Kitabı oku: «Die Kinder der Wellen»

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Claus Bork

Die Kinder der Wellen

Saga

Die Kinder der WellenÜbersetzt vonSusanne Richter Originaltitel Bølgernes BørnCopyright © 2015, 2019 Claus Bork and und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711800072

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Personenliste


Dandar Das Land in dem das Abenteuer der Wellenkinder geschieht.
Balder Ein Knabe, der in Dorntal aufwächst, um Herauszufinden, daß er den Thron erben soll, aber bis dahin muß er sich als würdig erweisen.
Roja Die Frau, die seine Begegnung mit der Liebe wird.
Lothar Der, der Balders Vater tötete und ihn so vom Thron verdrängte. Lebt auf seiner Burg in Orsk.
Enjal-Zauberin Die die Lügen sät, wo immer Lügen wachsen Können. Schmiedet ihre Ränke von Wolftal aus.
Zarakor Der Fürst der Furcht in Schattental.
Die Nachtwanderer Zarakors Gesandte.
Javer Der Zauberer, der die Wege des Schicksals kennt.
Tentor Balders Pferd.
Rowl Enjals Wolf aus Wolftal.
Der Schwarze Saron Balders Pflegevater, der Schmied in Dorntal.
Saronrogn Der eigene Sohn des Schwarzen Saron.
Jord Faro Der Wirt von Braunhöhe, wo Balder Javer trifft.
Ydelwynd Das Land und der See am Rande der Berge am Ende der Welt.

Der Fluch

Ein kalter, feuchter Wind jagte durch den Wald, wand sich zwischen den Bäumen hin und her...

Die Stämme waren dick und knorrig. Sie waren so alt wie die Welt selbst, sagte man. Sie standen so majestätisch da. Etwas gebeugt, wenn man genau hinsah, aber nichtsdestotrotz war etwas Stolzes an ihnen. Am Ufer des Sees hörte ihre Verbreitung auf.

Das Wasser gluckerte zwischen den Steinen, und der Wind erzählte im Schilf mit seiner flüsternden Stimme.

Und weil es Herbst war, fielen die Blätter von den großen Baumkronen und legten sich wie ein dämpfender Teppich über den Waldboden und wie kleine Boote auf die Kräuselungen des Sees.

Weil es früher Abend war, war die Sonne hinter den Baumspitzen untergegangen und hatte oben am Himmel einen flammenden Feuerschein hinterlassen. Die Dunkelheit lauerte zwischen den Bäumen und hinter dem Wald, wartete darauf, daß die Sonne verschwinden würde und sie hervorkommen ließ. Der Herbst, stark in seinen kräftigen Farben, erfüllte die Luft mit Düften und erinnerte daran, daß der Winter nicht mehr weit war.

Das Geräusch von schleppenden Füßen hallte zwischen den Bäumen wieder, nahm langsam zu und hallte über den See. Schwere, müde Schritte waren von einem zu hören, der sich durch die feuchten Blätter schleppte.

Er lief stöhnend zwischen den Bäumen davon, so müde, daß er manchmal die Balance verlor und mit der Schulter oder einem Arm gegen die grobe, knorrige Rinde eines der großen Bäume schlug. Dann stieß er einen leisen Fluch aus, hielt an, blieb etwas stehen, um sich zu erholen, keuchte nach Luft und lief weiter.

Er war ein alter Mann.

Seine runzligen Hände zogen den Hut um das Gesicht mit den tiefblauen Augen und dem dichten, grauen Bart zusammen, der unter der Nase und an den Mundwinkeln leicht vergilbt war.

Er lauschte. Die Augen warfen furchtsame Blicke in die Schatten. Zusammengekniffen, spähend...

Er hörte es. Dröhnenden Hufschlag von Pferden - vielen Pferden in hitzigem Tempo auf dem Weg hinter ihm. Er hoffte auf die Dunkelheit. Die Dunkelheit, die ihn verstecken und von den Verfolgern befreien könnte.

Er lief weiter mit dem schwarzen Mantel, der in der Luft hinter ihm her flatterte. Den Hut hielt er mit der einen Hand zusammen, während er versuchte, mit der anderen die Äste beiseite zu schieben.

Dann mußte er stehenbleiben.

Die Augen wurden groß und suchten unter dem Hut nach einem anderen Weg fort von hier. Aber es gab keinen.

Ein See lag vor ihm wie eine große, spiegelblanke Fläche und setzte eine Grenze, wie weit er gelangen sollte.

Er drehte sich um und versuchte, zu entspannen. Es war überstanden. Langsam richtete er sich auf und fand die Würde wieder. Darauf zog er seine gekrümmte Hand aus dem Mantel, hob eine Kristallkugel hoch und starrte in sie hinein. Aber da war nichts - sie war leer.

Er seufzte leise.

Reiter sprengten zwischen den Bäumen hervor. Der Lärm nahm zu, ein Getöse in der Dämmerung verkündete seinen Tod, wie den von so vielen anderen vor seinem.

Er schloß die Augen, lächelte still vor sich hin, während das Gedonner der Pferde an Stärke zunahm, ihn umschloß und einen Augenblick so stehen ließ, allein mit seinen eigenen Gedanken.

Der Junge - ihn hatte er an einem sicheren Ort versteckt. Dort würden sie ihn niemals finden. Ihm fehlte nur das letzte - den Fluch auszusprechen...

Er öffnete die Augen - langsam, wie jemand, der aus einem Traum erwacht.

Sie hatten um ihn herum Aufstellung genommen, zehn - zwölf Meter weg. Vierzig schwarze Pferde erreichten in einem Halbkreis das Ufer zu beiden Seiten seiner gekrümmten, einsamen Gestalt. Sie rasselten mit dem Zaun zeug, eine letzte Symphonie zu Ehren von ihm.

Er brauchte seine Sinne, sandte seine unsichtbaren Fühler aus, las was sie dachten und fühlten, als sie ihm begegneten – Angesicht zu Angesicht.

Sie fürchteten ihn, und die Furcht machte sie unentschlossen. Nur die Angst vor dem Führer trieb sie mit einer furchtsamen, bebenden Wut voran.

Der größte von ihnen lehnte sich vor mit seiner einen Faust, die in einem Handschuh steckte, in die Seite gedrückt.

Er schimmerte blank an den Stellen seines Körpers, die sein schwarzes Gewand nicht bedeckte. Nur sein Gesicht mit dem kräftigen Unterkiefer war nicht von dem Panzerhemd bedeckt.

"Worüber grinst du, alter Mann?" Das war er, den sie Lothar nannten. Lothar Hug, wenn man es genau wissen will.

"Hmmm…" seufzte der Alte. Das war seine Antwort.

"Alter Narr," sagte der Große auf dem Pferd. "Wir haben eine Rechnung offen. Aber erst sollst du mir noch etwas erzählen."

Der Alte schloß die Augen, fühlte die glatte, kühle Kristallkugel zwischen seinen schlanken, runzligen Fingern.

Die Pferde schlugen mit den Hufen. Es waren ungeduldige Pferde, ungeduldig, wie ihre Reiter.

"Töte ihn," flüsterte einer.

Er hörte es ganz deutlich - hörte jeden einzelnen von ihnen seinen Tod durch die zunehmende Dunkelheit flüstern.

"Wo ist der Bengel?" fragte der Anführer.

Der Alte antwortete ihm nicht sofort.

"WO IST ER HIN?" rief er, sodaß es zwischen den Bäumen dröhnte.

Der Alte öffnete die Augen, sah auf die Räuber, seine Mörder und die Pferde...

"Er ist außerhalb deiner Reichweite," antwortete er leise. Dann hellte sich sein müdes, zerfurchtes Gesicht auf mit einem zufriedenen Lächeln, das bis zu den Augen reichte.

"Du findest ihn nie, auch wenn du dein ganzes Leben dafür brauchst."

Die Pferde stampften die Hufe in die weiche Erde.

Es sang in der Luft, ein harter Ton mit einem harten Klang, als Lothar sein Schwert aus der Scheide zog und es drohend über seinen Kopf hob.

Der Himmel war rot wie Blut zwischen den schwarzen Armen der Baumkronen, die sich nach oben streckten, ohne etwas zu erreichen.

Die anderen machten es wie er. Zogen die Schwerter mit dem gleichen, kalten Geräusch in der Stille.

"Ich bin jetzt König," sagte Lothar und sah sich um. Die anderen nickte zustimmend.

Der Alte sah ihn an und schüttelte traurig den Kopf.

"Du wirst nie König," sagte er mit Nachdruck. "Es gibt nur einen König..."

Lothar entblößte seine gelben Zähne mit einem breiten Grin-sen.

"Es gab!" triumphierte er. "Er ist tot. Mein Schwert ist immer noch blutig."

Die anderen zeigten ihre Zähne und machten seine Art, zu Grinsen, nach.

Die Klingen schimmerten in der Dämmerung. Es war so still an diesem Abend am See.

"Ich gebe keinen Heller für dich und deine Zauberkünste," sagte Lothar hart. "Du kannst dich jetzt nicht mehr selbst befreien."

"Hast du Angst vor mir?" fragte der Alte.

"Ha!" antwortete Lothar.

"Ich kann einen Fluch über dich und deine Söldner verhängen," sagte der Alte langsam. "Wenn du wagst, es mich tun zu lassen..?"

"Mach was du willst," spottete Lothar. "Ich fürchte niemanden."

Der Zauberer hob die Hand mit der klaren Kristallkugel hoch über seinen Kopf, während er sie beobachtete.

Die Reiter bewegten sich unruhig im Sattel, während sie verstohlene Blicke auf Lothar warfen. Sie fürchteten den Zauberer, genau wie sie Lothar fürchteten.

"So prophezeie ich..." begann der Zauberer. "Der Tag wird kommen, da du hier stehen wirst, wo du heute stehst - und er wird hier stehen, wo ich stehe. Und wenn du auch glaubst, daß du ihn töten kannst, er wird Hilfe bekommen."

Mit diesen Worten wandte er ihnen den Rücken zu und hob die Kugel über den See.

"Ich verfluche Lothar Hug und seine schlechten Gesellen. Ich schwöre beim Spiegel dieser Zeiten, daß der Tag kommen wird, an dem er, der Prinz, die Hilfe der 'Kinder der Wellen' erhalten wird." Das abnehmende Licht blitzte in einer Flut aus Farben von der Kristallkugel in seiner Hand.

"Kinder der Wellen?" flüsterten die Räuber.

Lothar ignorierte sie. Er zeigte auf jeden Fall seine Furcht nicht, sondern trocknete die Klinge mit seinem Handschuh.

"Hört ihr mich..?" rief der Zauberer mit heiserer Stimme.

Ein plötzlicher Windstoß fegte über den See, auf dem sich Wellen bildeten. Der Wind flüsterte durch die Baumkronen, flüsterte mit seiner tonlosen Stimme, daß es nicht vergessen werden würde.

Der Zauberer drehte sich um. "Ich habe das Meine getan, nun ist meine Zeit um - in dieser Welt. Ich bin bereit..."

Er betrachtete die Baumkronen über ihren Köpfen mit traurigen Augen. Mit einem Blick, der die Sehnsucht des Abschieds und des Schmerzes enthielt, aber gleichzeitig mit der Ruhe, die der Erkenntnis entspringt. Er hatte keine andere Wahl - und er sah es ein.

"Dann stirb!" rief Lothar und spornte sein Pferd. Er trat dem Pferd die Hacken in die Flanken, sprengte voran auf das Ufer zu und hob das Schwert zum Schlag. Die Reiter warteten mit den Waffen im Anschlag.

Mit der Aufbietung seiner letzten Kräfte schleuderte der Zauberer die Kristallkugel auf die Erde, genau vor seine Füße. Die Kugel zersplitterte auf einem Stein und hüllte ihn in einen dichten, stickigen Rauch.

Lothars Pferd bäumte sich auf, und er hatte genug damit zu tun, sich im Sattel zu halten.

Als der Rauch zwischen das Schilf forttrieb, lag der Mantel des Zauberers auf der Erde. Er war leer...

Sie suchten überall nach ihm. Sie suchten am Ufer entlang und zwischen dem Schilf am Wasser, aber er war weg.

Lothar schimpfte und wütete, aber es half nichts.

Der Zauberer war verschwunden und mit ihm verschwanden all seine Hexenkünste von dieser Welt.

Vielleicht konnte er doch etwas zaubern, meinten die schwarzen Reiter. Aber sie wagten nicht, vor Lothar darüber zu sprechen. Sie brachen auf, spornten ihre Pferde und galoppierten durch den Wald.

Der letzte, der den Ort verließ, war Lothar. Zwischen den Bäumen hielt er das Pferd an und blickte ein letztes Mal zurück auf den See.

Das Wasser war rot - wie Blut.

Das Schilf stand in dichten Büscheln, aber es war kein Schilf mehr. Es waren Speere mit langen, blanken Spitzen, die im Mondlicht glänzten. Tausende von Speeren, die durch den Schlamm aufgeschoßen waren und warteten.

Lothar schwitze. Es zitterte leicht um seine Mundwinkel, als er mit der Rückseite des groben Stahlhandschuhs den Schweiß vom Gesicht trocknete. Sein Blick flackerte den See auf und ab, betrachtete das Schilf, das kein Schilf mehr war.

Die Worte des Zauberers klangen immer noch vor seinem inneren Ohr. Schließlich fiel ihm ein, daß die Reiter zwischen den Bäumen auf ihn warteten. Er wurde zornig, zornig über seine eigene Angst und zornig darüber, daß sie sich darüber klar waren.

Dann steckte er sein Schwert in die Scheide, drehte um, gab dem Pferd sie Sporen und verschwand zwischen die Bäume.

Der Mantel des Zauberers blieb am Ufer zurück liegen.

Keiner hatte gewagt, ihn anzurühren.

Um ihn herum lagen die kleinen Scherben der Kristallkugel und schimmerten feucht.

Hinausgeschickt

Der Wind schüttelte alles, was er auf seinem Weg zufassen bekam, die Bäume, die Büsche, selbst die Fahnenstangen auf Lothars Burg in Orsk. Schwere regenvolle Wolken segelten über den Himmel dahin.

Die Jungen liefen nach Hause über die Äcker, auf dem Weg zum Großwald und dem Dorf dahinter. Sie befanden sich mitten auf einem offenen Stück Land, als es zu regnen begann.

Ihre Rufe und ihr ausgelassenes Gelächter konnte man weit weg durch den Donner, der ihnen vom Horizont entgegen rollte, hören.

"Wartet auf mich…" rief der Kleinste. Die zwei großen liefen etwas langsamer.

Dann strömte das Wasser hinunter und durchweichte ihre Kleidung in weniger als einer einzigen Minute.

Sie zogen die Jacken über die Köpfe und liefen vornüber gebeugt in den Wald.

Der größte von ihnen war ein kräftiger Bursche mit braunen Augen, dunklem gekräuseltem Haar und einem sehr breiten Mund. Er hatte volle Lippen und wenn er lächelte konnte man seine schiefen Zähne sehen. Er stand mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt und prustete und stöhnte.

"Mein Gott, wie das gießt," rief er und trocknete sich mit der Rückseite des Ärmels unter der Nase.

Der zweitgrößte sagte gar nichts. Er war den anderen nicht ähnlich. Was nicht so zu verstehen ist, daß mit ihm etwas nicht in Ordnung war. Er sah einfach nicht so aus wie sie. Wo die Augen der anderen braun waren, waren seine blau, und wo die anderen schwarzes, kräuseliges Haar hatten, hatte er eine hellblonde Mähne um sein braungebranntes Gesicht. Es war etwas in seinem Wesen und in seinen Augen, das sagte, daß er älter als der Große war. Er war fast so groß wie ein erwachsener Mann, aber noch schmächtig. Er hatte auch Sommersprossen, aber das hatten die meisten, sodaß es keinen Unterschied machte.

Der Große dagegen, er wog das Doppelte. Aber das hatte er nicht von Fremden, denn sein Vater war der Schwarze Saron, der Dorfschmied. Er war der einzige im Land, der beides war, größer und breiter als Lothar.

Alle hatten den Burschen 'Saronrogn' genannt, von dem Tag an als er das Licht der Welt erblickt hatte. Und das war hängengeblieben. Und es gab keinen mehr, dem einfiel, wie er richtig hieß. Saronrogn - dabei war es geblieben...

"Du, Balder..." Der Große sah ihn an und schüttelte mit dem Kopf, sodaß das Wasser nach allen Seiten spritzte.

Balder - so hieß er, die lange Stange.

"Hmmm..." murmelte Balder. Er hielt nach dem kleinen Knirps Ausschau, der draußen vom Acker auf sie zu gelaufen kam.

"Ich könnte mir gut ein Pferd vorstellen," sagte Saronrogn.

"Hmmm.." murmelte Balder wieder. "Wer könnte das nicht?"

Ein blendender, weißer Blitz zischte im Zick Zack am Himmel herunter, gefolgt von einem knisternden Knall, der über die Hügel hinweg rollte.

Der kleine Knirps warf ängstliche Blicke in den Himmel, lief dann weiter und rannte genau in Balders Arme.

"Na, na, ruhig." Balder lachte und hielt die Arme um ihn. Der kleine Kerl drückte sich an ihn und versteckte sein Gesicht in seiner Jacke.

"Das nächste Mal, wenn er uns nachläuft, kriegt er 'ne Backpfeife," sagte Saronrogn ärgerlich.

"Na, na," sagte Balder. "Das bestimmen wir beide."

"Aber das ist doch wirklich störend," beharrte Saronrogn und sah den kleinen Knirps mit zusammengekniffenen Augen an.

"Ja, ja..." seufzte Balder. "Es wird schon gehen, Rogn..."

Saronrogn sah ihn schief an, aber verfolgte die Sache nicht weiter.

Der Regen trommelte auf die Blätter in den Baumkronen hoch über ihren Köpfen. Es war jetzt naßkalt. Sie zogen die Jacken am Kragen zusammen und begannen, durch den Wald zu gehen. Sie gingen zwischen den Bäumen. Die Blätter lagen in deiner dicken, weichen Schicht, die die Erde bedeckte und die Geräusche von ihren Schritten verschluckte.

Als sie eine Zeitlang gegangen waren, kamen sie auf einen Kiesweg, der an den Stämmen vorbei führte. Gerade als sie standen und den Weg hinunter sahen, schien ihnen, als hörten sie etwas.

Man konnte alles hier sehr weit hören. Der Weg führte wie ein Tunnel durch den Wald. Die Baumkronen trafen sich über ihren Köpfen und ließen fast kein Tageslicht hindurchfallen.

Es wurde Abend.

"Pferde," murmelte Saronrogn, warf sich auf alle viere und lauschte. Er drückte das Ohr flach auf den aufgeweichten Weg und horchte. Ganz richtig - Pferde...

Der kleine Knirps drückte sich an Balder.

"Wir sollten lieber verschwinden, und das schnell," sagte Saronrogn und sprang wieder auf die Beine. Er hatte feuchte Erde am Kinn.

Balder begnügte sich damit, zu nicken. Dann liefen sie über den Weg und versteckten sich zwischen den Bäumen auf der anderen Seite.

Der Lärm nahm zu, gewaltiger und gewaltiger, bis er das gedämpfte Trommeln des Regens auf die Blätter übertönte.

Dann jagten sie in der Dunkelheit vorbei, während der Waldboden bebte und die Bäume sich schüttelten. Steine und Erdklumpen wurden aufgewirbelt und flogen durch die Luft.

Die Jungen drückten sich gegen die Stämme und spürten den Wind der Pferde an ihren Wangen.

Die Reiter waren nur Schatten, schwarze Löcher in der Dämmerung. Aber selbst da, wo sie nichts anderes als nur die flackernden Umrisse ahnen konnten, strahlten sie Gefahr und Bosheit aus, die wie ein Geruch im Wind über ihnen hing.

Balder, Saronrogn und der kleine Knirps rochen sie und krochen steif vor Schrecken im Farnkraut zusammen...

Der kleine Knirps hatte seine Hand in Balders gesteckt und stand da und drückte sie. Er ist zu klein für so einen Ausflug, dachte Balder.

Der Lärm zog ab, die Bäume dämpften den schlimmsten Lärm.

"Puh..." seufzte Balder leise.

"Das waren sie," flüsterte Saronrogn. "Das waren verdammt Schlechte, die da."

Seine Augen schimmerten weiß in der Dunkelheit.

"Wer?"

"Die Nachtwanderer," stöhnte Saronrogn heiser. "Jetzt habe ich sie mit meinen eigenen Augen gesehen." Er holte in kurzen Stößen Luft.

"Sei froh, daß sie dich nicht gesehen haben, Rogn," flüsterte Balder.

"Sie sind auf dem Weg nach Westen," flüsterte Saronrogn.

"Osten," sagte Balder.

"Was?"

"Sie sind auf dem Weg nach Osten!"

"Hm, na ja - Osten," Saronrogn nickte im Halbdunkel.

"Gut, sind sie nicht, sie sind auf dem Weg nach Westen," lachte Balder. "Sei nicht immer so leichtgläubig, Rogn."

Saronrogn ignorierte ihn.

"Woher wohl?" begann er.

"Dorntal," antwortete Balder. "Da ist nur Dorntal, wenn man diesen Weg entlang reitet."

"Es ist lange her, daß sie zuletzt dort waren," sagte Saronrogn.

"Mehr als ein Jahr," sagte Balder. "Damals als sie Tais holten."

Er hätte sich die Zunge abbeißen können.

Der kleine Knirps schniefte in der Dunkelheit.

"Das mußt du entschuldigen," flüsterte Balder. "Ich wollte dich nicht daran erinnern."

Der Kleine nickte tapfer und versuchte, mit dem Weinen aufzuhören.

"Das kriegen sie verdammt nochmal bezahlt eines Tages," brummte Saronrogn. "Ich tret sie breit, ganz in den Boden!!!"

"Werd' erstmal erwachsen," sagte Balder. "Lothar ist kein Schwächling."

"Mein Vater ist größer," sagte Saronrogn. "Und er sagt, wenn ich gut esse und alles Brennholz für die Schmiede hacke, dann werde ich noch größer. Und ich bin es, auf den alle warten, damit ich Lothar ein paar 'runter haue!"

"Schhh, nicht so laut," beruhigte ihn Balder.

"Ich möchte gern nach Hause," flüsterte der kleine Knirps. "Ich friere."

"Ich könnte mir auch ein Paar Stiefel vorstellen," seufzte Saronrogn und versuchte auf seine nackten Zehen auf dem Waldboden zu sehen.

Sie schüttelten das Wasser von sich ab und beeilten sich, nach Hause zu kommen.

Als sie erstmal auf dem Weg waren, wurden sie schnell wieder warm, und der kleine Knirps bekam sofort bessere Laune.

Ein paar Stunden später näherten sie sich einem Dorf, das im entferntesten Winkel von Dorntal lag.

Es war ein kleines Dorf, nur 32 Häuser, wenn man sie alle mitrechnete. Sie lagen auf einer Rodung am Waldrand.

Hinter dem Dorf streckten Wiesen ihre grünen Weiten bis zu den Bergen, weit draußen am Ende der Welt. Dort ragten die Berge bis zum Himmel, grau und massiv.

Die Häuser lagen da mit schmalen gepflasterten Straßen zwischen einander. Sie waren alle wie kleine Vierseitenhöfe gebaut mit einem Hofplatz in der Mitte und einem Tor zur Straße. Die Tore waren in der Nacht geschlossen und wurden erst geöffnet, wenn die Sonne ihre ersten Strahlen über das Land schickte, von den Wäldern bei Ydelwynd.

So war es gewesen seit Lothar Hug an die Macht gekommen war, und so würde es in Zukunft sein, es sei denn ein Wunder würde geschehen und Lothar sterben. Aber das glaubte keiner, denn Lothar war stark wie der Teufel selbst.

"Schhh!" flüsterte Balder und verkroch sich am Waldrand.

Saronrogn sprang hinter einem Baum ins Versteck. Balder spürte den Atem des kleinen Knirpses im Nacken.

Ein fast heruntergebranntes Feuer warf seinen flackernden Schein an die Giebel der Häuser.

Ein Stück weg von der Feuerstelle stand ein großer, breitschultriger Mann in einen dicken Mantel aus Fell gehüllt. Er stützte sich auf eine Forke mit spitzen Zinken, die genau über seinem Kopf in die Luft ragten.

"Das ist mein Vater," flüsterte Saronrogn. "Er wird wohl fuchsteufelssauer sein, jetzt."

"Bestimmt," flüsterte Balder.

"Ich frier," wimmerte der kleine Knirps.

"Verdammt noch mal," murmelte Saronrogn.

"Komm," flüsterte Balder. "Er wird nicht weniger böse, wenn wir hier liegen. Wir sollten lieber sehen, daß wir alles überstanden haben."

Sie erhoben sich und gingen die letzten Meter durch ein Gebüsch. Sie sahen, daß er sie entdeckte, bevor er sich aufrichtete und zu ihnen starrte, unter dem Schatten seines Hutes.

Er blieb stehen, ohne auch nur einen Ton zu sagen, bis sie ganz dicht vor ihm standen.

"Was ist das für eine Zeit, um nach Hause zu kommen?" fragte er grimmig.

"Wir haben uns verlaufen," sagte Saronrogn nervös. Er hasste es, wenn sein Vater zornig war, und genau das war er jetzt. Fuchsteufelswütend.

"Du hättest es besser wissen müssen," brummte er und sah Balder an. "Und dann noch diesen kleinen Kerl da mitschleppen." Er nickte mit dem Kopf in Richtung auf den kleinen Knirps.

"Er ist uns von selbst gefolgt," sagte Balder. "Wir haben es nicht bemerkt, bevor wir aus Dorntal 'raus waren."

Der Schwarze Saron ließ den Schaft der Forke mit der einen Hand los und zeigte auf Saronrogn.

"Du nimmst ihn und bringst ihn nach Hause zu seiner Mutter - jetzt. Und danach kommst du nach Hause. Verstanden?"

Rogn nickte steif. Dann nahm er den kleinen Knirps sanft am Kragen und zog mit ihm ab. Einen Augenblick später waren sie zwischen den Häusern verschwunden.

"Waren sie heute Abend hier?" fragte Balder.

Der Schwarze Saron sah ihm einen Augenblick hart in die Augen. Dann seufzte er und nickte kräftig.

"Ja, sie waren heute Abend hier."

"Wen holten sie?"

"Keinen." Er schüttelte seinen großen Kopf. "Die Hunde warnten uns rechtzeitig. Aber sie nahmen ein paar von den Pferden unten auf der Wiese."

"Hast du keine Angst vor ihnen?" fragte Balder.

Der Schwarze Saron bückte sich und hob im Schein der Feuerstelle einen Hammer auf.

"Ja, zum Teufel, habe ich Angst vor ihnen," zischte er. "Aber sie haben auch Angst vor mir - und vor dem hier." Er schwang den Hammer durch die Luft. "Sie verabscheuen das Schleudern."

Balder fühlte sich schlecht. Er wußte, daß es unverzeihlich war, was sie getan hatten. Sie hätten umdrehen müssen, als sie entdeckt hatten, daß der kleine Knirps ihnen gefolgt war.

"Versprich mir, das nie wieder zu tun," sagte der Schwarze Saron leise.

"Ich verspreche es," sagte Balder.

Der Schwarze Saron drehte sich um und begann ohne weiteres mit langen Schritten auf der Straße zu gehen. Balder folgte ihm im Trab. Als sie unten am Tor waren hielt er plötzlich an und drehte sich um.

"Da war einer und hat nach dir gefragt, heute," sagte er.

"Wer war das?"

"Einer, den ich aus alten Zeiten kenne," murmelte Saron. "So viel weiß ich jedenfalls, er ist nicht wie wir anderen. Er kommt bald wieder, du solltest lieber deine Sachen packen und dich für eine Reise von hier fertigmachen."

Er sah Balder eine lange Sekunde an, und in seinen Augen konnte man eine Sorge ahnen, die er nicht fähig war, zu verstecken.

"Morgen werde ich dir erzählen, warum. Nun will ich schlafen, denn jetzt bin ich müde und wütend vom Stehen und warten, allein in der Dunkelheit."

"Morgen…" nickte Balder. Als er an ihm vorbei durch das Tor ging, drückte er seine schwielige Faust.

"Ich wünschte, du wärst wirklich mein Vater," flüsterte Balder. "Mein richtiger Vater, mein ich..."

Der Schwarze Saron griff nach ihm und nahm ihn an den Schultern.

"Ich wünschte, du wärst mein Sohn, Balder. Ich liebe dich, als wärst du mein eigener. Aus vielen Gründen. Einer davon ist, daß ich deinem Vater gedient habe."

Er bückte sich etwas hinunter und sah Balder fest in die Augen. "Ich versprach, dich hier in Dorntal zu verstecken, damit sie dich nicht finden konnten. Sie haben viele Jahre nach dir gesucht, und ich habe es lange befürchtet. Heute habe ich geglaubt es wäre geschehen, weil ihr vor Anbruch der Dunkelheit nicht hier wart."

"Wer sind sie?"

"Die Nachtwanderer," antwortete der Schwarze Saron und presste die Hände um den Schaft des Hammers.

"Wo kommen sie eigentlich her?"

"Sie kommen aus Schattental," sagte Saron. "Aber letztendlich kommen sie von Lothar."

"Wir sahen sie heute Abend," sagte Balder. "Sie ritten durch den Wald, als wir dort gingen. Rogn hörte sie zuerst, so schafften wir es, uns zu verstecken."

Er schauderte bei der Erinnerung an sie und hatte wieder den Geruch von Furcht in der Nase.

"Sie entdeckten uns nicht."

Saron schüttelte den Kopf.

"Sie wissen, wann du unterwegs bist. Du mußt mich nicht fragen, warum, ich habe keine Ahnung. Aber sie wissen es."

Er dachte einen Augenblick nach, als überlegte er, wie er das, was er nun sagen wollte, ausdrücken sollte.

"Den Abend, als sie Tais getötet haben, den Vater von dem kleinen Knirps, hattest du dich im Wald verlaufen. Ich fand dich vor ihnen. Aus Zorn darüber, daß sie dich nicht fanden, töteten sie ihn. Tais suchten nach dir - er hat dafür mit dem Leben bezahlt."

Balder hatte einen Klumpen im Hals.

"Du mußt fort von hier," sagte Saron. "Hier ist es nicht mehr sicher für dich. Er kommt bald zu dir, Javer. Wenn er kommt, mußt du klar zum Gehen sein."

"Wer ist er?"

"Obwohl ich es weiß, kann ich es dir nicht erzählen. Ich kann zu keinem Menschen auf dieser Welt davon sprechen. Denn, wenn ich es tue, breche ich ein Versprechen, das ich einmal gab."

"Ich bin fertig, wenn er kommt," flüsterte Balder.

Der Schwarze Saron strich mit seiner rauhen Faust über seine Haare. "Das ist gut."

Abschied

Balder erwachte davon, daß irgendjemand ihm in den Arm kniff.

"Du mußt fort." Es war Saronrogn.

Balder setzte sich im Bett auf und rieb sich die Augen. Dann starrte er verständnislos durch das Dachfenster zu den Sternen.

"Es ist ja mitten in der Nacht."

"Ich weiß auch nicht, warum," sagte Rogn irritiert. "Vater wartet unten auf dich. Beeil dich bißchen, in die Klamotten zu kommen."

Balder sprang aus dem Bett, zog die Hose und die Jacke an und sprang die Treppe in vier langen Sprüngen hinunter. Er fand sie an der Feuerstelle, wo sie saßen und auf ihn warteten.

Das Feuer warf seinen warmen Schein aus dem Kamin auf sie. Auf dem Tisch stand eine Kerze und flackerte.

Der Schwarze Saron saß mit seinem mächtigen Oberkörper über den Tisch gelehnt. Das meiste des Stuhls war fast unter ihm verschwunden. Trotz seiner furchterweckenden Erscheinung und seinem immerwährenden harten Zug um den Mund, hatte er etwas gequältes und wehmütiges an sich. Er sah zu Balder auf, räusperte sich und sagte:

"Du mußt heute Nacht fort, Balder!"

Er erwartete eine Antwort.

Dann streckte er den Arm über den Tisch. In der offenen Handfläche lag ein Pfeil mit goldener Spitze und zwei Reihen weißer Steuerfedern.

"Der steckte vor kurzem im Tor. Es eilt, mein Freund."

"Wer hat ihn dort hingeschoßen?"

"Das war Javer," antwortete Saron. "Hier - iß nun die Grütze, während wir sprechen. Du mußt auf eine lange Reise. Ich habe dir ein paar Sachen eingepackt, aber erst sollst du essen."

"Ist Javer hier in Dorntal?"

Der Schwarze Saron schüttelte den Kopf.

"Nein, das glaube ich nicht. Wo Javer ist, das weiß nur Javer selbst. Aber er hat einen Platz in Dandar."

Der Schwarze Saron löste umständlich einen Knoten und entfernte ein Papier vom Pfeil, das um ihn herumgewickelt war. Nachdem er es aufgefaltet hatte, las er es vor sich selbst, grunzte leise und las laut an Balder gewandt vor.

"Er ist entlarvt. Sie holen ihn in der Nacht. Sorg dafür, daß er rechtzeitig wegkommt. Ich erwarte ihn auf Braunhöhe."

Es war unterschrieben mit: Javer."

Balder starrte nachdenklich in die Grütze, stocherte etwas mit dem Löffel in ihr herum und begann zu essen. Dann schnitt er eine Grimasse. Die Grütze war dampfend heiß, und er hatte sich die Zunge verbrannt.

Jemand klopfte an einen der Fensterläden draußen.

Der Schwarze Saron erhob sich schnell und verließ sie. Als er einen Augenblick später zurückkam, hielt er ein paar Lederstiefel in der Hand.

"Hier, die sind für dich von Signe. Ich soll dir viel Glück auf der Reise wünschen."

"Von der alten Signe?" murmelte Balder und wog sie in der Hand.

Saron nickte.

"War da auch ein Paar für mich?" fragte Saronrogn.

"Du mußt ja nicht fort," sagte der Schwarze Saron mit leuchtenden Augen. "Aber wenn du es eines Tages mußt, wird auch ein Paar für dich da sein."

Er trommelte rastlos mit den Fingern auf der Tischplatte.

Als Balder seine Grütze gegessen hatte, holte er seinen Rucksack.

Der Wind frischte draußen auf, und die Fensterläden klapperten von den Windstößen.

"Dann komm," sagte der Schwarze Saron heiser. "Sie sind jetzt auf dem Weg nach Dorntal. Du mußt ein gutes Stück von hier weg sein, bis sie sich hierher genähert haben."

"Die Nachtwanderer?"

Saron nickte. Er legte die Hände auf Balders Schultern und sah ihn ernst an.

"Du bist weder ein Junge noch ein Mann." Er lächelte und hatte einen warmen Glanz in den Augen. Aber seine Stimme zitterte leicht und entlarvte, was er in seinem tiefsten Inneren fühlte. "Du steckst mitten drin. Paß auf dich auf. Von jetzt an bist du alleine. Vertraue niemandem, keinem anderen als Javer."

"Keinem anderen als Javer," flüsterte Balder.

Sie folgten ihm über den Hofplatz zum Tor. Der Schwarze Saron öffnete es und sah sich um. Ein Stück weg, den Weg hinunter, stand eine kleine Gruppe Männer aus dem Dorf mit Sensen und Messern und wartete.

"Die sind zu deinem Schutz da," sagte Saron. "Sie sind völlig entsetzt. Sie tun es nur, um für dich einen Augenblick Zeit zu gewinnen."

Dann beugte er sich hinunter, legte die Arme um Balder und drückte ihn hart an sich.

"Paß auf dich auf, mein Junge, bis wir uns wiedersehen."

Balder nickte gegen seine Schulter.

"Soll ich mit dir ziehen?" flüsterte Saronrogn.

"Du bleibst," sagte der Schwarze Saron.

"Zum Teufel!" flüsterte Saronrogn.

Balder setzte den Rucksack auf, zog die Riemen stramm und prüfte, ob die Stiefel zugeschnürt waren.

"Hier, das ist für dich," sagte der Schwarze Saron mit belegter Stimme. "Ich habe es selbst geschmiedet, wie ich einstmals das Schwert deines Vaters geschmiedet habe."

Balder hielt den Atem an und zog es aus der Scheide.

Es war ein großes, breitblättriges Jagdmesser. Der Schaft war aus Hirschhorn. Es war so groß, daß es für ihn fast wie ein Schwert war.

"Es ist hübsch," flüsterte Balder.

"Verdammt hüsch," murmelte Saronrogn mit großen Augen.

"Es hat eine Gabe," sagte Saron.

"Eine Gabe?"

"Wenn sein Besitzer in großer Gefahr ist, beginnt das Blatt zu glühen."

"Bin ich es, dem es jetzt gehört?" fragte Balder.

"Ja," antwortete Saron heiser. "Dir wird es immer gehören."

Balder machte das Messer an seinem Gürtel fest. Die Scheide war aus dickem, weichem Leder. Das Messer saß so, daß er es mit beiden Händen herausziehen konnte, so wie es ihm am besten Paßte. Er zog es, um es auszuprobieren.

Gerade als er es über das Licht der Feuerstelle hob, begann das Blatt zu brodeln. Es glimmte erst ganz schwach, dann etwas mehr. Ein glühendes, orangerotes Leuchten warf seinen Schein auf ihre Gesichter.

"Es brennt."

"Weg!" sagte der Schwarze Saron und knuffte ihm sanft in den Rücken. "Ganz egal, was geschieht, darfst du nicht hierher zurückkehren. Du mußt Javer finden. Das ist das einzige, was zählt. Vergiß das nicht!"

"Ich werde es versuchen," sagte Balder.

"Wir sehen uns wieder," sagte Saronrogn. "

"Wir sehen uns ganz sicher wieder, Rogn."

Dann steckte er das Messer in die Scheide und lief die Straße hinunter, über das offene Stück Land und verschwand zwischen den Bäumen.

Am Waldrand drehte er sich ein letztes Mal um. Sie standen immer noch da, eine kleine Gruppe Menschen zwischen den dunklen Häusern. Die Forken, Sensen und Messer schimmerten kalt im Mondlicht.

Balder hob eine Hand und winkte. Sie starrten ihm nach, ohne zu reagieren. Nur Saronrogn erwiderte seinen Gruß.

Weit weg zwischen den Bäumen konnte man nun das dumpfe Donnern von Pferden hören, die durch den Tunnel der Bäume auf dem Weg auf Dorntal zurasten.

"Lauf!" Der Schwarze Saron hob den Hammer über seinen Kopf.

Balder schlug einen Ast zur Seite und sprang durch das Farnkraut und das Gebüsch davon, so schnell ihn seine Beine tragen konnten. Er hatte Angst und war einsam. Hatte Angst, weil er nicht wußte, warum gerade er es war, den sie jagten.

Die Büsche waren triefend naß vom Regen, aber Signe hatte seine Stiefel und seine Jacke eingefettet, was die Feuchtigkeit abhielt.

Die Nachtwanderer Passierten ihn in der Dunkelheit, wirbelten vorbei ein Stück weiter zwischen den Bäumen, ohne ihn zu entdecken. Er hatte den Geruch von ihnen in der Nase und dachte an den Schwarzen Saron, Saronrogn und die anderen aus der kleinen Schar, die vor dem Dorf standen und warteten.

Er horchte, versicherte sich, daß sie alle weg waren, bevor er weiterlief. Dann rannte er fort zwischen den Bäumen, getrieben von seiner Furcht.

Auf der Flucht

Die Sonne warf ihre ersten Strahlen auf die Wälder von Ydelwynd, stieg auf über dem Schilf im See und brachte einen neuen Tag.

Das Licht verdrängte die feuchte Kälte der Nacht und strömte über das Land Dandar am Ende der Welt.

Die warmen Strahlen liebkosten auch die Stirn und die Wangen des halbwüchsigen Burschen, der in einem Dornengebüsch halb sitzend an einem Baum schlief.

Er hatte nicht einmal geschafft, den Rucksack abzunehmen, bevor der Schlaf ihn übermannt hatte.

Es war Balder.

Während er wach wurde, machte er sich Gedanken, wo er war.

Er setzte sich mit einem Ruck auf, schlug den Nacken gegen den Baum hinter sich und starrte mit weit aufgerissenen Augen um sich.

Sie haben mich nicht gefunden, dachte er und entspannte sich langsam.

Es knurrte in seinem Magen, eine tiefe, jammernde Stimme der Därme, denen Nahrung fehlte. Dann rieb er sich die Augen, streckte seine schmerzenden Glieder und holte das Essenspaket aus dem Rucksack hervor.

Während er die dicken Brotscheiben des Schwarzen Saron aß, lauschte er dem Gesang der Vögel und genoß die Sonne, die ihn wärmte und die verdrängte, die nach ihm gesucht hatten.

In der Nacht kommen sie wieder, dachte er und wünschte, daß Saronrogn dagewesen wäre, damit er Gesellschaft hätte.

Nach der Mahlzeit begab er sich wieder auf den Weg, aus dem Wald hinaus und fort aus Dorntal. Er folgte der Bahn der Sonne und wanderte nach Westen in Richtung auf Braunhöhe.

Er war schon länger weg von zu Hause, als er es jemals vorher gewesen war. Aber diesmal wußte der Schwarze Saron es zumindest.

Die Riemen drückten ihn an den Schultern. Er rupfte ein paar Büschel saftiges, grünes Gras aus und stopfte es darunter wie ein Kissen.

Ein starker Duft von Wildblumen breitete sich über den Hügeln aus. Der Duft erfüllte die Luft und Balders Nase.

Bevor er den Wald verlassen hatte, hatte er sich einen guten, soliden Wanderstab geschnitzt. Den stieß er nun in die Erde, während er ging. Die Sonne, die Wärme und der Gesang der Vögel hatten ihm neuen Mut gegeben.

Später am Tag erreichte er einen Fluß.

Er war zu breit, als daß er ihn überqueren konnte. Stattdessen beschloß er, an ihm entlang zu gehen. Irgendwann mußte doch eine Brücke kommen.

Zum Abend hin, gerade als der Tau zu fallen begann, tauchte eine Windmühle weiter vorn auf. Sie sah baufällig aus. An vielen Stellen waren die Fenster von Fensterläden bedeckt. Die Mauern waren aus schweren, riesigen Steinen errichtet, und das Dach war an der einen Ecke zusammengefallen.

Aber das große Schaufelrad drehte sich knirschend herum, gezwungen von der starken Strömung.

Balder kroch in einem Graben ins Versteck und beobachtete sie. Hinter der Mühle führte eine ebenso alte Steinbrücke über das Wasser zu den Wiesen auf der anderen Seite.

Nebel erhob sich langsam vom Wasser, glitt lautlos über die Böschungen und weiter über das Gras.

Er begann zu frieren und beschloß, seine Haut zu riskieren und weiter zu gehen. Er mußte über die Brücke, um einen sicheren Platz zum Schlafen zu finden, bevor es Nacht wurde.

Er kroch am Boden des Grabens weiter, bis er hinten bei der Mühle endete - nicht weit vom Schaufelrad. Das Wasser floß mit einem plätscherndem Dröhnen an den Schaufeln herunter, das beides, die Sinne und die Gedanken übertönte.

Die Düfte des Tages verschwanden und mit ihnen Balders Mut. Er stützte sich gegen die Mauer, während er langsam um die Ecke am Wasser entlang schaute.

Hier war keine lebende Seele. Keine Stimmen oder Lärm von Werkzeugen.

Dann fasste er Mut und verließ sein Versteck.

Die Sonne ging unter und hinterließ einen goldenen Schein am Himmel.

Er lief im Spritzwasser des Schaufelrades und hörte ihn nicht, der sich an ihn heranschlich. Er war damit beschäftigt, die Brücke zu studieren, als er plötzlich eine Hand bemerkte, die ihn fest an seinem Ärmel griff.

Per Runzelfratze

Erst wagte er nicht, sich umzudrehen, dann zog er das Messer aus der Scheide und wirbelte herum.

"Na, na, langsam, mein, junger Freund."

Es war ein alter Mann. Nach dem Aussehen zu urteilen, mußte er mehrere hundert Jahre alt sein.

Er hielt immer noch mit der einen krummen Hand Balders Ärmel fest. Die andere hielt er schützend vor sein Gesicht, beim Anblick des Messers.

"Sei so nett, und laß mich los," bat Balder.

Der Alte entblößte sein zahnloses Zahnfleisch mit einem starren Lächeln. Aber es erreichte nicht seine Augen, die hart und hinterlistig waren. Seine ganze uralte Fratze verschwand in tiefen Falten.

Es war etwas an ihm, an den Augen, dachte Balder. Vielleicht war es bloß, weil sie grün waren, vielleicht war es ein Gefühl, das er irgendwo in seinem Bewußtsein hatte. Er fühlte eine innere Unruhe, wenn er in die harten Augen des Fremden sah.

Das Messer glühte schwach und zischend.

"Das ist ja..." begann der Greis. Dann schwieg er und ließ Balders Arm los.

"Das ist was?" fragte Balder und drückte fest den Schaft.

"Ach, gar nichts." Er schüttelte gleichgültig den Kopf. Dann warf er einen schiefen Blick auf das Messer und kratzte sich mit seiner groben, runzligen Hand am Kinn.

"Bist du allein?" fragte er neugierig.

"Warum fragst du?" fragte Balder.

"Du kannst nachts nicht über die Brücke gehen," sagte er heiser. "Wenn Vollmond ist streifen sie herum."

Während er sprach, runzelte er die Brauen und schaute über den Fluß und weiter über die Wiesen.

"Wer streift herum?"

"Die Wölfe, Bursche. Die Wölfe von Wolftal. Die nächste Stelle um Schutz zu suchen, ist Braunhöhe, aber das ist jetzt für dich zu weit. Sie finden dich lange bevor du es erreichst." Er nickte kräftig um den Ernst von dem, was er gesagt hatte, zu unterstreichen.

"Hmmm.. dachte Balder. Was nun?

"Du kannst bis morgen bei uns in der Mühle bleiben. Mutter kann dir eine Portion warme Grütze machen, wenn du etwas für die Mahlzeit arbeitest."

"In Ordnung." antwortete Balder. "Ich bin hungrig genug."

Der Greis setzte wieder sein starres, zahnloses Lächeln auf. "Packst du dann nicht das widerliche, zischende Messer weg?"

Balder steckte es in die Scheide. Es protestierte mit einem Aufflackern, aber erst in der Scheide.

"Brennt es?" fragte der Alte unschuldig.

"Nein." Balder schüttelte den Kopf. "Aber es glüht, wenn Gefahr im Anzug ist."

Der Alte hielt ihn wieder am Arm fest.

"Nun sollten wir lieber hineingehen. Da bist du in Sicherheit bis morgen. Wie heißt du eigentlich?"

"Balder. Wie heißt du?"

"Per Runzelfratze nennt man mich. Komm, es ist bald dunkel wie in einem Grab."

Während sie auf das mit Fensterläden geschlossene Gebäude zugingen, hielt er ihn weiter am Ärmel fest. Fast, als ob er Angst hatte, daß er entwischen würde, dachte Balder.

Innen in der Mühle hinter den verschlossenen Fenstern traf er Per Runzelfratze's Frau, Ylda. Sie sah aus als wäre sie mindestens ebenso alt wie Runzelper, gleichzeitig war sie eine kleine, dicke Person mit aschgrauen Haaren, das in einem Knoten im Nacken endete. Sie hatte dieselben harten, grünen Augen, aber sie lächelte nicht.

"Komm und grüß Balder," sagte Per Runzelfratze und schlug die Hände aufeinander. Sie begnügte sich damit, uninteressiert zu nicken und starrte auf Balders Messer am Gürtel. Danach stellte sie einen extra Blechteller auf den Tisch an der Feuerstelle und trug die Grütze herein.

Per Runzelfratze schloß die Türen und verriegelte sie. Danach verkeilte er einen soliden Balken vor jeder von ihnen, sodaß sie von außen nicht aufgesprengt werden konnten.

"So, jetzt können wir in Frieden essen," murmelte er zufrieden.

Ylda hatte schon die Grütze aufgefüllt. Sie zeigte auf einen Stuhl - dort sollte Balder sitzen.

Während sie aßen, bemerkte Balder, daß sie ihn beobachtete. Sie sagte nicht ein einziges Wort, starrte ihn aber jedes Mal, wenn er den Löffel zum Mund führte, abschätzend an.

Balder verschlang alles, so gut er es konnte, denn die lange Wanderung hatte ihn ordentlich hungrig gemacht.

Per Runzelfratze wollte wissen, wo er herkam? Wo er hin wollte? Ob jemand hinter ihm her war? Ob er vielleicht ein schlimmer Bursche war, der etwas angestellt hatte und nun von zu Hause weggelaufen war? Wie alt er war? Und als er antwortete, daß er sechzehn sei - im Frühjahr siebzehn würde, redete Per Runzelfratze darüber, wie es vor vielen Jahren gewesen war, als er selbst sechzehn gewesen war.

Es flimmerte vor Balders Augen.

Er sah Ylda an und versuchte, sie mit seinem Blick festzuhalten. Ganz langsam wurde sie undeutlich...

Runzelfratze redete und redete. Seine Worte wurden ein monotones, verzerrtes Gemurmel im Hintergrund, verwirrend und stumpfsinnig.

Er betrachtete den Löffel in seiner Hand mit einem apathischen Blick.

Er verschwand, wurde ein glitzerndes Stück Metall aus dem die Grütze dampfend Form annahm und zu einem lebenden Wesen wurde, das zu ihm sprach und ihn verhöhnte, mit Per Runzelfratze's entnervender Stimme.

Langsam sank er in ein schwarzes Loch, ohne Bewußtsein, ohne Willen.

Ylda knallte hart den Löffel auf den Tisch.

Balder sprang auf. Seine Hand schnellte zum Messer hinunter, das zischend aus der Scheide fuhr. "So, so," schrie Per Runzelfratze triumphierend. "Du hast dich wohl einfach überfressen, mein junger Freund."

Balder stand unsicher auf den Beinen und schwankte vor und zurück.

Ihm fielen die Worte des Schwarzen Sarons ein, die letzten, die er gesagt hatte, bevor sie sich trennten:

"Vertraue nie jemandem. Niemandem, außer Javer."

Das Messer glühte in seiner Hand.

"Ich will hier nicht schlafen!" rief er laut.

"Hmmm, na - doch nicht, vielleicht," murmelte Runzelper und blinzelte zu Ylda. Sie stand mit einer Bratpfanne in der Hand auf der anderen Seite des Tisches.

"Ich gehe jetzt," sagte Balder. "Wenn du versuchst, mich daran zu hindern, dann töte ich dich alten Aasgeier." Er hielt drohend das Messer vor sich.

"Und dich auch," zischte Balder an Ylda gewandt.

Per Runzelfratze Paßte ständig auf, daß er genug Abstand von ihm hatte.

Seine kleinen, blinzelnden Augen bewachten das Messer.

"Ich meine es so," drohte Balder.

Ylda stellte mit einem Seufzer die Bratpfanne auf den Tisch, und Runzelper setzte eine verständnisvolle Miene auf.

"Du kannst draußen in der Scheune schlafen. Die frische Luft da draußen wird dir gut tun."

Balder nickte stumpfsinnig. "Du nimmst meinen Rucksack."

Er zeigte mit dem Messer auf Per Runzelfratze.

Ylda blieb beim Tisch stehen mit einem enttäuschten Ausdruck im Gesicht.

Schließlich lag er im Heu mit dem Messer an der Seite und dem Kopf auf dem Rucksack.

Per Runzelfratze wünschte ihm eine gute Nacht und schloß das Tor von außen.

Er hörte, wie ein Riegel vor das Schloß geschoben wurde, danach Runzelfratze lahmende Schritte über den Hofplatz.

Balder hob sich langsam auf die Ellbogen und schleppte sich dann zum Tor. Etwas später lag er wieder im Heu mit dem Kopf auf den Rucksack gestützt und geschlossenen Augen. Der Balken, der fest verkeilt war, knarrte leicht, als der Wind zunahm. Er war eingeschlossen, aber sie waren auch ausgeschlossen.

Dann fiel er langsam in einen unruhigen Schlaf.

Der Gejagte

Was ihn weckte, fand er nie heraus, aber es rettete sein Leben.

Er erwachte langsam aus dem tiefen Schlaf.

Es arbeitete gefährlich in seinem Kopf, und er hielt die Hände an die Ohren, in einem halbherzigen Versuch, den Schmerz abzuhalten. Es war Per Runzelfratze' Gift, das immer noch seinen Körper im Griff hatte.

Dann plötzlich, während er dort lag und auf sich selber böse war, drangen die Geräusche von unruhigen Pferden durch das Tor zu ihm.

Er setzte sich mit einem Ruck auf, und starrte in der Dunkelheit herum, nach Zeichen lauschend, ob sich jemand zu ihm hineingeschlichen hatte. Aber er war allein, sie mußten sich immer noch draußen befinden.

Vorsichtig hob er den Rucksack und schlang ihn um die Schultern.

Danach schlich er sich zum Tor und legte sein Ohr daran.

Ein Sammelsurium von Geräuschen drang auf ihn ein. Hufe, die auf der Erde scharrten, Pferde, die leise wieherten, Zaumzeug, das rasselte und Sattel, die unter dem Gewicht der Reiter knirschten.

Er horchte mit zurückgehaltenem Atem und dem Ohr gegen die Planken gepreßt.

"Was bekomm ich dafür?" sagte eine Stimme. Balder erkannte die von Runzelper.

"Ich frage - du antwortest," fauchte eine rauhe Stimme.

"Aber, er hat versprochen, daß..."

Balder hörte ein Klatschen und einen halberstickten Schrei. Und darauf ein rauhes Gelächter aus vielen Kehlen. Ein böses, schadenfrohes Gelächter, das über die Erde hallte.

Er setzte den Rucksack vor sich auf den Boden und fand einen Spalt, durch den er hindurchsehen konnte.

Er konnte schwach die verdächtigen Umrisse von Pferden und Reitern ahnen. Sie waren schwarz wie Kohle, schwarze Löcher in der Luft gegen den vom Mond beschienenen Hintergrund.

Vorne auf der Erde lag Runzelper so lang wie er war und starrte die Reiter an, mit Blut, das über seine Wange lief aus einer Schramme an der Stirn. Den einen Arm hielt er schützend vor sein Gesicht.

Einer der Ritter lehnte sich vom Pferd aus über ihn und zischte: "Wo ist er?"

Per Runzelfratze zeigte auf die Scheune, ohne ein Wort zu sprechen.

Sie richteten sich in den Satteln auf, zogen an den Zügeln und ließen die Pferde zum Tor schreiten.

Balder hängte sich den Rucksack um und zog sich langsam zurück in die Dunkelheit zwischen die Stapel der Kornsäcke.

Sie zogen am Tor. Erst ganz vorsichtig, dann gewaltsamer. Sie rüttelten und rißen, während sie mit rauhen Stimmen miteinander flüsterten.

Balder betete, daß das Brett hielte und machte sich daran, nach einem Ausweg zu suchen.

Er tastete sich an der Rückwand entlang, legte die Schulter gegen die Bretter und stemmte sich dagegen. Er drückte so gut er konnte an mehreren Stellen, bis ein Brett plötzlich nachgab und nach draußen fiel, wo es mit einem Platsch in der Dunkelheit verschwand. Er rüttelte die Bretter daneben ab, bekam auch die los und ließ sie nach draußen fallen.

Die Nachtwanderer hämmerten ihre harten Fäuste gegen die Planken des Tores, sodaß Staub und Splitter durch die Luft fegten. Balder trat das nächste Brett los in der sicheren Überzeugung, daß der Lärm, den sie selbst machten, sie außerstande machte, ihn zu hören.

Von draußen drang das Spritzwasser vom Fluß und vom Schaufelrad auf ihn ein.

Er nahm den Rucksack wieder ab, steckte den Kopf durch das Loch, das er in die Wand geschlagen hatte und starrte hinaus.

Es war stockdunkel.

Der Mond warf einen schwachen, kalten Schein über die Landschaft. Er sah seinen eigenen Atem wie Dampf über dem Wasser stehen, bis der Wind ihn davontrieb.

Vom Tor wurden die Verankerungen aus den Wänden gerissen und es fiel mit einem schmetternden Geräusch auf den Boden.

Sie kamen hineingeritten, während sie triumphierend brüllten und mit Ketten um sich schlugen.

Balder fasste Mut, holte tief Luft und warf sich durch die Öffnung, den Rucksack an seine Brust gepresst.

Der Wind war kalt, aber das Wasser war eisig. Es brauste über ihm zusammen, umschloß ihn, erstickte alle anderen Geräusche außer dem Dröhnen des Schaufelrades, das sich irgendwo in der Nähe herumdrehte.

Er sank im Wasser hinunter, beschwert vom Rucksack und seiner Kleidung. Als er den Grund berührte, stieß er sich ab und zog sich mit dem einen Arm durch die Wirbel, bis sein Kopf den Wasserspiegel durchbrach. Er paddelte mit den Beinen und versuchte, sich an der Oberfläche zu halten.

Das Gebrüll aus der Mühle drang über das Wasser zu ihm. Sie schlugen alles kurz und klein: Die Kornsäcke, die Wände und die kleinen Sprossenfenster - sodaß die Glasscherben wie schimmernde Wolken in die Luft flogen.

Und als Begleitung zu dieser chaotischen Verwüstung hing das teuflische Gebrüll der Nachtwanderer in der Luft.

Die Pferde wieherten, und die Hufe donnerten auf den Boden und die Pflastersteine draußen.

Balder trieb fort, während er sich an eines der Bretter aus der Wand klammerte. Er hielt den Rucksack unter den einen Arm geklemmt, während er sich, zähneklappernd vor Kälte, an das gegenüberliegende Ufer kämpfte.

Als er die schlammige Böschung hinaufkletterte, den Rucksack hinter sich herschleppend, ging ein Rauschen durch die Luft.

Er drehte sich um und sah Flammen aus den Fenstern im Dach der Mühle in die Luft schießen.

Das Feuer griff schnell auf das Heu auf dem Dachboden über und toste bald mit einem Krachen und Brechen aus allen Rißen und Spalten.

"Heilige Kuh," dachte Balder.

Er meinte Yldas Stimme irgendwo in dem Flammenmeer zu hören. Aber es war nur kurz, und er hörte sie nicht noch einmal. Sie ritten draußen herum, wie Schatten am Rande des Feuerscheins, während sie triumphierend brüllten.

Balder kroch durch das hohe Gras fort von dem Flammenmeer auf das gegenüberliegende Ufer. Das Dach brach zusammen und Glut schoß durch die Luft wie tausende von Feuervögeln, die über den Fluß forttrieben und auf das taufeuchte Gras niederregneten.

Dann erhob er sich und lief vornübergebeugt mit dem Rucksack über den Schultern durch die Glut.

Er stürzte besinnungslos davon, sicher, daß sie ihn von da drüben gesehen haben mußten. Das Feuer warf einen hellen Lichtschein über die Hügel, viele Kilometer weit.

Lange danach blieb er fröstelnd stehen, als er keinen Schritt weiter zu gehen vermochte. Er ließ sich ins Gras fallen und keuchte nach Luft.

Er lag lange und lauschte nach dem Geräusch von Hufen auf der Erde. Jedes Mal, wenn der Wind durch das Gras flüsterte, drückte er sich hinunter und machte sich so klein wie möglich, sicher, daß sie es waren, die sich im Schutz der Dunkelheit an ihn schlichen.

Aber sie kamen nicht.

Als er sich eine Weile erholt hatte, beschloß er, weiter zu gehen.

Er war naß und er fror. So war er gezwungen, die Zähne zusammen zu beißen, damit sein Zähneklappern nicht verriet, wo er war.

Er wanderte im Mondlicht fort in die Richtung, wo er Braunhöhe vermutete.

Während er lief, massierte er seine Arme, abwechselnd den einen und den anderen, damit das Blut wieder zirkulierte.

Voraus tauchte ein unebener Umriß eines Waldes auf.

Balder schlich sich vorsichtig näher, blieb stehen, horchte und schlich sich noch näher.

Er lernte die Vorsicht, lernte zu lauschen und Gefahr zu wittern, noch bevor sie ihn entdeckte. Nur so konnte er hier überleben, wo er bis jetzt nur Feinden begegnet war - Leuten, die ihm Böses wollten.

Er glitt wie ein Schatten zwischen die Nadelbäume, mit allen Sinnen bis zum Äußersten gespannt. Er war die Beute, und es gab viele Jäger.

Die Zweige streckten sich zu ihm hinunter, streiften über seinen nackten Hals und ließen Nadeln in seinem naßen Haar stecken.

Dann hatte er eine Idee, zog das Messer und studierte die Klinge. Sie war kalt und blank, und er steckte es zurück in die Scheide mit einem zufriedenen Seufzer. Hier war Frieden und keine Gefahr, bis auf weiteres...

Lange später, nach einer mühsamen Wanderung durch den nachtschwarzen Wald, erreichte er die andere Seite.

Er stand kurz am Waldrand und blinzelte mit den Augen, lauschend nach einem Zeichen der Gefahr.

Es rauschte hoch oben in der Luft den Waldrand entlang. Er kniff die Augen zusammen und starrte.

Es war eine Eule. Sie flog weiter über seinen Kopf und verschwand in der Dunkelheit.

Vor ihm erhob sich ein großer Hügel aus dem Gelände. Auf ihm verstreut wuchsen Büsche und Sträucher in dichten Formationen. Er folgte einem Pfad mit den Augen. Er schlängelte sich zwischen den Büschen bis nach oben. Oben waren schwach die Konturen von Häusern zu erkennen - von dunklen, verschlossenen Häusern.

Aber in einem von ihnen war Licht im Fenster.

Er stand frierend und allein im Versteck zwischen den Bäumen und beobachtete das Licht, das aus den Fenstern strahlte und einen warmen Schein über das Gras oben in Braunhöhe warf.

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05 mayıs 2025
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