Kitabı oku: «Leb wohl, Schlaraffenland»

Yazı tipi:


Roland Düringer, Clemens G. Arvay: Leb wohl, Schlaraffenland

Inhalt

Vorwort

Ein kurzes Nachwort als zweites Vorwort

Das gute Leben

Das Leben als Experiment

Leben ist Wandel

Vom Glücklichsein

Sinn im Leben

Vorausblickend denken

Was ist Selbstverwirklichung?

Zurück in die Siebziger?

Gültige Stimme

Mobilität

Kommunikation

Technik

Energie

Leben und Sterben

Medien

Arbeit und Konsum

Plastikgeld und Banken

Lebensmittel

Keine Angst vor Entscheidungen!

Traumhafte Angebote

Vorwort

Oftmals ist ein Vorwort ja nichts anderes als ein als „Vorwort“ deklariertes Nachwort. Das heißt: Der Autor schreibt – nachdem er sein Werk vollendet hat und ihm daher der Inhalt seines Buches bereits bekannt ist – ein „Vorwort“ zur Einführung. Mein Vorwort schreibe ich hingegen heute, am 5. Juli 2013, also lange bevor eine Zeile dieses Buches zu Papier gebracht beziehungsweise „in den Computer hineingeklopft“ wurde. Ich schreibe also über etwas, das ich noch nicht kenne, gar nicht kennen kann. Woher auch? Was es heute schon gibt, ist eine Absicht: Die Absicht, ein Buch zu veröffentlichen, es also auf den Markt zu bringen. Und dazu sind mir bereits ein paar Eckdaten bekannt:

- Erscheinungstermin ist Mitte November 2013, gerade noch rechtzeitig vor dem alljährlichen Weihnachtskaufrausch.

- Ein Coverentwurf mit dem Titel „Leb wohl Schlaraffenland – Die Kunst des Weglassens“, in Grün gehalten, liegt auf meinem Schreibtisch. Als Autoren zeichnen die Herren Roland Düringer und Clemens G. Arvay.

- Termine für Buchpräsentationen sind bereits fixiert, mediale Auftritte werden verhandelt. Kooperationen mit Medien werden angedacht und der eine oder andere Interviewtermin steht schon.

- Der Ladenpreis ist, hörte ich, bereits festgelegt, mir aber im Moment entfallen. Das Ding ist also im Laufen und es gibt kein Zurück.

Dieses Buch auch tatsächlich zu schreiben wäre insofern kein Fehler, denn was nicht geschrieben wurde, kann auch schwerlich gelesen werden. Und schon zeigt sich die erste Hürde, der erste große Stolperstein. Ein Felsbrocken, möchte ich meinen, legt sich in den Weg: Ich schreibe nicht!

Ich denke mir gerne etwas aus und erzähle es anderen. Ich liebe es, in fremden Köpfen Bilder entstehen zu lassen, aber das Schreiben wurde mir zur Pein. Es wurde mir zur Strafe gemacht und das im wahrsten Sinn des Wortes. Ungebührendes Verhalten in der Schule wurde durch Schreibaufgaben bestraft. Ich weiß nicht mehr, wie viele Seiten ich aus dem Lesebuch abschreiben musste – zur Strafe und zur Besserung, also zu meinem angeblichen Besten. Zugegeben, vielleicht hatte mir die eine oder andere abzuschreibende Seite gebührt, denn es schickt sich einfach nicht, das offene Klassenbuch und damit im selben Zug auch das beige Kostüm der Klassenlehrerin mit Tinte zu versauen, auch wenn es nur eine Mutprobe war. Dies war kein strafmilderndes Argument.

In der Summe waren es jedenfalls einfach zu viele Seiten, die ich zur Strafe schreiben musste, um der körperlichen Untätigkeit des Schreibens heute noch etwas abgewinnen zu können.

Auch jetzt sitze ich vor dem Computer und schlage die Tasten an. Ich tippe, vertippe, korrigiere, tippe … Dabei starre ich ins Flimmern des Bildschirms. Der Schultergürtel verspannt sich allmählich und mein Sitzfleisch geht verloren. Ich bin daher wirklich froh! Ich bin froh darüber, dass mir jemand anderes die Last des Schreibens von meinen schmerzenden Schultern nehmen wird. Jemand, der offenbar nicht durch Schreiben bestraft wurde, sondern der sogar darin aufgeht, und für den das Schreiben mehr bedeutet, als bloß mittels Tastatur in einem Computer schwarze Punkte entstehen zu lassen. Seine Berufung ist die Schreiberei und sein Name Clemens. Eigentlich Clemens G., was sich sehr elegant schreibt, gesprochen dann aber doch etwas protzig und angeberisch klingt. Dies zumindest, sofern man auch den „Punkt“ mit ausspricht: „G-Punkt.“

Clemens hat schon einige erfolgreiche Bücher verfasst. Es sind systemkritische Bücher über die Machenschaften der Lebensmittelkonzerne. Systeme, Machenschaften und die daraus entstehenden Zwänge sind auch Themen in meiner Arbeit. So haben wir uns vor geraumer Zeit gefunden, Zeit miteinander verbracht, miteinander gegessen und getrunken und oftmals im Beisein meiner geliebten Frau über Gott und die Welt, aber zumeist über das Leben an sich geplaudert. Clemens arbeitet gerade an einem neuen Buch und ich bin bald wieder mit meinen satirischen Vorträgen in Österreich unterwegs. So bleibt uns nicht viel Zeit, unsere Gedanken in ein Buch zu packen, zumal uns unser Verleger ja bereits einen Coverentwurf präsentiert und um einen Text für den Buchkatalog gebeten hat.

Wir haben also folgenden schlauen Plan: Clemens baut gerade zwei Videokameras in meinem Garten auf. Sobald das Bild eingerichtet ist, werden wir uns in dieses Bild rücken, die „Mühlen“1 anwerfen und unser Gespräch beginnen. Als Ausgangspunkt dafür haben wir meinen Selbstversuch „Gültige Stimme“, mein seit 2. Januar im Internet veröffentlichtes Videotagebuch, gewählt. Dabei geht es um die Kunst des Weglassens, um meinen persönlichen Rückzug aus unterschiedlichen Systemen. Clemens hat sich in den letzten Tagen etwa hundert Tagebucheinträge angesehen. Armer Clemens, aber er hat es ja selbst so gewollt. Dabei sind für ihn sicher einige Fragen aufgetaucht, die er mir nun stellen wird und ich werde sie so gut wie möglich beantworten und dabei, wie ich mich kenne, vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Gut möglich, dass wir sogar übers Motorradfahren reden werden, eines meiner Fachthemen. Ich habe keine Ahnung, wie lange unsere Gespräche dauern werden. Geplant sind vorerst drei Tage. Da werden die Kameras quietschen und ächzen. Unmengen an Gerede werden auf Datenspeichern komprimiert werden.

Falls es uns nach drei Tagen genug erscheint – und ich denke, das wird es – ist damit mein Beitrag zu diesem Buch vorerst geleistet. Danach wird eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter des Verlages (ich weigere mich, „MitarbeiterIn“ zu schreiben, denn die Zeit für den männlichen Mitarbeiter muss alleine schon aus Respekt vorhanden sein) die undankbare Aufgabe erhalten, stundenlanges, undeutliches und dialektlastiges Geplaudere ins Hochdeutsche zu transkribieren. „Nau, do wean sa se dabei fest auscheiß’n“. Die transkribierte Rohfassung wird dann an den „Schreiberling“ Clemens G. Arvay übermittelt werden und dann: Ran an die Tasten, mein lieber Freund! Zusammenfassen, streichen, kopieren, einfügen, verschieben. Kurzum: stundenlanges Geplappere in Buchform bringen. Clemens, Clemens, darum werde ich dich nicht beneiden.

Nach einigen Wochen der Vorfreude wird dann ein dickes Kuvert mit dem Manuskript in meinem Postkasten landen. Das ist dann fast ein wenig wie Weihnachten. Vielleicht noch ein paar kleine Korrekturen und Verbesserungsvorschläge meinerseits und dann ab in die Druckerpresse. So werden heute Bücher gemacht. Vielleicht hatten Sie auch die naive Vorstellung von einem Autor, der monatelang seine Ergüsse unter Schmerzen zu Papier bringt, mit dem Manuskript von Verleger zu Verleger wandert, dabei die Klinken putzt und mit Menschen, die er gar nicht so recht leiden kann, essen geht und auf die Veröffentlichung seines Werkes hofft. Ähnliche Vorstellungen hatte auch ich einmal im Kopf. Aber die Welt dreht sich nun schneller und überholt sich fallweise selbst. Hinten ist plötzlich Vorne. Es kann auch beim Motorradfahren – übrigens ebenfalls „fallweise“ – passieren, dass dich das Hinterrad überholt. Dies endet aber zumeist mit einem Bauchklatscher.

Was ich mir wünsche: „Leb wohl Schlaraffenland“ soll kein Buch über mich werden, sondern über all jene Menschen, die so wie ich auf der Suche nach dem „Guten Leben“ sind und das selbstständige Denken nicht verlernt haben. Ich zähle mich dazu. Die Lust am Schreiben hat man mir in der Schule genommen, die Freude am Sprechen nicht, da ich etwas zu sagen habe. Das Selbstdenken konnte ich mir bewahren. Aber das ist nicht unbedingt eine Frage der Bildung.

Ah, Clemens winkt herüber, die Kameras sind bereit. Möge unsere Übung gelingen!

Und damit ich es nicht vergesse: Ein Vorwort werde ich irgendwann noch schreiben müssen, aber dabei werde ich mich wohl kurz fassen.

Roland Düringer, 5. Juli 2013

Ein kurzes Nachwort als zweites Vorwort zum vorliegenden Buch

Heute ist der 25. September 2013 und die erste Version des Manuskripts zu unserem Buch ist fertig. Krystian vom Verlag war es, also ein „MitarbeiterIn“, der es in kurzer Zeit geschafft hatte, stundenlang gesprochenes, nur bedingt deutschsprachiges Wort aus Videoaufnahmen in Schriftform zu bringen. Wieder jemand, der mich sicher nicht mehr hören und sehen kann. Danke und meine Hochachtung, lieber Krystian.

Und auch meinen Respekt an dich, Clemens. Es ist dir gelungen, Ordnung und Sinn in die folgenden Seiten zu bringen und unser Gespräch lesbar und übersichtlich darzustellen. Ich weiß: Meine Gedanken springen oft schnell, ich rutsche vom Hundertsten ins Tausendste, wiederhole mich manchmal gebetsmühlenartig und schaffe es einfach nicht, das Motorrad aus philosophischen Gesprächen herauszuhalten.

Die Versuchung meinerseits war groß, das vorliegende Manuskript umfangreich zu bearbeiten, etwas hinzuzufügen, weil es mir jetzt beim Lesen noch eingefallen ist, weil es einfach noch gesagt gehört, anderes wieder wegzustreichen, weil es mir entbehrlich erscheint, manche Passagen umzuschreiben, weil man es ja viel besser hätte sagen können. Aber dann wäre es ja nicht mehr das, was es ist: ein schriftliches Dokument unserer Sommergespräche. So habe ich mich auf kleine Korrekturen beschränkt, um möglicherweise Unverständliches klarer zu machen und vom Videoband falsch Transkribiertes zu berichtigen. (Mein Zug fährt eben vom Bahnhof ab und nicht vom Bauernhof, obwohl ich – wie von Krystian sicher richtig gehört – „Baunhof“ sagte.) Denn nur so kann es bleiben, was es ist. Gesprochenes Wort, ohne ein künstliches Netz. Aussagen, die im Moment aus dem Bauch kommen und nicht mehrmals durch den Kopffilter gehetzt worden sind. Und so sollten Sie es auch lesen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen bei uns, still wie ein Mäuschen, und hören Clemens und mir beim Reden zu – fast wie im „richtigen“ Leben, bloß mit einer kleinen Einschränkung: Sie können nicht mitreden. Schade eigentlich, denn wir hätten uns sicher vieles zu sagen!

Roland Düringer, 25. September 2013

Das gute Leben

Clemens G. Arvay: William James, Begründer der modernen wissenschaftlichen Psychologie und einer der einflussreichsten Philosophen der Vereinigten Staaten von Amerika, schrieb bereits 1902: „Glücklich zu werden, glücklich zu bleiben und Glück wiederzugewinnen, ist tatsächlich für fast jeden Menschen das geheime Motiv für alles, was er tut.“ Welche Rolle spielen Glück und Glücklichsein in deinem eigenen Leben und Schaffen?

Roland Düringer: Ich würde es gar nicht Glück nennen, denn das bekommt dann sofort diesen Beigeschmack, als wäre jemand anderer dafür verantwortlich, zumindest manchmal, ein bisschen. Glück kann man zum Beispiel in einer bestimmten Situation haben: „Na, da habe ich aber Glück gehabt!“ Es kann zum Beispiel Glück sein, wenn mir irgendetwas erspart bleibt. Wenn ich mit dem Motorrad fahre und nicht stürze, ist es oft Glück.

Manche erwarten auch von einem anderen Menschen, dass er sie glücklich macht. Das Unpassendste, das man jemandem sagen kann, den man liebt, ist: „Du machst mich glücklich.“ So hängt man ihm eine furchtbare Verantwortung um. Was geschieht, wenn dieser Mensch die Erwartungen nicht mehr erfüllt? Dann beginnt man womöglich, ihn abzulehnen, weil er plötzlich nicht mehr glücklich macht.

Ich bin nicht auf der Suche nach dem Glück, sondern – so, wie vermutlich viele Menschen – nach einem guten Leben. Das Schöne daran ist, dass es für jeden etwas anderes bedeutet, ein gutes Leben zu führen. Daher suchen ja auch nicht alle dasselbe. Gott sei Dank, sonst müsste man ja um das gute Leben kämpfen. (lacht)

Ein gutes Leben ist für mich viel mehr und umfassender als bloß Glück zu haben. Zu einem guten Leben gehört, dass man manchmal mit dem Motorrad auch stürzt. Wenn man das einigermaßen übersteht, kann man daraus sehr viel lernen, weil man dann weiß, wie es ist, zu stürzen. Ein gutes Leben ist für mich daher nicht zwingend ein stets nur glückliches Leben. Ein gutes Leben macht manchmal glücklich, dann auch wieder unglücklich, aber es ist eben dennoch ein gutes Leben. Stetig Unglück zu haben ist natürlich kein gutes Leben.

In diesem Punkt hat sich meine Sichtweise in den letzten Jahren sehr verändert. Die Frage „Was ist ein gutes Leben?“ beantworte ich heute anders als früher. Nachdem ich mich vor mehr als 30 Jahren entschlossen hatte, den Beruf zu ergreifen, den ich heute noch ausübe, war für mich ganz klar, was ein gutes Leben ist: Gut zu leben bedeutete für mich damals, auf der Bühne erfolgreich zu sein, ein applaudierendes Publikum zu haben. Es bedeutete, von vielen Menschen gerne im TV gesehen zu werden oder dass viele Zuseher in die Kinosäle strömten, wenn es einen Film mit mir zu sehen gab. Ich glaubte, in der Presse von Journalisten gelobt zu werden, führe zu einem guten Leben, auf der Straße erkannt zu werden, freundlich begrüßt zu werden. Das waren meine Vorstellungen vom guten Leben, die relativ lange anhielten. In dieser Phase verdiente ich viel Geld – und zwar auf eine sehr einfache Art und Weise, indem ich nämlich schlichtweg das tat, was mir am meisten Spaß machte: schauspielen. Rückblickend kann ich behaupten, dass dies eher „Glück“ war, dass ich also in einer glücklichen Lage war, mit der Tätigkeit Geld zu verdienen, die ich gerne ausübte und die ich auch dann fortgesetzt hätte, wenn ich dafür hätte bezahlen müssen.

Vor dieser Zeit hatte ich tatsächlich bezahlt, um meinen Beruf ausüben zu können. Ich musste nämlich zuerst einem sogenannten „Brotberuf“ nachgehen, um es mir leisten zu können, auf einer Bühne zu stehen und vor einer Handvoll Zusehern das zu sagen, was zu sagen mir wichtig war. Neben dem Schauspiel fuhr ich also mit einem Lieferwagen. Das war das, was ich konnte: Auto fahren. Ich arbeitete im Lager einer Handelsfirma und lieferte 30 Stunden pro Woche kleine Elektronikbauteile aus. Abends spielte ich manchmal Theater. Am Anfang hatten wir mit unserer Kabarettgruppe „Schlabarett“ im Schnitt geschätzte sieben Zuseher, an Wochenenden manchmal fünfzehn, weil wir dann acht Verwandte mit hineinzerrten. Irgendwann bemerkten wir, dass wir, wenn wir sehr sparsam lebten, vom Theaterspielen über die Runden kommen konnten. Dann wagte ich den Schritt und sagte mir selbst: „Ich höre auf zu arbeiten, ich lebe jetzt wirklich von der Kunst, oder besser gesagt von meiner künstlerischen Tätigkeit.“ Das war zur Mitte der Achtzigerjahre.

Dass ich diese Leidenschaft zu meinem Beruf machen konnte, war eben Glück, denn in dieser Situation sind sehr wenige Menschen. Ich glaube sogar, dass für viele durch ihren Arbeitsplatz mehr Leid als Freude entsteht.

Es ist doch wirklich eine unglaubliche Gnade, etwas zu tun, das man sehr gerne tut und worüber man sagt: „Ich will genau das, ich möchte nichts anderes, mir ist es aber völlig egal, wie viel Geld ich damit verdiene. Ich möchte gerade so viel haben, um durchzukommen und überleben zu können.“ Das hätte schon genügt und darin besteht ja im Grunde bereits das gute Leben. Als aber dann ganz plötzlich wirklich irrsinnig viel Geld in meine Kasse floss, weil sich immer mehr Menschen für das, was ich tat, zu interessieren begannen, war mein gutes Leben nicht mehr nur, das zu tun, was ich gerne tat, sondern noch dazu, mir alles kaufen zu können, was ich wollte. Ich fing an, mehr zu kaufen, als ich brauchte, und sogar mehr, als man wollen kann, aus dem einfachen Grund, dass ich die finanziellen Mittel dazu hatte. Irgendwann standen 30 Autos bei mir zu Hause – das geht weit übers Wollen hinaus. Vom Brauchen ganz zu schweigen.

Schon bald bemerkte ich, dass ich, nachdem ich mir irgendein neues Auto gekauft hatte – eine Corvette oder eine Dodge Viper, einen sogenannten „Traumsportwagen“ – letztlich nicht mehr Freude daran hatte als viele Jahre davor, als ich mir ein Paar Turnschuhe gekauft hatte. Das war eigentlich genau das gleiche Glückserlebnis, aber der Überfluss war ein Teil meines Lebens geworden und entsprach dem, was ich damals als gutes Leben empfand. Ich konnte alles haben, was ich wollte.

Irgendwann fing der Überfluss an, mir zu wenig zu sein. Interessanterweise deshalb, weil ich bemerkt hatte, dass ich mich eigentlich sehr mit äußerlichen Dingen beschäftigte, die keine echte Befriedigung darstellten. Ich konnte all das Materielle gar nicht benutzen, weil ich keine Zeit dafür hatte. Ich war ausgelastet durch meine künstlerische Arbeit, die vielen Auftritte – bis zu sechs mal pro Woche – durch das Drehen von Filmen, aber auch durch das Kaufen von Dingen, die ich nicht nutzen konnte, weil mir ja wie gesagt die Zeit dazu fehlte.

Ich begab mich dann erneut auf die Suche. Es war nicht so, dass ich mir dachte „ab jetzt ändere ich mein Leben“, sondern ich stellte mir die Frage, ob meine Vorstellungen vom guten Leben nicht vielleicht Irrtümer gewesen waren – ob es da nicht mehr gab. Inzwischen hat sich für mich herausgestellt, dass weniger mehr ist. Meine Sichtweise eines guten Lebens hat sich bis in die Gegenwart sehr verändert und sie wandelt sich noch immer. Wenn man mir heute, am 5. Juli 2013, die Frage stellt, wie man ein gutes Leben führt, antworte ich:

Ein gutes Leben hat man dann, wenn man an das Leben selbst wenige Ansprüche stellt – oder besser gesagt, nicht ans Leben, sondern an die eigene Lebensgeschichte. Ist es nicht schon ein Denkfehler, zu glauben, dass man ein Leben hat? Ist es nicht vielmehr so, dass wir ein Leben sind? Wenn man also mit wenig sehr gut auskommt, mit wenig zufrieden sein kann, seine Lebensgeschichte nicht über das Haben sondern über das Sein definiert, und daher auch wenig Ungeliebtes tun muss, um eine schöne Lebensgeschichte zu schreiben, dann ist es ein gutes Leben.

Für meine eigene Vergangenheit stimmt diese Definition nicht ganz, da ich ja für den materiellen Überfluss und die Anerkennung nicht viel Ungeliebtes tun musste, außer Zeit zu investieren. Die Leistung selbst, das Schauspielen, ist mir gewissermaßen in den Schoß gefallen. Es liegt mir ganz einfach und es fiel mir immer sehr, sehr leicht. Ich sagte niemals: „Jetzt muss ich mich da reinhängen, das muss noch besser werden. Ich muss und muss und muss …“ Ich tat es einfach, weil ich es konnte. Erst vor ein paar Jahren fing ich an, über Reduktion nachzudenken: „Okay, ich spiele nicht mehr sechsmal pro Woche Theater, sondern nur mehr dreimal. Ich spiele im Sommer gar nicht mehr und drehe in den Sommermonaten keine Filme. Ich verbringe mehr Zeit für mich und mit meiner Familie.“ Bereits das war eine bedeutende Reduktion, da somit von meinen finanziellen Einnahmen ein großer Teil wegfiel. Ich musste zwangsläufig auch das Materielle reduzieren, das wiederum nichts anderes als Luxus war. Wenn man auf Luxus verzichtet, fällt ja nichts weg, was wirklich Einfluss auf das gute Leben hat.

Nachdem mein Weg der Reduktion ein freiwillig gewählter ist, kann man ihn auch gerne als ein Experiment bezeichnen, das ich an mir selbst durchführe.

Das Leben als Experiment

Durch die Unabhängigkeit, die mein Beruf mit sich bringt, habe ich nun das Privileg, mir Zeit nehmen zu können. Ich kann es mir also leisten, Zeit zu investieren, um mit dem Leben an sich zu experimentieren. Und ich habe in meinem Leben tatsächlich schon einige Experimente durchgeführt. Jetzt, während dieses Gesprächs, sitzen wir zum Beispiel in meinem Garten, den ich vor fünf Jahren angelegt habe und der davor einfach eine grüne Wiese war. Ich pachtete diese Fläche von einem lieben Nachbarn, um mir mein eigenes Gemüse anzubauen. Auch das war eine Art Experiment. Ich wollte wissen, wie sich das Leben mit einem Garten und in einem Garten anfühlt.

Warum ich ständig auf der Suche nach solchen Experimenten bin, ist relativ einfach erklärt: Es ist ein beachtlicher Teil meines Berufs, zu experimentieren und Erfahrungen zu machen. Auch außerkörperliche! (lacht)

Wenn man Schauspieler ist, schlüpft man in die Rollen anderer Personen. Dazu muss man Menschen sehr genau beobachten, ihr Verhalten studieren. Man muss aber auch sich selbst beobachten können, seine eigenen Verhaltensmuster erkennen. Erst dann kann man sich selbst ablegen, um in eine Rolle zu schlüpfen.

Ich muss weg sein, damit jemand anderes da sein kann – darin liegt das wirklich Spannende an dem Beruf des Schauspielers.

Was mich schon immer fasziniert hat, ist, dass man in einer Rolle plötzlich Dinge tun kann, die man üblicherweise nicht tun, ja sogar strikt ablehnen würde. Um aber nicht nur eine Maske zu kreieren oder eine flache Karikatur einer Figur darzustellen, sondern stattdessen wirklich in dieses gespielte Wesen hineinzuschlüpfen – oder besser gesagt: dieses Wesen in sich hineinzulassen –, muss man selbst ein Stück zurücktreten.

Ein guter Schauspieler beobachtet andere nicht nur und äfft sie nach, kopiert sie, karikiert sie, sondern versteht, weshalb er in seiner Rolle dieses und jenes tut. Wenn man erkennt, warum eine Figur das tut, was sie tut, wenn man also begreift, was sie antreibt, dann hat man irgendwann die Fähigkeit, dieses Wesen förmlich in sich hineinzulassen.

Ich denke zum Beispiel an meine Rolle als Herr Breitfuß. Dieser war eine Figur, die ich in der TV-Serie „MA 2412“ und im gleichnamigen Kinofilm spielte.


Roland Düringer als Engelbert Breitfuß in der satirischen Sitcom „MA 2412“, die in den Jahren 1998 bis 2002 im Auftrag des Österreichischen Rundfunks produziert und ausgestrahlt wurde.

Die Figur des Herrn Breitfuß war sehr, sehr weit von dem entfernt, was ich selbst bin. Um den Charakter authentisch spielen zu können, musste ich diesen fiktiven Menschen dennoch verstehen und genau wissen, weshalb er sich so oder so verhielt und wie er innerlich funktionierte. Seit ich das weiß, kann ich in jeder Lebenssituation Herr Breitfuß sein. Ich muss nur den Schlüssel finden und umdrehen. Herr Breitfuß ist allerdings keine real existierende Person, die ich irgendwann im Leben traf, dieser Charakter entstand aus einer Sammlung vieler Beobachtungen an unterschiedlichen Menschen. Hat man den Schlüssel zur Figur gefunden, muss man sie ausprobieren, am besten im Alltag. Dann gehe ich einkaufen wie Herr Breitfuß. Ich kaufe Dinge, die ich selbst nicht kaufen würde. Was isst Herr Breitfuß? Was schmeckt ihm? Welche Zeitung liest er? Welche Autos sieht er sich auf der Straße an? Worauf legt er seinen Fokus, wenn er die Straße entlanggeht? Ihm fallen bestimmt andere Dinge auf als mir. Wenn ich über die Straße gehe und dort steht irgendwo ein Motorrad, dann sehe ich mir dieses Motorrad an. Er geht wahrscheinlich an dem Motorrad vorbei, weil es für ihn gar nicht wahrnehmbar ist.

Das Entwickeln einer Rolle ist also ein Experiment, das man innerhalb des eigenen Lebens durchführt. Man verändert sich ganz bewusst und geht eine Zeit lang als dieses Wesen durch die Welt. Man kann es jederzeit ab- und dann wieder einschalten. Abschalten, einschalten. Das ist mein Beruf. Ich experimentiere mit dem, was das Leben ausmacht, mit verschiedenen Verhaltensweisen.

Irgendwann dachte ich mir: „Das kann ich doch genauso gut mit mir selbst machen.“ Wenn ich die Fähigkeit besitze, jemand anderen zu erkennen, mich in ihn hineinzuversetzen und seine Verhaltensmuster zu übernehmen, dann kann ich auch meine eigenen Verhaltensmuster ändern, weil ich ja weiß, wie das geht. Ich muss bloß den Schlüssel dazu finden. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir zwar schon mit einer gewissen inneren Programmierung auf die Welt kommen – das kann man jetzt den „Dämon“ nennen, der in uns wohnt, die Seele, den Geist oder das Göttliche, wenn man so will. Ich bin mir aber auch sicher, dass vieles erst durch äußere Einflüsse im Laufe unseres Lebens mit uns geschieht. Das kleine göttliche Lebewesen, das Kind, erkennt sich zunächst nur durch die anderen, also durch Mama und Papa. Erst durch andere erfährt es, was es eigentlich selbst ist, nämlich kein kleiner Gott, sondern vielleicht nur Kevin. (lacht)

Ich glaube daher, dass, wenn ich äußere Rahmenbedingungen verändere, sich zwangsweise mein Verhalten und vielleicht sogar mein Seelenleben verändern. Bei mir war das im Zusammenhang mit dem Garten sogar sehr deutlich der Fall. Frage mich nicht, wie ich auf die Idee eines Gartens gekommen bin. Ich war damals so weit weg von einem Garten wie die meisten Menschen vom Dirigieren eines Symphonieorchesters. Ich hatte keinen Bezug zum Garten, bis ich mir einfach dachte: „Garten? Damit habe ich in meinem Leben noch nie experimentiert.“ Im Falle eines Gartens macht man das natürlich, indem man sich einen anlegt und einfach geradewegs mit dem Gärtnern anfängt. Und das habe ich getan.

Ein Garten ist wie ein lebender Organismus. Mit Gärten zu experimentieren ist vergleichbar mit dem Beobachten von Menschen. In beiden Fällen wollte ich verstehen, wie sie funktionieren. So war also auch mein Garten für mich ein Experiment und er hat einiges in meinem Leben in Bewegung gesetzt.

Leben ist Wandel

Meine Beziehung zur Natur und zum Lebendigen hat sich durchs Gärtnern verändert und mein Verhältnis zur Nahrung wurde regelrecht auf den Kopf gestellt. Auch meine Beziehung zu Menschen wurde durch den Garten bereichert, weil ich plötzlich andere Leute traf und zu schätzen lernte, die mit mir einen gemeinsamen Nenner hatten. Davor hatte ich sehr viel Kontakt mit Menschen, die von sich behaupteten, sie hätten Benzin im Blut. Etwas Dümmeres kann man nicht sagen. Sie hatten wohl eher einen Benzinwurm im Hirn, wie auch ich ihn habe – noch immer. Mein Interesse an Motoren und Maschinen ist ja nicht verschwunden, es ist nur hinter andere Lebensbereiche zurückgetreten.

Plötzlich traf ich aber Menschen, die „einen Garten im Blut“ hatten. Und den haben wir – so meine ich – alle in unseren Adern fließen, schon deshalb, weil es ja die Gärten sind, die uns letztendlich nähren. Das war eine schöne Erfahrung, ein bereicherndes Experiment, weil ich durch den Garten nach und nach zwar kein anderes, aber ein verändertes Leben führte. Eine Veränderung im Leben kann jeder Mensch herbeiführen, bloß versuchen es so manche auf viel aufwendigeren Wegen, nämlich zum Beispiel durch einen Ortswechsel. Das bedeutet: „Ich flüchte vor meinem Leben, ich ziehe in eine andere Stadt, in ein anderes Land, wechsle von der Stadt aufs Land, verlasse meine Familie, suche eine neue Familie, suche ein anderes Leben.“

Als viel schöner empfinde ich es, wenn das Leben bleibt, wie es ist, und man ganz bewusst die Dinge verändert, die man gerne verändern möchte. Ich habe das durch das Anlegen eines Gartens erreicht. Sicher, es hätte auch anders kommen können, und das Gärtnern hätte mir nach einem halben Jahr furchtbar auf die Nerven gehen können. Ich hätte zu dem Schluss kommen können, dass ich zum Beispiel zu ungeduldig für einen Garten bin, weil ich gewohnt war, mechanisch zu denken und zu agieren. Baue ich einen Motor zusammen, so „wächst“ er vor mir genau so, wie ich ihn zusammenschraube. Aber so läuft das beim Gärtnern eben nicht.

Würde ich mit der Herangehensweise des Mechanikers meinen Garten bewirtschaften, so würde das nicht klappen. „Ich setze meine Tomatenpflanze jetzt ein und punktgenau am Tag X muss dann die erste Frucht reif sein.“ Würde ich es nicht ertragen, wenn es nicht genau so kommt, wie ich es berechnet habe, dann würde ich mit meinem Garten furchtbar unglücklich werden. Wenn man sich aber auf den Garten und die Pflanzen einlässt, kann man sehr viel daraus lernen. Denn: „Es ist nicht entscheidend, was Sie aus Ihrem Garten machen, sondern entscheidend ist, was Ihr Garten aus Ihnen macht.“ Dieser Satz war in der TV-Serie „Der Wilde Gärtner“ in jeder Episode unser Schlusssatz.

Nachdem der Garten nun Teil meiner Lebensgeschichte war, dachte ich bei mir: „Das war ein so schönes Erlebnis, eine so gute Erfahrung für mich, die möchte ich anderen Menschen weitergeben.“ Vielleicht gibt es da draußen viele Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass ein Garten irgendetwas kann, sondern Gärten eher mit Spießertum, mit Schrebergärten, mit „alten Leuten“ in Verbindung bringen oder einfach meinen, Gärtnern sei konservativ und keiner würde das heute mehr brauchen. Ich wollte diesen Menschen zeigen, dass ein Garten eigentlich viel mehr zu bieten hat. So entstand die TV-Serie „Der Wilde Gärtner“. Zu dieser Zeit war mein Garten für mich bereits Normalität, also kein Experiment mehr. Irgendwann muss ein Experiment schließlich aufhören, ein Experiment zu sein. Entweder, indem man es beendet und sagt: „Okay, ich habe mir das angesehen, jetzt lasse ich es bleiben“, oder aber das Experiment wird zu einem Teil des eigenen Lebens.


Für Roland Düringer ist der Garten ein Teil seines Lebens geworden.

Das Leben in meinem Garten wurde zu meinem Leben und es lebt sich gut darin – auch wenn man sich manchmal ärgert oder wenn man unglücklich ist. Dieses Jahr, 2013, erlebe ich eine Saison, in der ich mit dem Garten eigentlich unglücklich bin, weil ich mich in diesem jahr erstmals wirklich außerordentlich bemüht habe, weit mehr als sonst – das ist wahrscheinlich der Fehler, weil ich dadurch Erwartungen hatte – und jetzt spielt das Wetter nicht mit2. So bemüht wie in diesem Jahr war ich um meinen Garten zum letzten mal im ersten Jahr, in dem ich mit dem Gärtnern anfing. Zu Hause, auf der Fensterbank, steckte ich Samen in die Erde, um die Jungpflanzen selbst großzuziehen. Ich legte ein Gartentagebuch an, in dem ich dokumentierte, wann ich welche Pflanzen einsetzte. Ich engagierte mich dieses Jahr wirklich sehr in meinem Garten.

Im Frühjahr gingen dann einige Pflanzen aufgrund der plötzlichen Kälte zugrunde – als dieser starke Regen kam und in den Tälern entlang von Flussläufen Überschwemmungen brachte. Durch das nasse Wetter vermehrten sich die Nacktschnecken und diese fressen mir gerade so ziemlich alles aus meinem Garten weg. Von meinen Kürbispflanzen ist fast nichts mehr übrig, ich habe aber noch ein paar in Reserve, die ich einpflanzen werde. Für einen Berufsgärtner wäre das alles ein Misserfolg. Ich ging in letzter Zeit, als es so oft regnete, beinahe jede Nacht zweimal mit einer Stirnlampe durch den Garten, um Schnecken aus meinen Beeten aufzusammeln. Das macht unglücklich, erscheint mir sinnlos, denn am nächsten Tag sind ohnehin wieder Schnecken da. Dennoch ist dieses „Unglück“ Teil eines guten Lebens.

Ich sehe den Sinn meiner Berufung darin, über Dinge zu sprechen, die mich gerade selbst bewegen und die ich durchs Tun verinnerlicht habe. So werden die Worte glaubwürdig und die Geschichten werden in Form von Bildern im Kopf nachlebbar.

Am besten spricht man über Autos, wenn man sich mit Autos auskennt, redet über das Häuserbauen, wenn man die Baumaterialien kennt und weiß, wie man es macht – wenn man die Höhen und Tiefen des Hausbaus selbst erlebt hat. Das ist, so glaube ich, das Allerwichtigste, wenn man etwas zu sagen hat, und ich bin – zum Glück ein Mensch, der immer etwas zu sagen hatte, auch schon in der Schule. Ich meine damit nicht, dass ich das Sagen hatte. Etwas zu sagen zu haben bedeutet auch, etwas zu fragen zu haben. Ich sprach zwar nicht viel, nicht pausenlos, wenn ich aber den Mund aufmachte, war es mir wichtig. Ich hielt zum Beispiel im Deutschunterricht sehr gerne Referate, was andere Schüler gar nicht gerne taten. Das war auch der Grund, weshalb ich auf die Bühne ging: Weil ich etwas zu sagen hatte, was ich mir von der Seele reden wollte; weil ich Menschen beobachtete und mich fragte: „Warum funktionieren sie so oder so?“ Mir kamen viele Verhaltensmuster von Menschen schon immer ein wenig seltsam vor. Oft verstand ich das Verhalten nicht oder sah überhaupt keinen Sinn dahinter, außer dass es der Anpassung an die Erwartungen der Gesellschaft diente. Auf der Bühne darüber zu sprechen war mir ein Anliegen und ich wollte Menschen, die ich nicht verstand, spielen, um denen, die im Publikum saßen, eine Art Spiegel vorzuhalten.

Jetzt fängt es zu regnen an. Der Regen vertreibt uns aus dem Garten und wir müssen hineingehen. Das ist ein „Unglück“: Wir sitzen draußen, die Sonne scheint, und plötzlich regnet es.

Clemens G. Arvay: Wir müssen uns anpassen.

Roland Düringer: Stimmt. Wir müssen uns anpassen und gehen besser hinein, ins Trockene. Deine Kameras werden es uns danken.

Vom Glücklichsein

Dinge, die mich selbst bewegen, zu einem Lebensthema geworden sind, fließen immer in meine Arbeit ein. Daraus entwickelte sich auch das Projekt „Gültige Stimme“. Darin übe ich mich in der Kunst des Weglassens und sage dem Schlaraffenland Schritt für Schritt Lebewohl. In diesem aktuellen Experiment geht es mir darum, zu reduzieren, Dinge wegzulassen und neue Werkzeuge zu verwenden. Ich bin damit dem guten Leben auf der Spur. Oder besser: meinem guten Leben. Für andere wäre dieser Weg wohl alles andere als der Schlüssel zum guten Leben und würde sie nicht glücklich machen.

Clemens G. Arvay: Trotz der Unterschiede von Mensch zu Mensch gibt es die Statistik, auf die die moderne Psychologie aufbaut: Ein positives Lebensgefühl – glücklich zu sein – hat offensichtlich auch gesellschaftliches Potenzial, da es nachweislich dazu führt, dass Menschen eher etwas für andere tun, und zwar gerne. Die Solidarität in der Gesellschaft erhöht sich unter diesen Umständen, was der bekannte Psychologe Peter Salovey als das Phänomen „Fühl dich gut und du tust etwas Gutes“ bezeichnet hat. Glaubst du, dass eine Gesellschaft, in der die Menschen positive Lebensgefühle haben, also ein gutes Leben führen, auch tatsächlich eine solidarischere Gesellschaft wäre?

Roland Düringer: Ja, ich glaube tatsächlich, dass eine Gesellschaft von Menschen mit positiven Lebensgefühlen auch solidarischer wäre, wobei man meines Erachtens zwei Dinge grundsätzlich unterscheiden muss: „glücklich sein“ und „sich glücklich fühlen“. Aus diesem Grund spreche ich viel lieber vom guten Leben.

Man kann sich, auch wenn man gerade nicht glücklich ist, dazu zwingen, sich glücklich zu fühlen. Das nennt man dann „positives Denken“. Ich glaube, dass viele Menschen ein unglückliches Leben führen und sich dennoch glücklich dabei fühlen können. Das unglückliche Leben wird sich erst im Alter als das entpuppen, was es war, wenn die Krankheiten kommen, die Unzufriedenheit, die Fragen: „Hätte ich doch damals, wäre ich doch … Wenn ich das gewusst hätte!“ Ein ganz und gar unglückliches Leben endet wohl mit dem Gedanken: „Um Gottes Willen, was hätte ich alles anders machen können!“ Das muss furchtbar sein, obwohl sich ein solcher Mensch in vielen Phasen seines Lebens vielleicht glücklich ge fühlt hat.

Wenn jemand zum Beispiel schlechte Nahrung zu sich nimmt, ständig Fast Food oder industrielle Nahrungsmittel isst, dann fühlt er sich in dem Moment des Bestellens, des Kaufens oder des Essens glücklich. Ansonsten würden die Menschen es ja nicht so machen. Gerade bei Zucker, in welcher Form auch immer, ist das sehr gut sichtbar. Süß macht glücklich. Das vermeintliche Glück entpuppt sich dann später als großes Unglück, schon aus gesundheitlichen Gründen. Daher: Sich glücklich zu fühlen und wirklich glücklich zu sein – nämlich auf einem guten Fundament langfristig glücklich zu sein – sind zwei gänzlich verschiedene Phänomene. Ich glaube, dass viele Menschen in einer Lebenssituation stecken, in der sie latent unglücklich sind. Die Realität des persönlichen Unglücks wird immer wieder durch Glücklichfühl-Spitzen überspielt: „Ach, jetzt, indem ich dieses oder jenes erreicht habe, fühle ich mich endlich wieder glücklich.“ Dann falle ich wieder in ein Loch und: „Ach, jetzt muss ich wieder etwas tun, damit ich mich wieder glücklich fühle.“ Darum sind wir immer auf der Suche nach mehr, vermutlich, nach mehr Erlebnissen, nach mehr Anerkennung, mehr materiellen Dingen, was auch immer. Dabei geht es darum, immer wieder das Fundament des Leidens zu verlassen und ein Glücksgefühl in diesem Leiden zu erleben. Wir leben in einer Zeit, in der das sehr leicht möglich ist, weil man sich Glück scheinbar kaufen kann. Wenn ich überzeugt davon bin, dass mich dieses Fernsehgerät oder jenes Auto glücklich machen wird, dann kaufe ich es mir einfach. Ich kann es mir sogar kaufen, wenn ich es mir eigentlich nicht leisten kann, weil es mir ja jemand finanziert, nämlich meine Bank.

Clemens G. Arvay: Interessanterweise stellte man fest, dass diese Art des Glückserlebens – eben zum Beispiel viel Geld zu gewinnen oder sich ein Objekt zu kaufen, ein neues Auto – zwar tatsächlich zunächst zu einem Glücksgefühl führen kann, aber man konnte auch nachweisen, dass solche Gefühle sehr schnell wieder abnehmen. Danach landet man unter Umständen wieder unter dem Glücksniveau, auf dem man davor war, im besten Falle auf demselben.

Und je mehr man diese gekauften Glückserlebnisse – diese materiellen – braucht, desto weniger effektiv werden sie mit der Zeit.

Roland Düringer: „Ein Schritt nach vorne, zwei Schritte zurück“, lautet dieses Prinzip. Da ich seit einem halben Jahr fast ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, also den „Bürgerkäfig“ verlassen habe und mit der Bahn fahre oder mit der Straßenbahn, mit der U-Bahn und zu Fuß gehe, sehe ich viel mehr Menschen als zuvor und habe deutlich mehr Begegnungen. Was mir dabei auffällt, ist – ich weiß nicht, ob das jetzt neu ist oder ob das schon immer so war –, dass sehr viele Menschen gerade zu den Hauptverkehrszeiten, am Weg von oder zur Arbeit, in der U-Bahn stehen und die Mundwinkel hängen bis zu den Fersen. Diese Menschen werden natürlich ihre Gründe dafür haben, ihre Mundwinkel nach unten hängen zu lassen, aber es fällt mir eben auf. Ich glaube, dass ich stets mit einem Grinsen durchs Leben gehe, auch in der U-Bahn, obwohl es ja dort bekanntlich nicht immer lustig ist, aber bisweilen lustiger, als alleine im Bürgerkäfig im Stau zu sitzen.

Wahrscheinlich aber stecken immer mehr Menschen in Lebenssituationen, in denen das Lachen schwerfällt und so sind wir auf der ständigen Suche nach dem Lachen, der Freude, dem temporären Glücksgefühl. Man möchte sich ja nach einem Arbeitstag auch zu Hause über etwas freuen können. Das kann etwas zu essen sein, vielleicht auch Alkohol, ein unterhaltsames Fernsehprogramm. Manche schauen sich womöglich einen Porno im Internet an. Oder sie haben im besten Fall Sex mit dem Ehepartner. Man sucht sich einfach irgendetwas, um wieder ein bisschen Glück zu empfinden, weil man eines ganz genau weiß: Wenn am nächsten Morgen der Wecker klingelt, beginnt das Unglück wieder. „Blah, blah, blah“, schon in der Früh quatscht dich jemand aus dem Radio an und versucht verzweifelt, Stimmung zu machen. Spätestens bei den aktuellen Staumeldungen ist die Stimmung aber wieder im Keller.

Ich weiß, wovon ich spreche. Ich stecke zwar schon lange nicht mehr in einer solchen Arbeitswelt, aber ich war auch einmal dort und die Erinnerung an diese Zeit ist klar und deutlich. Schon während der Anfahrt zur Arbeit haben viele ihren Masterplan im Kopf: Du fängst um neun Uhr an und weißt schon, dass um viertel nach zehn die erste Kaffee- oder Rauchpause stattfindet. Das ist dann der erste Joker, um sich wieder ein bisschen glücklich zu fühlen. Dann gibt es um elf Uhr ein Stück Schokolade – wieder um ein wenig Glück zu erfahren. Danach geht es zum Mittagessen – das nächste Glückserlebnis. Zurück zur Arbeit und um halb zwei auf die Toilette gehen, am besten mit einer Zeitung, um ein wenig zu lesen, damit wieder ein bisschen Ablenkung und Glück aufkommt.

Man sucht sich eben diese Ausreißer aus dem monotonen Arbeitsalltag und dem damit verbundenen Gefühl des Unglücks. Das trifft bestimmt nicht auf alle Menschen zu, allerdings habe ich sehr wohl das Gefühl, wenn ich Menschen beobachte, dass viele von ihnen wie in einem Kokon eingesponnen sind. Darin verstecken sie sich, vielleicht auch hinter dem iPhone oder einem sonstigen elektronischen Gerät. Sie verschließen sich, sie wollen das Rundherum eigentlich gar nicht wahrnehmen. Dabei gäbe es in einer U-Bahn so viel zu beobachten!

In der U-Bahn hätte man auch die Möglichkeit, zu kommunizieren. Aber stell dir vor, das machst du. Stell dir vor, du sprichst in der U-Bahn jemanden an. Und wenn das dann noch dazu jemand tut, der so aussieht wie ich, mit Kugeln im Bart … Okay, ich bin diesbezüglich ein Sonderfall, denn mich kennen viele Menschen in Österreich. Wenn ich jemanden anspreche, dann zeigt das eine andere Wirkung auf die Menschen, als würde sie irgendjemand anderer anquatschen, der, so wie ich, Kugeln im Bart trägt.

Es ist meistens so, dass die Leute mich ansprechen, was mir nicht unangenehm ist. Ich unterhalte mich gerne mit ihnen, weil jede Begegnung mit einem Menschen eine Erfahrung ist, die mich weiterbringt oder aus der ich etwas lernen kann. Selbst dann, wenn eine Begegnung unangenehm ist und man sich vielleicht denkt „das ist ja ein schöner Volltrottel, hilfe“, handelt es sich um eine Erfahrung. Wenn man sich in der U-Bahn aber hinter ein elektronisches Gerät oder eine Gratiszeitung schutzsuchend verschanzt, schließt man damit Begegnungen, Beobachtungen und somit die Welt, wie sie ist, aus.

Clemens G. Arvay: Ich zitiere noch einmal die psychologische Glücksforschung: Glückliche Menschen zeichnen sich statistisch durch Folgendes aus: Sie haben ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl, sie sind optimistisch, sie gehen aus sich heraus und sind auch zu ihren Mitmenschen liebenswürdig, sie haben enge Freundschaften oder sie sind glücklich verheiratet. Sie gehen Tätigkeiten nach, bei denen sie ihre Fähigkeiten einsetzen können, zum Beispiel in der Arbeit, aber auch in der Freizeit. Sie sehen in dem, was sie tun, Sinn oder haben eine sinnstiftende Weltanschauung, sie schlafen ausreichend und betreiben Sport. Das sind, statistisch betrachtet, die Faktoren, die mit dem Glücklichsein zusammenhängen, mit einem positiven Lebensgefühl3.

Roland Düringer: Okay, glückliche Menschen haben also die genannten Eigenschaften, so sagen die Wissenschaftler, also diejenigen, die Wissen schaffen. Nun sollte man fragen: Was war zuerst? Sind sie glückliche Menschen und deswegen haben sie diese Eigenschaften oder haben sie die Eigenschaften und sind deswegen glücklich? Was war zuerst, die Henne oder das Ei? Das ist die Frage.

Clemens G. Arvay: Das ist eine sehr gute Frage. Was die Psychologie jedenfalls ganz klar sagen kann, ist, womit das Glücklichsein und das positive Lebensgefühl nicht zusammenhängen: Es ist definitiv nicht das Alter, es ist nicht das Geschlecht und es ist nicht der Bildungsgrad.

Das Glück hängt auch nicht davon ab, ob man Kinder hat oder nicht. Es ist nicht die körperliche Attraktivität und es ist vor allem nicht der materielle Wohlstand4. Sicher, das sagt schon der menschliche Hausverstand. Aber immerhin lässt sich auch das nun wissenschaftlich beweisen. Es sind eben doch andere Werte, die glücklich machen, als das Materielle.

Ein weltbekannter Psychologieprofessor aus den USA, David G. Myers, hat zehn Ratschläge niedergeschrieben, die bei Befolgung angeblich glücklich machen. Einer davon lautet: „Machen Sie sich klar, dass anhaltendes Glück nicht vom finanziellen Wohlstand abhängt, behalten Sie die Entscheidungsfreiheit über Ihre Zeit.“

Andere Punkte sind:

„Suchen Sie sich eine Arbeit und Hobbys, bei denen Sie Ihre Fähigkeiten einsetzen können. Geben Sie engen Beziehungen den Vorrang. Blicken Sie über sich hinaus, zum Beispiel, indem Sie auch für andere etwas tun. Seien Sie dankbar für die positiven Aspekte in Ihrem Leben und pflegen Sie Ihr spirituelles Selbst“, also den Geist.

Dies sind die Empfehlungen eines international anerkannten Psychologen. Vieles davon deckt sich mit deinen eigenen Aussagen, vor allem beim Thema Zeit, also: „Behalten Sie die Entscheidungsfreiheit über Ihre Zeit. Suchen Sie sich eine Arbeit und Hobbys, bei denen Sie Ihre Fähigkeiten einsetzen können.“

Roland Düringer: Das meiste davon kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Aber: Wenn die Rahmenbedingungen, in denen wir uns befinden, uns die Umsetzung erschweren, was machen wir dann? Wenn wir nicht das tun können, was wir gerne tun, nicht die Arbeit haben, die uns zufrieden stellt, sondern einfach irgendeine, um das Leben zu finanzieren. Daher – und weil es auch in der Liste dieses Psychologen steht – ist es gerade für Menschen, die in so einer glücklichen Lebenssituation sind, wie ich oder du, ganz wichtig, dass man oft „danke“ sagt, ganz egal, zu wem. Es ist nicht selbstverständlich. Und, dass man dann, wenn man in einer so glücklichen Lebenssituation ist, auch die Verpflichtung hat, von seinem Glück etwas abzugeben, es zu teilen, in welcher Form auch immer. Es ist oft viel schöner, etwas zu geben, als etwas zu nehmen. Das ist eine alte Weisheit. Wenn man die Möglichkeit hat, etwas zu geben und jemandem wirklich Freude zu machen, auf sinnvolle Art und Weise, dann ist das ein großartiges Gefühl. Ich habe das am eigenen Leib erfahren.

Vor ein paar Jahren versteigerte ich einen Großteil meiner Autosammlung für einen jungen Mann namens Gerhard. Er sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Ich erinnere mich gut daran, als Gerhard mich einmal nach einer meiner Vorstellungen ansprach. Er erklärte mir, dass er einen speziellen, behindertengerechten Wagen benötigte und sein Plan war, von mehreren Prominenten Objekte zu sammeln, um diese zu versteigern. Er fragte mich, ob ich ihm irgendetwas dafür überlassen konnte.

Ich antwortete ihm: „Ja, ich kann dir natürlich etwas geben, aber hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie viele Objekte du brauchst, um dir ein solches Auto zu kaufen?“ Ich wusste, wie viel das kostete, denn mein Schwager ist in einer ähnlichen Situation und besitzt so ein Auto. Es verschlingt ein Vermögen.

Ich hielt Gerhards Wunsch im Hinterkopf: „Kommt Zeit, kommt Rat.“ Als ich etwa ein halbes Jahr später in meiner Halle stand und mir meine Autos ansah, schwirrte ein Gedanke durch meinen Kopf: „Eigentlich hätte ich lieber eine leere Halle.“

Ich rief Gerhard an: „Wir verkaufen meine Autos und du kannst dir für den Erlös zumindest einen Teil deines Wagens finanzieren.“ So taten wir es dann. Für mich war es relativ einfach, die Aktion medial anzukündigen, gemeinsam mit der Motorzeitschrift „Autorevue“, dessen Chefredakteur ich kenne. Wir versteigerten in kürzester Zeit 13 Autos und es kam bei weitem mehr Geld für Gerhard zusammen, als ich zu träumen gewagt hatte. Er konnte sich sein Automobil damit vollständig finanzieren. Die Aktion war ein dreifacher Nutzen: Erstens bekam Gerhard sein Auto, das er dringend brauchte. Ich war unnötige Last los und die Menschen, die die Autos kauften, hatten – vielleicht nur kurzzeitig, aber doch – Freude daran.

Clemens G. Arvay: In unserer Gesellschaft ist es doch ungewöhnlich, dass jemand 13 Autos …

Roland Düringer: Ja, es ist ungewöhnlich, aber es gibt Menschen, die haben noch viel mehr Autos.

Clemens G. Arvay: Das meine ich nicht. Ich wollte sagen: In unserer Gesellschaft ist es doch ungewöhnlich, dass jemand 13 Autos für jemand anderen hergibt.

Roland Düringer: Nun ja, mich von diesen Autos zu trennen war etwa so, wie für andere, ein paar Fahrräder abzutreten. Ich verdiente damals wie gesagt mein Geld sehr leicht. Es war keine so besondere Leistung. In der Summe war es zwar ein schöner Betrag, der auch sinnvoll verwendet wurde, aber es war von meiner Seite aus nichts, worauf ich stolz sein musste. Ich hätte meine Autos auch einfach verkaufen können, hätte den Erlös behalten und mir vielleicht neues Industriegerümpel gekauft. Oder ich hätte das Geld auf die Bank gebracht, damit es im großen Weltcasino zirkuliert. Das Gefühl, Gerhard mit der Versteigerung eine Freude zu bereiten und damit etwas Sinnvolles zu tun, war deutlich besser.

Sinn im Leben

Clemens G. Arvay: Wir haben als Einzelpersonen eben beschränkte Möglichkeiten, wir können nicht die ganze Welt retten.

Roland Düringer: Das ist der springende Punkt: Viele glauben, sie müssten die Welt retten und schmieden gute Pläne, wie das gehen könnte. Sie haben Konzepte und Ideen dafür, gründen Vereine, vielleicht auch Parteien, Bewegungen. Ich aber glaube, dass kein Mensch auf die Welt kommt, um diese zu „retten“. Manche glauben natürlich auch, wir kämen auf die Welt, um uns selbst zu retten, um unsere Seele, unseren Geist zu retten. Wenn ich in meinem kleinen Umfeld einiges bewegen kann, wenn ich Sinn stiften kann in verschiedenen Bereichen, dann habe ich eigentlich die Welt gerettet. Denn was ist schon die Welt? Angeblich wissen wir das heutzutage: Seit jemand von oben ein Foto von unserem Planeten Erde gemacht hat, sehen wir zum Beispiel, dass die Erde rund ist, dass sie annähernd eine Kugel ist. Jeder von uns kann heutzutage in einem elektronischen Gerät nachsehen, was auf der anderen Seite der Erde passiert, wie es dort aussieht, das ist alles kein Problem mehr. Unsere Welt ist für uns also gleichbedeutend mit dem Planeten Erde, geht aber, wie mittlerweile ja bekannt, weit darüber hinaus. Immerhin waren ja schon Menschen auf dem Mond und wollen bis zum Mars und noch weiter. Wir wissen, dass es andere, fremde Galaxien gibt. Das sind für uns noch relativ neue Dinge. Die Lebenswirklichkeit des Menschen war aber schon immer seine eigene Umgebung. Wie weit ist man früher zu Fuß gekommen? Der Ort, in dem ich wohne, ist von Wien vielleicht 40 Kilometer entfernt. Der inzwischen verstorbene Opa meines Nachbarn und die Oma, die noch lebt, waren dennoch nicht öfter in Wien, als ihre Hände Finger zählen.

Ich bin mir sicher, dass ich hier in der Umgebung Menschen finde, die noch nie in Wien waren, weil es in ihrem Leben nicht notwendig war, dort zu sein. Das heißt, ihre Welt ist eigentlich die kleine Region, in der wir hier leben, und das war früher völlig normal. Du warst vielleicht in einem Tal aufgewachsen, wusstest, dass es hinter den Bergen weiterging, es war für dich aber nicht wirklich relevant. Sicher gab es immer Menschen, die über die Berge wanderten und etwas suchten, die weiter gingen als andere. Das sind die, über die uns die Geschichtsschreibung berichtet. Aber für einen durchschnittlichen Menschen hörte die Welt dort auf, wo eigentlich die Grenzen seines persönlichen Lebensumfeldes waren, die Grenzen seiner Erreichbarkeit. Und daran ist nichts Schlechtes.

Was die Welt ist, die wir retten wollen, ist also relativ.

Clemens G. Arvay: Es gibt offensichtlich seit dem Übergang der 1970er-Jahre in die 1980er-Jahre einen drastischen gesellschaftlichen Wandel, nämlich was die Lebenswerte betrifft. Zwischen 1966 und 2002 gab es in den USA eine mehrere Jahrzehnte andauernde Umfrage unter Studentinnen und Studenten, um herauszufinden, was ihnen im Leben wichtig war, was sie also als wesentlich für das eigene Leben beurteilten. Wenn man sich das Ergebnis dieser Umfrage ansieht, stellt man deutliche Veränderungen im Laufe der Zeit fest. Am Beginn der Studie war es für die meisten, nämlich für mehr als 80 Prozent, besonders wichtig, eine bedeutungsvolle Lebensphilosophie zu entwickeln. Für den geringeren Teil war es entscheidend, finanziell sehr gut aufgestellt zu sein und viel Geld zu verdienen. Dann begannen sich diese Einstellungen allmählich zu verändern. Im Jahre 1977 hielten sich die Angaben exakt die Waage: Viel Geld zu verdienen und die bedeutende Lebensphilosophie waren den Befragten in etwa gleich wichtig. Bis zur Mitte der Neunzigerjahre drehte sich das ursprüngliche Verhältnis dann um. Seither – und die Studie wurde bis 2002 fortgesetzt – spielt der finanzielle Status für den größten Teil der Studenten, nämlich für etwa 75 Prozent, die herausragende Rolle und nur mehr circa 40 Prozent gaben an, dass ihnen eine bedeutende Lebensphilosophie ein Anliegen sei5.

Meiner Meinung nach sagt das sehr viel aus und ich wundere mich eigentlich, wenn ich mir diese Entwicklung ansehe, nicht mehr darüber, dass die Lebensphilosophie, das „gute Leben“, gesellschaftlich betrachtet spürbar in den Hintergrund getreten ist. Diese Ausrichtung von immer mehr Menschen auf materiellen Erfolg ist in unserer Welt stark präsent.

Roland Düringer: Diese Tendenz habe ich auch beobachtet. Ich selbst bin ja im Jahr 1963 geboren und daher ein Kind der Zeit, in der sich die Werte laut dieser Statistik in den Siebzigerjahren völlig umgedreht haben. Ab da ging es mit dem Wunsch, finanziell besser aufgestellt zu sein, stark bergauf. Das Entscheidende war, dass man einmal materiell besser dastehen wollte, das hörte ich auch von meinen Eltern immer wieder: „Du sollst es einmal besser haben als wir.“ Mit „besser haben“ war immer gemeint, mehr zu besitzen, weil wir „mehr“ und „besser“ sehr leicht miteinander verwechseln. Natürlich hat meine Generation jetzt mehr: Mehr Stress, mehr Schulden, mehr seelisches Leid, mehr Nahrungsmittelunverträglichkeiten, mehr chronische Krankheiten und natürlich viel mehr Entscheidungsmöglichkeiten. Zu viele Entscheidungsmöglichkeiten, die unsere Köpfe so richtig rauchen lassen.

Wir wissen, dass drei mehr als zwei ist, was auch völlig korrekt ist. Falsch wird die Rechnung erst, wenn man glaubt, dass drei auch besser als zwei sei und genau in diesem Wahn stecken wir momentan. Diese Sichtweise relativiert sich aber rasch: Bei Ohrfeigen zum Beispiel. Bei einer wirklich „festen Fotz’n“ – so würde man in Wien sagen – reicht eine einzige durchaus aus, da brauche ich nicht drei davon.

Heute lautet das Prinzip: „Mehr ist besser. Vor allem mehr Geld ist besser.“ Wir haben mehr Geld, alle, die gesamte Welt hat mehr Geld als jemals zuvor. Geht es uns deswegen wirklich besser? Die Leute schreien nach mehr Geld und sie bekommen mehr Geld, weil dieses Geld ja relativ einfach gemacht werden kann. Irgendjemand tippt Zahlen in einen Computer und dabei wird Geld „erschaffen“, das es vorher nicht gegeben hat. Virtuelles Geld. Das heißt, es gibt mehr Geld, nur macht das keinen Sinn mehr. Auch, wenn ich mir für unser Geld immer weniger kaufen kann, wenn ich also stetig weniger dafür bekomme, hat es keinen Sinn, mehr von dem Geld zu besitzen, denn wenn ich mit dem Mehr einer gewissen Sache letztendlich weniger von dem bekomme, was ich wirklich brauche, um gut zu leben, dann ist das ein vollkommener Unsinn. So ist es, wie ich glaube, in sehr vielen Bereichen des Lebens passiert. Wir haben das Gefühl für das richtige Maß verloren, für den Punkt, ab dem es genug ist und wo man sagen kann: „Gut, alles, was jetzt darüber hinausgeht, ist nicht mehr sinnvoll, ist schlecht.“

Bis zu einem gewissen Grad ist eine stetige Steigerung natürlich ein Gewinn. Ab einem gewissen Punkt kann sie hingegen sogar schädlich werden. In manchen Fällen ist die Steigerung zwar nicht schädlich, aber einfach nur sinnlos, zum Beispiel in einem Wirtshaus. Wenn ich dort fünf Euro eingesteckt habe, dann reicht das für ein Getränk. Wenn ich 25 Euro eingesteckt habe, reicht es für ein Getränk und etwas zu essen. Wenn ich 50 Euro dabeihabe, kann ich schon wirklich sehr, sehr gut essen und kann mir einiges leisten.

Wenn ich fürs Wirtshaus 200 Euro eingesteckt habe, kann ich sogar jemanden einladen. Wenn ich aber 5000 Euro ins Wirtshaus mitnehme, dann ist das völlig sinnlos. Ich kann damit nicht mehr machen, dann habe ich einfach nur mehr Angst, dass mir dieses Geld jemand wegnehmen könnte.

Wenn ich eine Million Euro eingesteckt habe, dann kann ich natürlich das ganze Haus samt Wirtshaus kaufen, obwohl ich ja eigentlich nur ein gutes Essen wollte.

Vorausblickend denken

In allen Bereichen des Lebens muss man die Schwelle erkennen, ab der man zu sich selbst sagt: „Das ist jetzt genug. Alles darüber kostet mich etwas und birgt sogar Gefahren.“ Diesen Punkt sollte man nicht übersehen. Darum mag ich das Motorradfahren, denn dabei führt das Hinausschießen über Grenzen unmittelbar zu einer Rückkopplung: Schmerzen. Ich fuhr Motocross und Endurorennen, also im Gelände, aber auch auf asphaltierten Rennstrecken. Das Motorrad hat bekanntlich zwei Räder und es fällt um, wenn man es irgendwo abstellt. Es stabilisiert sich in Bewegung durch die Kreiselkräfte, die dabei entstehen. Du bist mit deinem Motorrad ein Gesamtsystem in labilem Gleichgewicht und diese Balance gilt es auch in Kurven zu halten, obwohl die Fliehkräfte ja dagegen arbeiten. Man fährt also in eine Kurve und das einzige, das einen Sturz verhindert, ist der Grip zwischen Boden und Reifen. Je schlechter der Asphalt oder der Reifen, desto schlechter der Grip und desto eher liegst du auf der Nase, oder zumindest am Hintern. Die Reifen haben beim Motorradfahren über eine runde Auflagefläche Kontakt zur Straße. Wenn du dich so richtig in die Kurve hineinlegst, wird diese Kontaktfläche immer kleiner, bis irgendwann nur mehr eine ganz schmale Kante von zwei oder drei Millimetern aufliegt und der Rest des Reifens vom Asphalt abgelöst ist. In Schräglage entscheiden dann diese wenigen Millimeter Gummi, ob es dich vom Motorrad herunterreißt oder nicht. Da braucht man wirklich Gefühl im Hintern. Man muss wissen, wann es genug ist, wann man „runter vom Gas!“ sagen muss.

Unter Motorradfahrern gibt es einen Spruch, der lautet: „Besser viel zu langsam als ein bisschen zu schnell“. Wenn man das nicht einhält, kann es wehtun. Mit einem Rennauto ist das nicht mehr so, da bist du ja nicht Teil eines Gleichgewichtssystems, sondern nur die Steuereinheit. Beim Fahren tut sich dann deutlich weniger und Fehler führen zu geringeren negativen Rückkopplungen. Schlitterst du mit einem Auto auf einer Rennstrecke aus der Kurve, fährst du in den Sturzraum, eine Schotterfläche, und kommst vermutlich ungeschoren davon. Mit einem Motorrad tut das hingegen richtig weh und ab dem Moment, in dem du am eigenen Leib erfahren hast, dass Motorradfahren wehtun kann, verhältst du dich ganz anders. Der, der nicht dazulernt und das eigene Verhalten am Motorrad ändert, spielt mit seinem Leben oder trägt womöglich bleibende Schäden davon.

Im Leben wollen wir – im übertragenen Sinne – diese Grenzbereiche nicht wahrnehmen. Oft können wir es auch nicht, muss man fairerweise dazu sagen. Wir spüren im Leben die unmittelbaren negativen Rückkopplungen nicht, die uns das Motorrad ohne Zeitverzögerung übermittelt. Wenn du mit dem Motorrad in eine Kurve hineinfährst, spürst du, wenn es über das Vorderrad zu rutschen anfängt. Bei vielem, das wir im Leben tun, wenn wir über das Ziel hinausschießen, bekommen wir zuerst sogar eine positive Rückkopplung und keine negative. Das Abreißen des Grips passiert dann nicht wie auf dem Motorrad „jetzt“, sondern zeitverzögert, irgendwann später. Der Sturz, der Crash, passiert also erst in der Zukunft.

All das, was wir seit den Siebzigerjahren ansteuern – seit diese Statistik gemacht wurde, die wir uns gerade angesehen haben –, bringt uns zunächst positive Rückkopplungen: Mehr Geld, mehr Waren, immer alles sofort verfügbar haben, alle Möglichkeiten ausschöpfen, noch höher bauen, Autos noch schneller werden lassen, noch schwerer; immer mehr, mehr, mehr. Da bekommt man vielleicht sogar 50 Jahre lang lauter positive Rückkopplungen und erst spät merkt man: „Hoppla, wir haben etwas übersehen. Wir sind über das sinnvolle Maß hinausgeschossen.“ Die Folgen unseres Verhaltens, das wir in den letzten Jahrzehnten an den Tag gelegt haben, spüren wir ja jetzt noch nicht. Wir denken nur darüber nach, was passieren könnte, das ist aber eine virtuelle Geschichte. Ob beispielsweise wir beide überhaupt noch die wahren Folgen spüren werden, das wissen wir nicht. Unsere Nachfahren, die nächsten Generationen, die Kinder, die Enkel, die Urenkel, werden sie ganz bestimmt spüren. Für uns, kurzfristig gedacht, gibt es relativ wenige Gründe, unser Handeln zu verändern. Es ist so, als würden wir mit einem Motorrad fahren und fahren und fahren und dabei wissen, dass es ohnehin nicht dich aus dem Sattel reißen wird, sondern erst den nächsten, der aufsitzen wird. Genau das ist das Traurige an gesellschaftlichen Diskussionen, wenn es zum Beispiel um den Klimawandel und ähnliche Probleme geht. Nehmen wir als Beispiel den CO2-Ausstoß: Wie viele Kilogramm an CO2 ich ausstoße, kann ich nicht einmal sehen. Ich erhalte diesbezüglich keine unmittelbare Rückkopplung. Wie soll das unser Gehirn verstehen? Es begreift den Schaden nicht, den wir anrichten.

Ein anderes Beispiel: Wenn ich auf meinem Acker eine Missernte verzeichnen muss, vielleicht wegen einer Überschwemmung oder weil der Frost kommt, dann stehe ich davor und sehe es: „Jetzt ist jetzt passiert!“ Und ich weiß: „Jetzt bin ich in einer schlimmen Situation, jetzt muss ich schauen, dass ich überlebe. Jetzt!“ Momentan scheint für uns noch alles zu funktionieren. Wo gibt es Probleme mit der Umwelt? Ich blicke in meinen Garten hinaus und kann die Frage stellen: „Wo bitte läuft da in unserer Umwelt etwas falsch?“

Natürlich können wir derzeit auch nicht zu hundert Prozent sicher sein, dass alles, was Experten zum Beispiel über den Klimawandel sagen, wirklich stimmt. Wir wissen es nicht genau – auch die vielen Zukunftsforscher nicht, die sich ausrechnen, wie es im Jahr 2050 um das Klima stehen wird, und die schon jetzt voraussagen, um wie viel der Meeresspiegel steigen wird, die Gletscher abschmelzen werden, es hier Dürre, dort Überschwemmungen geben wird. Das ist nichts weiter als Kaffeesatzlesen. Keiner der Zukunftsforscher weiß, wie sich Menschen verhalten werden. Sie können nicht wissen, wie wir uns letztendlich verändern werden und ob wir nicht innerhalb von zehn Jahren vieles ganz anders machen werden. Vielleicht werden wir bis dahin vor gänzlich anderen Problemen stehen und der Klimawandel wird uns vollkommen egal sein, weil dann ganz unerwartet ein Virus auftauchen wird, oder wir dahinterkommen werden, dass irgendetwas in unsere Umwelt gelangt ist, das die Kinder so richtig krank machen wird. Eigentlich sind wir ohnehin schon fast so weit, wenn ich an all die zigfach geimpften Kinder denke, die Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten haben, während sich niemand fragt: „Warum ist das so?“ Oder man will es nicht sehen, und manche wissen vielleicht sogar, warum, verdienen aber Geld mit Pharmazeutika und Impfstoffen. Wenn das so ist, dann weiß ich: Da läuft etwas komplett schief.

Ich glaube, auf der sichtbaren Ebene – damit meine ich die mit unseren Sinnen wahrnehmbare – scheint ja alles gut. Alles wächst, alles gedeiht, die Städte werden immer zahlreicher, die Siedlungen größer, Einkaufszentren entstehen. Du hast mehr und mehr Möglichkeiten, die Autos werden besser, werden sicherer und alles wird einfacher. Kommunizieren ist durch das Mobiltelefon leichter geworden, im Januar kann ich Erdbeeren kaufen, bin mit 20 Milchsorten versorgt, und so weiter. Auf dieser Ebene ist alles wunderbar, und dennoch dürfte der Mensch noch andere Sensoren haben, die uns bereits sagen, dass da irgendetwas nicht stimmt, dass da irgendetwas außer Balance ist – dass sich der Sturz schon drei Kurven zuvor ankündigt, du aber ohnmächtig bist, etwas dagegen zu unternehmen, weil es dein Betriebsmodus jetzt einfach nicht zulassen will.

Das ist, so glaube ich, auch der Grund, weshalb viele Leute nicht glücklich sind. Sie holen sich dieses kurze Gefühl des Glücklichseins immer irgendwo, wofür es ja zahlreiche Angebote gibt. Sie sind aber im Innersten unzufrieden und leiden. Das äußert sich dann meistens in körperlichen Reaktionen, Krankheiten, psychischen Störungen, Depressionen oder Burn-out … wie auch immer man es nennt. All das muss einen Grund haben. Es muss einen Grund haben, warum so viele nur mehr auf hundertachtzig sind und eigentlich nicht mehr belastbar.

Mir begegnen immer mehr Menschen, die sagen: „Dies muss sich ändern, jenes kann so nicht weitergehen. Das ist ja alles nur mehr Wahnsinn.“ Ich war neulich mit meiner Mutter bei ihrer Bank, weil sie da etwas zu erledigen hatte und mich dabeihaben wollte, um ihr zu helfen. Wir trafen ihre Bankbetreuerin, die ich persönlich nicht kannte – eine nette Dame. Wir plauderten ein wenig, dann sagte sie einiges, was ich mir von einer Bankangestellten nicht erwartet hätte: „Das gesamte System ist außer Rand und Band“, meinte sie. „Es wird alles zusammenbrechen, das geht so sicher nicht weiter, und es muss sich etwas ändern. Wir müssen erkennen, was wirklich einen Wert hat, und was nicht.“ Diese Frau steckt mitten im System, arbeitet bei einer Bank und verkauft Finanzprodukte. Sie weiß genau, was „los ist“, spürt die Probleme. Sicher gibt es auch viele Menschen, die diese Alarmsensoren nicht haben und die sich denken: „Ach, das wird schon alles gut gehen.“ Auch wenn du zum Beispiel merkst, dass dein Körper nicht mehr so funktioniert, wie er funktionieren sollte, dann sagst du vielleicht: „Ach was, das vergeht schon, das stecke ich schon weg.“ Du willst es nicht wahrhaben.

Erst seit ich selbst mehr Ruhe gefunden und mehr Zeit habe, ist es mir möglich, unser Treiben etwas mehr von außen zu beobachten. Ich bin sozusagen in einem anderen Modus. Nicht nur ich bin das, es sind bereits viele Menschen, die kritisch beobachten und sich denken: „Es läuft etwas falsch.“ Ich wundere mich nicht mehr darüber, wenn ich in einer Zeitung einmal eine Headline sehe, in der steht: „Amokläufer …!“ Ich bin regelrecht dankbar dafür, dass es nur so wenige sind, die Amok laufen. Gründe zum Amoklauf bietet unsere Welt ja genügend. Ich befürchte, dass viele Menschen knapp davor stehen, irgendwann einmal auszurasten, weil sie einfach unter ständigem Druck stehen.

Was ist Selbstverwirklichung?

Clemens G. Arvay: Die Selbstverwirklichung ist offensichtlich ein sehr wichtiges menschliches Bedürfnis. Wir möchten uns in unserem Leben selbst verwirklichen, unser Wesen entfalten und das umsetzen, was wir als unseren inneren Auftrag empfinden. Gleichzeitig stehen aber viele vor dem Problem, dass in der Gesellschaft ein immenser Anpassungszwang herrscht. Anders zu sein bedeutet auch – und oft geht es dabei nur um Äußerlichkeiten –, nicht akzeptiert zu werden. Die Selbstverwirklichung hat ja etwas mit Individualität zu tun, scheitert aber daran, dass eben dieses „Individuell-sein“, dieses Anderssein, in vielen Fällen gesellschaftlich gar nicht respektiert wird. Was sind deine Erfahrungen mit dem Anderssein? Welche Steine werden einem da in den Weg gelegt?

Roland Düringer: Bei der Selbstverwirklichung muss man meines Erachtens etwas vorsichtig sein, damit daraus kein Egotrip entsteht. Sich selbst zu verwirklichen darf nicht dazu führen, dass einem alle anderen egal sind. Wir leben ja in gewisser Weise in einer Zeit der Selbstverwirklicher. Es gibt Menschen, die sich uneingeschränkt selbst verwirklichen, weil sie die Möglichkeiten dazu haben und es auch tun. Manche gehen dabei buchstäblich über Leichen.

Um mich selbst zu verwirklichen muss ich erst einmal das Selbst finden. Ich muss zuerst wissen: Was oder wen möchte ich verwirklichen? Ist es tatsächlich mein Selbst, das ich verwirkliche, oder will ich bloß mein Ego ausleben? Das Selbst zu verwirklichen ist viel schwieriger. Mit den üblichen Mitteln, die uns heutzutage meistens zur Verfügung stehen, funktioniert das oft nicht. Damit kannst du das Ich sehr leicht verwirklichen. Das Selbst jedoch – also das, was du eigentlich tief im Inneren bist, dieses Sein, das du in dir trägst und das in dir lebt –, das braucht im Grunde nur wenig zur Verwirklichung. Eben deswegen, weil es so wenig braucht, ist es so schwer zu finden. Was wenig braucht, muss nämlich nur selten seine Deckung verlassen.

Ich erinnere mich daran, schon als Kind und in der Schule etwas anders als die meisten meiner Kollegen funktioniert zu haben. Ich hatte aber das Glück, bald Menschen kennengelernt zu haben, die ebenfalls anders waren. Ihnen war ihr Anderssein völlig egal und ich durfte dadurch sehr viel von ihnen lernen. Mein Mentor, der Schauspieler Herwig Seeböck, war einer von ihnen und ein immens wichtiger Begleiter. Ich kann es mir heute glücklicherweise leisten, anders zu sein. Ich kann es mir leisten, Kugeln im Bart zu tragen, was manche Menschen aufgrund ihrer Lebens- und Arbeitsumstände nicht können. Sehr viel, was in letzter Zeit, seit ich meinen Selbstversuch „Gültige Stimme“ mache, über mich gesprochen wird, dreht sich um diese Kugeln in meinem Bart. So etwas scheint für die Leute bedeutend zu sein: „Der hat ja Kugeln im Bart! Das schaut doch blöd aus!“ Oder: „Kugeln, oh! Wer macht denn so etwas?“. Weshalb sind uns solche Äußerlichkeiten so wichtig?


„Meine Bartkugeln scheinen die Menschen am meisten zu irritieren und oft sogar zu stören. Weshalb legen wir solchen Wert auf Äußerlichkeiten?“

Ich glaube, das äußere Erscheinungsbild von Menschen ist uns so wichtig, weil wir einfach gelernt haben, für die anderen zu leben. Wir opfern unser Lebensglück den anderen, selbst denen, die wir gar nicht so schätzen. Wir spielen uns einander ständig etwas vor, möchten anerkannt, akzeptiert, lieb gehabt werden. Deswegen wollen wir nicht unangenehm auffallen. Dass aber, würden wir eines Tages einmal alle auffallen, kein einziger Mensch mehr auffällig wäre, übersehen wir dabei. Dass wir nach Anerkennung suchen, könnte man auch positiv bewerten. Ich persönlich sehe es aber als negativ. Brauche ich wirklich die Bestätigung durch jemand anderen, um zu wissen, wer oder was ich eigentlich bin?

Mit meinem Anderssein bin ich ohnehin ständig konfrontiert.

Mit meinem Beruf ist man schon einmal anders. Man steht unter Beobachtung, fällt auf, wenn man die Straße entlanggeht. Dabei geht es mir gar nicht darum, anders zu sein. Ich bin ebenso ein Kasperl wie alle anderen Menschen auch und versuche lediglich, andere Wege zu gehen. Das Problem ist, dass man gar nicht erst anders sein muss, um Irritation auszulösen. Es reicht, wenn man bestimmte Dinge anders tut.

Clemens G. Arvay: In der Onlineausgabe der Tageszeitung „Die Presse“ erschien am 12.05.2013 ein Interview mit dir. Unter der Schlagzeile „Aussteiger Roland Düringer sucht das gute Leben“ erzähltest du über deinen schrittweisen „Ausstieg aus den Systemen“. Davon angeregt verfasste eine Leserin einen Kommentar, wo sie über dich schrieb: „Der Mann hat es scheinbar nicht geschafft, erwachsen zu werden. Gut, er ist offensichtlich in der zweiten Pubertät […].“

Die Dinge anders zu machen zieht immer wieder Ablehnung, fast möchte ich sagen: Gehässigkeiten, an. Was sagst du zu dem Kommentar?

Roland Düringer: Diese Frau hat aus ihrer Sicht recht. Sie sieht die Dinge so und konnte gar nicht anders reagieren als mit diesem Kommentar. Ihr Gehirn funktioniert so und aus ihrer Perspektive ist das vollkommen richtig. Und stelle dir vor: Die meisten Menschen haben in ihrem Leben nur eine Pubertät. Ich habe – laut dieser Dame – eine zweite. Vielleicht kommt auch noch eine dritte auf mich zu, das ist doch herrlich, nicht wahr? Es bedeutet, dass man sich verändert, man verwandelt sich. Ich könnte jetzt aus diesem Kommentar den Schluss ziehen, dass die Dame sehr unter ihrer Pubertät litt, dass dies vielleicht keine schöne Zeit für sie war. Meine Pubertät war eigentlich lustig, da hat sich viel abgespielt, das war „leiwand“, wie man in Wien sagt, also es war so richtig lässig. Wir Jugendlichen machten viele Erfahrungen, probierten Dinge aus. Die Pubertät war für mich eine richtig spannende Zeit. Ich könnte aus dem Kommentar aber auch schließen, dass diese Dame eine wunderschöne Pubertät hatte und die Sehnsucht nach einer zweiten verspürt. Vielleicht ist sie neidisch darauf, dass da jemand eine zweite Pubertät erlebt und sie nur eine hatte. Aber noch einmal: Sie konnte nicht anders, als diesen Kommentar zu verfassen. Offenbar war es ihr wichtig.

Wir machen Beobachtungen, die mit unserem eigenen Weltbild, also mit unserer Art zu leben, nicht wirklich kompatibel sind, und dann ist es oft der einfachere Weg, die Menschen, die es anders machen als man selbst, zu verurteilen oder zu bewerten. Auch ich kenne das und erwische mich immer wieder beim Verurteilen, wenn jemand nicht so ist, wie ich es für richtig halte. Leider viel zu oft. Überall geschieht es, dass Menschen einander verurteilen. Veganer bezeichnen zum Beispiel diejenigen, die Fleisch essen, oft als „Fleischfresser“ oder „Leichenfresser“. Menschen, die nicht vegan leben, werden also abgewertet. Es ist etwa so, als würde ein Mensch von sich behaupten, er sei ein ganz besonders spiritueller Mensch und deswegen fährt er mit dem Fahrrad – weil er so spirituell ist. Dann sieht er vielleicht jemanden auf der Straße in einem Auto sitzen – in einem Sportwagen zum Beispiel – und denkt: „Schau, der ist nicht so spirituell wie ich, denn er trägt keine Sandalen, so wie ich, und der fährt auch nicht mit dem Fahrrad und hat auch nicht so ein indisches Tuch umgehängt, wie ich es habe. Dieser Mensch ist überhaupt nicht spirituell.“ Das ist dann eine Vorverurteilung. Vielleicht ist der, der im Sportwagen sitzt, tausendmal spiritueller als ein anderer, der sich für besonders spirituell hält, nur, weil er sich entsprechend verkleidet.

Man muss sehr darauf achten, Menschen nicht zu verurteilen. Wenn mir das passiert, sage ich zu mir selbst: „Hey, hey! Halt! Der kann nicht anders, so dumm es mir auch erscheint, was er da tut, aber in seiner jetzigen Situation geht es für ihn einfach nicht anders.“ Ich zügle mich dann, um ihn nicht zu verurteilen, sondern ihn vielleicht sogar zu unterstützen und ihm Alternativen aufzuzeigen. Ob er diese annimmt oder nicht, ist letztendlich seine eigene Entscheidung. Ich kann lediglich über alternative Wege berichten und sagen: „Schau, mir geht es super damit.“

Clemens G. Arvay: Und doch scheint – das kann man zumindest aus dem Kommentar der Leserin herausfiltern – das „Erwachsensein“ irgendetwas mit „sich angepasst haben“ zu tun zu haben. Als erwachsen gilt in unserer Gesellschaft offenbar nur, wer sich möglichst restlos angepasst und vielleicht sogar einen Teil von sich dadurch abgedreht, abgestellt hat.

Roland Düringer: Ja, dieser Teil wird ihm abgestellt. Kein Kind kommt auf die Welt und sagt: „So, jetzt stelle ich viel von dem, was mir gut tut, ab und möchte mich anpassen.“ Das muss man einem Kind erst mühevoll beibringen und dafür haben wir ein eigenes System, wir nennen es das „Bildungssystem“. Es ist aber in Wirklichkeit ein Ausbildungssystem. Dort beginnt eigentlich schon das Abrichten von Systemidioten. Der Schrei nach mehr für unsere Bildung, zumeist nach mehr Geld, wird am Grundproblem nicht viel ändern. Wir sollten vielmehr die Lehrer dazu anhalten, nicht Fächer und Gegenstände, sondern endlich die Menschen zu unterrichten.

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