Kitabı oku: «Herausforderndes Verhalten in Kita und Grundschule»

Klaus Fröhlich-Gildhoff, Maike Rönnau-Böse, Claudia Tinius
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
1. Auflage 2017
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-026173-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-038979-3
epub: ISBN 978-3-17-038980-9
mobi: ISBN 978-3-17-038981-6
Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.
Inhalt
1 Vorwort
2 1 Einführung
3 2 Entstehungsbedingungen von herausforderndem und auffälligem Verhalten
4 2.1 Das Bio-Psycho-Soziale Modell zur Erklärung von Verhalten
5 2.1.1 Die Elemente des Bio-Psycho-Sozialen Modells
6 2.1.2 Bewältigungsperspektive
7 2.2 Das Modell der seelischen Grundbedürfnisse
8 2.3 Sozialökologische Perspektive: Weitere Entwicklungsumwelten
9 Exkurs: Klassifikation und Häufigkeiten von ›auffälligen‹ Verhaltensweisen
10 3 Voraussetzungen und strukturelle Maßnahmen für eine professionelle Begegnung mit herausforderndem Verhalten
11 3.1 Die Bedeutung eines inkludierenden Grundverständnisses
12 3.2 Selbstreflexion
13 3.3 Der institutionelle Kontext
14 3.3.1 Die Bedeutung der Zusammenarbeit im Team
15 3.3.2 Die Rolle der Leitung im Teamentwicklungsprozess
16 3.3.3 Konzeptionelle und strukturelle Maßnahmen
17 Exkurs: Der ›Status quo‹ zur Erfassung struktureller Voraussetzungen und Maßnahmen für die professionelle Begegnung mit herausforderndem Verhalten
18 3.4 Anwendung: Die Gestaltung eines Teamentwicklungsprozesses am Beispiel von Teamfortbildungen
19 3.4.1 Entwicklung eines inkludierenden Grundverständnisses
20 3.4.2 Die grundsätzliche Bedeutung der Selbstreflexion und systematischen (ressourcenorientierten) Beobachtung
21 3.4.3 Die Zusammenarbeit im Team als Voraussetzung für eine professionelle Begegnung mit herausforderndem Verhalten
22 3.4.4 Die Rolle der Leitung im Teamentwicklungsprozess
23 3.4.5 HeVeKi als Chance für einen (andauernden) Teamentwicklungsprozess
24 3.4.6 Konzeptionelle und strukturelle Maßnahmen als wichtige Voraussetzung für die (nachhaltige) Umsetzung von HeVeKi
25 4 Professionelle Begegnungsmöglichkeiten der pädagogischen Fachkräfte
26 4.1 Beobachtung und Diagnostik
27 4.1.1 Die Bedeutung systematischer Beobachtung
28 4.1.2 Diagnostik
29 4.1.3 Konkrete diagnostische Verfahren und (Screening-)Instrumente
30 4.2 Analyse und Verstehen als Kernkompetenz
31 Exkurs: Möglichkeiten und Grenzen von ›Programmen‹ und ‚Trainings‘
32 4.3 Handlungsplanung
33 4.3.1 Grundprinzipien
34 4.3.2 Planung auf verschiedenen Ebenen
35 Exkurs: Handeln in Krisensituationen
36 5 Begegnungs- und ›Antwort‹-Möglichkeiten – bezogen auf unterschiedliche Verhaltensweisen, Altersstufen und Kontexte
37 5.1 Setting Kita
38 5.1.1 Fallbeispiel Aileen (externalisierendes Verhalten)
39 5.1.2 Fallbeispiel Robin (›gemischt‹ zu klassifizierendes Verhalten)
40 5.2 Setting Grundschule
41 Fallbeispiel: Kilian (internalisierendes Verhalten)
42 Exkurs: Koordiniertes Vorgehen bei Gewalt in der Schule
43 6 Die Zusammenarbeit mit den Eltern
44 6.1 Bedingungen und Wirkfaktoren der Zusammenarbeit mit Eltern
45 6.2 Die Zusammenarbeit mit Eltern in pädagogischen Konfliktfeldern
46 6.3 Das Elterngespräch in Konfliktsituationen
47 6.3.1 Gesprächsziele
48 6.3.2 Vorbereitung des Gesprächs
49 6.3.3 Vereinbarung des Gesprächstermins
50 6.3.4 Gesprächsablauf
51 6.3.5 Nachbereitung
52 6.3.6 Zusammenfassung
53 7 Die Notwendigkeit, Netzwerke zu knüpfen
54 7.1 Der Aufbau von Netzwerken
55 7.1.1 Netzwerkanalyse als Ausgangspunkt
56 7.1.2 Konkrete Analyse bestehender Netzwerke
57 7.2 Unterstützende Dienste und Institutionen bei herausforderndem Verhalten
58 7.2.1 Spezifische Fachdienste (Fachberatung, Schulpsychologischer Dienst)
59 7.2.2 System der ›Frühen Hilfen‹
60 7.2.3 (Pädagogische) Frühförderung
61 7.2.4 Jugendhilfe, Hilfen zur Erziehung
62 7.2.5 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
63 7.2.6 (Kinder- und Jugendlichen-)ÄrztInnen, Kinder- und JugendlichenpsychiaterInnen
64 8 Zusammenführende Rückbetrachtungen
65 Literaturverzeichnis
66 Anhang
Vorwort
Das vorliegende (Arbeits-)Buch hat das Ziel, pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen sowie LehrerInnen in Grundschulen in der Begegnung mit Kindern, deren Verhalten sie als herausfordernd erleben, zu unterstützen. Damit wird ein zumindest gefühlter und in einigen Untersuchungen auch nachvollziehbarer Bedarf der PädagogInnen in Bildungsinstitutionen aufgegriffen: Das Verhalten von Kindern und z. T. auch die Zusammenarbeit mit deren Familien werden vielfach als anstrengend(er) erlebt und führen zu Heraus- und oftmals auch zu Überforderungen. Diese in mehreren Situationen erlebten Belastungen werden zumindest teilweise verstärkt durch die sinnvolle Perspektive und den Anspruch der Inklusion und ihrer Umsetzung – für die stellenweise die Rahmenbedingungen unzureichend sind.
Das Buch ist entstanden aus der mehrjährigen Zusammenarbeit der AutorInnen im Zentrum für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ) im Forschungs- und Innovationsverbund an der Evangelischen Hochschule Freiburg (FIVE e. V.). Nachdem im ZfKJ über viele Jahre Konzepte und Programme zur Förderung der seelischen Gesundheit und Resilienz von Kindern in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen im Sinne universeller Prävention entwickelt, realisiert und evaluiert wurden, zeigte sich, dass diese Maßnahmen der breiten Entwicklungsunterstützung für einen Teil der Kinder nicht ausreichen. Gerade diese Kinder und deren Familien fordern die PädagogInnen und machen ihnen zugleich Sorgen. So wurde in zwei größeren Projekten dem Thema ›Herausforderndes Verhalten in Kindertageseinrichtungen und Schulen‹ neue Aufmerksamkeit zuteil. Es wurde ein Curriculum zur Qualifizierung der Fachkräfte in Bildungsinstitutionen entwickelt, in den unterschiedlichen Zusammenhängen umgesetzt und schließlich evaluiert. In diesem Arbeitsbuch sind wesentliche Bestandteile dieser Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zusammengeführt.
In der praktischen Arbeit mit den Fachkräften in Kita und Schule wurde der Wunsch nach einer breiteren Grundlagenliteratur, die auch Anregung zur Reflexion und Weiterentwicklung in der Praxis bietet, deutlich. Das vorliegende Buch versucht, diese Lücke zu füllen. Es ist an vielen Stellen an der Praxis von Kindertageseinrichtungen und Schulen ausgerichtet und knüpft somit insbesondere an der ressourcenorientierten Begegnung mit herausfordernden Verhaltensweisen von Kindern an. Dies hat zur Folge, dass eine tiefgehende Auseinandersetzung, z. B. mit einzelnen Störungsbildern, nicht geleistet werden kann. Hierzu werden allerdings spezifische Literaturhinweise gegeben.
Die Zielgruppe dieses Buches sind PraktikerInnen in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen, gemeint ist damit der gesamte Kreis der pädagogischen Fachkräfte und LehrerInnen. Das Buch soll zugleich eine Arbeitsgrundlage für die Ausbildungen an Fachschulen für Sozialpädagogik und an Hochschulen darstellen. Außerdem kann es in der Weiterbildung von PädagogInnen in Kita und Grundschule und der Begleitung teambezogener Entwicklungsprozesse eingesetzt werden. Der Charakter des Arbeitsbuches wird einerseits durch Praxisbeispiele, andererseits durch weiterführende Fragen und das Vorstellen von Instrumenten bestimmt.
Wir bedanken uns bei den vielen Menschen, die uns im Prozess des Schreibens unterstützt haben. Dies sind unsere PartnerInnen und Familien, die PraktikerInnen, die uns immer wieder gefordert und Anregungen gegeben haben, aber auch die KollegInnen im ZfKJ, die uns in Schaffenskrisen ermutigt haben. Ein besonderer Dank geht an Janna Kiesé für ihre hervorragende gründliche Lektorierungsarbeit.
Als AutorInnen wünschen wir Freude beim Lesen, Anregungen für die Praxis und verbinden damit die Hoffnung, dass die Begegnung zwischen PädagogInnen und Kindern, deren Verhalten als herausfordernd erlebt wird, entwicklungsförderlicher und zum Wohle beider Gruppen gestaltet werden kann.
Wir freuen uns sehr über – auch kritische – Rückmeldungen.
Freiburg, im Februar 2017
Klaus Fröhlich-Gildhoff, Maike Rönnau-Böse, Claudia Tinius
1 Einführung
In vielen Bildungsinstitutionen, Kindertageseinrichtungen wie Schulen, empfinden die dort tätigen pädagogischen Fachkräfte bzw. Lehrkräfte seit Längerem eine Zunahme von Kindern, die ›auffälliges‹ Verhalten zeigen: Es wird beklagt, dass Kinder sich weniger an Regeln halten, dass sie impulsiver sind und sich schlechter selbst steuern/regulieren können oder dass die Aufmerksamkeitsspannen immer geringer würden. Exemplarisch für eine Vielzahl von entsprechenden Äußerungen sei das Ergebnis einer Befragung von 1308 LehrerInnen aus verschiedenen Regionen Deutschlands zitiert: »In beinahe 40% der Klassen gibt es drei oder mehr Kinder, die in mindestens vier Verhaltensauffälligkeiten als stark auffällig eingestuft wurden. In diesen Klassen ist ein geregelter Unterricht kaum noch möglich« (Berg & Tisdale, 2004, S. 2).
Im Unterschied dazu geben breite epidemiologische Studien keine Hinweise auf die Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten: Die in Deutschland größte, repräsentativ durchgeführte Untersuchung (12 368 Kinder und Jugendliche), die KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts, kann Zahlen über einen Sechs-Jahres-Vergleich vorlegen. Dabei zeigt sich:
»Insgesamt 20,2% der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren ließen sich in der KiGGS Welle 1 [2009–2012] mit dem SDQ-Symptomfragebogen einer Risikogruppe für psychische Auffälligkeiten (grenzwertig auffällig oder auffällig) […] zuordnen: In der KiGGS-Basiserhebung [2003–2006] waren dies 20,0% […]. Damit ließ sich insgesamt keine bedeutsame Veränderung über die Zeit in der Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten nachweisen« (Hölling et al., 2014, S. 809).
Die zur Verfügung stehenden (wenigen) Studien zeigen allerdings deutlich zum einen die Sensibilität pädagogischer Fachkräfte für die Thematik ›herausforderndes kindliches Verhalten‹. Rudow konnte schon 2004 feststellen, dass 75,4% der befragten ErzieherInnen berichten, dass eine große Anzahl an Kindern in ihrer Gruppe herausfordernde Verhaltensweisen zeigt und sie sich dadurch belastet fühlen (Rudow, 2004). Zum anderen wird deutlich, dass die PädagogInnen durch das Verhalten einiger Kinder stark emotional belastet sind; dies gilt für den Bereich der Kindertageseinrichtungen (Rudow, 2004; Fröhlich-Gildhoff et al., 2013) ebenso wie für den Bereich der Schulen (Ulich, Inversini & Wülser, 2002; Schaarschmidt, 2004). Die Fachkräfte geben an, dass sie Unterstützung im täglichen Umgang mit herausforderndem Verhalten benötigen. Deutlich werden in diesem Zusammenhang auch spezifische Fortbildungswünsche – z. B. zum Thema ›Diagnostik/Erkennen von herausfordernden Verhaltensweisen‹ – geäußert (GEW-Kita-Studie, 2007; Fröhlich-Gildhoff et al., 2013).
Lorenz et al. (2015) beschreiben in ihrer Untersuchung, dass ein sehr kleiner Teil der Kinder mit besonders herausforderndem Verhalten ein besonders großes Maß an Aufmerksamkeit und psychischer Energie der LehrerInnen und pädagogischen Fachkräfte in Kitas bindet; zugespitzt bedeutet dies, dass etwa 5% der Kinder in einer Gruppe 80% der Energie der Fachkräfte einfordern. Um dem entgegenzuwirken, braucht es adäquate Professionalisierungsmaßnahmen, die pädagogische Fachkräfte dazu befähigen sollen, individuell ausgerichtete Handlungsstrategien zu entwickeln, anzuwenden und zu reflektieren. Dieser Bedarf steigt angesichts der Realisierung des Inklusionsprinzips im Rahmen der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auch in Deutschland.
Zugleich bieten Kindertageseinrichtungen und Schulen grundsätzlich gute Möglichkeiten, Kinder gezielt in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung zu unterstützen und im Sinne eines präventiven Vorgehens zumindest für einen Teil der Kinder (und ihrer Familien) neue Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen und seelischen Störungen vorzubeugen (z. B. Fingerle & Grumm, 2012; Opp, 2007) – auch hier ist ein kompetentes, systematisches, mit Eltern und externen Diensten abgestimmtes Handeln der Fachkräfte in Kitas und Schulen nötig.
Dieses Buch hat das Ziel, die beschriebenen Bedarfe aufzugreifen und zumindest teilweise zu ›beantworten‹. Zuvor ist jedoch eine Begriffsklärung nötig:
Verhaltensweisen von Kindern (und Erwachsenen) werden immer in Relation zu einer sozialen Norm gesetzt: Wenn ein Kind zu Beginn des ersten Schuljahres noch nicht in der Lage ist, eine Schulstunde lang, also 45 Minuten, still an seinem Platz sitzenzubleiben, so liegt dies im Rahmen der erwarteten Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes, es liegt nicht ›außerhalb‹ der Norm – in diesem Fall der Norm-Vorstellungen der Lehrkräfte. Wenn das Kind am Ende des ersten Schuljahres immer noch nicht 45 Minuten an seinem Platz sitzen bleiben kann, so verstößt es gegen diese Norm, es fällt ›auffällig‹ aus der Norm heraus. Diese Normen werden immer für soziale Gruppen definiert, von der Gruppe selbst oder denjenigen, die die Gruppe leiten. Es gibt eine Vielfalt dieser Normen, manchmal sind sie statistisch ›untermauert‹: So sind bspw. 95% der 10-jährigen Kinder in Deutschland zwischen 127 und 152 cm groß – ein Kind mit einer Größe von 120 oder 160 cm wäre ›unnormal‹ klein bzw. groß, es würde ›auffallen‹.1
Ein Kind, das häufig oder dauerhaft gegen Regeln oder Normen verstößt, wird dann als ›auffällig‹ beschrieben (zur Diskussion um die Normen vgl. ausführlich Fröhlich-Gildhoff, 2017, S. 15ff.). Dabei ist der Begriff der ›Auffälligkeit‹ oder ›Störung‹ immer eine Zuschreibung, eine Etikettierung. An einem plastischen Beispiel verdeutlicht Kriz diese Problematik von begrifflichen Zuschreibungen, wie ›Verhaltensstörung‹ oder ›Verhaltensauffälligkeiten‹:
»So wirkt ein Begriff, wie ›Verhaltensstörung‹ – […] ›Der kleine Hans hat eine Verhaltensstörung‹ – als Verdinglichung – eben ›ding‹-haft und damit statisch und festschreibend. Schon die Formulierung: ›Hans verhält sich gestört‹, lässt Fragen aufkommen wie: ›Wann?‹ Und: ›In welchem Zusammenhang?‹. Und deren nähere Erörterung führt zu einem komplexen Gefüge aus unterschiedlichen Situationen, in denen manches von Hans’ Störungen verständlich wird (als ›natürliche Reaktion‹ auf das aktuelle Verhalten seiner Schwester) oder in anderem Licht erscheint (als ›Signal für mehr Zuwendung‹ oder als ›Ablenken vom sich anbahnenden Streit von seinen Eltern‹)« (Kriz 2004, S. 61f.).
Das Konzept der ›Verhaltensauffälligkeit‹ verstellt den Blick auf die komplexe Vielfalt des Verhaltens und seiner Ursachen und schreibt diese einseitig dem Kind Hans zu.
Daher wird von den AutorInnen dieses Buches der Begriff des ›Herausfordernden Verhaltens‹ benutzt. Die AutorInnen gehen davon aus, dass in der pädagogischen Arbeit die Berücksichtigung des Kontextes, in dem das Verhalten deutlich wird, im Fokus liegt und von einer individuumzentrierten Betrachtungsweise der Auffälligkeit abgesehen werden sollte (s. a. Vernooij, 2000). Es geht letztlich um Verhaltensweisen eines Kindes, das für andere – zumeist für die Erwachsenen – eine (besondere) Herausforderung darstellt. Warum dieses Verhalten zur Herausforderung wird, liegt im Zusammenspiel der Beteiligten Kind(er) und Erwachsenen und den situativen (institutionellen) Rahmenbedingungen. Der Begriff ›Herausforderndes Verhalten‹ verweist auf eine systemische Sichtweise: Es ist nicht das Kind, das eine ›Auffälligkeit‹ zeigt, sondern in der Interaktion wird das Verhalten zur Herausforderung.
Zugleich soll nicht geleugnet werden, dass es bedeutsam ist, Kriterien zur Verfügung zu haben, um das Verhalten anderer beschreiben und z. B. mögliche Entwicklungsbesonderheiten oder -rückstände einschätzen zu können. Auf Bedeutung und Möglichkeiten eines entsprechenden systematischen Vorgehens wird in Kapitel 4.1 ausführlich eingegangen.
Noch einmal: Das vorliegende Buch will einen Beitrag leisten, um die Kompetenzen von pädagogischen Fachkräften/LehrerInnen in Kita und Schule in der Begegnung mit Kindern (und deren Familien), deren Verhalten als herausfordernd erlebt wird, zu stärken und weiter zu fördern. Dabei wird von einem Grundprinzip ausgegangen, das Aufbau und Inhalte des Buches strukturiert und auf das immer wieder zurückgegriffen wird: Der Kern professionellen pädagogischen Handelns sowohl in Kindertageseinrichtungen als auch in Schulen besteht darin, (1) zunächst systematisch ein Kind und seine ›Lebensäußerungen‹ – sei es das Bewältigen einer Mathematikaufgabe, das Malen eines Bildes oder als ungewöhnlich empfundenes Verhalten – zu beobachten. Dann muss (2) das Beobachtete analysiert und verstanden werden. Dieses Verstehen wird zur Grundlage für eine (3) Handlungsplanung, die dann wiederum (4) zum konkreten Handeln führt. Die Ergebnisse, die Folgen des Handelns, werden (5) überprüft und sind möglicherweise Ausgangspunkt erneuter Beobachtung (
Abb. 1 und 8). Dieser Kreislauf vollzieht sich manchmal sekundenschnell – ein Kind nimmt einem anderen ein Spielzeug weg und stößt es dabei, und die begleitende Fachkraft muss reagieren. Der Kreislauf ist aber auch die Basis für die Entwicklung gezielter Angebote oder ›Fördermaßnahmen‹.
Dieser Kreislauf hat Entsprechungen z. B. in den Kompetenzbeschreibungen frühpädagogischer Fachkräfte (vgl. Robert Bosch Stiftung, 2011; Fröhlich-Gildhoff et al., 2014a), in didaktischen Konzepten im Schulkontext – wie der »Förderspirale« zur individuellen Bildungsplanung (Landesinstitut für Schulentwicklung Baden-Württemberg, 2009) oder auch dem »Public Health Action Cycle« (Rosenbrock & Hartung, o. J.) der Gesundheitswissenschaften.
Der Kreislauf verweist zugleich darauf, dass professionelles Handeln darin besteht, nicht direkt vom Beobachten zum Handeln zu ›springen‹ – wenn ein Kind bspw. eine Regel mehrfach missachtet, geht es zunächst nicht darum, immer und immer wieder die angekündigten Konsequenzen umzusetzen. Professionalität besteht darin, zu verstehen, warum das Kind dennoch die Regel übertritt. Hier gilt es, Hypothesen zu bilden und auf deren Grundlage das eigene Handeln zu planen.
Dieser Kreislauf ist außerdem die Grundlage für die Strukturierung des vorliegenden Buches: Für das Beobachten ist es nötig, die eigene Subjektivität der Wahrnehmung zu reflektieren (
Kap. 3.2) und unterschiedliche Instrumente zur Systematisierung des Beobachtens zur Verfügung zu haben (
Kap. 4.1). Das Verstehen des Kindes, seiner Verhaltensweisen und Lebenssituation, ist eine Kernkompetenz (
Kap. 4.2); hierzu ist allgemeines Wissen über die Entstehung von Verhalten (
Kap. 2) und spezifischer Verhaltensformen (
Kap. 2, Exkurs) nötig. Die Generierung spezifischen Wissens über das einzelne Kind und seine Familie wird in den Kapiteln 4.2 und 6 angesprochen.
Handlungsplanung und Handlungsmöglichkeiten – als einzelne Fachkraft, aber auch auf Ebene der Institution – werden für unterschiedliche Altersstufen in den Kapiteln 4.3 und 5 beschrieben. I. d. R. müssen dabei die Eltern des Kindes einbezogen werden, mögliche Kooperationsformen beschreibt Kapitel 6. Oftmals ist es nötig, Netzwerke über die einzelne Institution hinaus zu knüpfen (
Kap. 7) und hier mit anderen Professionen und Institutionen zusammenzuarbeiten. Die Zusammenhänge zwischen dem Kreislauf professionellen Handelns und den Voraussetzungen dafür sind in Abbildung 1 dargestellt:

Abb. 1: Kreislauf professionellen Handelns und dessen Voraussetzungen
Immer wieder werden Handlungsmöglichkeiten der je individuellen Fachkraft und der Institution Kita oder Schule aufgezeigt. Dies verweist darauf, dass individuelles Handeln als in den institutionellen Kontext eingebettet betrachtet wird: Die LehrerIn oder PädagogIn in der Kita muss konzeptionell verankerte Reflexions- und Unterstützungsmöglichkeiten im Team erhalten (
Kap. 3).
Das vorliegende Werk soll den Charakter eines Arbeitsbuches haben. Dazu werden Wissensbestände dargestellt, die anschließend durch konkrete Fallbeispiele verdeutlicht werden. Reflexionsfragen dienen dazu, das Gelesene zu vertiefen und auch mit der eigenen Praxis in Verbindung zu bringen. Zusätzlich bieten gezielte Literaturhinweise die Möglichkeit, noch weitergehende Informationen einzuholen.
An einzelnen Stellen sind Exkurse, z. B. zum koordinierten Vorgehen bei häufig vorkommender Gewalt in der Schule, eingefügt. Auch diese dienen dazu, relevante Themen zu vertiefen.
1 Nach dem gleichen Prinzip der Orientierung an der ›Normalverteilung‹ sind standardisierte psychologische Tests, z. B. zur Messung der Intelligenz oder des Angstniveaus, konstruiert (vgl. Fröhlich-Gildhoff, 2017, S. 15ff.).
2 Entstehungsbedingungen von herausforderndem und auffälligem Verhalten
In diesem Kapitel erfahren Sie etwas über:
• Modelle zur Entstehung von herausforderndem Verhalten;
• Bewältigungsmöglichkeiten;
• seelische Grundbedürfnisse;
• sozial-ökologische Einflussgrößen auf Verhalten.
Verhaltensweisen, die als herausfordernd erlebt oder als ›auffällig‹ beschrieben werden, haben oft eine längere Entstehungsgeschichte, sie sind als verfestigte Formen der Begegnung eines Kindes mit seiner Umwelt zu verstehen. Zum Verstehen und Erklären der Ursachen bzw. Entstehungsbedingungen steht eine Reihe von Modellen zur Verfügung. Einige davon, etwa die Vererbungstheorien (›das Verhalten ist vererbt‹) sind sehr einfache und eindimensionale Konzepte, die mittlerweile wissenschaftlich nicht mehr haltbar sind.
Menschliches Verhalten resultiert immer aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren und Einflussgrößen – es gilt, diese Faktoren sorgfältig und individuumsbezogen zu betrachten. Dabei tritt die Schwierigkeit auf, dass einzelne Verhaltensweisen oft mehrere Ursachen haben können, man spricht hier von Äquifinalität: so kann als aggressiv bewertetes Verhalten aus einer Vielzahl von Enttäuschungserfahrungen resultieren: Das Kind versucht, sich durch gewaltsames Handeln durchzusetzen und neuen Enttäuschungen vorzubeugen. Es kann aber auch daraus resultieren, dass ein Kind selbst Opfer von Gewalt war und nicht gelernt hat, soziale Konflikte durch Reden und Kompromissbildung zu lösen. Ebenso kann eine bestimmte Ursache auch zu unterschiedlichen Folgen führen, die sich dann in unterschiedlichen Verhaltensweisen zeigen (Multifinalität): Das oftmalige Erleben von Gewalt kann dazu führen, dass sich ein Kind sehr schnell wehrt und verteidigt, um nicht erneut Gewalt erfahren zu müssen, es handelt dann möglicherweise ›aggressiv‹ gegen andere. Das Erleben von Gewalt kann aber auch zu dauerhaften Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühlen führen und dann zu Rückzug, Lust- und Antriebslosigkeit.
Diese Beispiele zeigen: Es gibt zwar eine Menge von Studien über Zusammenhänge zwischen Ursachen und Verhaltens-›Ergebnissen‹ – diese stellen aber bezogen auf das Individuum, auf das einzelne Kind und seine Lebenswelt, immer nur Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten dar, die zu Hypothesen führen, die dann zum Verstehen des je individuellen Kindes und seines Verhaltens (immer wieder) überprüft werden müssen.
In Psychologie, Pädagogik und auch Medizin hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass menschliches Verhalten am besten durch ein Bio-Psycho-Soziales Modell erklärt werden kann. Dieses Modell soll daher im Folgenden ausführlich vorgestellt und im Späteren durch ein weiteres Konzept – das der seelischen Grundbedürfnisse – ergänzt werden.
Dabei werden zunächst die Einzelelemente des Modells dargestellt und dann betrachtet, wie diese mit der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und Herausforderungen zusammenhängen.
2.1 Das Bio-Psycho-Soziale Modell zur Erklärung von Verhalten
2.1.1 Die Elemente des Bio-Psycho-Sozialen Modells
Der Grundgedanke des Bio-Psycho-Sozialen Modells besteht darin, dass der Mensch mit biologischen Ausgangsbedingungen auf die Welt kommt und dann im Wechselspiel mit sozialen Faktoren – und den dabei gemachten Erfahrungen – sich die innerseelische Struktur, das ›Selbst‹, bildet. Diese psychische Struktur ist gewissermaßen der Kern der Persönlichkeit, der bewusst oder unbewusst mit der Umwelt, also auch aktuellen sozialen Bedingungen, in Kontakt tritt, und es kommt wiederum zu einer wechselnden Einflussnahme von Individuum und Umwelt (
Abb. 2).
Die drei zentralen Elemente des Modells sollen im Folgenden ausführlicher betrachtet werden:
Biologische (Ausgangs-)Bedingungen
Bei der Betrachtung der biologischen Ursachen für das Verhalten und Erleben, aber auch für die Entwicklung und Unterschiede zwischen Menschen stellt sich zunächst die Frage nach den erblichen, also genetischen Bedingungen für diese Ursachen. In der Vergangenheit und in der Gegenwart gab und gibt es insbesondere im populärwissenschaftlichen Kontext immer wieder Veröffentlichungen, in denen (Prozent-)Anteile zwischen Vererbung und Umwelt definiert werden. Abgesehen von einer z. T. fragwürdigen Methodik solcher Untersuchungen (vgl. hierzu ausführlich Petermann et al., 2004, Montada, 2008) bilden derartige, vereinfachende Modelle die Wirklichkeit auch nicht nur annähernd ab: Der Prozess der Umsetzung genetischer Voraussetzungen (Genotyp) in sichtbare Merkmale wie Körperumfang oder -ausdruck (Phänotyp) »ist komplex, dynamisch und nicht linear. Darum wird die Annahme einer additiven Beziehung zwischen Anlage und Umwelt vermutlich heute von keinem seriösen Forscher mehr ernsthaft vertreten« (Petermann et al., 2004, S. 249). Bei dem Zusammenspiel zwischen genetisch bedingten Anlagen und Umwelteinflüssen muss man von einer »Ko-Aktion« (ebd.) ausgehen. Menschliche

Abb. 2: Allgemeines Bio-Psycho-Soziales Modell
Eigenschaften sind »polygen«. Dies bedeutet auch, dass nicht einzelne Merkmale oder Verhaltensweisen im Ganzen vererbt werden. Gerade die neuen Erkenntnisse der Epigenetik (Meaney, 2001a, b; Brisch, 2004) zeigen, dass auf den Genen Möglichkeiten von Merkmalen ›mitgegeben‹ werden, die dann durch Umwelteinflüsse aktiviert werden – oder eben nicht. Die Ausformung genetischer Differenzen ist also – abgesehen von bestimmten Merkmalen wie z. B. der Augenfarbe – von Umweltbedingungen abhängig (ausführlicher: Fröhlich-Gildhoff & Mischo, 2016).
Dennoch ist es so, dass Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen auf die Welt kommen, manche sind ›aktiver‹, manche reagieren empfindlicher und lassen sich schlechter beruhigen etc. Diese Unterschiedlichkeiten werden als ›Temperament‹ bezeichnet. In klassischen Untersuchungen (Thomas & Chess, 1989) wurden drei Typen von Temperamentsmustern unterschieden:
1. »Das einfache Kind (40%) zeichnete sich durch Regelmäßigkeit der biologischen Funktionen, keine Scheu vor unbekannten Personen und gute Anpassungsfähigkeit an neue Situationen aus.
2. Das schwierige Kind (10%) war demgegenüber gekennzeichnet durch eine Unregelmäßigkeit in biologischen Funktionen, Rückzugsverhalten gegenüber neuen Reizen und eine mangelnde Fähigkeit zu Anpassungen an neue Situationen.
3. Von diesen Konstellationen wurde das langsam auftauende Kind (15%) abgegrenzt, das sich durch leichte negative Reaktionen auf neue Reize, langsame Anpassungsfähigkeit an neue Situationen nach wiederholtem Kontakt, regelmäßige biologische Funktionen und eine geringe Intensität der Reaktionen auszeichnet« (Schmeck 2003, S. 159f.).
Diese drei Temperamentstypen treffen dann allerdings auf Umwelteinflüsse und sind veränderbar: Wenn ein Kind, das zunächst einen sehr unregelmäßigen Schlaf/Wach-Rhythmus hat oder sich schlechter beruhigen lässt, auf eine Umwelt – also: Bezugspersonen – trifft, die sich in Ruhe auf das Kind und seine Bedürfnisse einstellen kann, so kann dieses Kind angemessene Selbstberuhigungsstrategien aufbauen. Umgekehrt kann es passieren, dass ein Kind mit zunächst regelmäßigen biologischen Funktionen in eine Umwelt geboren wird, in der sehr viel Hektik, Streit und Unregelmäßigkeit vorherrschen – dann können die ursprüngliche Ressource des ›einfachen Temperaments‹ und die damit verbundenen guten Voraussetzungen zum Aufbau von Selbstregulationsfähigkeiten verloren gehen.
Seit Langem ist bekannt, dass Schadstoffe wie Alkohol oder Nikotin die Entwicklung des Fötus in der Schwangerschaft massiv beeinträchtigen. So führt das sogenannte Fetale Alkoholsyndrom (FAS) zu langfristigen hirnorganischen Schädigungen, körperlichen Missbildungen, Störungen der Sinnessysteme und in der Folge möglicherweise auch zu Verhaltensstörungen (vgl. z. B. Feldmann 2006). Schon im Mutterleib macht der Embryo Erfahrungen – durch Bewegungen oder erste Sinneseindrücke wie das Aufnehmen von Geräuschen –, die dann auch zum ersten Aufbau entsprechender Hirnstrukturen führen.
Neuere Untersuchungsmethoden wie die dreidimensionale Ultraschalltechnik zeigen, dass sich auch das Erleben der Mutter auf den Fötus auswirkt: So reagiert der Embryo bspw. durch heftige Bewegungen auf Stresssymptome der Mutter (Hüther & Krens, 2005). In Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass der Stress von Muttertieren zu hirnorganischen und -funktionellen Schädigungen führt (Braun et al., 2002).
Oft werden neurophysiologische Strukturen oder Prozesse einseitig als Ursache für die Entstehung von (›auffälligen‹) Verhaltensweisen benannt. Hier gilt es zu beachten, dass die Prozesse der Hirnentwicklung unmittelbar an Erfahrungen gekoppelt sind, die der Mensch von seiner ersten Lebensminute an macht. Das Gehirn entwickelt sich entsprechend der Nutzung; Nervenzellenverbünde und die Transportstoffe zwischen den Nervenzellen (Neurotransmitter) sind Abbilder oder Entsprechungen (›Korrelate‹) der Interaktion des Menschen mit seiner dinglichen und sozialen Umwelt. Entsprechend der hohen Plastizität (Veränderbarkeit) des Gehirns und der nutzungsabhängigen Herausbildung von Strukturen ist auch hier von Wechselwirkungen zwischen hirnorganischen Strukturen einerseits und Verhaltensweisen andererseits auszugehen (ausführlichere Beschreibung z. B. bei Hüther, 2004, 2005, 2006; Grawe 2004). So beschreibt Hüther enge Zusammenhänge zwischen frühen Beziehungs- und Bindungserfahrungen, der Hirnentwicklung und Verhaltensproblemen:
»Viel stärker als bisher vermutet, werden das sich entwickelnde Hirn und die sich dort herausbildenden neuronalen Verschaltungen und synaptischen Netzwerke durch die frühen Beziehungserfahrungen strukturiert, die ein Jugendlicher insbesondere während der Phase seiner frühen Kindheit macht. Das Gehirn des Menschen ist daher, zumindest in all jenen Bereichen, in denen die endgültigen Nervenzellverschaltungen erst nach der Geburt geknüpft und erfahrungsabhängig gebahnt und gefestigt werden, ein soziales Konstrukt« (Hüther, 2006, S. 60).
Bestimmte Hirnregionen und -strukturen haben sich »als besonders anfällig und durch negative frühe Beziehungserfahrungen (Verunsicherung, Überforderung, Vernachlässigung, Verwöhnung etc.) besonders leicht in ihrer weiteren Ausreifung beeinflussbar […] erwiesen« (ebd.).
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass biologische Grundlagen oder Entsprechungen (z. B. Hirnstrukturen) menschliches Verhalten beeinflussen – sie sind aber nicht ursächlich oder gar allein bestimmend für die Ausprägung des Verhaltens. Sie sind veränderbar oder regulierbar durch (soziale!) Interaktion zwischen dem jeweiligen Menschen als ›Träger‹ seiner biologischen Voraussetzungen und seiner jeweiligen Umwelt.
Soziale Situation und Erfahrungen
Die sozialen Bedingungen, in denen ein Mensch lebt und in denen er Erfahrungen macht, lassen sich unterschieden (a) in die sozialen Situationen in der eigenen Lebensgeschichte (Biografie) und (b) in die der jeweils aktuellen Situation. Die hierbei wesentlichen Bedingungen werden im Folgenden beschrieben.
1 Biografische Erfahrungen
Von der Vielfalt der sozialen Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seiner Lebensgeschichte macht, sind für die Entwicklung der Selbststruktur vier Aspekte besonders bedeutsam:
Das Erleben von Bindungssicherheit
Das Erleben einer sicheren Bindung stellt die Grundlage für späteres eigenständiges, sicheres Bindungsverhalten dar. Die Bindungsforschung2 geht davon aus, dass frühe Bindungserfahrungen zu einem »inneren Arbeitsmodell« (»internal working model)« führen, das später die Art und Weise des Bindungsverhaltens des Kindes prägt. Dieses »innere Arbeitsmodell« – also ein übergeordnetes, innerpsychisches Abbild oder Schema (
Abb. 3) – bildet dann wiederum eine sichere Basis für Neugierverhalten und eine ›offene‹ Weltbegegnungshaltung – oder verhindert dies bei entsprechenden Beeinträchtigungen.
Eine wesentliche Variable für die Entwicklung der Bindungsrepräsentationen ist die »Feinfühligkeit« (Ainsworth et al., 1978) der Bezugspersonen. Das ist die Fähigkeit, die Signale des Kindes (1) wahrzunehmen, (2) richtig zu interpretieren sowie (3) prompt und (4) angemessen zu beantworten.

Abb. 3: Modell der Entstehung von Bindungsrepräsentationen, modifiziert aus Fröhlich-Gildhoff (2013a)
Abbildung 3 verdeutlicht noch einmal diesen Prozess: Reale Beziehungserfahrungen führen zu innerseelischen Abbildungen dieser Erfahrungen; dabei kommt es nicht auf einmalige, sondern auf dauerhafte, wiederkehrende Situationen und entsprechende Erfahrungen an. Diese innerseelischen Abbilder sind Grundlage für ein entsprechendes Bindungsverhalten, dass sich nach vier Typen klassifizieren lässt (
Tab. 1). Die inneren Abbilder wiederum steuern auch die Erwartungen an soziale Interaktionen: Wenn ein Kind oft die Erfahrung von Bindungssicherheit gemacht hat, wird es erwarten, dass es in neuen sozialen Situationen auch feinfühlige, emotional unterstützende Begegnungen erfährt und sich entsprechend offen sowie wenig misstrauisch und vorsichtig verhalten.
Bereits nach 12–18 Monaten lassen sich Unterschiede im Bindungsverhalten der Kinder anhand des standardisierten Versuchs der sogenannten »Fremden Situation« (Ainsworth et al., 1978) feststellen; vier Bindungstypen lassen sich unterscheiden:
BindungstypCharakteristikaHäufigkeit 3
Tab. 1: Prototypen des Bindungsverhaltens
Zwischen dem Bindungssystem und dem Explorationssystem besteht eine enge Beziehung im Sinne einer ›Waage‹: Wenn die Bindungsbedürfnisse eines Kindes befriedigt sind, kann und wird es aus sich heraus die Umwelt erkunden, sich auch von den Bezugspersonen vorübergehend lösen können. Nach einer Phase der Exploration werden dann aber wieder die Bindungsbedürfnisse stärker. Dies lässt sich oft bei kleineren Kindern beobachten, die sich krabbelnd von der Bezugsperson, bspw. der Mutter, entfernen, sich selbst ›beschäftigen‹, etwas Interessantes finden, dabei aber immer wieder den Blickkontakt suchen. Nach einer Weile krabbeln sie zur Mutter zurück, kuscheln, dann geht die ›Forscherreise‹ wieder los.
Insgesamt ist zu beachten: Eine zentrale, übereinstimmende Erkenntnis aus Entwicklungspsychologie, Resilienz- und Psychotherapieforschung (z. B. Dornes, 2009; Luthar, 2006; Grawe, Donati & Bernauer, 2001) besteht darin, dass der wesentlichste Schutzfaktor, der am stärksten zu einer gelingenden Entwicklung beiträgt und viele Risikofaktoren abpuffern kann, eine stabile, verlässliche, wertschätzende, emotional warme Beziehung zu einer (erwachsenen) Bezugsperson ist. So kommt bspw. Luthar in ihrer umfassenden Analyse der letzten 50 Jahre Resilienzforschung zu dem Schluss: »Die erste große Botschaft ist: Resilienz beruht, grundlegend, auf Beziehungen« (Luthar, 2006, S. 780; Übers. d. Verf.). Für die Entstehung von seelischer Gesundheit haben sichere Bindungsmuster eine wesentliche Bedeutung, (familiale) Beziehungsgefüge, »die von Sicherheit, Unterstützung und Möglichkeit zur Exploration geprägt sind« (Fingerle, 2011, S. 215; s. a. Grossmann & Grossmann, 2007; Bengel et al., 2009).
Elterlicher Erziehungsstil
Eine große Bedeutung für die kindliche Entwicklung haben elterliche erzieherische Verhaltensweisen; diese werden, wenn sie situationsübergreifend zu erkennen sind, als Erziehungsstile bezeichnet. Während lange Zeit drei Stile (der demokratische, der autoritäre und der Laissez-faire-Stil) unterschieden wurden, sprechen neuere Forschungsergebnisse eher dafür, dass es zwei Dimensionen von Erziehungsstilen gibt, die dann quantitative Abstufungen zwischen den Stilen erlauben (vgl. Baumrind, 2008). Die eine Dimension lässt sich als emotionale Unterstützung bzw. emotionale Wärme und Zuwendung bezeichnen. Die zweite davon unabhängige Dimension ist die der Lenkung und Kontrolle bzw. das Setzen von Anforderungen (vgl. Fuhrer, 2005). Je nach Ausprägung dieser Dimensionen finden sich vier unterschiedliche übergeordnete Gruppen (Cluster) oder Muster von elterlichem Erziehungsverhalten (
Abb. 4).

Abb. 4: Erziehungsstil-Dimensionen
Der autoritäre Erziehungsstil ist durch ein hohes Maß an Kontrolle und Anspruchssetzung jedoch nur geringe emotionale Wärme und Unterstützung gekennzeichnet. Beim vernachlässigenden Erziehungsstil sind emotionale Unterstützung, aber auch Anforderung und Kontrolle niedrig ausgeprägt, beim permissiven bzw. Laissez-faire-Erziehungsstil ist ein hohes Maß an Wärme gegeben, jedoch werden nur im geringen Maß Anforderungen gestellt. Der autoritative Erziehungsstil ist gekennzeichnet durch einerseits hohe Anforderungen und auch Kontrolle und andererseits ein hohes Maß an emotionaler Unterstützung.
»Die empirischen Forschungsergebnisse zur Auswirkung dieser Erziehungsstile auf die Kinder sind relativ eindeutig: Bei einem autoritativen Erziehungsstil, der eine hohe Akzeptanz des Kindes, das Stellen angemessener Anforderungen und ein angemessenes Einräumen von Handlungsspielräumen für das Kind beinhaltet, entwickeln die Kinder ein positiveres Selbstkonzept, eine höheres Niveau sozialer und moralischer Urteile und bessere Schulleistungen« (Mischo, 2016, S. 50, vgl. auch Fuhrer, 2005; Berk, 2005).
Ziegenhain fasst entsprechende Ergebnisse zusammen: »Die offensichtlichen Vorteile autoritativen elterlichen Verhaltens für die kindliche Entwicklung zeigten sich […] in Studien in sozialen Kompetenzen wie Selbstvertrauen, Eigenständigkeit oder Selbstkontrolle und schulischen Kompetenzen« (Ziegenhain, 2007, S. 176).
Hingegen entwickeln Kinder, die einen autoritären Erziehungsstil erfahren, eher Angst, Feindseligkeit und ein geringeres Ausmaß an positiven Emotionen. Bei einem permissiven Erziehungsstil »entwickeln die Kinder (und insbesondere die Jungen) ein geringeres Ausmaß an Selbstvertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, zeigen ein geringeres Durchhaltevermögen und sind eher impulsiv und ›rebellisch‹ (Berk, 2005, S. 362). Kinder, die einen vernachlässigenden Erziehungsstil erfahren, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, in vielen Bereichen Störungen in der sozialen, emotionalen und kognitiven Entwicklung zu zeigen – insbesondere, wenn die Vernachlässigung früh einsetzt« (Mischo, 2016, S. 150).
Soziale Unterstützung
Je älter Kinder werden, desto größer ist die Bedeutung sozialer Kontakte – und entsprechender Erfahrungen – mit Gleichaltrigen und Erwachsenen jenseits der familiären Bezugspersonen. In diesen Beziehungen können sie Unterstützung, aber auch Ablehnung oder Missachtung erfahren. Die Art der dabei gemachten Erfahrungen wirkt zurück auf Selbstbild und Selbstwert sowie die Entwicklung sozialer Kompetenzen. Soziale Unterstützung im engeren Sinne »umfasst die Interaktion zwischen zwei oder mehreren Menschen, bei der es darum geht, einen Problemzustand, der bei einem Betroffenen Leid erzeugt, zu beheben oder zu lindern« (Knoll & Schwarzer, 2005, S. 334). Damit wird die qualitative Dimension positiver sozialer Interaktion (Klauer, 2009, S. 80) angesprochen: Es geht darum, Halt und Sicherheit und konkrete Hilfe in als kritisch erlebten Situationen zu erfahren.
Die Wirkung sozialer Unterstützung ist relativ breit untersucht worden. Dabei ist zunächst zu beachten, dass nicht das reale Angebot der Unterstützung oder die Zahl der Unterstützungspersonen für das Erleben von Unterstützung bedeutsam sind, sondern das Wahrnehmen der Angebote und der Hilfe. Wenn soziale Unterstützung als solche wahrgenommen wird, kann sie das psychische und physische Wohlbefinden positiv beeinflussen (Faller, 2010, S. 43; Klauer, 2009, S. 82). Nach Nestmann (2000) führen Erfahrungen wie das Gefühl der Zugehörigkeit, erlebte Wertschätzung, Ermutigung und Bestätigung sowie das Erleben von (Beziehungs-)Sicherheit zu einer Stärkung des Selbstwertes bzw. psychischer Stabilisierung generell (vgl. auch Laireiter, 2009).
Zahlreiche Studienergebnisse zeigen, dass das Ausmaß der wahrgenommenen sozialen Unterstützung einen Einfluss auf die Stressbewältigung und auch die damit verbundenen körperlichen Prozesse hat:
»Epidemiologische Studien zeigen, dass Personen, die in stabile soziale Netzwerke eingebunden sind, zufriedener, gesünder und auch länger leben als sozial isolierte Personen. Einerseits wird vermutet, dass dieser gesundheitsfördernde Effekt sozialer Unterstützung durch Verhaltensänderungen vermittelt wird, die auf nahestehende Personen zurückführbar sind. Auf der anderen Seite wird ein direkter protektiver Effekt sozialer Unterstützung auf die körperliche Stressreaktivität angenommen« (Ditzen & Heinrichs, 2007, S. 143).
Diese Untersuchungsergebnisse bedeuten im Umkehrschluss, dass sowohl das Nicht-Wahrnehmen(-Können) von sozialer Unterstützung als auch eine erlebte soziale Isolation einen deutlichen Risikofaktor für eine gesunde seelische und körperliche Entwicklung darstellen können.
Teilhabemöglichkeiten
»Teilhabe bezeichnet die Möglichkeit, als Person in unterschiedliche soziale Situationen eingebunden zu sein« (Rohrmann, 2009, S. 18). Das Konstrukt der ›Teilhabe‹ geht über die individuelle Lebenssituation und -bewältigung hinaus; es verweist auf die gesellschaftliche Dimension des Ermöglichens von Entwicklungschancen jedes einzelnen Gesellschaftsmitglieds. Das Erleben von Teilhabe – oder des Gegenteils, des Ausschlusses – hat im Verlauf der Biografie Auswirkungen auf die individuelle psychische Entwicklung, im Besonderen auf den Selbstwert und die Einschätzung sozialer Situationen.
Teilhabemöglichkeiten gelten für alle Menschen, werden gleichwohl verstärkt im Rahmen der Themen Inklusion und Chancengerechtigkeit diskutiert. Es geht zum einen darum, reale Möglichkeiten zur Teilhabe an sozialen Prozessen zu eröffnen: Können wirklich alle Kinder das Angebot der Kita insgesamt wahrnehmen? Kann das Kind am Schulausflug teilnehmen, wer bezahlt den Beitrag für den Sportverein, auch wenn die Eltern sehr begrenzte finanzielle Möglichkeiten haben? Sind die Möglichkeiten auf dem Freigelände so gestaltet, dass Jungen und Mädchen sie nutzen können? Zum anderen geht es um die Einstellungen und Haltungen professioneller (pädagogischer) Fachkräfte: Wie sehr wird Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Kindern und Familien wahrgenommen, akzeptiert und wertgeschätzt? Wie sensibel werden Ausschlusstendenzen oder fehlende Ressourcen wahrgenommen? Wie wird dem begegnet?
2 Aktualsituation
In der je aktuellen Situation, im zwischenmenschlichen Kontakt, bei der Bewältigung von Aufgaben und Herausforderungen haben soziale Bedingungen und dabei gemachte Erfahrungen Auswirkungen auf das Verhalten.
Auch hierbei spielen (wahrgenommene!) Soziale Unterstützung und (wahrgenommene!) Teilhabemöglichkeiten eine Rolle, auf beide wurde im vorigen Abschnitt eingegangen.
Eine weitere Bedeutung haben die Bedingungen der jeweiligen Institution, in deren Rahmen Kinder gebildet, erzogen und betreut werden. Auf diese Entwicklungsumwelten wird ausführlich im Kapitel 2.3 dieses Buches eingegangen, daher sei an dieser Stelle nur darauf hingewiesen.
Innerseelische Struktur (Selbst)
Der Aufbau der innerseelischen Struktur – des ›Kerns‹ der Persönlichkeit oder des ›Selbst‹ – wird im Folgenden zunächst aus der Perspektive der ›gesunden‹ oder gut gelingenden Entwicklung beschrieben; an einzelnen Stellen wird auf die Folgen von ›Störungen‹ dieser gelingenden Entwicklung und deren möglichen Ausdruck im Verhalten verwiesen.
Der von Geburt an ›kompetente‹ Säugling (Rauh, 2008; Dornes, 2009) tritt von der ersten Lebensminute in Interaktion mit seiner Umwelt, vor allem mit seinen Bezugspersonen. Die dabei gemachten realen und emotional bewerteten Erfahrungen sind die Grundlage für die Bildung der innerseelischen Struktur. Die gemachten Erfahrungen werden im Gedächtnis abgespeichert und in Zusammenhänge gebracht. Diese Abbilder von Erfahrungen im Austausch mit der Umwelt (»Repräsentationen«) werden weitergehend vernetzt und zu sogenannten übergeordneten Schemata ›verdichtet‹. Diese steuern im Weiteren Empfinden, Denken und Handeln. Ein Beispiel für ein handlungsleitendes Schema ist ein grundlegendes Vertrauen (»Urvertrauen«) – oder eben Misstrauen – in andere Menschen. Um dieses zu entwickeln, muss das Kind immer wieder die Erfahrung machen, dass es sich auf andere verlassen kann, dass die Bezugspersonen regelmäßig und feinfühlig (s. o.) auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen, ihm Halt, Sicherheit und Anregungen geben (ausführlich zur Entwicklung des Selbst: Fröhlich-Gildhoff, 2016; Dornes, 2009; Stern, 1992, 1995). Auch das ›innere Arbeitsmodell‹ der Bindungserfahrungen (
Abb. 3) entspricht einem solchen handlungsleitenden Schema.
Bei der Entstehung der Selbst-Struktur haben sechs Faktoren eine besondere Bedeutung:
1. das Erfahren einer sicheren Bindung;
2. die Unterstützung kindlicher Emotionsregulation und Affektabstimmung;
3. der Aufbau emotionaler und kognitiver Perspektivenübernahme (›Mentalisierungsfähigkeit‹);
4. das Erleben von Kontrolle und Selbstwirksamkeit;
5. der Aufbau kognitiver Schemata und allgemeine Problemlösekompetenzen;
6. der Aufbau sozialer Kompetenz.
Die hier gemachten Erfahrungen können als Entwicklungsdimensionen betrachtet werden, die maßgeblich die aktuelle und spätere Kind-Umwelt-Interaktion prägen. Sie sollen im Folgenden genauer betrachtet werden.
1 Das Erfahren einer sicheren Bindung
Die Bedeutung des Erfahrens von Bindungssicherheit ist im vorigen Abschnitt (
Soziale Situation, Biografische Erfahrungen) ausführlich dargestellt.
Wenn die Lebensäußerungen und Bedürfnisse eines Kindes nicht dauerhaft feinfühlig und regelmäßig beantwortet und sehr oft ignoriert werden, entsteht ein inneres Bild (›inneres Arbeitsmodell‹), das von Unsicherheit geprägt ist: »Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass eine andere Person zuverlässig für mich da ist«. Hieraus kann ein Muster von früher Über-Autonomie entstehen, der sogenannte unsicher-vermeidende Bindungstypus: Die Kinder scheinen sehr selbständig, fragen sehr selten nach Unterstützung, wirken, als könnten und wollten sie ›alles allein regeln‹. Sie fallen im pädagogischen Alltag oft gerade nicht auf, sie zeigen nicht direkt ihre Not – sie glauben fast nicht mehr daran, dass sie Unterstützung bekommen, wenn sie diese brauchen.
Wenn ein Kind hingegen dauerhaft die Erfahrung macht, dass die Bezugsperson(en) manchmal zur Verfügung stehen und innerlich präsent auf das Kind bezogen sind, manchmal jedoch innerlich oder äußerlich abwesend sind, so entsteht in der Psyche des Kindes ein tiefes Gefühl der Unsicherheit darüber, ob es ›gesehen‹ wird, ob seine Bedürfnisäußerungen beantwortet werden. Dies kann im Sinne des sogenannten ambivalent-unsicheren Bindungstyps dazu führen, dass das Kind sehr heftige Reaktionen zeigt, wenn die Bezugsperson sich abwendet, den Raum verlässt etc. – das Kind ist grundlegend unsicher darüber, ob und wann es wieder Zuwendung erhält und versucht, darum zu ›kämpfen‹. Die Kinder zeigen oft ein dramatisches Verhalten, das manchmal wirkt, als wollten sie Aufmerksamkeit bekommen – dieses Verhalten ist gleichfalls als Notreaktion zu verstehen: Es sendet mit seinem Verhalten Signale, dass es Bindungssicherheit braucht.
Die hier aufgeführten Bindungstypen der unsicheren Bindung sind nicht ›krankhaft‹, aber sie stellen ein Entwicklungsrisiko dar: »In einer zunehmenden Anzahl von […] Längsschnittstudien wurden Zusammenhänge zwischen einer unsicheren Bindung und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder im Vorschul- und im Schulalter gefunden« (Brisch, 1999, S. 75; s. a. Brisch, 2007). Der vierte Bindungstypus, der Typus der desorganisierten Bindung, steht in engem Zusammenhang mit (späteren) Verhaltensauffälligkeiten (z. B. Brisch, 1999; Fonagy et al., 2004); bei Kindern mit diesem Bindungstypus handelt es sich nach diesen AutorInnen um eine spezifische Risikogruppe. Kinder, die ein entsprechendes Verhalten zeigen – z. B. manchmal ›erstarren‹, manchmal heftige, schlecht vorhersehbare Handlungsweisen realisieren – haben sehr stark und regelmäßig die Erfahrung gemacht, dass ihre Bedürfnisse und Lebensäußerungen entweder überwiegend ignoriert oder vernachlässigt wurden oder sie haben extrem und oft widersprüchliche Verhaltensweisen der Eltern (z. B. einerseits schlagen, andererseits ›mit Liebe überhäufen‹) erlebt. Dies führt neben dem starken Vernachlässigen der gesamten kindlichen Bindungsbedürfnisse dazu, dass gar kein klares und stabiles inneres Abbild von Bindungen bzw. Beziehungsmustern aufgebaut werden kann und die Kinder dementsprechend keine oder bizarr anmutende Verhaltensweisen vor allem in Beziehungssituationen zeigen.
Es ist unbedingt nötig, dass bei sich abzeichnenden Bindungsstörungen gezielte Unterstützungen der Kinder bzw. der Mutter-Kind-Interaktionen erfolgen:
»Bindungsstörungen weisen eine gewisse Persistenz [Dauerhaftigkeit] auf und können ohne sichere emotionale Beziehungserfahrungen [durch andere Personen, z. B. pädagogische Fachkräfte] oder therapeutische Interventionen nicht aufgelöst werden. Sie zeigen vielmehr eine Tendenz, sich zu verfestigen und […] auf die eigenen Kinder übertragen und somit an die nächste Generation weitergegeben (zu) werden« (Brisch, 2007, S. 167f.).
Bindungsstörungen führen auch dazu, dass das Neugier- und Explorationsverhalten von Kindern deutlich eingeschränkt ist.
2 Die Unterstützung kindlicher Emotionsregulation und Affektabstimmung
Die Bezugspersonen unterstützen das Kind bei der (zunehmenden Selbst-) Regulation seiner Aktivitäts-Zustände, seiner Erregungen und seiner Gefühle (
Abb. 5). Nach Petermann & Wiedebusch findet in der Eltern-Kind-Interaktion »eine gemeinsame Regulation von Gefühlen« statt.
»Dabei sind die Neugeborenen noch ganz auf die Regulation ihrer Emotionen durch die Bezugspersonen angewiesen, während ältere Säuglinge und Kleinkinder in zunehmendem Maße geringe emotionale Belastungen selbst regulieren können, jedoch beim Erleben negativer Gefühle auf Bewältigungshilfen seitens der Eltern angewiesen sind« (Petermann & Wiedebusch, 2003, S. 62; vgl. auch Papoušek, 2004).
Es kommt insbesondere darauf an, die ›Feinzeichen‹ kindlicher Affekte, insbesondere der Offenheit vs. Belastung des Kindes möglichst immer präziser zu erkennen und dann adäquat zu beantworten. Diese Feinzeichen können in vier Verhaltenssystemen beobachtet werden (Ziegenhain et al., 2010, S. 24): (a) im physiologischen System (Regulation von Atmung, Körpertemperatur, Kreislauf und Verdauung), (b) im motorischen System (Muskeltonus, Körperhaltung), (c) im Schlaf/Wachzustände (in verschiedenen Erregungs- und Bewusstseinsniveaus) und (d) in der Aufmerksamkeit und soziale Zuwendung/Aufgeschlossenheit.
Insbesondere durch die »sensitive Responsivität« (Remsperger, 2011; Gutknecht, 2012) der Bezugspersonen erhält das Kind Rückmeldungen über die eigenen inneren Zustände und kann darüber zunehmend zur Eigenwahrnehmung und -regulation gelangen.
Es handelt sich also um einen interaktiven Prozess der Ko-Regulation, bei der zunächst die erwachsene Bezugsperson aktiver ist und nach und nach das Kind selbst aktiv und fähig wird, die inneren Zustände zu regulieren:
Wenn es Eltern (und Kleinkind) nicht gelingt, diesen Prozess zur Selbstregulation zu gestalten, so führt dies dazu, dass die Kinder eben nicht mit Unwohlseins-Zuständen, mit Erregungen, mit ›Langeweile‹ umgehen können. Sie wirken ungeduldig, können ihre Gefühle nicht ›zügeln‹ etc. Es ist dann nötig, dass andere Bezugspersonen – wie pädagogische Fachkräfte in Schule und Kita – diesen Prozess der Entwicklung der Selbstregulation im Ein-zu-Eins-Kontakt nachholen.
Neben der Regulation geht es um die Abstimmung von Affekten und Emotionen. Dabei steht die Ausrichtung der Gefühle (Emotionen) – die Ausbildung unterschiedlicher Gefühlsqualitäten (Ärger/Wut, Ekel, Freude, Angst/Furcht etc.) – mit Unterstützung der Bezugspersonen im Vordergrund. Kinder lernen im Austausch mit der erwachsenen Bezugsperson, ihre Gefühle selbst wahrzunehmen, benennen zu können und zu differenzieren. Zunächst sind alle Gefühlszustände mit ähnlichen körperlichen Prozessen gekoppelt: Bei Wut, bei starker Freude, bei großer Angst sind die physiologischen Prozesse – wie z. B. die Veränderung des Pulsschlags, des Hautwiderstandes oder des Blutdrucks – sehr ähnlich. Kinder müssen mit Hilfe der

Abb. 5: Phasen der Emotionsregulation (skizziert nach Holodynski, 1999, S. 44)
Bezugspersonen lernen, wann die jeweilige Erregung ein Anzeichen für Wut oder Angst ist.
Folgende Detailprozesse spielen bei der Affektabstimmung und Ausdifferenzierung der Emotionen eine Rolle:
• Affektspiegelung: Das Spiegeln der Gefühle und Erregungsmuster durch die Bezugspersonen hat eine ganz wichtige Bedeutung. Bezugspersonen ahmen den Gesichtsausdruck, z. B. das Lächeln des Kindes nach, verleihen ihm vielleicht Geräusche und koppeln ihn mit Worten. Indem sich das Kind gesehen erlebt, kann es diese Gefühle als solche wahrnehmen und innerpsychisch verankern.
• Gefühlsansteckung: Dabei geht es um das wechselseitige ›Spiel‹, sich von den Gefühlsausdrücken des Gegenübers regelrecht anstecken zu lassen; die andere ist traurig, ich erlebe und zeige auch Traurigkeit.
• Soziale Rückversicherung: Das meint den Prozess, dass sich Kinder bei Unsicherheit über den eigenen Gefühlszustand, z. B. Neugier vs. Furcht angesichts eines unbekannten Objekts, am Gefühlszustand der (erwachsenen) Bezugsperson orientieren und diesen übernehmen. Dies geschieht i. d. R. nonverbal und unbewusst.
• Geteilte Aufmerksamkeit: In solchen Momenten geteilter Aufmerksamkeit sind Kind und Bezugsperson gemeinsam auf einen Punkt (kon-)zentriert, beide sind innerlich präsent aufeinander und auf einen ›Gegenstand‹ bezogen. Ein Symbol hierfür ist die ›Zeigegeste‹ des ›Da‹: Kind und Erwachsene/r deuten beide mit Finger und Arm gemeinsam auf einen Punkt/ein Objekt, dem sie beide ihre Aufmerksamkeit widmen.
Mit der zunehmenden Sprachentwicklung besteht die Möglichkeit zur Symbolisierung der Emotionen. Emotionen werden jetzt benannt und durch diese Form der Symbolisierung werden sie dem Bewusstsein zugänglich(er) und eben in sprachlicher Form kommunizierbar; zugleich differenziert sich auf diese Weise das Emotionswissen aus. Andererseits sind diese Symbolisierungen natürlich Einschränkungen des breiten Spektrums von Gefühlszuständen, damit sind ja immer – oft automatisch verlaufende – physiologische Prozesse, Bilder, Erinnerungen, Erfahrungen etc. verbunden. Die Symbolisierung erlaubt jetzt das bewusste Bearbeiten der Emotionen und ihrer Differenzierungen.
In den Prozessen der Emotionsregulation und Affektabstimmung liegen starke Quellen für Entwicklungsstörungen: Die Bezugspersonen können z. B. die (emotionalen) Spannungen von Kindern nicht adäquat ›herunterregulieren‹ oder sie ›überregulieren‹ – dies kann dann zu einer dauerhaften ›fehlerhaften‹ Emotionsregulation führen, mithin zu einem interaktionellen ›Teufelskreis‹: Wenn das Kind die Erfahrung macht, dass seine Erregung bzw. innere Spannung nicht durch die oder mit der Bezugsperson reduziert werden kann, bleibt es in einem permanenten Spannungszustand, der durch Aktivitäten wie Schreien usw. aufrechterhalten wird. Dadurch steigen die Spannungen bei der (überforderten) Bezugsperson, es kommt zu negativen Emotionen, die die Unruhe beim Kind wiederum verstärken. Es besteht eine Reihe von Zusammenhängen zwischen inadäquater oder dysfunktionaler Emotionsregulation und Verhaltensauffälligkeiten sowie -störungen im Kindes- und Jugendalter (zusammenfassender Überblick: Barnow, 2012; s. a. Papoušek, 2004).
Die Unterstützung des Aufbaus adäquater Strategien der Affekt- bzw. Emotionsregulation kann durch eine professionelle Begleitung der Bezugsperson-Kind-Interaktion erfolgen oder durch die gezielte Förderung dieser Fähigkeit in pädagogischen Zusammenhängen (
Kap. 5).
3 Der Aufbau emotionaler und kognitiver Perspektivenübernahme (›Mentalisierungsfähigkeit‹)
»Empathie, d. h. das Vermögen, sich in andere Personen hineinversetzen zu können, ihre Gedanken nachvollziehen und ihre Gefühle identifizieren und nachempfinden zu können, ist eine wesentliche Voraussetzung für adäquates Verhalten in zahlreichen sozialen Interaktionen. Empathische Fähigkeiten unterstützen unter anderem das Verständnis und die Akzeptanz von Menschen aus anderen Kulturkreisen oder sozialen Schichten, helfen Missverständnissen und Konflikten vorzubeugen und machen nicht zuletzt auch sensibler im Umgang mit Menschen, die Hilfe brauchen« (Aßhauer et al., 1999, S. 13).
Mitgefühl als Vorform von Empathie, »als eine Reaktion auf die Notlage und den Kummer einer anderen Person« (Ulich et al., 2002a, S. 113) kann schon im Alter von 24 Monaten beobachtet werden und führt dann zu Vorformen prosozialen Verhaltens. Wesentlich ist auch hier das Verhalten der Bezugspersonen als Vorbild und in der direkt erlebten Interaktion (ebd.).
Voraussetzung für das Entwickeln von Empathie ist die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme. Die meisten Kinder sind in einem Alter von zwei Jahren in der Lage, zu erkennen, dass andere Menschen gleichfalls Wünsche haben, können diese aber noch nicht mit den eigenen Wünschen abgleichen oder in ein Verhältnis setzen. Untersuchungen zur Fähigkeit, die Perspektive anderer zu übernehmen, sich gedanklich in sie hineinzuversetzen (Theory of Mind, Premack & Woodruff, 1978), zeigen, dass die meisten Kinder die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme erst mit etwa vier Jahren ausgebildet haben. Vorher sind Erwartungen, dass Kind möge sich in jemand anderes hineinversetzen (»Du musst doch verstehen, dass Karl traurig ist, wenn Du ihn schlägst«), nicht zu erfüllen.
Verbunden mit der Entwicklung der Fähigkeit Perspektivenübernahme ist die ›Mentalisierungsfähigkeit‹, die Fähigkeit, anderen Personen innere Zustände wie z. B. Wünsche und Intentionen zuzuschreiben und die eigenen Wünsche und Absichten hierzu ins Verhältnis zu setzen (Fonagy et al., 2004; Taubner, 2015). Erst wenn die Mentalisierungsfähigkeit – regelhaft ab ca. fünf Jahren – ausgebildet ist, können Kinder sich selbst und andere als Wesen mit seelischen Zuständen verstehen und sich dadurch mit eigenen psychischen Zuständen und denen anderer befassen. Auch die Mentalisierungsfähigkeit entsteht in der Interaktion mit erwachsenen Bezugspersonen. Diese müssen die inneren Zustände des Kindes adäquat spiegeln und klare Rückmeldungen darüber geben – und selbst ein Vorbild darstellen, das über sich und seinen Bezug zu anderen reflektiert.
Empathie und emotionale Perspektivenübernahme sind eine wichtige Mediatorvariable für die ›Eindämmung‹ aggressiven und die Ausbildung prosozialen Verhaltens (z. B. Petermann & Wiedebusch, 2003; Essau & Conradt, 2004; Taubner, 2015). Wenn Kinder die Empathie-, Perspektivenübernahme- und Mentalisierungsfähigkeiten nicht entwickelt haben, so hilft es nicht, daran zu appellieren (»Versetz Dich mal in den anderen«) – es ist ein kleinschrittiger Prozess des Nach-Lernens nötig.
4 Das Erleben von Kontrolle und Selbstwirksamkeit
Entsprechend der Lebenserfahrungen, die ein Individuum insbesondere in den ersten Lebensjahren macht, »entwickelt es eine Grundüberzeugung darüber, inwieweit das Leben einen Sinn macht, ob Voraussehbarkeit und Kontrollmöglichkeit besteht, ob es sich lohnt, sich einzusetzen und zu engagieren […]. Diese lebensgeschichtlichen Erfahrungen führen zu bestimmten Erwartungen, in welchem Ausmaß dieses Grundbedürfnis befriedigt wird« (Grawe, 1998, S. 350). Kontrollerleben wird über (Beziehungs-)Erfahrungen von Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit aufgebaut. Wenn das (kleine) Kind erlebt, dass seine Bedürfnisse und Äußerungen wahrgenommen und beantwortet werden und dass Abläufe, z. B. beim Einschlafritual, weitestgehend gleichartig verlaufen, kann es auf kognitiver Ebene Verständnis für die Außenwelt entwickeln und entsprechende Schemata aufbauen. Auf emotionaler Ebene entsteht ein Grundgefühl von Sicherheit.
Das Erleben von Kontrolle steht in engem Zusammenhang mit dem Erleben von Selbstwirksamkeit (»self-efficacy«, Bandura, 1995, 1997). Selbstwirksam zu sein heißt, aufgrund bisheriger Erfahrungen auf seine Fähigkeiten und verfügbaren Mittel vertrauen zu können und davon auszugehen, ein bestimmtes Ziel auch durch Überwindung von Hindernissen am Ende tatsächlich erreichen zu können.
Eine große Bedeutung haben dabei die Erwartungen, ob das eigene Handeln zu Effekten führt oder nicht. Diese Erwartungen steuern schon im Vorhinein das Herangehen an Situationen und Aufgaben, und damit auch die Art und Weise der Bewältigung, und führen so oftmals zu einer Bestätigung des eigenen Selbstwirksamkeitserlebens.
Selbstwirksamkeitserwartungen werden vor allem über direkte Handlungserfahrungen entwickelt: Wenn ein Kind die Erfahrung macht, dass das eigene Handeln zu Wirkungen führt – und es diese Wirkungen auf sich selbst zurückführen kann –, dann wächst die entsprechende Grundüberzeugung. Erfolge stärken die Erwartung von Selbstwirksamkeit und Misserfolge wirken sich entsprechend ungünstig aus.
Das Selbstwirksamkeitserleben wird gefördert durch Aufgabenstellungen und angemessene Rückmeldungen der Bezugspersonen. Kinder wollen gefordert werden – dazu müssen die Aufgaben und Herausforderungen aber in der je individuellen »Zone der nächsten Entwicklung« (Wygotsky, 1987) liegen, sie müssen, ggf. auch mit passgenauer Unterstützung, bewältigbar sein. Ebenso wichtig ist, dass Kinder (und Erwachsene!) Ermutigung zum Herangehen an Aufgaben, eine angemessene Rückmeldung über das positive Bewältigen und Trost und Reflektionsmöglichkeiten beim Scheitern erfahren können. Aus Fehlern, Niederlagen oder selbst empfundenen Versagenssituationen kann man nur lernen, wenn Perspektiven für ein neues Herangehen an ähnliche Herausforderungen entwickelt werden.
Fehlendes Kontroll- oder Selbstwirksamkeitserleben führt hingegen zu Stress und Angst (z. B. Jerusalem, 1990), zu verringertem Selbstwert-Erleben bis hin zu Gefühlen genereller Handlungsunfähigkeit.
5 Der Aufbau kognitiver Schemata und allgemeine Problemlösekompetenzen
Auch »die kognitive Entwicklung ist kein passiver Prozess, sondern bereits der Säugling ist darauf aus, sich aktiv seine Umwelt anzueignen, seine vorhandenen Kern-Wissensbestände zu erweitern und Neues aus der Umwelt aufzunehmen« (Mischo, 2016a, S. 129). In dieser Auseinandersetzung mit der Umwelt werden Kategorien und später kognitive Schemata gebildet, die in hohem Maße miteinander vernetzt sind. Dieser Aufbau vollzieht sich systematisch und gleichfalls als »Prozess der Ko-Konstruktion« (ebd.) zwischen Kind und Bezugspersonen.
Daneben ist es bedeutsam, dass Kinder gezielte Problemlösekompetenzen aufbauen, die über das ›einfache‹ Versuch-Irrtum-Verhalten hinausgehen. Unter Problemlösekompetenz wird die Fähigkeit verstanden, »komplexe, fachlich nicht eindeutig zuzuordnende Sachverhalte gedanklich zu durchdringen und zu verstehen, um dann unter Rückgriff auf vorhandenes Wissen Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, zu bewerten und erfolgreich umzusetzen« (Leutner et al., 2005, S. 125). Dies umfasst die Fähigkeit, (a) Probleme analysieren zu können, (b) die eigenen zur Lösung nötigen Mittel bzw. Fähigkeiten aktivieren zu können – und sich dazu ggf. Hilfe von anderen holen zu können –, (c) diese Mittel einzusetzen und zu erproben, (d) zu überprüfen, ob der Mittel-Einsatz erfolgreich war und (e) im negativen Fall weitere Lösungsstrategien einzusetzen.
Eine gute Problemlösefähigkeit zeichnet sich dadurch aus, dass der Mensch in der Lage ist, angemessene Entscheidungen besonders in herausfordernden oder gar belastenden Situationen zu treffen; er verfügt über ein breites Repertoire an Entscheidungsalternativen. Diese Entscheidungsalternativen können strukturiert gegeneinander abgewogen werden, Vor- und Nachteile der einzelnen Entscheidungen können differenziert und gewichtet werden. Diese Fähigkeiten entwickeln sich früh und in ›kleinen‹, einfachen Situationen, z. B. wenn das Kind sich robbend bewegt, um an ein interessantes Objekt zu gelangen, wenn ein Turm gebaut wird etc.
Bei einer Verbesserung von Problemlösestrategien werden auch das Selbstbild der betreffenden Person und ihr Stressmanagement verbessert. Dies geschieht deshalb, weil positive Bewältigungs- und Selbstwirksamkeitserfahrungen gemacht werden (vgl. Fröhlich-Gildhoff, Dörner & Rönnau-Böse, 2016).
Auch zum Aufbau der Problemlösefähigkeiten brauchen Kinder Bezugspersonen, die ihnen entsprechende Aufgaben stellen, sie beim Lösungsprozess unterstützen und mit ihnen über den Lösungsprozess sprechen. Fehlende Problemlösekompetenz führt dazu, dass Menschen schnell in den Notmechanismus des Versuchs-Irrtums-Verhaltens verfallen, schnell Angst- oder Panikreaktionen zeigen – oder, um diese zu verdecken, schnell wütend werden – und dann gar nicht zu selbständigen Problemlösungen kommen. Wenn dies oftmals passiert, müssen pädagogische Fachkräfte kleinschrittig und in ruhigen Situationen die entsprechenden Kompetenzen bei den Kindern aufbauen.
6 Der Aufbau sozialer Kompetenz
Der Aufbau sozial kompetenten Verhaltens ist eine wesentliche Entwicklungsaufgabe des Kindesalters. Aus einer Vielzahl von Definitionen soll exemplarisch diese vorgestellt werden:
Unter sozialen Kompetenzen werden »Fähigkeiten und Fertigkeiten von Individuen und Gruppen [verstanden], die den sozialen Umgang zwischen diesen strukturieren, erleichtern und steuern« (Manns & Schultze, 2004, S. 53). Klassischerweise wird zwischen (a) der Verfügbarkeit und (b) der angemessenen Anwendung von sozial kompetenten Verhaltensweisen unterschieden: Es ist nicht sicher, dass jemand, der z. B. über gute Kommunikationsfähigkeiten verfügt, diese dann auch entsprechend umsetzt. Unterschieden wird zwischen motorischen, kognitiven und emotionalen Verhaltensweisen; das Verhalten wird zudem auf einen Bewertungsmaßstab bezogen.
Lösel et al. (2007, S. 216) beschreiben folgende »Komponenten« der sozialen Kompetenz: »soziale Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Empathie, Emotionsregulation, Selbstkontrolle und Handlungsfertigkeiten«. Dabei umfasst die Wahrnehmung und Interpretation sozialer Situationen einen Prozess, der vom Erkennen von Verhaltensweisen über deren Interpretation zur Reaktionssuche, zur Reaktionsentscheidung und dann -umsetzung gekennzeichnet ist. Soziale Kompetenz basiert also auf einer möglichst unverzerrten Verarbeitung der Informationen in sozialen Situationen (Crick & Dodge, 1994).
Verzerrungen, die schon bei der Informationsverarbeitung – z. B. durch ein geringes Selbstwerterleben – zustande kommen, lenken von vornherein die Aktivierung und Realisierung von konkreten Handlungsmöglichkeiten in der sozialen Situation und schränken diese ein. Auf die Aspekte der Emotionsregulation und Empathie wurde schon eingegangen. In der jeweiligen sozialen Situation muss dann ein Spektrum an konkreten Verhaltensweisen zur Verfügung stehen, um angemessen handeln zu können. Zunächst einmal muss die Fähigkeit entwickelt werden, Kommunikation aufzunehmen, aufrechtzuerhalten – insbesondere die Anwendung von Kommunikationsregeln (ausreden lassen, zuhören, Pausen) – und zu beenden. Sowohl bei der Lösung von (zwischenmenschlichen) Konflikten, aber auch der Selbsteinbringung oder Selbstbehauptung, müssen die zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten abgewogen und im Weiteren realisiert werden. Im Falle der Selbstbehauptung geht es z. B. darum, negative Gefühle und Kritik angemessen zum Ausdruck zu bringen, Nein sagen zu können, Wünsche äußern zu können, Forderungen zu stellen. Beim Konflikt geht es darum, mögliche Konsequenzen deutlicher in Betracht zu ziehen und Ziele bzw. Lösungen nach möglichen Ausgängen zu bewerten. Ebenso bedeutsam ist es hier, Verständnis für das Verhalten und die Bedürfnisse anderer zu zeigen. Im letzten Schritt geht es dann darum, die gerade erfolgten Konsequenzen zu bewerten und innerpsychisch zu integrieren.
Für die Entwicklung sozialer Kompetenz ist es – neben der Ausbildung der schon angesprochenen grundlegenden Faktoren wie der Empathie oder positiver Selbstwirksamkeitsüberzeugungen – bedeutsam, dass die Fähigkeit zur angemessenen sozialen Informationsverarbeitung und die entsprechenden Verhaltensweisen im Kontakt mit und mit Unterstützung durch (erwachsene) Bezugspersonen erlernt werden können. Dazu bedarf es Vorbilder, die sozial kompetentes Verhalten zeigen, also Konflikte regulieren und auch Kompromisse schließen können, aber auch ihre eigenen Interessen angemessen vertreten. Ebenso müssen soziale Situationen ›erklärt‹ werden, auch Regeln und Grenzen so gesetzt werden, dass sie verstanden, akzeptiert und ggf. übernommen werden können.
Auch hier gilt: Wenn Kinder diese Kompetenzen in ihren bisherigen sozialen Umfeldern nicht erlernen konnten, so haben die Bildungsinstitutionen und die dort tätigen Fachkräfte einen entsprechenden kompensatorischen Auftrag.
2.1.2 Bewältigungsperspektive
Das Individuum tritt vor dem Hintergrund seiner biologischen Grundlagen, seiner biografischen, vor allem sozialen Erfahrungen und der sich bis zu einem gegebenen Zeitpunkt entwickelten innerseelischen Struktur in Interaktion mit seiner Umwelt. Dabei müssen lebensaltersabhängig unterschiedliche Entwicklungsaufgaben – wie z. B. das Laufen lernen, der Übergang von der Familie in die Kita oder von der Kita in die Schule – bewältigt werden (vgl. ausführlich Fröhlich-Gildhoff, 2013). Ebenso treten zu den alltäglichen Aufgaben der Lebensbewältigung besondere Anforderungen, Herausforderungen, Belastungen oder sogar kritische Lebensereignisse, die interindividuell sehr unterschiedlich sein können; Beispiele wären die Geburt eines Geschwisterkindes, die Trennung der Eltern, Wohnortwechsel, der Aufbau einer neuen Freundschaft oder das Schreiben einer Klassenarbeit – auch diese Krisen und Herausforderungen müssen bewältigt werden (
Abb. 6).

Abb. 6: Bewältigungsmodell
Die Art und Weise der Bewältigung ist abhängig von der Balance von Risiko- und Schutzfaktoren, die in der jeweiligen Situation gegeben ist. Hierbei spielen wiederum die bisher entwickelte innerseelische Struktur, das Selbst – entsprechend der o. a. bedeutsamen Elemente – und in der je aktuellen Situation verfügbare Ressourcen (soziale Unterstützung, reale Teilhabemöglichkeiten, Qualität der Institutionen) eine Rolle.
Die Art und Weise der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, Herausforderungen und kritischen Lebensereignissen wirkt wiederum zurück auf das Individuum und seine innerseelische Struktur. Die Bewältigung kann entwicklungsförderlich und erfolgreich verlaufen, aber eben auch entwicklungseinschränkend. Ein Beispiel hierfür wäre ein zurückhaltendes Kind, das bisher bei der Bewältigung von schwierigen Situationen oder Anforderungen eher überbehütet wurde und auf diese Weise wenig (erfolgreiche) Erfahrungen in neuen Situationen sammeln konnte. Dieses Kind wird vermutlich Angst vor dem Übertritt in die Kindertageseinrichtung entwickeln und dann, wenn es wiederum nicht adäquat unterstützt wird (durch die Eltern, ein gutes Übergangskonzept in der Einrichtung, verständnisvolle PädagogInnen), sich zurückziehen und möglicherweise aus dieser Überforderungssituation heraus noch stärkere Ängste oder psychosomatische Beschwerden entwickeln. Solche Bewältigungserfahrungen können nach Montada »Wendepunkte« im Leben sein, »sie können psychische Störungen erzeugen, aber auch zu vielfältigen Entwicklungsgewinnen führen, wenn sie gemeistert oder bewältigt werden« (Montada, 2008, S. 39). Unter der Perspektive der Passung geht es darum, die Umweltereignisse mit den Zielen des Individuums, seinen Potentialen, aber auch Unterstützungsmöglichkeiten im Umfeld in Relation zu setzen.
Die Bewältigungsperspektive verweist noch einmal darauf, dass angesichts neuer Erfahrungen und im Besonderen neuer Herausforderungen die bisher im Leben gemachten Erfahrungen und die damit verbundenen, bisher entwickelten Fähigkeiten, aber auch Einsichten, Motivationen, Verhaltensweisen gewissermaßen selbst neu auf ihre ›Tauglichkeit‹ zur Welt-Begegnung und Welt-Bewältigung geprüft werden. Es besteht die Möglichkeit, neuen Herausforderungen mit den ›alten‹ Mustern zu begegnen, sich also z. B. ängstlich zurückzuziehen. Alternativ können durch die Herausforderungen auch neue (Denk-, Fühl- und Verhaltens-)Muster erprobt und aufgebaut werden. Dies ist, wie erwähnt, auch in der jeweiligen Aktualsituation abhängig von den zur Verfügung stehenden Ressourcen, insbesondere davon, welche anderen Menschen zur Verfügung stehen und wie passend sie Unterstützung leisten (können).
Wie schon erwähnt, wirkt die Art der Bewältigung – grundsätzlich sind zu unterscheiden eine nicht erfolgreiche, erfolgreiche oder eine Bewältigung über Umwege, z. B. Symptome – wiederum zurück auf die eigenen Erfahrungen, auf das Kompetenzerleben und natürlich die Wahrnehmung zukünftiger Herausforderungen sowie auf die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten. Es ergibt sich hier ein Kreislauf oder besser: Entwicklungsmodell von der Bewältigung von Aufgaben und Anforderungen (solche können auch Entwicklungsaufgaben sein), die dann im Verhalten sichtbar wird, und dem Rückwirken auf innerpsychische Prozesse und Strukturen.
Die bisherigen Ausführungen machen deutlich, dass sehr viele Faktoren zusammenwirken, wenn es darum geht, die Ursachen von Verhaltensweisen auf der Grundlage des Bio-Psycho-Sozialen Modells verstehen und erklären zu wollen. Diese Faktoren sind insbesondere in pädagogischen Alltagszusammenhängen nicht immer und vollständig zu erfassen – dennoch kann es zur Erklärung von Verhaltensweisen, die als herausfordernd erlebt werden, sinnvoll sein zu versuchen, individuell, für das jeweilige Kind Pfade zu rekonstruieren, die zur Entwicklung dieses Verhaltens geführt haben können. Dabei geht es nicht darum, eine ›Diagnose‹ zu erstellen, sondern es soll ein Verständnis für das Kind entwickelt werden – und es sollen Hinweise gefunden werden, um qualifizierte, d. h. individuell passende pädagogische Antworten zu geben.
In diesem Verständnis sind im Folgenden Fragen formuliert, die als Orientierung zur Rekonstruktion der Entwicklungspfade eines Kindes dienen können.
1. Biologische Ausgangsbedingungen
1.1. Hinweise auf besondere Belastungen in der Schwangerschaft? Wenn ja: Welche?
1.2. Hinweise auf das Aktivitätsniveau, mit dem das Kind geboren wurde? Wenn ja: Welche?
1.3. Hinweise auf Komplikationen während der Geburt? Wenn ja: Welche?
2. Soziale Situation (Geschichte)
2.1. Hinweise auf die Situation der Familie in den ersten beiden Lebensjahren:
Belastungen/Herausforderungen (z. B. Trennungen, Wohnortwechsel etc.);
Unterstützungsmöglichkeiten;
Ressourcen.
2.2. Hinweise auf die Bindungsentwicklung in den ersten beiden Lebensjahren:
Verfügbarkeit der Bezugspersonen?
Innere Präsenz der Bezugspersonen?
Hinweise auf feinfühlige Begegnung?
2.3. Hinweise auf den elterlichen Erziehungsstil (konkrete Beobachtungen):
Dimension ›emotionale Unterstützung/Wärme‹;
Dimension ›Kontrolle/Interesse, Lenkung‹:
autoritativ/demokratisch vs. autoritär vs. vernachlässigend vs. laissez-faire.
2.4. Soziale Unterstützung der Familie und des Kindes:
soziale Einbettung vs. soziale Isolation (Großfamilie, Freunde, Bekannte etc.):
Familie;
Kind.
2.5. Teilhabemöglichkeiten:
finanziell;
kulturell;
körperlich;
intellektuell;
spezifische Ressourcen.
3. Innerseelische Struktur (Selbst)
3.1. Hinweise auf Bindungsstil/-typ des Kindes;
3.2. Entwicklungsstand der Regulation von Erregungen und Gefühlen (Ausprägung der Selbstregulation? Wie sehr? Wann?);
3.3. Entwicklungsstand der Differenzierung der Emotionen (›Breite‹ des Emotionsspektrums);
3.4. Stand der Fähigkeit über den eigenen Gefühlszustand Auskunft geben zu können;
3.5. Entwicklungsstand der Fähigkeit zur Perspektivenübernahme und Empathie (Mitschwingen, Mitfühlen, Hineinversetzen, Wünsche und Absichten erkennen …);
3.6. Erleben von Kontrolle über Situationen (vs. Hilflosigkeit/Ohnmacht);
3.7. Selbstwirksamkeitsüberzeugungen (»Mein Handeln bewirkt etwas«);
3.8. Selbstwert;
3.9. Entwicklungsstand der Problemlösekompetenzen (nur Versuchs-Irrtums-Verhalten? Systematischere Problemlöseprozesse?);
3.10. Entwicklungsstand der Sozialen Kompetenzen. Ist das Kind in der Lage …
soziale Situationen wahrzunehmen (Informationsverzerrung)?
Konflikte einzuschätzen?
Konflikte zu bewältigen?
Eigene Interessen/Selbstbehauptung adäquat durchzusetzen?
Sich Hilfe/Unterstützung in schwierigen Situationen zu holen?
4. Aktuelle Situationsbewältigung
4.1. Umgehen mit besonderen Herausforderungen:
mutig angehen vs. vermeiden?
Sich ermutigen lassen?
Sich unterstützen lassen?
Umgehen mit ›Scheitern‹?
4.2. Welche besonderen außerpersonalen Risiko- und Schutzfaktoren lassen sich identifizieren?
4.3. Unterstützung durch andere (Eltern, andere Erwachsene, andere Kinder).
4.4. Teilhabemöglichkeiten:
Möglichkeiten und Spielräume der Institution (besonders, um auf das einzelne Kind und seine Bedürfnisse eingehen zu können).
Noch einmal: Es lassen sich i. d. R. nicht alle Fragen beantworten. ›Leerstellen‹ können allerdings auch Hinweise darauf geben, welche Entwicklungsbereiche oder -phasen möglicherweise genauer betrachtet werden sollten, um das Kind und sein Aufwachsen – und damit seine innere Struktur – verstehen zu können, und worüber evtl. in einem Gespräch mit den Bezugspersonen weitere Informationen gewonnen werden können.
Die Formen systematischer, situationsbezogener wie -übergreifender Beobachtung sind ausführlich in Kapitel 4.1 dieses Buches dargestellt.
Fallbeispiel: Paula (aus Perspektive des Bio-Psycho-Sozialen Entwicklungsmodells)
Situation in der Kindertageseinrichtung
Die fünfeinhalbjährige Paula ist seit knapp zwei Jahren in der Kindertageseinrichtung (Gruppenkonzept mit täglich ein- bis zweistündiger Öffnung). Sie war anfangs, in der Eingewöhnungsphase, schüchtern, wirkte ängstlich und zurückgezogen und sie suchte wenig Kontakt zu anderen Kindern. Wenn solche Kontakte zustande kamen, wirkte sie ›unbeholfen‹, konnte ihre Wünsche schlecht äußern; manchmal zog sie sich völlig in eine Ecke zurück und war nicht ansprechbar. Zugleich war eine Anspannung spürbar: Sie verfiel bei sozialen Konflikten, wenn im Spiel etwas ›schiefging‹, sehr schnell entweder in Weinen oder wurde laut, beschimpfte andere, lief aus dem Raum. Wenn sich eine erwachsene Bezugsperson um sie kümmerte – also z. B. bei Spielen am Tisch saß, die Kontakte zu anderen Kindern ›vermittelte‹ – war Paula deutlich weniger angespannt, ließ sich auch schnell beruhigen. Zeitweise ›klammerte‹ sie sich an ihre Bezugserzieherin (Karla), verfolgte sie ›auf Schritt und Tritt‹; es fiel ihr dann schwer auszuhalten, wenn sich Karla anderen Kindern zuwandte. Es war anfangs, heute nur noch vereinzelt, sehr problematisch, wenn Veränderungen auftraten, besonders die Öffnung der Gruppen war lange Zeit eine Überforderung. Im Verlauf des ersten Jahres in der Kita konnte sich Paula nach und nach besser in die Gruppe integrieren, und die Situationen, in denen sie sich völlig zurückzog, wurden ebenso weniger wie Situationen, in denen sie laut schrie und wegrennen wollte. Paula baute eine zaghafte Freundschaft zu zwei Mädchen aus der Gruppe auf, nahm an Spielaktivitäten teil und wurde wegen ihrer motorischen Geschicklichkeit geschätzt.
Seit etwa vier Monaten erleben die pädagogischen Fachkräfte wieder eine deutliche Veränderung des Verhaltens des Kindes: Paula schwankt sehr zwischen dem (überwunden geglaubten) Klammern an die Bezugserzieherin Karla. Wenn diese länger in einen anderen Raum geht oder sich deutlich einem anderen Kind zuwendet, wird Paula wütend, versucht Karla festzuhalten oder das andere Kind wegzudrängen; es wirkt wie ›wegbeißen‹. Zu anderen Kindern hat sie zunehmend weniger Kontakt: Sie ist bei Spielen ungeduldig, will ›auf einmal‹ stark bestimmen und wird gleichfalls wütend, beschimpft die anderen Kinder, wenn sie nicht das tun, was sie möchte. Paula wird wegen ihres Verhaltens zunehmend von den anderen Kindern der Gruppe abgelehnt, sie wollen nicht mehr mit ihr spielen, bitten die Fachkräfte, sie vor Paula zu schützen.
Während es anfangs noch gelang, Paula im Kontakt mit Klara schnell zu beruhigen, ›eskaliert‹ die Situation zunehmend: Auch die pädagogischen Fachkräfte erleben sich als ›genervt‹ durch das Verhalten des Kindes und wünschen sich eine Veränderung.
Lebensgeschichtliche Entwicklung/Hintergrund
Paula lebt derzeit mit der Mutter (37) und der zweieinhalbjährigen Schwester in einer Vier-Zimmerwohnung. Die Mutter ist gelernte Ergotherapeutin und arbeitet seit Beginn des Jahres in Teilzeit (50%). Der Vater (40) ist gelernter Bauarbeiter und war deswegen viel unterwegs. Die Familie hatte und hat wenige Kontakte nach außen.
Die Eltern waren nur eine kurze Zeit zusammen, als die Mutter schwanger wurde. Dennoch sei Paula, so erzählte es einmal die Mutter, ein ›Wunschkind‹ gewesen.
Im Verlauf des ersten Lebensjahres kam es zwischen den Eltern zu Spannungen, vor allem über die Aufgabenteilung im Haushalt, der Vater war auch kurzzeitig ausgezogen, kehrte aber zur Familie zurück. Es kam dann zu Heirat, das Familienleben sei zunächst ›entspannt‹ gewesen, auch als die zweite Tochter geboren wurde.
Zur Entwicklung von Paula in den ersten beiden Lebensjahren ist wenig bekannt; die Mutter berichtete, Paula sei anfangs oft ›quengelig‹ gewesen, hätte aber rechtzeitig laufen gelernt. Die Sprachentwicklung sei verzögert verlaufen, Paula habe lange Zeit nur Einwortsätze gesprochen und sei sehr schwer zu verstehen gewesen. Da sie ja Ergotherapeutin sei, hätte sie viel mit dem Kind geübt, so dass sie ›aufholen‹ konnte. Manchmal, besonders nach Geburt der Schwester, habe es zu Hause immer wieder Wut- und Trotzanfälle gegeben, die Kindsmutter habe sich in solchen Situationen oft überfordert und genervt vom Verhalten gefühlt.
Vor knapp zwei Jahren habe der Kindsvater einen Herzinfarkt erlitten. Ab diesem Zeitpunkt habe sich die elterliche Beziehung deutlich verschlechtert, da dieser Anfall trotz guter körperlicher Erholung eine Charakterveränderung nach sich gezogen habe. Der Vater leidet unter Antriebslosigkeit und zeigte der Mutter und beiden Kindern gegenüber verbal aggressives und ungeduldiges Verhalten. Seit etwa sechs Monaten haben sich die Eltern getrennt, der Vater ist ausgezogen, hat die Kinder alle zwei Wochen für einen Tag bei sich in der neuen Wohnung. Es gibt nach wie vor Spannungen zwischen den Eltern.
Fragen
• Wie lässt sich Paulas Verhalten vor dem Hintergrund des Bio-Psycho-Sozialen Modells erklären?
• Welche Erfahrungen haben sich im Verlauf ihrer Geschichte wie in ihrer innerseelischen Struktur niedergeschlagen?
• Wie wirken aktuelle Situation und die innerseelische Struktur mit den aktuellen Verhaltensweisen des Kindes in der Kita zusammen?
Antworten
Über den Verlauf der Schwangerschaft und Geburt ist – abgesehen davon, dass Paula ein ›Wunschkind‹ gewesen sei – nichts bekannt. Eindeutige Hinweise auf biologisch bedingte Risikofaktoren finden sich nicht.
Im Verlauf des ersten Lebensjahres kam es zu deutlichen Spannungen zwischen den Eltern. Es ist zu vermuten, dass sie aufgrund dessen innerlich weniger für das Kind präsent sein konnten und Paula möglicherweise weniger feinfühlige Spiegelung ihrer Lebensäußerungen und Bedürfnisse erfahren hat. Stattdessen hat sie atmosphärisch die Spannungen erlebt, die für sie wahrscheinlich Stress bedeutet haben. Aufgrund der relativen Isolation der Familie standen auch keine Personen zur Verfügung, mit denen sie kompensatorische, ausgleichende Beziehungserfahrungen hätte machen können. Es ist zu vermuten, dass hier Wurzeln für ein Abbild grundlegend unsicherer Bindungserfahrungen gelegt wurden. Das Kind wird auch als ›quengelig‹ bezeichnet – vielleicht ein Hinweis auf eine manchmal schwer gelingende Abstimmung in der Regulationsentwicklung zwischen Eltern/Mutter und Kind. Insgesamt kann vermutet werden, dass durch die Erfahrungen in den ersten Lebensmonaten der Aufbau von Selbstregulationsmöglichkeiten, vielleicht auch von positiven Selbstwirksamkeitserfahrungen eingeschränkt war.
Die familiäre Situation beruhigte sich, bevor die Schwester geboren wurde. Dies bedeutet für Paula einerseits mehr ›Ruhe‹ und Sicherheit, andererseits war zumindest ein Teil der Energie und Präsenz der Bezugspersonen nach der Geburt an die Versorgung von und Beziehungsgestaltung mit dem Säugling gebunden. Paula musste wieder die Erfahrung machen, dass ihre eigenen Bedürfnisse nicht (vollständig) gesehen und adäquat beantwortet werden. Die Sprachentwicklungsrückstände können hierfür ein Anzeichen sein: Paula verbleibt – aus der Not heraus und unbewusst – zunächst auf einem ›niedrigeren‹ Entwicklungsstand und sichert sich so Zuwendung der Mutter. Sie entwickelt sich relativ schnell, als sie über das Üben die Zuwendung erhält.
In der Kita zeigt Paula am Anfang zunächst Verhaltensweisen, die auf eine unsicher(-ambivalente) Bindung hinweisen. Durch die ermöglichte Nähe zur Bezugserzieherin, die offensichtlich die Bindungsbedürfnisse des Kindes gesehen oder gespürt hat und zugleich vom institutionellen Kontext die Möglichkeiten hat, sich Paula zuzuwenden, gewinnt Paula innere Sicherheit: Sie erlebt, dass jemand zuverlässig für sie da ist, sich ›kümmert‹ und sie wertschätzt. Durch diese »emotional-korrigierenden Erfahrungen« (Cremerius, 1979) steigt der Selbstwert des Kindes, und es kann sich klarer nach außen orientieren, die Welt explorieren.
Die erneuten Spannungen in der Familie (Auseinandersetzungen der Eltern, Auszug des Vaters) sorgen für erneute, starke Verunsicherung und es kommt zu einem inneren ›Rückfall‹: Die Welt wird als unsicher, unkontrollierbar erlebt. Innere Spannungen und Gefühle, wie Angst oder auch Wut über den Streit der Eltern, können zu Hause nicht gezeigt werden. Paula trägt sie mit in die vorher als sicher erlebte Situation in der Kita. Sie sucht verstärkt Nähe und Sicherheit. Die pädagogischen Fachkräfte, die zunächst nichts von der häuslichen Situation wissen, sind irritiert, verstehen den ›Rückfall‹ bzw. das sehr starke ›Klammern‹ und auch das überwunden geglaubte aggressive/unkontrollierte Verhalten des Kindes nicht. Es wird an die ›Vernunft‹ appelliert etc. Paula merkt, dass sie das Maß an Unterstützung und Sicherheit, dass sie eigentlich in der Krise benötigt, nicht in der Kita erhalten kann, versucht ihre innere Not noch stärker zu zeigen – und erfährt noch mehr Ablehnung.
2.2 Das Modell der seelischen Grundbedürfnisse
Ein weiteres, empirisch fundiertes Konzept zum Verstehen und Erklären von menschlichem Verhalten ist das Modell der seelischen Grundbedürfnisse. Alle Verhaltensweisen – also auch die, die als herausfordernd erlebt werden – haben ihre Ursachen in einem komplexen Zusammenspielen von biologischen, sozialen und psychischen Faktoren (s. o.). Das Modell von Grawe (2004), das auf Metaanalysen einer Vielzahl von wissenschaftlichen Studien beruht, geht davon aus, dass Menschen über elementare körperliche und seelische Grundbedürfnisse verfügen, die erfüllt werden müssen, wenn dauerhaft Lebenszufriedenheit und seelische Gesundheit erreicht werden soll. Wenn diese Grundbedürfnisse von Kindern und Erwachsenen nicht erfüllt werden, wehren sich Menschen und drücken dies im Verhalten aus.
In Erweiterung des Konzepts von Grawe lassen sich fünf zentrale seelische Grundbedürfnisse beschreiben:4
• Das Bindungsbedürfnis: Kinder müssen das Gefühl erfahren, dass sie wertgeschätzt und anerkannt werden. Sie benötigen Bezugspersonen, die feinfühlig ihre Wünsche und Gefühlsäußerungen wahrnehmen, richtig interpretieren und dann prompt und angemessen beantworten. Auf diese Weise entstehen innere Abbilder von sicheren Bindungen, und das Kind kann selbstsicher anderen begegnen, auch kurzzeitige Trennungen verkraften. Das Eingehen auf das Kind, das ›Spiegeln‹ seiner Gefühlszustände und -ausdrücke führt dazu, dass sich Kinder selbst verstehen können und ihre Erregungszustände nach und nach selbst regulieren können. Wenn dieses Bedürfnis nach sicherer Bindung nicht angemessen befriedigt wird, werden sich Kinder (und später Erwachsene) in Beziehungen unsicher verhalten und auf verschiedene Weise, z. B. durch übermäßiges ›Klammern‹ oder durch lauten Protest, ihre Not zeigen.
• Das Bedürfnis nach Weltaneignung und Exploration: Kinder wollen von der ersten Lebensminute an die Welt ›erobern‹: Sie sind mit Energie ausgestattet, um zu erfahren, was außerhalb des eigenen Körpers passiert, sie wollen verstehen, welche Zusammenhänge es gibt, sie wollen ausprobieren/erforschen, was passiert, wenn sie selbst handeln. Im Besonderen wenn das Bindungsbedürfnis ›gestillt‹ ist, tritt das Explorationsbedürfnis mit großer Kraft auf. Kinder brauchen erwachsene Bezugspersonen, die ihnen Gelegenheiten und Anregungen geben, die Welt zu erforschen. Diese Anregungen müssen in der »Zone der nächsten Entwicklung« (Wygotsky, 1987) des Kindes liegen. Über- oder Unterforderung führt zu Unwohlsein und Stress – Kinder wehren sich dagegen.
• Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle: Kinder müssen die Welt um sich herum verstehen. Dazu brauchen sie Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit – in der Art und Weise wie andere ihnen begegnen, aber auch in alltäglichen Abläufen und Rhythmen. Dann können sie Zusammenhänge verstehen und Sicherheit erleben. Sie können dadurch das Gefühl entwickeln, dass die Welt ›geordnet‹ und kontrollierbar ist; sie können sich darin orientieren. Die Erfahrung von Unregelmäßigkeit, Unzuverlässigkeit, von Nicht-Erklärbarkeit und damit Unsicherheit führt gleichfalls zu Stress, der sich im Verhalten ausdrückt. Es kann bei vielfacher Erfahrung von Unkontrollierbarkeit bspw. dazu kommen, dass Kinder sehr genau auf die Einhaltung von Regeln und Abläufen beharren und Abweichungen sie maximal irritieren. Es kann aber auch dazu kommen, dass sich Kinder in sehr vielen Situationen vorsichtig und misstrauisch verhalten, angespannt sind, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass nicht klar ist, was als nächstes passieren kann.
• Das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz: Aus den Erfahrungen von Sicherheit und dem erfolgreichen Bewältigen von Anforderungen entwickeln sich das positive Selbstwirksamkeitserleben und der Selbstwert. Kinder wollen wachsen und ihren Selbstwert erhöhen; auch Erwachsene sind i. d. R. bemüht, positive Aspekte des eigenen Selbstwertes und -bildes zu sichern. Kinder wie Erwachsene wehren sich, wenn der Selbstwert bedroht wird, wenn Niederlagen oder Demütigungen erfahren werden. Manche Menschen können eigene Stärken und Ressourcen gar nicht (mehr) wahrnehmen oder benennen, auch Kinder sind manchmal grundsätzlich entmutigt, erleben sich als Versager und trauen sich nicht zu, Neues zu lernen, neue Aufgaben anzugehen. Dann ist es wichtig, in kleinen Schritten selbstwertsteigernde Erfahrungen anzubieten und entsprechende Rückmeldungen zu geben. Manchmal ist das negative Selbstbild so stark, dass es identitätsprägend ist: Dann wird versucht, das eigene Bild als Versager zu sichern, und es ist sehr aufwändig, hier neue, gegenteilige Erfahrungen anzubieten.
• Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung: Kinder (und Erwachsene!) wollen Erfahrungen, die Einschränkungen bedeuten oder schmerzhaft sind, vermeiden. Erwachsene haben einen längeren Erwartungshorizont; sie haben gelernt, dass manches, was kurzfristig wenig Spaß macht, wie das frühe Aufstehen, um zur Arbeit zu gehen, langfristig Erfolge (Gehalt) sichert. Je jünger Kinder sind, umso weniger können sie unmittelbare Bedürfnisse aufschieben und zeigen diese entsprechend. Dies bedeutet nicht, dass Kindern alle Wünsche jederzeit erfüllt werden müssen – allerdings muss von den Erwachsenen verstanden und akzeptiert werden, dass Kinder enttäuscht und/oder wütend sind, wenn ihr momentanes Interesse (am Eis im Supermarkt) nicht aufgegriffen wird. Kinder sollten die entsprechenden Gefühle zeigen dürfen und sie sollten nicht dafür verurteilt oder gar bestraft werden, dass sie sich ärgern, ›bockig‹ sind, wenn ihnen der momentane Lustgewinn verwehrt wird.
Dieses Konzept der Grundbedürfnisse gibt eine gute Orientierung, um kindliches Verhalten, das als herausfordernd erlebt wird, als angemessenen und nötigen Protest gegen die Verletzung eines seelischen Grundbedürfnisses verstehen zu können. Es ist vor diesem Hintergrund möglich zu untersuchen, ob und welches der Grundbedürfnisse verletzt ist – und was man tun kann, damit diese Verletzung verringert wird. Wenn bspw. das Bindungsbedürfnis nicht gestillt ist und das Kind häufig ›Unsinn‹ macht, so geht es nur vordergründig darum, Aufmerksamkeit zu erlangen. Das Kind drückt eine tiefe Verzweiflung aus, sucht nach Sicherheit in Beziehungen, und es ist dann nötig, zu planen, wie das Kind Beziehungssicherheit bspw. im Rahmen der Krippe erlangen kann. Sein Ringen um Aufmerksamkeit ist ein Notsignal, nicht ein Zeichen von Unreife oder ›Machtspielen‹.
Für das Verstehen des Kindes unter der Perspektive der (verletzten) Grundbedürfnisse können folgende Fragen hilfreich sein:
1. Bedürfnis nach sicherer Bindung:
Wie reagiert das Kind in Trennungssituationen?
Wie geht es auf Unbekannte zu (sehr viel vs. gar keine Vorsicht/Distanz)?
Gibt es Anzeichen dafür, dass das Kind viel Zuwendung braucht?
Ist die Beziehungsgestaltung sehr schwankend?
2. Bedürfnis nach Weltaneignung und Exploration:
Spielt das Kind gern (und ausdauernd allein)?
Braucht es viel direkte Anwesenheit erwachsener Bezugspersonen?
Zeigt es von sich heraus Interesse an neuen Dingen/Sachverhalten?
3. Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle:
Wie sehr braucht das Kind klare Abläufe, Rituale …?
Wie geht es mit ›Abweichungen‹ davon um?
Wie sehr braucht das Kind Rückversicherung durch Erwachsene?
Kann das Kind Abläufe verstehen? Hat es einen Zeithorizont und kann sich auf entsprechende Erklärungen einlassen?
4. Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz:
Wie äußert sich das Kind über sich und eigene Fähigkeiten?
Kann es Erfolge, die es erlebt, auf sich beziehen?
Zeigt es ›Ehrgeiz‹ bzw. gibt es Hinweise, dass es Neues wagen will, dazu lernen will?
Wie geht das Kind mit ›Niederlagen‹ (Verlieren im Spiel, Nicht-Erreichen eines Ziels etc.) um?
Wie wehrt es sich bei Beschämungen, Beleidigungen …?
5. Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung:
Zeigt das Kind klar seine Wünsche?
Protestiert das Kind, wenn es etwas tun muss, was ihm nicht behagt/gefällt? Wie stark?
Wie gut lässt es sich beruhigen, wenn ein Wunsch nicht unmittelbar erfüllt wird?
Fallbeispiel: Paula (aus Perspektive des Modells der seelischen Grundbedürfnisse)
Fragen
• Welche Grundbedürfnisse des Kindes wurden in der frühen Kindheit vernachlässigt?
• Wie hat sich dies auf die Art der Weltbegegnung ausgewirkt?
• Welche Grundbedürfnisse werden aktuell nicht befriedigt?
Antworten
Paulas Bindungsbedürfnis wurde in der frühen Kindheit nicht ausreichend gestillt: Aufgrund der Spannungen zwischen den Eltern konnten diese vermutlich nicht in ausreichender Weise die psychischen Äußerungen und Bedürfnisse des kleinen Kindes beantworten, daraus resultiert ein inneres Arbeitsmodell unsicher (ambivalenter) Bindung, das sich dann später auch im Verhalten – bei der Eingewöhnung und vor allem in der aktuellen Krisensituation – zeigt. Bei empfundener Unsicherheit muss Paula ›klammern‹, sie zeigt dadurch ihre Not.
Durch die erlebte Unsicherheit von Bindungen hat Paula wenig innere Kraft, sich auf Neues einzulassen. Sie benötigt dazu die gute, passende Unterstützung anderer, vor allem erwachsener Bezugspersonen. Wenn dies erfolgt, kann sie auch explorieren. In unsicheren Beziehungssituationen ist das Explorationsbedürfnis ›blockiert‹, es steht weniger das Spielen, sondern das Schaffen von Sicherheiten – auch wenn sich dies möglicherweise durch Dominanzverhalten ausdrückt – im Vordergrund.
Paula zeigt ihr Bedürfnis nach Kontrolle dadurch, dass sie mit Unregelmäßigkeiten schlecht umgehen kann. Sie hat mehrfach starke ›Wechsel‹ und Unvorhersehbarkeiten erlebt (Trennungsabsichten der Eltern, Stabilisierung, neues Geschwisterkind, nahezu parallel Übergang in die Kita, Krankheit des Vaters, Trennung der Eltern) und wird wahrscheinlich die Welt generell als ›unkontrollierbar‹ erleben. Dies führt dazu, dass sie in Alltagssituationen nach Sicherheit, nach klaren Abläufen sucht – und sich zurückzieht oder protestiert, wenn dies nicht gegeben ist.
Wahrscheinlich ist Paulas Selbstwert grundlegend schwach: In der Interaktion mit Bezugspersonen hat sie oft erlebt, dass ›anderes‹ (Eltern waren durch die Auseinandersetzungen miteinander absorbiert, die Schwester wird als wichtiger erlebt…) wichtiger ist als sie selbst. Dies führt einerseits zu Rückzug (»Ich bin nicht wichtig«), andererseits kann sie es genießen und innerlich wachsen, wenn sie entsprechende Zuwendung und Wertschätzung erhält. In der neuen belastenden Situation zuhause erlebt sie dann, nachdem sie durch die Beziehung zur Bezugserzieherin eine neue Sicherheit verspürt hatte, eine stärkere Bedrohung durch andere Kinder, sie hat Angst, dass ihr dies auch noch ›weggenommen‹ wird, dass sie wieder ›unwichtig‹ wird. Sie versucht sich durch ihr ›Klammern‹, aber auch durch ihr als aggressiv empfundenes Verhalten zu schützen.
Die Sicherung des Bedürfnisses nach Lustgewinn bzw. Unlustvermeidung steht angesichts der hohen Bedeutung der Bindungs-, Selbstwert- und Orientierungs-sicherung im Hintergrund. Allerdings ist zu vermuten, dass Paula schlechter auf eine unmittelbare Befriedigung von bestimmten Wünschen verzichten kann, weil sie sich nicht darauf verlassen konnte, dass ein Bedürfnisaufschub regelhaft belohnt/befriedigt wurde (»Du bekommst nicht jetzt das Eis, aber dann, wenn wir zuhause sind«).
2.3 Sozialökologische Perspektive: Weitere Entwicklungsumwelten
In den vorangegangenen Abschnitten wurde sehr die Individualentwicklung des Kindes in seiner Familie und die Interaktion zwischen Kind und Bezugspersonen fokussiert. In der Realität ist es natürlich so, dass die Familie immer auch eingebettet ist in soziale Zusammenhänge und lokale wie gesamtgesellschaftliche Verhältnisse, die Einfluss auf die Familienentwicklung haben. Mit zunehmendem Alter des Kindes werden die Bildungsinstitutionen Kindertageseinrichtung und Schule zu wichtigen Lern- und Lebensorten für die Kinder (und die Familien) und damit zu wichtigen Sozialisationsinstanzen. Aber ebenso sind der Stadtteil, die Möglichkeiten der Stadt/Gemeinde insgesamt und auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Gesetze, Teilhabemöglichkeiten, Chancengerechtigkeit) wichtige Einflussgrößen letztlich auch auf die Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten von Individuen.
Um die Art und Weise zu beschreiben, wie Individuen in weitere soziale Bezüge eingebunden sind, konzipierte Bronfenbrenner (1981) ein Modell, das die Wirkweise der miteinander verschachtelten ökologischen Systeme beschreibt und hat damit ein bedeutendes Leitmodell bei der Betrachtung der Mensch-Umwelt-Interaktion geschaffen (
Abb. 7). Nach Bronfenbrenners Ökologie der menschlichen Entwicklung wirken sich diese Systeme direkt oder indirekt auf die Entwicklungsprozesse und Handlungen von Individuen aus.
Ihm zufolge stellt das Individuum eine wachsende dynamische Einheit dar, die sowohl von ihrer Umwelt beeinflusst wird, als auch selbst ihre Umgebung aktiv beeinflusst und verändert. So beeinflussen Kinder z. B. Familie und Kindertageseinrichtung, indem sie ihre Erfahrungen aus der Kindertageseinrichtung in die Familie tragen und umgekehrt (vgl. Mischo, 2016).
Wie schon von Bronfenbrenner beschrieben, stellen Übergänge zwischen den verschiedenen Systemelementen und Systemebenen – wie von der Familie zur Kita oder der Kita zur Schule – eine besondere Herausforderung für Menschen und insbesondere für Kinder dar. Die Art und das Gelingen der Bewältigung dieser Übergänge hat Einfluss auf das individuelle Herangehen an neue, strukturell ähnliche Situationen und generelle Auswirkungen auf die Selbstwirksamkeitserwartungen. Insgesamt hat dabei die Passung zwischen den vorhandenen Fähigkeiten

Abb. 7: Sozialökologisches Modell, modifiziert nach Bronfenbrenner (1981)
eines Individuums und seines umgebenden Systems mit den Strukturen und Anforderungen der jeweiligen ›abgebenden‹ und ›aufnehmenden‹ Institutionen eine zentrale Bedeutung. Dieser Prozess der Passung muss in koordinierter Weise durch die Fachkräfte der beteiligten Systeme bzw. Institutionen moderiert werden. In dieser Betrachtung kann die Bewältigung des Übergangs als ko-konstruktiver Prozess aller Beteiligten gesehen werden (ausführlich: Griebel & Niesel, 2004).
In diesem Abschnitt soll der Blick verstärkt auf die Möglichkeiten der Bildungsinstitutionen gerichtet werden. Dabei werden Qualitätskriterien benannt, damit diese Institutionen zu Entwicklungsressourcen für Kinder (und Familien) werden können.
Kindertageseinrichtungen und Grundschulen und die dort tätigen pädagogischen Fachkräfte können wichtige förderliche und auch kompensatorische Funktionen für die kognitive, soziale und emotionale Entwicklung von Kindern haben – wenn auf der Basis individualisierter und systematischer wie konzeptgesteuerter Beobachtung individualisierte Begegnungen in der »Zone der nächsten Entwicklung« der Kinder (Wygotsky, 1987) gestaltet werden. Dazu müssen sich die Institutionen aber auf das einzelne Kind und seine Familie beziehen.
Hierzu sind gute Rahmenbedingungen nötig, insbesondere Faktoren wie Fachkraft-Kind-Relationen, Gruppengröße, Qualifikation des Personals und Zeiten für die mittelbare pädagogische Arbeit. Die Rahmenbedingungen erklären allerdings nicht allein den Erfolg einer Institution, ebenso wichtige Faktoren sind eine »gelebte Konzeption« (Tietze, 2013) und die Realisierung einer guten Prozessqualität, insbesondere einer hohen Qualität der Fachkraft-Kind-Interaktionen auf den Dimensionen der emotionalen Unterstützung und der Lernbegleitung (Weltzien, 2014; Wadepohl, 2016; Wadepohl et al., 2017).
Aus den vorliegenden nationalen und internationalen Studien zur Qualität in Kindertageseinrichtungen extrahierte Fröhlich-Gildhoff (2013b) vier zentrale Bereiche, die bedeutsam für die Entwicklungsunterstützung und -begleitung von Kindern sind:
• Beziehungsgestaltung: Auf die Bedeutung stabiler, haltgebender und unterstützender Beziehungen für die Entwicklung von Kindern ist hingewiesen worden. In der Beziehungsgestaltung sind dabei folgende Elemente zu gewährleisten: Zuwendung, das Garantieren von Sicherheit, Stressregulierung sowie Explorationsunterstützung bzw. -assistenz.
• Beobachtung und Handlung: Das systematische Erkennen, Verstehen und Interpretieren des Verhaltens von Kindern ist ein wesentliches Kennzeichen von Professionalität, das dann auch das Handeln der Fachkraft steuern muss. »Beobachten meint ein aufmerksames Wahrnehmen, das darauf zielt, ein Ereignis oder Verhalten zu verstehen, eine Vermutung zu überprüfen, eine Entscheidung zu treffen« (Leu, 2006, S. 232). Neben der reflektierten Alltagsbeobachtung sind hier systematische Verfahren als Grundlage des Verstehens und darauf aufbauenden Handelns einzusetzen (Überblick: Mischo et al., 2011).
• Förderung in spezifischen Bildungsbereichen (Domänen): Neben der feinfühligen Gestaltung haltgebender Beziehungen ist die Förderung des Lernens und des Weitererwerbs von Wissen und Handlungs-Kompetenzen eine Aufgabe der Bildungsinstitution Kita. Dabei ist »ein entscheidender Faktor für erfolgreiches und an den Zugangsweisen der Kinder orientiertes Lernen […], inwieweit es den PädagogInnen gelingt, an dem Vorwissen und den jeweiligen Entwicklungsständen anzuknüpfen, um die Kinder auf dem Wege zum Verstehen der Welt begleiten zu können […]. Den Erwachsenen erschließt sich die Qualität des Wissens erst in den Begründungen der Kinder für ihre ›Welt‹-Sicht« (Kasüschke & Fröhlich-Gildhoff, 2008, S. 105). Neben der Förderung des inhaltlichen Wissens in unterschiedlichen Bereichen geht es auch um die Förderung von Strategien und Metakognitionen (vgl. Mischo, 2016a).
• Kooperation (mit Eltern, mit anderen Institutionen; sozialräumliche Vernetzung): Neben der direkten Arbeit mit den Kindern sind die Zusammenarbeit mit den Eltern und weiteren Bezugspersonen der Kinder sowie der Aufbau sozialräumlicher Vernetzungen Kern-Bestandteile der Arbeit von pädagogischen Fachkräften in Kindertageseinrichtungen geworden.
Aus den unterschiedlichsten Studien und Zusammenstellungen anderer AutorInnen (Rutter & Maughan, 2002; Wustmann, 2004; Opp, 2007) können Grundprinzipien einer gesundheits- und resilienzförderlichen, aber auch effektiven Schule wie folgt zusammenfassend beschrieben werden (vgl. Fröhlich-Gildhoff, 2013):
• klares Schulkonzept, klare, konsistente und gerechte Regeln;
• Bestärkungs- statt Bewertungskultur;
• systematische Stärkung des Gefühls der Zugehörigkeit und Partizipation;
• individualisierte Bildungsplanung, das bedeutet:
– angemessene Leistungserwartungen, die klar kommuniziert werden; Gestalten der Erreichbarkeit von Erfolgen, verantwortliche und qualitativ hochwertige Anweisungen und Aufgabenstellungen;
– kontinuierliche Überprüfung der Fortschritte der SchülerInnen;
– konstruktives Feedback in Form von Anerkennung, Lob und Ermutigung;
– individuelle soziale Unterstützung durch LehrerInnen;
• gutes LehrerIn-SchülerIn-Verhältnis innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers, LehrerInnen sorgen sich um ihre SchülerInnen und signalisieren ihnen aktives Interesse;
• Respekt und Verständnis für die SchülerInnen;
• Übertragung von verantwortungsvollen Aufgaben;
• sinnvolle Einbeziehung von Schülerinteressen in die pädagogische Arbeit und Ermutigung zu eigenständigem Arbeiten;
• positive Rollenvorbilder (auch: Lehrkräfte als Rollenvorbilder);
• Möglichkeiten des kooperativen Lernens und Partizipation;
• Ermöglichung positiver Peer-Kontakte;
• enge Zusammenarbeit mit Eltern;
• Zusammenarbeit mit sozialen Institutionen im Umfeld der SchülerInnen.
Diese Auflistung kann als Checkliste angesehen werden, um die Bedingungen und Möglichkeiten der jeweiligen Institution zu überprüfen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.