Kitabı oku: «Eisschwimmen», sayfa 2
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Thank you for flying to London-Stansted! Ungern geschehen, dachte Isabella, als sie ihren Rollkoffer unter der wandernden Leuchtschrift Richtung Flughafenhotel zog. Ihre Billig-Airline war wieder einmal an einem der weitesten von der Ankunftshalle entfernten Gates gelandet. 5000 Schritte zeigte ihre Sport-App, das war so viel wie ihr Morgenlauf in Wien. Es war zwanzig Minuten nach Mitternacht und eine gute Entscheidung gewesen, das Hampton auf dem Flughafengelände zu buchen. Manche sogenannten Flughafenhotels lagen zig Kilometer weg von der Zivilisation, irgendwo draußen in der Pampa.
Es war schon verrückt, wie erst der Terror und dann die Pandemie das Reisen verändert hatten. Isabella erinnerte sich an Szenen, die sie mit dem Vater ihrer Kinder Anfang der Neunzigerjahre erlebt hatte. Da rief Hans aus dem silberfarbenen Golf von seinem kiloschweren Autotelefon die Stations-Managerin der AUA an. Isabella erinnerte sich bis heute an ihren Namen. Sissy Weiss. »Können S’ a paar Minuten woarten?«, fragte er, und Sissy Weiss rief den Piloten an, es komme gleich noch ein verspäteter Passagier. VIP. Damals durfte man noch, ohne Security-Checks zu absolvieren, über das Flugfeld zur Maschine laufen und später, beim Kaffee aus der Porzellantasse, an Bord auch eine Marlboro rauchen. Das klang heute wie ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten, insbesondere nach 9/11. Die Plastikbeutel mit den Flüssigkeiten, das Abtasten des Security-Personals: Isabella hatte sich an all das gewöhnt, sie war ein Mensch, der sich gut auf neue Situationen einstellen konnte.
Das war auch bei dieser Reise so gewesen. Viele ihrer Freunde hatten, entmutigt von den Covid-Bestimmungen, in Österreich Urlaub gemacht. Bei Isabella verhielt es sich genau andersherum. Wenn alle die Nerven wegschmissen, wurde es für sie erst richtig interessant.
Die Einreise ins Vereinigte Königreich hätte sie sich allerdings nicht so mühsam vorgestellt. Die riesige Ankunftshalle war unterteilt in 25 Bahnen, zwischen denen Seile gespannt waren. Dort kroch die genervte Menschenschlange vor bis zu den Sicherheitsschranken, wo Roboter erst den Pass und den Impf-QR-Code jedes Passagiers scannten, danach den Gesichtsabgleich durchführten und dann grünes Licht gaben. Das Prozedere hatte 75 Minuten gedauert, länger als bei der Einreise in die USA.
Isabella hatte inzwischen im nur vier Gehminuten vom Terminal entfernten Hampton eingecheckt und fuhr mit dem Lift in den achten Stock. Das Zimmer war so, wie sie es mochte. Kingsize Bed mit vielen Kissen, ein großer Flatscreen-Fernseher, Minibar und im Bad mit Wanne ein flauschiger Frottee-Bademantel. Sie stellte ihren Koffer ab und legte sich aufs Bett.
Erst jetzt wählte sie sich ins WLAN des Hotels ein, die Roaming-Gebühren kosteten ein Vermögen, seit die Briten aus der EU ausgetreten waren.
Sie fand vier Nachrichten.
»Hi Mum«, schrieb ihr älterer Sohn, »hab dir Trainline nach Bournemouth rausgesucht!«
Sie wollte am nächsten Morgen den Zug an die Südküste nehmen. Dort hatte sie mit 13 Jahren einen Englisch-Intensivkurs in einer Sommerschule gemacht. Isabella hatte immer den Drang verspürt, eines Tages nach Bournemouth zurückzukehren, sie wusste nicht genau, warum.
»Wie lange bist du eigentlich noch weg?«, wollte der Chef vom Dienst wissen. Sehr lustig, denn das war erst der vierte Tag ihrer Reise. Und sie hatte sich insgesamt 17 Tage freigenommen.
Sohn Nummer zwei hatte offenbar ein Problem mit seiner Kreditkarte. »Kannst du mir vielleicht vorübergehend was überweisen? Danke, Mum!«
Dann klickte Isabella die WhatsApp-Nachricht von Prinz an.
»Dearest«, stand da, »Eliot Mason freut sich sehr, dich kommenden Samstag zu empfangen: 3 p. m. London West End Flat, 34 Montagu Square, London W1H2LJ.« Dazu ein Smiley. Von dem Maßschneider hatte ihr Prinz oft erzählt, er hatte auch die Sakkos für die James-Bond-Darsteller hergestellt. An Sean Connerys Todestag hatte Prinz sie in die Bristol Bar auf einen Whisky eingeladen, und er trug, dem Verstorbenen zu Ehren, einen grauen Anzug von Eliot Mason.
Wow, dachte Isabella, dieser Mann versteht es wirklich, mich zu beeindrucken.
»Thank you so much!«, tippte sie in ihr iPhone, dazu drei Herz-Smileys. Und: »Bin grade in Stansted angekommen.«
Sich ein Jacket beim Schneider der Londoner High Society anfertigen zu lassen, passte eigentlich nicht zu Isabella. Ihr waren bei der Kleidung die Farben und die Stoffe am wichtigsten, auf Exklusivität konnte sie gerne verzichten. Sie fand es aber rührend, dass Prinz sie offenbar auf ein 3000-Pfund-Sakko einladen wollte. Den Preis hatte sie in einem Vogue-Interview gelesen und damals den Kopf geschüttelt. Niemals würde sie so viel Geld für eine einzige Jacke ausgeben. Prinz schon. Solche Stücke sind fürs Leben, sagte er oft. Er besaß einige davon, trug sie aber nur in seiner Freizeit. »Im Job will ich damit nicht auffallen«, erklärte er, »weil das eine Schwäche offenbaren würde.« Die Eitelkeit.
Isabella klickte noch schnell die Homepage von Mason & Sons an und erfuhr, dass Eliot Mason auch die Hosenanzüge für Madonna geschneidert hatte. Dann schrieb sie ihren Söhnen und informierte den Chef vom Dienst ihrer Tageszeitung über ihre Abwesenheit. In der Nacht träumte sie von der klaren Luft auf Vrångö und von den Seehunden, die sich vor ihr versteckt hielten. In Schweden hatte nichts daran erinnert, dass sich die Welt gerade in einer Pandemie befand. Keine Masken, keine Kontrollen, keine Hinweise.
Auf ihrer Zugfahrt von London-Stansted nach Südengland am nächsten Morgen musste Isabella in London-Waterloo umsteigen. Sie liebte Bahnhöfe. Die Geschäftigkeit, die Menschenmassen, die Abschiedsszenen, das Pfeifen der Züge, die Anzeigetafeln mit den Orten, zu denen sie jetzt fahren könnte, wenn sie nur einen anderen Zug besteigen würde. Sie wollte das Gefühl, sich zu jeder Zeit in ihrem Leben neu entscheiden zu können, nie verlieren. In einem kleinen Lokal neben dem Waitrose-Supermarkt bestellte sie Baked Beans mit zwei Sausages und Scrambled Eggs. Sie freute sich auf die Reise in den Süden, die Fahrt dauerte knappe drei Stunden. Vielleicht fand sie ja dieses Reihenhaus, in dem sie vor 45 Jahren drei Wochen lang als Gastschülerin gewohnt hatte. Jedenfalls würde sie am Abend Fish & Chips am Strand essen.
Ihr Zug ging in 15 Minuten, genug Zeit, um noch The Daily Telegraph, Times, Mirror, The Sun, The Guardian und den Economist zu kaufen. Wo immer sie sich auf der Welt aufhielt, Isabella las stets die Printausgaben der lokalen Zeitungen. Auch wenn sie – wie beispielsweise in China oder Afrika – kein Wort verstand. Allein das Layout, die Schriftarten, die Bilder, die Ressorts, die Kolumnenköpfe faszinierten sie. In den Online-Ausgaben blieb einem so vieles verborgen.
Immer wenn sie ausländische Magazine kaufte, tauchte ein Bild vor ihrem inneren Auge auf. Der verstorbene Herausgeber ihrer Tageszeitung, wie er an seinem Tisch im 16. Stock des Media Quarters saß, ganz vertieft in sein Tun, neben sich einen meterhohen Stoß von Zeitungen. In der Hand hielt er eine Schere, die Isabella überdimensional groß in Erinnerung hatte. Interessante Artikel schnitt er aus und versandte sie per Hauspost an seine Redakteurinnen und Redakteure. »Könnte spannend sein«, merkte er handschriftlich an, oder: »Vielleicht wollen Sie darüber schreiben?« Seine Anordnungen klangen stets wie beiläufige Vorschläge. Aber wehe, man kam ihnen nicht nach! Isabella hatte es immer als Adelsprädikat empfunden, zu den Adressaten seiner Zeitungsausschnitte zu zählen.
Im Zugabteil las sie Artikel unter dem Aspekt, ob sie ihrem Herausgeber wohl ins Auge gestochen wären. Diesen Blick hatte sich Isabella mit den Jahren angeeignet. »Für dich ist alles eine Geschichte«, seufzte Prinz manchmal, wenn er ihr etwas erzählt hatte und sie den Inhalt in einer Schlagzeile zusammenfasste.
Nach Bournemouth zu kommen war für Isabella wie eine Zeitreise in ihre Jugend. Damals war sie mit dem Schiff von Calais in Frankreich nach Southampton gekommen. 13 Jahre alt, seit kurzem trug sie einen BH aus weichem weißem Stoff, die langen dunkelblonden Haare hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten. Ihr Taschengeld reichte gerade für einmal Fish & Chips pro Woche. Wie vieles hatte sie sich auch diesen Sprachaufenthalt erkämpft. Ein Bekannter der Familie unterstützte ihr Vorhaben und setzte sich schließlich bei Bellas Eltern dafür ein. Eines Nachmittags wollte er ihr die Broschüren der Sommerschule bei sich zu Hause auf dem runden Holztisch in der Stube zeigen. Isabella fühlte keinerlei Argwohn, sie war sogar ein bisschen geschmeichelt. Es gab Limonade und Wurstbrote.
»Setz dich zu mir«, sagte er und zog Bella auf seinen Schoß. Als sie etwas Hartes gespürt hatte, war sie aufgesprungen und nach Hause gelaufen. Sie hatte sich nie jemandem anvertraut, sie wollte selbst damit klarkommen. Warum habe ich dieses Arschloch nicht zu Lebzeiten damit konfrontiert, fragte sich Isabella, als sie im Rosengarten ihres Hotels am East Overcliff Drive den Jazzklängen der Live-Band lauschte. Und ob der Preis für den Sommer in Bournemouth nicht viel zu hoch gewesen sei. Sie bestellte einen Campari Orange und fühlte sich unendlich feige.
Von jenem Bournemouth, welches sie kennengelernt hatte, war nichts mehr da. Der Badeort war dermaßen überlaufen, dass man vor lauter Menschen kaum noch den Strand erkennen konnte. Die Sommerschule von damals gab es auch nicht mehr, und an der Stelle des Reihenhauses, in dem sie gewohnt hatte, standen jetzt Hotelklötze. Die Fish & Chips, auf die sie sich so gefreut hatte, schmeckten fettig und fahl. Das Hotelzimmer war stickig heiß. Gut, dass sie nur einen Tag dafür eingeplant hatte.
Im Bus zurück zum Bahnhof saß sie am nächsten Vormittag neben einem Einheimischen. Er hatte seine weißen Haare im Nacken zu einem Zopf gebunden und trug eine Lederjacke zu schwarzen Jeans. »What the hell did you do here?«, wollte er wissen, nachdem sie ein bisschen Smalltalk geführt hatten.
Isabella erzählte ihm von ihren Sprachferien Anfang der Siebzigerjahre, der Ankunft ihrer Fähre aus Frankreich in Southampton, von ihrem Englischkurs, vom kleinen Buben der Gastfamilie, auf den sie aufgepasst hatte, wenn die Eltern ausgegangen waren. »Er hieß David und war vier Jahre alt. David Payne. Ich habe viele Jahre versucht, ihn zu finden. Telefonbuch, Stadtverwaltung, Facebook, Instagram. Leider ohne Erfolg.« Isabella reichte dem Fremden eine Visitenkarte.
»Wien«, seufzte der Engländer. »Da wollte ich immer mal hin.« Paynes kenne er viele, fuhr er fort, das sei ein geläufiger Name hier an der Südküste. »Dann ist David heute so alt wie ich«, überlegte er und drehte Isabellas Visitenkarte noch immer hin und her. »Ich werde mich morgen umhören und mich gegebenenfalls melden«, versprach er, »vielleicht findet ihr euch tatsächlich wieder.«
Solche Begegnungen hast du nur, wenn du Bus fährst, dachte Isabella, als sie in den Zug zurück nach London-Waterloo stieg. Und dass es sie vielleicht deshalb nach Bournemouth gezogen hatte, weil der Missbrauch, der seit ihrer Jugend wie ein schwelendes Feuer in ihr gebrannt hatte, sich endlich seinen Weg an die Oberfläche bahnen musste.
5
Als der Doppeldecker-Bus die Brücke über die Themse anfuhr, kamen die Erinnerungen zurück. Isabella saß oben, ganz vorne am Fenster. Es war ein Gefühl wie Fliegen, der beste Platz, den sie sich vorstellen konnte, wie in der Wiener Straßenbahn der Stehplatz im hintersten Waggon, mit dem Rücken zur Kabine. Nun sah sie den Fluss und die Schiffe unter sich, das London Eye im Osten, die Stadtteile Pimlico und Belgravia bewegten sich langsam auf sie zu, es war 14.04 Uhr. In einer Stunde erwartete sie der Schneider von James Bond am Montagu Square. Das letzte Stück von Marble Arch ging Isabella zu Fuß, an viktorianischen Häusern und verträumten Parks vorbei, mit einem Kribbeln im Bauch. Eliot Mason, der Nachkomme des Traditionshauses Mason & Sons, residierte im Haus, das einst John Lennon und Yoko Ono bewohnt hatten. Hier entstand auch das Nacktfoto der beiden, das im prüden Amerika für viel Furore gesorgt hatte. In denselben Räumlichkeiten würde ihr, Isabella Mahler, an diesem Tag ein Sakko angemessen werden. Letztlich, da hatte Thomas Prinz schon recht, war alles immer eine Geschichte.
Auch dass vor zehn Jahren in dieser Stadt einmal für kurze Zeit der Kontakt zu ihrem älteren Sohn abgerissen war. Er studierte damals mit mehr oder weniger Motivation Film in Kingston upon Thames. Genauer gesagt, er versuchte damals herauszufinden, ob er Film, diese alles andere als einfache Spezialdisziplin der Kommunikation, wirklich studieren wollte. Ob sein Interesse für ein Studium ausreichte. Oder ob er nicht etwas völlig anderes machen sollte. Isabella hatte eine kleine Wohnung vis-a-vis der Universität für ihn gefunden, die Nähe zur Uni sollte ihm das Leben leichter machen. Eines Tages verschwand er in London. Einer seiner Lehrer, der rothaarige Ian, wie er Isabella in Erinnerung geblieben war, hatte sie darüber informiert, dass ihr Sohn nicht mehr beim Unterricht gesehen wurde. Sie verließ Wien fluchtartig und nahm den nächsten Flug nach London. Das Apartment sah aus, als hätte es schon viele Wochen lang niemand mehr betreten. Durch ein paar Telefonate erfuhr Isabella, dass ihr Sohn bei einem Freund wohnte, der seine Arbeit verloren hatte. Sie fand ihn im Künstlerviertel London-Hackney, und nach einem Tag fuhren sie gemeinsam nach Kingston zurück. Am selben Fluss, über den sie an diesem Mittag mit dem Doppeldecker-Bus gefahren war, führten sie lange Gespräche über den Sinn eines Studiums, den Sinn von Krisen, den Sinn des Lebens. Nie war sie ihrem Großen näher gewesen als auf der Mauer vor dem Fluss, einen Plastikbecher mit einem Pint Bier in der Hand. Sie hatte damals wieder einmal gelernt, dass Zuhören das Wichtigste war. Nur wenn sich ein Mensch respektiert und zumindest in Ansätzen verstanden fühlte, war er später Argumenten zugänglich. Und so hörte Isabella ihrem Sohn zu. Wenn sie etwas nicht nachvollziehen konnte, stellte sie eine Frage. Wie in ihren Interviews, und doch war es nicht zu vergleichen, weil es hier um die Zukunft ihres Sohnes ging. Ganz bewusst vermied sie das Wort »muss« und gute Ratschläge. Dass die Geschichte gut ausging, führte Isabella auch darauf zurück.
»Bin schon fast bei Eliot«, schrieb sie Prinz auf WhatsApp, als sie zum Montagu Square einbog und schickte ein Foto des Hauses Nummer 34 nach. Der Eingang war mit orangen und pinken Blumen geschmückt, eine Blue Plaque an der Hauswand wies auf die einstigen prominenten Bewohner hin. »You will love it«, antwortete Prinz. Dazu die Krone, was Isabella wohl vermitteln sollte, dass sie sich gleich wie eine Königin fühlen würde.
Als sich die schwarze Tür öffnete, kam sie sich underdressed vor in ihren weißen Jeans, der Seidenbluse und dem Leinenmantel, aber sie war schließlich auf Reisen. Eliot Mason trug den perfektesten und elegantesten Anzug, den Isabella je gesehen hatte. Feiner beiger Tweed und Perlmuttknöpfe, Einreiher, zwei Knöpfe. Dazu ein cremefarbenes Hemd.
»So nice to meet you«, begrüßte er die von Prinz avisierte Klientin aus Österreich und strich sich die langen brünetten Haare aus dem Gesicht. Er führte sie in den Salon. »Please, take a seat.« Isabella nahm auf der Ledercouch Platz und sah sich um. Art déco, ein Kamin, knallroter Lehnstuhl, ovaler Spiegel, viele Buchbände.
Dann führten sie ein wenig Smalltalk über Wien und London, über Herren- und Damenmode und den Unterschied zwischen echter Handwerksarbeit und Maßkonfektionen. Die Franzosen nennen das eine »le grand sur-mesure«, das andere »le sur-mesure industriel«, was den Unterschied, so fand Eliot, gut beschreibe. »Steht die Farbe schon fest?«, fragte er. »Prinz schrieb, es solle ein Sakko werden.« Er fischte dicke kleine Mappen mit Stoffmustern aus den Regalen und erklärte die Materialien. Stilsicher wählte Isabella ein dunkles Blau aus, das je nach Lichteinfall die Farbe änderte. Als Futter hätte ihr gut pink oder gelb gefallen. Dass Eliot darauf nicht gleich reagierte, deutete sie schließlich als diskreten Hinweis und entschied sich für stahlblaues Satin. »Classic is never wrong«, nickte Eliot.
Wenn sie sich dann zum Spiegel stellen könne… Mit sanften Bewegungen rollte Eliot sein Maßband aus, legte es über Schultern und Arme, umkreiste Brust und Hüften und erwähnte, dass bei fast keinem Menschen der rechte und der linke Arm genau gleich lang sei. Er merkte sich immer zwei Längen, dann schritt er zu seinem Notebook und übertrug die Informationen in ein Dokument. Es würden zwei Anproben nötig sein, stellte er fest, ob das für sie möglich wäre?
»Of course«, sagte Isabella und dachte an die Klimaforscherin. Sie kam gerne bald wieder, obwohl es natürlich verrückt war, für ein Sakko über den Ärmelkanal zu jetten. Aber mit Zug und Schiff zu reisen, dafür fehlte ihr wirklich die Zeit. Abgesehen davon, dass es sicher fünfmal so viel kosten würde. Die Rechnung für die Anzahlung werde er Thomas Prinz mailen, lächelte Eliot, als sie sich verabschiedeten. »Good choice!«, ergänzte er und ließ offen, ob er das Sakko oder den Mann meinte.
Im Flugzeug von London-Gatwick nach Bilbao hielt Isabella später ein quadratisches Stückchen Stoff in der Hand, das Eliot ihr mitgegeben hatte. Es fühlte sich so weich und edel an und schimmerte, wenn sie das Blau ins Licht hielt. Sie trug immer kleine Dinge mit sich, die sie an spezielle Momente erinnerten. Das konnte eine Muschel vom letzten Spaziergang am Meer sein, ein Säckchen Zucker aus dem Café Imperial oder das rote Blatt, das zuletzt auf ihrer Laufstrecke im Kies gelegen war. Es hatte die Form eines Herzes, und erst rannte Isabella daran vorbei. Dann überkam sie das Gefühl, als sei das ein Zeichen. Sie drehte um, hob das Blatt auf, zu Hause trocknete und presste sie es, und seither wohnte es in ihren Moleskine-Notizbüchern.
Nordspanien hatte Isabella deshalb als Reiseziel gewählt, weil ihr jüngerer Sohn in Barcelona seinen Master in Economics gemacht hatte und sie immer La Concha besuchen wollten, die Bucht von San Sebastián, es aber nie geschafft hatten. Bei ihrem Studium von Kochbüchern, die Isabella gerne las, war ihr die Küche des Baskenlandes immer ins Auge gestochen. Die Pinchos, kleine Holzspieße, an denen Brötchen mit der pikanten Paprikawurst Chorizo und dem Idiazábal-Schafskäse hingen. Gilda mit Peperoni, Anchovis und Oliven, benannt nach den Kurven einer Tänzerin aus dem gleichnamigen Film mit Rita Hayworth. Blutwurst mit Pistazie oder Ei am Stiel. Und als Einstimmung ein Gläschen Txakoli, wie der milde Weißwein dieser Gegend hieß. Darauf freute sie sich schon.
Isabella verband mit jeder Stadt der Welt bestimmte Speisen, sie lernte Orte am eindrücklichsten durch kulinarische Erlebnisse kennen. Die frischgekochte Kuttelsuppe auf dem Fischmarkt von Athen, das beste Ceviche ihres Lebens am Strand von Lima, der unvergleichliche Cheeseburger bei PJ Clarkes in New York.
Nach ihrer Ankunft in Bilbao bestieg Isabella den Bus zum Guggenheim-Museum. Dort wollte sie die Bilder von Jean-Michel Basquiat sehen. Der 1988 im Alter von 27 Jahren an einer Überdosis Heroin verstorbene Künstler faszinierte Isabella, nicht nur weil er mit seinen Werken mehr als 300 Millionen Dollar umgesetzt hatte und damit nach Picasso an zweiter Stelle lag. Sie mochte seine schwebenden Köpfe und Totenköpfe und den gekritzelten Text, das Morbide in lebendigen Farben machte ihr Gänsehaut. Auf der vollen Terrasse des Museumscafés bestellte sie nach ihrem Rundgang drei Tapas und ein Glas eiskalten Rosé. Aufmerksam lauschte sie dem Stimmorchester, das zu ihr drang. Jede Sprache hatte ihren eigenen Klang. Schwedisch war irgendwie herzig, so als würden sich Teddybären unterhalten. Spanisch hörte sich wie Schnattern an, schnell und aufgeregt. Wenn Isabella eines vermisste, dann waren es die Stimmen von ihren Freundinnen Kathi und Roxanne, von Marcelo, mit dem sie wohnte, und von Prinz. Sicher, manchmal bekam sie auch Sprachnachrichten, aber das war nicht dasselbe. Diese Stimmen sprachen nicht zu ihr, es fehlten die Lippen, die Augen, das Lächeln. Der Moment, in dem sie antwortete. Ansonsten reiste sie gern ganz allein. Sie genügte sich selbst meist vollkommen.
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