Kitabı oku: «Buried Far Away – In der Ferne begraben»
– In der Ferne begraben
Biografische Angaben

Cornelia Brelowski lebt in Berlin.
Sie ist Schauspielerin, Künstlerin und Journalistin und schreibt regelmäßig Kunstrezensionen.
Buried Far Away ist ihr erster Kurzroman.
– In der Ferne begraben
Cornelia Brelowski
BURIED FAR AWAY – IN DER FERNE BEGRABEN
Novelle
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
– In der Ferne begraben
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
– In der Ferne begraben
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
TEIL I (New York)
TEIL II (London)
TEIL III (Hampstead)
TEIL IV (Tasmanien)
TEIL V (Newby)
INTERLUDIUM (Berlin)
TEIL VI (Nasir)
FINALE (Die Vernissage)
Epilog (New York)
– In der Ferne begraben
TEIL I (NEW YORK)
Sie suchte wie immer nach der Wahrheit. Oder zumindest danach, der Unwahrheit zu entfliehen.
Kapitel 1
Monika Solens war gerade ihrem Lieblings-Deli in Brooklyn entwichen und würde niemals wiederkommen. An der Tür hatte sie nämlich eine Notiz gesehen: „Wir machen diesen Deli barrierefrei.“ Die Zeichnung darunter zeigte nicht etwa einen glücklichen Rollstuhlfahrer, sondern ein Kind im Kinderwagen, mit einem Kopf so groß wie eine Wassermelone und einem Grinsen, welches selbst Charlie Brown nächtelange Albträume verpasst hätte. Sie hatte zwar bei Weitem nichts gegen Kinder – aber gegen Kinderwagen auf jeden Fall. Zumindest, wenn es um diese gestylten, riesigen Sportmaschinen ging, die auf den Bürgersteigen Brooklyns zurzeit quasi als Nahkampfmittel dienten. Die fortpflanzungsfreudige Prospect Park Community war die neue Realität und dieser Deli war, mal ganz abgesehen von dem wirklich leckeren Käsekuchen, für Monika eine der letzten Bastionen dagegen gewesen. Die schmale und steile Eingangstreppe hatte es nämlich bis jetzt unmöglich gemacht, dass der Laden in einer Hölle von Kindergeschrei, stillenden Müttern und Kinderwagenkarambolagen erstickte. Das war nun vorbei.
Monika dachte: Diese Kumulation von veganen oder vegetarischen Eltern, die irgendwelchen New-Media-Jobs nachgehen, mit denen sie ihre Jogging-Kinderwagen bezahlen, sind die eine Form der Wahrheit – oder vielleicht eher eine Form der Unwahrheit? Ist Realität denn zugleich Wahrheit? Solcherlei Gedanken, die nichts an den Tatsachen änderten und doch an ihr hingen wie lästige Spinnweben, waren Monika nicht fremd und plagten sie manchmal von früh bis spät. Hatte nicht schon damals Ethan Hawke in dem Film „Dead Poets Society“ gesagt, die Wahrheit sei wie eine zu kurze Decke, unter der man immer kalte Füße bekommt? Kann sein, aber lieber kalte Füße als Bauchweh. Denn die hatte Monika bekommen, als ihr Blick auf das grinsende Kind fiel, und somit hatte es der leckere New York Cheese Cake heute schwer in ihrem Bauch.
Was machten eigentlich diejenigen, die aus anderen Gründen nach Brooklyn gekommen waren, als in relativ großen Häusern relativ kleine Erdlinge zu produzieren? Zogen die letztendlich nach Queens? Oder aber das Undenkbare: Zogen sie zurück in ein winziges, überteuertes und lautes Apartment in Manhattan? So hatte es jedenfalls Monika gemacht; entgegen aller Warnungen ihrer Brooklyner Freundinnen, die sich bereits auf ein Leben zwischen Park, Coffeeshop und Windeln eingependelt hatten …
Sie wanderte weiter in Richtung U-Bahn. Laufen war nämlich das Einzige, was Monika an Tagen wie diesem ein zuverlässiges Gefühl von Realität vermittelte. Das in der Sonne leuchtende Brooklyn Museum zeigte ein großes Plakat für eine Ausstellung über die Kultur der Indianer. Sie war schon drin gewesen und hatte sich die bemalten Lederhäute, Tragekörbe und Köcher angesehen – es war ihr aber weniger wie eine kulturgeschichtliche Ausstellung vorgekommen als vielmehr wie eine archaisch anmutende Beute-Präsentation.
Das traurigste und doch wahrhaftigste Element der Ausstellung war das Konterfei eines jungen Malers. Dieses Foto war von so großer Schönheit, dass die Kuratoren es als Poster aufgezogen hatten. Ja, das Foto war schön, doch die Augen des jungen Mannes waren die eines Depressiven. Sie hatte die Angaben gelesen: Dieser junge Mann hatte noch Teppiche und Lederhäute bemalt, als der weiße Mann bereits seine Welt übernommen hatte. Seine Arbeiten waren größtenteils in der Reservation entstanden. Was für ein grausamer Gedanke, Kunst zu produzieren, die dann zum Verkauf in die Hände ignoranter Händler gelangt – und damit ihrer ursprünglichen spirituellen Aufgabe vollständig beraubt wird.
Ohne die Prärie und den Wind, in Glaskästen präsentiert, hatten die Relikte für Monika wie tot gewirkt. Das angebliche Motto dieser Ausstellung, die Kultur der Indianer zu ehren: „unwahr“ oder zumindest „unerreicht“. Das Foto des jungen Mannes dagegen: „wahr“. Es hatte sie an eine Postkarte erinnert, die sie sich einmal im „National Museum of the American Indian“ in Manhattan gekauft hatte: Die zeigte einen jungen Lakota-Teenager mit bloßem Oberkörper, den verschleierten Blick in die Ferne gerichtet. Sein Name stand unter dem Foto: „Buried far Away“.
Nachdem Monika das Museum passiert hatte, ging es zurück in die Schluchten der U-Bahn und in den A-Train. Monika lebte zurzeit mit zwei Mitbewohnern zusammen in einem abgewohnten Apartment in Washington Heights, auf der Upper West Side. Was für ein schöner Name für einen Stadtteil. Richtung Norden, in der Nähe des Museums, war Washington Heights auch eine wirklich schöne Gegend, doch ihre Wohnung war leider in den falschen Straßennummern angesiedelt. Ein ehemals jüdisches Viertel war übernommen worden von einem Mix aus Einwanderer-Nationalitäten, ohne die frühere Identität und ohne den belebenden Effekt anderer gemischter Communitys. Ihre Wohnungstür hatte aber noch immer die kleine Thorarolle aus Messing, welche Monika anfangs so fasziniert hatte, dass sie ohne eine weitere Überprüfung der Gegend in die WG eingezogen war. Das war typisch für sie und sie hatte die spontane Entscheidung wieder mal schnell bereut.
Nachts war ihre Straße von wummernden Bässen erfüllt, da die Drogenhändler ihre Autotüren öffneten, um Kunden anzulocken. Warum die nun gerade ihre kleine Seitenstraße zum Umschlagplatz auserkoren hatten, war und blieb Monika ein Rätsel. Neulich hatte sie sogar zwei von denen am helllichten Tag im Hausflur gehabt, die konstant aufgebrochene Haustür erlaubte keinerlei Schutz mehr. Grinsend hatte ein mit Goldketten behängter Dealer ihr die Fahrstuhltür aufgehalten. Na toll, eine ganz neue Art von Doorman, hatte sie bei sich gedacht, als sie an ihm vorbeihuschte.
Zu Hause begrüßte sie ihr Lieblingsmitbewohner Nasir mit einem schiefen Lächeln. Er hatte mal wieder die halbe Nacht auf den Jobangebotsseiten verbracht und die andere Hälfte mit seinen Freunden in Teheran auf Facebook. „He, Monika, hast du wieder deine Seele in Brooklyn gesucht?“, fragte er. Sie teilten sich eine Riesenschüssel Cornflakes mit ihrem ganz persönlichen Special: zwei Kugeln Mövenpick-Eiscreme, die sie regelmäßig in einem Laden in der Bleeker Street besorgte.
„Ja, das hab ich, aber nun ist wirklich Schluss mit Brooklyn.“ Sie seufzte und erzählte ihm von der angekündigten Veränderung ihres Lieblings-Delis. Nasir nickte vielsagend und lächelte.
Über die Schüssel Cornflakes gebeugt und den Löffel auf halber Höhe, sah sie ihm in die müden Augen mit den Goldlichtern darin. „Du, Nasir?“
„Ja, meine schwarzhaarige Protestantin? Oder besser gesagt, Protestierende?“
„Soll ich zurückgehen? Nach Berlin? Scheiß auf die Greencard!“
Es kam die altbekannte Reaktion: „Bist du wahnsinnig?! Weißt du, was ich für deine Greencard tun würde?“
Sie nickte. „Ich weiß, ich weiß, du hast ja recht.“
Sie wusste, dass Nasirs Zeit in New York unfreiwillig limitiert war. Sein Vater hatte Beziehungen eines entfernten Onkels bei der Partei spielen lassen, um ihn zum Studium außer Landes und in die Staaten zu bugsieren, doch die Greencard schien in unerreichbarer Zukunft und eine illegale Existenz war Nasir sicher, wenn er nicht bald den Rückweg in seine traurige, versmogte Heimatstadt antrat. Die amerikanischen Arbeitgeber waren kaum geneigt, Greencards zu beantragen, egal wie hochgebildet der Bewerber auch sein mochte. Und ein Job bei der Regierung oder der UN im Vorfeld eines eventuellen amerikanischiranischen Konfliktes (eine von Monikas weniger genialen Ideen) würde eventuell bedeuten, dass Nasirs Familie Schwierigkeiten bekommen würde. Ohne sein Wissen hatte Monika schon öfter ihre amerikanischen Freundinnen angesprochen: Ob es vielleicht eine gebe, die sich mit Nasir verheiraten würde? Nur so auf dem Papier? Doch den meisten ihrer ansonsten politisch so korrekten Freundinnen waren die Nachforschungen der Einwanderungsbehörde mittlerweile einfach zu nervig, um sich auf derartige Deals einzulassen. Liberalismus hin oder her.
Nach dem verspäteten Frühstück machte sich Monika auf den Weg nach Queens zu ihrem Teilzeitjob in einer kleinen, aber feinen Kunstgalerie. An der Kasse zu stehen, war zwar nicht schön, aber an der Kasse eines kleinen Museums für moderne Kunst zu stehen, nicht ganz so schlimm.
Der N-Train war nicht voll zu dieser Tageszeit und wie immer fand sie es erstaunlich, wie ihr Herzschlag sich beruhigte, sobald der Zug es über die Queensborough Bridge geschafft hatte. Die kleine Galerie lag etwas versteckt Richtung Fluss und zog trotzdem täglich eine gute Anzahl von Besuchern an.
Ihr allererster Eindruck von der Galerie war eine hohe schwarze Skulptur im ersten Raum gewesen, die wahlweise einen Baum oder eine abstrakte bärenartige Figur darstellen könnte. Und da war es: das definitive Gefühl, in einem wahren Raum zu sein. Kurz darauf hatte ein Freund aus Queens Monika gesteckt, dass die Galerie Mitarbeiter suchte. Die Bezahlung war zwar zum Heulen, doch der Job relativ angenehm und die Kollegen „supernice“, wie man hier so sagte. Sie schlüpfte durch den Hintereingang.
Keyiko, ihre Kollegin, war schon da und winkte sie aufgeregt heran: „Weißt du, wer heute hier ist? Er hat zurzeit eine kleine Ausstellung im PS1, glaube ich. Eine Ikone der Achtziger! Er hat Warhol und Basquiat gekannt, da bin ich mir ganz sicher. Früher lag dem jede Frau in Manhattan und auch so mancher Typ zu Füßen.“ Sie hatte knallrote Bäckchen.
„Hm?“, sagte Monika „Keine Ahnung, von wem du sprichst.“ Sie hängte ihren Mantel auf. Es war einer dieser klaren Tage, die eine frische Brise vom East River herüber brachten und einen frieren ließen, obwohl die Märzsonne schien. In der Galerie war es auch nicht gerade warm und sie zog ihre Strickjacke fester um sich: Yamamoto, aus zweiter Hand, ihr liebstes Stück.
Keyiko wurde blass um die Nase: „Ach du Schande, er kommt hierher.“
Monika sah in den Besucherraum, wo ein Mann von einem der kleinen Holzsessel aufgestanden war. Groß war er und schon im Mantel. Teures Tuch, soweit sie sehen konnte. Sein Gesicht wirkte irgendwie pockennarbig, wie nach einem ernsthaften Akne-Leiden. Als er näher kam, fielen ihr als Erstes die sehr erstaunliche Nase und seine starken Augenbrauen auf. Seine Nase war zwar klassisch, aber auch das, was ihre Mutter als „orientalisch“ bezeichnet hätte. Seit Monika in New York lebte, bezeichnete sie so eine Nase im Stillen aber eher als jüdisch oder israelisch. Um den vollen Mund des Mannes zog sich ein konstant ironischer Zug, der sich gerade in diesem Moment verstärkte und zu einer Art Schmollmund wurde, bis sich die Lippen mit einem nachdenklichen Schmatzen voneinander lösten, als sei gerade ein Gedankengang zu seinem Ende gekommen. Die stechenden Augen unter den buschigen Brauen richteten sich nun auf Monika.
„How much for this?“ Er deutete auf ein Buch in seiner Hand. Vielleicht kein angenehmes Gesicht, doch irgendwas in diesem Gesicht war – ja, was? Ehrlich? Wahrhaftig?
Monika nahm ihm das Buch aus der Hand: „Japanischer Neorealismus nach 1945.“ Kein Preis, kein Computercode. „Sorry, da muss ich nachfragen“, sagte Monika und ging auf die Suche nach Keyiko, die sich hinter der Garderobe zu schaffen gemacht hatte. „Mein Gott, kannst du mal mit deinem Getue aufhören?“, rief sie. „Der will wissen, was dieses Buch kostet, und ich habe keinen Schimmer. Ich glaube, ich muss Bob anrufen. Mist.“
Keyikos schmale Augen wurden so groß, wie es eben noch ging. „Weißt du denn nicht, wer das ist?? Das ist Mike Newby! Er war so ziemlich in jedem Independentfilm der Achtziger, hat gemodelt und Musik gemacht und … jetzt ist er Maler und stellt im PS1 aus!“
Monika wurde langsam immer genervter von Keyikos Gehabe. Sie atmete bewusst langsam aus. „Okay, Keyiko. Bitte vergib mir meine Ignoranz. Also, wie erfahre ich denn jetzt diesen Preis?!“
Keyiko schien verstimmt. Sie konnte nicht fassen, dass Monika, die keine Ahnung hatte, nun auf eine, wenn auch oberflächliche, Art und Weise mit ihm verknüpft war – und sei es auch nur durch den Verkauf eines Buches. Während sie selbst, Keyiko, sich vor lauter Ehrfurcht hinter den Mänteln vergrub …
Monika wartete noch ein bisschen mit hochgezogener Augenbraue, aber weil Keyiko nun beleidigt verstummt zu sein schien, ging sie zurück und sagte: „Hey, tut mir leid, ich muss beim Management nachfragen. Das Ansichtsexemplar ist nicht zu verkaufen und alle anderen scheinen vergriffen zu sein – wir stocken aber regelmäßig den Bestand auf. Wie ich höre, sind Sie in diesen Tagen hier im PS1 beschäftigt? Ich könnte es dort abliefern. Das ist kein Problem.“ An diese Form der kompromisslosen Dienstleistungsmentalität hatte sie sich erst gewöhnen müssen. In Berlin hätte man so etwas gesagt wie: „Versuchen Sie’s in einer Woche noch mal.“
Seine direkten dunklen Augen blickten vom Bucheinband hoch. „Okay. Danke. Vielen Dank, um genau zu sein.“
Um genau zu sein? Komischer Typ, aber gut erzogen, dachte Monika.
Er streckte ihr einen Flyer vom PS1-Museum hin. „Sorry, habe keine Visitenkarte, das ist chronisch. Aber hier können Sie mich erreichen.“ Der Hauch eines Grinsens. Dann eine nüchterne Kehrtwende und der wehende Mantel verschwand durch die Tür.
Nach ein paar Stunden hatten sich die Besuchermassen auf ein angeregt diskutierendes Pärchen aus Stockholm und eine permanent stirnrunzelnde Russin reduziert. Nachdem diese (im ersten Fall) mit Chai Tee und (im zweiten Fall) mit schwarzem Tee plus Kandis versorgt waren, machte Monika sich daran, an ihrem Kunstblog zu schreiben.
Keyiko schaute ihr ungläubig über die Schulter: „Das machst du auf der Arbeit?“ Hierbei blies sie liebevoll auf ihren Tee und schwankte wie immer auf ihren kleinen Füßen hin und her, als ob ein Song sie innerlich begleitete.
Monika sah genervt auf, da Keyiko keine Anstalten machte, sich wegzubewegen. „Ich kann in dieser Umgebung einfach besser schreiben. Und bedenke: Ich verdiene ganze zwölf Dollar die Stunde, halbtags. Da kann ich wohl mal, wenn nichts los ist, an meinem eigenen Kram schreiben. Ist ja nicht etwa so, als würde ich damit Geld verdienen.“
Die gefühlte Ungerechtigkeit der Tatsache, dass sie trotz Uni-Abschluss die Welt kostenlos mit Rezensionen über laufende Ausstellungen und einem Online-Kalender der örtlichen Museen und Galerien versorgte, entlockte Monika wie immer einen resignierten Stoßseufzer. Doch was tut man nicht alles für die Kunst, dachte sie. Womit wir wieder bei der Wahrheit wären … Denn Kunst war einer der wenigen Bereiche, in denen heutzutage noch ein Körnchen Wahrheit zu finden war. So dachte Monika jedenfalls, als sie sich für Kunstgeschichte einschrieb. In einer anderen, glanzvolleren Zeit wären die Monika Solens dieser Welt vielleicht nur graue Mäuse. Doch weil die Welt nun mal so ist, wie sie ist, leuchten sie wohl ab und an daraus hervor wie Sterne.
Dieser Satz stammt nicht etwa aus Monikas Gedankenwelt, die sich selbst sicherlich niemals als Stern bezeichnet hätte. Er stammt aus einem anderen Buch, aus einer anderen Zeit.
Kapitel 2 (New York)
Am nächsten Tag regnete es. Es war einer der unbarmherzigen New Yorker Regentage: grau und strömend. Die Bürgersteige, Zeitungsstände, Hotdog-Wägelchen, ja selbst die Pferde der Kutschen am Südende des Central Parks wurden zu einer undeutlichen Mattscheibe und nur die Ampeln und Reklamen gaben etwas Farbe ins Geschehen. Queens ertrank derweil in Unbedeutsamkeit. Queens im Regen, das geht ja gar nicht, dachte Monika in einer Anwandlung von Berliner Slang. Wie das MoMA damals wohl auf die Idee gekommen war, hierhin auszulagern?
Nun denn, es half nichts, sie musste zur Galerie. Ihr Arbeitgeber Bob hatte angerufen: Es gebe einen Stapel noch nicht ausgepreister Bücher, den sie durchschauen und katalogisieren sollte. Ausgaben würden erstattet (also zwei U-Bahn-Tickets) und sie werde eine Pauschale von 120 Dollar dafür bekommen, solange nur alles fertig werde. Die Galerie selbst war für Besucher heute geschlossen.
Sie sprang über die Pfützen auf der 33. hinweg und eilte in das verlassene Gebäude. Selbst dieses Kleinod sah im Regen traurig aus. Bob, dachte sie, hatte es gut. Bob in seinem Chelsea-Loft, der wahrscheinlich gerade mit seinem Freund Maurice auf dem Sofa saß und teures japanisches Essen bestellt hatte. Oder auf dem Stepper schwitzte und dabei die „Antique Road Show“ auf dem Flachbildfernseher an der Wand guckte. Im Grunde war sie froh, dass Bob nie ihren Kunst-Blog verfolgte, denn so konnte er auch nicht zufälligerweise darauf kommen, ihre Schichtzeiten mit der Zeit ihrer neuesten Einträge zu vergleichen.
In der Galerie angekommen, machte sie es sich auf dem honigfarbenen Holzboden bequem. Okay, hier waren also die unausgepreisten Bücher. Monografien, Ausstellungskataloge und – ja, da waren auch die fehlenden Exemplare des „Japanischen Neorealismus“.
„Super organisiert der Laden, also wirklich, Bob“, murmelte Monika vor sich hin. „Komm mal von deinen Chelsea-Cupcakes weg und schau ab und an in deiner eigenen Galerie vorbei. Nun ja, in deiner geborgten Galerie – das kommt schon eher hin. Der wunderschönen Galerie, übrigens. Nein, bleib lieber weg, Bob, du hast sowieso keine Ahnung …“
Dieser für Monika schon fast heilige Ort wurde nämlich damals vom Künstler selbst erbaut, als Heim für sein Werk: ein Gesamtkunstwerk zur Freude und Quelle der Erfrischung für alle, die sich auf den Weg jenseits von Manhattan machten, um zu suchen und zu finden. Langsam werde ich wohl etwas rührselig, dachte Monika, als sie so allein auf dem Boden kniete und die Bücher sortierte. Nur weil es mir selbst mit gewissen Orten so geht, muss es den Bobs dieser Welt längst nicht dasselbe bedeuten, auch wenn sie vielleicht die Fäden in der Hand halten.
Und nun? Wie auch immer, sie hatte versprochen, das Buch über japanischen Neorealismus im PS1 vorbeizubringen. Sollte ein Künstler, der chronisch krank war, eigentlich für ein Buch zahlen? War er wohlhabend, wie der Stoff seines Mantels vermuten ließ, oder hatte ihm das bis vor Kurzem quasi nicht existierende amerikanische Gesundheitssystem bereits die Haare vom Kopf gefressen? Sie schüttelte lächelnd den Kopf. Da war er wieder, ihr Gerechtigkeitssinn, der nur auf Vermutungen basierte und übrigens schon so einige ihrer Jobs gefährdet oder beendet hatte. Natürlich würde Mr. – ach ja, Mr. Mike Newby zahlen können. Vielleicht hatte er ja schon ein paar Zeichnungen oder gar Gemälde verkauft. Sie grinste. Zum Beispiel an all die Verehrerinnen von damals, die sich seine Bilder an die Wand hängten, um mit feuchten Augen ihrer eigenen Vergangenheit im drogenumnebelten Manhattan der Achtziger nachzutrauern. Oder als Erinnerung an die eine lebensverändernde Party im Studio 54 … So ungefähr stellte sich Monika die gut zahlenden Kunstliebhaberinnen des Mike Newby vor.
Sie öffnete die Einladung und schaute auf eine der Zeichnungen. „You have purchased three items“ – „Sie haben drei Dinge in Ihrem Einkaufswagen“ – hieß die und zeigte: links oben eine unbeholfen gemalte Figur, die panisch einige aufgerollte Leinwände umklammerte. Rechts von der Figur ein goldgelbes Pferd, welches besonnen ins Leere guckte. In der Mitte des Bildes eine große Fläche abgebrannt aussehender Steppe. Rechts unten im Bild war das Icon eines Einkaufwagens platziert und daneben der Vermerk „shopping basket“. Sie schaute lange auf die teils naiv, teils gekonnt wirkende Zeichnung. Ach du Schande. Was war denn das? Sie blickte wieder auf die Zeichnung, naiv, aber wiederum doch nicht. Sie hatte sich verliebt, denn diese Zeichnung war skurriler Traum und ungeschliffene Wahrheit zugleich.
Dass Monika automatisch fluchte, wenn sie bemerkte, dass sie in irgendjemanden oder irgendetwas verliebt war, hatte den Grund, dass ihr dieses Gefühl im Leben eigentlich nie viel Gutes gebracht hatte. Wie ihre Mutter zu sagen pflegte, hatte sie „fixe Ideen“, die sie mit sich herumtrug, als wäre sie schwanger. Monika Solens war der festen Meinung, dass es weder ihr selbst noch dem Objekt ihrer Zuneigung in irgendeiner Form guttat, wenn sie sich verliebte. Eine Ausnahme bildeten Hunde und Katzen, denn die waren einfach nur froh und gaben alles eins zu eins zurück, was sie an Zuneigung bekamen. Am schwierigsten war es mit Menschen. Und bei einer Zeichnung? Am liebsten würde sie nun gleich in ihrem Kunst-Blog über die Ausstellung schreiben. Doch Bobs unausgepreiste Bücher warteten.
Fest stand, dass das Buch für Mike Newby geliefert werden musste, und so überließ Monika die Stapel (und die 120 Dollar) zunächst ihrem Schicksal und stapfte los durch den Regen in Richtung des PS1-Museums. Sie hatte nur einen Gedanken im Kopf: Lächerlich. Der Schöpfer dieser Zeichnung hat ein bewegtes Leben in der New Yorker Undergroundszene hinter sich und ist bestimmt nicht interessiert an der Meinung einer Blogschreiberin, die mit 35 noch nicht wirklich weiß, wo es mit ihrem Leben hingehen soll. Und die die Wahrheit sucht, nicht zu vergessen.
Wäre ja mal ein toller Eintrag bei der Online-Partnersuche. Alter: 35. Beruf: Galeriemitarbeiterin bzw. Teekocherin (auf Wunsch mit Kandis). Hobbys: ein Kunst-Blog und die Wahrheit suchen. Lächerlich.
Monika stapfte weiter durch das ausdruckslose Queens im Regen. Das Laufen aber war wie immer gut und wahr und klärte den Kopf. Der Weg hätte ewig dauern können, wenn es nach ihr gegangen wäre. Wenn das Wasser nur nicht langsam durch die Schuhe sickern würde. Die Sohlen hatten schon in der Galerie beim Trocknen ihre Spitzen aufgeklappt und Hallo gesagt. Sie mussten neu verklebt werden, aber ihr Schuster war in Lower Manhattan und kostete etwa einen Tagesverdienst.
Mit solcherlei Gedanken banaler und doch existentieller Natur beschäftigt, kam sie wie eine nasse Katze durch die Tür ins PS1 gehuscht und nieste laut. „Bless you and hello!“, sagte ein schlaksiger Farbiger an der Kasse und grinste breit. „Wollen Sie zur Ausstellung?“
Monika nieste zur Antwort gleich noch einmal. Sie holte das Buch aus ihrer Ledertasche, zum Glück war es eingeschweißt und hatte nichts vom Regen abbekommen. Sie streckte es dem jungen Mann entgegen wie einen Ausweis. „Ist Mike Newby wohl zu erreichen? Ich habe auf seinen Wunsch dieses Buch beiseitegelegt.“
Seine freundlichen Augen streiften den Bucheinband. „Mr. Newby? Ja klar, ich denke mal, wir haben seine Mobilnummer. Soll ich ihm Bescheid geben oder wollen Sie …“ Monika schüttelte vehement den Kopf, streckte abwehrend die Hand aus und nieste zum dritten Mal. „Bless you!“, sagte er noch einmal und: „Schreckliches Wetter da draußen. Dauert nicht lange.“ Er tippte etwas in seinen PC. „Hier ist sie – ich hoffe, die stimmt.“ Er wählte die Nummer. „Hi, this is Larry from PS1 – ja genau. Ja, könnten Sie ihm sagen, dass ein Buch für ihn hinterlegt wurde? ‚Japanischer Realismus‘ oder so ähnlich. Ja genau. Oh … Mr. Newby? Oh, guten Tag, Sir. Ja, natürlich, ich gebe sie Ihnen.“
Monikas abwehrende Armbewegungen setzten wieder ein, doch dann hatte sie schon den Hörer in der Hand. Die dunkle Stimme am anderen Ende klang irgendwie rau und gedämpft. Mike Newby bedankte sich und sagte, er habe eine ausgefallene Bitte: Da ihm seine Krankheit gerade wieder zu schaffen mache, könne er wahrscheinlich vorerst nicht im PS1 vorbeikommen. Wenn sie aber nichts dagegen habe, an einem sonnigeren Tag bei ihm in Brooklyn vorbeizuschauen, dann könne er ihr das Geld und natürlich eine Entschädigung für den Botengang persönlich geben. Seine Haushälterin würde sie am Eingang in Empfang nehmen, falls er selbst zu klapprig wäre, das sei eine Frage der Tagesform.
Brooklyn?, dachte Monika. Also waren dort doch noch ein paar Künstler übrig. Oder hatte der etwa Kinder? Haushälterin – das klang allerdings nicht gerade nach Kindergeschrei und veganer Prospect Park Community.
„Okay, Mr. Newby, kein Problem“, sagte Monika und dann „Hatschi!“ und legte schnell auf.
Abends, auf dem Rückweg von der Galerie zum N-Train, fühlte sie sich irgendwie anders. Was genau anders war, das konnte sie nicht sagen, doch die Zeichnung ging ihr nicht aus dem Kopf. Sie beschloss, in ihrem Blog über die Ausstellung zu schreiben. Das hieß allerdings, dass sie morgen, an ihrem freien Tag, wieder nach Queens musste. Danach – und erst danach – würde sie das Buch abliefern. Trotz ihrer langsam anschwellenden Nasenschleimhäute fühlte sich Monika gar nicht übel. Die dunkle Stimme war noch präsent und sie dachte: Wie komisch, er spricht, als sei er in seiner eigenen Welt und doch gleichzeitig ganz bei seinem Gegenüber. Seltsames Phänomen. Als sie die U-Bahn-Station endlich erreichte, hatte der Regen aufgehört.
Kapitel 3 (New York)
Nasir hatte schlechte Laune. Sein Morgenkaffee, den er gern selbst mahlte, und im Übrigen in einem ziemlich teuren Coffeeshop in Greenwich Village besorgte, war weg. Oder besser gesagt: Die recyclebare, gewachste Papiertüte war zwar noch vorhanden, aber bis auf ein paar letzte Bohnen ohne Inhalt. „MIRIAM!!“, rief er und erhielt keine Antwort. Seine zweite und weniger geliebte Mitbewohnerin war wohl schon unterwegs zu ihrem schlecht bezahlten, aber Image hebenden PR-Job. Mit seinem Edelkaffee im Magen!
Miriam arbeitete als Assistentin in der Presseabteilung einer NGO, die auf lukrative Art und Weise mit der UN verquickt war und für bessere Ausbildungsbedingungen im Kongo sorgen sollte. Nicht, dass Miriam selbst jemals im Kongo gewesen wäre oder die Absicht hatte, hinzufahren, doch sie erwähnte ihre selbstlose Tätigkeit mit Aussicht auf eine sehr gut entlohnte Inhouse-Karriere gern und bei jeder Gelegenheit. Und sie stahl guten Öko-Kaffee aus Ecuador.
Arrgh! Manchmal wollte Nasir tatsächlich zurück nach Teheran, wo sein Sozialgefüge von größtenteils verträumten, aber doch eher netten Menschen geprägt gewesen war. Nun ja, zugegebenermaßen waren die Frauen auch dort tough, notgedrungen sozusagen. Aber keiner seiner iranischen Freunde, ob Männlein oder Weiblein, würde je darauf kommen, sich bei anderen schadlos zu halten. Er seufzte.
Statt Miriam kam nun Monika schlaftrunken in die winzige Küche. Sie hatten es irgendwie geschafft, an dem vergilbten kleinen Fenster mit der hässlichen Klimaanlage einen Tisch zu platzieren, und an diesen ließ sich Monika nun mit einem nasal klingenden „Uff“ fallen.
„Kaffee?“, brachte sie dann heraus und blickte Nasir unter ihrem dunklen Wuschelpony hervor kläglich an. „Mein Kopf platzt gleich.“
„Hast du gestern Abend wenigstens noch Theraflu genommen?“, fragte Nasir besorgt und hielt seine Hand an ihre ziemlich heiße und trockene Stirn.
Monika schüttelte den Kopf, aber nur ein bisschen, denn er schmerzte. „Nee, ich trau dem amerikanischen Zeug nicht. Ich warte noch auf das Care-Paket von zu Hause, da müsste eine Flasche Wick Medinait dabei sein.“
Nasir schüttelte den Kopf. „Na, dann wundert mich gar nichts. Irgendwas musst du schon nehmen, besonders wenn du auch noch Temperatur hast.“
„Nasir?“
„Ja, meine dickköpfige, in diesem Moment auch heißköpfige, ewig Suchende?“
„Warum hast du eben gebrüllt?“
„Rate mal: Kaffee weg, Miriam weg.“
Monika nahm diese niederschmetternde Nachricht mit einem langsamen Sinken ihres Kopfes entgegen, der sich mittlerweile abwechselnd wie Watte und Blei anfühlte. „Unter normalen Umständen würde ich fluchen“, sagte sie. „Unter den jetzigen schlage ich vor, wir gehen zu Franck’s.“
Sie schleppte sich aus dem Haus. Nasir passte seinen Schritt dem ihren an und rubbelte ihr ab und an den schmerzenden Rücken, denn irgendwie tat jetzt alles weh. Auf dem Weg ließ er sich nicht davon abbringen, kurz ins RiteAid zu springen und Paracetamol zu besorgen. „Immer dieses Leiden, typisch deutsch. Hör auf, an deine Leber zu denken und kuriere erst mal deinen Kopf.“ Folgsam schluckte sie zwei der Kapseln mit einem Schluck Mineralwasser, an das Nasir ebenfalls gedacht hatte. Manchmal glaubte sie, er wäre schwul, weil er so umsichtig war. Doch sie wusste, dass er in Teheran eine Freundin zurückgelassen hatte, die er über Facebook täglich mit kleinen selbst gedichteten Haikus über seinen Alltag in New York versorgte.
Sie wanderten weiter durch ein paar Nebenstraßen und kamen schließlich in ihr liebstes und in der Gegend einzig annehmbares Domizil. Franck’s war eigentlich nur ein großer Raum mit einem kleinen Schlauch nach hinten zum Hofgarten. Aus einer ehemaligen Werkstatt war der Laden mit einer Handvoll Secondhand-Möbel und selbst gezimmerten Tischchen in ein gemütliches, unprätentiöses Café verwandelt worden. Solange die Miete nicht astronomisch anstieg, würden Nick und Ophelia aus Portland hier bleiben und die Nachbarschaft mit gutem Kaffee und selbst gebackenen Scones nach einem Rezept von Ophelias englischer Großmutter versorgen. Am Eingang hing ein Zettel: „A Prayer a Day for Rent Control“. Ein Gebet täglich für die Mietpreisbindung.
Auf Monikas Frage, woher der Name „Franck’s“ stamme, sagte Nick einmal, es höre sich einfach besser an als „Nick and Ophelia’s“. Er meinte, die Leute würden sonst denken, sie seien wahlweise entweder aus Wyoming (Nick’s) und würden ständig Bluegrass spielen oder aber aus Maydavale, London (Ophelia’s) und man müsse Clubbeiträge bezahlen, um hier zu essen. Die Logik dieser Vergleiche entzog sich Monika zwar ein wenig, aber „Franck’s“ gefiel ihr – der Name erinnerte sie immer an den deutschen Ausdruck „frank und frei“.
Sie ließen sich in zwei Korbsessel fallen und sogen erleichtert den Duft von frisch gebrühtem italienischem Kaffee ein. Bald standen zwei gut gefüllte dampfende Milchkaffeetassen vor ihnen auf einem der schrill bemalten Tischchen. Allerdings ohne Milch, auf ausdrücklichen Wunsch der beiden.
Monika nahm ihre Tasse hoch und studierte das Design. Der Tisch war in mexikanischem Rot und einem leuchtenden Königsblau bemalt und zeigte Figuren, die in Ringelreihen um den Rand der Tischplatte herum tanzten.
Nasir sagte: „Wusstest du, dass Tanzen in Teheran jetzt komplett verboten ist? Na, klar treffen sich die Leute in Wohnungen und im Sommer auch auf Dächern und tanzen wie wild, aber wenn dich die Garde dabei erwischt, dann bist du dran. Wenn sie gerade Lust dazu haben, kannst du dafür sogar ins Gefängnis wandern und dann gnade dir Gott … den sie im Übrigen auch für sich beansprucht haben.“ Er blies auf seinen Kaffee und grinste. „Weißt du, was Layla macht? Sie lässt sich bei ihren Performances filmen und diese Filme werden dann in einem Theater in Berlin gezeigt. Manchmal schaffen sie es sogar live über die Webcam und das wird dann auf eine Leinwand projiziert. In Berlin improvisiert dann eine Gruppe Tänzer dazu. Schöne Idee, oder? Mann, was hab ich für eine tolle Freundin.“
Monika nickte. „Weißt du, Nasir, manchmal hab ich so das Gefühl, du würdest ganz gern zurückgehen.“
Nasir zog die Schultern hoch, eine Mischung aus Frösteln und Schulterzucken. „Vielleicht hast du recht. Das innere Zuhause ist wichtiger als das äußere.“ Damit ließ er die Schultern wieder sinken.
Sie schaute ihn mit großen Augen an. „Okay, Nasir, ich glaube, du hast schon mal die erste Zeile für deinen heutigen Haiku fertig.“ Sie lächelte kläglich und legte die Hand an die Schläfe. „Au, mein Kopf. Gib mir doch noch mal die Schachtel. Ich muss nämlich noch weiter nach Queens, kommst du mit? Da gibt’s ne Ausstellung, über die ich schreiben will, im PS1.“
Nasir schob die Schachtel Paracetamol über den lackierten Tisch. „Bis zu sechs Stück am Tag, nicht mehr“, sagte er streng. „Glaub mir, ich weiß so einiges über Medikamente und wie viel man verträgt.“ Er grinste vielsagend. „Ich muss heute leider noch mal in die Bleeker Street, Kaffee besorgen. Meinen einzigen Luxus nimmt mir auch Miriam nicht weg, egal wie viele Kongolesinnen nun angeblich einen Computerkurs kriegen.“
Monika versuchte zu lachen, ohne dass ihr der Kopf noch mehr wehtat. Was sie an Nasir so mochte, war seine Fähigkeit, die Welt mit Humor zu betrachten, obwohl er selbst nicht gerade aus den amüsantesten Verhältnissen kam. Sie nickte: „Okay, ich glaube, dann mache ich mich langsam auf den Weg. Kommst du mit zum A-Train?“
Sie kämpften sich durch die belebte Hauptstraße zum U-Bahn-Eingang. Der A-Train war um diese Zeit zwar nicht mehr überfüllt, aber es waren auch am späten Vormittag noch eine Menge Leute unterwegs. Monika versuchte, weder zu niesen noch ihre Hände zu lange irgendwo an die Metallstangen geraten zu lassen. „Hast du Desinfizierungsgel dabei?“, fragte sie Nasir.
„Zu spät, meine Liebe, nun bist du die Bazillenbombe. Und glaub mir, die Leute haben das schon mitgekriegt.“ Das stimmte. Auf ihr erstes Niesen hin waren die Umstehenden dezent von ihnen gewichen. Nasir grinste. „Na ja, so tritt uns wenigstens niemand auf die Zehen.“
Beim Umsteigen in den N-Train fühlte sich Monika plötzlich sehr alleingelassen. So war es immer, wenn man mit Nasir zusammen gewesen war: das Alleinsein fiel einem danach erst mal wieder schwerer. Sie riss sich zusammen und konzentrierte sich auf den geplanten Eintrag für ihren Blog. Ihr Notebook war zum Glück so leicht, dass sie es immer bei sich haben konnte. Netbook hieß das ja jetzt. Eventuell könnte sie gleich dort im Museumscafé beginnen, die frischen Eindrücke in einen flüssigen und nicht allzu langen Artikel umzuwandeln, „catchy“, wie man hier sagte. „Wahrhaftig“ – das war es, was sie wollte, und das war mit der amerikanischen Konsum-Mentalität manchmal leider nicht so ganz zu vereinbaren. Weshalb ihre Schreiberei vielleicht auch nie etwas abwerfen würde.
Manchmal versuchte sie, sich die entsprechende Person zu den seltenen Kommentaren auf ihrem Blog vorzustellen. Einer mit dem Pseudonym „Vain-Gogh“ schrieb neulich zu ihrem Artikel über Tim Burton: Madame, ich weiß Ihre Begeisterung zu würdigen, aber dieser Mann ist nun einmal ein Scharlatan. Er hat es lediglich früh im Leben geschafft, ein paar gutbetuchte Produzenten zu finden, und inszeniert seitdem immer wieder von vorn seine verlorene Kindheit. Nur, dass er leider ein erwachsener Mann ist und erwartet, dass andere Erwachsene ihm Anerkennung zollen für das, was er ist: ein Riesenbaby.
Sie hoffte, VainGogh nie kennenlernen zu müssen. Sie konnte ihn sich bildlich vorstellen, wie er frustriert in einer kleinen Uni in Connecticut an seiner hundertsten Vorlesung über die Bedeutung des Impressionismus für die europäische Mittelschicht oder Ähnlichem saß. Sie selbst schrieb ihren Blog trotz eindringlicher Warnungen unter eigenem Namen. Sie vertraute einfach darauf, dass ihn alle für ein Pseudonym hielten.
Das PS1 war angenehm leer. Ein paar japanische Touristen plauschten angeregt am Eingang und zeigten ab und an auf Ausschnitte von Zeitungsartikeln über den Künstler, die an einer großen Wand angeheftet waren. Die wenigen für Monika verständlichen Worte, die in die Unterhaltung einflossen, waren „independent“, „Paris“ und „Texas“. Monikas Kopf dröhnte und sie nahm noch einmal zwei Kapseln. Auf eine komische Art und Weise war das Familien-Credo, man dürfe nur im äußersten Notfall schmerzstillende Mittel zu sich nehmen, gebrochen. Wie viele, hatte Nasir gesagt, durfte man täglich nehmen? Na, egal. Hauptsache, sie kam durch den Tag.
Larry war nicht da, stattdessen bediente ein fülliges Mädchen mit faserigem Haar die Kasse. „Kann ich helfen?“, fragte es auf eine professionell freundliche Art.
„Ja, ich würde gern ein Presseticket für die Ausstellung bekommen. Ich werde darüber schreiben.“
„Presseausweis?“, sagte das Mädchen.
„Oh, nein – ich schreibe nur fürs Internet.“
Das Lächeln blieb zunächst präsent. „Welche Plattform? Vielleicht haben wir Sie auf unserer Mailing-Liste.“
Monika rieb sich die juckende Nase und versuchte es in eine andere Richtung. „Es ist in Ordnung, ich habe ihn nur einfach nicht dabei. Allerdings ist Mr. Newby seit Neuestem Kunde bei uns.“
„Entschuldigung?“
„Ich … Sehen Sie: Dieses Buch hat er bei uns bestellt – ähm, ist Larry hier?“ Sie zog den japanischen Neorealismus aus ihrer Tasche.
Das Lächeln der Frau wurde etwas dünner. „Ich verstehe nicht ganz. Wessen Kunde ist Mr. Newby? Hören Sie, wir sind hier verpflichtet, einen Ausweis zu verlangen.“
Monika nickte: „Ja, ich weiß, das kenne ich.“
Die Miene der Frau wurde immer ungläubiger. „Also, wenn Sie das kennen, dann wissen Sie auch, dass ich Sie ohne ein Ticket vom MoMA oder einen gültigen Presseausweis leider bitten muss, Eintritt zu zahlen.“
Wie machten es die Amis nur, dass sie einen beleidigen konnten, ohne auch nur ein einziges böses Wort zu sagen? Musste wohl am angelsächsischen Erbe liegen, dachte Monika. Sie fühlte ihre Erkältung, ihren unterbezahlten Job und die Tatsache, dass sie nur noch 50 Cent auf ihrem Prepaid-Konto für ihr Handy hatte, langsam, aber sicher die Oberhand gewinnen. Traurig blickte sie der höchstens 25-jährigen Kunststudentin in die nun definitiv kühlen Augen. Wie sollte sie diesem Mädel bloß klarmachen, dass in etwa zehn Jahren eventuell genau der gleiche Job auf sie warten würde – und nichts anderes? Nicht etwa das Loft und die Partnerschaft mit einer Powerlesbe aus dem Village (hier begann ihre Fantasie mal wieder zu sprühen), sondern viel eher ein kleines, dunkles Apartment in Queens mit Blick auf eine Autowerkstatt, welches sie sich mit einem schwulen Filmproduzenten teilen würde, der ihre exzellenten Kochkünste ausnutzte.
Und natürlich empfand Monika wegen dieser Zukunftsvision nun Mitleid für das Mädel. Verdammt, immer dieses Mitgefühl! Die Stimme ihrer Mutter meldete sich ganz deutlich: „Eine Tagträumerin, das bist du, und das wird dir dein Leben nicht leichter machen. Gehen dir andere Menschen denn komplett am Hintern vorbei?!“ Wenn ihre Mutter nur wüsste. Sie hatte das Leben anderer Leute oft viel zu anschaulich vor Augen! Der Gedanke an ihre Mutter hatte sie zusätzlich erschöpft und irgendwie fing es nun vor ihren Augen an zu wabern.
„Madame?“, fragte die Stimme vor ihr. „Geht es Ihnen nicht gut? Wollen Sie sich kurz setzen, da gibt es eine Bank im Eingangsbereich …“ Tatsächlich war der Blick der Kassiererin etwas milder geworden, man könnte sogar besorgt sagen. Hinter Monika hatte sich eine kleine Schlange gebildet.
„Es – es ist in Ordnung, schon gut“, sagte sie und reichte ihren letzten 20-Dollar-Schein hinüber. Es gab immerhin zehn Dollar Wechselgeld, das hatte sie nicht erwartet. Das MoMA war jedenfalls doppelt so teuer.
Kapitel 4 (New York)
Monika versuchte, sich auf die erste der in langer Reihe präsentierten Zeichnungen zu konzentrieren. Sie zeigte eine Giraffe. Die Giraffe war etwas klein für die Tatsache, dass drum herum nur ein paar Grasbüschel angedeutet waren. Und sie hatte einen menschlichen Kopf. Einen männlichen menschlichen Kopf, mit wenig Haaren. Im Hintergrund waren ein paar Partygäste mit Cocktailgläsern in der Hand zu sehen, die etwas beunruhigt auf die Giraffe blickten. Der Titel der Zeichnung war: „Jerry knew he would be asked to leave“, was so viel hieß wie: „Jerry wusste, er würde hinauskomplimentiert werden.“ Und plötzlich lachte Monika laut auf. Sie verschluckte sich und musste nach einem Taschentuch suchen, um den aufsteigenden Schnupfen zu erwischen. Sie trompetete laut in das Tuch und drehte sich dann etwas peinlich berührt um: Gott sei Dank, etwas weiter weg war nur ein Pärchen und das schien ebenfalls zu lachen. Die Frau zeigte dabei auf ein Bild und schien sich auf ihren Füßen irgendwie hin und her zu wiegen.
„Keyiko!“, rief Monika.
„Oh, hi“, erwiderte Keyiko nicht besonders begeistert. Sie rutschte lautlos auf ihren Turnschuhen heran und flüsterte: „Date!! Ich erzähle dir morgen alles! Okay?“ Ihre schmalen Augen inspizierten Monikas Nase. „Bist du etwa erkältet? Komm bloß nicht so zur Arbeit, hörst du! Ich habe später in der Woche noch ein anderes Date, da will ich mich nicht anstecken!“
Monika grinste: „Zu Befehl, aber dann musst du den Laden morgen alleine schmeißen.“
Keyiko war in die Enge getrieben. Sie betrieb Onlinedating, da sie sich weigerte, ihr New Yorker Singledasein als Tatsache zu akzeptieren. Doch kamen für sie nur Künstler oder Galeristen infrage. Diese Auswahl führte dazu, dass sie entweder (im ersten Fall) für die Restaurantrechnung zuständig war, recht guten Sex und gute Gespräche hatte oder aber (im zweiten Fall) nicht zahlen musste, mittelmäßigen Sex hatte und jemandem von früh bis spät nur zuhören musste. „Monika“, pflegte sie zu sagen, „wo ist der Mann, der kreativ ist, Frauen respektiert und die Rechnungen bezahlen kann?“
„Hm, vielleicht in Rockaway Beach“, sagte Monika. „Doch ich würde nicht darauf wetten.“
Keyiko eilte zurück zu ihrem Beau. „Komm erst, wenn du gesund bist!“, zischte sie noch über die Schulter. Ihr Date beugte sich höflich vor, um Monika in Augenschein zu nehmen, und schien etwas zu fragen. Keyiko grinste und machte eine abwehrende Handbewegung. Monika konnte förmlich hören, wie sie sagte: „Oh, das ist nur eine Kollegin aus der Galerie.“
Die hohe Dosis von sechs Paracetamol an einem halben Tag verlieh ihr nun zumindest ein Gefühl der Leichtigkeit, wenn auch eine Art Schwebezustand damit einherging. Sie hätte vorher etwas essen sollen, doch auf dem Weg war nur das elende Subway gewesen. Die Anzahl an Bioläden in Queens ließ wirklich zu wünschen übrig. Nach einem Blick durch das Schaufenster einer lokalen Bäckerei war ihr beim Anblick der vor Sahne strotzenden Cupcakes mit viel buntem Puderzuckerguss leicht übel geworden. Nun hätte sie sogar mehrere davon essen können.
Sie versuchte, sich auf den Text für ihren Artikel zu konzentrieren, und ging langsam von Bild zu Bild. Doch zu einigen Zeichnungen, so dachte sie, hätte sie gern Mr. Newby selbst befragt, denn sie hätte nicht gewagt, einfach so draufloszuschreiben. Sie fand es irgendwie pietätlos, Leute zu beurteilen und zu analysieren, ohne sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Nun, bei Rezensionen über das Werk verstorbener Künstler war das wohl gegeben, doch selbst dann versuchte sie noch, verschiedene Eindrücke von Zeitgenossen mit einzubeziehen, die die Künstler wirklich gekannt hatten. Denn, so spürte sie, am wenigsten Wahrheit lag in der Evaluierung eines Werks durch eine einzige fremde Person. James Jones hatte einmal geschrieben: „Jeder Mensch ist das Zentrum seines eigenen Universums“, und nichts war wahrer als das. Deshalb analysierte und beurteilte jeder Mensch auch nur aus Nabel-Sicht, egal für wie neutral er sich hielt.
Komischerweise zitierte Monika für sich selbst gern Autoren des Landes, in dem sie sich gerade befand. Als sie einmal für ein Jahr in London am Goethe-Institut gearbeitet hatte, kamen ihr für die Dauer des Jahres nur die Zitate englischer Autoren wie E. M. Forster oder Virginia Woolf in den Kopf, die deutschen Bücher ihrer Kindheit und Jugend waren wie ausgeblendet. Ach, London. Durch Hampstead Heath laufen, sorglos am Fluss bei Richmond zum nächsten Herrenhaus wandern, das sanfte Licht abends an der Southbank …
„TAGTRÄUMERIN!“, sagte ihre Mutter ganz laut und deutlich an ihrer Schulter und mit einem erschreckten Einziehen der Luft drehte Monika sich um. „Arabische Nase!“, sagte die Stimme ihrer Mutter.
„Israelisch“, sagte Monika.
„Wie bitte?“, sagte Mike Newby, denn er stand genau vor ihr.
Seine Lippen waren wieder nachdenklich geschürzt und diese bohrenden Augen schienen jetzt zu lachen. „Hi, Sie sind das.“ Er streckte die Hand aus. „Mike. Ich habe mich neulich nicht vorgestellt. Und was genau ist israelisch? Ich oder mein Bild?“ Anscheinend hatte sie wieder mal laut gedacht, und dann noch auf Englisch. Der Händedruck war ehrlich und direkt, ein Energiestoß. Und dieser Mann sollte krank sein?
Aus dem Augenwinkel sah sie Keyiko, die irgendwie rot angelaufen schien. Ihr Begleiter zog gerade sein iPhone aus der Tasche. Plötzlich erwachte in Monika eine Eigenschaft, die ihre Mutter nie so richtig mitbekommen hatte: ein ganz praktischer und tatkräftiger Beschützerinstinkt. „Nein“, sagte sie laut, „es ist nicht die Zeit und der Ort für Instagram-Bilder.“ Ihr Blick war so lange auf Keyikos Begleitung gerichtet, wie es nötig war, das iPhone wieder in der Tasche verschwinden zu sehen. Nun hatte auch Keyikos Date ein rotes Gesicht. Was soll’s, dachte Monika.
Mike Newby hatte derweil kaum etwas mitbekommen, weil er auf das Bild hinter ihr blickte. „Das hätten sie aber woanders hinhängen sollen. Hab ich denen doch gesagt, verdammt.“ Er deutete auf die Zeichnung eines Kindes in einem reifenartigen Kreis. „Das gehört eigentlich da hinten hin, zur Giraffe.“
„Ja?“, fragte Monika neugierig. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand die beiden in Verbindung gebracht hätte.“
Der bohrende Blick richtete sich wieder auf sie und für einen Moment hatte sie das Gefühl, Mike Newby würde sie einfach stehen lassen. „Tut es aber“, kam es dann nach einer Weile leicht grollend. Dann aber wurde der Blick etwas weicher: „Sie sind krank, oder?“ Kein Abrücken, keine leicht pikierte Miene. Nur der gerade Blick.
„Um ehrlich zu sein … hab ich das Gefühl, dass ich gleich umkippe.“ Monika war plötzlich die trockene Luft der Klimaanlage bewusst geworden. Sie begann leicht zu schwanken und stützte sich an der Wand ab, genau unterhalb der Zeichnung.
„Okay, hören Sie zu“, sagte Newby. „Es gibt ein Café hier in der Nähe und Sie sehen so aus, als könnten Sie etwas zu essen gebrauchen. Falls Sie das Buch dabeihaben, kann ich Ihnen dort das Geld dafür geben. Guter Plan?“
Monika nickte folgsam. Im Moment wollte sie nur noch an die frische Luft und war dankbar für jeden Vorschlag. Als sie durch die Vorhalle gingen, hörte sie noch die Stimme des Mädels an der Kasse: „Oh, Mr. Newby, ich wusste ja nicht – Ihre Begleiterin. Sie hat versehentlich bezahlt!“
Er grinste: „Sie ist nicht meine Begleiterin, im Gegenteil, ich begleite eher sie.“ Doch er ging kurz hin und nahm den ausgestreckten Zehn-Dollar-Schein. „Nun können Sie mich zum Kaffee einladen.“ Wieder verzog sich der volle Mund in dem pockennarbigen Gesicht zu dem ironischen Grinsen.
Es war höchst seltsam, neben einem Mann die Straßen Queens entlangzugehen, von dem sie nur wusste, dass er angeblich einmal eine gefeierte Größe der Indie-Szene gewesen war, eine chronische Krankheit hatte und gerade in einem der renommiertesten Museen New Yorks eine Reihe Zeichnungen ausstellte. Ihr von Paracetamol gedämpfter Zustand vermochte ihr aber keine weitere Regung zu vermitteln als nur den großen Wunsch, sich auszuruhen.
Sie traten in ein Café ein, von dem sie noch nie etwas gehört hatte. „Ist das einzige hier in der Nähe, das auch nur im Geringsten annehmbares Essen hat“, sagte Newby. „Nehmen Sie das Rinder-Gulasch, das bringt Sie wieder auf Trab.“
Und das stimmte. Nach den ersten paar Löffeln fühlte sie, wie sich wieder ein paar Lebensgeister regten. Sie war immens dankbar für dieses heiße, kräftige Zeug und wollte für eine Weile an nichts anderes denken als den nächsten Löffel voll. Und die Tatsache vergessen, dass sie seit Längerem versuchte, rein vegetarisch zu essen.
Newby blätterte derweil in den japanischen Neorealisten. „Sehen Sie?“ Er hielt ihr das aufgeschlagene Buch hin und deutete auf eine Fotografie. „Danach suche ich. Der ist einfach aus dem Krieg heimgekommen und hat angefangen, in verschiedenen Großstädten Steinkreise zu errichten, ohne Kommentar. Hm. Hm. Hier steht, als er einmal gefragt wurde, was das nun eigentlich sei, was er da mache, da sagte er: ‚Die Tatsache, dass Sie sagen, das sei etwas, was ich mache, heißt, dass es existiert. Und etwas, das existiert, ist immer ein Teil vom Ganzen, philosophisch gesehen könnte man sogar sagen, in etwas ist schon alles enthalten.‘“ Newby nickte. „Der Typ hatte recht. Um ehrlich zu sein, würde ich so was nie hinkriegen.“
Monika überlegte kurz, ob sie sagen solle, wenn man im PS1 ausstelle, dann habe man doch so einiges hingekriegt, doch sie sagte lieber nichts. Im Grunde, dachte sie, hatte der japanische Neorealist recht. Warum wollten die Leute immer irgendetwas in die Dinge hineindichten? Warum brauchten sie immer irgendeine Interpretation? Um zu beweisen, dass es wertvoll war, was sie betrachteten? Wenn etwas ein Teil vom Ganzen ist und dadurch das Ganze in jedem kleinsten Teil schon vorhanden, dann gehörte eben alles zusammen und basta. Alles eine Suppe, die Ursuppe sozusagen, oder auch das Ur-Gulasch.
„Das Ur-Gulasch?“, sagte Newby. Anscheinend hatte sie schon wieder laut gedacht. „Nun ja, ich hoffe, es hilft. Und ja, wir existieren alle im Ur-Gulasch, doch die meiste Zeit merken wir es nicht und denken, unser kleines Selbst sei superwichtig: was wir machen, was wir sagen und essen und mit wem wir schlafen. Wir denken, all das mache uns zu einem höchst wichtigen Unikat. Ist aber nur der Mantel, die Hülle, die unsere eigentliche Seele trägt.“ Sie blickte ihn an und vergaß weiterzuessen. „Doch die Leute begreifen es einfach nicht. Sie ziehen sich so exzentrisch wie möglich an, stehen auf Partys herum und wundern sich, wenn eine Giraffe hereinkommt. Dabei ist die Giraffe doch auch nur eine Verkleidung.“
Monika dachte: Na, jetzt wird’s aber etwas abgefahren. Doch sie wusste genau, was er meinte. Irgendwie wurde ihr gerade der Artikel für ihren Blog in Worte gefasst. Und zwar vom Künstler selbst, na, so was.
Newby tauchte aus seinen Gedanken auf. „Hey, danke übrigens hierfür“, sagte er und tippte auf das Buch. „Deswegen mag ich auch eure Galerie so. Viele sagen, der Künstler hätte sich damit selbst ein Denkmal geschaffen. Doch der Künstler verneigt sich nicht etwa vor sich selbst, sondern lediglich vor Form und Farbe. Und dann hat er einfach ein Haus drum herum gebaut. Das muss man erst mal hinkriegen.“ Er dachte nach und sie betete, er würde weiterreden. Und dass sie sich die Zitate wortwörtlich würde merken können.
„Was ich selbst mache, ist nur ein Kommentar zu alldem. Aber ich versuche, dass der wenigstens aus dem Herzen kommt. Aus reinem Herzen, wie man so schön sagt. Alles andere ist Mumpitz. Sobald man an die Galerien und die Leute denkt, die das Ganze später anschauen und bewerten, hat man schon verloren.“
So viel Bescheidenheit hätte Monika nicht erwartet. Und doch – eigentlich hatte sie es bei der ersten Begegnung schon gemerkt: Dieses Gesicht konnte nicht lügen. Es konnte grollen, es konnte erschreckend abrupt den Ausdruck wechseln, einen bei Bedarf vielleicht auch mal im Regen stehen lassen, aber lügen, das konnte es nicht.
Mike Newby tauchte aus seinen Reflexionen auf und jetzt bohrte sich der Blick wieder in sie. „Geht’s Ihnen besser?“ Er tippte sich auf die Wangen. „Sie haben wieder ein bisschen Farbe im Gesicht. Also: Ich habe nicht mehr viel Zeit, nochmals vielen Dank.“
Sie verspürte einen kurzen Moment der Panik, schluckte, riss sich zusammen und sagte: „Mr. Newby, wäre es Ihnen wohl recht, wenn ich in meinem Kunstblog einen Artikel über Sie schreibe? Es ist zwar nichts Großes, aber schaden tut’s wohl auch nicht. Ich glaube, ein paar Leute lesen ihn täglich, manchmal kommen auch ein paar Kommentare.“ Sie kam sich schrecklich blöd vor, doch wozu machte sie das alles, wenn sie es im richtigen Moment noch nicht einmal erwähnte? Und dies war ja wohl ein richtiger Moment …
„Hm?“, sagte Newby etwas verwirrt. „Oh – ja, natürlich, nur zu. Schicken Sie mir den Artikel aber per E-Mail, bevor er online geht, okay?“ Er kritzelte eine E-Mail-Adresse auf einen Pappteller. „Sorry, keine Visitenkarte dabei, ist chronisch.“
Sie grinste: „Das haben Sie neulich schon mal gesagt. Apropos chronisch, Sie haben am Telefon eine Krankheit erwähnt?“
Da war es wieder, das Grollen, wodurch die dunklen Augenbrauen noch dunkler und die Augen noch stechender wurden. Warum sagte sie nur so was? Konnte sie nicht einmal ihren vorlauten Mund halten?
„Hab ich das? Hm. Stimmt wohl.“ Er schien zu überlegen, ob die Situation einer weiteren Erklärung würdig war. „Ich habe einen von diesen unerforschten Bugs, die im System bleiben, ob man will oder nicht. Nach einer Afrikareise, ungefähr fünfzehn Jahre ist das her, hatte ich den ersten Schub. Das passiert immer urplötzlich und ich fühle mich dann über Tage und manchmal auch über Wochen ziemlich elend. Gestern dachte ich, mich hätt’s wieder erwischt, doch es scheint, als hätte ich diesmal Aufschub bekommen.“ Er grinste schief. „Okay, Monika, ich schaue mir Ihren Artikel an. Alles klar. Kommen Sie gut nach Hause. ‚Monika‘ war es doch, nicht wahr?“ Er bezahlte die Rechnung, ging an sein Telefon, das schon mehrmals aufgeleuchtet hatte, und streckte ihr im selben Moment die Hand hin. „Hey, war schön, Sie wiederzusehen. Gute Besserung!“ Wieder der kräftige Händedruck und die Augen für eine Sekunde ganz bei ihr, bevor er sich wieder seinem Telefon widmete. Und weg war er.
Monika erwog aufgeregt, Nasir auf dem Handy anzurufen, doch mit Rücksicht auf ihr Guthaben verschob sie die Unterhaltung auf später. Stattdessen orderte sie noch einen Kaffee und holte ihr kleines Netbook heraus. Sie arbeitete, so lange ihre heißen, schmerzenden Augen es zuließen. Der Artikel schrieb sich fast von selbst.
Newby, so schrieb sie, will mit seiner Ausstellung einen Kommentar abgeben, nicht mehr und nicht weniger. Er sieht die Gesellschaft als eine Ansammlung von Individuen, die sich krampfhaft einem Ideal ihres Selbst nähern wollen. Alles, was sie dabei verunsichert oder als unpassend empfinden, wird ausgegrenzt oder ignoriert. Anstatt zu begreifen, dass alle Lebensformen das gleiche Prinzip in verschiedener Ausführung verkörpern und dass alles zusammengehört, pflücken sie es auseinander auf der Suche nach Glück. Doch das Glück ist schon da, man muss es nur ansehen. Und vielleicht ist es auch manchmal die Giraffe, die zur Cocktailparty kommt.
In diesem Sinne schrieb sie weiter und verwendete seine Zitate, so gut sie ihr ohne Notizen und Aufnahmegerät in Erinnerung waren. Als sie aufblickte, war es dunkel geworden. Der Barmann hatte ihr noch einen letzten Kaffee gebracht und machte sich für die Abendschicht bereit. Gläser wurden gewaschen und Zapfhähne gereinigt. Er nickte ihr freundlich zu. „Noch einen Wunsch?“ Sie schüttelte den Kopf, bezahlte und ging langsam zur U-Bahn. Die Züge nach Manhattan waren zum Glück nur halb gefüllt. Die meisten Leute fuhren um diese Zeit eher raus aus Manhattan.
Nachdenklich wanderte sie nach Hause. Nasir war noch nicht wieder zurück. Dafür rumorte Miriam in der Küche. Monika steckte kurz der Höflichkeit wegen den Kopf durch die Tür. „Hey, alles klar?“ Miriam stand extrem nahe vor der Mikrowelle, als könne ihre körperliche Nähe den Erhitzungsvorgang beschleunigen. Monika überlegte, ob die Mikrowelle sich nun vielleicht bedrängt fühlte und in passiven Widerstand gehen würde.
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