Kitabı oku: «Sprachliche Höflichkeit»

Yazı tipi:

Claus Ehrhardt / Eva Neuland

Sprachliche Höflichkeit

UVK Verlag · München

Umschlagabbildung: © jpgon – stock.adobe.com


Prof. Dr. Claus Ehrhardt lehrt Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft an der Universität Urbino, Arbeitsschwerpunkte: Sprachliche Höflichkeit, linguistische Pragmatik, Phraseologie.


Prof. Dr. Eva Neuland ist Universitätsprofessorin i.R. für Germanistik/Didaktik an der Bergischen Universität Wuppertal, Arbeitsschwerpunkte: Soziolinguistik, Gesprächs- und Textlinguistik, interkulturelle Kommunikation.

ISBN 978-3-8252-5541-1 (Print)

ISBN 978-3-8463-5541-1 (ePub)

Inhalt

  1 Einleitung

 2 Höflichkeit im Alltagsverständnis2.1 Höflichkeit in Wörterbüchern2.2 Höflichkeit in der Ratgeberliteratur: Knigge als „Säulenheiliger“?2.3 Konjunktur der Höflichkeit als Pressethema2.4 Höflichkeit auf dem kulturkritischen Büchermarkt2.5 (Un)Höflichkeit im Gebrauch2.5.1 Frequenzanalysen2.5.2 Kookkurrenzanalysen2.6 Der sprachwissenschaftliche Blick2.6.1 Ein Beispiel: Talkshows als Forum von Unhöflichkeit?2.6.2 Zwei Ebenen der Diskussion: Höflichkeit 1 und Höflichkeit 2

 3 Höflichkeit in der Kulturgeschichte3.1 Rückblicke auf Höflichkeit in der europäischen Kulturgeschichte3.1.1 Höflichkeit und gesellschaftlicher Wandel in der Vormoderne3.1.2 Höfische Höflichkeit3.1.3 Salonkonversationelle Höflichkeit3.2 Entwicklung und Bedeutung der bürgerlichen Höflichkeit in Deutschland3.2.1 Bürgerliche Natürlichkeit3.2.2 Knigge3.2.3 Höflichkeitserziehung3.3 Antibürgerliche Höflichkeitskritik im 20. Jahrhundert3.4 Ausblicke auf Prozesse kulturellen Wandels in der Gegenwart3.4.1 Tendenzen der Informalisierung3.4.2 Generationelle Einflüsse

 4 Ausdrucksformen sprachlicher Höflichkeit im Deutschen4.1 Höflichkeit und Sprache4.2 Höflichkeit in Grammatiken des Deutschen4.2.1 Thematisierungen von Höflichkeit4.2.2 Pronominale Anredeformen4.2.3 Modalität, Konjunktiv Präteritum4.3 Höflichkeitsformeln4.3.1 Höflichkeit zwischen Grammatik und Phraseologie4.3.2 Routineformeln und Höflichkeitsformeln4.3.3 Kommunikative und rituelle Leistungen von Höflichkeitsformeln4.4 Pragmatik der Höflichkeit4.4.1 Höflichkeitsformeln als pragmatische Prägungen4.4.2 Höflichkeit als Stil4.5 Zusammenfassung

 5 Höflichkeit und Kommunikation: (Sprach-)wissenschaftliche Grundlagen der Höflichkeitsforschung5.1 Einleitung5.2 Beziehung und Kommunikation5.2.1 Interaktionssoziologisches Intermezzo: Goffman und das face5.2.2 Sprache und Beziehungsgestaltung5.2.3 Watzlawick/Beavin/Jackson5.2.4 Das Organon-Modell und Jakobson5.2.5 Schulz von Thun5.3 Kommunikation, Kooperation und Höflichkeit5.4 Kooperation und Höflichkeit: Ein Blick in die Evolution5.5 Kommunikative Ziele, Maximen und Höflichkeit5.6 Ein Beispiel: Bundestagsdebatte5.7 Vorläufiges Fazit

 6 Sprachwissenschaftliche Höflichkeitstheorien6.1 Einleitung6.2 Die Pionierphase6.3 Kritik an Brown/Levinson6.4 Die Konsolidierungsphase6.4.1 Fraser/Nolan und der Konversationsvertrag6.4.2 Leech: Höflichkeit als „kommunikativer Altruismus“6.4.3 Arndt/Janney und die emotive communication6.4.4 Was kommuniziert man, wenn man höflich ist? Der relevanztheoretische Ansatz6.4.5 Beiträge aus dem nicht-anglofonen Bereich6.4.6 Schluss6.5 Die diskursive Wende6.5.1 Überblick6.5.2 Höflichkeit: Der Gegenstand der Reflexion6.5.3 Höflich – unhöflich und x?6.5.4 Face und Beziehung6.6 Höflichkeit als soziale Praxis: Ein Beispiel6.6.1 Vorbemerkung6.6.2 Beschreibung6.6.3 (Un)Höflichkeit?

 7 Anwendungsfelder der Höflichkeitsforschung7.1 Höflichkeit in den sozialen Medien: Zwischen Hatespeech und Wohlfühlkommunikation7.2 Kontrastive Perspektiven7.2.1 Einleitung7.2.2 Das Problem des tertium comparationis7.2.3 Sprechhandlungen kontrastiv7.2.4 Höflichkeit in ausgewählten Ländern7.3 Höflichkeit als Schlüsselkompetenz in der interkulturellen Kommunikation7.3.1 Interkulturalität7.3.2 Kritik der „Kulturstandards“7.3.3 Höflichkeit und interkulturelle Kompetenz7.4 Höflichkeit in interkulturellen Trainingsprogrammen7.4.1 Diversität der Zielgruppen versus Universalität der Kulturen7.4.2 Vielzahl von Übungstypen und wenig Sprachliches7.4.3 Höflichkeit in critical incidents7.5 Lässt sich Höflichkeit erlernen? Sprachdidaktische Perspektiven7.5.1 Höflichkeit als Lernziel in der Sprachdidaktik7.5.2 Muttersprachlicher Deutschunterricht7.5.3 Höflichkeit im DaF-Unterricht

 8 Ausblick und Fazit8.1 Theorie und Empirie der Höflichkeitsforschung8.2 Höflichkeit und soziolinguistische Differenzen8.2.1 Geschlecht, Alter und Bildungsstand8.2.2 Kontext und Situation8.3 Fazit

  9 Literaturverzeichnis

  Sachregister

  Personenregister

1 Einleitung

Seit den 1990er Jahren ist sprachliche Höflichkeit im deutschsprachigen Bereich ein wichtiges Thema der sprachwissenschaftlichen Pragmatik, der Soziolinguistik, der Gesprächslinguistik und anderer wissenschaftlicher Disziplinen, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Sprache und Sprachgebrauch sowie mit der Interdependenz von individuellen, kommunikativen Wahlhandlungen auf der einen und sozialen Gegebenheiten auf der anderen Seite auseinandersetzen. Die linguistische Forschung zu diesem Themenkomplex hat sich als ausgesprochen fruchtbar erwiesen und sich kontinuierlich weiterentwickelt, sodass es heute fast schon unmöglich ist, sich einen Überblick zu verschaffen (vgl. Neuland 2018b). Einführungen in die Theorie der sprachlichen Höflichkeit beginnen inzwischen regelmäßig mit der Bemerkung, dass es sich um ein unüberschaubares Feld handelt.

Die Erforschung von sprachlicher Höflichkeit kann und muss – neben der linguistischen Tradition – auch noch an die reiche und wechselvolle Kulturgeschichte der Höflichkeit und der Höflichkeitskonzepte anknüpfen, in der sich höfische, bürgerliche und antiautoritäre Annäherungsweisen und verschiedene Kombinationen zwischen diesen abwechseln.

Natürlich handelt es sich auch um ein Thema von großer gesellschaftlicher Relevanz, das immer wieder zum Thema öffentlicher Debatten wird – über den Sinn und Unsinn von Höflichkeitsvorschriften, ein angemessenes Verhältnis zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Konventionen oder die Rolle der Erziehung, um nur einige Gegenstandsfelder zu nennen.

All dies und noch viele andere Aspekte müssen in der wissenschaftlichen Diskussion berücksichtigt werden. Häufig wird aus guten Gründen aber nicht das Gesamtbild thematisiert, sondern einzelne Aspekte vertieft, wie Komplimente, Beleidigungen, Anredeformen u.ä.

Wesentliche Impulse sind durch die frühen Beiträge der US-amerikanischen bzw. britischen Klassiker Brown/Levinson (1987), Lakoff (1973) und Leech (1983) ausgelöst worden. Die frühen sprechaktbezogenen Arbeiten der kulturkontrastiven Pragmatik (CCSAR-Projekt vgl. Blum-Kulka/Olshtain 1984 oder Blum-Kulka/House/Kasper 1989) in den 1970er und 1980er Jahren haben zugleich mit der Kritik am Universalitätsanspruch der genannten Pioniere neue Aufmerksamkeit in der Forschung bewirkt, wie die Dokumentation der einschlägigen Sektion der IVG-Tagung Politeness in Language. Studies in its History, Theory and Practice (Watts/Ide/Ehlich 1992/2005) belegt.

Nach einer gewissen „Flaute“ in der internationalen Forschungsentwicklung in den 1990er Jahren wurde das Thema der Höflichkeit nach der Jahrtausendwende wieder belebt. Der genannte IVG-Band erfuhr 2005 eine Neuauflage, und 2011 erschienen die Ergebnisse der Sektion Sprachliche Höflichkeit zwischen Etikette und kommunikativer Kompetenz (Ehrhardt/Neuland/Yamashita) der IVG-Tagung in Warschau 2010.

Seitdem ist die sprachliche Höflichkeit immer wieder Thema internationaler wissenschaftlicher Konferenzen (z.B. Sprachliche Höflichkeit: Historische, aktuelle und künftige Perspektiven, Ehrhardt/Neuland 2017), wissenschaftlicher Publikationen und auch kontroverser Diskussionen in der Öffentlichkeit (vgl. dazu Kapitel 2).

Schließlich ist die Auseinandersetzung mit Höflichkeit auch ein beliebtes Thema in der universitären Lehre im Rahmen der linguistischen Pragmatik, Soziolinguistik und Kommunikationsforschung im Bereich der Germanistik und der Fremdsprachenphilologien.

Für das vertiefte Studium möchte der vorliegende Band den Versuch unternehmen, trotz der Unübersichtlichkeit einige Entwicklungslinien der wissenschaftlichen Diskussion zu beschreiben und damit eine Grundlage zu schaffen, die es Studierenden ermöglicht, sich ein Bild von der internationalen Forschung (mit Schwerpunkt auf der deutschsprachigen) zum Thema Höflichkeit zu machen, wichtige Forscher und Forschungsansätze kennenzulernen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Überlegungen zu identifizieren und zu bewerten, und auch zu erkennen, an welchen Punkten noch Forschungsbedarf besteht.

Idealerweise sollten LeserInnen mit den Grundbegriffen der linguistischen Pragmatik vertraut sein, wie sie in Einführungskursen vermittelt werden.

Das Buch beginnt mit einer Annäherung an das Thema aus alltagssprachlicher Perspektive. In Kapitel 2 soll beschrieben werden, was Sprecher des Deutschen meinen, wenn sie von Höflichkeit reden. Dazu werden Wörterbuchdefinitionen herangezogen, die den Gebrauch der Wörter Höflichkeit und höflich illustrieren, aber auch kleine Einblicke in kontrovers diskutierte Fragestellungen angesprochen, die in öffentlichen Debatten eine Rolle spielen.

Kapitel 3 bietet einen kurzen kulturhistorischen Überblick über verschiedene Entwicklungen und Tendenzen von Diskussionen über Höflichkeit. Dabei soll deutlich gemacht werden, dass das Nachdenken über Höflichkeit eine Konstante in der Kulturgeschichte ist und eine wichtige Funktion im Rahmen der Selbstverständigung von Gesellschaften und Kulturen erfüllt.

In Kapitel 4 geht es um sprachliche Formen des Deutschen, die im Allgemeinen angeführt werden, wenn der Zusammenhang von Sprache und Höflichkeit beleuchtet werden soll. In diesem Kapitel wird vor allem darauf hingewiesen, dass die Verwendung bestimmter sprachlicher Strukturen (Anredeformen, Konjunktiv Präteritum usw.) zwar ein zentraler Gegenstand von linguistischen Überlegungen zur Höflichkeit sein muss, dass die Verwendung dieser Formen aber weder notwendig noch hinreichend ist, um eine Äußerung zu produzieren, die als höflich eingeschätzt wird.

Höflichkeit ist damit eine Funktion von Äußerungen und nicht von Wörtern oder Sätzen. Diese Annahme bietet den Ausgangspunkt der Überlegungen in Kapitel 5, in dem skizziert werden soll, wie die Behandlung von Höflichkeit in einen umfassenderen Ansatz eingeordnet werden kann, der das Ziel verfolgt zu analysieren und zu erklären, unter welchen Bedingungen Kommunikation zustande kommt und effizient sein kann. Die zentrale Frage dieses Kapitels betrifft demnach die kommunikativen Funktionen und die Relevanz von Höflichkeit. Als Ergebnis dieser Betrachtungen wird ein Begriff von Höflichkeit vorgeschlagen, der geeignet sein könnte, das Phänomen theoretisch angemessen einzuordnen.

Kapitel 6 gibt dann einen Überblick über die Geschichte der Höflichkeitsforschung im engeren Sinne. Hier werden wichtige Ansätze aus dem deutschsprachigen und internationalen Bereich vorgestellt und im Hinblick auf den Begriffsvorschlag aus Kapitel 5 diskutiert. Insgesamt ergibt sich hier ein Panorama der Forschungssituation, wichtiger Themen und Ansätze.

In Kapitel 7 werden einzelne anwendungsbezogene Themen herausgegriffen und vertiefend diskutiert. Hier geht es vor allem um Höflichkeit in der computervermittelten Kommunikation, um interkulturelle Kommunikation, kontrastive Ansätze und um Höflichkeit in der Didaktik des Deutschen als Muttersprache und Fremdsprache.

Kapitel 8 bildet schließlich den Abschluss des Bandes, in dem ein Ausblick auf mögliche Themen weiterer Forschung gegeben und die Befunde der Diskussionen noch einmal zusammenfassend auf den Punkt gebracht werden sollen.

Insgesamt stellt der Band also einen Vorschlag zur Begriffsbestimmung dar, aber auch und vor allem einen Überblick über das Forschungsfeld „sprachliche Höflichkeit“. Er bietet eine geeignete Gundlagenlektüre für Vorlesungen und Seminare und gibt Interessierten eine Orientierung in einem komplexen und facettenreichen Bereich. Es geht dabei um linguistische Fragestellungen, um die Rolle von Höflichkeit als Teil der kommunikativen und interkulturellen Kompetenz. Wer praktische Orientierung sucht, wann er wen duzen darf, wie eine angemessene Entschuldigung formuliert sein sollte oder wie man eine höfliche Mail formuliert, der wird nicht auf seine Kosten kommen.

Nach langen Überlegungen haben die Autorin und der Autor sich entschlossen, eine Version der gendergerechten Sprache zu wählen, die eben gendergerecht ist, aber den Lesefluss nicht stört und stilistisch unauffällig ist. Diese Lösung besteht aus der Verwendung des Binnen-I und beider Artikel (maskulin und feminin) im Singular: Mit „der/die LeserIn“ sind also Personen jeglichen Geschlechts gemeint. Häufig wird auch der Plural verwendet oder, wenn es sich im jeweiligen Kontext anbietet, auch andere Formen, die gendergerecht und leser(innen)freundlich sind oder mit denen das zumindest angestrebt wird.

Urbino und Wuppertal, im April 2021

2 Höflichkeit im Alltagsverständnis

Über Höflichkeit denkt man im Alltag normalerweise nicht nach; vielmehr wird uns das Phänomen erst dann bewusst, wenn wir Verstöße dagegen empfinden: ein Dank, der ausbleibt, ein Gruß, der kaum erwidert wird, eine Anrede, die wir als unangemessen empfinden. Höflichkeit im Alltag zu definieren, fällt daher schwer und erfolgt zumeist durch Ersatzbegriffe, etwa Benehmen, Respekt, Anstand, guter Ton. Ein Blick in allgemeine Wörterbücher sollte weiterhelfen, um zu einem ersten Eindruck zu gelangen, was Höflichkeit im Alltagsverständnis ist.

2.1 Höflichkeit in Wörterbüchern

Mittlerweile greifen die meisten Ratsuchenden zu digitalen Wörterbüchern, z.B. zum Online-Duden. Dort findet man als Bedeutungsübersicht:

1 Höfliches, gesittetes BenehmenBenehmen; ZuvorkommenheitZuvorkommenheit.

2 In höfliche, jemanden schmeichelnde Worte gekleidete, freundlich-unverbindliche LiebenswürdigkeitLiebenswürdigkeit, die jemand einem anderen sagt. (Duden online)

Hinzugefügt werden ganze siebenundzwanzig Synonyme zu Höflichkeit, darunter: eine gute Kinderstube, RitterlichkeitRitterlichkeit, Schliff, ZartgefühlZartgefühl, bildungssprachlich auch: KonzilianzKonzilianz, ZivilitätZivilität und veraltend: CourtoisieCourtoisie, ArtigkeitArtigkeit, PolitessePolitesse. Aus der Aufzählung der Synonyme lässt sich schließen, dass Höflichkeit anscheinend etwas mit Bildung und Erziehung zu tun hat.

Ausführlicher erläutert die freie Enzyklopädie Wikipedia:

Die Höflichkeit oder Zivilisiertheit ist eine Tugend, deren Folge eine rücksichtsvolle Verhaltensweise ist, die den Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringen soll. Ihr Gegenteil ist die GrobheitGrobheit oder BarbareiBarbarei. Sozial gehört sie zu den Sitten, soziologisch zu den sozialen Normen. Das Wort hat sich aus dem Begriff ‚höfischhöfisch‘ entwickelt, das die Lebensart am frühneuzeitlichen Hof bezeichnete. (Wikipedia: „Höflichkeit“)

Hier wird Höflichkeit mit ZivilisiertheitZivilisiertheit gleichgesetzt und darüber hinaus als eine Tugend klassifiziert. Als Gegenteil wird Grobheit oder Barbarei genannt.

Zu der im Alltag so viel auffälligeren Unhöflichkeit geben Wörterbücher vergleichsweise wenig Aufschluss. Der Online-Duden vermittelt quasi tautologisch als Bedeutungsübersicht:

1 Das Unhöflichsein

2 Unhöfliche Handlungen, Äußerungen. (Duden online)

Die freie Enzyklopädie Wikipedia hält als Bedeutungen fest: „ungesittetes, beleidigendes oder unangebrachtes Verhalten“ (Wiktionary: „Unhöflichkeit“).

Die Befragung von allgemeinen Wörterbüchern hat uns nicht sonderlich weit gebracht: Zivilisation, Erziehung und Bildung sowie kulturelle Verständnisweisen umfassen ein weitgespanntes und vages Bedeutungsfeld, das überdies stark vom subjektiven Ermessen abhängig zu sein scheint. Anscheinend fällt es den meisten Menschen leichter, Höflichkeit als Attribut mit bestimmten Verhaltensweisen zu verbinden und dafür Beispiele anzugeben wie:

 sich bei jemandem zu bedanken, der einem einen Gefallen getan hat,

 jemanden, den man trifft, zu grüßen,

 beim Essen die Gabel in der linken und das Messer in der rechten Hand zu halten,

 während eines wichtigen Gesprächs keine Telefonanrufe entgegenzunehmen.

Es geht dabei also immer um sprachliche oder nicht-sprachliche Handlungen oder Unterlassungen. Eine der Gemeinsamkeiten der betreffenden Handlungen liegt darin, dass sie nicht unbedingt als natürliche, angeborene Verhaltensdispositionen der Menschen angesehen werden können, sondern als erlernt, als Produkte von Kultur, Zivilisation und Erziehung. Sie werden dem Individuum durch gesellschaftliche Regeln oder Zwänge beigebracht (oder aufgezwungen?). Viele Menschen denken hierbei sofort an Handbücher, Regelwerke oder Ratgeber, in denen solche Vorschriften aufgelistet und erklärt werden, in denen die sog. Etikette expliziert wird.

2.2 Höflichkeit in der Ratgeberliteratur: KniggeKnigge als „Säulenheiliger“?

Ein Blick in die Kataloge deutschsprachiger Verlage und in die Regale von Buchhandlungen macht schnell klar, dass Höflichkeit, im alltagsprachlichen Sinne als Verhaltenskodex verstanden, wieder ein Thema von hoher gesellschaftlicher Bedeutung geworden ist. BücherproduzentInnen in Deutschland machen offenbar einen gestiegenen Beratungsbedarf in Bezug auf Höflichkeit und Benehmen aus.

Auch der Dudenverlag hat einen Deutsch-Knigge veröffentlicht, in dem man – laut Untertitel – erfährt, wie man sicher formuliert, sicher kommuniziert und sicher auftritt. Viele Titelformulierungen enthalten darüber hinaus Erfolgsversprechen für gesellschaftliche Problemsituationen.

Einige Beispiele aus den letzten Jahren sollen verdeutlichen, dass Bücher wie diese offensichtlich mit einer regen Nachfrage rechnen können und was sie eigentlich behandeln:

 Der Deutsch-Knigge (Duden 2008)

 Der neue große Knigge: Gutes Benehmen und richtige Umgangsformen (Schneider-Flaig 2008)

 Der China-Knigge: Eine Gebrauchsanweisung für das Reich der Mitte (Häring-Kuang/Kuan 2012)

 Knigge im Job. So machen Sie immer eine gute Figur (Wolff 2006)

 Business-Knigge – Die 100 wichtigsten Benimmregeln (Quittschau/Tabernig 2019)

 Der große GU-Knigge (Bonneau 2008)

 Über den Umgang mit E-Mails: Der Scholz & Friends E-Mail-Knigge (Scholz & Friends 2009)

 Knigge, Kleider und Karriere: Sicher auftreten mit Stil und EtiketteEtikette (Nagiller 2004)

 Ess- und Tisch-Knigge: Nie wieder peinlich! (Witt 2004)

 Business Knigge international: Der Schnellkurs (Oppel 2015)

 Das Benimm-ABC: Knigge für junge Leute von heute (Griesbeck 2010)

 Sex-Knigge für Frauen: Ein Mann verrät, wie Sie die perfekte Liebhaberin werden (van Amstel 2004)

 Knigge für Dummies (Gillmann 2015)

 Jugend-Knigge 2100: Knigge für junge Leute und Berufseinsteiger (Hanisch 2020)

Schon ein kurzer Blick auf die Titel zeigt, worum es hier geht: Das Verhalten in Gesellschaft anderer (z.B. beim Essen und in der Liebe), das Verhalten in beruflichen Situationen, den Sprachgebrauch in Briefen und anderen Texten, das Verhalten im Ausland. In diesen Bereichen kommen Menschen immer wieder in Situationen, in denen sie den Eindruck haben, dass sie nicht tun und lassen können, was sie wollen, sondern dass sie sich an vorgegebene VerhaltensstandardsVerhaltensstandard halten sollten, wenn sie die Situation erfolgreich meistern wollen. Wenn man etwas falsch macht, dann wird es peinlich, man gefährdet die eigene Reputation und den kommunikativen Erfolg im jeweiligen Kontext. Hier besteht also Orientierungsbedarf. Die Gesellschaft vermittelt über solche Bücher (oder analoge Angebote im Internet), was sie von ihren Mitgliedern erwartet und was Mitmenschen von jedem Individuum erwarten können. Höflichkeit wird in solcher Ratgeberliteratur mit der Beachtung der aufgestellten Regeln identifiziert und so auf ein Inventar rezeptologischer Handlungsanweisungen reduziert: z.B. „Straßenwörter“ zu vermeiden und die „Zauberwörter“ bitte und danke zu nutzen (nach Hanisch 2020).

Es entsteht der Eindruck, dass diese Art Ratgeberliteratur gerade in den letzten Jahren und Jahrzehnten (wieder) populär geworden ist. Vieles deutet darauf hin, dass ungefähr seit der Jahrtausendwende das „korrekte“, also regelkonforme Verhalten wieder geschätzt wird und dass man sich in vielen sozialen Gruppen unmöglich macht, wenn man nicht weiß, was der Knigge von einem erwarten würde. Man will wieder eine gute Figur machen und greift dafür auf altbewährte Vorgaben zurück.

Woher kommt die Autorität der Etikettebücher? Wer schreibt sie aufgrund welcher Qualifikation oder in wessen Namen? Wer definiert eigentlich die Regeln für den Umgang mit anderen Menschen? Hier liegt immer der Verdacht nahe, dass bestimmte soziale Gruppen, die die kulturelle Hegemonie in einer Gesellschaft für sich beanspruchen, anderen Gruppen ihre Verhaltensstandards mit mehr oder weniger subtilen Mitteln aufzwingen. Das kann hier nicht vertieft werden. Es scheint klar zu sein, dass AutorInnen der Etikette von heute die Etikette von gestern übernehmen und eventuell an neue Gegebenheiten anpassen. Ohne (wenigstens impliziten) Bezug auf Vorgängerwerke könnte ein Etikettebuch keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.

Als „Säulenheiliger“ der Etikette und letzte Instanz in Benimmfragen gilt in Deutschland Adolph Freiherr Knigge (1752 – 1796) – das zeigt sich schon in den Titeln der zitierten Werke. Sein Buch Über den Umgang mit Menschen (Knigge 1788/1977 oder Knigge 1788/2010) wird immer wieder als Urtext der Etikette, als erstes Benimmbuch gelesen. Ein Blick in das Werk erweist aber sehr schnell, dass der Urvater der Etikette etwas ganz anderes im Sinn hatte, dass er unter Höflichkeit etwas ganz anderes verstanden hat als sozial angepasstes, regelorientiertes Verhalten. Seit 2010 ist sein Gesamtwerk in einer vierbändigen Ausgabe zugänglich, und nach und nach werden auch zusätzliche Dokumente – etwa Briefwechsel – veröffentlicht. Und siehe da: Es handelte sich um einen prominenten Vertreter der deutschen Aufklärung, der zahlreiche Erzählungen, Reiseberichte, aber auch protosoziologische Texte verfasst hat und der in Deutschland als Anhänger der Französischen Revolution verfolgt wurde. Benimmbücher hat er aber sicher nicht geschrieben; auch Über den Umgang mit Menschen passt nicht in eine solche Tradition. Ein Rezensent der Zeit bringt es auf den Punkt:

Noch einmal und noch einmal und noch einmal ganz langsam zum Mitschreiben, auch für die Medienkollegen: Adolph Freiherr Knigge war kein Benimm-Onkel. Fischbesteck und Dresscodes haben ihn null interessiert. Sein Buch ‚Über den Umgang mit Menschen‘ von 1788 wurde im 19. Jahrhundert von irgendwelchen Stehkragen-Spießern zu einer Etikettefibel zugrunde gefälscht. Nicht um Umgangsformen ging es Knigge, sondern um Lebensformen und Weltklugheit. (Erenz 2016)

Knigges Buch kann als Vorläufer soziologischer, sozialpsychologischer, philosophischer oder ethnologischer Überlegungen angesehen werden, sicher aber nicht als Ratgeber für formvollendetes, höfisches Verhalten. Das Werk ist in drei Teile aufgeteilt. Der erste trägt die Überschrift Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang mit Menschen, der zweite behandelt den Umgang mit besonderen Gruppen von Menschen (Eltern, Kinder und Blutsverwandte, Eheleute, Verliebte, Hauswirte, Nachbarn, Wirt und Gast usw.), der dritte Teil schließlich widmet sich dem Umgang mit Menschen von verschiedenen Ständen und Verhältnissen. Modern ausgedrückt ist der Umgang mit DiversitätDiversität ein zentrales Thema, also die Frage, wie man in einer Gesellschaft friedlich zusammenleben kann, in der Kontakte mit sehr unterschiedlichen sozialen Gruppen immer wichtiger werden.

Der Autor selbst bringt die Ziele des Buches in der Einleitung zur dritten Auflage auf den Punkt, indem er die Überschrift paraphrasiert: „Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind, und wiederum von ihnen fordern können“ (Knigge 1788/1977, o. Pag.). Der vermeintliche Ahnherr der Etikettebücher macht deutlich, dass es im Umgang mit Mitmenschen gerade nicht auf eine Sammlung allgemeiner Verhaltensanweisungen ankommt und dass die Regeln des Umgangs miteinander eine große Bedeutung für die Organisation des sozialen Lebens haben. Wenn man beschreiben und analysieren will, was eine Gesellschaft zusammenhält und wie sich ihre Mitglieder in ihrem Verhalten organisieren bzw. woran sie sich orientieren, dann sollte man demnach auch den Begriff der Höflichkeit jenseits der puren Konventionalität vertiefen und genauer ergründen, was Menschen voneinander erwarten können bzw. welche Pflichten und Rechte sie im Umgang mit anderen haben.


Abb. II.1: Knigge, Ausgabe im Insel Verlag (2008) © Suhrkamp Verlag

Eine moderne Version der Ideen Knigges schlägt die Deutsche Knigge-Gesellschaft vor. Schon durch die Namensgebung erhebt der Verein den Anspruch, in einer Linie mit den Ideen des Freiherrn zu stehen und die authentische Interpretation seiner Gedanken wiederzugeben. In diesem Sinne werden z.B. Beratungen für Unternehmen und Institutionen angeboten oder Trainings für verschiedene Gruppen von Interessierten (u.a. über die „Knigge-Akademie“). Auf der Homepage der Gesellschaft wird an die Ideen von Knigge angeknüpft. Unter der Überschrift „Etikette alleine reicht nicht“ heißt es etwa: „Man darf allerdings auch hier nicht übertreiben. Gutes Benehmen ist nicht alles. Zum Stil gehört auch geistige Größe und Bildung (übrigens auch die des Herzens). ‚Nur geistige Kultivierung verfeinert‘, meint dazu Thomas Mann“ (Knigge-Gesellschaft). Es geht nicht um gutes Benehmen, sondern vor allem um StilStil. Auch das ist eine Ebene, auf der Ausführungen über Höflichkeit angesiedelt werden können.

Das Credo der modernen Knigge-Version wird auf der Homepage in sieben Punkten zusammengefasst:

 Zurück zu den Wurzeln von Knigge: Aufklärung & Humanismus.

 Locker bleiben!

 Auch wenn ein Esel einen goldenen Sattel trägt, bleibt er dennoch ein Esel.

 Trainiert nicht Euer Lächeln, trainiert Eure Herzen!

 Nur geistige Kultivierung verfeinert. Purer Formalismus ist dumm.

 Ehrlichkeit, Disziplin, soziale Einstellung, ethisch einwandfreies Verhalten statt formalem Perfektionismus, Ellbogen, und Raffer-Mentalität, die über Leichen geht.

 Schluss mit den Auswüchsen steifer Etikette-Vorschriften! Wer will, soll ruhig „Guten Appetit“ und „Gesundheit“ sagen und diese albernen Übertreibungen zurückfahren (das setzt sich sowieso nicht durch). Natürlichkeit und Authentizität haben Priorität.(Knigge-Gesellschaft)

Halten wir hier erst einmal fest: Höflichkeit ist nicht so leicht zu fassen, sie ist vielschichtig und umstritten. Man kann sie als Etikette, als Verhaltensnorm verstehen. Dann spricht man von festen Vorschriften, die in manchen sozialen Kontexten befolgt werden und deren Nicht-Befolgung sozial sanktioniert werden kann. Man sagt damit aber wenig darüber aus, was für das menschliche Zusammenleben wirklich wichtig ist – man wird ja kaum annehmen wollen, dass unser Verhalten in erwähnenswertem Maß von Etiketteregeln konditioniert wird. Man kann Höflichkeit aber auch als Verhaltensdisposition, als Einstellung beschreiben, die der Fähigkeit, mit anderen Menschen zu kooperieren, zugrunde liegt. Und hier wird es auch wissenschaftlich interessant; Höflichkeit ist dann ein Begriff, der deskriptiv verwendet werden kann, also nicht mehr, um zu sagen, was man in bestimmten Situationen tun sollte, sondern um zu beschreiben, was Menschen in bestimmten kommunikativen Kontexten tun und warum sie es tun bzw. welche sozialen Funktionen und Effekte dieses Verhalten hat. Darum sollte es bei einer linguistischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen gehen.

2.3 Konjunktur der Höflichkeit als Pressethema

Eine weitere Ebene des Wissens über Höflichkeit kann man durch die Analyse der in der Presse dokumentierten Diskurse erfassen. Um einen Eindruck zu bekommen, werfen wir einen kurzen Blick auf ziemlich willkürlich ausgewählte Zeitungsartikel, in denen über Höflichkeit geschrieben wird und im anschließenden Kapitel auf einige Buchpublikationen, die sich mit diesem Phänomen auseinandersetzen. Die Auswahl sollte geeignet sein, öffentliches Sprechen über Höflichkeit exemplarisch zu dokumentieren und diskursanalytisch zu fragen, welche Ideen sich dahinter verbergen. Die Frage, auf die wir hier eine Antwort suchen, lautet also: „Worüber spricht man genau, wenn man außerhalb von Etikettetexten über Höflichkeit spricht?“

Zunächst stößt man dabei wieder auf Knigge und die Knigge-Gesellschaft. Im Jahr 2013 wurde Über den Umgang mit Menschen 225 Jahre alt. Die Zeit widmete diesem Jahrestag einen Artikel, in dem differenziert über das Lebenswerk des Freiherrn berichtet wird und in dem unterstrichen wird, dass Knigge mit Anstandsregeln nichts zu tun hatte. „Knigge war kein Freund von Anstandsregeln“ lautet die Überschrift des Textes von Hellmuth Vensky (2013). Darin wird auch über die Aktivitäten der Knigge-Gesellschaft berichtet. Auf journalistisches Interesse stoßen insbesondere die angebotenen Benimmkurse, in denen Lernziele wie Benehmen bei Tisch, Begrüßungsrituale oder Dresscodes verfolgt werden. Sie gelten als Soft SkillsSoft Skills, die in vielen Bereichen der Gesellschaft, u.a. im Berufsleben, eine immer wichtigere Rolle spielen. Betont wird, dass die Nachfrage nach Benimmkursen in den letzten Jahren zugenommen hat und dass dies auch daran liegt, dass sich die Verhaltensstandards geändert haben. Das wiederum führt zu Unsicherheit und dann zu Beratungsbedarf. Ganz im Sinne der Vorgaben der Knigge-Gesellschaft wird darauf verwiesen, dass es nicht um eine Reglementierung des Verhaltens gehen kann, dass vielmehr das Bauchgefühl in vielen Fällen eine gute Orientierungshilfe ist: „Oft gibt der gesunde Menschenverstand schon die richtige Benimm-Marschrichtung vor“ so ein Trainer (Schleufe 2012).

In manchen (wohl eher vornehmen) Stadtvierteln werden Benimmkurse auch für Kinder angeboten. So lautet beispielsweise die Überschrift eines Artikels in der SZ: „Benimm dich! Grüßen, essen, richtig sitzen: Im feinen Münchner Süden soll Kursleiterin Sophie von Seydlitz Achtjährige Manieren lehren“ (Lutz 2015). Es geht um Kinder, die schon viel darüber wissen, was anständiges Benehmen ist. Sie sollen in dem Kurs aber lernen, dass es um mehr geht als die richtige Handhabung der Gabel: „Gutes Benehmen bedeutet Respekt: Respekt vor anderen zeigen und selber respektvoll auftreten.“ Das Beispiel zeigt, dass Höflichkeit und alles, was mit ihr zusammenhängt, ein Ziel von Erziehung ist. Ist es nötig oder wünschenswert, Kinder auf die Befolgung von Regeln „abzurichten“, oder sollte Erziehung zur Höflichkeit mehr leisten? Die Antwort auf diese Frage verweist auch auf das Weltbild der Erziehungsberechtigten. Die Ziele der Eltern werden so charakterisiert: „Seine Tochter soll das Rüstzeug bekommen, um in einer Welt zu bestehen, in der ManierenManieren einen hohen Stellenwert haben. Das sollen die Kinder schon früh lernen“ (Lutz 2015). Solche Aussagen zeigen deutlich, wie zeit- und gruppenabhängig die Einstellung zu Höflichkeit und Manieren ist. Was auch immer die hehren Ziele solcher Kurse sein mögen, am Ende geht es darum, dass die Kinder einen Tisch richtig decken und gemeinsam essen, ohne zu schlürfen. Die Kursleiterin korrigiert Körperhaltung und den Umgang mit Messer und Gabel.

Auch der als unzureichend empfundene Umgang mit Höflichkeit in Schulen bietet immer wieder Anlass für die Berichterstattung: „Kein Platz für SchimpfwörterSchimpfwort“ – eine katholische Grundschule in Nordrhein-Westfalen erklärte sich zur „schimpfwortfreien Zone“ (Aprin 2014). Die Schule löste damit kontroverse Reaktionen aus. Selbst Vorschriften über angemessene GrußformelnGrußformel stießen auf mediale Aufmerksamkeit: „Passauer Schulleiterin verbannt ‚Tschüs‘“ (so Spiegel online auf der Grundlage einer dpa-Nachricht): „Sie erklärt ihre Schule zur ‚Tschüs- und Hallo-freien Zone‘“ und fordert stattdessen: „In Bayern heißt das ‚Grüß Gott!‘“ Der Präsident des Bayerischen Lehrerverbands BLLV schließt sich an: „Die Schüler müssen den richtigen Ton finden“ (Cornelius 2012).

In vielen Bereichen des Alltags- und des Berufslebens spielt Höflichkeit, wie Zeitungsartikel widerspiegeln, eine große Rolle. In der Presse finden sich Verweise auf den Digital-Knigge der Telekom, in dem Regeln für das digitale Benehmen formuliert werden (SZ.de 2010a) sowie auf verschiedene Bereiche des studentischen Lebens: In Zeit online (Kutter 2012) wird über Höflichkeit in studentischen Mails an Professoren reflektiert. Unter der Überschrift: „Hallöchen Herr Professor. Warum schreiben Studenten so unhöfliche E-Mails? Weil sie es nicht besser wissen“, wird die (Un)Angemessenheit von AnredeformenAnredeform im akademischen und medialen Kontext erörtert.

Besonders intensiv wird Höflichkeit im Bereich des Einzelhandels diskutiert. Dabei offenbart sich auch die Ambivalenz und Komplexität des Phänomens. Ein Artikel trägt diese Überschrift: „Der neue Zwang zur FreundlichkeitFreundlichkeit. Einzelhändler verfolgen eine neue Strategie: Sie zwingen ihre Mitarbeiter zu Höflichkeitsfloskeln und Nettigkeit. Die leiden unter dem Diktat“ (Schimansky 2012). Das Problem, um das es hier geht, kann man einfach zusammenfassen: EinzelhändlerInnen in Deutschland haben festgestellt, dass ihre KundInnen zufriedener sind, wenn sie im Geschäft höflich oder freundlich behandelt werden. Und wenn KundInnen zufrieden sind, dann laufen auch die Geschäfte gut. Also wurden die MitarbeiterInnen dazu aufgefordert, die KundInnen freundlich anzulächeln, sich zu bedanken und natürlich immer zu grüßen. Mit anderen Worten: höflich zu sein. Es stellt sich aber sehr schnell heraus, dass das leichter gesagt als getan ist. Oft merken die KundInnen, dass es sich um aufgesetztes Verhalten einer professionellen Höflichkeitprofessionelle Höflichkeit handelt und fühlen sich auf den Arm genommen – das ist noch schlimmer als unhöflich behandelt zu werden. Eine Einzelhandels-Mitarbeiterin, die im Artikel zitiert wird, erzählt,

[…] wie sehr sie sich manchmal zusammenreißen müsse, um die freundlichen Sätze über die Lippen zu bekommen. ‚Das ist schwierig, denn viele Kunden werden persönlich.‘ Oft merkten die Kunden, dass die Mitarbeiterin nur Floskeln aufsage, statt sich ernsthaft um sie zu kümmern. ‚Viele werden wütend, wenn man sie mit 08-15-Sätzen abspeisen will.‘ Ihr fällt es schwer, sich zu entschuldigen, wenn sie es nicht so meint. Oft beißt sie dann auf die Zähne und lächelt. (Schimansky 2012)

Höflichkeit ist auch eine Frage des richtigen Ausmaßes und vor allem der Glaubwürdigkeit. Es ist sehr fraglich, ob man sich oder jemandem Höflichkeit antrainieren und dabei „echt“, authentisch und aufrichtig wirken kann.

Der Einzelhandel ist in Sachen Höflichkeit aber nicht nur wegen solcher Vorschriften bekannt. Hier gibt es auch das Phänomen des „Verkäuferinnen-Du“, also eine seltsame Mischung aus förmlicher und informeller Anrede: „Frau Müller, kannst du mir mal 20 Euro wechseln?“ Darauf verweist ein weiterer Artikel, in dem Höflichkeit zum Thema gemacht wird: „‚Du, Frau Müller‘: Die richtige Begrüßung erfordert viel Fingerspitzengefühl. Was zwischen ‚Du‘ und ‚Sie‘ alles schieflaufen kann, ergründet die AnredeforschungAnredeforschung“ (Straßmann 2013). In diesem Text geht es um die Anrede und um die Frage, welche der verschiedenen möglichen Formen jeweils passend ist. Der Autor verweist auf die Tatsache, dass es im Deutschen eine vertrauliche Anredevariante und eine Höflichkeitsform gibt. Er beschreibt die Tendenz, in immer mehr Kontexten das Du zu verwenden und damit das nachzuvollziehen, was sich in skandinavischen Ländern schon verändert hat: „In den skandinavischen Ländern ist bereits jede spezielle Höflichkeitsform dem demokratischen ‚Du‘ gewichen.“ Dem liegt offenbar die Annahme zugrunde, dass erstens Höflichkeit darin liegt, Distanz zu den GesprächspartnerInnen zu wahren (und nicht durch das Du Vertrautheit zu signalisieren). Und zweitens, dass Höflichkeit eher der aristokratischen Sphäre angehört, das Du eher dem demokratischen Diskurs. Eine weitverbreitete Annahme, die aus der Perspektive der linguistischen Höflichkeitsforschung noch zu diskutieren sein wird.

Gerade im Tourismus stoßen unterschiedliche Höflichkeitstraditionen und unterschiedliche Formen der Realisierung von Höflichkeit aufeinander. So zeigt sich sehr schnell, dass in unterschiedlichen Regionen und erst recht in unterschiedlichen Ländern bzw. Kulturen auch sehr unterschiedliche Formen des Umgangs miteinander existieren. Diese Unterschiede können leicht zu Konflikten oder zumindest zur Unzufriedenheit von Gästen führen. So wird in einem Artikel (SZ.de 2010b) über eine Höflichkeitsstudie in Frankreich berichtet. Der Erhebung zufolge sind die Französinnen und Franzosen gegenüber TouristInnen nicht nett genug: „Besucher aus dem Ausland empfänden die Franzosen oft als ‚arrogant, sogar verächtlich‘, sagt die Tourismusberaterin […].“

Solche Eindrücke ergeben sich durchaus auch dann, wenn keine größeren Sprach- oder Kulturbarrieren vorhanden sind. Klagen von deutschen BesucherInnen, z.B. über die Unhöflichkeit von Berliner TaxifahrerInnen, sind fast schon an der Tagesordnung. Auch in der Kommunikation zwischen Deutschen und SchweizerInnen erschweren Unterschiede in den Umgangsformen die Verständigung. Als Beispiel sei hier eine Passage aus einem Artikel aus Zeit online zitiert:

Der Schweizer ist in der Regel viel höflicher im Umgang mit seinen Mitmenschen. Das wird schon in der Tram (die hier ‚das Tram‘ heißt) deutlich, wo man an den Endhaltestellen täglich höflich begrüßt und auch verabschiedet wird vom Fahrer. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Supermarkt: Höflichkeitsfloskeln wie ‚Merci‘, ‚Danke‘, ‚Bitte‘ werden wohl in keinem anderen Land so oft verwendet wie hier. (Bertram 2014)

Der Artikel beschreibt die Unterschiede im Kommunikationsverhalten als unterschiedliche Grade von Höflichkeit, die das eine oder das andere Land auszeichnen. Auch das hört und liest man oft. Briten sind höflicher als Deutsche, Franzosen sind höflicher als Spanier usw. Wir werden in Kapitel 7.2 noch ausführlicher darauf zurückkommen. Hier mag der Hinweis genügen, dass der weit verbreitete Eindruck, manche Kulturen oder Sprachen seien höflicher als andere im Wesentlichen auf unzulässigen Verallgemeinerungen und einem diskussionswürdigen Verständnis von Höflichkeit beruht. Was uns hier interessiert, ist der Höflichkeitsbegriff, der sich in solchen Behauptungen manifestiert: Er ist sehr stark am Begriff der Etikette orientiert, er identifiziert Höflichkeit mit der Realisierung von für die jeweilige Situation vorgeschriebenen Sprechhandlungen und wertet ein Ausbleiben der jeweiligen Handlung als Unhöflichkeit. Also: Wer immer schön und sehr oft bitte und danke sagt, der (oder die) ist höflich, wer das nicht tut, ist unhöflich. Das ist aus der Perspektive einer linguistischen Höflichkeitsauffassung sehr verallgemeinernd und vor allem abstrahiert es von den Äußerungskontexten. Unstrittig ist allerdings, dass sich Kulturen auch in den Höflichkeitskonventionen qualitativ voneinander unterscheiden und dass diese Unterschiede die interkulturelle Kommunikationinterkulturelle Kommunikation erheblich erschweren können.

Interessanterweise wird vereinzelt auch auf problematische Aspekte der Höflichkeit hingewiesen. In einem Artikel (Blawat 2011) geht es um Kommunikationspannen. Die Überschrift lautet: „Die dunkle Seite der Höflichkeit. Manche Menschen riskieren ihr Leben, weil sie nicht unhöflich sein wollen. Die vermeintliche Tugend kann irritieren, zu Missverständnissen führen und manchmal sogar tödlich sein.“ Das klingt dramatisch. Höflichkeit wird hier als „Schmiermittel der Kommunikation“ im Alltag dargestellt, das jedoch in Extremsituationen unerwünschte Effekte haben kann, etwa bei gefährlichen Situationen in Flugzeugen oder bei Arztgesprächen: Nach einer zitierten Studie „[…] spielte es in drei Viertel aller Unfälle von US-Zivilflugzeugen in den Jahren 1978 bis 1990 eine Rolle, dass ein Crewmitglied seine KollegInnen allzu zurückhaltend, taktvoll und indirekt auf Fehler und Probleme hingewiesen hatte. Dies erschwerte dem Rest der Mannschaft, die Gefahr richtig einzuordnen und schnell genug zu reagieren.“

Ein anderer problematischer Aspekt ist die Nähe von Höflichkeit und Lüge. Lügt man, wenn man höflich ist? Und wenn ja, ist das verwerflich? Im Magazin der SZ (Heft 12/2016) heißt es in der Überschrift eines Artikels: „Loben, lügen oder schweigen. Eine Bekannte betätigt sich als Künstlerin. Darf man ihr sagen, dass einem ihr Schaffen nicht gefällt?“ (Erlinger 2016b) Anknüpfen lassen sich viele weitere Fragen nach der Begründung einer Absage, nach dem Verhalten bei einer Essenseinladung, bei der es nicht geschmeckt hat usw. Das berührt den Bereich, der in der Linguistik als „prosocial lies“ (Meibauer 2014, 152ff.) analysiert wird. Auch in diesen Beispielen wird deutlich, dass unter Höflichkeit ein Verhalten subsumiert wird, das vor allem in der Befolgung von Vorgaben für bestimmte Situationen besteht. Auch hier wird der Kontext ausgeklammert: Es scheint in jeder Situation erwartbar zu sein, dass man indirekt kommuniziert und bitte und danke sagt, wenn man nicht als unhöflich angesehen werden möchte.

2.4 Höflichkeit auf dem kulturkritischen Büchermarkt

In Buchpublikationen auf dem nicht-wissenschaftlichen Sektor überwiegen Töne, die sich zwischen Skepsis und Katastrophismus bewegen, wenn es um Höflichkeit, ihre Akzeptanz in der Gesellschaft und ihre Zukunft geht. Titel wie Benehmt euch! Ein Pamphlet (Gärtner/Roth 2013) oder Scheiss drauf. Die Kultur der Unhöflichkeit (Mießgang 2013) sprechen für sich. Hier werden in der Gesellschaft weit verbreitete Klagen über den Verfall der Höflichkeit und vielleicht sogar der Kultur im Allgemeinen gebündelt, dargestellt und gefördert.


Abb. II.2: Titelbild Gärtner/Roth (2013).

Stefan Gärtner & Jürgen Roth: Benehmt Euch! Ein Pamphlet. DuMont Buchverlag, Köln 2013, ISBN: 978-3-8321-9726-1

Die Autoren solcher Texte nehmen für sich in Anspruch, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und dabei nicht in Kulturpessimismus oder sonstige voreingenommene Positionen zu verfallen. Im Klappentext von Mießgang (2013) wird dies explizit reklamiert: „Dieses Buch ist weder ein Ratgeber für das Überleben in unhöflichen Zeiten noch ein neues kulturpessimistisches Lamento.“ Ein Blick in das Buch zeigt aber sehr schnell, dass eine gewisse Nähe zu Diskursen über den Verfall wichtiger kultureller Errungenschaften durchaus gegeben ist. Ein Schlüsselbegriff des Buches wird ebenfalls im Klappentext erwähnt: Der Autor beschreibt eine Form des Umgangs miteinander, die er als „strategischen Grobianismus“ etikettiert. Gemeint ist damit der bewusste Einsatz von Unhöflichkeiten, der als zeittypisch aufgefasst wird. Dem kann eine Art Kosten-Nutzen-Kalkül zugrunde liegen: Wenn ich ohne die Verwendung von höflichen Umwegen direkt zur Sache komme, dann geht alles schneller; wenn ich jemanden dazu zwingen kann, das zu tun, was ich will, dann muss ich ihn nicht erst lange bitten. In einer durchökonomisierten Gesellschaft mag das erst mal ein Vorteil sein. Ein Effekt dieser Dynamik ist aber der Verfall der UmgangsformenUmgangsformen. Andererseits hat das aber auch ein emanzipatorisches Potential: „Ein derbes Wort oder die gezielte Verletzung gewisser Regeln schafft – bisweilen – Emanzipation und enttarnt den Unsinn manch leerer Konvention.“Konvention Und nicht zuletzt scheint dem aktuellen Grobianismus ein neues Prestige zuzuwachsen: Wer sich so rüde äußert und sich nicht um Konventionen schert, dem ist oft (falscher?) Beifall sicher.

Insgesamt überwiegt in solchen Büchern aber der pessimistische, fast schon apokalyptische Blick auf neuere Entwicklungen im Bereich der Umgangsformen. Die Kapitel von Gärtner/Roth (2013) sind etwa mit Verrohung, Verblödung, Verkindung und Verderben überschrieben. Es geht um Phänomene wie die „Rüpel-Republik“, die „antisoziale Seuche“ (11), die „Verrottung aller Lebensumstände“ (12) oder „die spätkapitalistische Verrohung der Sitten und Depravation der Gemüter“ (14). Da werden also schwere Geschütze aufgefahren.

Was beklagen die Autoren eigentlich genau? Sie legen Wert darauf, ihre Urteile in Alltagserfahrungen aus allen möglichen Lebensbereichen zu verankern. Immer wieder wird auf den Verfall der Diskussionskultur in online-Medien verwiesen, auf den Sprachgebrauch auch in klassischen Medien, auf das Verhalten im Straßenverkehr (Fußgänger gegen Radfahrer, Radfahrer gegen Autofahrer) und in öffentlichen Verkehrsmitteln (z.B. bei Flugreisen), auf das Verhalten am Arbeitsplatz (z.B. Mobbing), auf den Verfall der Kleidungskonventionen, den Niedergang der politischen Diskussionskultur, den Umgang mit Smartphones oder den Umgang der Generationen miteinander.

Solche Diagnosen laufen darauf hinaus, dass Höflichkeit eine Ausnahmeerscheinung und Unhöflichkeit der Normalfall ist. Das lässt dann auch den emanzipatorischen Impetus des strategischen GrobianismusGrobianismus in sich zusammenfallen: Wenn man mit Unhöflichkeiten niemanden mehr erschrecken kann, dann bringt man auch niemanden zum Nachdenken über den Sinn oder Unsinn von Konventionen. Dann bleibt nur noch die Tatsache, dass der gesellschaftliche Umgangston rauer und rücksichtsloser geworden ist. Mießgang fasst seinen Befund so zusammen:

Das heißt nun allerdings nicht, dass sich die Unhöflichkeit klammheimlich aus der Weltgeschichte verabschieden würde. Im Gegenteil: Sie wird geradezu endemisch und infiziert wie ein fatales Virus die unterschiedlichsten Segmente des gesellschaftlichen Alltags. […] Die Schleusen sind geöffnet, wir steuern auf ein Zeitalter der gesamtgesellschaftlichen Manierenanarchie zu. Ziellos, begriffslos und bar jeden Trostes über die Welt, wie sie sich nun einmal darstellt. In diesem Sinne: Proleten aller Länder vereinigt euch und schreit laut: ‚Fick dich!‘ (Mießgang 2013, 23f.)

Das zeigt zunächst einmal, dass Höflichkeit (oder ihr Gegenteil) im Zentrum der gesellschaftlichen Diskurse angekommen ist: Das Nachdenken über Höflichkeit hängt eng zusammen mit dem Nachdenken über den Umgang miteinander und dies wiederum verweist auf die Frage, wie eine Gesellschaft organisiert ist und sein sollte. Diskussionsbeiträge wie die hier angesprochenen repräsentieren eine wichtige Strömung des Diskurses und ein weit verbreitetes Unbehagen an der Entwicklung der Gesellschaft.

Aus wissenschaftlicher, insbesondere sprachwissenschaftlicher Sicht sind solche Beiträge zuerst einmal deswegen interessant, weil sie ein weiteres Element einer Rekonstruktion alltagssprachlicher Höflichkeitsbegriffe darstellen. Sie sind aber aus vielen Gründen auch diskussionswürdig:

 Zunächst kann man sich natürlich darüber streiten, ob solche Beobachtungen in irgendeiner Weise und für irgendetwas repräsentativ sind. Analysen der gesellschaftlichen Realität in Deutschland kommen in einigen Fällen eben auch zu ganz anderen Einschätzungen. Gerade in öffentlichen Verkehrsmitteln kann man durchaus auch erleben, dass die Menschen sehr viel aufmerksamer und rücksichtsvoller miteinander umgehen als noch vor 25 Jahren. Die Diagnose von Mießgang und anderen ist zumindest sehr selektiv und subjektiv. Die empirische Grundlage für pessimistische Lamenti besteht wohl eher aus unsystematisch zusammengestellten Anekdoten.

 Diese Erzählungen müssen darüber hinaus in ihrem Kontext gelesen werden: Die Epoche, um die es in den Büchern geht, zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass Gesellschaften in vielerlei Hinsicht komplexer geworden sind und dass das Alltagsleben der Individuen in einem viel höheren Maße mit dem von anderen Menschen verwoben ist als dies noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Die Anzahl der zwischenmenschlichen Kontakte mit Unbekannten im alltäglichen Leben hat sich erhöht. Das führt naturgemäß zu mehr Spannungen, Problemen und Krisen. Wo der Radverkehr zunimmt, entstehen beispielsweise Konkurrenzsituationen zwischen RadfahrerInnen und AutofahrerInnen bzw. FußgängerInnen. Diese entladen sich dann manchmal in Konflikten, die auch auf unhöfliche Weise ausgetragen werden. Es ist aber sicher übertrieben, daraus abzuleiten, dass wir einer Art Epidemie der Unhöflichkeit beiwohnen.

 Klagen über den Verfall der Umgangsformen lassen sich soziologisch ziemlich genau verorten und entspringen dem Interesse bestimmter gesellschaftlicher Gruppen sowie deren Anspruch auf kulturelle Hegemonie. Gärtner/Roth (2013, 23) zitieren zustimmend die Bemerkung des Journalisten Andreas Altmann: „Bisweilen überkommt mich das Gefühl, daß der Prolo die Weltherrschaft übernommen hat.“ Ähnlich kommt im obigen Zitat Mießgangs Verweis auf die Proleten aller Länder daher. Höflichkeit und Unhöflichkeit werden also als vorherrschende Verhaltensdispositionen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen vorgestellt: Unhöflichkeit ist proletarisch, Höflichkeit bürgerlich (auch wenn das nicht explizit gesagt wird). Diese Argumentation legt den Verdacht nahe, dass gutbürgerliche Autoren die Umgangsformen der eigenen sozialen Gruppe zur einzig richtigen und sinnvollen Version erklären und alles, was davon abweicht, diskreditieren. Die Debatte um Höflichkeit wird zu einem Mittel in der innergesellschaftlichen Auseinandersetzung um Normen und Standards. Dieser Zusammenhang muss noch vertiefend diskutiert werden.

 Die von solchen Autoren beschriebenen und in Zusammenhang mit der Kultur der Unhöflichkeit gestellten Phänomene sind sehr heterogen. Es geht, um nur einige Stichworte zu nennen, um Bereiche wie Kommunikation in Massenmedien (Unhöflichkeiten in TalkshowTalkshows, Castingshows, Shitstorms im Internet und „digital rudenessdigital rudeness“), Straßenverkehr (aggressive AutofahrerInnen usw.), Politik (rüde Umgangsformen bis hin zu körperlichen Auseinandersetzungen in Parlamenten), Mode (Jeans und Turnschuhe werden in immer mehr Kontexten getragen), Erziehung (Respektlosigkeit in Schule und Universität) oder Organisation von Arbeit und Konkurrenz in der Wirtschaft („Ellenbogengesellschaft“, MobbingMobbing, Formen der Austragung von Konflikten in Unternehmen). Kann man wirklich sagen, dass das alles mit (Un)Höflichkeit zu tun hat und dass der angebliche Verfall der Höflichkeit das geheime Zentrum all der hier angedeuteten negativen Entwicklungen in der Gesellschaft ist? Vielleicht liegt hier auch eine Überbewertung von Höflichkeit vor. Es mag durchaus plausibel sein, dass durch das Ausbleiben oder Wegfallen von Höflichkeit gesellschaftliche Konflikte verstärkt werden; es ist aber zweifelhaft, ob solche Entwicklungen allein auf veränderte Kommunikationsgewohnheiten heruntergebrochen werden können.

 Solche Argumentationen immunisieren sich gegen Einwände, indem sie Momente, in denen sich traditionelle Höflichkeit tatsächlich weiter durchzusetzen scheint, auch wieder in einem negativen Licht präsentieren: Mießgang beschreibt auch das Phänomen, dass KundInnen in Geschäften in den letzten Jahren immer freundlicher begrüßt und bedient werden, dass die MitarbeiterInnen von Einzelhandelsbetrieben durchschnittlich höflicher sind als noch vor wenigen Jahren. Auch das wird aber kritisch als Gespenst der guten Laune klassifiziert, das in der Arbeitswelt umgeht, als „Wellnessvirus“ oder als „Lächelmaske“ (vgl. Mießgang 2013, 105), die wiederum Teil der Konstruktion einer Fassade sind: „Die auf den ersten Blick erfreuliche Anhebung des Höflichkeitsniveaus in jenen gesellschaftlichen Kontaktzonen, wo Verkäufer und Konsument aufeinandertreffen, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als besonders perfide Form der Missachtung des Gegenübers“ (Mießgang 2013, 106). Den KundInnen wird etwas vorgespielt, was in Wirklichkeit nicht existiert. Höflichkeit wird zu einer Art Lüge, die zu verurteilen ist und die dann in einer folgenden Passage auch explizit in die Nähe von Prostitution gerückt wird.

Zwar können in der populärwissenschaftlichen Debatte keine begrifflichen Differenzierungen erwartet werden. Doch leidet aus sprachwissenschaftlicher Sicht die Diskussion auch darunter, dass Höflichkeit ganz offensichtlich mit verschiedenen Facetten von (z.B.) Respekt, Anstand, Freundlichkeit, Rücksichtnahme, Umgangsformen identifiziert wird. Der Höflichkeitsbegriff bleibt deswegen schwammig und beliebig. Es muss eine Aufgabe der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen sein, den Begriff besser zu konturieren, in einen wissenschaftlichen Zusammenhang zu rücken und genauer zu sagen, wovon eigentlich die Rede ist. Eine differenziertere Darstellung zur Höflichkeit ist von Rainer ErlingerErlinger vorgelegt worden (2016a). In Abgrenzung zum Begriff der Etikette wird der Wert einer wertlosen Tugend von seinen „Rändern“ her (u.a. Mode, Beruf, Internet, Religion) in seiner gesellschaftlichen Bedeutung eingekreist.

Insgesamt zeigen die öffentlichen und vorwissenschaftlichen Ausführungen über Höflichkeit, die hier exemplarisch betrachtet wurden, dass es sich um ein gesellschaftlich virulentes Thema handelt, welches einiges an Streitpotential mit sich bringt. Höflichkeit ist umstritten: Man kann darüber diskutieren, welche Verhaltensweisen höflich sind und welche nicht, man kann aber auch über die Funktion bzw. den Stellenwert von Höflichkeit in der sozialen Interaktionsoziale Interaktion streiten. Nicht zuletzt sind Tendenzen in der Entwicklung von Höflichkeit Gegenstand von Debatten. Es handelt sich um ein Thema, das für Individuen geeignet ist, um sich zu positionieren und von anderen abzugrenzen.

Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich aber kein klarer Begriff von Höflichkeit. Als höflich wird es bezeichnet, wenn man jemandem die Tür aufhält, PartnerInnen nicht unterbricht, grüßt, lächelt, freundlich ist, sich entschuldigt, sich richtig anzieht, die richtige Anrede wählt, Kommandoton vermeidet und vieles andere mehr. Der alltagssprachliche Höflichkeitsbegriff ist sehr stark an einer Idee von Etikette, von „To-do-AnweisungenTo-do-Anweisungen“ orientiert, also an Normen und Regeln. Es gibt nur einige wenige Versuche, Höflichkeit als darüber hinaus gehendes Organisationsprinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens und grundlegendere Verhaltensdisposition aufzufassen. Aber: auch da, wo (wie in den Publikationen der Knigge-Gesellschaft) betont wird, dass Höflichkeit viel mehr ist als das Befolgen von vorgegebenen Prozeduren für die Bewältigung bestimmter Situationen, bleibt immer unklar, was mit diesem Mehr genau gemeint ist.

2.5 (Un)Höflichkeit im Gebrauch

Wenn man herausfinden will, was Sprecher des Deutschen unter ‚Höflichkeit‘ verstehen, dann kann man sich auf seine Intuition als kompetenter Sprecher verlassen und zusammentragen, was man selbst über das Phänomen weiß und was man über die diesbezüglichen Vorstellungen seiner Mitmenschen in Erfahrung bringen kann. Vor allem bei Letzterem kann man sich natürlich nur auf das konzentrieren, was diese Mitmenschen sagen und schreiben. Einen direkten Zugang zu ihren Gedanken oder sonst einen Weg in ihren Kopf findet man nicht. Mit einem solchen Vorgehen kann man zu guten Ergebnissen kommen. Es birgt aber auch die Gefahr, unnötig selektiv und subjektiv zu sein: Man erfasst nur, was einem schon bekannt ist und riskiert, wesentliche Aspekte, die einem in einem bestimmten Moment nicht besonders präsent sind, zu ignorieren.

Die Instrumente und Techniken der Korpusanalyse bieten hier die Möglichkeit, auf der Grundlage einer verlässlichen Datenbasis fundiertere und objektivere Aussagen zu machen und damit dem zu untersuchenden Begriff auf die Spur zu kommen – oder zumindest eine erste Spur zu identifizieren: „[…] corpus analysis offers a firm ontological basis for understanding ‚politeness‘ across languages and relational networks“ (Kádár/HaughKádár/Haugh 2013, 192). Die Ausgangshypothese für ein solches Vorgehen ist die Idee, dass sich die Bedeutung von Wörtern wie höflich und Höflichkeit aus dem Sprachgebrauch ergibt, dass ein genauer Blick darauf, wie wir die Wörter verwenden, eine gut begründete Hypothese darüber zulässt, was wir darunter verstehen. Mit Blick auf die englische Sprache verweist auch WattsWatts auf die Relevanz eines alltagssprachlichen Begriffes von Höflichkeit, indem er betont „[…] polite and politeness are lexemes in the English language whose meanings are open to negotiation by those interacting in English. Their meaning are reproduced and renegotiated whenever and wherever they are used in verbal interaction, which of course means that related terms such as rude, rudeness (dis)courteous, impolite, impoliteness etc. are also struggled over“ (Watts 2003, 13). Die Angaben zum Gebrauch von Wörtern können also kein ein für alle Mal gültiges Bild der Gebrauchsregeln und der Bedeutungsnuancen ergeben, sie stellen vielmehr eine Momentaufnahme dar, eine Fotografie des im gegenwärtigen Sprachstadium in Form von GebrauchspräferenzenGebrauchspräferenz niedergeschlagenen kollektiven Wissens einer Sprachgemeinschaft.

2.5.1 FrequenzanalysenFrequenzanalyse

Moderne Korpora bieten die Möglichkeit, mit einfachen Mitteln auf umfangreiche Textsammlungen zuzugreifen und darin nach verschiedensten Kriterien wiederkehrende Muster in der Sprachverwendung zu suchen (vgl. z.B.PerkuhnPerkuhn/KeibelKeibel/KupietzKupietz 2012). Wer, wo, wann, in welchem Kontext die hier diskutierten Wörter verwendet und welcher Höflichkeitsbegriff diesen Verwendungen zugrunde liegen könnte, lässt sich in den Korpora des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (hier: COSMAS IICOSMAS II) und im DWDS (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache) gut nachvollziehen.

Wir möchten hier keine eingehende KorpusanalyseKorpusanalyse vornehmen, aber doch einige Daten aus den beiden Korpora präsentieren, die die Beschreibung des alltagssprachlichen Höflichkeitsbegriffs bereichern können. Neben Frequenzübersichten werden dabei vor allem die GebrauchsumgebungenGebrauchsumgebung relevant, also die Frage, mit welchen anderen Lexemen die Höflichkeitswörter signifikant häufig zusammen gebraucht werden und mit welchen sie charakteristische Komposita bilden. Eine semantische Analyse solcher Verbindungen (die hier oberflächlich bleiben muss) wird Hinweise darauf ergeben können, was Sprecher meinen, wenn sie von Höflichkeit oder Unhöflichkeit sprechen. Sie bildet das in Gebrauchstendenzen sedimentierte Wissen der Sprachgemeinschaft ab, das jedem Sprachbenutzer präsent ist – was nicht heißt, dass es sich um explizit abrufbares Wissen handelt. Im Gegenteil: In vielen Fällen sind Sprecher sich nicht darüber bewusst, dass sie bestimmte LexemverbindungenLexemverbindung bevorzugt verwenden und andere Möglichkeiten zwar zur Verfügung stehen, in den meisten Fällen aber nicht aktiviert werden.

In Cosmas II findet sich zunächst die Möglichkeit, im Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) und anderen Textsammlungen die Frequenz der Lexeme und ihre historische Entwicklung zu verfolgen. Das Cosmas II-Korpus umfasst diverse Einzelkorpora mit Zeitungstexten, Protokollen von Parlamentsdebatten, literarische Texte und vielen weiteren Textsorten aus den letzten Jahrhunderten. Insgesamt sind nach Angaben des IdS ca. 9 Mrd. Wortformen erfasst. Die Suche nach allen Wortformen von höflich, unhöflich, Höflichkeit und Unhöflichkeit in allen öffentlich zugänglichen Korpora ergibt folgendes Bild:


Abb. II.3: Gebrauchsfrequenzen im COSMAS II-Korpus, Stand: 18.9.2020

Die Kurven zeigen einen auffälligen Anstieg ab den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Frequenzwerte für höflich für die 50er, 60er und 70er Jahre lagen bei 771, 1328 und 1126, um dann in den 80ern auf 1533, in den 90ern auf 9597 und schließlich im neuen Jahrtausend auf den Wert von 25735 zu steigen. Für das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind fast 30000 OkkurrenzenOkkurrenz erfasst. Fast parallel, wenn auch auf niedrigerem Niveau, verläuft die Kurve für das Substantiv. Auch hier beginnt in den 80er Jahren eine signifikante Entwicklung: Vorher (70er Jahre) lag die Gebrauchsfrequenz bei 660, in den 80ern selbst bei 689, in den 90ern bereits bei 3945. Weniger häufig, aber ebenfalls mit ansteigender Tendenz, werden die beiden abgeleiteten Lexeme mit Negationspräfix verwendet. Auch hier sind für das Adjektiv höhere Werte zu verzeichnen als für das Substantiv.

Die Unterschiede zwischen Adjektiven und Substantiven lassen sich als Hinweis darauf interpretieren, dass die Lexeme in der Alltagskommunikation typischerweise dazu verwendet werden, Verhalten zu klassifizieren, zu werten und mit einem entsprechenden Etikett oder Label (vgl. CulpeperCulpeper 2011, 76ff.) zu versehen. Die Verwendung der Adjektive wäre damit Teil einer Art metasprachlichen Aktivität: Wer sie verwendet, der spricht über das sprachliche (und auch nicht-sprachliche) Verhalten anderer Menschen und bewertet dieses. Die Substantive treten seltener auf; das lässt sich mit der Hypothese erklären, dass abstraktere Begriffe in der nicht-wissenschaftlichen Kommunikation keine so große Rolle spielen, aber doch bemerkenswert präsent sind – vor allem in den Jahren nach 1980.

Die zeitliche Entwicklung kann insgesamt sicher nicht nur damit erklärt werden, dass für die letzten Jahrzehnte mehr Texte erfasst worden sind. Sie deuten vielmehr darauf hin, dass Höflichkeit und Unhöflichkeit in immer weiter steigendem Ausmaß zum Gegenstand von Diskussionen und Reflexionen werden. Die statistischen Angaben bestätigen eindeutig den Eindruck, den auch viele Beobachter des deutschen Buchmarktes haben: Werke über Höflichkeit, Ratgeber, Benimmbücher, Etikette-Leitfäden und Ähnliches haben in den letzten Jahren Hochkonjunktur. Ganz offensichtlich gibt es in der Gesellschaft um die Jahrtausendwende ein starkes Bedürfnis, über angemessenes und unangemessenes Verhalten nachzudenken und zu diskutieren. Das bedarf sicher einer vertiefenden Analyse im Zusammenhang mit der Beschreibung allgemeinerer gesellschaftlicher Tendenzen. Wir werden das Thema wieder aufgreifen. Hier sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die Angaben aus der Frequenzanalyse auch nicht überbewertet werden sollten; es handelt sich immer nur um absolute Zahlen, nicht um relative Frequenzen. Eine im Vergleich zu früheren Zeiten höhere Anzahl erfasster Texte aus den letzten Jahrzehnten verfälscht das Bild.

2.5.2 KookkurrenzanalysenKookkurrenzanalyse

Die Korpusanalyse ergibt nicht nur rein quantitative Angaben über Gebrauchsfrequenzen, sondern ermöglicht auch einen Einstieg in eine qualitative Auseinandersetzung mit der Frage, was Sprecher unter ‚Höflichkeit‘ verstehen. Einen ersten Eindruck davon kann man sich verschaffen, wenn man untersucht, mit welchen Lexemen Höflichkeit häufig kombiniert wird, mit welchen Wörtern es in Komposita verwendet wird, welche Wortbildungsformen besonders häufig auftreten oder aus anderen Gründen auffällig sind.

Die Kookkurrenzdatenbank (BelicaBelica 2001ff.) erlaubt es zunächst, die häufigsten Kookkurrenzpartner der hier zur Diskussion stehenden Lexeme zu identifizieren und damit die Grundlage für ein GebrauchsprofilGebrauchsprofil zu schaffen, das wiederum wichtige Hinweise darauf geben kann, was SprecherInnen unter dem jeweiligen Begriff verstehen. Typische Verwendungsmuster werden damit als Verweis auf charakteristische Denkmuster aufgefasst. Die Datengrundlage für diesen Ansatz ist ein virtuelles Korpus, das auf dem DeReKo basiert und einen Umfang von ca. 2,2 Milliarden laufenden Textwörtern aufweist. Die Ergebnisse der Recherche werden hier als wordle dargestellt (www.wordle.net). Für Höflichkeit ist die Liste der relevanten KookkurrenzpartnerKookkurrenzpartner lang. Eine Beschränkung auf die ca. 20 im Umfeld des Wortes am häufigsten auftretenden Lexeme ergibt sich folgendes Bild:


Abb. II.4: Kookkurrenzprofil von Höflichkeit. wordle-Darstellung, Datengrundlage Belica 2001ff., Stand: Mai 2017

Gezeigt wird, wie häufig die angegebenen Wörter zusammen (im Abstand von höchstens 5 Lexemen vor und nach dem Referenzwort) mit Höflichkeit verwendet werden. Die Schriftgröße spiegelt die Frequenz der gemeinsamen Verwendung wider. Der häufigste Kookkurrenzpartner ist also ausgesucht – ein Attribut, mit dem unterstrichen wird, dass höfliches Verhalten in verschiedenen Abstufungen auftreten kann: Es unterscheidet sich zuerst einmal von ganz normalem, nicht-höflichem Verhalten und kann dann auch noch einmal verfeinert werden zu besonders elaborierten Formen. Ein Beispiel (wie alle anderen Beispiele in diesem Abschnitt aus dem COSMAS-Korpus. Die dort angegebenen Quellenverweise werden übernommen.):

(1) Selbst sehr viel jüngeren Kollegen schreibt er mit ausgesuchter Höflichkeit (NZZ14/MAR.02438).

Der Höflichkeit wird hier eine Eigenschaft zugeordnet, die wiederum auf ihren Ausnahmestatus verweist: Das Verhalten, das so qualifiziert wird, kann als eine Option unter vielen anderen angesehen werden. Die Wahl dieser Option durch den Handelnden ist das Ergebnis von Reflexion und Selektion. Sie wird von einem Beobachter oder einer Beobachterin, der/die dieses Adjektiv wählt, ausgesprochen positiv bewertet. Offensichtlich geht der Autor/die Autorin dieser Passage davon aus, dass es für den Umgang mit jüngeren Kollegen ein angemessenes Maß von Höflichkeit gibt, dass die betreffende Person dieses Maß aber regelmäßig überschreitet. Das scheint bemerkenswert zu sein.

Weitere Attribute zu Höflichkeit, die häufig auftreten, sind diplomatisch, vollendet und übertrieben. Das erste assoziiert Höflichkeit mit einem Bereich, in dem der Umgang mit anderen Personen als extrem delikat, aber auch wichtig empfunden wird und in dem alle Beteiligten sehr genau abwägen, was sie wie zum Ausdruck bringen. Ein/e DiplomatIn spricht nicht so, wie ihm/ihr der Schnabel gewachsen ist und sagt nicht, was er oder sie wirklich denkt – so ist es wohl auch mit der Höflichkeit. Die beiden anderen Adjektive verweisen darauf, dass es offensichtlich ein ziemlich genau bestimmbares Maß an Höflichkeit gibt, das in einer bestimmten Situation aufgewendet werden sollte. Trifft jemand dieses Maß genau, dann verhält er sich vollendet; es besteht aber auch die Gefahr, es zu überschreiten, dann ist man übertrieben höflich.

Wörter wie Gebot, gebieten oder Regel als Kookkurrenzpartner weisen darüber hinaus darauf hin, dass es in den Augen vieler SprecherInnen eine Art Verpflichtung gibt, die es vorschreibt, in bestimmten Situationen ein bestimmtes (nämlich höfliches) Verhalten an den Tag zu legen. Die Art dieser Verpflichtung oder ihrer Grundlage bleibt jedoch zunächst unspezifiziert.

Ansonsten zeigt die Abbildung eine große Zahl von Substantiven, die in der unmittelbaren Nachbarschaft von Höflichkeit signifikant häufig gebraucht werden. Hier wäre es wünschenswert, anhand von Beispielen jeweils vertiefen zu können, ob Substantive in einer additiven, alternativen oder adversativen Verbindung auftreten. Die Korpusdaten würden das ermöglichen; wir begnügen uns hier aber mit einem etwas oberflächlichen Eindruck. Der ergibt, dass sich zwei größere Gruppen von Substantiven herauskristallisieren: zum einen solche, die sich auf Teilaspekte von Höflichkeit beziehen, zum anderen Lexeme, die alternativ, fast synonym zum Referenzwort verwendet werden können, also eng verwandte Begriffe bezeichnen. Zur ersten Gruppe gehören z.B. Pünktlichkeit (besonders wichtig), Freundlichkeit, Respekt, Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme oder Bescheidenheit. Wer sich durch solche Eigenschaften auszeichnet, hat (jedenfalls im deutschsprachigen Kontext) gute Chancen, von seinen Mitmenschen als höflich eingestuft zu werden. Der gemeinsame Nenner dieser Eigenschaften liegt wohl in der Aufmerksamkeit, die einem Interaktionspartner entgegengebracht wird sowie in der Einbeziehung der Interessen und Bedürfnisse des Partners in die eigenen Handlungen.

Die zweite Gruppe besteht aus drei Substantiven: Umgangsform, Anstand, Manieren. Auch damit werden Formen des Eingehens auf Mitmenschen bezeichnet. Es wird interessant sein zu fragen, wie zwischen diesen Substantiven und Höflichkeit differenziert werden kann, ob es sich tatsächlich um Quasi-SynonymeQuasi-Synonym handelt oder ob sich im Gebrauch Unterschiede herausstellen.

Etwas überraschend ist der Bezug auf einen Kontinent: das Adjektiv asiatisch gehört zu den 20 am häufigsten verwendeten Kookkurrenzpartnern von Höflichkeit. Offensichtlich werden die Umgangsformen von Menschen, die aus asiatischen Ländern stammen, als prototypische Formen von Höflichkeit empfunden.

Der erste Blick auf die Verwendung von Höflichkeit hat sicher keine großen Überraschungen ergeben. Erstaunlich ist höchstens, was hier nicht auftaucht: Wörter wie Etikette oder Knigge sind offensichtlich als Kookurrenzpartner nicht so wichtig wie die anderen – das kann als erster Hinweis darauf interpretiert werden, dass die kodifizierte Version von Höflichkeit für den alltagssprachlichen Begriff gar nicht die große Rolle spielt, die ein Beobachter erwarten könnte. Was ebenfalls fehlt, sind Hinweise auf kritische oder gar negative Einstellungen gegenüber der Höflichkeit, die etwa in der Verbindung mit Lüge oder Unaufrichtigkeit zum Ausdruck kommen könnten. Die Daten verweisen erst einmal darauf, dass diese Aspekte quantitativ nicht besonders relevant sind.

Für das Adjektiv ergeben sich diese Kookkurrenzen:


Abb. II.5: Kookkurrenzprofil von höflich. wordle-Darstellung, Datengrundlage Belica 2001ff., Stand: Mai 2017

Auffällig ist zunächst, dass die Liste kein einziges Substantiv enthält, sondern vor allem Verben und das eine oder andere attributiv gebrauchte Partizip. Offensichtlich wird das Attribut höflich weniger Personen oder Objekten zugeschrieben, sondern hauptsächlich Handlungen. Die Übersicht ist also keine Antwort auf die Frage, wer oder was häufig als höflich angesehen wird, sondern auf die, was man signifikant häufig höflich tut. Hier fällt auf, dass sehr viele Kookkurrenzpartner Verben sind, die kommunikative Handlungen oder Sprechakte beschreiben. Das ist der Fall bei formulieren, ausdrücken, bedanken, grüßen, antworten oder bitten. Das bestätigt die Intuition, dass es bei Höflichkeit in vielen Fällen um eine Begleiterscheinung kommunikativer Handlungen geht. Man ist also normalerweise nicht einfach nur höflich, sondern vollzieht eine andere sprachliche Aktivität und modelliert sie so, dass sie nicht nur ihr primäres kommunikatives Ziel erreicht (etwas formulieren, um etwas bitten usw.), sondern noch einen zusätzlichen Effekt hat: Die Handelnden werden von ihre Umgebung auch noch als höflich angesehen. Der Grund dafür ist eine Art „subsidiäre Zusatzhandlung“ (Lüger 2014, 43), die der Haupthandlung einen besonderen Akzent verleiht.

Die potentiell höflich vollzogenen Sprechhandlungen sind zum Teil solche, die in der Interaktion delikat sein können, für deren Vollzug kommunikatives Fingerspitzengefühl und diplomatisches Geschick notwendig sind. Jemanden um etwas bitten stellt beispielsweise einen Eingriff in die Handlungsfreiheit der Adressaten dar. Diese können nach einer Bitte nicht einfach das tun oder lassen, was sie getan hätten, wenn sie nicht freundlich dazu aufgefordert worden wären, etwa jemandem sein Fahrrad zu leihen. Sie müssen sich zumindest mit der Bitte auseinandersetzen und eine geeignete Antwort darauf finden. Sprechhandlungen wie Bitten werden deswegen in der Höflichkeitstheorie als gesichtsbedrohende Handlungen (face threatening acts)gesichtsbedrohende Handlung (face threatening act) bezeichnet. Diese Eigenschaft von Sprechhandlungen wird im Kapitel über wissenschaftliche Höflichkeitsbegriffe und entsprechende Theorien eine wichtige Rolle spielen. Vorerst mag der Hinweis darauf reichen, dass Bitten oder auch Grußaktivitäten sensible Momente in der Kommunikation sind, die für SprecherInnen immer das Risiko mit sich bringen, die HörerInnen zu verletzen oder – um es salopp auszudrücken – ihnen auf den Schlips zu treten.

Auf den ersten Blick verhält es sich mit den anderen genannten Verben allerdings anders. Formulieren und ausdrücken bezeichnen keine besonders delikaten Sprechhandlungen und wenn man sich bei jemandem bedankt, geht man kaum das Risiko ein, das z.B. mit einer Bitte, einer Aufforderung oder auch einem Kompliment verbunden ist. Hier wird es sich lohnen, mithilfe einiger Beispiele etwas genauer hinzuschauen:

(2) Das Mädchen aus Brisbane hatte ihr Anliegen in einem Brief höflich formuliert: „Allerliebster Wissenschaftler“, leitete sie ihr Schreiben ein (NUN14/JAN.00937 Nürnberger Nachrichten, 11.01.2014, 28).

(3) Amnesty International betrachtet Mohamed Abdullah al-Roken als gewaltlosen politischen Gefangenen, der nur aufgrund der friedlichen Wahrnehmung seiner Rechte und seiner Arbeit als Verteidiger inhaftiert ist. Bitte schreiben Sie höflich formulierte Briefe an den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate und fordern Sie ihn auf, Mohamed Abdullah al-Roken unverzüglich und bedingungslos freizulassen und das gegen ihn verhängte Urteil aufzuheben (NUN14/APR.01348 Nürnberger Nachrichten, 11.04.2014, 27).

(4) Umso lustiger wirkt die Behauptung der Anwälte der Gefeuerten, die Banker könnten weiter beschäftigt werden, weil das Vertrauen zu ihrem Arbeitgeber nicht gestört sei. Damit das so bleibe, habe man sich bemüht, die Schriftsätze besonders höflich zu formulieren. Nur wegen des Wunsches ihrer Mandanten, weiterbeschäftigt zu werden, so die Juristen, ‚sollen hier deutlichere Worte zu dem Vorgehen der Beklagten […]‘ (Z13/DEZ.00258 Die Zeit online, 19.12.2013).

Formulieren ist ein transitives Verb. Man formuliert immer etwas: ein Anliegen, einen Brief oder einen Schriftsatz. Die Beispiele zeigen, dass die Kombination von formulieren und dem Adverb höflich so gut wie immer darauf verweist, dass das Objekt der Formulierung im soeben angesprochenen Sinn eine gesichtsbedrohende Handlung darstellt. Ein Anliegen (Beispiel 2) hat viele Ähnlichkeiten mit einer Bitte. Der Brief, um den es im Beispiel (3) geht, ist eine Aufforderung, noch dazu an einen Repräsentanten eines fremden Staates gerichtet und in (4) geht es um rechtliche Aktionen von Mitarbeitern gegen ihren Arbeitgeber, also um Handlungen, die nicht nur, aber auch das Gesicht des Adressaten bedrohen. Höflich formuliert wird also vorzugsweise dann verwendet, wenn eine einfache Formulierung zu Problemen auf der Beziehungsebene führen könnte. Wenn jemand sagt, der Autor habe, höflich gesagt, Unsinn geschrieben, dann gibt er damit deutlich zu verstehen, dass er eigentlich der Meinung ist, eine stärkere Formulierung wäre angemessener, diese aber nicht wählt, um niemandem zu nahezutreten. Höflichkeit ist hier also eine Art prophylaktische Einschränkung oder Abschwächung einer Handlung, die ohne diesen Zusatzaspekt das kommunikative Gleichgewicht zwischen den handelnden Personen gefährden würde.

Etwas anders verhält es sich mit danken:

(5) Dieser Studio-Auftritt war sehr überschaubar: Nadine Schellenberger durfte im ZDF-Jahresrückblick bei Moderator Hape Kerkeling am Sonntagabend einen Blumenstrauß entgegen nehmen und einmal höflich „Danke“ sagen. Das war es dann auch schon (M11/DEZ.04221 Mannheimer Morgen, 13.12.2011, 25).

(6) Kekilli: Vielleicht. Vielleicht ist deutsch, auf die Bühne zu gehen, höflich zu sein, allen zu danken, keinen zu vergessen. Ich war froh, dass ich meine Agentin nicht vergessen habe (U10/OKT.03753 Süddeutsche Zeitung, 23.10.2010, 23).

In diesen Beispielen wird keine Sprechhandlung beschrieben, die im vorliegenden Fall höflich vollzogen wurde, sondern eine, die als solche, als Sprechakt, mit dem Attribut höflich versehen wird. Es geht um Personen des öffentlichen (Medien-)Lebens, die etwas bekommen, Blumen oder einen Preis, und sich dafür bedanken. Das wird als höflich eingestuft. Die Höflichkeit ist hier also nicht ein Aspekt, eine Begleiterscheinung einer anderen Handlung, sondern eine Qualität der Handlung selbst oder die primäre Handlung. Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass es hier in der Tat nicht um potentiell gesichtsbedrohende Handlungen geht, die durch Höflichkeit abgemildert würden. Sicher wäre es ein Affront, sich nicht zu bedanken, wenn man Blumen bekommt. Trotzdem hat Höflichkeit in diesen Fällen nicht den Charakter einer sekundären, begleitenden, abmildernden oder subsidiären Zusatzhandlung.

Zusätzlich sind in der Liste der Kookkurrenzen auch nicht-sprachliche Handlungen vertreten. Auch diese sind offensichtlich nicht in Analogie zu gesichtsbedrohenden Handlungen wie Bitten zu sehen: Man kann eine Bitte mehr oder weniger höflich oder auch unhöflich formulieren; man kann aber kaum mehr oder weniger höflich oder gar unhöflich lächeln oder applaudieren. Auch diese Handlungen sind als solche höflich und enthalten Höflichkeit nicht als zusätzlichen Aspekt. Es geht also auch in diesen Fällen nicht um die Abmilderung von gesichtsbedrohenden Handlungen. Wenn man von einem Publikum sagt, es applaudiere höflich, dann verweist das eher darauf, dass der Applaus unter Umständen nicht aufrichtig gemeint ist, dass er nur deswegen gespendet wurde, weil das in der Situation eben so Usus ist und deswegen erwartet wird. Höflich wäre hier in etwa gleichbedeutend mit konventionell vollzogen.

Wagen wir eine erste Zusammenfassung der Befunde: Höflich und unhöflich werden offenbar weniger als Attribute von Personen verstanden denn als Qualifizierung von Verhaltensweisen und Handlungen, insbesondere solchen, die eine potentielle Gefahr für das Gesicht der Gesprächspartner darstellen. Es gibt hier aber signifikante Ausnahmen. Ein besonders wichtiger Aspekt scheint darin zu liegen, dass Höflichkeit kein Bestandteil des normalen Ablaufs von Kommunikation ist, dass sie nicht unbedingt erwartbar ist. Sehr präsent ist auch ein Verweis auf Regeln oder Konventionen, die der Höflichkeit zugrunde liegen. Wenn diese Regeln respektiert werden, dann wird das Verhalten der betreffenden Personen als sozial angemessen eingestuft, nicht aber unbedingt als ehrlich oder aufrichtig. Insgesamt kommt der Höflichkeit aber eine deutlich positive Bewertung zu, sie wird assoziiert mit Aufmerksamkeit, Wertschätzung und in Verbindung mit der Ehre gesehen. Darüber hinaus verweisen die Kookkurrenzen auf zahlreiche Teilaspekte der Höflichkeit und spiegeln damit die Komplexität des Themas wider.

Man könnte die Analyse der Korpusdaten beliebig vertiefen. Wir haben versucht, einen kleinen Einblick in das Wissen über Höflichkeit zu geben, das sich im Wortschatz der deutschen Sprache und in den Tendenzen seiner Verwendung in alltäglichen Kontexten manifestiert. Dabei hat sich zuerst einmal gezeigt, dass das Reden über Höflichkeit ganz offensichtlich einer diachronischen Entwicklung unterliegt: Es gibt historische Momente oder Epochen, in denen dies besonders häufig praktiziert wird, und es gibt Epochen, in denen das Thema keine oder eine untergeordnete Rolle spielt. Wir leben aktuell in einer Welt, in der vergleichsweise intensiv über dieses Thema gesprochen wird. Dieses Datum kann man unterschiedlich deuten: Man kann davon ausgehen, dass es auf eine besondere Bedeutung des Themas verweist, dass Menschen also besonderen Wert darauf legen, auf eine Weise miteinander umzugehen, die sie als höflich einstufen. Oder man kann darin ein Kompensationsphänomen sehen: Weil der Umgang miteinander in der Realität alles andere als höflich ist, wird besonders intensiv darüber nachgedacht und geredet, was Höflichkeit ist und sein kann. Eine Deutung schließt die andere dabei nicht aus, es ist auch möglich, beide zu kombinieren.

Wichtig ist es, hier noch darauf hinzuweisen, dass aus dem kurzen Überblick hervorgeht, wie stark Höflichkeit in ein komplexes und in sich heterogenes Netzwerk von anderen Wörtern und Begriffen eingewebt ist. SprecherInnen, die diese Lexeme verwenden, wissen sehr genau, dass es etwas mit Pünktlichkeit, Anstand, Toleranz oder Freundlichkeit zu tun hat, um nur einige Beispiele zu nennen. Im Gebrauch kann jeder kompetente Sprecher und jede kompetente Sprecherin auch unterscheiden, welches der Wörter in einem bestimmten Kontext angemessen ist. Schwieriger würde es sicherlich, wenn man SprecherInnen bitten würde, genau zu definieren und damit explizit zu machen, was sie unter ‚Höflichkeit‘ verstehen. Aber das ist auch nicht die Aufgabe eines noch so kompetenten Sprechers oder einer kompetenten Sprecherin. Um Definitionen hat sich die Wissenschaft zu kümmern.

Die Bewertung von Höflichkeit scheint im Allgemeinen sehr positiv zu sein. Sie wird wohl als notwendige und wünschenswerte Eigenschaft von sprachlichen und kommunikativen Aktivitäten angesehen und auch auf verschiedenen Ebenen (Handlung, Formen) verortet. Der Verdacht der Unaufrichtigkeit höflicher Handlungen oder, genauer gesagt, eine negative Bewertung aufgrund der Unaufrichtigkeit ist zwar erkennbar, scheint aber auf dieser Ebene kein zentrales Element zu sein. Zur Bewertung gehört auch die Tatsache, dass im Sprachgebrauch durchaus zwischen Höflichkeit und Etikette unterschieden wird. Die beiden Substantive weisen ein sehr unterschiedliches Kookkurrenzprofil auf; das deutet darauf hin, dass Sprecher ziemlich genau wissen, was das eine und was das andere ist. Ganz offensichtlich betrachten sie Höflichkeit als eine Verhaltensdisposition, die mehr ist als das Befolgen von Regeln, die in irgendeinem normativen Dokument von mehr oder weniger obskuren und mehr oder weniger klar autorisierten Autoritäten vorgeschrieben werden.

2.6 Der sprachwissenschaftliche Blick
2.6.1 Ein Beispiel: Talkshows als Forum von Unhöflichkeit?

Einige der Schwierigkeiten des alltagssprachlichen Höflichkeitsbegriffes resultieren aus der Tatsache, dass er ziemlich abstrakt ist und eher auf Beschreibungen von typisierten Situationen basiert, die ohne Kontext und ohne genauere Analyse derjenigen Faktoren präsentiert werden, die das Verhalten der Beteiligten beeinflussen oder sogar determinieren könnten. Zur Annäherung an einen sprachwissenschaftlich fundierten Begriff von Höflichkeit ist es unerlässlich, sich genauer anzuschauen, was SprecherInnen in konkreten Interaktionen tun, wie sie sich aufeinander beziehen, welche Konsequenzen das hat, welche Rolle Höflichkeit dabei spielt und welche interaktive Funktion sie hat.

Wir versuchen, einen ersten Eindruck von dieser Dynamik an einem Beispiel aus einer Talkshow-Diskussion zu vermitteln. Der folgende Dialog ist ein Ausschnitt aus der ARD-Sendung „Anne Will“ vom 16.3.2016. Das Thema dieser Ausgabe der Talkshow ist die Flüchtlingspolitik in Europa. Unter der Überschrift „Flüchtlingsdrama vor dem Gipfel. Ist Europa noch zu retten?“ diskutierten Sebastian Kurz, der damalige Außenminister der Republik Österreich (FPÖ), Heiko Maas, der (zu diesem Zeitpunkt) deutsche Bundesjustizminister (SPD), Katrin Göring-Eckardt, die Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, Richard Sulík, ein slowakischer Europaabgeordneter und Katja Kipping, damals die Vorsitzende der Partei Die Linke mit der Gastgeberin Anne Will.

Im Ausschnitt, den wir hier in einer sehr ungenauen, dafür aber hoffentlich leicht lesbaren Transkription präsentieren, diskutieren Katrin Göring Eckhardt und Sebastian Kurz über Strategien zur Flüchtlingspolitik und über das Vorgehen der österreichischen Regierung. Diese hatte kurz vorher Grenzkontrollen eingeführt und erklärt, nur noch eine begrenzte Zahl von Flüchtlingen ins Land zu lassen. Gegen Ende des Ausschnittes wird dann Höflichkeit (genauer gesagt Unhöflichkeit) explizit thematisiert:1


TV-Talkshows sind sehr spezielle GesprächsformateGesprächsformat (vgl. z.B. BurgerBurger 2001). Das heißt auch, dass Höflichkeit und Unhöflichkeit hier unter ganz anderen Umständen ausgehandelt werden als in Alltagsgesprächen und dass andere Verhaltensweisen erwünscht und akzeptabel sind. Die kleine Auseinandersetzung über Unhöflichkeit wird erst dann wirklich verständlich, wenn man auch fragt, welche Rolle sie in diesem speziellen Kontext spielt, wie sie mit der Dynamik der Situation verbunden ist, welche Funktion sie hat und wie sie in diesem Rahmen/von diesen Beteiligten bearbeitet wird.

Talkshows sind mediale Inszenierungen, rhetorische Schaukämpfe zwischen Medienprofis, die versuchen, ihre Position oder die ihrer Gruppe im öffentlichen Diskurs voranzubringen oder durchzusetzen. Viele BeobachterInnen sehen in dieser Form von Pseudo-Diskussion ein Symptom für den Verfall der öffentlichen Diskussionskultur oder sogar der demokratischen Meinungs- und Willensbildung. Unter anderem wird beklagt, dass in solchen Gesprächen die Regeln und Konventionen für den konsensorientierten Dialog außer Kraft gesetzt werden und dass es oft nicht um das bessere Argument geht, sondern darum, wer lauter schreit, wer unverschämter auftritt oder wer seine PartnerInnen am überzeugendsten diskreditieren kann. Die Beteiligten spielen jeweils eine oftmals vom Format vorgegebene Rolle; sie treten als notorische QuerulantInnen, als linke SpinnerInnen, als konservative HardlinerInnen, als VertreterInnen der Kirche usw. auf und nicht nur als Individuen.

Die ganze Gesprächssituation ist wesentlich komplexer als die in einem prototypischen Dialog mit SprecherInnen und HörerInnen, die mehr oder weniger höflich zueinander sein können. Für Gespräche in Massenmedien unterscheidet Burger (2001, 1493) zunächst einen inneren und einen äußeren Kreis von Beteiligten: Den inneren Kreis bilden die GesprächsteilnehmerInnen im engeren Sinne, also die DiskutantInnen und die Moderatorin. Zum äußeren Kreis zählen u.a. die FernsehzuschauerInnen, die nicht in das Gespräch eingreifen können. Dazwischen gibt es auch noch das Publikum im Studio, das zumindest indirekt (durch Zurufe oder Applaus) intervenieren und das Diskussionsgeschehen beeinflussen kann. Die Kreise überlagern sich ständig; so entsteht das, was Burger „Mehrfachadressierung“ nennt: Wenn die Moderatorin spricht, wendet sie sich an ihre GesprächspartnerInnen, aber auch an die ZuschauerInnen.

Goffman (1981, 131ff.) schlägt eine weitere Differenzierung der Gesprächsrollen vor, die nützlich sein kann, um Vereinfachungen zu vermeiden (vgl. Adamzik 2002). Er unterscheidet zunächst zwischen ratifizierten und nicht-ratifizierten TeilnehmerInnen. Ratifiziert sind diejenigen, die in der jeweiligen Interaktion einen offiziell anerkannten Status haben, nicht-ratifiziert also alle, die zwar zuhören können, aber nicht das Recht haben einzugreifen. In normalen Konversationssituation sind alle Personen, die eingreifen können, ratifizierte TeilnehmerInnen. Das heißt aber nicht unbedingt, dass sie auch die AdressatInnen aller Beiträge sind. Vor allem in Gesprächen mit mehr als zwei TeilnehmerInnen gibt es immer Momente, in denen TeilnehmerIn A mit B spricht und sich nur sekundär an die anderen wendet. Man kann und muss also weiter unterscheiden zwischen adressierten und nicht adressierten ratifizierten TeilnehmerInnen, also AdressatIn und HörerIn. Auch nicht-ratifizierte TeilnehmerInnen können sich im Hinblick auf den Grad ihrer Beteiligung unterscheiden.

In den meisten Fällen können SprecherInnen die Anwesenheit der verschiedenen Arten von ZuhörerInnen wahrnehmen und bei der Planung ihrer Beiträge berücksichtigen. In Mediengesprächen ist das geradezu ein konstitutioneller Bestandteil der Gesprächssituation. Die Sendungen werden ja für ein Publikum, also mehr oder weniger aufmerksame ZuhörerInnen gemacht – einige davon als Saalpublikum anwesend, andere zu Hause vor dem Fernsehgerät. Im Idealfall verfolgen die ZuschauerInnen die Sendung aufmerksam, oft haben sie auch die Möglichkeit, über Telefonanrufe, Mails oder Einträgen in sozialen Netzwerken in die Diskussion einzugreifen, werden also zu ratifizierten TeilnehmerInnen.

Höflichkeit spielt sich damit auf jeden Fall in verschiedenen Bereichen ab: Im vorliegenden Gesprächsausschnitt sind GE und K mehr oder weniger höflich gegenüber den jeweils adressierten TeilnehmerInnen, aber auch gegenüber den anderen HörerInnen, dem Publikum im Saal, dem TV-Publikum usw.

Schließlich handelt es sich bei einer solchen Talkshow um ein Diskussionsformat. Die einzelnen TeilnehmerInnen können und müssen einander also widersprechen, um eine Diskussion in Gang zu bringen. Dissens ist mehr als erwünscht. In anderen Kontexten mag es also als unhöflich angesehen werden, wenn SprecherInnen einander widersprechen, hier wäre es geradezu unhöflich gegenüber der Moderatorin, der Redaktion und dem Publikum, wenn die TeilnehmerInnen einander ständig recht geben würden. Die Bedingungen für die Einschätzung von Höflichkeit sind also anders als in vielen anderen Gesprächsformen (vgl. EhrhardtEhrhardt 2011).

Der kleine Streit, der hier dokumentiert wurde und der in dem Vorwurf gipfelt, unhöflich zu sein, findet auf mindestens zwei Ebenen statt: Es geht inhaltlich um die richtigen Maßnahmen der Flüchtlingspolitik und formal um das Rederecht. GE ist von der Moderatorin eingeladen worden, ihre Position darzulegen und setzt zu einem längeren Statement an. Gleich am Anfang wird sie dabei von K unterbrochen, lässt sich dadurch aber nicht davon abhalten, weiter zu sprechen. Nach wenigen Sätzen wird sie erneut von K unterbrochen, und an dieser Stelle beginnt eine etwas unübersichtliche Phase, in der die beiden Politiker sich ständig gegenseitig unterbrechen und synchron (übereinander) reden. Es entsteht eine lebhafte Diskussion zwischen den beiden, die sich immer weiter steigert. Die Phase wird dadurch beendet, dass GE ihrem Partner in einem etwas resignierten Tonfall vorwirft, unhöflich zu sein.

Aller Wahrscheinlichkeit bezieht sie sich damit auf die Tatsache, dass sie in der Entwicklung ihres Gedankens mehrmals durch Unterbrechungen gestört wird. K verletzt also die Regel, dass man in einem Gespräch die anderen ausreden lassen sollte. Das gehört zu den formalen, kodifizierten HöflichkeitskonventionenHöflichkeitskonvention – und zu den Konventionen, deren Gültigkeit und Sinnhaftigkeit kaum bestritten, aber in der Praxis ständig verletzt werden. Auch in diesem Punkt ist K aber nicht einverstanden. Er widerspricht explizit und behauptet, es handele sich nicht um eine Unhöflichkeit, weil er ja nur versuche, die Zahlen korrekt widerzugeben. Es ist nicht ganz klar, worauf sich sein Widerspruch bezieht: Hält er es für nicht unhöflich, eine Gesprächspartnerin zu unterbrechen oder Statistiken richtig zu interpretieren? Er changiert hier wohl zwischen der inhaltlichen und der formalen Ebene des Gesprächs.

Höflichkeit und Unhöflichkeit werden in diesem Gespräch also im Sinne der Etikette aufgegriffen. Wenn man versuchen möchte, den zugrunde liegenden Höflichkeitsbegriff herauszuarbeiten, dann muss man auf die bereits beschriebene alltägliche Auffassung zurückkommen: Höflich sein heißt, sich an die in der Gesellschaft anerkannten Regeln und Konventionen zu halten und den Partner nicht zu unterbrechen. Einmal mehr wird auch erkennbar, dass dieser Begriff zu kurz greift und in der Realität der Kommunikation schwer anwendbar ist. Unterbrechungen sind einfach unvermeidlich – schon in ganz alltäglichen Interaktionen, viel mehr noch in Mediengesprächen. Wenn die TeilnehmerInnen sich nicht ab und zu unterbrechen, wird der Dialog schnell leblos. Das gehört offensichtlich auch zum Wissen aller SprecherInnen und HörerInnen; UnterbrechungenUnterbrechung werden deswegen durchaus nicht immer als Unhöflichkeit aufgefasst. Die Etiketteregel ist also viel zu allgemein. Der Unhöflichkeitsvorwurf zeigt aber Wirkung. Die Überlappungen von Beiträgen hören an dieser Stelle auf, der Adressat des Vorwurfs verteidigt sich; er kann oder will es sich nicht leisten, diesen Vorwurf auf sich sitzen zu lassen. Man kann hier verallgemeinernd die Hypothese ableiten, dass aus der Perspektive der Beteiligten Höflichkeit in der Interaktion eine wichtige Rolle spielt; es wiegt schwer, wenn jemandem das Interesse an Höflichkeit oder die Fähigkeit, höflich zu sein, abgesprochen wird.

Das Beispiel zeigt auch, dass es im Einzelfall durchaus nicht leicht ist, einzuschätzen, ob eine Äußerung höflich ist oder nicht. Für GE sind die Unterbrechungen im konkreten Fall unhöflich; ihr Gesprächspartner (ein distinguierter und wohlerzogener Mensch) ist da anderer Meinung. Die BeobachterInnen werden diesbezüglich eine weitere Auffassung vertreten und wiederum untereinander ebenfalls kaum einen Konsens finden. Wessen Urteil gilt? Kann man das objektivieren? Sollte man sich für ein Urteil über den Grad von Höflichkeit einer Äußerung auf die Intention der SprecherInnen beziehen? Auf die Auffassung der AdressatInnen? Oder auf Urteile von HörerInnen oder BeobachterInnen? Es bleibt zumindest der Verdacht, dass der Höflichkeitsgrad einer Äußerung nicht nur vom GesprächskontextGesprächskontext abhängt, sondern auch davon, aus welcher Perspektive man sie betrachtet. Als wissenschaftliche/r BeobachterIn könnte man annehmen, dass das Verhalten von K als höflich eingestuft werden kann, wenn es die weitere Interaktion nicht störend beeinflusst.

Ganz deutlich zeigt sich, dass Höflichkeit in Gesprächssituationen umstritten sein kann. In Gesprächen geht es nicht nur um Inhalte, sondern eben auch darum, wie man miteinander umgehen kann und soll. Wenn darüber keine Einigkeit besteht, bzw. wenn sich diese Uneinigkeit durch (aus der Perspektive eines Beteiligten) abweichendes Verhalten manifestiert, dann kann es zu Aushandlungsprozessen kommen, die darauf abzielen, einen gemeinsamen Standard zu etablieren, wer auf welche Weise was sagen kann. Höflichkeit ist in der Praxis der Kommunikation also durchaus dynamisch und das Ergebnis von mehr oder weniger expliziten metasprachlich ausgerichteten Handlungen, in denen es um die Aushandlung der „richtigen“ oder angemessenen Umgangsformen für die konkrete Gesprächskonstellation geht. Dies wiederum kann durchaus kontrovers sein – in Bezug auf den Höflichkeitsgrad einzelner Formulierungen, die Angemessenheit sprachlicher und nicht-sprachlicher Verhaltensweisen (z.B. jemanden unterbrechen) usw.

Vor allem in solchen Mediengesprächen ist es zudem schwierig einzuschätzen, inwieweit Höflichkeit oder Thematisierungen von (Un)Höflichkeit strategisch eingesetzt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass GesprächsteilnehmerInnen genau dann auf eine BeziehungsebeneBeziehungsebene ausweichen und angeblich unhöfliches Verhalten anderer thematisieren, wenn sie inhaltlich in die Bredouille kommen. Oder dass Unhöflichkeiten gezielt eingesetzt werden, um das Gegenüber zu provozieren und aus dem Konzept zu bringen. Solche Äußerungen hätten dann eher inhaltliche Ziele und Motivationen als beziehungsbezogene.

Die Verhaltensmanifestationen, die hier als unhöflich klassifiziert werden, treten darüber hinaus nicht isoliert auf. Während des Gesprächs präsentiert sich K durchaus als charmanter, zugewandter und verbindlicher Gesprächspartner. Und auch im Laufe des abgedruckten Ausschnittes ist er durchaus nicht nur und nicht durchgängig unhöflich: Er entschuldigt sich auch prophylaktisch für eine Unterbrechung, er betont Übereinstimmung mit GE und räumt am Anfang ein, dass GE das Rederecht hat. Das ist alles eher höflich im Sinne der Etikette. Höflichkeit oder Unhöflichkeit ist also auch eine Facette eines umfassenderen Bildes. GE scheint sich nur auf die Unterbrechungen zu beziehen und damit den Vorwurf zu belegen, dass K ein unhöflicher Mensch ist. Sie wundert sich darüber, wohl weil auch sie ihn sonst anders wahrnimmt, kommt aber nicht auf die Idee, von der Verallgemeinerung (wer unterbricht, ist ein unhöflicher Gesprächspartner) abzusehen und ihr Urteil etwas differenzierter zu formulieren. Es ist durchaus diskussionswürdig, ob man Höflichkeit (oder Unhöflichkeit) einem Menschen zuschreiben sollte, einer Äußerung bzw. einer nicht-sprachlichen Handlung oder der gesamten Verhaltensorientierung einer Person in einem bestimmten Gespräch. Für die Beurteilung einer einzelnen Äußerung ist es sicher nicht ganz unerheblich, wie sich die betreffende Person im übrigen Gespräch verhalten hat. Einem im Allgemeinen höflichen Menschen wie K wird man eine unhöfliche Unterbrechung sicher eher verzeihen und dem Engagement für die Sache zuschreiben als einem notorischen Störer.

Ein Blick auf die real existierende Kommunikation zeigt also sehr schnell, dass Höflichkeit für die GesprächsorganisationGesprächsorganisation objektiv und subjektiv aus der Sicht der TeilnehmerInnen bedeutsam ist und dass man in der Beschreibung und Analyse von Konversationen nicht sehr weit kommt, wenn man Höflichkeit mit der Befolgung von Etiketteregeln identifiziert. Die Wirklichkeit ist sehr viel komplexer als das, was Höflichkeitsnormen abbilden können. Offensichtlich kennen GesprächsteilnehmerInnen die Etikette, orientieren sich in manchen Situationen (vor allem bei der Beurteilung des Verhaltens anderer) auch daran, aber darüber hinaus geschieht noch viel mehr: Sie streiten über Höflichkeit, sie nutzen (Un)Höflichkeit strategisch, sie beurteilen das Verhalten anderer in Kategorien der Höflichkeit, sie verstoßen mehr oder weniger bewusst gegen alle Höflichkeitsregeln, und sie entwickeln situationsspezifische Höflichkeitsbegriffe.

Halten wir an dieser Stelle fest: Eine sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Höflichkeit in einer konkreten Interaktionssituation muss viele verschiedene Aspekte und Faktoren aufgreifen, beispielsweise:

 Es geht um verbale oder nonverbale Handlungen, also um soziale Praxis in der Interaktion.

 Man sollte die Hörerperspektive im Auge behalten, also fragen, wie direkte AdressatInnen eine Handlung beurteilen, ob sie sie als höflich empfinden oder nicht.

 Dabei geht es immer auch um eine Bewertung durch die AdressatInnen, die diese auf der Grundlage bestimmter Kriterien vornehmen, die wiederum aufgedeckt werden sollten.

 Relevant sind aber auch die Intentionen der SenderInnen, also die Frage, warum/mit welcher Motivation SprecherInnen ihren Beitrag so gestaltet haben, wie sie es getan haben. Wollte der/die SprecherIn höflich sein? Was wollte er/sie darüber hinaus?

 Auch die SprecherInnen bewerten ihre Äußerungen mehr oder weniger explizit.

 Zu berücksichtigen sind die vortheoretischen Höflichkeitsbegriffe, die InteraktionsteilnehmerInnen ihren Handlungen und Bewertungen zugrunde legen.

 Das Verhalten, das als höflich klassifiziert wird, basiert auf sozialen Regeln und Konventionen.

 Wissenschaftliche oder auch andere BeobachterInnen mögen ihren Analysen andere Bewertungsgrundlagen zugrunde legen als die Beteiligten. Auch die BeobachterInnenperspektiveBeobachterperspektive muss hinterfragt werden.

 In Aussagen über Höflichkeit stecken immer Werturteile wie der Zusammenhang mit Solidarität, Kooperation, Konsensorientierung, Konfliktvermeidung, allgemeines Menschenbild usw.

Der Höflichkeitsbegriff der TeilnehmerInnen unterscheidet sich notwendigerweise stark von dem der WissenschaftlerInnen. Unter anderem liegt das an der Fragestellung, unter der beide jeweils das Geschehen beobachten: Die TeilnehmerInnen können sich damit begnügen festzustellen, ob GesprächspartnerInnen sich höflich verhalten haben oder nicht; sie werden eventuell noch fragen, warum (nicht). WissenschaftlerInnen suchen nach weiteren Erklärungen und versuchen, ihre Beobachtungen und Analysen in ein umfassenderes Begriffssystem einzuordnen und aus diesem heraus zu erklären (vgl. dazu Haferland/Paul 1996, 7f.).

Zentral für jedes wissenschaftliche (also auch sprachwissenschaftliche) Anliegen ist der vorrangig deskriptive Charakter im Unterschied zum normativen Ansatz der Etikette. Letztere ist vor allem darauf ausgerichtet, den RezipientInnen zu sagen, wie sie sich in bestimmen Situationen verhalten sollen, wenn sie gesellschaftlichen Erfolg haben und effizient kommunizieren wollen. LinguistInnen sind vor allem daran interessiert, zu beschreiben, zu analysieren und zu erklären, was in der Kommunikation passiert, wie GesprächsteilnehmerInnen sich verhalten, welche Ziele sie verfolgen und was sie tun, um diese Ziele zu erreichen.

2.6.2 Zwei Ebenen der Diskussion: Höflichkeit 1 und Höflichkeit 2

In einer sprachwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Höflichkeit muss es auch darum gehen, diese Diskussionen über sprachliche Höflichkeit in einen breiteren wissenschaftlichen Zusammenhang zu stellen; das heißt, dass Begriffe und Methoden der Höflichkeitsforschung auch unter der Fragestellung betrachtet werden, ob sie mit dem Stand der Forschung in der linguistischen Pragmatik, der Soziolinguistik und anderer linguistischer Teildisziplinen kompatibel sind, und ob sich aus einer stärkeren Integration der verschiedenen Ansätze eventuell neue Möglichkeiten ergeben könnten, das infrage stehende Phänomen angemessen zu erklären.

Die sprachwissenschaftliche Thematisierung von Höflichkeit kann aber nicht auf einer rein theoretischen Ebene stattfinden. Es wäre kaum zu rechtfertigen, wenn man die bereits angesprochenen alltagssprachlichen Höflichkeitsbegriffe einfach ignorieren würde – sie sind schließlich ein wichtiger Teil der Sprachkompetenz und des Sprachbewusstseins von SprecherInnen. Damit werden sie zu einem wichtigen Gegenstand für eine Wissenschaft, die versucht, die menschliche Sprachfähigkeit und auch Formen der SprachreflexionSprachreflexion zu beschreiben und zu erklären.

Das Verhältnis zwischen einem wissenschaftlichen Höflichkeitsbegriff und dem Alltagsverständnis ist dabei keineswegs geklärt – und es ist keineswegs banal. Wie man dieses Verhältnis modelliert, davon hängt letztlich auch ab, was man unter ‚Höflichkeit‘ versteht. Eine Möglichkeit besteht darin anzunehmen, dass Begriff und Wort im Wesentlichen den gleichen Ursprung haben, dass es ‚Höflichkeit‘ also erst gibt, seitdem man darüber nachdenkt und redet. Schon etymologisch bietet sich sofort der Verweis auf höfisches Verhalten an und die Identifizierung von höflichem Auftreten mit bestimmten gesellschaftlichen Klassen. Höflichkeit stände dann in der Tradition des Adels und der Höfe. Höflich sein hieße, sich funktional analog zu Höflingen zu verhalten. Wenn Höflichkeit dagegen als Begriff verstanden wird, der auch vor der Entstehung von Höfen und bevor das Wort Höflichkeit gebräuchlich wurde, eine gewisse Gültigkeit hatte, dann könnte man davon ausgehen, dass Menschen so etwas wie höfliches Verhalten an den Tag gelegt haben, bevor es Höfe als Institutionen gab und dass weiterhin auch außerhalb adliger Kreise sprachliche und außersprachliche Handlungen verbreitet waren und sind, die man sinnvollerweise unter den Begriff ‚Höflichkeit‘ subsumieren sollte. Das würde bedeuten, dass es eine sehr enge Verbindung zwischen Höflichkeit und der Möglichkeit von Kommunikation im Allgemeinen gibt. Die Entscheidung für die eine oder andere Variante kann weitreichende Konsequenzen für die Höflichkeitstheorie haben. Darauf werden wir zurückkommen.

In den sprachwissenschaftlichen Diskussionen über Höflichkeit legen die meisten AutorInnen großen Wert darauf, dass die verschiedenen Ebenen und Herangehensweisen genau unterschieden und getrennt werden, um begriffliche Konfusion zu vermeiden. Es sollte also zunächst einmal klar sein, ob man von Höflichkeit im normativen, alltagssprachlichen Sinne spricht und damit die Teilnehmerperspektive einnimmt oder ob man Höflichkeit als deskriptiven, sprachwissenschaftlichen Begriff verwendet, der zwangsläufig aus einer BeobachterInnenperspektive entwickelt werden muss.

Viele AutorInnen beziehen sich auf die Unterscheidung von Höflichkeit 1 (oder first-order politeness)Höflichkeit 1 (oder first-order politeness) und Höflichkeit 2Höflichkeit 2 (oder second-order politenesssecond-order politeness), die von Watts et al.Watts et al. vorgeschlagen wurde:

We shall argue in this introduction that distinction needs to be made between first-order and second-order politeness. We take first-order politeness to correspond to the various ways in which polite behavior is perceived and talked about by members of socio-cultural groups. It encompasses, in other words, commonsense notions of politeness. Second-order politeness, on the other hand, is a theoretical construct, a term within a theory of social behavior and language usage. (Watts et al. 2005, 3)

Höflichkeit 1 ist ein common-sense-Begriffcommon-sense-Begriff; er umfasst die Begriffe, die von Interaktionsteilnehmern aktiviert und ihren Bewertungen zugrunde gelegt werden. Sie spiegelt sich beispielsweise in den Tendenzen der Verwendung des Wortes Höflichkeit wider oder in der Thematisierung von (Un)Höflichkeit in einem Gespräch wie dem Ausschnitt aus der Talkshow.

‚Höflichkeit 1‘ als Begriff ist also stark an die Etikette angelehnt und weist Überschneidungen mit andern Konzepten wie ‚Respekt‘, ‚Pünktlichkeit‘, ‚Freundlichkeit‘ usw. auf, ist aber von diesen nicht eindeutig zu trennen. Wie viele alltagssprachliche Begriffe ist dieser also recht vage – für den alltäglichen Sprachgebrauch ist das kein Problem, in wissenschaftlichen Diskussionen sollten Begriffe aber klar definiert und konturiert sein.

Damit sind schon einige der Anforderungen an ‚Höflichkeit 2‘ genannt: Hier kommt es auf Klarheit, Erklärungskraft und Abgrenzbarkeit an. Darüber hinaus sollte jeder wissenschaftliche Begriff in einem umfassenderen theoretischen Ansatz verankert sein und damit eine Einordnung in ein begriffliches System ermöglichen, aus dem heraus sich die untersuchten Phänomene in ihrer inneren Logik und in ihrer Funktionalität erklären lassen. Im Falle der Höflichkeit sollte es etwa möglich sein, zu fragen, welchen kommunikativen oder sozialen Zielen die Bewertung von Handlungen dient. Es sollte darüber hinaus z.B. ermöglicht werden, ‚Höflichkeit‘ in Verbindung zu setzen mit Fachbegriffen wie ‚Sprechhandlung‘ oder ‚Kooperation‘, also auf Fragen zu antworten wie: Ist Höflichkeit eine Eigenschaft von Wörtern, Sprechhandlungen oder Äußerungen? Ist Höflichkeit eine Form von Kooperation, oder fällt sie vielleicht sogar mit dem zusammen, was in der linguistischen Diskussion als ‚Kooperation‘ bezeichnet wird? Ist Höflichkeit ein mitgemeinter Bedeutungsaspekt etwa im Sinn einer Implikatur? Welche Bedeutung hat Höflichkeit für die Kommunikation? Handelt es sich um ein notwendiges Element, um eine Verzierung oder um eine fakultative Zusatzinformation?

Solche und viele andere Fragen können nur dann zufriedenstellend beantwortet werden, wenn eindeutig ist, wovon man spricht und keine Verwechslungen mit Knigge-Vorschriften oder verwandten Begriffen auftreten. Watts et al. betonen deswegen, dass es besser wäre, auf der Ebene der theoretischen Diskussion den durch die Alltagsthematisierungen „kontaminierten“ Begriff ganz zu vermeiden:

As we have seen, in examining linguistic politeness we are dealing with a lay first-order concept which has been elevated to the status of a second-order concept within the framework of some more or less adequate theory of language usage. This being so, it is crucially important to state in what ways the two concepts differ, and this is, as we have also seen, rarely if ever done. Unless the theoretical second-order concept is clearly defined and given some other name, we shall constantly vacillate between the way in which politeness is understood as a commonsense term that we all use and think we understand in everyday social interaction and a more technical notion that can only have a value within an overall theory of social interaction. (Watts et al. 2005, 4f.)

Andererseits stellt es aber, wie erwähnt, auch einen Vorteil dar, wenn sich Theorie nicht allzu weit von der Kommunikationspraxis entfernt und dies auch durch die Verwendung von Begriffen deutlich macht, die aus Alltagsdiskursen kommen und dann im wissenschaftlichen Diskurs vor dem jeweiligen theoretischen Hintergrund genauer gefasst und zu Termini werden. Die Relevanz von Wissenschaft bemisst sich u.a. daran, ob sie in der Lage ist, eine Erklärung für im Alltag selbstverständliche Prozesse zu finden. Warum sollte sie dann Begriffe verwenden, die den Bezug zur alltäglichen Praxis eher verstecken als unterstreichen?

Wie die Praxis sind auch die Ebenen der first-order und der second-order politeness eng aufeinander bezogen und im Zweifelsfall kaum voneinander abgrenzbar. Es ist beispielsweise zweifelhaft, ob die Ausführungen von Autoren wie Mießgang, Gärtner/Roth oder Erlinger dem einen oder dem anderen Bereich zuzuordnen sind. Die Autoren populärwissenschaftlicher Klagen über den Verfall von Höflichkeit können durchaus einen wissenschaftlichen Hintergrund haben. Verwenden sie common-sense-Begriffe, wenn sie versuchen, die Zusammenhänge so darzustellen, dass ein möglichst breites Publikum angesprochen werden kann? Wo ist die Grenze zwischen der verständlichen Darstellung wissenschaftlicher Inhalte und der Thematisierung in bestimmten soziokulturellen Gruppen, wie es bei Watts et al. heißt?

Aber auch wenn es nicht immer leicht ist, bleibt es wichtig, sich die Unterscheidung immer wieder bewusst zu machen und die Ebenen zu trennen, um Verwirrung zu vermeiden. Wenn man beispielsweise über den Wandel von Höflichkeit spricht oder schreibt, sollte man genau sagen, ob man von veränderten Umgangsformen, von lexikalischem Wandel oder von Veränderungen in der Konzeptualisierung von Höflichkeit spricht. Das Gleiche gilt für Sprach- und Kulturvergleiche: Hier stellt sich immer die Frage des tertium comparationis. Kann man beispielsweise sagen, dass politeness, cortesia oder politesse das Gleiche sind wie Höflichkeit? Auf welcher Ebene liegen Unterschiede zwischen dem Deutschen, dem Englischen, dem Italienischen und dem Französischen? Auf der Ebene der Wörter, der Verhaltensweisen oder der Begriffe? Oder sind die Unterschiede gar auf der Ebene der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Phänomenen angesiedelt? Ganz genau hinschauen sollte man auch bei den bereits angesprochenen, weit verbreiteten Klagen über den Verfall von Höflichkeit. Wenn jemand behauptet, die Schüler haben heute keinen Respekt mehr vor den Lehrern und der Institution Schule, wovon redet er dann? Da sollte man zuerst einmal prüfen, ob es stimmt, dass – wie oft behauptet wird – immer weniger Schüler ihre Lehrer „ordentlich“ grüßen. Und wenn es tatsächlich eine Veränderung auf der Ebene der Verhaltensweisen gegeben haben sollte: Kann man sagen, dass die Schüler heute unhöflicher sind als früher, oder haben sie einfach einen anderen Begriff von Höflichkeit und bewerten Handlungen anders?

Wenn man genau hinschaut, ist das Feld, das die Höflichkeitsforschung zu bearbeiten hat, sehr heterogen und unübersichtlich und stellt hohe Anforderungen an die methodische und begriffliche Herangehensweise in der Sprachwissenschaft oder in anderen Wissenschaften. Es gibt zwei bedenkenswerte Argumente, die darauf hinauslaufen, Höflichkeit gar nicht oder ganz anders zu thematisieren als das bisher gemacht wurde. Erstens: Watts hatte in der oben zitierten Passage schon vorgeschlagen, Höflichkeit als wissenschaftlichen Terminus gar nicht zu verwenden und den Begriff anders zu fassen. Ähnlich argumentiert BublitzBublitz:

Der Verzicht auf ‚Höflichkeit‘ als Beschreibungskonstrukt befreit uns zum einen von einem unerträglich überfrachteten und höchst vagen Begriff und verbietet zum anderen die unhaltbare Unterscheidung zwischen höflichen und unhöflichen Sprachen mit dem kausalen Rückschluss auf höfliche und unhöfliche Sprachgemeinschaften. (Bublitz 2009, 275)

Auch Bublitz erinnert also daran, dass die Vagheit des Höflichkeitsbegriffes ein Hindernis für die linguistische Diskussion darstellt. Im Folgenden werden wir trotzdem daran festhalten. Der wichtigste Grund dafür wurde bereits angesprochen: Wir halten Höflichkeit für einen Gegenstand, der zum einen im Rahmen von sprachtheoretischen Überlegungen dazu beitragen kann, das kommunikative Geschehen besser zu erklären als dies ohne ihn möglich wäre. Zum anderen macht der Begriff deutlich, dass sich die Sprachtheorie mit Gegenständen auseinandersetzt, die auch für den alltäglichen Sprachgebrauch und für die LaienreflexionLaienreflexion darüber relevant sind. Wir verstehen Bublitz’ Hinweis allerdings als Aufforderung, einen möglichst klaren und eindeutigen Begriff von Höflichkeit 2 zu entwickeln, mit dessen Hilfe erstens die kommunikative Praxis in deren eigener Begrifflichkeit analysiert werden kann und der zweitens dazu beitragen kann, dass diese Praxis im Rahmen von wissenschaftlichen Kommunikationsmodellen erklärbar wird. Dann sollte es auch möglich sein, sprachwissenschaftlich über Höflichkeit nachzudenken, ohne unhaltbare Unterscheidungen zu treffen – ohne also (z.B.) zu behaupten, das Französische sei höflicher als das Englische.

Das zweite Argument, das gegen ein solches Vorhaben spricht, findet sich in der Einleitung der Höflichkeitsmonographie von Watts:

The present book, however, should be seen as a radical rejection of politeness2 as a concept which has been lifted out of the realm of lay conceptualizations of what constitutes polite and impolite behavior and how that behavior should be evaluated. (WattsWatts 2003, 11)

Watts lehnt es also generell ab, eine Theorie der Höflichkeit zu entwerfen. Sein Augenmerk gilt dem, was auf dem Niveau von Höflichkeit 1 passiert; er will also untersuchen, wie Höflichkeit in der sozialen Interaktion eingesetzt, kommentiert und diskutiert wird und welche Funktionen diese Thematisierungen jeweils haben. Er betont dabei sehr stark den evaluativen Charakter von Höflichkeit und hält diesen für unüberwindbar. Wenn sich also die Sprachwissenschaft mit Höflichkeit beschäftigt, dann übernimmt sie einen Gegenstand, zu dessen konstitutiven Eigenschaften es zählt, dass er von InteraktionsteilnehmerInnen verwendet wird, um (subjektiv) zu bewerten, was andere InteraktionspartnerInnen machen. Dabei bleibt auch der normative Charakter zwangsläufig immer erhalten. Wissenschaft sollte aber nicht subjektiv und normativ sein. Folglich ist es für Watts ausgeschlossen, dass es eine sinnvolle wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Höflichkeit geben kann.

Letztlich spricht aus den Bemerkungen Watts’ eine tiefe Skepsis gegenüber jeder Form von Sprachtheorie. Er sieht hier das Problem, das eine Theorie ein Modell entwickelt, im Falle der Sprache aber dazu genau den Gegenstand heranziehen muss, den sie behandelt. Eine Sprachtheorie spricht darüber, wie wir Sprache verwenden – und verwendet dafür natürlich Sprache. Sie kann also nicht wirklich von ihrem Gegenstand abstrahieren und übernimmt seine (in der Wissenschaft störenden) Eigenschaften: „Its very essence is prescriptive and normative“ (Watts 2003, 48).

Darüber könnte man lange diskutieren. Wir beharren in diesem Buch darauf, dass eine MetaspracheMetasprache möglich ist, die sich der gleichen Wörter bedient wie die ObjektspracheObjektsprache, diese Wörter aber auf klarere und theoriekonforme Begriffe verweisen. So wie man über Freiheit, Traum, Netzwerk, Gesellschaft, Demokratie und vieles andere mehr sowohl alltäglich als auch wissenschaftlich anspruchsvoll diskutieren kann, so sollte das auch für Höflichkeit möglich sein.

Wir werden also den Versuch unternehmen, empirisch zu beschreiben und theoretisch zu erklären, was SprecherInnen tun und denken, wenn sie höflich sind, welche kommunikative Funktion dies hat und welche interaktiven Effekte es bewirkt.

Die Unterscheidung zwischen Höflichkeit 1 und Höflichkeit 2 wird in der Höflichkeitstheorie nach der sog. diskursiven Wende eine gewisse theoretische Brisanz erhalten. Wir werden deswegen in Kapitel 6.5.1 darauf zurückkommen.

3 Höflichkeit in der Kulturgeschichte

Der folgende Rückblick kann nur äußerst kursorisch auf die reiche Tradition der Geschichte der Höflichkeit im Deutschen eingehen. Wesentlich erscheint vor allem:

 dass die Auseinandersetzung mit Höflichkeit inhaltlich ausgedehnt war auf den Bereich des menschlichen Umgangs überhaupt (conversatio) und speziell des GesprächsGespräch,

 dass diese Thematisierungen oft präskriptiv waren,

 dass sie noch vor Beginn der modernen, fachlich gebundenen Wissenschaften erfolgten und

 dass sie nationale Grenzen überschritten und auf die europäischen Höfe konzentriert waren. Von dort erklärt sich auch das deutsche Wort höflich (mhd. hovelichhovelich).

3.1 Rückblicke auf Höflichkeit in der europäischen Kulturgeschichte
3.1.1 Höflichkeit und gesellschaftlicher Wandel in der Vormoderne

Vom ausgehenden Mittelalter und der Vormoderne1 bis zur heutigen Zeit folgen die kulturellen Vorstellungen von Höflichkeit den sozialen Gesellschaftsformationen und ihrem Wandel (vgl. dazu auch Elias 1939/1976). Schon im Mittelalter diente ein komplexes System von Verhaltensnormen oder -richtlinien einerseits der SelbstdarstellungSelbstdarstellung und andererseits der AbgrenzungAbgrenzung gegenüber der Außenwelt sowie der öffentlichen InszenierungInszenierung sozialer Zughörigkeit (vgl. Watts 2003). Dies steigerte sich in der Barockzeit durch die Ausbildung von EtikettenEtikette und Zeremoniellen als gesellschaftliche StandesritualeStandesrituale. Neben der Betonung des gefälligen Wohlverhaltens spielt auch der taktische Aspekt der „KlugheitKlugheit“ im Sinne des EigennutzensEigennutzen für den Aufstieg in der höfischen Gesellschaft eine Rolle. Erst im 17. Jahrhundert, der eigentlichen Epoche der gepflegten KonversationKonversation,2 erfährt dieses Konzept eine Bedeutungsverengung: War Konversation früher auf den gesellschaftlichen Umgang allgemein bezogen – bei Hofe, später in den Salons –, so wird sie nun auf den geselligen Umganggeselliger Umgang im vertrauten, zwanglosen Gespräch eingegrenzt. Als besonderes Ideal galt dieser höfischen Epoche die ZwanglosigkeitZwanglosigkeit, die sich gleichwohl gerade erst im Rahmen strenger Sprachreglementierungen konstituieren sollte. Diese Reglementierungen bezogen sich auf Form, Inhalt sowie Modalität des sprachlichen Umgangsprachlicher Umgangs. So führte bereits GraciánGracián aus:

Die Kunst der Unterhaltung besitzen […], ist es, in der ein ganzer Mann sich produziert. Keine Beschäftigung im Leben erfordert größere Aufmerksamkeit: Denn gerade weil sie die Gewöhnlichste ist, wird man durch sie sich heben oder stürzen. (zit. nach SchmöldersSchmölders 1986, 157)

Wesentliche Entwicklungen in der europäischen Reflexion über Umgangsformen und Höflichkeit wurden in der Renaissance durch drei Texte angestoßen:

 Baldassare CastiglioneCastiglione: Il Libro del Cortegiano (1528/1987) in Italien, Deutsch: Der Hofmann (1528/1999) oder auch Das Buch vom Hofmann (1528/1986), (vgl. dazu auch Lindorfer 2009),

 Baltasar Gracián: Orácolo manual y arte de prudencia, (1647) in Spanien, Deutsch: Handorakel und Kunst der Weltklugheit (2020),

 Madame de Scudéryde Scudéry: Konversation über die Konversation (1686/1986), das erstmals 1680 in Frankreich publiziert wurde.

Diese Bücher haben dann eine Wirkung entfaltet, die weit über ihren kulturellen Ursprungskontext hinausreichte.

3.1.2 Höfische Höflichkeit

Im Barock wird der Hof zur Bühne für das Theater der Höflichkeit (und der Höfling zum Schauspieler im gesellschaftlich inszenierten Drama). Aufwendige adlige Höflichkeitsrituale zeigen sich zumal im ausgeprägten, der BeziehungsarbeitBeziehungspflege dienenden KomplimentierwesenKomplimentierwesen (vgl. BeetzBeetz 1990), aber auch in einer hochdifferenzierten KörperkulturKörperkultur (vgl. LinkeLinke 1996b). Die höfisch-politische Verhaltensstilisierung gipfelte in der ars conversationis als Teil kunstvoller Beziehungsgestaltung (vgl. GöttertGöttert 1988).

Beetz stellt die damaligen DecorumsvorschriftenDecorumsvorschrift für mündliche wie für schriftliche Texte des galanten HöflichkeitsdiskursesHöflichkeitsdiskurs in seiner Studie anhand zeitgenössischer Dokumente anschaulich dar (1990). Sie reichen von Vorgaben zur Schriftgröße und Absatzgestaltung bis zu

 Sozialsemantik (u.a. elaborierte EhrerbietungEhrerbietung und Selbstbescheidenheit),

 CourtoisiewörternCourtoisiewort in rangentsprechend abgestufter Verwendung (z.B. von gnädig bis allergnädigst, von essen bis Tafel halten),

 Sozialsyntax (ich-Tilgung, Distanzgraduierung, Indirektheit, Konjunktiv und Konditionalis),

 rangentsprechender StilwahlStilwahl mit Aufwertung der AdressatInnen und SelbstdegradierungSelbstdegradierung sowie Bagatellisierung eigener Leistungen, ReferentenverschiebungReferentenverschiebung bei als kritisch empfundenen Äußerungen.

Einige dieser Merkmale weisen die folgenden Beispiele für KomplimenteKompliment auf:

Als Dank an eine Dame nach dem Tanz:


(1) Mademoiselle, Ich bin zum höchsten verbunden vor der Ehre, so sie mir dadurch erwiesen, daß sie mit meiner Wenigkeit tantzen wollen, doch bitte gehorsamst mit einem schlechten Tantz═Compagnon gütigst vor lieb zu nehmen, und die vorgegangenen Fehler zu übersehen (Beetz 1990, 215).

Ein „Bitt-Compliment an ein Frauen=Zimmer/sie nach Hause zu begleiten“:


(2) So ich wüßte/daß Mademoisellen nicht beschwerlich wäre/wann ich mich zu dero Begleiter angäbe/würden sie mich höchlich obligieren, wann ich die Ehre haben könnte/sie nach Hause zu führen (Beetz 1990, 228).

3.1.3 Salonkonversationelle Höflichkeit

Die höfische Etikette der Konversation und ihre zeremonielle Erstarrung im 17. Jahrhundert wurde abgelöst durch die salonkonversationelle Höflichkeitsalonkonversationelle Höflichkeit der Gemeinschaft der Gebildeten. Das Ideal der „galanten“ Konversation mit Geist und Anmut wurde dabei vom paradox anmutenden „Zwang zur Zwanglosigkeit“ dominiert. In ihrer Abhandlung Konversation über die Konversation führt Madame de Scudéry aus:

Die Konversation ist das gesellschaftliche Band aller Menschen, das größte Vergnügen der Leute von Anstand und das geläufigste Mittel, nicht nur die Höflichkeit in die Welt einzuführen, sondern auch die reinste Moral, die Liebe zum Ruhm und zur Tugend. (de Scudéry zit. nach Schmölders 1986, 166)

Mit der Aufforderung, zwanglos zu erscheinen, wird zugleich die Beachtung einer Fülle von Regeln mit höchsten stilistischen und intellektuellen Anforderungen verbunden, die die vermeintliche Spontaneität der Konversation geradezu unmöglich macht. Als Hauptregel gilt: „Sage niemals etwas, das gegen den TaktTakt verstößt“:

Um also vernünftig zu reden, kann man ganz offen sagen, daß sich in der Konversation alles sagen läßt, gesetzt, man hat Geist und Takt und bedenkt gut, wo man ist, mit wem man redet und wer man selber ist. Und obwohl der Takt absolut unentbehrlich ist, um niemals etwas Deplaziertes zu sagen, muss die Konversation dennoch so frei aussehen, als ob sie auch nicht den geringsten Gedanken zurückweise, als ob man alles sage, was einem die Phantasie eingibt […]. (de Scudéry zit. nach Schmölders 1986, 175)

Schmölders schreibt der galanten Konversation ein affektives, erotisch-kokettierendes Moment zu, das konversationelle Thema wird relativiert und der wahre Gesellschafter gegen den Typus des gelehrten Pedanten gesetzt (1979, 31f.). Die folgende Entwicklung der bürgerlichen Konversation wird wieder andere Akzente im Hinblick auf Anstand und Moral setzen.

3.2 Entwicklung und Bedeutung der bürgerlichen Höflichkeitbürgerliche Höflichkeit in Deutschland
3.2.1 Bürgerliche Natürlichkeit

Wesentliches Moment in der Entwicklungsgeschichte des 19. Jahrhunderts bildet der Aufstieg des BürgertumsBürgertum. Die personenorientierte Geselligkeit tritt zugunsten einer sachlichen Objektivierung des Zusammenlebens in den Hintergrund; ein komplexeres Sozialgefüge ist an die Stelle der adligen StändegesellschaftStändegesellschaft getreten und hat mit der Notwendigkeit sozialer Neuorientierung auch den Bedarf an RatgeberliteraturRatgeberliteratur gesteigert.

Mit der Emanzipation des Bürgertums und dem grundlegenden Strukturwandel der Öffentlichkeit und dem Wandel sozialer Werte (vgl. Habermas 1962/1971) ist auch eine andere Form von Höflichkeit verbunden, die den Kontrast von AdelAdel und Bürgertum zum Ausdruck bringt. Die bürgerliche Natürlichkeit wird der höfisch-zeremoniellen Etikette entgegengesetzt, die als künstlich und übertrieben empfunden wird; mit der „AfectationAfectation“ kontrastiert eine „Höflichkeit des Herzens“, die zugleich eine egalitäre Höflichkeit und innere Sittlichkeit unter Seinesgleichen ist.


Abb. III.1: Daniel Nikolaus Chodowiecki (1779): Natürliche und affectirte Handlungen des Lebens

In den höfischen und salonkonversationellen Geselligkeitsvorstellungen des 17. Jahrhunderts dominierte das Idealbild der geistreichen und galantengalant Konversation als Heilmittel gegen den ennui. Demgegenüber legten die Anstands- und Konversationslehren der bürgerlichen Öffentlichkeit im Deutschland des 18. Jahrhunderts besonderes Gewicht auf schlichtere Formen natürlicher, „wahrerer“ Höflichkeit der gesitteten Lebensart und des guten Tonsguter Ton in allen Lebenslagen.

In diese Zeit fällt, wie BeschBesch schildert, auch der Wandel der HöflichkeitspronominaHöflichkeitspronomen im Deutschen, und zwar von einer „Sozialrang-AnredeSozialrang-Anrede“ zu einer „Anrede, die Beziehungsverhältnisse markiert“ (Besch 2000, 2615). Als Anredepronomina fungieren nun Du und Sie und zum Teil auch Ihr, während es noch längere Zeit dauerte, bis die ursprünglich herrschaftlichen nominalen Anreden Herr, Frau, Fräulein gesamtgesellschaftlich üblich wurden.

Die moralisch-aufklärerischen Lebenslehren des 18. Jahrhunderts fanden ihren publizistischen Niederschlag in „moralischen Wochenschriften“ sowie in einer großen Anzahl von KonversationslehrenKonversationslehre, nach Georg Philipp Harsdörffers Frauenzimmer Gesprechspiele (1968-69/1644) u.a., Christian Thomasius’ Kurtzer Entwurff der politischen Klugheit und Von der Klugheit, sich in alltäglicher Conversation wohl aufzuführen (1971/1710).


Abb. III.2: Georg Philipp Harsdörffer: Frauenzimmer Gesprechspiele (1644)

Daneben trugen die Erfindung der KonversationslexikaKonversationslexikon (BrockhausBrockhaus 1796 – 1808) sowie die ansteigende Zahl von Unterhaltungsspielen zur Normierung, Kodifizierung und Institutionalisierung der konversationellen Praxis bei (Schmölders 1986, 59ff.).

AnstandsbücherAnstandsbuch und Konversationslehren des 19. Jahrhunderts erfüllen einerseits neben ihrer vordergründigen Funktion der praktisch-handwerklichen Nutzbarkeit die weitergehenden Funktionen einer Selbstvergewisserungslektüre über Geselligkeitsformen. Andererseits fungieren sie als Aufstiegshilfe (so Linke 1996b, 88), und zwar durch die Einübung in öffentliche und private Formen bürgerlicher Geselligkeit, deren symbolische Ordnung sie durch die Modellierung der konversationellen Umgangsformen gleichsam mitkonstituieren halfen. Bürgerliche Höflichkeit wird so zum symbolischen Medium der SelbstverständigungSelbstverständigung und der IdentitätsstiftungIdentitätsstiftung.

Diverse Beispiele dafür werden in Linke (1996a) angeführt, darunter etwa Martin Schmeizel: Die Klugheit zu leben und zu conversiren, zu Hause, auf Universitäten und auf Reisen (1737). „Cautelen, die man fleißig zu practicieren“ habe, werden über den Ablauf und die Topik von Gesprächen aufgelistet (z.B.: das liebe Wetter, neue Sachen, Staats- und geistliche Sachen, Nachfragen nach des anderen Zustand und schließlich bei hoffärtigen Frauenzimmern: ihr Kleid loben und davon reden).

Die Internalisierung von Höflichkeit ist Aufgabe einer gesellschaftlichen Bildung. Der HöflichkeitserziehungHöflichkeitserziehung kommt daher nach bürgerlichen Vorstellungen ein besonderer Stellenwert zu.

3.2.2 KniggeKnigge

Eingeleitet durch die beiden in diesem Sektor wichtigsten deutschen Texte Über den Umgang mit Menschen (1788) von Adolf Freiherr Knigge sowie Das ideale Gespräch (1797) von Christian Garve ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland ein bedeutender Anstieg der Anstandsliteratur zu verzeichnen. Hier liegen also die Ursprünge einer bestimmten Form der Thematisierung von Höflichkeit, die bis heute wirkmächtig ist, wie wir in Kapitel. 2.2 gesehen haben.

Das Werk von Knigge unterscheidet sich allerdings grundlegend von früheren sowie späteren Anstandslehren; es stellt eine Zäsur in der Geschichte der deutschen Höflichkeit dar, gerade weil es keine BenimmfibelBenimmfibel sein will. Auch findet sich keine vergleichbare Entwicklung im zeitgenössischen Europa, zumal nicht in Frankreich, das damit auch seine Vorbildfunktion für höfliches Verhalten einbüßte.

Die Entstehung des Werkes ist eng verbunden mit der sozialen Differenzierung der bürgerlichen Gesellschaft, die anstelle der Modellfigur des HofmannesHofmann verschiedene gesellschaftliche Stände unterschied und den Kaufmann zur neuen Modellfigur erhob. Es ist das Verdienst Knigges, diese Pluralität von sozialen Positionen und Interaktionsanforderungen mit einer Differenzierung von HöflichkeitsstilenHöflichkeitsstil in Verbindung zu bringen. Sein Anliegen zielt aber nicht auf Unterscheidung im Sinne von Ausgrenzung, sondern gerade umgekehrt auf soziale IntegrationIntegration. Diese soziale Differenzierung zeigt sich deutlich in der Gliederung des Werkes:


Abb. III.3: Über den Umgang mit Menschen. Inhaltsverzeichnis der 18. Originalausgabe, Hannover und Leipzig (1908, XIII/XIV)

Die „Lebenslehre“ Knigges als Angehöriger des Adelsstandes verdankt sich sowohl der Reflexion höfischer als auch bürgerlicher Gesellschaftserfahrungen. Sein Werk stellt ein bürgerliches Gesellschaftsprojekt dar, „das die Erziehung der Person zu größerer sozialer Integrations- und kommunikativer Interaktionsfähigkeit ins Zentrum stellt“ (PittrofPittrof 1991, 165). „Wichtig ist“, so MontandonMontandon in seiner Einleitung (1991b, 15), „dass der neue Umgang eine allgemeine Kommunikation ermöglicht, die sich weit mehr auf universelle Werte der Integrierung gründet als auf Prinzipien des Ausschlusses.“

Als ein besonderes Gesellschaftsritual galt im gehobenen Bürgertum exemplarisch die VisiteVisite, der „AnstandsbesuchAnstandsbesuch“, für den ein ganzer Verhaltenskodex im Hinblick auf Anlässe, Zeitdauer, Sitzordnung, Gesprächsablauf, Redeverteilung, Themenwahl, Begrüßungs- und Verabschiedungsfloskeln verabredet wurde. Die Pädagogin und Frauenrechtlerin Marie Calm schreibt dazu in ihrem 1886 erschienenen Werk Die Sitten der guten Gesellschaft: „Der Anstandsbesuch oder die ‚Visite‘, wie man früher sagte, um diesen kurzen Besuch von anderen längeren zu unterscheiden, hat den Zweck, die Beziehungen zwischen Personen, die gesellig miteinander verkehren, aufrecht zu erhalten und bei besonderen Gelegenheiten sich gegenseitig seine Teilnahme auszusprechen.“

Anlässe (z.B. freudige, traurige, Zuzug in fremde Umgebung), Zeitpunkte (zwischen 12.30 und 13 Uhr) und Dauer (20 bis 30 Minuten) und Besuchstoilette (kurzes Kleid mit passendem Umhang, Hut und Handschuhe, bei Herren dunkler Oberrock und dunkle – nicht schwarze – Handschuhe, Überzieher, Stock und Schirm sind nicht salonfähig …usw.) sind genau vorgeschrieben. Um den zeitgenössischen Höflichkeitsnormen zu entsprechen, musste man sich daran halten.


Abb. III.4: Die Sitten der guten Gesellschaft. Aus: Calm 1886 (Wikipedia zeno/org) [12.08.2020]

3.2.3 Höflichkeitserziehung

Die Normvorstellungen der Kunst der guten Unterhaltung bezogen neben den detaillierten Vorschriften zu SprechstilSprechstil und WortwahlWortwahl auch para- und nonverbalpara- und nonverbales Gesprächsverhalten ein (z.B. Wohlklang der Stimme, Lautstärke und Sprechgeschwindigkeit).

In Konstanze von Frankens Katechismus des guten Tones und der feinen Sitten, 1890 in 16. Aufl. erschienen, ergehen z.B. eindeutige Ermahnungen an die jungen Damen und Herren, im gesellschaftlichen Gespräch emotional gefärbte Wörter (z.B. feudal, famos, sündhaft, infam, patent, pyramidal, superbe, phänomenal sowie kolossal) sowie politische und religiöse GesprächsthemenGesprächsthemen zu vermeiden. Sie führten zu leidenschaftlicher Erregung und feindseligen Spannungen, die jeder angenehmen Unterhaltung ein Ende machen.

Trotz dieser engmaschigen sprachreglementierenden Vorschriften galt auch das bildungsbürgerliche Ideal nach wie vor dem „leichten“, von konkreten Handlungszwecken losgelösten Gespräch. Die geistreiche Konversation diente, als weitgehend selbstzweckhafter Zeitvertreib, einer sozialen Abgrenzung (nach unten) und der bildungsbürgerlichen Selbstvergewisserung (vgl. Linke 1996b).

Einen Überblick über die große Anzahl von Anstands- und ManierenbüchernAnstandsbuch in der Zeit von 1870 bis 1970 vermittelt die Studie von Krumrey (1984). Sie veranschaulicht den Wandel ungeschriebener Verhaltensnormen als Stationen des ZivilisationsprozessesZivilisationsprozess, den EliasElias (1939/1976) beschrieben hat. Die Entwicklungsstufen werden in sechs zentrale Beziehungstypen strukturiert, darunter: Beziehungen zu sich selbst (u.a. Sprachgebrauch, Gestik, Mimik, Körperhaltungen) und zu anderen Personen (je nach Alter, Geschlecht, Status, Vertrautheit) bis hin zum Gebrauch des Taschentuchs „als Gerät zur normgerechten, standardisierten Regulierung spezifischer körperlicher Äußerungen“ (Krumrey 1984, 233).

Aus dem Abschnitt über Verhaltensstandards zur Äußerung von Affekten, Gefühlen und Empfindungen seien die folgenden drei Zitate aus verschiedenen Epochen präsentiert:

Vermeide in deiner Rede alles Affektirte und Gezierte […] Sprich weder zu langsam, noch zu geschwind; weder zu laut noch zu leise, und bediene dich keiner gemeinen und zweideutigen Worte […]. Dein Vortrag gebe Zeugnis von einer gründlichen Kenntnis der Sprache und sei durchaus grammatisch richtig. (Höflinger 1885, zit. nach Krumrey 1984, 275)

Rein, korrekt, gesittet, fließend, bündig, verständlich und angenehm sind die Eigenschaften, die man beim Sprechen sich zur Gewohnheit machen soll. Rein: also dialektfrei […]. Gesittet: Ordinäre Redewendungen der Gasse sind zu vermeiden. (Adelsfeld 1899, zit. nach Krumrey 1984, 269)

Die Zugehörigkeit zur guten Gesellschaft legt auch Verpflichtungen im Gebrauch der Sprache und in der Unterhaltung auf. Sehr wichtig ist es, daß man den Personen, mit denen man spricht, frei und offen ins Auge blickt. (Bodanius 1957, zit. nach Krumrey 1984, 273)

Die schon erwähnten Tendenzen der Normierung, KodifizierungKodifizierung und InstitutionalisierungInstitutionalisierung der konversationellen Praxis setzten sich im 19. Jahrhundert verstärkt fort. Sie führen zu einer Verstärkung der technischen Momente in der Anweisungsliteratur und einer Entwicklung „von der Kunst der Konversation zur Technik der Gesprächsführung“ (NeulandNeuland 1998).

Hervorzuheben ist dagegen aber auch das einsetzende theoretische Interesse am Gespräch (vor allem durch v. HumboldtHumboldt) sowie die zunehmende Verwissenschaftlichung der Konversationstheorie, vor allem bei FreudFreud und SimmelSimmel. Letzterer hat in seiner Eröffnungsrede zum ersten deutschen Soziologentag 1910 über Soziologie der Geselligkeit als Spielform der Vergesellschaftung das Gespräch als den „breitesten Träger aller menschlichen Gemeinsamkeit“ (2001, 187) bezeichnet und dabei die Rolle des „TaktgefühlsTaktgefühl“ (180) hervorgehoben. Mit der gesprächshaften Wechselwirkung tritt der „Doppelsinn des Sich-Unterhaltens“ in seine Rechte – ohne ein Eigengewicht des Inhalts. Sobald die Diskussion sachlich wird und es um die Eruierung einer Wahrheit geht, verliert sie nach Simmel ihren „Charakter als gesellige Unterhaltung“ (188).

Den Gedanken vom „Glück der Konversation“ hat Schlieben-LangeSchlieben-Lange in einem Beitrag von 1983 im Rückgriff auf Konversationsethiken des 17. Jahrhunderts entfaltet. Dass das Miteinanderreden als eine besonders glückhafte Form menschlichen Zusammenlebens empfunden wird, führt sie auf die These vom „Gespräch als Ort der Synthesebildung“ zurück, losgelöst von der Bewältigung der Alltagsnotwendigkeiten und praktischer Finalitäten.1 Versteht man das Gespräch als „Ort der zeitweiligen Vereinigung unvereinbarer Identitäten“ (Schlieben-Lange 1983, 141f.), liegt das Glück im Gespräch in der Objektivierung und Bewusstwerdung durch die Versprachlichung einschließlich der Erfahrung von IdentitätIdentität und DifferenzDifferenz2 sowie in der Möglichkeit der intersubjektiven Verständigungintersubjektive Verständigung, zumal in Zeiten schwindender Gemeinsamkeiten von Wissensbeständen und Verhaltensnormen in der Moderne.

3.3 Antibürgerliche Höflichkeitskritik im 20. Jahrhundert

Mit dem Abbau der Standessschranken und ständischen Bildungsprivilegien im 19. Jahrhundert (vgl. v. PolenzPolenz 1999, 70) verblasst auch die soziale Verbindlichkeit von Höflichkeitsnormen zugunsten größerer individueller Handlungsfreiheit (vgl. Beetz 1990, 7). Elias deutet den Abbau von Verhaltensstandards und Erhöhung des gesellschaftlichen Drucks zur Selbstregulierung als InformalisierungsInformalisierung- und Individualisierungsschub (1989/2005, 60ff.).

Die Verschiebung im Spektrum höflicher Ausdrucksweisen lässt sich am besten am veränderten Gebrauch der Anredepronomina im Deutschen veranschaulichen: die Anredeformen Du und Sie indizieren nicht länger Standesunterschiede; vielmehr markieren sie situative Unterschiede von Vertrautheit und sozialer Nähe bzw. Distanz (vgl. BeschBesch 1998, 86).

Radikale Kritik erfuhren Höflichkeitserziehung und formales Höflichkeitsverhalten durch die antiautoritärenantiautoritär Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts. Höflichkeitsnormen galten als aufoktroyierte Autorität; ein „Ende der Höflichkeit“ wurde propagiert (Kerbs/MüllerKerbs/Müller 1970); bildungsbürgerliche Konventionen sollten in ihrer herrschaftsstabilisierenden und –verschleiernden Funktion entlarvt werden. Das Anredepronomen Sie wurde als den Vorstellungen egalitärer Beziehungen unangemessen empfunden; Titel wurden auch im akademischen Bereich weggelassen; ein allgemeines DuzenDuzen wurde – versuchsweise – auch gegenüber Gruppen außerhalb der Studentenschaft erprobt.

SoziologInnen diagnostizieren: Alle sagen Du, als sei das damit Gemeinte schon gegeben (vgl. z.B. Jaeggi 1978 mit interessanten Analysen zur Studentenszene im Bochum der 1960er Jahre). Zwar hat sich diese Praktik nicht durchgesetzt, wohl aber das vergleichsweise konsequente Weglassen von TitelnTitel im bundesdeutschen Sprachraum, und zwar bis heute.

Aus den antiautoritären politischen Protestbewegungen des Jahres 1968 folgt auch eine sprachliche Umbruchsituation. StötzelStötzel/WengelerWengeler stellten 1995 die These von 1968 als sprachgeschichtliche Zäsur zur Diskussion; einige Jahre später wurde diese in einem Sammelband von KämperKämper, ScharlothScharloth und WengelerWengeler (2012) fortgeführt und vertieft.

Der veränderte Sprachgebrauch nahm seinen Ursprung bei linken Studierendengruppen und setzte sich fort in der Außerparlamentarischen OppositionAußerparlamentarische Opposition verschiedener sozialer Gruppierungen bis hin zu parteipolitischen Programmen. Das allgemeine Du lebt bis heute in kulturellen „GesinnungsgenossenschaftenGesinnungsgenossenschaft“ fort, sei es in der Sozialdemokratie, in ökologischen Gruppierungen oder Freizeitgesellschaften, z.B. bei Mitgliedern eines Sportstudios. Allerdings zeigen aktuelle Umfragen auch die bleibende Wertschätzung des Sie, besonders in beruflichen Kontexten (vgl. z.B. appinio 2019: „Siezen gehört immer noch zum guten Ton“).

Der HöflichkeitswandelHöflichkeitswandel im deutschsprachigen Raum kann mit AnkenbrandAnkenbrand als Wandel von einer Distanz- in eine NähehöflichkeitNähehöflichkeit beschrieben werden, als allmählicher Übergang von der traditionellen, etikettehaften DistanzhöflichkeitDistanzhöflichkeit zu einer Höflichkeit der Nähe und Vertrautheit bzw. von ihrer Simulation (Ankenbrand 2013, 90). In ihrer empirischen Studie zum Wandel von GeschäftskorrespondenzGeschäftskorrespondenz kommt die Autorin zur Unterscheidung einer aktuellen Variante von Höflichkeit, für die sie die Bezeichnung „professionelle Freundlichkeit“ als angemessener als „Nähehöflichkeit“ hält. Sprachliche Umgangsformen aus dem Kommunikationsbereich von Nähe und Vertrautheit werden in den Kommunikationsbereich der Distanz transferiert, um beim Empfänger das Gefühl individueller Wertschätzung auszulösen und kommerzielle Vorteile zu erlangen – ein taktischer Gebrauch von CamaraderieCamaraderie.

Diese Entwicklung zeigt sich heute in einer zunehmenden Tendenz der InformalitätInformalität.

3.4 Ausblicke auf Prozesse kulturellen Wandels in der Gegenwart

Die im Folgenden behandelten Tendenzen der Informalisierung und der generationellen Einflüsse hängen eng zusammen, da gerade die jüngeren Generationen stets als eine Quelle kulturellen und sprachlichen Wandels in Form von Informalisierungen wirkten.

3.4.1 Tendenzen der Informalisierung

Indizien für eine Informalisierung finden sich heute in vielen Lebensbereichen. Insbesondere kann hier auf eine Auflösung der Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit zugunsten der Ausdehnung eines ehedem Privaten verwiesen werden, die mit einer Ent-DistanzierungEnt-Distanzierung persönlicher Beziehungen verbunden ist.

Diese lässt sich vor allem am Wandel von Gruß- und Anredeformen einschließlich der GestikGestik und KörperspracheKörpersprache veranschaulichen. Knicks und DienerDiener sind auch für Kinder schon lange unüblich geworden; Hüte, die man lüften könnte, sind aus der Mode gekommen, von der VerbeugungVerbeugung ist in der BRD allenfalls ein leichtes Kopfneigen übriggeblieben. Wie neuere Studien belegen, nimmt die im Deutschen übliche tageszeitliche Differenzierung (Guten Morgen, Guten Tag, Guten Abend etc.) zugunsten von Kurzformen (Morgen, Tag etc.), vor allem aber zugunsten von Hallo als Passe-partout-Formel ab. Auch die nonverbalen Bestandteile des Grüßens haben sich verändert: Der WangenkussWangenkuss hat stark zugenommen, das HändeschüttelnHändeschütteln dagegen eher abgenommen (vgl. NeulandNeuland 2015).

Ein offensichtlicher Prozess des Wandels von Begrüßungskonventionen lässt sich in den Zeiten des Coronoavirus gut beobachten: Wenn man davon ausgehen muss, dass eine Person, mit der man in eine Interaktion eintreten möchte, ein gewisses Interesse daran hat, Abstand zu halten und Berührungen zu vermeiden, dann kann und muss man neue Ausdrucksformen finden, um zu kommunizieren, dass man ein friedliches Gespräch beginnen möchte und die Gesprächspartner respektiert. Die Menschen werden hier sehr kreativ; diskutiert und/oder praktiziert werden etwa verschiedene Formen von aus asiatischen Kulturen inspirierten Verbeugungen, das „Ebola-GreetingEbola-Greeting“, bei dem man die Hüften seitlich zusammenstößt, der „Wuhan-ShakeWuhan-Shake“, bei dem sich die Füße berühren, der „Fist BumpFist Bump“, bei dem man die Fäuste gegeneinander stößt, und vor allem die Berührung mit den Ellenbogen. Diese scheint sich durchzusetzen und in kürzester Zeit zum von den Umgangsformen gebotenen sowie von der Etikette akzeptierten, wenn nicht sogar vorgeschriebenen Ersatz für das zuvor in formelleren Situationen obligatorische Händeschütteln zu werden.


Abb. III.5: So ändert das Coronavirus unsere Etikette: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher beim Ellenbogen-Gruß (t-online v.1.9.2020) (c) picture alliance/dpa / Bernd von Jutrczenka)

Dies und anderes mag als Verlust konventioneller Umgangsformen gedeutet werden; die veränderten Ausdrucksweisen können aber auch Folgen einer Internationalisierung und Globalisierung und einer Angleichung an anglo-amerikanische Umgangsformen darstellen. In seinem Text „Von der Informalität zum doing buddydoing buddy“ deutet Scharloth (2012, 41ff.) die Veränderung dieses Kommunikationsstils und veranschaulicht diesen Wandel mit linguistischen Analysen von Texten der 1968er-Bewegung im öffentlichen Raum einer Fernsehdiskussion im Kontrast zu Auflagen des Benimmbuchs des Fachausschusses für Umgangsformen in den 1970er und 1980er Jahren. Dabei belegt er eine Zunahme von Informalitätsindikatoren (z.B. Kontraktionen (auf’m), Reduktionen (nix), Elisionen (ner, en), von substandardsprachlicher, z. T. jugendsprachlicher Lexik (scheiße, verflucht, volle Pulle) und von emotionalen Ausdrücken und Befindlichkeitsäußerungen (Empfindungen von Ärger, Empörung, Ekel…) bei Diskussionsteilnehmern aus dem linksalternativen Milieu im Unterschied zu Mitdiskutanten aus dem konservativen Lager (vgl. auch Scharloth 2011 und 2015).

Zugleich wandeln sich auch die Verhaltensvorschriften für BegrüßungenBegrüßung und VerabschiedungenVerabschiedung, Anrede- und AbschlussformelnAbschlussformeln sowie TitelgebrauchTitel im Hinblick auf eine Vergrößerung des Repertoires zum Ausdruck von Vertrautheit und eine Ausweitung ihrer Gebrauchsdomänen. So wird die briefliche Anredeform Sehr verehrte, gnädige Frau [Familienname] seit der Auflage von 1988 des Benimmbuchs vom Fachausschuss für Umgangsformen nicht mehr empfohlen; stattdessen Sehr verehrte, liebe Frau [Familienname], wobei sich nur der letzte Bestandteil dieser Form bis heute erhalten hat. Ähnliches gilt für die noch in der Auflage von 1970/75 empfohlene Abschiedsformulierung Hochachtungsvoll, die seit 1988 der informelleren Formulierung Mit herzlichen/freundlichen Grüßen gewichen ist. Schließlich musste das Benimmbuch nach 1996 sein Erscheinen ganz einstellen. Scharloth schlussfolgert: „Die Dynamik der Verhaltensstandards von 1964 bis 1996 kann demnach insgesamt beschrieben werden als ein Abbau formeller und distanzierter Praktiken zugunsten eines Ausbaus von Praktiken der Vertrautheit und ihres Gebrauchs in traditionell von formalen Praktiken geprägten Domänen“ (Scharloth 2012, 50). Für diesen Kommunikationsstil als neuen Verhaltensstandard prägt der Autor die Bezeichnung doing buddy mit Vertrautheit als dominantem Beziehungsmodus, verbunden mit einer Nivellierung geschlechts-, alters- und statusspezifischer Unterschiede.1

Allerdings dauerte es, so Scharloth (2015, 217), bis in die 1980er Jahre, bis der Kommunikationsstil des AlternativmilieusAlternativmilieu seinen Einfluss auf den Sprachgebrauch der Mehrheitsgesellschaft entfaltete. Dazu trug der Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 zweifellos bei, ebenso die Übernahme von Elementen des alternativen Sprachstils in Presseorganen wie der TAZ (vgl. Schwitalla/Betz 2006 zu den verstärkten AusgleichsprozessenAusgleichsprozess von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in öffentlichen Textsorten).

Ein weiterer Bereich, in dem sich die genannten Tendenzen zeigen, sind AnzeigentexteAnzeigentexte. Wie Linke (2000) sowie SteinStein (2015) nachweisen, haben sich die Textsortenstile selbst im Rahmen einer Distanzkommunikation in den letzten Jahrzehnten deutlich zugunsten informellerer und persönlicherer Formulierungen, einschließlich der Kundgabe von Emotionen, verändert. Während noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Familienvater – oft unter Angabe seines Berufsstandes – die Geburt eines Kindes anzeigte, wird dies im 20. Jahrhundert zunehmend gemeinsam von den gleichberechtigten Eltern und zuletzt durch das Neugeborene selbst bekannt gegeben:

Die am 26sten d.M. erfolgte glückliche Entbindung meiner Frau von einem gesunden Sohne, habe ich die Ehre, hierdurch meinen Freunden anzuzeigen. Stettin den 28sten Januar 1800.

Friedrich Koch, Direktor des Lyceums. (nach Linke 2009, 47)

Heute sehen Geburtsanzeigen natürlich ganz anders aus. Man findet beispielsweise Texte, in denen neugeborene Kinder sich mit Worten wie „Hallo, hier bin ich“ selbst in die Welt einführen, in denen umgangssprachliche Ausdrücke oder lustige Bilder verwendet werden und ähnliche Ausprägungen. Aus Gründen des Datenschutzes können wir das hier nicht dokumentieren, aber ein Blick in eine beliebige Tageszeitung reicht, um eine ganze Reihe von Unterschieden zu Texten wie dem hier zitierten zu realisieren.

Als letztes Beispiel sei hier auf den Internetgebrauch verwiesen, bei dem eine Verschiebung des Verhältnisses von Öffentlichkeit und Privatheit zu erkennen ist. Elektronische PostElektronische Post wird heute bewusst informell, konzeptionell mündlich formuliert. Die Anrede Guten Morgen! und der Abschiedsgruß Liebe Grüße ist in heutigen studentischen Mails an ihre ProfessorInnen üblich geworden, auch wenn diese Personen gerade nicht miteinander vertraut sind.

3.4.2 Generationelle Einflüsse

Jugendliche galten zu allen Zeiten als „Noch-Nicht-Erwachsene“, als noch nicht angepasste Objekte von Sozialisation und Erziehung. Erst mit der Entdeckung von Kindheit und Jugend als eigenständige Entwicklungsphasen wurde der Blick auf das abweichende, auch deviante Verhalten von Kindern und Jugendlichen gewechselt und die neuen und innovativen Entwicklungen in Verhalten und Habitus in den Blick genommen. Dieser Perspektivwechsel auf Jugendliche als „Neuerer“ und als „Akteure im kulturellen Prozess“ (vgl. ZinneckerZinnecker 1981, NeulandNeuland 2011) hat in den letzten Jahrzehnten zu einer bedeutsamen Aufwertung der Jugend und einem besonderen Sozialprestige des Phänomens JugendlichkeitJugendlichkeit geführt.

Dies betrifft auch den Sprachgebrauch von Jugendlichen, der von einem Objekt bloßer Sprachkritik zu einem Objekt öffentlichen Interesses wurde, wie der hohe Absatz von Jugend- und Szenewörterbüchern zeigte (vgl. NeulandNeuland 2018a). Der unkonventionelle, lockere Charakter jugendlicher Ausdrucksweisen fand mit dem Schwinden der GenerationsdifferenzenGenerationsdifferenz vermehrt Eingang in den Sprachgebrauch von Erwachsenen und trug damit zum ständigen Wandel von Jugendsprache bei.

Wie aktuelle Studien vom Umgang Jugendlicher mit sprachlicher Höflichkeit zeigen, bevorzugen Jugendliche informellere Formen des sprachlichen Umgangs und jugendtypische Ausdrucksformen von Höflichkeit jenseits von Konventionen und Etikette, was später noch genauer ausgeführt wird (vgl. Kapitel 8, Ausblick). Es steht zu erwarten, dass solche generationellen Einflüsse die angesprochenen Informalisierungstendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch verstärken werden, wie es sich im Wandel von Gruß- und Abschiedsformaten schon ankündigt.

4 Ausdrucksformen sprachlicher Höflichkeit im Deutschen
4.1 Höflichkeit und Sprache

Höflichkeit wird in vielen Fällen auch oder vor allem sprachlich realisiert. Man kann wortlos einer Dame die Tür aufhalten, sich wortlos vor jemandem verbeugen oder jemandem im Bus Platz machen und ihn oder sie dabei anlächeln. Das alles ist sicherlich höflich. In sehr vielen prototypischen Beispielen für Höflichkeit gehört aber eine sprachliche Äußerung dazu; eine Begrüßung wird normalerweise verbal vollzogen, ein Dank oder eine Entschuldigung sind ohne die Verwendung einer rituellen Formel oder eines performativen Verbs zumindest umständlich und vielleicht mehrdeutig.

Hier stellt sich die Frage, wie die Höflichkeit einer bestimmten Äußerung mit den von den SprecherInnen verwendeten Wörtern, PhrasemenPhrasem, grammatischen Strukturen, Satztypen, Betonungen oder sonstigen sprachlichen Mitteln zusammenhängt. Konkreter gefragt: Muss man, wenn man GesprächspartnerInnen höflich kritisieren möchte, eine Formel wie mit Verlaub verwenden? Muss man eine Bitte in einen Fragesatz verpacken, die höfliche Anrede wählen, den Konjunktiv verwenden oder Lexeme wie bitte, wenn man höflich sein möchte? Es ist keineswegs klar, ob diese und andere sprachlichen Strukturen einen notwendigen oder sogar hinreichenden Grund dafür darstellen, dass eine Äußerung als höflich angesehen werden kann.

So gut wie alle neueren Beiträge über Höflichkeit verweisen auf die Einsicht „[…] no linguistic structure can be taken to be inherently polite“ (WattsWatts 2003, 168); sie gehen davon aus, dass Höflichkeit nicht eine Eigenschaft von Wörtern und Sätzen, sondern von Ausdrücken und Äußerungen, also Wörtern und Sätzen im Kontext, ist. Ähnlich formulieren es KádárKádár/HaughHaugh: „[…] politeness does not reside in particular behaviours or linguistic forms, but rather in evaluations of behaviours and linguistic forms“ (Kádár/Haugh 2013, 57). Die Verwendung des Konjunktivs in einer Bitte (Könntest du mir die Zeitung vorlesen?) wäre damit weder notwendig noch hinreichend, um diese Sprechhandlung als höflich zu qualifizieren. Die Höflichkeit oder der Grad an Höflichkeit hängt vielmehr entscheidend davon ab, wer wo wann zu wem so etwas in welcher Umgebung sagt und wie die Äußerung von den AdressatInnen oder auch von BeobachterInnen bewertet wird.

Das ist einleuchtend, sollte aber nicht dazu führen, dass der sprachliche Aspekt unterschätzt wird. Die Annahme, dass die Höflichkeit einer Äußerung auch davon abhängt, ob bestimmte sprachliche (grammatische, lexikalische, phraseologische usw., aber auch phonetische/prosodische) Strukturen verwendet wurden, ist gut begründet. „Zum Ausdruck der Höflichkeit gibt es viele sprachliche und außersprachliche Formen“ (WeinrichWeinrich 1993, 102). Schon Kindern wird beigebracht, dass die Verwendung von Wörtern wie bitte oder danke in vielen Situationen einen entscheidenden Unterschied ausmacht. Es gibt im Deutschen wie in allen anderen Sprachen ganz offensichtlich sprachliche Formen, die auch oder vor allem die Funktion haben, eine Äußerung so zu konturieren, dass die AdressatInnen eine Botschaft auf der Beziehungsebene rezipieren, die dann dazu führen kann, dass sie die SprecherInnen oder zumindest deren Äußerungen als höflich klassifizieren.

Leech bringt diese Intuition in die Form einer Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Typen von Höflichkeit. In einer älteren Arbeit (Leech 1983) spricht er von absoluter versus relativer Höflichkeit, in einem späteren Werk (LeechLeech 2014, 15ff.) von pragmalinguistischer versus soziopragmatischer Höflichkeitsoziopragmatische Höflichkeit. Mit dem ersten Teil der Begriffspaare ist gemeint, dass manche Sätze auch ohne Kenntnis des Kontexts als höflich angesehen werden können: „Pragmalinguistic politeness is assessed on the basis of the meaning of the utterance out of context […]“ (Leech 2014, 16). In diesem Sinne kann eine Äußerung mehr oder weniger höflich sein, das Gegenteil von höflich wäre nicht-höflich. Vielen Dank wirkt in der Regel höflicher als Danke, die Abwesenheit jeglicher Dankesformel in Kontexten, in denen sie erwartbar wäre, betrachtet Leech als nicht-höflich. Der zweite Terminus der Begriffspaare bezieht sich dann auf die kontextsensitiven Formen von Höflichkeit, in denen die sprachliche Form nicht als wichtigste Erklärungsgrundlage für die Evaluation der Äußerung herangezogen werden kann: „[…] social judgements of politeness depend not just on the words used and their meanings but also on the context in which they are used […]“ (Leech 2014, 17). In diesem Sinne gibt es ein situationsangemessenes Ausmaß an Höflichkeit und – als Alternative – ein höheres oder ein zu niedriges Ausmaß. Wenn SprecherInnen höflicher sind als es in der Situation erforderlich ist, werden sie als höflich empfunden, tun sie weniger, dann sind sie nicht nicht-höflich, sondern unhöflich. Die Unterscheidung mag im Einzelnen schwer nachvollziehbar und diskussionswürdig sein – angefangen bei der Frage, ob es sinnvoll ist, von Äußerungen ohne Kontext zu sprechen. Wir übergehen hier solche Diskussionen und beschränken uns auf den Hinweis, dass bei so gut wie allen Äußerungen, die aus dem einen oder anderen Grund als höflich angesehen werden, die sprachliche Form eine gewisse Rolle spielt.

In diesem Kapitel werden wir der Frage nachgehen, wie der Grad an Höflichkeit einer Äußerung mit ihrer sprachlichen Realisierung zusammenhängt. Dabei beziehen wir uns vor allem auf das Deutsche. Nach einem Blick auf die Thematisierung von Höflichkeit in ausgewählten Grammatiken werden wir einige Phänomene näher betrachten, vor allem die pronominale Anredepronominale Anrede, den KonjunktivKonjunktiv PräteritumPräteritum als Höflichkeitsform, RoutineformelnRoutineformel und schließlich Höflichkeit als Stil. Diese kleinen Fallstudien repräsentieren auch die verschiedenen Ebenen der sprachlichen Formen: die morphosyntaktische, die lexikalische, die phraseologische Struktur von Sätzen bzw. Äußerungen sowie die pragmatische Ebene von Sprechhandlungen als kommunikative Einheiten. Die Einteilung dient auch dazu herauszufinden, auf welcher Ebene der sprachlichen Organisation Höflichkeit angesiedelt werden muss und ob und in welcher Hinsicht man davon ausgehen kann, dass Höflichkeit im Deutschen und in anderen Sprachen sprachlich enkodiert ist. Dabei können wir leider nicht auf die phonetische/prosodische Struktur von Äußerungen eingehen; wir können hier nur auf die Bedeutung dieser Ebene hinweisen.

Die zentrale Frage wird dabei immer sein, inwieweit das jeweilige Phänomen notwendig und/oder hinreichend ist, um eine Äußerung höflich zu machen, welchen Beitrag die „Höflichkeitsform“ für die Erklärung von Höflichkeit geben kann, ob Höflichkeit ein Bestandteil der Bedeutung von Wörtern, Mehrwortlexemen oder morphosyntaktischen Formen ist und wie man erklären kann, dass gerade diese Formen als höflich angesehen werden können. Mit anderen Worten: Wie ist der Zusammenhang zwischen dem Grad an Höflichkeit einer Äußerung auf der einen und der Form ihrer sprachlichen Realisierung auf der anderen Seite darstellbar?

4.2 Höflichkeit in Grammatiken des Deutschen
4.2.1 Thematisierungen von Höflichkeit

Höflichkeit ist kein genuin grammatisches Thema, steht aber doch in einem engen Zusammenhang mit sprachlichen, auch grammatischen, Strukturen. Die Grammatiken des Deutschen berücksichtigen dies in sehr unterschiedlicher Weise. Das kann man schon an der Häufigkeit der Verweise ablesen.

Wir haben einen kleinen Überblick auf der Grundlage einiger der am meisten rezipierten und wissenschaftlich fundiertesten Grammatiken erstellt. Dabei wäre natürlich zu beachten, dass jede Grammatik auf einem bestimmten wissenschaftlichen Ansatz aufbaut und teilweise auch eine spezielle Terminologie entwickelt. Wir können auf theoretische Unterschiede hier nicht eingehen und haben versucht, eine einheitliche Terminologie zu verwenden. Die folgende Tabelle zeigt, wie oft und in welchen Kapiteln Höflichkeit thematisiert wird. Sie beruht nur auf der Auswertung der Register und der Inhaltsverzeichnisse. Einige Nennungen wurden zusammengefasst – beispielsweise wird Höflichkeit in den Kapiteln verwendet, die verschiedenen Modalverben gewidmet sind; in der Tabelle fallen diese alle unter die Kategorie „ModalverbenModalverb“. Fälle, in denen Höflichkeit nur als Beispiel vorkommt, wurden nicht erfasst. Auf den ersten Blick ergibt sich ein Unterschied zwischen der Grammatik der deutschen Sprache (GdS, ZifonunZifonun et al. 1997) und allen anderen herangezogenen Texten: Die GdS enthält ein Kapitel, das mit „Sprecher-Hörer-Relation, personale Bezugnahme und Beziehungskonstitution“ überschrieben ist und jeweils ein Unterkapitel zu „Höflichkeit und Höflichkeitsformen“ bzw. „Selbstdarstellung, Partnerdarstellung, Beziehungskonstitution“ enthält. Höflichkeit wird hier vergleichsweise ausführlich diskutiert. In der Tabelle wird das zunächst nicht deutlich.


1 2 3 4 5 6 gesamt
pronominale Anrede + + + + + + 6
Konjunktiv Präteritum + - - + - + 3
Höflichkeitsformeln - - - + - + 2
Modalverben - - - + - + 2
Infinitiv - - - + - - 1
Possessivartikel - - - + - + 2
Rhematische Pronominalisierung - - - + - - 1
Superlativ - - - + - - 1
Präpositionen - - - + - - 1
Konjunktionen - - - + - - 1
Partikel - - - + - - 1
Satzarten - - - + + + 3
Imperativ - - - - + - 1
Gesamt 2 1 1 12 3 6

Abb. IV.1: Thematisierung von Höflichkeit in ausgewählten Grammatiken des Deutschen. 1. Dudengrammatik, 2. EisenbergEisenberg 2006b, 3. HentschelHentschel/WeydtWeydt 2013, 4. WeinrichWeinrich 1993, 5. HelbigHelbig/BuschaBuscha 2017, 6. Zifonun et al.Zifonun 1997

Die zur Höflichkeit mit Abstand ausführlichsten Grammatiken sind Weinrich (1993) und GdS. In allen anderen spielt das Thema nur eine marginale Rolle. Ein Schwerpunkt liegt dabei im Bereich der pronominalen Anrede und der Verwendung von PossessivartikelnPossessivartikel (dein Buch vs. Ihr Buch). Diese werden von allen Grammatiken mit Höflichkeit in Verbindung gebracht. Das zweite Phänomen, dessen Regularitäten häufig mit einem Verweis auf Höflichkeit erklärt wird, ist der Gebrauch des Konjunktivs Präteritum. Auf diese beiden Strukturen werden wir später etwas genauer eingehen. Die anderen Zeilen der Tabelle zeigen, dass viele AutorInnen von Grammatiken Höflichkeit als morphosyntaktisch nicht besonders relevantes Thema ansehen – es wird dann wohl eher dem Zuständigkeitsgebiet der Pragmatik zugewiesen. Dennoch scheint es nicht ganz abwegig zu sein, auch grammatische Phänomene mit Verweisen auf deren Beitrag zur höflichen Beziehungsarbeit zu analysieren. Wenn man sich entscheidet, das zu tun, dann können sehr unterschiedliche Themen und Bereiche der Grammatik einbezogen werden – von der Wortbildung über die PersonaldeixisPersonaldeixis (pronominale Anrede) und Konjunktionen bis hin zu Satzarten.

Die AutorInnen der GdS geben eine explizite Definition von Höflichkeit:

Höflich sind Formen sprachlichen Handelns, in denen Belange des Adressaten (Selbstbild, Bedürfnisse usw.) qua Ausdruckswahl in einer Weise berücksichtigt sind, die das Erreichen des Handlungszwecks besonders befördert. (Zifonun et al. 1997, 934)

Höflichkeit wird hier dargestellt als die sprachliche Realisierung der Rücksichtnahme auf den/die HörerIn. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass die AutorInnen davon ausgehen, dass man sich Höflichkeit nicht als Selbstzweck vorstellen sollte, sondern als Mittel, das einem Zweck dient: Wer höflich ist, erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass das eigentliche Ziel seiner Handlung (vielleicht jemanden von etwas überzeugen, einen Sachverhalt schildern etc.) erreicht wird. Sprachen beinhalten verschiedene, mehr oder weniger standardisierte Möglichkeiten, anderen zu signalisieren, dass man ihre Bedürfnisse, Interessen oder ihr Selbstbild respektiert. Einige dieser Möglichkeiten ergeben sich aus der obigen Tabelle. Die GdS führt dann eine Unterscheidung ein, die an diejenige von Leech erinnert, indem sie die Kontextabhängigkeit des Höflichkeitseffektes als Kriterium heranzieht:

Höflichkeitsformen im weiteren Sinne sind Ausdrucksformen, die nur im größeren situativen Rahmen in ihrer Funktion verstehbar sind. Höflichkeitsformen im engeren Sinne sind Ausdrucksformen, die relativ autonom, abgelöst von ihrer situativen Verwendung, in ihrer Funktion verstanden werden können. (Zifonun et al. 1997, 935)

Höflichkeitsformen im engeren Sinne sind sprachliche Strukturen, die als HöflichkeitsmarkerHöflichkeitsmarker standardisiert und quasi universell einsetzbar sind. Ein Beispiel wäre der Konjunktiv Präteritum einiger Modalverben oder die würde-Umschreibung bei anderen Verbtypen:

(1) Könnten Sie bitte diese Mail beantworten?

(2) Würden Sie das bitte dem Geschäftsführer sagen?

Die Verwendung solcher Formen führt in so gut wie jedem Kontext dazu, dass HörerInnen die SprecherInnen und ihre Äußerungen als höflich empfinden. Die Formulierung der GdS ist aus guten Gründen zurückhaltend, es wird von „relativ autonom“ gesprochen; die Verwendung dieser Verbform nähert sich dem Status einer hinreichenden Bedingung für Höflichkeit zumindest an. Bemerkenswert ist allerdings auch, dass in allen Beispielen gleich mehrere Höflichkeitsmarker verwendet werden: Neben dem Konjunktiv das Modalverb, der Satztyp (Fragesatz, um eine Aufforderung zu realisieren) und bitte. Welchen Anteil die jeweilige Form am höflichen Gesamteindruck hat, bleibt unklar.

Viele andere Beispiele aus der Tabelle sind weniger spezifisch, beispielsweise beim Gebrauch von Partikeln wie mal:

(3) Sag, was du vorhast.

(3‘) Sag mal, was du vorhast.

(3‘) ist demnach tendenziell etwas höflicher. Dabei wird sehr deutlich, dass – wie in vielen anderen Fällen – Höflichkeit nicht als Bestandteil der Bedeutung der jeweiligen Form beschrieben, sondern als eine Art sekundärer Effekt. Laut Weinrich (1993, 855) hat mal das semantische Merkmal „Unauffälligkeit“, ein Sachverhalt, der im Zusammenhang mit mal steht, verliert seine scharfen Konturen und nimmt eine vage Bedeutung an. Das wiederum ist dazu geeignet, einen Zusammenhang indirekt und damit höflicher anzusprechen. Höflich wäre demnach nicht direkt die Verwendung von mal, sondern die Signalisierung der Annahme unscharfer Konturen.

Ähnlich verhält es sich wohl mit der Negation eines Adjektivs mit dem Präfix -un. Im Gegensatz zum lexikalischen Antonym des Adjektivs schleift es die Konturen der Negation, nimmt der Verneinung die Schärfe und kann deswegen höflicher klingen. Mit einer doppelten Negation ist eine weitere Abschwächung möglich (vgl. dazu NeuhausNeuhaus 2016):

(4) eine kluge Bemerkung

(4‘) keine unkluge Bemerkung (oder eine nicht unkluge Bemerkung)

(4‘‘) eine unkluge Bemerkung

(4‘‘‘) eine dumme Bemerkung

Wenn man jemandem vorwirft, eine dumme Bemerkung gemacht zu haben, dann klingt das härter als die Version (4‘‘), auch wenn es streng genommen keinen Unterschied zwischen beiden gibt.

Der gleiche Effekt kann dadurch erzielt werden, dass Imperativsätze abgeschwächt werden, etwa durch die Verwendung von Infinitivformen, wie es in Kochrezepten üblich ist (vgl. Weinrich 1993, 281) oder dass sie ganz vermieden werden, indem Aufforderungen als Fragesatz formuliert werden.

Etwas anders verhält es sich mit dem Modalverb dürfen: „Man gibt mit dem Gebrauch dieses Modalverbs zu erkennen, dass man die Normen der Höflichkeit kennt und respektiert“ (Weinrich 1993, 303). Die Semantik von dürfen verweist auf Zwänge, Gebote oder Hindernisse:

(5) Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Ihre Hose schmutzig ist?

In diesem Beispiel bringt die sprechende Person zum Ausdruck, dass sie sich der Tatsache bewusst ist, dass es sich hier um einen unter Umständen unangebrachten, delikaten Übergriff in die Privatsphäre der hörenden Person handelt. S bittet H um Erlaubnis, das Gebot der Nichteinmischung unter diesen bestimmten Bedingungen verletzen zu dürfen und bestätigt gleichzeitig, dass er/sie das, was er/sie gerade tut, keineswegs für eine jederzeit problemlos realisierbare Handlung hält. Wie paradox das ist, kann man sich klarmachen, indem man sich eine negative Antwort vorstellt. Die sprechende Person tut etwas, wovon sie weiß, dass es unhöflich ist, signalisiert aber gleichzeitig, dass sie sich dessen bewusst ist. Insgesamt kann die Verwendung von Modalverben die kommunikativen Effekte mancher Äußerungen abmildern: „Das Modalverb macht z.B. aus Äußerungen, mit denen man Bitten realisieren kann, Äußerungen, mit denen man indirekte und somit konventionellerweise höfliche Bitten realisiert“ (TopszewskaTopszewska 2011, 107).

Neben der Abschwächung potentiell unangemessener Handlungen und der Betonung der Geltung von Höflichkeitsregeln wird als weiterer Effekt in diesem Zusammenhang der Ausdruck von Zuwendung angesprochen. Auch das bezeichnet Weinrich (2013, 505) als höflich. So weist er darauf hin, dass der Norm-Superlativ (beste Grüße, liebste Mutter) in der „Sprache der herzlichen und höflichen Zuwendung […] sehr gebräuchlich […]“ ist. Hier ist auch eine Entwicklung zum formelhaften Gebrauch deutlich zu erkennen. Wir befinden uns hier im Grenzbereich zwischen der Beschreibung der Verwendung grammatischer Formen und der Analyse idiomatischer Wendungen wie der Höflichkeitsformeln, auf die wir unten zurückkommen.

Der Blick in die Grammatiken (vor allem die von Weinrich) zeigt erst einmal, dass das Repertoire an Formen, die u.a. dazu verwendet werden, höflich zu sein, relativ groß und unspezifisch ist: Alle angesprochenen Strukturen haben eine einfachere „Grundbedeutung“ (z.B. Ausdruck von Möglichkeit, Unauffälligkeit, Negation usw.) und als mehr oder weniger standardisierte, institutionalisierte indirekte „Zusatzbedeutung“ den Ausdruck von Höflichkeit. Dabei ist nicht der Konjunktiv direkt höflich, sondern es ist höflich, etwas als Möglichkeit anzusprechen und das wird nun mal meistens durch den Konjunktiv ausgedrückt. Höflich ist es also nicht, eine Form zu verwenden, sondern Aussagen zu nuancieren, abzuschwächen, den PartnerInnen einen Entscheidungsspielraum einzuräumen, nicht aufdringlich zu sein oder Zuwendung zum Ausdruck zu bringen.

Es ist nicht immer klar, was zu den Höflichkeitsformen im engeren Sinne zu zählen ist und was nur im weiteren Sinne als Höflichkeitsform fungiert. Die Autoren der GdS sprechen daher auch von einem Kontinuum. Es reicht von Formen, die fast schon den Status einer hinreichenden Bedingung für die Realisierung von Höflichkeit haben bis hin zu solchen, die nur in speziellen Kontexten im Dienste der Höflichkeit stehen. Anders ausgedrückt: Es gibt verschiedene Grade der GrammatikalisierungGrammatikalisierung oder IdiomatisierungIdiomatisierung von Höflichkeit. Leech spricht hier von „pragmaticalizationpragmaticalization“ (vgl. dazu auch Watts 2003, 176ff.) und betont auch den diachronischen Aspekt des Zusammenhanges zwischen sprachlicher Form und Höflichkeitspotentialen:

Like grammaticalization, pragmaticalization is a process that takes place gradually over time, sometimes over centuries, sometimes over decades, leading to an expression’s idiomatization and eventual formal/phonetic reduction to a brief, often invariant or semi-invariant formula. (Leech 2014, 75)

Nach dieser Darstellung gibt es so etwas wie in Sprache geronnene Höflichkeit. Eine genauere Analyse solcher Strukturen ergibt also nicht nur einen Einblick in den Zusammenhang von sprachlicher Form und kommunikativer Funktion, sondern auch ein besseres Verständnis von Höflichkeit: Wenn man beschreiben kann, was genau und in welcher Weise grammatikalisiert, idiomatisiert oder pragmatikalisiert wurde, dann hat man zumindest eine tragfähige Hypothese über sprachlich und sprachwissenschaftlich relevante Eigenschaften von Höflichkeit.

Die Diskussion von konventionalisierten Formen sprachlicher Höflichkeit bietet einerseits ein theoretisches Potential und stellt andererseits eine empirische Herausforderung dar. Diese liegt in der Vielfalt und der Heterogenität des Untersuchungsgegenstandes. Schon die oben abgedruckte Tabelle zeigt deutlich, dass sehr unterschiedliche Phänomene auf den verschiedenen Ebenen der sprachlichen Organisation in den Blick genommen werden müssen. Auch Leech weist darauf hin: „The values of politeness are encoded linguistically mainly through the differing morphological, syntactic, and lexical resources of languages“ (Leech 2014, 105). Die Liste an Beispielen, die er hier anfügt, erinnert in weiten Teilen an die Tabelle oben: HonorifikaHonorifika, Modalverben, Personendeixis, Gebrauch (oder Nichtgebrauch) von Selbstbezeichnungen, DiminuitivDiminuitiv. Hier deutet sich darüber hinaus auch schon an, dass sich unterschiedliche Sprachen im Hinblick auf diese und andere Formen der Realisierung sprachlicher Höflichkeit stark unterscheiden können.

4.2.2 Pronominale Anredeformen

Die Thematisierung der pronominalen Anrede ist das einzige Kapitel, in dem in allen hier betrachteten Grammatiken auf Höflichkeit verwiesen wird. Das zeigt, dass es sich hier um einen der Bereiche handelt, in dem die Grammatikalisierung von Höflichkeit am weitesten fortgeschritten ist. Einige AutorInnen nehmen sogar an, dass die Grammatik neben Numerus, Tempus, Modus etc. für Verben auch eine Kategorie ‚RespektRespekt‘ vorsehen sollte und bringen dies mit dem Ausdruck von Höflichkeit in Verbindung (vgl. HaaseHaase 1994 und SimonSimon 2003). Höflichkeit ist hier in irgendeiner Form in die Sprache enkodiert, sprachliche Strukturen spiegeln soziale Strukturen und Ausdrucksbedürfnisse wider. Haase (1994, 14f.) führt aus, dass grammatische Strukturen in vielen Fällen am Ende einer Entwicklung stehen, die von der Ebene Text/Diskurs über Syntagmen (Phraseme, idiomatische Ausdrücke) bis hin zur Grammatik verläuft. Formen der pronominalen Anrede sind nach Haase als Strukturen zu verstehen, die im Übergangsbereich zwischen Lexikalisierung oder Idiomatisierung und Grammatikalisierung anzusiedeln sind – je nach Sprache mehr oder weniger weit grammatikalisiert:

Das Grammatikalisierungsmodell hat den Vorteil, keine scharfen Grenzen zwischen Grammatischem, Lexikalischem und Pragmatischem zu ziehen, vielmehr sind Übergänge zugelassen. Hinsichtlich höflicher und familiärer Bezugnahme kann ein Übergang zwischen grammatischem und lexikalischem Bereich festgestellt werden […]. (Haase 1994, 15)

Der Ursprung von sprachlichen Strukturen wie dem Anredesystem liegt also in der Besonderheit von Redekonstellationen, in Sprechsituationen oder Sprecherintentionen, die systematisch wiederkehren und sich daher in Form von lexikalischen, phraseologischen oder eben morphosyntaktischen Phänomenen niederschlagen. Im Falle der Anrede ist es unmittelbar einleuchtend, dass die Kommunikationsteilnehmer und ihr Verhältnis zueinander einerseits abgebildet werden:

Mit der Anrede charakterisieren Kommunikationsteilnehmer explizit das Verhältnis, in dem sie zueinander stehen. Dabei reflektieren gerade die Anredekonventionen als grammatikalisiertes pragmatisches Phänomen gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Veränderungen […] und werden daher häufig in ihrer Funktion als Indikator für soziale Verhältnisse, Wandelprozesse […] und auf ihre kulturelle Motiviertheit untersucht […]. (SchlundSchlund 2009, 59)

Andererseits konstituiert die Verwendung bestimmter Ausdrücke das Verhältnis der Interaktionsteilnehmer auch erst. Um es mit den Worten der GdS-AutorInnen zu sagen: „Kommunikatives Handeln ist immer auch Handeln in sozialen Beziehungsgeflechten. Diesen Beziehungen hat der sprachliche Ausdruck Rechnung zu tragen und gestaltet sie mit“ (Zifonun et al. 1997, 913). Anredepronomen gelten deshalb auch als Schnittstelle zwischen Pragmatik, Semantik und Syntax. Sie werden in der Pragmatik als personaldeiktische Ausdrücke beschrieben (vgl. z.B. EhrhardtEhrhardt/HeringerHeringer 2011, 21f. oder MeibauerMeibauer 2008, 13). Damit wird darauf verwiesen, dass Personalpronomen Funktionswörter sind, deren Bedeutung in einer Äußerung erst dann festgelegt werden kann, wenn der Kontext bekannt ist. Ein Beispiel:

(6) Ich bin Fußball-Weltmeister.

Der Wahrheitsgehalt des Satzes kann nur dann ermittelt werden, wenn man weiß, wer ihn ausgesprochen hat. Erst wenn diese Information, die nichts mit grammatischem Wissen zu tun hat, sondern nur in der betreffenden Sprechsituation ermittelt werden kann, gegeben ist, und man dann weiß, ob der/die SprecherIn berechtigt ist, so etwas zu behaupten, kann man sagen, ob das stimmt oder nicht. Entsprechendes gilt für die zweite Person:

(7) Du bist ein Idiot.

Auch hier kann man nur dann wissen, wer da so charakterisiert wird, wenn man die Gesprächssituation kennt und die angesprochene Person identifizieren kann. Grammatisches Wissen reicht nicht.

Die Personalpronomen konstituieren eine prototypische Sprechsituation, indem sie SprecherInnen, HörerInnen und Gegenstand der Unterhaltung (1., 2. und 3. Person) identifizieren, darstellen und von anderen möglichen Personen und Objekten abheben. Mithilfe der Personaldeixis wird das Sprechen sozial situiert, ohne SprecherInnen, AdressatInnen und Thema gäbe es keine Kommunikation. Die Anrede (wie auch der Selbstbezug des Sprechers oder der Sprecherin) ist also von fundamentaler Bedeutung für das Zustandekommen von Kommunikation.

Im Zusammenhang mit Überlegungen zur Höflichkeit geht es in erster Linie um die Auszeichnung der Angesprochenen, also um Ausdrücke, die deutlich machen, an wen die Botschaft gerichtet ist. Hier stehen SprecherInnen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Zunächst kann zwischen nominaler (Herr Müller, Frau Oberstudienrätin) und pronominaler Anrede (du, Sie) unterschieden werden. Die SprecherInnen haben die Wahl zwischen verschiedenen Optionen; ihre Wahl hat auch Auswirkungen auf die soziale Konturierung der Interaktion: Ein Gespräch, das mit Genosse Hoffmann begonnen wird, wird aller Wahrscheinlichkeit auf der Beziehungsebene anders verlaufen als eines, in dem der Sprecher seinen Partner mit Herr Dr. Hoffmann adressiert. Wir werden im Folgenden die nominalen Formen der Anrede nicht weiterverfolgen und uns vielmehr auf die pronominale Anredepronominale Anrede konzentrieren. Diese ist Gegenstand von vielen Arbeiten (z.B. KohzKohz 1982, BrownBrown/GilmanGilman 1960, BeschBesch 2000, Braun et al.Braun et al. 1986, SimonSimon 2003, KretzenbacherKretzenbacher 2010), deren Ergebnisse von den AutorInnen der Grammatiken mehr oder weniger explizit rezipiert wurden.

Die AutorInnen der GdS greifen den Unterschied zwischen nominaler und pronominaler Anrede auf und führen dann ihre Terminologie für Letztere ein:

Anredeformen gibt es viele […], aber es gibt im Deutschen nur zwei Anredemodi: den Du-Modus und den Sie-Modus. Die Hörer(gruppen)deixis du, ihr (samt den Flexionsformen) kennzeichnet (als ‚Balanceform‘) den Du-Modus, die nicht numerusdistinkte Hörerdeixis Sie (,Distanzform‘) den Sie-Modus. (Zifonun et al. 1997, 915)

Was hier „Du-Modus“ oder „BalanceformBalanceform“ genannt wird, heißt bei Weinrich (1993) „VertrautheitsformVertrautheitsform“; die „Distanzform (Sie-Modus)“Distanzform (Sie-Modus) nennt Weinrich ebenfalls „Distanzform“, viele andere Grammatiken (DudenDuden, EisenbergEisenberg, HentschelHentschel/WeydtWeydt, HelbigHelbig/BuschaBuscha) sprechen von der „HöflichkeitsformHöflichkeitsform“ und machen damit den Zusammenhang zwischen Anrede und Höflichkeit explizit. Die Tatsache, dass teilweise auch andere Termini verwendet werden, ist aber ein klarer Hinweis darauf, dass eine zu einfache Identifizierung von bestimmten Formen mit Höflichkeit nicht angemessen ist. Weinrich weist darauf hin, dass die Höflichkeit einer Äußerung nicht vorwiegend durch die Distanzform realisiert wird und dass die Bedeutung der Anrede mit Sie nicht vorwiegend darin liegt, Höflichkeit zu denotieren, sondern eher darin, eine soziale Distanz zwischen SprecherInnen und HörerInnen zum Ausdruck zu bringen und zu schaffen. Das erst wird unter Umständen als höflich empfunden: „Eine elementare Form der Höflichkeit, die auf Distanz beruht […], kann […] mit Pronomina zum Ausdruck gebracht werden, vorwiegend in der Hörerrolle“ (Weinrich 1993, 102).

Höflichkeit ist also eine Funktion der DistanzierungDistanzierung und kein unmittelbarer Effekt der Verwendung von Pronomen. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass es sich bei der „Höflichkeitsform“ grammatisch um die 3. Person Plural handelt, und: „Mit der 3. Person schafft man Distanz (man schaut dem Gegenüber quasi nicht in die Augen) […]“ (Dudengrammatik, 267). Man verwendet den Plural, obwohl nur eine Person angesprochen wird. Das wird von einigen Autoren als „sozusagen semantisch abweichend“ (Eisenberg 2006b, 173) bezeichnet. Neben der Schaffung von Distanz hat das auch einen weiteren Effekt: „[…] man schreibt seinem Gegenüber Größe und Bedeutsamkeit zu […]“ (Dudengrammatik, 267) und erweist ihm „Respekt“ (Hentschel/Weydt 2013, 216).

Die Regeln für die Verwendung der Anredeformen sind dementsprechend vage: Weinrich weist darauf hin, dass Sie verwendet wird, „wenn kein spezifisches Sozialverhältnis besteht, das Vertrautheit rechtfertigt“ (Weinrich 1993, 104). Beim Du wird es noch unübersichtlicher: Die Vertrautheitsform wird im Gebet gegenüber Gott verwendet, gegenüber Kindern, manchmal (in Unternehmen wie Ikea) innerhalb von Institutionen oder Organisationen („Genossen-DuGenossen-Du“), gegenüber Freunden, Verwandten, in der Internet-Kommunikation usw. (vgl. HeringerHeringer 2009, 68). Darüber hinaus gibt es noch interessante Mischformen wie das „Hamburger Sie“ (Vorname und Sie) oder das „Münchener Du“ (Familienname und Du). Kohz fasst die Funktionen der Anrede zusammen:

1. Anredeformen bezeichnen jemanden. 2. Sie machen den Bezeichneten automatisch zum Angeredeten. […] 3. Sie ermöglichen es dem Sprecher, zwischen sich und dem Anzuredenden eine Relation herzustellen und für beide bestimmte Rollenzuweisungen vorzunehmen. (Kohz 1982, 21)

Die Aufzählung macht deutlich, dass alles, was mit Höflichkeit zu tun hat, nicht die einzige und auch nicht die wichtigste Funktion der Verwendung von Anredepronomen darstellt. Nur die dritte Funktion in dieser Aufzählung ist relevant, wenn gefragt wird, welchen Beitrag die Verwendung von bestimmten Anredeformen zur Einschätzung des Höflichkeitsgrades einer Äußerung leistet. Durch die Wahl des Pronomens bringen die SprecherInnen u.a. zum Ausdruck, wie sie das Verhältnis zu HörerInnen sehen oder gestalten möchten – oder, besser gesagt, einige Aspekte dieses Verhältnisses, denn natürlich kann die Komplexität sozialer Beziehungen nicht auf eine Wahl zwischen zwei Anredepronomen reduziert werden.

Darüber hinaus spiegelt die Regelhaftigkeit des Gebrauchs natürlich auch gesellschaftliche Strukturen wider, etwa in (sprach- und kulturspezifischen) Präferenzen und Regularitäten für die symmetrische vs. asymmetrische Verwendung der Anredeformen (vgl. LügerLüger 1992, 70ff.). Als asymmetrisch werden Situationen beschrieben, in denen eine Person die andere duzt, von dieser aber erwarten kann, dass sie mit Sie antwortet. Die GdS präzisiert noch weiter und spricht von vollreziprok, teilreziprok und nicht-reziprok: Vollreziprok heißt, dass alle Beteiligten die gleichen Anredepronomen verwenden. Von teilreziprok wird gesprochen, wenn teilweise identische Formen verwendet werden, etwa in Familien; hier ist es im deutschsprachigen Raum normal, dass Eltern und Kinder sich duzen, darüber hinaus die Eltern die Kinder mit Vornamen anreden, die Kinder aber den Vornamen der Eltern vermeiden – sie sagen Mama oder Papa. Nicht-reziprok wären die Anredekonventionen zwischen LehrerInnen und SchülerInnen unter ca. 15/16 Jahren: Die LehrerInnen duzen, die SchülerInnen sagen Sie. Auch hier ist die Realität natürlich wesentlich komplexer als die sprachsystematisch vorgesehenen Möglichkeiten des Ausdrucks.

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