäre, um die verheerenden Folgen der globalen Erwärmung zu verhindern, zögerten die Vereinigten Staaten, diese ambitionierten Ziele zu unterstützen. Vielmehr wies der US-Klimabeauftragte Todd Stern die Forderungen nach höheren Quoten ab und behauptete fest, dass „40 Prozent unter dem Wert von 1990 etwas ist, das in unseren Augen nicht Not tut und auch mit Blick auf die Ausgangslage nicht machbar ist.”8 Sterns Kommentar zeigte deutlich den Widerwillen der US-Regierung, sich auf neue Umweltrichtlinien einzulassen, und die Sturheit, auch nur ansatzweise Wissenschaftler und ihre Vorschläge anzuhören.

Angesichts dieser prekären Ausgangslage war man auf beiden Seiten des Atlantiks gespannt. Wie wohl würde der erste offizielle Staatsbesuch der Kanzlerin in Washington ausgehen? Verständlicherweise blieb Merkel skeptisch, ob sie wirklich Einfluss auf den US- Präsidenten ausüben und ihn zu mehr Verantwortung bewegen konnte, seinem Volk die Dringlichkeit der Situation bewusst zu machen. Doch die Kanzlerin stand unter enormem Druck. Die Folgen der Klimaveränderung waren offensichtlich und sowohl die Deutschen als auch Merkels internationale Politiker-Kollegen erwarteten Ergebnisse; sie wusste, dass sie es versuchen musste. Umweltschützer in Deutschland forderten, die Kanzlerin sollte ihren Einfluss auf Obama geltend machen und ihn von der Notwendigkeit strengerer Emissionsreduktionen überzeugen.9 Ein Klimaexperte von Greenpeace kommentierte gegenüber Spiegel Online: „Wir haben den Eindruck, dass der amerikanische G8-Delegierte die Diskussion verlangsamt. Es ist wichtig, dass Frau Merkel gegenüber Obama klar macht, dass bei dem G8-Gipfel etwas Wesentliches herauskommen muss.“10

Zufällig stand während Merkels Besuch ein neues Energie-Gesetz im US-Repräsentantenhaus zur Debatte, das sogenannte Waxman-Markey-Gesetz. Sollte der 1200 Seiten umfassende Entwurf tatsächlich verabschiedet werden, dann hätte sich die USA verpflichtet, bis 2020 ihre Treibhausgase um 17 % der Werte von 2005 zu reduzieren, und bis zum Jahr 2050 sogar um mehr als 80 %.11 Nach einem Bericht der amerikanischen Umweltbehörde (EPA) lagen die Emissionswerte von 2005 bei rund 7320 Millionen Tonnen. Im Jahr 2015 waren diese allerdings bereits um 9,3 Prozent reduziert, nämlich auf 6638 Millionen Tonnen. Die USA waren also auf einem guten Weg, dieses Ziel zu erreichen.12 Des Weiteren sah der Entwurf vor, saubere Energien zu unterstützen, einschließlich den Ausbau der bisherigen Wind- und Solarenergie, und die Entwicklung „grüner“ Bautechnologien zu unterstützen.13 Suzanne Goldenberg brachte es in der britischen Zeitung The Guardian auf den Punkt: „Es könnte nicht mehr auf dem Spiel stehen. Eine Niederlage würde die letzte Chance zunichte machen, ein wichtiges Energiegesetz noch vor den UN-Verhandlungen in Kopenhagen zu erlassen.“14

Jedoch kein einziger republikanischer Abgeordneter befürwortete den Entwurf, weil sie befürchteten, dass es sich bei dem Waxman-Markey-Gesetz um eine versteckte „Energiesteuer“ handelte.15 Obwohl in einer Vorabstimmung der damaligen Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, dafür genug Unterstützung von den Demokraten zusammenkam, war man sich in Washington über den Ausgang nicht sicher. Präsident Obama verstand die Bedeutung der bevorstehenden Abstimmung: Im Rosengarten des Weißen Hauses hielt der Präsident eine leidenschaftliche Rede und betonte erneut die Dringlichkeit der Sache. Er wies auf längst überfällige Reformen hin, welche die Führungsrolle der USA auf dem internationalen Parkett illustrieren würde, und betonte: „Wir haben seit Jahren über diese Dinge gesprochen, jetzt ist es Zeit zu handeln.“16

Die Deutschen zeigten sich von Obamas Appell jedoch unbeeindruckt. Die US-Gesetzgeber waren offensichtlich nicht in der Lage, den ambitionierten Zielen, zu denen sich die EU verpflichtet hatte, ebenfalls nachzukommen.17 Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel fand kritische Worte: „Was das Umweltbewusstsein angeht, so leben die USA und Europa in zwei verschiedenen Welten.“18

Aber Obama bekräftigte, dass sich die USA stärker beim Kampf gegen den Klimawandel beteiligen wolle, insbesondere im Bereich Energieverbrauch. Er wies erneut auf die bevorstehende Abstimmung des Waxman-Markey-Gesetzesentwurfs hin und lobte die Vorgehensweise der deutschen Regierung in Bezug auf Klimaveränderungen: „Lassen Sie mich eines sagen, Kanzlerin, ich bin sehr beeindruckt von der Weitsicht Deutschlands und seiner Verpflichtung zu sauberer Energie.[…] Es ist meine Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten heute dieser Verpflichtung ebenfalls nachkommen werden, wenn das Repräsentantenhaus über ein wichtiges Energiegesetz abstimmt, das eine neue Generation von sauberen und erneuerbaren Energien in unserem Land fördert.“19

Obamas Worte waren alles andere als leere Wahlversprechen. Ihm lag es tatsächlich am Herzen, die amerikanische Umweltbilanz zu verbessern. Und, indem er seine Hoffnungen für bessere US-Gesetze mit Deutschland verknüpfte, hoffte er auch auf eine Verbesserung der angespannten Beziehung zwischen den beiden Ländern.

Als Merkel während der Pressekonferenz das Thema Klimawandel ansprach, bezog auch sie sich auf den im Repräsentantenhaus vorliegenden Gesetzentwurf: „Ich sehe eine Änderung in der Sichtweise […] Die USA nehmen das Klima sehr ernst.“20 Dabei erwähnte Merkel, dass sie in ihrem eigenen Land ähnliche Debatten führen musste und daher verstand, wie schwierig die Konsensfindung sei.21 Obwohl sie in ihren Bemerkungen über den Fortschritt in der Bewusstseinsänderung Obama nicht namentlich nannte, ist es eindeutig, auf wen sie sich bezog als sie sagte: „Ich denke, dass es sehr wichtig ist, uns einig zu sein, wenn wir einen Erfolg in Kopenhagen haben wollen. Wir müssen mit den aufstrebenden Ländern und aufstrebenden Volkswirtschaften über ihre möglichen Beiträge sprechen. Aber die Tatsache, dass wir hier mit den Vereinigten Staaten stehen, ist ein großer Erfolg, den ich nicht für möglich gehalten habe – den ich vor einem Jahr nicht möglich gehalten habe, das muss ich ernsthaft sagen.“22

Merkel war sich sicher, dass das Momentum, das plötzlich bei den US-Gesetzemachern in puncto Umweltschutz aufkam, auf die Bemühungen des Präsidenten zurückzuführen war.

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In den Wochen vor Merkels Besuch in Washington sorgte ein Staatsstreich im Iran für Schlagzeilen: Gleich nach dem Ausgang der dortigen Wahlen am 13. Juni 2009 annullierten Ayatollah Khamenei und Mahmud Ahmadinejad das Wahlergebnis, das den Reformkandidaten Mir Hossein Mussawi als Gewinner hervorbrachte. Gegen den Willen des Volkes übernahm Mahmud Ahmadinejad die Kontrolle über die Regierung. Der Iran-Experte und Buchautor Farhang Jahanpour kommentiert die Situation wie folgt: „Die auf dem Spiel stehende Angelegenheit hat sich weit über die Wahlen und das Ergebnis hinaus verlagert. Die ausschweifenden Proteste der iranischen Bevölkerung trafen auf disproportionale Gewalt seitens der Regierungsbevollmächtigten und der Miliz.“23

Als Reaktion auf die offensichtliche Wahlfälschung protestierte die Bevölkerung und die iranische Regierung konterte. Die Dinge gerieten dermaßen schnell außer Kontrolle, dass sich zu dem Zeitpunkt, an dem Jahanpour seinen Artikel „Die gestohlenen Wahlen im Iran und was als nächstes kommt“ am 18. Juni veröffentlichte, bereits die folgenden Grausamkeiten ereignet hatten: Acht Menschen wurden bei friedlichen Demonstrationen in Teheran am 15. Juni 2009 ermordet und mehr als 300 Reform-unterstützende Politiker und Journalisten verhaftet. Zudem fanden grausame Überfälle auf Universitäten statt, die eine große Anzahl an Toten und Verletzten zur Folge hatten. Kommunikation in Form von Textnachrichten, sozialen Medien und Internet-Zugang wurde geblockt und ausländische Reporter durften keine ungenehmigten Demonstrationen besuchen oder sich außerhalb Teherans aufhalten.24

Diese Ereignisse – allesamt ein Schlag ins Gesicht der Demokratie – waren sowohl für Merkel als auch für Obama ein großes Anliegen. Obama betonte, dass die USA und Deutschland in dieser Sache Seite an Seite stehen und die Aktivitäten der iranischen Regierung extrem verurteilen: „Heute sprechen wir mit einer Stimme. Das Recht der iranischen Bevölkerung, sich zu versammeln und frei zu sprechen, um sich Gehör zu verschaffen, das sind universelle Ansprüche. Die Gewalt, die gegen sie vorgebracht wird, ist unfassbar. Und trotz der Bemühungen der Regierung, dass die restliche Welt diese Gewalt nicht bezeugen kann, so sehen wir sie und missbilligen sie zutiefst.“25

Der Präsident wiederholte seinen Plan, den Iran davon abzuhalten, Atomwaffen zu entwickeln, um ein nukleares Wettrennen im Mittleren Osten zu verhindern. Er erklärte, dass eine Koordination zwischen China, Russland, Deutschland und anderen EU-Staaten notwendig sei, um die iranische Regierung zu Aktivitäten zu bewegen, die zu mehr Sicherheit und Wohlstand für die iranische Bevölkerung führten – ohne dabei in Konflikt mit internationalen Gesetzen zu sein.26

Obama erneuerte seinen Standpunkt für die Existenz einer Zweistaatenlösung im Mittleren Osten; Israel und Palästina sollten „Seite an Seite in Frieden und Sicherheit leben.“27 Dann stellte er eine Verbindung zu seiner letzten Deutschlandreise her: „[…] Während unseres Besuches in Buchenwald sprach Kanzlerin Merkel eloquent über die dauerhafte Verantwortung zum Schutz und zur Sicherheit Israels. Deutschland wird zukünftig weiter ein kritischer Partner in unseren Bemühungen sein, Schutz und Sicherheit für die Israelis, die arabischen Staaten und die Palästinenser aufzubringen, die Gewalt ablehnen und die Existenz Israels anerkennen müssen.“28 Erneut stellte Obama hier Deutschland und die Kanzlerin ins Rampenlicht, um die starke Allianz und Partnerschaft der zwei Nationen zu betonen.

Auch die Kanzlerin hatte das Bedürfnis, die Krise im Iran und ihre Unterstützung für das iranische Volk anzusprechen: „Ich möchte unterstreichen, dass der iranischen Bevölkerung das Recht zu friedlichen Demonstrationen gegeben werden muss […] das Recht, ihre Stimme gezählt zu bekommen und auf ein legitimes Wahlresultat; […] die Rechte der Menschen, der Individuen, der Bürger sind auf der ganzen Welt unteilbar und gelten daher auch für das iranische Volk.“29

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410 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783991078296
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Bookwire
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