Kitabı oku: «Eisschwimmen»
Conny Bischofberger:
Eisschwimmen
Alle Rechte vorbehalten
© 2021 edition a, Wien
Cover: Valeriya Gridneva
Satz: Isabella Starowicz
Korrektorat: Maria Fatoba
Gesetzt in der Garamond
Gedruckt in Österreich
1 2 3 4 5 — 25 24 23 22 21
ISBN 978-3-99001-544-5
eISBN 978-3-99001-545-2
Conny Bischofberger
EISSCHWIMMEN
Roman

»Es sind zwei Spiegel notwendig, um ein vollständiges Bild von sich zu bekommen.«
– Patricia Highsmith
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
DANKSAGUNG
1
Das war wieder eine grandiose Idee von ihr gewesen, im zu Ende gehenden Sommer auf eine einsame Schäreninsel vor der schwedischen Westküste zu fliegen. Schon im Flixbus vom Flughafen Landvetter ins Stadtzentrum von Göteborg stellten sich bei Isabella erste Zweifel ein. Wie immer, wenn sie sich, überwältigt von Übermut, etwas vollkommen Verrücktes ausgedacht hatte. Fünf Länder wollte sie diesmal in zwölf Tagen bereisen. Auf und davon, als müsste sie das irrwitzige Tempo ihres Berufs auch während einer Auszeit aufrechterhalten. Von den Schären nach Südengland, von London ins Baskenland, über San Sebastián nach Biarritz und schließlich vom 800 Kilometer entfernten Porto zurück nach Wien. Ihrer Freundin Kathi war schon bei der Vorstellung schlecht geworden. »Wie kannst du dich da erholen?«, hatte sie besorgt gefragt. Die Psychologin fuhr im Sommer seit Jahrzehnten in dasselbe bewährte Hotel an der Riviera, wo sie unter einem Sonnenschirm im Liegestuhl vor sich hindöste und an den späten Nachmittagen nach dem Genuss mehrerer Cocktails shoppen ging. Einen gemeinsamen Urlaub hatten sie deshalb immer vermieden. Isabella sah Urlaub nicht als Flucht vor dem Alltag. Sie konnte mit dem viel strapazierten Begriff der Work-Life-Balance nichts anfangen. Sie machte keinen Unterschied zwischen ihrer Arbeit und dem Leben. Sie lebte durch ihre Arbeit, sie schöpfte Energie aus Bewegung, sie wollte nicht zur Ruhe oder in Balance kommen, die Unruhe faszinierte sie weitaus mehr.
Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, die sie vor ihrem Abflug interviewt hatte, wäre not amused gewesen. Es sei eine Frage des persönlichen Verantwortungsgefühls, ob man noch herumjette, als sei nichts geschehen, hatte die renommierte Wissenschafterin im Gespräch mit der Journalistin Isabella Mahler einem Millionenpublikum erklärt. Und dass die Hitze die Menschen letztlich umbringen werde, wenn nicht alle – Politik, Wirtschaft, jede und jeder Einzelne – konsequent handeln würden. Jetzt.
»Für diese Erkenntnis brauch ich keinen Klimaforscher«, spöttelte Thomas Prinz auf WhatsApp, nachdem sie ihm den Teaser für die Story zur Voransicht geschickt hatte, »in 4,9 Milliarden Jahren macht’s ein letztes Mal zisch, und die Erde ist weg.« Dazu ein Zwinker-Smiley. Ihr bester Freund machte kein Hehl daraus, ein genderverachtender Zyniker zu sein. Diese zweifelhaften, seiner Meinung nach jedoch durchaus nützlichen Charaktereigenschaften machte der Banker mit Charme und Humor wett. 28000 Klicks generierte Isabellas Ankündigung auf Twitter in 24 Stunden, in der Online-Ausgabe ihrer Tageszeitung war das Interview mit ein paar Hunderttausend Postings meistkommentiert.
Fröstelnd betrachtete Isabella das Baby, das neben ihr in der letzten Reihe auf dem Schoß seiner Mutter hin- und herwippte. Es sah vollkommen zufrieden aus. Von wegen Hitze, dachte sie und verdrängte den Gedanken an ihren ökologischen Fußabdruck. Sie öffnete den kleinen Samsonite und fischte die dünne, mitternachtsblaue Strickjacke aus dem Koffer. In Schweden war es deutlich kühler als in Österreich. Isabella blickte aus dem Fenster. Am blassroten Abendhimmel kroch hinter einer wuchtigen Wolkenformation der volle Mond hervor. 21.50 Uhr. Wenn sie Glück hatte, erreichte sie das vorletzte Schiff auf die südlichste Insel um 22.35 Uhr.
In der Straßenbahnlinie 11 zum Göteborger Fährenterminal las sie den Roman weiter, den sie im Flugzeug begonnen hatte. Der Brand erzählte die Geschichte eines Ehepaares, das sich im Lauf der Jahre verloren hatte. Die Dynamik innerhalb konventioneller Beziehungen faszinierte Isabella. Es lief ihrer Meinung nach immer auf dasselbe hinaus: Erwartungen, Unausgesprochenes, dazu der Alltag, das funktionierte auf Dauer nur mit großen Zugeständnissen. Zu groß für Isabella.
Ihr Coach hatte recht behalten, das Lesen beflügelte ihre Gedanken. Wer so viel schreibt, muss zwischendurch auch viel lesen, hatte Michael gemeint, als Isabella ihm ihre Krise geschildert hatte. Sie konnte nicht mehr zuhören, sie konnte nicht mehr denken, sie konnte nicht mehr schreiben. Ihr war alles gleichgültig geworden. Alles hatte die gleiche Gültigkeit, nichts war mehr wert. Begleitet wurde ihr Zustand von Appetitlosigkeit und einem eigentümlichen Rieseln im Kopf. Es fühlte sich an, als würde unaufhörlich Flüssigkeit auf ihre linke Gehirnhälfte rinnen. Die Gehirnzellen durften in ihrer Vorstellung aber keinesfalls nass werden und aufquellen, ansonsten würde sie endgültig verrückt werden. Das penetrante Tröpfeln hatte einen ganz eigenen Takt. Es klang wie das immer lauter werdende Ticken einer Stoppuhr, wie der Countdown zu einer Katastrophe. Eine Ortsveränderung würde dir guttun, befand Michael, und mit dem Rieseln sollte sich vorsichtshalber ein Psychiater befassen.
Seit sie sich erinnern konnte, liebte Isabella das Reisen, mehr noch als das Ankommen. Sie war gerne in Bewegung und genoss bereits die Vorstellung des Unterwegsseins. Bei der Planung folgte sie stets ihrem Instinkt. Diesmal war es jedoch anders gewesen. Es wollte sich einfach keine Reiselust einstellen, sie hätte sich viel lieber zu Hause verkrochen. Aber dann suchte sie nach einer Route, die sie herausfordern würde. Ein bisschen Norden, ein bisschen Süden. Haupt- und Küstenstädte. Nordsee und Atlantik. Kein Psychiater.
Als sie die Fähre in Göteborg-Salholmen betrat, fühlte sie sich erschöpft und aufgekratzt zugleich. Die Namen der Inseln, die sie gleich ansteuern würde, endeten alle auf »ö«: Asperö, Brännö, Köpstadsö, Styrsö, Donsö. Es war kurz vor Mitternacht, als Isabella bei der Endstation, in Vrångö, von Bord ging.
Mit letzter Kraft zog sie ihr Handgepäck durch die vom Mondschein beleuchteten schmalen Wege zur Airbnb-Wohnung im Gartentrakt eines weißgetünchten Hauses. Auf einem Mast wehte die blau-gelbe schwedische Flagge. Die Luft roch nach Salz und Heidekraut. Isabella atmete tief durch, tippte den fünfstelligen Code in das Display neben dem Eingang und betrat das Apartment.
2
Den letzten Abend vor ihrer Reise hatte sie mit Thomas Prinz verbracht. Der Investmentbanker war ein Jahr zuvor durch ein Missgeschick in ihr Leben geplatzt. Sie hatte nach zwei Gläsern Champagner seinen Aston Martin gerammt und wollte den Vorfall eigentlich rasch und versicherungstechnisch professionell abwickeln, nichts weiter. Aber dann überraschte sie dieser Mann mit seiner Großzügigkeit und Exzentrik, seinem ehrlichen Interesse für ihre Arbeit, mit Geschichten aus der ihr fremden Hochfinanz, mit seinen leicht snobistischen Weltanschauungen. Investmentbanker. Isabella hatte sich nie für diesen Beruf interessiert, gewöhnlich langweilten sie Geldthemen, außer es war Psychologie im Spiel. Prinz aber war ein begnadeter Erzähler. Er verstand es, selbst die Post-Covid-Strategie der Geldhäuser dramaturgisch spannend zu erklären. Und es hatte etwas Überzeugendes, wenn er ohne jeden Selbstzweifel darlegte, wie er die Dinge sah.
Isabella schrieb zu dieser Zeit gerade unzählige Mails an einen Fremden. Österreich-Geschäftsführer bei Amnesty International. Sie hatte den Mann im Fernsehen gesehen und war von seiner Stimme elektrisiert gewesen. Nach zehn Jahren das erste Mal wieder verliebt – in ein Phantom, wie sich herausstellen sollte. Prinz kommentierte den Mailverlauf wie ein spannendes Experiment, der Ausgang schien für ihn klar. »Irgendwann wird er sich aus seiner Deckung herauswagen und seine Frau betrügen.« Eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass dem NGO-Aktivisten die Angelegenheit doch zu heiß werden könnte, räumte er allerdings ein.
Er selbst war auch verliebt gewesen. In eine attraktive Staatsanwältin, die sich mit Prinz zwar regelmäßig verabredete, jedoch nie einen Zweifel daran ließ, dass sie ihrem Verlobten treu bleiben würde. »Der teuerste Wangenkuss meines Lebens«, zog er sarkastisch Bilanz über seine Bemühungen. Die Nächte mit Jay hatten ihn bereits ein kleines Vermögen gekostet. Dinner in Luxusrestaurants, dazu Jahrgangschampagner, Prinz hatte alle Register gezogen. Noch immer hielt er es keineswegs für unwahrscheinlich, dass die Angebetete sich eines Tages erkenntlich zeigen und schwach werden könnte.
Isabella hörte ihm gern zu. Ihr erging es ähnlich. Sie hatte ihre ganze Energie in die Sache gelegt, zu mehr als gefühlvollen Mails und einem Kuss im Regen hatte es allerdings nicht gereicht.
So bildeten sie eine Art Schattenpaar, das Hoffnung auf Nähe mit jemand Unerreichbarem teilte, aber auch die Angst davor. Es verband sie das Wissen um die Aussichtslosigkeit und die Frage, wie sie sich so verstricken lassen konnten in Gefühle, die ihnen an sich fremd waren. Irgendwo dazwischen waren Isabella und Prinz langsam Freunde geworden.
»Lust auf Weiß gespritzt bei HH?« Isabella richtete gerade die automatische Antwortfunktion ihres Mailprogramms ein, als seine WhatsApp-Nachricht einlangte. Knapp und mit meist englischen Codes, so kommunizierte Prinz am liebsten. TD kommentierte er etwa, wenn sein Angebot für ein IPO – Initial Public Offering – ein paar Sekunden zu spät rausgegangen war. Es stand, beabsichtigt übertrieben, für Total Disaster. CCT war eine schmeichelhafte Bezeichnung für Isabella, wenn er, zumeist aus selbstsüchtigen Gründen, seinen Charme bei ihr spielen ließ. Es bedeutete Coolest Cat in Town. Manchmal nannte er sie auch TM, Tough Monkey. Isabella bedankte sich manchmal mit YSFN für hingenommene Terminverschiebungen. You’re so flexible and nice. So hatte sich mit der Zeit eine Art Geheimsprache zwischen ihnen entwickelt. Mit HH war Hengl-Haslbrunner gemeint, ein Wiener Traditions-Heuriger in der Döblinger Iglaseegasse.
»Why not?«, schrieb Isabella, obwohl sie weder gepackt noch die diversen Corona-Einreise-Links ausgefüllt hatte. Einen Gurgeltest musste sie auch noch machen, den verlangten die Briten, obwohl sie bereits genesen und geimpft war. Wahrscheinlich als Strafe dafür, dass Österreich noch immer nicht aus der Europäischen Union ausgetreten war.
Mach ich alles morgen, dachte Isabella, und fischte noch die interessantesten Magazine aus dem meterhohen Zeitungsstoß auf ihrem Schreibtisch. Lesestoff für unterwegs. Es war Samstagabend, ihr Flug nach Göteborg ging erst am Sonntagnachmittag.
Im Schatten eines weitverzweigten Walnussbaumes schenkte Prinz ihr später an einem der Holztische im Innenhof Soda mit Weißwein ein. »Das Soda zuerst«, erklärte er. »Cheers!« Sie stießen eine Spur zu fest mit ihren Gläsern an, lachten eine Spur zu laut, wie sie fast alles übertrieben, auch das Trinken.
»Schon im Reisefieber?«, fragte Prinz und zelebrierte den ersten Schluck.
»Gar nicht«, sagte Isabella. Sie war sehr müde. »Eigentlich würde ich lieber in Wien bleiben.«
»Ist normal«, fand Prinz, »morgen wird es dich noch Überwindung kosten, aber dann wirst du es lieben! Ich beneide dich.«
Isabella genoss seine Bewunderung und das Prickeln des Weines auf ihrer Zunge. Gleich würde sie eine Leichtigkeit spüren und dem Gedanken, an diesem Abend für lange Zeit das letzte Mal in ihrem eigenen Bett zu schlafen, keine weitere Aufmerksamkeit mehr schenken.
»Was hältst du von Speck?«, fragte Isabella. »Mir ist gerade eingefallen, dass ich heute noch gar nichts gegessen habe.« Speck hatte sie schon als Kind allen Süßigkeiten vorgezogen. Auf die Frage, ob sie gerne ein Stück Schokolade möchte, hatte Bella, wie sie als Kind genannt wurde, der Überlieferung nach stets mit »Lieber ein Speckbrot!« geantwortet.
Prinz winkte den Kellner herbei. »Einmal Brettljause für zwei. Und noch eine Karaffe Wein.«
»Morgen um diese Zeit sitze ich schon im Flieger«, überlegte Isabella laut und rollte ihre Augen.
»Ryanair, my favourite«, grinste Prinz. Er hatte sich eines Tages geschworen, nie mehr mit Billig-Airlines zu reisen und es auch durchgezogen. Isabella war das vollkommen egal, sie konnte sich jeder Situation anpassen. Und wenn es der Mittelsitz im Flieger zwischen zwei Übergewichtigen oder, wie es neuerdings hieß, Mehrgewichtigen sein sollte.
Einmal waren sie und Prinz schon gemeinsam verreist. Drei Tage Barcelona, Brainstorming für eine Buchidee. Prinz fand, dass Gedanken nur dann ihre Richtung änderten, wenn man sie in einer ungewohnten Umgebung spielen ließ, vorzugsweise am Meer. Er hatte sich um die Flüge gekümmert (nicht Ryanair), sie das Hotel gebucht. Zwei getrennte Suiten im fürstlichen Avenida Palace, Dachterrasse mit Pool und 360-Grad-Blick über Barça inklusive. An einem der Abende waren sie einander nach vielen Tapas und noch mehr Cavas zum ersten Mal nähergekommen. Es war keine zärtliche Geste gewesen, sondern eher Isabellas Alkoholspiegel geschuldet, dass sie sich im Taxi zum Hotel an seiner Schulter angelehnt hatte. Prinz jedoch hatte sie auf den Mund geküsst.
Isabella war so überrascht gewesen, dass sie den Kuss gar nicht erwidern oder gar genießen konnte. Sie war sich damals nicht sicher, ob ihr das leidtat.
Am nächsten Morgen stand etwas zwischen ihnen.
»Weißt du noch, was du gestern gemacht hast?«, hatte Isabella gefragt und seinen Blick gesucht.
»Was denn?« Entweder spielte er das Unschuldslamm, oder er hatte wirklich keine Ahnung.
»Du hast mich geküsst.«
»Really?«, fragte er. Seine grünen Augen blieben ernst. »Es ist mir peinlich, aber ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern. Sorry.«
Okay, dachte Isabella, so leicht sollte er jedenfalls nicht davonkommen.
»Schade, dass du dich entschuldigst«, lächelte sie treuherzig, »und es offenbar nur ein Versehen war.«
Da stellte Prinz seine Espressotasse ab. »Du musst wissen, dass ich keine Beziehung anstrebe. Mir reichen schon zwei kaputte Ehen und die Sache mit Jay. Ich möchte, dass zwischen uns alles so bleibt, wie es ist. Easy going.«
Das wollte Isabella jetzt genauer wissen. »Ich strebe auch nichts an, was landläufig Beziehung genannt wird«, erklärte sie, »aber das Küssen fand ich eigentlich ganz schön.«
Prinz wurde deutlicher. »Küssen führt unabdingbar zu Sex. Sex macht alles kompliziert. Vor allem aber macht Sex süchtig.«
Isabella überlegte, ob er mit These Nummer zwei recht haben könnte. »Blödsinn«, lachte sie dann, »ich glaube das nicht.« Sie ließ offen, was sie genau meinte. Der Hinweis auf die Sucht aber hatte sie neugierig gemacht.
Kurz versuchte sie sich vorzustellen, wie es wäre, Sex mit Prinz oder überhaupt je wieder Sex zu haben. Sie fühlte nichts, jedenfalls nicht für Prinz. Deshalb sagte sie: »Also ich hab nichts dagegen, wenn wir das mit dem Sex bleiben lassen.«
»Great«, erwiderte Prinz.
Inzwischen stand ein Holzteller mit Speck, Braten, Pfefferoni und Kren zwischen ihnen. Isabella hatte Hunger, aber keinen Appetit.
»Wie geht’s dir eigentlich mit Jay?«, fragte sie.
»Hab sie lange nicht mehr gesehen«, antwortete Prinz. »Vielleicht ist sie schon verheiratet und erwartet ein Kind.«
Er biss in einen Pfefferoni und machte dabei eine abweisende Handbewegung.
»Und bei dir? Denkst du noch an diesen Regner?«
»Öfter als mir lieb ist«, antwortete Isabella ehrlich. »Obwohl es schon über ein Jahr her ist, dass er mich einfach abgedreht hat.« Die Kränkung, die sein plötzliches Schweigen bei ihr ausgelöst hatte, saß noch immer tief. »Ganz ehrlich. Verstehst du, warum er mir das nicht persönlich sagen konnte?«
»Schon«, nickte Prinz. »Er hätte sich selbst eingestehen müssen, dass er ein Gefangener seiner kleinen, biederen Welt ist. Deshalb hat er geschwiegen.« In seinen Augen lag jetzt etwas Spöttisches. »Dieser Mann verbringt ein Leben im Fegefeuer.«
Zögerlich aß Isabella ein paar Scheiben Speck. Er schmeckte nicht so, wie sie sich erhofft hatte. Das passierte ihr beim Essen immer öfter. Der Alkohol entfaltete auch nicht mehr die aufpeitschende Wirkung.
»Ich wünsche mir nur eines«, sagte sie schließlich. »Er soll sich noch ein letztes Mal bei mir melden, damit ich ihm nicht mehr antworten kann.«
Prinz lachte. »Vielleicht bekommst du diese einmalige Chance ja noch.«
Es war inzwischen dunkel geworden. Der Kellner war schon zum zweiten Mal an ihren Tisch gekommen, um anzumerken, dass der Heurige gleich schließen würde. Sie waren die letzten Gäste. »Du bist natürlich eingeladen«, erklärte Prinz. »Ich würde jetzt noch liebend gern einen japanischen Whisky in der Bristol Bar ausgeben, aber ich glaube, du solltest wirklich schlafen gehen.« Wieder einmal war er sich seiner Sache hundertprozentig sicher. Sie widersprach nicht. Dann bestellte Prinz ein Taxi, mit dem er sie bis vor ihre Haustür brachte.
»Have fun, Dearest!«, wünschte er Isabella zum Abschied und schickte ihr einen Kuss. Müde winkte sie ihm nach. Sie ahnte, dass seine Nacht noch nicht zu Ende war.
3
Als Isabella aufwachte, sah sie nur weiß. Weiße Vorhänge, weiße Möbel, weißes Licht. Wo bin ich, dachte sie, schloss noch einmal die Augen und zog sich die Decke über ihre eiskalten Schultern. Sie hatte geträumt, dass eine schwarze Raupe alle Pins, Mails, Fotos und Apps aufgefressen hatte. Reservierungen, Boardingpässe, Coronatests: verschlungen. Isabella stand schreiend daneben und flehte die Raupe an, wenigstens die Telefonnummern wieder auszuspucken. Die Raupe schmatzte und grinste. Dann verwandelte sie sich in einen violetten Schmetterling und flog davon.
Das Gefühl, vollkommen verloren zu sein, saß Isabella noch in den Knochen, als sie sich ins Bad schleppte. Jeder Muskel tat ihr weh. Aus dem Spiegel blickten sie zwei ernste Augen an, ihre Haut sah wie zerknittertes Pergamentpapier aus, blass und mit feinen Linien überzogen. Sie klatschte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Die Hyaluron-Creme, die sie in die Falten klopfte, hatte die Wirkung einer Träne im Ozean.
In der Küche fand sie zwar Kaffee, aber keine Milch und keinen Zucker. Sie schlüpfte in ihre weißen Jeans und die rosa Bluse vom Vorabend, duschen konnte sie auch später noch.
Was mach ich bloß hier, dachte Isabella, als sie aus dem Haus trat. Vor ihren Augen breitete sich die schwedische Insel wie ein Arrangement aus weißen Puppenhäusern aus. In den Vorgärten thronten Relikte aus der Wikingerzeit. Rostige Anker, zu Gartenpavillons umfunktionierte Schiffskabinen. Manchmal glaubte sie, an den Fenstern Umrisse von Bewohnern zu erkennen. Stille. War sie der einzige Mensch auf Vrångö an diesem Montagmorgen? Nur Vogelgezwitscher hörte sie und ein monotones Summen, das Isabella nicht zuordnen konnte. Dann erblickte sie die kleinen, grauen Roboter. Überall krochen sie über die stoppelkurz geschorenen Rasen, kletterten an Steinen vorbei hinter Büsche, fraßen sich munter weiter, summten unaufhörlich dabei.
Isabella lief Richtung Hafen. Auf den Wiesen hatte der Wind die Brombeer- und Hagebuttenstauden niedergepeitscht. Riesige Felsen, die in der Sonne glitzerten, umsäumten das Dorf zum Meer hin, in den Feuchtwiesen blühte der Dost. Bei der Schiffsanlegestelle hörte sie endlich Stimmen. An einem Tisch auf der Terrasse des einzigen Cafés bissen fünf Männer von ihren Käsebroten ab und tranken Cola. »Closed!«, riefen sie, als Isabella sich näherte. Sie musste schon von weitem als Touristin erkennbar sein. »I need milk for my coffee«, rief sie zurück. Der Mattaffär öffne in einer Stunde, wurde ihr gedeutet, der Supermarkt liege am anderen Ende der Insel. Isabella bereute jetzt, hierhergekommen zu sein.
In diesem Moment klingelte ihr Handy. Eine junge Kollegin aus Wien entschuldigte sich für die Störung, aber es sei dringend. »Ich bin grad auf einer Schäreninsel vor Göteborg«, erklärte Isabella, aber das schien die Anruferin nicht zu stören. Auch ihren Hinweis, dass sie erst in zwei Wochen wieder in der Redaktion sein werde, ignorierte sie geflissentlich. »Der Chef vom Dienst lässt fragen, ob du vielleicht Birgit Lauda interviewen könntest?« Die Ehefrau des verstorbenen Formel-1-Weltmeisters und Airline-Gründers war bei den Salzburger Festspielen erstmals wieder mit einem Mann an ihrer Seite erschienen, Isabella hatte es im Flieger nach Göteborg gelesen. »Neue Liebe!«, titelten die österreichischen Zeitungen, und die Society-Reporter lieferten sich ein Wettrennen, wer von ihnen dem frischen Paar als Erstes ein Interview oder zumindest einen Stehsatz entlocken würde. Offenbar erfolglos. Isabella Mahler hatte Niki Laudas Biografie geschrieben, sie sollte die Sache jetzt in die Hand nehmen.
Da stand sie nun auf den Schären, ihr Haar vom Wind zerzaust, auf der Suche nach Milch für ihren ersten Kaffee, und fühlte sich hin- und hergerissen. Der Gedanke, von Schweden aus noch ein Interview zu liefern, einen Coup, mit dem sie in Österreich alle überraschen würde, gefiel ihr. Sie spürte, wie schwer es ihr fiel, loszulassen. Sie verstehe die Lage, erklärte sie nach einer kurzen Nachdenkpause mit fester Stimme. »Ich habe mir aber vorgenommen, eine Pause einzulegen. Und ich bin sicher, dass du es genauso schaffen wirst!«, fügte sie hinzu und sandte der Kollegin den Kontakt der Witwe. Insgeheim befürchtete Isabella, dass wahrscheinlich die deutsche Bild-Zeitung das Rennen machen würde.
Dann nahm sie die Südroute zurück ins Dorf. Vorbei an felsigen Stränden mit Austernkraut und Lavendel, der ins Meer wuchs und das Wasser lila färbte, an Sandbuchten mit Meerroggen, wilden Orchideen und grasenden schwarzen Schafen. Isabella sammelte ein paar Schneckenschalen und Muscheln und Steine, sie würden sie zu Hause am Küchentisch noch lange an diesen Ort erinnern. Als Kind hatte sie Steine aus dem eiskalten Bach neben ihrem Haus »gerettet« und sie nachts im Bett gewärmt. Sie kam an einem Friedhof vorbei und hatte plötzlich Lust, sich auf die mit Moos bewachsene Mauer zu legen. Über ihr wogen sich die Äste der Birken im Wind. Wenn sie den Kopf zur Seite drehte, konnte sie die Tafeln mit den Namen und Berufen der Begrabenen lesen. Olof und Oscar Julin, Litsförmannen. Olle Carlsson und Erik Bolin, Pilotmästare. Sie musste an Igor denken, einen Journalisten, bei dessen Waldbegräbnis sie vor ihrer Abreise gewesen war. »Wollen wir mal einen Kaffee trinken?« Der Kollege hatte sie nicht nur einmal um ein bisschen Zeit gebeten. Isabella hatte immer freundlich genickt. »Machen wir demnächst!« Dann war er gestorben. Ihr war plötzlich elend zumute.
Sie wanderte weiter durch schattige Laubwälder, in denen sie Nachtigallen singen und Turmfalken schreien hörte. Vrångö war ein Natur- und Vogelschutzgebiet, es gab hier Möwen, Sperber, Waldohreulen und Feldlerchen. Keine Autos. Die Insel war mehrfach ausgezeichnet für vorbildliche Umweltschutzmaßnahmen von der Climate Awareness Initiative. Dass sie sich an einen solchen Ort zurückzog, wenn auch nur für drei Tage, würde die Klimaforscherin vielleicht versöhnlich stimmen, überlegte Isabella. Das Thema beschäftigte sie. Die Ausbeutung des Planeten, die Verschmutzung der Meere und der Luft, die Rodung der Regenwälder, all das drang immer mehr in ihr Bewusstsein. Isabella empfand es auch als ihre Verantwortung, umzudenken. Es gab keinen zweiten Planeten. Es ging um den Lebensraum ihrer Kinder und Enkelkinder. In diesem Laubwald in Südschweden dachte Isabella darüber nach, was sie in Zukunft konkret tun könnte, und was sofort. Sie beschloss, während ihrer Reise nur noch öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.
Nach 2,5 Kilometern erreichte sie den Supermarkt, der in Wahrheit ein winziges Geschäft war und auch als Gärtnerei und Postamt fungierte. Sie kaufte Färsk Mjölk, Snabb-Bitsocker und zwei Croissants und lief über den Mittviksvägen zurück zu ihrem Apartment.
Dort stand der schwarze Koffer noch unausgepackt neben dem Sofa, ein Ärmel ihres gelben Kleides hing heraus, wie immer hatte sie am Ende alles schnell zusammengewürfelt und nur darauf geachtet, dass die wenigen Kleidungsstücke farblich zueinander passen und bequem sein würden. Dazu ihre rosa-gelben Asics-Sneakers und ein paar Flip-Flops. Je weniger sie mitschleppte, desto leichter fühlte sie sich auch innerlich. Isabella erinnerte sich an Reisen mit dem Vater ihrer Söhne. Manchmal waren sie mit einem leeren schwarzen Schrankkoffer, den ihr Partner makabrerweise »Sarg« nannte, nach New York geflogen, mit dem Plan, alles unterwegs einzukaufen. Unterwäsche, Kleidung, Zahnputzzeug, Notizblöcke, Bücher, und manchmal auch einen weiteren »Sarg«. Die elf Jahre mit dem elf Jahre älteren Medienmanager waren die anstrengendsten, aber auch aufregendsten ihres Lebens gewesen. Als das erste Kind kam, wurde es kompliziert. Beim zweiten Kind trennte sie sich von ihm. Das war jetzt auch schon 25 Jahre her.
Während das heiße Wasser durch die Kaffeemaschine lief, schlüpfte Isabella aus ihren Jeans und ihrer Bluse und stellte sich nackt vor den Spiegel. Mit kritisch-wohlwollendem Blick betrachtete sie sich. Mein Gott, sie war 58. Ihr Busen sah aus, als würden ihn versteckte Gewichte nach unten ziehen, den linken tiefer als den rechten. Die Oberarme und Schenkel waren wohlgeformt, bildeten aber bei gewissen Bewegungen Dellen. Hinten war auch nicht mehr alles so knackig. Kein Wunder, sie hatte zwölf Kilo abgenommen im vergangenen Jahr. Insgesamt mochte sie ihre Rundungen und Falten, den kleinen Bauch und das Dekolletee, nur den Truthahnhals empfand sie als störend. So bezeichneten Schönheitsmagazine die Falten des Doppelkinns, wenn man die Zunge herausstreckte, um sie wegzumassieren. Ihre braunen, sanften Augen und der schön geformte Mund lenkten davon ab, fand sie, so wie die dichten, mit goldblonden Strähnen aufgehellten Haare. Im Flugzeug hatte Isabella in einem Magazin geblättert und einen Artikel über »Style-Regeln für Frauen ab 50« gefunden. Frechheit, was da behauptet wurde, noch dazu von einer Frau. Angebliche No-Gos seien: Bikinis, Ripped Jeans, flache Schuhe, nackte Knie, neueste Trends. Für Isabella war das ein Grund, sich demnächst einen neuen trendigen Bikini zu kaufen.
Sie stieg in die Dusche und fühlte den heißen Strahl des Wassers auf ihrer Haut. Nach langer Zeit war sie wieder ganz bei sich, angekommen in ihrer inneren Welt. Wie ein unheilvolles Gewitter zogen die letzten Wochen an ihr vor über. Sie hatte viel zu viel gearbeitet. Sie hatte zugelassen, dass äußere Einflüsse ihr Handeln und Denken bestimmten. Sie hatte Menschen Macht über sie eingeräumt. Sie hatte sich dem Alkohol hingegeben. Signale ihres Körpers ignoriert und ihre innere Weisheit nicht mehr befragt. Isabella konnte hören, wie das Rieseln in ihrem Kopf und das Rieseln des Wassers eins wurden. Es war okay, dass ihre Glieder schmerzten, dass sie müde und erschöpft war.
Sie sah ihr Leben jetzt wie ein Maßband vor sich liegen. Siebzig Prozent waren verstrichen. Dem knappen Drittel, das noch blieb, wollte sie alle ihre Energien schenken. Als Isabella sich trocken massierte und in den Bademantel schlüpfte, korrigierte sie das Bild, das sie gerade gezeichnet hatte. Sie stellte sich vor, dass ihr noch unendlich viel Zeit bliebe, und spürte eine unbändige Lust zu leben.
