Kitabı oku: «Steirertanz»

Yazı tipi:

Claudia Rossbacher

Steirertanz

Sandra Mohrs elfter Fall


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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © alamy und Hannes Rossbacher – www.hannes-rossbacher.com

ISBN 978-3-8392-6802-5

Vorbemerkung

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Zugunsten der Verständlichkeit und Lesbarkeit wurde auf Ausseer Dialekt im Buch weitestgehend verzichtet. Ein Glossar der steirischen beziehungsweise österreichischen Ausdrücke und Abkürzungen befindet sich am Ende.

Zitat

»Gib deinen Lesern, was sie erwarten,

aber überrasche sie dabei.«

© Claudia Rossbacher

Vorwort der Autorin

Liebe Leserinnen und Leser!

Jedes Jahr aufs Neue versuche ich, dem nebenstehenden Leitspruch mit meinen Steirerkrimis gerecht zu werden, und hoffe, dass mir das auch im vorliegenden elften Fall gelingt. Diesmal wurde ich beim Schreiben des Buches selbst überrascht. Plötzlich war alles anders. Sie ahnen den Grund: Corona.

Ursprünglich hätte Steirertanz am Abend des 8. Jänner 2021 erscheinen sollen – beim elften Steirerball in der Wiener Hofburg. So weit der Plan, den der Verein der Steirer in Wien als Veranstalter, der Gmeiner-Verlag und ich bereits vor Jahren geschmiedet hatten.

Als im März 2020 dann der erste Lockdown kam, waren die ersten 50 Seiten des Buches geschrieben. Doch nichts war mehr so, wie es hätte sein sollen. Nichts von der Handlung, die ich im Jänner 2021 angesetzt hatte – damals noch in der Zukunft –, stimmte mehr. Um eine plausible Geschichte zu erzählen, musste die Pandemie auch in den Köpfen meiner Figuren stattgefunden haben. Als gnadenlose Optimistin habe ich im späten Frühjahr noch gehofft, der Steirerball könnte wie geplant im folgenden Winter abgehalten werden, und erst einmal die vorhandenen Seiten »post Corona« umgeschrieben. Mit dem Blick in die Glaskugel habe ich von da an weitergeschrieben und, stets der Realität folgend, etliche Male wieder umgeschrieben.

Spätestens mit den neuerlich steigenden Covid-19-Fallzahlen im Herbst 2020 war klar, dass der Steirerball 2021 nicht wie geplant stattfinden würde. Also habe ich die Handlung kurzerhand in eine fernere Zukunft verlegt. Die Zukunft nach Corona, wenn wir uns alle wieder nahe sein und uneingeschränkt miteinander feiern dürfen. Ob alles so eintreffen wird wie in der Fiktion, darf bezweifelt werden, soll Ihren Lesegenuss aber keinesfalls schmälern.

So lade ich Sie nun herzlich ein, mit den LKA-Ermittlern Sandra Mohr und Sascha Bergmann ins Ausseerland zu reisen, das seit der Entdeckung der Sommerfrische Mitte des 19. Jahrhunderts als besonderer Anziehungspunkt vor allem, aber schon lange nicht mehr nur, für Wiener gilt. Die Ermittlungen führen vom Steirischen Salzkammergut zum Showdown am Steirerball in die Hofburg, auf den ich mich schon jetzt freue. Wann auch immer er stattfinden wird können.

Passen Sie gut auf sich und andere auf und bleiben Sie gesund!

Herzlich

Ihre Claudia Rossbacher

PS.: Über Ihre Rezensionen im Internet oder persönlichen Zuschriften an office@claudia-rossbacher.com freue ich mich. Sollten Sie Fehler im Buch entdecken, können Sie mir diese gerne per E-Mail melden, damit sie in den nächsten Auflagen nicht wieder auftauchen. Vielen Dank!

Reinischkogel, im November 2020

Prolog

Freitag, 8. Jänner

Wien

Kaum hatte das Taxi das Burgtor passiert, geriet der Verkehr ins Stocken. Und wieder addierte das Taxameter 20 Cent zum Fahrpreis hinzu. Angespannt blickte sie auf ihr Handy. Der VIP-Empfang am Steirerball in der Hofburg würde ohne sie beginnen müssen. Für den Einzug der Ehrengäste war sie allemal früh genug dran.

Aus dem Radio schmetterte Falco Vienna Calling. Wie lange war es eigentlich her, dass das Idol ihrer Mutter tödlich verunglückt war? Beinahe ein Vierteljahrhundert, rechnete sie zurück. Zum Zeitpunkt seines Verkehrsunfalls in der Dominikanischen Republik war sie keine zehn Jahre alt gewesen. Nichtsdestotrotz erinnerte sie sich noch sehr gut an die Todesnachricht. Denn von da an war nichts mehr wie zuvor gewesen.

Ihre Mutter weinte tagelang, als wäre ein guter Freund von ihr gegangen, und konnte sich kaum beruhigen. Seither fuhr sie nur mehr ungern mit dem Auto, litt auf Überlandstrecken unter Panikattacken. Nach und nach kamen immer weitere Phobien hinzu. Psychopharmaka, Suizidversuche, psychiatrische Klinik.

Der Vater ignorierte den labilen Zustand seiner Ehefrau, die er einfach nicht verstehen konnte. Oder wollte. Lieber genoss er sein Leben, vergnügte sich mit anderen Frauen, während sich die eigene fast zu Tode fürchtete, bis sie schließlich gemeinsam ums Leben kamen. Ausgerechnet bei einem Verkehrsunfall wie zehn Jahre zuvor der große österreichische Popstar.

Auf der Fahrt von Wien ins Steirische Salzkammergut geriet der Vater im Tanzenbergtunnel auf die Gegenfahrbahn, krachte frontal in einen Lkw. Sekundenschlaf, nahmen die Sachverständigen an. Wegen Sanierungsarbeiten war nur eine Tunnelröhre befahrbar gewesen. Der Lkw-Fahrer kam mit einem Schock davon. Die beiden Pkw-Insassen verstarben noch an der Unfallstelle. An jenem verregneten Juliabend warteten die 20-jährigen Töchter vergeblich auf ihre Eltern.

Und jetzt war eine von ihnen gestorben. Sie konnte es nicht fassen, dass ihre Schwester tot war.

Der finstere Blick des jungen Taxifahrers begegnete ihr im Rückspiegel. Dunkle, funkelnde Augen. Schwarze buschige Brauen. Große, krumme arabische Nase. Dichter Vollbart. Ob er einer dieser radikalen Islamisten war, die nur da­rauf warteten, im Namen Allahs unschuldige Menschen zu ermorden? Je mehr, desto besser? Wie jener Attentäter, der am Abend vor dem zweiten Corona-Lockdown wahllos in der Wiener Innenstadt um sich geschossen und dabei mehrere Personen verletzt und getötet hatte. Beim Anblick des Taxlers drohte die Fantasie mit ihr durchzugehen. Sie wandte sich ab, sang im Geist den Refrain mit Falco mit. »Oh-oh, Vienna Calling …«

Der schmerzhafte Gedanke an die verstorbene Schwester ließ sich nicht so einfach abschütteln. Länger als zwei Wochen waren sie noch nie voneinander getrennt gewesen.

Lilli und Luise.

Luise und Lilli.

Die Lex-Zwillinge.

Ein Herz und eine Seele.

Ohne ihre zweite Hälfte fühlte sie sich verloren, mutterseelenallein auf dieser Welt. Wie sollte sie bloß ohne sie weiterleben? Ihre beste Freundin, ihre großherzige Schwester, die ihr Leben für sie gegeben hätte?

Sie durfte jetzt nicht an sie denken. Schon gar nicht an ihren gewaltsamen Tod. Die Trauer lastete zentnerschwer auf der Brust, raubte ihr die Luft zum Atmen. Die Angst kroch über ihren Rücken bis in den Nacken hinauf, krallte sich dort fest, ließ sie zittern.

Ob sie noch eine Beruhigungspille schlucken sollte? Lieber nicht. Sie musste einen klaren Kopf bewahren, sich ablenken, um ihre Gefühle, so gut es ging, zu verdrängen. Sie schaute aus dem Fenster, konzentrierte sich auf die Fußgänger, die an der Blechkolonne vorbeihuschten. Die meisten paarweise oder in Grüppchen. Alle in Tracht unter ihren dicken Jacken und Wintermänteln. Bestimmt würden sie schneller an ihr Ziel gelangen als die Fahrgäste, die in den Taxis und Limousinen ausharrten.

Ob sie aussteigen und ebenfalls zu Fuß gehen sollte? Nein, das war stillos, entschied sie sich dagegen. Eine Lilli Lex fuhr vor, nahm den Haupteingang, stellte sich der Öffentlichkeit. Gerade jetzt. Nach allem, was passiert war. Außerdem blies da draußen dieser grässliche Wind, der beinahe ständig um die Häuser ihrer Geburtsstadt wehte.

Die Winter in Wien fand sie schrecklich. Von November bis Februar lag meist Hochnebel über der Stadt, der alles in schäbiges Grau tauchte. Die Sonne zeigte sich nur selten, was über kurz oder lang aufs Gemüt drückte. Wenn es schneite, verkam der Schnee binnen kürzester Zeit zu dreckigem Gatsch. Kaum war es wärmer, sorgte der Rollsplitt für staubige Straßen, Autos und Fensterscheiben. Bis weit in das Frühjahr hinein.

Die schwülen Sommer in der Stadt waren kaum besser. Wer es sich leisten konnte, verbrachte die Ferien in den Bergen oder an den Seen. Die Sommerfrische hatte in Österreich Tradition. Selbst der Kaiser hatte sich seinerzeit lieber im Salzkammergut als in der Hofburg aufgehalten. Sein Hofstaat, Adelige, Künstler, Literaten und wohlhabende Industrielle folgten ihm. Auch ihr Ururgroßvater hatte eine Villa am Grundlsee gebaut, damit die Familie fortan ihre Ferien dort verbringen konnte. Wann immer es die Arbeit des Zuckerlfabrikanten aus Wien zuließ, schaute er selbst für einige Tage in der Lex-Villa vorbei.

Jetzt lag das altehrwürdige Haus in Schutt und Asche, die Leiche ihrer Schwester im Kühlfach der Grazer Gerichtsmedizin. Die Tränen schnürten ihr den Hals zu. Der Kloß ließ sich kaum hinunterschlucken. Sie durfte nicht weinen. Nicht hier, nicht jetzt. Vielleicht später.

Kapitel 1

Sechs Tage zuvor

Samstag, 2. Jänner

1.

Graz

»Happy Birthday, liebe Sandra, happy Birthday to you!« Die letzten Töne der Gäste waren noch nicht verklungen, als sich Sandra Mohr über ihre Geburtstagstorte beugte, um die Kerzen darauf auszublasen. 43 hätten es sein müssen. Aus Platzmangel hatte ihre beste Freundin die selbst gebackene Kürbiskern-Schilcher-Torte mit zwei Ziffernkerzen dekoriert. Die beiden Traubengelee-Kreise dürfe man durchaus als Handschellen interpretieren, erklärte Andrea. Was lediglich auf den Beruf des Geburtstagskindes anspielen sollte, setzte sie vor versammelter Gästeschar hinzu, die herzlich darüber lachte.

Einzig die Abteilungsinspektorin des LKA Steiermark fand den Kommentar der Freundin, der sie an ihr nicht vorhandenes Liebesleben erinnerte, überhaupt nicht witzig. Möglicherweise hatte Sascha Bergmann ja recht, und sie war wirklich völlig humorbefreit, wie ihr der Chefinspektor gelegentlich vorwarf.

Wo waren nur all die Jahre geblieben, fragte sich Sandra insgeheim. Halbzeit. Wenn sie Glück hatte und die durchschnittliche Lebenserwartung einer Grazerin erreichte. Ihre Kindheit und Jugend am Land brachten ihr vielleicht noch ein paar Bonuswochen oder sogar -monate ein. Rein theoretisch. Falls nicht wieder eine Seuche ausbrach, sie der Krebs oder eine andere tödliche Krankheit frühzeitig dahinraffte. Oder diese verrückte Welt vorher unterging.

Sie holte tief Luft. Wenngleich es ein Kinderspiel war, die beiden Kerzen mit einem Atemzug auszublasen. Umso schwieriger fand sie es, sich das Richtige zu wünschen. Ihren Kinderwunsch hatte sie bereits an den sprichwörtlichen Nagel gehängt. Ein liebe- und verständnisvoller Mann kam ihr in den Sinn. Allerdings hatte sie kein Glück mit Männern. Gesundheit. Ja, Gesundheit wünschte sie sich. Ohne die war alles nichts wert. Das hatte ihr nicht erst die Corona-Pandemie klargemacht, die Millionen Todesopfer gefordert und der Wirtschaft eine tiefe Rezession beschert hatte, wie die Welt sie zuletzt in den 1930er-Jahren gesehen hatte. Dabei war man hierzulande vergleichsweise glimpflich davongekommen.

Noch näher war Sandra die Sepsis gegangen, an der Sascha Bergmann beinahe gestorben wäre. Nach einem Wespenstich, der sich entzündet hatte. Es hatte Monate gedauert, bis der Chefinspektor nach seinem Nierenversagen genesen und wieder einsatzfähig war. Eines der beiden Organe hatte die Funktion nicht mehr aufgenommen, die andere Niere sich nahezu vollständig regeneriert. Eine lebenslange Dialyse oder Organtransplantation war ihm glücklicherweise erspart geblieben. Mittlerweile fühlte er sich wieder topfit. Nur das Taekwondo-Training hatte er zum Schutz seiner intakten Niere aufgegeben und seither ein paar Kilo um die Leibesmitte herum zugelegt. Dafür, dass er in zwei Jahren seinen 50er feierte, war er aber noch recht gut in Schuss, fand Sandra. Sie hob ihr Sektglas, bedankte sich bei ihren Gästen für das Ständchen und prostete ihnen zu.

Bergmann sah sie an, als hätte er ihre letzten unausgesprochenen Gedanken gelesen. Das Grinsen verging ihm, als er sein vibrierendes Handy aus der Sakkotasche holte.

Dass er in die Küche verschwand, um den Anruf entgegenzunehmen, ließ Sandra nichts Gutes ahnen. Aktuell waren einige Kollegen des LKA mit Infekten im Krankenstand. Seit Corona war es ihnen ausdrücklich untersagt, mit Fieber oder anderen grippeähnlichen Symptomen den Dienst in der Landespolizeidirektion anzutreten. Bergmann und Sandra fühlten sich aktuell gesund und waren auf Stand-by. Geburtstag hin oder her.

»Herzlichen Glückwunsch, meine Liebe!«, lenkte An­drea ihre Aufmerksamkeit auf sich und drückte Sandra das Messer in die Hand. »Worauf wartest du? Los, schneid die Torte an!«

»Andrea!«, rügte ihr Mann sie für ihre vermeintliche Gier.

Einige Gäste kicherten.

Dass die groß gewachsene Blondine zu genießen verstand, verrieten ihre üppigen Kurven. Während der Corona-Ausgangsbeschränkungen hatte die fantastische Köchin ihre Leidenschaft fürs Backen entdeckt. Wie so viele in dieser Zeit. Nach dem ersten Run auf Toilettenpapier und Nudeln hatte kurz vor Ostern ein Engpass bei Germ geherrscht. Das war längst kein Thema mehr. Doch wer wusste schon, was die Zukunft bringen würde?

Sandra posierte mit dem Messer und der Torte für jene Freunde, die sie fotografieren wollten, wenngleich keiner dieser Schnappschüsse auf den Social Media-Plattformen gepostet oder anderweitig veröffentlicht werden durfte. Das wussten sie alle. »Riesling«, lächelte sie in die Smartphones, anstatt das übliche »Cheese« zu bemühen. Eine Topfentorte mit Erdbeeren wäre ihr fast noch lieber gewesen. Doch die Erdbeersaison war nun mal vorbei. Ebenso die Zeiten, in denen sie zu Obst und Gemüse gegriffen hatte, das um die halbe Welt geflogen werden musste, ehe es in den Supermarktregalen landete.

Eingekauft wurde möglichst nur mehr regional und saisonal am Bauernmarkt auf dem Lendplatz, Kaiser Josef Markt oder direkt ab Hof. Das sah Andrea genauso wie sie. Wobei die Freundin das Glück hatte, in der Erdbeersaison ihren Geburtstag zu feiern. Den unsensiblen Kommentar hatte sie ihr längst verziehen. Schließlich war sie von Bergmann schlimmere Sprüche gewöhnt. Sandra schnitt die Torte an und reichte Andrea den Teller. »Das erste Stück geht an die Zuckerbäckerin!«

»Danke, Schatzi! Ich hoffe, sie schmeckt dir.« Freudig leerte Andrea ihr Glas und nahm den Teller an sich.

»Ganz bestimmt. Sekt wird gleich nachgeliefert«, versprach Sandra. »Kaffee und Tee nehmt euch bitte selbst. Steht alles dort drüben.« Mit dem Messer wies sie zu den Thermoskannen und dem Kaffeegeschirr auf der Kommode, bevor sie weitere Segmente aus der Torte schnitt.

Kaum waren die ersten Kuchenteller ausgeteilt, kehrte Bergmann aus der Küche zurück. Lächelnd streckte sie ihm sein Tortenstück entgegen.

Sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. »Wir müssen leider ein andermal weiterfeiern«, raunte er ihr zu, als er seinen Teller übernahm.

Sandra war das Lächeln vergangen.

»Das ist doch nicht dein Ernst, Sascha«, protestierte Andrea, die direkt neben ihnen stand. »Das Jahr hat noch nicht einmal richtig begonnen.«

»Für den Täter leider schon«, erwiderte er leise. »Kommst du mit mir in die Küche, Sandra?«

Sie nickte. »Kannst du bitte weiter Torte austeilen?«, fragte sie ihre Freundin.

Seufzend stellte Andrea ihren Teller beiseite. »Sicher kann ich das«, meinte sie wenig begeistert, dennoch hilfsbereit. »Was für einen scheiß Job ihr doch habt’s«, maulte sie ihnen unverblümt hinterher. Und wusste ganz genau, wovon sie sprach. Sandras spontane Einsätze kannte sie seit etlichen Jahren. Dazu hatte sie mit Robert auch noch einen Polizisten des Sondereinsatzkommandos Cobra Süd geheiratet.

Sandra schloss die Küchentür hinter sich. »Andrea hat vollkommen recht. Ein scheiß Job ist das«, schimpfte sie.

»Aber irgendwer muss ihn machen.« Bergmann lehnte sich gegen den Küchentisch.

Sandra seufzte. »Dann schieß los!«

Bergmann hatte die Filterkaffeemaschine im Visier, die Sandra eigens für die Geburtstagsfeier aus dem Kellerabteil geholt hatte. Sie selbst trank kaum Kaffee, sondern lieber Tee. »Bekomme ich einen Kaffee? Dann erzähl ich dir, was ich weiß«, sagte er. Dass eine Thermoskanne mit seinem Lieblingsgetränk im Wohnzimmer stand, war ihm wohl entgangen.

»Ich mach dir einen Espresso«, bot Sandra ihm an. Der war ihm sowieso lieber als Filterkaffee, wusste sie.

Bergmann schob sich das erste Stück Torte in den Mund, während Sandra in die Hocke ging, um den Espressokocher von ganz hinten aus dem Küchenkasten hervorzukramen. »Und? Wie schmeckt dir die Torte?«, fragte sie, als sie sich wieder umwandte.

»Sensationell.« Bergmanns Daumen zeigte nach oben. »Magst kosten?«

Sandra stellte den Espressokocher auf die Arbeitsplatte. Sein Angebot lehnte sie dankend ab. »Die Kaffeetassen und Häferln sind alle im Wohnzimmer. Ich geb dir am besten einen Thermosbecher. Den kannst du gleich für die Fahrt mitnehmen. Ach ja, Zucker findest du im Kasten dort drüben.«

Bergmann schob sich einen weiteren Bissen von der Torte in den Mund, ehe er im Hochschrank nach dem Zucker suchte.

Sandra befüllte den unteren Teil des Espressokochers mit Wasser, den Siebeinsatz mit gemahlenem Kaffee, schraubte das Oberteil der Alukanne wieder drauf und stellte sie auf das rot glühende Ceranfeld.

Währenddessen schilderte Bergmann ihr mampfend, was ihm Lubensky von der Landesleitzentrale berichtet hatte. Vergangene Nacht war ein Wohnhaus im Ausseerland abgebrannt, in der Brandruine eine weibliche Leiche aufgefunden worden. Allem Anschein nach die Hausbesitzerin. Die Brandexperten des LKA hatten sich vor Ort bereits umgesehen und gingen von Brandstiftung aus. Ein Mord war nicht auszuschließen. »Wir sollten gleich aufbrechen«, beschloss Bergmann seine Schilderung.

Mit Schaudern erinnerte sich Sandra an den ausgebrannten Stall im südoststeirischen Oberlamm, in dem vor einigen Jahren eine verkohlte Frauenleiche aufgefunden worden war. Damals hatte sie um Andreas Leben bangen müssen und war schließlich selbst in Gefahr geraten.

Das Brodeln im Espressokocher ließ sie aufhorchen und den Herd ausschalten. Auch die Kaffeelöffel lagen alle auf der Kommode im Wohnzimmer, fiel ihr ein. Sie reichte Bergmann einen langstieligen rosa Plastiklöffel aus der Bestecklade, während das Brodeln stärker wurde.

Argwöhnisch betrachtete er den Löffel, als wäre er al­lergisch gegen die Farbe, das Plastik oder gegen beides.

Sandra hob den Espressokocher vorsichtig vom Herd. Dennoch vergoss sie einige Kaffeetropfen, die zischend auf dem glühenden Ceranfeld tanzten, ehe sie dort verdampften.

»Wo genau im Ausseerland war denn dieser Brand?«, wollte sie wissen. Zügig wischte sie mit dem feuchten Schwammtuch über die heiße Herdplatte.

»Grundlsee. Die Adresse und Koordinaten wollte dir Lubensky gleich aufs Handy schicken.«

Dann hatte er das bestimmt längst getan, war sich Sandra sicher. Ihr Smartphone musste auf dem Wohnzimmertisch liegen, erinnerte sie sich und reichte Bergmann den vollen Thermosbecher. Von seiner Torte war nicht mehr viel übrig, stellte sie fest, während er seinen Kaffee ausgiebig zuckerte, umrührte und daran nippte. »Der schmeckt ausgezeichnet«, lobte er den Kaffee. »Was ist das für einer?«

Sandra reichte ihm die Packung, die Andrea neulich dagelassen hatte, damit sie ihren Lieblingskaffee aus Biobohnen jederzeit auch bei Sandra trinken konnte.

»Stainzer Kaffee, Äthiopien Hochland«, las Bergmann von der Packung ab.

»Frag am besten Andrea, woher sie den hat.«

»Ich nehme an, aus Stainz?«

»Oder aus Äthiopien?«

Bergmann grinste.

»Was mache ich denn jetzt mit meinen Gästen? Ich kann sie doch nicht wieder heimschicken«, überlegte Sandra laut.

»Andrea soll sich um sie kümmern. Wozu hat man denn Freunde?« Er schob sich das letzte Tortenstück in den Mund.

»Kein Wunder, dass du keine hast«, entgegnete Sandra stirnrunzelnd.

»Solange du an meiner Seite bist, brauche ich keine Freunde, Liebling«, erwiderte er schmatzend.

»Sascha!«, warnte ihn Sandra.

Er grinste sie mit vollen Backen an.

Sandra seufzte. »Na schön, was bleibt mir anderes übrig? Wenn du sofort aufbrechen möchtest, frage ich halt Andrea.«

Bergmann schluckte den letzten Bissen hinunter. »Vergiss deine Zahnbürste nicht.«

Sandra schnitt eine Grimasse. Als hätte sie nicht ohnehin immer eine gepackte Reisetasche für weiter entfernte Einsätze parat gehabt. Genervt nahm sie ihm den leeren Teller samt Kuchengabel ab und steckte beides in den Geschirrspüler. Dann holte sie zwei Flaschen Blanc de Blancs Sekt aus dem Kühlschrank und legte zwei neue nach.

Zurück im Wohnzimmer überreichte sie die eisgekühlten Flaschen ihrer besten Freundin und bat sie, die Gäste weiterhin mit Getränken und den vorbereiteten Häppchen zu bewirten. Solange der Vorrat eben reichte. Zum Abendessen hatte sie glücklicherweise nicht eingeladen. Wohl wissend, dass sie schlimmstenfalls zu einem Einsatz gerufen werden konnte. Dennoch war es ihr unangenehm, dass es nun tatsächlich so weit gekommen war, entschuldigte sie sich zum Abschied bei ihren Gästen.

Niemand schien ihr böse zu sein. Alle, außer ihr, waren bestens gelaunt. Auch Andrea wirkte wieder vergnügt.

»Würdest du mir bitte ein Stück Torte aufheben?«, wandte sich Sandra noch einmal an sie.

»Ich stell es dir in den Kühlschrank. Oder soll ich’s lieber einfrieren? Wer weiß, wann du wieder nach Hause kommst?«

Sandra seufzte erneut. »Heute vermutlich nimmer. Hoffentlich morgen. Stell’s bitte in den Kühlschrank, ja?«

»Wird gemacht. Ich schalte dann den Geschirrspüler ein, wenn die Party vorbei ist«, versprach Andrea.

»Hast du meinen Wohnungsschlüssel mit?« Die Freundinnen hatten diese schon vor Jahren untereinander ausgetauscht. Für solche und ähnliche Notfälle, die bereits eingetreten waren und vielleicht noch eintreten würden.

Andrea nickte. »Ich sperr die Tür dann ab.«

Sandra lächelte die Freundin dankbar an, ehe sie Bergmann aus dem Wohnzimmer folgte.

2.

Kurz vor Stainach warf Sandra einen Blick auf das Armaturenbrett des zivilen Dienstwagens. Unterwegs war die Außentemperatur auf minus sechs Grad Celsius gesunken. Zehn Grad weniger als bei ihrer Abfahrt vor anderthalb Stunden in Graz, wo es für die Jahreszeit ziemlich warm war. Außer ein paar unergiebigen Flocken im November hatte es in der Landeshauptstadt in diesem Winter noch gar nicht geschneit.

Auch den Jahreswechsel hatte Sandra bei Plusgraden im Freien gefeiert. Beim raketenfreien Silvesterspektakel am Hauptplatz, das nach Corona-bedingter Absage im Vorjahr heuer wieder stattgefunden hatte. Vereinzelt waren aus den Nebengassen der Altstadt verbotene Böller zu hören, noch weiter entfernt Raketen am Nachthimmel zu sehen gewesen. Am Hauptplatz selbst schossen die Wasserfontänen bis übers Rathaus hinaus in die Höhe, eindrucksvoll choreografiert zu Musik, Licht- und Feuereffekten. Was in einer klirrend kalten Winternacht geschehen würde, wenn das Wasser in der Luft gefror und als Eisregen auf die umstehende Menschenmenge herniederprasselte, wollte sich Sandra lieber nicht ausmalen. Oder würde das Silvesterspektakel bei Minusgraden abgesagt werden? Die extradicke Salzschicht, die vorsichtshalber auf dem Hauptplatz gestreut worden war, konnte kaum verhindern, dass dieser sich zumindest stellenweise in eine gefährliche Eisfläche verwandelte. Anscheinend vertrauten die Veranstalter auf die Erderwärmung. Auch Sandra konnte auf Eis und Matsch in der Stadt verzichten. Ein paar Bäume auf dem mit Beton versiegelten Hauptplatz, die an heißen Sommertagen Schatten spendeten und für Abkühlung sorgten, hätte sie sich dennoch gewünscht.

Sie folgte weiterhin der Ennstal-Bundesstraße. Die Gipfel der verschneiten Berge leuchteten in der untergehenden Sonne. Heuer war der Schnee dort, wo er hingehörte. In den Alpen. Wenn auch nicht in solchen Massen wie im Winter 2019/20, als die Obersteiermark regelrecht im Schnee versunken war. Bis zu zehn Meter hohe Schneewehen hatte man damals am Altausseer Loser gemessen. Und auch andernorts Rekordwerte verzeichnet. Ein kurzes Schnaufen an ihrer Seite ließ sie zu ihrem Beifahrer hinüberblicken.

Bergmann döste vor sich hin.

Wenigstens konnte sie sich ungestört dem Verkehr und dem Alpenglühen widmen. Vor ihnen thronte Schloss Trautenfels auf einem Felsvorsprung über der Enns. Rechter Hand ragte der schneebedeckte Grimming eindrucksvoll in den Abendhimmel. Früher hatte man den mächtigen frei stehenden Gebirgsstock für den höchsten Berg der Steiermark gehalten. Jedoch reichte das Dachsteingebirge noch um einiges höher hinauf, bis zum Gipfel des Hohen Dachsteins auf fast 3.000 Meter.

An der Ampel hielt Sandra an und setzte den Blinker, um gleich auf die Salzkammergutstraße abzubiegen, als Bergmann die Augen öffnete und sich umsah. Auf seiner Seite lag die Ortschaft Pürgg malerisch auf einem kleinen Felsplateau.

»Na? Ausgeschlafen?«, erkundigte sich Sandra.

Bergmann antwortete mit einem Gähnen.

»Voll schön hier, gell?«, fragte sie rein rhetorisch. Sandra wusste genau, dass der gebürtige Wiener kein Freund der Berge war. Unabhängig von der Jahreszeit. Nomen est omen traf gewiss nicht auf Bergmann zu. Woher auch immer sich sein Familienname ableitete. Ebenso wenig konnte sich der Chefinspektor mit Bergbewohnern anfreunden. Was zumeist auf Gegenseitigkeit beruhte. Weiter als bis zum nächsten Grat oder Gipfel können die engstirnigen Provinzler nicht sehen, war er überzeugt. Selbstredend galt das für ihn auch im übertragenen Sinn. In einigen Fällen mochte er damit sogar recht haben. Sandra glaubte auch, dass die Mentalität der Menschen nicht zuletzt von der Landschaft geprägt wurde. Aber sie versuchte wenigstens, ihnen möglichst vorurteilsfrei zu begegnen. Selbst wenn das nicht immer ganz einfach war.

Der Blick nach Tirol zeigte, dass Felix Mitterer mit seiner Piefke-Saga sogar noch untertrieben hatte. An Weitblick fehlte es im »Heiligen Land« so manchem, der auf Profite aus der Tourismuswirtschaft nicht verzichten wollte. Selbst wenn er Menschenleben gefährdete. Warum sonst hatte man Liftanlagen und Bars in Ischgl nach Bekanntwerden der ersten Covid-19-Fälle erst nach Tagen geschlossen? Wäre verantwortungsvoll und unverzüglich reagiert worden, hätte sich das Corona-Virus nicht dermaßen rasant in halb Europa verbreiten können. Aber nachher war man bekanntlich immer schlauer. Hoffentlich. Am Imageschaden und an den Schadenersatzprozessen hatte nicht nur Tirol, sondern ganz Österreich zu kiefeln gehabt.

Bergmann blieb ihr eine Antwort schuldig und widmete sich seinem Smartphone.

Sandra musste schmunzeln. Nicht zum ersten Mal fiel ihr auf, dass sie sich wie ein altes Ehepaar verhielten. Wenngleich sie nicht unterwegs in den Urlaub waren, sondern zu einem Einsatzort, um die Ermittlungen in einem mutmaßlichen Tötungsdelikt aufzunehmen.

Endlich schaltete die Ampel auf Grün. »Schau mal, dort oben liegt Pürgg!«, sagte Sandra. »Der steirische Heimatdichter Peter Rosegger hat dem romantischen Örtchen seinerzeit den Namen ›Steirisches Kripperl‹ verpasst.«

Bergmann blickte über seine Lesebrille hinweg und gähnte demonstrativ.

»Die Häuser und Gassen drängen sich um zwei Kirchengebäude herum. Um die Pfarrkirche und die Johanneskapelle, die für ihre romanischen Fresken bekannt ist«, gab sie die Fremdenführerin. Weniger um Bergmanns Interesse zu wecken als aus Stolz auf ihre steirische Heimat.

Ihr Beifahrer war längst wieder mit seinem Handy beschäftigt.

»Jetzt schau dir doch wenigstens die wunderbare Landschaft an, bevor es finster wird!«

»Ich hasse Landschaft«, brummte Bergmann, ohne aufzublicken. »Noch dazu, wenn Schnee liegt.«

Sandra verdrehte die Augen. Das konnte ja heiter werden. Landschaft gab es im Salzkammergut reichlich. Vor allem Berge und Seen. Dazu Schnee in Hülle und Fülle. Sie verzichtete darauf zu erwähnen, dass sich die gesamte weitestgehend autofreie Ortschaft in den ersten beiden Adventwochen in einen zauberhaften Weihnachtsmarkt verwandelte. Mangels Interesse ihres Beifahrers behielt sie auch für sich, dass in Pürgg nicht die üblichen Standln, sondern Ställe, Garagen, Tennen und Privathäuser der Bewohner als Ausstellungs- und Verkaufsräume dienten, in denen vor allem traditionelles Kunsthandwerk präsentiert wurde. Dazu gab es musikalische Darbietungen, stimmungsvolle Lesungen und Führungen in der Kirche beziehungsweise Kapelle. Entsprechend gut besucht war der Advent auf der Pürgg alle Jahre wieder. Außer 2020, als er, wie die meisten Veranstaltungen, der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen war.

Nichts von alledem interessierte den Chefinspektor. Weder zählte er zu den Romantikern, noch war er ein Fan von Weihnachten oder anderen Familienfesten, wusste Sandra. Die letzten beiden Punkte trafen allerdings auch auf sie zu.

»Wie lange brauchen wir noch bis zum Einsatzort?« Bergmann steckte sein Handy ein.

»Eine halbe Stunde ungefähr«, schätzte Sandra. Linker Hand würde jeden Moment die Kulm Skiflugschanze auftauchen. Bei Kainisch musste sie dann von der Salzkammergutstraße in Richtung Grundlsee abfahren. Ab Gößl würde sie dem Navi vertrauen müssen, um ohne Umwege ans Ziel zu gelangen, das irgendwo am hintersten Winkel am Grundlsee lag.

Bergmann wollte sich dort zuallererst die Brandruine ansehen, außerdem mit dem Brandexperten und den Ausseer Polizisten sprechen, um sich ein möglichst umfassendes Bild zu machen.

3.

Am Einsatzort wurden die Ermittler bereits erwartet. Ein silberfarbener Minibus mit Grazer Kfz-Kennzeichen und ein Streifenwagen standen vor dem Polizei-Absperrband, das die Brandruine vor gleichwohl unerlaubten wie gefährlichen Zutritten absicherte.

Der Boden war an dieser Stelle spiegelglatt, stellte Sandra fest, als sie den Wagen abbremste. Anscheinend hatte die Feuerwehr mit Streusalz gespart.

Bergmann erstarrte mit schreckgeweiteten Augen, während Sandra den rutschenden Wagen abfing und rechtzeitig vor dem Flatterband zu stehen kam. »Meine Nerven«, beschwerte er sich und blies Luft aus.

»Geh bitte …« Sandra war in den Bergen aufgewachsen, hatte dort ihren Führerschein gemacht und kam entsprechend gut mit winterlichen Straßenverhältnissen zurecht. Im Gegensatz zu Bergmann, der ein hundsmiserabler Autofahrer war und es tunlichst vermied, sich hinters Steuer zu setzen. Lieber ließ er sich von ihr herumkutschieren. Noch dazu war sein Orientierungssinn unterentwickelt. Seine Ortskenntnisse in der Steiermark sowieso.

Im Licht der Autoscheinwerfer erkannte Sandra, dass das gemauerte Erdgeschoß dem Feuer einigermaßen standgehalten hatte. Das Dach und die ortsüblichen Holzelemente des Hauses wie die Fassade, Veranden, Balkone und das Obergeschoß waren ein Raub der Flammen geworden. Ebenso der angrenzende Schuppen. Oder war das eine Garage gewesen? So genau ließ sich das im Dunkeln nicht feststellen.

Unwillkürlich kam Sandra die Brandleiche im Vulkanland in den Sinn. Der Anblick des verkohlten Körpers mit den abgespreizten Armen und den angewinkelten Beinen hatte sich in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Fechterstellung nannten die Mediziner diese Haltung, die durch die hitzebedingte Schrumpfung der Muskeln und Sehnen zustande kam. Die Oberhaut platzte auf, was den typischen Eindruck von Schnittverletzungen bei Brandopfern hinterließ. Wurde der Dampfdruck im Schädelinneren zu hoch, barst die Schädeldecke. Sandra spürte Übelkeit aufkommen. Wenngleich ihr ein ähnlich grausiger Anblick diesmal erspart bleiben würde. Die Brandleiche war längst nach Graz überstellt worden, wo sie am Montag, gleich in der Früh, obduziert werden sollte. Der Leichenöffnung in der Gerichtsmedizin wollte Bergmann beiwohnen, wofür sie ihm insgeheim sehr dankbar war. Sie öffnete ihren Sicherheitsgurt, schloss die Augen und atmete einige Male tief durch, während der Chefinspektor im Handschuhfach nach der Taschenlampe kramte. Die leuchtete weiter als die Handy-App.

Als Sandra wieder aufblickte, sah sie zwei uniformierte Kollegen, eine Frau und einen Mann, die geschickt auf die Brandruine zuschlitterten. Das andere Paar in Zivilkleidung, das sie vom LKA in Graz kannte, folgte ihnen weitaus vorsichtiger.

Dem Wagen entstiegen, setzte Sandra ihre Haube auf und zog den Reißverschluss ihres Anoraks bis zum Kinn hoch. In der Nähe des »Steirischen Meers«, wie der Grundlsee als größter See der Steiermark auch genannt wurde, fühlten sich die minus neun Grad Celsius, die das Außenthermometer zuletzt angezeigt hatte, noch kälter an. Sie ließ ihre Hände in die Handschuhe gleiten und wickelte den Wollschal mehrfach um ihren Hals.

Bergmann rutschte aus, konnte sich aber wieder fangen. Der Kraftausdruck, der seinem Mund entwich, bildete eine Atemwolke vor seinem Gesicht, die sich rasch auflöste.

Selbst schuld, dachte Sandra. Warum zog er keine Winterschuhe an? Kein vernünftiger Mensch trug zu dieser Jahreszeit Sneakers. Schon gar nicht in den Bergen. Dafür Haube und Handschuhe. Sein dünner Baumwollschal eignete sich bestenfalls für den Herbst oder fürs Frühjahr. Seine Jacke zählte bestimmt auch nicht zu den allerwärms­ten.

»Aufpassen!«, rief ihnen die Landpolizistin zu. »Haltet’s euch weiter links, damit’s net herfallt’s!«

»Ich falle nicht her, sondern höchstens hin«, schnauzte Bergmann zurück. Als ob die abweichenden Ausdrücke der Wiener und Steirer einen Unterschied gemacht hätten. Lag er erst einmal auf dem Boden, war das Ergebnis dasselbe.

Sandra konzentrierte sich wieder auf sich selbst. Wie damals in Oberlamm stieg ihr beißender Brandgeruch in die Nase, der sich auf ihre Zunge legte. Erneut kamen die Bilder der verkohlten Brandleiche hoch. Prompt drehte sich ihr der Magen um. Gleichzeitig versuchte sie, nicht auszurutschen und den brandigen Geschmack hinunterzuwürgen.

Bergmann, der ihr folgte, schafft es ebenfalls, nicht her- beziehungsweise hinzufallen.

»Griaß enk!« Die Inspektionskommandantin aus Bad Aussee stellte ihren rangniedrigeren Kollegen und sich selbst vor.

Sandra nannte im Gegenzug ihren und Bergmanns Namen.

Der Chefinspektor wandte sich direkt an den Experten des LKA. »Wir haben es also mit Brandstiftung zu tun?« Sein Blick folgte dem Lichtkegel seiner Taschenlampe, der über Schutt und Asche tanzte.

»Das Feuer wurde zweifelsfrei vorsätzlich gelegt«, bestätigte der Kriminaltechniker und zauberte einen Plan des Hauses hervor, den er aufgefaltet der Kollegin in die Hände drückte, um ihn hernach mit seiner Taschenlampe zu beleuchten. »Der Spürhund hat an mehreren Stellen angeschlagen. Im Erdgeschoß, hier und da.« Sein Finger zeigte auf die Punkte, an denen Brandbeschleuniger eingesetzt worden war. »Auch im Obergeschoß konnten wir zwei Brandherde ausmachen.« Die Taschenlampe senkte sich wieder. »Jedenfalls wusste der Brandstifter, wie man es anstellt, dass die Flammen möglichst rasch das gesamte Haus erfassen.«

»Und mit dem Haus auch die Frau«, sagte Bergmann. »Hat der Hund auch bei der Leiche angeschlagen?«

»Er war erst heute Nachmittag am Tatort, nachdem die Leiche bereits in die Gerichtsmedizin überstellt wurde.«

»Dann werden wir dort klären müssen, ob die Leiche mit dem Brandbeschleuniger in Kontakt gekommen ist. Die Vermutung, dass hier jemand versucht hat, die Spuren einer Gewalttat durch Brandzehrung zu beseitigen, liegt jedenfalls nahe.«

Der Brandexperte stimmte dem Chefinspektor zu. »Das ist ihm auch gelungen. Außer dem Brandbeschleuniger konnten wir keine tatrelevanten Spuren im Haus sicherstellen«, sagte er. »Unter Umständen liefert uns die chemische Analyse einen Hinweis. Es dauert allerdings einige Tage oder sogar Wochen, bis uns das Laborergebnis vorliegt.«

»Die Obduktion wird zumindest klären, ob die Frau gelebt hat, als das Feuer ausgebrochen ist«, sagte Bergmann. »Oder ob ihre Leiche verbrannt wurde. Damit wären wir dann schon etwas schlauer.« Er trat von einem Bein auf das andere, um sich warm zu halten, was ihm auf Dauer kaum gelingen würde.

Sandra machte momentan weniger die Kälte als ihre Übelkeit zu schaffen.

»Wie gesagt, der Täter ist planvoll vorgegangen«, fuhr der Brandexperte fort. »Brandbeschleuniger und Zündquellen waren optimal positioniert. Die Fensterscheiben in den Veranden müssen zuerst geborsten sein. Durch den Sauerstoff, der in der Folge in das Haus gesogen wurde, hatten die Flammen leichtes Spiel. Das Feuer konnte sich zügig über die Dachbalken und Sparren ausbreiten, bis das Dach einstürzte.

Auch die Garage und das darin abgestellte Fahrzeug wurden erfasst. Wir haben einen ausgebrannten Kastenwagen sichergestellt und nach Graz abgeschleppt, um ihn dort nach Spuren zu untersuchen. Es handelt sich dabei um ein französisches beziehungsweise italienisches Modell aus demselben Autokonzern.«

»Wie lange hat es vom Entzünden des Feuers bis zum Eintreffen der Feuerwehr ungefähr gedauert?«, erkundigte sich Bergmann.

»Schwer zu sagen. Ich schätze, zwischen ein und zwei Stunden. Kommt auf das Baumaterial des Hauses und die Einrichtung an.«

»Und wo wurde die Leiche aufgefunden?«, wollte Bergmann wissen.

»In ihrem Bett. Oder was davon noch übrig war, nachdem es verbrannte. Wir haben Metallstücke sichergestellt, bei denen es sich um die Reste von Taschenfedern handeln dürfte, wie sie in Matratzen verwendet werden. Einige haben sich regelrecht in die Leiche eingebrannt.«

»Wo war denn das Schlafzimmer?«, hakte Bergmann nach.

»Im Obergeschoß.« Der Kollege zeigte auf die entsprechende Stelle am Grundrissplan. »Laut Hausbesitzerin haben sich dort drei weitere Schlafzimmer und zwei Bäder befunden.«

»Laut Hausbesitzerin?«, wunderte sich Bergmann. »Die ist doch verbrannt, dachte ich.« Er wandte sich erstmals an die Landpolizisten.

»Oane von zwoa«, erklärte der Uniformierte.

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Bergmann den älteren kleineren Mann von oben herab an. »Wie meinen?«

»Eine von zwei«, übersetzte seine etwas jüngere ranghöhere Kollegin, die ihn auch mit ihrer Körpergröße überragte. »Es haben zwei Schwestern in dem Haus gewohnt. Lex Lilli und Lex Luise.«

»Unter uns Dosign hoaßen s’ Liesl und Loisl«, erläuterte der Polizist.

»Und welche von beiden ist verstorben?«

»Die Loisl.«

»Luise Lex. Lilli Lex war nicht daheim, als es gebrannt hat«, erläuterte die Kollegin.

»Aha, die Dame hat demnach woanders genächtigt?«, fragte Bergmann.

»Nein, sie war in der Arbeit, als ich sie von dem Brand verständigt hab’«, berichtete die Landpolizistin weiter.

»Und wer hat den Brand gemeldet?«

»Der Gaiswinkler Werner von der Sonnseit’n.« Der Polizist streckte seinen Arm aus, um über die Brandruine und den Grundlsee hinweg zu den Lichtern in der Ferne zu zeigen. »Er schöpft in der Bäckerei in Aussee.«

Laut Lubensky war der Brand zu nachtschlafender Zeit gegen viertel vier über den Notruf gemeldet worden, rief sich Sandra in Erinnerung. Bäcker standen wohl auch samstags früh auf. Aber was hatte die überlebende Schwester mitten in der Nacht zu tun gehabt? War sie Frühaufsteherin, arbeitete in der Nachtschicht oder litt sie unter Schlafstörungen, überlegte sie.

»Was arbeitet die Dame denn nachts?«, sprach Bergmann ihre nicht gestellte Frage aus.

»Schneiderin«, antwortete der Landpolizist.

»Den Lex-Schwestern gehört die G’wandschneiderei in Aussee«, sagte seine Kollegin.

»Eine Schneiderwerkstatt?«, fragte Sandra nach.

»Und ein Trachtengeschäft.« Die Polizistin schien sich über ihre Frage zu wundern, als wäre die G’wandschneiderei über die Grenzen des Ausseerlandes hinweg weltberühmt.

»Die eine Chefin hat also geschlafen oder war bereits tot, als der Brand ausgebrochen ist, während die andere nachts in der Schneiderei gearbeitet hat«, fasste Bergmann zusammen.

Die Provinzpolizistin bestätigte das.

»Hat es in letzter Zeit Fälle von Brandstiftung bei euch oder auch in der näheren Umgebung gegeben?«, erkundigte sich Bergmann als Nächstes. Seine Hände waren tief in den Jackentaschen vergraben. Aus einer ragte zudem seine Taschenlampe.

»Die letzten Brandfälle hat’s gehäuft in Bad Mitterndorf gegeben«, erwiderte die Polizistin. »Im Frühjahr ist dort ein Hof samt Wohnhaus, Stallgebäude und Garagen ebenfalls in den frühen Morgenstunden abgebrannt. Am Grundlsee wüsste ich nicht.«

Der Kollege gab ihr recht.

»Konnte der Brandstifter von Bad Mitterndorf ausgeforscht werden?«

»Er verbüßt zurzeit eine Haftstrafe.«

»Und wie sieht es mit anderen Brandstiftern beziehungsweise Pyromanen aus? Wurde vielleicht kürzlich jemand aus der Haft entlassen?«

Den Landpolizisten war kein weiterer Fall aus der jüngeren Vergangenheit bekannt.

Bergmann zog seine Hand samt der Taschenlampe aus der Jackentasche, um damit die Umgebung auszuleuchten. Außer ein paar kahlen Büschen und Bäumen war nichts zu erkennen. »Hätte der Brand nicht schon früher entdeckt werden müssen?«, überlegte er laut, den Blick auf die Lichter am gegenüberliegenden Ufer gerichtet. »So eine gewaltige Feuersbrunst fällt doch auf. Überhaupt in der Dunkelheit.«

»Sollte man meinen«, stimmte ihm der Brandexperte zu.

»Jo mei, am Land gehen die Leute früher liegen«, meinte der Polizist.

»Weder diese Ecke des Grundlsees noch das Ufer direkt gegenüber sind stark besiedelt«, ergänzte seine Kollegin.

Sandra blickte in der Dunkelheit um sich. So abgeschieden dieser Ort auch lag, dass der Feuerschein in der Nacht nicht schon früher jemandem aufgefallen war, verwunderte auch sie. Vereinzelte Spätheimkehrer gab es doch immer. Noch dazu, wo gerade Weihnachtsferien waren. Oder Frühaufsteher beziehungsweise Leute, die nicht schlafen konnten. Möglicherweise hatte den Leuten die Silvesternacht so sehr zugesetzt, dass sie die folgende Nacht verschliefen. Bis auf den Bäcker, der aufstehen musste.

»Hier sagen sich vermutlich nicht einmal Fuchs und Hase Gute Nacht.« Bergmann sah sich ebenfalls um.

Die beiden Uniformierten warfen einander Blicke zu.

Wieder zwei Kollegen in der Provinz, bei dem sich der Chefinspektor als arroganter LKA-Ermittler aus der Landeshauptstadt unbeliebt machte, dachte Sandra.

Damit nicht genug, setzte er noch eins drauf. »Es heißt doch: ›Im Salzkammergut kann man gut lustig sein‹«, bezog er sich auf das bekannte Lied, das er vermutlich aus dem Film Im weißen Rössl kannte. Die gleichnamige Operette von Ralph Benatzky hatte er wohl kaum gesehen, vermutete Sandra. Zumindest nicht freiwillig. So gut kannte sie den Chefinspektor allemal.

Die beiden Landpolizisten ersparten sich eine Antwort. Aus ihren Gesichtern ließ sich dennoch einiges ablesen. Nur nichts Gutes. Wenngleich die Ausseer an Kummer mit Fremden gewöhnt waren. Ob es sich nun um Touristen oder Zweitwohnsitzer handelte, von denen die meisten aus Wien stammten.

»Wenn du es lustig haben möchtest, musst du im Fasching wiederkommen«, meinte Sandra versöhnlich. »Der Ausseer Fasching ist sogar als immaterielles Kulturerbe ins Österreichische UNESCO-Verzeichnis eingetragen.« Dass in der fünften Jahreszeit drei Tage lang Ausnahmezustand im Ausseerland herrschte, war weit über die Grenzen der Region bekannt. Dann zogen die Maschkera – die Maskierten – durch die Straßen: die Trommelweiber in ihren Frauenmasken und weißen Gewändern, die farbenfroh glitzernden Flinserl und die Fetzen schwingenden Pless, die von den Kindern mit Schneebällen beworfen wurden, um den Winter symbolisch zu vertreiben. Allerorts wurde nach altem Brauchtum ausgelassen gefeiert.

»Bis zum Fasching wollte ich eigentlich nicht hierbleiben«, entgegnete Bergmann. »Eine Nacht sollte uns fürs Erste reichen.«

Allein für sein anzügliches Grinsen wäre ihm Sandra am liebsten an die Gurgel gesprungen. Vor den Kollegen schluckte sie ihre Antwort jedoch hinunter.

»Entschuldige, Sascha«, meldete sich der Brandexperte zu Wort. »Brauchst du uns hier noch? Wir würden sonst nach Graz aufbrechen.«

»Fahrt ruhig. Wir sehen uns beim Team-Meeting am Montag«, entließ er die Kollegen.

»Um welche Uhrzeit?«

»Miriam schickt den Termin rechtzeitig aus«, versprach Bergmann. »Ich hoffe zumindest, dass wir nur eine Nacht hier verbringen müssen.«

Das hoffte Sandra auch. Wenngleich noch nicht abzusehen war, wohin die Ermittlungen in den nächsten Stunden führen würden.

»Habt ihr ein Zimmer für uns organisiert?«, erkundigte sich der Chefinspektor bei den Landpolizisten.

»Zwei Zimmer«, zischte Sandra.

»Wir haben eine Ferienwohnung mit zwei Schlafzimmern für euch reserviert«, antwortete die Kollegin. »Was anderes war nimmer zu bekommen. Sind ja noch Ferien.«

Sandra bedankte sich einigermaßen erleichtert. Solange es eine Schlafzimmertür gab, die sie von Bergmann trennte, war ihr alles recht.

»Die Wohnung ist etwa fünf Minuten von hier entfernt und recht gemütlich«, versicherte ihr die Kollegin. »Es gibt sogar eine Sauna im Badezimmer, in der ihr euch aufwärmen könnts.«

Die Miene des Chefinspektors hellte sich augenblicklich auf.

Höchstwahrscheinlich dachte er an die Therme Loipersdorf, wo sie sich einmal unbeabsichtigt in der Sauna begegnet waren. Bergmann hatte ihr seinen Familienschmuck dermaßen breitbeinig präsentiert, dass Sandra dieses Bild bestimmt nie wieder aus ihrem Kopf bekommen würde. Auch jetzt wich sie seinem Blick aus und nahm den Wohnungsschlüssel entgegen, den ihr die Polizistin überreichte.

»Die Adresse und die Apartmentnummer stehen auf dem Schlüsselanhänger.«

Wie praktisch, dachte Sandra und steckte den Schlüssel ein. Wenn er in die falschen Hände geriet, wusste der potenzielle Einbrecher wenigstens gleich, wohin er fahren musste, um die Gästewohnung zu plündern.

»Ihr müsst’s nur dem Wegweiser zum Biobauernhof …«, setzte die Polizistin zu einer Erklärung an, als Bergmann ihr ins Wort fiel.

»Wie bitte?« Das Grinsen war ihm schlagartig vergangen. »Ein Bauernhof?«, fragte er entsetzt.

Alle Blicke richteten sich auf ihn.

Jetzt grinste Sandra in sich hinein. Mit Bauernhöfen hatte der Chefinspektor wahrlich nichts am Hut, wusste sie. Erst recht nicht, wenn dort Tiere gehalten wurden, die auch nach Tieren rochen. Schon einmal hatten sie in einer bäuerlichen Notunterkunft übernachten müssen, als sie während der Alpinen Ski-WM in Schladming in einem Mordfall ermittelt hatten und in der restlos ausgebuchten WM-Stadt kein Quartier mehr aufzutreiben gewesen war. Zwar herrschte in den Weihnachtsferien auch im Ausseerland Hochbetrieb, jedoch waren die Gästezahlen nicht mit jenen von Schladming zu vergleichen, das Wintersportler und Skifans in Massen anzog. Vor allem zum Nightrace, wenn bis zu 45.000 Zuschauer den Nachtslalom auf der Planai live verfolgten.

»Ich übernachte ganz bestimmt nicht auf einem Bauernhof«, stellte Bergmann klar.

»Aber wieso?«, fragte die Polizistin irritiert. »Ihr müsst’s am Biohof doch nur vorbeifahren. Und gleich nach der nächsten Kurve rechts zum Apartmenthaus abbiegen«, erläuterte sie.

»Ach so …« Bergmann blies erleichtert Luft aus, die erneut vor seinem Gesicht verdampfte. »Dann ist es ja gut.«

»Nimmer lang«, meldete sich der Landpolizist zu Wort.

Bergmann sah ihn fragend an.

»Das Apartmenthaus und das gesamte Grundstück dahinter wurden an eine Immobiliengesellschaft verkauft«, erklärte die Kollegin. »Anfang Februar wird das Haus abgerissen. Es soll dort ein luxuriöses Feriendorf mit 30 Chalets im Ausseerstil errichtet werden, das bis hierher zum Lex-Grundstück reicht.«

»Schad’ um die Gegend«, meinte der Kollege.

»Wieso schade? Wäre es nicht wünschenswert, wenn hier etwas mehr Leben einkehrt?«, fragte Bergmann. »Gegen höhere Tourismuseinnahmen habt ihr doch bestimmt auch nichts einzuwenden?«

»Wir Ausseer bleiben aber lieber unter uns«, erklärte ihm der Provinzpolizist, was wahrlich kein Geheimnis war. Da er auf zahlende Gäste nicht angewiesen war, sondern auf ein sicheres Einkommen aus Steuergeldern vertrauen durfte, traf das auf ihn wohl ganz besonders zu.

Prompt fiel Sandra der Brief wieder ein, den die Bürgermeister der Ausseerland-Gemeinden während des ersten Corona-Lockdowns an die Landesregierung geschrieben hatten, um ein Betretungsverbot für Zweitwohnungsbesitzer zu erwirken, obwohl ein solches in Österreich nicht vorgesehen war. Ausgerechnet vor der Osterwoche hatte dieses Ansinnen gehörig Staub aufgewirbelt und der Region keine Sympathien beschert.

»Nicht, dass ihr glaubt’s, wir sind fremdenfeindlich«, sprang die Polizistin in die Bresche.

»Großkopferte Weana Bazi und Zwoaheimische, die net ›griaß di‹, ›pfiat di‹, ›Danke‹ und ›Bitte‹ sog’n kennan, gibt’s bei uns scho’ gnua.«

Das traf in allen Punkten auf den Chefinspektor zu.

»Zweiheimische?«, wiederholte er.

»Zweitwohnsitzer, die nur wenige Wochen im Jahr in ihren Häusern und Wohnungen leben«, erklärte ihm die Polizistin. »Die meisten kommen aus Wien.«

»Wir leben und wir sterben von denen«, meinte der Kollege.

»In der Gemeinde Grundlsee dürfen schon lange keine Zweitwohnsitze mehr errichtet oder verkauft werden«, erklärte die Polizistin. »Deswegen schmeißen sich die Immobilienentwickler zunehmend auf Tourismusprojekte.«

»Und die Gemeinde unterstützt sie«, erklärte der Landpolizist wenig begeistert.

Seine Kollegin warf ihm einen mahnenden Blick zu.

»Bleiben wir doch bei diesem Haus hier.« Bergmann wies auf die Brandruine. »Sind die Lex-Schwestern Einheimische?«

Der Polizist verneinte.

»Die Villa hat ihr Ururgroßvater um die Jahrhundertwende errichten lassen. Damals durften Zweitwohnsitze noch gebaut werden«, erklärte die Kollegin. »Der alte Herr Lex war Fabrikant in Wien. Seine Familie hat die Ferien immer am See verbracht. Lilli und Luise Lex sind schon die fünfte Generation von Zweiheimischen. Aber die erste, die ihren Hauptwohnsitz hierher verlegt hat, seitdem sie in Aussee arbeiten«, erklärte sie.

»Wenn sie ausschließlich hier wohnen und arbeiten, dann sind sie doch einheimisch«, meinte Bergmann spitzfindig.

Die Uniformierten warfen einander Blicke zu. Der Ermittler aus der Stadt hatte nicht die leiseste Ahnung von der Mentalität der Ausseer. Selbst in der fünften Generation zählte man hier noch zu den Zwoaheimischen oder zu den Zuagroasten. Selbst wenn man Miteigentümer der Salinen war und halb Altaussee sein Eigen nennen durfte. Oder hier geboren war und Jahrzehnte später als Oscar-Preisträger, hochgelobter Schriftsteller oder erfolgreicher Unternehmer die dereinst verlassene Heimat besuchte beziehungsweise den Rest seiner Tage hier verbrachte. Bestenfalls wurde man als Heimischer akzeptiert, von den Einheimischen jedoch höflich auf Distanz gehalten oder schlichtweg ignoriert. An den Stammtischen durften nur Einheimische Platz nehmen. Ab und zu auch ganz besonders privilegierte Heimische, wenn sie dazu aufgefordert wurden. Das geschah jedenfalls unabhängig von Stand, Prominenz, Einfluss oder Geld. Wenn es denn überhaupt jemals geschah. Bei den Lex-Schwestern verhielt es sich vermutlich nicht anders. Umso bemerkenswerter fand Sandra, dass sich die beiden ausgerechnet in der Trachtenhauptstadt Bad Aussee an das traditionelle G’wand he­ran­wagten, was beinahe einem Sakrileg gleichkam.

»Hatte Luise Lex Streit mit irgendjemandem?«, fragte der Chefinspektor weiter. »Vielleicht mit einem Mitbewerber, Angestellten oder Geschäftspartner? Oder auch mit einem eifersüchtigen Partner respektive Ex-Partner?«

»In Aussee gibt’s schon einige Neidhammeln, die die Lex-Schwestern am liebsten zum Teufel jagen täten«, bestätigte die Landpolizistin, was Sandra vermutet hatte. »Habt’s ihr noch nie was von Lilli & Luise gehört?«, fragte sie die Ermittler aus Graz, als würden diese hinterm Mond leben. Was aus ihrer Sicht zutreffen mochte. Für sie war diese Region der Nabel der Welt. Tatsächlich war Bad Aussee der geografische Mittelpunkt von Österreich. Dennoch lag das Steirische Salzkammergut ziemlich abgeschieden, weshalb sich die eigentümliche Mentalität der Ausseer entwickeln hatte können. Auch der Salzabbau, der die Bevölkerung über die Jahrhunderte hinweg ernährt und ihr eine gewisse Unabhängigkeit beschert hatte, prägte den Charakter der Leute.

»Die Lex-Schwestern sind eh andauernd in der Zeitung und im Fernsehen«, erklärte die Polizistin weiter.

Sandra musste dennoch passen. Klatsch und Tratsch zählten ebenso wenig zu ihrem Metier wie Mode. Dazu konsultierte sie meistens ihre Freundin, die eine Boutique in der Grazer Altstadt führte. Ganz bestimmt kannte An­drea Lilli & Luise.

Die heimischen Trachtenproduzenten waren allesamt nicht erfreut gewesen, als die zwei Wienerinnen die alteingesessene Trachtenmanufaktur übernahmen, erfuhren sie von der Polizistin. Noch dazu, wo sich die Lex-Schwestern kaum den traditionellen Schnitten, Stoffen und Mustern unterwarfen. Ihre Trachtenmode trug eine eigene Handschrift, die vor allem bei den Gästen des Ausseerlandes und außerhalb der Region sehr gut ankam, plauderte die Polizistin aus dem Nähkästchen. Dass der große Erfolg der Schwestern Neider auf den Plan rief, die sie zum Teufel wünschten, lag nahe. Aber hasste jemand sie so sehr, dass er eine von ihnen getötet hatte?

»Kannst du mir eine vollständige Liste der Trachtenbetriebe im Salzkammergut zukommen lassen?«, fragte Sandra.

Die Landpolizistin versprach ihr diese für den nächsten Tag.

Sandra bedankte sich. »Und wie sieht es mit dem Privatleben der Verstorbenen aus?«, fragte sie weiter. »War Luise Lex liiert?«

»Nicht, dass ich wüsste.« Die Uniformierte sah ihren Kollegen an.

Ihr Kollege zuckte mit den Achseln.

»Gibt es Kinder?«, fragte Sandra.

»Zum Glück nicht.«

»Zum Glück?«, fragte Bergmann.

»Die Kinder wären jetzt ohne Mutter.«

»Und Lilli Lex hat auch keine Kinder?«

Die Polizisten schüttelten ihre Köpfe.

»Die Lilli war vielleicht ein halbes Jahr verheiratet. Mit dem Sulzbacher Otto, einem Geschäftsmann aus Wien«, erzählte sie.

»Auch ein Zweiheimischer?«, fragte Bergmann.

Die Landpolizistin verneinte. »Der Otto war immer nur sporadisch da. Er hat was mit dem geplanten Chalet-Dorf zu tun. Was genau, weiß ich nicht. Du?« Sie warf ihrem Kollegen einen fragenden Blick zu.

Der verneinte.

»Fragt’s am besten die Lilli, die weiß bestimmt mehr.«

»Waren die Lex-Schwestern auch in dieses Feriendorf-Projekt involviert?« Sandra kreuzte die Arme, um ihre klammen Hände am Körper zu wärmen.

»Die beiden wollten das Feriendorf in ihrer Nachbarschaft verhindern.«

»Und wie war das Verhältnis der Schwestern untereinander?«

Die Polizistin zuckte mit den Achseln. »Was ich weiß, waren sie unzertrennlich. Wie man sich das bei Zwillingsschwestern eben vorstellt.«

»Ach, die beiden waren Zwillinge?«, hakte Sandra nach.

»Hab’ ich das noch nicht erwähnt?«

Sandra verneinte. »Eineiige Zwillinge?«

»Kann sein. Sie haben sich schon recht ähnlich geschaut. Aber nicht zum Verwechseln. Die Lilli hat kürzere blonde Haare, die Luise längere braune gehabt.«

Falls sie es mit einem gezielten Mordanschlag zu tun hatten, war demnach auszuschließen, dass die Zwillingsschwestern verwechselt worden waren. Aber vielleicht hätten ja auch beide beseitigt werden sollen, und die eine hatte ihr Leben nur ihrer Abwesenheit zu verdanken. »Wo hält sich Lilli Lex zurzeit auf?«, erkundigte sich Sandra.

»In ihrer Wohnung in der G’wandschneiderei.«

»Gewohnt hat sie aber hier mit ihrer Schwester?« Sandra wies mit dem Daumen über ihre Schulter zur Brandruine.

Die Provinzpolizistin bestätigte die Frage und nannte ihr die Geschäftsadresse in Aussee.

»In Bad Aussee?«, vergewisserte sich Sandra.

»Aussee is immer Bad Aussee«, bestätigte der Landpolizist. »Altaussee hoaßt bei uns Olt’nausee«, erklärte er im Dialekt.

»Die Lilli ist ziemlich fertig mit den Nerven. Wir haben ihr jemanden vom KIT vorbeigeschickt, der sie psychologisch betreut. Vielleicht solltet’s lieber bis morgen mit der Befragung warten«, meinte die Polizistin.

»Das lass unsere Sorge sein.« Bergmann bohrte seine Hände tiefer in die Jackentaschen.

Zitterte er vor Kälte, oder täuschte sich Sandra? »Sollte Frau Lex heute nicht mehr vernehmungsfähig sein, versuchen wir es morgen«, sagte sie. »Ansonsten werden wir sie in den nächsten Tagen nach Graz vorladen.«

»Gibt es noch etwas, was wir wissen sollten?«, fragte Bergmann ungeduldig.

»Ich weiß nicht, ob es relevant ist«, zauderte die Polizistin.

»Wenn es relevant ist, werden wir es überprüfen. Also raus mit der Sprache«, forderte Bergmann sie zum Reden auf.

Er schepperte vor Kälte, stellte Sandra fest.

»Die Lilli soll ein Pantscherl mit dem Köberl Fabian haben«, gab die Polizistin zögerlich preis.

»Mi’m Fabian? Dem Fischer vom Grundlsee?«, entrüstete sich ihr Kollege. »Der ist doch viel zu jung für sie.«

Wie die anderen überhörte Sandra das Vorurteil, zog einen Handschuh aus und zückte ihr Handy. »Wo wohnt Herr Köberl?«

Der Polizist nannte ihr eine Adresse im Dorf Gößl, die Sandra in ihr Handy sprach. Zwar wusste sie nicht, was der junge Mann mit dem Tod der Schwester seiner Geliebten zu tun haben sollte, aber irgendwo mussten sie mit den Ermittlungen ansetzen. Warum also nicht bei dem Fischer, der ihr vielleicht ein paar frische Fische verkaufen würde, wenn sie schon einmal am Grundlsee war. Der Gedanke an gebratenen Saibling ließ sie den brandigen Geschmack in ihrem Mund kurzfristig vergessen. Für das kompakte, gleichwohl zarte Fleisch der Fische aus den Salzkammergutseen ließ sie jeden Meeresfisch stehen.

Die LKA-Ermittler verabschiedeten sich von den Landpolizisten. Ebenso vorsichtig, wie sie hergekommen waren, rutschten sie zum Dienstwagen zurück.

»Was hältst du davon, wenn wir zuerst unser Gepäck in die Wohnung bringen und anständig einheizen?«, wandte sich Sandra an Bergmann. Ferienwohnungen wurden häufig auf Sparflamme beheizt, wenn sie gerade nicht bewohnt waren, wusste sie aus leidvoller Erfahrung. »Anschließend könnten wir nach Bad Aussee weiterfahren, um Lilli Lex zu befragen«, schlug sie vor. »Vorausgesetzt, sie ist vernehmungsfähig. Und danach gehen wir Abendessen.«

Bergmann zeigte sich einverstanden. »Jetzt sperr schon auf, Sandra! Ich frier mir noch den Hintern ab.«

»Das wundert mich nicht.« Sandra öffnete den Skoda mit dem Funkschlüssel.

Kaum lief der Motor, drückte Bergmann den Knopf, der seine Sitzheizung aktivierte.

Sandra schaltete ihre ebenfalls ein, ehe sie den Schlüssel für die Ferienwohnung aus der Jackentasche holte. »Hast du kein wärmeres Gewand mit? Wir sind hier in den Bergen.«

»Scheiß Berge«, schimpfte Bergmann. »Und hör auf, mich zu bemuttern.«

»Nichts liegt mir ferner als das. Aber jammere mich nicht an, wenn du dir eine Erkältung einfängst.«

Bergmann griff zu seinem Gurt. »Ich fang mir schon nichts ein. Ich werde heute nämlich noch in die Sauna gehen. Willst du mir nicht Gesellschaft leisten?«

Sandra ignorierte sein Angebot. »Kannst du die Adresse bitte ins Navi eingeben?« Sie überreichte Bergmann den Schlüssel der Ferienwohnung und fuhr los.

4.

Lilli Lex konnten sie heute nicht mehr befragen. Sie sei völlig durch den Wind, erklärte sie Sandra am Telefon, während Bergmann unter der Dusche der Ferienwohnung stand, um sich aufzuwärmen. Ihr Haus und ihr gesamtes privates Hab und Gut waren verbrannt. Am allermeisten aber machte ihr der Tod ihrer Schwester zu schaffen. Sie wollte gleich ein Schlafmittel nehmen und zu Bett gehen.

Sandra zeigte Verständnis für ihre Gemütslage. Dennoch bat sie um einen möglichst zeitnahen Termin, um ihr eine Vorladung nach Graz zu ersparen.

Lilli Lex willigte ein, sie am nächsten Vormittag in der G’wandschneiderei zu empfangen.

Um die Nerven der Frau nicht noch weiter zu strapazieren, erwähnte Sandra vorerst nichts von der Brandursache. Anscheinend hatte sie von der Brandstiftung noch nichts mitbekommen. Sie fragte auch nicht nach.

Für heute war Feierabend. Sandra wählte die Nummer des Restaurants, von dem Andrea nach ihrem letzten Sommerurlaub so geschwärmt hatte, um dort einen Tisch zu reservieren.

Eine Dreiviertelstunde später wurde ihnen der empfohlene Saibling in der Salzkruste mit Kapern-Zitronen-Pesto und Petersilerdäpfel serviert. Dazu gönnte sich Sandra ein Achtel Sauvignon Blanc aus der Südsteiermark. Ein zweites war für sie leider nicht mehr drin. Die Strecke bis zur Ferienwohnung musste sie noch mit dem Auto zurücklegen.

Vor dem Dessert überraschte Bergmann sie mit einem Geburtstagsgeschenk, das er ihr bereits bei der Feier in Graz hätte überreichen wollen, wäre ihnen nicht der Einsatz im Ausseerland dazwischengekommen.

Dass er ihr ausgerechnet einen Strickschal schenkte, den er selbst bitter nötig gehabt hätte – wenn auch nicht unbedingt in diesem Himbeerfarbton –, amüsierte Sandra. »Hast du den selbst gestrickt?«, zog sie ihn auf, was der Macho nicht besonders witzig fand.

An der Garderobe wickelte sie ihm ihren alten Wollschal um den Hals, sich selbst den neuen aus kuscheliger Kaschmirwolle, der farblich zu ihrem Anorak passte. Wahrscheinlich hatte Bergmann sich von Andrea beraten lassen, vermutete sie, fragte aber nicht nach.

Zurück in der bacherlwarmen Ferienwohnung schaltete Bergmann die Sauna an. Gemeinsam schauten sie die ZIB an, die unter anderem von Ausschreitungen bei einer Demonstration in Paris und vom Hausbrand am Grundlsee berichtete. Bei der Frau, die ums Leben gekommen war, handle es sich mutmaßlich um eine Hausbewohnerin, deren Leiche in den kommenden Tagen obduziert werden würde, berichtete Armin Wolf, was die Polizeipressestelle unmittelbar nach dem Brand offiziell gemeldet hatte. Zudem erwähnte der ORF-Anchorman, dass die Brandexperten des LKA Steiermark ermittelten, um die Brandursache zu klären, während ein kurzer Videobeitrag vom nächtlichen Feuerwehreinsatz gezeigt wurde.

Nach den Nachrichten bot Bergmann ihr an, die Sauna zu benützen, die inzwischen auf 90 Grad Celsius aufgeheizt war. Wenn sie sich vor ihm schämte, würde er solange draußen warten. Einmal mehr lehnte sie sein Angebot ab. Auf Gluthitze konnte sie auch ohne den nackten Chefin­spektor gut und gerne verzichten. Lieber schwitzte sie aktiv beim Sport als passiv in der Sauna. Aber nicht mehr heute.

Während Bergmann im eigenen Saft schmorte, schaute sie sich die Wiederholung eines steirischen Landkrimis an und trank dazu Muskateller, den sie im Kühlschrank gefunden hatte. Die heimische Filmreihe gefiel ihr wesentlich besser als die meisten Tatort-Folgen. Wenngleich sie auch bei diesem Film über einige realitätsferne Szenen den Kopf schütteln musste.

Andererseits wollte bestimmt niemand sehen, wie langwierig die Polizeiarbeit mit all dem Papierkram und unzähligen Vorschriften wirklich war, meinte Bergmann, der ihr nach dem Saunagang Gesellschaft leistete. Immer wieder mussten sie über die beiden TV-Ermittler schmunzeln, die sie verblüffend an sie selbst erinnerten. Noch bevor der Täter überführt werden konnte, den sie übereinstimmend längst zu kennen glaubten, war Bergmann auf der Couch eingeschlafen.

Sandra schaltete den Fernseher aus und spülte die Weingläser ab. Auf Socken schlich sie ins Badezimmer und machte sich fürs Bett fertig, um anschließend am schnarchenden Chefinspektor vorbei in ihr Schlafzimmer zu gelangen. Sollte er ruhig auf der Couch liegen bleiben, bis er von allein aufwachte. Bequem war sie ja.

Sie selbst fiel in ihrem frisch überzogenen Bett rasch in den Schlaf.

Kapitel 2

Sonntag, 3. Jänner

Grundlsee

1.

Als Sandra die Schlafzimmertür öffnete, stieg ihr Kaffeeduft in die Nase. Wiewohl sie Teetrinkerin war, mochte sie diesen Geruch. Sie schaltete das Deckenlicht im Wohnzimmer aus, das noch brannte, obwohl die Sonne inzwischen aufgegangen war.

»Guten Morgen, Liebling!«, begrüßte sie der Chefin­spektor gut gelaunt.

Ein anlassiger Bergmann auf nüchternen Magen hatte ihr gerade noch gefehlt. Verschlafen rieb sie sich die Augen. Während der notorische Frühaufsteher geschnäuzt und gekampelt mit einem Kaffeehäferl in der Hand an der Küchenzeile im Wohnzimmer lehnte, schlich sie barfuß im langen T-Shirt an ihm vorbei, um ins Badezimmer zu gelangen. »Morgen«, knurrte sie, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Dass er ihr hinterherstarrte, spürte sie auch so auf ihrem Rücken respektive in dessen Verlängerung.

»Möchtest du ein weiches Ei oder Ham and Eggs zum Frühstück?«, fragte er.

Erstaunt hielt Sandra an der Badezimmertür inne und wandte sich um. »Sag bloß, du warst einkaufen. Am Sonntag?«

Bergmann verneinte. »Jemand hat alles fürs Frühstück in einem Korb vor der Wohnungstür abgestellt. Mitsamt der Sonntagszeitung. Kaffee hab’ ich im Küchenschrank gefunden.«

»Woher hast du denn gewusst, dass ein Korb vor der Tür steht?«

»Mit Körben kenne ich mich aus«, meinte Bergmann süffisant.

Sandra war klar, worauf er anspielte. Nach ihrem ersten gemeinsamen Fall hatte er bei ihr zu landen versucht und war kläglich gescheitert. Lange Zeit hatte sie ihn für einen Hallodri gehalten, der er im Grunde gar nicht war. Sie wollte sich abwenden, um ins Bad zu gehen, als er fortfuhr.

»Jemand hat in der Früh ein Grußkärtchen mit einem Hinweis auf den Frühstückskorb unter der Tür durchgeschoben.«

Sandra gähnte. »Ach so. Kannst du mir bitte Teewasser aufstellen, während ich im Bad bin?«

»Ist das alles?«

Sandra lehnte sich am Türrahmen an, überkreuzte die nackten Beine und Arme. »Gibt’s auch Müsli und Joghurt?«

»Joghurt war im Frühstückskorb. Aber kein Müsli. Vielleicht finde ich welches im Küchenkasten.« Bergmann öffnete einen der Oberschränke.

»Ja, schau bitte nach. Eine Eierspeise hätte ich auch gern. Von zwei Eiern. Schön fluffig, nicht matschig, wenn’s geht. Ohne Schinken.«

Schmunzelnd schloss Sandra die Badezimmertür hinter sich. Bergmann als Frühstückskoch. Wer hätte das gedacht? Verkühlt war er jedenfalls nicht. Die Sauna hatte ihm gutgetan, überlegte sie unter der Dusche, die wie die übrige Ausstattung der Ferienwohnung nicht gerade dem modernsten Standard entsprach. Aber immerhin war alles blitzsauber. Und es prasselte warmes Wasser aus dem Duschkopf.

Während sie sich die Zähne putzte und Bergmann das Frühstück machte, kam ihr erneut der Vergleich mit einem alten Ehepaar in den Sinn. Kein Wunder, dass es anfangs im LKA Gerüchte gegeben hatte, die ihr und dem Chefinspektor ein Verhältnis unterstellten. Im Gegensatz zu früher regte sie solches Gerede heute kaum mehr auf. Im Laufe der Jahre war sie um einiges gelassener geworden. Sollten die Leute doch glauben, was sie wollten.

Zurück in ihrem Zimmer zog Sandra die Vorhänge auf. Der Blick aus dem Fenster ließ ihr Herz höher schlagen. Kaum eine Wolke stand am azurblauen Himmel. Die schneebedeckten Berge des Toten Gebirges säumten den Grundlsee. Da und dort blitzten dunkelblaue Stellen durch die dünne Schneedecke auf der Eisfläche. Einige Blesshühner watschelten in der Nähe des Bootshauses am Seeufer entlang. Direkt vor dem Gästehaus glitzerte der Schnee in der Sonne. Vom Balkon, der über ihrem lag, tropfte Schmelzwasser.

Sie zog ihre Jeans und den Rollkragenpulli an, warf einen Blick auf ihr Handy. Keine verpassten Anrufe, dafür eine neue Nachricht mit der Liste heimischer Trachtenbetriebe, die ihr die Landpolizistin versprochen hatte. Die konnte sie sich später noch genauer ansehen. Jetzt wollte sie erst einmal frühstücken.

Bergmann saß am gedeckten Frühstückstisch, trank Kaffee und las die Kleine Zeitung. Mit dem Essen hatte er auf sie gewartet. So zuvorkommend wie heute hatte er sich in all den Jahren nicht gezeigt. Daran hätte sich Sandra bestimmt erinnern können.

Auf ihrem Platz wartete ein Häferl mit heißem Wasser, dazu mehrere Teebeutel zur Auswahl. Sandra entschied sich für Pfefferminztee. »Hey, du hast ja sogar Müsli gefunden«, freute sie sich über die Flocken, Körner und Nüsse im Rexglas.

Bergmann brummte zustimmend, weiterhin in die Zeitung vertieft.

Wenngleich Sandra ihn und seine provokanten Sprüche manchmal zum Teufel wünschte, hatte er durchaus auch seine netten Seiten. Für eine Überraschung war er sowieso immer gut. Diesmal sogar für eine positive. Während sie den Joghurtbecher öffnete, schlug er die Zeitung zu. Sandra leerte das Naturjoghurt über ihr Müsli.

»Dann mache ich uns jetzt die Eierspeise.« Bergmann erhob sich.

»Soll ich das übernehmen?«, bot sich Sandra an.

Bergmann winkte ab. »So weit reichen meine Kochkünste. Bleib sitzen und lies die Zeitung. Seite 18.«

»Geht es um den Brand?« Sandra leckte ihren Zeigefinger ab, der einen Klecks Joghurt abbekommen hatte.

Bergmann wandte sich wortlos ab.

Neugierig blätterte sie in der Zeitung bis zur genannten Seite.

Bergmann hantierte an der Küchenzeile.

»Da schau an!«, meinte sie überrascht. »Dein Herr Sohn ist ›Steirer des Tages‹! Wow!«, überschlug sie sich fast vor Begeisterung. Wie schön, dass David diese Ehre zuteilwurde, freute sie sich ehrlich für ihn. Endlich einmal stand der junge Musiker nicht im Schatten der steirischen Volkspop-Sängerin, in deren Band er die Lead-Gitarre spielte. Seit dem Tauschkonzert im Fernsehen waren Jessica Wind und ihre Hits auch in Deutschland bekannt. Jedoch nicht die Bandmitglieder, die stets im Hintergrund blieben. Nicht zuletzt, um möglichst austauschbar zu bleiben. Der Star war einzig und allein Jessica Wind.

»Was habt ihr eigentlich alle mit diesem ›Steirer des Tages‹?«, wunderte sich Bergmann, die Hand am Pfannengriff. »Als gäbe es nicht 365 oder sogar 366 Tage im Jahr.«

»Na und?« Sandra tauchte den Löffel in ihr Müsli, um es mit dem Joghurt zu vermengen. »›Steirer des Tages‹ zu sein, kommt beinahe einem Ritterschlag gleich. Wir sind eben stolz auf unsere Landsleute, die für ihre herausragenden Leistungen vor den Vorhang geholt werden.« Sie schleckte den Löffel ab.

»In Wien wären die Leute maximal neidisch«, meinte Bergmann, die Eier verquirlend.

»Mag sein. Und jetzt lass mich weiterlesen«, erwiderte sie. Im Bericht über David wurde erwähnt, dass er während der ersten Corona-Welle die Krankheit mit leichten Symptomen überstanden hatte. Sein Blut zu spenden, in dem Antikörper nachgewiesen worden waren, um dadurch abwehrgeschwächten Covid-19-Patienten lebensrettende Behandlungen zu ermöglichen, sei für ihn selbstverständlich gewesen. Davon hatte ihr Bergmann gar nichts erzählt. Doch die Gesundheit seines Sohnes war schließlich Privatsache.

Während Sandra weiterlas, brutzelte es in der Pfanne. Der Duft von gebratenem Schinken stieg ihr in die Nase. »Wie bitte? David hat die Band verlassen?« Auch davon hatte Bergmann kein Sterbenswörtchen erwähnt. »Ist er privat auch nicht mehr mit Jessica zusammen?«

»Privat haben sich die beiden bereits bei den Dreharbeiten in Südafrika getrennt, nachdem sich Jessica mit einem anderen prominenten Sänger vergnügt hat.« Bergmann verteilte die Eierspeise auf den Tellern.

»Ach ja?« Sandra überlegte, welcher der Musiker infrage kam. Einige Folgen der unterhaltsamen Sendung hatte sie sich damals wegen David angesehen.

Bergmann kam mit den Tellern an den Tisch zurück. Für sich selbst hatte er Schinken abgebraten. Auf die Beziehung seines Sohnes oder auf deren Ende ging er nicht näher ein.

Und Sandra wollte nicht nachfragen. Sie wusste auch so, dass der Chefinspektor heilfroh war, dass sich David von der egozentrischen Sängerin getrennt hatte. Vor einiger Zeit hatten sie in ihrem Umfeld ermittelt, nachdem der Bassist der Band in ihrem Haus über die Treppe in den Tod gestürzt war. Und David sich in Jessica verliebt hatte.

Sandra trank einen Schluck Tee und machte sich über die Eierspeise her. »Perfekt«, lobte sie den Chefinspektor. »Danke, Sascha!«

»Nichts zu danken. Nach unserer nächsten gemeinsamen Nacht bist du mit dem Frühstückmachen dran«, meinte er mit vollem Mund.

Sandra schnitt eine Grimasse »Sag bloß, du willst noch eine Nacht hierbleiben.«

»Habe ich nicht vor. Aber die nächste Übernachtung auswärts kommt bestimmt, Liebling!«

Sandra widmete sich wieder der Zeitung, anstatt ihn für den verhassten Kosenamen zu rügen, worauf er ohnehin nur wartete. Prompt blieb sie an einem Foto der nächtlichen Löscharbeiten am Grundlsee hängen. Wie die ORF-Nachrichten hielt sich auch dieser Artikel an die Fakten der Polizeimeldung. Allerdings konnte sich jeder, der die Umgebung gut kannte, anhand der Fotos ausmalen, dass eine der Lex-Schwestern in den Flammen ums Leben gekommen war. Vor Ort hatte sich bestimmt längst auch herumgesprochen, welche der beiden.

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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
255 s. 9 illüstrasyon
ISBN:
9783839268025
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