Kitabı oku: «Letzter Tanz auf Sankt Pauli»

Yazı tipi:

Claudius Crönert

Letzter Tanz auf Sankt Pauli

Roman


Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild - Ewald Hoinkis

und ullstein bild - mauritius

ISBN 978-3-8392-6930-5

Eins

Der Reisewecker auf dem Nachttisch zeigte kurz nach 1 Uhr, als im Wohnzimmer das Telefon klingelte. Hannes Krell versuchte, das Geräusch in seinen Traum einzubauen, doch der schrille Ton passte nicht, deshalb öffnete er die Augen und stand schnell auf. Er wollte vermeiden, dass die ganze Familie wach wurde. Mit einer Hand am Geländer tastete er sich im stockdunklen Haus die Treppe hinab, einerseits eilig, damit der Anrufer nicht auflegte, andererseits vorsichtig, denn die Stufenbretter knarzten laut. Das Telefon hatte einen durchdringenden Ton, der noch lauter war, weil die Wohnzimmertür offen stand.

Krell riss den Hörer von der Gabel. Die Dienststelle, wie vermutet. Ein Toter auf Sankt Pauli. Neben dem Apparat lag ein Block, dazu ein Bleistift. Da kein Licht brannte, konnte Krell nichts sehen. Trotzdem kritzelte er die Adresse, die der Kollege ihm durchgab, auf das raue Papier.

»Ist gut«, sagte er, »rufen Sie bitte Kriminalassistent Schubert an. Ich mache mich auf den Weg.«

Das Badezimmer lag oben, er musste die knarrende Treppe also wieder hinauf. Unrasiert aus dem Haus zu gehen, war eine lächerliche Vorstellung, und außerdem hingen Hemd und Anzug im Schlafzimmer. Im Bad hatte er das Fenster mit schwarzer Pappe verklebt, so konnte er die Lampe über dem Spiegel anmachen, zumal es nur eine Funzel mit mattem Schein war. Eine stärkere Birne durften sie nicht benutzen, das hatten sie vom Garten aus überprüft, nur dieses schwache Licht war nicht zu sehen. Er schlug die Rasierseife schaumig und pinselte sich ein. Das Messer war nicht richtig scharf, es musste geschliffen werden. Er schob diese Aufgabe bereits seit mehreren Tagen vor sich her, jetzt war er froh über seine Nachlässigkeit, denn wenn man schläfrig war und gleichzeitig in Eile, schnitt man sich leichter.

Er gähnte. Ihm ging ein Gedanke durch den Kopf, den er festhielt: Er konnte selbst entscheiden, wie er sich innerlich zu diesem neuen Fall stellte. Es gab viele Gründe, sich zu ärgern und zu fluchen – nur zwei Stunden Schlaf, und mehr würden es an diesem Tag auch nicht werden, dann das verpasste Frühstück mit der Familie, und möglicherweise würde er auch noch einer Hinterbliebenen die Todesnachricht überbringen müssen. Genauso gut aber konnte er sich frohgemut ans Werk machen. Er war Kriminalbeamter, dies war seine Arbeit, er machte sie gerne, es verschaffte ihm geradezu Freude, mit immer neuen Erkenntnissen und Details Licht ins Dunkel zu bringen. Nicht zu verachten war auch, dass ihm seine Stellung einige entscheidende Vorteile brachte, ein sicheres Einkommen und vor allem, dass er nicht in den Krieg musste. Es gab derzeit wenige Männer in Deutschland, die so gut dastanden wie er.

Dies war die richtige Einstellung. Er nickte seinem Spiegelbild zu, wusch sich den Rasierschaum vom Gesicht, trocknete es ab und schaltete die Lampe aus.

Leise drückte er die Türklinke zum Schlafzimmer herunter.

Wiebke war wach. »Musst du los?«

»Ja.«

»Soll ich dir eine Tasse Kaffee kochen?«

Sie hatten sowieso nur Ersatzkaffee im Haus, ein Zichoriengebräu, das einen nicht wach machte. »Nicht nötig. Schlaf weiter.«

»Bestimmt?«

»Ganz bestimmt.«

Mit Hut und Mantel trat er hinaus in die Nacht. Der Mond stand hinter einer Schleierwolke und schien milchig. Er gab das einzige Licht weit und breit. Krells Augen passten sich schnell an, sodass er zumindest Schemen ausmachen konnte. Die Verdunklungspflicht galt seit Kriegsbeginn, seit anderthalb Jahren, Zeit genug, sich daran zu gewöhnen. Die Bewohner ihrer Siedlung hielten sich streng daran, nicht so sehr, weil der Blockwart sie kontrollierte und strenge Strafen aussprach, sondern weil niemand wollte, dass sein Haus aus der Luft gesehen wurde. Die Flugzeuge der Tommys kamen vornehmlich nachts, die Piloten setzten darauf, zu dieser Zeit die deutsche Flak zu unterlaufen.

Krells Opel stand vor der Tür. Nach Vorschrift hatte er die Lampen zu schmalen Schlitzen verklebt. Bei der nächtlichen Fahrt würde ihr Strahl ihm kaum nützen, aber er fuhr den Weg jeden Tag und würde ihn finden, auch ohne viel zu sehen. In den Straßen war es stockfinster, in keinem der Häuser brannte auch nur das kleinste Lämpchen. Der Mond war inzwischen von einer dichteren Wolke verdeckt.

Krell bog auf die Landstraße. Von nun an ging es praktisch nur noch geradeaus. Erst am Backsteinbau des Altonaer Bahnhofs hielt er sich südwärts Richtung Elbe. Vor ihm tauchte der Schornstein der Sankt Pauli-Brauerei auf. Ein Peterwagen, mit zwei Rädern auf einem Bürgersteig abgestellt, zeigte ihm, dass er angekommen war. Auch an diesem Auto waren die Lampen ausgeschaltet. Die Regeln galten für die Polizei genauso wie für alle anderen. Nachts durfte man nicht einmal das Blaulicht anstellen, selbst in Notfällen nicht.

Krell parkte hinter dem Peterwagen und schritt durch eine Einfahrt, die aus zwei Backsteinpfeilern bestand. Vor ihm lag ein düsterer Hof mit einem Boden aus gestampftem Lehm, trocken und staubig, denn es hatte, untypisch für Hamburg, lange nicht geregnet. Das war ein Vorteil, falls es Spuren gab. Außerdem schonte es seine Schuhe; nichts klumpte und verdreckte mehr als aufgeweichter Lehm. Am Ende des Hofes machte er die Konturen eines Schuppens aus und sah beim Näherkommen, dass er wie ein Kaninchenstall aus ungehobelten Brettern bestand, die auf einem knöchelhohen Fundament aus Steinen aufgerichtet waren. Das Dach war ebenfalls aus Holz, mit ein wenig Teerpappe darüber. Die Schuppentür stand offen, die beiden Schupos hatten sich wie zwei Torwächter davor postiert. Sie rauchten, was Krell nicht passte, weil die Spurensicherung ihre Kippen dem Täter zuordnen würde. Er ging weiter. Der gesamte Platz hatte etwas Gespenstisches, wie ein Friedhof bei Nacht. Kein guter Ort zum Sterben.

Er nickte den beiden Schupos zu und sagte »Moin.«

Sie grüßten zurück.

»Wer hat ihn gefunden?«

Die zwei sahen aus wie Brüder, beide groß gewachsen, hager und kahl. »Wir«, sagte der ältere und ranghöhere der beiden. »Es gab einen Anruf auf der Wache.« Er sprach breites Hamburgisch.

»Von wem?«

»Anonym. Eine Frauenstimme. Das hat der Kollege, der das Gespräch entgegengenommen hat, jedenfalls gesagt. Na, und dann sind wir hergefahren und haben ihn gefunden. Der hatte wohl keine Lust mehr. Wir haben Ihre Dienststelle angerufen.«

»Von dem Fernsprecher da vorne.« Der jüngere zeigte in Richtung Hafenstraße und die Landungsbrücken. Krell schaute dorthin, aber es war kaum etwas zu erkennen, der Hafen lag genauso im Dunklen wie der Rest der Stadt, bestenfalls ein paar Umrisse waren auszumachen. Auch bei Tageslicht gab es dort nicht mehr viel zu sehen, denn Handelsschiffe machten nur noch selten fest. Die zivile Seefahrt war wegen des Krieges weitgehend eingestellt. In der Elbmündung hatten die Briten Minen abgeworfen, in der Nordsee genauso.

Krell forderte die Schupos auf, das Rauchen einzustellen und ihre ausgedrückten Kippen aufzulesen. Dann trat er in den Schuppen. Da drin war es noch dunkler, weil der Mond, so schwach er auch leuchtete, nicht hereinschien. Krells Augen mussten sich wieder umstellen, und bis es so weit war, hörte er nur das surrende Geräusch von Fliegen und roch den Geruch nach Feuchtigkeit, nach Moder, der streng war, obwohl die Tür offenstand. Krell war versucht, sich die Nase zuzuhalten. Als er zumindest ein paar Konturen wahrnehmen konnte, blieb der Eindruck eines schäbigen Ortes, selbst für Sankt-Pauli-Verhältnisse. Für einen Schuppen war der Raum zu groß, eher handelte es sich um eine kleine Lagerhalle. Möglicherweise gehörte sie zur Brauerei, war aber offensichtlich nicht in Betrieb, denn sie stand leer. Eine schwarze Lampe baumelte von der Decke. Der Fußboden bestand auch hier aus gestampftem Lehm. Die Bretterwände hatten daumenbreite Fugen, die Schiebetür rollte auf einer rostigen Schiene. Spinnen hatten sich breitgemacht, ihre Netze hingen in den Ecken und vor dem Fenster.

Er knipste seine Taschenlampe an und beleuchtete den Mann am Boden. Während er ihn betrachtete, kehrte der Gedanke zurück, den er beim Rasieren vor dem Spiegel gehabt hatte. Er war bei dieser Arbeit in seinem Element, sie war ein Teil von ihm, über ihr konnte er vieles, oft sogar alles andere vergessen. Man musste nicht jubeln, wenn man mitten in der Nacht irgendwo auf Sankt Pauli vor einem Leichnam stand, aber beklagen brauchte man sich auch nicht.

Auf den ersten Blick sah er, dass der Tote sich nicht selbst das Leben genommen hatte, wie die Schupos vermutet hatten. Ein Selbstmord war das sicher nicht. Die Pistole lag zwar in der Hand des Toten, der Lauf zeigte aber Richtung Becken. Hätte er sich im Stehen erschossen, in den Kopf, wo die Wunde war, wäre die Waffe heruntergefallen und läge irgendwo in der Nähe. Wenn er sich aber vorher hingelegt und dann abgedrückt hätte – was schon unwahrscheinlich genug war, niemand legte sich gerne in den Dreck, auch nicht in seinen letzten Minuten – dann hätte der Arm mit der Waffe in der Hand diese Bewegung zum Becken hin nicht mehr ausführen können. Und selbst wenn der Mann nach dem Schuss noch einen Rest Leben in sich gehabt und den Arm bewegt hätte, müsste es eine Spur im Staub geben. Die fehlte aber. Nein, hier wollte jemand die Polizei auf eine falsche Fährte locken, höchstwahrscheinlich der Mörder. Bei den beiden Schupos war es ihm auch gelungen.

Krell besah sich den Toten genauer. Die eine Hälfte des Kopfes war durch den Einschuss ziemlich entstellt. An der Schläfe hatte die Kugel ein kraterartiges Loch gerissen, das inzwischen mit getrocknetem Blut verklebt war. Der Einschlag war so heftig gewesen, dass das Auge herausstand und dem Gesicht, das womöglich einmal ganz ansehnlich gewesen war, etwas Abstoßendes gab, so sehr, dass man kaum hinsehen mochte. Der Mann war schmal, auch recht klein, kaum größer als einen Meter 65. Er trug einen graubraunen Anzug, an Ärmeln und Hosensaum abgestoßen, das Muster ausgebleicht, die Wolle an manchen Stellen fadenscheinig. Bei einem seiner Schuhe war die Sohle so dünn, dass das Leder bald ein Loch bekommen hätte. Ein Hafenarbeiter war er nicht, die trugen ihre blauen Hosen und Drillichjacken, und für körperliche Arbeit wäre der Tote sowieso zu schmächtig gewesen. Krell verortete ihn eher auf die Reeperbahn. Ein Animateur an einer Lokaltür vielleicht oder ein Hausmeister in irgendeinem Etablissement. Womöglich ein Arbeitsloser, der sich an der Wehrmacht genauso wie an staatlichen Arbeitsprogrammen vorbeigemogelt hatte. Was mochte so einer ausgefressen haben, dass ihn jemand mit Vorsatz und Planung getötet hatte? Das würde die Frage sein, die ihn auf die Spur des Täters brachte, denn nach einem eskalierten Streit, nach Wut und Prügel und schließlich einer Pistole, sah die Situation nicht aus. So etwas erledigte man direkt vor Ort, dafür ging man nicht in einen Schuppen fernab der Hauptstraße.

Krell zog seine Taschenuhr heraus. Es war inzwischen 2.30 Uhr. Man konnte nicht abschätzen, wann die Kollegen von der Spurensicherung und der Gerichtsmedizin eintreffen würden, unterbesetzt, wie sie waren. Es war überall dasselbe: Mitarbeiter hatten sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, waren eingezogen oder in die eroberten Länder versetzt worden, und den Aderlass merkte man inzwischen bei allen Dienststellen der öffentlichen Verwaltung, auch bei der Polizei. Gejammert wurde trotzdem nicht, auch Krell verbot es sich. Es galt, mit dem klarzukommen, was war, und das Beste daraus zu machen.

Immerhin traf Schubert ein, sein Kriminalassistent. Er streckte den rechten Arm aus. »Heil Hitler.«

Krell nickte ihm zu, während die Schupos mit den gleichen Worten und ebenfalls ausgestreckten Armen grüßten, wie es deutschen Beamten vorgeschrieben war.

»Wir warten auf die Kollegen von der Technik?«, fragte Schubert, nachdem er einen Blick auf die Leiche geworfen hatte.

»Ja«, erwiderte Krell. Er hielt die Hand vor den Mund, damit Schubert nicht sah, dass er gähnte. »Nach Lage der Dinge kann das allerdings dauern.«

»Wenn Sie wollen«, schlug Schubert vor, »greife ich dem Mann mal vorsichtig in die Jackentaschen. Vielleicht erfahren wir so, wer er war.«

Krell gab nicht gleich eine Antwort. Ein solches Vorgehen verstieß eindeutig gegen die Dienstvorschrift. Er schaute seinen Assistenten an. Schubert mochte um die 30 sein, wirkte aber älter, weil er weitgehend kahl war. Er war ein Provinzei irgendwo aus dem Holsteinischen und noch nicht lange dabei, trotzdem hielt Krell ihn schon jetzt für einen besseren Bewerber als die meisten jungen Männer, die er in den letzten Jahren erlebt hatte. Schubert stellte sich geschickt an und dachte mit, und er wirkte auch intelligent, wozu vor allem seine Nickelbrille beitrug, die ihn ein wenig wie einen Professor, zumindest wie einen Lehrer aussehen ließ. In nicht allzu langer Zeit würde der Assistent einen guten Kommissar abgeben, aller Wahrscheinlichkeit nach bei der Hamburger Kripo. Es gab keinen Grund für ihn, woanders hinzugehen, und eingezogen wurde er nicht mehr. Er war 1939 beim Polenfeldzug dabei gewesen und angeschossen worden, ausgerechnet ins Knie. Jetzt war es steif. Er zog das Bein nicht nach, machte aber beim Auftreten jedes Mal eine seltsame Bewegung, als drehe er das kaputte Gelenk von außen nach innen. Es sah fast wie ein Tanzschritt aus.

Krell nickte. »Also los.«

Schubert stellte sich breitbeinig über den Leichnam und beugte sich herunter, wobei sein Rücken gerade blieb, fast wie ein Brett. Beide Knie hielt er durchgedrückt. Krell hatte sich inzwischen daran gewöhnt, dass seine Haltung manchmal seltsam aussah, genauso wie er akzeptiert hatte, dass Schubert nicht in der Lage war, Verbrecher zu Fuß zu verfolgen. Viel wichtiger war, dass er Aufgaben wie die jetzige gewissenhaft erledigte. Vornübergebeugt knöpfte er dem Mann vorsichtig das Sakko auf und griff mit spitzen Fingern erst in die linke, dann in die rechte Innentasche. In beiden fand er nichts, woraufhin er die Außentaschen betastete, die jedoch ebenfalls leer waren.

Er kam wieder hoch. »Die Hose auch?«

Krell seufzte und drehte den Kopf zur Seite. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, seinen Segen zu einem derart vorschriftswidrigen Tun zu geben. Die Regel war eindeutig: Man hatte einen Leichnam unberührt liegen zu lassen, bis das Umfeld nach Hinweisen abgesucht und er von allen Seiten fotografiert worden war. Allerdings bedeutete es eine kolossale Zeitverschwendung, stundenlang auf die Spurensicherung und den Arzt zu warten. Womöglich arbeiteten die Abteilungen nachts gar nicht mehr, dann würden sie bis zum Morgen hier herumstehen müssen. Die Zeit konnte man besser nutzen, zum Beispiel die Kartei nach Vermissten durchforsten und sich dann einen Plan für die Ermittlung machen.

»Doppelt so vorsichtig«, sagte er.

Nur mit Zeige- und Mittelfinger strich Schubert über die vorderen Hosentaschen. Aber die, auf die es ankam – wo Männer ihre Brieftaschen trugen, wenn sie sie nicht im Sakko hatten – waren hinten. Ohne Krells Hilfe würde es nicht gehen. Er kam sich vor, als plante er etwas Verbotenes, und so war es ja auch. Die Aufmerksamkeit der Schupos hatten sie bereits erregt, die beiden langen Kerle sahen ihnen aus sicherem Abstand zu. Selbst wenn sie nicht die Hellsten waren, musste ihnen klar sein, dass der Kommissar und sein Assistent gegen die Vorschriften handelten. Also waren sie nun auch noch ein schlechtes Vorbild.

Und dennoch trat Krell heran und ging neben Schubert – und neben der Leiche – in die Hocke. Während er die Bewegung vollzog, wurde ihm bewusst, dass sie für Schubert unmöglich war. Krell war heilfroh, dass er unversehrt war. Auch er war im Krieg gewesen, damals, 1917 und 1918. Aber er war mit heilen Knochen zurückgekehrt.

»Sie ziehen hier am Gürtel«, sagte er. »Schön langsam, ja? Er braucht nur ein kleines bisschen hochzukommen.«

Er hätte ihn nicht ermahnen müssen, Schubert blieb trotz seiner vorgebeugten Haltung auch bei diesem Handgriff ausgesprochen vorsichtig. Krell tastete die linke hintere Tasche ab, dann wiederholten sie die Prozedur auf der anderen Seite.

Es war nichts zu finden. Krell schüttelte den Kopf.

»So ’n Schiet«, sagte Schubert, als sie wieder aufrecht standen.

»Wohl wahr.«

»Dann können wir nur hoffen, dass uns die Fingerabdrücke des Mannes vorliegen. Wenn nicht, steht uns ein ziemliches Stück Arbeit bevor.«

Krell legte die Hand an die Wange. Ein neuerliches Gähnen kündigte sich an. Er schluckte es herunter. »Wir haben eine Leiche«, sagte er mit einem Blick auf den toten Körper zu ihren Füßen, »und wissen nicht, wer das war. Zeugen gibt es auch keine. Nur eine Anruferin, die anonym bleiben wollte.«

»Wo sollen wir anfangen?«

»Wenn wir Schwein haben, ist er schon vermisst gemeldet. Aber ich kann mir bei jemandem wie ihm auch vorstellen, dass er niemandem fehlt. Das prüfen wir als Erstes. Dann befragen wir die Nachbarn. Der Umkreis muss so weit gezogen werden, wie man einen Schuss hören kann.«

»Wie weit ist das?«, fragte Schubert.

»200 Meter vielleicht. Da hinten stehen ein paar Mietshäuser.« Krell starrte in die Dunkelheit. Er wusste, dass es dort Wohnhäuser gab. Sehen konnte man sie nicht. »Gleich morgen früh fangen Sie damit an. Aber jetzt geht es erst mal in die Dienststelle, und wir kochen uns eine Tasse Kaffee. Hoffentlich gibt’s echte Bohnen.«

Zwei

Länger als eine Woche war die zehnte Klasse der Rissener Schule um den neuen Schüler herumgeschlichen, ohne dass einer von ihnen mehr als drei Worte mit ihm geredet hätte. Der Neue war ein Einzelgänger; er stand abseits auf dem Pausenhof, den Blick sonst wohin gerichtet, die Hände in den Taschen, ohne Interesse an den anderen. Was sie von ihm wussten, dass seine Familie ausgebombt worden war und dass er Christian Ullmann hieß, hatte er der Klasse und ihrem Lehrer Doktor Petersen am ersten Tag mitgeteilt.

Es war direkt nach den großen Ferien gewesen. Der fremde Junge war plötzlich aufgetaucht und hatte ein wenig verloren an der Klassenzimmertür gestanden. Jette hatte den Blick kaum von ihm abwenden können. Jemanden wie ihn hatte sie noch nie gesehen. Seine Haare reichten bis über die Ohren, das karierte Jackett war ihm zu weit. Im Gegensatz zu den anderen Jungen trug er lange Hosen und dazu Lederschuhe wie ein Erwachsener. Er hatte eine Hornbrille auf der Nase, die er mit dem Zeigefinger zurechtrückte, und wusste offenbar nicht, wohin mit sich. Die Aufmerksamkeit der anderen Schüler war ebenfalls geweckt. Jettes Banknachbarin Elisabeth starrte geradezu Richtung Tür. Ihr Kopf bewegte sich nicht, die Augen waren aufgerissen, als wäre eine Figur aus ihrem nächtlichen Traum erschienen. Niemand machte Witze, wie Neue sie sonst über sich ergehen lassen mussten. Karl – einer von denen, die in Zivil in die Schule kamen – klopfte auf den leeren Platz neben sich, auf den der fremde Junge sich setzte.

In langsamen Bewegungen nahm der Neue Heft und Bleistift aus seinem Ranzen und legte beides vor sich auf den Tisch. Er stand weiterhin im Zentrum aller Aufmerksamkeit, und Jette machte da keine Ausnahme. Sie rätselte, was so besonders an diesem Jungen war, und fand für sich schließlich eine Erklärung: In nichts, was er tat, zeigte er jene Zackigkeit, die Schule und Hitlerjugend ihnen beibrachten und die als deutsch galt. Im Gegenteil: Er war – das war das Wort, das ihr in den Sinn kam – lässig.

Doktor Petersen trat in den Klassenraum, schloss mit einer schwungvollen Bewegung die Tür und grüßte mit dem üblichen »Heil Hitler«. Dann hieß er den Neuen, sich vorstellen.

Christian nannte seinen Namen, sagte, dass sie ihre Wohnung verloren hatten und er deshalb zurzeit bei seinem Großvater in Rissen lebe.

»Zurzeit, soso. Und wo wohnst du sonst?«

»In Altona.«

Doktor Petersen war ein älterer Herr im Anzug, mit dünnem weißem Haar und einer kleinen runden Brille, die er oft abnahm. Das S-T sprach er nach Hamburger Art spitz aus, was die Jungen in der Pause manchmal nachmachten. Im Weltkrieg war er Soldat gewesen und erzählte hin und wieder von deutschen Heldentaten in den Schützengräben. Auf der anderen Seite waren die Franzosen gewesen. Doktor Petersen fand sie weibisch und verzog, wenn er sie erwähnte, das Gesicht, als ob er sich ekeln würde. Manche Schüler lachten darüber. Doktor Petersen trug einen Stock, an dem er quer durch den Klassenraum schritt. Vor der Bank von Karl und Christian machte er halt. Jette ahnte, dass der Neue eine Ermahnung bekommen würde, vielleicht sogar Schlimmeres.

»Dein Jackett scheint dir zu gefallen.«

Christian gab keine Antwort.

»Tweed und bunte Muster«, fuhr Doktor Petersen fort. »Solche lächerlichen Karos, das können sich nur die Engländer auf ihrer Insel ausdenken. Weißt du, wer euch in Altona ausgebombt hat? Na?« Er wartete nicht lange auf eine Antwort. »Die Tommys. Bist du ein Dummkopf und trägst die Kleidung deines Feindes?«

Christians Schultern hingen herab, das karierte Jackett war so groß, dass die Ärmel über die Handgelenke reichten. Er sagte nichts, sondern blickte den Lehrer nur mit reglosem Gesicht an.

Doktor Petersen schien die ausbleibende Reaktion zu ärgern. Seine Stimme wurde schärfer. Er war, wie er oft erzählt hatte, Hauptmann gewesen, und so klang er nun auch. »Du bekommst deinen Mund nicht auf? Umso besser, dann hast du die Muße, mir zuzuhören. Erstens: Wenn du glaubst, du könntest hier ein Lotterleben führen wie im roten Altona, so bist du auf dem Holzweg. Das werde ich von Anfang an unterbinden. Zweitens: Deutschland befindet sich im Krieg. Vielleicht hast du es in Altona noch nicht gehört, aber unser Volk hat eine historische Aufgabe. Wir bewahren Europa vor dem Bolschewismus und vor den Juden. Drittens: Wer meint, die Heimat könne der kämpfenden Truppe noch einmal in den Rücken fallen wie 1918, der irrt. Der irrt gewaltig. In meiner Klasse dulde ich das nicht. Wenn du mich verstanden hast, dann möchte ich jetzt ein Ja hören.«

»Ja«, sagte der Neue. Es war wieder nicht das HJ-Ja, das herausgestoßen wurde wie ein Schuss aus einer Pistole, sondern es kam langsam und so trotzig, dass alle in der Klasse die Luft anhielten.

Doktor Petersen starrte ihn an. Sein Kopf war rot. Er hob seinen Stock ein wenig an, gerade so weit, dass es wie eine Drohung wirkte.

»Dein Vater ist Soldat?«

»Ja.« Zackig klang das immer noch nicht.

»Infanterie?«

»Ja.«

»Wo stationiert?«

»In Frankreich. Am Ärmelkanal.« Christian klang weiter wie ein Zivilist. Jette hatte den Eindruck, er verweigere mit voller Absicht, was Doktor Petersen von ihm wollte. Sie alle beherrschten den Soldatenton, einfach weil er in der HJ genauso wie in der Schule verlangt wurde.

»Ach, in Frankreich«, wiederholte Doktor Petersen. Er dehnte die Worte, als wollte er Christian auf den Arm nehmen. »Da lässt er sich’s wohl gut gehen.«

In diesem Satz schwang eine Unterstellung mit, die sie alle schon oft gehört hatten. Wer in Frankreich stationiert war, so hieß es, dem ging es prima, da gab es gutes Essen und Wein, die Frauen trugen aufreizende Kleider und waren leicht zu haben, und in seiner Freizeit konnte man durch Paris spazieren oder sich am Strand in die Sonne legen.

Neben Jette streckte Elisabeth ihren Arm in die Höhe. Es gehörte Mut dazu, Doktor Petersen zu unterbrechen, wenn er in Rage war. Er sah sie nicht gleich und hob seinen Stock noch ein kleines Stück höher. Die Drohung wurde verschärft.

»So, Christian aus Altona, jetzt gibst du mir deine Antworten noch einmal, aber diesmal so, wie es sich für einen deutschen Jungen gehört. Klar und deutlich.«

Elisabeth räusperte sich. »Entschuldigung.«

Sie war ein Liebling der Lehrer, weil sie strebsam war und immerzu alles konnte und wusste. Ob Bockspringen oder Kopfrechnen, sie war fast überall eine der Besten. In der letzten Zeit hatte sie sich verändert. Sie trug keine Zöpfe mehr, sondern eine richtige Frisur, bei der ihre Haare auf eine Seite fielen. Auch war sie etwas runder geworden, nicht mehr nur Haut und Knochen wie früher, sondern sie hatte einen Busen bekommen. Jette musste zugeben, dass sie nicht schlecht aussah. Jetzt hatte sie einen roten Kopf.

»Elisabeth, was gibt’s?« Doktor Petersen drehte sich zur ihr, während er mit beiden Händen seinen Stock umfasste.

»Mein Vater ist auch in Frankreich stationiert. Er hat uns vorgestern geschrieben. Sie bauen Befestigungsanlagen. Er arbeitet jeden Tag mit dem Spaten.«

Jette hielt den Atem an. Bei manchen Lehrern, gerade bei den älteren, die sie aus dem Ruhestand geholt hatten, nachdem viele der jüngeren eingezogen worden waren, konnte man gefahrlos widersprechen, die begriffen kaum noch, was los war. Bei Doktor Petersen war das anders. Er hatte sein Parteiabzeichen am Revers und wollte seine Schüler, wie er oft sagte, zu anständigen Deutschen erziehen, zu Jungen und Mädchen mit Gehorsam und Disziplin.

Die Sekunden verstrichen. Elisabeth war immer noch rot im Gesicht. Mit halb geöffnetem Mund wartete sie auf eine Antwort.

»Es ehrt dich«, sagte Doktor Petersen schließlich, »dass du deinen Vater in Schutz nimmst. Und du hast recht, im vergangenen Jahr hat das ganze Reich bewundert, wie schnell die Wehrmacht Frankreich unterworfen hat. Der Führer selbst war in Paris.«

Doktor Petersen kehrte zu seinem Pult zurück, ohne Christian eines weiteren Blickes zu würdigen. Jette glaubte nicht, dass die Sache für den Neuen damit ausgestanden war, zumal in den nächsten Stunden andere Lehrer ähnlich auf Christian reagierten wie Doktor Petersen. Umso mehr wurde er zum Gesprächsstoff. Es war irgendein Geheimnis um ihn. Wenn Jette und Gregor nach der Schule gemeinsam nach Hause gingen, redeten sie über ihn und zählten auf, was an diesem Christian so besonders war: Kleidung, Frisur, Auftreten, Mut, Lässigkeit. Vor allem, so glaubte Gregor, schien er keine Angst zu haben.

Am Donnerstag berichtete er, Christian sei nicht beim HJ-Nachmittag gewesen.

»Vielleicht war er krank«, vermutete Jette.

»Jette, ich bitte dich. War er gestern in der Schule?«

»Ja klar.«

»Also – was soll das für eine Krankheit sein? Eine, die nur nachmittags auftritt? Oder eine Mittwochskrankheit? Eine Mittwochnachmittagskrankheit? Die will ich auch!«

»Und wo war er?«, fragte sie.

»Das wüsste ich genauso gerne wie du.«

Niemand aus der Klasse schwänzte Hitlerjugend oder Mädchenbund. Jette ging jeden Mittwoch und Sonnabend, zusammen mit Elisabeth und den anderen Klassenkameradinnen. Ihre Mutter entschuldigte sie nur, wenn sie Fieber hatte, einen anderen Grund akzeptierte sie nicht, und wenn Jette jammerte, erklärte sie mit einem Achselzucken, sie müsse auch zum Frauenbund, das gehöre dazu, so sei das neue Deutschland, da gelte es, sich zu fügen.

Allerdings zeigte Jette nicht viel Eifer. Das ewige Medizinballwerfen fand sie langweilig und machte es so langsam wie möglich, erst recht verabscheute sie die Märsche, zehn, manchmal 15 Kilometer, oft im Gleichschritt, mit Stiefeln und schwerem Rucksack, egal bei welchem Wetter, und Pausen wurden nur selten eingelegt, denn: Wer rastet, der rostet. Die Lieder, die sie dabei singen mussten, kamen ihr zu den Ohren heraus: Unsre Fahne flattert uns voran.

Bei den Heimabenden hörte sie nur halbherzig zu. Ihre Mädchenführerin hieß Lina und sprach am liebsten darüber, dass die höchste Bestimmung der deutschen Frau im Kinderkriegen lag. Lina war 18, zwei Jahre älter als sie, trug dicke Zöpfe und hatte stämmige Beine, ihre Füße steckten meistens in klobigen Stiefeln. Es war schwer vorstellbar, dass sich ein Junge für sie interessierte. Kinderkriegen stand bei Lina vorläufig wohl nicht auf dem Programm.

Gregor war schließlich derjenige, der Kontakt zu dem Neuen aufnahm. Es war nach dem Zeichenunterricht bei Herrn Jessen, einem älteren Herrn mit buschigem Schnauzbart, der an ein Walross erinnerte. Jessen trug stets eine schief sitzende Fliege, das war sein Markenzeichen. Die meisten Schüler gingen davon aus, dass er in Wahrheit kein Lehrer war, sondern ein Künstler, der mit anderen Malern und Schriftstellern in finsteren Spelunken auf Sankt Pauli verkehrte, wo sie die Damen mit Vornamen ansprachen. Lehrer war Jessen nach dieser Legende nur geworden, um nicht als Asozialer ins Lager gesperrt zu werden.

Einige aus der Klasse, wie Elisabeth, die eine gute Zeichnerin war, liebten seinen Unterricht. Jessen war immer in gleicher Stimmung, freundlich, aber distanziert. Er gab sich keine Mühe, sich die Namen der Schüler zu merken, sondern sprach einfach jeden mit Du an. Und er war der einzige Lehrer, der die Stunde nicht mit »Heil Hitler« begann und beendete. Er sagte »Guten Tag« und »Auf Wiedersehen«. Meistens dauerte es dann nur ein paar Sekunden, bis einer der uniformierten Schüler ihm sein »Heil Hitler« entgegenrief, dann grüßte Jessen entsprechend zurück. Gleichwohl registrierte Jette, dass er die beiden Wörter nicht von sich aus gebrauchte.

So wie sie im Physikunterricht Geschossgeschwindigkeiten auszurechnen hatten, zeichneten sie bei Jessen Flugzeuge im Luftkampf, brennende Fabriken in England oder den aufopferungsvollen Einsatz von Schwestern des Deutschen Roten Kreuzes. Der Unterschied zum Physikunterricht war, dass sich Jessen, während sie mit ihren Bildern beschäftigt waren, auf einen freien Platz neben einen der Schüler setzte und ihnen von der europäischen Kunstgeschichte erzählte. Er liebte die Renaissance und die niederländischen Maler wie Rembrandt oder Vermeer. Was er schilderte, war unbedenklich, die Italiener waren Verbündete, die Holländer sogar Germanen. Gelegentlich hatte Jessen einen Bildband dabei, den er herumreichte, sodass sie sehen konnten, wovon er sprach. Die Zeichnungen der Schüler dagegen korrigierte er nur, wenn man ihn ausdrücklich darum bat. Auch darin unterschied er sich von den anderen Lehrern: Jessen machte den Eindruck, als überließe er es ihnen, wie viel von seinem Wissen und Können sie abhaben wollten.

Neben der Kunstgeschichte sprach er über alte Literatur und über Musik. Er wusste unendlich viel. Jette vermutete, dass er bei den Schülern die Lücken auszugleichen versuchte, die durch den Krieg und den Ausfall von so viel Unterricht entstanden. Manchmal summte er ihnen sogar Melodien vor, kleine Stücke von Mozart, Beethoven und Wagner, aber selbstverständlich keine verbotenen Komponisten.

An diesem Tag fragte er die Klasse nach Musik aus anderen Ländern. Ein paar Namen wurden genannt – Verdi, Tschaikowski, Berlioz, Grieg. Jessen ergänzte jeweils die Länder.

Schließlich fragte er: »Wie ist es mit Amerika?«

Jette, die bis dahin nichts beigetragen hatte, hätte gerne geantwortet. Sie kannte aber keine amerikanischen Komponisten.

»Cole Porter«, sagte Christian.

»Sehr gut«, erwiderte Jessen. »Keine klassische Musik wie in Europa, sondern Jazz.«

»Das ist verboten«, rief Björn, ein hellblonder Junge mit streichholzkurzem Haar. Er trug eine HJ-Uniform. Seine Stimme war scharf, geradezu schneidend.

»Verboten nicht direkt, aber undeutsch. Doch wenn du aufgepasst hast, Junge, dann weißt du, dass Christian nicht gesagt hat, dass er diese Musik hört. Und ich habe euch nicht dazu aufgefordert. Die Frage war, ob ihr den Namen eines Komponisten kennt, um den ihr besser einen Bogen macht.«

Björn staunte. Jessen hatte ihn reingelegt.

Christian unterdrückte ein Schmunzeln, während Jessens Gesicht keinerlei Regung zeigte, der dunkle Schnauzbart hing herunter wie immer. Am Ende der Stunde tat er etwas Ungewöhnliches, er trat an Christians Bank, schaute auf seine Zeichnung, lobte sie, tippte mit dem Finger auf einige Stellen und machte Verbesserungsvorschläge. Und er nannte ihn ein zweites Mal beim Vornamen. Offenbar mochte er den Jungen, trotz seiner langen Haare. Vielleicht sogar deswegen.

Obwohl sie alle diesem Vorfall zugeschaut hatten, änderte sich nach der Stunde nichts, zumindest nicht sofort. Christian stand allein auf dem Hof, der vor dem Schulhaus, einem eher kleinen Backsteingebäude aus der Kaiserzeit, lag. Das Haus bot Platz für nur eine Klasse pro Jahrgang. Für Rissen war das genug, mehr Schüler gab es nicht, deshalb war hier auch die Anordnung der Behörden nicht umsetzbar, Jungen und Mädchen möglichst getrennt zu unterrichten.

Christians Platz war unter der Eiche, an deren Stamm er lehnte und die ihm Schutz bot. Er tat nichts, redete mit niemandem, schaute die anderen nicht an, sondern war in Gedanken. Jette kam er wie eine Insel vor, ein Stück Erde irgendwo im weiten Ozean. Sie war davon überzeugt, dass er sich nicht für die Klassenkameraden interessierte, weil er sie für hinterwäldlerisch hielt. Sie registrierte auch das Verhalten von Elisabeth, die sich, wann immer es ging, in Christians Nähe stellte. Es war ziemlich offensichtlich, dass sie darauf hoffte, von ihm angesprochen zu werden. Aber das passierte nicht.

Gregor stand mit den anderen Jungs zusammen. Während seine Freunde die üblichen Reden schwangen, wirkte er unruhig. Er knetete seine Finger, trat von einem Bein aufs andere, machte ein paar Schritte aus ihrem Kreis, kehrte zurück.

Schließlich ging er von den anderen fort und schritt mit gesenktem Kopf quer über den Hof auf Christian zu. Jette folgte ihm. Sie wollte mitbekommen, was der Neue sagte.

»Sag mal«, fragte Gregor, »wer ist Cole Porter?«

»Ein amerikanischer Komponist. Hast du doch gehört.«

»Was ist das für Musik?«

»Jazz. Swing, genauer gesagt.« Christian legte den Kopf auf die Seite und grinste. »Verboten.«

»Unerwünscht«, korrigierte Gregor.

»Von mir aus«, meinte Christian achselzuckend.

Gregor nickte schwerfällig. Zwischen den beiden Jungen gab es in diesem Moment ein ziemliches Gefälle, einen Unterschied in dem, was sie kannten und wussten, der nur deshalb nicht noch größer wurde, weil sich Christian zurückhielt. Hätte er weiter über Jazz und Swing gesprochen, hätte er sich Ansehen erworben. Von den linientreuen Schülern war keiner in der Nähe, da waren nur Jette und Elisabeth, die gebannt gelauscht hatten. Aber das kurze Gespräch war schon wieder vorbei. Christian lächelte. Dabei drehte er sich um und wandte ihnen den Rücken zu.

Drei

Nach Ende des Krieges, als er zu Fuß aus Flandern nach Altona zurückkehrte, wog Hannes Krell weniger als 50 Kilo. Er war einen Meter 90 groß, ein Mann, der die Leute in seiner Umgebung stets überragte. Die 50 Kilo brachte er wohlgemerkt in Uniformhose und Hemd auf die Waage, im Lazarett hatte man sich nicht die Mühe gemacht, vor dem Wiegen die Kleidung abzulegen. Am Hintern fehlte jedwedes Fleisch, an der Brust stachen die Rippen heraus, und wenn er unterwegs in ein spiegelndes Fenster blickte, sah er einen hohlwangigen 19-Jährigen mit wirr flackernden Augen. Kurz vor Weihnachten traf er zu Hause ein und fand die Wohnung so, wie er sie zwei Jahre zuvor verlassen hatte. Die Mutter war gestorben, das hatten sie ihm ins Feld geschrieben, aber davon abgesehen hatte sich nichts verändert. Seine ältere Schwester Hilde führte dem Vater den Haushalt, die zweite Schwester Erika unterstützte sie dabei. Sie warteten beide darauf, dass jemand ihnen den Hof machte, doch Männer waren knapp in dieser Zeit, Abertausende waren gefallen, ihre toten Körper verwesten auf den Schlachtfeldern oder waren in endlos langen Reihen auf den Soldatenfriedhöfen in Belgien und Nordfrankreich verscharrt. Es kam niemand, weder für Hilde noch für Erika.

Auf sein Klopfen hin hatte damals der Vater die Tür geöffnet und einen Moment gezögert, während er sich wohl gefragt hatte, was der abgemagerte Kerl wollte, der da vor seiner Tür stand.

Dann hatte er die Hand ausgestreckt. »Ich freue mich, Hannes, dass du heil zurück bist. Auch wenn es um unser Deutschland nicht gut steht.«

Krell war es schwergefallen, sich wieder einzugewöhnen. Beinahe alles in seinem Elternhaus ging ihm auf die Nerven, obwohl er es von früher kannte: die knappen Anweisungen des Vaters, der unbedingte Gehorsam der Schwestern, das viele Schweigen, selbst das Ticken der Standuhr im Wohnzimmer. Den Befehlston des Alten hielt er nur mit größter Selbstbeherrschung aus, und es gab Momente, da formten sich wilde Schreie in ihm und wollten heraus. Es kostete ihn viel Kraft, sie zu unterdrücken. Er schaute sich dabei zu, wie er die Zähne zusammenbiss und die Kiefer anspannte.

Auch das Tischgebet konnte er kaum ertragen:

Alle guten Gaben,

alles was wir haben

kommt, o Gott, von dir,

Dank sei dir dafür.

Gott war nicht in Flandern gewesen, und wenn er dort nicht war, war er auch nirgendwo sonst. War sein Vater blind, dass er das nicht sah? Oder schauten er und die Schwestern nur auf sich und auf niemanden sonst? Der Hungerwinter hatte die Familie nicht weiter beeinträchtigt, ein preußischer Finanzbeamter war auch während des Krieges versorgt worden, und auch jetzt gab es ausreichend zu essen. Aber Krell schmeckte es nicht, weder die sämige dunkelbraune Soße, in der die Kartoffeln schwammen, noch die Linsen und auch nicht das Fleisch am Sonntag. Er kaute auf seinen Bissen herum und nahm nicht zu. Er schlief schlecht, kürzer als je im Feld, schreckte nachts auf und konnte nicht wieder zur Ruhe finden, weil sein Herz so laut pochte. Nicht ein einziges Mal erkundigte sich der Vater nach seinen Erlebnissen, und nach seinem Vorbild taten es die Schwestern auch nicht. Den Krieg – genau genommen die Niederlage – gab es nicht, durfte es nicht geben. Seine einzige Frage stellte der Alte am Abend des zweiten Weihnachtstages. Er saß in seinem Sessel, ein Glas Weinbrand in der Hand und seine Tonpfeife im Mund, ein Rauchutensil aus dem letzten Jahrhundert, während er sich mit zwei Fingern den Backenbart kratzte:

»Was wirst du tun, Sohn?«

»Ich suche mir eine Arbeit«, erwiderte Hannes. Beinahe von selbst kam der zweite Teil des Satzes hinterher: »Und eine Unterkunft.«

Der Vater verzog keine Miene und gab keinen Kommentar ab, neuerliches Schweigen legte sich über das weihnachtliche Zimmer. Man glaubte, das Brennen der Kerzen am Tannenbaum zu hören. Die Standuhr tickte. Hannes schloss die Augen und stellte sich vor, zur See zu fahren, er wollte weg, nur weg, alles hinter sich lassen, Familie und Krieg und Erinnerungen, er träumte vom Blau der Ozeane und sah sich fremde Länder entdecken. In seiner Fantasie tauchte stets der Süden auf, mit bunten Farben und herzlichen, lebensfrohen Menschen. Aber im Hungerjahr 1919 gab es keine deutsche Handelsschifffahrt. Die britische Blockade an der Nordsee dauerte an, nicht weniger total als während des Krieges, die Reedereien im Reich hatten den größten Teil ihrer zivilen Flotte verloren, und den anderen Nationen ging es ebenso. Deutschland durfte nicht einmal Küstenschifffahrt oder Hochseefischerei betreiben. Handel gab es fast nicht, zumal die heimische Industrie daniederlag und die Bevölkerung kein Geld hatte, um eingeführte Waren zu kaufen. Krell fand ein Zimmer auf Sankt Pauli, in der Seilerstraße, mitten im Vergnügungsviertel, eine Dachkammer mit Bett, Kleiderschrank, einem Stuhl und einem gusseisernen Ofen. Er verdingte sich auf dem Bau, manchmal auch am Hafen, wenn doch einmal ein ausländisches Schiff entladen werden musste, und im Spätsommer als Erntehelfer auf den Obstfeldern im Alten Land. Sankt Pauli wurde sein neues Zuhause. An seinen Vater und die Schwestern dachte er am Anfang hin und wieder, dann immer weniger. Zu einem Besuch konnte er sich nicht aufraffen.

Obwohl Hannes Krell seit mehr als 15 Jahren nicht mehr auf dem Kiez wohnte, akzeptierten ihn die Anwohner. Im Normalfall mieden die Sankt Paulianer die Obrigkeit und sprachen nur mit der Polizei, wenn es nicht anders ging, wenn Beugehaft oder Knüppelschläge drohten, und selbst dann behaupteten sie meistens, sie hätten nichts gesehen und wüssten nichts, ehrlich nicht. Bei Krell war das anders. Mit ihm redeten sie.

Er schritt über die Reeperbahn Richtung Große Freiheit und grüßte, wenn er einen Bekannten sah, zweimal deutete er sogar ein Hutheben an. Vor drei Jahren hatte dieser Teil von Sankt Pauli noch zur Stadt Altona gehört, doch das war nun Vergangenheit. Ohne jegliche Ankündigung hatte die NS-Regierung Altona in einem Verwaltungsakt der Stadt Hamburg zugeschlagen. Die Stellung als selbstständige dänische und später preußische Stadt war mit einem Schlag vorbei gewesen. Viele Leute, auch Krell, hatten sich darüber mokiert, allerdings war er Beamter, es stand ihm nicht zu, Kritik zu äußern, und wenn man ehrlich war, musste man einräumen, dass sich durch den Zusammenschluss nicht viel verändert hatte. Auch der Altonaer Teil von Sankt Pauli und die Reeperbahn blieben nach dem Zusammenschluss, was sie vorher gewesen waren. Die Einbußen, unter denen der Kiez litt, waren dem Krieg geschuldet, der eingestellten Handelsschifffahrt. Seit U-Boote den Atlantik beherrschten, kamen kaum noch Matrosen, gleichwohl ging das Leben hier weiter, die Amüsierlokale öffneten Abend für Abend, halbnackte Mädchen tanzten oder warteten auf Kundschaft, es wurde gesoffen, gehurt und um Geld gespielt wie früher, und wie damals fand sich mancher am nächsten Morgen nicht nur verkatert, sondern auch pleite.

Auch das Bild, das die Reeperbahn am Vormittag abgab, hatte sich nicht verändert. Wie früher hatte man den Eindruck, man dürfe nicht zu laut sein, weil die Anwohner noch schliefen. Muffiger Geruch kam aus den Fenstern der Lokale und aus den Hauseingängen, auf dem Bürgersteig lagen Scherben von mancher Bierpulle, an den Wänden gab es gelbliche Pfützen und Flecken. Die Nazis machten den Betrieb in ihren Reden und Zeitungsartikeln verächtlich, weil er unsittlich war. Aber sie duldeten ihn. Offenbar blieb ihnen nichts anderes übrig.

In der Großen Freiheit öffnete Krell eine Tür. Eine Glocke klingelte. Er stieg drei Stufen hinab in ein Souterraingeschäft. Der Mann hinter dem Tresen sah von seiner Lektüre auf. Der Raum war länglich, dabei ziemlich eng. Auf dem Tresen lagen Zeitungen, an der Rückwand waren Zigarettenschachteln in ein Regal sortiert. Schnaps lagerte unter dem Tisch und wahrscheinlich auch in der Kammer, deren Türumrisse in die Tapete geschnitten waren.

»Oh, der Herr Kommissar.« Der Mann hatte eine von Tabak und Alkohol kratzige Stimme. »Da sage ich doch gleich mal brav: Heil Hitler.«

»Heil Hitler, Jan.«

»Moin.«

Jan Weller hatte ein kräftiges Gesicht mit vollem Bart. Die grauen Haare waren nach hinten gekämmt, aber so ganz ließen sie sich nicht zähmen. Er mochte zehn Jahre älter sein als Krell, dann wäre er Anfang 50. In seiner Hand hielt er eine Zigarre.

»Ich habe den Völkischen Beobachter. Druckfrisch von heute Morgen.«

»Schön.«

»Nehmen Sie einen?«

»Nein danke.«

»Seltsam – warum habe ich mir das gedacht? Vielleicht ’ne Zigarre?« Er öffnete ein Holzkistchen und hielt es Krell hin. »Geht aufs Haus.«

Krell griff zu. »Danke«, sagte er, als Jan ihm seine Streichhölzer hinüber schob. Er entzündete den Tabak, beide begannen zu paffen, heller Rauch erfüllte den Laden. Unter dem Fenster gab es einen zweiten Stuhl. Das Polster der Sitzfläche war abgeschabt, man konnte das Muster kaum noch erkennen. Krell zog ihn zu sich heran und setzte sich.

»Büsschen über die alten Zeiten plaudern?«, fragte Jan.

»Jo. Und büsschen über heute.«

»Was gibt’s da zu erzählen? Heldengeschichten aus unserem Krieg? Da kenne ich keine. Für so was habe ich Landserhefte.« Er zeigte auf die Seite des Tresens. »Wenn Sie solche Sachen lesen, Kommissar …«

Anstelle einer Antwort zog Krell an seiner Zigarre und pustete den Rauch aus. Sie brannte nicht gut. Er drehte die Spitze zu sich und blies gegen sie, woraufhin sie aufglühte. Auf Sankt Pauli gehörten die mokanten Töne dazu. Mancher Kollege hätte sie gemeldet, sie erfüllten gleich mehrere Tatbestände, Defätismus, bürgerliche Kritisiererei, vielleicht sogar Wehrkraftzersetzung. Krell aber achtete darauf, sich seine Kontakte auf der Reeperbahn zu bewahren. Sie waren nützlich bei der Verbrechensbekämpfung, und er hatte sich vor Längerem dazu entschieden, nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, erst recht nicht bei einem Mann wie Jan.

Die Glocke schlug an, die Tür ging auf, eine junge Frau trat ein. Sie hatte Sommersprossen im Gesicht, war in einen weiten hellen Mantel gehüllt, die roten Haare hatte sie notdürftig zusammengebunden. Ihre Schuhe hatten hohe Absätze, doch ihr Gang darauf schien nicht ganz sicher zu sein. Ohne ein Wort von ihr griff Jan hinter sich und nahm ein Päckchen Juno aus dem Regal.

»Moin«, sagte sie mit leiser Stimme und nickte auch Krell zu. »Herr Kommissar.«

»Morgen, Bella«, entgegnete Krell.

»Wie geht’s dir?«, fragte Jan.

»Wunderbar«, sagte sie gegen den Augenschein. Sie sah blass und übernächtigt aus und wirkte wie jemand, der die Zeit vor dem Mittag verabscheut.

»Das ist schön«, sagte Jan trotzdem.

»Finde ich auch.« Ihre Münzen hatte sie bereits abgezählt, sie legte sie auf den Tresen, nahm die Zigaretten, warf Krell einen Blick zu, nickte und verschwand.

»Sie kennen Bella, Herr Kommissar?«

Krell gab nicht gleich eine Antwort, er war in Gedanken. »Ja«, sagte er schließlich.

»Na, ist ja auch egal. Wo waren wir stehengeblieben?«, fragte Jan. »Beim Krieg, stimmt’s? Ich bin zu alt, um eingezogen zu werden. Ich kann nicht mal mehr richtig laufen. Sie wissen ja, Herr Kommissar, in unserem stolzen Vaterland bin ich nicht der Einzige, der untauglich ist. Unser Flugzeugminister würde mit seiner Wampe in kein Cockpit passen, und der Radiominister hat ’nen Hinkefuß, der schafft es sicher nicht bis Afrika.«

»Jan!«, mahnte Krell.

»Jo. Ich spar mir den Rest. Weiß ja sowieso jeder, dass wir besser nicht nach der Abstammung des obersten Führers fragen. Der hat ja selber keine Ahnung, wer sein Vadda war.«

»Mensch, Jan, nu’ is’ gut. Du sabbelst dich noch um Kopf und Kragen.«

Jan setzte ein unschuldiges Gesicht auf, zog die Schultern hoch und breitete die Hände aus. »Sie haben doch das Thema aufgebracht, Herr Kommissar.«

Krell schüttelte den Kopf. »Ich wollte über einen anderen reden.«

Schubert und er hatten, nachdem sie die Fingerabdrücke des Toten bekommen hatten, mehrere Stunden beim Schein ihrer Schreibtischlampen im abgedunkelten Büro über der Kartei gesessen. Der Abgleich hatte schließlich einen Namen preisgegeben. Der Mann war zu Lebzeiten zweimal wegen Diebstahls aktenkundig geworden. 1931 hatte er sieben Monate in Fuhlsbüttel gesessen.

»Nun bin ich aber gespannt«, meinte Jan.

»Gustav Limba.«

»Ach, Limba. Kein großes Licht.«

»Kein großes Licht gewesen«, sagte Krell.

»Hat jemand ausgepustet«, entgegnete Jan ohne sichtbare Gefühlsregung. »Schon gehört.«

»Ach«, machte Krell.

»Die Reeperbahn ist ganz wie früher.« Jan klopfte auf den Zeitungsstapel vor ihm auf dem Tresen. »Eigentlich brauchst du hier keine Zeitungen, so viel wie hier geschnackt wird.«

»Hast du auch gehört, wem Limba im Weg war?«

Jan lachte. Es klang künstlich, trotzdem lachte er weiter, bis es in ein Husten überging. »Bin ich der Kommissar, oder was?«

»Das nicht. Aber du bist der mit den Ohren auf der Reeperbahn.«

»Das stimmt. Leider kann ich nicht helfen, davon hab ich nichts gehört.«

Krell pustete neuen Rauch in die Luft. Die Glut seiner Zigarre hatte jetzt eine satte rötlichgelbe Farbe. Der Tabak war aromatisch, er schmeckte etwas süßlich. Trotz des Krieges hatte Jan gute Ware in seinem Laden.

»Limbas Leiche wurde in einem Schuppen neben der Sankt Pauli-Brauerei gefunden. Von den Nachbarn dort hat niemand etwas mitbekommen«, behauptete Krell, obwohl Schubert noch nicht zurück war und also auch noch nicht berichtet hatte. »Fast könnte man denken, es sei allgemeine Taubheit ausgebrochen.«

»Tja«, machte Jan.

»Was soll das heißen?«

»Fragt sich der Kriminale da nicht, warum das so ist?«

»Doch, sicher. Und ich frage dich. Müssen wir an ein hohes Tier denken, das allen Leuten auf dem Kiez eingeschärft hat, auf keinen Fall das Maul aufzumachen? Vielleicht sogar einem freundlichen, Zigarre rauchenden Herrn in einem Zeitungskiosk.«

Jan paffte gedankenversunken. Krell hatte den Eindruck, er überlege sich seine Antwort. Anders als bei seinen losen Reden über die hohen Nazis wirkte er auf einmal bedacht, ja kein falsches Wort von sich zu geben. Er bekam eine Verlängerung seiner Bedenkpause, als die Tür ein weiteres Mal aufging. Ein Mann, der seinen Hut nicht abzog, verlangte nach einem Päckchen Nil. Während Jan ihm die Zigaretten auf den Tresen legte, musterte der Mann Krell mit zusammengekniffenen Augen und fragte sich offenbar, ob er von ihm etwas zu befürchten hatte. Dann sagte er zu Jan: »Ich hab so einen trockenen Mund. Gib mir was zum Befeuchten.«

Unter dem Tresen zog Jan eine Schublade auf und nahm ein etwa fingergroßes Glasfläschchen heraus. Der Kunde drehte am Deckel und trank einen ersten Schluck. Er zahlte und grüßte mit einem Nicken, bevor er ging.

»Die Tageszeitungen gehen offenbar nicht so gut?«

»Zeitungen? Die laufen unten am Fischmarkt besser. Als Packpapier. Im Unterschied zu hier ist es da schietegal, wie alt sie sind. Steht doch sowieso nur Mist drin.«

»Mensch, Kerl«, seufzte Krell. »Pass bloß auf, dass sie dich nicht mal abholen. Weißt du noch, wo wir waren?«

»Sicher. Das große Schweigen auf dem Kiez.«

»Lass mich mal theoretisch fragen: Wenn du mir erzählen würdest, was wahrscheinlich schon ganz Sankt Pauli weiß … Aber für mich wäre das ein entscheidender Hinweis … Und daraufhin verhafte ich einen der Großluden, den Kahlen Conny oder Paul mit der Narbe – könntest du dann sicher sein, dass du morgen deinen Laden noch aufschließen kannst?«

»Über die Zukunft kann man sich nie sicher sein. Da ist der liebe Gott vor.«

»Heute kommst du mir aber ganz besonders blöd, Jan. Der liebe Gott lebt nun gewiss nicht auf’m Kiez.«

»Stimmt auch wieder.« Jan rauchte und mied dabei Krells Blick. »Obwohl wir hier ’ne Kirche haben.« Plötzlich richtete er sich auf. Auch seine Stimme veränderte sich, sie bekam etwas Offiziöses. »Sie haben recht, Herr Kommissar, es gibt viel Sünde im Viertel des heiligen Paulus, und es gibt eine Menge Leute, die glauben, der Herr wird eines Tages Feuer über uns ausgießen wie über Sodom und Gomorrha.« Jan steckte seine Zigarre zwischen die Lippen und schmunzelte, er wollte zeigen, dass er einen Scherz gemacht hatte. »Soll ich mal ganz ehrlich antworten, Herr Kommissar?«

»Ich bitte darum.«

»Ich habe keine Ahnung, wer Limba ins Jenseits befördert hat und warum. Das Einzige, was ich sagen kann: Auf Sankt Pauli war der Junge ein kleines Licht. Ein besserer Laufbursche. Manchmal verdiente er ’ne Mark oder zwei damit, dass er mit älteren Damen tanzte, deren Männern das zu anstrengend war. Und wenn sie das mochten, hat er seine Hand auch über ihren Hintern gleiten lassen. So einer war der Limba.«

»Mit einem solchen Typen geben sich die großen Tiere nicht ab?«

Jan zuckte mit den Achseln.

»Verstehe«, sagte Krell. »Wo hat er gewohnt?«

»In der Pension Grüber, soweit ich weiß. Können Sie mich aber nicht drauf festnageln.«

»Am Hamburger Berg?«

»Genau da.«

Krell stand auf. Seine Zigarre war erst zur Hälfte geraucht. Er würde sie mitnehmen und auf der Straße weiterpaffen. »Mach’s gut, Jan. Bis zum nächsten Mal.«

»Es ist mir immer eine Ehre, Herr Kommissar. Viel Glück.«

»Dir auch.«

»Und dann noch Heil Hitler. Damit Sie beruhigt sind.«

»Heil Hitler«, erwiderte Krell und verschwand.

Vier

Schubert war mit jener Nachricht zum vereinbarten Treffpunkt gekommen, die zu erwarten gewesen war – keiner der Nachbarn hatte etwas gehört oder gesehen. In der Brauerei wurde nachts nicht gearbeitet, und die Anwohner hatten in ihren verdunkelten Wohnungen geschlafen. Die beiden Kommissare waren auf dem Weg zum Hamburger Berg. Krell betrachtete die Straßen mit Schuberts Augen. Was mochte der arme Kerl aus der holsteinischen Provinz für einen Eindruck haben? Die wenigen Hakenkreuzfahnen, die es gab, hingen schlaff an den Masten, sie waren schmutzig, eine sogar eingerissen. Von den Schupos der Davidwache abgesehen, trug kein Mensch auf dem Kiez Uniform. Es gab weder Hitlerbilder in den Schaufenstern noch Schmierereien gegen Juden. Krell war sich nicht sicher, wo Schubert politisch stand, eins aber war klar: Dieses Sankt Pauli musste einen Mann, der nicht von hier kam, befremden. Der Stadtteil vermittelte den Eindruck, als gehörte er nicht zum Deutschen Reich, eine Exklave, freizügig und frech wie eh und je, mit Striptease und Prostitution, zudem heimlich dem Kommunismus zugeneigt. Die nationale Erhebung war an diesem Viertel vorbeigegangen. Auch auf Krell wirkte der Kiez, zumindest wenn er Schuberts Blick einnahm, seltsam, und zwar in doppeltem Sinne, denn er spottete nicht nur all dem, wofür das neue Deutschland stand, sondern die Stadtverwaltung schreckte gleichzeitig davor zurück durchzugreifen. Für das Amüsement der Bevölkerung war sie bereit, ein Auge oder gleich beide zuzudrücken.

Altona war schon immer widerständig gewesen, es war kein Zufall, dass gleich hinter der Grenze, wo Hamburg früher endete, die Straße auf Altonaer Seite »Große Freiheit« hieß. Krells Vater hatte diesen Unabhängigkeitsgeist aus tiefster Seele verabscheut, für den Alten war das renitent und unpreußisch gewesen, und er hatte größten Wert darauf gelegt, dass er aus Bahrenfeld stammte, einem zu seiner Kindheit noch eigenständigen Dorf, nur zufällig dem widerborstigen Sankt Pauli benachbart. Krell hingegen war hier nach den beiden Jahren in den Schützengräben wieder ein Mensch geworden, und das vergaß er nicht. Als Polizist hatte er nun dafür zu sorgen, dass Gesetzesübertretungen geahndet wurden. Welche Meinungen die Bevölkerung vertrat, scherte ihn nicht.

Am Hamburger Berg hielten sie vor einem Haus mit schmuddeliger Fassade, an der in ausgeblichenen Lettern »Pension Grüber« stand. Es war eingequetscht zwischen einer düsteren Seemannskaschemme und einem Lokal namens Frivoli, das mit Bildern leichtbekleideter junger Damen im Fenster warb. Da es keine Klingel gab, öffnete Krell die Tür. Ein schummrig beleuchteter Gang führte hinein, eine Art Diele mit einem ausgeblichenen Läufer. Der Eindruck von Unscheinbarkeit, den das Haus von außen gemacht hatte, blieb bestehen, doch wurde er erweitert. Es schien halbwegs sauber zu sein. An den Wänden hingen Bilder, naive Hafenimpressionen mit Segelschiffen, glücklichen Matrosen und winkenden Bräuten. Die Rahmen waren goldfarben gestrichen.

»Hallo«, rief Krell. »Ist jemand da?«

Niemand antwortete. Rechter Hand führte eine Treppe ins Obergeschoss, in dem wahrscheinlich die vermieteten Zimmer lagen. Die Diele selber lief in einem Vorraum aus, von dem drei Zimmer abgingen. Eine Flügeltür stand offen. Sie schauten in ein Esszimmer mit einem langen ovalen Tisch, unter den die Holzstühle geschoben waren. An der Wand hing ein weiteres Ölgemälde, erneut in verziertem Goldrahmen, diesmal eine Hafenansicht mit stürmisch-grauem Himmel.

»Hallo«, wiederholte Krell. »Frau Grüber?«

Eine Tür öffnete sich und eine Frau trat heraus, die Krell auf Mitte 40 schätzte. Ihm fiel der Ausdruck »drall« ein. Ein rot-weiß gestreifter Pullover spannte über Brust und Bauch. Sie hatte blondes gewelltes Haar und ein Schweinchengesicht, das für Krells Geschmack zu stark geschminkt war, Mund und Wangen rötlich, die Lider schwarz. Die vielen modernen Diätratschläge schienen an ihr abzuperlen. Krell unterstellte, dass sie die entsprechenden Zeitschriftenartikel las und trotzdem weiteraß.

»Sie wünschen?« Ihre Stimme klang rauchig. In ihrer kühlen Bestimmtheit hörte man die Geschäftsfrau, die den Umgang mit fremden Männern gewohnt war.

Krell zog seine Dienstmarke hervor. »Kommissar Krell, Kripo Hamburg. Das ist Kriminalassistent Schubert.«

»Die Polizei?«

»Wir haben ein paar Fragen. Könnten wir in einen geschlossenen Raum gehen?«

»Bitte.«

Sie führte sie in das Zimmer, aus dem sie gekommen war. Es war ihr Büro, mit einem weichen, schmuddeligen Teppich ausgelegt. Am Fenster stand ein Schreibtisch, von dem aus man die Tür im Auge hatte. Ein paar Papiere lagen darauf. Neben der Lampe gab es ein schwarzes Telefon, dahinter ein Schlüsselbrett mit Nummern. Gegenüber, an der Wand, war ein breites Sofa, und darüber gab es ein weiteres Bild, diesmal ein Waldidyll. Mit einer Armbewegung bot die Grüber ihnen den Platz darauf an und setzte sich selber in einen Sessel.

»Was kann ich für Sie tun? Sie suchen doch kein Zimmer?«

»Es geht um einen Ihrer Mieter, Gustav Limba.«

Krell fiel auf, dass ihre Mundwinkel für einen kleinen Moment unkontrolliert zuckten. Sofort hatte sie sich wieder im Griff. »Was hat er ausgefressen?«

»Ausgefressen – so würde ich es nicht ausdrücken«, sagte Schubert. Nach den ersten Tagen in der Dienststelle hatte Krell ihn ausdrücklich ermutigt, selber den Mund aufzumachen und eigene Fragen zu stellen. Es war wesentlich günstiger, sowohl bei Zeugen als auch bei Verdächtigen, wenn man sich abwechselte. Zu einem von beiden fasste die dritte Person meistens Vertrauen.

»Ich verstehe Sie nicht. Können Sie ein bisschen deutlicher reden? Ich habe mit Limba sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen.«

»Weshalb?«, fragte Krell.

Frau Grüber lachte auf und zündete sich eine Zigarette an. Sie hielt sie mit gespreizten Fingern von sich. »Er hat seine Miete nicht bezahlt. Der Mann schuldet mir Geld.«

»Wie viel?«

»Drei Monatsmieten. 21 Mark.«

»Sehen Sie, Frau Grüber«, sagte Schubert, »Ihr Mieter, Herr Limba, ist tot.«

Diesmal reagierte sie stärker. Sie riss die Augen auf. Auch ihr Mund stand offen, sodass ihre gelblichen Zähne zu sehen waren. Beides dauerte wieder nur einen kurzen Moment. Krell fiel auf, dass ihre Hand zitterte, als sie die Zigarette zum Mund führte. Sie nahm einen Zug »Das glaube ich nicht«, sagte sie, während sie den Rauch auspustete.

»Sonst wären wir nicht hier, Verehrteste«, erklärte Krell.

Sie machte ein krächzendes Geräusch, wie ein verwundetes Tier. Auch das ging vorüber, kaum, dass es erklungen war.

»Dann kann ich mein Geld wohl abschreiben?«, sagte sie mit einem Zittern in der Stimme.

»Ich fürchte, ja«, entgegnete Krell.

»Was ist passiert, warum ist er tot?«

Krell wechselte einen Blick mit Schubert, der sich offenbar zurückhalten wollte. »Das wissen wir noch nicht. Wir haben mit unseren Untersuchungen gerade erst angefangen.«

Sie schüttelte den Kopf. Es war eine automatische Bewegung, wie bei einer Puppe. Krell bemerkte, dass sie Tränen in den Augen hatte.

»Können Sie nicht …?«, begann sie. »Ich meine, der Staat …

Krell schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, jetzt verstehe ich Sie nicht.«

»Die Miete. Mein Mann ist gefallen, ich hab die Pension ganz alleine am Hals. Das ist viel für eine Witwe, das können Sie mir glauben.« Sie schluchzte auf, was Krell künstlich vorkam.

»Wir werden sehen. Zunächst, Frau Grüber, was können Sie uns über Limba sagen? Mit wem hatte er Umgang? Hatte er Feinde? Irgendwelche Pläne?«

»Darüber weiß ich nichts.«

»Denken Sie nach«, insistierte Schubert. »Er wird Ihnen doch versprochen haben, die ausstehende Miete zu begleichen.«

»Ja. Im Versprechen war er groß.« Sie biss sich auf ihre rot bemalte Unterlippe, woraufhin ein wenig der Farbe an ihrem Schneidezahn klebte. »Dann hat er einen mit seinen braunen Augen angeschaut …«

»Wie wollte er das Geld verdienen? Hatte er Arbeit?«, fragte Krell.

»Ach, Herr Kommissar, das hat er mir nicht erzählt. Soweit ich weiß, hat er hier und da kleinere Dienste übernommen.« Sie hielt sich die Hand vor den Mund. »Ich hätte ihm das Zimmer niemals geben dürfen. Mein Mann hätte direkt Nein gesagt, der mochte solche Schönlinge überhaupt nicht. Ich bin einfach zu gutmütig. Und jetzt sitze ich da mit dem Schaden.«

Sie zog wieder an ihrer Zigarette. Krell unterstellte, dass sie sich einen Schnaps einschenken würde, sobald sie gegangen waren.

»Mit wem hatte er Umgang?«, wiederholte Schubert.

Sie zog die Schultern in die Höhe. »Ich spioniere meinen Mietern doch nicht nach.«

»Das unterstellt auch niemand«, sagte Krell. »Aber es wird geredet. Sie essen doch alle gemeinsam.«

»Wir sitzen alle an einem Tisch, ja. Da wird Konversation getrieben, meistens übers Wetter. Neulich ging es mal um einen Bombenangriff, das war eine große Ausnahme. Politische Gespräche dulde ich nicht, schon gar nicht zu Kriegszeiten, da wird dann gestritten, und am Ende kommt man in Teufels Küche. Nee, nee.« Sie winkte ab. »Ob Limba Bekannte hatte – woher soll ich das wissen? Es wird sicher welche gegeben haben. So was hat doch jeder. Und Feinde? Meine Herren, das entzieht sich meiner Kenntnis, ich bitte Sie … Ich kann auch nicht alles hören, ich muss ja andauernd in die Küche rennen. Immerzu fehlt den Herrschaften irgendetwas – Salz, dann wollen sie neue Butter oder Aufschnitt. Sie haben ja keine Vorstellung …«

Inzwischen sah ihr Gesicht ein wenig wüst aus. Durch den Anflug von Tränen war ihre Schminke an den Augen verwischt, ein Zahn war rot, dafür gab es an der Unterlippe eine Lücke in der Farbe. Gleichzeitig appellierte sie ein wenig zu deutlich an das Mitleid ihrer Besucher.

»Frau Grüber, hat Limba …«

Sie schien Krell überhaupt nicht gehört zu haben. Mit einem Schluchzen sprach sie weiter: »… wie hart das Leben für eine Witwe ist. Mein Mann ist in Griechenland gefallen. Seitdem stehe ich ganz alleine in der Welt. Die meisten Mieter sind Kerle, und manche davon keine Ehrenmänner, die betrügen, wo immer es geht. Da muss man sich stark machen als Frau, das kann ich Ihnen sagen, sonst tanzen die einem auf der Nase herum.«

»Geben Sie uns doch bitte eine Liste Ihrer Mieter. Und wir müssen Limbas Zimmer sehen. Es wird für einige Zeit verschlossen bleiben.«

»Das ist nicht Ihr Ernst!«

»Unsere Techniker müssen Spuren sichern.«

»Und wer kommt dafür auf?«

Diesmal war es Krell, der die Schultern in die Höhe zog.

»Frau Grüber, hat Limba Ihnen nicht doch mitgeteilt, wie er das Geld für seine Mietschulden verdienen wollte?«, fragte Schubert wieder. »Ich meine, Sie werden doch insistiert haben.«

»Das habe ich, Herr Kommissar.«

»Kriminalassistent«, korrigierte Schubert. »Was hat Limba gesagt?«

»Er hat mich vertröstet, Woche für Woche, mit irgendwelchen Versprechungen. Er war irgendwie wie ein großer Junge.« Wütend drückte sie ihre Zigarette im Aschenbecher aus.

Krell glaubte, sie führe ein schlechtes Schauspiel auf. Er hatte den Wunsch, es zu beenden. »Geben Sie uns bitte die Liste mit den Mietern.«

»Sie wollen mit allen sprechen? Das wird Unruhe geben.« Sie zog einen Schmollmund, was den Eindruck eines Schweinchengesichts verstärkte.

»Das ist unabdingbar. Machen Sie uns die Liste gleich, oder sollen wir sie morgen abholen?«

Sie schniefte und schaute dabei auf ihre Armbanduhr. »Wenn Sie ein bisschen Zeit haben, geht das jetzt.«

»Inzwischen sehen wir uns sein Zimmer an.«

»Da muss ich doch mit.«

»Nicht nötig. Es reicht, wenn Sie uns einen Schlüssel geben und die Zimmernummer nennen.«

»Nummer neun. Er wohnte in der Neun. Ich …« Für einen Moment schien sie verwirrt, aber dann fing sie sich wieder und nahm einen Schlüssel vom Brett hinter dem Schreibtisch.

»Es fehlen Schlüssel. Also sind Mieter im Haus?«, fragte Krell.

Sie starrte ihn an, als hätte sie seine Frage nicht verstanden. Erst nach einigen Momenten schaute sie nach. »Ich glaube«, sagte sie dann. »Die Reichert müsste da sein. Und Herr Hispel.«

»Und eine dritte Person.«

»Nein.«

»Es fehlen drei Schlüssel außer dem, den Sie mir gerade gegeben haben«, stellte Krell fest.

Ihr Gesichtsausdruck wirkte, als hätte sie seine Beobachtung überrascht. »Die Sechs, ja. Der fehlt.«

»Ach so?«

»Seit Längerem.«

Sie gab keine weiteren Erklärungen. Krell und Schubert bekamen Limbas Schlüssel und stiegen die Treppe hinauf. Das Zimmer lag auf der rechten Seite, weit hinten. Es war eng und schlicht eingerichtet mit Bett, Schrank, Waschbecken und einem kleinen Tisch. Über den zugehörigen Stuhl hing ein Jackett, in dessen Taschen sich nichts fand. Im Schrank gab es ein zweites Hemd, zwei Paar Socken, etwas Unterwäsche und ein Nachthemd. Mit spitzen Fingern hob Schubert die Sachen an, es war nichts darunter versteckt. Auf Krells Anweisung hin durchsuchte Schubert auch das Bett, er schaute sogar unter die Matratze. Wieder nichts. Das ganze Zimmer war derart unpersönlich, dass Krell sich fragte, ob Limba noch ein zweites hatte, vielleicht bei einer Frau, und dieses nur als Ausweichquartier nutzte.

Sie klopften bei der Nummer zwei, einem der Zimmer, deren Schlüssel nicht am Brett gehangen hatte.

»Ja?«, rief jemand von innen.

Schubert öffnete. Vor ihnen stand eine Frau mittleren Alters in einem schwarzen Kleid mit weißer Kellnerschürze. Sie schaute sie überrascht an. Krell erklärte ihr, warum sie gekommen waren.

»Der Limba? Soso«, sagte sie.

»Was wissen Sie über ihn?«, fragte Schubert.

»Nichts.«

»Sie wohnen mit ihm in einem Haus und wissen nichts über ihn?«, sagte Krell.

»Man geht arbeiten und lebt sein Leben. Ich kümmere mich nicht um die Nachbarn. Entschuldigen Sie, aber dafür habe ich keine Zeit, wirklich nicht. Genauso wenig wie ich mir die Gäste in unserem Lokal anschaue.« Sie stieß einen kurzen Lacher aus. »Ich bitte Sie. Dann käme ich ja zu gar nichts.«

Sie hakten nach, aber mehr war von Mieterin Reichert nicht herauszubekommen. In der Nummer sieben, wo der Schlüssel ebenfalls nicht am Brett gehangen hatte, öffnete ihnen ein Mann namens Ernst Hispel. Er mochte Mitte oder Ende 30 sein, hatte ordentlich gescheiteltes Haar, trug aber nur ein Unterhemd mit rotkarierten Hosenträgern darüber. Sein Fenster war offen, davor stand ein samtig gepolsterter Stuhl mit einem Block und einem Stift darauf, und auf dem Fensterbrett ein Aschenbecher – offenbar sein Platz. Auch ihm erzählten sie von Limbas Tod.

»Der Gustav, ehrlich? Unglaublich.« Er legte den Kopf schief. »Manchmal kann es verdammt schnell gehen.« Sein Satz klang wie eine Phrase.

Hispel bat sie nicht herein, sie unterhielten sich über die Türschwelle hinweg. Er erklärte, er sei Vertreter italienischer und französischer Weine; seine Geschäfte seien kriegsbedingt derzeit recht eingeschränkt. Mehr Auskunft als die Reichert zwei Zimmer weiter wollte auch er nicht geben. Schubert insistierte und wies darauf hin, dass Hispel und Limba offenbar per Du gewesen seien, doch Hispel ließ diesen Vorstoß an sich abprallen, sie wären zwei- oder dreimal auf ein Bier in die Kneipe gegangen, wobei sie aber nichts Persönliches gesprochen hätten. Schubert legte die Stirn in Falten und blickte Krell an, der die Frage ahnte, die sein Assistent ihm wortlos stellte. Es war die nach Zwangsmitteln. Ein, zwei Nächte im Keller ihres Polizeigebäudes an der Stadthausbrücke brachten die Leute meistens zum Reden. Früher, zu Zeiten der Republik, waren derartige Dinge ausgeschlossen gewesen, und Krell hatte den Vorsatz, an dieser Arbeitsweise festzuhalten, auch wenn sie dann den mühsameren Weg nehmen mussten. Sie verabschiedeten sich gerade von Hispel, als die Grüber die Treppe hinaufkam. Sie schnaufte heftig. Im gleichen Moment wurde eine weitere Zimmertür geöffnet, die mit der Sechs, zu der angeblich der Schlüssel fehlte.

Eine Frau in einem verblichenen blauen Kleid trat einen Schritt heraus. Ihr Gesicht hatte eine graue Farbe, das Haar war strähnig, als sei es seit Ewigkeiten nicht gewaschen worden, sie selbst schaute verängstigt und verwirrt um sich. Dabei hielt sie sich die flache Hand vor den Mund. Eine Verrückte, schoss es Krell durch den Kopf.

Obwohl sie nach der Treppe außer Atem war, machte die Grüber ein paar eilige Schritte auf sie zu und schob sie zurück ins Zimmer.

»Ich will nicht, ich hab Hunger«, rief die andere Frau. Ihre Stimme hatte etwas Schrilles, als hätte sie die Erfahrung gemacht, anders kein Gehör zu finden.

»Du bekommst gleich etwas. Aber jetzt geh zurück.«

Die Frau im blauen Kleid jaulte auf. Unsanft drückte die Grüber sie zurück ins Zimmer und schloss die Tür hinter ihr. Als sie zu Krell und Schubert schaute, wirkte sie wie ein ertappter Ladendieb.

»Bitte, meine Herren. Ich bitte Sie …«

»Was denn?«, fragte Krell.

Frau Grüber kam dicht zu ihnen und redete leise. »Meine Schwester. Sie ist nicht von Geburt an so. Das ist nicht erblich, bitte denken Sie das nicht. Sie hatte als Kind einen Unfall, seitdem ist das so. Sie war schon im Irrenhaus. Aber da …« Sie brachte ihren Satz nicht zu Ende. »Als mein Mann gestorben war, habe ich sie von dort weggeholt. Sie tut niemandem etwas und bekommt ganz sicher kein Kind.« Sie senkte ihren Blick. »Ich will nicht, dass sie abgeholt wird.«

Krell warf Schubert einen Blick zu. Der verzog keine Miene, offenbar überließ er diese Entscheidung seinem Vorgesetzten.

»Verehrte Frau Grüber, wir ermitteln in einem Todesfall«, sagte Krell. »Der Rest geht uns nichts an.«

Augenblicklich machte sich Erleichterung auf dem Gesicht der Grüber breit, die Züge entspannten sich, fast lächelte sie. Für Krells Geschmack kam sie zu nahe an ihn heran, er trat einen halben Schritt zurück, während er einen sachlichen Ton anschlug und sie nach der Liste fragte, die sie ihm dienstwillig aushändigte und die er direkt an Schubert weiterreichte. Er konfrontierte sie mit der Beobachtung, dass Limbas Zimmer äußerst unbewohnt wirkte. Ob er wohl eine zweite Wohnung gehabt habe?

Sie wies die Vermutung mit Entrüstung zurück. »Herr Limba ist jeden Abend nach Hause gekommen.«

»Dann müsste Ihnen aufgefallen sein«, meinte Schubert, »dass er letzte Nacht fortblieb.«

»Das ist es auch«, räumte sie ein. »Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht. Abends sitze ich noch etwas länger, höre Radio und löse Kreuzworträtsel, dann gehe ich ins Bett.«

Krell nickte Schubert zu, und sie verabschiedeten sich von Frau Grüber mit der Ermahnung, Limbas Zimmer nicht zu betreten. Sie hatten nichts in der Hand außer dem Namen des Toten. Die Angelegenheit würde so schwierig werden, wie Schubert am Vorabend vermutet hatte.

Fünf

Für ein Mädchen von 16 Jahren schickte es sich nicht, einen Jungen abzupassen, auch dann nicht, wenn er ihr kaum aus dem Kopf ging, bei allem Bemühen nicht. Am vergangenen Donnerstag hatte Jette, als sie für ihre Mutter Besorgungen machte, Christian zufällig am Rissener Bahnhof gesehen, sich aber schnell hinter einem Baum versteckt, damit er sie nicht entdeckte. Nun, eine Woche später, schnappte sie sich das Einkaufsnetz ihrer Mutter und machte sich wieder auf den Weg, diesmal mit einem mulmigen Gefühl, einem von Scham und Unehrlichkeit. Dass sie nur mal schauen wollte, redete sie sich ein, ob er jede Woche zur gleichen Zeit Richtung Innenstadt fuhr, und dass sie ihn natürlich nicht ansprechen werde, das auf keinen Fall. Sie würde sich wieder hinter dem Baum verstecken. Selbst das war keine gute Vorstellung. Sie spionierte Christian nach, und das gehörte sich nicht. Deshalb hielt es sie nicht in ihrem Versteck, sondern sie überquerte vor dem Bahnhof die Straße und schaute in alle Richtungen. Er war nicht zu sehen.

Schade, dachte sie. Keine regelmäßige Fahrt. Es war dumm gewesen, das anzunehmen. Nur Leute, die zur Arbeit mussten, nahmen immer zur gleichen Zeit einen Zug.

Die Frage, wo er hingefahren war, hatte sie geradezu umgetrieben, sie hatte sich verschiedene Möglichkeiten ausgemalt, von denen die Schlimmste war, dass er sich mit Kunstlehrer Jessen und dessen Damenbekanntschaften in einer Spelunke auf Sankt Pauli traf. Sie hatte diese Gedanken nicht gewollt, doch wie von selbst waren sie immer wiedergekehrt. Am Ende hatte sie ein Lied angestimmt, um sich abzulenken.

Nun würde sie keine Antwort auf ihre Frage bekommen. Es ging sie auch nichts an. Er kam nicht.

Irrtum, da kam er doch. Mit weiten Schritten, eine Hand lässig in der Hosentasche. Er wurde keinen Deut schneller, als man den Zug bereits hörte. Jette kannte es nicht anders, als dass die Leute, die knapp kamen, rannten. Nicht so Christian. Es schien ihm egal zu sein, ob er ihn verpasste und warten musste.

Jette schaute ihm entgegen.

Die Bahn hielt am Gleis. Wenn er die Treppen hinaufgespurtet wäre, hätte er sie vielleicht noch bekommen. Doch er blieb bei ihr stehen. »Was machst du denn hier?«

Sie war froh, dass sie das Einkaufsnetz bei sich hatte, und hob es hoch. »Besorgungen. Und du?«

»Ich fahre nach Altona. Willst du auch in die Stadt?«

Sie spürte, dass sie rot wurde, und wich seinem Blick aus. Sie wollte den Kopf schütteln, doch das gelang ihr nicht. »Ja«, sagte sie leise, überzeugt davon, dass er ihre Lüge durchschaute.

»Ich glaube auch, dass man dort leichter Lebensmittel bekommt«, entgegnete er. »Die Innenstadt versorgen sie einfach besser.«

»Und warum?«, fragte sie, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte.

»Keine Ahnung. Vielleicht weil dort mehr Leute wohnen oder weil es hier Bauern gibt und die Leute Hühner halten.«

»Wir haben Kaninchen.«

»Auch nicht schlecht. Wer schlachtet?«

»Mein Vater. Wir anderen bringen das nicht fertig. Meine Mutter nicht und ich auch nicht. Und meine Schwester ist zu klein.«

»Ich könnte so einem Viech auch nicht den Kopf abschlagen.«

Das war ein seltsamer Satz. Sie schaute in Christians Gesicht mit der Hornbrille und den langen Haaren. Alle Jungen machten bei der Hitlerjugend Schießübungen und sangen Kriegslieder. Die meisten in ihrer Klasse redeten davon, dass sie Soldaten sein wollten, und sie wären stolz darauf gewesen, wenigstens einem Karnickel den Kopf abzuschlagen. Christian war offenbar auch in dieser Hinsicht anders.

»Was machst du in Altona?«, fragte sie.

»Ich besuche Freunde. Wir quatschen ein bisschen und hören Musik.« Er zeigte auf den Bahnhof. »Gehen wir hoch?«

Sie wischte sich die Hände an ihrem Rock ab und wünschte sich, dass sie etwas weniger aufgeregt wäre. Beide kauften sie einen Fahrschein am Schalter und hockten sich auf eine der Holzbänke auf dem Bahnsteig. Die Sonne schien auf sie, es war spätsommerlich warm. Er erkundigte sich weiter nach ihrer Familie – wo sie wohnten, ob ihr Vater eingezogen war – und fragte auch nach Gregor. Sie erzählte von dem großen Haus, in dem er lebte, und dass er oft alleine war, weil sein Vater Generaldirektor einer Zigarettenfabrik war und die Mutter oft weg. Auch dass sie zwei Autos besaßen, erzählte sie. Er stieß einen Pfiff aus und wollte die Marken wissen, die sie ihm nicht nennen konnte. Er schlug einige Namen vor – Horch, Mercedes – aber ihr sagte das nicht viel, deshalb war sie froh, als der Zug eintraf und sie einstiegen. Jette überlegte, wo sie wieder aussteigen sollte. Sie und Christian setzten sich auf zwei nebeneinanderliegende Plätze. Es war eng, sein Arm drückte gegen ihren. Sein Bein war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt.

Sie hätte gerne gewusst, welche Musik seine Freunde und er hörten, ob sie von diesem Cole Porter stammte, wagte es aber nicht zu fragen, erst recht nicht mit so vielen Ohren ringsherum.

»Kann man ihm trauen?«, wollte er plötzlich wissen. Er redete leise, wie alle anderen Fahrgäste im Abteil.

»Wem?«

»Gregor.«

»Ja klar.« Sie schaute ihn an. »Wie meinst du das?«

»Wie ich’s sage. Ob man ihm trauen kann.«

»Ja, natürlich kann man das.«

Auch nach Elisabeth erkundigte er sich.

Jette zog ihren Arm zu sich, sodass er seinen nicht länger berührte, und legte ihn auf ihren Schoß. »Was ist mit ihr?«

»Die gleiche Frage: ob man ihr trauen kann.«

Sie pustete den zurückgehaltenen Atem aus. »Sie ist ganz in Ordnung.«

»Ehrlich?«

»Ja. Warum nicht?«

»Keine Ahnung, ich kenne sie ja nicht. Beide nicht.«

Jette ging der Gedanke durch den Kopf, dass er sie auch nicht kannte, und sie fragte sich, bei wem er sich wohl nach ihr erkundigte. Als sie in Blankenese umsteigen mussten, dachte sie nicht mehr daran. Die S-Bahn stand bereits auf dem gegenüberliegenden Gleis. Christian redete leise darüber, dass sein Vater fürchte, aus Frankreich an die Ostfront verlegt zu werden. Er schreibe das nicht so deutlich, trotzdem gehe es aus seinen Briefen hervor. Warum ihr Vater nicht eingezogen sei, wollte er von Jette wissen. Sie erzählte ihm, dass er bei der Kripo und deshalb unabkömmlich sei, zumindest vorerst.

»Er ist also uk – wie schön für ihn und für euch.«

Sie dachte daran, dass ihr Vater zwar oft erst spät am Abend nach Hause kam, aber sonntags war er da und während der Woche meistens zum Frühstück. Es wäre eindeutig leerer bei ihnen, wenn er fort wäre, um Tausende Kilometer entfernt an irgendeiner Front zu kämpfen. Und sie würde immerzu Angst haben.

»Alle Männer können doch nicht eingezogen werden«, meinte sie. »Irgendjemand muss doch auch hier Dienst tun.«

»Wahrscheinlich, ja. Mein Vater ist Angestellter bei einer Bank. Seitdem er weg ist, müssen die Kunden einfach länger warten, bis sie drankommen.«

Er tat ihr leid, obwohl er auf der anderen Seite so vieles kannte und wusste, von dem sie in Rissen noch nie gehört hatten. Ihre Arme berührten sich wieder. Am liebsten hätte sie seine Hand gehalten und gedrückt.

»Er wird schon wiederkommen«, sagte sie.

»Ja, glaube ich auch.«

Sie fasste einen Plan: Sie würde am Holstenbahnhof, eine Station nach Altona, aussteigen und dort den Zug zurück nehmen. Zwar würde sie sich eine neue Fahrkarte kaufen und noch einmal 15 Pfennig ausgeben müssen, aber das war in Ordnung. Dafür war sie mit Christian gefahren.

Als der Zug in den Altonaer Bahnhof einfuhr, stand Christian auf, viele andere Leute auch. Jette blieb sitzen. Er hielt eine Hand an die Haltestange. Sie wartete auf seinen Abschiedsgruß. Er sagte: »Wenn du es nicht eilig hast, komm doch mit. Meine Freunde sind nett. Und die Musik …«

Sie freute sich über die Aufforderung, und trotzdem schaffte sie es nicht, sie anzunehmen, erst recht nicht mit einem beiläufigen, nicht zu begeisterten Ja. Gedankenfetzen strichen ihr durch den Kopf. Dass sie ein 16-jähriges Mädchen war und auf keinen Fall mit einem quasi unbekannten Jungen mitgehen durfte. Dass sie überhaupt nicht in Altona sein sollte. Vor ihr stand eine Frau mit schwarzem Hut und Schleier, eine Kriegerwitwe wahrscheinlich, und Jette war sich ganz sicher, dass sie sie für unanständig hielt und schon dafür verurteilte, dass sie überhaupt überlegte.

Der Zug hielt. Christian machte ein fragendes Gesicht.

Jette nahm beide Hände zu Hilfe und drückte sie auf das Holz der Sitzbank, um aufzustehen. Dabei schaute sie auf die Armbanduhr, die sie zur Konfirmation bekommen hatte. »Zu lange darf es nicht dauern.«

»Ist versprochen.«

Die Gegend vor dem Bahnhof war ihr durchaus bekannt. Ihr Vater bezeichnete sich als Altonaer, obwohl er eigentlich aus dem benachbarten Bahrenfeld stammte. Er hatte seinen Töchtern einige Orte seiner Kindheit gezeigt. Was Jette in Altona aber fehlte, war diese blinde Sicherheit, die Christian hatte. Er musste sich nicht orientieren, und der viele Verkehr, all die Autos, Straßenbahnen und Pferdewagen waren für ihn selbstverständlich.

Sie gingen ein Stück, bevor sie in einer Gasse in ein Haus traten und die Treppen hinaufstiegen. Es war angenehm kühl. Christian klingelte an einer Wohnungstür. Ihnen öffnete ein Junge, der ebenfalls ein kariertes Jackett trug, dessen Ärmel ihm bis auf die Hände reichten. Auch seine Haare waren lang. Er grinste und begrüßte sie mit einem genuschelten Gruß.

Jette glaubte, sie hätte sich verhört. Was hatte er gesagt? Das war doch nicht »Sieg Heil« gewesen.

Christian gebrauchte die gleichen Wörter, und diesmal verstand sie sie genau: »Swing Heil. Das hier ist Jette.«

Swing Heil?

»Kommt rein.«

Sein Freund hieß Erik, er wohnte hier. Im Wohnzimmer war noch ein dritter Junge, Walter. Nur auf den ersten Blick sahen sie einander ähnlich, alle drei mit Jacketts und diesen Frisuren. Walter war groß und blond, ein Schlacks, Erik einen halben Kopf kleiner und kräftiger. Er zeigte auf einen braunen Sessel, auf den Jette sich setzte, während die anderen sich nebeneinander aufs Sofa hockten. Das Zimmer war ein wenig düster, das Fenster ging zum Hof. Ein vollgestopftes Bücherregal füllte eine ganze Wand aus. Gegenüber hing ein Ölbild, ein Gemälde, das ihr Vater »ganz alter Schinken« genannt hätte. Sie fühlte sich sehr fremd und begann, vor Aufregung auf ihre Fingerkuppen zu drücken. Zu ihrem grauen Rock trug sie grobe Wollstrümpfe, ihre Schuhe waren ausgelatscht. Die Jungs dagegen waren schick, nicht nur wegen der Jacketts, sondern auch in ihren geputzten Schuhen und den Tuchhosen. Sie fragte sich, wie wohl die Mädchen waren, mit denen sie Umgang hatten. Sicher nicht so wie Jette. Sie strich sich über die Haare. Ihre Frisur war das Einzige, was sie halbwegs passabel an sich fand. Ihre Mutter hatte sie geschnitten, die Haare fielen auf die Schulter, wo sie von selber eine Welle machten. »Sieht toll aus«, hatte ihre Mutter gesagt.

Jette vermutete, dass die beiden anderen Jungen auch nicht zur HJ gingen – mit den langen Haaren war das beinahe unvorstellbar. Zu gerne hätte sie gewusst, wie sie das anstellten, wagte aber nicht zu fragen. Überhaupt schaffte sie es nicht, etwas zu sagen.

Erik nahm eine Platte in die Hand, machte ein verzücktes Gesicht und sagte: »Haltet euch fest, Freunde. Ganz neu. Habe ich vorgestern eingetauscht.«

Er bediente das Grammofon. Kurz darauf erklangen die ersten Takte. Die Musik war schnell, sie hatte etwas Treibendes, als eile sie voran, und die Zuhörer mussten folgen. Zwischendurch hatten einzelne Instrumente Solopassagen, vor allem die Trompete, aber auch die Trommeln. Es war klar, dass es sich um Jazz handelte und sie etwas Verbotenes taten. Jette spürte ihre Angst. Wenn jemand hereinkäme, wäre sie verloren. Gleichzeitig faszinierte sie, was sie taten.

»Louis Armstrong?«, fragte Christian.

»Satchmo«, erwiderte Erik. »Volltreffer.«

Die drei Jungs lehnten sich im Sofa zurück, schlugen ihre Beine übereinander und wippten mit der Fußspitze im Takt. Einer wie der andere schnippte mit dem Daumen über zwei Finger, wobei sie ein wenig wie eine Ballettgruppe aussahen. Jette entspannte sich etwas. Dann achtete sie wieder auf die Musik.

Es war ein einziges Spiel. Ein Wechsel zwischen zart vorgetragenen Takten und der vollen Bläserkapelle. Gesang von einer tiefen Männerstimme, die einem durch und durch ging. Sie hatten keinen Englischunterricht mehr, der Lehrer war nach seiner Einberufung nicht ersetzt worden, doch dass hier etwas Freches gesungen wurde – Kiss me, hold me in your arms – das begriff sie auch so.

Das nächste Lied wurde von einer Geige dominiert, und auch die klang vollkommen anders als alles, was sie je gehört hatte, sie war wild und ungezügelt. Ihr kam der Ausdruck »Fiedel« in den Sinn. Christian hatte die Augen geschlossen, sein Kopf bewegte sich im Takt. Er öffnete sie kurz und schaute grinsend zu ihr, als der Geiger zum Ende kam. Als Nächstes folgte ein Duett. Alles verstand sie nicht, aber dass die Frau den Mann »Darling« nannte und irgendwie herausforderte, begriff sie. Und er spielte mit. Sie konnte die beiden regelrecht vor sich sehen.

»Und du?«, fragte Erik sie. »Was hörst du für Musik?«

Jette wurde rot. Sie hatten zwar ein Grammofon, aber nur drei Schallplatten, deshalb lief meistens der blöde Volksempfänger, den ihr Vater vor Jahren angeschafft hatte. Ihre Mutter sang manchmal mit den Mädchen, daher kannte sie deutsche Volkslieder, aber nichts, was sie hier hätte anführen können.

»Nur Märsche?«, setzte Erik hinzu. Seine Stimme klang rau.

Jette fühlte sich bloßgestellt. Märsche gefielen den Linientreuen. Sie kam sich blöd vor, weil sie weder Cole Porter noch Louis Armstrong kannte, überhaupt keinen Namen, den sie hätte einwerfen können.

»Lass sie«, mischte sich Christian ein. »Jette ist in Ordnung.«

Sie hätte sich gerne bei ihm bedankt.

»Na, wenn du das sagst«, entgegnete Erik spitz.

»Kinder«, mahnte Walter und streckte den Finger in die Luft. Er wollte zuhören. Auch der Rest der Platte war unglaublich, Jette war, als schaute sie in eine neue Welt. Sie würde niemandem je davon erzählen können, ihrer Mutter nicht, ihrer kleinen Schwester sowieso nicht und auch keinem ihrer Freunde in der Schule. Insgeheim wünschte sie sich mehr von dem Neuen, aber auch ihre Angst war wieder da. Sie starrte zur Zimmertür und rechnete damit, dass sie jeden Moment aufgestoßen wurde.

Sie hörten ein Trompetenstück. Immer wieder steigerte sich das Spiel, es war wie die Ankündigung von etwas Großem, aber diese Ankündigung wurde jedes Mal wieder enttäuscht. Bis der volle Klang endlich durchbrach, war sie gespannt, und als er dann da war, hätte sie lachen können. Selbstverständlich hielt sie sich in der fremden Umgebung zurück.

Im nächsten Moment klopfte es. Sie waren ertappt! Jette wollte aufspringen.

Das Klopfen kam nicht von der Zimmertür, sondern von weiter weg, vielleicht vom Wohnungseingang.

Erik rollte mit den Augen, Walter nannte einen Namen, Parteigenosse Schulz, er zog ihn in die Länge, während er gleichzeitig die Zunge herausstreckte, und alle außer Jette wussten Bescheid. Sie weihten sie ein. Ein Nachbar, erklärte Erik, während er das Grammofon ausstellte, ein Aufpasser und Schießhund, der sein Ohr an die Wand hält und mit Meldung droht, sobald er Jazz hört. Dabei sei die Musik doch ganz leise gewesen. Mit der letzten Bemerkung stimmte sie nicht überein, sie hatte sie ziemlich laut gefunden. Aber das sagte sie nicht.

Christian stand auf. »Jette kann sowieso nicht so lange bleiben.« Er schaute sie an. »Wollen wir gehen?«

»Ja.«

Auf dem Rückweg zum Altonaer Bahnhof schwirrte ihr die Musik im Kopf umher. Das Geigenstück hatte es ihr besonders angetan, aber auch die tiefe Männerstimme – Kiss me, hold me in your arms. Das war alles unglaublich. Ein Pferdefuhrwerk rumpelte über das Kopfsteinpflaster, es regnete leicht. Sie streckte ihre Hand aus, auf die ein paar Tropfen fielen. Das war alles echt. Und Christian ging neben ihr.

In der S-Bahn waren die Bänke besetzt. Sie standen in der Nähe der Tür, die mit einem Haken verschlossen gehalten wurde. Sie fragte Christian leise, was es mit dieser Musik auf sich habe. Wo sie herkam.

»Amerika«, erwiderte er. Er flüsterte ihr das Wort beinahe ins Ohr. »Swing«, sagte er und: »Jazz.« Sie wollte wissen, wie Erik an die Platten gekommen sei.

Bevor er antwortete, schaute er durchs Abteil. Es war natürlich nicht möglich, einen Gestapomann oder einen Spitzel zu erkennen, trotzdem musterte Christian die Leute gründlich.

»Man kann sie kaufen«, sagte er schließlich halblaut, »wenn man die richtigen Leute kennt. Sie werden gehandelt. Zumindest früher ging das, bevor der Krieg angefangen hat. Heute werden sie unter denen gehandelt, die sie besitzen. Manchmal verkauft, manchmal getauscht.«

»Und sie kommen aus dem Ausland?«

»Klar.«

»Wahnsinn«, sagte Jette.

Wahrscheinlich wäre es klüger gewesen, sie hätte ihre Naivität nicht so deutlich gezeigt. Nach dem Besuch bei Erik und der Musik war es das zweite Mal an diesem Nachmittag, dass er sie einen Blick in eine unbekannte Welt erhaschen ließ. Es gab diese Platten, auch hier bei ihnen, im Deutschen Reich, und es gab Leute, die sie verkauften, und welche, die sie hörten. Ihr kam Doktor Petersen in den Sinn, der kein Lotterleben dulden wollte. In Wahrheit hatte der alte Mann nicht die geringste Vorstellung davon, was sein Schüler und dessen Freunde trieben, und hätte er es erfahren, hätte er mit seinem Gehstock wild um sich geschlagen und Wörter wie »Urwaldmusik« und »Negerjazz« durch den Klassenraum geschrien.

Die Wahrheit allerdings war, dass sie und ihre Freunde auch keine Ahnung hatten. Dass die Bahn nach Rissen von allen Leuten »Vorortbahn« genannt wurde, passte ziemlich genau. Sie lebten in der Provinz, und dorthin kam einfach nichts, was modern war, es sei denn, jemand wie Christian oder ihr Kunstlehrer Jessen wurde durch einen Zufall dorthin verschlagen. Aber dann blieben sie fremd in ihrer neuen Umgebung.

Sie hätte Christian gerne gefragt, ob seine Freunde auch nicht zur HJ gingen. Im Abteil war das nicht möglich. Sie sprachen auch nicht weiter über die Musik, sondern über unverfängliche Dinge, und auch das so leise wie alle anderen.

Als sie in Rissen ankamen und sich vorm Bahnhof die Hand reichten, schlug sich Christian mit der flachen Hand an die Stirn: »Jetzt haben wir deinen Einkauf vergessen!«

Sie spürte, wie ihr zum zweiten Mal an diesem Nachmittag die Röte ins Gesicht schoss. Ganz am Ende war ihre Lüge doch noch aufgeflogen. »Äh …«, entfuhr es ihr. Sie riss sich zusammen. »Das mache ich hier in der Gegend.«

»Soll ich mitkommen?«

Sie schüttelte den Kopf, drehte sich um und eilte davon. Sofort danach pochte das Gefühl, einen verkorksten Abschied hingelegt zu haben, in ihr. Weder hatte sie sich bedankt noch sonst irgendwie gezeigt, wie beeindruckt sie war. Sowieso war es fraglich, wie sie in der Schule, vor den Augen und Ohren der anderen, an diesen Nachmittag anknüpfen sollten. Es gab keine Worte dafür. Sie zumindest hatte keine.

Als sie um die Ecke bog, wurde sie langsamer und ließ die Sorgen fortziehen. An ihre Stelle trat die Musik, die Melodien und der Rhythmus, die in ihren Kopf zurückkehrten. Sie wünschte sich, sie würde sie nie vergessen, selbst wenn sie niemandem davon je erzählen könnte und auch wenn sie in ihrem ganzen Leben keinen Swing mehr hören würde. Dieser Nachmittag war außergewöhnlich gewesen. Sie ging besser nicht davon aus, dass er sich wiederholen würde.

Sechs

Kriminalrat Tessow hatte sein Büro, mit Hakenkreuzfahne und übergroßem gerahmtem Foto von Reichsinnenminister Frick, im zweiten Stock des Polizeigebäudes an der Stadthausbrücke. Weiter unten saß die Gestapo, die außerdem im Keller Zellen eingerichtet hatte. Neben Tessow residierten die leitenden Beamten der anderen Kripo-Abteilungen, alle mit Besprechungstischen, Porzellanaschenbechern und großen Fenstern zur Straße. Im obersten Stockwerk, wo die Kommissare saßen, ließ sich der Kriminalrat praktisch nie sehen. Wollte er einen seiner Untergebenen außerhalb der morgendlichen Lage sprechen, ließ er ihn zu sich rufen. Gerade in letzter Zeit, als mehrere der Männer Einberufungsbescheide erhalten hatten, war das öfter passiert. Kriminalrat Tessow besaß genügend Respekt vor seinen Mitarbeitern, um einen Kommissar, bevor er sich für dessen Verbleib im Dienst einsetzte, zu fragen, ob er das überhaupt wollte. Im Falle einer Zustimmung schrieb er einen Brief an das Wehrmachtskommando, legte dar, warum ausgerechnet auf diesen Beamten nicht verzichtet werden konnte, bat um Rückstellung und unterzeichnete mit Deutschem Gruß. In der Regel wurden diese Bitten abschlägig beschieden. Die Kollegen aber sahen das Bemühen ihres Vorgesetzten und empfanden Dankbarkeit. In der Grundausbildung taten sie sich dann hervor, weil sie bereits schießen konnten. Nach einigen Wochen wurden sie verlegt, seit Beginn des Russlandfeldzuges in der Regel an die Ostfront.

Als Kriminalrat Tessow nun die Tür zu ihrem Flur öffnete und eintrat, blickten die Kommissare erstaunt auf. Er war ein Herr von 60 Jahren mit länglichem Habichtsgesicht und Nickelbrille, sein dünnes weißes Haar war streng nach hinten gekämmt. Trotz der spätsommerlichen Wärme trug er einen Dreiteiler mit einfarbiger Krawatte. Sein Parteiabzeichen steckte am Revers, über der Weste hing seine goldene Uhrenkette. Hannes Krell fragte sich, was dieser Besuch wohl zu bedeuten hatte, und ging davon aus, dass er eine schlechte Neuigkeiten verhieß, also weitere Einberufungen. Krells Nacken spannte sich an. Er musste an Wiebke denken und stellte sich vor, wie sie eine solche Nachricht aufnehmen würde. Auch die Kollegen schienen nichts Gutes zu erwarten. Sie gaben sich besonders geschäftig, taten so, als durchforsteten sie Akten auf der Suche nach einem übersehenen Hinweis oder als läsen sie konzentriert. Zwei von ihnen zündeten sich beinahe gleichzeitig eine Zigarette an, die Geräusche der Rädchen am Feuerzeug, die sich schnell über die Feuersteine drehten, gingen ineinander über. Kriminalrat Tessow begann eine Runde durch die Abteilung. Er blieb bei Hagemüller stehen, stellte mit vernehmlicher Stimme zwei Fragen zu Fortschritten beim laufenden Fall des Kollegen, wartete die Antwort ab, nickte befriedigt, sagte ein aufmunterndes Wort und zog weiter. Kam zu Idstein, wiederholte die Prozedur. Grüßte den Assistenten Schubert, der aufstand und den rechten Arm hochriss, hielt vor Krell und wollte wissen, wie es bei ihm voranging.

Krell wiederholte, was er bereits am Morgen in der Lagebesprechung gesagt hatte, dass man im Falle Limba nach jetzigem Stand von einem Mord auszugehen habe. Die Ergebnisse der Gerichtsmedizin lägen allerdings immer noch nicht vor.

Kriminalrat Tessow stand vor ihm und schien nachzudenken. Im Saal herrschte Stille. Tessow stützte die Fingerkuppen auf Krells Schreibtisch und beugte sich vor. »Angesichts der Personalsituation«, erklärte er, »sind wir gezwungen, uns auf die wichtigen Fälle zu beschränken. Das gilt ab sofort. Ich hoffe, Kommissar Krell, Sie haben mich verstanden.«

»Die wichtigen Fälle«, wiederholte Krell. »Selbstverständlich, Herr Kriminalrat.«

Tessow trat zwei Schritte zurück, sodass alle ihn sehen konnten, und hielt wie ein alter Soldat die Hände an die Hosennaht: »Meine Herren, ich wünsche allseits einen erfolgreichen Tag.« Er schlug die Hacken zusammen, drehte sich um und verschwand wieder.

Krell sah ihm nach. Nach diesem Auftritt hatte er mehr Fragen als Antworten. Er schaute zu Schubert hinüber, der seinen Blick aber nicht erwiderte. In der Mittagspause fragte er die Kollegen, wie sie Tessows Anweisung verstanden hatte, musste aber feststellen, dass weder Hagemüller noch Idstein oder ein anderer die Worte des Kriminalrates überhaupt mitbekommen hatten. Tessow hatte zwar etwas leiser gesprochen, geflüstert hatte er aber keineswegs.

Krell wiederholte seine Frage an die Kollegen: »Sie haben das wirklich nicht vernommen, meine Herren? Die wichtigen Fälle, das hat er eindeutig gesagt.«

Die Kollegen blieben bei ihrer Antwort und schauten ihn an, als redete er wirres Zeug oder hätte Gespenster gesehen. Krell wechselte das Thema. Er zweifelte dennoch nicht an sich, er hatte die Worte des Kriminalrates eindeutig gehört. Aber warum nur er? Schubert war nicht da. Er würde ihn fragen, fand aber, dass das Zeit hatte. Es war Sonnabend, ein angenehmer Nachmittag mit klarem Himmel, ein paar kräftig weißen Wolken darauf und leichtem Wind. Milde Luft kam durch das offene Fenster. Ob der Fall des toten Limba in Tessows Sinne wichtig war, konnte er einschätzen, aber er war sicher nicht so bedeutend, dass Krell dafür auf einen pünktlichen Feierabend verzichtet hätte. Wenn er es recht bedachte, hatte Kriminalrat Tessow ihm auf seine etwas umständliche Art wohl genau das mitteilen wollen, dass er besser keine weiteren Überstunden anhäufte. Im Falle einer Einberufung würden sie eh ersatzlos verfallen. Man durfte es gemächlich angehen, solange das noch möglich war.

Am Sonntag traf Krell seinen Freund Bernd Euler, der am Heiligengeistfeld bereits auf ihn wartete. Männer in abgetragenen Anzügen, mit fleckigen Hüten oder ausgeblichenen Elbseglermützen zogen in Richtung Stadioneingang an ihnen vorbei. Euler und er kamen, wann immer es ihnen möglich war. Der Fußball hatte sich in den acht NS-Jahren nur wenig verändert. Es gab keine Juden mehr, und mancher Spieler war eingezogen und durch einen ersetzt worden, der aus der eigenen Jugendmannschaft stammte. Das gesamte Sankt Pauli-Mittelfeld bestand inzwischen aus Halbwüchsigen mit rosigen Gesichtern, ebenso der Torwart. Aber der Ball lief nach wie vor.

Krell schüttelte Eulers leicht verschwitzte Hand. Euler hatte ein rundes Gesicht und einen Bauch, sein Atmen war, vor allem, wenn er sich anstrengte, eher ein Schnaufen. Innerlich pflegte Krell ihn seinen »dicken Freund« zu nennen. Euler gehörte zu der Sorte Mann, die sich mit dem Älterwerden nicht veränderten, sein Gesicht blieb rund und faltenlos, die Haare behielten ihre blonde Farbe, die Augen strahlten.

Sie kannten einander, seit sie im Jahr 1927 gemeinsam an einer Serie von Raubmorden in Blankenese und Nienstedten gearbeitet hatten. Nach den ersten beiden Einbrüchen, einer davon mit einem Todesopfer, war eine Ermittlungseinheit eingerichtet worden, der Kollegen vom Raub und vom Mord gleichermaßen angehörten. Zu Euler hatte er vom ersten Moment an einen Draht gehabt. In der Ermittlung allerdings waren sie nicht vorangekommen. Die Täter waren kaltblütig und machten keine Fehler, die Angst wuchs, angefeuert durch die Hamburger Zeitungen, die von einem »Phantomräuber« sprachen, von Geistern, die nie jemand zu sehen bekam. Selbstverständlich stimmte das nicht, irgendwann gab es immer einen Zeugen, in diesem Fall einen Nachbarn mit Schlafstörungen, der aus dem Fenster schaute, die Einbrecher sah und den Notruf wählte. Vier Tote hatte es bis dahin gegeben, darunter zwei Frauen, und eine Serie von elf Einbrüchen. Von den Tätern starb einer auf der Flucht, als ihr Auto frontal mit einem Peterwagen zusammenstieß. Die anderen beiden wanderten ins Zuchthaus.

Es war die Zeit, als Krells zweite Tochter, Mareike, auf die Welt kam. Abends beim Bier fragte er Euler, ob er ihr Taufpate werden wolle. Euler fühlte sich geehrt und sagte zu, und ihre Verbindung erhielt auf diese Weise ihre Stetigkeit.

Sankt Pauli spielte gegen Kiel – kein Renner, aber doch eine Begegnung, die einige Spannung versprach. Euler und er suchten sich stets einen Stehplatz an der Gegengeraden. Der Weg dorthin war zwar etwas weiter, aber er lohnte sich, denn man hatte einen guten Blick aufs Spielfeld. Es war wichtig, rechtzeitig zu kommen, damit nicht zu viele Zuschauer vor einem standen. Den langen Krell störte das nicht, aber Euler war deutlich kleiner, und er hasste es, sich recken zu müssen, um etwas zu erkennen.

Rund um sie füllten sich die Plätze. Ein Westwind wehte, er kam direkt von der See, nicht stark, aber doch so, dass die Luft frisch und sauber schien. Es war immer noch sonnig, nur morgens und abends spürte man die Frische des nahenden Herbstes. Im Radio kamen Erfolgsmeldungen der Wehrmacht aus Russland. Der Vormarsch ging zügig voran. Doch der Winter nahte.

Während sie auf den Anpfiff warteten, erzählte Euler von einer neuen Masche der Einbrecher, die kamen, wenn es Alarm gegeben hatte und die Bewohner im Luftschutzkeller waren. Eine dieser Schlaumeierbanden hatten sie hochgenommen, die drei Beteiligten hatten sie bereits in ihr Hehlerlager geführt. Nun saßen sie in U-Haft, aber es gab andere mit der gleichen Methode.

»Keine schönen Aussichten«, bemerkte Krell. »Entweder fällt eine Bombe und deine Sachen sind verbrannt, wenn du zurückkommst, oder jemand hat die Wohnung ausgeraubt.«

»Wir tun, was wir können.«

»Ich weiß. So war das nicht gemeint.«

Es wurde enger um sie, die Fußballer von Sankt Pauli hatten treue Anhänger. Die beiden Polizisten unterhielten sich leiser miteinander, sie wollten nicht, dass Umstehende sie verstanden, allein schon wegen möglicher Nachahmereffekte. Außerdem war die Polizei in dieser Gegend nicht besonders gut gelitten.

»Und bei dir?«, fragte Euler.

Das war die Frage, mit der Krell gerechnet und die er auch gefürchtet hatte. Er war nicht sicher, ob er Euler einweihen sollte oder nicht. Für beides gab es gute Gründe. Auf der einen Seite gefiel es ihm nicht, dem Freund zu verschweigen, was ihn seit gestern beschäftigte, auf der anderen mochte er ihn nicht belästigen. Jeden Tag gab es in ihrem Beruf Widrigkeiten, nicht nur durch den Krieg, sondern durch die gesamte Neuorientierung seit 1933. Krell wollte nicht, dass Euler, wie es seine Art war, eine Lösung suchte, die man womöglich gar nicht fand.

In der Hamburger Polizei gab es niemanden, der gegen die nationale Erhebung war, zumindest zeigte es keiner. Die gesamte Mordkommission war gleich nach der Machtergreifung per Sammelantrag in die NSDAP eingetreten, lange bevor das neue Beamtengesetz herausgekommen war. Sie alle hatten Stellung beziehen, hatten zeigen wollen, dass sie zum neuen Deutschland gehörten und die Veränderungen befürworteten. So, wie es vorher war, hatte es nicht bleiben können, auch nach Krells Ansicht nicht. Abertausende von Schauerleuten und Werftarbeitern waren arbeitslos gewesen, das Elend allerorten ließ sich mit Händen greifen. Mit der Hitler-Regierung wurde es bald besser, es gab neue Arbeit im Hafen. Als Beamte hatten sie damals ihre Ariernachweise zusammengestellt, für sich selbst, die Ehefrauen, Eltern und Großeltern. In der Mordkommission hatte es keine Juden gegeben, in anderen Dezernaten aber verloren sie ihre Stellung. Was die Kollegen befremdete, war, dass auch diejenigen entlassen wurden, die nur einen einzigen jüdischen Ahnen hatten. Wer mit einer Jüdin verheiratet war, wurde zur Scheidung aufgefordert oder verlor ebenfalls seine Arbeit. Diese Dinge rissen auf der einen Seite Lücken in den Dienstplan, und auf der anderen standen Schicksale, Familien hingen an all dem, die nun sehen mussten, wie sie über die Runden kamen.

»Gibt’s nichts Neues bei euch?«, wiederholte Euler. »Ermittelt ihr nicht?«

»Doch, sicher.«

Die Spieler und der Schiedsrichter liefen bereits ein. Das Publikum klatschte. Während der Partie konnte man schlecht reden, aber noch machten sich die Fußballer warm, deshalb hieß es für Krell, jetzt zu reden oder mindestens bis zur Halbzeit zu schweigen. Er entschied sich für Ersteres und erzählte in Kurzform vom Fall Limba und vor allem von dem seltsamen Satz, den Kriminalrat Tessow gesprochen hatte und der ihm seit gestern im Kopf umherschwirrte.

Euler legte die Stirn in Falten. »Die wichtigen Fälle – was soll das heißen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hast du nachgefragt?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Dazu war keine Gelegenheit. Er ist gleich wieder gegangen.«

Euler drehte den Kopf und schaute Richtung Spielfeld. Die Fußballer liefen immer noch übers Feld, dehnten die Muskeln oder spielten sich den Ball zu. Der Schiedsrichter ging Richtung Mittelkreis. Er würde gleich anpfeifen.

»Ein toter Zuhälter ist kein wichtiger Fall?«, fragte Euler.

»Er war kein Zuhälter. Davon abgesehen weiß ich es nicht. So deutlich hat Tessow das nicht gesagt.«

»Ab wie viel Einkommen bist du denn ein wichtiger Fall?«

»Hör auf«, wehrte sich Krell. »Du verwechselst etwas. Die Anweisung kam nicht von mir. Ich habe sie bekommen.«

»Verzeih«, erwiderte Euler. »Was treibt den Kriminalrat?«

»Ich denke, es geht darum, dass mittlerweile vier von unseren Leuten bei der Wehrmacht sind.«

»Mmmh«, machte Euler.

Während die Mannschaften Aufstellung nahmen, wurde es lauter im Stadionrund. Man hörte vereinzelte Rufe, die den Spielern galten: »Reißt euch am Riemen, Jungs!« oder »Lasst euch nicht wieder überlaufen, sonst stelle ich meinen Opa auf!« oder auch, ein wenig unpassend »Ein deutscher Junge weint nicht!«. Andere lachten oder stimmten zu. Krell nahm wahr, wie alle Augenpaare aufs Feld gerichtet waren. Einige Zuschauer hatten ihre Hüte abgenommen und hielten sie in der Hand, bereit, sie gleich beim ersten Tor in die Luft zu werfen. Die Kieler hatten Anstoß, der Schiedsrichter pfiff an. Im Gegenzug gab es gleich eine Chance für Sankt Pauli, ein mächtiger Schuss aufs Tor. Das Publikum ging mit und feuerte seine Mannschaft an. Nur Hannes Krell war nicht recht bei der Sache.

In den acht Jahren seit 1933 hatte sich viel verändert. Krell hatte zunehmend Zweifel und konnte nichts dagegen tun. Im Radio kamen immer nur Siegesmeldungen, Zeitungen las er schon lange nicht mehr, auch den Völkischen Beobachter nicht, den sie nur deshalb bezogen, weil es Nachfragen vom Blockwart oder von Nachbarn, die sich allzu gern einmischten, verhinderte. Sie nutzten das Papier, um Feuer im Herd anzuzünden. Unter der Hand hörte man von Grausamkeiten der SS in Polen, Griechenland und auf dem Balkan, und die vielen Juden, die abgeholt worden waren, wurden offenbar in riesigen Lagern festgehalten. Ihre Lebensbedingungen konnte man sich unschwer ausmalen. Trotzdem war Krell nicht bereit, den Gedanken zuzulassen, dass alles falsch gewesen war, was er vor wenigen Jahren noch richtig gefunden hatte. Und womöglich stimmte es ja auch nicht, vielleicht waren das nur böse Gerüchte, letztlich würde man es erst in der Zukunft entscheiden können. Inzwischen trieb er in einem Gewässer mit unterschiedlichen Strömungen und wusste nicht mehr, was er glauben sollte. In den Momenten, in denen er sich das eingestand, kam er sich verloren vor.

Wiebke war in dieser Hinsicht viel eindeutiger. Sie hielt es mit ihrem Vater, der schon kurz nach Kriegsbeginn, als er sich mit seinem Schwiegersohn nach einem sonntäglichen Kaffeetrinken eine Zigarre angezündet hatte, eine Weltkarte aus der Schublade gezogen und auf die Länder gezeigt hatte, mit denen Deutschland im Krieg war. Sein Fazit war klar – das konnte nicht gut gehen, die Nazis waren verrückt. Die Erinnerung war für Hannes Krell jederzeit abrufbar, als Vater Kraus die Nickelbrille abnahm, an seiner Zigarre zog und erklärte: »Wenn sich das Reich mit der Sowjetunion anlegt, oder es den Engländern gelingt, die USA in den Krieg zu ziehen, dann ist es mit dem Spuk bald vorbei.« Der alte Mann schloss die Augen. Der Rauch der Zigarre stieg zwischen seinen Fingern auf. »Bis dahin werden viele sterben.«

Wiebke teilte die Meinung ihres Vaters und fand, sie müssten sehen, dass sie selbst durchkämen, zumal sie die Sorge um ihre kränkliche Tochter Mareike hatten. Nicht auffallen, nicht anecken, genug zu essen im Haus haben, einfach überleben – das war ihre Devise. In Krell sträubte sich alles gegen diese Haltung. Ohne echte Überzeugungen war es doch kein Leben, und er war Deutscher, da musste man zu seinem Land stehen.

Als der Schiedsrichter zur Pause pfiff, hatte er kaum etwas vom Spiel mitbekommen. Immerhin wusste er, dass Kiel mit zwei zu eins führte, aber auch nur, weil es auf der Anzeigetafel stand.

»Ich verstehe noch nicht«, sagt Euler, »wie ihr unterscheiden sollt, was ein wichtiger Fall ist und was nicht. Vielleicht kommt das bald bei uns auch, wer weiß? Du wirst also zu einem Mord gerufen – und dann? Nimmst du den Tatort auf? Rufst du die Technik? Sichert ihr Spuren?«

»Das ist unsere Aufgabe.«

»Bis der Herr Kriminalrat sagt – unwichtig, mach was anderes? Oder wie?«

Krell zog die Schultern hoch. Für ihn war die entscheidende Frage, ob es sich bei Tessows Satz um eine Dienstanweisung gehandelt hatte oder ob es eher um das Ermessen der Kommissare ging, um ihren Arbeitsaufwand im Angesicht der reduzierten Personalstärke. Derzeit hatten Schubert und er keinen anderen Fall.

»Ich werde ganz normal weitermachen.«

»Das wird wohl am besten sein«, erwiderte Euler. »Man sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, auch nicht, wenn es vom Kriminalrat kommt.«

Sie schauten der zweiten Halbzeit zu. Das Spiel endete zwei zu zwei, die Zuschauer waren zufrieden. Krell ging mit Euler am Millerntor in eine Kneipe voller Sankt Pauli-Anhänger, wo sie kaum einen Tisch fanden. Sie tranken jeder zwei Biere, dann fuhr er nach Hause, in sein »Dreimädelheim«, wie Euler zu sagen pflegte. Wiebke hatte Abendessen für ihn beiseitegestellt. Mareike, die eine böse Erkältung hatte, schlief bereits. Als er nach ihr sah, lag sie zusammengerollt in ihrem Bett. Er legte seine Finger auf ihre Stirn, Fieber hatte sie nicht mehr. Jette las in ihrem Zimmer. Er begrüßte sie, dann ging er zu seiner Frau zurück. Er erzählte vom Spiel und von Euler, sparte aber sein Rätselraten über Tessows Ausspruch aus. Das fiel nicht weiter auf, denn er redete zu Hause fast nie über seine Fälle. Es galt eine gewisse Pflicht zur Verschwiegenheit, und er wollte auch nicht, dass sich Wiebke aufregte. Er fragte, wie es den Mädchen ging. Ob sein Eindruck stimmte, dass Mareike das Schlimmste hinter sich hatte.

Sieben

Irgendetwas lag in der Luft. Während Jette auf den Beginn des Unterrichts wartete, hatten die uniformierten Schüler mitten im Klassenraum einen Kreis um Björn gebildet, der wie ein Hauptmann auf seine Kompanie einredete, nicht besonders laut, aber eindringlich. Seine Hände waren zwei Fäuste, die auf und nieder fuhren, während er sprach. Das Gesicht war rot, und der Eindruck wurde durch den Kontrast zu seinem flachsblonden Haar noch verstärkt. Die Wangenknochen stachen hervor. Er wirkte wie jemand, der immer bereit war für eine Schlägerei.

Jette beobachtete die Gruppe von ihrer Bank aus, genauso wie die Klassenkameraden das taten. Wenn Björn etwas ausheckte, wurde es gefährlich, zwar nicht für sie persönlich, denn Mädchen behelligten sie nicht, das entsprach, wie sie meinten, nicht deutscher Art. Aber sie hatten jemanden im Visier.

Christians Platz war leer, was wiederum Gregor nervös zu machen schien. Er achtete nicht auf die HJ-ler, sein Blick pendelte zwischen der Tür und Christians Platz. Schließlich stand er auf, ging zu Karl hinüber und zeigte auf den Stuhl neben ihm, der noch an die Tischplatte gerückt war.

»Kommt er heute nicht?«

Karl zuckte mit den Achseln. »Woher soll ich das wissen?«

Die HJ-ler schlugen die Hacken zusammen, als Björn seine Ansprache beendete. Sie hatten irgendetwas beschlossen, und das verhieß nichts Gutes. Wie sie da standen, wirkten sie wie ein Trupp halbwüchsiger Soldaten, die auf einen Angriff warteten. Jette glaubte zu wissen, wen sie sich zum Ziel auserkoren hatten. Christian, den Swingboy, den »Tanzbubi«, wie Doktor Petersen einmal zur Freude der Linientreuen gesagt hatte. Seitdem hatten sie ihren Spitznamen für ihn.

Und Gregor, weshalb war der so unruhig? Jette hielt es für möglich, dass er von ihrem Ausflug nach Altona erfahren hatte. Weil sie meistens zusammen nach Hause gingen, schien Gregor daraus eine Art Anspruch auf sie abzuleiten. Vielleicht war Jette in seiner Vorstellung bereits so was wie seine Verlobte, auch wenn sie über solche Dinge noch nie auch nur ein Wort verloren hatten. Aber warum sprach er sie dann nicht auf den Nachmittag in Altona an, sondern wartete auf Christian? Oder hob er sich die Vorwürfe gegen sie für den nächsten gemeinsamen Heimweg auf? Ihr war nicht wohl bei dem Gedanken, sie überlegte bereits, wie sie ihm nach der Schule entkommen konnte, zumal sie auch eine Bemerkung über ihre Kleidung fürchtete. Sie trug nicht ihre üblichen groben Wollstrümpfe zum Rock, sondern die feinen aus Seide, ihre Schuhe waren blank geputzt und die Haare gewaschen. »Junge Dame«, hatte ihre Mutter beim Frühstück gesagt.

In der Klasse hing eine dumpfe, abgestandene Wärme, obwohl es draußen merklich kühler geworden war. Jette öffnete eines der Fenster. Die uniformierten Schüler standen immer noch beieinander, nun aber in jener Haltung, die man »rührt euch« nannte. Jette war erleichtert, als Doktor Petersen eintrat, sein übliches »Heil Hitler« auf den Lippen. Die Schüler brüllten ihren Gruß und setzten sich, Björn und seine Freunde genauso wie Gregor. Doktor Petersen schloss die Tür, die im nächsten Augenblick wieder geöffnet wurde.

Christian. Zu spät.

Grußlos und ohne irgendjemanden anzusehen, ging er zu seinem Platz. Er hatte es auch diesmal nicht besonders eilig, sondern schritt seelenruhig durch den Klassenraum, sodass alle Welt sah, was er anhatte. Er trug nicht sein Jackett, sondern einen hellen Übergangsmantel, der leicht schäbig wirkte, und hielt dazu einen Regenschirm in der Hand, was nicht weniger britisch aussah als die Karos auf dem Sakko. In aller Ruhe lehnte er seinen Schirm gegen die Wand, zog seinen Mantel aus und hängte ihn an einen Haken. Doktor Petersen stand an seinem Pult, drehte seine Brille durch die Finger und fixierte Christian. Eine Ermahnung stand an, womöglich ein Wutanfall, vielleicht eine Strafe. Björn starrte Christian an, seine Freunde genauso.

Doch Doktor Petersen ignorierte ihn. »Wenn dann endlich alle so weit sind, fahren wir fort. Wo waren wir stehengeblieben?«

Mehrere Arme schnellten in die Höhe. Doktor Petersen rief Elisabeth auf.

»Die Völkerschlacht bei Leipzig.«

Weder lobte noch korrigierte Petersen sie. Die Antwort reichte ihm nicht. Er wartete ein paar Augenblicke, ob von ihr noch ein Zusatz kam. Als das nicht geschah, sagte er selber, was er hatte hören wollen: »Die Völkerschlacht bei Leipzig, ein historischer Sieg Preußens und Deutschlands und selbstverständlich des Ariertums. Welchen Feldherren haben wir sie zu verdanken?«

Die Namen Yorck und Blücher hatte er so oft genannt, dass die Schüler wie im Chor antworteten. Petersen nickte und erwähnte auch die anderen beteiligten Armeen, die Österreicher, Russen und Schweden. Ohne Preußen aber, erklärte er, wäre Napoleon nicht besiegt worden.

Jette hörte nur mit einem Ohr zu. Etwas ging im Klassenraum vor sich, das war deutlich zu spüren, und es hatte mit Christian zu tun. Gregor blickte immer wieder zu ihm, genauso wie Björn von seiner Ecke aus. Nur Christian schien davon nichts mitzubekommen. Er lehnte sich gegen die Stuhllehne, strich sein langes Haar zur Seite, säuberte die Brillengläser, schrieb auch hin und wieder etwas in sein Heft. Seine Bewegungen hatten etwas Provozierendes in ihrer Langsamkeit. Doktor Petersen schenkte ihm keine Beachtung. Wenn er sich meldete, was zweimal vorkam, ignorierte er ihn.

Kaum hatte es geläutet, machte sich Gregor auf den Weg zu Christian. »Ich will dich etwas fragen.« Er zeigte mit dem Daumen Richtung Tür. »Draußen.«

Christian zog die Schulter hoch, als interessiere ihn die Aufforderung nicht weiter. »Von mir aus.«

Nebeneinander gingen sie hinaus, was ein ungewohntes Bild war, weil Christian seine Pausen sonst immer alleine verbrachte. Auch Jette hatte es nicht geschafft, diese seltsame Mauer um ihn zu durchbrechen, über ihre gemeinsame Bahnfahrt und den Nachmittag in Altona hatten sie seitdem kein einziges Wort gesprochen. Sie hatte sich überhaupt nicht wieder mit ihm unterhalten, was sicherlich nicht nur an ihm lag. Wenn sie an ihren Ausflug zurückdachte, stellten sich Freude und Scham gleichzeitig ein, und die Scham kam deshalb, weil sie sich so leicht zu dieser Fahrt hatte überreden lassen, und sie war ein Teil der unsichtbaren Grenze zwischen ihnen. So oder so, sie konnte nicht mit Christian an das gemeinsame Erlebnis anschließen, und das lag nicht nur daran, dass es rund um sie so viele Augen und Ohren gab.

Sie ging den beiden Jungs nach, die auf der Rückseite von Christians Eiche zum Stehen kamen.

»Wir haben eine Jazzplatte zu Hause«, sagte Gregor ohne weitere Einleitung. »Ich habe sie gestern angestellt. Von Count Basie.«

Er sprach den Namen deutsch aus, er klang wie »Kont«. Christian korrigierte ihn und betonte den Namen englisch, »Kaunt«, nicht auftrumpfend, sondern in unaufgeregter Weise. Gregor verbesserte sich schnell. Fast hätte man denken können, er habe sich nur versprochen.

»Ich wollte dich fragen«, sagte er, »ob du Lust hast, sie zu hören.«

»Wo?«

»Bei mir zu Hause.«

Anstelle einer Antwort warf Christian Jette einen Blick zu, und sie verstand, was er wissen wollte. In der Bahn hatte er sie gefragt, ob man ihm trauen könne. Jetzt erbat er eine Bestätigung, vielleicht nur ein leises Kopfnicken. Sie kam nicht dazu, denn plötzlich stand Björn bei ihnen, umringt von seinen Freunden. Wie ein erwachsener Mann presste er seine beiden Daumen in den Koppelgürtel, eine Unteroffiziersgeste, in der eine Drohung lag.

»He, Tanzbubi, ich will von dir wissen, in welcher HJ-Gruppe du bist. Jetzt sofort.«

Christian sah ihn durch seine Brillengläser an, er wirkte erstaunt und machte den Eindruck, als müsse er die Aufforderung des anderen Jungen erst einmal verarbeiten. Seine Reaktion war, wie oft in der Klasse, unaufgeregt, eher nachdenklich. Björn war rot im Gesicht, sein Zorn wuchs mit jedem Moment, den Christian ihn warten ließ. Gewalt lag in der Luft. Fünf uniformierte Schüler standen Christian gegenüber, alle trainiert und bereit, ihre Kräfte einzusetzen. Ob sich Gregor auf Christians Seite schlagen würde, war nicht gewiss, erst recht nicht, ob andere Jungen dazukommen würden. Die meisten waren in einem anderen Abschnitt des Hofes.

Christian verzog den Mund. Nun lag die Andeutung eines Lächelns darauf. »Ich möchte auch vieles wissen und erfahre es nicht.«

Björn rückte näher an ihn heran. »Was zum Beispiel?«, zischte er.

»Zum Beispiel, was dir das Recht gibt, mir solche Fragen zu stellen.«

»Deutschland!«, rief Björn. »Also: welche Gruppe?«

Christian trat einen halben Schritt zurück, er versuchte, den Kreis des rotköpfigen Björn zu verlassen und in den Schutz der Eiche zu gelangen. Dabei pustete er Luft aus, als habe der andere Mundgeruch. Als er antwortete, tat er es in einem Ton, als mache er sich über Björn lustig. »Na, wenn’s um Deutschland geht – ich bin suspendiert.«

»Weshalb?«

Christian schüttelte den Kopf. »Darüber muss ich keine Auskunft geben.«

Björn rückte wieder an ihn heran. Seine Freunde folgten ihm und bildeten einen Halbkreis um ihn. »Oh doch. Das musst du.«

»Nein. Das weiß ich zufällig genau.«

Beide standen so nahe beieinander, dass sie auf den jeweils anderen hätten einschlagen können. Keiner von ihnen rührte sich, Christian wich nicht weiter zurück, Björn griff nicht an. Er hatte seine Daumen immer noch in dem breiten Gürtel eingehakt. Inzwischen hatten sich andere Schüler eingefunden, Mädchen genauso wie Jungen, die einen zweiten Kreis um die Streitenden bildeten. Es war nicht vorherzusagen, wer von ihnen im Falle einer Schlägerei wem helfen würde. Man verdarb es sich nach Möglichkeit nicht mit den HJ-lern, denn die vergaßen nie und konnten einen überfallen, besonders wenn man allein war. Zudem schützte sie ihre Uniform. Wenn ein Lehrer eingriff, bekamen sie nie die Schuld.

»Wenn er eine Krankheit hat«, mischte sich Gregor ein, »muss er einem Kameraden darüber nicht Auskunft geben, sondern nur einem Vorgesetzten.«

Es war nicht klar, ob er eine offizielle HJ-Vorschrift zitiert oder sich das gerade ausgedacht hatte.

»Das ist einfach so«, setzte er hinzu.

Björn schaute von Gregor zu Christian und wieder zu Gregor. Sein Mund stand halb offen, er zog die Daumen von seinem Gürtel und ballte die Fäuste. Nicht nur die Umstehenden, auch seine Freunde warteten auf seine Entscheidung. Kämpfen oder nicht kämpfen. Nichts bewegte sich. Es war ein Moment, in dem die Zeit eingefroren schien.

Schließlich sagte Björn: »Ich werde mich erkundigen. Diese Sache ist noch nicht zu Ende.« Mit einer energischen Kopfbewegung zur Seite zog er ab. Seine Freunde folgten augenblicklich. Auch der Kreis der anderen Schüler löste sich auf, wenn auch deutlich langsamer. Hier und da wurden Bemerkungen gemacht oder gelacht.

Jette blieb zurück, Elisabeth mit ihr. Christians Entscheidung stand noch aus, seine Antwort auf Gregors Frage. Gregor wartete sichtlich darauf, und als sich Christian nicht äußerte, sagte er: »Also, was ist?«

»Count Basie. Verlockend. Ja, warum nicht? Wo wohnst du?«

Gregor nannte ihm seine Adresse.

»Und wann?«

»Heute Abend?«

»Einverstanden. Vielleicht bringe ich auch zwei oder drei Platten mit.«

»Gute Idee«, sagte Gregor.

»Ich möchte auch kommen«, rief Elisabeth. »Darf ich?«

»Dann bin ich auch dabei«, sagte Jette.

Noch mehr als am Morgen beschäftigte Jette die Kleiderfrage. Es gab gute Gründe dafür, sich umzuziehen, und stichhaltige dagegen. Der graue Rock, den sie anhatte, war bequem, aber man sah ihm an, dass er abgetragen war, die Falten hielten nicht mehr richtig, die Farbe war ausgeblichen, der Bund ausgeleiert und deshalb zu weit. Sie besaß einen schickeren, er lag in ihrem Schrank. Bliebe sie in dem alten, würde sie sich darin wohlfühlen, käme sich aber ähnlich provinziell vor wie neulich bei Christians Freund in Altona. Wenn sie den neuen anzöge, würden es Elisabeth und Gregor und vielleicht auch Christian merken und sich ihren Teil denken, nämlich, dass sie auffallen wollte. Sie konnte sich nicht entscheiden. Erst als es schon dämmerte und sie sich auf den Weg machen musste, ging es schnell. Sie wusch sich gründlich mit dem Schwamm, kämmte sich, ließ die Seidenstrümpfe an, nahm den guten Rock und eine frische Bluse dazu. Ihr Vater war noch bei der Arbeit, ihre Mutter räumte die Küche auf.

»Oh«, machte sie. »Gehst du aus?«

Jette war auf die Frage vorbereitet, auch wenn sie einen so spitzen Ton nicht erwartet hatte. Sie gehe zu Gregor, sagte sie, der ihr etwas in Physik erklären wolle, das sie nicht verstanden habe. Es war eine halbe Lüge. Sie drehte sich weg, damit ihre Mutter ihr Gesicht nicht sah, falls es rot wurde. Zum Glück hatte sie sich wieder dem Geschirr zugewandt, das sie in den Schrank räumte. »Komm nicht so spät zurück.«

Gleichzeitig mit Elisabeth traf Jette bei Gregor ein. Neben dem Messingschild mit dem Namen »Jacoby« drückten sie auf die Klingel. Während sie warteten, nahm Jette wahr, dass ein süßlicher Duft von Elisabeth ausging, und als sie genauer roch, wurde ihr klar, dass ihre Freundin ein Parfum benutzt hatte. Elisabeth war weiter gegangen als sie selber, sie hatte sich mehr getraut, worüber Jette sich ärgerte. Sie wusste nicht einmal, ob ihre Mutter überhaupt Parfum besaß.

Gregor führte sie ins Wohnzimmer. Jette war schon öfter in diesem Raum gewesen, sie kannte die Holzvertäfelung, die beiden braunen Ledersofas, die in Form eines großen L aneinandergestellt waren, das Bücherregal und auch das Hitler-Porträt an der Wand, das deutlich größer war als das bei ihr zu Hause und in einem verschnörkelten Rahmen hing. Auf dem Esstisch lag eine Platte in Papierhülle. Es war die, von der Gregor am Morgen gesprochen hatte. Ein schwarzer Mann am Klavier war auf dem Foto. Count Basie. Jette erinnerte sich daran, wie Christian den Namen ausgesprochen hatte.

Elisabeth stand neben ihr und schaute das Foto ebenfalls an. Jette stieg wieder der süßliche Duft ihres Parfums in die Nase. Sie hatte sich ebenfalls umgezogen, und doch gab es einen Unterschied: Elisabeth war zusätzlich geschminkt. Auf den Augenlidern war schwarze Farbe, auf den Wangen rote, beides ganz leicht, aber so, dass man es sah. Mit ihren Wimpern hatte sie auch etwas gemacht, sie standen einzeln heraus und fielen auf.

Jette verkniff sich eine Bemerkung, die ihren Ärger nur schlecht kaschiert hätte. Sie kam sich blöd vor, als hätte Elisabeth sie bei einem Wettlauf überholt, bei dem sie selbst im Vorfeld siegesgewiss gewesen war.

»Er wird schon noch kommen«, meinte Gregor. Er meinte Christian.

Unschlüssig standen die drei Jugendlichen im Zimmer, betrachteten abwechselnd die Plattenhülle auf dem Tisch, die sie inzwischen kannten, und wussten nicht recht, was sie tun sollten. Endlich klingelte es, Gregor öffnete und kehrte mit Christian zurück, der sich ebenfalls umgezogen hatte, er trug nun wieder sein kariertes Jackett und ein weißes Oberhemd. Unter dem Arm hatte er ein paar Schallplatten, fünf vielleicht oder sechs, die er auf dem Tisch ablegte.

Gregor staunte. »Wo hast du die alle her?«

»Gerettet, als unser Haus bombardiert wurde.«

»Und wie?«

»Ich hatte sie immer bereitliegen. Wenn wir in den Keller mussten, habe ich sie mitgenommen.«

»Klasse«, rief Gregor.

Christian nahm die Hülle von Gregors Platte in die Hand, ließ die schwarze Scheibe herausrutschen und legte sie auf das Grammofon. Er brauchte nicht zu fragen, wie man es bediente, er wusste es. Count Basie war, wie auf dem Plattenfoto zu sehen, ein Pianist. Neben ihm gab es Bläser und Schlagzeuger, die Instrumente harmonierten, aber gleichzeitig waren sie viel freier als in einem Orchester. Die Musik hatte etwas Schnelles und beinahe Vibrierendes. Jette setzte sich auf eines der Sofas und schlug wie eine Erwachsene die Beine übereinander. Elisabeth hockte sich neben sie, während Gregor das andere Sofa nahm. Als das Lied zu Ende war, hob Christian den Arm des Grammofons, drehte die Platte um und stellte die andere Seite an. Die Instrumente waren noch deutlicher zu hören als auf der ersten Seite. Elisabeth bewegte vorsichtig die Fußspitze im Takt. Gregor hatte den Kopf auf ein Kissen gelegt und die Augen geschlossen. Die Musik schien ihn zu verzücken.

»Sind deine Eltern da?«, fragte Christian ihn.

»Nein.«

»Und kommen auch nicht gleich zurück?«

»Ich glaube nicht. Warum fragst du?«

»Pass auf – hör zu.«

Er legte eine von seinen Platten auf. Bläser spielten, und eine Frauenstimme sang auf Englisch. Aber es war nicht nur Englisch – dazwischen kam eine Zeile, die man verstehen konnte, zumindest ungefähr.

»Was bedeutet: Bei mir bistu shejn?«, fragte Jette.

»Bei mir bist du schön«, sagte Christian und schaute sie und Elisabeth abwechselnd an. »Ich finde dich schön.«

»Welche Sprache ist das? Doch nicht Deutsch«, meinte Elisabeth.

»Das ist Jiddisch.«

Nach diesem Wort herrschte Schweigen. Nun war nicht mehr zu leugnen, dass sie etwas Verbotenes taten, alle wussten es. Es war der Apfel, und sie bissen hinein. Erst die Musik eines schwarzen Mannes und jetzt auch noch Jiddisch. Jette hatte diese Sprache noch nie gehört, sie hatte nicht einmal gewusst, dass es sie gab. Aber hier war sie, zusammen mit Englisch. Bei mir bistu shejn. Offenbar war dieses Jiddisch dem Deutschen so ähnlich, dass man die Wörter und sogar ganze Sätze verstand, vielleicht nicht alle, aber viele. Und wen fand Christian nun shejn? Sie – oder Elisabeth?

»Wahnsinn«, meinte Gregor, als das Lied zu Ende war.

Christian nahm die Platte, ließ sie zurück in ihre Hülle gleiten und legte eine andere auf, wieder eine von denen, die er mitgebracht hatte. »Dann hör dieses. Es heißt In the Mood. Glenn Miller und sein Orchester.«

Sofort setzte das Vorwärtstreiben wieder ein, das Jette in der Wohnung von Erik so sehr aufgefallen war, diesmal auf ruhigere, irgendwie undramatische Art. Lässig, dachte sie. Christian setzte sich neben Gregor auf das zweite Sofa. Sein Kopf nickte im Takt, genauso wie an jenem Nachmittag in Altona. Diese Musik passte unglaublich gut zu ihm. Sie war klar und zugleich rätselhaft, voller unbekannter Melodien. Es war eine Tanzmusik, das spürte Jette in ihren Beinen, die sich bewegen wollten, und im ganzen Körper. Sie stellte sich vor, erwachsen zu sein, diese Musik hören zu dürfen und nach ihr zu tanzen, in einem Lokal mit vielen anderen ausgelassenen Leuten. Es war ein schönes Bild, das da in ihrem Kopf auftauchte.

Elisabeth stand auf, ging die drei Schritte auf das andere Sofa und Christian zu und streckte ihre Hand aus. »Zeig mir doch mal ein paar Tanzschritte dazu.«

Augenblicklich kehrte Jettes Ärger zurück. Sie war ein Hase, Elisabeth aber der Igel, der immer schon da war, wenn sie kam. Sie hoffte, Christian würde sie abweisen. Er wirkte überrascht und rückte seine Brille zurecht, aber dann nickte er, kam ebenfalls hoch, nahm ihre Hand und umfasste ihre Hüfte. »Das ist ganz einfach. Der Grundschritt geht so: zurück – vor – vor.«

Jette biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte vom Erwachsensein nur geträumt, Elisabeth dagegen wartete nicht auf eine ferne Zukunft, in der man alt genug war, um in die Tanzlokale zu gehen. Wie mit Schminke und Parfum war sie auch hier mutiger und geistesgegenwärtiger gewesen, und das Ergebnis war, dass sie dort mit Christian stand, eine Hand in seiner, die andere auf seiner Schulter, und die Schritte lernte, die er ihr beibrachte.

Acht

Es gab damals, nach dem Weltkrieg, weit mehr Arbeitswillige als Beschäftigung, ein ganzes Heer abgemagerter Gestalten, Kriegsheimkehrer fast alle, mit schmutzigen Anzügen und stinkenden Hemden, eingeschränkt durch Verletzungen und Amputationen, und dennoch bereit, alles zu tun, wenn sie nur am Abend nicht mit knurrenden Mägen ins Bett gehen mussten. Morgens hatte man sich vor 6 Uhr am Sammelpunkt auf dem Millerntorplatz einzufinden. Meistens war es kalt und windig. Krell besaß keinen Mantel, sein Wollpullover hatte Löcher, den Hosenbund musste er mit einem Strick an seiner Hüfte festbinden. Wenn ein Lastwagen mit offener Ladefläche vorfuhr oder ein Vorarbeiter vom Hafen heraufkam, wurde er nur selten ausgesucht, fast immer waren es andere, die den Vortritt erhielten, auch Männer, die nicht gerade kräftig aussahen und nicht richtig gehen konnten. Es dauerte eine Zeit lang, bis Krell den Grund verstand. In diesen Wochen konnte er seine Miete nur mit Mühe aufbringen und manchmal auch gar nicht. Er aß noch weniger als in der letzten Kriegsphase, an Bier oder Tabak war nicht zu denken. Das Geheimnis war, die Vorarbeiter zu schmieren. Wenn man nach einem Arbeitstag Lohn bekommen hatte, gab man ihnen etwas davon ab und nannte den eigenen Namen. Sie ließen die Münzen augenblicklich in ihren Taschen verschwinden, merkten sich aber, wer sich gut mit ihnen gestellt hatte. Als er das verstanden hatte, wurde seine wirtschaftliche Lage besser. Nun ging er abends ab und zu in die Kneipe.

Seine Vermieter in der Seilerstraße, ein Ehepaar, das nur Platt sprach, hatte Mitleid, wenn er die Miete nicht zahlen konnte. Im ersten Jahr ließen sie ihn das Dach reparieren. Ihr Haus stammte aus der Kaiserzeit, es hatte ein Spitzdach. Aus seinem Mansardenfenster kletterte er hinaus und schob sich halb liegend höher. Gelegenheiten zum Festhalten gab es nur wenige, den Schornstein und ein paar Griffe. Die Ersatzpfannen hatte er in einem Lederbeutel, der um den Bauch gebunden war, das Bitumen in einem Eimer, den er hinter sich herzog. Er wechselte einzelne Dachpfannen und schmierte die Kanten am Schornsteinblech mit der dickflüssigen schwarzen Farbe ein, damit dort kein Wasser eindrang. Die Angst abzustürzen wurde weniger, mit den Tagen lernte er, sich sicherer auf dem Dach zu bewegen und niemals nach unten zu schauen. Als Frost kam, war er fertig mit der Arbeit. Danach strich er das Treppenhaus und arbeitete dabei so, dass er nur die eine Hälfte des Aufgangs mit Zeitungspapier auslegte und malerte, damit man die andere benutzen konnte. Mehr Fleisch auf die Rippen bekam er nicht. Wenn er sein Hemd vorm Schlafengehen auszog, stachen sie hervor, er fand sich einem Skelett ähnlicher als einem Mann, einem Skelett von einem Meter 90. Die »Große Freiheit« blieb Hohn in seinen Ohren. Was nützte einem die Freiheit, wenn man immerzu damit zu tun hatte, satt zu werden. »Großer Hunger« wäre ein passenderer Straßenname gewesen. Immerhin kam er über die Runden, zumindest bis die Zeit der schnellen Geldentwertung begann. Dann kehrte mit einem Schlag der Mangel zurück, das ewige Magenknurren, denn selbst, wenn er gleich nach Feierabend in ein Geschäft eilte und allen Lohn ausgab, bekam er kaum etwas für sein Geld, gerade mal ein Stück Brot und Margarine, selten ein Stück Butter oder Wurst.

In dieser Zeit ließ sein Überlebenswille, der ihn durch die ersten beiden Jahre getragen hatte, nach. Lange Stunden lag er auf seinem Bett unter der Dachschräge, die Hände unter dem Kopf verschränkt, und oft gingen ihm dabei Bilder vom Krieg durch den Kopf. Als er begann, war er 15 gewesen und fand wie alle anderen, die Lage sei eindeutig, das Reich müsse die arroganten Franzosen und Engländer mit aller Macht in die Schranken weisen. Er war Schüler, verfolgte zusammen mit seinen Klassenkameraden die Kriegsberichte und lernte dabei die Namen europäischer Städte und Flüsse kennen. Zwei Jahre später meldeten sich Gleichaltrige aus seiner Umgebung, um das Vaterland zu verteidigen, ganze Klassen, die es kaum abwarten konnten, in die Schlacht zu ziehen, doch in seiner Altonaer Schule standen die Lehrer heimlich den Kommunisten oder der USPD nahe und hielten durch spitze Bemerkungen den Patriotismus ihrer Schüler im Zaum. Bei Krell war es am Ende sein Vater, der sagte: »Hannes, wenn das Vaterland ruft, kann man nicht an der Seite stehen. Das wäre feige.«

Das war kurz vor seinem 17. Geburtstag gewesen. Ein Vierteljahr später begann er seine Grundausbildung in einer Kaserne in der Lüneburger Heide. Mit ihm war sein Schulkamerad August Nowack, der aus einer Soldatenfamilie stammte. Diese zehn Wochen waren in seiner Erinnerung zusammengewachsen zu einer Mischung aus andauerndem Grüßen und Schlamm, durch den sie immerzu robben mussten, aus Bohneneintopf, der ihnen mit einer Kelle abends in die Schüssel geschöpft wurde, und der Quälerei ihres Korporals, der stets eine Reitgerte in der Hand hatte und sie bei kleinsten Fehlern auf die Knie zwang. Zusammengekauert hatten sie ihm die Stiefel zu küssen, während sie um Vergebung baten, und um einen knallenden Strich mit der Gerte kamen sie trotzdem nicht herum. Einzelheiten konnte er auf seinem Mansardenbett in der Seilerstraße nicht mehr unterscheiden, die Bilder waren verschwommen, er hörte nur einen fernen Nachklang der gebrüllten Flüche des Ausbilders.

Der Krieg selbst dagegen war in ihm höchst lebendig. In Belgien regnete es noch öfter als zu Hause, der Himmel war grau, als gäbe es keine anderen Farben, und immerzu hatte man den Knall von Schüssen oder Explosionen im Ohr. Oft sah er vor seinem inneren Auge den Tag, an dem er in Flandern verschüttet worden war. Als die Granatensalve in ihrer Stellung einschlug, war er in der Hocke, er hatte sich gerade gebückt, um neue Munition aufzunehmen. Der Einschlag war so schwer, dass die Stützpfeiler wegbrachen, es knirschte und knackte, instinktiv drehte er den Kopf zur Seite, doch im nächsten Moment rutschten Sand und Erde auf ihn, eine Lawine, die ihn begrub. Er lag auf dem Bauch, lebend und bei Bewusstsein, die Augen geschlossen, den Mund gerade so weit offen, dass er die Luft, die in einer Art Blase unter ihm war, einatmen konnte. Nun kommt der Tod, dachte er. Sein Verstand war hellwach, er zeigte ihm Bilder seiner Mutter, die vor Kurzem an einer Lungenentzündung gestorben war. Es schien ihm, als riefe sie ihn zu sich. Sich zu befreien, war nicht möglich, die Erde über ihm war schwer wie Blei, er konnte weder Arme noch Beine bewegen. Die Zeit verging, er fragte sich, wie lange er warten müsse und ob er an Atemnot sterben würde, an Sauerstoffmangel. Aber plötzlich riss ihn jemand an seiner Uniformjacke in die Höhe. Nowack, dem eine Blutspur über der Stirn lag. Er hatte seinen Helm verloren, ein Splitter hatte ihn am Kopf getroffen, er steckte noch darin, deshalb sah Nowack aus wie ein Einhorn. Seine Haare und ein Auge waren verschmiert.

»So eine Scheiße«, schrie Nowack. »Sieh dir diese Schweinerei an.«

Krell hatte Sand und Erde am ganzen Körper, im Mund, in den Augenwinkeln, in den Stiefeln, selbst im Po. Er spuckte aus und musste sich kratzen und in der Nase bohren. Meterweit war die Grabenwand eingebrochen. Überall waren Schwerverletzte und Tote. Manche lehnten sitzend an einer Wand, die Köpfe auf die Schultern gesunken, als würden sie ein Nickerchen machen, andere lagen ausgestreckt da, ihre Gewehre in der Hand; einige hatten die Augen geschlossen, während neben ihnen welche zum Himmel starrten und zu grinsen schienen. Die Sterbenden riefen nach ihren Müttern, entweder schreiend oder wimmernd, aber immer mit dem gleichen Wort: »Mami, Mami!«

Wie auf Kommando hob plötzlich Geschrei an. Es kam aus verschiedenen Richtungen, drang aber nur wie durch einen Filter in Krells sandige Ohren. Er kam sich vor, als sei er unter Wasser. Unter lauten Rufen kamen Sanitäter herbeigelaufen, ihre Tragen und Rotkreuzkästen in der Hand, sie hielten die Rücken gebeugt und die Köpfe eingezogen. Ein Leutnant brüllte ununterbrochen irgendwelche Befehle und fuchtelte wild mit den Armen. Für Krell sah er aus wie ein Hampelmann, an dessen Schnüren jemand zog, überhaupt war alles Geschehen ein einziges Puppentheater, er selbst saß im Publikum, in der letzten Reihe, unendlich weit weg von der Bühne. Die Worte der Kommandos verstand er nicht, er schob sich erneut einen Finger ins Ohr und drehte ihn, um den Sand herauszukratzen. Aber es wurde nicht besser. Der Leutnant schrie immer weiter, sein Mund war aufgerissen, Speichel lief heraus. Krell hörte nichts als dumpfe Laute. Nowack mit seiner blutigen Stirn hatte sein Gewehr gegriffen und war hinter dem kümmerlichen Rest ihres Grabens in Deckung gegangen. Endlich begriff Krell – der Feind kam. Die Franzosen glaubten, nach den Granatentreffern leichtes Spiel zu haben. Hunderte von ihnen rannten über das Feld auf sie zu. Auch sie machten Krach, sie brüllten. Von ihnen verstand Krell ebenfalls kein Wort. Aber er sah die aufgerissenen Mäuler.

Als Nowack zu schießen anfing, griff sich Krell ein herumliegendes Maschinengewehr mit Stütze und platzierte sich neben seinen Schulfreund und Retter. Er feuerte anders als zuvor, schoss, obwohl er ein Maschinengewehr hatte, nicht schnell und gestreut, sondern präzise. Ihn überkam eine ungekannte Lust zu töten. Er wartete mit dem Abdrücken, bis er sicher war, den Angreifer zu erwischen, und zielte genau, in den Kopf, auf die Augen oder ins Herz. Es jagte ihm Freudenschauer den Rücken herunter, wenn er die Franzosen vor sich zusammenbrechen sah. Mancher stürzte mitten im Lauf und stand nicht wieder auf, andere suchten Deckung hinter ein paar Sträuchern. Aber die Pflanzen waren so mickrig, dass Krells Kugeln durch sie hindurchgingen. Die Blätter rissen auf und stoben davon und würden niemandem mehr Schutz bieten.

Große Teile ihrer Munition waren verschüttet, aber es gab links und rechts neben ihm viele tote Soldaten, die ihre Waffen nicht mehr benötigten. Krell unterbrach sein Schießen nur, um sich ein neues Gewehr zu nehmen. Wie unter seiner Erdlawine verlor er erneut alles Gefühl für die Zeit, empfand weder Hunger noch Durst, spürte keine Erschöpfung, sein Verstand war wach, auch wenn er nichts hören konnte, die Augen waren weit geöffnet, sein Blick fiel auf immer neue Angreifer, die er niederstreckte.

Nowack wurde an diesem Tag ein zweites Mal getroffen, diesmal tödlich. Ohne eine Spur von Entsetzen oder Mitleid nahm Krell auch sein Gewehr, als er ein neues brauchte. Er schoss immer weiter, so lange, bis der Angriff der Franzosen abgewehrt war. Am Ende wurde der Einsturz für ihn ein Glück, abends durfte er mit den restlichen Überlebenden den Graben verlassen. Auf einem Lastwagen fuhr er in die Etappe. Zum ersten Mal seit Wochen badete er in einer Wanne, schlief er wieder in einem Bett, zu Mittag gab es eine warme Mahlzeit, und ein Dach schützte vor dem beschissenen belgischen Regen. Er besuchte seine Kameraden in einem Lazarett, in dem es nach Schweiß, Urin und Desinfektionsmittel roch. Den meisten wurden Arme oder Beine amputiert, sie waren verzweifelt und fragten ihn, was nun werden solle, wie sie je eine Arbeit finden würden. Seine Antwort, dass sie doch froh sein könnten, noch am Leben zu sein, klang schal. Er ging nicht wieder hin. Da er nicht verletzt war, durfte er nur ein paar Tage bleiben, gerade solange, bis er wieder hören konnte, dann fuhr er erneut hinaus und stieg in den nächsten Graben. Dort glaubte er, er würde den Verstand verlieren, er sabbelte wie aufgezogen, konnte sich weder setzen noch hinlegen, sondern schritt immerzu auf und ab, und es juckte ihn am ganzen Körper. Das sei bloß der Frontkoller, meinte sein Hauptmann, den hätten viele. Er versorgte ihn mit einer Extraration Schnaps.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
353 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839269305
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