Kitabı oku: «Die Maske aus schwarzem Samt», sayfa 4

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Gegen Mitternacht bereitete sich Christoph darauf vor, den Gasthof erneut zu verlassen. Ausgestattet mit einer Laterne und einem Päckchen Zündhölzern schlüpfte er hinaus in die Nacht. Der Mond schien prächtig am wolkenlosen Himmel. Christoph eilte durch die menschenleeren Gassen zum Friedhof.

Die Dunkelheit dort war anders beschaffen, als habe man verschiedene Schattierungen miteinander zu einem schwarzen Band verwoben. Er entzündete die Laterne und trat durch das Tor.

Die Schritte hallten in seinen Ohren und er hörte seinen Atem. Bis zu jenem Moment war ihm nicht bewusst, wie sehr er fror. Seinen Mantel enger um sich ziehend, folgte er dem Weg, der auf die Kapelle zuführte. Er besann sich, dass Erik ihn am Grab der Daaés treffen wollte.

Als Christoph die Richtung änderte, nahm er eine feine Veränderung in der Luft wahr. Der Wind schien eine Melodie zu ihm zu tragen, sanft, doch vernehmbar. Christoph schloss die Augen, ließ die Laterne stehen und folgte blind der Musik. Mit jedem Schritt wurde sie lauter. Sie ergriff ihn mit Armen, sanft wie der Wind selbst, und zog ihn auf einen magischen Pfad. Ihm blieb keine Wahl, als dem Ursprung dieser Melodie zu folgen. Die Seufzer einer Violine ließen ihn erbeben.

Er öffnete die Augen und fand sich in einem Meer aus Kerzenlichtern. Atemlos sank er auf die Knie und streckte seine Arme gen Himmel, als wollte er einen Geist umarmen. In seine Augen traten Tränen und er schluchzte auf, als er die vertraute engelsgleiche Stimme sich über die Violine erheben hörte. Es verlangte ihn, sie zu berühren, doch alles, was seine Hände griffen, waren Schatten. Die Stimme sang immerfort. Erst als Christoph sich wie verzaubert nach vorn beugte, verstummte die Musik plötzlich und Erik trat aus der Dunkelheit. Gleichwohl sein Gesicht wie stets hinter einer Maske verborgen war, sprach er mit sanfter Stimme: »Lektion eins: Du musst dich völlig der Musik hingeben!« Er legte Christoph seine behandschuhte Hand auf die Stirn, als wollte er ihn segnen. Oder mit einem Fluch beladen. Dann streckte er Christoph die Hand entgegen, um ihm aufstehen zu helfen. Zögernd sah Christoph ihn an. Doch ehe er Eriks Hand ergreifen konnte, hörte er ein Rufen.

»Christoph! Bleib zurück! Er ist gefährlich!«

Christoph fuhr herum und erkannte Raoul, der auf sie zu rannte. In der Hand trug er eine Pistole, mit der er auf Erik zielte. Erik stellte sich vor Christoph, der die Begegnung gebannt verfolgte.

»Christoph, bitte geh jetzt«, befahl Erik.

Kerzen flackerten und erloschen. Das brachte Christoph zur Vernunft. Umgehend gehorchte er, wissend, dass es kein gutes Ende nahm, wenn er den beiden in die Quere kam. Doch allein lassen konnte er sie ebenso wenig, daher versteckte er sich hinter einem Berg aus Knochen nahe der Kapelle. Von dort aus beobachtete er das Geschehen, unschlüssig, was er tun sollte. Was machte Raoul auf dem Friedhof? War er ihm gefolgt? Wie kam er dazu, Erik herauszufordern? Mit dem Wissen um Raouls Schießkünste fürchtete Christoph um Eriks Leben. Selbst wenn die Dunkelheit ein genaues Zielen unmöglich machte.

Ein Schuss zerriss die Nacht. Christoph zuckte zusammen, verließ sein Versteck und rannte zurück zu Erik. Mitten in der Bewegung hielt er jedoch inne.

Flink wie ein Pfeil duckte sich Erik unter Raouls Angriff hinweg und holte augenblicklich zum Gegenangriff aus. Aus dem Nichts zückte er das Punjab-Lasso und schlang es Raoul um den Hals. Starr vor Schrecken beobachtete Christoph, wie Raoul in die Knie ging. Doch selbst als er nach Luft röchelnd die Pistole sinken ließ, ließ Erik nicht von ihm ab. Er zog das Lasso fester zu, bis Raoul das Bewusstsein verlor.

»Genug«, flehte Christoph, »Ihr bringt ihn um!«

Das brachte Erik zum Einlenken. Er ließ von Raoul ab, als sei ihm gerade bewusst geworden, was er da tat.

»Dieser Narr!«

Ein Blick in Christophs Augen ließ Erik seine Worte bedauern. Er trat auf ihn zu, den Kopf gesenkt. Wenn er doch nur seine Maske abnehmen und Christoph seine Reue zeigen könnte. Ihm fehlten die Worte, die er zu seiner Verteidigung hätte vorbringen mögen.

»Es tut mir leid«, flüsterte Christoph. »Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist; weshalb er Euch angegriffen hat ...«

Erik sah zu ihm auf. »Weshalb entschuldigst du dich? Nichts davon ist deine Schuld.« Gern hätte er Christophs Arm ergriffen, doch er hielt sich zurück. Stattdessen sah er zu Raoul und meinte: »Er wird überleben.«

Christoph nickte. »Überlasst ihn nur mir. Was ist mit Euch?«

»Mir geht es gut.« Das war eine Lüge. Er hatte keinen Ort, an dem er die Nacht verbringen konnte. Nicht einmal die Kapelle war mehr sicher, nachdem man ihn am Morgen daraus verjagt hatte, und er kannte die Stadt zu wenig, um zu wissen, wo er sich vor den Menschen und der Kälte verstecken konnte.

»Kommt mit mir«, schlug Christoph unerwartet vor.

Bevor Erik Gelegenheit bekam zu antworten, wurden sie von einem Husten und Stöhnen unterbrochen. Es schien, als erlangte der Vicomte das Bewusstsein wieder. Augenblicklich ging Erik in Verteidigungsstellung. Zu seiner Erleichterung war Raoul jedoch zu geschwächt um aufzustehen.

Christoph eilte ihm zu Hilfe, doch hatte er Schwierigkeiten ihm aufzuhelfen.

»Gott, was tue ich hier eigentlich?«, murmelte Erik mehr zu sich selbst, bevor er Christoph ablöste. »Überlass das mir. Bring du mir meine Geige, die ich hinter dem Grabstein abgelegt habe.« Er zeigte auf Daaés Grab. Glücklicherweise war Raoul benommen genug, keinen Widerstand zu leisten, als Erik ihn am Arm packte und nach oben zog. Mit einem grimmigen Blick auf die Pistole schleifte er den Vicomte fort.

Christoph war sicher, dass Raoul auf dem Weg zurück zum Gasthaus so gut wie nichts mitbekam. Während Erik den Vicomte schulterte, schloss Christoph im Schein der Laterne die Tür auf und ließ beide hinein.

»Bringt ihn nach oben«, flüsterte er Erik zu, »Legt ihn auf sein Bett. Ich kümmere mich um ihn. Ihr könnt in meinem Zimmer schlafen.«

Erik nickte und tat, wie Christoph ihm geheißen.

Anschließend übergab Christoph ihm den Schlüssel zu seinem Zimmer. Für den Bruchteil einer Sekunde schienen Eriks Augen golden zu funkeln.

»Dann gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Christoph atmete schwer aus. Diese Nacht hatte eine ebenso unerwartete wie beunruhigende Wendung angenommen. Das würde mit Sicherheit nicht gut ausgehen.

***

Raouls Schläfen pochten, als er erwachte. Beim Versuch, sich aufzusetzen durchzuckten ihn stechende Kopfschmerzen. Scharf sog er die Luft ein, wobei ein weiterer Schmerz seinen Hals verengte. Husten machte es noch schlimmer.

Er blinzelte ein paar mal, bis der Schmerz abklang. Dann schaute er sich um. Seine Erinnerung, wie er in das Gasthaus zurückgelangt war, war verschwommen. Nachdem der Maskierte versucht hatte ihn zu strangulieren, erinnerte er sich an nichts. Als er an sich hinab sah, fiel ihm auf, dass er noch immer die Kleidung vom Vorabend trug, bis auf seine Schuhe. Jemand musste sie ihm ausgezogen und ordentlich neben das Bett gestellt haben. Und dieser Jemand befand sich noch immer im Zimmer, wie er einen Moment später feststellte.

Christoph schlief auf der Couch, seinen Mantel wie eine Decke über sich geworfen. Sein Atem ging flach, sein Gesicht sah blass, aber ruhig aus. Dann war er es also, der ihn ins Gasthaus zurückgebracht hatte. Doch was war aus dem Mann in der schwarzen Maske geworden?

In der Nacht zuvor war Raoul Christoph auf den Friedhof gefolgt, zum Teil aus Neugier, zum Teil aus Sorge. Nie zuvor hatte er eine derart überirdische Stimme vernommen - verlockend, doch gebieterisch, fordernd, doch ebenso verheißungsvoll. Er sank auf die Knie, verzaubert von den Tönen, die ihm aus himmlischen Gefilden zu kommen schienen. Er kannte diese Musik und fühlte sich von dem Geigenspiel berauscht. Sobald die Musik erstarb, kam er jedoch zu Sinnen und erkannte, dass er - und mehr noch Christoph - Opfer eines Tricks geworden waren. Anders als Raoul schien Christoph sich keiner Gefahr bewusst zu sein. Ohne Zögern zückte Raoul seine Pistole und rief Christophs Namen in der Hoffnung, der Maskierte würde fliehen. Allerdings hatte er kein Glück. Unerwartet stellte der andere sich vor Christoph, sodass Raoul keine Wahl blieb, als den ersten Schuss abzufeuern. Er hatte sich stets für einen guten Schützen gehalten, doch die Dunkelheit war nicht sein Freund. Ehe er eine erneute Chance bekam, hatte der andere ihn angegriffen.

Raoul seufzte. Noch immer fragte er sich, wie Christoph den Mann in der Maske dazu gebracht hatte, ihn zu verschonen. Oder sollte er ihn am Ende überwältigt haben? Das war in Anbetracht von Christophs Verfassung eher unwahrscheinlich. Was auch geschehen sein mochte: Er hatte ihm das Leben gerettet.

»Du bist wach«, murmelte Christoph blinzelnd. Er streckte sich und stand von der Couch auf. »Wie fühlst du dich?«

»Wie ein Trinker mit rauem Hals, doch davon ab kann ich nicht klagen.«

Christoph schmunzelte.

»Verrätst du mir, was letzte Nacht passiert ist?«

»Nun ja, du hast auf einen Schatten gezielt und wärst dabei fast umgekommen.«

»Ein Schatten!«, rief Raoul aus. »Das war kein Schatten. Ich versichere dir, der Mann war sehr real.«

Christoph sah ihn düster an. Er warf sich seinen Mantel um die Schultern und trat zu Raoul an das Bett heran. »In der Tat. Was um alles in der Welt hast du dir dabei gedacht, die Pistole auf ihn zu richten? Weshalb warst du überhaupt da?«

Verblüfft von Christophs plötzlichem Ausbruch schreckte Raoul zurück. »Ich habe mir Sorgen gemacht. Als ich dich mitten in der Nacht das Haus verlassen sah, bin ich dir nach. Und nun sehe ich, dass ich das richtige tat. Dieser Mann, wer immer er ist, ist gefährlich!«

»Was weißt du schon!«, stieß Christoph hervor.

Das hatte Raoul nicht beabsichtigt. In letzter Zeit schien er gut darin zu sein, Christoph zu verärgern.

»Dieser Mann hat versucht mich zu töten -«

»Nachdem du eine Waffe auf ihn abgefeuert hast!«

»Er war ebenfalls bewaffnet, oder sehe ich das falsch? Was wollte er überhaupt von dir?«

»Das geht dich nichts an.«

Raoul hielt inne und sah Christoph bekümmert an. »Du hast recht, es geht mich nichts an. Aber lass mich dich eines fragen: Weshalb, denkst du, versteckt er sein Gesicht? Selbst vor dir? Offenbar vertraust du ihm. Doch was hat er getan, das dieses Vertrauen verdient?«

»Das kann ich dir nicht sagen.« Christoph senkte seinen Blick. »Seine Stimme - du hast sie doch gehört, nicht wahr? Ihn singen zu hören war wie eine Offenbarung. Und ich brauche ihn, um der Mensch zu werden, der ich sein möchte.«

Ehe Raoul etwas erwidern konnte, ging Christoph zur Tür und öffnete sie. »Ich sehe dich später.« Damit ließ er ihn allein.

Als Raoul zurück in die Kissen sank, fühlte er sich wie von einem Zug überrollt. Vielleicht war es besser, wenn er Perros auf der Stelle verließ. Doch er schwor sich, nicht eher abzureisen, bis er seinen Freund in Sicherheit wusste.

Das Frühstück ließ er ausfallen und machte einen Spaziergang entlang der Küste. Die salzige Luft erfrischte ihm die Sinne, als gelangte er zu neuem Bewusstsein. Am Strand beobachtete er ein paar Möwen, die am Himmel kreisten. Er schloss die Augen, wandte seinen Kopf der Sonne zu und genoss die Wärme auf seinem Gesicht. Als er die Augen wieder öffnete und sich umsah, entdeckte er in einiger Entfernung Christoph. Offenbar hatte er dieselbe Idee gehabt.

Als Christoph ihn sah, hob er zum Gruß die Hand. Raoul beschloss, ihm Gesellschaft zu leisten.

»Erinnerst du dich, wie wir als Kinder barfuß umher rannten und deine Tante uns zurief, wir sollten vorsichtig sein?« Christoph hielt seine Augen auf das Meer gerichtet, fokussierte die Wellen, die an den Strand rollten.

»Ja, ich schätze, sie war etwas überfürsorglich. Und ich fürchte, ich bin nicht besser.«

Sie sahen einander an und lachten.

Dann wurde Raoul wieder ernst. »Es tut mir leid, wenn ich dir Unannehmlichkeiten bereitet habe. Was immer du mit diesem Mann zu schaffen hast, geht mich nichts an. Doch ich muss sichergehen, dass du nicht in Gefahr schwebst. Kannst du mir das versprechen?«

»Schon gut. Ich möchte mich ebenfalls entschuldigen. Du musst dich nicht länger um mich sorgen.«

»Was meinst du?«

»Ich kehre noch heute nach Paris zurück. Hier gibt es nichts mehr für mich zu tun.«

»Du fährst allein?«

Christoph nickte. »Aber zuvor … machen wir einen kleinen Strandspaziergang?«

»Mit Vergnügen.«

Kapitel 4: Lektionen

Erik hatte Christophs Schlüssel auf dem Tisch hinterlegt, ehe er Perros verließ. Er wusste, Christoph würde die Notiz darunter nicht übersehen. Acht Uhr in der Oper. Christoph würde verstehen, so wie immer. Und wenn die Zeit gekommen war, war Erik bereit, ihm Unterricht zu erteilen.

Um acht Uhr morgens hielt sich kaum ein Mensch in der Oper auf. Niemand störte sich an dem Gesang, der aus Christophs Garderobe drang. Erik blieb versteckt hinter der Glaswand, die auf Christophs Seite als Spiegel erschien.

Sie begannen mit einer aufsteigenden Tonfolge in Vorbereitung auf ein paar einfache Arien. Erik hörte genau hin und unterbrach Christoph an einem Punkt.

»Was ist mit deiner Stimme? Hast du letzte Nacht getrunken?«

»Ehrlich gesagt, ja, ich hatte ein Glas Wein. Als ich gestern ...«

»Keinen Wein mehr für dich«, unterbrach Erik ihn schroff. »Und anderer Alkohol genauso wenig.« Er seufzte leise. Es gab keinen Grund, verärgert zu sein, ermahnte er sich selbst. Ein Blick in Christophs Gesicht zeigte ihm, dass er den Jungen erschreckt hatte.

»In Ordnung, fahren wir fort.« Er stimmte eine Arie aus Mozarts Opera seria Mitridate, Re di Ponto an. Doch es war zwecklos. Erik war es unmöglich, die schwache Stimmgebung zu ignorieren, das gepresste Legato, und all die kleinen Fehler, die andere überhört hätten.

»Darf ich es noch einmal versuchen?«, bat Christoph.

»Wie ich das sehe, hat der Wein deine Stimme ruiniert. Es hat keinen Sinn, heute weiterzumachen.«

»Bitte, ich verspreche -«

»Ich habe dir gesagt, du sollst dich gänzlich hingeben. Wie soll ich dich unterrichten, wenn du derart einfache Anweisungen missachtest?«

Auf der anderen Seite des Spiegels schien Christoph am Boden zerstört. Augenblicklich bereute Erik seine scharfen Worte, doch er musste sichergehen, dass Christoph seine Stimme kein weiteres Mal riskierte.

»Hör zu, ich ...«

Diesmal war es Christoph, der ihn unterbrach: »Ich möchte Euch sehen.«

Erik hob eine Augenbraue. »Das ist nicht notwendig.«

»Warum? Es ist eine verständliche Bitte.« Er schlug mit der Hand gegen das Glas und für einen Moment schrak Erik zurück. Eine Stille fiel zwischen sie, in der Erik einmal mehr Christophs Entschlossenheit bewunderte. Obwohl er nicht genau verstand, weshalb Christoph ihn so dringend zu sehen wünschte. Die Maske schien ihm nichts auszumachen, ebenso wenig Eriks Angewohnheit, einfach zu verschwinden. Fast, als vertraute er ihm. Vermutlich war die Reise nach Perros ein Fehler gewesen. Erik fragte sich, wie der Junge derart unbedarft sein konnte, ausgerechnet ihn um Hilfe zu bitten. Für Erik war es selbstverständlich die perfekte Gelegenheit, ihm nahe zu sein, obwohl er zu Beginn keinerlei Absicht hatte, ihn zu unterrichten.

»Seid Ihr noch da? Erik?«

»Ich bin hier.« Seine Stimme hatte einen beruhigenden Ton angenommen, da Christoph noch immer verängstigt klang.

»Dann … machen wir weiter?«

»Natürlich. Aber bitte versteh: Ich habe meine Gründe, weshalb wir uns auf diese Art treffen. Lass dich nicht von meiner Anwesenheit ablenken. Konzentriere dich allein auf das Singen.«

Was dachte er sich dabei, ihm diese Worte zu sagen? Seine selbstsüchtigen Gründe als Sorge zu tarnen, war erbärmlich. Der Spiegel zwischen ihnen half Erik, seine Distanz zu wahren. Christophs Gegenwart machte ihn angreifbarer als er geglaubt hatte. Er musste aufpassen, nicht noch unachtsamer zu werden.

Vorerst erhob Christoph keine weiteren Einwände und sie setzten ihren Unterricht fort. Tag um Tag; Woche um Woche, bis zwei Monate verstrichen waren. Christoph entfaltete seine Stimme unter Eriks Anleitung, sehr zu Eriks Gefallen. Es war an der Zeit, der Direktion einen weiteren Brief zu schreiben.

***

Zwischen den Unterrichtseinheiten und den Proben für Faust bestimmte Musik Christophs Alltag. Zwar fiel es ihm jedes Mal schwerer, Daphnes Einladungen auszuschlagen, doch vergaß er nie sein Versprechen an Erik, sich ganz der Musik zu weihen.

Christoph fielen Madame Girys mahnende Worte ein, innerhalb der Oper stets den Augen und Ohren des Phantoms ausgesetzt zu sein. Um nicht Eriks Missfallen zu erregen, vermied er es deshalb, Raoul und Daphne zu viel seiner Aufmerksamkeit zu widmen, wenn er sie in der Oper antraf.

Am Morgen der Premiere erhielt er seine letzte Lektion.

»Heute Nacht wird selbst die Carlotta neben dir verblassen.«

Für gewöhnlich hielt Erik sich mit Komplimenten zurück und Christoph schien zu verstehen, weshalb sein Mentor ihn kaum lobte. Seine Wangen röteten sich und sein Mund wurde trocken. Er wusste nicht, was er sagen sollte. La Carlotta, die die Margarete spielte, besaß eine makellose Stimme. Nie verfehlte sie einen Ton, nie geriet ihre Stimme ins Flattern, mühelos erreichte ihr Sopran selbst die höchsten Töne. Nie hätte Christoph zu träumen gewagt, mit diesem vollkommenen Instrument verglichen zu werden.

»Dein Triumph wird mein Lohn sein. Ich werde dir heute Abend zusehen, auch wenn du mich nicht sehen wirst.«

»Aus Eurer Loge Nummer fünf?«

Erik lachte trocken. »Du bist gut informiert, mein Junge.«

»Werdet Ihr auch nach der Vorstellung bei mir sein?«

Einen Augenblick lang war es still. »Wenn du es wünschst.«

»Das tue ich.« Christophs Herz pochte in seiner Brust. Bis er die Worte ausgesprochen hatte, war ihm nie bewusst, wie sehr er Erik zu sehen wünschte. Sein Verlangen danach war mit jeder Lehrstunde gewachsen.

»In Ordnung. Geh jetzt!«

Christoph stand auf und verließ die Garderobe. Ihm war, als schwebte er über die Flure.

***

Angespannt erwartete Raoul die Premiere der Faust-Oper. Es war seine letzte Nacht in Paris. Nach vielen vergeblichen Versuchen, nochmals mit Christoph zu reden, hielt er es für an der Zeit, seinen Militärdienst anzutreten. Weiter gab es nichts für ihn zu tun.

Kurz bevor er vom Großen Foyer zu seiner Loge gelangte, sprach ihn jemand an: »Verzeihen Sie, Monsieur le Vicomte, hätten Sie eine Minute Zeit?«

Er drehte sich um und sah sich den ernsten Augen eines Mannes in den mittleren Jahren gegenüber. Sein Gesicht erschien ihm vertraut, doch er konnte ihn nicht zuordnen, bis der andere sich vorstellte.

»Gestatten, Inspektor Mifroid. Sie haben mich sicher einige Male in der Oper umhergehen sehen.«

»Inspektor! Was kann ich für Sie tun?«

Mifroid deutete ein Lächeln an. »Nun, Vicomte, man erzählt sich, Sie seien einer der einflussreichsten Gönner dieses Hauses.«

»Das mag zutreffen.«

»Sehen Sie, Monsieur le Vicomte, meine ehrenvolle Aufgabe ist es, eine Angelegenheit zu untersuchen, die jüngst der Direktion einige Unannehmlichkeiten bereitete.«

»Unannehmlichkeiten? Welcher Art?« Raoul spürte, wie er erblasste.

»Nun, Monsieur le Vicomte, der Fall reicht zurück zu dem angeblichen Selbstmord des Kulissenschiebers Buquet vor einigen Wochen. Ich habe mir gleich gedacht, dass daran etwas faul ist. Und tatsächlich lag ich richtig. Ohne mich brüsten zu wollen, wurde mir während meiner Untersuchungen klar, dass hinter diesen Mauern merkwürdiges vorgeht.«

»Ich ersuche Sie«, knurrte Raoul mit aufkeimendem Zorn, »Kommen Sie zum Punkt!«

»Nun, Monsieur le ...«

»Ich bin mir meines Titels bewusst, fahren Sie fort!«

Der Inspektor schnappte nach Luft. »Selbstverständlich. Wo war ich stehengeblieben? Ah, richtig! Nun, Monsieur … Sehen Sie, der Tod Buquets war erst der Anfang. Später erhielt die Direktion anonyme Briefe, unterzeichnet mit den Buchstaben O.G. Was, denken Sie, bedeutet das, Monsieur le Vicomte?«

»Ich habe keine Ahnung. Lassen sie mich nicht raten.«

»Jemand erpresst die Direktion - jemand mit Namen O.G. Es gibt Gerüchte, O.G. Stehe für 'Operngeist'.«

»Ein Geist?«, rief Raoul aus, erzürnter denn je. Hielt dieser Inspektor ihn zum Narren, wenn er ernsthaft glaubte, Raoul kaufte ihm diesen Unsinn ab? Dennoch versuchte er, seine Fassung zu wahren. »Ich versichere Ihnen, Inspektor, etwas wie Geister gibt es nicht. Das ist die reale Welt und falls jemand die Oper erpresst, gehen Sie dem nach und verhaften Sie ihn!«

Der Inspektor schnaubte. Kurz schweifte sein Blick umher, doch keiner der Gäste im Grand Foyer beachtete sie.

»Sagen Sie das besser nicht zu laut, Monsieur le Vicomte. Ich ersuche Sie!«

»Wieso? Wollen Sie mir weismachen, Sie haben Angst vor Geistern?«

Inspektor Mifroid antwortete nicht, sondern zeigte auf einen der Kronleuchter.

»Es wäre ein Jammer, wenn einer davon zu Boden ginge.«

»Drohen Sie mir etwa?«

»Nicht im Mindesten, Vicomte. Man versprach uns eine große Tragödie, sollte der Operngeist nicht bekommen was er will.«

»Was will er denn?«, fragte Raoul ungehalten.

Unbestimmt hob Mifroid die Schultern. »Loge fünf - und 200.000 Francs.«

Sie betraten die Loggia, als der Inspektor plötzlich inne hielt. »Sie sind Abonnent der Loge sieben. Ist Ihnen je etwas Verdächtiges in der Loge nebenan aufgefallen?«

Einen Moment lang dachte Raoul darüber nach. Er versuchte sich Vorfälle aus der Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen, doch nichts fiel ihm ein. »Soweit ich mich erinnere, ist Loge fünf stets leer gewesen.«

»Sehr richtig. Doch bedenken Sie: Die wenigen Male, in denen Loge fünf freigegeben war, gab es Beschwerden über anhaltendes Gelächter - obwohl nach Zeugenaussagen eines Wachmanns die Besucher in Loge fünf vor Angst starr saßen. Wie erklären Sie sich das?«

Raoul wusste noch immer nicht, was er davon halten sollte. Er hatte von Fällen gehört, in denen zu Tode erschrockene Menschen plötzlich in unkontrolliertes Lachen ausbrachen. Hier schienen die Dinge jedoch anders zu liegen. Das ergab für ihn keinen Sinn. »Ich weiß es nicht.«

»Na schön. Kommen wir zu der Erpressung. Darf ich fragen, wie viel Sie der Oper gespendet haben?«

»Ich wüsste nicht, was diese Information Ihnen nutzen sollte.«

»Ich versichere Ihnen, das tut es. Man vermutet, der Verdächtige befinde sich im nahen Umfeld der Direktion.«

»Und dabei dachten Sie an mich?«

Raouls Frage brachte ihnen die Aufmerksamkeit einiger Passanten ein, die ihn anstarrten, doch vorbeizogen, sobald sie ihn und Mifroid erkannten.

»Vicomte, ich versichere Ihnen, wir ermitteln in jede mögliche Richtung. Verzeihen Sie mir, wenn das Ihren Unmut erregt.«

Raoul musste sich eingestehen, dass der Inspektor im Recht war. Sie mussten einfach jede Möglichkeit in Betracht ziehen. Auch er war vor Kritik nicht immun. Sein Blick traf die goldenen Kronleuchter im Großen Foyer. Der Lüster im Auditorium war noch um einiges beeindruckender. Sollte er je ins Parkett stürzen, würde er eine Menge Menschen unter sich begraben. Als ihm das Ausmaß eines solchen Unglücks klar wurde, schnappte er nach Luft.

»Was genau schlagen Sie vor, Inspektor?«

»Ich bin mir sicher, Sie sind ein Mann von Ehre. Zudem scheinen Sie mir ebenfalls vertraut mit den Gepflogenheiten der Oper. Ich bitte Sie, Augen und Ohren offen zu halten und verdächtige Vorkommnisse sofort an mich zu melden.«

»Das erscheint mir naheliegend, Inspektor, doch leider ist heute mein letzter Abend in Paris. Ich steige morgen in den ersten Zug, um meinen Militärdienst anzutreten.«

»Das ist in der Tat bedauerlich.« Mifroid schien eine Weile darüber nachzudenken. »Gibt es vielleicht sonst eine Vertrauensperson, an die ich mich wenden kann?«

Sofort dachte Raoul an Christoph, doch er zögerte, dessen Namen zu erwähnen. Ihre Zeit in Perros hatte ihm gezeigt, dass auch Christoph seine Geheimnisse hatte. Noch immer wusste er nichts über den Mann in der Maske. Und da Christoph in den vergangenen Wochen jeder Begegnung mit ihm aus dem Weg gegangen war, schien es ihm wenig ratsam, ihn in die Probleme des Opernhauses hineinzuziehen. »Ich bedauere, Inspektor. Leider kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Dennoch danke ich Ihnen für Ihre Offenheit. Mir war nicht bewusst, in welchen Schwierigkeiten die Direktion steckt.«

»Sie versuchen es geheim zu halten.«

»Ich verstehe. Dann werde ich es ebenso halten und niemandem von unserer Unterhaltung erzählen.«

»Das weiß ich zu schätzen, Monsieur le Vicomte. Die Direktion ist angewiesen, ihre Maßnahmen zu treffen, so wie ich meine treffen werde.«

»Dann wünsche ich einen guten Tag.«

Raoul durchquerte das Foyer und hatte fast die Große Treppe erreicht, als ihm ein schmächtiger Mann in der Menge auffiel. Er schätzte ihn etwa so groß wie Christoph, schmal und blass, sein Gesicht wie aus Wachs. Etwas an seiner Nase erschien Raoul seltsam, doch er konnte nicht genau sagen, was ihn störte. Bevor er Gelegenheit bekam, ihn genauer zu betrachten, verschwand der Mann in der Menge.

»Raoul!«

Mit einem Mal stand Christoph vor ihm. Er hatte ihn nicht die Treppe hinab kommen sehen und fand ihn bei bester Laune. Seine Wangen waren leicht gerötet und ein Lächeln erhellte sein Gesicht.

»Ich habe dich vom Balkon aus gesehen. Bist du allein?«

Raoul blinzelte. »Momentan schon. Zur Vorstellung werden mir Tante Cecil und Daphne jedoch Gesellschaft leisten.«

»Bis dahin ist es noch eine Stunde.« Wie zuvor der Inspektor blickte Christoph sich rasch um. »Ich sollte mich wohl bei dir entschuldigen. Es tut mir leid, dass ich dich und Mademoiselle Daphne in den letzten Wochen vernachlässigt habe. Wir hatten kaum Zeit zu reden, aber gerade jetzt bin ich sehr dankbar für eure Unterstützung.«

Raoul lächelte leicht. »Du hattest sicher viel zu tun. Und ich fürchte, dass wir uns nach dem heutigen Abend eine lange Zeit nicht wiedersehen werden.«

»Du verlässt Paris?«

»Ja. Ich trete zum Militärdienst an. Das kann ich unmöglich länger vor mir herschieben.«

»Verstehe.« Er sah sich noch einmal um, als suchte er jemanden. Dann ergriff er Raouls Hand. »Ein paar Minuten habe ich noch, bevor ich in mein Kostüm schlüpfe. Komm!«

Ohne Zögern schloss Raoul seine Finger um Christophs und folgte ihm.

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