Kitabı oku: «Religion ohne Kirche»

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Für Thomas

Copyright © Claudius Verlag, München 2020

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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt, München

Layout: Mario Moths

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2020

ISBN 978-3-532-60058-0

INHALT

Ein Wort vorab

Religion als Wurzel allen Übels?

9,5 Thesen für ein erneuertes Christentum

1.Wir besinnen uns auf unseren Religionsstifter.

2.Es gibt nur eine Konfession.

3.Wir brauchen kein Weihesakrament.

4.Wir leben echte Geschlechtergerechtigkeit.

5.Verschiedene Lebensformen stehen gleichberechtigt nebeneinander.

6.Religion ist klug und sinnlich.

7.Entwicklungshierarchien ersetzen Machthierarchien.

8.Wir lassen das duale Weltbild los.

9.Religion wirkt aus dem Verbundenheitserleben heraus gestaltend in die Welt hinein.

9,5.Diese neun Thesen sind nicht in Stein gemeißelt.

Sieht denn keiner, dass der Bischof keine Kleider anhat?

Epilog

Dank

Literatur

Anmerkungen

Ein Wort vorab

Die Idee zu diesem Buch entstand in der Zeit nach der Veröffentlichung der von der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Auftrag gegebenen Studie mit dem sperrigen Titel „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“, nach den Standorten der Institute der beteiligten Wissenschaftler*innen, Mannheim, Heidelberg und Gießen, kurz „MHG-Studie“ genannt.1 Die Inhalte der Studie überraschten mich nicht. Als Betroffene von sexuellem Missbrauch durch einen Priester bin ich in den vielen Jahren der not-wendigen Aufarbeitung tief hinabgestiegen in die Abgründe des Männerbundes Katholische Kirche. Un-er-träglich aber sind für mich die Lippenbekenntnisse der Kirchenoberen, die sich bestenfalls in Reförmchen verlieren, statt das Übel an den Wurzeln zu packen und die unübersehbaren Zusammenhänge von sexualisierter Gewalt und dem Missbrauch klerikaler Macht anzuerkennen und ernsthaft zu bearbeiten.

Dies ist kein Buch über Missbrauch und auch keines über die haltlosen Zustände in den christlichen Kirchen oder anderen Religionsgemeinschaften. Ich erzähle davon nur so viel, wie als Begründung für meine Auffassung einer dringend notwendigen Erneuerung nötig ist. Um einen Sumpf trockenzulegen, braucht man ihn nicht noch mit Aufmerksamkeit wässern. Deshalb habe ich das Buch in zwei Teile gegliedert: Der zweite, kürzere Teil beschreibt die Zustände, wie ich sie wahrnehme und für zwingend reformbedürftig halte. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir uns der Realität des Ist-Zustandes stellen, so unangenehm die Auseinandersetzung damit auch ist. Ursprünglich sollte das Buch mit diesem Teil beginnen. Ich hatte zunächst die kirchlichen Missstände beschreiben und dann übergehen wollen zu meiner Vision von einem spirituellen Leben im Christusbewusstsein und einer für mich wünschenswerten lebendigen Religionsgemeinschaft. Doch als ich wahrnahm, wie mich die Beschreibung dieser schlimmen Zustände energetisch schwächte und dass sich der Hebel hin zum Neuen und Freudvollen nur schwer umlegen ließ, beschloss ich, die Zukunftsthesen voranzustellen und den kirchlichen Sumpf hintan. Wenn wir uns zu sehr beim Thema Kirche und den damit verbundenen Missständen aufhalten, verlieren wir leicht den Zugang zu der Vorstellung, wie sich Glaube und Spiritualität anders anfühlen könnten.

Das ist das Problem unserer und, wenn wir nicht schleunigst etwas anderes vorleben, der nachfolgenden Generationen: Wir verbinden die christliche Religion so sehr mit den kirchlichen Machtstrukturen, dass wir größtenteils auch mit der Ursprungsidee nichts mehr zu tun haben wollen. Dieses Problem erzeugt Kirche selbst und hält es in ihrem sturen Beharren auf überkommenen Positionen aufrecht. Solange die Vertreter dieses Systems weiterhin das Monopol beanspruchen für die Weitergabe des christlichen Glaubens und die Art, wie er auszugestalten sei, werden sich immer mehr Menschen kopfschüttelnd abwenden. Von Kirchenvertretern wird oft der in unserer Gesellschaft vorherrschende Trend zur Individualisierung beklagt. In religiöser Hinsicht war diese Emanzipation bitter notwendig, um aus dem engen Korsett der Normen und Vorschriften auszubrechen, den der kirchliche Machtapparat, egal welcher Konfession, im Lauf der Jahrhunderte zur Perfektion brachte. Diese Ketten zu sprengen war ein echter Befreiungsschlag, allerdings mit weitreichenden Folgen, die uns vielleicht nicht nur guttun. Machen wir uns nichts vor: Die Mehrheit der aufgeklärten Menschen in unserer westlichen Welt interessiert sich keinen Funken mehr für das, was Kirche ihnen vorschreiben will. In einer TV-Talkshow rutschte mir einem Bischof gegenüber heraus: „Ihr macht unsere Religion kaputt!“ In BILD online brachte es dieser emotionale Ausbruch zum „Zitat des Tages“, eine zweifelhafte Auszeichnung, die mich nachdenklich macht: Wo liegt der Grund für den medialen Applaus? Vermutlich spürten auch die Medienvertreter die darin enthaltene Wahrheit: Der klerikale Machtapparat in seiner Erstarrung und Verkommenheit trägt dazu bei, dass Menschen sich zugleich auch von der eigentlich so segensreichen und wohltuenden Religion abwenden. Diejenigen, die die Mühe auf sich nehmen, Glaube, Religion, Christentum und Kirche auseinanderzusortieren, finden oft zu einer freudvollen, lebendigen Spiritualität mit unmittelbaren Christusbegegnungen und Gotteserfahrungen zurück. Dabei gehen viele von ihnen ihren Weg mutterseelenallein, meist nur begleitet von guten Büchern und, mit etwas Glück, von der ein oder anderen Freundin, mit der sich über etwas anderes reden lässt als über die letzte Urlaubsreise oder die neuesten Errungenschaften in Haus und Hof. Jetzt aber ist es an der Zeit, allmählich aus den Löchern zu kriechen und sich wieder zusammenzutun, um intensiven Austausch zu pflegen, tragfähige Gemeinschaften zu bilden und miteinander neue Wege zu gehen – auf einer alten, aber ungebrochen aktuellen Basis, nämlich dessen, was uns dieser Jesus Christus an heilsamen und freudvollen Botschaften gebracht und hinterlassen hat. Wenn dieses Buch einen kleinen Beitrag dazu leistet, hat es seinen Sinn erfüllt.

Im Februar 2020

Claudia Mönius

Religion als Wurzel allen Übels?

Anders als zu Luthers Zeiten brauchen wir heute keine ausschweifenden 95 Thesen, um den Kern einer erneuerten Religion zu beschreiben. Es genügen wenige markante Eckpunkte, die für Menschen auf der Suche nach einer lebbaren Spiritualität in Gemeinschaft als Anhaltspunkte fungieren können. In kleineren oder größeren Gruppierungen können Suchende die Kernaussagen dieses Büchleins diskutieren, abwandeln und mit Leben füllen. Ich träume von Gemeinschaften, die ihre ureigenen Formen und Rituale leben, sich aber zugleich mit Menschen überall auf der Welt verbunden fühlen, die sich ebenfalls auf den Weg gemacht haben, um miteinander die Essenz der christlichen Tradition herauszuarbeiten und in für sie passenden Formen zu praktizieren und im Alltag zu leben.

Wir brauchen eine grundlegende Reformation, müssen aber das während des Luther-Jahres 2017 überstrapazierte Wort dafür nicht bemühen. Vielleicht braucht Religion, wie sie heute praktiziert und vielfach missbraucht wird, ohnehin eher eine Revolution als eine Reformation. Ganz sicher brauchen wir eine Transformation. Dennoch: Re-formation im Wortsinn bedeutet, etwas Bestehendem eine neue Gestalt zu geben. Mit meinen 9,5 Vorschlägen möchte ich die Ursprungsidee dieses großartigen Jesus von Nazareth aufgreifen und so wiederbeleben, dass ihr tiefer Sinn und ihre heilsame Wirkung wieder erfahrbar werden. In unserer heute oft von Angst, Habgier und gnadenlosem Egoismus bestimmten Gesellschaft mit den daraus resultierenden fundamentalistischen Tendenzen erscheint mir das wichtiger denn je.

Angesichts der immer deutlicher zutage tretenden Missstände in den großen christlichen Kirchen und ebenso in anderen Religionsgemeinschaften werden Rufe nach Abschaffung jedweder Religion lauter. In unserer ohnehin säkularisierten westlichen Welt heißt es schnell, der Missbrauch von Macht wäre systemimmanent. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man das meinen. Nachdem ich den ebenso erschütternden wie großartig gemachten Kinofilm „#female pleasure“2 zum ersten Mal gesehen hatte, dachte ich auch: Ja, das Problem sind die Religionen an sich. In allen Kulturen und Weltreligionen werden Frauen im Namen einer wie auch immer ausgeprägten übergeordneten Macht missbraucht und gedemütigt. Ich schaute den Film ein zweites Mal an und fand meine Klarheit wieder: Nein, nicht Religion an sich ist das Problem, sondern der Missbrauch von Religion zum Zweck der Unterdrückung und Machtausübung. Das, was Menschen und leider vorwiegend Männer aus Religion machen und wie sie sie für ihre Zwecke einsetzen und missbrauchen, ist das eigentliche Problem. Es mag sein, dass ein religiöses System, das auf Autoritäten baut und zugleich eine metaphysische Komponente beinhaltet, besonders leicht entstellt und zweckentfremdet werden kann. Doch genauso werden andere Systeme zum Zweck der Machtausübung missbraucht. Am augenfälligsten ist es sicher in der Politik; aber auch in Wirtschaft, Bildung oder Gesundheitswesen werden Menschen systematisch unterdrückt, kleingehalten, belogen und betrogen. Seltsamerweise käme niemand auf die Idee zu sagen, Bildung an sich sei schlecht oder Gesundheit, wenn die Systeme abdriften, in denen diese immateriellen Güter entwickelt, verwaltet oder bewegt werden. Keiner würde sagen, wir müssen Bildung abschaffen, wenn das Bildungssystem zu wünschen übriglässt. Plötzlich können wir differenzieren zwischen dem Gut oder dem Wert an sich, den Menschen, die darin beschäftigt und dafür verantwortlich sind, und dem Gesamtsystem. Warum gelingt uns das bei Religion nicht? Ich bin überzeugt, dass wir Religionen brauchen, dringend sogar und vielleicht notwendiger denn je. Aber eben mit anderen Vorzeichen und so, wie sie ursprünglich gedacht waren: als Transportgefäße für Werte, an denen wir uns orientieren können, und als hilfreiche Lotsen beim Erforschen einer Wirklichkeit, die unserem Alltagsbewusstsein nicht immer unmittelbar zugänglich ist. Religion, definiert als Schnittstelle zwischen Immanenz und Transzendenz, als Geländer, das sowohl Leitlinie sein kann im Umgang mit meinem Nächsten und der Schöpfung als auch Wegweiser hin zu einer nicht greifbaren und doch erlebbaren Wirklichkeit, ist etwas zutiefst Beglückendes und ein Segen für die Menschheit. Wenn wir das Rad der Perversion und Entgleisung zurückdrehen und Religion neu erfinden, bereinigt um Macht, Gewalt und Herrschaftsanspruch, können wir andere drängende gesamtgesellschaftliche Probleme nicht nur leichter bewältigen, sondern deren Lösung ergibt sich ganz von selbst. Wer die Verbundenheit von allen mit allem spürt, sich seinen eigenen Schatten und Dunkelheiten stellt und sich ehrlich an einem Leitstern orientiert, der Gewaltfreiheit, eine nicht wertende Haltung und umfassende Liebe nicht nur gepredigt, sondern vor-bildlich gelebt hat, wird auch dankbar und respektvoll mit dieser Schöpfung umgehen und damit unser aller Lebensgrundlage bewahren.

Gerade junge Menschen sind oft verzweifelt auf der Suche nach einem tragenden Grund. Sie spüren: Schule, Ausbildung, Studium, ein guter Job, dann vielleicht Familiengründung, ein liebenswerter Freundeskreis und ein spannendes Freizeitleben, all dies sind wohltuende immaterielle Güter und erstrebenswerte Lebenssituationen. Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem viele von ihnen spüren: Das kann nicht alles sein, es muss noch etwas „hinter den Dingen“ geben. Immer wieder erlebe ich in Beratungssituationen junge Erwachsene, die von einer unbestimmten Traurigkeit geplagt werden bis hin zu tiefer Verzweiflung. In ihrer Biografie finden sich keine Anhaltspunkte für die Wurzeln dieser hartnäckigen und offenbar tief sitzenden Störgefühle, die manchmal bis hin zur Lebensmüdigkeit reichen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es ganz in der Tiefe um die Sinn-Frage geht. Das meint nicht die Frage nach dem „Warum“. Die ist schnell beantwortet, wenn sich ein junger Mensch eine Existenz aufbauen muss, um im Außen ein einigermaßen gelingendes Leben zu führen. Tiefer gehend ist die Frage nach dem „Wozu“. Wozu mache ich das alles? Wohin führt es mich? Gibt es ein übergeordnetes großes Ganzes, auf das ich zulaufe und an dem ich zugleich gestaltend mitwirke? Bis hin zu der Frage: Kann es sein, dass dieses übergeordnete „Wozu“ nicht einmal durch meinen physischen Tod ad absurdum geführt wird? Ich glaube, das sind die Fragen, die das Leben an uns stellen möchte, wenn wir sie denn zulassen, statt sie auszublenden, indem wir uns mit allem möglichen Firlefanz beschäftigen, uns bis ins hohe Alter mit Arbeit zuschütten oder uns von früh bis spät in digitalen Parallelwelten verlieren.

Die Aufgabe von Religion bestünde darin, Menschen dabei zu begleiten, ihre eigenen Antworten auf existenzielle Fragen zu finden. Religion, die vorgefertigte Antworten gibt, ist fundamentalistisch und erkennt nicht die Größe und Genialität jedes einzelnen Geschöpfs an. Das ist einer der zentralen Widersprüche, in den Kirche sich verstrickt hat: Wir alle sind von Gott geliebte Wesen, ein jedes nach seiner oder ihrer Fasson, aber Kirche meint genau zu wissen, wie wir zu sein und was wir zu tun haben. Für alle gelten die gleichen oft lebensfeindlichen Vorschriften und Regeln. Kirche gibt Standardantworten, statt die richtigen Fragen zu stellen. Dabei hat Jesus uns das anders vorgelebt. Sogar den Blinden fragt er: „Was soll ich dir tun?“ Die Frage wirkt fast lächerlich angesichts des Leids des nicht sehenden Menschen. Aber Jesus ist eben nicht übergriffig, indem er meint zu wissen, was der Mann doch offen-sichtlich braucht. Vielmehr appelliert er mit der Frage an dessen eigene innere Wirklichkeit, an seine Sehnsüchte und Wünsche, und damit an seinen Lebenswillen und das Vertrauen, dass dieser große Wunsch „wirk-lich“ werden und sich erfüllen kann: „Ich möchte wieder sehen können!“ (Mk 10,51).

Leider gelingt es nur wenigen Menschen, Religion, Glaube und christliche Spiritualität losgelöst vom kirchlichen Machtapparat zu sehen. Die meisten, zumal christlich Sozialisierten, werfen alles in einen Topf und versehen es mit dem Etikett: „Ungenießbar. Haltbarkeitsdatum abgelaufen“. Das ist nicht verwunderlich, denn was sollen wir machen, wenn das alte Transportgefäß für einen guten Inhalt nicht mehr taugt, aber weit und breit kein neues in Sicht ist? Wie komme ich denn zu diesem lebensspendenden Saft, wenn es kein brauchbares Gefäß mehr dafür gibt? Daher rührt doch die angestrengte Suche vieler: in anderen Religionen (– erweisen sie sich als tragfähiger? –), vermeintlich moderneren Meditationstechniken mit hippen englischen Bezeichnungen (– alter Wein in neuen Schläuchen? –) und bei selbsternannten Speaker-Gurus, die mit ihren Lebensweisheiten via Youtube die Bildschirme und Kopfhörer fluten (– ein Schelm, wer dabei an die Verkaufszahlen ihrer den Buchmarkt überschwemmenden Lebensratgeber denkt? –).

Warum kommt mir dieser Inhalt plötzlich so bekannt vor? Richtig: Das ist das Ende meines 2018 erschienenen Buches, nur in etwas anderen Worten. Das Manuskript von „Feuer der Sehnsucht. Spiritualität einfach leben“3 schrieb ich im Jahr 2016. Damals hatte ich noch mehr Hoffnung auf eine echte und tief greifende Wandlung von Kirche. Papst Franziskus war erst seit kurzer Zeit im Amt und ich wollte noch glauben, er ginge mit seiner Reformbewegung vorsichtig zu Werke, um sein Pontifikat nicht zu gefährden oder gar sein Leben aufs Spiel zu setzen. (Nein, das ist nicht übertrieben. Kriminalität und Vatikan sind leider keine Gegensätze.) Noch vor Erscheinen des Buches zwei Jahre später relativierte ich meine Hoffnung, inzwischen habe ich sie begraben, Auferweckung unwahrscheinlich. Zumindest von oben her wird Kirche sich nicht so fundamental erneuern, dass sie wieder glaub-würdig wird. Damit aber der gute Inhalt wieder weitergegeben werden kann, brauchen wir dringend neue, attraktive Transportgefäße für lebendigen Glauben und eine alltagsrelevante, lebensbejahende Spiritualität.

Die nachfolgend dargelegten Thesen mögen als Diskussionsgrundlage dafür dienen und hoffentlich einen Beitrag zu einem freudvollen Neuanfang leisten. Die „Fridays For Future“-Bewegung bringt in ihren Demonstrationen und Protestmärschen die Dringlichkeit ihrer (und übrigens unser aller!) Anliegen laut und unbequem zum Ausdruck. Einer der im Wechselgesang skandierten Slogans der Klimaaktivist*innen lautet: „What do you want?“ – „Climate justice!“, „When do you want it?“ – „Now!“. Mit voller Überzeugung unterstütze ich die Forderung dieser großartigen jungen Menschen nach dem sofortigen Umsetzen ernst zu nehmender Maßnahmen für eine klimagerechte Welt. Darüber hinaus übertrage ich ihren Schlachtruf auf meine Vision von einem lebendigen, zukunftstauglichen Christentum: „What do you want?“ – „A new religion!“, „When do you want it?“ – „Now!“.

9,5 Thesen für ein erneuertes Christentum

„Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.“

Franz Kafka

1.Wir besinnen uns auf unseren Religionsstifter.

Wir haben eine immense Chance: In unseren Breiten und bei den nachfolgenden Generationen verkommt Kirche, egal welcher Konfession, mehr und mehr zur Bedeutungslosigkeit. Jetzt stehen wir vor der Wahl: Entweder wir klagen darüber und lamentieren über den Verfall der religiösen Sitten und Bräuche oder gar des oft bemühten sogenannten christlichen Abendlandes. Oder aber wir wachen auf und werden Sehende, wie die von Jesus tatsächlich oder symbolisch geheilten Blinden. Schlagartig erkennen wir: Dieser gesellschaftliche Umbruch eröffnet uns neue Möglichkeiten. Endlich können wir uns rückbesinnen auf diesen großartigen Zimmermannssohn aus Nazareth und auf das, was er uns an Lebensweisheit und spirituellen Erkenntnis- und Zugangswegen vorlebte und eröffnete.

Aus dem Mund bzw. der Feder einer Christin klingt dieses lapidar daherkommende „Wir besinnen uns auf unseren Religionsstifter“ zunächst platt. Dass wir, die wir uns Christinnen und Christen nennen, uns an Jesus Christus orientieren sollten, erscheint wie eine Binsenweisheit, die von konservativen Kirchenleuten mit erhobenem Zeigefinger oft genug strapaziert wird. Ich meine es aber in einem revolutionären Sinn: Vergessen wir einmal alles, was Kirche uns jemals über diesen Jesus erzählt hat. Entkoppeln wir Kirche und Christus und schauen, was sich an heilsamer Essenz aus dieser uralten Botschaft herauskristallisiert. Besinnen wir uns auf das, was Jesus wirklich wollte. Doch woher sollen wir das wissen?

Wir leben in einem unerhört klugen Zeitalter. In rasender Geschwindigkeit werden Neuheiten erfunden und in unserem Alltag implementiert, oft so schnell, dass uns schwindelig wird und uns das Gefühl beschleicht, mit diesem Tempo nicht mithalten zu können. Ich will diese beschleunigten Innovationszyklen an dieser Stelle ausnahmsweise nicht bewerten; das Für und Wider wird von klugen Köpfen immer wieder analysiert und diskutiert. Ich möchte den Fokus auf einen anderen Aspekt lenken: Genauso rasant wie der technische Fortschritt, entwickelt sich auch anderweitig geistige Erkenntnis. Vom einzelnen Gehirn weiß man, dass das Netz der zerebralen Synapsen mit zunehmender Menge an neuronalen Verschaltungen immer schneller wächst. Anders gesagt: Je mehr wir zu einem Thema oder in einem Fachbereich wissen, desto schneller gewinnen wir weitere Erkenntnis. Als 1968 Geborene genieße ich das Privileg, zur ersten Generation zu gehören, die sich auf Knopfdruck das gesamte Weltwissen ins Wohnzimmer oder an die Bushaltestelle holen kann. Wir können uns so schnell informieren und bilden wie keine Generation vor uns.

Diese Möglichkeit des Erkenntnisgewinns hat verschiedene Folgen: Zum einen brauchen wir uns kein X mehr für ein U vormachen zu lassen. Es kann uns nicht mehr irgendein Un-sinn erzählt werden, den wir einfach annehmen und wortwörtlich „nachbeten“ müssen. Wenn wir das doch tun, handeln wir aus reiner Bequemlichkeit, entweder, weil wir zu träge sind, um uns selbst schlauzumachen, oder weil uns das Althergebrachte so viel scheinbare Sicherheit gibt, dass wir nicht bereit sind, diese Komfortzone zu verlassen. Zum anderen suchen sich immer mehr Menschen Spezialgebiete, in denen sie den Fakten und Zusammenhängen auf den Grund gehen. Wir zitieren daheim oft scherzhaft den begnadeten Kabarettisten Hagen Rether, der während seines Bühnenprogramms gern mehrfach betont: „Die finden jetzt alles heraus. Jetzt haben die sogar herausgefunden, dass …“ Genau: „Die“ finden jetzt alles heraus.

Einer dieser geistigen Tiefseetaucher, der nicht müde wurde, jahrzehntelang in uralte Schriften abzutauchen, um daraus Erkenntnis zu gewinnen, war der 2009 verstorbene evangelische Theologe und Aramäischforscher Günther Schwarz.4 Diesem brillanten Kopf haben wir eine für viele Menschen vielleicht bittere Erkenntnis zu verdanken: Vieles von dem, was uns Kirche via Bibel über das vermittelt, was Jesus angeblich gesagt hat, ist schlichtweg falsch. Die Vokabel „falsch“ meint nicht ein paar lässliche Übersetzungsschwächen, die man so oder so betrachten könnte, sondern knallharte Fehler und Unwahrheiten bis hin zu völligen Verdrehungen der Botschaften Jesu in das krasse Gegenteil. Anfangs konnte ich es fast selbst nicht glauben, weil mir die Vorstellung schwerfiel, dass uns diese bekannten Wahrheiten offenbar vorenthalten bzw. von Kirche schlicht negiert oder zumindest ignoriert werden. Dabei liegen die ganzen Forschungsergebnisse vor und kein Geringerer als der über jeden Verdacht, einer abstrusen Strömung anzugehören, erhabene Franz Alt schrieb mehrere Bücher über das, was Jesus wirklich gesagt hat.5 Dennoch schien mir das, was ich da las, so unerhört, dass ich zunächst skeptisch war. Kann es sein, dass das, was uns zeitlebens vorgebetet wird, einfach falsch ist und nicht das, was dieser historische Jesus uns sagen wollte? Doch als ich die Arbeitsweise des Aramäisch-Spezialisten Günther Schwarz, von Franz Alt in seinen Büchern einleuchtend erklärt, begriffen hatte, konnte ich die Wahrheit nicht länger ausblenden: Vieles von dem, was mir mein Leben lang in Religionsunterricht, Gottesdienst und Weiterbildung als unumstößliches Faktum verkauft wurde, stimmt schlicht und ergreifend nicht; Jesus hat es so nicht gesagt. Schon immer gab es im Neuen Testament viele seltsame Formulierungen, die man sich nicht recht erklären konnte, und Anläufe einzelner um Aufklärung bemühter Theolog*innen verliefen im Sande. Selbst Papst Franziskus stößt weltweit auf Widerstand, wenn er endlich den zweifelsfreien Übersetzungsfehler im „Vaterunser“ ausmerzen will, der jeden ins Stocken kommen lässt, der nicht einfach etwas daherplappert, sondern mitdenkt, was er sagt: Es heißt nun einmal nicht „Und führe uns nicht in Versuchung“, sondern „Lass retten uns aus unserer Versuchung“6 oder „Lass uns nicht in Versuchung geraten“. Dank des Engagements von Papst Franziskus brachte es dieser völlig widersinnige Übersetzungsfehler, der einen verführerischen Gott vorgaukelt, zumindest zu einiger Berühmtheit. Doch dass es darüber hinaus in der Bibel vor solcherlei sinnentstellenden Fehlern nur so wimmelt, überraschte mich nicht nur, sondern traf mich tief. Wie kann dieser zentrale Text, der – neben dem ohnehin schwer in unsere Lebenswirklichkeit zu übertragenden Alten Testament – die Grundlage unserer Buchreligion bildet, über viele Jahrhunderte hinweg konsequent mit solch eklatant falschen Übersetzungen und Formulierungen sowie hinzuerfundenen Passagen überliefert werden? Die Lehre Jesu wurde erst Jahrzehnte nach seinem Tod aufgeschrieben und das nicht in seiner Muttersprache Aramäisch, sondern in griechischer Sprache, also auch noch in einer westlich geprägten Sprache statt in einer orientalischen, in der Jesus sprach. Dieser altgriechische Text bildet bis heute die zentrale Grundlage für die Übersetzung des Neuen Testaments in sämtliche anderen Sprachen. Dabei ist die Bibel das am häufigsten übersetzte Buch der Welt. Immerhin sprechen wir da allein beim Neuen Testament von 1.515 Sprachen, in die es komplett übersetzt wurde, und von Teilübersetzungen in weitere 1.135 Sprachen.7 Und das immer von einer falschen Grundlage aus?

Dank der Arbeit von Günther Schwarz könnten wir längst neu durchstarten und uns rückbesinnen auf das, was dieser Jeschu, so die aramäische Kurzform des hebräischen Namens Jehoschua, wirklich sagte. Das große Verdienst des „Jeschu“-Forschers liegt in der Rückübersetzung der auf Griechisch überlieferten angeblichen Jesus-Worte in die aramäische Ursprache, also in die Sprache, in der er tatsächlich sprach und lehrte. In mühsamer jahrzehntelanger Kleinstarbeit, zu Zeiten, in denen Digitalisierung ein Fremdwort war und Sprachstudierende noch mit Zettelkästen statt am Computer arbeiteten, erforschte Schwarz eine Vielzahl altsyrischer Quellen und legte auf diese Weise eine stattliche Vokabelsammlung an, in der er die Wörter um neue Bedeutungsvarianten ergänzte. Als Aramäisch-Kenner wusste er zudem, dass Jesus nicht in Prosa gesprochen haben konnte, sondern in Versform. Diese orientalische Poesie muss nicht nur phonetisch wunderschön gewesen sein, sondern aufgrund der Sprachmelodie und des genau festgelegten Versmaßes auch eingängig genug, um sie sich zu merken. Genau das wollte der jüdische Wanderprediger erreichen: Seine Zuhörerinnen und Zuhörer sollten seine Worte im Gedächtnis behalten. Wie sonst hätten sie sie jemals be-herzigen sollen? Die aramäisch sprechenden Schüler des Rabbi Jeschu, die er bekanntermaßen als Prediger und Botschafter aussandte, brauchten zum Teil Dolmetscher, damit ihre griechischsprachigen Hörer sie überhaupt verstanden. Was beim Simultandolmetschen bis zum heutigen Tag gepatzt wird, kann man als Zuhörer*in mit ausreichend Sprachkompetenz in Ziel- und Ursprungssprache in den Medien oft genug mitverfolgen. Günther Schwarz nutzte also seine Aramäisch-Sprachkompetenz und übersetzte die Lehre Jesu von der fehlerhaften griechischen Einheitsübersetzung unter Berücksichtigung des poetischen Versmaßes, in dem Jeschu gesprochen haben muss, ins Aramäische zurück und von da aus neu ins Deutsche. Und siehe da: Plötzlich ergeben so viele Worte Jesu, die in der landläufigen und gewohnten Übersetzung bei jedem mitdenkenden Menschen bisher nur große Fragezeichen hinterlassen hatten, einen tiefen Sinn.

Bleiben wir beim Stichwort „Sinn“ und schauen ein Beispiel für einen dieser schwerwiegenden Übersetzungsfehler an. In seinem Buch „Die hundert wichtigsten Worte Jesu. Wie er sie wirklich gesagt hat“8 greift Franz Alt die bekannte Stelle aus dem Markus-Evangelium in der geläufigen Einheitsübersetzung heraus: „Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander“. Leicht provozierend fragt der Autor uns Leser*innen, ob wir den Satz „Habt Salz in euch“ verstünden.9 Nein, verstehen wir nicht. Können und müssen wir auch nicht, weil es sich dabei „um eine peinliche Fehlübersetzung“10 handelt. Tatsächlich wird der Begriff „Salz“ und „gesalzen“ im Talmud symbolisch gebraucht und bedeutet im übertragenen Sinn: „scharfsinnig“. So liest sich die Rückübersetzung von Günther Schwarz gleich ganz anders: „Wenn ihr scharfsinnig wäret unter euch – ihr würdet friedlich leben miteinander.“ Plötzlich wird der sprichwörtliche Schuh daraus bzw. ein eingängiges und für jedermann leicht verständliches Wort dieses großen Friedensstifters Jeschu. Nichts bräuchten wir mehr für unsere Welt als genau diesen Scharf-sinn, der endlich all die unheilvollen Kriege und un-sinnigen Konflikte beenden würde. Wenn wir uns auf dieses einfache Wort zurückbesinnen, können wir sofort anfangen mit einem friedlichen Miteinander, jede und jeder in der eigenen kleinen Welt.

Wir können uns hier nicht mit den vielen anderen falsch überlieferten Jesus-Worten beschäftigen, ebenso wenig wie mit den ganzen Übersetzungsfehlern, die beharrlich weitertradiert werden. Erwähnt sei noch einer der folgenschwersten Fehler, der das Christentum unglaubwürdig und lächerlich macht und an dem vor allem die unbelehrbare und veränderungsresistente katholische Kirche dogmatisch festhält: „Jungfrau“ statt „junge Frau“. Jeschu war der Sohn von Josef und Maria und er behauptete noch nicht einmal von sich selbst, Gott zu sein, geschweige denn, von einer Jungfrau geboren worden zu sein, sondern von der vermutlich 16-jährigen Maria, eben einer jungen Frau.11 Für alle weitere Erhellung und „Auferweckung“ empfehle ich wärmstens die Bücher von Franz Alt sowie die bereits zitierte Website von Günther Schwarz, auf der sein Sohn die Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Forschungsarbeit der Öffentlichkeit zugänglich macht.12 Die Früchte dieser Arbeit sind also nicht irgendein schwer zugängliches Geheimwissen oder anderweitig schwere Kost. Im Gegenteil: Die Erläuterungen zur Entstehung der Übersetzungen sowie die Rückübersetzungen selbst lesen sich spannend wie ein Krimi und man fällt von einem „Aha!“-Erlebnis ins nächste. Warum also haben diese Erkenntnisse nie Einzug gehalten in die gängigen Bibelübersetzungen, Kommentare und liturgischen Bücher? Mit Franz Alt gefragt: „Wovor haben die christlichen Kirchen eigentlich Angst? Vor der Wahrheit, die in Jesu Muttersprache zu finden ist?“13

Wir Menschen tun uns extrem schwer, etwas, das wir jahrzehntelang für bare Münze genommen haben, über Bord zu werfen und uns auf etwas Neues einzulassen. Wenn es sich dabei dann auch noch um etwas so Zentrales handelt wie die Lehre Jesu, die für Kirchenvertreter*innen im Idealfall das Fundament ihres Lebens darstellt, ist es eine unerhörte Kränkung, wenn jemand das, was man zeitlebens als unumstößliche Wahrheit angenommen hat, anzweifelt oder gar über den Haufen wirft. Es erinnert an die kopernikanische Wende, die Sigmund Freud als die erste große Kränkung des menschlichen Narzissmus definierte. Inzwischen wurde und wird die Menschheit durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse immer wieder aufs Neue „gekränkt“. Wenn ich plötzlich mein Weltbild und damit mein ganzes etabliertes Denken verändern muss, kann sich das wirklich wie eine Kränkung anfühlen. Denn damit verbunden drängt sich die Frage auf: War dann alles, was ich bisher dachte und glaubte, ein einziger Irrtum? Erst wenn es gelingt, über diese Verletzung hinwegzukommen, stellt sich ein neues Freiheitsgefühl ein, das tatsächlich an eine „Auferweckung“ erinnert.

Bezüglich der Jesus-Worte mache ich selbst mir klar: Ich habe mir jahrzehntelang wieder und wieder Aussagen angehört, die nicht stimmten. Über manche von ihnen habe ich mir den Kopf zerbrochen und viele komplizierte Auslegungen von Theologinnen und Theologen gehört oder gelesen. Im ersten Moment stellt sich jetzt ein Verlassenheitsgefühl ein. Über einen unzuverlässigen Menschen sagte meine Großmutter gern: „Wenn man sich auf den verlässt, ist man verlassen.“ So habe ich mich verlassen auf die Worte, die mir vom System Kirche und ihren Vertretern überliefert, um nicht zu sagen weisgemacht wurden. Dass ich mich ein wenig verlassen fühle, wenn ich feststelle, dass vieles davon blanker Un-Sinn war, erscheint mir eine nachvollziehbare Reaktion. Künftig bei jedem Blick ins Neue Testament hinterfragen zu müssen, ob die Jesus zugeschriebenen Worte in dieser Übersetzung richtig sind oder nicht, verunsichert mich. Doch als vernunftbegabter Mensch, der der Wahrheit so nah wie möglich kommen möchte, halte ich diese Erschütterung, dieses innere Beben, aus. Wenn ich dann einen Schritt weitergehe, entdecke ich die phänomenale Chance, die dieses Erkennen von Wahrheit mir und hoffentlich vielen anderen Menschen schenkt: Endlich können sich all die Ungereimtheiten in Wohlgefallen auflösen! Künftig brauche ich vielleicht gar keine Theologen mehr bemühen, um zu verstehen, was Jesus gesagt hat. Das leuchtet auch viel mehr ein: Die von ihm berufenen Jüngerinnen und Jünger waren einfache Leute aus dem Volk. Wie hätten sie ihn verstehen sollen, wenn er in solch komplizierten Bildern und Rätseln gesprochen hätte? Erst recht die Hörerinnen und Hörer, die in Scharen kamen und sich von ihm be-geistern ließen. Sie mögen auf einen Dolmetscher angewiesen gewesen sein, wenn sie des Aramäischen nicht mächtig waren, ganz sicher aber brauchten sie keine Schriftgelehrten, die ihnen die komplizierten Reden dieses Jeschu erklären und verdeutlichen mussten. Ich denke an eine Verwandte, die mir wenige Wochen vor ihrem Tod ein entlastendes und befreiendes Vermächtnis mit auf meinen weiteren Weg gab. Sie, die ihr Leben lang theologische Schriften studiert und sich mit verschiedenen Lehrmeinungen auseinandergesetzt hatte, um immer mehr von ihrem Glauben zu verstehen, sagte mir in ihrer letzten Lebensphase, in der sie meist nicht mehr orientiert war, in absoluter Klarheit: „Ich habe etwas begriffen: Es ist alles viel einfacher, als ich dachte.“ Das nenne ich doch mal eine frohe Botschaft!

Ich vermute, dieser Jesus wollte es uns mit dem, was er vermitteln wollte, so einfach wie möglich machen. Wenn wir zu dieser Einfachheit, Klarheit und Unmittelbarkeit zurückfinden, wird seine Botschaft wieder attraktiv werden, „anziehend“ im Wortsinn für viele Suchende. Vor allem für stark durch die christlichen Kirchen mit ihrer umständlichen Lehre geprägte Menschen mag das gar nicht so leicht sein. Je mehr entstellte Botschaften man mitbekommen hat, desto mehr muss man infrage stellen und möglicherweise über Bord werfen. Beim Neuentdecken dieses Zimmermannssohnes aus Westgaliläa wünsche ich uns allen das, was man im Buddhismus den „Anfängergeist“ nennt: etwas, das man schon sehr oft getan hat, in einer Haltung zu tun, als wäre es zum ersten Mal. Wir können die uns nur scheinbar vertraute Botschaft dieses Jeschu – nennen wir ihn ruhig ungewohnt bei seinem aramäischen Namen – neu erkunden und ver-innerlichen.

Der politische und soziale Jeschu

Im Rahmen einer Veranstaltung in einer katholischen Akademie beschwerte sich ein älterer Teilnehmer darüber, dass in Vorträgen und Predigten neuerdings die soziale Komponente von Jesus so in den Vordergrund gestellt würde. „Ja, was denn sonst?“, möchte ich fragen. Was hat der stramme Katholik verstanden von dem, was dieser Jeschu in seiner damaligen Welt verändern wollte? Selbst aus den uns bekannten Texten mit all ihren Übersetzungsschwächen können wir zweifelsfrei erkennen: Jesus war ein HerzDenker. Jede Form von Diskriminierung war ihm fremd, er war offen für Andersdenkende, geistig oder materiell Minderbemittelte, für damalige unterdrückte Minderheiten wie „Andersgläubige“, kranke und behinderte Menschen, Frauen oder Kinder. Er stellte sich mutig und konsequent und unter Einsatz seines Lebens gegen das herrschende Regime, um einen tief greifenden Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse herbeizuführen. Wenn wir uns darauf zurückbesinnen, werden wir unweigerlich politisch in unserem Denken und Handeln. Ein Christentum ohne politische Folgen und ohne engagiertes Handeln im Sinne dieses galiläischen Wanderpredigers ist eine Farce. Umgekehrt bin ich überzeugt: Wenn es uns gelingt, die Essenz der jesuanischen Botschaften zu durchdringen und sie auf einfache, aber wirkungsvolle und heilsame Weise auf die Bedürfnisse und Forderungen unserer heutigen Zeit zu übertragen, dann hat das Christentum auch bei nachfolgenden Generationen nicht nur eine Überlebenschance, sondern bietet uns als Gesellschaft die Chance, nicht nur zu überleben, sondern in einem freudvollen und friedlichen Miteinander die uns anvertraute Schöpfung zu bewahren.

Unweigerlich kommt dabei die Frage auf: Wozu brauchen wir da Jesus? Eine ethische Grundhaltung, verbunden mit sozial- und gesellschaftspolitischem Engagement, ist völlig ausreichend. Man kann auch ohne religiöse Einstellung und ohne historisches Vorbild in dieser Welt wirken. Das stimmt. Ich kenne Frauen und Männer, die mit Religion absolut nichts anfangen können, sich als Atheisten verstehen und trotzdem Gutes tun und viel bewegen. Ich selbst war ein Jahrzehnt lang überzeugt, dass jede Religion eine Erfindung von Schwächlingen ist, die ein geistiges und geistliches Geländer brauchen, um im Leben zurechtzukommen. Ich glaube nicht, dass ich in dieser Zeit ein schlechterer Mensch war. Ich weiß jedoch auch, dass mein Leben bei Weitem anstrengender war. Ich fühlte mich orientierungs- und haltloser und oft allein und verloren. In Zeiten der Leichtigkeit und des Frohsinns fällt einem das Fehlen eines Leitsterns vielleicht weniger schmerzlich auf. In meinem Sozialverhalten bemerke ich den Unterschied vor allem in unangenehmen Situationen und wenn es gilt, etwas zu tun, das mir gerade nicht so recht in den Kram passt. Da ist die innere Ausrichtung auf diesen Jeschu doch sehr hilfreich.

Ein Beispiel: Mein Mann und ich unterstützten eine junge Thailänderin in ihrem Kampf gegen ihren übergriffigen und gewalttätigen Ehemann. Wir engagierten uns über längere Zeit nicht nur zeitlich und materiell, sondern vor allem auch emotional. Ich lag viele Nächte wach vor Sorge, wie es für diese Frau weitergehen würde. Nachdem viel geschafft war und für sie alle Ampeln in Richtung „gutes Leben in Deutschland“ auf Grün standen, ging sie zu dem Mann zurück. So viel vergebene Liebesmüh! Es dauerte, bis wir uns von dem Schock erholten. Wir ließen sie von da an los und wünschten ihr Glück, in der Hoffnung, dass die Dinge nicht so kommen würden, wie wir befürchteten. Es kam, wie es kommen musste: Zwei Jahre später ereilte uns der nächste Hilferuf. Diesmal war die Situation noch heftiger eskaliert, mit Polizeieinsätzen und Szenen, die reichlich Stoff für einen spannenden Sonntagabendkrimi geboten hätten. Unser beider erste innere Reaktion: „Nein, nicht alles von vorn! Selbst schuld. Jetzt muss sie sehen, wie sie klarkommt.“ Diese Haltung hätten wir vor uns rechtfertigen können, zumal die Frau diesmal eine professionelle Sozialarbeiterin an ihrer Seite hatte. Ich bin sicher, in unserem Umfeld hätten viele Menschen Verständnis gehabt, wenn wir gesagt hätten: „Nein, wir nicht mehr. Wir haben genug getan.“ Hier kommt für mich dieser Jesus ins Spiel. Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte, als wir die Nachricht auf dem Handy-Display entdeckten. Nach ein paar Minuten Bedenkzeit und zugegebenermaßen genervtem Stöhnen und Augenverdrehen schauten wir uns an und es war klar: Wenn wir uns an diesem Jesus orientieren, der immer und immer wieder nicht nur das Verzeihen und den Neuanfang predigte, sondern selbst durch und durch barmherzig handelte, können wir unmöglich bei unserem inneren „Nein“ bleiben. Dann muss die Tür zu unserem Haus und vor allem zu unseren Herzen wieder aufgehen, so schwer es im ersten Moment auch fallen mag. Das meine ich damit, dass es leichter ist, mit solch einem Vorbild zu leben, weil es einem im richtigen Augenblick in den Sinn kommt und man sich daran orientieren kann, ohne zigmal abwägen und das Für und Wider diskutieren zu müssen.

Nicht, dass mir diese Haltung und Ausrichtung immer gelänge. Mir geht es darum, aufzuzeigen, wie hilfreich es sein kann, diesen Jeschu als Ideal vor Augen zu haben, vor allem bei Fragestellungen und Entscheidungen, bei denen es schwerfällt, den sozial verträglicheren und liebevolleren Weg zu gehen. In dem Moment, in dem ich das Gefühl habe, ich könnte meine Bequemlichkeit, meinen Starrsinn, meine Besserwisserei oder meine Ich-Bezogenheit in den Vordergrund stellen und diese Haltung auch noch vor mir und der Welt rechtfertigen, genügt es oft, mir Jesu Blick vorzustellen. Einfach nur, wie er mich anschaut. Dazu brauche ich nicht einmal den Wortlaut seiner Reden zu kennen. Sein Blick genügt, um mich innehalten und meinen Standpunkt überdenken zu lassen. Anderen Menschen mögen andere Vorbilder dienen oder auch ein innerer Wertekatalog, der ohne personifiziertes Idealbild auskommt. Mir fällt es leichter, wenn ich nicht erst innerlich einzelne Werte „abklappern“ muss, sondern mich be-sinne auf diese Persönlichkeit, die die Liebe ver-körpert und in einzigartiger Weise vorgelebt hat.

So kann dieser Jesus für jede und jeden Einzelnen von uns zum ganz persönlichen Leitstern werden. Unweigerlich muss er das aber sein für all diejenigen, die sich das Etikett „Christ“ auf die Fahnen schreiben. In politischer Hinsicht sind wir davon weit entfernt, sowohl in der Bundesrepublik als auch in dem sich gern einen besonders christlichen Anstrich gebenden Bundesland Bayern, in dem ich lebe. Wenn sich Menschen Christinnen und Christen nennen und zugleich fremdenfeindlich sind, dann passt das nicht nur nicht zusammen, sondern schreit als unauflösbarer Widerspruch zum Himmel. Nichts als fromme Sonntagsreden, Jesus selbst würde in den heutigen christlichen „Tempeln“ einen Wutausbruch bekommen. Wenn wir es als Christen auch nur im Ansatz ernst meinen mit dem, was wir an Attitüde vor uns hertragen, müssen wir so lange auf die Barrikaden gehen, bis sich auch die sogenannten christlichen Parteien wieder ernsthaft auf ihren Religionsstifter besinnen, statt in den Amtsstuben Kreuze aufzuhängen, junge Männer nach Afghanistan abzuschieben oder schärfere Grenzkontrollen sowohl an den EU-Außengrenzen als auch inzwischen sogar innerhalb des Schengenraumes zu fordern.

Der Theologe und Psychologe Eugen Drewermann spricht mir aus der Seele, wenn er sagt: „Allein, dass unsere Bevölkerung ein Wort akzeptiert wie ‚abschieben‘, ist mir unbegreifbar.“14 Angela Merkel hatte 2015 versucht, ihr Christsein zu leben und zumindest im Hinblick auf die zu uns geflüchteten Menschen ihr politisches Handeln daran auszurichten. Was musste sie dafür an Schelte und Häme einstecken! Dabei brachte ihr legendär gewordener Ausspruch „Wir schaffen das!“ die not-wendige Haltung zum Ausdruck: Für menschliches Handeln, das die Not anderer Menschen nicht nur sieht, sondern entschlossen lindern will, braucht es einen klaren Entschluss. Natürlich nutzt die menschlichste Flüchtlingspolitik wenig, wenn wir nicht endlich die Fluchtursachen bekämpfen und weiterhin satte Exportgewinne einfahren vom Geschäft mit in Krisenregionen gelieferten Waffen. Ich bin weit davon entfernt, Angela Merkel als Heilige und Retterin darzustellen. Deutschland ist nicht Helfer, sondern größter Mitverursacher der dramatischen weltweiten Probleme. Trotzdem empfinde ich die Haltung der Bundeskanzlerin in der Situation, in der die Folgen unserer schamlosen und ausbeuterischen Lebensweise auf Kosten von Menschen in ärmeren Ländern unübersehbar wurden, als jesuanisch. Zumindest damals. Dass sie heute wieder einen weichgespülten Kurs fährt, der sich an den Interessen der Wirtschaftslobbyisten mitsamt ihren Wachstumsparolen ausrichtet, ist leider ebenso unübersehbar. Vielleicht könnte auch sie und mit ihr alle anderen Politikerinnen und Politiker ab und an diesem Jesus in die Augen schauen – wenn der Blick in die Augen der ausgebeuteten, hungernden und vom Tod gezeichneten Mitmenschen offenbar nicht genügt, um eine andere Haltung und ein daraus resultierendes verändertes Handeln auszulösen.

Jesus Christus – der Gesalbte

Als Christ leben – die Ausrichtung an diesem Jeschu in unserem Alltag ist gefragt. Wir werden noch andere Bezüge sehen, in denen Fragen wie „Was würde Jesus dazu sagen?“, „Wie würde Jesus handeln?“ oder „Wie schaut Jesus mich in diesem Moment an?“ uns helfen können, liebevoller, sinnvoller und friedvoller zu denken, zu fühlen und zu handeln. Welch heilsamer doppelter Dreiklang! Für ebenso zentral halte ich die zweite Komponente dieses so bedeutsamen Menschen: Christus, der Gesalbte. Während ich bei Jesus oder Jeschu an den historischen Rabbi und seine Lehre denke, an der ich mich orientieren kann, führt mich der Begriff „Christus“ auf andere Weise ins Hier und Jetzt: zu dem kosmischen Christus, zu dem ich jederzeit Kontakt aufnehmen kann. Klingt seltsam? Erstaunlicherweise runzeln sogar Kirchgänger die Stirn und schauen mich fragend an, wenn ich über diese Art von Christusbeziehung spreche. Warum leiern sie dann mit großer Selbstverständlichkeit bei den Fürbitten: „Christus, höre uns! – Christus, erhöre uns!“? Bei diesem Wechselruf „gilt“ es dann plötzlich, oder wie? Da erscheint es den Beter*innen auf einmal normal, Christus anzurufen. Das war schon immer so und man braucht sich darüber keine Gedanken zu machen. Man sagt das so, fertig, Amen.

Wie wäre es, wenn wir immer in Beziehung zu diesem Christus gehen könnten? Wenn wir ihn jederzeit bitten und fragen könnten und auch noch Antwort bekämen? Wie aber soll das gehen, wenn doch dieser historische Jesus vor 2000 Jahren gestorben ist? Allein der Name „Christus“ ist für mich das Sinnbild des Sieges über den Tod. Jeschu ist nicht auferstanden; kein vernünftiger Mensch glaubt an eine leibhaftige Auferstehung im Sinne der „Auferstehung des Fleisches“. Jesus geisterte ganz sicher nicht als Gespenst durch die Welt. Wir werden uns diesem Thema noch ausführlich widmen. Nein, Christus, dieses unsterbliche Bewusstsein, der unauslöschliche Kraftstrahl, er ist es, der den Tod besiegt hat, weil dieser ihm von vornherein nichts anhaben konnte. Wenn ein Bewusstsein reine Liebe ist und nichts als Liebe, dann hat der Tod keine Macht darüber. Das ist die zentrale Botschaft dieses liebenden Bewusstseins, das sich inkarnierte, damit wir es be-greifen können. Darin, in dieser liebevollen Haltung, können und sollen wir dem „Menschensohn“ nacheifern und ihn nicht nur als großes Vorbild sehen, sondern als das Potenzial, das auch wir als Menschen in uns tragen. Wir alle haben immer wieder neu die Wahl und können uns entscheiden: für die Liebe oder für die Angst, für Erhalt oder Zerstörung, für Freund oder Feind. Selbst wenn es uns gelingt, anzudocken an diesem Christusbewusstsein, bedeutet das zwar noch nicht, dass wir diese liebevolle Haltung immer einnehmen und leben können. Was aber sicht- und spürbar wird, ist die Ziellinie, das Idealbild, an dem wir uns orientieren können. Das meine ich nicht nur in Bezug auf andere Menschen oder auf die Schöpfung und unseren Umgang damit. Im Kontakt mit diesem unendlich liebevollen Christus erfahren wir auch für uns selbst, wie es sich anfühlt, angenommen zu sein und bedingungslos geliebt zu werden.

Wie aber kommen wir in diese erfahrbare Christus-Gegenwart? Die wichtigste Voraussetzung scheint mir eine tiefe Sehnsucht zu sein. Wenn wir dieses Christus-Bewusstsein einladen, sich in unserem Inneren und von dort aus in unserem ganzen Leben auszubreiten, lässt es sich nicht lange bitten. Dabei kommt es darauf an, dass wir uns in den Methoden und Zugangswegen nicht einengen oder behindern lassen. Deshalb ist es so wichtig, fast alles zu vergessen, was Kirche uns jemals darüber erzählt hat.

Das System Kirche mit seinem teilweise diktatorischen Allmachtsanspruch will uns nur zu gern weismachen, dass es den einzig wahren Zugang zu Christus ermöglicht. Oft ist genau das Gegenteil der Fall. Kirche mit ihren standardisierten und oft zu sinnentleerten Floskeln verkommenen Ritualen versperrt uns genau den Zugang, nach dem wir uns sehnen. Deshalb ist es so wichtig, sich klarzumachen: Damit sich das Christus-Bewusstsein in uns ausbreiten kann, brauchen wir weder Mittler noch vorgegebene Rituale oder Traditionen. Ich will damit nicht sagen, dass es unmöglich ist, in einem kirchlichen Gottesdienst die Präsenz Christi zu spüren; das kann im besten Fall durchaus vorkommen. Aber dieser Ritus ist eben keineswegs not-wendig oder gar die einzige Möglichkeit, um zu diesem alles durchströmenden liebenden Bewusstsein durchzudringen. Sosehr ich selbst mir eine freudvolle spirituelle Gemeinschaft wünsche, in der sich Weggefährt*innen miteinander über ihre Erfahrungen austauschen, so halte ich mir doch vor Augen: Es geht auch anders und notfalls ganz allein.

Das Erfahren des inneren Christus ist eine urpersönliche, intime Begegnung, die weder Lehre noch Lehrer braucht und auch nicht unbedingt eine über diese Beziehung hinausreichende Gemeinschaft. Was es neben der Sehnsucht zwingend braucht, ist die Bereitschaft zur Innerlichkeit. Nur wenn ich regelmäßig innehalte und Kontakt zu meiner inneren Seelenlandschaft und der sich darin vollziehenden Wirklichkeit aufnehme, kann ich diesen Christus in mir wahrnehmen. Gerade diese Innerlichkeit scheinen wir derzeit in unserer Gesellschaft zu meiden, als hätten wir davor eine Heidenangst. Wovor fürchten wir uns? Was könnte uns dort erwarten, das uns so viel Angst macht, dass wir uns lieber permanent ablenken und uns sowohl optisch als auch akustisch mit lärmenden Bildern und Tönen zudröhnen? Warum ertragen wir so selten die Ruhe, das Nichtstun, das Stehenbleiben und innere Hören? Weshalb ängstigt die Stille so viele Menschen? Vielleicht weil wir, wenn wir still werden, uns zunächst durch eine Schicht hindurchkämpfen müssen, deren Existenz wir lieber weiterhin ausblenden würden. Da melden sich verdrängte Gefühle, alte Verletzungen, unangenehme eigene Züge und Persönlichkeitsmerkmale. Sie alle lassen sich im Lärm und der umtriebigen Geschäftigkeit leichter unter dem Deckel halten. Vermeintlich – denn tatsächlich klopfen sie immer wieder an unsere Bewusstseinstür, und wenn wir nur einen klitzekleinen Moment nicht aufpassen, reißen sie sie unvermittelt auf und strecken ihre unansehnlichen Köpfe garstig in unser Alltagsbewusstsein. Wenn sie immer wieder auftauchen und sich auch mit der lautesten Strategie nicht mehr übertönen lassen, landen wir im Burnout oder in einer Depression oder werden durch handfeste physische Krankheiten ausgebremst. Dann bleibt uns meist nichts anderes übrig, als diese nervigen Plagegeister einen nach dem anderen vorsprechen zu lassen und uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Leider handelt es sich dabei nicht um einen einmalig abzuarbeitenden linearen Prozess. Je mehr wir uns aber durch diese Schicht hindurchgearbeitet haben und je öfter wir uns diesen inneren Prozessen stellen, desto leichter wird es, zu unserem eigenen goldenen Kern durchzudringen. Der wiederum ist nichts anderes als das allumfassende Christusbewusstsein, die reine Liebe, der tragende Urgrund des Seins, der sprudelnde Quell des Lebens. Das Göttliche. Gott.

Jede und jeder von uns trägt dieses Göttliche in sich. Deshalb müssen wir auch nicht irgendwo hingehen und uns von jemandem, der darin angeblich besondere Kompetenzen hat, etwas vorbeten oder gar vorschreiben lassen. Wir können natürlich die Kompetenz von Menschen nutzen, die uns auf unserem Weg in die eigene Innerlichkeit begleiten und uns mögliche Zugangswege aufzeigen. Aber es ist keine zwingende Voraussetzung und schon gar nicht gibt es einen festgelegten Weg, den alle einmütig und möglichst ohne etwas zu hinterfragen zu gehen haben. Wenn wir uns von dieser Vorstellung verabschieden und das Sicherheitsgeländer loslassen, das wir vielleicht in Kindertagen brauchten, in denen uns eine individuelle Gottessuche womöglich überfordert hätte, dann können wir uns auf den Weg machen hin zu freudvollen, kreativen und immer wieder neu überraschenden Begegnungen mit dem Christusbewusstsein in uns.

Christus, das Göttliche, Urgrund des Seins – ist das alles das Gleiche oder sind das verschiedene Facetten des All-Einen? Meiner Erfahrung nach zeigt sich das Göttliche in unterschiedlichen Bildern und Ausprägungen, je nachdem, was unserer Seele näher und vertrauter ist und was eher geeignet ist, in uns das „Mysterium tremendum“ auszulösen, jene heilsame Erschütterung, die sich so unvergesslich in unser Bewusstsein einprägt, dass wir sie niemals mehr infrage stellen oder anzweifeln. Natürlich wird sich mir Gott nur dann in Gestalt des Christusbewusstseins zeigen, wenn ich dazu über eine Vorstellung, ein inneres Bild verfüge. Nur unter dieser Voraussetzung kann ich Bild und Gestalt überhaupt einander zuordnen.

„Gott gebiert seinen eingeborenen Sohn in dir, es sei dir lieb oder leid, ob du schläfst oder wachst: er tut das Seine.“

Meister Eckhart

Diese vielleicht eher abstrakt erscheinenden Überlegungen füllen sich mit Leben, wenn wir beispielhaft auf Verfahren oder Techniken schauen, die geeignet sind, unsere Kanäle so zu öffnen, dass wir aufnahmefähig werden für das Geschenk solcher inneren Bilder. Eine bekannte und glücklicherweise inzwischen auch im Christentum sich wieder mehr ausbreitende Art der inneren Versenkung ist die Kontemplation. Man vertieft sich in die Innerlichkeit und versucht mit unterschiedlichen Hilfsmitteln, die sich immer wieder dazwischendrängelnden Alltagsgedanken sanft wegzuschieben oder weiterziehen zu lassen. Eine auch in anderen religiösen Traditionen verbreitete Methode ist dabei die Konzentration auf den eigenen Atem. Das hilft dabei, im Hier und Jetzt zu bleiben. Atmen können wir weder gestern noch morgen, sondern ausschließlich in diesem einen Moment. Alternativ oder zusätzlich zur Konzentration auf den eigenen gleichmäßigen Hauch des Lebens kann man sich auf den Namen Jesus Christus konzentrieren. Diese als „Herzensgebet“ bezeichnete Form der Kontemplation gleicht einem anhaltenden sehnsüchtigen Ruf nach dem geliebten „Du“. Ich atme auf „Christus“ ein und auf „Jesus“ (alternativ „Jeschu“) aus. Nicht mehr und nicht weniger. Je nach persönlicher Ausdauer 20 Minuten oder eine halbe Stunde lang, einmal oder mehrere Male pro Tag. Ein geistlicher Begleiter sagte einmal, ich könne sicher sein, dass ich nach meiner morgendlichen Kontemplation in dieser Weise das Wichtigste des Tages schon hinter mir hätte. Ich glaube, er hat recht. Nicht immer zeigen sich bei dieser Art des Gebets innere Bilder und nicht immer kann man die Christus-Verbundenheit unmittelbar fühlen. Aber wenn man treu dabeibleibt, wächst im Lauf der Zeit die Sicherheit, dass dieser innere Christus da ist und man mit jedem Atemzug tiefer und enger mit ihm verschmilzt. Die Meditationen, in denen dieses Gefühl so stark und lebendig ist, dass ich auch Bilder von diesem mir innewohnenden Christus empfange, sind Geschenke und helfen mir, dauerhaft „dranzubleiben“.

Manchmal zeigt sich das Christusbewusstsein auch in Situationen, in denen man absolut nicht damit rechnet. Ein Beispiel für ein inneres Erleben, das mich sehr verblüffte, mag dies verdeutlichen und zugleich dazu ermutigen, sich vorbehaltlos zu öffnen für die innere Wirklichkeit und für die Prozesse, die sich dort ebenso real abspielen wie organische Körperprozesse. Nach der Veröffentlichung der MHG-Studie und meinem sich daran anschließenden wiederholten öffentlichen Reden über meine eigenen Missbrauchserlebnisse holte ich mir öfter Unterstützung in Form von Gruppen- und Einzelsitzungen bei einer Logotherapeutin. Die von dem Neurologen und Psychiater Viktor Frankl entwickelte Logotherapie15 hilft dem Suchenden mit klugen Fragen und Impulsen, der Sinnhaftigkeit des eigenen Erlebens auf den Grund zu gehen und sich aus diesem gefühlten Sinn heraus auf höhere Werte auszurichten, wie etwa Mut, innere Freiheit oder Vertrauen.

Ein Teil der Logotherapeuten arbeitet mit den von dem Frankl-Schüler Uwe Böschemeyer entwickelten sogenannten Wertimaginationen.16 Dabei handelt es sich um geführte Wanderungen ins eigene Unterbewusstsein, wo sich uns unsere unbewussten Gefühle und Gefühlskräfte in Gestalt von Bildern zeigen. Sie tun dies in so einprägsamer Weise, dass wir, anders als bei Traumbildern, diese bildhaften Erfahrungen in unserem Tagesbewusstsein behalten, wo sie zu unverlierbaren Erfahrungen werden. Wertimaginationen sind keine Fantasiereisen ins verdrängte, triebhafte Unbewusste, sondern sie zielen auf das geistig Unbewusste ab und auf die in diesem unbewussten Geist verankerten Werte wie etwa Verantwortlichkeit, Gewissen oder Hoffnung.17 Diese höheren Werte zeigen sich bildhaft in sogenannten Wertgestalten, wie z.B. dem inneren Heiler, der Lebenskünstlerin, dem Mutigen oder der inneren Verbündeten.

So weit ein wenig Theorie, damit sich das, was ich in einer Imagination erlebte und nachfolgend be-schreibe, einordnen lässt. Ich kam sehr erschöpft und ausgelaugt zu der Therapeutin und hatte das Gefühl, mich immer nur anstrengen zu müssen. Es war eine bewegte Zeit, die Presse war wie wild hinter mir her wegen der Missbrauchserfahrung und den Wogen, die das Thema nach Veröffentlichung der Studie erneut in der Öffentlichkeit schlug. Überdies war ein mir nahestehender lieber Verwandter gestorben, auch das wollte bewältigt sein. All dies hatte mich psychisch völlig in den Keller geschickt. Die Therapeutin vereinbarte mit mir als Ziel meiner Imagination den „inneren Ort der Lebenserlaubnis“. Im Verlauf der Imagination, so vereinbarten wir, würden wir schauen, welche Wertgestalt mich dorthin führen könnte. Was dann kam, ist so schön und entlastend, dass ich es ausführlich erzähle, um Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zu ermutigen, sich ebenfalls auf innere Wirklichkeitserfahrungen einzulassen.

Ich warte mit ausgebreiteten Armen in meiner inneren Mitte. Rasch werde ich gewahr, dass ich in einer dunklen, kalten Höhle stehe, mit eiskalten Füßen, auf feuchtem, festgestampftem Erdboden. Es fühlt sich unangenehm an. Ich bin mutterseelenallein und kann mir nicht vorstellen, dass mir jemals jemand zu Hilfe kommen könnte. Die Anweisung der Therapeutin, ich solle mich innerlich aufrichten, führt dazu, dass ich erstmals den Blick hebe. Plötzlich sehe ich, dass die Höhle sich nach oben öffnet und ich ein Stück wunderschönen blauen Himmels sehen kann. Das überrascht mich. Während ich weiter auf das Stückchen Himmel schaue, vergrößert es sich. Wie beim Kulissenschieben im Theater dreht sich die Höhle immer mehr weg, während sich der Himmel mehr und mehr ausbreitet. Das fühlt sich gut an, denn ich merke, dass ich nichts tun muss, außer den Blick zu heben bzw. meine Blickrichtung zu ändern. Doch es meldet sich auch ein Zweifel oder Misstrauen: Was, wenn sich die Kulisse nicht um 180, sondern um 360 Grad dreht? Dann werde ich wieder umhüllt sein von Dunkel. Doch plötzlich merke ich, dass ich mittlerweile direkt in der schönen freien Natur stehe: Es ist hell, ich höre Insekten brummen und Vögel zwitschern, meine Füße spüren angenehmes, weiches Gras, Blumen blühen auf der saftig grünen Wiese. Die Sonne wärmt mein Gesicht. Alles ist wohlig und angenehm warm. Da entdecke ich in der Richtung, in der sich die kalte Höhle befindet, eine Ansammlung von Menschen. Ich weiß: Ihnen kann ich nicht über den Weg trauen. Ich habe Angst, denn ich spüre, dass von ihnen Unheil ausgeht. Ich kann nicht alle erkennen, aber meine Eltern sind dabei, Lehrer, Pfarrer und eine ganze Menge fremder, unheilvoller Gestalten. Auf erneute Anweisung der Therapeutin richte ich mich nochmals bewusst auf und bitte meinen inneren Verbündeten, zu mir zu kommen. Ihn hatte ich bislang noch in keiner Imagination gerufen und wusste also nicht, welche Gestalt sich da wohl zeigen würde. Ich staune nicht schlecht: Es ist Christus, der unmittelbar nach meiner Bitte um Unterstützung erscheint. Er stellt sich an meine Seite und legt den Arm um mich und auf meine Schulter. Augenblicklich verändert sich mein Empfinden der Gruppe gegenüber. Wertfrei blicke ich auf die Menschen und denke sachlich und frei von Angst: „Ja, so war es.“ Und mir ist klar: „Ich bin in Sicherheit.“ Wir stehen eine Weile so und es fühlt sich kein bisschen anstrengend an. Dann setzt Christus sich auf den Boden und lädt mich ein, zwischen seinen Beinen Platz zu nehmen. Ich mache es mir gemütlich. Unwillkürlich denke ich an einen Sitzsack, in den man sich hineinlümmeln kann. Auf die Frage der Therapeutin, ob es ein Wort für mein Empfinden gibt, kommt mir zunächst „Geborgenheit“ in den Sinn, dann noch klarer und deutlicher: ein großes „Ja!“. Es ist ein Ja zum Leben, zu meinem Leben. Dieses Ja geht sowohl von mir aus im Sinne von „Ich sage Ja!“ als auch vom Leben selbst. Es wird mir zugesprochen: „Da ist ein großes Ja zu deinem Leben, zu deinem Sein, frei von Anstrengung.“ Mir wird klar: Ich darf einfach sein! Dann sehe ich ein langes Tuch, auf dem das Wort „Ja“ geschrieben steht. Ich bin ganz bedeckt von diesem leichten Laken, das sich über mich ausbreitet und mich zudeckt. Sofort kommt mir der Gedanke: Solch ein anstrengungsloses Sein gibt es nur im Sarg, im Tod, wenn das Leben vorbei ist. Anders erscheint mir das unmöglich. Ich frage Christus, was er von diesem Gedanken hält, und habe meine Frage noch nicht ganz ausgesprochen, da schubst er mich schon sanft, aber mit Nachdruck nach draußen, ins Leben. Nun trage ich das „Ja-Tuch“ als Schleier oder Kopfbedeckung, fast wie ein Beduine. Christus gesellt sich wieder zu mir an meine Seite. Noch einmal schaue ich auf die Gruppe unglückseliger Menschen und merke, dass ich hier nicht bleiben darf. Auf Anweisung der Therapeutin bitte ich meinen inneren Verbündeten, mich zum Ort der Lebenserlaubnis zu führen. Wir drehen uns miteinander weg und dieser Moment der Drehung ist zugleich der Moment tiefer Erleichterung und Glückseligkeit. Es fühlt sich stimmig an, mich wegzudrehen und Arm in Arm mit Christus wegzugehen. Das Gefühl ist deshalb so schön, weil ich weiß, dass dort drüben, auf der anderen Seite meines Blickwinkels, Neuland wartet, das ich voller Neugier wie ein Kind beschreiten möchte. Wir laufen los und schon beim ersten Schritt merke ich, dass wir Sand unter den Füßen haben. Wir sind an einem wunderschönen Strand und laufen direkt aufs Meer zu. Am Wasser angekommen bleiben wir miteinander stehen und schauen. Die Luft ist frisch und salzig, Möwen ziehen kreischend ihre Bahnen. Das Meer glitzert und funkelt, weit draußen ist ein Segelboot zu sehen. Wir stehen da in völliger Anstrengungslosigkeit und können uns nicht satt sehen an der ewigen Bewegung des Wassers und der Wolken. Ich weiß: An diesem Ort darf ich sein und es gibt keinen Grund, mich jemals wieder hier wegzubewegen. Es gibt nichts, das getan werden muss. Die Sonne sinkt allmählich, der Sonnenuntergang naht und ich weiß: Ja, ich darf einfach sein!

Die Beschreibung dieses kostbaren inneren Schatzes mag Sie ermutigen, ebenfalls offen zu sein für die Ein-fälle Gottes. Gott, hier in Gestalt des mir so vertrauten und lieb gewordenen Christus, fällt in mich ein, um mir etwas zu verdeutlichen, das mir mit dem reinen Intellekt nicht zugänglich ist. Ich brauchte dazu keinen Theologen oder andersgearteten Mittler. Die logotherapeutische Sitzung stand keinesfalls unter einem explizit religiösen Vorzeichen. Vielmehr hatte ich sogar Bedenken, gleich dazu zu stehen, dass sich mir der innere Verbündete in Gestalt des Christusbewusstseins zeigte. Es erschien mir kitschig und als „Christus-Fan“ dachte ich erst, ich würde mir das im Kopf zusammenreimen oder ein-bilden. Dann aber entfalteten sich die Bilder in mir in solcher Leichtigkeit und rascher Abfolge, dass es sich unmöglich um „Kopfgeburten“ handeln konnte. Als ich diese Gedanken am Ende der Sitzung der Therapeutin gegenüber äußerte, meinte sie mit sanftem Lächeln: „In Wertimaginationen zeigt sich Christus oft – auch bei Menschen, die ihn gar nicht haben wollen.“

Sich dergestalt in die Innerlichkeit zu versenken, mag nicht jederfraus, erst recht nicht jedermanns Sache sein. Es gibt genügend andere Möglichkeiten, sich von Christus berühren zu lassen und ihn in der Tiefe der eigenen Seele neu oder wieder zu entdecken. Verschiedene Anregungen dazu aus meinem eigenen Erfahrungsschatz, wie zum Beispiel Christusbegegnungen in der Systemischen Aufstellungsarbeit oder beim Holotropen Atmen, habe ich an anderer Stelle bereits gegeben.18 Genauso gut kann die Christusbeziehung beim Betrachten eines Bildes oder der Lektüre eines Gedichtes neu aufflammen, im Spiel mit einem Kind, beim Wandern in der Natur oder auch nachts im Traum. Lassen wir uns in unserer Tiefe berühren, wodurch auch immer. Der weltberühmte Franziskanerpater Richard Rohr definiert die Begriffe Mystik oder mystisch als „Religion, die auf Erfahrung beruht. Das ist alles.“19 Dabei ist ja nicht auszuschließen, dass uns Christus sogar in einem klassischen Gottesdienst begegnet. Bei Gott ist bekanntlich nichts unmöglich. Nur das Monopol auf die Vermittlung von Gotteserfahrungen können wir Kirche und ihren Vertreter*innen nicht länger einräumen. Dazu ist die Begegnung mit diesem Christus und die Rückbindung an ihn, re-ligio im Wortsinn, zu wesentlich.

Mit dieser ersten These verhält es sich wie mit Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wenn wir uns tagtäglich im Umgang mit uns selbst, mit anderen und mit unserem Lebensraum daran erinnern und danach handeln würden, könnten wir uns weitere Normen und Vorschriften sparen. Sobald wir uns auf diesen Jesus von Nazareth be-sinnen und ihn in unserem Alltag zum Maßstab unseres Handelns machen oder uns zumindest darin üben, erübrigen sich alle weiteren Prämissen. So einfach könnte es sein. Aber da wir vor lauter Anweisungen, Vorschriften und Moralgedöns, das die Kirchen diesem Jesus angedichtet haben, gar nicht mehr wissen, was es bedeuten könnte, sich in unserem ganz normalen Leben freud- und kraftvoll an ihm zu orientieren und aus dieser Quelle zu leben, müssen wir uns ein paar Gedanken mehr dazu machen.

„Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.“

Gustav Heinemann, Bundespräsident, 1969–1974

2.Es gibt nur eine Konfession.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit machten sich 2019 sogar die deutschen katholischen Bischöfe auf den Weg und beschlossen den sogenannten „synodalen Weg“, was bedeutet, dass Monarchen von ihrem Herrschaftsanspruch insoweit ablassen, als sie in einem jahrelangen „strukturierten Dialog“ mit den Mitgliedern ihrer Religionsgemeinschaft über reformbedürftige Reizthemen diskutieren. Nicht einmal dieses simple „Wir reden miteinander“ lässt sich ohne Proteste und Gegenstimmen umsetzen, aber die Mehrheit derer, die begriffen haben, dass sie nicht herumkommen um einen Austausch auch mit den sogenannten Laien und Laiinnen – hört, hört, sogar mit den Frauen! –, setzte sich durch. Willkommen im 21. Jahrhundert! Was für die evangelische Kirche längst selbstverständlich ist, soll jetzt bei den Katholiken in Angriff genommen werden, zaghaft und kontrovers diskutiert. Der Hintergrund der Widerstände, die sich da regen, liegt im unbequemen Abgeben von Macht, das durch demokratische Prozesse unvermeidlich wird, jedenfalls, wenn man sie ernst nimmt. Durchs mediale Dorf getrieben jedoch wird eine andere Kuh: die Angst vor einem Schisma, einer neuerlichen Spaltung, vor dem „Zerfall der Weltkirche“. Sogar der Chef persönlich meldete sich zu Wort in Form eines Briefes an die deutschen Katholiken20, in dem unterschwellig und schon dadurch, dass ein Papst diese seltene Maßnahme überhaupt ergreift, zum Ausdruck kommt, dass die Deutschen sich tunlichst vor einem Sonderweg hüten sollen. Die römisch-katholischen Schäfchen sollen schön zusammenbleiben; wo kämen wir denn hin, wenn das deutsche Lamm einfach ausscherte! Selbst wenn also in diesem neuen Gremium, das sich Mitspracherechte und offene Diskussionsprozesse ans Revers bzw. den klerikalen Stehkragen heftet, heiße Eisen besprochen werden, darf das von vornherein nicht zu revolutionären Veränderungen führen. Man kann sich vorstellen, wie es laufen wird: Themen wie die Priesterweihe von Frauen, die Behandlung gleichgeschlechtlicher Paare oder auch „nur“ Wiederverheirateter sowie der lebensfeindliche Pflichtzölibat für Priester kommen auf die Tagesordnung und werden weitschweifig über Jahre hinweg in verschiedenen Gruppierungen diskutiert. Damit gibt man sich modern und beruhigt die Öffentlichkeit: „Wir sind auf dem synodalen Weg“, „Wir sind im Gespräch“. Danach bleibt für die nächsten Jahrhunderte alles beim Alten. Gut, dass wir darüber gesprochen haben!

Zerfall der Weltkirche – welche Weltkirche eigentlich? Wenn man diesen Begriff nur auf den eigenen Stall bezieht und alles ausschließlich aus dieser Perspektive betrachtet, könnte man meinen, es gäbe noch eine Einheit. Wenn man aber das ganze Christentum betrachtet – von anderen Religionen als möglichen Zugangswegen zum All-Einen ganz zu schweigen – und sich bewusst macht, wie viele christliche Konfessionen es gibt, stellt sich die Realität ganz anders dar. Von wegen Einheit! Ich werde mich hüten, eine konkrete Zahl zu nennen, da melden sich sicher kluge Menschen, die es besser und genauer wissen. Es kommt dabei darauf an, was man alles dazuzählt bzw. „gelten“ lässt. Neben den zahllosen Konfessionen gibt es Begriffe wie Strömung, Bewegung, Gemeinschaft, Gruppe, Glaubenstradition … Nicht zu vergessen, die überkonfessionellen Glaubensgemeinschaften und Vereine, die dann wiederum nicht verwechselt werden dürfen mit den Konfessionslosen oder gar der Ökumene. Alles klar? Machen wir uns bewusst: All diese Gruppierungen beziehen sich ausnahmslos auf den einen Jesus Christus. Trotzdem verlieren sie sich in Haarspaltereien und bekämpfen einander gegenseitig aufgrund von „Mentalitätsunterschieden“, wie einer der Gründe für Abspaltungen genannt wird. Es handelt sich dabei um Nebensächlichkeiten, die mit dem, worum es eigentlich bei Religion geht, nichts zu tun haben.

Auch in meinem Berufsalltag erlebe ich das immer wieder. Ein Beispiel: In einem evangelischen Jugendprojekt, in dem ich als Beraterin mitarbeite, äußerte ich mein Unbehagen darüber, bei einer Veranstaltung Jugendliche mit Skateboards über den Altar fahren zu lassen. Vielleicht ist man in der zweiten Lebenshälfte ein wenig prüde, aber ich fände es auch nicht witzig, wenn die Jugendlichen über meinen heimischen Esstisch skaten würden. Sofort bekam ich die Breitseite vom Pfarrer: Als Katholikin hätte ich natürlich ein anderes Verständnis vom Tisch des Herrn, der bei uns schließlich geweiht sei. Nach evangelischem Verständnis dagegen sei das eben nur ein Tisch, den man in der Jugendarbeit durchaus einmal anderweitig nutzen könne. Aha. Wenn ich daheim meinen Tisch schön gedeckt habe und mit lieben Menschen um ihn herum versammelt bin, ist das für mich und hoffentlich für all meine Gäste auch ein geweihter heiliger Ort. Selbst nach dem Abräumen des Geschirrs würde ich persönlich die Skater lieber hinunter in den Hof schicken. Im Geiste stehe ich meinem inneren Christus gegenüber und frage ihn, welches konfessionelle Tischverständnis er persönlich bevorzuge. Erst schaut er mich mit seinem klaren Blick unverwandt an, dann bricht er in schallendes Gelächter aus.

Christus war kein Christ

Welche Spaltung soll denn nun also vermieden werden? Anders gefragt: Von welcher Einheit ist da eigentlich die Rede, die angeblich erhalten werden soll? Es ist ja nicht nur ein einziger Riss, der so unübersehbar durch das Christentum geht, sondern im Lauf von zwei Jahrtausenden entstand ein ganzer Flickenteppich. Nun können solche Bodenbeläge bekanntlich hübsch bunt und schön anzuschauen sein, doch wenn der einzig verbindende Faden immer mehr in den Hintergrund tritt und kein Zusammenhang mehr erkennbar ist, kann man irgendwann überhaupt keinen Teppich mehr als tragenden Grund erkennen. Innerhalb der großen christlichen Kirchen ist es oft richtiggehend peinlich, außerhalb von Gottesdiensten den Namen Jesus oder Christus auch nur zu erwähnen. „Wie ist denn die drauf?“ Befremdlich … Andere Strömungen, vorwiegend die freikirchlichen, neigen zum Gegenteil und erschlagen einen in jeder passenden und unpassenden Situation mit Gebeten, Bibelstellen oder frommen Sprüchen. Was mir jedoch oft fehlt, ist das innere Spüren dieses tragenden Grundes, jenseits von Theorien, Glaubenssätzen, Dogmen. Genau da aber fängt re-ligio, Rückbindung, an: im Inneren jedes einzelnen Menschen, nicht im Außen, weder in Vorschriften und Normen noch in festgelegten Ritualen und Bräuchen. Wenn wir uns rückbesinnen auf diese Wurzel und auf das, was dieser Jeschu in die Welt bringen und uns vermitteln wollte, zum Beispiel mit einer Frage wie „Was soll ich dir tun?“ (Mk 10,51), verkommen all die kleinkarierten theologischen Diskussionen von selbst zur Bedeutungslosigkeit. Machen wir uns klar: Jesus war weder katholisch noch evangelisch, er war bekennender Jude. So kann auch für uns Konfession wieder ein Bekenntnis im Wortsinn werden, nämlich zu diesem einen Jesus Christus als Wegweiser und Begleiter zu Gott.

„Der religiöse Mensch der Zukunft wird ein interreligiöser Mensch sein.

Das heißt nicht, dass man zweigleisig fährt, sondern dass man gut beheimatet ist und von da aus in den Dialog geht.“

Sebastian Painadath21

In einem neuen Christus-Bewusstsein leben wir diese Anbindung an die eine göttliche Quelle von innen heraus. Ein beeindruckendes Vorbild für solch eine spirituelle Haltung ist der in Kerala in einem christlichen Ashram lebende und arbeitende indische Jesuit Pater Sebastian Painadath. Neben dem einfachen und naturverbundenen Lebensstil sowie dem Einsatz für die Bewahrung der ökologischen Lebensgrundlagen der Einwohner*innen gibt es dort in spiritueller Hinsicht eine große Besonderheit: Christen, Moslems, Hindus und Buddhisten sind eingeladen miteinander zu beten, quer über alle Religionsgrenzen hinweg. Dem bescheiden und stets in Einfachheit auftretenden indischen Priester geht es darum, alle Wege der Suche nach dem einen Göttlichen zu würdigen und in respektvollem Dialog und gegenseitigem Interesse zu leben. Auf seinen Vortragsreisen und Meditationskursen im Westen hält sich dieser Gelehrte gar nicht auf bei Detailfragen verschiedener christlicher Konfessionen, wie etwa ob ein gemeinsames Abendmahl evangelischer und katholischer Christ*innen „erlaubt“ sei. Die Themen, die kirchlich geprägte Kreise in unseren Breiten bewegen, sind so weit weg von dem, was dieser Mann vermitteln will, dass er bei derartigen Diskussionen zwar fast ratlos, nie aber abwertend wirkt. Ihm geht es um ein inneres Zusammenwachsen der spirituellen Traditionen von Ost und West, um ein tiefes Verständnis etwa der mystischen Weisheitslehre eines christlichen Meister Eckhart ebenso wie der hinduistischen Upanishaden. Und zwar nicht, um eine der Lehren absolut zu setzen, im Gegenteil: Er leitet Menschen an, dem göttlichen Kern in ihrem eigenen inneren Herzensraum zu begegnen und auf der Grundlage dieser tiefen Erfahrungen in den Dialog mit anderen Religionen zu gehen. Wachen wir also auf und lassen auch wir den trennenden „Klein-Klein-Kram“ hinter uns. Das ist ganz leicht. Einfach weglassen und miteinander auf die Suche nach der göttlichen Quelle in uns gehen, jenseits aller Religions- oder Konfessionsgrenzen. So einfach ist das und so befreiend!

Das kann aber nur gelingen, wenn wir endlich aufhören, Religion und Kirche gleichzusetzen. Solange die Frage: „Bist du noch drin?“ im Vordergrund steht und mit Religiosität verwechselt wird, werden wir in unserer spirituellen Entwicklung weiterhin gelähmt bleiben und die Anbindung (re-ligio) nicht spüren. Kirche als Gesamtsystem in ihrem derzeitigen Zustand, egal welcher Konfession, erscheint mir eher als Religions-Verhinderer. Lassen wir uns unsere Zugangswege nicht länger blockieren!

Es ist Sonntagmittag und ich komme zurück von unserem „Sonnengebet“. Erfüllt von einem tiefen Glücksgefühl, geht mir das Wort be-seelt durch den Kopf. Ich ertappe mich dabei, dass ich diesen Begriff manchmal eher abwertend verwende und über jemanden sage: „Der oder die ist mir zu beseelt.“ Heute merke ich, dass genau dieses Wort mein inneres Erleben am treffendsten beschreibt: Die Gemeinschaft, die ich an diesem Vormittag erfahren durfte, berührte mich in der Tiefe. Sie erreichte meine Seele und damit meinen innersten göttlichen Kern. Es ist die Erfahrung, die ich mir in einem Gottesdienst wünsche. Diese unsere Art des Gottesdienstes lernten wir von Pater Painadath: Das auf dem Yoga basierende „Sonnengebet“22 ist ein Beten mit allen Sinnen. Wir beten nicht etwa die Sonne an, sondern beginnen in einer dankbaren Haltung den von der göttlichen Quelle geschenkten Tag. Dabei verrenken wir uns nicht in komplizierten Yoga-Formen, sondern verknüpfen 20 einfache Bewegungsabfolgen mit einem geistigen Impuls. Zum Beispiel strecken wir uns weit nach oben aus, formen die Hände zu einer Blüte und spüren hinein mit dem Gedanken: „Wie eine Knospe warte ich geduldig auf die Entfaltung durch das göttliche Licht.“ Um die Knospe allmählich sich öffnen zu lassen mit dem Satz: „Im göttlichen Licht der Sonne wächst und blüht mein Leben voll Freude.“ Nach ca. 15 Minuten körperorientiertem Gebet beten wir gemeinsam das „Vaterunser“ und setzen uns anschließend für 25 Minuten zur stillen Kontemplation. Danach frühstücken wir bei einem „bring & share“-Buffet miteinander und tauschen uns aus über das, was uns bewegt. Heute stand das Thema Spiritualität im Vordergrund und wir erzählten sehr offen: von unserer Sehnsucht und von enttäuschten Hoffnungen, von schönen religiösen Erfahrungen und von der Verzweiflung der „dunklen Nacht der Seele“. Das alles in gegenseitiger Wertschätzung und Achtung vor der Haltung und den Erlebnissen der anderen, ohne das Wort „Achtsamkeit“ aussprechen oder dazu aufrufen zu müssen. Unsere religiöse Sozialisation spielt nur insofern eine Rolle, als wir uns über unser inneres Erleben austauschen und über den Weg, den wir damit gehen. Ob jemand nicht oder noch oder wieder einer kirchlichen Institution oder religiösen Gemeinschaft angehört, ist unerheblich; zum Teil wissen wir das gar nicht voneinander. Durch die Art des sinnlichen Gebets, mit dem wir diese Mahlgemeinschaft beginnen, und durch das Interesse füreinander entsteht auch bei neu hinzukommenden und einander noch fremden Menschen augen-blicklich wohltuende Nähe. Ich bin sicher: Christus war heute in unserer Mitte und hielt mit uns Mahl.

Ursprünglich hatten wir das „Sonnengebet“ in einem evangelischen Gemeindehaus anbieten wollen. Der Pfarrer, dem ich es beschrieben hatte, war begeistert von der Idee und wollte die Veranstaltung sogar ins Gemeindeangebot aufnehmen. Zuvor sollte ich es im Kirchenvorstand vorstellen, dort wäre man bestimmt sehr angetan. Nachdem ich lange vergeblich auf die Einladung dorthin gewartet hatte, hakte ich nach. Auf meine erste Mail erhielt ich keine Antwort. Auf meine zweite Nachfrage bekam ich brüsk und ohne jede Begründung die Nachricht, man habe sich entschieden, das Angebot nicht anzunehmen. Meine weitere Frage, woran es denn gescheitert sei, blieb ohne Reaktion. Über einen Bekannten erfuhren wir später, dass die Frage dem Kirchenvorstand nie zur Entscheidung vorgelegt worden war. Das Thema sei bereits im Kreis der zuständigen Pfarrer gescheitert mit der Begründung, so etwas passe nicht ins Konzept der Gemeinde. So viel zu den oft als Vorzeigemodell verkauften demokratischen Prozessen innerhalb evangelischer Strukturen.

Ich bin gespannt, was aus all den schönen Räumen wird, über die sowohl katholische als auch evangelische Gemeinden verfügen. Räume nehmen Energien auf und wenn sie irgendwann nicht mehr be-spielt werden, werden sie stumpf und innerlich leer. Ganz davon abgesehen, dass es Menschen braucht, die sich um den Erhalt kümmern, sowohl finanziell als auch ideell. Lassen wir wirklich alles verkommen, was mit viel Liebe, Geld und Zeit aufgebaut wurde, aus lauter Angst vor Veränderung?

Wir sind nun mit unserer „Sonnengemeinde“ einmal pro Monat gegen einen geringen Obolus zu Gast in den Räumlichkeiten eines gemeinnützigen Vereins. Die Fachberatungsstelle kümmert sich um von sexualisierter Gewalt betroffene Mädchen und Frauen, spirituelle Veranstaltungen im engeren Sinn gehören nicht zur Angebotspalette. Doch als ich anfragte, ob wir dort zu unserem „Sonnengebet“ zusammenkommen können, stand die Tür für uns weit offen.

Angst lässt uns eng werden, das lateinische Wort „angustia“, die Enge, erinnert daran. Christliche Glaubensgemeinschaften egal welcher Couleur haben oft so viel Angst davor, auch noch die letzten treuen Anhänger*innen zu verlieren, dass sie eher enger werden, statt einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen, warum sie denn mit ihrer Botschaft für Menschen nicht mehr attraktiv sind, nicht anziehend im Sinne einer magnetischen Sogwirkung, die nur durch einen spürbar heilsamen und freudvollen Ruf entstünde. Katholiken in unseren Breiten haben, so scheint es mir, weitestgehend kapituliert. Sie fangen an, mit viel Geld ihre Kirchen rückzubauen, die vor Jahrzehnten mit ebenso viel Geld gebaut wurden. Diejenigen, die noch kommen, sollten es behaglich haben, heißt es. Darüber hinaus redet man sich den Mitgliederschwund mit verbissenen Lippen schön mit der Begründung, es wäre doch wunderbar, wenn künftig nur noch die kämen, die es ernst meinten mit dem Glauben. Auf die Idee, dass der mangelnde Zulauf an den Glaubensinhalten und an der trostlosen Vermittlung der selbigen liegen könnte, kommt man vorsichtshalber nicht. Dabei wäre eine programmatische Neuausrichtung und Be-sinnung nicht nur heilsamer, sondern auch bei Weitem kostengünstiger. Man könnte mit dem eingesparten Geld endlich das tun, wozu jede Religionsgemeinschaft per definitionem aufgerufen ist: aus der eigenen Komfortzone heraustreten und Leid und Not derer lindern, die unserer Hilfe so dringend bedürfen. Wie kann ausgerechnet eine Gemeinschaft so wenig wandlungsfähig sein, die Sonntag für Sonntag oder sogar täglich die Wandlung feiert?

In evangelischen Gemeinden oder Projekten erlebe ich dagegen oft ein inhaltliches Sich-Anbiedern bei den paar wenigen Menschen, die noch kommen. Um sich einen modernen Anstrich zu geben, springt man über jedes sich bietende Stöckchen: „Wir gehen mit der Zeit!“ Im Vergleich zum katholisch starrsinnigen Beharren ist dies das andere Extrem: Man wogt im Namen des Herrn mit jeder Zeitgeistwelle mit, Hauptsache, es wirkt „hip“. Ich glaube, dass langfristig auch diese Haltung, die wie ein orientierungslos im weiten Ozean treibendes Boot jede Trend-Wende mitmacht, genauso wenig tragfähig ist, wie andererseits jedwede fehlende Wandlungsbereitschaft.

Wie aber könnte es anders gelingen? Wo liegt der Schlüssel? Wiederum denke ich, die Lösung ist einfach: Ein erneuertes Christentum legt weniger Wert auf die Hülle als auf den Inhalt. Wir stecken weder Energie in das Aufrechterhalten einer Organisation noch in den Neuaufbau. Die ganze Kraft und Sehnsucht fließt in das, von dem wir spüren, dass es uns in der Tiefe erreicht und wirklich trägt, auch in ungemütlichen Lebenssituationen. Wir geben jede fundamentalistische Einstellung auf und lassen überkommene Deutungen uralter Bilder ein für alle Mal los. Wenn wir uns be-sinnen auf ihren ursprünglichen Gehalt, auf das, was damit gemeint gewesen sein könnte und vor allem, was uns heute daraus an Weisheit und für unsere Zeit not-wendigem Handlungsimpuls erwachsen kann, dann spielen kleingeistige theologische Spitzfindigkeiten plötzlich keine Rolle mehr.

„Das Tatsächliche ist nicht geschehen.

Es geschieht in uns, wenn wir es richtig begreifen.“

Eugen Drewermann23

Bezeichnenderweise findet man die an-stößigsten Impulse bei Menschen, die bei Kirche, zumal der katholischen, in Ungnade gefallen sind. Einer davon ist der bekannte Theologe, Tiefenpsychologe und Buchautor Eugen Drewermann. Den unbequemen Rabbiner Jeschu ließ das damals herrschende Regime aufgrund seiner un-erhört radikalen Lehre ans Kreuz schlagen. Die Mittel und Wege, derer sich mächtige Systeme und die in ihnen agierenden Personen heute bedienen, sind auf andere Art gewalttätig und grausam: 1991 entzog die katholische Kirche Drewermann die kirchliche Lehrbefugnis, dann erteilte sie ihm Predigtverbot, um ihn schließlich 1992 vom Priesteramt zu suspendieren. Angesichts der schonungslosen Radikalität und Aktualität, mit der Drewermann die jesuanische Botschaft eben nicht wörtlich, dafür aber sehr wohl beim Wort nimmt, ist er eindeutig zu ungemütlich für Kirchenobere. Versteht man die Gleichnisse und Geschichten, die dieser Jesus damals erzählte, bildlich und symbolhaft, bekommt das Neue Testament plötzlich einen brandaktuellen Bezug und wir müssen radikal etwas an unserer Haltung und damit in der Welt verändern. Wenn wir das begreifen und uns wirklich darauf einlassen, erreichen uns die hinreichend bekannten Legenden, die wir unzählige Male in Religionsunterricht und Gottesdienst hörten, wieder in der Tiefe unserer Herzen und können gar nicht anders, als uns aufzurütteln.

Ein Beispiel: In einem Vortrag erzählt Drewermann von dem Gespräch, das er mit seinem damaligen Bischof führte, ehe dieser ihn aus den kirchlichen Reihen verstieß. In der Begegnung bekräftigte Drewermann seine Haltung, nach der biblische Bilder eben entsprechend bildhaft auszulegen sind und nicht als historische Tatsachen verstanden werden dürfen. Exemplarisch greift er das Wunder von der Brotvermehrung heraus und zwar so, wie es im Johannes-Evangelium beschrieben ist (Joh 6,9). In dieser Erzählung lässt sich Jesus von einem Kind das Wenige geben, was es hat, nämlich fünf Brote und zwei Fische. Und plötzlich ist genug für alle da! Drewermann legt „seinem“ Bischof den tiefen Sinn dieser Geschichte aus: Natürlich vermehrte der Rabbiner nicht fünf Brote und zwei Fische zu Nahrung für Tausende von Menschen. Wie sollten wir so etwas verstehen oder den Kindern in der Schule erklären: Es gibt einen allmächtigen Gott, der Nahrung für alle herbeischaffen kann, einfach, weil er es will, und zugleich verkündet uns die UNO, dass gerade 20 Millionen Menschen in Nordafrika verhungern? Wenn Gott das nicht verhindert, obwohl er es könnte, so Drewermann weiter, dann gehörte er schleunigst selbst verurteilt wegen unterlassener Hilfeleistung. Der damalige „Noch-Priester“ wendet sich direkt an seinen Vorgesetzten: „Herr Erzbischof, mit dieser Meinung verbreiten Sie nicht Glauben, sondern Unglauben.“ Wie viele andere biblische Geschichten ist auch das „Brotwunder“ eine Legende und die Botschaft richtet sich an uns: Wir sollen das Wunder dieser Verwandlung geschehen lassen und endlich mit den Armen teilen. Stattdessen aber sichern wir unsere Grenzen, lassen die Menschen im Mittelmeer absaufen, verbreiten Angst und schaffen vermeintliche Sicherheit. Schonungslos legt Drewermann den Finger in die weit klaffende Wunde, indem er den Appell Jesu auf unsere aktuellen Systeme Kirche und Staat überträgt. Genau wie die Jünger behaupteten, es sei nicht genug für alle da, heißt es auch bei uns stereotyp, wir hätten nicht genug Geld. „Für Hungernde ist nie genug Geld da, hingegen ist immer genug da für Rüstung, immer genug für Kirchenbauten, immer genug für Personalkosten …“ Und Drewermann betont dem Erzbischof gegenüber dezidiert, das Wunder bestünde nicht darin, dass Jesus damals Brot vermehrte, sondern darin, dass er das menschliche Herz ändert „von uns verdammten Erwachsenen, die nur rechnen können, wie es vernünftig und effizient ist und wie es sich in den nächsten Wahlen politisch auswirken wird“. Jesus öffnete das Herz des Kindes fürs Teilen. Es ist höchste Zeit, dass wir das begreifen. Drewermann konfrontiert den Erzbischof knallhart mit der Realität: „Ob Sie das Wunder der Brotvermehrung glauben oder nicht, entscheidet sich heute Nachmittag.“ Nämlich darin, ob er aus diesem Gespräch hinausginge und bei der kirchlichen Position „Wir haben kein Geld“ bliebe oder ob er den mit dem Bild verbundenen Auftrag, dass wir uns „auf die Socken machen sollen“, ernst nähme und umsetze. Offenbar machte sich der Bischof auf die Socken – und leitete das Amtsenthebungsverfahren gegen Eugen Drewermann ein.

Ein erneuertes Christentum wird die biblischen Geschichten in diesem Sinn des „Hier und Jetzt“ neu lesen und deuten. Wir verstehen sie als ermutigende Vision von einer Welt, wie sie sein kann, wenn wir unsere Herzen füreinander öffnen, bedingungslos und grenzenlos. Wir verstehen die Botschaft Jesu als Appell, den wir ernst nehmen und für bare Münze, ohne ihn wörtlich zu nehmen. Nur so werden wir der Evolution, dem Fortgang der Menschheitsgeschichte und der damit einhergehenden Weiterentwicklung des Bewusstseins gerecht. Um es mit Drewermann zu sagen: „Die Bibel erzählt Visionen, um diese gottverdammte Wirklichkeit zu widerlegen. Das ist ihre Aufgabe: den Traum Jesu von einem kommenden Gottesreich in unsere Seele zu schreiben.“24

Dass diese Art des biblischen Verständnisses, Seins und Handelns konfessionelle Gräben nicht kennt, dürfte sich von selbst verstehen. Doch ein solches Miteinander zieht auch im Umgang mit anderen Religionen keine Grenzen; es muss sich nicht abgrenzen und eng werden aus Angst vor der Position der anderen. Wenn wir heilige Schriften in dieser Weise lesen, werden wir immer versuchen, das Beste aus ihnen herauszudestillieren, nämlich das, was uns selbst inwendig aufrichten kann und was dem gelingenden Miteinander von uns Menschen und aller anderen Geschöpfe auf diesem Planeten am meisten dienlich ist und geeignet, Not und Elend zu lindern. Lassen wir noch einmal Eugen Drewermann zu Wort kommen, diesmal in seinem Dialogbuch „Wozu Religion? Sinnfindung in Zeiten der Gier nach Macht und Geld“ befragt, ob Religionen nicht eigentlich zusammengehen könnten, wenn sie bereit wären, viel von ihrer Macht abzugeben: „Ganz sicher. Sobald sie beginnen würden, von unten her mit Träumen, mit Symbolen, dichterisch, von den Bedürfnissen der Menschen her in Angstberuhigung, Güte und Begleitung, im Nichtverurteilen und im Verstehen sich mitzuteilen, wäre die Herrschaft religiöser Institutionen über Menschen zu Ende. Wir sähen dann Menschen vor uns, die sich langsam aufranken wie Blumen beim Sonnenschein im Frühling.“25 Das Bild passt zu unserem „Sonnengebet“, mit dem wir im kleinen Rahmen einen Anfang dieser wohltuenden Vision leben. Lassen wir sie in unterschiedlichsten Formen überall auf der Welt zur heilsamen Wirklichkeit werden!

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22 aralık 2023
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9783532600580
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