Kitabı oku: «Kinder lernen leichter mit Kinesiologie»

Yazı tipi:

Helga Baureis · Claudia Wagenmann

Kinder lernen leichter mit Kinesiologie

Helga Baureis · Claudia Wagenmann

Kinder lernen leichter mit Kinesiologie

Lern- und Konzentrationshilfen – Ratgeber für die Familie

Mit Illustrationen der Leichter-lernen-Übungen von Steffen Butz

Oesch Verlag

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur + Textredaktion Swantje Steinbrink, Berlin.

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck in jeder Form sowie die Wiedergabe durch Fernsehen, Rundfunk, Film, Bild- und Tonträger, die Speicherung und Verbreitung in elektronischen Medien oder Benutzung für Vorträge, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags

Copyright © by Oesch Verlag AG, Zürich 2005/2009

Die Ratschläge in diesem Buch wurden von den Autorinnen und dem Verlag sorgfältig erwogen und geprüft; dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Eine Haftung der Autorinnen bzw. des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

5. Auflage 2012

Umschlagfoto: Shutterstock Images

Satz: Oesch Verlag

ISBN 978-3-0350-4000-5

Gern senden wir Ihnen unser Verlagsverzeichnis:

Oesch Verlag, Verena-Conzett-Strasse 7, Postfach, 8036 Zürich

E-Mail: info@oeschverlag.ch

Unser Buchprogramm finden Sie im Internet unter:

www.oeschverlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Einleitung

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Was ist Kinesiologie?

Das Gehirn

Der Hirnstamm

Das Kleinhirn

Das limbische System

Der Cortex

Die Hemisphären

Informationsfluss im Gehirn

Im Flow sein

Das Gehirn – so versteht es auch Ihr Kind

Das Gehirnhaus

Lernen – ein natürlicher Vorgang

Lernen durch Bestrafung oder Belohnung

Weitere Gründe für Lernblockaden

Wassermangel

Fernsehen

Ernährung

Erwartungsdruck der Eltern

Angst und andere emotionale Probleme

Unfälle

Die drei Dimensionen des Lernens

Woran Sie die verschiedenen Blockaden erkennen

Rechts/Links-Blockade

Oben/Unten-Blockade

Vorne/Hinten-Blockade

Stress – wie er Leben und Lernfähigkeit beeinflusst

Negative Stressfaktoren

Was tun in Stresssituationen?

Emotionale Stressreduzierung

Wie die Emotionale Stressreduzierung funktioniert

Wie die Emotionale Stressreduzierung wirkt

Vergangenen Stress loslassen

Körperliche Stressreduzierung

Visuell, auditiv, kinästhetisch … Welchen Lernstil bevorzugt Ihr Kind?

Die verschiedenen Augenzugangshinweise

Der visuelle Typ

Der auditive Typ

Der kinästhetische Typ

An der Decke steht es geschrieben

Visuell, auditiv, kinästhetisch (sehen, hören, fühlen)

Beispiele für typisch visuelle Wortwahl

Beispiele für typisch auditive Wortwahl

Beispiele für typisch kinästhetische Wortwahl

Olfaktorisch und gustatorisch (riechen und schmecken)

Beispiele für typisch olfaktorische Wortwahl

Beispiele für typisch gustatorische Wortwahl

Skizzieren, diskutieren oder experimentieren?

Der Test mit der Liegenden Acht

Experimentieren mit der Liegenden Acht

Besseres Einschätzen und Verstehen

Bewegung macht fröhlich

Leichter lernen

Leichter-lernen-Übungen

Türenöffner

Liegende Acht

Gehirnaktivierer

Sauerstoffversorger

Sinneswecker

Zentrierer

Kreativitätswecker 1

Kreativitätswecker 2

Schönschreibhelfer

Nacken- und Schulterlockerer

Wachmacher

Muntermacher

Balancierer

Ohrenspitzer

Energieregler 1

Energieregler 2

Die Kraft der Gedanken – die Macht der Sprache

Die Energie folgt der Aufmerksamkeit

Füttern Sie Ihre positiven Erwartungen

Auditive und kinästhetische Vorstellungskraft

Positive Programmierungen

Arbeiten mit Zielsätzen

Leichter-lernen-Übungsreihe

Wenn es mal nicht so klappt …

Ernährung

Leben im Schlaraffenland – und dennoch mangelernährt?!

Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Das weiße Gift Zucker

Süßer Zucker – saure Stimmung

Irreführende Werbung

Optimale Ernährung

Kohlehydrate

Proteine

Fette

Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente

Vitamin B-Komplex

Vitamin C

Vitamin D

Kalium

Kalzium

Magnesium

Jod

Zink

Wasser

Kochen mit allen Sinnen

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen …

Küchen-Spiele

Erbsen, Bohnen, Linsen …

Spürnase

Schleckermaul

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

Welche Talente hat Ihr Kind?

Checkliste Talente

Spielen

Spielen in der Natur

Spielen zu Hause

Kleine Gedächtnisspiele

Brainstorming

Ja/Nein-Fragespiel

Koffer packen

Im Land, wo alles möglich ist

Ein Fingerspiel für die kleinen Geschwister

Tipps für einen aufbauenden Umgang mit Ihrem Kind

Was können Eltern für sich selbst tun?

Entspannungsphasen einplanen

Glücksmomente sammeln und Energie tanken

Energiespeicher aufladen

Stress raus – Power rein

Lachen

Die Zauberformel

Mudras für Eltern und Kinder

Hakini-Mudra

Pran-Mudra

Shunya-Mudra

Prithivi-Mudra

Kalesvara-Mudra

Bach-Blüten

Cherry Plum

Chestnut Bud

Clematis

Elm

Gentian

Honeysuckle

Hornbeam

Impatiens

Larch

Olive

Scleranthus

Walnut

Anhang

Literaturhinweise

Adressen, die weiterhelfen

Dank

Einleitung
Kommt Ihnen das bekannt vor?

»Mein Kind kann beim Lernen nicht stillsitzen.« »Zu Hause weiß mein Sohn noch alles, aber wenn er einen Test schreiben soll, hat er den totalen Blackout.« »Meine Tochter verdreht beim Schreiben und Lesen die Buchstaben.« »Mein Kind hört einfach nicht zu, wenn ich ihm etwas erklären will.« »Eltern von Mitschülern haben sich über die Aggressivität unseres Sohnes beklagt.« »Mein Kind kann zwar rechnen, aber wenn es um Textaufgaben geht, versagt es.« Könnte einer oder sogar mehrere dieser Sätze von Ihnen sein? Konzentrationsschwierigkeiten, Lese- und Rechtschreibschwäche, Aggressionen, Hyperaktivität, Versagensängste … immer mehr Kinder sind von diesen Problemen betroffen, reagieren mit Schulunlust und schlechten Noten auf die an sie gestellten Anforderungen.

Wenn Kinder plötzlich Lernprobleme haben, in der Schule keine Freunde finden, Schwierigkeiten mit den Lehrern bekommen oder nachts einnässen, leidet meist die ganze Familie darunter. Viele Eltern sind ratlos oder gestresst und werden an eigene unverarbeitete Schulerlebnisse erinnert. Wenn Eltern es trotz aller Bemühung nicht schaffen, ihrem Kind auf die Sprünge zu helfen, zweifeln sie nicht nur an ihm, sondern oft auch an ihrer Fähigkeit, ihrem Kind das richtige Werkzeug mit auf den Weg zu geben. Vor allem Mütter setzen sich unter Druck, weil sie beispielsweise ihre Qualität als hauptsächlich Erziehende darüber definieren, wie gut ihr Kind in der Schule ist.

Dieses Buch will Sie als Eltern entlasten und Ihnen Mut zusprechen! Es zeigt nicht nur Hintergründe für Schul- oder Anpassungsprobleme auf, sondern bietet auch Selbsthilfemöglichkeiten an, um emotionalen Stress (bei Ihnen und bei Ihrem Kind) zu beseitigen und Selbstakzeptanz und -sicherheit, Aufmerksamkeit, Motivation, Körperkoordination, Geschicklichkeit, Reaktionsvermögen und vieles mehr zu verbessern. Die Methoden, allen voran die Kinesiologie, bieten Ihnen einfaches Handwerkszeug, das Ihnen und Ihrem Kind hilft, vorhandene Fähigkeiten zu entdecken und zu nutzen. Wenn Ihr Kind sich mehr zutraut, wird es wieder gerne zur Schule gehen und Lernen als etwas Spannendes betrachten. Das entlastet die Eltern und die ganze Familie.

Was ist Kinesiologie?

Anfang der 60er Jahre wurde von dem amerikanischen Chiropraktiker Dr. George Goodheart die Basis für Kinesiologie geschaffen. Kinesiologie ist eine sanfte und ganzheitliche Methode, wörtlich übersetzt die »Lehre der Bewegung«. Laut der Traditionellen Chinesischen Medizin, die auf jahrtausendealtem Wissen basiert, ist der Körper von einem Netz von Energieleitbahnen durchzogen, Meridiane genannt. Alles Lebendige ist in Bewegung – so auch unsere Körperenergien. Sobald der Fluss in den Meridianen ins Stocken gerät, ist die Entwicklung blockiert, egal ob auf der körperlichen, geistigen oder emotionalen Ebene. Gründe für Energieblockaden sind eine Anhäufung von Faktoren wie negativen Emotionen, schlechter Ernährung, belastenden Umwelteinflüssen, Leistungsdruck oder zu wenig Bewegung.

Physische und psychische Vorgänge im Menschen spiegeln sich im Funktionszustand seiner Muskeln wider. Wenn wir uns in einer stressenden Situation befinden, ändert sich der Spannungszustand unserer Muskeln. Schon die Gedanken an eine beängstigende Situation oder an eine bestimmte Person reichen aus, um eine Muskelreaktion auszulösen. Aus dieser Erkenntnis entwickelte Dr. Goodheart ein Testverfahren, um Energieblockaden zu identifizieren, das ohne Apparate auskommt: den Muskeltest. Dieser Test funktioniert ganz einfach:

Um Antworten vom Körper zu erhalten, benutzt man beispielsweise den Deltamuskel im Oberarm. Dazu streckt die Testperson einen Arm seitlich waagerecht vom Körper weg. Während sie an eine bestimmte Person, zum Beispiel eine Kollegin denkt, drückt der Tester leicht auf den Unterarm der Testperson. Bleibt der Arm oben, zeigt das, dass die Testperson »stressfrei« auf die Kollegin reagiert, das heißt, sie hat wahrscheinlich eine neutrale oder gute Beziehung zu ihr. Bewegt sich der Arm während des Testens nach unten, hat die Testperson vermutlich ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Nachbarin. Gedanken an positive Erlebnisse lassen den Testmuskel fest bleiben, Erinnerungen an negative Situationen sorgen dafür, dass er »abschaltet«. Sobald der Stress auf bestimmte Menschen, Situationen oder Ereignisse identifiziert ist, kann er mit verschiedenen kinesiologischen Techniken abgebaut werden. Haben wir unser Gleichgewicht wiedergefunden, können wir mit Stressoren leichter umgehen. Probleme sind dann keine Hindernisse mehr, sondern Herausforderungen, und wir besitzen die nötige Kraft, Ruhe und Kreativität, diese auch anzugehen.

Im Laufe der Jahre haben Ärzte, Pädagogen, Psychologen, Physiotherapeuten und Heilpraktiker ihr Wissen mit der ursprünglichen Methode »Touch for Health« verknüpft und daraus die verschiedenen Bereiche der Kinesiologie entwickelt. In diesem Buch ist der Fokus hauptsächlich auf die pädagogische Kinesiologie gerichtet, die wir vor allem Dr. Paul Dennison und seiner Frau Gail und deren System Brain Gym®‚ zu verdanken haben; eine weitere erfolgreiche Methode zur Verbesserung von Lern- und Teilleistungsstörungen entwickelte Dr. Charles Krebs mit seinem LEAP-Programm (Learning Enhancement Advanced Program).

Das Gehirn

Unser Gehirn, die Schaltzentrale im Oberstübchen, fasziniert und beschäftigt die Menschen schon seit langer Zeit. Manche reden vom Kosmos im Kopf, für andere ist es ein komplexes Wunderwerk, und je besser wir es verstehen lernen, umso mehr geraten selbst Wissenschaftler ins Staunen über so viel Komplexität. Die Neurowissenschaftler haben in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr verblüffende Zusammenhänge herausgefunden. Dennoch bleiben Erstaunen und Ehrfurcht, und es wird weiterhin spannend sein, die Ergebnisse der Forscher zu verfolgen.


Darstellung des Gehirns

Unser Gehirn hat sich im Laufe der Evolution immer weiter entwickelt. Auf Grund dieser Entwicklungsgeschichte hat der Neurologe Dr. Paul MacLean als erster die Vorstellung des dreigliedrigen Gehirns dargestellt. (Im Nachfolgenden finden Sie eine vereinfachte und leicht verständliche Darstellung der Arbeitsweise unseres Gehirns. Falls Ihnen die Ausführungen für den Anfang zu viel Theorie sein sollten, blättern Sie bitte gleich zur Kurzversion »Das Gehirn – so versteht es auch Ihr Kind« auf Seite 28 ff. weiter und lesen das Kapitel »Das Gehirn« zu einem späteren Zeitpunkt.)

Der Hirnstamm

Der Hirnstamm ist der älteste Teil unseres Gehirns, der sich schon vor über fünfhundert Millionen Jahren entwickelt hat. Er hat große Ähnlichkeit mit dem vollständigen Gehirn eines Reptils und wird daher auch gerne als Reptiliengehirn bezeichnet. Der Hirnstamm befindet sich tief im Inneren unseres Gehirns und umfasst die Bereiche Medulla oblongata (verlängertes Mark), Pons (Brücke), Mesencephalon (Mittelhirn) und Diencephalon (Zwischenhirn).

Er steuert und überwacht lebenswichtige vegetative Körperfunktionen wie die Kontrolle des Atems, des Herzschlags, der Körpertemperatur und der Verdauungstätigkeit. Instinktiv regelt der Gehirnstamm körperliche Bedürfnisse wie Essen, Trinken und die Fortpflanzung. Wenn wir großem Stress ausgesetzt sind, übernimmt der Hirnstamm sozusagen das Kommando, und wir sind nur noch auf Überleben programmiert. Die klassische Stressreaktion, in der wir nur noch zwischen Kampf oder Flucht entscheiden können, findet in diesem Bereich des Gehirns statt.

Ein weiterer wichtiger Bereich des Hirnstamms ist die Formatio reticularis, die sich von oben nach unten durch den Hirnstamm zieht. Bestehend aus einem Netzwerk von Zellen, übt sie einen entscheidenden Einfluss auf unseren Grundwachheitsgrad aus. Gemeinsam mit dem Subthalamus, dem Hypothalamus und Teilen des Thalamus kontrolliert und überwacht die Formatio reticularis den Grad unserer zielgerichteten Aufmerksamkeit, der Selbstwahrnehmung und des Wachheitszustandes. Das bedeutet, dass wir, obwohl draußen Geräusche von vorbeifahrenden Autos, spielenden Kindern oder einem brummenden Flugzeug zu hören sind, zielgerichtet unsere Arbeiten durchführen können, ohne uns von den Geräuschen ablenken zu lassen. Das gilt natürlich auch für Laute im näheren Umfeld, wie streitende Geschwister, Mitschüler, die ihre Arbeit bereits beendet haben, oder einen Klassenkameraden, der unruhig mit dem Stuhl wippt. Die Formatio reticularis ist eine Schaltstelle, die alle ankommenden Signale überwacht und unwichtige Informationen wie zum Beispiel Verkehrslärm filtert, damit wir uns weiter auf unsere Arbeit konzentrieren können. Kinder, die Probleme haben, diese Außengeräusche auszufiltern, werden häufig als rastlos, impulsiv, unkonzentriert und unfähig, eine Arbeit zu Ende zu führen, beschrieben.

Das Kleinhirn

An der Rückseite des Hirnstamms, verbunden durch den Pons, liegt das Kleinhirn (Cerebellum), das in zwei Hemisphären und den dazwischen liegenden Vermis (Wurm) aufgeteilt ist. Es ist die höchste und wichtigste Kontrollinstanz für die Koordinierung und Feinabstimmung unserer Bewegungsabläufe. Es übernimmt viele wichtige Funktionen in Bezug auf unsere automatischen, koordinierten Bewegungsabläufe, das Gleichgewicht und die Körperhaltung. Wenn Sie zum Beispiel etwas aufschreiben wollen, denken Sie nicht darüber nach, welche Muskeln oder Sehnen nun koordiniert werden müssen. Nein, Sie nehmen Ihren Stift zur Hand und notieren Ihre Gedanken. Die notwendigen Bewegungsabläufe werden von Ihrem Kleinhirn in Zusammenarbeit mit den Basalganglien (siehe Seite 20) moduliert und zur Feinabstimmung gebracht. Als Sie das erste Mal in Ihrem Leben einen Stift in die Hand nahmen, haben Sie vermutlich sehr fest gedrückt und waren von den Linien Ihres Stiftes sehr beeindruckt. Das hat Sie ermuntert, weiter zu experimentieren, und so haben Sie mit der Zeit herausgefunden, wie die beste Haltung und der richtige Druck sind, um malen oder schreiben zu können.

Das Kleinhirn hat seine Größe im Laufe der menschlichen Evolution verdreifacht. Daran wird deutlich, welche wichtigen Funktionen dort stattfinden: Alle gelernten automatisierten Bewegungsabläufe, wie beispielsweise einen Stift halten, schreiben, Fahrrad fahren, schwimmen, Tennis spielen etc., sind im Kleinhirn in Form von Bewegungsabläufen festgeschrieben und archiviert. Bei Bedarf können sie einfach abgerufen werden – auch wenn Sie jahrelang nicht Fahrrad gefahren sind, können Sie auf ein Rad steigen und losfahren, da das Programm der Bewegungsabläufe im Kleinhirn gespeichert ist.

Das limbische System

Das limbische System liegt wie eine weitere Schicht über dem Hirnstamm. Es besteht aus einer Gruppe von Zellstrukturen zwischen Hirnstamm und Cortex und hat sich vor etwa zwei bis drei Millionen Jahren entwickelt. Das limbische System ist bei Säugetieren am höchsten entwickelt und wird somit auch als Säugerhirn bezeichnet.

Die Steuerung von Blutdruck, Pulsfrequenz und Blutzuckerspiegel gehören ebenso zu den Aufgaben des limbischen Systems, wie für unser Überleben zu sorgen: Ernährung, Fortpflanzung und Kampf oder Flucht. Es ist sozusagen der Sitz unserer Gefühle und arbeitet völlig unterbewusst. Das limbische System besteht aus mehreren wichtigen Bereichen:

 HypothalamusNur von der Größe einer Erbse, steuert er dennoch grundlegende Funktionen wie Essen, Trinken, Schlafen, Wachen, Körpertemperatur, Pulsfrequenz, Hormone und Sexualität. Außerdem spielt er eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Gefühlen. Er sorgt für Homöostase, d. h., er regelt das innere Milieu.

 Hypophyse (Hirnanhangdrüse)Als zentrale Drüse des endokrinen Systems wird sie vom Hypothalamus aktiviert. Dadurch wird die Hormonproduktion angeregt, die entscheidenden Einfluss auf unser Verhalten hat.

 Epiphyse (Zirbeldrüse)Hier wird der Tag-Nacht-Rhythmus reguliert. Die Epiphyse wird durch Licht aktiviert und ist für das Wachstum und die Entwicklung des Menschen zuständig.

 HippocampusEr ist von entscheidender Bedeutung für das Lernen, da er an Gedächtnisleistungen beteiligt ist und das Kurzzeitgedächtnis dort seinen Sitz hat. Das Ablegen und Abrufen unserer bewussten Erinnerungen findet im Hippocampus statt.

 Amygdala (Mandelkern)Grundlegende Gefühle wie Freude, Schmerz, Angst, Wut sowie die Entscheidung zwischen Kampf oder Flucht entstehen in der Amygdala. Sie etikettiert unsere Erfahrungen – gefährlich oder nicht. Wenn Gefahr droht, wird sofort der Kampf-oder-Flucht-Reflex ausgelöst, das Stammhirn übernimmt die Regie, wir können nicht mehr klar denken. Droht keine Gefahr, kann der Cortex planmäßig handeln. Zusammen mit dem Hippocampus ist die Amygdala entscheidend an der Weiterleitung von Informationen an das Langzeitgedächtnis beteiligt.

 ThalamusDer Thalamus liegt tief im Inneren unseres Gehirns und besteht aus zwei Teilen, die wiederum aus verschiedenen Kernen zusammengesetzt sind. Seine Hauptaufgabe besteht darin, sensorische Informationen zu filtern. Er ist die letzte Relaisstation vor dem Cortex. Alle Sinneseindrücke werden vom Thalamus ausgewertet und erst dann an das bewusste Denken weitergeleitet. Ausgenommen ist der Geruchssinn, dieser geht den direkten Weg zum Cortex. Bevor wir den Schmerz, die Berührung oder die Empfindung von Wärme oder Kälte bewusst wahrnehmen, hat sie der Thalamus unter dem Aspekt »wichtig fürs Überleben« sortiert. Nur was für das Überleben notwendig ist, wird an die Großhirnrinde weitergegeben.

 BasalganglienDiese liegen tief eingebettet in unserem Gehirn und spielen eine große Rolle bei der Koordination, Integration und Ausführung motorischer Bewegungsabläufe. Sie stehen über zahlreiche Faserbündel mit fast allen Bereichen des Cortex in Verbindung und haben eine zentrale Bedeutung für die Erinnerung der Bewegungsabläufe, die im Kleinhirn moduliert werden.

Der Cortex

Der Cortex, auch Großhirnrinde genannt, stellt die Hauptmasse des Gehirns dar. Er ist stark gefaltet und durch viele Furchen und Windungen gekennzeichnet. Würde man ihn entfalten, ergäbe das eine Fläche von 2400 cm2. In ihm sind mehr Neuronen enthalten als in jeder anderen Hirnstruktur. Die Großhirnrinde ist etwa 2–4 mm dick und enthält rund 14 Milliarden Zellkörper. Durch den Cortex werden wir zu bewusst handelnden Menschen, hier werden Entscheidungen getroffen, wird organisiert oder werden Erfahrungen im Gedächtnis abgespeichert. Der Cortex ermöglicht uns, zu sprechen, zu handeln und unsere Gedanken und Gefühle mitzuteilen. Er nimmt zunächst alle Informationen auf, analysiert sie und zieht Vergleiche mit gespeicherten Daten aus vergangenen Erfahrungen, um dann eine Entscheidung zu treffen.

Die Hemisphären

Das Großhirn besteht aus zwei Hälften, auch Hemisphären genannt, die durch eine tiefe Furche unterteilt sind. Diese Furche ist von einem dichten Faserbündel, dem Corpus callosum, durchzogen. Das Corpus callosum wird auch gerne als Brücke bezeichnet, eine ganz spezielle Brücke aus etwa dreihundert Millionen Nervenfasern. Seine Hauptaufgabe besteht darin, den Informationsaustausch der beiden Gehirnhälften sicherzustellen. Die rechte Gehirnhälfte steuert die Funktionen der linken Körperseite, die linke die der rechten.

Jede Gehirnhälfte hat sich auf ganz spezifische Aufgaben spezialisiert. So wird die linke Gehirnhälfte auch Logikgehirn genannt. Sie verarbeitet eintreffende Daten verbal, logisch, analytisch, rational, abstrakt, zeitlich, linear, der Reihe nach; wohingegen die rechte Gehirnhälfte, auch als Gestaltgehirn bezeichnet, nonverbal, intuitiv, gefühlsmäßig, räumlich, konkret, visuell, ganzheitlich, den Überblick bewahrend verarbeitet.


Linke und rechte Gehirnhälfte

Obwohl beide Gehirnhälften sehr unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen haben, ist es dennoch von größter Bedeutung, dass sie miteinander arbeiten. Nur so sind wir in der Lage, die an uns gestellten Aufgaben befriedigend zu bewältigen.

Das Corpus callosum, welches für diese Zusammenarbeit zuständig ist, reagiert sehr empfindlich auf Stress. Der Informationsaustausch läuft dann nicht mehr reibungslos. Dieser Zustand wird in der Kinesiologie als Lernblockade bezeichnet.

Beide Gehirnhälften sind wiederum in je vier Teile unterteilt, die so genannten Lappen:

 Stirnlappen (Lobus frontalis)In den Stirnlappen, die direkt hinter der Stirn liegen, werden Planen, Denken und Logik sowie Entscheidung und zielgerichtetes Verhalten gesteuert. Auch an bewusst geplanten Bewegungen sind diese Lappen beteiligt. Wenn wir uns entscheiden aufzustehen, geht der Befehl von den Stirnlappen an den Körper, und wir setzen uns in Bewegung. Die Verbindungen von den Stirnlappen zum limbischen System sind besonders zahlreich.

 Scheitellappen (Lobus parietalis)Diese liegen im seitlichen Bereich des Cortex und registrieren und verarbeiten sensorische Daten wie Körperhaltung, Muskelaktivität, Berührung und Druckempfinden. Wenn wir uns verletzt haben oder wenn wir jemanden berühren, registrieren das zunächst die Scheitellappen. Ebenso speichern sie die entsprechenden Erfahrungen von Berührungen und anderen Körpererfahrungen. Darum werden sie auch somatosensorischer Bereich genannt.

 Hinterhauptlappen (Lobus occipitalis)Im hinteren Bereich des Schädels liegen die Hinterhauptlappen. Hier werden visuelle Informationen empfangen, verarbeitet und als visuelle Erinnerung gespeichert.

 Schläfenlappen (Lobus temporalis)Links und rechts im Schläfenbereich sind diese Lappen für Hören und Sprechen zuständig. Im linken hinteren Bereich werden Gedanken in Sprache umgewandelt. Ein weiterer wichtiger Bereich der Schläfenlappen betrifft das Gedächtnis, denn hier liegt auch der Hippocampus (Sitz des Kurzzeitgedächtnisses), der dem limbischen System zugeordnet ist.


Die Lappen des Gehirns

Informationsfluss im Gehirn

Während wir denken, reden, kommunizieren oder uns bewegen, findet unentwegt ein reger Informationsaustausch zwischen den involvierten Gehirnbereichen statt. Wie bei einem Nachrichtensystem werden Informationen in beide Richtungen über Nervenzellen oder Neuronen sowie chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) ausgesandt und empfangen. Die Nervenzellen bilden an der Oberfläche des Cortex eine dicke Schicht, graue Substanz genannt. Den Grundstein einer Nervenzelle bildet das Neuron. Es existieren ungefähr 100 Milliarden solcher Neuronen in unserem Gehirn. Das ist eine unvorstellbar große Menge, die Carla Hannaford in ihrem Buch Bewegung – das Tor zum Lernen sehr treffend mit der Anzahl der Sterne in der Milchstraße vergleicht. Diese Nervenzellen haben die Fähigkeit, elektrische Impulse aufzunehmen und weiterzuleiten. Auch wenn kein Neuron dem anderen gleicht, lassen sich dennoch alle in drei Grundbestandteile gliedern:

 Zellkörper mit Zellkern

 Dendriten, die den Zellkörper wie Äste umgeben

 Axonen, die Ausgangskanäle eines Neurons, durch die die Nachrichten an das Nervensystem übergeben werden

Weiterhin werden Neuronen in drei Hauptgruppen unterteilt:

 Sensorische Neuronen, die Informationen aus dem ganzen Körper – von der Haut, den Sinnesorganen sowie den Muskeln – erhalten und sie über das Rückenmark zum Gehirn weiterleiten

 Motorische Neuronen, die Impulse von Gehirn und Rückenmark zu den Muskeln leiten

 Interneuronen (auch Assoziations- oder Schaltneuronen genannt), die die Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Neuronen herstellen

Damit die Informationen im Nervensystem weitergeleitet werden können, müssen die Nervenimpulse am Ende eines Axons einen kleinen Spalt, die Synapse, überwinden. So wird die Nachricht an einen Dendriten weitergeleitet. Das Überspringen dieser Synapse geschieht mit Hilfe der Neurotransmitter, der chemischen Botenstoffe. Jedes Axon verzweigt sich am Ende in viele kleine Verästelungen, die wiederum an jeder axonalen Endplatte mit verschiedenen Rezeptoren ausgestattet sind. Mit Hilfe des entsprechenden Neurotransmitters kann die Nachricht die Synapse überwinden und an den passenden Dendriten andocken. Neurotransmitter sind also im wahrsten Sinne des Wortes »Botenstoffe«. Denn erst durch diese chemischen Botschafter ist eine reibungslose Nachrichtenübermittlung möglich. Man kann sich das ungefähr wie einen Staffellauf vorstellen: Ein Läufer, der den Stab (die Botschaft) überbringt, zielt in seinem Lauf und seinen Bewegungen genau darauf ab, den Stab in die bereitstehende Hand des wartenden Läufers abzugeben. Gelingt dieser Ablauf reibungslos, kann der übernehmende Läufer den Stab weiterreichen und die Mannschaft zum Ziel führen.


Informationsfluss im Gehirn

Durch das Überwinden der Synapse kann ein Neuron mit mehreren anderen Neuronen gleichzeitig kommunizieren. Das alles geschieht mit einer Geschwindigkeit von rund 300 Kilometern pro Stunde. Das Gute daran ist: je mehr wir unsere Verschaltung nutzen, desto mehr vernetzt sich unser Gehirn. Jedesmal, wenn wir etwas Neues lernen, entstehen unzählige neue synaptische Verbindungen. Dieser Prozess wird als Myelinisierung bezeichnet. Myelin ist ein Lipoid, das die Axone mit einer Fettschicht umhüllt, um sie einerseits zu schützen, andererseits leitfähiger zu machen. Dadurch erscheinen die stark myelinisierten Bereiche im Gehirn weiß. Man nennt das die weiße Substanz. Je höher ein Lebewesen entwickelt ist, desto mehr weiße Substanz befindet sich im Gehirn. Beim Menschen bestehen 40 % des Gehirns aus weißer Substanz.

Bei unserer Geburt verfügen wir zwar über ein komplett angelegtes Gehirn, aber erst durch die Nutzung werden neuronale Pfade angelegt und vernetzt.

Um eine weit verzweigte Vernetzung zu fördern, ist es wichtig, Ihrem Kind möglichst viele Sinnesanregungen zu geben, seine Neugierde und seinen Drang zu Bewegung zu unterstützen und zu fördern. Dadurch regen Sie die neuronale Entwicklung im Gehirn Ihres Kindes optimal an. Wichtig: Die neuronalen Vernetzungen, die wir als Kind erlernt haben, dienen uns das ganze Leben lang als Grundmuster.

Im Flow sein

Wenn wir nun gesehen haben, wie viele Bereiche in unserem Gehirn, fein aufeinander abgestimmt, ständig miteinander in Beziehung stehen, ist es nicht weiter verwunderlich, dass unser Gehirn mitunter störanfällig ist. Sind alle Bereiche gut aufeinander eingestimmt, sind wir integriert und es herrscht Einklang in unserem Denken und Handeln. Dann erleben wir Lernen als ein angenehmes, unser Leben bereicherndes Geschehen – wir sind zufrieden mit uns und der Welt. In diesem integrierten Zustand lieben wir es, unserer Arbeit nachzugehen, und merken gar nicht, wie die Zeit vergeht. Mihaly Csikszentmihalyi, Psychologe und Autor des Buches Flow. Das Geheimnis des Glücks, nennt es »im Flow sein«.


Neuronale Vernetzung

Leider sind wir aber nicht immer in der Lage, gut und effektiv lernen zu können. Wenn Ihr Kind sagt: »Ich hab keine Lust!«, »Ich bin müde!«, »Das haben wir gar nicht auf!«, versteckt sich dahinter die Tatsache, dass es im Moment nicht gut integriert ist. Sein Stresspegel hat eine Höhe erreicht, die es für sein Gehirn unmöglich macht, alle notwendigen Funktionen in richtiger Reihenfolge aufeinander abgestimmt ablaufen zu lassen. In diesem Moment schaltet Ihr Kind ab! Jetzt geht gar nichts mehr: Es wird quengelig und lustlos, die Hausaufgaben werden zur Qual, und Sie als Eltern brauchen jetzt starke Nerven.

Das Gehirn – so versteht es auch Ihr Kind

Kindern, die aufgrund von Lernschwierigkeiten in die Beratungsstunden kommen, den Aufbau des Gehirns erklären? Das würde zu viel Zeit kosten und wäre für die Kinder viel zu langweilig. Dennoch finden viele es sehr spannend zu erfahren, was da in ihrem Kopf vorgeht, wenn sie lernen oder wenn das Lernen nicht funktioniert. Darum erzählen wir unseren jungen Klienten diese Geschichte:

Das Gehirnhaus

Stell dir vor, dein Gehirn ist ein riesengroßes Haus mit ganz, ganz vielen Zimmern. Manche Zimmer sind groß und hell, du gehst kurz über den Flur und schon stehst du mittendrin. Andere Zimmer sind klein und etwas verwinkelt und nicht so leicht zu finden: du musst eine Wendeltreppe nach oben steigen, unter der Treppe nach der Tür suchen oder erst um viele Ecken gehen, bis du dort bist. Manche Zimmer sind über einen breiten oder schmalen Flur zu erreichen, andere haben eine direkte Verbindung zum Nebenzimmer.

Dein Gehirnhaus besteht aus drei Stockwerken. Im ersten Stock werden alle Aufgaben erledigt, die mit deinem Überleben zu tun haben. Wenn du durch die Zimmer gehst, findest du die Steuerungszentralen, die deine Atmung kontrollieren, deinen Herzschlag und deine Verdauung. In einem anderen wichtigen Zimmer wird dafür gesorgt, dass du dein Gleichgewicht halten kannst. Dort sind auch alle Bewegungen, die du schon mal gelernt hast, abgespeichert: Fahrrad fahren, schwimmen, Seil hüpfen, Klavier spielen oder schreiben. Weil die Bewegungen dort sicher aufgehoben sind, kannst du einfach auf dein Fahrrad steigen und losfahren, ohne groß zu überlegen, wie das geht.

Im zweiten Stock deines Gehirnhauses findest du sehr viele kleine Zimmer. In einigen Zimmern werden wichtige Körperfunktionen reguliert: deine Körpertemperatur, dein Schlaf- oder Wachzustand und dein Hungergefühl. In anderen Zimmern werden deine Gefühle produziert. Du kennst das doch sicher, dass du auf einmal wütend wirst, weil dir etwas nicht gelingt, oder dein Herz vor Freude hüpft, weil etwas super gut geklappt hat. Ist dir schon mal aufgefallen, dass diese Gefühle einfach kommen und gehen und du das gar nicht beeinflussen kannst? Ja? Da gibt es nur eins: lernen, mit diesen Gefühlen umzugehen, denn wenn du dich im Unterricht ungerecht behandelt fühlst, kannst du nicht einfach losbrüllen oder rausrennen, sondern musst trotzdem sitzen bleiben. Aber es gibt etwas, das dir vielleicht hilft: Dreh in der großen Pause im Schulhof ein paar Runden oder lauf nach der Schule auf dem Heimweg deinem Ärger davon.

Im zweiten Stock wohnt auch ein wichtiger Teil deines Gedächtnisses, das Kurzzeitgedächtnis, das dafür sorgt, dass du dich mittags erinnerst, wo du morgens dein Fahrrad abgestellt hast.

Das oberste Stockwerk deines Gehirnhauses ist das größte mit den meisten Zimmern. In jedem Zimmer gibt es etwas anderes zu tun: sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken, sich bewegen, sprechen, schreiben, rechnen, sich an etwas erinnern, gute Ideen haben oder ein Musikinstrument spielen. Du merkst schon: Hier ist ganz schön viel los. Das Witzige ist: wenn du die Treppe hochgehst, findest du auf der linken Seite genau die gleichen Zimmer wie auf der rechten Seite. Denn das Gehirn besteht aus zwei gleichen Teilen, und diese beiden Gehirnhälften haben sich die Arbeit geteilt. In den Zimmern links wird veranlasst, dass du sprechen und rechnen kannst, dass du beim Zusammenbauen eines Modellflugzeuges ganz logisch in der richtigen Reihenfolge vorgehst, dass du dich an Regeln halten kannst oder den Dingen auf den Grund gehst. In den rechten Zimmern geht es um ganz andere Dinge. Hier wird dafür gesorgt, dass du den Gesamtüberblick über eine Sache behalten oder dir zu einer Geschichte die Bilder vorstellen kannst. Hier entstehen das rhythmische Gefühl, das du brauchst, wenn du tanzt, und die Fingerfertigkeit, wenn du Musik machen willst. Deine Fantasie ist hier zu Hause und deine Kreativität, wenn du ein Bild malen willst.

Zwischen diesen Zimmern ist ein schöner breiter Flur, damit du gut in alle Zimmer gelangen kannst: rein, raus, vor und zurück, von links nach rechts und dann zu den anderen Stockwerken über eine Treppe rauf und runter.

Jetzt kommt das Allerwichtigste: die Türen jedes einzelnen Zimmers in deinem Gehirnhaus sollten offen stehen oder leicht zu öffnen sein, damit du nach Lust und Laune umherspazieren kannst. Denn das ist die beste Voraussetzung, dass du alle Aufgaben gut, schnell und leicht erledigen kannst und Lernen so richtig viel Spaß macht.


Das Gehirnhaus, gezeichnet von Tizian (II Jahre)

Was geschieht, wenn die Türen verschlossen sind oder einfach nicht richtig aufgehen wollen? Dann kann es passieren, dass du eine Klassenarbeit verhaust, weil du Angst vor einer schlechten Note hast. Oder du schaffst es nicht, ein Flugzeug nach Plan zusammenzubauen, weil du dir vor deinem inneren Auge nicht vorstellen kannst, wie es am Ende aussehen soll. Wenn das, was in den linken und rechten Zimmern passiert, nicht mehr gut zusammenarbeitet, weil der breite Flur nicht mehr richtig passierbar ist, macht es dir Mühe, Zusammenhänge zu begreifen oder dir zu merken, was du gerade gelesen hat. Dadurch wirst du schneller müde, weil du jetzt viel mehr Energie brauchst, und dann sagst du vielleicht: »Lernen macht mir keinen Spaß« oder: »Mathe ist doof« oder: »Ich habe keine Lust, zu lesen.«

Wie du das ändern kannst? Mach doch ein paar der Leichter-lernen-Übungen, die du ab Seite 78 findest. Diese helfen dir, deine Gehirntüren wieder zu öffnen. Probier es einfach mal aus!

Lernen – ein natürlicher Vorgang

Lernen ist eine angeborene Fähigkeit, die genauso natürlich ist wie atmen, essen oder schlafen. Unser Gehirn sucht nach Herausforderungen, um Neues zu lernen. Wenn wir ein Kleinkind beobachten, können wir sehen, mit welcher Lust und Freude es sich auf neue Dinge stürzt, begierig, diese mit allen Sinnen wahrzunehmen. Ein Kind übt unermüdlich, um sich qualifizierte motorische Fähigkeiten anzueignen, wenn es um laufen, hüpfen oder Fahrrad fahren geht. Durch die Unterstützung und Ermutigung der Eltern wird das Vertrauen in die Eltern-Kind-Beziehung gestärkt, und das Kind entwickelt Selbstvertrauen und wagt neue Schritte. Dieses Vertrauen ist die Grundlage jeglichen Lernens.

Das Lernen beginnt in dem Moment, in dem wir mit der Welt in Verbindung treten. Unsere Kinder erlernen die Welt durch ihre fünf Sinne und durch Nachahmung. Durch Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken erforschen sie ihre Umgebung. Zu den Sinneswahrnehmungen kommen nicht nur positive oder negative Erfahrungen hinzu, sondern auch die Werte, Glaubenssätze, Erwartungen und Interessen der Eltern, Geschwister und Erwachsenen, die die Kinder erziehen oder in deren Umfeld die Kinder aufwachsen. Jedes Kind legt durch seine einzigartige Mischung an Eindrücken eine »innere Landkarte« seiner Welt an, um sich im Leben zurechtzufinden. So hat jeder ein ureigenes Modell seiner Welt, das durch den Filter der eigenen Wahrnehmung und der gemachten Erfahrungen wie zum Beispiel Lob oder Tadel entstanden ist. Der Filter bestimmt, was ein Kind von sich und seiner Umgebung denkt und erwartet. Erlebt es viel Zustimmung und stärkende Rückmeldungen, wird es mit einer schlechten Zensur ganz anders umgehen als ein Kind, das immer wieder die Erfahrung macht, dass ihm nichts zugetraut wird.

Je mehr einschränkende Einstellungen oder Meinungen ein Kind erfährt, desto begrenzter, fader und langweiliger wird seine Welt werden. Hat es viele Wahlmöglichkeiten, wird es die Welt als einen bunten, lebendigen und abenteuerlichen Ort voller Herausforderungen erleben.

Wer durch die Welt geht und positive Dinge erwartet, wird positive Dinge erleben. Wer mit eingezogenem Kopf darauf wartet, dass ihm negative Dinge zustoßen, dem werden negative Dinge passieren.

Der Prozess des Lernens lässt sich in vier Stadien gliedern:

1 Unbewusste Inkompetenz

2 Bewusste Inkompetenz

3 Bewusste Kompetenz

4 Unbewusste Kompetenz

Bevor ein Kind Radfahren lernt, ist es im Stadium der unbewussten Inkompetenz. Es hat noch keine Ahnung, wie Radfahren funktioniert. In dem Moment, wo es auf dem Sattel sitzt und merkt, wie schwierig es ist, die Balance zu halten, gleichzeitig in die Pedale zu treten, geradeaus zu lenken und auch noch darauf zu achten, was um es herum geschieht, spürt es seine bewusste Inkompetenz. Hier beginnt das Lernen. Ab dem Zeitpunkt, wo das Kind es mit Anstrengung und Konzentration schafft, das Fahrrad zu lenken, ohne dabei umzufallen, ist es im Stadium der bewussten Kompetenz angelangt. Sobald es auf das Fahrrad steigt und einfach drauflos fährt, ohne darüber nachzudenken, hat es sein Ziel, die unbewusste Kompetenz, erreicht. Das, was es zuvor gelernt hat, hat sich nun automatisiert und funktioniert ganz von alleine und mit Leichtigkeit.

Lernen durch Bestrafung oder Belohnung

Wer von uns erinnert sich nicht an Momente, in denen uns auf eine simple Frage einfach keine Antwort einfallen wollte? Es war, als hätte uns die Antwort auf der Zunge gelegen, aber weiter kam sie nicht. Aussagen wie: »Ich habe ein Brett vor dem Kopf« oder »Ich bin völlig vernagelt« drücken bildlich aus, was wir damals empfanden. Wenn wir dann irgendetwas von uns gaben und vom Gegenüber, seien es Eltern, Lehrer oder Klassenkameraden, auch noch Abwertung erfuhren, war alles zu Ende – wir brachten kein Wort mehr heraus, schlimmstenfalls flossen Tränen. Wir fühlten uns bloßgestellt, unser Selbstvertrauen litt schwer.

Und was hatten wir in diesem Moment gelernt? Zumindest mal, dass es peinlich, vielleicht sogar gefährlich ist, eine Antwort nicht zu wissen – »Beim nächsten Mal muss ich mich in Acht nehmen, vielleicht ist es besser, überhaupt nichts zu sagen.« Wenn das oft in unserem Leben passierte, zogen wir uns zurück und verloren das Vertrauen. Aber ohne Vertrauen ist lernen nicht möglich! Denn dies ist die grundlegende Emotion, die lernen erst ermöglicht.

Erinnern wir uns einmal an die Zeit zurück, als wir unser Kind das erste Mal im Arm hielten. Welche Woge von Liebe und wohlwollenden Gefühlen durchflutete unseren Körper beim Anblick des neuen Menschleins! Mit Liebe und Zuversicht machten wir uns auf den Weg, Vertrauen aufzubauen. Jeder von uns weiß ganz genau, wie das geht. Zunächst befriedigen wir die lebensnotwendigen Bedürfnisse (Nahrung, Körperpflege, ausreichender Schlaf) und geben natürlich Zuwendung – hoffentlich viel Zuwendung. Die Art, wie wir mit unseren Kindern die Zeit verbringen, ist entscheidend, in welchem Maße Vertrauen aufgebaut werden kann. Instinktiv wissen Mütter, dass sie mit ihren Babys sprechen, lachen und sie liebkosen müssen, um die Grundlage für Vertrauen in ihnen wachsen zu lassen. Indem sie immer wieder die gleichen Worte wiederholen, animieren sie ihr Kind zum Nachahmen. Werden dann die ersten Laute vom Kind sozusagen nachgelallt, freut sich die Mutter riesig und antwortet. Das wiederum freut das Kind, es brabbelt weiter, bekommt Antworten – so beginnt Sprache, und so entsteht Vertrauen.

Genauso unterstützen wir die Entwicklung der Bewegungsabläufe. Wir ermuntern unsere Kinder in ihrem Tun und zeigen unsere Freude durch Liebe und Zuwendung. Dadurch angeregt, üben die Kinder unermüdlich und voller Begeisterung. Die Motivation zu lernen wird durch Belohnung, in diesem Fall Zuwendung, angeregt. Was spielt sich derweil im Oberstübchen ab? Durch die liebevolle Zuwendung werden im Gehirn die so genannten Belohnungszentren aktiviert. Dadurch kommt es zu einer vermehrten Ausschüttung von Endorphinen, was ein Wohlgefühl in uns hervorruft. Dieses freudige Gefühl führt nun zu einer Erhöhung des Dopaminspiegels, welcher wiederum Belohnungsgefühle, Lust und Freude auslöst. In Anbetracht all dieser angenehmen Gefühle sind wir gerne bereit, weiter zu üben, ja, wir suchen sogar Herausforderungen, um noch besser zu werden.

Was geschieht aber, wenn wir negative Erfahrungen machen? Wir alle kennen das Gefühl, versagt zu haben, eine Aufgabe nicht befriedigend zu Ende gestellt oder eine Klassenarbeit verhauen zu haben. Zunächst sind wir mit uns selbst nicht im Reinen und unzufrieden. Das Kind ist nicht nur von sich selbst enttäuscht, sondern muss zusätzlich mit der Enttäuschung der Eltern, der Lehrer oder dem Spott der Klassenkameraden fertig werden. Das macht die Situation noch schwieriger, und inzwischen macht sich auch der Körper bemerkbar. Mit »einem Stein im Magen« muss es sich eingestehen: »Das war nicht so gut, das hätte besser sein können.«

Anhand vielfältiger Experimente mit Tieren konnte innerhalb der letzten Jahre nachgewiesen werden, dass in unserem Gehirn neben den Belohnungszentren ebenso aktive Bestrafungsbahnen vorhanden sind. Diese Bahnen haben einen unmittelbaren vehementen Einfluss auf unser Verhalten, denn sie werden in erster Linie durch Adrenalin gesteuert, was sofort den Kampf-oder-Flucht-Reflex in Gang setzt. Dieser Reflex, der ausschließlich für das Überleben zuständig ist, verhindert augenblicklich, nachzudenken. Denn im entscheidenden Moment, wenn es tatsächlich nur ums Überleben geht, nimmt Nachdenken viel zu viel Zeit in Anspruch. Stattdessen bereitet sich unser Körper physisch darauf vor, entweder zu kämpfen oder zu fliehen. Der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller, Muskeln und Sehnen werden verkürzt, um sprung- oder kampfbereit zu sein. Das Frontalhirn ist weniger durchblutet, die Hauptaktivität ist im Stammhirn, das für das Überleben zuständig ist. Dieser Zustand fühlt sich überhaupt nicht gut an, und wir wollen gerne verhindern, dass wir in Zukunft weitere Erlebnisse haben, die uns in einer solchen Weise einschränken. Bei der nächsten Klassenarbeit strengt sich das Kind besonders an – was möglicherweise schon der erneute Auslöser für eine Stresssituation sein kann, denn die Bestrafungszentren im Gehirn feuern wesentlich schneller als die Belohnungszentren.

Wenn man dies aus der Warte des Überlebens betrachtet, ist das auch das einzig Mögliche, denn die erste Prämisse des Gehirns lautet immer: »Sorge für das Überleben« (Dr. Charles Krebs und Jenny Brown, Lernsprünge). Das Tragische an der Geschichte ist: Unsere Gehirne haben noch nicht gelernt, dass Schul-, Arbeitsund Alltagsstress kein lebensbedrohlicher Zustand ist und nicht durch Kampf oder Flucht geregelt werden kann. Unter Stress ist unser Gehirn nicht voll leistungsfähig. Wenn wir deshalb Lernen so erfahren, dass wir keine positive Bestätigung erhalten, sondern die Bestrafungsbahnen aktiv werden, dann führt das über kurz oder lang zu Vermeidungsverhalten: Da jetzt die zweite Grundprämisse des Gehirns »Vermeide Stress!« zum Zuge kommt, ist es nicht möglich, die Herausforderung anzunehmen, denn Stress bedeutet erneute Ausschüttung von Adrenalin. Ein Kind sagt dann: »Lesen macht keinen Spaß!« oder: »Mathe ist langweilig.« Eine andere beliebte Variante ist: »Die Lehrerin ist doof, die mag mich nicht!« Der Kreislauf beginnt von vorne, also sagt das Kind: »Ich habe keine Lust, das ist doof, lass mich in Ruhe!« In Wirklichkeit sagt es uns nur: »Ich kann diese Aufgabe nicht lösen, ich habe zu viel Stress damit!« Wenn wir verstehen, dass unser Kind sich nicht aus Faulheit oder bösem Willen sträubt, an Aufgaben heranzugehen, sondern weil es blockiert ist und selbst unter diesem Zustand leidet, fällt es uns leichter, es zu unterstützen und ihm da Hilfestellung zu geben, wo es nötig ist.

Wenn eine Lernblockade vorliegt, nützt es also nichts, den Stoff noch mal und noch mal zu büffeln, Texte x-mal zu lesen oder die Matheaufgaben immer wieder zu üben. Stattdessen müssen die Ursachen für die Blockaden herausgefunden werden. Denn sind diese erst einmal gefunden, gibt es auch eine Lösung.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
158 s. 48 illüstrasyon
ISBN:
9783035040005
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar