Kitabı oku: «Die Wölfe von Pripyat»
Cordula Simon
Die Wölfe von Pripyat
Roman

© 2022 Residenz Verlag GmbH
Salzburg – Wien
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Umschlaggestaltung: Sebastian Menschhorn
Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien
Lektorat: Jessica Beer
ISBN ePub:
978 3 7017 4677 4
ISBN Printausgabe:
978 3 7017 1750 7
Inhalt
1Heracleum
2Untermürbwies
3Schach
4Netze
5Ein Sack voll Reis
6Ein Märchen
7Börger
8Der Log
9Nur ein Schritt
10Leben wollen
11Der Blitz schlägt immer zweimal ein
12Die Wälder von Pripyat
13Der Schlund
14Häschen aus dem Hut
15The making of Brause
16Umwege
17Ein fliegendes Schwein
18Ein Gebet
19Erster Brief
20Asche
21Neue Augen
22Zweiter Brief
23Die Sphäre
24Der unabhängige Beobachter
25Distanz
26Reis und Wölfe
27Die Pforte
28Schulung
29Ein Ehrenmann
30Dritter Brief
31Ein Koffer voll Gewalt
32Frank wirft ein Auge
33Die Goldene Stadt
34Die Asche in Gärten, die Asche in Mündern
35Ein Gefängnis
36Die Wölfe von Pripyat
37Sicherheitsmodus
38Vierter Brief
39Schnell und sauber
40Morphologie
41Links und rechts
42Treppab
43Fünfter Brief
44Darf der Log?
45Der Bauer und die Königin
46Blame it on the Weatherman
47Sechster Brief
48Halbe Wahrheiten
49Fremde
50Mit Brotkrumen aus dem Wald
51Tante Brauses Kinder
52Die Schlacht um Pripyat
53Radikale Punkte im Universum
54Der Zufall der Gamula
55Ein paar Klammern
56Die Oase
57Blut und Papier
58Ein Feuerwerk
59Zwei Reden
60Technolomagie
61Natürliche Süße
62Drei Reden
63Das Wetter im Untergrund
64Browsetown
65Die letzte Fahrt
66Der Tag, an dem
67Der Konsul
68Die Wahl nach der Wahl
69Halb Monster, halb Ei
70Das Tal Pripyat und seine Toten
71Das Licht
72Kein Wort
73Jackie
74The downgraded human
1Heracleum
Im Jahr des Konsuls
Da stehst du, nackt. Dein ganzer Körper, von behandschuhten Fäusten in ein Feld gestoßen. »Lauf, lauf, Häschen!«, rufen sie dir zu, und du rennst, rennst durch das Feld. Pflanzen streifen deine Finger, Blätter schlagen gegen deine Knie, peitschen dein Gesicht und der Mond leuchtet so grell, dass es wehtut. Die Luft ist kühl und schneidend. Die Moskitos ruhen bereits. Das Laub in den Bäumen rauscht gleichmäßig hinter den immer weiter entfernten Stimmen der Männer. Du rennst. Tiefe Atemzüge, immer wieder, bis du niedersinkst, dich erschöpft zurückschleifen lässt und wieder in dem dunklen Raum sitzt. Du kannst die Werbung noch im Kopf hören: Termin? Log it. Das sagte der Mann im Anzug auf dem Bildschirm.
Die verbogenen Tore, das Fernsehen, die Nachrichten, Schlagstöcke und Zuckerstangen, und du sprachst von Asche und Sonne. Da sitzt du und wartest und grübelst, wann das alles begonnen hat. Du bist kein großes Licht, hast du damals gesagt. Du bist nur der Wettermensch. Du sagst, wie es wird. Dazu musstest du dich nicht einmal einschulen lassen. Keine Videoumschulungen mehr. Es genügte, dass du freundlich warst und man dich mochte. Kein Umlernen vor dem einen oder anderen Kanal. Auch kein Warten, dass die Maschine bald käme, damit du in Ruhestand gehen kannst. Eine Ersetzungsfeier. Bei wie vielen Ersetzungsfeiern du warst, kannst du gar nicht mehr sagen. Noch ein Glas Champagner darauf, nun tätigkeitsfern zu sein. Nichts zu müssen, alles zu dürfen. Die Maschinisierung feiern.
Dann kam die Vulkanaschewolke und gleich darauf folgte der erste Anschlag. Und da standest du und sprachst von Asche und Sonne. Du bist kein großes Licht, hast du gesagt. Es ging um nichts. Nur um ein bisschen Mut. Seither hast du ein Auge verloren und eine Hand ist verkrüppelt. Du siehst aus wie der Affe, den niemand lausen mag, und das weißt du. Auch wenn dir in dem dunklen Raum niemand mehr einen Spiegel geben wird. Sind Sie Teil des Juste Milieu? hat man dich gefragt.
Sind Sie ein Wolfkin? hat man dich gefragt. Tasks? Log it. Die Worte des Mädchens mit dem Irokesenschnitt.
Aber man mochte dich. Man mochte dich. Man glaubte dir. Man filmte dich, überprüfte dich, kannte dich. Der Algorithmus wusste mehr über dich als du und doch: Man ließ dich das Wetter ansagen. Du solltest sie retten, ließ man dich wissen. Du solltest sie beruhigen. All die jungen Menschen mit gefordertem Sozialempfinden. Die sich von der Gruppe entfernen wollten. Die zu grübeln begannen, über denen die Paranoia hing wie eine Regenwolke. »Mit Regenwolken kennen Sie sich aus«, sagte man zu dir.
»Warum signalisieren Sie Ihre Werte nicht?«, hat man dich gefragt. Die Wände des sozialen Netzes sind die Wände des Systems.
»Meine Werte sind die gleichen wie bei allen anderen«, hast du geantwortet. »Sie beschämen mich«, hast du geantwortet.
»Für eine offene Welt«, prangte auf der leuchtenden Werbefläche.
Du hast nicht gewusst, dass man die jungen Menschen mit gefordertem Sozialempfinden mit als bedrohlich Diagnostizierten zusammensperrte. Die Betreuer waren allesamt Wiedereingegliederte. »Patient im Raum«, sagte man über dich, nicht zu dir. »In Zeit und Umweltsphäre richtig orientiert. Weitschweifig. Bemüht sich, gesund zu erscheinen. Frühere psychotische Zustände werden unkritisch betrachtet. Selbstüberschätzung, Messianismus, paranoide Interpretation neutraler Fakten. Einwände werden nicht hinterfragt.« Alles sei folgerichtig, aber dennoch falsch. Du hast dir nachts die Ohren mit Papier zugestopft, um das Geschrei nicht zu hören. Du hast dir die Augen nicht ausgekratzt und weißt nicht, wie du das geschafft hast. Kalorien? Log it. So sagt die freundliche Oma im Werbeclip.
»Hätten Sie gerne, dass ich mich lösche?«, fragt der Mann weiter. Du schüttelst artig den Kopf und er legt ein Bild vor dir auf den Tisch. Breitlappige, mehrfiedrige Laubblätter. Blüten aus Dolden und Döldchen. Weiße Kronblätter und kleine haarartige Dornen. »Kennen Sie das?«, fragt der Mann und du schüttelst den Kopf. »Es nennt sich Heracleum. Bärenklau. Wie Bärentatzen schlägt es tiefe Wunden, doch nicht durch Krallen, sondern durch den Saft, der phototoxisch reagiert. Trifft dieser Saft die Haut und trifft die Haut danach das Sonnenlicht, bilden sich unter unendlichem Schmerz gigantische Brandblasen auf der Haut, nässend und brennend«, sagt er. Und du sagst nichts. Du schweigst. Du weißt nicht, was er will. »Heute haben Sie dies im Mondlicht gesehen«, sagt er, und du bist so müde, dass dein Kopf mit dieser Information nichts anzufangen weiß. Er zieht eine kleine Taschenlampe aus einem schmalen, schwarzen Koffer hervor: »Dies ist eine UV-Lampe. In vier Stunden geht die Sonne auf. Dann ist das hier vorbei.« Er packt deinen Arm. Nicht den verkrüppelten, den anderen, und leuchtet über deinen kleinen Finger, und du spürst gar nichts, und dann ein Dröhnen und Krampfen bis in die Ohren, Schläfen, Stirn hinauf, das dir den Atem nimmt, viel stärker als die behandschuhte Faust, die deinen Lauf bremste. »Wenn diese Sonne aufgeht, geht sie dir nicht mehr unter«, sagt er, wiederholt es, als sei es ein Fluch. »Was haben Sie Ihrer Frau erzählt?«, fragt er wieder. Und was machst du? Was machst du jetzt? Redest du? Auf den Plakaten stand: Der Mensch ist die Summe seiner Gedanken. Darf der Log für Sie posten?
Ich rede nicht.
2Untermürbwies
Im Jahr 1016 des Konsuls
Aus den Newsjumps im Jahr 1016 des Konsuls
Eine Woche nach dem Anschlag erlag die Präsidentin der Toleranzunion heute Nacht ihren Verletzungen. Die Union trägt Trauer. Der morgige Tag ist im Äther den Leistungen ihres Lebens gewidmet. Die Unionsanwaltschaft prüft aktuell die Hintergründe. Das unveröffentlichte Bekennerschreiben der Dragonkin, das dem Unabhängigen Beobachter zugespielt wurde, wird als – piep – des Goldenen Reiches eingestuft. Das Begräbnis findet statt am […]. Sonne und leicht gedunkelte Bewölkung sind eingeplant.
Sie warf ihre Reisetasche über die Schulter und betrat das Gelände. Das war wirklich Pampa, das Ende der Welt, für das man sich erst registrieren musste. »Anmeldung« in tief geschnitzten Buchstaben stand über der Tür der ersten Holzhütte. Echtes Holz. Sie stiefelte darauf zu, gab brav Auskunft, wer sie sei, und zeigte einen Ausweis vor. Der Scanner piepte über ihre Hand. Man habe sie schon erwartet. Hier würde sie auf Menschen mit ähnlichen Problemen treffen, sagte ihr der Mann im blauen Trainingsanzug, der hinter dem Schreibtisch saß. Ein dünner Mensch mit solariumgebräunter Haut.
»Probleme«, dachte Emma, Probleme waren längst gelöst. Hatte man ihm nicht gesagt, dass man »Probleme« nicht mehr sagte? Eigenartige Ansichten hatten manche, das war das einzige Problem. Warum konnte sie die Kurse, die man ihr hier vorgeschlagen hatte, nicht einfach online absolvieren, so wie alle anderen Lerneinheiten auch. Physische Schulen hatte man abgeschafft, aber für ihresgleichen hatte man das hier gebaut. Sie hätte sich einfach zu Hause aus dem Pyjama schälen und in den Glibber des Vibes legen können und dort all dem beiwohnen, was man ihr hier aufzwingen wollte. Sie hätte unendlich Zeit gespart, sie lernte schnell, hätte ein paar Prüfungen abgelegt und die Sache hätte sich gehabt. »Anwesenheitsvorschlag« zerrte Karell in roten Lettern durch ihr Blickfeld, als sie ihn danach fragte. Karell war ihr Log. Neben dem Tor wehte eine weiße Fahne. Die Präsidentin war gestorben. Die weiße Fahne stand für ihr Licht. Der Dünne hielt die Hand auf und deutete auf ihre Brille.
Emma nahm sie ab und reichte sie ihm. »Abgabevorschlag ist Abgabevorschlag«, sagte er. Emma fand es schrecklich unnötig, dass Menschen derlei offensichtliche Sätze sagten. »Es geht uns hier um die Vermeidung von Traumata, darum, Diskriminierungserfahrungen zu tilgen, dies soll ein Sicherer Raum sein, auch wenn …«
Emma schnitt ihm das Wort ab: »… dieser Raum für die Mehrheitsgesellschaft überall ist. Ich diskriminiere nicht.«
Er nickte: »Es ist gut, die exakten Verhältnisse unserer Gleichheitsbestrebungen zu kennen, dennoch hat man dich hergeschickt. Etwas in deiner Lektüre?«
Emma antwortete nicht.
»Das Licht leuchte dir«, sagte er. Sie nickte, bekam einen Schlüssel und den Plan des Lagers über den Tisch gereicht und suchte darauf ihr Quartier. Dazu eine Liste mit Workshops: gemeinsames Floßbauen, Team-Origami, darüber wunderte sie sich, schließlich dachte sie, dass man Origami alleine machte, gemeinsames Trommeln. Emma seufzte. Sie trat vor die Tür, kniff die Augen zusammen, sie konnte noch das bedrohliche Wogen der Wipfel erkennen, ihre Augen waren jetzt schon müde. Die Hütten standen allesamt auf Holzpfählen drei Meter über dem Boden. Alles roch holzig, auch die Luft. Frisch gehacktes Holz und Moos. Hinter dem Teich befanden sich einige große weiße Zelte und ein hölzerner Pavillon. Sie blickte auf den Plan, ortete die Tanzbar, das Partyzelt und das Zelt für die Workshops. Der Tagesplan war klar, es gab keinen Grund, den Log zu konsultieren, dennoch murmelte sie: »Karell?« – »Ja?«, sagte dieser. »Schon gut«, flüsterte sie. Sie wollte nur seine Stimme hören, ihre eigene Stimme hören. Auch wenn es kein Netz gab, antwortete die automatische Stimme. Man kann Menschen schließlich nicht einfach alleine lassen. Hätte sie ihn um etwas gebeten, hätte er antworten müssen: »Kein Netz.« Der Log hätte sie auch verstanden, hätte sie ihn nur gedanklich angesteuert, aber sie mochte die offene Unterhaltung lieber.
Die Buchstaben auf den Schildern waren so groß, dass sie sie auch ohne Brille noch lesen konnte. Die Bretter der Treppe knarrten. Hölzerne Dielen für holzige Köpfe. Man konnte den Teich sehen. Eher eine Froschpfütze als der versprochene Badesee. Das war also Untermürbwies am Schöberteich. Ihr war, als starrten selbst die Astlöcher sie unentwegt an. Karell würde ihr hier nicht helfen, im Lager war alles geordnet und draußen, vor dem großen Palisadenzaun, gab es keinen Empfang. Das hatte sie erst auf der Fahrt im Sicherheitsbus hierher bitter erfahren, als die Musik plötzlich abbrach, die sie für die Fahrt ausgewählt hatte, und sie nach Karell fragte, er aber stumm blieb, und sie fühlte, wie ihre Hände zu schwitzen begannen. Sie würde sich alleine orientieren müssen. Karell würde niemanden für sie anrufen können. Damit man nicht ständig mit Familie und Freunden sprach. Auch die Nachrichten funktionierten auf dem Weg hierher nicht: Postings waren seit dem Tod der Präsidentin abgestellt. Das war das Beste für alle, schließlich sollte man nichts Unsensibles posten. Nur für die im Lager, die Onlineprivilegien hatten, gab es Kabelverbindungen. Wie altertümlich ihr das schien. Sie hatte Onlineprivilegien, sie gehörte nicht zu den Langzeitgestraften. Sie gehörte gar nicht richtig hierher. Sie hatte nichts getan, im Gegensatz zu denen hier, und auf einer globalen Skala betrachtet, hatte vermutlich niemand hier etwas getan. So informiert war sie. Onlineprivilegien, die schon vor Jahren eingeschränkt worden waren.
Sie hatte immer gewusst, wer wann was machte, ob Freund oder Feind. Der Arzt hatte gesagt, dass ihre SM-Jumps auf eine Stunde beschränkt sein müssten, denn diese seien für die Bulimie verantwortlich gewesen. SMS. Social Media Syndrome, bei dem man sich erbrach, wenn man zu lange hinsah. Sie hielt das für Unsinn, auch wenn sie noch weniger wegsehen konnte, wenn sie hier nur eine Stunde am Tag Onlinezeit hatte. Sie klopfte.
Die Tür wurde geöffnet. Emma warf ihre Tasche auf das einzige freie Bett. Eine große Bildfläche hing an der Wand. Die drei anderen kannten einander offenbar schon. »Emma«, stellte sie sich gleich vor, »häufigster Vorname meines Geburtsjahrganges, das Licht leuchte euch«, und streckte die Hand aus, um den Ersten zu begrüßen, aber dieser nahm keine Notiz von ihr, stattdessen ergriff der Nächste ihre Hand, drückte sie fast etwas zu sanft: »Richie, eigentlich Richard, Emilia. Das ist Potz. Ignorier ihn.« Richard sah aus wie ein aus der Zeit gefallener Student: Cordhosen, kurzärmeliges Hemd und undefinierbarer Haarschnitt. Vielleicht lag es auch daran, dass seine Haare so fettig waren und wie ein fremdartiges Gebilde auf seinem Kopf anlagen. Er war, sie überlegte, breit, aber »breit« durfte man nicht mehr sagen. Vielleicht: »zu kurz«? Aber das wäre diskriminierend gegenüber Kleinwüchsigen. »Kleinwüchsig« durfte man auch nicht mehr sagen. Man konnte sehen, dass Richard Asthma hatte, weil er, sie überlegte, mehr Raum einnahm als die anderen. Wer weiß, vielleicht war der Eindruck ihrem verschwommenen Blick geschuldet. Sie versuchte an ihm vorbeizusehen. So kurios wie er wirkte auch der andere, dessen langer Mantel über die Stuhlbeine auf den Boden hing.
Das Mädchen kam auf sie zu: »Jacqueline.« Sie machte den Eindruck, einem Modekatalog zu entstammen, dünnes Sommerkleidchen mit Bärenköpfen und Kunstlederjacke. »Ich habe es mir selbst ausgedruckt«, murmelte sie und zupfte an dem Bärenkleid. »Das Licht leuchte«, nuschelte Emma.
Jacqueline wirkte wie ein sommerlicher Geist. Emma hatte nicht gewusst, dass die Zimmer hier gemischt waren. Potz zog Rotz hoch, warf sich im Mantel auf sein Bett und spuckte auf den Teppich mitten im Zimmer, es sollte wohl abgebrüht wirken. Seine Erscheinung traf weniger Aussagen als sein Verhalten. Emma hatte sich bereits ein erstes Bild gemacht.
»Früher hatten sie getrennte Gruppen, dann gemischte, dann wieder getrennte, jetzt sind sie wieder gemischt«, sagte Richie. Als hätte er erraten, was sie gedacht hatte. Es gab keine Selbsteinordnung mehr, die Lagerleitung entschied, wo man dazugehörte. Egal, ob man elektronische Erweiterungen trug, und unabhängig davon, welche Hautfarbe man hatte oder wen man attraktiv fand. Das hatte man vom ewigen Schwanken zwischen Sicheren Zonen und dem Wunsch nach Vielfalt. Wie das Programm so sei, fragte Emma. Nachtschwimmen gebe es, und Filmabende. Ein Freiluftkino. Leider würde nur Schund gezeigt. Aber man war nicht verpflichtet, sich die Filme anzusehen, man konnte auch Gruppensitzung machen. Gruppensitzungen und Kurse, Wanderungen und gemeinsame Projekte waren jedoch virtuell. Die Union stellte dafür die neuesten Vibe-Modelle bereit. Nur das, was man zu Hause gemacht hätte, das dürfe man nicht machen, erklärte Richie, ihm zum Beispiel habe man die Steganografie verboten, aber er hätte hier ja ohnehin niemanden gefunden, mit dem er auf diesem ihm liebsten Weg kommunizieren hätte können. Stegano-? Emma fragte nicht.
»Du bist einfach nur ein Trottel«, sagte Potz und saugte an einem Vaper. Sie fragte sich, wie er sich das Qualmen leisten konnte, und wunderte sich, dass nicht gleich ein Feueralarm losging und dass es keinerlei harte Maßnahmen gegen so etwas gab. Emma wartete bereits darauf, dass er auch sie beleidigte. Es roch süßlich, ihr war schlecht. Potz schloss die Augen. Jacqueline lächelte, auch sie könne nicht machen, was sie zu Hause gemacht hatte. Das sei schließlich der einzige Sinn dahinter, hierher geschickt zu werden, nach Untermürbwies.
»Wissen Sie, Emma, ich gehöre zu einer Familie magischer Wesen. Wir alle wählen den Zeitpunkt unseres Ablebens selbst. Das ist unsere Freiheit. Verstehen Sie?« Eine Suizidale also, dachte Emma, aber immerhin eine, die sich gepflegt ausdrückte. Potz blickte Emma an, als käme nun die nächste Beleidigung, drehte sich dann aber zu Jacqueline um.
»Ach, Jackie«, sagte er, zog Rotz hoch und spuckte in imposantem Bogen wieder mitten ins Zimmer. Jackie befühlte einen Pickel an ihrem Kinn, als hätte sie nicht bemerkt, dass er sich beherrscht hatte. Wer weiß, vielleicht sogar ihr zuliebe. Jackie zog ihre Weste aus, das Kleid war rückenfrei. Sie wollte wohl, dass man es sah, dass man sah, was sie war. Sie bemerkte Emmas Blick auf ihrem Rücken: »Lichtenbergfiguren«, lächelte sie, »ich bin vom Blitz getroffen worden.« Wie rote Äste, wie eine Tätowierung in Form eines japanischen Kirschbaums zogen sich die Linien vom Nacken nach unten. Aufmerksamkeitshure, dachte Emma und biss sich auf die Zunge. Immer wieder ließen reiche Eltern, die ihre Kinder als Embryo genetisch »repariert« hatten, diese vom Blitz treffen, wenn sie größer wurden. Als Emma klein war, war einer in ihrer Kindergruppe gewesen. Er musste Windeln tragen, bis er alt genug war, es operativ in Ordnung zu bringen. Auch die gelähmte Gesichtshälfte. Den meisten Lichtkindern blieben Andenken. Was vor der Geburt genetisch herumgecrispert werden konnte, war danach eben nicht mehr möglich.
»Wie bedauerlich. Hat es wehgetan?«, fragte Emma und bemühte sich um einen möglichst natürlichen Ton.
»Das wollen Sie doch nicht wirklich wissen«, entgegnete Jackie, »in Wahrheit denken Sie nur: Nur gut, dass mir das nicht passiert ist.«
»Jackie ist vermutlich die beeindruckendste Person, die mir je begegnet ist«, begann Richie.
Irgendjemand hat immer ein krankhaftes Harmoniebedürfnis.
»Sie treffen nicht viele Leute, Richard, oder?«, wandte Jackie sich ihm zu.
»Da hast du recht, Jackie«, warf Potz ihr zu. Sie lächelte immer noch. Emma gingen sie jetzt schon auf die Nerven.
»Heute am Abend gibt es ein Lagerfeuer. Schon wieder. Aber wir sind angehalten, möglichst alle hinzugehen. Du kommst doch mit?«, fragte Richie. Neben der Tür hing großformatig der Wochenplan mit den bevorstehenden Veranstaltungen. In Blockbuchstaben waren die Angebote aufgezählt: Rudern, Schwimmen, Modern Dance und einzelne Programme von privaten Fernsehsendern, die meisten davon endeten auf -camp. Viele waren mit dem kleinen Vibe-Logo markiert. Freizeitaktivitäten waren grün unterlegt. Rot unterlegt waren Veranstaltungen mit Anwesenheitsvorschlag: Richtig Lesen, Wertvolle Informationen erkennen, Freude an der Natur, Soziale Interaktion. Emma schluckte. Nein, sie gehörte nicht zu denen. Irgendwo roch es nach Pinien. Sie wäre lieber mit Karell allein gewesen.
3Schach
Im Jahr 1016 des Konsuls
Kein Signal.
Das Feuer knackte und Emmas Wangen wurden heiß. »Ich kann schon nicht mehr trinken«, sagte Jackie. »So tun Sie doch etwas!«
»Besser nicht«, schüttelte Richie den Kopf. Sie würden ihr dann ja doch nur eine Portion Pommes bringen und einen Wodka-Tonic. Wenn er einfach davongerannt wäre, dann müsste er auch nicht hier sitzen und Alkopops trinken. Bis zum Ende der Woche würde der Hüttenvorrat aufgebraucht sein. Das Programm »Ernährung für alle«, wie es in den Städten allen Bewohnern geschenkt wurde, gab es hier nicht. Es hatte den Zweck, die Menschen gesünder zu machen. Hier wurde den Jugendlichen Ungesundes gegeben, damit der Aufenthalt positiv in Erinnerung blieb. »Doppelt frittiert«, fügte Richie hinzu und öffnete eine Dose, reichte sie Emma. Seine Finger streiften ihre. Das war ihr erstes Getränk an diesem Abend. Jackie steckte sich ständig Pillen in den Mund.
»Mein Kopf ist schwerer als meine Seele, der Totengott, der Totenkopf lässt uns beide nicht gehen.« Richie rülpste, nachdem er das gesagt hatte. Potz rülpste ebenfalls, jedoch um einiges lauter, als müsste er etwas beweisen. »Das kickt«, fügte Richie hinzu und hob seinen Becher.
»Ach, und im Osten wäre es besser?«, fragte Emma und nahm einen Schluck, denn Richies Behauptungen schienen ihr interessanter als der Totengott.
»Die Wahrheit ist ja die«, fuhr Richie fort, »dass die Menschen, ja, das wusste man schon im alten Griechenland, von Zeus auseinandergerissen worden sind. Heute weiß man das ja nicht mehr. Nicht mehr vier Beine und vier Arme und zwei Gesichter auf einem Kopf mit Augen vorne und hinten. Aber den Russen, den Russen, denen hat er die Seele im Inneren noch einmal geteilt, weil sie eine Revolution anzettelten, weil sie sich das nicht gefallen lassen wollten. Die müssten sich selbst lieben, fänden sich aber nie im eigenen Körper und müssten daher neben der Liebe auch den Hass suchen. Das ist die Poetenseele.« Er rülpste wieder. Potz machte sich nicht die Mühe. Zu Dostojewskijs Zeiten mag das so gewesen sein, dachte Emma, aber heute? Das Konzept des Camps in Untermürbwies stammte aus dem Osten. Sie sagte es Richie nicht, er wäre dann vielleicht traurig gewesen. Es gibt ebenso wenig hundertprozentige Wahrheit wie hundertprozentigen Alkohol, dachte sie. Beides gibt es nur mit Zucker.
»Die Poetenseele …«, sagte er wieder, verstummte aber gleich, denn das war kein erwünschtes Gesprächsthema und der dünne Mann im Trainingsanzug von der Anmeldung kam auf sie zu:
»Da drüben gibt es Bio-Hotdogs, wenn ihr möchtet«, meinte er, ein hässliches Grinsen hatte er, das er selbst vermutlich für ein freundliches Lächeln hielt. Sie sahen alle zu Boden. Nur Potz, Potz zog an seinem Vaper, nahm einen Schluck aus der Wodkaflasche und starrte den Dünnen an.
»Worüber sprecht ihr?«, fragte der nun. Emma versuchte, aus den Augenwinkeln zu beobachten, was passierte, Potz starrte den Dünnen immer noch an: »Wir spielen ›Ich hab noch nie‹.«
Dann zog der Dünne ab, offenbar zufrieden mit der Antwort.
»Ich hab noch nie?«, fragte Emma.
»Ein Trinkspiel, das er uns gestern zum Zeitvertreib vorgeschlagen hat«, antwortete Potz, lehnte sich zurück, sah dem Dünnen nach: »Ich hab noch nie ›Ich hab noch nie‹ gespielt«, lachte er, und alle nahmen einen Schluck, sogar Jackie.
»Scheiß Camp«, sagte Potz und hielt Emma die Flasche hin, aber sie wusste, sie würde Wodka niemals pur hinunterbekommen.
»Noch zwei Jahre, bis wir vielleicht wählen dürfen, wenn wir uns qualifizieren«, sagte Emma. Für alles gibt es ein Mindest-, aber für nichts ein Maximalalter.
»Ich habe einmal zwei – wie sagt man statt ›alt‹? – im Öffentlichen gesehen, die sich um den Bedürfnisplatz stritten. ›Ich hatte einen Schlaganfall‹, meinte der Eine, und der Andere: ›Ich habe zwei Bypässe.‹ Als wäre es ein Quartettspiel. Die reinste Soap. Dabei sind für diese Generation körperliche Reparationen aller Art immer leistbar und sie bekommen auch noch Rabatte. Der Log hat sie dann nur mehr in verschiedene Busse gelassen. Wegen der Harmonie.« Die alte Generation hatte solche Leiden noch, sie waren schwer vorstellbar. Wer sich einmal für das Wahlrecht qualifiziert hatte, verlor es nicht so leicht wieder. Früher war es sicher leichter, sich zu qualifizieren. Nur liken konnte man immer.
Richie nickte: »Auch vom Fernseher komme ich mir immer so vergewaltigt vor. Die ganzen Betroffenheitssoaps und Sozialpornos. Irgendwelche C-Promis, die Flüchten spielen. Mit echten Lagern, Schleppern und überfüllten Booten. Scheiß Reality-TV.«
»Also statistisch …«, begann Emma, aber Potz schnitt ihr das Wort ab: »Zahlen sind wertlos.« Sie bedachte ihn mit einem bemüht giftigen Blick. Vielleicht brauchte sie doch einen Gesichtsausdrucksworkshop.
»Kennt ihr die Geschichte von dem Mann, der seine Kinder für Pornos missbrauchte und dann mit ihnen eine Doku über die Pornos drehte und dann noch eine X-rated-Version der Doku herausgab?«, fragte Potz nun weiter.
Emma und Richie sahen einander an, trafen die stumme Übereinkunft, nicht darauf zu reagieren: »Bald schicken sie irgendwelche D-Promis zu uns ins Camp.«
Richie lachte: »Ja, genau, und die müssen dann auch Erdbeerwein und Alkopops saufen.« Er reichte Emma einen Becher. Wieder streiften sich ihre Finger.
»Warum wurdest du denn hierher – ähem – eingeladen?«, fragte er, mit Betonung auf eingeladen.
»Sie haben mich in der Bibliothek erwischt.«
»Und wo liegt das Problem?«, fragte Potz.
»In der Bibliothek für Erwachsene«, antwortete Emma.
»Bei den richtigen Ausgaben? Den vollständigen? Den unzensierten?« Richie hatte etwas von einem aufgeregten Welpen.
»Du kleine Drecks**«, warf Potz ein und zwinkerte ihr zu.
Sie nickte. »Kein Wunder, dass du hier gelandet bist«, sagte Richie und griff nach ihrer Hand.
»Sie hätten sie auch einsperren können. Sich erwischen lassen – pfff – dumme ***«, meinte Potz.
»Die Richterin meinte, ich gehöre hierher, ich sei nicht ganz dicht.« Emma lächelte, nahm einen Schluck von dem Erdbeerwein. Eine eklig-süße, dicke Soße. »Und du?« Emma versuchte ihre Hand nicht zu bewegen, damit er sie nicht losließ.
»Etwas zu schreiben ist noch schlimmer, als etwas zu lesen.« Ritchie zwinkerte. »Und Jackie?«
»Ach, irgendetwas Aufwieglerisches.«
Jackies Kopf sank an Potz’ Schulter.
»Ich existiere nur, weil Sie mich sehen können, meine Damen und Herren und weitere, weil sie mit oder über mich sprechen, ansonsten bin ich inexistent«, murmelte sie. Aktionskunst vermutlich, dachte Emma. Danach starrte Jackie so ausgezoomt vor sich hin wie zuvor.
»Will jemand wissen, warum man mich hierher gesteckt hat?«, fragte Potz, aber sie schüttelten trinkend den Kopf. Potz zuckte mit den Schultern und zog an seinem Vaper. Für Emmas Geschmack genoss er das Camp zu sehr. Untermürbwies.
Richie murmelte: »Wenn die finden, dass sich dein Verhalten nicht geändert hat, schicken sie dich jedes Jahr her. So wie mich. Meine Schwester fährt jeden Sommer auf den Pferdehof und ich hierher.« Er nahm noch einen Schluck. »Oder sie stecken dich doch in den Knast, also in ein Rehabilitationszentrum.« Er lachte.
»Im Knast gibt es leider nichts zu trinken«, lachte Potz.
»Je mehr du von dir gibst, umso weniger kann ich mir vorstellen, warum du überhaupt hier gelandet bist«, fauchte Emma. Sie wusste beim besten Willen nicht, welche Kriterien Potz für seinen Aufenthalt hier prädestinierten. Hier sollten die Klugen von ihren Problemen der unnötigen Systemhinterfragung erlöst werden. »Probleme« sagte man nicht mehr, das hieß jetzt »Herausforderungen«.
»Miss Zum-Camp-verdonnert-fürs-Lesen!« Potz spuckte wieder aus.
Richie lächelte ins Dunkel: »Ja, klar, Potz ist Friedensstifter-in. In jeder Hütte gibt es einen, der der Lagerleitung erzählt, worüber wir reden, sobald sie uns aus den Augen lassen. Nein, das wäre zu einfach, nein, er muss sich mit uns anfreunden, so richtig, und ist eigentlich nur dafür da, uns auf die böse Seite zu ziehen, uns immer mehr zu trinken vorzusetzen und uns klarzumachen, dass wir uns keine Gedanken zu machen brauchen. Gehst du morgen zum Seelebaumeln?«
Emma schüttelte den Kopf. Potz spuckte wieder aus, vielleicht war es wahr, vielleicht kümmerte es ihn aber auch nicht. Potz war ein Arsch. Ein versoffener Prolet, der sich besonders gewitzt vorkam. Er drehte sich um und ging weg. Einer, der sie »Püppchen« nannte. Die Flasche an den Lippen, nahm er immer wieder einen Schluck.
»Morgen darf ich um diese Zeit surfen«, meinte Emma.
Nun zuckte Potz hoch: »Onlinezeit, sonic sonic!«
»Komm, gehen wir zur Hütte. Hier gibt es immer noch ein Morgen, bis zu dem man weiter trinken kann.« Richie führte sie an der Hand in Richtung Hütte. Emma ließ sich auf ihr Bett fallen, es knarrte. Zurück zur Natur, zurück zu quietschenden Lattenrosten, dachte sie. Richie hatte ihre Hand nicht losgelassen, warf sich ebenfalls auf ihr Bett, es quietschte noch lauter. Die Masse seines Körpers schien überall zu sein. Der Erdbeerwein hatte einen pelzigen Belag auf Emmas Zunge hinterlassen, auf Richies Zunge ebenso: Er küsste sie. Sie hatte damit gerechnet. Die alberne Händchenhalterei. Er versuchte, seine dicken Finger in ihre Jogginghose zu bohren, aber sie drängte seine Hand weg. »Ach, komm«, sagte Richie, wieder der Pelz in ihrem Mund. Ach, komm? Damit hatte Emma nicht gerechnet. Dabei hatte man ihr doch prophezeit, dass sie hier Menschen mit ähnlichen »Herausforderungen« treffen würde. Man sollte auf andere Gedanken kommen, nicht ständig über die Welt grübeln. »Ach, komm. Einen Abend dumm sein. Das muss. Triebabfuhr als …«, flüsterte er, dann ließ er sein Gesicht gegen ihren Hals fallen.
Richie hielt inne, die Tür knackte. Jackie schwebte in den Raum. Jackie, das schwebende Wesen. Potz trug sie und legte sie vorsichtig in ihr Bett, zerrte ihr die Jacke vom Körper und zog sachte die Bettdecke über sie. Eine Waschschüssel stellte er auf die Seite ihres Bettes, der sie das Gesicht zuwandte. Jackie stöhnte. Emma spürte Richies Atem an ihrem Hals, spürte, wie er abwartete, dass Potz wieder hinausgehen würde, um weiter zu saufen. Potz bemerkte Richie in Emmas Bett, griff nach dem Kragen seiner Jacke und zerrte Richie von ihr, schlug ihm ins Gesicht. Zweimal, dreimal. »Potz, you f***** a****!«, schrie Richie, ohne sich jedoch weiter zu wehren. Jackie wachte aus ihrem Delirium auf.
Emma sprang aus dem Bett, sie musste hinaus, sie hastete Richtung Teich. Schnelle Schritte. Sie wollte einfach nur weg von ihnen. Sie hörte ebenso schnelle Schritte hinter sich, jedoch leiser. Jackie schwebte ihr nach. Diesmal alleine. »Potz hat recht!«, rief sie ihr hinterher. »Er versucht nur, Ihr Freund zu sein, ich bitte Sie, bleiben Sie stehen! Das ist genau, was die hier wollen. Dass Sie etwas tun, wovon es vielleicht kein Zurück gibt. Emma, bleiben Sie stehen!«
»Lass mich in Ruhe«, knurrte Emma Jackie an. Das war erst der erste Abend. Der Beginn. In zwei Monaten würde niemand von ihnen mehr wissen, was er tat. Auch sie selbst nicht, dachte sie. Auf zu engem Raum, in Untermürbwies. Das verfluchte Camp. Verfluchter Richie. Jackie hatte offenbar wieder umgedreht. Sie hörte nun andere Schritte hinter sich. Schneller, ein Laufen. Hoffentlich nicht der Dünne im Trainingsanzug, dachte sie, aber es war Potz, der sie am Arm packte.
»Lass mich los. Lasst mich doch alle in Ruhe«, fauchte sie und versuchte, ihren Arm aus der Umklammerung zu lösen.
»Richie wird es auch irgendwann begreifen. Wir haben etwas zu erledigen, oder etwa nicht?«, sagte Potz, als müsste sie wissen, wovon er sprach. »Ich werde dir sagen, was du tust, bevor du morgen den Log öffnest. Dann sind wir hier in zwei Tagen wieder draußen. Das muss. Solange es die Onlinezeiten noch gibt, sollten wir die Kabelverbindung nutzen«, grinste er.
»Sch***-Untermürbwies«, murmelte sie. Potz nickte und hielt ihr wieder die Wodkaflasche hin. Sie griff danach. Die Flasche war kalt, die Wärme seiner Finger ließ sie zusammenzucken. Er legte seine Hand auf ihr Schulterblatt, und so machten sie sich auf den Weg zurück. Sie wusste nicht, warum es die Onlinezeiten nicht mehr geben sollte.
Ein heller Schrei war es, der sie hochschrecken und innehalten ließ. Drei Hütten weiter fand das Drama statt. Das war einer von ihnen, einer, der auf dem Dach seiner Hütte stand. »Er wird springen, oh mein Gott, er wird springen«, rief eine Stimme hysterisch. Gott, dachte Emma, hat damit auch nichts zu tun. Höchstens der Psychologe. Aber vermutlich würde man ihn einfach hormonell anpassen. Über den Körper konnte man doch alles wieder in Ordnung bringen.
Der Springer stand am Rand des Daches der Pfahlhütte, schien mit seinem Blick die Höhe zu vermessen. »Er wird doch nicht so dumm sein, zu springen«, sagte Richie plötzlich hinter ihnen, »da bricht er sich höchstens ein Bein, das ist nicht hoch genug.« Emma fragte, was denn passiert sei, ohne Richie anzublicken.
»Sie haben heute Nachmittag ein Schachspiel bei ihm gefunden«, antwortete Richie und nahm einen kräftigen Schluck aus einem Kunststoffbecher.
Sie zuckte zusammen: »Springer auf D5!«, rief Potz hinter ihr. Ob der Schachspieler ihn auch verstand? Die anderen Schaulustigen murmelten. »Machst du dich über ihn lustig? Du bist ja vielleicht daneben. Der will ohnehin schon sterben«, sagte sie.
Potz lachte: »Prinzesschen hat wohl nie Schach gespielt? Und so dumm ist der nicht. Dann sitzt er nur die halbe Nacht beim Psychologen, der eh allen das Gleiche sagt: Entspann dich, such Kontakt zu anderen, lass dich mal gehen et cetera. Dann ertränkt dich der Log in einem Eimer Lithium-Sieben.« Emma schüttelte den Kopf. »Was für ein braves Mädchen«, gluckste er.
»Dass es verboten ist, weißt du aber schon?«, fragte Richie. Emma nickte: »Aber ich dachte, es sei eben nur ein Spiel.« Potz lachte wieder: »Das angeblich Rassenkrieg verherrlicht. Der da ist also ein Rassist. Schwarz gegen Weiß.«
»Schwarz sagt man nicht«, entgegnete Emma, und: »Gegen Rassismus muss man etwas tun, wenn du das S-Wort sagst, handelst du auch diskriminierend.«
»Sei nicht gleich so getriggert«, grunzte Potz.
Richie schüttelte den Kopf: »Nein, das ist es alles nicht, es geht um Schichtenkampf. Die Bauern werden zum Sterben geschickt. Unterschicht und so. Und um Gewaltverherrlichung. Der da oben«, er deutete mit dem Finger auf die schmale, blasse Gestalt am Rand des Hüttendachs, »ist demnach ein Kriegsfanatiker.« Emma war verblüfft: Wenn es um schwarze und weiße Figuren ging und um Schichten, dann musste man doch einschreiten.
Potz zuckte mit den Schultern und fügte hinzu: »So was kriegt man nicht mehr digital. Es ist antiquarisch. Real. Da kann der Log nichts tun.«
Emma sah nach oben und der Schachspieler sah nach unten. Blonde, fransige Haare fielen ihm in die Augen. Er sah ihr geradewegs ins Gesicht. So wie die Astlöcher sie anstarrten, egal wo sie sich befand. Sie fröstelte. Vielleicht bildete sie sich all das nur ein. Schwachsichtigkeit lässt sich besser messen als beispielsweise Körperbehinderung wegen einer abgetrennten Gliedmaße, oder gibt man diese in Prozent des Körpergewichts an? Erstaunlich, so etwas müsste sie eigentlich wissen. Wie viel Fantasie die Blindheit ihr allerdings verlieh, war vollkommen unmessbar, und vielleicht bildete sie sich alles im Camp nur ein.
Potz spuckte aus: »Spring doch, du A****, spring doch!«, rief er. »F***ling!«, rief er. Emma fühlte sich unwohl in ihrer Betrunkenheit. Wenn er Selbstmord Feigheit nannte, dann sollte er das erst probieren und hernach reden.
»Der Sprung bringt ihn eh nicht um.« Potz nuckelte wieder an seiner Wodkaflasche.
»Was passiert, wenn sie hier sagen, man hätte nicht bestanden?«, flüsterte Emma Richie zu.
Ihn interessierte offenbar nicht, ob der Schachspieler wirklich sprang. Einer vom Lagerpersonal kam und begann die Schaulustigen mit wedelnden Armbewegungen zu verscheuchen.
Der Schachspieler kletterte schließlich vom Dach. In seinem Kopf war also klar: Der Sprung würde ihn nicht töten. Dann hätte es keinen Sinn. Für einen bloßen Beinbruch. Er würde wohl trotzdem die halbe Nacht beim Psychologen sitzen, wie Potz vorhergesagt hatte.
Emma entschied, eine weitere Runde um den See zu wanken, um der stickigen Luft der Hütte noch ein paar Minuten zu entgehen. Was sie sich eingebrockt hatte. Sie hatte doch gar nichts getan. Sie würde guten Willen zeigen, dachte sie. Morgen würde sie in den Facial Expression Workshop gehen. Sie hatte die Beschreibung gelesen. Das schien weniger langweilig als das Training für jene, die Schwierigkeiten – oder sagt man auch Herausforderungen? – hatten, in Situationen den Gesichtsausdruck des anderen richtig zu lesen. Man brauchte das auch kaum. Der Log hatte kein Gesicht und der Log kannte deinen Hormonhaushalt. Der Log konnte sie immer richtig lesen. Karell kannte sie besser als ihre Eltern. Auf Karell konnte sie sich verlassen. Er versagte nicht, wie Menschen es taten. Er konnte alle ohne Gesicht lesen. Interessant war das allemal. Der Log war das einzige Menschenrecht, das man brauchte. Alle anderen Menschenrechte sind doch nichts weiter als Imperialismus, Ignoranz gegenüber anderen Kulturen. Sie nahm sich vor, ab morgen alles am Camp zu loben, ist ja sonic, würde sie sagen. Einfach zu allem. Potz konnte ihr gestohlen bleiben mit seinem Vorschlag, von hier zu verschwinden. Wie naiv zu glauben, dass man hier einfach hinausspazieren könnte.
Die Tür knarrte, als sie sanft mit der Hand dagegendrückte. Sie sah gerade noch, wie ein dünnes Leuchten aus Jackies Bett auf jemanden zusprang, Richie stolperte an ihr vorbei, sie mit seiner Breite beiseiteschiebend, und torkelte heftig hustend ins Freie. Das Leuchten war verglommen. Hatte er es nun bei Jackie versucht?
»Was war das?«, flüsterte sie.
»Ach, das ist nur das Asthma«, keuchte er zur Antwort, und fast hätte er ihr leidgetan, obwohl er einer der Gründe war, warum sie das Lager nun schon am ersten Abend satthatte. Ein unglaublich langer Abend. »Ich meinte das Leuchten«, zischte sie. Aber er zuckte nur mit den Schultern: »Welches Leuchten?« Dabei war sie sicher, dass ihre Augen sie nicht betrogen hatten.
4Netze
Im Jahr 20 vor dem Konsul
Newsfeed im Jahr 20 vor dem Konsul
Das Netz ist alles, was der Fall ist. Sonderreportage zum neuen Log aus der digitalen Wunderstube um Li Na.
»Wie viele von euch kamen heute mit dem Bus? Und wer wurde von den Eltern gebracht?«, fragte Lehrperson Kowalcik. Die Kinder hoben artig die Hand. Lehrperson Kowalcik erklärte weiter, dass früher weit mehr Kinder von ihren Eltern oder Betreuungsbeauftragten in gesonderten Kraftwagen zur Schule gebracht wurden. Heute sei dies anders, denn die Busse seien nun intelligent und mit den Bedürfnissen der Bevölkerung verknüpft. Der Log sammelte die Informationen, wer welche Wege zu machen hatte, und koordinierte dahingehend den Verkehr. Dies entlastete die Straßen, was wiederum die Wege sicherer machte. Das war, worauf sie hinauswollte: Ein Netz bedeutete Sicherheit. Denn ein Netz bedeutete Information. Der kleine Sandor Karol malte ein Netz aus Bussen und eine strahlende gelbe Schutzschicht ringsum. Eine sonnige Schutzschicht. Das Netz, erklärte Kowalcik, behandelte alle gleichwertig und konnte so für ein gleichberechtigtes Dasein aller sorgen. Über Gleichberechtigung hatten sie schon letztes Jahr in Weltkunde gelernt. Sie war notwendig. Das Netz konnte also mit all seinen Informationen dazu beitragen, dass reife Entscheidungen für die ganze Welt getroffen wurden. Die Administration konnte die Daten auswerten und Handlungen setzen. »Wer kann mir sagen, was passiert, wenn das Netz nicht funktioniert, oder, wie man sagt, ›down‹ ist?«, fragte Kowalcik.
Sandor hatte im letzten Kurs nicht besonders gut abgeschnitten. Da war ein kleiner Frosch abgebildet neben seinem Weltkundeeintrag. Er sagte auch zu Hause »nicht besonders gut«, aber seine Mutter korrigierte ihn: »mit großer Potentialspanne«, das sollte der Frosch bedeuten. Noch nie hatte er in Weltkunde einen Biber gehabt oder gar ein Einhorn. Nur in Schreiben hatte er einmal ein Einhorn gehabt, aber dann hatte seine Mutter aufgehört, ihm vorzulesen. Lehrperson Kowalcik hatte sie darauf hingewiesen, dass sie damit zu »gesellschaftlicher Ungleichheit« beitrug, denn anderen Kindern wurde nicht vorgelesen. Sandor war danebengesessen und hatte auf seine Schuhe gestarrt. Er hob also die Hand, vielleicht schaffte er diesmal den Biber. »Die Menschen organisieren ihre Wege wieder selbst?« Kowalcik nickte, sagte: »Nein«, holte tief Luft und erläuterte nach einer kleinen Pause: »Du meinst also, die Menschen würden dann erst selbst bestimmen, doch in Wahrheit bestimmen sie ihre Wege jetzt selbst, wenn der Log ihre Daten sammelt. Befänden sich jedoch alle wieder alleine auf den Straßen, würden ihre Wege gestört, schon alleine dadurch, dass alle in unterschiedliche Richtungen streben, denn das Netz weiß besser, was die kürzesten und schnellsten Wege sind.« Sandor löschte ein paar Linien von seinem Bild, sie waren lang, er ersetzte sie durch Linien, die quer über den Bus, quer über das Blatt gingen, die kürzer waren. Das hatte ihn dem Biber nicht nähergebracht.
»Nehmen wir ein Beispiel,« sagte Kowalcik und begann von einem Lieferunternehmen zu sprechen, dessen Informationssystem am Anfang des Jahrhunderts zusammengebrochen war. Es war eine Katastrophe: Informationen konnten nicht abgerufen werden und daher mussten private Geräte herangezogen werden, um in privaten Nachrichten wichtige Informationen für Fahrer, die es damals noch gab, für Beamte, Hafenadministratoren und viele weitere zu suchen. Noch viel schlimmer war, dass viel Papier benötigt wurde, das mit Klebebändern auf Schiffscontainer geklebt wurde, auf Lastkraftwagen, auf Wände und Tische, um den Überblick zu behalten. Neben dem finanziellen Schaden ein Desaster für die Umwelt. Was das finanziell bedeutete, hatten sie auch im letzten Jahr besprochen. Was Geld war, bevor man es virtualisierte. Wie man heute mit seiner Adresse bezahlen konnte. »Die Lastwägen bleiben stehen, wenn die Daten fehlen«, sagte Kowalcik. Ein Netz bot Sicherheit. Wie im Sportunterricht: Wer nicht klettern konnte, konnte sich fallen lassen, in das große weiche Netz.
»Wo können wir die Vorteile des Netzes noch erkennen?«, fragte Kowalcik. Luce wedelte aufgeregt mit der Hand: »Um zu wissen, ob wir friedenssichernde Maßnahmen machen müssen.« Machen müssen, dachte Sandor. Ergreifen müssen, umsetzen müssen. »Machen« war ein Wort, das er nicht mochte. Luce würde in Weltkunde sicher wieder ein Einhorn bekommen. Sie meldete sich immer nur, wenn es um Frieden ging. Sie war auch von den Lehrpersonen als Friedensstifter-in der Klasse beauftragt worden. Das bedeutete, dass sie, sobald zwei in der Klasse stritten, den Lehrpersonen Bescheid gab. Sandor mochte sie nicht.
Kowalcik erklärte nun, was ein Alghorithmus war. Das Wort erschien hinter ihr auf einem Schirm und dazu die Definition: eine eindeutige Handlungsvorschrift zum Lösen von bestimmten Problemen.
Kowalcik sprach nun darüber, was hier »eindeutig« meinte. Nur eine Lösung ist gut und richtig. Kowalcik stand nun vor Sandors Pult und fragte: »Warum die gelben Strahlen?« »Der Schutz vom Netz.« Lehrperson Kowalcik lächelte und nickte: »Sonnig.« Sandor lächelte auch. Wenn er jetzt etwas Kluges sagte, dachte er, könnte er schon auf einem Biber stehen. Eine kluge Frage, dachte er: »Warum ist mein Schulweg fünfundvierzig Minuten, seit wir vernetzt sind, und nicht wie früher fünfzehn … Wenn der Log doch den schnellsten Weg findet.« Da verzog Lehrperson Kowalcik wieder das Gesicht. Es war wohl doch keine kluge Frage gewesen. »Der Log findet den besten und kürzesten Weg für alle. Dein Weg mag länger geworden sein, aber im Durchschnitt – du erinnerst dich, was ein Durchschnitt ist? –, im Durchschnitt sind alle Wege kürzer. Wenn nur deiner so kurz ist, alle anderen aber mehr als eine Stunde brauchen, wäre das ungerecht. Daher ist es wahr zu sagen, dass der Log den schnellsten und kürzesten Weg findet, verstehst du?« Sandor nickte stumm. Die anderen Kinder tuschelten. Sie hielten Sandor für dumm. Sandor hatte etwas Dummes gefragt. Sandor würde wieder einen Frosch bekommen.
An diesen Tag dachte Sandor Karol, als er seinen Chip bekam. Ein kleiner Stent in der Hand. Jemand mit bunt gefärbter Haut und vielen Löchern in Nase und Ohren hatte ihn in seine Haut gestochen, zwischen Daumen und Zeigefinger. Das war sein Ausweis, das war sein Bankaccount, seine Adresse, darin war alles verzeichnet, was er jemals virtuell getan oder gesagt hatte. Sogleich fragte ihn der Log, ob er auf seinen Kalender zugreifen durfte. »Darf der Log auf Ihre Wege zugreifen?«, war die nächste Frage, die sich mit einem kleinen Zittern, einem sanften, wohligen Vibrieren angekündigt hatte. Kein Suchen nach Chipkarten mehr, er musste sich nicht mehr die Mühe machen, selbst eine Orientierungshilfe zu befragen, und keine Angst mehr haben, verloren zu gehen. Das Netz war da und wusste, wer er war und was er war. Er konnte mit ihm sprechen, ohne den Mund zu bewegen, er musste nur »Log« denken oder den Namen seines Logs, doch er hatte seinen nicht benannt.
An diesem Schultag, erinnerte sich Sandor, hatten sie auch Turnunterricht gehabt. Die meisten Kinder konnten nicht klettern. Nur wenige schafften ein paar Zentimeter am Seil nach oben, das in den Handflächen brannte. Er bemühte sich trotzdem, auch wenn es hier keine Frösche oder Einhörner gab. Hier gab es nur Sonne oder Mond. Dabei gewesen oder nicht dabei gewesen. Für die Kinder war das egal. Sandor war etwas zu klein für sein Alter, der Wachstumsschub ließ lange auf sich warten. Er war bereits sechzehn, als er endlich seine Eltern überragte. Die anderen hatten ihn »Sando, der Große« genannt. Das meldete Luce, die Friedensstifter-in, nicht. Schließlich nannten sie ihn nicht klein. Dabei hatten die Lehrer irgendwann aufgehört, Uneingeschränkte als »Uneingeschränkte« zu bezeichnen, denn, so erinnerte er sich vage, es würde nur darauf hinweisen, dass es Eingeschränkte gab, und »Eingeschränkte« sagte man nicht. Aber da war er bereits älter gewesen. Inzwischen gab es keine Eingeschränkten mehr. Alle Körperteile waren mittlerweile ersetzbar, veränderbar.
Damals hatte er noch versucht, am Seil nach oben zu klettern, aber in den Folgejahren hatte er sich einfach nur fallen lassen. In das Netz. Das Netz fängt dich auf, das Netz bietet Sicherheit. Man konnte nicht am Boden aufschlagen. Im Netz kann man auch nicht verlorengehen oder gar entführt werden. Seine Hände hatten gebrannt, als er vom Seil rutschte, und das Netz federte ein wenig unter seinem geringen Gewicht. Das war sie also, die zweifelhafte Freiheit, sich fallen lassen zu können. So lag er einen Moment und atmete durch. Und Luce sagte: »Sando, der Große, blockiert das Netz, die anderen haben gar keinen Platz, er stört den Unterricht, Stören des Unterrichts ist Unfriede«, und sie grinste dazu, während die Lehrperson ihn grob anwies, Platz zu machen. Seine Mutter wurde auch ins Rektorat zitiert und man erklärte ihr, dass sie nicht weiter in seine Bildung eingreifen sollte. Sandor denke nicht, oder zumindest nicht richtig, sonst würde er nicht ständig Dinge fragen, die längst geklärt waren.
Er löste sich von seinen Erinnerungen und dachte »Log« und »Nachrichten«, und der Newsfeed tauchte vor seinem inneren Auge auf: Er scrollte auf ganz intuitive Art mit Wimpernschlägen. »Likesucht: ernstzunehmende Erkrankung oder Erfindung fabrizierter Wissenschaften?« Wie kurios, dachte er: In der Schulzeit hatte Kowalcik die Sozialen Wissenschaften gelobt und bejubelt, doch nun war alles Körper. Farbe, Geschlecht, Piercings, Elektronik, selbst Zugefügtes wie Natürliches bestimmten den Lebensweg. Sandor wusste nicht, ob der Fehler nun bei Kowalcik lag. Schlechte Lehrer sind eine gute Schule, dachte er, hielt einen Moment inne, schrieb es dann zu seinen anderen Sätzen. Dieses Blatt war bereits voll, er legte es in den kleinen, braunen Koffer zu den anderen. Papier und Leder hatten etwas Nostalgisches. Papier war ein Luxus, und er gehörte zu den Privilegierten, die es sich leisten konnten. »Pop-up Vintage Store« flimmerte eine Werbung durch seinen Feed. Er scrollte weiter. Heute war alles nur mehr Pop-up. Er kannte gar kein reales Geschäft mehr, in dem man Dinge anfassen konnte, das von Dauer war. Alles war über das Netz bestellbar. Nur mit Adresse und Geburtsdatum. Daten, das war alles. Bei ganz Zeitgemäßen konnte man mit Likes bezahlen. Er scrollte weiter. Es soll einen Anschlag gegeben haben, man wisse noch nicht, von wem. Die Union habe einen Primärhaushaltsüberschuss und werde Maßnahmen ergreifen, und bald werde auch gewählt. »Wahlinformation beantragen?«, fragte der Log und Sandor nickte. Auch das registrierte der Chip, obwohl er doch so weit vom Kopf entfernt war. Er war nun vernetzt, so wie Kata es wollte. Ohne Log gab es keine partnerschaftliche Verbindung. Kata hatte sich schon für ein Paket entschieden. Er hatte das Dokument dazu noch gar nicht gelesen.
Eine Werbung wurde eingeblendet. Er war noch nie anfällig für Werbung gewesen. Daher war Lyrie auch nicht gecrispert. Die Kurzens von schräg gegenüber, die hatten entschieden, dass ihr Sohn schwarz sein sollte, damit seine Erfahrungen ernst genommen würden. Man konnte sich schließlich dagegen entscheiden, lächerlichen Privilegien hinterherzuhecheln, und stattdessen seinem Kind die wahre Erfahrung des an den Rand Gedrängten vermitteln, was ihn zu einem besseren Menschen machen würde. Soweit Sandor wusste, war der Sohn der Kurzens jedoch auffällig geworden und verbrachte die Sommer in einem Ferienlager mit Pädagogen für gravierende Fälle, aber das könnte auch nur ein Gerücht sein. Auch für den Slogan zur Bewerbung des Logs selbst hatte er sich nie erwärmen können: Das Marketing hatte sich schon vor Jahrzehnten auf »Log it« eingeschossen. »Termin? Log it. Tasks? Log it. Kalorien? Log it.« Ein Punk, ein Mann im Anzug und eine Großmutter sprachen diese Sätze, das Personal, das in der Werbung einfach alles loggte, wurde ständig erweitert. Jetzt hatte sich das Marketingteam des Logs wohl endlich, nach all dieser Zeit, einen neuen Slogan geleistet: »Der Mensch ist die Summe seiner Gedanken.« Besser war das nicht, fand Sandor, als das ewige »Log it!«, es klang sperrig und neue Ideen gab es offensichtlich ohnehin keine.
»Soll der Log Sie über das Wetter informieren?«, er schnaubte ein Lachen. Sandor konnte sehen, dass die Sonne schien. In einer Stunde würde er vor der Kamera stehen und genau das den Zuschauern des Aufrichtigen Äthers sagen.
5Ein Sack voll Reis
Im Jahr 1016 des Konsuls
Kein Signal.
In den weißen Zelten war Vibe an Vibe gereiht, auf jeder Box stand ein Name. Der Teambuilder erklärte, dass es ihm natürlich leidtat, dass sie ihren Tag mit ihm verbringen mussten. Dass sie sich nicht, wie sie es sonst vielleicht vorgezogen hätten, durch die Langeweile scrollen durften. Emma schnaubte. Niemand scrollte mehr. Aus welchem Jahrhundert war der Typ? Sie war sicher, dass niemand in diesem Zelt mehr geduldig einen Newsfeed hinunterscrollte, sondern springend über Metatags von Plattform zu Plattform hüpfte. Wer einen Log hatte, hatte am ersten Tag die Option gewählt »auf allen Plattformen anmelden«, alles andere war blödsinnig und lieferte kein gutes Gesamtbild der Welt. Alle Informationen von nur einem Anbieter zu bekommen, zu scrollen, war so, als bettelte man darum, von Propaganda gelenkt zu werden. Davor beschützten einen der Log und die Jumps, die er ermöglichte. Jackie murmelte etwas, sie stand aufrecht neben Emma.
Sie legten sich in ihre Boxen. Hier gab es keine Optionen auszuwählen, keine alten Single Player Spiele. Man wurde in jene virtuelle Welt befördert, die der Kurs verlangte. »Hier gibt es ausschließlich Multiplayer. Menschen in einer Gruppe, diejenigen, die sich zugehörig fühlen, radikalisieren sich weniger, sind weniger aggressiv«, murmelte Jackie. Wie passend, dachte Emma. Eine Menge einzelgängerischer Teenager wurden zur Interaktion gezwungen. Der Einstiegskurs war eine Gemeinschaftsübung. Man sollte gemeinsam ein Stück Wald zivilisieren. In Wahrheit war das albern, wenn man bedachte, dass sie mitten im Wald saßen. Aber im echten Wald wäre das Töten von Bären zu gefährlich gewesen. Auch sahen die Tiere im Vibe nicht aus wie echte Tiere, sondern jene, die man füttern sollte, waren entsetzlich niedlich mit buschigen Schwänzen und runden kleinen Gesichtern, stupsnasig. Doch was man töten sollte, hatte Säbelzähne und wütende rote Augen. Emma hielt sich im Hintergrund. Die durch die Luft fliegenden Punktestände gingen ihr auf die Nerven. Sie sammelte kaum welche. Sie hatte fünf Punkte bekommen, weil sie einen auf den Rücken liegenden Käfer umgedreht hatte. Hauptsächlich, weil sie sehen wollte, wie detailliert er gemacht war. Für das Spiel hatte sie ihre Brille zurückbekommen. Die Grafiken ihrer eigenen Spiele waren besser, aber sie mochte Käfer. Jackie hatte sie in der Gruppe verloren. Potz tötete alles, was er sah, und hatte nur Minuspunkte: Häschen, Eichhörnchen, flauschige Entchen. Er hetzte in schnellem Sprint schon zu Beginn an ihr vorbei und schnitt einem Murmeltier die Kehle durch, dann sah sie ihn lange nicht mehr, nur seinen über ihm in den Himmel schwebenden Punktestand konnte sie schon aus weiter Ferne erkennen: Die Anzeige war rot statt grün. Er machte das wohl mit Absicht. Einige bauten an einer Hütte und sangen dabei Lieder, deren Text Emma im Inventar ihres Avatars fand, aber sie hatte keine Lust zu singen. Einige schnitzten Lanzen – sie würden den Blutrünstigen Säbelzahnbären finden. Das war der Quest, an dem man sich zu beteiligen hatte. »Pilze sammeln« war eine Option im Questverzeichnis, also zog Emma los, streifte über Lichtungen, die weit idyllischer waren als Untermürbwies. Was hatte sie sich eingebrockt? Ein albernes Spiel mit Teambuildingfunktion für Schüler war das, sonst nichts.
Als ihre Eltern das erste Virtuali kauften, hatte sie auch ein Spiel mit einem Wald. Die Wölfe von Pripyat. Es basierte auf einem Märchen von Tante Brause, vor deren Sendung im Aufrichtigen Äther sie als Kind oft abgesetzt worden war, und mit den Wölfen konnte man sprechen. Als Kind glaubte sie, dass Wölfe die besseren Menschen wären, bis sie erfuhr, dass echte Wölfe keine Sprache hatten. Sie streichelte die Samen von Pusteblumen, beobachtete, wohin die Vögel flogen, und hielt erst an, als sie hinter sich ein Donnergrollen hörte. Nein, kein Donner. Ein Knurren, ein tiefes, kehliges Knurren aus einem Resonanzraum wie ein steinerner Saal. Sie blieb stehen. Sie erwog, umzudrehen. Bekam man Minuspunkte, wenn man starb? Langsam drehte sie den Kopf ein Stück in die Richtung, aus der der vermeintliche Donner auf sie zugerollt war, aber ihr Blick blieb zwischen Farnen hängen, hinter denen sie Potz’ Gesicht erkannte. Grinsend und blutverschmiert. Sie fühlte einen unangenehmen, warmen Hauch im Genick. Potz legte den Finger auf seine Lippen, zog ein Messer hervor und sprang mit einem großen Satz an ihr vorbei, mitten hinein in das Ungetüm.
Als sie den Blick nach hinten wandte, war der Bauch des Tieres schon aufgeschlitzt und Potz zog mit langen, schwungvollen Bewegungen laut trällernd die Därme des brüllenden Tieres heraus: »There’s no -piep- like horse -piep- to send your -piep- piep- into -piep-!« Blut und Kot spritzten in Emmas Gesicht. Sie kannte das Lied. Warum das letzte Wort »shock« ausgepiept war, wusste sie nicht, mit vier Piep hatte sie es noch nie gehört. Noch bevor das tosende Geschrei des virtuellen Bären endete, wurden sie zurückgeworfen in ihre Vibeboxen. Der Gruppenleiter hatte das Spiel abgebrochen. Weder war vorgesehen, dass der Bär von einem einzelnen Teilnehmer getötet wurde, noch dass er von einem einzelnen Teilnehmer getötet werden konnte. Das sollte nicht möglich sein, schnaubte er Potz an, der losprustete, lachend nach Luft schnappte und sagte: »Ich war doch nicht allein. Emmchen hier hat mir geholfen. Ist es nicht so?« Emma nickte langsam. Der Gruppenleiter warf ihr einen skeptischen Blick zu. »Als Köder«, sagte sie leise und einige in der Gruppe grölten, johlten und applaudierten, währen Potz sich verneigte und kaum zu kichern aufhören konnte. Was hätte sie auch sonst sagen sollen?
Jackie hatte etwas Rührendes. Gerade jetzt, als sie aus den Vibes gestiegen waren. Als hätte sie im Vibe etwas Entsetzliches erlebt, dabei war doch sie, Emma, unfreiwillig zum Köder geworden. Jackie weckte in Emma das Bedürfnis, sie zu beschützen, und das ließ Emma begreifen, dass Potz zumindest Jackie gewiss nichts Böses wollte. Sie hätte nicht anders gekonnt, als Jackie zu folgen. Gleich nach dem Seminar darüber, wie wichtig Bildung war, und wie wichtig es war, Bildung sorgsam auszuwählen, denn nicht jedes Wissen in der Welt verbessert diese. Das wussten sie doch alle, dachte sie. Das wussten sie schon aus der Schule. »Was, wenn ich nicht weiß, woher die Information kommt? Ich frage für einen Freund«, sagte Richard. Sie waren alle unglaublich höflich, fragten immer nur für Freunde. Fast hätte man glauben können, sie seien in einem Unterstützungswürdigenlager.
Am Abend gab es eine rituelle Ankündigung, während sich alle an den Esstischen vor der Tribüne niederließen. Hier wurde laut verlesen, welche Teilnehmer die höchsten Punktezahlen hatten, natürlich als Gruppe. Ihre Hütte war nicht dabei. Potz’ Abschlachten des Bären hatte seinen Punktestand zwar ins Plus gezogen, Punkte, die er sonst mit anderen hätte teilen müssen, aber wer weiß, wie viele Eichhörnchen er davor niedergemetzelt hatte. Dann wurde wieder getrunken, man dankte der Union dafür, hier sein zu dürfen, und endete mit »Das Licht leuchte uns«, bevor gemeinsam gegessen wurde. Schließlich stand noch Singen auf dem Programm. Emma kannte die Lieder aus der Schule. Sie sangen das Konsulslied, das davon handelte, dass der Konsul sie alle beschützte und das System im Gleichgewicht hielt. Sie sangen den Log-a-log-a-log. In alle Sprachen waren die Lieder übersetzt worden. Jackie sang lauthals mit, so zart ihre Stimme auch sonst sein mochte, ebenso wie Richard, bei dem alles Musikalische nahezu ironisch klang. Potz trank mehr, um weniger singen zu müssen. Viele hatten Tränen in den Augen. Jackie wirkte geradezu selig. Der Schachspieler ein paar Tische weiter starrte auf seine Füße, doch seine Lippen formten brav den Text, auch wenn vielleicht kein Ton herauskam. Einige in den ersten Reihen weinten. Sie würden bald gehen, nach Hause fahren, sie herzten und umarmten einander. Je länger man hier war, umso weiter vorne saß man. Man rückte mit der Dauer des Aufenthalts nach vorne. Der Ausgang des Zeltes war hinter der Bühne. Wer hinten saß, konnte nicht »kurz hinaus«, man musste an allen anderen vorbei. Hier gab es keinen anderen Fluchtweg. »Karell?«, dachte Emma. So saß sie und bewegte den Mund Lied für Lied für Lied.
Eine in der ersten Reihe fiel auf die Knie, als hätte sie gerade ein Erweckungserlebnis oder eine Erscheinung. Sie weinte, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, fiel hin, hievte sich hoch, jaulte den Text mit schrillen Spitzen. Einige sammelten sich um sie und applaudierten im Rhythmus zur Musik, feuerten ihren geistigen Niedergang auch noch an. Emmas verächtlicher Blick wurde von einem der Gruppenleiter bemerkt. Sie zog verkrampft die Mundwinkel nach oben und sang weiter. Zum Nachtisch servierte man Ananas und Melone. Emma hingen beide schon zum Hals heraus. Immer gab es Ananas und Melone. Andere Kinder bekamen auch Birnen und Äpfel. Zu Hause gab es auch immer nur viel zu süße Ananas und Melone, aus denen die braunen Teile ausgeschnitten waren, die im Hals kratzten.
Am Ende des Abends gab es die Ehrung der erfolgreichsten Gruppen, nur das Team zählte. Die Einzelwertungen wurden jedoch auch auf der großen Leinwand hinter der Bühne eingeblendet. »Damit man sieht, wer nichts für die Gruppe beigetragen hat«, knurrte Potz in ihr Ohr. Sie stand ganz unten, sie hatte gar keine Punkte. Er sah sie an, eine Augenbraue nach oben: »Deine Leistung wurde nicht gewürdigt.« Als würde er sagen: Sieh doch, der Vibe hat die Punkte nicht aufgeteilt, Zahlen sind wertlos.
Als sie zur Hütte zurückgingen, fragte Jackie Potz, warum sie denn gehen mussten, denn das war doch wundervoll, magisch, so viele, die das meinten, was sie sangen. Was sollte man denn sonst wollen. »Und die restliche Zeit?«, knurrte er sie an. »Wer führt dich nicht hinters Licht?«
»Du«, sagte sie leise. Er nickte, legte den Arm um ihre Schulter und drückte sie kurz an sich.
Am nächsten Morgen war Richard bereits vom Frühstück aufgebrochen. Potz hatte Jackie zugenickt. Jackie hatte Potz zugenickt, gesagt, sie fühle sich nicht besonders, eine schwankende Geste mit dem ganzen Körper vollzogen und war über die Wiese in Richtung Hütte geschwebt. Dieses Nicken hatte Emma beunruhigt. Was hatte das zu bedeuten? Ob der Workshop für Facial Expressions ihr dabei geholfen hätte, zu verstehen? Sie entfernte sich so langsam wie nötig und so schnell wie möglich von der Gruppe, drückte sich am Rand der Wiese die Bäume entlang und sah schon von weitem, dass Jackie sich nicht in die Hütte begab, sondern in eines der vielen administrativen Gebäude. Sie näherte sich. Sie konnte Jackie summen hören. Jackie summte fröhlich vor sich hin, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Diese Fröhlichkeit, die sie ausstrahlte wie ein Schutzpanzer, und doch wollte man nach kurzer Bekanntschaft die Arme um sie legen. »Du mochtest ihn doch auch«, flüsterte Jackie, doch Emma konnte sie deutlich hören, so leise bewegten sich beide. »Du mochtest ihn doch auch, da roch überhaupt nichts fischig. Er hat keine lange Nase, nein, nein, kein Lügner. Was du gegen Richie hast, der hat doch auch keine lange Nase. Ja, sicher weiß ich, dass er violett ist.«
Fast hätte Emma ihr antworten wollen, aber Jackie siezte sie üblicherweise, also ging Emma davon aus, dass Jackie mit sich selbst sprach und sie sie nur erschrecken würde. »Das Echo sagt, das Echo sagt, das Echo sagt«, murmelte Jackie, »die Maitresse der Monster ist nicht zugegen, sagt das Echo.« Emma fühlte ein Zucken in der Hand. Bald würde es zu regnen beginnen. »Der Sack Reis ist nicht in der Küche, der Sack Reis ist nicht in der Küche, ach, ich habe so geglitcht zuletzt und du hast es doch auch gespürt, wie Spinnen mit menschlichen Gesichtern und zwei spitzen Fangzähnen, wie es sich an meinen Schenkeln festkrallte. Nein, ich will den Kundendienst nicht kontaktieren.« Etwas musste ihr ordentlich das Hirn gesprengt haben, dachte Emma. Jackie verschwand in der Tür und Emma drückte sich die Mauer entlang zu einem Fenster. Eine Administrationsperson ging nun auf das Haus zu, Emma drückte sich enger an die Mauer. Was auch immer Jackie hier tat, die Administrationsperson würde sie gleich zurechtweisen.
»Sack Reis.« Das hörte sie Jackie noch von fern durch die offene Tür sagen, dann schlich sie weiter um das Gebäude herum, um durchs Fenster zu sehen und den Weg der Administrationsperson nicht zu kreuzen. Doch da stand jemand vor ihr und ihr Herz machte einen Hüpfer, wie ein Schlag gegen den Kehlkopf.
Sie erkannte den Schachspieler, atmete durch. »Emma, richtig?«, zischte er. Sie nickte, wusste aber nicht, ob er es wahrnahm. Er blickte zu Boden, die Schultern eingezogen, als stürzte gleich ein Felsbrocken auf ihn herab. »Sie nennen mich Gruber. Oder Springer«, er sprach mit seinen Schuhen. Diese Umgebung war eindeutig zu vollgestopft mit Menschen, dachte Emma, antwortete »Aha«, und wandte sich ab, um wegzugehen. »Ich weiß, was er vorhat.« Gruber hob den Kopf, schräg nach vorne. Er hatte etwas von einem Geier. Er schaute sie unsicher an. »Wer?«, fragte sie. »Der Große im Mantel. Sie nennen ihn Potz.«
»Ich weiß nicht, was du meinst«, entgegnete sie, wollte sich entfernen, aber er machte einen kleinen Satz, um ihr den Weg zu verstellen, immer noch gebückt. »Er will von hier verschwinden.« Sie versuchte links oder rechts an Gruber vorbeizukommen, doch dieser war beharrlich, tanzte mit. »Was hat das mit mir zu tun?«, fragte sie, wollte sich nicht anmerken lassen, wie unwohl sie sich bei dieser Antwort fühlte. Gruber sank noch weiter in sich zusammen, sie schritt an ihm vorbei. Sie konnte damit gerade nicht umgehen.
»Sie werden mich umbringen«, sagte Gruber. Da blieb sie stehen. »Wer, wer wird dich umbringen?«, schnaubte sie. Der Sinn dieser Lager war doch, dass niemand irgendjemanden umbrachte. Niemals. »Die Leitung, die Kurse, der Log«, stieß er hervor, mit dünnen Lauten unter dickem Schnauben. »Du übertreibst«, sagte sie, machte noch einen Schritt, gleich wäre sie wieder vor dem Gebäude, gleich würde man sie wieder sehen können, gleich wäre sie Gruber los, denn er würde nicht wagen, gemeinsam mit ihr auf die offene Wiese hinauszutreten. »Sie glauben, ich bin so ein Kriegsfanatiker, so ein Rassist, ich würde die Freiheit in Frage stellen, sie medikamentieren mich, bis mein Kopf ganz weich wird, aber ich habe doch nichts getan.«
»Was willst du von mir? Ich kann deinen systemischen Rassismus nicht zu meinem Problem machen«, zischte sie.
»Nehmt mich mit. Nehmt mich bitte mit, lasst mich nicht hier, sie werden mich zerbrechen. Sie haben meine ganze Familie zerbrochen, meinen Vater, meine Mutter, meine Schwester, alle in Behandlung, Betreuung, in Einrichtungen und meine Betreuungsperson hätte lieber, käme ich aus den Einrichtungen nie mehr heraus.« Emma dachte an ihren Vater, an ihre Mutter, an ihre Schwester, die friedlich zu Hause saßen, warteten, dass sie wiederkäme. »Das Lager, Richie, die Teambuilder, sie alle werden dich auch brechen«, sagte er wieder leise zu seinen Füßen, hielt dabei den Zipfel eines ihrer Ärmel. Das Lager hatte wohl recht: Er musste übergeschnappt sein. »Lass mich in Ruhe«, fuhr sie ihn an, riss ihren Ärmel los, und er drückte etwas in ihre Hand, doch sie sah es nicht an, als sie über die Wiese zur Essenshalle ging. Man sollte sich in nichts hineinziehen lassen.
Da hörte sie hinter sich ein Rumpeln, machte kehrt, und aus dem Gebäude kam ein Licht wie der Blitz eines Fotoapparates, eines Paparazzigerätes, eines großen Dings aus Objektiv und Blitzlampe. Als sie wieder Formen erkennen konnte und das grelle weiße Licht und die dunklen Flecken dem Gras und den Bäumen gewichen waren, wetzte in schnellen, winzigen Schritten Jackie auf sie zu, an ihr vorbei, wirkte, als hätte sie der Schlag getroffen oder abermals ein Blitz. Emma beschleunigte ihre Schritte. »Jackie«, sagte sie. Doch Jackie ging weiter, presste etwas an ihren Bauch: »Chillamoi, Chillamoi, Chillamoi«, murmelte sie und: »Chillamoi, ein Sack voll Reis, Chillamoi, der Reis ist nicht in der Küche. Chillamoi, bis die Zeit endet, werde ich silberne Mondäpfel und Goldene Sonnäpfel pflücken, Chillamoi. Bis Frühling unter den alten Himmeln ist. Chillamoi.« Jackie drehte nun also völlig durch, genauso wie dieser Gruber. Emma folgte immer noch Jackie, konnte kaum Schritt halten. Als hätte irgendetwas sie ausgehängt. »Jackie, Jackie«, rief sie, und sah endlich auf ihre Hand, in die Gruber eine kleine Figur gedrückt hatte. Einen Bauern. Eigentlich nur ein Kügelchen auf einem schlanken runden Sockel. Ein weißer Bauer. Sie folgte Jackie bis zur Hütte, wo diese sich auf das Bett warf. Vielleicht machte dieses Lager einen wirklich weich, dachte sie.
6Ein Märchen
Im Jahr 1 vor dem Konsul
Sandor Karol betrat den Ätherturm. Er wusste, dass er zu spät war, das passierte ihm sonst nicht. Er mochte es auch nicht, wenn andere zu spät waren. Seine Aufzeichnung begann erst in einer halben Stunde, aber seit er Kata kannte, hatte er keine ihrer Aufnahmen verpasst. Er wusste, dass er sie zu Hause nicht nachhören würde. »Niemand mag es, die eigene Stimme zu hören«, hatte sie gesagt, als er einmal eine ihrer Aufnahmen eingeschaltet hatte, und sie hatte diese, noch bevor sie den Raum betrat, per Fernbedienung ausgeschaltet, sich zu ihm auf das Sofa gekuschelt, einmal kurz den Kopf geschüttelt und seither hatte er es bleiben lassen. Sie hatte dabei diesen ewiggütigen Gesichtsausdruck gehabt, den sie nicht nur vor der Kamera, sondern durchs ganze Leben trug. Zugleich sprach sie mit kräftiger Stimme. Als Tante Brause war sie wie ein sanfter Engel, nicht wie einer mit Flügeln, eher wie der Cocktail: süß und herb zugleich. Seine Hand juckte ein wenig. Die winzige Wunde, die die Implantierung des Stents hinterlassen hatte, heilte. Er hätte nicht gedacht, dass es so lange dauern würde, den Log einzurichten und die Berechtigungen zu prüfen. Wer geht schon davon aus, dass es Tage dauern könnte, wenn der Log das Handbuch vorliest: »Wir sind für Sie da in every language und stehen Ihnen mit Rat und Tat zur Seite.« Berechtigung, in den Hormonhaushalt einzugreifen. Berechtigung, in die sensorische Wahrnehmung einzugreifen. Setzen Sie ein Zeichen für die Natur. Er wollte nicht einfach »Alle erteilen« sagen, er musste doch wissen, was er erlaubte. Immerhin hatte man die Albträume nach dem Implantieren eliminiert. Alles war unter Kontrolle: die Träume, die Launen, Lyrie und Kata und die Kontoeinstellungen.
Den Teil, in dem Kata Morphologie erklärte, hatte er bereits verpasst. Er kannte das Märchen, das sie heute las. Sie hatte es ihm gegeben und ihn um seine Meinung gebeten, wie sie es mit all ihren Märchen tat. Als Tante Brause hatte sie einen fixen Sendeplatz. Oft sagte er: Ist das nicht zu brutal für Kinder? Aber sie schüttelte den Kopf. Kinder wollten brutal. Gewalt war in Ordnung, wenn sie unblutig war. Sex durfte nicht vorkommen. Brutal brachte Kinder in Verzückung. »Ein Libellenfürst«, hörte er sie sagen. »Da kam ein Bär des Weges und kannte den Libellenfürsten nicht, obwohl er an den Ufern des unendlichen Ozeans eine Berühmtheit war, denn er sang so schön. Kam der Bär und sah ihn mit schillernden Flügeln flattern, zu schnell und zu hektisch für einen so großen, behäbigen Bären. So tanzte ihm der Libellenfürst über dem Kopf und der Bär richtete sich auf, schwang seine Pfoten, schnappte nach ihm, auch wenn der Fürst rief: ›Tu es nicht, Bär, du wirst es bereuen!‹ Doch der Bär schnappte und taumelte auf zwei Beinen, wankte und tänzelte, bis er den Libellenfürsten verschluckt hatte. Da tönte in des Bären Kopf ein Gesang, der Gesang des Libellenfürsten, und in seinem Magen spürte er das Flattern der schillernden Flügel wie Sägeblätter. Er hielt sich den Bauch und krümmte sich vor Schmerz. Tränen kullerten aus seinen großen, schwarzen Augen, die im kühlen Sonnenlicht des Nordens schimmerten, und so lauschte er, lauschte dem Gesang, und dieser versprach ihm, dass er nicht sterben müsste, im Gegenteil, denn für Libellenherrscher galt, kamen sie in eine gar zu missliche Lage, dass sie Zauberkräfte entfalteten, und er würde dem Bären drei Wünsche erfüllen.« Ihre Stimme verbreitete schon nach wenigen Sätzen eine hypnotische Wirkung, die in den Äther gesprochen den Eltern der Union die Möglichkeit gab, sich eine Pause von ihren Kindern zu gönnen, sich von der lieben, strengen Tante auf dem Schirm vorlesen zu lassen, die Kinder ins Bett zu schicken. Wenn Tante Brause sagte, es sei nun Schlafenszeit, dann war Schlafenszeit.
Sandors Hand vibrierte und er versuchte, das Zittern zu ignorieren, wollte immerhin dem Rest der Geschichte lauschen, wie Kata sie erdacht hatte, doch der Log schien darauf zu bestehen, dass er die Information sofort überprüfte. »›Jedoch, höre Bär‹«, sagte sie: »›Nur unter einer Bedingung wirst du frei von mir sein.‹« Das Vibrieren hörte nicht auf. »›Nur wenn deine Wünsche anderen helfen, dir jedoch in keiner Weise von Nutzen sind, sind wir frei voneinander.‹ So richtete sich der Bär auf, saß und blickte ins Meer hinaus, hielt sich den pelzigen Bauch, in dem nun der Schmerz lebte, schniefte und dachte nach.«
Doch das Zittern hörte nicht auf und Sandor gab nach: Darf der Log auf Ihre Termine zugreifen? Der Log wusste, dass er zu spät war. Als hätte der Log mit diesem winzigen Chip fühlen können, dass er zu spät gekommen war. Der Log versprach, dass man nicht mehr zu spät kommen konnte. Dass man stets an Termine zeitgerecht erinnert würde. Ja, schon gut, greif darauf zu, lass mich in Ruhe. »Sein dritter Wunsch jedoch«, fuhr Kata fort, »war die Freiheit des Libellenfürsten. Eine Freiheit, die auch ihn befreit hätte. Und wer weiß, vielleicht sitzt der Bär noch heute an diesem Strand, mit schmerzendem Bauch und grübelt über die Freiheit.«
Er hatte ein gutes Stück des Märchens verpasst. So lange hatte er sich geweigert, den Stent implantieren zu lassen, weil er geglaubt hatte, es würde ihm lästig sein, und nun grämte er sich, weil er recht behalten hatte: Der Log hatte eines ihrer Rituale gestört. Seines und Katas. Er war bislang auch ohne einen Log durchs Leben gekommen. Warum sollte er jetzt einen brauchen. Er hatte Kata ganz ohne Log gefunden. Der Zufall hatte ihm Kata geschenkt, nichts weiter. Der Zufall, dass die Frau, die er verstohlen bei all ihren Sendungen beobachtet und mit der er nicht zu sprechen gewagt hatte, die selbst durch das Studio schwirrte wie eines der Zauberwesen, von denen sie erzählte, ihm Aufmerksamkeit schenkte.
Mittlerweile war Nacht und er legte seinen Kopf auf seinen Arm, den er auf die Fensterbank gestützt hatte, und schaute hinaus auf die Häuser der Stadt. Katas Aufzeichnung war vorbei. Sie kam auf ihn zu. »Woran denkst du?«, fragte sie. »An die Nacht, als ich dich fand.« Sie lächelte. Dann sagte sie: »Du bist zu spät gekommen.« Sandor nickte. Diese eine Nacht hatte sie damals zusammengebracht und er liebte es, sich daran zu erinnern.
Die jetzige Staffel seines Lebens war weit besser als alle zuvor, weil sie da war. »Sando, deine Aufzeichnung fängt in zehn Minuten an«, sagte die Assistentin zu ihm. Kata strich ihm über die Wange. Es sind diese kleinen Gesten, die sie ausmachen. Über dem letzten Assistenten hatte der Aufsichtsrat den Bannhammer geschwungen, weiß der Teufel warum, aber die Neue machte ihre Aufgabe gut. Er seufzte. »Wir sehen uns zum Essen?«, fragte Kata und er nickte. Wie immer. Sie würde im Café im Erdgeschoß auf ihn warten. Er hatte das heutige Menü noch gar nicht gelesen. »Mochtest du die Aufnahme?«, fragte sie noch, während sie ihre Tasche schulterte. Sandor nickte: »Ist sonnig geworden.«
»Lyrie mochte sie besonders gerne«, erwiderte Kata und er rechnete nach, wann seine Tochter von den geführten Ferien zurückkommen würde. Sie hatte auf dem Hof mit dem kleinen Streichelzoo bereits ihr eigenes Zicklein und hatte sich endlich eine Ferienoma ausgesucht, meinte aber immer, wenn sie telefonierten, dass diese nicht so schön erzählte wie Kata. Über den Bildschirm flimmerte die Werbung für eine Kinderlog-Zusatz-App, mit der die Eltern selbst bestimmen konnten, welche Begriffe zusätzlich zu den gesetzlich vorgegebenen noch ausgespart wurden. »Piepmatzpiep« nannte sich das Konzept, und die Werbefiguren waren kleine gelbe Cartoonvögelchen im Nest, denen die Eltern fröhlich etwas vorpiepten. So fröhlich und erbaulich solle das Geräusch klingen, das die Kinder bei »bösen Wörtern« zu hören bekämen.
Trashalong zupfte ihr Kostüm zurecht und nahm der Assistentin das Klemmbrett aus der Hand: »Worüber soll ich reden. In kurz bitte.« Sie schien sich nur mäßig für ihre redaktionellen Inhalte zu interessieren. Als hätte sie keine Leidenschaft für ihre Aufgabe im Äther. Sandors Hand juckte, als er sich vor den Greenscreen stellte, und sie juckte, als er ankündigte, dass es schön sein würde die nächsten Tage, dass selbst frühere Spionagesatelliten Wetterdaten lieferten, wenn auch ursprünglich nur als Nebenprodukte. Dass das Wetter selbst dort oben keinen Einfluss hatte, da es sich größtenteils in den unteren zwei Kilometern der Atmosphäre, nämlich der Peblosphäre, abspielte, und sie juckte, als er zu den praktischen Bekleidungsempfehlungen des FancyFashion-Segments überleitete. Sie juckte, als ihm das Wort wieder erteilt wurde und er über das Blau des Himmels sprach und dass es uns beruhigt, weil es der Himmel ist und das Meer seine Farbe in rhythmischem Rauschen spiegelt, und hätte aufgrund eines kuriosen Fehlers unsere Atmosphäre immer schon nur den roten oder gelben Teil des Spektrums durchgelassen, dann fänden wir diese Farbe, einen roten Himmel, ein rotes Meer, einen gelben Himmel, ein gelbes Meer beruhigend. Er erinnerte die Menschen daran, ausreichend zu trinken, man musste hydriert bleiben, auch wenn es keine große Hitzewelle gab, die Getränkehersteller hatten einen Vertrag mit dem Äther. Er schloss die Sendung wie immer mit den Worten: »Bleiben Sie sonnig.« Und lächelte in die Kamera. Manchmal sagte er sich, dass es seine Stimme war, wie er sie in den Äther schickte, die die Sonne scheinen ließ, auch wenn er wusste, dass das Unsinn war. Seine Hand juckte, er kratzte sich. Er würde eines dieser Moskitomittel darauf sprühen, die er zu Hause hatte, die zwar der Ursache des Juckens nichts anhaben konnten, jedoch das Gefühl betäubten. Dann würde er den Abend mit Kata gemütlich ausklingen lassen. Er hatte gewusst, dass der Log ihn stören würde.
Er griff nach seiner Tasche, da stieß ihn Trashalong, die für das FancyFashion-Segment zuständig war, in die Seite: »Ich finde mich in deinen Worten wirklich nicht wieder. Mach das nie mehr! Ich melde dich!« Sandor war verwirrt. Er wusste nicht, was sie meinte. »Was soll ich nicht mehr machen?«, fragte er ehrlich erstaunt, was wohl an Trashalong vorüberging. »Und jetzt spottest du über mich! Weißt du was, das war unmoralisch! Und es hat mich schlecht dastehen lassen. Ich werde dafür sorgen, dass man dich ersetzt, wenn das noch einmal passiert. Dich braucht hier nämlich niemand!«
Dann zog sie schimpfend ab. Die Assistentin legte ihr den Arm um die Schultern und warf ihm einen urteilenden, geradezu empörten Blick zu. Er wartete einige Minuten, damit er nicht mit den beiden in den Lift steigen musste. Frank ging vorbei, Sandor tippte ihn an.
»Sando, hey.«
»Hast du meine Aufzeichnung gesehen«, fragte Sandor ihn, aber Franks Handpuppe schüttelte den Kopf und Frank lachte dazu. Unter dem Namen Kasimir Stern Kreide betreute er ein Format, das Puppenspielertricks offenlegte und mit den Spielen der Natur verglich. Zuletzt hatte er das Videomaterial des Kampfes zweier Krabben, die in zwei Puppenköpfen hausten – einer war noch recht neu und einer bereits mit grünen und schwarzen Algen überzogen –, besprochen. Ein gruseliges Schauspiel. »Warum?«, fragte er.
»Trashalong hat sich beschwert, aber ich weiß nicht worüber«, antwortete Sandor. »Keine Ahnung. Ich kenne sie nicht.« Dabei hätte Sandor schwören können, dass er sie im Café schon öfter zusammen gesehen hatte. Er war allein im Lift und es bereitete ihm Kopfzerbrechen, aber Kata, ja, Kata würde das natürlich verstehen. Wie erwartet, hatte sie die Aufzeichnung am Bildschirm des Cafés mitverfolgt. Sie war sich nicht sicher, vermutete jedoch, dass Trashalong ein Problem damit hatte, dass er gesagt hatte: »Und nun zu unserer Expertin für FancyFashion.«
»Was ist daran falsch? Hätte ich ›Experte‹ sagen sollen?«, fragte Sandor verwirrt. Aber Kata glaubte eher, dass Trasha es ironisch aufgefasst hatte. »Wenn du sie einmal eine Expertin nennst und sonst nie, sagst du damit nur, dass sie in Wahrheit keine ist.« Sandor schüttelte den Kopf. »Die Zuschauer sagen in den Foren oft ›Experte‹, wenn sie ›Scharlatan‹ meinen. Wir sollen ehrliche Sprache benutzen, wenn wir auf Sendung sind, das weißt du doch. Bedürfnisgerecht für die Programmgenießer.« Kata zuckte mit den Schultern, nippte an ihrem Kaffee. Sandor fühlte sich schuldig und bestellte einen Whiskey. Der Kellner stellte einen kleinen Verdampfer mit Mundstück vor ihm auf den Tisch. Er hätte lieber ein richtiges Glas gehabt und fühlte sich daher noch schuldiger als zuvor. Er vermisste die Zeit, als die Welt noch nach Welt roch und nicht aus jedem Winkel Dampf kam, von Verdampfern auf Tischen und Kommoden, aus den neuen Blumenvasen, getarnt als dicke, kleine, weiße Buddhas. Sogar aus den Hauswänden dampfte es nach Zitronenbuttermilchkuchen, nach Kaffee und Südfrankreich.
7Börger
Im Jahr 1016 des Konsuls
Kein Signal.
»Warum sollte ich dabei mitmachen?«, hatte Emma Potz entgegengehalten. Sie sah keinen Grund, das Lager zu verlassen. Nun jedoch war das anders. Man hatte die Administrationshilfe gefunden, wusste nicht, wie sie gestorben war, nur dass ihr Gesicht verbrannt war, verkohlt geradezu, und dass das die einzige Verletzung zu sein schien. So hatten sie es zumindest als Lokalnews zugestellt bekommen. Jemand hatte eine Waffe ins Lager gebracht. Jackie wippte auf dem Bett vor und zurück. »Chillamoi« war das Wort, das sie seither am häufigsten sagte. Bald würde man beginnen, jene zu befragen, die zu dieser Zeit nicht zum Essen gelogged waren. Jackie, Gruber und sie. Jackie war keine Mörderin.
»Wir wissen nicht, was mit Jackie passieren wird«, sagte Potz ruhig. »Und was glaubst du, was die sich zusammenrendern werden? Wer war nicht beim Essen? Du«, auch das sagte Potz mit einer Ruhe, als wäre er von vornherein sicher, dass sie mitmachen würde.
Der Großteil der Mühe sei schon getan, hatte er gesagt. Emma blickte zur kleinen Uhr oben auf der Bildfläche ihres Geräts. Alles, was nicht digital war, war hier aus Bäumen gebaut. Letzte Nacht hatte sie geträumt, dass Insekten aus dem Moos beschlossen hatten, in ihrer Nase leben zu wollen. Sie schüttelte sich. Der virtuelle Wald war ihr lieber. Sie hatte sich für jenes Gerät entschieden, das von der Tür aus am wenigsten einsehbar war, damit ihre Tätigkeit den Blicken entging, sollte noch jemand den Computerraum betreten. Sie hoffte, alleine zu bleiben, schließlich hatten die wenigsten »Gäste« eine Erlaubnis, die Geräte zu benutzen. Sie drehte den kleinen weißen Bauern, den ihr Gruber gegeben hatte, zwischen den Fingern, streichelte über die kleine Kugel. Erster Zug: Sie musste das Gerät herunterfahren und das System von diesem Datenträger aus neu booten. Wie er ihn ins Lager geschmuggelt haben mochte, wollte sie gar nicht wissen. Alle Taschen mussten geleert werden, bevor man durch die Tür ging, die selbstverständlich eine Scanfunktion hatte. Ob er ihn unbeschadet über die Magnetschwelle gebracht hatte, würde sie jetzt herausfinden. Wenn die Daten zerstört waren, wäre es ohnehin schnell vorbei.
»Von dem Betriebssystem aus, das sie haben, kannst du nicht dorthin, wo wir hinwollen. Nicht unbemerkt. Die History zu löschen, reicht nicht.« Das hatte Potz gesagt. »Es wird sein, als hättest du gar nichts getan«, flüsterte sie sich selbst zu. »Als wärst du regungslos vor dem ausgeschalteten Gerät gesessen. Hoffe ich.«
»Hör zu, du kannst nicht einfach einen sicheren Browser auf deren Gerät installieren. Es würde auffallen, also verwendest du das System auf dem Datenträger, da ist sicher einer drauf.« Welche Taste musste sie drücken, wenn es hochfuhr? Emma sah sich nervös um, sie konnte sich nicht erinnern, auch wenn Potz es die ganze Nacht lang immer wieder mit ihr durchgegangen war. Sie drückte einfach die ganze obere Reihe Tasten eine nach der anderen. Das Menü erschien, in dem sie den Datenträger anwählen konnte.
»Du musst die Adresse richtig eintippen«, sagte Potz, »diese Seite findet das Gerät schließlich nicht alleine.« Sie musste zu der Seite, auf der sich das Personal des Lagers anmelden konnte, um Namenslisten zu erstellen, Ausflüge oder Kurse zu organisieren. Entlassungen. Entlassungen. »Noch einmal«, hatte Potz gesagt. Die Adresse der Seite hatten sie die halbe Nacht geübt. Zu viele Punkte und Schrägstriche, zu viele Zahlen. Dabei hatte sie dafür doch kein Gedächtnis. »Noch einmal«, hatte Potz gesagt und: »Das muss«, weil sie wieder einen Doppelpunkt vergessen hatte. Das war unfassbar mühsam. Sie hatte noch nie eine Adresse auswendiglernen müssen. Sie hatte immer alles den Log suchen lassen und der Log fand alles. »Du willst nicht, dass der Log die Adresse für dich sucht, sonst weiß der Log, dass du sie gesucht hast, und damit wird es auch die Lagerleitung wissen.« Du bist der Bauer, sagte sich Emma. Ihre Augen brannten. Immerhin durfte sie am Computer ihre Brille tragen, aber für eine Umgewöhnung war keine Zeit. »Was meintest du, als du gesagt hast, dass es Onlineverbindungen nicht mehr gibt?«, fragte Emma endlich.
»Irgendwann gibt es das Netz nicht mehr«, wiederholte Potz.
»›Netz‹ sagt man nicht«, murmelte sie und sah ihn erwartungsvoll an.
»Irgendwann wird es einen Sturm auf der Sonne geben und der Magnetismus wird die gesamte Elektronik lähmen«, sagte er und fragte: »Warum sagt man ›Netz‹ nicht?« Sie überlegte, konnte sich aber nicht erinnern. »Irgendwann?«, fragte sie schaudernd. Ein unschöner Gedanke.
»Irgendwann«, antwortete Potz.
»So wie der Komet, der uns alle erschlägt?«, grinste sie nun. Der war schließlich auch nie gekommen. Potz antwortete nicht.
Die Betreuungsperson im Trainingsanzug betrat den Internetraum. Er konnte die Bildfläche von der Tür aus nicht einsehen. Er nickte Emma kurz zu, ging wieder nach draußen. Sie atmete durch. Die Zahlen auf der Bildfläche sprangen um. Sie hatte nur eine halbe Stunde. Der Großteil der Mühe sei schon getan. Potz hatte nur die dümmste Person in der Lagerverwaltung finden müssen. Sie hielt ihre Hand vor den Scanner. Wenn Potz recht hatte, dann würde die Software sie fälschlicherweise als Lagerpersonal identifizieren. Der kleine Kreis drehte sich, piepte. Vorname-Punkt-Nachname-Punkt-Lagernummer-ät-Untermuerbwies-Punkt-Log-Punkt-Or. Dann eine beliebige Wortfolge anstatt des Passwortes. »Sie haben Ihr Passwort vergessen?«, erschien auf dem Schirm. Noch ein paar Klicks. Die Zahl am Bildflächenrand war ganze zwei Ziffern weitergesprungen. Wie konnte sie so lange für die Adresse gebraucht haben?
Sie müsse sich nur weiterklicken, hatte Potz gesagt. Sie müsse nur so lange »weiter« klicken, bis die Sicherheitsfragen kamen. Eine richtige reichte. Eine richtige Antwort. Sie sagte das Geburtsdatum der Person, die Potz ausgesucht hatte, vor sich her. Das war einzugeben und dann kamen die Fragen. Die Ziffern der Zeitanzeige hüpften schon wieder. Die Verbindung war langsam. Schach.
Emma kannte die Person nicht, deren Namen in der Mailadresse war, die sie hier benutzte. Sie war erst einen Tag hier. Die Betreuernamen hatte sie sich nicht gemerkt. Diese Person würde vermutlich auch Probleme bekommen.
»Ist mir egal«, hatte Potz darauf geantwortet. Er hatte sogar den Müll der Frau durchwühlt. Mehrfach. Geburtstagsbillets. Alle mit Datum, ein ganzer Stoß. Emmas Mutter meinte immer, dass es sich nicht gehöre, so etwas wegzuwerfen. Alles, alles wusste Potz. Alles über diese Person. Dass man ihn dabei nicht erwischt hatte, grenzte an ein Wunder. Anneliese Krüger. Lieblingsstadt Rom, Lieblingsfilm »Daytime Vampire Dance«, letzte Reise, Automarke, Reihenfolge der Haustiere und deren Namen. Fische, Springmäuse, Zwergpinscher. Kein reinrassiger, so Potz, Emma biss sich auf die Zunge. »Man geht einfach so lange durch die Mülltonnen, bis man alles weiß, was gefragt werden könnte. Man muss die Müllmaschinen eben vorher sabotieren.« Potz hatte die Augen geschlossen, zählte wieder auf. Ging nochmals durch die Mülltonnen. Und Emma sollte sich das merken. »Können wir es nicht einfach aufschreiben?« Aber er verlangte, dass sie es wiederholte. Keine physischen Beweise. Erst recht nicht auf dem Tablet. Welchen Körperteil an sich finden Sie abstoßend? Welche Drogen haben Sie probiert? Wen hassen Sie? Weggeworfene Körperformunterwäsche. Joint-Stummel. Fotos und Visitenkarten aus dem Müll. Emma und Potz saßen zwischen den Büschen hinter ihrer Hütte, konnten durch die Holzpfähle sehen, wie der Nachtwächter seine Runde ging. »Als würden wir rummachen«, sagte Potz, damit sie wusste, wie sie sich verhalten musste, wenn der Nachtwächter sie mit seiner Taschenlampe anleuchtete.
Potz hatte Verwandte dieser Frau angerufen: Er sei ein Kollege und sie planten eine Überraschungsparty zum Geburtstag. Was für Kuchen sie am liebsten mochte. Potz hatte an alles gedacht. Hunderteinundzwanzig mögliche Fragen hatte er abgedeckt. Die wahrscheinlichsten. Die einfachsten. Eine dumme Person musste es sein. Eine dumme Person, die sich keine originellen Fragen einfallen ließ, mit noch weniger originellen Antworten. Potz hatte Zeit investiert. Zu Hause konnte er nicht einfach verschwinden, die Bewachung war dort engmaschiger. Aber hier, mitten im Nirgendwo, war man gewissermaßen frei, wenn man es nur zum Tor hinaus schaffte. Man musste nur auf die andere Seite des Zaunes gelangen. Das Lager war im Funkloch, damit bloß niemand auf die Idee käme, einfach abzuhauen, in die Wildnis. Echte Wildnis. Schach. Aus der Erfahrung lernen, ob der Zug richtig oder falsch war. Die Uhr blieb nicht stehen. Die Tür ging wieder auf. Emma bemühte sich, den Betreuer anzulächeln. Wieder nickte er. Dann erschien endlich die Frage auf der Bildfläche. Eine der »Dann ist sie noch blöder, als ich dachte«-Fragen. Das war eine der Kategorien, in die Potz die Fragen eingeordnet hatte. Die Frage nach der Lieblingsspeise. Pizzaburger. Ekelhaftes Zeug, dachte Emma. Und gleich danach: Aber jetzt gerade wäre so ein fettiger Pizzaburger ganz nett. Sie tippte das Wort ein. Das Gerät gab einen tiefen Piepton von sich. Emma blickte zur Tür, aber diese öffnete sich nicht. Vielleicht hatte sie es falsch geschrieben. Sie versuchte es noch einmal. Wieder das Geräusch. Ihr Blick zur Tür. Sie schrieb es klein. Wieder der Ton. Die Zeit, die Zeit läuft. Aber die Antwort konnte doch nicht falsch sein. Sie konnte unmöglich falsch sein. Emma zitterte, verstand, tippte wieder. Diesmal funktionierte es. Sie kam auf die Seite.
Sie musste die Namenslisten für diesen Sommer finden. Jetzt war alles einfach. Ein Häkchen neben ihrem Namen. Ein Häkchen für Jacqueline. Sie musste nur die Privilegien der Admins zu ihnen verschieben, dann konnten sie einfach durch das Tor spazieren.
Ein Häkchen für Potz. Sie suchte: Pe-Pe-Pe. Potz. Nein, das war doch gar nicht der Name. Pokorny, Adalbert. Sie kicherte. Wer nannte sein Kind schon Adalbert. Hm. Die Stifters. Hatte sie nie gelesen. Jugendschutz. Sie schnaubte.
Da war auch Richard. Sie überlegte. Machte das Häkchen. Klickte oben auf das Feld »Berechtigungen«. Wie hieß der Schachspieler? Gruber. Häkchen. Gruber hatte gebettelt. Herzzerreißend gebettelt und ihr den Bauern gegeben. Die automatisiert erstellten Dokumente erschienen auf der Bildfläche. Alle freigeben.
Die Uhr wieder, immer wieder die Uhr. Die Funkübertragung ans Wächterhäuschen war schnell. Die Tür ging auf, wieder das Nicken, was sie denn täte. Sie würde sagen, dass ihre Mutter ihr geschrieben hatte. Sie überlegte es sich anders, sie sagte nicht »Mutter«, sie sagte »meine Mama«. Emotionale Komponente beifügen. Sie mache sich Sorgen. Er lächelte. Stand mitten im Raum, neben dem Gerät, an dem sie versuchte, das Geübte umzusetzen. Bitte dreh dich nicht um, dachte sie, dreh dich nicht um, schau nicht auf die Bildfläche. »Zeit ist fast um«, sagte er, machte kehrt, verließ den Raum. Sie schluckte, drückte den Ausschaltknopf des Gerätes, zupfte den Datenträger viel zu grob heraus.
Sie setzte sich in Bewegung. Warum hatte sie auch Richards Status geändert? Egal, wo sie hingingen. Richard war gestern ungemütlich gewesen, sollte er nur hierbleiben und seine Scheiße ausbaden, dachte sie. Vielleicht bemerkte er es gar nicht. Ein kleines Pulsieren in der Hand kann auch garnichts bedeuten. Ein Update. Ein Wetterumschwung. Vielleicht fragte er seinen Log nicht danach. Nachrichten im Lager waren nur Nachrichten vom Lager.
»Zeit ist vorüber.« Die Tür war aufgegangen, eine Frau mit müden Augen. Auf ihrem Namenskärtchen stand »Anneliese«. Wieder lächelte Emma. Sie hatte das Lächeln schon vor Jahren geübt, alleine vor dem Spiegel, auch ohne Facial Expression Workshop. Sie ging an der Frau vorbei, legte ihr die Brille in die offene Hand und vermisste die scharfen Umrisse der Buchstaben sogleich. Matt, dachte sie trotzdem.
Potz wartete ungeduldig, sie hörte das Scharren seiner Füße am Holzboden, noch bevor sie den Raum betrat. »Wie lief es?« Richard war nicht da. Er lächelte. Sie griff nach dem Vaper: »Die d***** Kuh schreibt Pizzaburger mit ö.« Sie kam sich zum ersten Mal in ihrem Leben gechillt vor: Rechtschreiben konnte sie. Sie zog am Vaper und konnte nicht mehr aufhören zu kichern.
»Du kannst unterwegs rauchen«, knurrte er, hielt ihr den Vaper hin, sie schüttelte den Kopf, ihr war schon schwindelig. »Wir gehen sofort. Bei der nächsten Mahlzeit merken sie, dass wir weg sind, und wir wollen uns doch nicht sofort wieder einsammeln lassen.«
Jacqueline stand in der Tür, seufzte, eine Tasche auf der Schulter: »Wenn wir Glück haben«, sagte sie mit ihrer weichen Stimme, »kehren wir bis zur Nacht nicht in den Käfig zurück.«
8Der Log
Im Jahr 1 vor dem Konsul
Newsfeed im Jahr 1 vor dem Konsul
Die Union gibt sich stur, während die systemisch unterdrückte Minderheit der Dragonkin auf Anerkennung pocht und um strukturelle Gleichstellung kämpft. Live von den Protesten meldet sich unsere Außenkorrespondentin, die Aktivistin Orelia Schlick. Online-Aktivists diskutieren im Anschluss am runden Tisch über die Demonstrationen und die Misrepräsentation der Dragonkin in den Medien, in Anbetracht der unglücklichen Einzelfälle im Vorfeld der Proteste, die der Dragon-Community angelastet wurden. Die Untersuchungen dauern an.
Als sie ins Appartement kamen, nahm Sandor wohlwollend den Duft von Nadelwald wahr. Er hatte vergessen, dass heute Tag der Grundreinigung war, und Kata hatte ihm erlaubt, wieder den Waldduft zu bestellen. Er genoss das Zusammenspiel der hellen Einrichtung und des erfrischenden Odeurs. Er hoffte, so, wie sie jetzt war, würde die Einrichtung lange bleiben, obwohl er stets Veränderungen fürchten musste, wenn Kartons im Flur standen. Kata hatte ihrem Log erlaubt, selbsttätig für sie zu kaufen, was ihr gefallen würde, seit jenem Abend damals, sie waren gerade zusammengezogen und Kata hatte die Möbel ausgesucht, und der Log hatte pünktlich geliefert. Sie hasste alles. Sie stand in der Wohnung und hasste alles. Sie könnte niemals in diesem hässlichen Bett schlafen. Sie hätten es sich nicht leisten können, alles auszutauschen. An diesem Abend schliefen sie auf dem Teppich, den Kata »zu haarig« genannt hatte, dabei war es nur ein grobfädriger Wuschelteppich. Er hatte den Arm um sie gelegt. Seit sie es sich leisten konnte, hatte sie alles dreimal neu einrichten lassen. Sein Arbeitszimmer war dem Kinderzimmer gewichen, er saß im beschaulichen Kämmerlein, Kata arbeitete im Schlafzimmer. Den »grotesken Tisch« hatte sie lieben gelernt. Ein Tisch wie jeder andere, meinte Sandor. Vier Beine, Platte, vielleicht etwas schmal. Der Wuschelteppich war einem Microfaser-Plüschteppich gewichen, der sich anfühlte, als seien kleine Baby-Yetis dafür gestorben. Man hatte wieder versucht, Yetis zu züchten, aber Sandor wollte es gar nicht so genau wissen.
Die Grundreinigung war eine gute Sache. Bei Kata waren die Säuberlein immer bei Bedarf aus den Wänden gestürzt, aber er zog es vor, im Vorhinein einen Tag zu fixieren. Dann konnte man planen, nicht zu Hause zu sein, damit sie einem mit ihren Sensoren nicht ständig ausweichen mussten. Die letzten Monate hatten sie den salzigen Duft eines nördlichen Meeres in der Nase gehabt. Er hatte immer schon Wald gehabt, doch Kata hatte befürchtet, dass der Geruch Einfluss auf ihr Schreiben haben könnte. Als sie hier eingezogen waren, hatte sie viel über Wälder geschrieben, Eines ihrer Märchen hatte ein Programmierer zum Vorbild eines Spiels erklärt und Kata war glücklich gewesen, ihn zu beraten, welche Tiere er in dieser Welt unterbringen konnte. Welche Gestalten Quests gaben, welche Gestalten eine Bedrohung waren. Die Bedrohung ging immer von den Menschen aus und der Spieler musste die Tiere des Waldes beschützen, durfte jedoch Einzelne auch töten. In dem Spiel hatte Sandor bereits viel Zeit verbracht, denn da roch es nach unterschiedlichsten Wäldern. Als die Meeresluft Einzug ins Appartement hielt, hatte er sich in Windeseile hochgelevelt. Nun hatte Kata entschieden, dass sie mehr Zeit mit ihm verbringen wollte, und erkannt, dass er mit dem Waldduft glücklicher war und sich weniger in das Spiel zurückzog. Anstatt ihm vorzuwerfen, dass er ständig im Virtuali war, gab sie ihm den gewohnten Wohnungsduft zurück. Er war glücklich. Zumindest fast, dachte er, als er den Moskitospray auf seine Hand richtete.
Darf der Log auf Ihre Dokumente zugreifen? Sandor knurrte. Als wüsste sie, was er dachte, sagte Kata: »Das ist nur am Anfang so. Da fragt er viel. Aber wenn du ihn lässt, ist es wirklich bequem.« Sandor fühlte sich dabei unwohl: »Ich will nicht, dass er all meine Daten hat.«
»Du verstehst das falsch«, sagte Kata. »Deine Daten sind beim Log sicher, denn nur du hast sie und der Log. Der Log gibt sie nicht weiter. Nicht wie andere Unternehmen oder Programme.« Sandors Hand juckte, er knurrte und sprühte abermals. »Den Log personalisieren?«, fragte der Log. Sandor lehnte ab. Der Log war ein Gerät. Er hatte keine Lust, eine Stimme und einen Namen auszuwählen. Kata nannte ihren Log Marie und Maries Stimme klang fast wie ihre.
»Hast du die Nachrichten gesehen?«, fragte sie. Aber Sandor schüttelte den Kopf. »Die Toleranzunion hat beim Friedenseinsatz ein Tätigkeitslager gefunden. Stell dir vor, die waren nicht für qualvolle Tätigkeiten dort. Die wurden gut behandelt und gut genährt.«
»Na, das sind doch gute Nachrichten.«
»Nein«, schüttelte sich Kata. »Sie wurden dort als Organspender gehalten. Die bringen sie für ihre Organe um. Diese Leute haben kein Gewissen. Glückliche, gesunde Menschen und zack. Tot, weil irgendein Geldsack seine Leber weggesoffen hat. Dann war da noch ein Beitrag zur Forschung über das Züchten einzelner Organe. Bald sind wir soweit.« Die Union reichte über den halben Kontinent, was sich außerhalb befand, wurde im Netz nur als Albtraum sichtbar. Nach einem mühevollen Weg durch die breiten Randgebiete der Union, in denen die Vernetzung und damit die Zivilisation nicht mehr verlässlich waren. Darüber hinaus, dort draußen, im Goldenen Reich, wo einst die großen Republiken des Ostens, China, Russland und die Steppenstaaten waren, verkörperten sich nur die düsteren Ängste all jener, die hier in der Union sichere Leben führen konnten.
Die sozialen Netze machen wirklich nicht glücklicher, dachte Sandor. Stets nur Horrormeldungen, die von Freunden in die Timeline gespült werden, immer empört sein ist anstrengend. Biologische Organe, dialogische Organe – er wusste nicht einmal, was das sein sollte. Dabei sollte der Alghorithmus doch alle glücklicher machen. Sich selbst ständig mit den fröhlichen Bildern der anderen zu vergleichen, war dabei auch nicht zu verhindern. Ein Dazwischen gibt es nicht. Normal, durchschnittlich, das waren ja bereits Beleidigungen. »Normal« soll man überhaupt nicht mehr sagen, das schließt so viele aus. »Sagst du dazu denn nichts?«, fragte Kata.
»Was soll ich sagen, die Toleranzunion kümmert sich darum.«
»Aber diese Gewissenlosigkeit!«
»Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass sie kein Gewissen haben.«
»Wirklich?«
»Ein überspanntes Gewissen vielleicht. Die Administration im Goldenen Reich wird ihnen schon eingeredet haben, dass das alles moralisch notwendig sei.«
»So etwas solltest du nicht sagen«, bestimmte sie, als hätte sie kein Problem mit dem Gedanken, nur damit, dass er es war, der ihn dachte. Seine Hand juckte. Darf der Log auf Ihre Fotos zugreifen? Er schnaubte. »Lass ihn doch. Der Log kann dir Tätigkeiten abnehmen. All das Organisatorische. Du musst nie wieder ein Formular ausfüllen. Wer will das schon? Marie ist wie eine Privatsekretärin.« Er segnete es also ab. Darf der Log auf Ihre Kontakte zugreifen? Er schnaubte wieder. »Das ist nur am Anfang. Überleg, wie viel Zeit dir bleibt. Der Service kann dir für jeden Tag eine Liste zusammenstellen, geordnet nach Wichtigkeit und Dringlichkeit, er kann deine Termine ausmachen.« Darf der Log Ihren Fitnessstatus dokumentieren? Sandor warf sich auf das Sofa und schaltete das Stimmungslicht ein. Darf der Log auf Ihr Stimmungslicht zugreifen? Er war genervt. »Ich fühle mich einfach nicht wohl dabei, all diese Daten in den Äther zu schicken.« Kata kniete sich vor ihm hin: »Nicht in den Äther, in die Cloud. Du magst doch Wolken so. Und du hasst es, Arzttermine auszumachen, das kann er für dich tun.« Er seufzte. »Du hattest einen langen Tag. Ich hole dir etwas zu trinken, dann bestätigst du die Anfragen des Logs, während ich noch ein wenig tätig bin, und dann nimmt das Vibrieren ein Ende. Du wirst sehen, in zwei Tagen juckt es auch nicht mehr und du wirst das Gefühl haben, dass dein Leben nie einfacher war.«
»Was soll daran einfach sein?« Sandor schloss die Augen und hängte seinen Kopf über die Lehne.
»Der Log wird dich kennenlernen und du kannst dich zurücklehnen. Du wirst nie mehr etwas Sinnloses tun, weil der Log dich kennt und deine Liste macht. Du wirst niemals Unerledigtes auf der Liste haben, denn der Log wird es entfernen und dir nur mehr anzeigen, was schaffbar ist. Du wirst nie mehr etwas Überteuertes kaufen, so wie den Krillator, weil der Log die Preise vergleicht. Der Log urteilt nicht, und niemand sonst kann dich verurteilen, weil alles so laufen wird, wie du es schon immer wolltest. Das wird großartig, du wirst sehen, Sando. Lyrie wird auch bald alt genug sein, selbst einen zu bekommen. Ich weiß gar nicht, wie du es im Leben so weit geschafft hast ohne den Log«, sagte sie und küsste ihn. Er zuckte mit den Schultern: »Ich falle eben nicht auf«, und ließ den Log zugreifen auf Dinge, von denen er nicht einmal wusste, dass er sie hatte. Dabei war Lyrie noch nicht einmal fünf, viel zu jung für einen Privatsekretär. Kata stellte den Whiskey-Vaper vor ihm auf den Tisch, strich ihm über den Kopf: »Im Virtuali schweigt der Log«, sagte sie, »du kannst einfach in die Wälder von Pripyat gehen und er ist still.« Sie lächelte. Als hätte sie geplant, ihm ein Refugium zu entwerfen, wenn er so weit war, einen Log zu bekommen. Er dachte an den friedlichen Moment, wenn er das Single-Player-Kommando anwählte und mit dem Kopf in einem Märchenwald versank. Nur du für und gegen die Maschine. Es gab lohnende Aufgaben und es galt, so lange wie möglich am Leben bleiben. Da empfing er eine Nachricht, sie war von Frank. Er öffnete den Verlauf. Die erste Nachricht, die er sah, war von ihm selbst gekommen: »Hallo hier ist Sando, ich bin nun gelogged.« Die Nachricht war an alle Kontakte gegangen. Der Log erkannte sogar, wer ihn Sando nannte und bei wem er Sandor Karol war. Frank lud ihn zu einer Party ein. Kasimir Stern Kreides Ersetzungsfeier. Er gab an, vielleicht zu kommen. Sandor war müde. Darf der Log Ersetzungsfeiern automatisch zu Ihren Terminen hinzufügen? Sandor seufzte tief. Das hast du nun davon. Seine Wahlinformation war auch eingetrudelt und der Log spulte sie langsam vor seinen Augen ab, doch er murmelte: »Später.«
9Nur ein Schritt
Im Jahr 1016 des Konsuls
Kein Signal.
Nur einen Schritt vor die Tür setzen. Dann wüsste er es. Richard zögerte. Seitdem die Betreuungsperson tot aufgefunden worden war, war das Lager mehr oder minder dem Chaos anheimgefallen. Alle Personen, die sich von ihrer Gruppe auch nur für einen kurzen Zeitraum entfernten, wurden unter Verdacht gestellt. Jene, die zur Zeit des Geschehens nicht beim Essen waren, wurden nach und nach überprüft. Richard wusste, dass man ihn fragen würde. Man hatte ihm einen Termin bei der Administration in den Log gepflanzt. Bislang war dieser Termin viermal verschoben worden, da auch andere nicht auffindbar waren oder unkontrolliert im Gelände herumstreiften, was völlig egal gewesen wäre, gäbe es nicht eine tote Betreuungsperson. »Sensei?«, sagte er und der Log antwortete: »Ja, Romeo?« – »Wie lange bis zum Gespräch mit der Lagerleitung?« – »Drei Stunden und fünfundvierzig Minuten«, antwortete der Log. Richard hatte sich entschieden, denn sie waren weg. Alle, die in seiner Hütte waren, waren weg. Er würde auf der Prioritätenliste ganz nach oben rutschen. Nur: Was sollte er ihnen sagen? Er hatte nichts vorzuweisen. Er wusste nicht, was die drei im Sinn hatten. Sonst hätte er sie aufhalten können. Niemand hatte mit ihm gesprochen. Er würde wie ein unwissender Idiot dastehen. Das würde ihm die Leitung böse ankreiden. Aber da war dieses Zucken in seiner Hand gewesen, und wenn er das richtig deutete, würde er aus dem Lager spazieren können. Er kam seit Jahren her, er kannte das System. Er wusste, was im Lager von ihm erwartet wurde und was er durfte, und noch wichtiger: Er wusste, was andere durften. Er stopfte seinen Regenmantel in den Rucksack, denn Regen war geplant. Wohin konnten sie schon gegangen sein? Alles außer der Gelehrtenrepublik wäre einfach nur dumm. Was sollten sie woanders? Sie konnten auch sonst nirgendwohin. Der Log gab überall innerhalb des Territoriums der Union, wo Empfang war, ihre Position durch. Nur wenn sie die Goldene Stadt erreichten, konnten sie über den Log nicht mehr geortet werden. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass man sie dann nicht mehr erwischen konnte. Der Osten war voll von Gaunern und Betrügern. Er nahm sich zusammen. Nur ein Schritt, vorbei am Torhäuschen, und er war draußen. Er würde nicht mit leeren Händen kommen.
Wo lag nun diese Gelehrtenrepublik genau? Er wusste alles über sie, hatte alles gelesen, und doch hatte er keine Ahnung, wo sie sich wirklich befand. Die Selbstortung des Logs war jetzt natürlich blockiert. Eine Sicherheitsmaßnahme, die verhindern sollte, dass man aus dem Lager einfach in den Wald hinausspazierte. Man konnte nur verloren gehen. Ohne Orientierung kein Fortkommen. Eine Himmelsrichtung war noch lange keine Wegbeschreibung. Wie stellte Potz das an? Sie waren doch zu dritt, Potz hatte doch Emma und Jackie dabei, sie mussten Spuren hinterlassen haben. Osten also. Nur ein Schritt. Ein Schritt vorbei am Wachpersonal. Die Hand mit ruhigem Gesichtsausdruck vor den Sensor halten. Die Facial Expressions hatte er jedes Mal absolviert. Er konnte das, er sagte sich, dass er das konnte. Wenn er Potz nur in die Finger bekam. Der war ihm von Anfang an suspekt gewesen. Aus gutem Grund. Potz, der seine Jackie verschleppt hatte. Jackie, die ihn irgendwie wollte und irgendwie auch nicht. Vielleicht war sie einfach ein Symptom dieser Zeit. Die Administration, zu diesem Schluss war Richard gekommen, hasste den Trieb, hasste das Archaisch-Biologische, hasste die alte Körperlichkeit, hasste den Instinkt. Der Instinkt kann jedoch umgeschrieben werden. Der Log hatte ihm gesagt, dass er und Jackie gut zueinanderpassen würden, und halb wollte sie ihn, halb wollte sie ihn nicht. So wie die Administration den Trieb nicht wollte, aber andererseits die Idee liebte, dass hier, im Lager, im geschützten Rahmen, Menschen nach den über sie verfügbaren Informationen kombiniert wurden. Er hatte schließlich die Statuten von Untermürbwies gelesen. Wer Gesellschaft hatte, machte sich keinen Sorgen um die Welt. Er hatte sich damit befasst, als er das erste Mal bemerkt hatte, dass sein Schaft über seine Hand hinausragte. Information ist wichtig, egal worum es ging. Der Log hatte ihn und Jackie abgesegnet. Jackie, das Wunderwesen, die ideale Ergänzung für sein unperfektes Ich. Er ließ seinen Hormonstatus regelmäßig auslesen.
Dann aber hatte sie gestern abend ihre kleinen, weißen Händchen an seinen Hals gelegt, ihn angelächelt, ihr Gesicht dem seinen genähert, und plötzlich fand er sich aus der Tür gestoßen. Er hatte gedacht, wenn er sich zu Emma legte, würde Jackie nicht mehr in ihrer Entscheidung schwanken. Er hatte sich Gedanken gemacht, nach allem, was er gelesen hatte über Evolution, Monogamie, Eifersucht. Er wusste, irgendwann würde sich die Welt ihm beugen, auch er würde bekommen, was er wollte. Jackie. Sie würde sich über ihre eigene Ablehnung ärgern. So funktionierte das: Sie würde ihn nur interessant finden, wenn die andere, also Emma, ihn interessant fand. Aber auch da: Potz, Potz, Potz. Potz musste sich überall einmischen. Potz hatte ihn, als sie sich kennenlernten, von oben nach unten gemustert und ein Manlette genannt. Da hatte Richard ihm noch entgegengeworfen, dass er eben ein neues biologisches Konstruktionsprinzip sei. Doch Potz hatte auf den Boden gespuckt und gemeint, dass »neue biologische Konstruktionsprinzipien zu Beginn immer eher Mitleid als Enthusiasmus« hervorriefen. Dann hatte Potz mit einer Liste von Kreaturen aus Flora und Fauna begonnen, die er für mitleiderregend hielt, bis Richard die Hütte verließ. Ein widerlicher Mensch. Und stinken musste er! Potz zog seinen Mantel niemals aus. Dieses Ding könnte man vermutlich auch ohne den Potz’schen Inhalt einfach hinstellen und es würde nicht umfallen. Hoffentlich machte Richard das Asthma nicht einen Strich durch die Rechnung. Alles konnte man wegzüchten, wegcrispern, nur Asthma nicht. Sein Asthma war kein körperliches Leiden. Sein Asthma war gesellschaftlich induziert. Sein Asthma war psychosomatisch. An seinem Asthma waren andere Menschen schuld. Menschen wie Potz. Hater. Potz war ein Hater. Jedes Jahr traf er hier Hater und jedes Jahr rückte das Lager den Hatern den Kopf zurecht. Der hatte ja keinen Tau, wie es war, wenn man ein derartiges Joch zu tragen hatte. Die Welt musste sich ändern, dachte Richard, und gewiss war der richtige Weg gefunden, aber wie lange dauerte es, bis er endlich zu Ende beschritten war!
Er würde Jackie zurückbringen. Potz würde dann auch seiner gerechten Strafe zugeführt. Potz hatte seine arme Jackie mitgeschleift. Dass er Emma mitgenommen hatte, war kein Wunder. Emma hatte Onlinezeit und war ja offensichtlich eine richtige Haeckse. Wer hätte gedacht, dass sie sie mit dem bisschen Onlinezeit einfach aus dem Lager entlassen konnte. Potz hatte Emma hineinziehen müssen, da war Richard sicher. Schließlich sind die Nachrichtenfunktionen des Logs für die Zeit des Lagers blockiert. Aus gutem Grund. Resozialisierung ist, wenn man digital im früheren Umfeld steckt, nicht möglich. Potz hatte sicher etwas richtig Schlimmes gemacht da draußen. Er kannte solche wie ihn. So einer war nicht da, weil er einen kleinen Fehler gemacht hatte, aber aus reinen Absichten handelte. So einer wie Potz war hier, weil man ihn immer und immer wieder meldete, das kannte Richard auch. Richard wurde von den Friedensstifter-innen in der Schule so oft gemeldet, dass sogar das, wenn man es zusammenrechnete, ausreichte, um ihm einen Sommer im Lager zu bescheren. Die anderen hatten Ferien am Strand. Aber immerhin musste er die Friedensstifter-innen den ganzen Sommer lang nicht sehen. Er selbst war ein Opfer von Mobbing, nichts weiter. Dass er die Friedensstifter-in geschlagen hätte, war auch nicht wahr. Er hatte nur in Notwehr die Arme gehoben, als diese eine Flasche nach ihm warf. Aber Potz, Potz war ein echter Querulant. Richard hatte sich nie gegen die Union aufgelehnt, nicht wirklich. Er hatte Verbesserungsvorschläge, aber die meisten behielt er für sich, denn Friedensstifter-innen waren überall.
Hatte denn niemand daran gedacht, wie unglaublich widersinnig es war, all die kleinen Leser-innen und Pseudorevolutionär-innen in ein einziges Lager zu stopfen? Da musste ja schließlich so etwas wie jetzt passieren. Hätte er das designed, wäre das nie geschehen. Auch Stalin hatte sie über Sibirien verteilt und mit Gewaltverbrechern zusammengesteckt. Da gab es eine physische Hackordnung. Lernte denn niemand aus der Geschichte? Man sollte sie genau dem aussetzen, was sie sich so sehr wünschten: echter Zivilisationsfremde. Aber vielleicht passierte nun gerade das mit Potz. Eingehen soll er da draußen. Vermutlich hatte er die Betreuungsperson getötet. Nein, eingehen sollte er nicht. Einsammeln sollte er sich lassen. Von ihm, Richard. Die Administration wäre erfreut. Er atmete durch. Man würde seinen Namen auf der Bühne vorlesen. Nicht die Gruppe, die Hütte, nein, ihn. Die entführte und gerettete Jackie neben ihm. Er hatte Jackie verdient. Als Ausgleich. Man konnte ihr sofort ansehen, dass sie ein Blitzkind war, nicht so wie die zurechtgecrisperten, denen die Eltern als Ausgleich abstehende Ohren mitgegeben hatten, weil »Premiumkind« ein Schimpfwort geworden war. Aber Jackie, Jackie sah man und sah, was Sache war. Sie war perfekt und hilfsbedürftig gleichermaßen. Mag sein, dass er crispophil war und gerne ein Crispkin geworden wäre, aber nicht alle Kin waren legal. Die Drachen waren es. Crispophil war in Ordnung, nur die Robophilen wurden beäugt, als seien sie bekloppt, aber Richard selbst hatte daran nichts gefunden – er selbst hatte auch einmal eine Spazierfreundin gehabt, das handförmige Maschinchen mit dem Drucksensor, der Heizung, aus hautähnlichem Material, das Schritte, Atem und das Geräusch von Kleidung beim Gehen imitierte. Seine Eltern hatten geglaubt, dass so eine »Freundin« ihn erden würde, aber Richard verrenderte sich nicht.
Der Durchgang zur Außenwelt lag vor ihm. Noch nie hat mich mein Handgefühl betrogen, sagte er sich. Aufrecht schritt er vorbei an dem Sensor, lächelte, ging weiter. Noch ein Schritt, nur noch einer, und ohne, dass ihn jemand aufhalten wollte, spazierte er hinaus in den Wald. In Richtung Osten. Wenn er sie nicht fand da draußen, konnte er niemandem Bescheid geben. Doch er hatte Ahnung. Er hatte schon Online-Tests gemacht, ob er in der Wildnis überleben würde. Er wusste, wie der Wald funktionierte. Er wusste, wie die Welt funktionierte. Das Licht der Aufklärung leuchtete ihm. Er trat durch das Tor. Er war auf sich allein gestellt.
10Leben wollen
Im Jahr 1 vor dem Konsul
Newsfeed im Jahr 1 vor dem Konsul
Kasimir Stern Kreide, der Puppenmeister des Äthers, wird am Montag mit einer Ehrung den wohlverdienten Ruhestand antreten. Wer nun fürchtet, dass dieses wunderbare Format im Äther fehlen wird, hat Grund zum Jubeln: Kasimir Stern Kreide selbst hat eine täuschend echte Puppe entwickelt, die seine Aufgaben übernehmen wird. Hören Sie hier ein Interview mit dem verdienten Künstler. Genießen Sie im Anschluss TV-Richter Cosmic Justice live im Stream.
Sandor hatte sich lange gesträubt, die Wahlinformation zu lesen, und der Log wies ihn daraufhin, dass er sich schon länger sträubte, als das Lesen gebraucht hätte. Er seufzte. Die Passagen, die für ihn wichtig waren, hatte der Log gelb markiert. An seiner Timeline sei nicht deutlich genug erkennbar, dass er informiert sei. Er like zu wenig. Der Durchschnitt seiner Likes konnte nicht ermittelt werden, da ihre Anzahl zu gering war. Er könne nun, in den Monaten vor der Wahl, noch ein Like-Package kaufen. Soll der Log eine Auswahl zusammenstellen? Dann ließe sich der Schnitt in nur wenigen Wochen ermitteln. Sandor gab die Funktion frei. Es schmeckte ihm nicht. Das bedeutete eine lange Liste mit möglichen Like-Packages von Firmen, Parteien und Netzbetreibern war in seiner Inbox. Er würde die Liste später durchgehen. Er hatte einer Ersetzungsfeier beizuwohnen.
Sandor stellte fest, dass Franks Wohnung das Gegenteil seiner eigenen Wohnung war. Wo Sandor sich für helle Töne entschieden hatte, weiße Wände, weiße Möbel, weiße Teppiche, hatte Frank den gegenteiligen Weg eingeschlagen. Düster glänzte die schwarz-goldene Tapete auf sie herab. Frank und seine Frau Soligie saßen vor einem Sofatisch aus schwarzem Marmor, sie streichelte beständig sein Knie. Soligies schwarzes Kleid ließ sie fast unsichtbar werden. Dazu der schwarze Kurzhaarschnitt. Sie war ein schwebendes Gesicht. Die schwarzsamtenen Vorhänge hatten das ganze Sonnenlicht ausgesperrt, obwohl es draußen noch heller Tag war. Neben ihnen auf dem Tisch lag ein Stoffsack mit einem Elefanten darauf. Soligie kippte ihn um und Frank griff nach einem der kleinen weißen Körner, zerdrückte es mit dem stumpfen Ende seines Messers und zog es die Nase hoch. Frank hatte die Erlaubnis, ein Messer zu tragen, obwohl er es nicht brauchte, weder beruflich noch privat. Er hatte wohl nur wissen wollen, ob man sie ihm erteilen würde.
Sandor begrüßte sie mit einer Handbewegung. »Sando, Sando, Sando!«, rief Frank. »Nimm dir ein Reiskorn!« Sandor schüttelte mit einem höflichen »Nein, danke« den Kopf. Hinter einer Theke sah er Trashalong, die ihn nun auch bemerkte und giftig anstarrte. Sandor hatte nicht gewusst, dass sie einander kannten, aber vielleicht war sie auch nur mit Soligie befreundet. Soligie war bekannt dafür, zwischen den Ufern zu schwimmen.
»Du solltest es probieren. Das ist A-Klasse Reis«, bot ihm Frank abermals ein Korn an, aber Sandor schüttelte den Kopf: »Ich habe nie –«.
»Dann erst recht«, erwiderte Frank, doch: »Ich weiß nicht welche«, sagte Sandor, worauf Frank: »Ach so, natürlich: Es ist wie ein großes Déjà-vu. Das Déjà-vu eines ganzen Lebens. Du zerstampfst es und lässt die Nanopartikel in deinem Gehirn einfach machen.« »Sie sind A-Klasse«, wiederholte Soligie und erläuterte: »Sie stammen von Menschen, deren Logs aufbewahrt wurden, weil sie noch einmal leben wollten.« – »Oh«, sagte Sandor knapp, überlegte und meinte dann: »Aber nehmen wir ihnen damit nicht die Chance, dass sie tatsächlich wieder leben könnten?« Aber Frank begann nur zu lachen und erzählte dann, dass das wohl nie passieren würde, denn man habe erst kürzlich aufgrund einer Erbstreiterei den Stent eines Verstorbenen einfach in einen Hirntoten implantiert, damit man ihn fragen könne, was mit seinem Reichtum geschehen solle. »Was hat er gesagt?«, fragte Sandor. »Gar nichts«, meinte Frank, »er kotzte, stand auf, griff nach dem Revolver des anwesenden Vollzugsbeamten und erschoss sich. Ein anderer soll sich selbst den Stecker gezogen haben. So ist das, das menschliche Gehirn ist ein Mysterium. All diese Gefühle, all diese Erinnerungen«, lachte Frank und sein Kopf schwankte. Er legte einen Arm um Sandors Schulter: »Ach, Sandor, ein Ehrenmann. Wenn er unglücklich ist, trinkt er, damit der unglückliche Moment nicht allzu schnell verschwindet, und am nächsten Tag hat er all das schöne Unglück weggesoffen.« Kata reichte Sandor ein Glas Wodka. Sandor kam sich ahnungslos vor. Als hätte ihn der Log mit der Wahlinformation nicht schon ausreichend auf seine angebliche Uninformiertheit hingewiesen. Er wusste nur, dass Reiskörner nicht legal waren.
»Gratuliere zu deiner Ersetzung«, sagte Sandor und prostete Frank zu. Frank trank immer aus Gläsern. »Ja«, lachte dieser, »der Aufrichtige Äther wird auf mich verzichten müssen. Der unverbogene Äther.« Er kicherte. »Wodurch wirst du ersetzt? Hat man deinen Programmplatz einem anderen zugewiesen?«, fragte Sandor, doch Frank prustete los und mit ihm der halbe Raum. Frank ließ sich auf das Sofa fallen: »Ich habe mich selbst ersetzt. Der Puppenspieler ist eine Puppe. Schon seit Wochen.«
»Aber wir haben doch gestern …«, Sandor stutzte und Frank lachte wieder: »Schon seit Wochen. Du hast mit Kasimir Stern Kreide AchtPunktNull gesprochen. Ich habe mich selbst ersetzt.« Sandor nahm einen großen Schluck. Er hatte nicht gewusst, dass so etwas möglich war. »Siehst du, Sandor, ich bin ein wenig enttäuscht. In den letzten Wochen endete die Sendung nämlich nicht damit, dass ich den Hut lüfte, sondern AchtPunktNull die Hirnschale. Hättest du meine Sendung je gesehen, wüsstest du das.« Sandor schämte sich ein wenig. Frank war einfach unglaublich gut. Wenn er einen Automaten baute, dann war auch dieser unglaublich gut. Diese Fähigkeiten hatten ihm das Startkapital, das er im Zufallsverfahren auf den Finanzmarkt warf, verschafft, und Frank war reich bis ans Ende aller Tage. Frank konnte blind Schach spielen. Nach Sandors Meinung war Frank ein Genie, auch wenn er sich zu gerne selbst reden hörte. Er sagte stets, es gebe nur zwei Arten von Menschen: eins und null. Sandor fühlte sich gerade wie eine Null. »Ach, Sando, setz dich«, Frank klopfte mit der Hand neben sich auf die Sitzfläche, »ich mag dich, Sandor, und ich sage das nicht, weil ich gerade auf Erinnerungen bin, die nicht im Trend sind, ich mag dich, weil du so widerständig bist, weil du alles anzweifelst. Sandor, Sandor, Sandor, wer nicht scrollt, ist nicht am Laufenden und …« – er hickste – »… ihr müsstet ja alle erst dekonstruiert werden und rekonstruiert? Rekonstruiert vielleicht nicht. Postbiologie ist das. Und morgen, liebe Kinder, dekonstruieren wir das Wetter!«
Franks Kopf rutschte an Sandors Rücken hinab. Soligie zuckte mit einer Schulter und einer Augenbraue: »Das passiert, wenn man akademischen Reis einwirft. Er weiß selbst nicht, was das heißen soll, wird sich den restlichen Abend nicht mehr bewegen und morgen erinnert er sich nicht.«
»Das tut mir leid für dich«, sagte Sandor, und nun hatte sich Trashalong auf einem großen, runden Lederhocker niedergelassen: »Du sollst doch nicht über Sex reden. Das exkludiert die weniger Beglückten. Oder hast du ein Juste Milieu-Korn abgekriegt?« Sandor sah sich um. Er verstand nicht, warum er damit gleich zum Juste Milieu gehören sollte. Er hatte doch noch gar keinen Reis eingeworfen. Er wusste doch gar nichts über das Juste Milieu, nur, dass sie sich eben gerecht nannten, aber er wusste nicht, was sie wollten oder taten. Einfach eine neue Gruppe von Menschen, die mit irgendetwas unzufrieden waren. Aktivisten, aber keine Aktivisten der Union, so viel wusste er. Frank lachte: »Nein, nur Juste!«
»Du wirst deine Rechnung schon serviert bekommen. Die Aufklärung hat dich auch nie gestreift. Mit diesem Verhalten kann man nicht lange durchkommen. Ein Ideologe bist du, der Feind der Denkenden«, schnappte Trashalong Sandor an.
»So habe ich das doch nicht gemeint«, versuchte er sich mit einer hilflosen Handbewegung zu verteidigen.
»Es ist völlig egal, wie du es gemeint hast. Du weißt eben nicht, was diese Dinge für andere bedeuten, was dich nur noch mehr zu einem Ideologen macht: Du machst unterbewusst Annahmen und solltest solche Dinge nicht einmal denken«, fuhr sie fort. Soligie sah zu Boden.
»Emotional«, knurrte Frank.
»›Emotional‹ sagt man nicht«, rief Trasha.
»Bauchgerede dann«, lachte Frank, ohne den Mund aufzumachen. Natürlich konnte er auch bauchreden, typisch.
»Warum sagst du denn nichts?«, fuhr Trashalong jetzt Soligie an und sprang auf, rauschte geradezu aus dem Raum, wahrhaftig ein Rauschen, ihre Kleidung brauchte akustisch nahezu so viel Aufmerksamkeit wie sie selbst, und rief noch: »Es gibt einfach keine kosmische Gerechtigkeit. So ein Hater!«
»Und sie so ein Opfer. Die war wahrscheinlich auch Friedensstifter-in in der Schule«, nuschelte Frank hinter ihm. Sandor war froh, dass ihn offenbar niemand gehört hatte. Stattdessen begann jetzt einer über den Rechtsstreit wegen der »morphologischen Freiheit« zu referieren. Frank lächelte vor sich hin und Sandor hob den Kopf seines Freundes an und bettete ihn auf seinem Schoß zurecht. Frank kannte sich mit allem aus. Na, Frank: Darf der Mensch sich so viele Ersatzteile anschustern, wie er will? Selbstverbesserung als menschliche Natur? Sollen die Teile mechanisch oder fancy gezüchtet werden? Aber Sandor fragte Frank nicht, denn Frank mochte zwar Antworten auf alles haben, aber er war auch erschöpft, lebensfroh und tätigkeitsmüde. Sandor ließ ihn in Ruhe. Schließlich hatte Frank nicht vor, an sich selbst etwas auszutauschen, also war es ihm herzlich gleichgültig. Frank drehte sich auf den Rücken, damit er Sandor ansehen konnte: »Und was soll Trashalong überhaupt für ein Name sein? Was für ein Typus muss man sein, seine mediale Persona so zu nennen? Ich weiß, was sie für eine ist, ich bin ja schon mal mit ihr ausgegangen. Wenn sie etwas fragt, ist jede Antwort gleich falsch.«
Frank wusste, was Sandor gerade brauchte. Er hob mühsam einen Arm und schob ihm mit dem Finger ein Reiskorn hin. Sandor nickte. Warum nicht? Es passiert schließlich nicht alle Tage, dass der größte Puppenspieler der Welt durch die eigene Puppe ersetzt wird.
Sandor fühlte, wie etwas Fremdes durch seinen Kopf streifte, sich wie eine Wolke, wie eine Flüssigkeit, wie ein Tintenfleck ausbreitete, immer dünner werdende grüne Tinte überall in seinem Kopf. »Was ist«, fragte er Frank, »wenn du eine Maschine baust, die so intelligent ist, dass sie noch viel intelligentere Maschinen bauen kann?«
»Ein Globalgehirn«, lachte Frank.
»Eine Singularität«, sagte Sandor, ohne das Wort selbst jemals gehört zu haben und ohne auch nur instinktiv zu verstehen, dass es das Gleiche bedeutete wie Globalgehirn. Da redete sein Reiskorn. »Und dann lernt die Singularität so viel, dass sie alles weiß und unsere Telomeres lang, lang, langzieht«, fuhr er fort.
»Telomeres?«, fragte Frank, richtete sich auf, griff nach Sandors Glas, nahm einen großen Schluck.
»Sie sitzen auf Chromosomen und machen ein langes Leben, wenn sie lang sind. Sie sind kurz bei uns. Frank, wir sind alt. Alte Säcke sind wir. Ich bin zu alt für diesen Log und das alles.«
»Ach, Unsinn«, Frank kniff ihn in die Wange. »Wir würden einfach alles auf morgen verschieben, mit langen Telomeres, warum nicht, wenn es endlose Morgen gibt.«
Sie lachten beide. Kata kam näher, setzte sich neben Sandor: »Worum geht es?«
»Dass wir alte Säcke sind, Kata«, sagte Sandor, aber sie schüttelte den Kopf: »Ihr seid beide Mitte dreißig. Und neunzig Prozent der Zeit völlig hilflose Babys obendrein.«
Soligie nickte zustimmend. »Aber ich mag ja gar nicht mehr leben, wenn die Singularität die Welt beherrscht«, sagte Sandor und Kata schaute ihn skeptisch an.
»Oder der Log«, meinte Frank.
»Böser Log, pfui«, sagte Sandor, er lallte bereits deutlich, er vertrug einfach nichts. Den Log personalisieren? fragte der Log ihn wieder.
»Aber vielleicht ist ja nichts echt und wir sind nur die historisch korrekte Simulation der Vergangenheit von Aliens. Aufgezeichnete Gehirnimpulse und ein bisschen Phantomatik und da ist das Zeitgefühl ein ganz anderes. Sandor! Sandor! Vielleicht sind wir in einem Virtuali und unsterblich!«, rief Frank.
Da erhob sich Sandor und brüllte, aber heraus kam eine schrille weibliche Stimme, die brüllte in Trashalongs Richtung: »Eleonora!« Sandor war aufgebracht und wusste nicht warum, schrie immer wieder: »Eleonora!«.
Er taumelte auf einer Steinfliese, versuchte, das Gleichgewicht zu halten, um ihn waren Schwärze und Kosmos, so war er gestrandet auf einer Fliese, zu klein für seine Füße und nass. Badezimmernass, dachte er und kippte, und der Boden bewegte sich unter seinen Füßen, als formten die Fliesen den Weg selbst. Er hielt nicht an, um sich darüber zu wundern. Er sah, was übrig war vom bröckelnden Gemäuer eines steinernen Prunksaals, seine Füße auf mehr und mehr Marmor. Da war jemand. Hatte der den Einsturz überlebt? Sandor konnte die blauen Flecken und Schürfwunden am Körper spüren, er würde rennen müssen. Ein Stuhl fiel neben ihm vom Himmel.
Gelähmt klebte er in den Sofakissen. Er empfand einen Rausch von einer Intensität, die nicht nur die lebensechten Erfahrungen im Virtuali weit überstieg, sogar das Töten, sondern mitreißender als das Leben selbst war. Es fühlte sich nicht an, als blicke man aufs Meer, nicht – wie im Virtuali –, als schwimme man im Meer, was in der Realität kaum mehr möglich war, sondern als sei man das Meer: wuchtig, brausend, Landschaften zerschneidend. Eine Naturgewalt. Die weibliche Stimme begann zu zetern: »Morphologische Freiheit ist das Recht auf Selbstbestimmung. Wir sind die unumstrittenen Eigentümer unserer Körper, wir entscheiden selbst über unsere Veränderungen! Allen Menschen soll sie uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Für Chancengleichheit und Gerechtigkeit. Wir sind keine Zauberer oder Formwandler, wir wollen eigenverantwortlich entscheiden!« Als hielte Sandor eine Rede vor einer großen Menschenmenge, schmetterte er die Worte in den Raum, einige Partygäste kicherten, erkannten, dass es die Wirkung des Reiskorns war, amüsierten sich darüber, dass Sandor keine andere Wahl hatte, als zu sagen, was das Reiskorn verlangte, während sein Körper mit den Empfindungen kämpfte, dass seine sonst warmen Hände zugleich kalt waren, er sich klein fühlte, obwohl er groß gewachsen war, dass er sich selbst kaum hören konnte. »Wir haben eine neue Spezies erschaffen!«, brüllte die Reiskornfrauenstimme und Sandor echote mit ihr. Er brüllte es in einen großen, leeren Saal mit glitzernden Vorhängen. Betäubt von der Größe der Umgebung, der Wucht der funkelnden Wände, wankte er, hob den Kopf, sah die Deckenfresken und einen enormen Luster, glitzernd, wankend wie er, und er fiel zurück, fiel, fiel, wartete darauf, hart auf die steinernen Fliesen zu knallen, den Hinterkopf aufknackend wie eine Kokosnuss.
»Eine Spezies, die uns trennt und teilt und beurteilt und mit Wut füttert, damit wir die Wut anwählen, auf die Wut klicken, der Wut folgen, deren Seiten vollgestopft mit Werbung sind und über unsere Welt entscheiden! Wir sind Wut!«, krächzte Sandor und plumpste in das Sofa zurück. Dann fühlte er ein Rauschen in den Ohren und wachte auf seinem weißen Sofa in seiner eigenen Wohnung erst dann wieder auf, als Kata den hustenden und prustenden Kaffeeautomaten einschaltete.
11Der Blitz schlägt immer zweimal ein
Im Jahr 1016 des Konsuls
Kein Signal.
Beim ersten Donner sackte Jacqueline in sich zusammen und weigerte sich weiterzugehen. Gruber fing sie auf. Der magere Gruber zerrte die ebenso magere Jackie an den Armen hoch, die Erdanziehungskraft entschied diesen Kampf zweimal, bevor er Jackie beim dritten Versuch endlich auf die Beine stellte. Sie wirkten in dieser Entfernung wie zwei tanzende Skelette. Sie hatten pünktlich die Regenmäntel angezogen. Gruber hatte den Wetterplan immer im Blick.
Emma war hinter den anderen hergestolpert, irritiert von den Geräuschen des Waldes, die so viel lauter und näher waren als dieser weit entfernte Donner, der Jackie niedergestreckt zu haben schien. Es glitchte, dachte sie, wie Jackie sagte, und hörte gar nicht mehr auf. Als schrie der Wald auf sie ein, so kam sich Emma vor. Sie durfte die anderen nicht aus den Augen verlieren, die Form eines Baumes und die Form eines Menschen waren in der Dunkelheit für sie einerlei. Sie stapfte, beständig testend, ob der moosige Boden sie auch trug, auf die beiden zu. Gruber hievte Jackie auf einen Baumstumpf: »Fräulein Jacqueline, wir müssen weiter«, sagte er und tatsächlich hob sie den Kopf. Natürlich, dachte Emma, würde Jackie auf ihre eigene Anachronismus-Macke reagieren. Gruber war wohl auch nicht der Dümmste. Jackie zerrte immer noch den schweren Rucksack mit sich herum, mit dem Sack Reis, den sie gestohlen hatte, als sei es ein Schatz. Sie betastete ihre Wangen. Stress schien bei ihr Pickel zu verursachen. Warum man ihr das nicht weggecrispert hatte, verstand Emma nicht. Jackie wanderte dahin, als wüsste sie genau, wo es langgeht, als könnte sie jeden Zweig auch in mondlosesten Nächten sehen.
Die Nadeln fuhren Emma ins Gesicht, sie kniff die Augen zusammen und fand Halt an einem Baumstamm. Sie war die Bewegung auf nachgiebigem Boden nicht gewohnt, so wie sie die ständigen kleine Stiche in die Wangen nicht gewohnt war. Erst jetzt, da sie endlich angehalten hatten, konnte sie sich umsehen. Jackie saß vor ihr, Gruber kümmerte sich um sie, über ihnen war ein wütender Himmel, aber Potz konnte sie nicht sehen. Sie drehte den Kopf, um festzustellen, ob er nicht doch an der Peripherie ihres Gesichtsfeldes auftauchte, irgendwo in den Augenwinkeln, wo alles schon so verschwommen war, aber egal, was sie fokussierte, es stellte sich als Baum heraus.
Jacqueline schüttelte den Kopf. »Du musst weitergehen«, sagte Gruber ihr immer wieder, aber sie schüttelte ohne Unterbrechung den Kopf: »Ich kann Sie nicht hören«, wiederholte sie. Emma wankte auf die beiden zu. Sie erkannte Gruber kaum, aber Jackie flimmerte manchmal, als zuckten Muster auf ihrer Haut, die wie kleine Tiere dahintanzten.
»Was ist mit ihr?«, drehte sich Gruber nun zu Emma und seine Stimme schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Sie zuckte mit den Schultern: »Ich kenne sie erst seit gestern.« Emma hatte sich nie mit Lichtkindern befasst, warum sollte sie jetzt damit anfangen? Wenn es nach ihr ginge, könnte man die alle im Lager lassen. Die waren nicht lebensfähig.
»Als Jurij Gagarin aus dem Himmel stürzte, sprang Laika kläffend auf ihn zu«, begann Jackie. Und Gruber versuchte ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen: »Schauen Sie mich an, Fräulein Jacqueline«, Gruber war ein sanftmütiges Tier. Emma fand gerade mehr Wut in sich. Sie wusste nicht, warum sie mitgegangen war, warum sie die Flucht eingefädelt hatte, warum sie nicht darauf bestanden hatte, dass es einen vernünftigen Plan geben sollte. Vor ein paar Stunden hätte sie einfach wieder umdrehen können und niemand hätte es bemerkt. Sie hätte umdrehen können, ihre Zeit absitzen und so tun, als sei nichts gewesen.
Sie hatte erwartet, bald wieder ein Funksignal zu bekommen, nachdem sie das Lager verließen. Ein derart großes Gebiet ohne Empfang hatte sie nicht erwartet.
Sie hätte umdrehen können, anstatt hier mitten im Wald zu stehen, kurz vor einem Gewitter. Zwischen lärmendem Rascheln, Scheuern und Knacken, den Zweigen, die auf sie einschlugen, Windgeheul und einer Irren, die irgendeinen Mist über die alte russische Raumfahrt erzählte. Wen interessierte schon Geschichte? Sie stand endlich stabil genug, um ihre Hand von der Rinde des Baumes zu nehmen, nahm zur Kenntnis, dass ihre Hand klebte, und hätte Gruber und Jackie am liebsten angebrüllt, aber sie wusste natürlich, dass es weder Jackies noch Grubers Schuld war, dass sie nur getan hatten, was Potz sagte. Sie hätte einfach ein anderes Datum zur Entlassung einstellen sollen. Sie könnte sich schwarzärgern. Sie biss sich schon wieder auf die Zunge. Und sie konnte Jackie plötzlich verstehen. Vielleicht war es ja doch das Vernünftigste, zu kapitulieren. Einfach stehen zu bleiben und zu warten, bis sie wieder eingesammelt würden. Es war ja egal. Was können sie denn schon groß mit dir machen? Die Zeit im Lager verlängern? Sie waren ja alle noch minderjährig. Sie hätte ohnehin nicht gewusst, wo sie in der echten Welt hinsollte.
Gruber kniete sich vor Jackie: »Fräulein Jacqueline, wir müssen weitergehen. Erinnern Sie sich? Wir gehen nach Osten. Hören Sie, Fräulein Jacqueline? Nach Osten, bis wir die Goldene Stadt gefunden haben.« Jackie hing an Grubers Lippen, und einen Augenblick lang war es ganz still zwischen beiden, da rief Jackie: »Ich kann Sie nicht hören!« – »Schschsch! Die Goldene Stadt«, redete Gruber erneut auf sie ein und wieder starrte sie auf seine Lippen: »Kein Lager, nur wir und die idealen Gegebenheiten. Die Geisteszuflucht.«
Emma schnaubte: »Goldene Stadt?« Ein Verschwörungstheoretiker. Das hat gerade noch gefehlt. Trifft eine Irre einen Verschwörungstheoretiker im Wald. Emma hatte von der Goldenen Stadt und dem Goldenen Reich gehört. Wie alle davon gehört hatten. Weit weg von der Toleranzunion. Eine Erfindung von ein paar Irren, die ja achsogeheim ist und achsoschwer zu finden, kurzum: die nicht existierte. Der geheime Standort des Paradieses. Alle Angaben waren etwa so belastbar wie damals, als Menschen sich nicht impfen ließen, oder glaubten, die Erde erwärme sich nicht. Oder war es umgekehrt? Dass die Menschen sich impften und die Erde abkühlte? Sie wusste es nicht mehr. Manche glaubten das heute noch. Wir leben noch, also gibt es keine Klimaveränderung, dabei hatte der Log die Temperatur geregelt.
»Jede Zeit hat ihren Hoffnungsort«, flüsterte Jackie vor sich hinstarrend, als könnte sie Emmas Gedanken lesen.
Gruber hielt Jackies Gesicht zwischen den Händen und redete auf sie ein, ruhig und monoton, von den allumfassenden Verbindungen und immer wieder Namen einstreuend von Kopftätigen, die doch längst nicht mehr lebten, die man nicht gespeichert hatte, als die Legende der Goldenen Stadt das erste Mal aufkam. So etwas gibt es heute gar nicht mehr, geschweige denn die Sicherungen der Originale.
»Und jeden Abend ein heißes Bad«, sagte Gruber. Jackie war ruhig, sie schien abzuwarten, bis er tatsächlich fertig gesprochen hatte. Zumindest rief sie nicht mehr, dass sie ihn nicht hören könne. Wieder rollte ein Donner durch den Wald, aber Jackie blieb ganz ruhig, als hätte sie dieses Donnern gar nicht wahrgenommen, und lächelte weiter Gruber an. »Das muss«, lächelte sie. Wenn sie diesen Unsinn gehört hatte und auch noch glaubte, dann war sie noch verrückter, als Emma gedacht hatte. Was manche sich so in ihren Köpfen zusammenrendern.
»Es ist, nebenbei bemerkt, gar nicht so unwahrscheinlich, vom Blitz getroffen zu werden«, begann Jackie mit ihrer schwebenden Stimme, »auch wenn man sich das erst mal vorstellen muss, dass der Blitz von all den Stellen auf diesem Planeten, wo er einschlagen könnte, ausgerechnet meinen Körper wählt. Auch wenn er natürlich nicht wirklich wählt, sondern zufällig zu mir kommt. Den Zufall stört es nicht, nennt man ihn Schicksal. Es ist wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden, als bei einem Terrorakt zu sterben. Dieser Berg dort hinten wird gewiss einmal die Woche vom Blitz getroffen.« Emma blickte in die Richtung, in die Jackie schaute, konnte aber nur Bäume sehen. Und mit denen, dachte sie, hat Potz mich hier alleine gelassen.
Emma kniff die Augen zusammen. Da waren kein Mondlicht, keine Stadt, keine Straßenlaternen, nur entferntes Wetterleuchten. Als schwebte es hoch oben über ihnen. Die ersten Tropfen fielen.
So standen sie da, zu dritt, und Emma fühlte sich überfordert, hier in Ermangelung von Alternativen die Rolle der Erwachsenen zugewiesen zu bekommen. Mit Dumm und Taub im Wald. Emma rieb sich die Augen. Dumm, Taub und Blind. Wären sie nicht davongelaufen, dann könnte sie jetzt im Bett liegen und ihre Augen könnten sich ausruhen. Davongelaufen, ein Wort für kleine Kinder.
»Alle Kirchtürme haben Blitzableiter«, geisterte Jacquelines Stimme weiter, »sie vertrauen darauf, dass der Blitz immer und immer und immer wieder einschlagen wird, bis ans Ende aller Zeiten. Dass ein Blitz nie zweimal an einem Ort einschlagen würde! Welch ein Irrtum! Warnschilder auf hochliegenden Wanderwegen werden gemalt. Und dieser Berg dort hinten wird gewiss einmal die Woche vom Blitz getroffen.«
Jackie war also nicht gerade einsatzbereit. »Was sie mit ihr gemacht haben, ist auch nicht gesund«, murmelte Gruber. Damit hatte er immerhin recht: So eine jämmerliche kleine Elfe bekam man selten zu Gesicht. Gruber stand nahe bei ihr und schaute Emma erwartungsvoll an, bevor er wieder zu Boden blickte. Das glaubte sie zumindest, bis es hinter ihr knackte und Potz wieder auftauchte, und Emma begriff, dass der Blick ihm gegolten hatte. Potz, der einfach so wieder da war, als wäre nichts gewesen, und sich vor sie schob, sich vor ihr aufbaute, als gehörte ihm der Wald.
»Wir hatten das nicht geplant. Wir hatten nicht geplant, im Regen durch den Wald zu marschieren, der Regen war angekündigt, der Regen selbst war das einzig geplante, genaugenommen hatten wir überhaupt keinen Plan. Wir hätten vorher besprechen sollen, wohin wir gehen«, begann Emma, aber er reagierte nicht darauf, sondern beugte sich zu Jackie hinunter und schlug sie. Das Donnergeräusch war nun wesentlich näher und Emma spürte einen Regentropfen wie einen schmerzhaften Stich, als Potz’ Handfläche auf Jackies Wange traf: »Reiß dich zusammen, Jackie.« Jackie starrte ihn an. »Sie glaubt, sie sei gerade vom Blitz getroffen worden, sie glaubt, sie ist taub von dem Knall, und sie glaubt, dass sie ihre Beine nicht spürt«, sagte Emma und fügte an: »Sie ist nicht aktuell vom Blitz getroffen worden.« Er hielt Jackie am Kinn. »Wie oft schlägt der Blitz ein?«, fragte er sie. »Mindestens zweimal«, murmelte sie, und er scheuerte ihr noch eine, während der Regen laut auf die Bäume herunterplatzte. Jackie stand endlich auf, stülpte ihre Jeansjacke von hinten über den Kopf und torkelte in Richtung einer mächtigen Tanne, um nicht noch nasser zu werden. Gruber und Potz folgten ihr. Sie begann, in ihrem Rucksack zu wühlen. Alle hatten Regenmäntel eingepackt.
»Wo bist du gewesen?«, stieß Emma Potz mit der Faust in die Seite. Zwar war seine Methode, Jackie zu behandeln, ihr höchst suspekt, aber sie war trotzdem heilfroh, dass er wieder hier war. »Musste mich orientieren«, nuschelte er, während er sich auf den Boden hockte und in einen Müsliriegel biss.
»Wir hätten planen sollen, wohin wir zuallererst gehen«, sagte Emma bestimmt.
Potz grinste: »Gibt doch einen Plan.«
Sie baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf: »Erhell uns bitte.«
»Zuallererst gehen wir nach Südosten.« Er bemerkte ihre Irritation: »Das ist dort, wo der Berg ist. Wir warten nur den gröbsten Regen ab. Bei einem Gewitter wird uns dort niemand suchen. Der Berg wird mindestens einmal die Woche vom Blitz getroffen.« Er grinste sie an.
Zwei Verrückte also, dachte sie. Er grinste immer noch. Das war also Untermürbwies: eine Sammlung Jugendlicher, die auf Verschwörungstheorien hereingefallen waren. Auf Verschwörungstheorien aus den Büchern der Erwachsenenabteilung. Verrecken würden sie hier heraußen.
»Wir gehen zum Konsul«, sagte Potz nun bestimmt und die anderen beiden nickten andächtig.
»Zum Konsul geht man nicht, an die Konsulsabteilung lässt man eine Lognotiz schicken«, erwiderte Emma. Sie dachte an die Reden des Konsuls, die einmal in der Woche über die Bildflächen flimmerten, ausgestrahlt vom Aufrichtigen Äther. Ein bärtiger Mann, der immer gleich aussah, eine sonore Stimme hatte. Der Konsul, der versprach, in jeder Situation zu helfen, der versprach, jedem zur Seite zu stehen, der Hilfe brauchte, der versprach, in dieser digitalen Welt die Rechte und Freiheiten jedes Einzelnen zu wahren und zu verteidigen. Der Konsul, der der Union Freiheit und Friede geschenkt hatte, Gerechtigkeit und eine stets ruhige Stimme, die einem zur Seite stand. Fast wäre er Präsident geworden, doch lieber hörte er den Menschen zu. Jeder Broadcast begann und endete mit den Worten »Das Licht der Aufklärung leuchte uns«. Er war die Stütze der Toleranzunion und damit eine Stütze der Gleichheit. Am Ende erschien die Kontaktinformation. Physische Adresse gab es keine. »Hier gibt es kein Signal«, entgegnete Potz bestimmt, »ohne Log kein Schicken von Anfragen, also gehen wir hin.« Die anderen beiden nickten wieder. »Wieso gibt es hier kein Signal? Der Log hat doch laut Statistik neunundneunzigkommaachtneun Prozent Verbindungsabdeckung«, fragte Emma.
»Dummes Emmchen. Natürlich hat er das. Gemessen an der Bevölkerungsdichte. Nicht gemessen an der Fläche. Hier lebt niemand. Das Lager ist an der Peripherie der Union. Danach kommt ein großer Ring an Funklosigkeit und am anderen Ende die Goldene Stadt, die weder zur Union noch zum Goldenen Reich gehört. An der Grenze der Union, ja? Ich habe da jemanden, der helfen kann, den Konsul zu finden, dort gehen wir hin. Alles klar?«, erklärte Potz, als hätte er wirklich einen Plan. »Grenze sagt man nicht«, murmelte sie. »Getriggert!«, rief Potz. Als sei das Ganze lustig. Der Konsul war da, um zu helfen. Der Konsul beantwortete alle Bitten und Anfragen an den Log, an die Union, an das Wetter. Vielleicht hatte Potz recht und der Konsul würde alles einfach ungeschehen machen, wegpusten, als sei nie etwas gewesen. Der übliche Weg war, dem Log eine Nachricht zu schicken.
»Aber wenn die Goldene Stadt nicht im Gebiet der Union liegt, warum soll dann der Konsul dort sein?«, fragte Emma nun.
»Wer sagt, dass er dort ist? Aber in der Goldenen Stadt ist jemand, der weiß, wo der Konsul ist, deswegen gehen wir da hin«, erklärte Potz.
»Warum verlassen wir nicht einfach das Funkloch und rufen ihn an?«
»Weil man uns dann zum einen sofort ortet und zum anderen müssen wir ihn für unser spezielles Anliegen persönlich sprechen.«
»Unser spezielles Anliegen?«, fragte Emma, doch Potz antwortete nicht mehr. Gruber redete immer noch von der Goldenen Stadt, und Jackie nickte dazu eifrig: »Die asiatischen Freunde sind alle gone dark, gone dark, gone dark. Haben sich gelöscht.« Jackie zückte einen Taschenspiegel, machte einen Kussmund, fotografierte sich damit.
»Die braucht auch ein Update«, nuschelte Potz in Emmas Richtung. Laut sagte er: »Alles wird gut, sofern wir nicht vom Blitz getroffen werden.« Und er lachte in Richtung Gruber und Jackie, die für Emma wieder wie zwei tanzende Skelette aussahen. Mit schwarzen Umrissen und blassen Knochen, wie Cartoon-Figuren, in die der Blitz einschlägt.
12Die Wälder von Pripyat
Im Jahr 1 vor dem Konsul
Aus dem Newsfeed im Jahr 1 vor dem Konsul
Die Wälder von Pripyat: Versinken in real touch und alles loslassen ist: … VIRTUALI!
Sandors Zunge fühlte sich pelzig an. Er drehte sich auf den Bauch, seine Hand streifte den Teppich neben dem Sofa. So wie dieser Teppich war seine Zunge. Ihm war übel, der Kaffeeautomat war laut, und er konnte sich selbst in weiter Ferne stöhnen hören. Langsam richtete er sich auf. Was für ein kurioser Abend, dachte er. Kata setzte sich neben ihn und strafte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick. Was hatte er getan?
»Was habe ich getan?«, fragte er, und Kata antwortete: »Als ob du das nicht wüsstest.« Er griff nach ihrer Hand, spürte dabei, wie kalt die eigene war. Wärme, dachte er, doch sie zog ihre Hand zurück, schaltete den Bildschirm ein. Da war eine Aufzeichnung der Party. Er sah Trashalong, die ihn zurechtwies. Er fühlte sich unwohl neben ihr und auf dem Video konnte man es sehen. Sie wirkte stets, als sei sie auf dem Kriegspfad, egal ob sie sprach oder nur dasaß. Dann sah er die Wirkung des Reiskorns, wie er nach einer Frau namens Eleonora schrie, und er sah die Marmorsäulen wieder deutlich vor sich. Im Rest des Videos konnte man immer wieder sehen, dass er den ganzen Abend damit zubrachte, über eine Singularität zu sprechen, und dass er versucht hatte, einen Zusammenhang zwischen dieser Singularität und einer Gerichtsverhandlung herbeizuzerren. Zwischendurch wütende Tiraden auf jene Eleonora. Dunkel dämmerte etwas in ihm. Er wusste doch gar nichts über diese Verhandlung, doch er wusste alles über diese Verhandlung. Dieses Reiskorn – er hatte sich gar nicht gefühlt wie er selbst. Als gehörte er nicht in diesen Körper. Warum war Kata böse auf ihn? »Warum bist du böse auf mich?«
»Ich bin nicht böse«, sagte sie, während ihr Gesichtsausdruck sagte: Sehr wohl bin ich böse. Sie nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Er griff wieder nach ihrer Hand, sie zog sie weg: »Monatelang erzähle ich dir etwas über den Fall und über Morphologie und du hörst nicht zu und jetzt weißt du alles besser? Ich bin nicht böse. Ich bin enttäuscht. Jedenfalls werde ich jetzt Lyrie abholen, sie wird in einer halben Stunde am Terminal sein«, dann fügte sie vorwurfsvoll hinzu: »Du wusstest, dass sie heute kommt, nicht?« Er ließ sich auf das Sofa zurückfallen. »Morphologische Freiheit ist wichtig«, sagte Kata. Er hatte sie diesen Satz oft sagen hören. Er brummte.
Sie redete weiter: »Jeder Mensch soll die Ersatzteile und Erweiterungen haben dürfen, die seinem jeweiligen Körper passen. Darum geht es. Nicht um irgendetwas, was uns unmenschlich oder übermenschlich macht. Um das Menschsein geht es. Die Auflösung persönlichkeitsbeschränkender Rollen und Ungleichheiten. Um die Menschlichkeit und damit um die Menschheit selbst.« Er brummte wieder, Kata wertete dies wohl als Zustimmung, stand auf, stellte ihm ein Glas Saft hin, strafte ihn nochmals mit Blicken. Sandor schloss die Augen und konnte hören, wie sie die Wohnung verließ.
Seine Hand zitterte und er brauchte einen Moment, um zu bemerken, dass es der Log war. Er versuchte es zu ignorieren. Dabei hatte Kata ihm doch gesagt, dass es nur am Anfang mühsam wäre. Ständig wollte der Log Genehmigungen zu Standardeinstellungen und bot auch an, alle Zugriffe zu erlauben. Sandor konnte nicht einfach »Ja« sagen, er wollte sie alle einzeln lesen, hatte aber gerade keine Lust, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Er griff nach dem Saft und schlurfte durch das Wohnzimmer. Was sollte er tun mit dem angebrochenen Tag und dem schweren Kopf? Er konnte sich an kein Wochenende erinnern, an dem er sich so leer und erschöpft gefühlt hatte. Die Hand vibrierte wieder. Er stürzte den Saft hinunter: Die Wirklichkeit konnte ihn heute. Er wankte an Katas neuen, noch verpackten Bestellungen vorbei und schleifte seine Füße ins Virtuali. Er schaltete das Becken ein, setzte die Maske auf und wartete, bis das Gel Körpertemperatur erreicht hatte. Er hielt sich am Beckenrand fest, als er hineinkletterte. Sein Gleichgewichtssinn hatte unter den gestrigen Ereignissen gelitten. Er versank in dem weißen Gelee, genoss die frische Brise aus der Maske und tastete nach dem Knopf, der seinen aktuellen Spielstand lud. Katas Spiel. Darf der Log auf Ihre Spiele zugreifen? Nein. Hier konnte er ihn noch aussperren. Stummschalten. Kata hatte es kein einziges Mal gespielt. Sie hatte nur entschieden, was sein durfte und was nicht. Über sich hörte er die Vögel in den Bäumen, sie zwitscherten und raschelten. Er atmete durch. Nur noch zwei Quests und er würde zum nächsten Level aufsteigen. Hinaus aus den Birken, weg von den Sümpfen, hin zu den Savannen und schließlich Tropenwäldern. Solange er hier war, war alles leicht. Im ersten Level hatte er zwischen den Tannen noch mit Fäusten siegen müssen. Die Figur, die er gewählt hatte, war ein Jäger, jedoch war es nicht seine Aufgabe zu jagen, sondern die Tiere des Waldes vor Wilderern und Baggern zu schützen. Vor Menschen und Maschinen. Die Wilderer hatten es auf die Geweihe der Wolpertinger und auf die Zähne der Vampirrehe abgesehen. Die Bagger auf die großen, menschenleeren Territorien und auf die betonlose Unsicherheit. Auf dem ersten Level hatte er sich einen Wolpertinger gezähmt. Jetzt vermisste er den kleinen Gesellen, der stets friedlich vor sich hin mümmelte, um bei Gefahr doch wild hoppelnd und Geweih voraus dem Gegner entgegenzustürmen. Auf dem jetzigen Level hatte er sich einen Wolf gezähmt und eine Schusswaffe erobert. Auch seinen Wolf würde er nicht ins nächste Level mitnehmen können. Er klopfte sich auf den Oberschenkel und das Tier folgte wie ein Hund. Nur die menschlichsten Wölfe ließen sich nicht zähmen. Er tätschelte dem Tier den Kopf und sie streiften über die Lichtung. Der Questgeber im Dorf hatte ihn beauftragt, das »ungewöhnliche« Tier, das hier wüten sollte, lebendig zu ihm zu bringen. Er müsste es untersuchen. Dann gäbe es einen Folgequest und Sandor könnte aufsteigen. »Ungewöhnlich« war nun nicht gerade eine präzise Beschreibung. Das hat man davon, dachte Sandor, dass man den Spieldesigner selbst die Quests schreiben lässt. Er wusste nicht, wonach er suchen sollte, also gingen sie spazieren. Der Wolf signalisierte ihm, dass er begann, hungrig zu werden, und Sandor entschied, ihm später ein Kaninchen zu fangen. Er genoss die frische Luft und das Geräusch des Laubs unter seinen Füßen, so streunten sie den halben Tag. Man könnte sich hier ein Paradies bauen. Da spitzte der Wolf die Ohren und beschleunigte seine Schritte in das Dickicht hinein, stets so, dass Sandor ihn gerade noch sehen konnte. Sandor bog einige Zweige beiseite und sah, wie zwei Männer in militärischen Uniformen, ihre Gewehre am Rücken, eine Kreatur, ein dunkelgrünes Etwas, aus dem Wasser eines kleinen Teiches an den Füßen aufs Ufer zogen. Ein ungewöhnliches Wesen, halb Mensch, halb Seegras. Ein schmaler Frauenkörper, schrill kreischend. Die beiden Männer zerrten die Kreatur an den Füßen, schleiften sie zu zweit über Laub und Zweige, mit dem Gesicht nach unten vom Ufer weg. Langsam, leise, griff er nach seiner Flinte, setzte an und mit lautem Knallen schoss er einem der beiden geradewegs in den Rücken, der fiel auf der Stelle um und ließ sie los. Sie drehte sich auf den Rücken, trat mit dem freien Bein nach dem anderen, der sie noch gut drei Meter weiterschleifte. Sandor sprang aus dem Dickicht und schlug dem Mann den Kolben seines Gewehres so fest er konnte ins Gesicht, einmal, zweimal, dreimal, viermal, bis von dessen Gesicht nicht mehr viel übrig war und er die Kreatur loslassen musste, die sofort wieder auf den Teich zukrabbelte. Sein Wolf versperrte ihr knurrend den Weg. Sandor stürzte sich auf sie, mit dem ganzen Gewicht seines Körpers. Sie zappelte, wehrte sich. Er sollte sie lebendig bringen, er würde sie zähmen müssen, sie trat ihm ein Knie in die Magengrube. Er würde sie unterwerfen müssen und presste sie mit aller Kraft zu Boden. »Ich könnte dich haben«, signalisierte er ihr. Er wusste gar nicht, ob es das Spiel zuließ, dass sie seine Erektion an ihrem grünen glatten Körper fühlte. Sogleich schämte er sich und versuchte, seine Hüfte ein Stück weit von ihr zu entfernen. Sofort trat sie wieder gegen seine Brust und schlug ihm mit dem Knie ins Gesicht. Der Wolf knurrte. Mit Wucht prallte sein Körper auf ihren, und er war zu schwer, als dass sie sich befreien konnte. Draußen in der Welt wäre er nicht mehr aufgestanden. Hier war er stärker. Es legte seine Finger so fest, dass es ihn beinahe selbst schmerzte, um ihr Handgelenk, holte das Seil aus der Tasche, das zu verknoten er im letzten Level gelernt hatte, verschnürte ihr die Arme hinter dem Rücken und wunderte sich keuchend, warum das Spiel ihn nicht endlich fragte, ob er mit der Kreatur sprechen wollte. Er sah sich um. Zwei tote Wilderer, er, der Wolf, immer noch kam keine Frage aus dem Spiel. Er lauschte, die Vögel zwitscherten. Die Sonne stand bereits tief, also knotete er das Ende des Seiles um einen Baum und schlug ein Nachtlager auf, der Wolf würde bis morgen auf sein Kaninchen warten müssen. Er stopfte seinen Rucksack unter den Kopf und schloss die Augen, um dem Spiel zu signalisieren, dass es zum nächsten Tag springen konnte, hatte jedoch Schwierigkeiten einzuschlafen, denn das Wesen starrte ihn ohne Unterlass an. Zu seinem Erstaunen erwachte er nicht vom Sonnenaufgang, sondern vom heimlichen Griff der Kreatur nach seinem Messer. Sie hatte es geschafft, den Knoten zu lösen, und als er die Augen aufschlug, sprang sie auf ihn zu. So mühsam hatte sich noch nie ein Quest gestaltet, dachte er, während er ihre Hand mit dem Messer über seiner Brust von sich fernhielt. Wie konnte so eine kleine Gestalt solche Kraft haben? Wo war sein Wolf? Gerade kippte sie mit all der Energie, die sie in diesen Messerstich gelegt hatte, nach vorne, gerade fuhr das Messer neben seinem Gesicht in den Waldboden, gerade konnte er ihren Atem auf seinem Gesicht spüren, da fragte das Spiel: Dem Tier erlauben zu sprechen? Und sie rollte sich keuchend neben ihm ins Laub. So spät, dachte er, fast hätte er verloren, während er auf die Schrift vor seinem Gesicht starrte, den grünen Körper aus den Augenwinkeln wahrnahm und wusste, sie würde noch einmal versuchen, auf ihn einzustechen. Bestätigen.
»Ach, bist du hier Gott oder was?«, sprang sie auf. »Dem Tier erlauben zu sprechen«, äffte sie die Frage nach und fügte wütend hinzu: »Du hast gezögert, warum hast du gezögert?«
Sandor war überfordert. Er war es nicht gewohnt, dass Tiere, die sprechen durften, so reagierten. Die meisten beschränkten sich auf »Danke«, schenkten ihm etwas oder fragten: »Wie kann ich zu Diensten sein?«
Der Wolf saß gähnend mit blutverschmiertem Maul vor ihm, er hätte ihn doch noch füttern sollen. »Warum hast du gezögert?«, wiederholte sie mit seinem Messer wedelnd.
»Ich habe nicht. Ich meine, ich wollte nicht. Schau mal, ich habe dich gerettet«, stotterte er vor sich hin.
»Niemand kann irgendwen retten«, erwiderte sie leise schnaubend. Sie stapfte auf den Teich zu, als sei sie fertig mit ihm. Da erschien die Frage: Tier rufen? Sandor bestätigte und sie machte kehrt, widerwillig: »Das ist nicht dein Ernst?« Doch das waren die Regeln des Spiels. Ein sprechendes Tier war ein fast gezähmtes Tier, ein Tier, das man rufen konnte, und es würde kommen. Der Wolf gähnte immer noch. »Ich soll dich ins Dorf bringen«, sagte er.
»Du sollst gar nichts«, sagte sie.
»Ich sollte die ungewöhnlichste Kreatur dieses Waldes finden und sie ins Dorf bringen. Du bist die ungewöhnlichste Kreatur.« Er wusste nicht, warum er sich hier rechtfertigen sollte. Vor einem nackten Waldschrat. Ihre Haut glänzte im Dämmerlicht. In einem dunkleren Wald wäre sie fast unsichtbar. »Du weißt gar nichts über mich«, pfauchte sie. Er wusste, dass das in diesem Spiel nur eines bedeuten konnte: Du hast bereits alle Informationen, um diesen Quest zu erfüllen.
»Ich werde dich zum Questgeber bringen«, sagte er und sie antwortete: »Ja, bestimmt«, als sei dies alles für sie erledigt. Was für ein widerspenstiges Geschöpf.
Als die Sonne aufging, schulterte er seine Tasche, pfiff nach dem Wolf, pfiff nach dem Geschöpf und auch wenn sie zeterte, schritt er voran, zurück zum Dorf. Auf der Lichtung, deren Sonnenschein er am vorherigen Tag so genossen hatte, wurde der Wolf ganz aufgeregt, wedelte mit dem Schwanz und führte Sandor zu einem zerfetzten Kadaver. Dies war es wohl, was der Wolf letzte Nacht erlegt hatte, ein langer, schwarzer Wurm mit dem Gesicht einer steinernen Maske. Auch dieses Tier war höchst ungewöhnlich. »Ungewöhnlich« war keine gute Beschreibung, dachte Sandor wieder. Das sollte Kata geschrieben haben? Darf der Log auf Ihre Spiele zugreifen? fragte der Log, und die grüne Frau zuckte erschrocken zusammen, gerade, als er eine helle Glocke hörte: Kata stand wohl vor dem Virtuali, vielleicht hatte sie Lunchboxen geholt. Sie waren miteinander gelogged. Wenn sie es wollte, war sein Log auch hier nicht leise. Er seufzte. Er hörte Lyries Stimme draußen gedämpft »Mutter« sagen, auch er hatte seine Mutter nie Mama genannt. Sie war ihm wohl ähnlich. Die Wirklichkeit wollte ihn zurück. Sandor loggte sich aus.
13Der Schlund
Im Jahr 1016 des Konsuls
Kein Signal.
Niemand wurde vom Blitz getroffen, niemand ging verloren. Emma versuchte Jackies leuchtende Hände im Blick zu behalten. Als der gröbste Regen vorbei war, zogen sie ihre Regenmäntel über, nur Potz nicht, der das Wasser zu genießen schien, und marschierten los, durch das beständige, gleichmäßige Plätschern. Emmas Mantel war rot, Jackies war blau und Grubers gelb. Wie Zwerge im Wald, dachte Emma. Im Gehen summte Potz Melodien, die sie nicht kannte, und ihre Augen waren so müde, dass sie einfach nur mehr der Melodie hinterherstolperte, der Stimme folgte, und ein wenig glaubte sie, dass er nur ihretwegen summte. Erst als die Sonne schon hoch über dem Berg stand, machten sie Rast zwischen einigen Felsen. Sie packten ihre Müsliriegel aus, Potz fädelte Pilze auf ein Stück Draht, um sie über einem Feuer zu rösten. Emma wusste weder, wann er die Zeit gehabt hatte, sie zu sammeln, noch wie er das Feuer zustande gebracht hatte: Alles triefte vom Unwetter der vergangenen Nacht. Emma lehnte sich an einen Felsen. »Wir werden mehr Proviant brauchen«, sagte Potz, »wenn wir gegessen haben, werden wir dort unten auf den Lichtungen unser Glück versuchen, dann gehen wir weiter in diese Richtung.« Er deutete in die Landschaft, für Emma war es einerlei. Die ganze Welt war entweder zu nah oder zu weit entfernt, um sich zu orientieren. »Wir werden Funkstationen umgehen, daher wird es länger dauern als der direkte Weg«, fuhr Potz fort.
»Wir müssen schlafen«, sagte Emma, wie betäubt schien ihr Kopf immer wieder nach vorne oder hinten kippen zu wollen. Sie war froh, dass er ganze Sätze verwendete, das taten heute nur noch wenige. Potz lachte: »Noch nicht. Wir müssen Abstand zwischen uns und das Lager bringen. Inzwischen wird man uns vermissen.« Sie schlang die Arme um den Körper. Wenn sie müde war, fror sie. Ihre Schuhe waren nass, sie machten ein quatschendes Geräusch bei jedem Schritt. Potz hielt ihr den Draht mit den Pilzen hin, sie griff nach einem, ihr Magen knurrte. Nun bemerkte sie erst, dass Potz seine Schuhe ausgezogen hatte. Feste Boots, an den Schnürsenkeln zusammengebunden und über die Schulter gehängt. Dass seine Füße so etwas aushielten, all die Zweiglein, Wurzeln und Steinchen hier draußen, doch er schien es richtig zu genießen und die Erde, die ihm zwischen die Zehen gequollen war, trocknete auf seiner Haut.
Jackie schien sich an Gruber gewöhnt zu haben, hing an ihm und auf ihm, als gehörte er jetzt ihr. Sie schenkte Tee aus einer Thermoskanne in den Verschluss und schlürfte laut. Dann hielt sie Emma ein Säckchen mit Nüssen hin. Diese hatte sich noch gewundert, wie Jackie den Rucksack überhaupt tragen konnte, so voll an allem Möglichen schien er, bemerkte aber jetzt, dass Gruber sich dieser Aufgabe angenommen hatte. Manche fanden immer einen Dummen. Da sprang Jackie auf, blickte in die Ferne, sank aber gleich wieder auf ihren Platz zurück, als glitchte sie. Blitze im Kopf, dachte Emma.
»Was war das?«, fragte sie Potz.
»Jackie sieht Dinge«, sagte er und strich Jackie über den Kopf. Sie lächelte, das konnte sogar Emma sehen, als sei sie ein Hündchen, das gerade von seinem Herren gelobt wurde.
Sie hätte zurückgehen sollen. Sie hatte doch nichts getan. Das alles war Jackies Problem. Davonzulaufen war auch damals, als sie gemerkt hatte, dass ihr Aufenthalt in der Bibliothek Folgen haben würde, ihr erster Impuls gewesen. Sie war nicht nach Hause gegangen, nachdem sie die Nachricht erhalten hatte, vorstellig zu werden. Der Log hatte sie informiert, dass sie einen neuen Termin hatte: Gespräch beim Informationsservice. Sie starrte die Nachricht an, wusste nicht, wohin mit sich. Zitternd hatte sie sich in ein Café gesetzt, und als sie bezahlte, war ihr klar, dass der Log die Kosten in den Account eintrug. Sie hatte doch nichts getan. Das hier war Jackies Problem. Jackie hatte jemanden umgebracht. Sie wiederholte gedanklich: umgebracht. Einen Menschen.
Da lächelte Jackie sie an. Jackie konnte doch niemanden umgebracht haben. Sie sah aus, als würde sie in tausend Scherben zerspringen, wenn man sie zu hart anblickte. »Du hängst da mit drin«, sagte Potz, als hätte er erraten, was sie dachte. »Du hast uns rausgelassen«, er zündete eine Zigarette an, eine echte, »und das Mütterchen mit dem Kuchen ist längst vorbeigegangen.« Er nagte die letzten Pilze vom Draht: »So, hopp, weiter. Die Blindschleiche kommt mit mir, Beeren, Pilze, Sauerampfer, was ihr findet.«
»Ich erkenne keine«, begann Gruber, doch Potz unterbrach ihn: »Jackie erkennt sie. Und wenn ihr einen Bären seht, macht euch groß oder stellt euch tot. Versucht nicht, auf einen Baum zu flüchten. Die klettern besser als ihr.«
»Bären?«, flüsterte Gruber, doch Jackie mit ihrem delikaten kleinen Porzellangesicht schien nicht die geringste Miene zu verziehen. Ein Bär war eben kein Blitzschlag.
»Warum willst du den Konsul überhaupt bitten? Wenn hier nicht Union ist, könntest du ja dann gleich in der Goldenen Stadt bleiben«, sagte Emma nun. Das alles kam ihr nun doch bedenklich vor, defragmentieren konnte sie es nicht. »Emmchen, Emmchen, wie aufmerksam«, sagte Potz spöttisch. Ja, daran hatte Potz wohl nicht gedacht, er hielt sich für klüger als alle anderen. Sie hatte doch gewusst, dass er keinen Wert auf eine unbefleckte Akte legte. Dem war bestimmt auch egal, ob er je wählen durfte.
»Wir bitten dort nicht für uns, wir retten die Welt«, grinste er sie an.
»Die Welt?« Sie kniff die Augen zusammen, um ihm zu signalisieren, dass sie ihn für lächerlich hielt. Was für ein Unfug.
»Ja, die Welt. Alle Erinnerung der Welt«, grinste er immer noch.
»Alle Erinnerung der Welt«, wiederholte sie mechanisch. Er kramte ein kleines Notizbuch hervor: »Ich habe ausgerechnet, wann der nächste Sonnensturm kommt. Zumindest in etwa. Das ist nicht einfach zu berechnen. Das ist schließlich nicht bloß Wind und Regen, sondern Magnetismus. Der Log muss Taten setzen, sonst ist alles gelöscht, alles, was je gespeichert wurde, jede Erinnerung, dein, ja, auch dein Log. Die Zivilisation würde zusammenbrechen.« Emma überlegte kurz. Sie hatte Karell schon so lange. Als fände sie die Antwort in den dunklen Baumwipfeln oder den auseinanderstrebenden Farnen, sah sie sich um. Was täte sie ohne Karell? »Und dafür braucht es dich?«, fragte sie wieder. »Du glaubst nicht, dass sich der Konsul schon darum gekümmert hat?« Potz schüttelte den Kopf: »Ich habe mit magnetischen Impulsen Versuche gemacht. Der Log ist dafür nicht bereit. Die haben nicht an die Sonne gedacht. Sie hätten an alles denken müssen.« Emma wusste nicht, was sie davon halten sollte. »Wir sollten zusammenbleiben«, sagte Potz nun ohne das Grinsen, »die Bären«, fügte er an.
Emma schlich also wieder dem Potz’schen Summen hinterher, ärgerte sich über ihre Blindheit, seine Worte hallten in ihrem Kopf nach: Jeder dunkle Fleck konnte ein Bär sein und Magnete störten den Log. Sie wusste nicht, was schlimmer war. Manchmal sah sie Bären in den Zweigen hängen. Manchmal glaubte sie Karels Vibrieren zu spüren. In ihrem Kopf verhandelte sie mit den Bären, die sie doch nie zu treffen hoffte. Jackie hätte ihnen geräucherten Fisch und Käse aus ihrem Rucksack gereicht, als zollte sie ihnen Tribut auf dem Weg durch den Wald, und die Bären hätten sie ruhig weiterziehen lassen. Wie in einem Märchen, als könnten die Bären sprechen. Ihre Schuhe machten immer noch dieses Geräusch, die Füße in den Socken mussten schon ganz aufgeweicht sein. So trottete sie dem Summen nach und wusste nicht, was sie hier eigentlich tat, denn sie konnte ohnehin nichts pflücken, da sie kaum etwas sah. Vielleicht war sie Bärenfutter. Potz blieb stehen, hielt ihr etwas vor das Gesicht: »Riech.« Es stank abscheulich, aber auch frisch. »Was so riecht, kann man essen«, meinte er, dann entfernte er den Farn aus ihrem Gesichtsfeld und deutete um sich: »Alles, was so riecht.« Sehen musste sie dafür nicht, das ist wahr. So brachten sie einige Zeit zu, Potz’ Summen war manchmal näher und manchmal ferner, aber immer hörbar. Nach einiger Zeit machten sie sich auf den Rückweg und Potz fragte, ob sie von hier alleine zurückfände und sie nickte. Sie konnte die Umrisse des Felsens von hier aus sehen. Sie erinnerte sich wieder an das Spiel, das sie in ihrer Kindheit im Virtuali gespielt hatte, aber sie war nie weiter als bis Level vier gekommen, sie hatte nicht einmal einen Wolf gezähmt und konnte sich an die Pflanzen und ihre Gerüche kaum erinnern. Das Spiel hätte sie für das jetzt vorbereiten können. Potz’ Summen war ihre einzige Sicherheit. Vielleicht kannte er das Spiel auch, hatte es sogar zu Ende gebracht. So ging sie weiter, als es plötzlich stumm wurde um sie und nur mehr das Laub, das Quietschen ihrer Schuhe, das Brechen der Zweiglein zu hören waren. Als seien alle Tiere verstummt: Die Vögel sangen nicht mehr. Sie lauschte, schob ihre Füße langsam aus den Sneakern, drückte sich an einen Baum. Da ertönte ein Dröhnen über ihr, der Wind tobte, das nasse Laub klatschte ihr ins Gesicht, Zweige brachen und die Tiere des Waldes schienen zu schreien und zu kreischen. Sie rannte los, nicht wissend, in welche Richtung sie sollte, um dem Toben aus dem heiteren Himmel zu entgehen, stolperte dahin und stürzte schließlich über etwas Weiches. Jedoch war es nicht, wie sie befürchtete, ein schlafendes Bärenkind, sondern Jackies Rucksack, und um sie beide tanzte das Laub. Wo war Jackie? Wo war Gruber? Emma griff nach dem Rucksack und rannte weiter, hörte Jackie rufen: »Das Geschrei der Bäume von Nordwesten!«, als das Getöse plötzlich tiefer zu werden schien. Jetzt begriff sie, dass über ihnen ein Helikopter war. Sie lief in die andere Richtung, rannte und wusste, dass es für Jackie nicht gut ausgegangen war, wusste, dass sie gefunden worden war, bis jemand sie von hinten packte, in eine Richtung zerrte, über einen kleinen Abgrund stieß und in das Erdreich unter einen halb vom Sturm entwurzelten Baum zog. Sie wollte schreien, presste den Rucksack an sich, doch Potz umschloss sie mit den Armen, drückte ihr Gesicht in die schwarze Erde, den Schlund eines gewaltigen Wurzelwerkes über ihnen. Als hätte die Erde sie verschluckt. Der Rucksack pulsierte, und mit Potz’ Körperwärme um sich gab ihr Geist es endlich auf, ihren Körper wachhalten zu wollen. Sie fiel in einen ohnmächtigen, traumlosen Schlaf.
14Häschen aus dem Hut
Im Jahr 1 vor dem Konsul
Aus dem Newsfeed im Jahr 1 vor dem Konsul
Friedensmission abermals mit Hilfskonvois auf dem Weg ins Goldene Reich
Frank wusste nicht Dinge, er wusste Dinge besser. Frank hatte alles studiert, aber von allem stets nur das erste Semester. »Magie!«, rief Soligie, als sie ihn kennenlernte, und er kicherte in sich hinein, nicht Magie, sondern Technologie stand dahinter, wenn er ihr das Häschen aus dem Hut zauberte, und sie hegte und pflegte es, bis es nach zu langen Jahren starb. Alles erschuf er für Soligie. Mit Soligie ging die Sonne auf. Mit Soligie ging sie unter. Irgendwann einmal. Vor langer Zeit. Frank war überzeugt: Alles auf der Welt musste erkauft werden und auch jede Liebe war käuflich. Man musste nur die Währung herausfinden. Bei manchen mochten es Handtaschen, Schuhe oder beides sein, bei anderen waren es Nettigkeiten und der Versuch, ernsthaft ein liebenswerter Mensch zu sein und sich um jemanden zu kümmern. Soligie wollte lieben und geliebt werden, und das Häschen half mit.
Sie wühlte mir ihren Fingern im Hasenfell und merkte: So lange könne ein Häschen doch gar nicht leben. Soligie hatte jahrelang keinen Gedanken daran verschwendet, wie lange ein Häschen leben konnte, sie hätschelte es, fuhr mit den Fingern durch sein Fell und liebte es wie ein Kind. Jahre später hatte sie Frank unterstellt, das Häschen, Karl-Friedrich, heimlich ausgetauscht zu haben, aber er hatte ihm einfach ein längeres Leben gegeben. Er hatte es zurechtgecrispert, damit Soligie nicht so bald weinen musste. Ein Medizinstudent im ersten Semester konnte DNA zerschnippeln und neu zusammenbauen wie Lego, man benötigte nur ein bisschen Equipment. Doch sie hörte nach dem Vorwurf auf, es zu liebkosen, und Frank bemerkte es erst, als es zu spät war: Karl-Friedrich war an Depressionen gestorben. Da nützten auch die besten Gene nichts. Am Ende hatte er zwei Dinge gelernt: Mit der richtigen Ausrüstung und ausreichend Geld war alles einfach, er hatte doch auch ein Semester Wirtschaft gemacht. Er hatte gelernt, wie man den nackten Glauben an die Zukunft zu Geld machte. Die zweite Lehre, die er daraus zog, war, dass nichts ein gebrochenes Hasenherz heilt. Für Frank war der menschliche Körper ebenso Experimentierfeld wie der Rest der Welt. Ärzte ordneten doch auch nur Daten, und die moderne Technik, nicht die Magie, schenkte uns die Überwachung des Organismus. Wir sind nicht mehr als ein Haustier, dachte Frank, und rührte sich ein Schüsselchen mit Astronautennahrung an. Was mit der menschlichen Gattung geschah, war doch nicht Schicksal, sondern Experiment, als hätten Außerirdische versucht, uns mittels Algorithmen endlich zum Schwarmgehirn zu formen. Uns eins werden zu lassen, als sei der arme Planet von einem parasitären Schwarm befallen. Grillen, die beständig ihre Beinchen aneinanderrieben und darauf warteten, auf die nächste Stufe der Evolution gehoben zu werden: ein einziger Organismus. Er dachte über das Theremin nach, während er die Astronautennahrung vom Löffel lutschte, anstatt sie aus einem kleinen Säckchen zu saugen. Nur eine persönliche Präferenz, die man sich wegzüchten konnte, abtrainieren. Ein Musikinstrument, das man zum Musizieren gar nicht berühren musste. Ja, wie schwierig die Übung des Affen, der an einem Arm am Baum hängt, auch sein mochte: Wer hat es ihm denn befohlen? Das ist die eigentliche Frage. Er ließ sich auf einen Barhocker fallen.
Früher hatten sie sich noch gefürchtet, er hatte es im Geschichtsstudium gelesen, vor einem futuristischen Barock absolutistischer Technokratie. Als ob sie wüssten, was das bedeutet. Das ist nicht Technokratie, Konsumokratie ist es. Der feste Glaube über alle Konfessionen hinweg an den Tauschwert des Geldes. Das Wahlrecht wird in kleinen Häppchen weggekürzt, stattdessen wählt man mit Geld. Als Konzern kann man Stimmen kaufen, LikesLikesLikes, und der Algorithmus ist auch käuflich. Als Privatperson kann man nur mehr bewerten und »ich unterstütze« klicken. Alles ist nur noch Online-Aktivismus, eine Illusion. Das schmeckte Frank nicht und er merkte, wie die Vanille-Astronautennahrung denselben Ekel bei ihm hervorrief wie der Glaube an Klicks. Er dachte, er hätte ein gutes Reiskorn erwischt, bei seiner Ersetzungsfeier, das ihm vom ewigen Leben erzählte, aber Sandor, oh, Frank hatte die Frau gehört, deren Stimme in seinem Wohnzimmer aus Sandors Kehle quietschen durfte. Dieses Quietschen glitchte einem ja im Kopf.
Es war Li Na, die dem Vorstand ihrer Firma vorwarf, dass der Log nur mehr gegen sich selbst spielte. Mehr Geld für Werbung, mehr Geld für Konsum, mehr Geld für wirtschaftliche Stabilität. Alles geschah nur, damit die Menschen untätig waren und glaubten, mit Likes und abermals Likes die Welt zu bewegen. Sandor würde sich nicht so genau an die Worte Li Nas erinnern wie Frank, und Li Na sprach klar. Als hätte sie niemals Angst gehabt, als wollte sie nicht die Wichtigkeit von Dingen verbergen, für Klicks und Likes. »Negativer Geldfluss« würde sie niemals sagen. Sie würde sagen: »Pleite«. »Innerstädtische Substandard-Unterkunft« würde sie »Favela« nennen.
Der Log musste sich nicht entscheiden, ob es besser war, eine heile Welt vorzugaukeln und so zu tun, als gäbe es kein Schreckensregime, wie es die Nazis getan hatten, oder die Kunst zu zwingen, die Leitsprüche des Regimes wiederzukäuen, wie die Stalinisten. Nein, der Log konnte beides. Frank stellte sein Schüsselchen in den Geschirrspüler und überprüfte auf seinem privaten GPS-Server, wo sich seine PunktNull-Doppelgänger befanden. Er hatte sich zwar nur einen genehmigen lassen, aber wer merkte schon, ob er fünf, zehn oder hunderte produzierte. Er würde warten, welche Informationen sie ihm aus der Realität brachten, während er gemütlich hier saß und so tat, als nähme er an der Beschäftigungstherapie des Logs teil. Das Licht der Aufklärung, von dem alle sprachen, war doch auch nur Phrase. Das Licht, das der Äther predigte, war eine Farce. Er war Puppenspieler und ließ die Schnüre eine andere Geschichte erzählen als die Figuren. Ja, wer nur auf die Schnüre blickte, mochte die Geschichte der Figuren übersehen, denn die Schnüre erzählten keine Kindermärchen, wie es Tante Brause tat. Die Schnüre erzählten von der Funktionsweise der Welt. Der Log wollte ihn als Propagandisten haben und das war es, was die Schnüre erzählten, als Schattenspiel, an der Wand hinter ihm: Links von seiner Schulter krächzte der Schatten in eckigen Buchstaben: »Wo ist der Propagandist? Er soll über den Krieg schreiben.« Rechts von seiner Schulter sagten die Buchstaben: »Aber etwas Schönes, bitte!«
Die Geschichte hingegen behauptete, dass dies ein nicht vertretbarer Gedanke sei, es keine Propaganda gebe, dass es empörend sei, was die Zeitungen des Goldenen Reiches über die Union berichteten. Im Brustton der Entrüstung würden die »ehrlichen Figuren« stets über die Feinde siegen. Die Krebse in den Muscheln gegen die Krebse in den Puppenköpfen. Gegen die Niedertracht! Der böse Wolf, den man an den Schnüren des Puppenspiels in die Unionsarena gebracht hatte. Solche Spielereien konnten seine PunktNulls mittlerweile ganz eigenständig. Eines Tages würde ihm einer von ihnen das Wasser reichen können. Nur selten kommentierte jemand online seine Darbietungen mit Meldungen wie: »Das ist alles, was Ihnen zu diesem Verbrechen einfällt? Selten einen so schweinischen Vergleich gesehen.« Zumeist aber applaudierte man ihm in den Netzen, und er hielt Ausschau nach jenen Kommentaren, die erkennen ließen, wie sinnlos doch Kommentare waren. Er hielt Ausschau nach jenen, die verstanden, dass sie hier keine Krieger waren, keine Krieger der guten Sache. Soligie hatte sich nach Karl-Friedrichs Tod oder eher, nachdem sie ihn nicht mehr für Karl-Friedrich hielt, diesen albernen Schaukämpfen zugewandt. Hatte entschieden, zur Welt beizutragen. Sie wähnte sich im Krieg gegen falsche und unmoralische Meinungen, die Kostüme, die sie für den Äther herbeizauberte, hielt sie für wichtige Statements der Gleichheit, und so steckte sie Trashalong zum Beispiel immer wieder in Drachenschuppen, um die Dragonkinbewegung zu unterstützen. Die beiden, dachte Frank, wollten sich doch nur selbst vergewissern, dass sie ihre Legende bekamen. Als wüssten sie nicht, dass sie sterblich waren.
Frank schloss die Programme, lehnte sich auf seinem Barhocker zurück. Er hatte ein Universum erschaffen wollen und war doch degradiert worden zu einem albernen Trickster, der hinnehmen musste, dass Soligie die Welt nicht verstehen wollte – er seufzte. Vielleicht würde sie es verstehen, wenn sie etwas hätte, um es zu liebkosen, etwas, das System und Systemfehler gleichermaßen war. Er musste nur die richtigen Teile finden: ein Teil Frank, ein Teil Soligie und ein Teil Magie. War denn nicht auch Soligie nur die Summe ihrer Teile? Fleisch und Därme, Muskeln und Sehnen, Gekröse, Schleim und Blut? Ebenso wie Karl-Friedrich? Er würde ihr ein Kind bauen, ein ideales Kind, das nicht scheitern konnte am Leben, um das sie niemals trauern musste.
15The making of Brause
Im Jahr 1 vor dem Konsul
Newsfeed im Jahr 1 vor dem Konsul
Tante Brauses gesammelte Werke. Sie verzaubert mit magischen Szenarien, mythischen Figuren und strahlenden Bildern. Tante Brauses Sendung als Text, Ton, Bild und in 3D erscheint nun endlich in der Mediathek. Ein Archiv der liebsten Märchen Ihrer Kinder, ohne Zeitlimit abrufbar. Tante Brause nimmt sich in ihren Erzählungen stets jener an, die es am schwersten haben. Seit Jahren verbindet sie Menschlichkeit mit Magie. Sehen Sie am Mittwoch die Dokumentation zu ihrer schriftstellerischen Tätigkeit.
Kata achtete genau auf ihre Likes. Marie postete alles, was gepostet werden musste, und zusätzliche Posts wählte Kata aus, Marie legte Filter über die Bilder. Nur selten überprüfte sie, was Marie für sie geliked hatte. Danke für die Spende, von der sie sich bewusst oder nicht bewusst war, sie getätigt zu haben. Ein Dislike für die Verwendung des Wortes »Person« in der Verfassung. Eine Bestellung von zellregenerativen Gummibären per Like. Man nannte es nicht mehr Nahrungsergänzung. Marie wusste, was Kata mochte. Kata war mit sich im Reinen. Der Sensor für Überreaktionen schlug bei ihr kaum mehr an, bei Sandor würde er vermutlich ständig durchdrehen. Aber sie, Kata, konnte sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren: wann blumige und wann trockene Sprache gebraucht wurde. Welche Daten dabei im Log aktiv wurden. Körper und Geist waren geordnet und sie half, die Ordnung der Welt im Gleichgewicht zu halten. Die Kanäle und Profile reagierten gleichermaßen, Marie korrigierte.
Sandor war wieder im Virtuali. Er konnte hundertmal behaupten, dass er einfach nur ihr Spiel so liebe, in Wahrheit floh er vor ihr. Immer wenn ein Konflikt auftauchte, floh er. Als ob sie Konflikt wollte, eigentlich wollte sie meistens auch nur ihre Ruhe haben. Den ganzen Tag hatte sie Menschen um sich, das ständige Schwirren, Zischen, Tuscheln, Klappern, die gedrückten Knöpfe, die Geräusche der Mikrofone und Kameras, wenn man sie ein und ausschaltete, das leise Züp eines Bildschirms, um sie herum war es chaotisch. Kakophonie, hatte Marie ihr gesagt, nannte man so etwas. Wie still wäre der Äther ohne die Menschen. Sie hatte Marie gefragt, ob sie auch glaubte, dass Sandor ihr aus dem Weg ging seit Franks Party. Marie kannte sie einfach am besten. Marie sorgte dafür, dass alle ihre Auftritte perfekt waren. Wenn sie sich Sorgen machte, erinnerte Marie sie daran, dass die Haltung der Mundwinkel ihr Gesicht formte. Man konnte immer noch etwas an sich verbessern, und Kata hatte Marie aufgetragen, sie zu verbessern. Manche sagten Selbstoptimierung, aber Kata fand, dass das ein scheußliches Wort war. Eine Gemeinheit von faulen Menschen.
»Das Problem mit Sandor ist«, fing sie an, während sie vor dem Spiegel ihre Creme einmassierte, »dass er leicht melancholisch wird. Dann verfällt er in Depression und will sich nicht helfen lassen. Er tut plötzlich alles, nur um mich auf Abstand zu halten, also alles, nur um mir wehzutun, so wie seine Rede über die morphologische Freiheit bei Franks Party. Dabei tut es mir leid, dass er Schwierigkeiten hat, gewisse Dinge zu verstehen. Ist es denn meine Schuld, dass er mir nicht zuhört, wenn ich ihm etwas erkläre?«, fragte sie, und Marie verneinte bestimmt. »Ich versuche ja, ihn auf dem Laufenden zu halten, damit solche peinlichen Dinge wie mit Trashalong nicht passieren, aber dann steht sie vor ihm und könnte genauso gut chinesisch reden, er verstünde ebensowenig. Und Trashalong ist so kindisch und überfährt ihn einfach damit. Sie will ja gar nichts erklären, sie will ihn ja nicht auf ihre Seite bringen, sie will nur die Diskussion gewinnen. Glaubst du, dass sich das ändert, jetzt, wo er sich endlich hat loggen lassen?«
»Das wäre möglich«, antwortete Marie.
»Möglich ist zu wenig«, murmelte Kata, »vielleicht liegt es daran, dass seine Mutter ein schlechter Einfluss war. Sandor hat, als wir uns kennenlernten, von seiner Kindheit erzählt und davon, dass die Mutter zum Direktor gerufen wurde, weil er nicht richtig denken würde. Er hat das einfach so erzählt, als wäre es eine lustige Anekdote, aber ich glaube, dass er wirklich oft nicht richtig denkt.«
»Wie nennt Sandor seine Mutter?«, fragte Marie.
»Er nennt sie Mutter«, antwortete Kata, »nicht Mama oder Mum, nein, Mutter, so richtig kühl. Ist das nicht eigenartig?«
»Vielleicht war ihre Verbindung nicht gut«, sagte Marie, und es tönte lang nach unter Katas Hirnschale. Nicht gut genug, um richtig zu denken zumindest. War Sandors Mutter nicht ohnehin institutionalisiert worden? Sie wollte Sandor gar nicht fragen, er wurde nur abweisend. Vermutlich saß er im Virtuali. »Die Dinge, die er teilweise sagt …«, seufzte Kata, »hätte er solche Dinge gepostet, so unüberlegt, voller Vorurteile. Bei jedem anderen würde ich seine Motive in Frage stellen, aber Sandor ist doch nicht böswillig, oder?«
»Vielleicht hat er nur eine große Potenzialspanne«, antwortete Marie und beruhigte Kata, dass es ihr nicht passieren könnte, so etwas zu posten, schließlich überprüfte Marie doch ihre Beiträge. Kata wusste nicht, ob sie es ohne Marie jemals geschafft hätte, das Wahlrecht zu erlangen. Sie war eine Gewinnerin und Marie half ihr dabei. Marie erinnerte sie daran, ihre Kleidung für morgen bereitzulegen. »Die blaue oder die graue Bluse?«, fragte Kata. »Die blaue«, antwortete Marie, »die graue Hose und die Ohrringe, die du ›Tingeltangel‹ nennst. Sie rahmen dein Gesicht so passend.« Kata kicherte. Marie spiegelte ihr Kichern. Vielleicht würde sie heute noch ein Märchen schreiben. Je mehr Märchen sie schrieb, umso mehr verstand sie, dass sie eine Verantwortung gegenüber der Welt hatte. Sie war hellwach, fokussiert und bereit für alles, was das Leben bot. Nur wie viel von Sandors Albernheiten sie ertragen konnte, das wusste sie nicht. Sie seufzte. »Willst du noch trainieren?«, fragte Marie und Kata nickte sich selbst im Spiegel zu. »Vergiss nicht«, sagte Marie, »Ethos, Pathos, Logos.« Das hatte Kata mit Marie gelernt: die drei Elemente eines Argumentes. Wer bin ich, dass ich mich dazu äußern darf, was sage ich dazu warum, und weswegen ist das wichtig für das Publikum.
Kata nickte wieder: »Los!«
»Was ist morphologische Freiheit?«
»Morphologische Freiheit bedeutet, den Körper frei erweitern und verbessern zu dürfen. Nicht der Durchschnitt der menschlichen Gesundheit soll als Maßstab dienen, sondern die Verlängerung des Lebens bei gleichbleibender Lebensqualität. Frei bedeutet jedoch nicht zufällig, denn schließlich soll die Tradition der Ungleichheit durch die morphologische Freiheit endlich aufgehoben werden. Die morphologische Freiheit verlangt nicht alles für jene, die es sich leisten können, und nichts für die anderen, sondern die Verbesserung der Lebensumstände aller, durch morphologische Unterstützung.« Kata lächelte in den Spiegel. Wenn sie in der Talkshow saß, musste sie bereit sein, es gab nur live oder gar nicht.
»Warum soll der Log das Recht haben, die Regelungen der morphologischen Freiheit anzuwenden?«, fragte Marie nun. Kata wusste die Antwort, es geschah aus demselben Grund, warum man dem Log das Auspendeln des Wahlrechtes überließ. Damals, als er eingeführt wurde, hatte es eine kurze Diskussion gegeben. Doch junge Menschen interessieren sich eben nicht für Politik, und daher war es bequemer und sicherer so, weil es nach eindeutigen Kriterien zuging. Eindeutige Kriterien, dachte Kata. »Der Log hat einen Überblick. Schließlich wollen wir am Ende doch Entscheidungsträger über das bleiben, was richtig und falsch ist, und das funktioniert nur mit einem Katalog an Kriterien, der wirklich alles, mitsamt aller historischen Entwicklungen, berücksichtigen kann. Diese Fähigkeit hat nur der Log. Wir speisen den Log mit Daten und der Log kann Bewilligungen erteilen, nach möglichst objektiven Maßstäben, damit richtig eingeschätzt werden kann, ob Bedürfnisse vernünftig oder berechtigt sind Das ist eine Entscheidung, die ich ebenso wenig wie Sie dem Ermessen eines Bürokraten oder der Willkür eines Funktionärs überlassen möchte.« Kata lächelte. Marie lobte sie. Kata gähnte. Genug geübt für heute, Marie erinnerte sie daran, dass sie Hunger hatte.
Sandor hatte sich abgetrocknet und trat vor die Tür des Virtuali. Kata wirkte benommen, als er die Tür öffnete: Sie hatte Lunchboxen besorgt und den Tisch gedeckt. Es war bereits später Nachmittag. Sie sagte, sie habe nicht viel Zeit, als sie sich zum Essen an die breiten Seiten des Tisches setzten. »Es ist unser Wochenende«, sagte Sandor. »Du hast ohnehin den ganzen Tag im Spiel verbracht«, erwiderte Kata und zuckte mit den Schultern, rollte Nudeln auf ihre Gabel. »Dein Spiel«, lächelte er und träge erwiderte sie es. »Es wird immer besser«, sagte er.
»Ja?«, antwortete sie. In Wahrheit kannte sie es nicht und interessierte sich nicht weiter dafür. Sie aßen still. Nach einer Weile fragte er: »Was hast du noch vor?«
»Marie hat mir ein Meeting verschafft.«
»Der Log hat dir ein Meeting verschafft?«, wiederholte er.
»Ja, du weißt, was ich meine. Du solltest deinen Log auch benennen, das ist einfach bequemer.«
Sandor schüttelte sich. Sie sprach weiter: »Sie hat meine Unterlagen an die Kommission geschickt. So wie es auf meiner Liste stand. Du wirst noch merken, wie viel einfacher das dein Leben machen kann. Jede Unzufriedenheit kann der Log eliminieren. Wenn dich etwas an deiner Tätigkeit nicht glücklich macht, wird er dir eine neue suchen. Wenn du dich langweilst, wird er dein Feld erweitern. Irgendwo auf der Welt gibt es immer einen Wettbewerb, der auf deine Fähigkeiten zugeschnitten ist. Weißt du noch, wo ich war, bevor ich Marie bekommen habe? Der einfachste Weg, Karriere zu machen: Es geht nur nach oben.«
»Langweilst du dich etwa?«, fragte er. Sie lächelte müde: »Nein, das ist es nicht. Aber es gibt so viel mehr, das ich kann.« Das Lächeln war ihr beim Sprechen vom Gesicht gerutscht, ihre Mundwinkel stemmten es nun wieder hoch. »Du siehst müde aus. Du wirst doch nicht krank werden?«, fragte er. »Nein, nein, Marie hat nur …« – sie unterbrach sich selbst, indem sie einen Bissen nahm. »Was?«, fragte er und kaute ein Stück unbekannter exotischer Frucht, die seinem Gericht beigefügt war. »Ich fühlte mich nicht gut, Marie hat das Gefühl abgestellt.«
»Abgestellt?« Sandor litt geradezu unter seiner eigenen Einsilbigkeit, genauso wie darunter, ihr alles aus der Nase ziehen zu müssen.
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