Kitabı oku: «Der Biophilia-Effekt»

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Hinweis: Da Sachbücher ein besonders hohes Maß an Übersichtlichkeit und Lesbarkeit beanspruchen, wurde beim Verfassen des vorliegenden Buches weitgehend auf geschlechtsneutrale Formulierungen verzichtet. Sofern es aus dem Kontext nicht anders hervorgeht, sind stets Frauen sowie Männer gleichermaßen gemeint und angesprochen. (Der Autor)

Clemens G. Arvay: Der Biophilia-Effekt

Alle Rechte vorbehalten

© 2015 edition a, Wien

www.edition-a.at

Lektorat: Sebastian Maurer

Cover: Kyungmi Park

Gestaltung: Hidsch

Gesetzt in der Quiroga Serif Std

Gedruckt in Europa

1 2 3 4 5 — 18 17 16 15

Print-ISBN: 978-3-99001-113-3

eBook-ISBN 978-3-99001-134-8

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

INHALT

VORWORT VON RUEDIGER DAHLKE

DER BIOPHILIA-EFFEKT

»Wir haben Wurzeln und die sind definitiv nicht in Beton gewachsen«

WAS HILDEGARD VON BINGEN NICHT WISSEN KONNTE

Wie Pflanzen mit unserem Immunsystem kommunizieren und uns dadurch gesund erhalten

Blattgeflüster – Können Pflanzen überhaupt kommunizieren?

Pflanze an Immunsystem: »Mehr Killerzellen und Anti-Krebs-Geschütze«

Praxistipps: So stärken Sie Ihr Immunsystem im Wald

Der Joker: Fantasie trifft Waldatmosphäre

DIE NATUR UND DAS MENSCHLICHE UNBEWUSSTE

Wie Pflanzen und Landschaften mit unserem »Unterbewusstsein« kommunizieren, unseren Stress abbauen und unsere Konzentration fördern

Neuronale Spuren der Menschheitsgeschichte

Von archaischen Gehirnstrukturen

Der Evolutions-Joker: Stressabbau im Reptiliengehirn

Der Savannen-Effekt

Der Wald als Seelenraum

Ganzheitliche Entspannung im Schoß der Natur

Naturfaszination – das Gehirn in einen neuen Modus schalten

Naturmeditation – Konzentration und Aufmerksamkeit

DIE NATUR ALS ÄRZTIN UND PSYCHOTHERAPEUTIN

Über die Wiederentdeckung der Heilkräfte der Natur

Ökopsychosomatik

Wälder helfen gegen Diabetes

Wie die Natur Schmerzen lindert und uns schneller genesen lässt

Was Stressreduktion durch Naturerfahrung alles kann

Bäume, Herz, Blutdruck: Die Natur als Kardiologin

Die Lektionen der Wildnis – über die therapeutische Natur

Die Natur als Auszeit von der Gesellschaft – Heilung durch »Weg-Sein«

Als mir die Berge und der Mond eine Lektion erteilten

Mit anderen Menschen die heilsame Wildnis erleben

Der Sex und die Erde: Die Natur als Sexualtherapeutin

Die »grüne Couch«

Spontanheilung an einem Fluss

Der Biophilia-Effekt in den eigenen vier Wänden

DEIN GARTEN – DEIN HEILER

Von der heilenden Kraft der Gärten

Gärten: Quellen der Inspiration, Freude und Gesundheit

Karriere gegen Garten: Wie eine Frau ihr Leben veränderte

Mensch und Gartenpflanze – Eine Jahrtausende alte Beziehung

Der Garten als Lebens- und Spielplatz für Kinder

Methusalems Oase: Ein Garten für die Alten

Der Anti-Krebs-Garten – ein heilender Wald für zuhause!

Der Garten als Brücke in eine andere Welt – Sterben im Garten

»DANKE«

VORWORT VON RUEDIGER DAHLKE
Bio-Philia!

Selten habe ich beim Lesen so viel gestaunt, gelernt und Freude empfunden wie bei diesem wundervollen Buch. Ganz vieles in meinem Leben hat Clemens Arvay unerwartet wissenschaftlich abgesichert. Ich habe früher oft draußen im Wald oder wenigstens auf der Terrasse geschlafen und den Großteil meiner Bücher im Freien, inmitten von grünen Pflanzen, geschrieben und lasse immer wieder in Gedankenpausen den Blick ins »Grüne« schweifen. Auf Bali liebe ich mein Wohnzimmer, den Garten, das mit himmlischen tropischen Pflanzen gemütlich und ganz in Grün eingerichtet ist. TamanGa, unser Zentrum in der Südsteiermark in Österreich, heißt, aus dem Indonesischen übersetzt, »Garten Ga(mlitz)«. Gärtner war mein erster Berufswunsch und schon immer hatte ich das Gefühl, dass pflanzliches Grün heilen kann. Ich spürte es, schmecke es in Form von grünen Smoothies und jetzt ist es auch noch wissenschaftlich belegt. Das freut mich zutiefst und ich danke Clemens Arvay dafür, dass er diese vielen im wahrsten Sinne des Wortes wundervollen Wirkungen von Grün als Biologe so kompetent und neben der wissenschaftlichen Achtsamkeit auch mit so viel Gefühl gesammelt und vor uns Lesern ausgebreitet hat.

Als 1984 die Welt nicht unterging, sondern in Science, der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift, eine Studie von Professor Roger Ulrich erschien, spürte ich als 33-jähriger junger Arzt intuitiv wie recht Ulrich hatte und wie falsch unsere Kliniken waren. Ulrich belegte, wie allein der Ausblick aus dem Fenster des Krankenzimmers hinaus ins Grüne, auf Bäume, die Heilung nach Operationen deutlich beschleunigte. Die Studie genügte wissenschaftlichen Ansprüchen, ihr Ergebnis war signifikant. Und Ulrich forschte weiter. Patienten der »Baum-Gruppe« benötigten nach dem chirurgischen Eingriff deutlich weniger Schmerzmittel, und wenn, dann schwächere und die Wirkung war nachhaltig, denn postoperative Komplikationen blieben ebenfalls geringer.

Selbst Zimmerpflanzen verbessern die Heilung nach Operationen und verringern die Notwendigkeit von Schmerzmitteln. Aber in unseren Kliniken sind sie natürlich, aus hygienischen Gründen, verboten! Professor Ulrich belegte weiter, wie selbst Naturfilme und Naturbilder förderlich auf Kranke wirken und Schmerzen lindern.

Ähnliche Beobachtungen machte Klinikpersonal weltweit und besonders deutlich in geriatrischen Kliniken. Wenn alte Patienten Gärten besuchen können, brauchen sie weniger Schmerzmittel und Antidepressiva. Und trotzdem blieb, mit absurden Argumenten, in unseren kranken Krankenhäusern alles beim Alten.

Aber dass es inzwischen, wie vom Autor dieses Buches wunderbar dargestellt, sogar Waldmediziner wie Professor Qing Li gibt, das macht Hoffnung. Ich fürchtete, die Arbeiten von Ulrich seien mal wieder in unserer fast nur auf die Gewinn-Maximierung von Big-Pharma ausgerichteten Schulmedizin ohne Konsequenzen verhallt. Professor Li konnte bei Patienten mittels Urinproben belegen, wie Waldatmosphäre die Stresshormone Cortisol und Adrenalin nachhaltig senkte. Ein Tag im Wald reduzierte bei Männern das Adrenalin um fast 30 Prozent und am zweiten Tag im Wald sogar um 35 Prozent. Bei Frauen sank das Adrenalin am ersten Tag um mehr als 50 Prozent und am zweiten Tag um mehr als 75 Prozent im Vergleich zum Ausgangswert. Welche Psychopharmaka schaffen das? Ein Stadtbummel bewirkte im Vergleich nichts Positives.

Obendrein wurde inzwischen nachgewiesen, dass die Waldatmosphäre den Vagus aktiviert, den Nerv der Ruhe und Regeneration. Für Entspannung und die Wiederherstellung unserer körperlichen und geistigen Reserven zuständig, repräsentiert er den archetypisch weiblichen Pol unseres vegetativen Nervensystems.

Japanische Wissenschaftler, die die dortige Tradition des Waldbadens Shinrin-yoku untersuchen, gehen davon aus, dass die stresslösende Wirkung des Waldes im Hinblick auf Eingeweidenervensystem und Stresshormone sowohl über die Seele als auch durch sogenannte Terpene geschieht, die den Pflanzen als Kommunikationsmittel dienen.

Kommunikation unter und mit Pflanzen hatte ich bisher zwar für möglich gehalten, aber doch nur im spirituellen Sinn. Erzählte unser Gärtner in TamanGa, Paul Brenner, schon vor Jahren, wie er und seine Frau Gerti, bewusst mit den Pflanzenwesen kommunizieren und er davon ausgehe, dass die angebauten Pflanzen auch wüssten, was sie beide speziell bräuchten, glaubte ich ihm. Insofern wäre Gartenarbeit und eine gute Beziehung zu Obst- und Gemüsepflanzen ein sehr grundlegender Schritt zu gesunder pflanzlichvollwertiger Kost. Und auch wenn ich sah, wie die Arbeit mit den Pflanzen im TamanGa-Garten ihnen offensichtlich Freude macht und sie bei guter Gesundheit hielt, blieb der wissenschaftliche Teil des Arztes in mir doch skeptisch wach.

Das war selbst im Findhorn-Garden in Schottland so, obwohl ich dort sogar sehen konnte, wie die Pflanzen aufgrund der Kommunikation mit den Devas, das sind die »Pflanzengeister«, zu ungewöhnlich großen und schönen Früchten führte, obendrein auf einem erbärmlich ungeeigneten Sandboden.

Als ich einen Cuandero, einen peruanischen Schamanen, fragte, woher er denn wisse, dass er zu dem psychotrop wirkenden Alkaloid Chacruna einen Monoaminooxidase-Hemmer (Mao-Hemmer) namens Ayahuasca beimischen müsse, um die Zerstörung von ersterem im Magen zu verhindern, sagte er ganz spontan und entwaffnend, na er habe die Pflanzen gefragt. Aha! Als er mich später in den Urwald schickte, damit ich mir die heiligen Pflanzen für meine Reise holte, versicherte er mir, sie würden mich rufen. Aber sie sprachen nicht zu mir, wie ich schon befürchtet hatte.

Seit diesem Buch über den Biophilia-Effekt aber weiß ich nun wenigstens, wie Pflanzen nachweislich über Pheromone, also Duftstoffe, und durch ein für Menschen unhörbares Knacken ihrer Wurzeln kommunizieren und ein Wald ein einziges zusammenhängendes, ständig kommunizierendes Lebewesen ist. Oft denke ich rückwirkend im Hinblick auf die Erfahrung im Urwald: Welche intelligente Pflanze spricht schon zu Medizinern mit wissenschaftlichem Anspruch?

Dass Lebewesen an sich heilend wirken können, ist natürlich längst bekannt. Schon Paracelsus ging davon aus, dass der Mensch und seine Liebe die wichtigsten Arzneien für den Menschen seien. Wie Tiere heilen können, hatte ich schon selbst erlebt, etwa mit unserer Therapie-Katze Lola, die bei uns im Wartezimmer »arbeitete« und zielsicher auf erkrankten Regionen der Patienten Platz nahm, um dort laut zu schnurren. Der US-Amerikaner Professor James Lynch hat auch längst wissenschaftlich belegt, dass Hunde ein ideales Therapeutikum für Hochdruckpatienten sind.

Dass unser kommunizierendes Lebewesen »Wald« das ebenfalls kann, wissen wir jetzt von koreanischen und japanischen Wissenschaftlern, die belegten, dass Waldwanderungen und überhaupt Natur-Erlebnisse erhöhten Blutdruck senken und die Herzfrequenz beruhigen. Stadterfahrungen brachten dagegen eher einen Anstieg des Blutdrucks. Dieses Buch liefert die Erklärungen dazu.

Und die Reihe der wissenschaftlich belegten Wunder geht weiter. Die heilende Wirkung der Grünkraft, von der Hildegard von Bingen schon schwärmte, tritt nun ins Licht moderner Forschung. Waldaufenthalte stärken nachweislich unser Immunsystem, ablesbar an der Erhöhung sogenannter Killerzellen, und die werden im Wald auch gleich noch aktiver.

Dass Pflanzen heilen, weiß die Naturheilkunde schon ewig, dass pflanzlich-vollwertige Kost so viele, auch schwerste Krankheitsbilder wie Krebs und Herzprobleme bessern und manchmal sogar heilen kann, erleben wir seit sechs Jahren mit Peace-Food. Aber dass sie auch einfach so, ohne dass wir sie uns einverleiben, heilen, habe ich erst bei Clemens Arvay begeistert gelesen. Natürlich hat die Aromatherapie es schon angedeutet.

Arvay belegt diese heilende biologische Kommunikation auf verschiedenen Ebenen wie der des Unbewussten, aber auch des Immunsystems. Pflanzen verständigen sich mit uns über Moleküle.

Einmal habe ich das sogar miterlebt, ohne es zu verstehen. Unsere Weihnachtsbäume habe ich jeweils kurz vor dem Fest aus- und danach wieder eingegraben. Einmal nahm ich einen mit zwei Stämmen, den sonst niemand wollte. Anschließend in unserem Garten eingepflanzt, erlebte ich staunend, wie nach einem Jahr der eine bis dato gleichgroße Stamm seitlich abbog und zu einem Ast wurde. Die Frage, was den Zellen zwei Meter über der Gabelung sagte, dass eine anständige Fichte nur einen Stamm habe und sie lieber seitwärts abbiegen und zu einem Ast werden solle, ließ mich nie mehr ganz los. Morphogenetische Felder hin oder her, aber Pflanzen konnten ja nach meiner damaligen Vorstellung nicht sehen. Jetzt weiß ich, sie können immerhin riechen und das ganz ohne Nase auf ihre eigene Art. So melden Pflanzen einander den Anmarsch von Feinden und überdies die Art der Angreifer und produzieren daraufhin passende Abwehrstoffe. Sie rufen sogar Tiere herbei, die ihnen helfen und die Angreifer fressen können, wie wir in diesem Buch erfahren.

Clemens Arvays Buch ist eine wahre Fundgrube für die erstaunlichsten Geheimnisse. Die Leser erleben Waldtherapie und erfahren, dass Baumkronen Sendestationen sind, dass Waldluft »Anti-Krebs-Terpene« mit anti-kanzerogener und immunstärkender Wirkung enthält und ihr Einatmen wie ein Heiltrunk wirkt. Bereits ein einziger Tag in einem Waldgebiet steigert die Zahl unserer natürlichen Killerzellen im Blut durchschnittlich um fast vierzig Prozent, liest der Arzt verblüfft, denn welche Therapie kann das sonst? Wer zwei Tage hintereinander in einem Wald verbringt, kann die Anzahl seiner natürlichen Killerzellen um mehr als fünfzig Prozent steigern. Wer nur einen Tag in einem Wald verbringt, hat für sieben Tage mehr natürliche Killerzellen im Blut als sonst. Nach einem kleinen »Waldurlaub« von zwei bis drei Tagen bleibt die Anzahl natürlicher Killerzellen sogar noch dreißig Tage erhöht. Wenn ich bedenke, was Killerzellen alles können und dass die Waldtherapie nicht nur ihre Zahl, sondern auch ihre Leistung um mehr als fünfzig Prozent erhöht: nicht auszudenken! Durch diese Stärkung aus dem Wald können Killerzellen mehr Viren aus unserem Organismus entfernen, die Entstehung von Krebs effizienter verhindern und Tumore bekämpfen, die schon entstanden sind. Da fällt mir nur noch der Ausdruck »Zauberwald« ein, und ich bin besonders froh, in meinem kleinen Tropenwald zu sitzen, während ich dies schreibe.

Waldluft ist also, wissenschaftlich bewiesen, ein wundervolles Arzneimittel und das natürlichste, das wir kennen. Da verwundert es schon nicht mehr, wenn die japanischen Waldforscher belegen, dass in bewaldeten Gebieten weniger Menschen an Krebs sterben als in Regionen ohne Wald.

Arvays Buch zeichnet auch schön nach, wie unsere Psyche mit unserem Immunsystem eng verwoben ist und dieses beeinflussen kann, was längst wissenschaftlich belegt ist. Mit den Auswirkungen unserer Fantasie und der Seelen-Bilder-Welten auf das Immunsystem arbeiten wir in der Schatten-Psychotherapie seit langem, aber wir sollten sie in Zukunft in den Wald verlegen und Mutter Natur als Psychotherapeutin anerkennen.

Der Autor zeigt noch eine Fülle anderer wundervoller Chancen auf, die uns Pflanzen und Naturlandschaften bieten und die den Rahmen eines Vorwortes bei weitem sprengen. So ist hier auch ein schönes Eigen- und Natur-Therapie-Buch mit vielen wertvollen Tipps und Übungen entstanden. Es hat mich noch rückwirkend berührt, das Heilkunde-Zentrum in Johanniskirchen im Rottal, der waldreichsten Region Deutschlands und TamanGa, in der einzigartigen Mischung aus Natur- und Kulturlandschaft in der steirischen Toskana, gebaut zu haben. Dieses Buch hat meine Lust auf ein Baumhaus noch gesteigert.

Dieses Buch sollte die Medizin revolutionieren, wie ich das schon von Peace-Food hoffte. Dem steht aber die Macht der Konzerne entgegen, die Medizin, Politik und Medien sicher im Griff haben. Doch Peace-Food hat trotzdem über seine ungezählten Leser die Menschen erreicht und die bauen ihr eigenes Feld. Es braucht eben keine Medizinprofessoren, um sich gesund zu essen, nur gesundes pflanzlich-vollwertiges Essen. Und es braucht auch keine Primare, die Waldluft-Terpene anordnen, es reichen Waldspaziergänge in Eigenregie. Persönlich bin ich mir ganz sicher: So wenig wie es um die einzelnen (patentierbaren und deswegen für die Pharmaindustrie interessanten) Alkaloide in den Pflanzen geht, sondern immer um die ganze Pflanze, so steckt in der Waldluft noch so viel mehr als die gefundenen Terpene. Bei der gerade abgeschlossenen Arbeit an »Geheimnis der Lebensenergie« war eine der Quintessenzen die Bestätigung, dass das Ganze immer mehr als die Summe seiner Teile ist. Die Lebensenergie des Waldes wird es sein, die uns so stärkt. Irgendwann werden wir auch messen können, dass der Aufenthalt in der Wildnis, in einem natürlichen Wald, noch gesünder ist als der in einem Fichtenacker.

Und irgendwann werden wir wieder erkennen, dass Mutter Natur es schon recht macht und wir nur wieder auf sie hören und sie aufsuchen müssen. Und das Schönste: Sie ist immer für uns da, kostet nichts und beschenkt uns so reichlich. Sie ist die beste Ärztin, über alle Maßen klug, ganzheitlich orientiert sowie wunderschön und zu allem auch zu Wundern fähig.

Ich wünsche diesem Buch so viel Erfolg wie es Bäume in den Wäldern und andere fühlende Wesen auf der Erde gibt!

Ruediger Dahlke, TamanGa, im März 2015

www.dahlke.at

Dr. med. Ruediger Dahlke

arbeitet seit 38 Jahren als Arzt, Seminarleiter und Trainer.

Er ist Autor zahlreicher Bestseller zu Gesundheitsthemen und unter anderem Begründer einer ganzheitlichen Psychosomatik.


DER BIOPHILIA-EFFEKT
»Wir haben Wurzeln und die sind definitiv nicht in Beton gewachsen«

»Ich nenne diesen Baum meinen ›Begabungsbaum‹«, sagte Michael Jackson. »Denn der Baum inspiriert mich«. Der King of Pop führte einen Reporter des britischen TV-Senders ITV2 durch sein Anwesen. Michael Jackson fuhr fort: »Ich liebe es generell, auf Bäume zu klettern, aber diesen Baum liebe ich besonders. Ich klettere hoch hinauf und schaue auf seine Äste herab, denn ich liebe diesen Anblick! Das schenkt mir so viele Ideen. Ich habe viele meiner Lieder in diesem Baum geschrieben. Heal the World ist in diesem Baum entstanden, Will You be there, Black or White, Childhood und viele andere.« Der King of Pop strahlte, als er das sagte.

Der Reporter blickte skeptisch den mächtigen, hohen Baum hinauf. Er fragte ungläubig: »Sagen Sie ernsthaft, dass Sie auf diesen Baum klettern?«

Michael Jackson deutete in die Baumkrone und sagte: »Die Äste haben verschiedene Funktionen. Dieser waagrechte, starke Ast dort ist wie eine Art Bett.« Dann lief Jackson los und kletterte lachend und leichtfüßig wie ein Kind auf den Baum. Ganz oben nahm er Platz, blickte über den grünen Park und auf die mächtigen Äste herab. Er wurde ganz nachdenklich1.

Dieser uralte Baum mit seiner rauen Borke war also die Inspiration für einige der bekanntesten musikalischen Evergreens unserer Zeit. Die Natur zog Michael Jackson in seinen Bann, beflügelte ihn, und etwas in ihm sehnte sich nach dem Kontakt zu Bäumen.

Andreas Danzer, Musiker, Journalist und Sohn des bekannten Austro-Rockers Georg Danzer, kennt die inspirierende Kraft der Natur ebenfalls aus eigener Erfahrung. Aus seiner Kindheit in Spanien ist ihm ein Ort an der Küste in Erinnerung, an dem er oft Zuflucht suchte. Von einem Felsen am Meer konnte er über das Wasser und bis an das marokkanische Festland sehen. »Ich setzte mich dort hin, wenn ich Beruhigung brauchte oder in die Krise geraten war. Die riesige Felswand ragte hinunter bis zum Meer.« Noch heute ruft Andreas den Ort aus seiner Kindheit in seiner Erinnerung wach, »so wie andere bei Stress einmal tief durchatmen oder bis zehn zählen«. Er kann sich an jedes Detail des Felsens erinnern. Es hilft jedes Mal.

Als Andreas Danzer 2011 krank wurde, kam er in den Genuss der heilenden Kräfte der Natur. Er lag wegen Lungentuberkulose ein halbes Jahr im Krankenhaus. Anfangs durfte er sein Krankenzimmer nicht verlassen und konnte das auch nicht, weil er körperlich zu schwach dazu war. Doch bald begann er, jeden Tag in ein nahegelegenes Naturgebiet zu gehen. Die Ärzte erlaubten es ihm. Er nahm jedes Mal auf dem selben alten Baumstumpf am Waldrand Platz. »Da war immer eine Hirschfamilie«, sagte er. »Sie blieben zuerst in sicherer Distanz zu mir, doch nach etwa ein oder zwei Wochen hatten sie meine Anwesenheit akzeptiert und kamen ganz nah. Ich saß mitten unter ihnen und fühlte mich wie Dian Fossey in Gorillas im Nebel‹.«

Andreas bemerkte, dass seine psychische Niedergeschlagenheit, die von der Krankheit kam, mit jedem Besuch im Wald und bei der Hirschfamilie abnahm. »Ich schöpfte wieder Hoffnung und meine Kräfte, um die Erkrankung zu überstehen, nahmen zu. Meine Faszination für die Tiere und den Wald lenkten mich von meinen körperlichen Symptomen ab. Die frische Luft tat meiner Lunge gut und die Bewegung half mir, nach der Zeit im Krankenbett wieder Muskeln aufzubauen. Durch das Schwitzen, wenn ich den Berg hinauf zu meinem Platz ging, schied ich die Giftstoffe der Medikamente aus und die Nebenwirkungen nahmen ab. Ich baute meine körperlichen und geistigen Kräfte auf und es entstand eine Beziehung zwischen mir und der Hirschfamilie.«

Andreas Danzer nahm sich als Teil der Natur und Teil des großen Kreislaufs des Lebens wahr. Er ist sich sicher: »Jeder Mensch verspürt tief im Inneren den Drang nach der Nähe zur Natur. Wir haben Wurzeln und die sind definitiv nicht in Beton gewachsen.«

Diese Sehnsucht des Menschen nach der Natur nannte Erich Fromm, der Psychotherapeut und Philosoph, der von 1900 bis 1980 lebte, »Biophilia«. Das ist die Liebe der Menschen zur Natur, zum Lebendigen. Der Begriff »Biophilia« stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich übersetzt »Liebe zum Leben«.

Nach Erich Fromms Tod nahm der US-amerikanische Evolutionsbiologe Edward O. Wilson, ein Universitätsprofessor in Harvard, den Begriff auf und stellte die Biophilia-Hypothese auf. Wilson sprach von dem »menschlichen Bedürfnis, sich mit anderen Lebewesen zu verbinden«. Es geht also um unsere Verbindung mit der Natur. Sie ist das Resultat eines Jahrmillionen langen Evolutionsprozesses. Der Mensch kommt aus der Natur, entwickelte sich in ihr und im Wechselspiel mit ihr. Er ist daher als Teil der Natur zu betrachten, so wie alle anderen Lebensformen. Es wirkt dieselbe Lebenskraft in uns, die auch in Tieren und Pflanzen wirkt. Wir sind Teil des Netzes des Lebens, des »Web ob Life«, wie es Edward O. Wilson ausdrückte.

Der Biophilia-Effekt tritt ein, wenn wir uns mit unseren Wurzeln verbinden, und die sind nicht in Beton gewachsen, wie es Andreas Danzer so treffend auf den Punkt brachte. Der Biophilia- Effekt bedeutet Naturerfahrung und Wildnis, bedeutet natürliche Schönheit und Ästhetik, Entfesselung und Heilung. Darum geht es in diesem Buch.


WAS HILDEGARD VON BINGEN NICHT WISSEN KONNTE
Wie Pflanzen mit unserem Immunsystem kommunizieren und uns dadurch gesund erhalten

»Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese ist grün.«

– Hildegard von Bingen, 1098 bis 11792

Im zwölften Jahrhundert schrieb die Benediktinerin und Gelehrte Hildegard von Bingen ihre Erkenntnisse über die Heilwirkungen der Wildpflanzen nieder. Noch 900 Jahre später ist ihr Name für viele Menschen eng mit der Kräuterheilkunde verwoben. Die Kraft, die in den Pflanzen und in allen anderen Lebewesen wirkt, nannte sie »Grünkraft«. Hildegard von Bingen wusste, ebenso wie die Bauern des Mittelalters, von denen sie einen großen Teil ihres Wissens vermittelt bekam, vom heilenden Band zwischen Mensch und Natur. Heute entdeckt die Wissenschaft atemberaubende Details und Tatsachen, die sich Hildegard damals selbst in ihren kühnsten Nächten vermutlich nicht erträumt hätte. Die Pflanzen, die es ihr so sehr angetan hatten, wirken nicht nur über ihre Inhaltsstoffe auf uns ein. Was Hildegard von Bingen vermutlich schon ahnte, wird heute durch die moderne Forschung durchleuchtet und aus dem Reich des Mysteriösen auf eine solide wissenschaftliche Basis gestellt.


»Pflanzen kommunizieren direkt mit unserem Immunsystem und unserem Unbewussten, ohne dass wir sie auch nur berühren müssten, geschweige denn schlucken. Diese faszinierende Interaktion zwischen Mensch und Pflanze, welche die Wissenschaft erst allmählich zu verstehen beginnt, ist von großer Bedeutung für Medizin und Psychotherapie. Sie hält uns körperlich sowie psychisch gesund und beugt Krankheiten vor. In Zukunft muss die Begegnung mit Pflanzen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von körperlichen Erkrankungen und psychischen Störungen spielen. Es darf keine Klinik ohne Garten oder Zugang zu Wiesen und Wäldern mehr geben, keine Siedlung ohne Naturflächen und keine Stadt ohne Wildnis.«


Pflanzen heilen uns, ohne dass wir sie zu Tees, Salben, Essenzen, Extrakten, Ölen, Düften oder auch zu Tropfen und Tabletten verarbeiten müssen. Sie heilen uns durch biologische Kommunikation, die unser Immunsystem und unser Unbewusstes verstehen. Diese Vorstellung wäre der guten Hildegard vermutlich zu weit gegangen. Aber Hildegard hatte uns gegenüber einen entscheidenden Nachteil: Sie lebte noch nicht im Zeitalter der Neurowissenschaften, der Molekularbiologie und der Immunologie.

In diesem Kapitel steht die Kommunikation der Pflanzen an unser Immunsystem im Vordergrund. Unser Unbewusstes wird in diesem Buch ein wenig später zum Zug kommen.

Blattgeflüster – Können Pflanzen überhaupt kommunizieren?

»Pflanzen bilden Allianzen und kommunizieren untereinander.«

– Florianne Koechlin, Biologin und Wissenschaftsjournalistin3

Als ich begann, an diesem Buch zu schreiben, veröffentlichte ich die Zeilen und Absätze, die Sie soeben gelesen haben, auf Facebook. Ich wollte ihre Wirkung auf die Leser testen. Neben Interesse und Neugierde wurde mir auch Skepsis entgegengebracht. Ein Benutzer namens Hanspeter, der meine früheren Sachbücher gelesen hatte, stellte Mutmaßungen über den Inhalt dieses Buches an und verfasste folgenden Kommentar:

»Äh. Das Buch ist definitiv keines von deinen, oder? Hab ich was übersehen? Nein, ich will kein Buch lesen, in dem behauptet wird, Pflanzen würden ohne Berührung mit meinem Immunsystem oder Unterbewusstsein kommunizieren. Das ist esoterischer Schrott und keiner weiteren Beachtung wert.«

Esoterischer Schrott? Keiner weiteren Beachtung wert? Damit lag Hanspeter einfach falsch. Ich bezog mich auf wissenschaftliche Fakten. Und die sind auf jeden Fall der weiteren Beachtung wert. Sie könnten unser Gesundheitswesen von Grund auf revolutionieren.

Es entwickelte sich auf Facebook eine hitzige Debatte unter den Benutzern und innerhalb von nur zwei Stunden hatten sich fast 200 Kommentare angesammelt. Fast im Sekundenrhythmus klickte jemand auf »Gefällt mir«. Die meisten Benutzer hatten kein Problem mit dem Begriff Kommunikation bei Pflanzen. Hanspeter und eine Hand voll anderer aufmerksamer Leser lehnten sich aber weiterhin dagegen auf, dass ich von Kommunikation geschrieben hatte. Ihr Tenor: Wer behauptet, Pflanzen könnten kommunizieren, egal, ob untereinander oder mit dem menschlichen Organismus, sei entweder unseriös und weltfremd oder wolle einfach medienwirksam die Werbetrommel rühren. Aber ist das wirklich so?

Möglicherweise unterlagen Hanspeter und seine Mitstreiter einem fundamentalen Irrtum, der gut nachvollziehbar ist und den ihnen niemand vorhalten kann. Im Alltag benutzen wir den Begriff »Kommunikation« meistens dann, wenn wir eine Unterhaltung zwischen Menschen meinen. Wir reden miteinander, schreiben einander E-Mails und Briefe und genießen es ab und zu, uns am Straßenrand auf ein bisschen Klatsch und Tratsch einzulassen. Keine Frage: Wenn wir mit Kommunikation nur diese Art des sozialen, zwischenmenschlichen Austauschs durch Sprache meinen, dann mutet es natürlich mehr als verwegen an, zu behaupten, Pflanzen hätten die Fähigkeit, zu kommunizieren. Hanspeter hätte vermutlich nichts dagegen gehabt, wenn ich auf Facebook geschrieben hätte, dass Hunde oder Katzen sowohl untereinander als auch mit uns Menschen kommunizieren können. Katz und Hund sind zwar der menschlichen Sprache nicht mächtig, finden aber meistens Mittel und Wege, ihre Bedürfnisse und Stimmungslagen uns gegenüber zu vermitteln. Diese nonverbale Kommunikation funktioniert sogar sehr gut, wie die meisten Hunde- und Katzenliebhaber gewiss bestätigen können.

Was bei Tieren noch vorstellbar ist, scheint bei Pflanzen unmöglich. Pflanzen haben keine verbale Sprache und auch keine Stimmorgane, mit denen sie Laute von sich geben können, wie das bei Hunden der Fall ist. Sie haben keine Augen, mit denen sie herzzerreißend dreinschauen können und verfügen über keinerlei Mimik, die wir irgendwie interpretieren könnten. Die meisten Pflanzen können sich nicht einmal aktiv bewegen und in der Regel sitzen sie angewurzelt immer am selben Fleck fest. Wer könnte es Hanspeter verdenken, dass er es als äußerst unseriös wahrnimmt, wenn jemand ausgerechnet bei Pflanzen von Kommunikation spricht?

Das Problem lässt sich schnell orten: Unser Verständnis von Kommunikation ist alltagssprachlich einfach zu sehr eingeschränkt. Das sollten wir ändern, um die Welt in all ihrer Komplexität zu verstehen. Kommunikation ist weit mehr als Miteinander-reden oder Einander-zuwedeln, um beim Beispiel des Hundes zu bleiben. Ein führendes Wörterbuch der Psychologie definiert Kommunikation als Informationsübertragung zwischen einem Sender und einem Empfänger4. Das ist selbsterklärend: Der eine sendet Information aus und der andere empfängt und entschlüsselt sie. Und das beherrschen Pflanzen sogar ausgesprochen gut. Sie sind wahre Meister im Aussenden, Empfangen und Entschlüsseln von Informationen. Und somit sind sie Meister der Kommunikation.

Damit Kommunikation funktioniert, muss die Information in irgendeiner Form kodiert werden. Wir Menschen tun das zum Beispiel durch Sprache. Bestimmte Wörter tragen bestimmte Bedeutungen. Und über diese Bedeutungen sind wir uns zumindest so weit einig, dass sprachliche Kommunikation im Alltag funktioniert. Die Information, die wir einander schicken, kann aber auch ganz anders codiert werden. Von Computer zu Computer wird beispielsweise mit endlosen Reihen von Nullen und Einsen kommuniziert. Und wie machen das unsere grünen Gefährten?

Pflanzen kommunizieren, so wie Insekten, über chemische Substanzen miteinander. Sie senden Moleküle aus, das sind winzige chemische Einheiten dieser Substanzen, die aus Atomen bestehen. Diese Moleküle können durchaus mit der menschlichen Sprache verglichen werden, denn genauso wie unsere Wörter, tragen sie in der Welt der Pflanzen bestimmte Bedeutungen und somit Information. Es sind »Pflanzenvokabeln«. Die Pflanze, die ein solches Molekül abgibt, ist der Sender. Die Pflanze, die das Molekül empfängt und versteht, ist der Empfänger. »Verstehen« bedeutet in diesem Fall, dass die Pflanze mit der Botschaft etwas anzufangen weiß. Sie weiß, was damit gemeint ist und kann darauf angemessen reagieren. Solche Vorgänge erfüllen alle Kriterien, die uns die Definition von »Kommunikation« vorgibt.

Diese Substanzen entwischen den Pflanzen keinesfalls nur beiläufig. Pflanzen geben ihre Kommunikations-Moleküle zweckgerichtet ab und nicht unkontrolliert. Der Klassiker: Wenn sie von Schädlingen angegriffen werden, geben viele Pflanzen Substanzen ab, die andere Pflanzen in ihrer Nachbarschaft alarmieren. Diese Substanzen tragen die Information »Achtung Fressfeinde« sowie genauere Angaben über diese Feinde, wie wir gleich sehen werden. Ohne selbst schon in Kontakt mit diesen Schädlingen gekommen zu sein, bilden dann die alarmierten Pflanzen aus der Nachbarschaft, welche die Botschaft empfangen haben, vorsorglich Abwehrstoffe gegen die jeweiligen Schädlinge. Ihr Immunsystem reagiert also auf die Botschaft und wird aktiviert. Doch damit nicht genug. Dieselben Kommunikations-Moleküle alarmieren nicht nur andere Pflanzen, sondern locken auch natürliche Feinde der Schädlinge an. Diese Nützlinge rücken dann zum großen Schädlings-Schmaus heran. Auf diese Weise kommunizieren Pflanzen also nicht nur untereinander, sondern auch mit Tieren. Mehr noch: Ihre chemischen Botschaften enthalten sogar Information über die Art der Angreifer und das Ausmaß des Befalls. Darauf stellen sich die Empfänger der Botschaft ein. Andere Pflanzen produzieren genau die Abwehrstoffe, die in der speziellen Situation notwendig sind und die Nützlings-Armee stellt ihren Trupp ebenfalls nach den Bedürfnissen der »Pflanzen in Not« zusammen.

»Pflanzen können über Düfte unerhört komplexe Informationen versenden und untereinander austauschen«, erklärte Wilhelm Boland, Professor für organische Chemie an der Universität Karlsruhe und am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie, gegenüber dem Spiegel5. »Wir hoffen, diese Sprache zu entschlüsseln«, führ der Professor fort. Den Professor in Karlsruhe begeistert besonders, dass »Pflanzen nicht nur sagen, ich bin verletzt, sie sagen sogar ganz genau, wer sie verletzt hat.« Die Schweizer Biologin, Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Florianne Koechlin, schätzte im Interview für die Fachzeitschrift Ökologie und Landbau die Kommunikation der Pflanzen in Zahlen ein: »Man kennt inzwischen an die 2000 Duftstoff-Vokabeln aus 900 Pflanzenfamilien,« erklärte sie6. Wir können davon ausgehen, dass die Wissenschaft noch unzählige weitere Pflanzenvokabeln entschlüsseln wird. Die meisten dieser chemischem »Wörter« gehören zu der Stoffgruppe der Terpene. Das ist eine sehr große Gruppe der sekundären Pflanzenstoffe mit fast 40.000 Vertretern7, die eine Vielzahl verschiedener Funktionen erfüllen. Terpene sind außerdem in den ätherischen Pflanzenölen zu finden. Terpene sind manchmal auch sichtbar: Vielleicht haben Sie bei heißem Wetter über den Wäldern schon einmal einen blauen Dunst wahrgenommen. Wenn es heiß ist, schützen sich die Bäume damit vor der Sonneneinstrahlung. Pflanzen geben Terpene nicht nur als Sonnenschutz ab, locken Insekten oder andere Tiere damit an, wenn sie deren Dienste benötigen, oder warnen andere Pflanzen vor Schädlingen, damit diese ihre Abwehrkräfte mobilisieren. Sie produzieren Terpene auch als Gift, um Schädlinge damit aktiv zu töten oder um Fressfeinde durch schlechten Geschmack abzuschrecken. Sie jagen sogar Konkurrenzpflanzen damit fort, wenn diese nicht mit ihnen verwandt sind. Pilze kommunizieren untereinander ebenfalls mit Terpenen, um ihren Geschlechtszellen den Weg zu einem passenden Geschlechtspartner zu weisen. Pilze haben eine sehr seltsame Art, sich fortzupflanzen.

Pflanzen können also kommunizieren. Das steht jetzt fest. Dass diese Kommunikation etwa mit einem Bewusstsein verbunden sei, das dem menschlichen Bewusstsein ähnelt, ist damit natürlich nicht behauptet. Wir wissen zum Beispiel auch, dass unsere Organe untereinander und mit dem Gehirn kommunizieren, ja dass sogar jede einzelne Körperzelle mit benachbarten Zellen kommuniziert, und dennoch müssen wir den Organen zu diesem Zweck kein eigenes Bewusstsein zuschreiben. Auch bei Pflanzen wird die Kommunikation durch hoch komplexe Regelkreise der Natur gesteuert, für die kein pflanzliches Bewusstsein vorausgesetzt werden muss. Es ist die Intelligenz der Natur, die tätig wird. Vielleicht ist es so etwas Ähnliches wie die »Grünkraft«, an die Hildegard von Bingen glaubte. Noch ein Detail: Inzwischen haben Biologen herausgefunden, dass Pflanzen auch über Knackgeräusche miteinander kommunizieren, die sie mit ihren Wurzeln erzeugen. Diese sogenannten bio-akustischen Signale konnten aber bislang noch nicht entschlüsselt werden.

Hanspeter auf Facebook dürfte spätestens jetzt einen Teil seiner Bedenken wieder fallen gelassen haben. Pflanzen können kommunizieren und sie tun das, indem sie Terpene abgeben. Aber was soll das, wie eingangs erwähnt, mit unserem Immunsystem zu tun haben? Ist es nicht doch wieder Aberglaube, zu behaupten, Pflanzen würden mit Systemen des menschlichen Körpers kommunizieren, ohne dass wir diese Pflanzen berühren, essen oder als Arzneien zu uns nehmen müssen? Fangen wir diese Thematik mit einer japanischen Tradition an.

Pflanze an Immunsystem: »Mehr Killerzellen und Anti-Krebs-Geschütze«

»Wir sind mit der überraschenden Tatsache konfrontiert, dass es sich beim Immunsystem um ein Sinnessystem handelt, das fähig ist, wahrzunehmen, zu kommunizieren und zu handeln.«

– Joel Dimsdale, Professor für Psychiatrie an der Universität von Kalifornien, San Diego8

Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs. Wissenschaftler finden eine bahnbrechende Neuigkeit nach der anderen über unser Immunsystem heraus. Nach und nach wird klar, wie sehr der Mensch mit seiner Umwelt verbunden und vernetzt ist. Wir sind längst dahintergekommen, dass es ein fataler Fehler war, den menschlichen Organismus aus Sicht der Wissenschaft als isoliert von seinem natürlichen Lebensraum und wie eine Maschine zu betrachten. Dieses Menschenbild steht vor dem Kollaps. Die Immunologie wird einen wesentlichen Beitrag zu diesem Wandel leisten.

»Nahezu jeder Erkrankung, nicht nur Infektions- oder Immunkrankheiten, sondern auch Arteriosklerose, Krebs und Depressionen, können immunologische Einflussfaktoren zugeschrieben werden«, schrieb der US-amerikanische Mediziner und Psychiatrieprofessor an der Universität von Kalifornien, Joel Dimsdale. Das Immunsystem ist der Schlüssel zur Gesundheit.

Das wahrnehmende, kommunizierende und handelnde Immunsystem, das sich dank aktueller Forschungsergebnisse mehr und mehr als Sinnesorgan entpuppt, ist so komplex und gibt uns derart viele Rätsel auf, dass es mir schwer fällt, zu entscheiden, wo ich anfangen möchte. Also beginnen wir einfach in Japan: Fangen wir mit Shinrin-yoku an. So nennt sich eine japanische Tradition. Aus dem Japanischen übersetzt bedeutet Shinrin-yoku »Waldbaden«. Damit ist nicht etwa das Baden in einem Waldsee gemeint. Der Vergleich passt allerdings: Ähnlich wie in einen See, so können wir auch in einen Wald mit allen Sinnen regelrecht eintauchen. Japanische Autoren übersetzen Shinrin-yoku meistens als »Einatmen der Wald-Atmosphäre«. Im Jahr 1982 schlug die staatliche Wald-Behörde Japans vor, Shinrin-yoku öffentlich zu bewerben und zu fördern. Heute ist das Einatmen der Wald-Atmosphäre eine in Japan offiziell anerkannte Methode zur Vorbeugung gegen Krankheiten sowie zu deren unterstützender Behandlung. Shinrin-yoku wird vom staatlichen Gesundheitswesen gefördert und an Japans medizinischen Universitäten und Kliniken erforscht und durchgeführt.

Im Wald trifft das kommunikationsfähige Immunsystem des Menschen auf die kommunizierenden Pflanzen. Sie können sich ausmalen, dass dies nicht ohne Folgen bleibt. Das gesundheitliche Potenzial, das bei diesem Zusammentreffen entsteht, ist so groß, dass im Jahr 2012 an japanischen Universitäten ein eigener medizinischer Forschungszweig gegründet wurde: »Forest Medicine« oder »Waldmedizin«. Innerhalb kurzer Zeit begannen Wissenschaftler überall auf der Erde, sich an dieser Forschung zu beteiligen.

Betrachten wir den Wald für ein paar Augenblicke etwas anders als gewöhnlich. Betrachten wir ihn als einen großen, hoch komplexen Lebensraum, in dem tausende und abertausende Lebewesen miteinander kommunizieren. Die Kronen der Bäume sind dann Sendestationen, die Pflanzenbotschaften in die Luft hinaus funken. Die Blätter der Sträucher, Büsche, Ranken und Kräuter senden Pflanzenvokabeln aus, die von anderen Pflanzen und von Tieren aufgenommen werden. Im Erdreich geben Wurzeln Stoffe ab, die ebenfalls Botschaften enthalten und sie geben klickende Laute von sich, die das menschliche Ohr nicht hören kann. Die Pflanzen nehmen diese Laute als unterirdische physikalische Schwingungen wahr. Der Wald, so wie jeder andere natürliche Lebensraum, ist ein Ort der regen Unterhaltungen, der dichten Kommunikation. Überall schwirren Moleküle umher, die Information enthalten und andere Lebewesen entschlüsseln sie. Darunter befinden sind die unzähligen Terpene, die Pflanzenvokabeln, die ich bereits beschrieben habe.

Stellen Sie sich nun vor, sie betreten mit ihrem achtsamen, aufmerksamen und ebenfalls ständig kommunizierenden Immunsystem diesen Wald, einen Hot-Spot der Kommunikation. Ihr Immunsystem kommuniziert nicht nur mit anderen Organen und Systemen ihres Körpers und mit ihrem Gehirn, sondern auch mit der Außenwelt. Es ist ein Sinnesorgan, das dazu gemacht ist, Information wahrzunehmen, die Sie selbst nicht bewusst wahrnehmen können. Eine der Aufgaben Ihres Immunsystem ist es, Reize aus der Außenwelt einzuschätzen, zu erkennen und darauf zu reagieren. Das können Viren und Bakterien sowie alle möglichen Substanzen sein. Das Immunsystem ist also die unsichtbare Antenne Ihres Körpers, mit der Sie den Wald betreten.

Erweitern wir unsere Vorstellung nun ein wenig: Sie spazieren nicht nur mit Ihrem kommunizierenden Immunsystem durch die Welt der kommunizierenden Pflanzen, sondern Sie haben auch einen Wissenschaftler an Ihrer Seite. Der möchte natürlich etwas messen – das haben Wissenschaftler so an sich. Es würde ihm nicht reichen, wenn Sie ihm sagen würden, dass Sie sich auf Ihrem Waldspaziergang wohl und entspannt fühlen, dass Sie sich vielleicht weniger gestresst fühlen als sonst oder sogar kreativ beflügelt durch die idyllischen Eindrücke sind. Nein, das stellt ihn nicht zufrieden, er will Zahlen und handfeste Messwerte. Er möchte wissen, wie Ihr Immunsystem reagiert. Deswegen nimmt er Ihnen nach einiger Zeit im Wald Blut ab. Und er stellt fest:

– Die Anzahl der natürlichen Killerzellen Ihres Immunsystems ist deutlich angestiegen.

– Ihre natürlichen Killerzellen sind nicht nur mehr geworden, sondern sie sind auch aktiver. Diese erhöhte Aktivität der Killerzellen wird noch viele Tage lang anhalten.

– das Niveau der Anti-Krebs-Proteine, mit denen Ihr Immunsystem Krebs vorbeugt oder im Falle einer Krebserkrankung den Tumor bekämpft, ist ebenfalls deutlich gestiegen.

Ich werde noch darauf zurück kommen, was diese Ergebnisse konkret bedeuten und worin der Nutzen für Ihre Gesundheit liegt. Sie fragen sich aber bestimmt, wodurch der Wald die Verbesserung dieser wichtigen Immunwerte auslöst. Das wiederum hat mit der Kommunikation der Pflanzen zu tun.

Wenn Sie die Luft in einem Wald einatmen, dann atmen sie einen Cocktail aus bioaktiven Substanzen, die von Pflanzen an die Waldluft abgegeben werden. Darunter befinden sich auch die Terpene. Wenn wir durch den Wald gehen, kommen wir vor allem mit jenen Terpenen der Pflanzenkommunikation in Kontakt, die gasförmig sind. Wir nehmen sie teils über die Haut, vor allem aber über die Lungen auf. Die Terpene aus der Luft stammen aus den Blättern und Nadeln der Bäume. Sie strömen aus den Baumstämmen und aus der dicken Borke mancher Bäume. Büsche, Kräuter und Sträucher im Unterholz sowie Pilze, Moose und Farne geben sie ebenfalls ab. Sogar die Streuschicht aus Laub und die darunter liegende modrige Humusschicht, in der es vor Leben nur so wimmelt, geben Terpene ab. Seit ich das weiß, hat sich meine Wahrnehmung des Waldes verändert. Wenn ich durch den Wald gehe, habe ich das Gefühl, in einen riesengroßen, atmenden Organismus einzutauchen, der mit mir kommuniziert. Ich selbst bin dann ein Teil davon und atme und kommuniziere mit.

Und jetzt kommen wir zur Quintessenz: Einige unter den Terpenen interagieren auf höchst gesundheitsfördernde Weise mit unserem Immunsystem. Nennen wir sie »Anti-Krebs-Terpene«9. Waldluft ist wie ein Heiltrunk zum Einatmen.

Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Anti-Krebs-Terpene aus der Waldluft alte Bekannte für unser Immunsystem sind. Sie entstammen zwar der Kommunikation der Bäume, Pilze und Kräuter untereinander, aber auch unser Immunsystem kann sie entschlüsseln. Und das Faszinierende daran ist: Es entschlüsselt sie sogar auf ähnliche Weise, wie es die Pflanzen selbst tun. Pflanzen reagieren auf Terpene häufig mit einer Steigerung ihrer Abwehrkräfte. Unser Immunsystem reagiert ebenfalls mit einer Stärkung der Abwehrkräfte. Waldmediziner wissen, dass die Anti-Krebs-Terpene sowohl direkt auf das Immunsystem einwirken, als auch indirekt über das Hormonsystem, zum Beispiel über die Senkung von Stresshormonen.

Die bedeutendsten Veränderungen, die Anti-Krebs-Terpene in unserem Immunsystem verursachen, betreffen die natürlichen Killerzellen und eine Reihe von Anti-Krebs-Geschützen unseres Körpers. Vergessen Sie sündteure Tropfen und Brausetabletten aus der Apotheke, um Ihr Immunsystem zu stärken. Rücken Sie mit Waldluft gegen Viren an!

Waldluft erhöht die Anzahl der natürlichen Killerzellen

Die natürlichen Killerzellen sind eine spezielle Form der weißen Blutkörperchen. Sie entstehen im Knochenmark und schwimmen in unserem Blut, wo sie wichtige Aufgaben erfüllen. Sie können erkennen, wenn Blutzellen oder Körperzellen mit einem Virus infiziert sind und töten diese Zellen dann einfach durch Zellgifte. Somit sterben auch die Viren, von denen diese Zellen befallen sind. Viren können nämlich ohne eine Wirtszelle nicht überleben. Dasselbe stellen die natürlichen Killerzellen mit entarteten Zellen an, die später zu Krebs führen könnten. Und sie gehen auf dieselbe Weise gegen bereits bestehende Tumorzellen vor. Das heißt, die natürlichen Killerzellen unseres Immunsystem leisten lebenswichtige Dienste an unserer Gesundheit. Sie entfernen Viren aus unserem Körper, verhindern die Entstehung von Krebs und bekämpfen den Tumor im Falle einer Krebserkrankung.

Aus zahlreichen Studien erfahren wir, dass die Anzahl der natürlichen Killerzellen deutlich ansteigt, wenn wir die Anti-Krebs-Terpene aus der Waldluft einatmen. Wir wissen, dass es tatsächlich die Terpene aus der Pflanzenkommunikation sind, die uns auf diese Weise gesünder machen. Das wiederum wissen wir, weil die Forscher entsprechende Versuche gemacht haben. Sie experimentierten nicht nur direkt im Wald, sondern reicherten auch die Luft in Hotelzimmern, in denen Versuchspersonen schliefen, über einen Zerstäuber mit Anti-Krebs-Terpenen aus dem Wald an. Und siehe da: Auch im Hotel, so ganz ohne Wald, stieg die Zahl der natürlichen Killerzellen deutlich an, wenn auch nicht so, wie unter natürlichen Bedingungen10. Es sind also wirklich die Terpene aus der Waldluft, die wirken.

An der Nippon Medical School, einer medizinischen Universität in Tokyo mit eigenem Krankenhaus, lehrt und forscht der Medizinprofessor Qing Li. Seine Studien führt er unter anderem in einem Waldgebiet in der Präfektur Nagano durch. Falls Ihnen diese Ortsangabe bekannt vorkommt: In Nagano fanden 1998 die olympischen Winterspiele statt. Die Region ist reich an Wäldern und Bergen. In mehreren groß angelegten wissenschaftlichen Studien konnte Professor Li nachweisen, dass der Effekt aus der Waldluft sogar nachhaltig anhält. Bereits ein einziger Tag in einem Waldgebiet steigert die Zahl unserer natürlichen Killerzellen im Blut durchschnittlich um fast vierzig Prozent. Wenn Sie zwei Tage hintereinander in einem Waldgebiet verbringen, können Sie die Anzahl Ihrer natürlichen Killerzellen um mehr als fünfzig Prozent steigern11.

Wer nur einen Tag in einem Wald verbringt, hat immerhin sieben Tage lang mehr natürliche Killerzellen im Blut als üblicherweise, auch ohne in dieser Zeit nochmal in den Wald zu gehen. Nach einem kleinen Urlaub von zwei bis drei Tagen in einem Waldgebiet bleibt die Anzahl der natürlichen Killerzellen sogar noch dreißig Tage lang erhöht. Um diese Effekte zu erreichen, ist es nicht nötig, sich im Wald körperlich anzustrengen. Es geht also nicht um Sport! Wir müssen nur da sein, anwesend sein. Und wir müssen atmen. Die Kommunikation mit den Bäumen läuft dann auch ohne unser bewusstes Zutun ab.

Waldluft macht unsere natürlichen Killerzellen aktiver

Verbringen Sie zwei Tage hintereinander in einem Waldgebiet und Ihr Immunsystem wird es Ihnen danken. Denn durch die Anti-Krebs-Terpene aus der Waldluft werden Ihre natürlichen Killerzellen zu einer Leistungssteigerung von mehr als fünfzig Prozent animiert. Diese erhöhte Leistung hält noch dreißig Tage danach an.

Sie haben nicht so viel Zeit? Macht nichts: Bereits ein einziger Wald-Tag oder ein ausgedehnter Spaziergang durch den Wald erhöht die Aktivität ihrer natürlichen Killerzellen für etwa sieben Tage12.

Erhöhte Aktivität bedeutet, dass jede Killerzelle effizienter als sonst Viren, Bakterien und potentielle Krebszellen aufspürt und eliminiert.

Waldluft lässt mehr Anti-Krebs-Geschütze anrücken

Ein zusätzlicher Puzzlestein der Waldmedizin: Unser Immunsystem setzt ganz bestimmte Proteine ein, um gegen entartende Zellen, die ein Krebsrisiko darstellen, vorzugehen13. Genau diese Anti-Krebs-Proteine werden durch das Einatmen der Waldluft vermehrt produziert14. Es handelt sich gewissermaßen um die kleinen Helferlein des Immunsystems. Die Killerzellen spannen sie als Assistenten im Kampf gegen Krebszellen ein, wenn sie diese mit kleinen Körnchen voll mit Zellgift beschießen. Eines dieser Anti-Krebs-Proteine hat zum Beispiel die Aufgabe, die Gifte aus den Körnchen direkt an der gefährlichen Zelle freizusetzen. Ein anderes Protein sitzt in diesen Körnchen-Geschoßen wie in einem Trojanischen Pferd, dringt in die entartete Zelle ein und löst dort den Tod der Zelle aus. Es hilft sozusagen ein wenig nach, wenn eine Zelle vergessen hat, nach einer gewissen Zeit den programmierten Zelltod zu sterben und stattdessen munter vor sich hin wuchert. Krebs beginnt mit einer abnormalen Zelle, die sich für unsterblich hält.

Auf dieselbe Weise assistieren die Anti-Krebs-Proteine auch im Kampf gegen Tumore und kommen sogar dann zum Einsatz, wenn ein Virus oder Bakterium eingedrungen ist. Apotheker und Ärzte sollten Waldluft als potentes Arzneimittel anerkennen, als das natürlichste, das die Menschheit kennt. Wälder sind voll mit Biophilia-Effekten.


Vielleicht ist es Ihnen anfangs ein wenig übertrieben vorgekommen, als ich die relevanten Terpene in der Waldluft als »Anti-Krebs-Terpene« bezeichnet habe. Angesichts der Tatsachen, die ich geschildert habe, erscheint diese Bezeichnung aber als vollkommen angebracht. Auch andere wissenschaftliche Forschungsergebnisse stärken der Anti-Krebs-Wortwahl den Rücken, wenn es um Wälder geht.

So konnte der Medizinprofessor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokyo gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern nachweisen, dass in bewaldeten Gebieten weniger Menschen an Krebs sterben als in Regionen ohne Wald15. Das ist ein gutes Argument gegen Waldrodungen in der Nähe von Siedlungen und gegen die industrielle Landwirtschaft, die ganze Waldgebiete dahinrafft.


Waldluft mit ihren bioaktiven Terpenen kann also ohne Übertreibung als ein Faktor in der Vorbeugung gegen Krebs betrachtet werden, als Unterstützung unseres Immunsystems im Kampf gegen entartende Zellen. Da genau diejenigen Funktionen unseres Immunsystems gestärkt werden, die auch im Kampf gegen Tumore aktiv sind, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Tradition Shinrin-yo- ku, das Einatmen der Waldatmosphäre, auch bei einer bestehenden Krebserkrankung eine Unterstützung sein kann, zumal der Aufenthalt im Wald auch über psychische Mechanismen gesund hält, worauf ich später noch zurückkommen werde. Es versteht sich von selbst, dass es sich bei alledem aber niemals um einen Ersatz für schulmedizinische Behandlungen handeln kann, sondern lediglich um eine zusätzliche gesundheitsfördernde Maßnahme.

Nun ist die Zeit für die ersten praktischen Übungen gekommen, die dieses Buch bietet und die Sie im Wald durchführen können, um Ihr Immunsystem noch effizienter zu stärken.

Praxistipps: So stärken Sie Ihr Immunsystem im Wald

Qing Li, der Medizinprofessor in Tokyo, hat eine Liste mit Grundregeln erstellt, um die Interaktion zwischen den Waldbäumen und dem menschlichen Immunsystem ideal zu gestalten16. Professor Li zählt zu den führenden Wissenschaftlern im Bereich der Waldmedizin. Er rät:

Bleiben Sie mindestens zwei Stunden in dem Waldgebiet und gehen Sie in dieser Zeit etwa 2,5 Kilometer. Wenn Sie vier Stunden Zeit haben, gehen Sie ungefähr 4 Kilometer. Um Ihre natürlichen Killerzellen und die Anti-Krebs-Proteine auch langfristig zu stärken, sind drei Tage hintereinander in einem Waldgebiet empfohlen.

Machen Sie einen Spazier- oder Wanderplan, der Ihren körperlichen Voraussetzungen entspricht. Achten Sie darauf, während des Aufenthalts im Wald nicht müde zu werden.

Wenn Sie sich müde fühlen, machen Sie eine Rast, wann immer Sie möchten und so lange Sie möchten. Suchen Sie sich dazu einen Ort im Wald, an dem Sie sich wohl fühlen.

Wenn Sie Durst haben, trinken Sie am besten Wasser oder Tee.

Suchen Sie sich einen Platz im Wald, der Ihnen spontan gefällt und Sie zum Verweilen einlädt. Bleiben Sie dann dort eine Zeit lang sitzen, um zum Beispiel zu lesen, zu meditieren, jedenfalls aber, um das wunderschöne Ambiente zu genießen und zu entspannen.

Um die Anzahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen und der Antikrebs-Proteine des Immunsystems dauerhaft hoch zu halten, empfiehlt Qing Li pro Monat einen zwei- bis dreitägigen Aufenthalt in einem Waldgebiet und rät, sich pro Tag etwa vier Stunden im Wald aufzuhalten.

Diesen Ratschlägen des Professors aus Tokyo füge ich noch folgende Tipps hinzu, die ich für sehr hilfreich halte:

Der Gehalt der Anti-Krebs-Terpene in der Waldluft ändert sich im Laufe der Jahreszeiten. Die Konzentration ist im Sommer am höchsten und im Winter am niedrigsten. Sie steigt im April und Mai rasch an und erreicht im Juni und August ihren Höhepunkt. In diesen Monaten gibt es für Ihr Immunsystem im Wald also am meisten aufzunehmen.

Die Terpene sind außerdem im Waldesinneren am höchsten konzentriert, da der Baumbestand dort dichter ist und die Blätter und Nadeln der Bäume eine besonders reiche Quelle darstellen. Noch dazu hindert das dichte Kronendach die gasförmigen Substanzen daran, den Wald zu verlassen. Es empfiehlt sich also, tiefer in den Wald hineinzugehen und nicht nur am Waldrand zu verweilen.

Wenn feuchtes Wetter herrscht, zum Beispiel nach Regen oder bei Nebel, schwirren besonders viele der gesunden Terpene in der Waldluft umher. Unsere Erfahrung täuscht uns also nicht, wenn uns ein Waldspaziergang nach einem Regenguss ganz besonders gut zu tun scheint.

Übrigens ist die Dichte der Anti-Krebs-Terpene am Boden und im bodennahen Bereich, in dem wir Menschen uns bewegen, am höchsten. Weiter oben werden manche der Substanzen durch die UV-Strahlung des Sonnenlichts, das da und dort durch das Blätterdach gelangt, zerstört. Die Verteilung der gesunden Stoffe scheint also regelrecht auf unsere Körpergröße zugeschnitten zu sein.

Wichtig: Denken Sie daran, dass Waldmedizin vor allem der Vorbeugung gegen Krankheiten dient. Wenn Sie bereits erkrankt sind oder sich krank fühlen, gehen Sie bitte unbedingt zu einem Arzt. Die Waldmedizin ersetzt auch keinesfalls Gesunden- und Vorsorgeuntersuchungen.


Übung: Ganzkörper-Atmung im Wald

Die Aufnahme der heilsamen Substanzen aus der Waldluft kann durch Atemübungen verstärkt werden. Zum Beispiel können Sie das durch eine Atemtechnik aus dem chinesischen Qi-Gong erreichen. Die folgende Übung hat mich Xiaoqiu Li gelehrt, ein doppelter chinesischer Staatsmeister in Wushu, so heißen die traditionellen Kampfkünste in China. Suchen Sie sich einen Platz im Wald, der Ihnen zusagt und wo Sie auf möglichst ebenem Untergrund stehen können.

Setzen Sie ihre Füße schulterbreit auf den Waldboden und zwar möglichst parallel zueinander. Sie sollten festen Halt haben. Dann gehen Sie leicht in die Knie, mit herabhängenden Armen.

»Öffnen« Sie Ihren Brustbereich, indem Sie Ihre Arme nach außen führen und in einer kreisförmigen Bewegung nach oben bringen, etwas so, als wären Sie ein Baum, der seine mächtige Krone gen Himmel entfaltet. Dabei atmen Sie tief ein. Atmen Sie zuerst in den Bauch und dann in die Brust. Sie füllen Ihren Oberkörper praktisch von unten nach oben mit Luft. Nehmen Sie die Waldluft dabei ganz bewusst auf und fühlen Sie, wie ihre Lungenflügel damit gefüllt werden.

Wenn Ihre Arme dann über Ihrem Kopf zusammentreffen, führen Sie die Arme vor Ihrem Körper nach unten, während Sie die Unterarme parallel aneinander legen. Gleichzeitig beginnen Sie mit dem Ausatmen. Machen Sie dabei Fäuste, beugen Sie sich nach vorne und gehen Sie gleichzeitig in die Hocke. Drücken Sie Ihre Ellenbogen bei dieser Bewegung auf Höhe der Magengrube an Ihren Körper. Durch den Druck der Ellenbogen und die Krümmung Ihres Körpers helfen Sie Ihrer Lunge, sich restlos zu entleeren. Sie falten sich gewissermaßen zusammen und komprimieren das Volumen Ihrer Lunge. Versuchen Sie, dabei vollständig auszuatmen, sodass die verbrauchte Luft aus Ihnen entweicht.

Dann richten Sie sich wieder auf und beginnen abermals mit dem Öffnen und Einatmen. Die Bewegung soll möglichst rund ablaufen, ein fließendes Öffnen und Schließen, Ein- und Ausatmen, Aufnehmen und Ausstoßen. Und das mehrmals hintereinander. Es ist ein Atmen mit dem gesamten Körper, ein Verschmelzen mit der Waldluft, die Sie umgibt. Loten Sie aber auch Ihre Grenzen aus und überschreiten Sie diese nicht. Wenn Sie dabei zu viel Sauerstoff auf einmal aufnehmen, könnte Ihnen nämlich schwindelig werden.

Durch diese Übung nehmen Sie die gesunde Waldluft besonders intensiv auf und stoßen alte Luft und Schadstoffe ganz bewusst aus. Speziell dann, wenn Sie rauchen oder aus der mit Abgasen belasteten Stadt kommen, werden Sie den reinigenden Effekt dieser Übung körperlich ganz besonders deutlich spüren. Laut traditioneller chinesischer Lehre des Qi-Gong nehmen Sie nicht nur frische Waldluft auf und stoßen alte Luft aus, sondern nehmen auch das Qi der Natur, die Lebensenergie, in sich auf, während Sie das verbrauchte Qi abgeben. Und wo könnte die Lebensenergie reiner und lebendiger sein als in einem Wald, der vor dichtem Leben nur so wimmelt? Hildegard von Bingen hätte vermutlich von der »Grünkraft« gesprochen. Die fernöstliche Philosophie müssen Sie natürlich nicht teilen, um die gesundheitsfördernden Effekte dieser Übung zu genießen. Denn die Anti-Krebs-Terpene, die dabei tief in Sie einströmen, sind keine Frage der Weltanschauung, sondern lassen sich mit knallharten wissenschaftlichen Methoden messen. Lassen Sie es auf einen Versuch ankommen. Ich habe diese Übung und ihre spürbare Wirkung so sehr zu schätzen gelernt, dass ich sie bei fast jedem Aufenthalt in einem Wald durchführe.


Der Joker: Fantasie trifft Waldatmosphäre

»Fantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, sich aus den Dingen etwas zu machen.«

– Thomas Mann, Schriftsteller, 1875 bis 195517

Ich habe bereits mehrmals anklingen lassen, dass wir uns vor einem tiefgreifenden Wandel des Menschenbildes in der Medizin befinden. Die psychosomatische Medizin hat längst die Beweise erbracht, dass es keine Trennung zwischen Körper und Psyche gibt. Der Mensch ist eine psycho-somatische Einheit, ein Geist-Körper-Wesen, also ein hoch komplexes Gewebe aus mentalen und stofflichen Aspekten. Beides hängt eng miteinander zusammen. Krankheit und Gesundheit lassen sich nur dann verstehen, wenn wir uns Psyche und Körper als Eins vorstellt. Auch das Bild von den zwei Seiten einer Medaille ist daher nicht zutreffend. Wenn Ärzte von »psychosomatischen Beschwerden« sprechen, dann meinen sie keineswegs solche Beschwerden, die ein Patient sich nur einbildet. Psychosomatische Beschwerden sind real vorhanden und können zum Beispiel als Entzündungsprozesse oder allergische Reaktionen sogar messbar werden. Ihre Ursachen liegen jedoch im Psychischen und gehen oft bis in die Kindheit zurück. Das lässt sich nur verstehen, wenn wir jede gedachte Trennung zwischen Körper und Psyche, die in unseren Köpfen noch vorhanden sein mag, vollständig aufgeben.

Bereits gegen Ende der 1970er-Jahre machte ein Fall weltweite Schlagzeilen, der von der Immunologin und Psychotherapeutin Patricia Norris veröffentlicht wurde. Norris arbeitete an einer Klinik der US-amerikanischen Menninger Foundation in Kansas. Sie betreute einen neunjährigen Patienten, der an einem aggressiven Gehirntumor erkrankt war. Die Ärzte konnten den Tumor nicht operieren. In wöchentlichen Sitzungen brachte Norris dem schwerkranken Jungen Entspannungsübungen und Imaginationstechniken bei. Der Patient stellte sich in einem meditativen Zustand mithilfe seiner Fantasie vor, wie ein intergalaktisches Kampfraumschiff in seinem Körper unterwegs war, das über Laser und Torpedos verfügte. Die Laserstrahlen und die Torpedos symbolisierten die weißen Blutkörperchen des Immunsystems. Bewaffnet wie in Star Trek focht dieses Raumschiff einen gnadenlosen Kampf gegen feindliche Raumschiffe, die es unter heftigen Beschuss nahm. Die gegnerischen Schiffe stellten die Krebszellen dar. Der junge Patient ließ sein imaginäres Raumschiff regelmäßig gegen den Krebs anrücken, also auch außerhalb der wöchentlichen Sitzungen bei Patricia Norris. Eines Tages konnte das gute Raumschiff keine gegnerischen Raumschiffe mehr finden, was der Junge seiner Therapeutin mitteilte. Patricia Norris veranlasste daraufhin eine Computertomographie des Gehirns. Der Tumor war vollständig verschwunden, obwohl die Ärzte keinerlei medizinische Behandlungen mehr durchgeführt hatten und der Junge als unheilbar galt.

Einen ähnlichen Fall aus den USA beschrieben der Kinderarzt Daniel Kohen aus Minnesota und die Kinderärztin Karen Olness aus Ohio. Beide sind als Professoren an Universitäten tätig. Sie berichteten im Jahr 1996 von einem elfjährigen Mädchen, das am gesamten Körper an Nesselausschlägen litt. Die roten Quaddeln traten vor allem in bestimmten Stresssituationen auf. Durch einen imaginären Joystick gelang es dem Mädchen, die allergische Hautreaktion abzuschalten, wann immer sie auftrat.

Da es sich um Einzelfälle handelte und die Ärzte und Therapeuten keine begleitenden Studien durchführten, können aus diesen Berichten natürlich keine sicheren Rückschlüsse darauf gezogen werden, ob das Mädchen und der Junge ihre spontanen Heilungen wirklich durch ihre Fantasie bewirkt hatten. Jedoch riefen die faszinierenden Vorfälle andere Wissenschaftler auf den Plan, die herausfinden wollten, wie viel Macht unsere Vorstellungskraft auf unseren Körper ausübt. Können wir uns durch unsere Fantasie gesund halten oder sogar Krankheiten heilen? Was manche vielleicht als Humbug abtun würden, entpuppte sich in wissenschaftlichen Experimenten als plausibel.

Möglicherweise fragen Sie sich jetzt, was Fantasie und imaginäre Killer-Raumschiffe, die bis an die Zähne bewaffnet sind, mit den immunsystem-stärkenden Wirkungen der Waldluft zu tun haben. Bevor wir zu diesem Zusammenhang kommen, lassen Sie mich Ihnen noch über ein paar hochinteressante wissenschaftliche Erkenntnisse berichten. Es geht um die Wirkung der Fantasie auf unser Immunsystem, auch das ist Psychosomatik.

In Experimenten konnten zwei australische Wissenschaftler beweisen, dass meditative Fantasiereisen die Dauer von Erkältungserkrankungen und grippalen Infekten verkürzen18. Zu diesem Zweck leiteten die australische Medizinerin Barbara Hewson-Bower und der Universitätsprofessor Peter Drummond von der australischen Murdoch Universität ihre Versuchsteilnehmer an, sich bildhaft vorzustellen, wie ihr Immunsystem gegen die Bakterien und Viren anrückte. Das fantasiereiche Aufpeppen der körpereigenen Abwehrkräfte klappte. Die Patienten, die sich selbst durch ihre Fantasie behandelten, wurden im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Fantasieübungen signifikant schneller gesund.

Noch beeindruckender fiel eine Serie von Studien aus, die zwischen 1992 und 2007 im Rainbow Kinderspital in Cleveland, Ohio, stattfanden. Ein Team von Ärzten und Wissenschaftlern führte gemeinsam mit High-School-Schülern und College-Studenten, die als Versuchspersonen mitmachten, Experimente durch, in denen sie nur durch die Kraft der Fantasie das Immunsystem beeinflussen wollten. Das Forscherteam hatte es auf die Neutrophilen abgesehen. Das sind die »Erste-Hilfe-Zellen« unseres Immunsystems, die bei Angriffen als Sofortmaßnahmen Entzündungsreaktionen auslösen. Sie können, wann immer sie gebraucht werden, extrem schnell aus der Blutbahn ins Körpergewebe eindringen, um gegen Krankheitserreger anzurücken. Man kann sie sich so wie Spiderman vorstellen: Um schnell und am richtigen Ort aus der Blutbahn zu klettern, müssen sich die Neutrophilen mit etwas Klebrigem festhalten und herausziehen. Sonst würde sie der Blutstrom mitreißen und sie würden ihr Ziel verpassen. Das wäre für Erste-Hilfe-Zellen äußerst unvorteilhaft. Daher verfügen sie über sogenannte Adhäsions-Substanzen, also über klebrige Stoffe. In den Experimenten in Cleveland wurden die Versuchspersonen gebeten, sich in ihrer Fantasie vorzustellen, wie ihre Neutrophilen immer klebriger werden, um bessere Arbeit leisten zu können. Dazu konnten die Teilnehmer jedes beliebige Kopf-Kino ablaufen lassen. Ein Student stellte sich seine Neutrophilen zum Beispiel als Tennisbälle vor, aus denen Honig quoll, der sie ganz klebrig machte. Diese Fantasieübungen wurden über zwei Wochen durchgeführt. Danach wurden Blut- und Speichelproben der Teilnehmer untersucht und siehe da: Die Haftungsfähigkeit der Neutrophilen hatte sich tatsächlich erhöht19. So konnten sie ihrer Aufgabe als flinke Erste-Hilfe-Zellen besser nachkommen.

Dass unsere Psyche mit unserem Immunsystem verwoben ist und dieses beeinflussen kann, ist längst wissenschaftlich belegt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich auch unsere Fantasie auf das Immunsystem auswirkt. Dass der Aufenthalt im Wald die Anzahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen erhöht, haben wir schon ausführlich beleuchtet. Wieso sollte es also nicht gelingen, anstatt der Klebrigkeit der Neutrophilen mithilfe der Fantasie auch die Effekte auf die Killerzellen zu verstärken? Waldluft und Fantasie könnten auf diese Weise einander verstärken, innere Bilder und Natur gemeinsam zu einem noch stärkeren Doping für unser Immunsystem werden.

Wenn wir versuchen, mithilfe unserer Fantasie Einfluss auf unseren Körper oder unsere Psyche zu nehmen, handelt es sich um Selbst-Suggestion. Der französisch-schweizerische Psychoanalytiker Charles Baudouin, der von 1893 bis 1963 lebte, sagte: »Suggestion ist die unterbewusste Verwirklichung einer Idee«20. Bei unserer geplanten Selbst-Suggestion mittels der geheimnisvollen Kräfte unserer Fantasie lautet die Idee: »noch mehr Killerzellen«. Die Frage ist nur: Welches Symbol für Killerzellen wählen wir am besten aus, um diese Idee durch Suggestion umzusetzen? Ihrer Fantasie sind bei diesem Experiment keine Grenzen gesetzt! Finden Sie Ihren persönlichen Code, den nur Sie selbst verstehen und entschlüsseln können. In der folgenden Übung habe ich Fantasiebilder eingesetzt, die mir als Beispiele eingefallen sind. Fühlen Sie sich jedoch frei, sie durch Ihre eigenen inneren Bilder und Symbole zu ersetzen.


Übung: Die geheimnisvolle Kraft der Fantasie im Wald aktivieren

Ankommen

Spazieren Sie zuerst eine Weile durch den Wald und versuchen Sie, die Hektik des Alltags hinter sich zu lassen. Schalten Sie ein wenig ab und lassen Sie die Waldatmosphäre auf sich wirken: Die knorrigen Wurzeln, die raue Borke der Bäume, das weiche Moos am Boden. Vielleicht sehen Sie hie und da einen buschigen Farn, der aus einem modrigen Baumstamm wächst. Nehmen Sie die Gerüche des Waldes bewusst auf. Seien Sie sich der Anwesenheit von Wildtieren gewahr, auch wenn Sie diese gerade nicht sehen. Der Wald ist erfüllt von Leben. Über, sowie unter der Erde. Die Hüte, die Sie von den Pilzen an der Oberfläche sehen, sind nur deren Fruchtkörper. Das eigentliche Lebewesen »Pilz« ist ein wunderschönes, vielfach verzweigtes, ständig aktives und wachsendes Geflecht, das unter Ihren Füßen das Erdreich durchzieht. Dabei kann sich ein einziges Pilzwesen über hunderte Meter erstrecken und überall rund um Sie seine Hüte aus dem Boden recken. Pilze leben häufig in Symbiose mit den Wurzeln der Bäume und anderer Pflanzen. Sie wachsen in die Wurzeln hinein und tauschen Nährstoffe mit diesen aus. Der Baum hat die Fähigkeit, aus dem Sonnenlicht Kohlenhydrate zu gewinnen, von denen er dem Pilz etwas abgibt. Im Gegenzug reicht der Pilz dem Baum Wasser und Nährstoffe aus dem Boden dar, die er mit seinem weit verzweigten unterirdischen Geflecht besonders gut aufnehmen kann. Dadurch vernetzen Pilze praktisch alle Bäume des Waldes und auch andere Pflanzen untereinander. Sie machen ganze Landstriche aus Wäldern zu miteinander verbundenen, hoch komplexen Lebensräumen. Und in dieses lebende Gewebe tauchen Sie nun ein. Sie verschmelzen mit ihm. Denken Sie beim Spazieren auch an die unzähligen Substanzen, die all die Bewohner des Waldes an die Luft abgeben. Stellen Sie sich dabei Ihr Immunsystem als ebenso komplexes, kommunikationsfähiges System vor, das längst mit dem Wald und seinen Substanzen interagiert und kommuniziert. Sie können zum Beispiel im Gedanken zu sich selbst sagen: »Ich bin ein Teil des Waldes«. Oder Sie stellen sich das Immunsystem als eine Art organische Antenne vor, die aus Ihnen heraus ragt.

Wenn Sie die Hektik des Alltags hinter sich gelassen und sich auf diese Weise auf den Wald eingelassen haben, suchen Sie sich einen Platz, an dem Sie sich wohlfühlen. Das kann ein Baumstamm oder ein Baumstumpf sein, ein Felsen, ein Stein oder ein trockenes Kissen aus Moos. Natürlich können Sie sich auch auf eine Bank setzen. Wenn Sie bei Ihrer Fantasieübung von anderen Spaziergängern nicht gesehen werden wollen, suchen Sie sich einfach einen Ort abseits der Wege. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass wir uns besser entspannen können, wenn wir von unserem Versteck aus zwar den Überblick haben, von rundherum jedoch nicht gesehen werden können.

Entspannung

Machen Sie es sich an dem Platz, den Sie ausgewählt haben, bequem. Nehmen Sie eine angenehme Sitzposition ein, in der Sie verweilen möchten. Sie können natürlich auch liegen oder sich an einen Baum lehnen. Achten Sie aber jedenfalls darauf, eine offene Haltung einzunehmen. Sie sollen das Gefühl haben, dem Wald gegenüber geöffnet zu sein. Das erreichen Sie zum Beispiel, indem Sie Ihre Hände in den Schoß legen und die Handflächen nach oben drehen. Sie können auch Ihre Arme leicht öffnen.

Schließen Sie Ihre Augen und konzentrieren Sie sich für eine Weile auf Ihren Atem. Fühlen Sie einfach, wie Ihr Atem beim Einatmen in Sie einströmt und beim Ausatmen wieder aus Ihnen ausströmt. Atmen Sie entspannt und gleichmäßig. Bleiben Sie dabei ganz bei diesem Gefühl: Einatmen und Ausatmen. Nehmen Sie wahr, wie die Luft durch Ihre Nase strömt und wie sich Bauch und Brustkorb heben und senken. Dadurch wird Ihre Aufmerksamkeit auf ganz natürliche Art und Weise auf Ihren Körper gelenkt. Sie entspannen sich. Die Konzentration auf das Ein- und Ausatmen wird auch an psychosomatischen Kliniken angewendet, um die Patienten in einen Zustand der Entspannung zu führen und die Körperaufmerksamkeit zu fördern. Die Technik stammt aus der körperorientierten Psychotherapie21. Sie wirkt sehr effizient.

Öffnung und Aufnahme

Wenn Sie sich entspannt fühlen, folgt die erste Visualisierung: Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, wie die Anti-Krebs-Terpene aus der Waldluft beim Einatmen in Sie einströmen. Beobachten Sie zunächst, welche Bilder in Ihrer Fantasie dazu entstehen. Ich stelle mir meistens silbergrüne Nebelschwaden vor, die von den Baumkronen und den Sträuchern auf mich zuschweben. Beim Einatmen nehme ich wahr, wie dieser heilsame Nebel schneller wird, so, als würde er von mir angesaugt werden. Dann strömt er über die Nase in meine Lungen ein. Beim Ausatmen wird der silbergrüne Nebel ringsum etwas langsamer und wartet auf meinen nächsten Atemzug. Er sammelt sich rund um mich wie ein geheimnisvoller Schleier, aus dem ich tiefe Atemzüge nehme und der dem Luftstrom in meinen Körper folgt.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie der Nebel meine Lungen ausfüllt, in die Blutbahn übertritt und durch meinen gesamten Körper pulsiert. Er lässt mich mit dem Wald verschmelzen, verbindet mich mit den Bäumen und Sträuchern, den Pilzen und Kräutern, ähnlich wie das unterirdische Geflecht der Pilze die Wurzeln umfasst und alle Bäume miteinander vernetzt. Der heilsame Nebel sammelt sich immer dichter rund um mich und strömt schließlich auch über meine geöffneten Handflächen in mich ein. Er umfasst meinen gesamten Körper. »Ich bin ein Teil des Waldes«.

Wie auch immer Sie sich die gesunden Substanzen in der Waldluft vorstellen: Lassen Sie sich auf diese Fantasiebilder ein, nehmen Sie die Bildsprache Ihrer Seele ernst. Dass die Fantasie tatsächlich auf unsere Körperfunktionen wirken kann, wissen wir aus den oben zitierten wissenschaftlichen Studien. Ziel der Übung ist es, sich zu öffnen und körperlich aufnahmefähiger für die heilsamen Substanzen aus der Waldluft zu sein.

Mit dem Immunsystem kommunizieren

Nun folgt das Herzstück der Übung: Finden Sie ein Fantasiebild, das Ihre natürlichen Killerzellen symbolisiert, die durch die Anti-Krebs-Terpene in der Waldluft verstärkt werden. Ich stelle mir manchmal kleine, stachelige Morgensterne aus Stahl vor, die wie winzige Waffen durch mein Blut jagen, mir aber nichts anhaben. Der Blutstrom transportiert sie durch meinen Körper. Ich nehme wahr, wie sie mehr werden. Aus einem werden zwei, aus zwei werden vier, aus vieren werden acht und so weiter. Ich sehe den Vorgang vor meinem geistigen Auge immer schneller ablaufen: Aus zehntausend werden zwanzigtausend, vierzigtausend … Ich nehme wahr, wie die winzigen metallenen Morgensterne aus meinem Rückenmark herausquellen, wie aus einer riesigen, stampfenden Killerzellenfabrik. Sie werden in die Blutbahn aufgenommen.

Während die Anti-Krebs-Terpene aus der Waldluft mit Ihrem Immunsystem kommunizieren, senden nun auch Sie selbst codierte Symbolbotschaften an Ihr Immunsystem. Und sowohl die Botschaft von außen, aus der Waldluft, als auch die innere Botschaft ihrer Fantasie sind gleichgeschaltet: »Mehr natürliche Killerzellen!«

Schließlich können Sie sich auch noch vorstellen, wie die Killerzellen, die jetzt in Ihrer Fantasie regelrecht in Ihnen wuseln, noch aktiver werden und Krankheitserreger attackieren. Der Fantasie sind bei der Visualisierung dieses Vorganges keine Grenzen gesetzt. Um beim Beispiel der stählernen Morgensterne zu bleiben: Ich stelle mir häufig vor, wie diese immer schneller und schneller zu rotieren beginnen und dabei Bakterien und Viren regelrecht »wegfräsen«.22


Diese Fantasieübung lässt sich noch adaptieren und ausweiten. Wie berichtet, bewirkt die Aufnahme der Waldluft auch, dass unser Körper mehr Anti-Krebs-Proteine produziert. Mit etwas Kreativität ließe sich dieser Vorgang durch innere Bilder ebenso gut visualisieren. Denken Sie dabei daran: Diese Proteine assistieren den Immunzellen beim Kampf gegen Eindringlinge und entartende Körperzellen, die ein Tumorrisiko bergen. Sie sitzen in kleinen Geschossen, mit denen sie an ihr Ziel befördert werden. Dort dringen sie in die gefährlichen Zellen ein und zwingen diese zum Selbstmord oder vergiften sie. Dieses Szenario, das sich tagtäglich im menschlichen Körper abspielt, bietet mannigfaltige Möglichkeiten, in die bildhafte Sprache der Fantasie übersetzt zu werden.

Die Kraft der Fantasie wird übrigens auch in der Psychotherapie schon lange erfolgreich genutzt. Die Vertreter der sogenannten Tiefenpsychologie, zu der auch Sigmund Freuds Psychoanalyse gezählt wird, gehen davon aus, dass in uns Menschen unbewusste Kräfte wirken. Freud selbst war bekannt dafür, dass er die Fantasievorstellungen und auch die Träume der Menschen als Sprache des »Unterbewusstseins« verstand und zu entschlüsseln versuchte. Noch heute kommt dieser bildhaften Sprache eine große Bedeutung in der Psychoanalyse und in allen anderen tiefenpsychologischen Schulen zu. Unbewusste Anteile unserer Psyche kommunizieren also in Form von Fantasiebildern und Träumen mit uns. Das können auch Tagträume sein, die in uns auftauchen, ohne dass wir schlafen. Manche Therapeuten schicken ihre Patienten auf Fantasiereisen und lassen sie dann auf Papier malen, was sie gesehen haben. Die Gemälde werden durch die Patienten selbst, unter Beisein der Therapeuten, analysiert. Die Therapeuten gehen davon aus, dass sich unbewusste Inhalte der Psyche während der Fantasiereise manifestiert haben, sodass sie der Patient in den Malereien wiederfinden kann. Das Ganze lässt sich aber auch anders herum denken: Wir können die Sprache der Fantasie nutzen, um unserem »Unterbewusstsein« Botschaften zu schicken und dadurch unsere Psyche zu beeinflussen. Eine spezielle Richtung der Tiefenpsychologie baut sogar hauptsächlich auf dieser Idee auf. Es ist die Katathym-imaginative Psychotherapie. Ihre Vertreter versuchen nicht nur, unbewusste Vorgänge durch Fantasieübungen als Bilder und Symbole sichtbar zu machen. Umgekehrt versuchen sie auch, das psychische Erleben und Verhalten des Menschen, ja sogar den Körper, durch Fantasieübungen zu beeinflussen. Ein sehr bekanntes Symbol, das unser Gehirn versteht, ist der Radiergummi. Manche Therapeuten setzen den Fantasie-Radiergummi ein, um zum Beispiel wiederkehrende Zwangsgedanken oder Schuldgefühle »auszuradieren«. So bietet die Fantasie mit ihrer Bildsprache ein unterstützendes Medium, um die menschliche Psyche zu heilen.

Es sind aber nicht nur wir selbst, die mit unserem »Unterbewusstsein« interagieren können. Auch die Pflanzen und sogar ganze Landstriche können das. Im nächsten Abschnitt erfahren Sie, wie Pflanzen und Landschaften mit Ihren unbewussten Gehirnanteilen kommunizieren und wie Sie diese geheimnisvolle Verbindung nutzen können, um sich psychisch wohler zu fühlen, Stress abzubauen und »da draußen« Unterstützung in schwierigen Lebenslagen zu finden.


DIE NATUR UND DAS MENSCHLICHE UNBEWUSSTE
Wie Pflanzen und Landschaften mit unserem »Unterbewusstsein« kommunizieren, unseren Stress abbauen und unsere Konzentration fördern

»Die menschliche Psyche ist ein Produkt des Pleistozäns23, geformt durch die Wildnis, die alles andere als verschwunden ist.«

– David W. Orr, Professor für Umweltwissenschaften an der Universität von Vermont, USA24

Wir wissen bereits: Unser Immunsystem ist ein kommunikationsfähiges Sinnessystem, das außer mit anderen Körpersystemen wie Hormon- und Nervensystem auch permanent im Austausch mit der Umwelt steht. Das gilt natürlich auch für andere Organe unseres Körpers. In unserem Gehirn befinden sich Strukturen, die ununterbrochen mit der Außenwelt in Verbindung stehen und auf sie reagieren. Diese Strukturen arbeiten völlig autonom und ohne das Wissen ihres »Besitzers«. Sie können es sich bestimmt schon denken: Genau wie beim Immunsystem bleibt es auch in diesem Fall nicht ohne Folgen, wenn wir einen Wald, eine blühende Wiese oder einen romantischen Obsthain betreten.

Begleiten Sie mich in die Welt des Unbewussten, ins Reich der archaischen Gehirnfunktionen, die uns über Jahrmillionen Evolutionsgeschichte noch mit den Reptilien und Amphibien verbinden. Nähern wir uns unseren wahren Wurzeln, unserer neurobiologi- schen Verbindung mit der Natur, aus der wir stammen. Oder metaphorisch gesprochen: Was geschieht, wenn sich unser ständig aufnahmebereites Unbewusstes seiner Mutter nähert, nämlich der »Mutter Natur«?

Neuronale Spuren der Menschheitsgeschichte


Ich hatte einen Tagtraum. Er war so real, dass ich mich noch an jedes Detail erinnere, das ich erfahren habe. Noch nie zuvor hatte ich die Welt meiner Fantasie als so real erlebt. Ich durchstreifte eine Gebirgslandschaft und kam auf eine ausgedehnte Hochebene. Zwischen zwei Erhebungen lag eine große grüne Wiese, mit vereinzelt stehenden Nadelbäumen, links und rechts umgeben von Wäldern, die sich über sanfte Hügel in die Weite erstreckten, bevor sie an den Flanken der Hochebene endeten. Es dämmerte und ich konnte bereits die ersten Sterne am Himmel sehen. Doch ein Licht erhellte die Wiese, das in einem surrealen Kontrast zur Dämmerung stand. Ich kam zu einer Stelle, an der Bäume einen zu mir hin offenen Halbkreis bildeten. Es schien mir so, als wartete dieser Platz auf mich. Ich legte meinen Rucksack zu Boden und blickte in die Ferne über die Nadelwälder. Plötzlich wurde das Licht stärker und konzentrierte sich auf den Bereich, in dem ich stand. Mit dem Licht tauchte zwischen den Bäumen eine Gestalt auf, die offenbar die Natur hervorgebracht hatte. Es war ein alter Mann mit langem, grauem Haar. Ich konnte jede einzelne der Falten in seinem Gesicht sehen, die sich rund um seinen Mund zu einem milden, wohlwollenden Gesichtsausdruck vereinten. Wortlos sah er mich voll Güte und Verständnis an. Wenn ich die Gefühle, die der alte Mann in mir auslöste, in Worte fassen sollte, dann wäre das die Botschaft gewesen: "Du bist angenommen, so wie du bist. Hier bist du zuhause. Das ist die Natur deiner Seele, die Landschaft, der du entspringst."

Der langhaarige Mann mit dem wohltuenden Blick drückte mir eine kleine hölzerne Truhe in die Hand, in die Muster geschnitzt waren. Ich öffnete sie und nahm ein knorriges Stück Wurzelholz heraus. Es war ein Geschenk von großer Bedeutung für mich. Es drückte auf so einfache Art und Weise meine Verbundenheit mit der Natur aus, der ich entstammte. Ich bin, so wie die Bäume, verwurzelt in dieser Erde. Als ich das Wurzelholz berührte, fühlte ich eine Regung, die tief aus meinem Unterleib kam. Es war ein dumpfes, mächtiges Pulsieren, das sich dann zu einer Welle ausbreitete, die sich in meinem Körper rhythmisch nach oben bewegte. Ich fühlte diese Kraft in mir aufsteigen und hatte das Gefühl, aus meinen Schultern würden Äste wachsen, die sich nach oben ausstreckten, sich wie fühlende Antennen hin und her wogen. Der mächtige Pulsschlag, der aus meinem Unterleib kam, setzte sich in ihnen fort. Ich fühlte, wie mich die organischen Antennen mit den Bäumen ringsum verbanden. Der Alte griff nach meiner Hand, als er mir abermals in die Augen blickte. Das Gefühl, zuhause zu sein, von ihm angenommen zu sein, so wie ich bin, überkam mich erneut, als ich feststellte, dass mir Tränen über die Wangen liefen. Und das in der Realität. Ich lag auf einer weichen Matte am Boden, vollkommen entspannt, und ließ den Tränen ihren freien Lauf. So real war die Erfahrung, die ich gerade durchlebte. Die anderen Teilnehmer rund um mich bekamen von alledem nichts mit. Ich befand mich mit etwa zehn Personen in einem Raum und die Therapeutin, die uns in diesen Trancezustand geführt hatte, bereitete mit ihrer sanften Stimme unsere Rückkehr vor. Es war ein ganz normaler Donnerstagabend. Wie jeden Donnerstag befand ich mich in meinem Praktikum, das ich in meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten besuchte.

"Nehmen Sie Ihren Rucksack wieder auf die Schultern und machen Sie sich bereit für die Rückreise", sagte die Therapeutin. "Sie können aber auch Dinge aus dem Rucksack hier zurücklassen." Ich entschied mich, meine Selbstzweifel zurückzulassen, alle Selbstkritik, die immer wieder und wieder an mir nagte und mich an der Entfaltung meines Wesens hinderte. Wenn mich der alte Mann an diesem Ort unvoreingenommen annehmen konnte wie ich war, mit all meinen Schrammen und Makeln, wieso sollte ich selbst es nicht auch können? Der weise Mann nickte mir verständnisvoll zu. Ich griff nach seiner Hand. Ich wollte ihn nicht verlassen. Er schloss seine Augen und lächelte milde. Dann blickte er den Hang hinauf. Ich sollte zurückgehen. Etwas in mir wehrte sich vehement dagegen, diesen Ort und die Präsenz des gütigen Alten zu verlassen. Ich konnte mich kaum dazu überwinden. Ich las aus dem Blick des alten Mannes, dass er selbst, und dass dieser Ort, ohnehin ein Teil von mir waren und dass ich beides nicht verlieren konnte. Erst, nachdem mir dieses beruhigende Wissen vermittelt worden war, schaffte ich es, mich loszureißen und den Rückweg anzutreten.

"Sie können sich jetzt strecken, tief einatmen, und dann langsam Ihre Augen öffnen." Ich tat das als letzter. Als ich mich aufsetzte und mir heimlich die Tränen von den Wangen wischte, waren alle anderen längst wieder hellwach, während ich von der Begegnung mit dem Alten in der paradiesischen Naturlandschaft noch immer wie gebannt war. Um diesen Ausbildungstag überhaupt fortsetzen zu können, musste ich erst einmal an die frische Luft. Und es zog mich hinüber in ein Waldstück. Als ich die Bäume mit ihren alten, rauen Borken sah, fragte ich nach dem alten Mann. Er war noch hier, war die Antwort. Er war in den Pflanzen, im angrenzenden Bach. Und er war in mir.


Jetzt sind wir ganz nah am Phänomen »Biophilia«, der menschlichen Hingabe zur Natur, der inneren Sehnsucht nach ihr. Diese Trance-Reise war Ausdruck meines eigenen, in mir angelegten Bandes mit der Natur, welches mir als Homo sapiens – als Kind dieser Natur – innewohnt. Diese Bilder meines Unbewussten werden mir für immer in Erinnerung bleiben. Manchmal, meistens abends, rufe ich den magischen Ort in der Natur und den dort anwesenden alten Mann wieder in mein Gedächtnis und dann gelingt es mir, ein Stück dieser Berührtheit erneut zu fühlen. Doch was war es, das mich auf dieser Reise tief in die Welt meiner neuronalen Schaltkreise so berührte? Für mich persönlich spielen in diesem Erlebnis zwei Komponenten eine wichtige Rolle.

Erstens hatte der Ort in der Natur etwas Paradiesisches für mich. Meine Fantasielandschaft war voll von beruhigenden Reizen: Sanfte, weite Wiesen, schützende Bäume, nahrhafte Wälder und das Zwitschern der Vögel. Das sind die Bauteile des Biophilia-Effekts. Wir werden uns gleich damit beschäftigen, welche Reize aus der Natur es sind, nach denen wir uns unbewusst sehnen und die uns im realen Leben psychische Heilung spenden können. Die strahlende Naturromantik spiegelte meine eigene Sehnsucht nach artgerechten menschlichen Lebensräumen wider. Der Homo sapiens entwickelte sich über Jahrmillionen aus der Natur, in der Natur und mit der Natur. Klar sind wir, aus evolutionären Gesichtspunkten, innerlich mit natürlichen Lebensräumen mehr verbunden als mit städtischen, technologischen und hochmodernen. An den zeitlichen Maßstäben der Evolution gemessen, leben Menschen gerade einmal seit ein paar Millisekunden in modernen Städten und verfügen über industrielle Technologien. Ich hätte diese berührenden Gefühle niemals erlebt, wenn ich mich auf Fantasiereise in eine Straßenschlucht oder Maschinenhalle begeben hätte. Biophilia ist ein Produkt der menschlichen Stammesgeschichte. Roger Ulrich, Professor für Architektur und Gesundheitswissenschaften an der technischen Chalmers Universität in Schweden, schrieb: »Als Überbleibsel der Evolution dürften Menschen die biologisch angelegte Neigung haben, dauerhafte positive Reaktionen auf die Natur zu zeigen, während sie diese Reaktionen auf die städtische und moderne Umgebung nicht aufweisen.«25 Auch das ist eine treffende Beschreibung des Biophilia-Effekts.

Dass in unseren Gehirnen unbewusste Bilder von einem evolutionären Zuhause existieren, ist also ebenso wenig verwunderlich wie die Tatsache, dass es sich dabei meist um Bilder von unberührten, wilden Naturlandschaften handelt. Ich bin nicht der einzige, der auf Trance-Reise einen natürlichen Lebensraum gesehen hat, um sich darin geborgen zu fühlen. Die Therapeutin, die mit uns die Reise durchführte, erzählte mir später, dass ihr die Teilnehmer sehr häufig von solchen »Visionen« berichten. Fantasieorte mit natürlicher Idylle würden fast immer zutiefst berührende Gefühle auslösen und zu heilsamen psychologischen Prozessen sowie Einsichten führen, berichtete sie.

Es gibt noch einen zweiten, sehr entscheidenden Punkt, weshalb mich meine Trance-Reise so berührte. Dabei geht es um den alten, wohlwollenden Mann, dem ich begegnete. Er kam »aus der Natur« zwischen den Bäumen hervor, erschien mir wie ein Teil der Landschaft oder als die Seele dieser Landschaft. Er war mit dem magischen Licht verwoben, das dort herrschte. Es kann nicht deutlicher werden: Der Alte mit dem langen Haar und dem heilsamen Gesichtsausdruck steht für die positiven Aspekte der Naturerfahrung. In der Natur zu sein, fernab der modernen Zivilisation, weit weg von Straßenlärm, Konsumterror und vor allem weit weg von den Erwartungen eines Vorgesetzten, einer Schuldirektorin oder einer ganzen Gesellschaft, bedeutet für uns Menschen, angenommen zu sein, wie wir sind. In der Natur, in der Wildnis, ist jeder von uns ein Lebewesen unter unzähligen Lebensformen. Wir sind umgeben von Pflanzen und Tieren, Pilzen und Mikroorganismen, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie verurteilen uns nicht und stellen keine Ansprüche an uns, wie wir zu sein oder nicht zu sein haben. Wir sind einfach unter ihnen, verwoben mit ihnen im al- lumspannenden Netz des Lebens, und niemand sucht nach Fehlern, um sie uns vorzuhalten. Keiner versucht, uns in ein Korsett zu zwängen oder verlangt uns bestimmte Leistungen ab. In der Natur können wir sein, wie wir sind. Wir können fleißig oder faul sein, traurig oder fröhlich, schnell oder langsam, introvertiert oder extrovertiert, heterosexuell, homosexuell, transsexuell oder asexuell, leistungsstark oder am Boden zerstört, können körperlich dem Ideal der Gesellschaft entsprechen oder auch einen ganz und gar nicht gesellschaftskonformen Körper haben. Die Natur, die Tiere, die Pflanzen, sie beurteilen uns nicht. Genau das hat mir der weise Alte auf meiner Trance-Reise vermittelt. Er blickte mich an, mit einem Gesichtsausdruck, der völlig frei von jeglicher Wertung und Erwartung war: »Du bist gut, so wie du bist. Hier kannst du sein, wie du bist.«

Das Prinzip des Lebens, das sich in der Natur ausdrückt, lässt uns vorbehaltlos an der Lebenskraft teilhaben, die auch uns selbst durchdringt. Auch dieser Aspekt drückte sich in meiner Fantasie aus, als sich ebendiese natürliche Lebenskraft als ein mächtiges Pulsieren in meinem Körper bemerkbar machte, mich durchdrang, ja regelrecht durchwuchs, um mir lebendige Antennen aus Ästen wachsen zu lassen. Diese Symbolik der Selbstentfaltung, die sich mein Unbewusstes für mich ausdachte, empfand ich als sehr ausdrucksstark. Welch ein Biophilia-Effekt!

Erst nach meinem Trance-Erlebnis erfuhr ich durch meine Recherchen, dass das »So-sein-dürfen-wie-man-ist« einen der bekanntesten psychologischen Heilwirkungen des Aufenthalts in der Natur darstellt. Auf diesen Aspekt werde ich jedenfalls später noch zurückkommen, wenn es darum geht, wie die Natur zur Psychotherapeutin wird. Zunächst möchte ich aber noch bei den Neuronen bleiben, bei den Fragen um die menschliche Evolution und das menschliche Gehirn. Es geht noch immer um unser Unbewusstes und seine Verbindung mit der Natur, die in meiner Trance-Reise so deutlich wurde.

Von archaischen Gehirnstrukturen

»Die Menschen sollten wissen, dass aus nichts anderem als dem Gehirn Freuden, Wonnen, Gelächter, Spott sowie Kummer, Leid, Verzweiflung und Wehklagen hervorkommen.«

– Hippokrates von Kos, berühmtester Arzt der griechischen Antike, 460 bis 370 vor unserer Zeitrechnung.26

Der Begriff des Unbewussten wird seit dem 18. Jahrhundert gebraucht. In den Medien und in populären Büchern wird oft vom »Unterbewusstsein« gesprochen. Diesen Begriff verwendete aber selbst Sigmund Freud nicht. Freud sprach ausschließlich vom Unbewussten. »Unterbewusstsein« ist eine Erfindung aus der modernen Alltagssprache und trifft nicht das, was eigentlich damit ausgedrückt werden soll. Es suggeriert nämlich, dass es so etwas wie eine Hierarchie in der menschlichen Psyche gäbe und das »Unterbewusste« wäre dann ein untergeordnetes Fach. Es ist auch keine verstaubte alte Truhe am Dachboden, in die wir nie hinein blicken. Deswegen vermeide ich in diesem Buch den Begriff des Unterbewusstseins, sofern es geht, und spreche lieber vom Unbewussten oder setze den Begriff unter Anführungsstriche.

Manchmal erleben wir Gefühle oder Verhaltensmuster, natürlich auch Ängste, deren Ursachen uns nicht bewusst zugänglich sind. Es handelt sich also um unbewusste Inhalte unserer Seele oder um grundlegende Lebensfunktionen des Gehirns, die völlig ohne unser Zutun ablaufen und ohne dass wir irgendetwas davon bewusst mitbekommen.

Manche Psychologen sagen, die Ursachen für Gefühle und Verhaltensweisen können in unserer Psyche »untertauchen« und dann aus der Tiefe auf uns einwirken. Deswegen fassen Wissenschaftler alle psychologischen und psychotherapeutischen Ansätze, die sich auf das Unbewusste konzentrieren, als Tiefenpsychologie zusammen.

Auch Emotionen können ihre Ursachen im Unbewussten haben. In England und Schweden führten die Neurowissenschaftler Ray Dolan und Arne Öhman eine Serie von Experimenten durch. Beide sind Universitätsprofessoren. Sie zeigten den Versuchsteilnehmern eine Reihe von Gesichtern, darunter auch ein zorniges. Immer dann, wenn das zornige Gesicht auftauchte, bekamen die Teilnehmer einen leichten, völlig ungefährlichen Stromschlag in den Finger versetzt. Aus dem Schulunterricht ist Ihnen sicher noch der Pawlowsche Hund bekannt. Dieser wurde durch das Ertönen einer Glocke bei gleichzeitiger Futtergabe so konditioniert, dass auch die Glocke alleine schon den Speichelfluss auslöste. Klassische Konditionierung eben. Etwas Ähnliches führten Ray Dolan und Arne Öhman an ihren Versuchsteilnehmern durch, die keine Hunde waren, sondern Menschen. Und tatsächlich: Die leichten Stromstöße in Kombination mit dem zornigen Gesicht führten dazu, dass die Versuchsteilnehmer unbewusst auf das Gesicht reagierten. Und zwar auch dann noch, als keine Stromstöße mehr verabreicht wurden und die Elektroden wieder von ihren Fingern genommen worden waren. Es bestand also keine Gefahr mehr, einen Stromschlag zu spüren, aber dennoch reagierten die Teilnehmer jedes Mal, wenn ihnen nun das zornige Gesicht gezeigt wurde. Die Hautleitfähigkeit an den Händen erhöhte sich prompt, da die Teilnehmer an den Handflächen zu schwitzen begannen. Das war eine körperliche Reaktion auf das zornige Gesicht, das mit dem unangenehmen Gefühl eines Stromschlages verbunden worden war. Der relevante Teil kommt aber erst.

Ray Dolan und Arne Öhman führten ihren Versuchsteilnehmern nun verschiedene neutrale Gesichter vor. Die Teilnehmer reagierten nicht darauf. Dann wurde das zornige Gesicht den Teilnehmern allerdings wieder untergejubelt, indem es für Sekundenbruchteile zwischen den neutralen Gesichtern aufblitzte. Siehe da: Obwohl die Versuchsteilnehmer angaben, das zornige Gesicht nicht gesehen zu haben, reagierten sie schlagartig durch verstärktes Schwitzen darauf. Sie hatten das Gesicht also nicht bewusst wahrgenommen, unbewusst mussten sie es aber wahrgenommen und eine messbare Reaktion gezeigt haben. Auf die Versuche von Ray Dolan und Arne Öhman baut das Konzept der unbewussten Emotion auf.27 Unser »Unterbewusstsein« ist verdammt schnell. Es reagiert auf Reize von außen, noch bevor wir überhaupt etwas von diesen Reizen mitbekommen. Und es löst Emotionen aus, deren Ursachen uns daher im Verborgenen bleiben. Es handelt sich um völlig unbewusste Prozesse. Wir werden gleich sehen, dass die Natur voll von Reizen ist, die unbewusste Emotionen auslösen – positive und angenehme wie negative und unangenehme.

Auf der Suche nach den verborgenen Ursachen für unsere Empfindungen und unsere Verhaltensweisen ist die Neurobiologie auf einige uralte Gehirnstrukturen des Menschen gestoßen. Was sich dort abspielt, kann ohne Übertreibung als das aller Unbewussteste des »Unterbewusstseins« bezeichnet werden. Nichts in unserer Psyche bleibt uns mehr verborgen, als die Abläufe in diesen alten Gehirnarealen. Dennoch wirken sie sich drastisch auf unser Erleben und Verhalten und auch auf unsere Emotionen und Gefühle aus. Es sind dieselben Strukturen, die auch dann anspringen, wenn wir uns in der Natur aufhalten. Es ist unser Reptiliengehirn, auch als Stammhirn bezeichnet, und es ist das limbische System, das sich ringförmig um das Reptiliengehirn legt.

Beim Reptiliengehirn handelt es sich um ein archaisches Erbe des Menschen und anderer Tiere, das bereits sage und schreibe 500 Millionen Jahre lang durch die Evolution erprobt ist. Es verbindet uns, wie der Name schon sagt, sogar mit den Reptilien und Amphibien. Das Reptiliengehirn ist zwar nicht größer als ein Daumen, steuert aber die wichtigsten lebensnotwendigen Funktionen unseres Körpers wie Herzschlag, Blutdruck, Atmung und Schwitzen. Das Reptiliengehirn wacht über uns, wenn wir schlafen. Bis ins Detail steuert es die verschiedenen Schlafphasen und leitet unsere Träume ein, während es andere Teile des Gehirns aktiviert, damit wir im Schlaf Erlebnisse haben können. Der Botenstoff Serotonin wird ebenfalls im Reptiliengehirn produziert und spielt eine wichtige Rolle bei der Steuerung unserer emotionalen Befindlichkeit. Kurzum: Das Reptiliengehirn ist eine wichtige, völlig unbewusst und selbständig arbeitende Schaltzentrale, die immensen Einfluss auf unsere Lebensfunktionen und auf unser emotionales Befinden hat. Und es steht in permanentem Austausch mit der Umwelt. Viele Eindrücke aus der Außenwelt gibt unser Reptiliengehirn an unser Gehirn weiter, weil im Reptiliengehirn zehn von zwölf Gehirnnerven ihre Kerne haben. So reagiert es auch blitzartig auf unterschiedliche Reize, wenn wir uns in der Natur befinden.

Für unsere archaische Verbindung mit der Natur ist das limbische System von ebenso großer Bedeutung. Das limbische System bringt es evolutionär auf ein Alter von 200 bis 300 Millionen Jahren. Dieses altgediente Hirnareal ist zu großen Teilen – aber nicht alleine – für unsere Emotionen und Gefühle verantwortlich und beeinflusst übrigens auch unsere Sexualität. In einem späteren Kapitel, wenn es um die Erfahrung der Natur und das menschliche Sexualleben geht, werde ich auf diesen Aspekt noch zurück kommen. Das limbische System teilt uns mit, wann wir entspannt sein und uns erholen können, aber auch, wann wir aktiv und fluchtbereit sein sollen. Diese Funktion ist von außerordentlicher Bedeutung, wenn wir uns gleich damit befassen werden, wie wir durch den Aufenthalt in der Natur zum Beispiel Stress abbauen, zu neuen mentalen Kräften finden, unsere Aufmerksamkeit wiederherstellen oder Ängste und Sorgen ablegen können.

Moderne Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass Abläufe im limbischen System auch bei psychischen Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie, Angststörungen oder der bipolaren Störung, die auch als »manisch-depressive Erkrankung« bekannt ist, eine Rolle spielen28.

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